Vierter Akt.

Vierter Akt.

Schwach erleuchtete Hausflur im Erdgeschoß. Im Hintergrunde eine Paradentreppe zu Famussoff’s Wohnung. Links im Vorgrunde Moltschálins Zimmerthür, — rechts vorn die Thüre zum Portier, weiter hin die Hausthür. Viele Bediente mit Mänteln und Pelzen auf dem Arm, sitzen oder schlafen auf Stühlen und Bänken, man hört noch Ballmusik.

Die alteundjunge Gräfin(kommen die Treppe herab.)

Diener(ruft zur Hausthür hinaus).

Der Gräfin Chrumin Wagen!

Der Gräfin Chrumin Wagen!

Die junge Gräfin.

Das muß ich sagen,Das war ein saub’rer Ball!Wo Famussoff nur hergekriegtDie Mißgeburten all’?Ich wußt’ wahrhaftig nichtMit wem ich sprechen oder tanzen sollte,So gern ich beides wollte.

Das muß ich sagen,

Das war ein saub’rer Ball!

Wo Famussoff nur hergekriegt

Die Mißgeburten all’?

Ich wußt’ wahrhaftig nicht

Mit wem ich sprechen oder tanzen sollte,

So gern ich beides wollte.

Die alte Gräfin.

Ach, Liebchen, komm; ich bin recht mitgenommen,Ich werde schwächer doch mit jedem Jahr;Es wird gewiß noch einmal dazu kommen,Daß ich vom Ball grad auf den Kirchhof fahr’!

Ach, Liebchen, komm; ich bin recht mitgenommen,

Ich werde schwächer doch mit jedem Jahr;

Es wird gewiß noch einmal dazu kommen,

Daß ich vom Ball grad auf den Kirchhof fahr’!

(Man hat ihnen die Pelze umgelegt, sie gehen ab.)

Natalie DmítrewnaundPlaton Goritscheff.

Diener(an der Hausthür).

Der Goritscheff’sche Wagen!

Der Goritscheff’sche Wagen!

Natalie Dmítrewna.

Mein Engelsmann, ich will Dich etwas fragen:Mein Herzchen, meine Seele,Erzähle: —

Mein Engelsmann, ich will Dich etwas fragen:

Mein Herzchen, meine Seele,

Erzähle: —

(Küßt ihn auf die Stirn.)

Was fehlt’ Dir heute,Wo alle Welt sich doch so freute?

Was fehlt’ Dir heute,

Wo alle Welt sich doch so freute?

Platon.

Ach, liebe Frau, ich kann mich nicht verstellen;Ich — schlafe auf den Bällen.Du weißt, ich kann sie für den Tod nicht leiden,Doch ist’s nicht zu vermeiden,Ich muß ja schon die Nächte dejouriren,Für Dich ist ja ein Ball — Genuß, —Allein wer auf Kommando tanzen muß,Wie soll sich der nicht ennüyiren!

Ach, liebe Frau, ich kann mich nicht verstellen;

Ich — schlafe auf den Bällen.

Du weißt, ich kann sie für den Tod nicht leiden,

Doch ist’s nicht zu vermeiden,

Ich muß ja schon die Nächte dejouriren,

Für Dich ist ja ein Ball — Genuß, —

Allein wer auf Kommando tanzen muß,

Wie soll sich der nicht ennüyiren!

Natalie Dmítrewna.

Du stellst Dich an!O, ich durchschau’ den Herrn;Er möcht’ den alten MannSchon spielen für sein Leben gern.

Du stellst Dich an!

O, ich durchschau’ den Herrn;

Er möcht’ den alten Mann

Schon spielen für sein Leben gern.

(Geht ab, der Diener folgt.)

Platon(kaltblütig).

Besieht die Sache man bei Licht,So ist ein Ball so übel nicht,Ich kann mich nur nicht in den Zwang bequemen;Wer hieß ein Weib mich nehmen!Ja — manchem kann man’s an der Wiege sagen —

Besieht die Sache man bei Licht,

So ist ein Ball so übel nicht,

Ich kann mich nur nicht in den Zwang bequemen;

Wer hieß ein Weib mich nehmen!

Ja — manchem kann man’s an der Wiege sagen —

Diener(kommt zurück).

Die Gnäd’ge sitzen schon im Wagen,Und haben zu „verzürnen“ sich geruht.

Die Gnäd’ge sitzen schon im Wagen,

Und haben zu „verzürnen“ sich geruht.

Platon(seufzend).

Schon gut, schon gut!

Schon gut, schon gut!

(Ab.)

Tschatzki.

(Zum Diener.)Geh’ — such’ den Wagen — mach’ geschwind! —

(Zum Diener.)Geh’ — such’ den Wagen — mach’ geschwind! —

(Der Diener läuft hinaus.)

So wär’ der Tag dahin und alle Hirngespinste! —Der Hoffnung leichte NebeldünsteDie meine Brust mit Täuschung füllten —Sie sind zerstreut — verweht nach allen Winden!Und was denn hoffte ich zu finden?Wo ist der Antheil nur? Das Mitempfinden?Wo ist der freudige Empfang?Sie schreien, sind entzückt, umarmenUnd alles nichts als leerer Klang!So ging es mir auf meiner Reise,Die Rosse flogen auf dem Eise,Und müssig blickt’ ich aus dem SchlittenWie durch die Steppe hin wir glitten,Die blau und endlos vor uns lag.Man fährt und fährt — aus Stunden wird ein Tag,Und endlich ist das Nachtquartier erreicht,Doch ach — was sich dem Blick auch zeigt —Es ist das alte Bild, die alte Noth,Dieselbe Wüste leer und todt.O, es ist ärgerlich und unausstehlich,Je länger man darüber sinnt;Ist es nicht schmählichWie wenig Hoffnung oft gewinnt! —

So wär’ der Tag dahin und alle Hirngespinste! —

Der Hoffnung leichte Nebeldünste

Die meine Brust mit Täuschung füllten —

Sie sind zerstreut — verweht nach allen Winden!

Und was denn hoffte ich zu finden?

Wo ist der Antheil nur? Das Mitempfinden?

Wo ist der freudige Empfang?

Sie schreien, sind entzückt, umarmen

Und alles nichts als leerer Klang!

So ging es mir auf meiner Reise,

Die Rosse flogen auf dem Eise,

Und müssig blickt’ ich aus dem Schlitten

Wie durch die Steppe hin wir glitten,

Die blau und endlos vor uns lag.

Man fährt und fährt — aus Stunden wird ein Tag,

Und endlich ist das Nachtquartier erreicht,

Doch ach — was sich dem Blick auch zeigt —

Es ist das alte Bild, die alte Noth,

Dieselbe Wüste leer und todt.

O, es ist ärgerlich und unausstehlich,

Je länger man darüber sinnt;

Ist es nicht schmählich

Wie wenig Hoffnung oft gewinnt! —

Der Diener.

Der Kutscher ist nicht aufzutreiben.

Der Kutscher ist nicht aufzutreiben.

Tschatzki.

So geh’ und such’ ihn auf; soll ich die Nacht hier bleiben?

So geh’ und such’ ihn auf; soll ich die Nacht hier bleiben?

Tschatzki.Repetíloff(in Pelz gehüllt kommt eilig von außen, stolpert auf der Schwelle und fällt hin; die Diener helfen ihm. Er ist etwas angetrunken).

Repetíloff(springt hastig auf).

Pfuh! — Ungeschickt! — Was? — Güt’ger Gott!Laß mich die Augen nur erst reiben; —Mein Herzensfreund, mein lieber Schatz —mon cher!Nun sieh’ die Menschen da mit ihrem Spott:Da sagen sie, daß ich ein Schwätzer seiUnd dumm und abergläub’sch dabei,Weil ich für alles ZeichenUnd Vorgefühle habe.Allein — jetzt eben — bitt’ ich Dich — erklär’:Als ob ich es gewußt — so eilt’ ich her —Mein Fuß hackt an — und ich — ich falle hinSo lang und breit ich bin! —Ja, lach’ Du nur; denk’ immerhinDaß ich ein Narr und Lügner bin,Ich weiß nicht, was es ist,Und wie es kommt, daß Du mein Liebling bist.Es ist ein Muß — ich bin dazu gezwungenUnd bin von Liebe und Respekt ganz wie durchdrungen.Für Dich möcht’ ichDie Frau — die Kinder aus dem Hause treiben,Für Dich könnt’ meine Seele ich verschreiben.Und sollte mich die ganze Welt verlassen —Und sollt’ ich auf der Stelle hier erblassen —Und sollt’ mich Gottes Donner gleich erschlagen —

Pfuh! — Ungeschickt! — Was? — Güt’ger Gott!

Laß mich die Augen nur erst reiben; —

Mein Herzensfreund, mein lieber Schatz —mon cher!

Nun sieh’ die Menschen da mit ihrem Spott:

Da sagen sie, daß ich ein Schwätzer sei

Und dumm und abergläub’sch dabei,

Weil ich für alles Zeichen

Und Vorgefühle habe.

Allein — jetzt eben — bitt’ ich Dich — erklär’:

Als ob ich es gewußt — so eilt’ ich her —

Mein Fuß hackt an — und ich — ich falle hin

So lang und breit ich bin! —

Ja, lach’ Du nur; denk’ immerhin

Daß ich ein Narr und Lügner bin,

Ich weiß nicht, was es ist,

Und wie es kommt, daß Du mein Liebling bist.

Es ist ein Muß — ich bin dazu gezwungen

Und bin von Liebe und Respekt ganz wie durchdrungen.

Für Dich möcht’ ich

Die Frau — die Kinder aus dem Hause treiben,

Für Dich könnt’ meine Seele ich verschreiben.

Und sollte mich die ganze Welt verlassen —

Und sollt’ ich auf der Stelle hier erblassen —

Und sollt’ mich Gottes Donner gleich erschlagen —

Tschatzki.

Ei, höre auf, den Unsinn da zu sagen!

Ei, höre auf, den Unsinn da zu sagen!

Repetíloff.

Du liebst mich nicht! Ach! Das ist ja natürlich!Mit andern — bah! Da bin ich nicht genirt,Jedoch mit Dir — Du hast mir unwillkührlichVon jeher imponirt.Ich bin ja ungebildet — ohne Kopf —Ich bin ein Narr, ein lächerlicher Tropf! —

Du liebst mich nicht! Ach! Das ist ja natürlich!

Mit andern — bah! Da bin ich nicht genirt,

Jedoch mit Dir — Du hast mir unwillkührlich

Von jeher imponirt.

Ich bin ja ungebildet — ohne Kopf —

Ich bin ein Narr, ein lächerlicher Tropf! —

Tschatzki.

Ein eigenes Bekenntniß!

Ein eigenes Bekenntniß!

Repetíloff.

Dir mach’ ich gerne das Geständniß;Ich fluch’ dem Tag, an welchem ich geboren;Wenn ich bedenk’, wie ich die Zeit verloren!— — Was ist es an der Zeit?

Dir mach’ ich gerne das Geständniß;

Ich fluch’ dem Tag, an welchem ich geboren;

Wenn ich bedenk’, wie ich die Zeit verloren!

— — Was ist es an der Zeit?

Tschatzki.

Lang’ Zeit zu Bett zu gehn.Du wolltest auf den Ball? Da fahr’ nur gleich nach Haus,Denn grade eben ist er aus.

Lang’ Zeit zu Bett zu gehn.

Du wolltest auf den Ball? Da fahr’ nur gleich nach Haus,

Denn grade eben ist er aus.

Repetíloff.

Was Ball? Wo wir die Nacht bis in den Tag hineinIn Anstandsfesseln uns erfreu’n —In’s Joch gespannt! Hast Du gelesen —Es giebt ein Buch —

Was Ball? Wo wir die Nacht bis in den Tag hinein

In Anstandsfesseln uns erfreu’n —

In’s Joch gespannt! Hast Du gelesen —

Es giebt ein Buch —

Tschatzki.

Du liest?Wie soll ich dieses Räthsel lösen?Bist Du dennRepetíloff? Wie?

Du liest?

Wie soll ich dieses Räthsel lösen?

Bist Du dennRepetíloff? Wie?

Repetíloff.

Nenn’ gradezu mich ein Vandalenvieh;Den Titel hab’ ich redlich mir erworben:Wie bin ich durch und durch verdorben!Ach — wie viel Zeit hab’ ich nicht auf GelagenMit Essen und mit Trinken todtgeschlagen!Ich habe meine Kinder nicht erzogen;Ich habe meine Frau betrogen;Ich hab’ gespielt und zwar so arg zuletzt,Daß man mich unter Kuratel gesetzt —Undnota bene—per Ukas! —Ich liebte eine Tänzerin — was — nein —Ich hielt’s zu gleicher Zeit mit drei’n.Ich trank — —Und schwärmt’ allnächtlich wochenlang.Ich warf von mir Gewissen und Verstand,Gesetze, Glauben, Vaterland —

Nenn’ gradezu mich ein Vandalenvieh;

Den Titel hab’ ich redlich mir erworben:

Wie bin ich durch und durch verdorben!

Ach — wie viel Zeit hab’ ich nicht auf Gelagen

Mit Essen und mit Trinken todtgeschlagen!

Ich habe meine Kinder nicht erzogen;

Ich habe meine Frau betrogen;

Ich hab’ gespielt und zwar so arg zuletzt,

Daß man mich unter Kuratel gesetzt —

Undnota bene—per Ukas! —

Ich liebte eine Tänzerin — was — nein —

Ich hielt’s zu gleicher Zeit mit drei’n.

Ich trank — —

Und schwärmt’ allnächtlich wochenlang.

Ich warf von mir Gewissen und Verstand,

Gesetze, Glauben, Vaterland —

Tschatzki.

Nun höre mal, das ist zu viel!Lüg’ immerhin, doch halte Maaß und Ziel.Du sprichst von Dingen —Die könnten einen zur Verzweiflung bringen.

Nun höre mal, das ist zu viel!

Lüg’ immerhin, doch halte Maaß und Ziel.

Du sprichst von Dingen —

Die könnten einen zur Verzweiflung bringen.

Repetíloff.

Drum, Bester, wünsch’ mir Glück,Ich kam von diesem Rausch zurück.Mit klugen Leuten geh’ ich jetzt nur umUnd treibe mich nicht mehr des Nachts herum.

Drum, Bester, wünsch’ mir Glück,

Ich kam von diesem Rausch zurück.

Mit klugen Leuten geh’ ich jetzt nur um

Und treibe mich nicht mehr des Nachts herum.

Tschatzki.

Zum Beispiel — heute! — —

Zum Beispiel — heute! — —

Repetíloff.

Was — eine Nacht — die zählt nicht — das ist klar!Und dafür frag’ mich — wo ich war!

Was — eine Nacht — die zählt nicht — das ist klar!

Und dafür frag’ mich — wo ich war!

Tschatzki.

Das Räthsel ist nicht schwer zu lösenDu bist gewiß im Klubb gewesen.

Das Räthsel ist nicht schwer zu lösen

Du bist gewiß im Klubb gewesen.

Repetíloff.

Im Englischen — um meine Beichte anzuheben.Ich hatte mich zu einer Sitzung hinbegeben;Es ging heut’ äußerst stürmisch her —Ich gab mein Wort zu schweigen — undIch bitt’ Dich, schweig daher.Es ist ein ganz geheimer BundDer sich versammelt an den DonnerstagenZu allerhand besondern Fragen.

Im Englischen — um meine Beichte anzuheben.

Ich hatte mich zu einer Sitzung hinbegeben;

Es ging heut’ äußerst stürmisch her —

Ich gab mein Wort zu schweigen — und

Ich bitt’ Dich, schweig daher.

Es ist ein ganz geheimer Bund

Der sich versammelt an den Donnerstagen

Zu allerhand besondern Fragen.

Tschatzki.

Da hör’ ich wundersame Dinge.Im Klubb?

Da hör’ ich wundersame Dinge.

Im Klubb?

Repetíloff.

Im Klubb.

Im Klubb.

Tschatzki.

Mein Bester, hör’!Ich fürchte sehrKommt man Euch auf die SprüngeSo ist’s um Euch und Euren Klubb geschehn.

Mein Bester, hör’!

Ich fürchte sehr

Kommt man Euch auf die Sprünge

So ist’s um Euch und Euren Klubb geschehn.

Repetíloff.

Du glaubst, daß es gefährlich ist?Ei, wie Du immer ängstlich bist!Wir schreien zwar, doch niemand kann’s verstehn.Ich selber — fängt es an recht heiß erst herzugehnVon Parlament und Jury — oder kommtLord Byron auf’s Tapet — ich sag’ Dir, wicht’ge Dinge!Dann sitz’ ich allermeist und höre zu wie stumm,Es ist für mich zu hoch — dann fühl’ ich, daß ich dumm.Freund — Du bist nie bei uns gewesen —Ich sag’ Dir, Männer auserlesen.Hör’, Alexandre, sei ein prächt’ger JungeUnd fahre gleich mit mir dahin;Jetzt sind sie grade recht im SchwungeUnd recht im Disputiren drin.Ach was für Köpfe! Ungewöhnlich,Und mir nicht im Geringsten ähnlich.Ich sage Dir,mon cher, die QuintessenzDer jungen Herrn in unserer Residenz.

Du glaubst, daß es gefährlich ist?

Ei, wie Du immer ängstlich bist!

Wir schreien zwar, doch niemand kann’s verstehn.

Ich selber — fängt es an recht heiß erst herzugehn

Von Parlament und Jury — oder kommt

Lord Byron auf’s Tapet — ich sag’ Dir, wicht’ge Dinge!

Dann sitz’ ich allermeist und höre zu wie stumm,

Es ist für mich zu hoch — dann fühl’ ich, daß ich dumm.

Freund — Du bist nie bei uns gewesen —

Ich sag’ Dir, Männer auserlesen.

Hör’, Alexandre, sei ein prächt’ger Junge

Und fahre gleich mit mir dahin;

Jetzt sind sie grade recht im Schwunge

Und recht im Disputiren drin.

Ach was für Köpfe! Ungewöhnlich,

Und mir nicht im Geringsten ähnlich.

Ich sage Dir,mon cher, die Quintessenz

Der jungen Herrn in unserer Residenz.

Tschatzki.

Ei geh’ mit Gott! Das wäre schön!Wozu? In tiefer Nacht? Ich will zu Bette gehn.

Ei geh’ mit Gott! Das wäre schön!

Wozu? In tiefer Nacht? Ich will zu Bette gehn.

Repetíloff.

Ach was! Wer schläft jetzt? Nein, noch heute,Entscheide Dich — denn wir — wir sind entschiedne Leute.Ein Dutzend heißer Köpfe — ehrenwerth —Wenn man uns schreien hört,So ist man ganz verwundert,Man glaubt gewiß es seien an die hundert.

Ach was! Wer schläft jetzt? Nein, noch heute,

Entscheide Dich — denn wir — wir sind entschiedne Leute.

Ein Dutzend heißer Köpfe — ehrenwerth —

Wenn man uns schreien hört,

So ist man ganz verwundert,

Man glaubt gewiß es seien an die hundert.

Tschatzki.

Doch sag’ mir nur, wofür Ihr denn so schwärmt?

Doch sag’ mir nur, wofür Ihr denn so schwärmt?

Repetíloff.

Es wird gelärmt, mein Freund — gelärmt.

Es wird gelärmt, mein Freund — gelärmt.

Tschatzki.

Allein wozu? Das möcht’ ich fragen.

Allein wozu? Das möcht’ ich fragen.

Repetíloff.

Es ist hier weder Zeit noch Ort Dir das zu sagenEs ist so ein — Verein.Behutsamkeit muß bei der Sache sein.Siehst Du, die Frucht braucht Zeit zur Reife,Es geht nicht auf einmal. —Doch was für Köpfe —ah mon cher—Ich zähle sie der Reihe her:Da ist zuerst — der Fürst GregorEin einz’ger Sonderling — man lacht sich fast zu Tode!Er ist ein Angloman und kleidet sich als Britte,Die Haare kurz, nach englisch steifer Sitte.Und spricht auch durch die Zähne so —Du kennst ihn nicht? Ich mach’ euch gleich bekannt.Ich sage Dir, er istcharmant.Dann haben wir noch einen SängerWorkuloff, — Jewdokim —Er singt sublim!Du solltest hören seine LiederBesonders seinen BolleroAh, non lasciar mi no! no! no!Dann sind auch noch zwei Brüder,Zwei prächt’ge Jungen da,Leon und Borinka.Man weiß von ihnen sonst wohl nichts zu sagen.Doch willst Du nach Genies mich fragen,Dann nenne ich Dir unsern Hyppolit.Du last doch was von ihm? Und wär’ es nur ein Lied,Lies sag’ ich Dir — doch leider schreibt er nichts!Er ist Genie — an Sitzfleisch nur gebricht’s.Mit Ruthen müßt’ man solche Herrn zur Arbeit treibenUnd in die Ohren schreien: Schreiben, schreiben!Doch fällt mir ein, daß für ein ZeitungsblattEr ein Fragment geschrieben hat,„Ein Blick und Etwas“ ist es überschrieben.Und wovon, glaubst Du, daß dies Etwas handelt?Von Allem, denk’ Dir! Nichts ist unberührt geblieben.Denn er weiß alles — wir bewahrenIhn uns auch für den Fall der Noth.Doch unser Cheff — nun da ist nicht zu streiten —Im ganzen Reiche giebt’s nicht einen solchen zweitenIch brauche ihn Dir nicht zu nennen,Du kannst ihn am Porträt erkennen.Er ist ein Duellant von unerhörtem Muthe,In böse Händel war er stets verstrickt.Er wurde nach Kamtschatka einst verschickt,Und kam zurück als Aleute.Und freilich geht er nicht in reinen Schuh’n,Denn lange Finger hat er — doch was ist zu thun —Kein kluger Kopf kommt ehrlich durch das Leben.Doch kann’s nichts Herrlicheres geben,Als wenn er von der Ehre deklamirt.Wie oft hat er uns nicht dadurch gerührt!Dann scheinen finstere DämonenAuf seiner Stirne Brau’n zu thronen,Die Augen füllen sich mit Blut,Er scheint in einer heil’gen Wuth,Er selber weint — und wir — wir schluchzen.Sieh’, das sind Leute! Ich bin überzeugt,Daß uns auf Erden niemand gleicht.Ich freilich — muß es selber sagen —Ich bin das fünfte Rad am Wagen,Ich blieb zurück,Weil ich entsetzlich faul im Denken.Indeß, wenn ich mein bischen Hirn nur zwingeUnd hin mich setze — keine Stunde —Da fährt mir unverhofft zum MundeEin Calembourg heraus.Die andern putzen ihn dann aus,Und thun zusammen sich zu sechsen,Ein Vaudevill heraus zu hexen;Sechs andre machen gleich im NuDie niedlichste Musik dazu,Die andern klatschen, was das Zeug’s nur hält,Und — lache wie Du willst — mein Vaudevill gefällt!Der Himmel gab mir nicht viel Fähigkeiten,Allein mein gutes Herz gefällt den Leuten,Und darum halten sie die Lügen mir zu gut.

Es ist hier weder Zeit noch Ort Dir das zu sagen

Es ist so ein — Verein.

Behutsamkeit muß bei der Sache sein.

Siehst Du, die Frucht braucht Zeit zur Reife,

Es geht nicht auf einmal. —

Doch was für Köpfe —ah mon cher—

Ich zähle sie der Reihe her:

Da ist zuerst — der Fürst Gregor

Ein einz’ger Sonderling — man lacht sich fast zu Tode!

Er ist ein Angloman und kleidet sich als Britte,

Die Haare kurz, nach englisch steifer Sitte.

Und spricht auch durch die Zähne so —

Du kennst ihn nicht? Ich mach’ euch gleich bekannt.

Ich sage Dir, er istcharmant.

Dann haben wir noch einen Sänger

Workuloff, — Jewdokim —

Er singt sublim!

Du solltest hören seine Lieder

Besonders seinen Bollero

Ah, non lasciar mi no! no! no!

Dann sind auch noch zwei Brüder,

Zwei prächt’ge Jungen da,

Leon und Borinka.

Man weiß von ihnen sonst wohl nichts zu sagen.

Doch willst Du nach Genies mich fragen,

Dann nenne ich Dir unsern Hyppolit.

Du last doch was von ihm? Und wär’ es nur ein Lied,

Lies sag’ ich Dir — doch leider schreibt er nichts!

Er ist Genie — an Sitzfleisch nur gebricht’s.

Mit Ruthen müßt’ man solche Herrn zur Arbeit treiben

Und in die Ohren schreien: Schreiben, schreiben!

Doch fällt mir ein, daß für ein Zeitungsblatt

Er ein Fragment geschrieben hat,

„Ein Blick und Etwas“ ist es überschrieben.

Und wovon, glaubst Du, daß dies Etwas handelt?

Von Allem, denk’ Dir! Nichts ist unberührt geblieben.

Denn er weiß alles — wir bewahren

Ihn uns auch für den Fall der Noth.

Doch unser Cheff — nun da ist nicht zu streiten —

Im ganzen Reiche giebt’s nicht einen solchen zweiten

Ich brauche ihn Dir nicht zu nennen,

Du kannst ihn am Porträt erkennen.

Er ist ein Duellant von unerhörtem Muthe,

In böse Händel war er stets verstrickt.

Er wurde nach Kamtschatka einst verschickt,

Und kam zurück als Aleute.

Und freilich geht er nicht in reinen Schuh’n,

Denn lange Finger hat er — doch was ist zu thun —

Kein kluger Kopf kommt ehrlich durch das Leben.

Doch kann’s nichts Herrlicheres geben,

Als wenn er von der Ehre deklamirt.

Wie oft hat er uns nicht dadurch gerührt!

Dann scheinen finstere Dämonen

Auf seiner Stirne Brau’n zu thronen,

Die Augen füllen sich mit Blut,

Er scheint in einer heil’gen Wuth,

Er selber weint — und wir — wir schluchzen.

Sieh’, das sind Leute! Ich bin überzeugt,

Daß uns auf Erden niemand gleicht.

Ich freilich — muß es selber sagen —

Ich bin das fünfte Rad am Wagen,

Ich blieb zurück,

Weil ich entsetzlich faul im Denken.

Indeß, wenn ich mein bischen Hirn nur zwinge

Und hin mich setze — keine Stunde —

Da fährt mir unverhofft zum Munde

Ein Calembourg heraus.

Die andern putzen ihn dann aus,

Und thun zusammen sich zu sechsen,

Ein Vaudevill heraus zu hexen;

Sechs andre machen gleich im Nu

Die niedlichste Musik dazu,

Die andern klatschen, was das Zeug’s nur hält,

Und — lache wie Du willst — mein Vaudevill gefällt!

Der Himmel gab mir nicht viel Fähigkeiten,

Allein mein gutes Herz gefällt den Leuten,

Und darum halten sie die Lügen mir zu gut.

Ein Diener(ruft hinaus).

Den Wagen vor vom Oberst Scalosúb!

Den Wagen vor vom Oberst Scalosúb!

Repetíloff(kehrt sich um).

Wie? Wessen Wagen vor?

Wie? Wessen Wagen vor?

DieVorigen. Scalosúb.

Repetíloff

(geht Scalosúb entgegen und erstickt ihn fast mit Umarmungen).

Wie — Seelenfreund — halt an — wohin?Thu’ mir die Liebe —!

Wie — Seelenfreund — halt an — wohin?

Thu’ mir die Liebe —!

Tschatzki(bei Seite).

Wo soll ich nur vor diesen mich verbergen?

Wo soll ich nur vor diesen mich verbergen?

(Er schlüpft in’s Zimmer des Portiers.)

Repetíloff.

Man hat ja lange nichts von Dir gehörtEs hieß Du seist zurück zum Regiment gekehrt.Kennt ihr euch schon?

Man hat ja lange nichts von Dir gehört

Es hieß Du seist zurück zum Regiment gekehrt.

Kennt ihr euch schon?

(Sieht sich um.)

Fort ist der Eigensinn!Gleichviel, Dich hab’ ich unverhofft getroffen,Und Du mußt ohne weitres mit mir gehn.Bei Fürst Gregor sind heuteVersammelt eine Menge Leute —Ein Stücker Vierzig wirst Du sehn,Potz Tausend, was für große Geister!Die ganze Nacht wird disputirtUnd niemand merkt’s, daß er sich ennüyirt.Zuerst sieh, daß Du in Champagner nicht ersäufst,Und zweitens kriegst Du Dinge dort zu hören,Die weder ich noch Du begreifst.

Fort ist der Eigensinn!

Gleichviel, Dich hab’ ich unverhofft getroffen,

Und Du mußt ohne weitres mit mir gehn.

Bei Fürst Gregor sind heute

Versammelt eine Menge Leute —

Ein Stücker Vierzig wirst Du sehn,

Potz Tausend, was für große Geister!

Die ganze Nacht wird disputirt

Und niemand merkt’s, daß er sich ennüyirt.

Zuerst sieh, daß Du in Champagner nicht ersäufst,

Und zweitens kriegst Du Dinge dort zu hören,

Die weder ich noch Du begreifst.

Scalosúb.

Ei, laß mich! Das gelehrte ZeugWas man zu hören kriegt bei Euch,Das lockt mich nicht. Wirb andre anUnd sag’ an Fürst Gregor, ich sei erbötigEuch zuzuschicken einen Korporal,Den hättet ihr sehr nöthig.Er stellte in drei Glieder euchVor allen DingenUnd mukstet ihr, er würde gleichMit einem Blicke euch zur Ruhe bringen.

Ei, laß mich! Das gelehrte Zeug

Was man zu hören kriegt bei Euch,

Das lockt mich nicht. Wirb andre an

Und sag’ an Fürst Gregor, ich sei erbötig

Euch zuzuschicken einen Korporal,

Den hättet ihr sehr nöthig.

Er stellte in drei Glieder euch

Vor allen Dingen

Und mukstet ihr, er würde gleich

Mit einem Blicke euch zur Ruhe bringen.

Repetíloff.

Du hast nur stets den Dienst im Kopf,mon cher!Sieh einmal her:Ich blieb’ gewiß nicht ohne Rang und StelleUnd wäre ein gemachter Mann,Allein ich hatte UnglücksfälleWie man nicht ärger haben kann.Ich diente im Civil auch damals schonAls Baron Klock Minister werden wollteUnd ich — sein Schwiegersohn.Ich ging ganz blindlings auf mein ZielUnd ließ mich ein in solches SpielMit ihm und seiner Frau. — Die haben mich geschoren!Herr Gott, was habe ich für Summen dort verloren!An der Fontanka wohnt der MannIch baute nebenanMir einen Palast aufMit ungeheueren ColonnenWas gingen da für Summen auf den Lauf!Die Tochter aber hatt’ zuletzt ich doch gewonnen.Allein — o weh — die Mitgift die war — Gott zu klagen!Und dann — was wirst Du sagen:Im Dienste wurd’ ich doch nicht avancirt,Es war ein Deutscher, doch wozu hat’s mich geführt?Er fürchtete den Vorwurf, siehst Du,Daß er Verwandte protegirt’Er fürchtet’ — hol’ ihn der und jener —Mir half er nichts.Dagegen seine Schreiber, seine frechenSekretaire, Dintenkleckser, BubenAus Schreiberstuben,Die waren alle zu bestechenUnd sind nun avancirtUnd im Adreßkalender angeführt.Der Henker hole Rang und Dienst und Orden!Es ist doch nichts als Prellerei,Lachmotjeff SeleksteiHört’ ich vortrefflich sagenDaß hier ein radikales Mittel nöthig sei,Verdauen will sie nicht mehr unser Magen —

Du hast nur stets den Dienst im Kopf,mon cher!

Sieh einmal her:

Ich blieb’ gewiß nicht ohne Rang und Stelle

Und wäre ein gemachter Mann,

Allein ich hatte Unglücksfälle

Wie man nicht ärger haben kann.

Ich diente im Civil auch damals schon

Als Baron Klock Minister werden wollte

Und ich — sein Schwiegersohn.

Ich ging ganz blindlings auf mein Ziel

Und ließ mich ein in solches Spiel

Mit ihm und seiner Frau. — Die haben mich geschoren!

Herr Gott, was habe ich für Summen dort verloren!

An der Fontanka wohnt der Mann

Ich baute nebenan

Mir einen Palast auf

Mit ungeheueren Colonnen

Was gingen da für Summen auf den Lauf!

Die Tochter aber hatt’ zuletzt ich doch gewonnen.

Allein — o weh — die Mitgift die war — Gott zu klagen!

Und dann — was wirst Du sagen:

Im Dienste wurd’ ich doch nicht avancirt,

Es war ein Deutscher, doch wozu hat’s mich geführt?

Er fürchtete den Vorwurf, siehst Du,

Daß er Verwandte protegirt’

Er fürchtet’ — hol’ ihn der und jener —

Mir half er nichts.

Dagegen seine Schreiber, seine frechen

Sekretaire, Dintenkleckser, Buben

Aus Schreiberstuben,

Die waren alle zu bestechen

Und sind nun avancirt

Und im Adreßkalender angeführt.

Der Henker hole Rang und Dienst und Orden!

Es ist doch nichts als Prellerei,

Lachmotjeff Selekstei

Hört’ ich vortrefflich sagen

Daß hier ein radikales Mittel nöthig sei,

Verdauen will sie nicht mehr unser Magen —

(Er hält plötzlich an, da er statt Scalosúb, der fortgefahren ist, Sagorétzki erblickt, der an Scalosúbs Stelle getreten ist.)

Repetíloff. Sagorétzki.

Sagorétzki.

Ich bitte fahren Sie nur fort —O, ich versteh’ Sie auf mein Wort!Ich bin ja ganz wie Sie ein großer Liberaler,Allein mir ging es noch fataler,Ich trug zu kühn die Wahrheit vor,Sie glauben nicht, was ich dadurch verlor.

Ich bitte fahren Sie nur fort —

O, ich versteh’ Sie auf mein Wort!

Ich bin ja ganz wie Sie ein großer Liberaler,

Allein mir ging es noch fataler,

Ich trug zu kühn die Wahrheit vor,

Sie glauben nicht, was ich dadurch verlor.

Repetíloff(ärgerlich).

Verschwunden! — Alle fort!Und sagen nicht ein Wort.Erst der — nun jener — kaum sieht man sich um;Erst hatt’ ich Tschatzki hier gefunden,Drauf Scalosúb und beide sind verschwunden!

Verschwunden! — Alle fort!

Und sagen nicht ein Wort.

Erst der — nun jener — kaum sieht man sich um;

Erst hatt’ ich Tschatzki hier gefunden,

Drauf Scalosúb und beide sind verschwunden!

Sagorétzki.

Was meinen Sie von Tschatzki?

Was meinen Sie von Tschatzki?

Repetíloff.

Nun, er ist nicht dumm!Wir sprachen hier von Possen — allerhand,Dann aber hat sich das GesprächZum Vaudeville gewandt.Ein wichtiges Gespräch! — Sehr wichtigIst doch das Vaudevill,Doch alles übrige ist nichtig.Und ich und er — ich hab’ — ich sag’ es offenDen nämlichen Geschmack bei ihm getroffen.

Nun, er ist nicht dumm!

Wir sprachen hier von Possen — allerhand,

Dann aber hat sich das Gespräch

Zum Vaudeville gewandt.

Ein wichtiges Gespräch! — Sehr wichtig

Ist doch das Vaudevill,

Doch alles übrige ist nichtig.

Und ich und er — ich hab’ — ich sag’ es offen

Den nämlichen Geschmack bei ihm getroffen.

Sagorétzki.

Bemerkten Sie denn nichtDaß es bei ihm im Kopf nicht richtig?

Bemerkten Sie denn nicht

Daß es bei ihm im Kopf nicht richtig?

Repetíloff.

Ei was!

Ei was!

Sagorétzki.

Ich sage nur, was jeder spricht.

Ich sage nur, was jeder spricht.

Repetíloff.

Wie abgeschmackt!

Wie abgeschmackt!

Sagorétzki.

So fragen Sie doch!

So fragen Sie doch!

Repetíloff.

Wind!

Wind!

Sagorétzki.

Da kommt der Fürst mit Frau und KindRechtà propos.

Da kommt der Fürst mit Frau und Kind

Rechtà propos.

Repetíloff.

Ach Possen!

Ach Possen!

Repetíloff. Sagorétzki. Fürst TugoúchoffskinebstGemahlinund sechsTöchtern;Mad. ChlestowvonMoltschálingeführt.

Sagorétzki.

Ich bitte Sie, Erlaucht, mir doch zu sagen:Ist Tschatzki toll geworden oder nicht?

Ich bitte Sie, Erlaucht, mir doch zu sagen:

Ist Tschatzki toll geworden oder nicht?

Erste Fürstin.

Wer kann da zweifeln oder fragen?

Wer kann da zweifeln oder fragen?

Zweite Fürstin.

Wovon die ganze Welt schon spricht!

Wovon die ganze Welt schon spricht!

Dritte Fürstin.

Kränklinski’s, Schmuzowski’s,Dibrinki’s, Klatschkowski’s —!

Kränklinski’s, Schmuzowski’s,

Dibrinki’s, Klatschkowski’s —!

Vierte Fürstin.

Das ist was altes schon. Wem ist die Sache neu?

Das ist was altes schon. Wem ist die Sache neu?

Fünfte Fürstin.

Wer zweifelt noch daran?

Wer zweifelt noch daran?

Repetíloff.

Ei,Dieser Mann!

Ei,

Dieser Mann!

Sechste Fürstin.

Sie?

Sie?

Alle zusammen(ihn umringend).

Wie?MsjëRepetíloff. Nein?MsjëRepetíloff, ach, wie kann das sein!Was wollen Sie, man weiß es schon im ganzen Lande,Was denken Sie? Es ist ja Sünd’ und Schande!

Wie?

MsjëRepetíloff. Nein?

MsjëRepetíloff, ach, wie kann das sein!

Was wollen Sie, man weiß es schon im ganzen Lande,

Was denken Sie? Es ist ja Sünd’ und Schande!

Repetíloff(hält sich beide Ohren zu).

Verzeih’n Sie mir, ich wußte nichtDaß man davon so laut schon spricht.

Verzeih’n Sie mir, ich wußte nicht

Daß man davon so laut schon spricht.

Die alte Fürstin.

So laut? — Nicht laut genug. — Ei, das ist sonderbar!Sie müssen wissenMit ihm zu sprechen bringt Gefahr.Man hätte längst ihn binden müssen,Er ist ja wüthend wie ein Tieger,Und doch — hört man ihn an —So scheint sein kleiner Finger klüger— Im Disputiren — das versteht er —Als alle Welt — und selbst mein Mann, Fürst Peter.Ich glaube — gradheraus — er ist ein JakobinerIhr saubrer Freund! — Nun gute Nacht!

So laut? — Nicht laut genug. — Ei, das ist sonderbar!

Sie müssen wissen

Mit ihm zu sprechen bringt Gefahr.

Man hätte längst ihn binden müssen,

Er ist ja wüthend wie ein Tieger,

Und doch — hört man ihn an —

So scheint sein kleiner Finger klüger

— Im Disputiren — das versteht er —

Als alle Welt — und selbst mein Mann, Fürst Peter.

Ich glaube — gradheraus — er ist ein Jakobiner

Ihr saubrer Freund! — Nun gute Nacht!

Repetíloff.

Ihr Diener!

Ihr Diener!

Die alte Fürstin.

Ach, Herr Gemahl, Du mußt Dich schon bequemenSisi und Kätchen mitzunehmen,Wir haben, sechs Mann hoch, erst gar zu eng gesessen.

Ach, Herr Gemahl, Du mußt Dich schon bequemen

Sisi und Kätchen mitzunehmen,

Wir haben, sechs Mann hoch, erst gar zu eng gesessen.

Mad. Chlestow

(erscheint oben und ruft herab).

Eh, liebe Fürstin, eh!Sie haben Ihre Kartenschuld vergessen.

Eh, liebe Fürstin, eh!

Sie haben Ihre Kartenschuld vergessen.

Die alte Fürstin.

Notiren Sie’s, mein Schatz. Adieu!

Notiren Sie’s, mein Schatz. Adieu!

Alle(gegenseitig).

Adieu, Adieu, Adieu! —

Adieu, Adieu, Adieu! —

(Die fürstliche Familie und Sagorétzki ab.)

Repetíloff. Mad. Chlestow. Moltschálin.

Repetíloff.

Du großer Gott!Ach, meine Gnädigste, was soll man dazu sagen?Der arme Tschatzki! Ach! die Weisheit ist nur Spott!Und wozu hilft es nun mit Lernen sich zu plagen!

Du großer Gott!

Ach, meine Gnädigste, was soll man dazu sagen?

Der arme Tschatzki! Ach! die Weisheit ist nur Spott!

Und wozu hilft es nun mit Lernen sich zu plagen!

Mad. Chlestow.

Gott hat es ihm geschickt! Es ist ein schlimmer Fall,Allein vielleicht ist er noch zu kuriren;Indeß, mit Ihnen, Freund, würd’ man die Zeit verlieren,Ist das nun wohl erhört! Jetzt kommen Sie zum Ball!

Gott hat es ihm geschickt! Es ist ein schlimmer Fall,

Allein vielleicht ist er noch zu kuriren;

Indeß, mit Ihnen, Freund, würd’ man die Zeit verlieren,

Ist das nun wohl erhört! Jetzt kommen Sie zum Ball!

(Zu Moltschálin.)

Nun, bester Freund, da ist dein Kämmerlein,Geh’ nur hineinUnd Gott behüt’ Dich.(Moltschálin geht ab.)

Nun, bester Freund, da ist dein Kämmerlein,

Geh’ nur hinein

Und Gott behüt’ Dich.(Moltschálin geht ab.)

(Zu Repetíloff.)

Nun, Alterchen, schön gute NachtWie lange soll die Tollheit währen?Ich dächt’, es wäre Zeit, mit Rasen aufzuhören.

Nun, Alterchen, schön gute Nacht

Wie lange soll die Tollheit währen?

Ich dächt’, es wäre Zeit, mit Rasen aufzuhören.

(Ab.)

Repetíloffund dessenDiener.

Repetíloff.

Wo fahre ich nun hin?Es fängt wahrhaftig an zu tagen.Mach’ fort und hilf mir in den WagenUnd fahr’ gleichviel wohin.

Wo fahre ich nun hin?

Es fängt wahrhaftig an zu tagen.

Mach’ fort und hilf mir in den Wagen

Und fahr’ gleichviel wohin.

(Beide ab.)

Tschatzki

(kommt aus der Loge des Portiers).

Wie? Hab’ ich recht gehört —? Kann es wohl sein?Ist’s nicht ein Scherz? O neinNur reine Bosheit! Wie?Durch welches Wunder, welche ZaubereiVerbreitet sich ein solch Geschrei?Für ein’ge schien es ein Triumph zu sein,Und and’re schienen Mitleid mir zu weih’n.O, könnt’ man in der Menschenbrust doch lesenWer hier am meisten Schuld gewesen,Ob ihre Zunge, ob ihr Herz.Wer hat erdacht den abgeschmackten Scherz?Der Dumme glaubt’s und gleich muß er es weiter tragen,Die alten Weiber sind gleich fertig Lärm zu schlagen,Und allgemein wird’s dann als Wahrheit anerkannt.Das also ist mein Vaterland!! —Nein, nein — ich fühl’s — bald habe ich genugVon diesem herrlichen Besuch! —Ob wohl Sophie davon gehört?Wahrscheinlich sagte man’s auch ihr.Sie ist gesinnt — nicht g’rade feindlich mir,Doch ihr ist’s ein’s, ob ich gestörtOb es ein andrer ist; sie liebt ja keinen.Allein, wie sollte ich damit die Ohnmacht einen?Sind’s ihre Nerven, die sich dazu neigen,Ist’s eine Schwäche, ihr nur eigen?Ein Nichts erschreckt, ein Nichts beruhigt sie.Ich glaubt’ es wäre Sympathie,Lebhafte Leidenschaft wär’ hier im Spiel,Ach, nicht die Spur davon! VielleichtHätt’ sie gezeigtDas nämliche GefühlWenn einer Katze, einem Hund’ von ungefährMan auf den Schwanz getreten wär’!

Wie? Hab’ ich recht gehört —? Kann es wohl sein?

Ist’s nicht ein Scherz? O nein

Nur reine Bosheit! Wie?

Durch welches Wunder, welche Zauberei

Verbreitet sich ein solch Geschrei?

Für ein’ge schien es ein Triumph zu sein,

Und and’re schienen Mitleid mir zu weih’n.

O, könnt’ man in der Menschenbrust doch lesen

Wer hier am meisten Schuld gewesen,

Ob ihre Zunge, ob ihr Herz.

Wer hat erdacht den abgeschmackten Scherz?

Der Dumme glaubt’s und gleich muß er es weiter tragen,

Die alten Weiber sind gleich fertig Lärm zu schlagen,

Und allgemein wird’s dann als Wahrheit anerkannt.

Das also ist mein Vaterland!! —

Nein, nein — ich fühl’s — bald habe ich genug

Von diesem herrlichen Besuch! —

Ob wohl Sophie davon gehört?

Wahrscheinlich sagte man’s auch ihr.

Sie ist gesinnt — nicht g’rade feindlich mir,

Doch ihr ist’s ein’s, ob ich gestört

Ob es ein andrer ist; sie liebt ja keinen.

Allein, wie sollte ich damit die Ohnmacht einen?

Sind’s ihre Nerven, die sich dazu neigen,

Ist’s eine Schwäche, ihr nur eigen?

Ein Nichts erschreckt, ein Nichts beruhigt sie.

Ich glaubt’ es wäre Sympathie,

Lebhafte Leidenschaft wär’ hier im Spiel,

Ach, nicht die Spur davon! Vielleicht

Hätt’ sie gezeigt

Das nämliche Gefühl

Wenn einer Katze, einem Hund’ von ungefähr

Man auf den Schwanz getreten wär’!

(Unterdessen ist die letzte Lampe erloschen.)

Sophie

(erscheint oben auf der Treppe mit einem Licht und beugt sich über das Geländer).

Moltschálin? Wie!

Moltschálin? Wie!

(Sieht Tschatzki, zieht sich schnell zurück.)

Tschatzki.

O Himmel — das war sie! —Sie selbst! — Es kocht mein Blut,Die Sinne schwanken wie in Fiebergluth.War es ihr Geist? Verlor ich den Verstand?Was geht hier vor?Nein, keine Täuschung konnt’ das sein;Es war ein Stelldichein.Wozu mich länger selbst noch täuschen,Sie rief Moltschálin ja,Und hier — hier ist sein Zimmer! — da!

O Himmel — das war sie! —

Sie selbst! — Es kocht mein Blut,

Die Sinne schwanken wie in Fiebergluth.

War es ihr Geist? Verlor ich den Verstand?

Was geht hier vor?

Nein, keine Täuschung konnt’ das sein;

Es war ein Stelldichein.

Wozu mich länger selbst noch täuschen,

Sie rief Moltschálin ja,

Und hier — hier ist sein Zimmer! — da!

Tschatzki’s Diener(kommt eilig von draußen).

Der Wa— — —

Der Wa— — —

Tschatzki.

St! Fort mit Dir!

St! Fort mit Dir!

(Diener ab.)

Ich bleibe, muß es sein, selbst bis zum Morgen hier;Soll ich den Kelch der Leiden trinkenSo will ich’s lieber auf einmal,Durch Zaudern, ach, entgeht man nicht der Qual.Man kommt! —

Ich bleibe, muß es sein, selbst bis zum Morgen hier;

Soll ich den Kelch der Leiden trinken

So will ich’s lieber auf einmal,

Durch Zaudern, ach, entgeht man nicht der Qual.

Man kommt! —

(Verbirgt sich hinter einem Pfeiler.)

Tschatzki(verborgen).Lisette(mit einem Licht).

Lisette.

O Gott, ich möcht’ vor Angst vergehn!Des Nachts im leeren Vorhaus hier zu stehn! —Ich fürcht’ mich vor Gespenstern sehrUnd vor Lebend’gen noch viel mehr.Gott mag dem Fräulein das verzeih’nDa schickt sie mich gerad hinein.Sie sagt, sie hätte Tschatzki hier gesehn:Wie ein Gespenst sieht überall sie den.

O Gott, ich möcht’ vor Angst vergehn!

Des Nachts im leeren Vorhaus hier zu stehn! —

Ich fürcht’ mich vor Gespenstern sehr

Und vor Lebend’gen noch viel mehr.

Gott mag dem Fräulein das verzeih’n

Da schickt sie mich gerad hinein.

Sie sagt, sie hätte Tschatzki hier gesehn:

Wie ein Gespenst sieht überall sie den.

(Sieht sich um.)

Das fehlte auch noch, hier zu bleiben,Und sich im Vorhaus hier herum zu treiben!Ich wette:Der liegt mit seinen LiebessorgenSchon längst zu Haus im Bette,Und sinnt auf einen Plan zu morgen.Doch muß ich ja zum Herzensfreunde geh’n,

Das fehlte auch noch, hier zu bleiben,

Und sich im Vorhaus hier herum zu treiben!

Ich wette:

Der liegt mit seinen Liebessorgen

Schon längst zu Haus im Bette,

Und sinnt auf einen Plan zu morgen.

Doch muß ich ja zum Herzensfreunde geh’n,

(Sie setzt das Licht auf den Boden und pocht an Moltschálin’s Zimmerthüre.)

Moltschálin hören Sie? Ich bitt’ Sie aufzustehn;Das Fräulein ruft. Ich soll Sie gleich zum Fräulein führen.Doch schnell, wir dürfen nicht die Zeit verlieren.

Moltschálin hören Sie? Ich bitt’ Sie aufzustehn;

Das Fräulein ruft. Ich soll Sie gleich zum Fräulein führen.

Doch schnell, wir dürfen nicht die Zeit verlieren.

Tschatzki(verborgen).Lisette. Moltschálin(gähnt und dehnt sich). Bald darauf erscheintSophieoben unbemerkt.

Lisette.

Sind Sie von Eis heut’ oder Stein?

Sind Sie von Eis heut’ oder Stein?

Moltschálin.

Ach, Lieschen mein,Kamst Du aus eignem Antrieb? Sprich!

Ach, Lieschen mein,

Kamst Du aus eignem Antrieb? Sprich!

Lisette.

O nein, das Fräulein schickte mich.

O nein, das Fräulein schickte mich.

Moltschálin.

Wer sollte glauben, daß in diesen Zügen,In diesen AederchenDer Liebe sanft Erröthen nie gespielt! —Kann Dir das Botenlaufen denn genügen,Hast Du denn selber Liebe nie gefühlt?

Wer sollte glauben, daß in diesen Zügen,

In diesen Aederchen

Der Liebe sanft Erröthen nie gespielt! —

Kann Dir das Botenlaufen denn genügen,

Hast Du denn selber Liebe nie gefühlt?

Lisette.

Da Sie auf Freiersfüßen gehnKann ich Ihr Gähnen nicht verstehn.Den lobte ich, der vor dem HochzeitstagNicht essen und nicht schlafen mag.

Da Sie auf Freiersfüßen gehn

Kann ich Ihr Gähnen nicht verstehn.

Den lobte ich, der vor dem Hochzeitstag

Nicht essen und nicht schlafen mag.

Moltschálin.

Was Hochzeit? Und mit wem denn, sprich?

Was Hochzeit? Und mit wem denn, sprich?

Lisette.

Nun mit dem Fräulein, dächte ich.

Nun mit dem Fräulein, dächte ich.

Moltschálin.

Ach geh! Die Hoffnung liegt noch weit;Auch ohne Hochzeit bringt man hin die Zeit.

Ach geh! Die Hoffnung liegt noch weit;

Auch ohne Hochzeit bringt man hin die Zeit.

Lisette.

Ich weiß nicht recht, mein Herr, wie man so sprechen kann!Wir wollen ja doch keinen andern Mann.

Ich weiß nicht recht, mein Herr, wie man so sprechen kann!

Wir wollen ja doch keinen andern Mann.

Moltschálin.

Mag sein! Ich hab’ seither nur immer Angst gehabt,Daß uns der Alte nicht ertappt.Der würde uns verfluchen und verjagen! —Hör’, soll ich Dir die Wahrheit sagen?In Deinem Fräulein hab’ ich niemals was erblicktWas mich entzückt;Ich wünsche ihr auf allen WegenDes Himmels reichsten Segen;Doch sie hat Tschatzki gern gesehn,Und nun! — Mir wird’s nicht besser gehn.Ach Engel mein, ach könnte ichNur halb für sie empfinden, wie für Dich! —Ich thue was ich kann,Ich stell’ mich zärtlich an,Allein — der Himmel weiß —Sobald ich sie nur seh’, so werde ich zu Eis.

Mag sein! Ich hab’ seither nur immer Angst gehabt,

Daß uns der Alte nicht ertappt.

Der würde uns verfluchen und verjagen! —

Hör’, soll ich Dir die Wahrheit sagen?

In Deinem Fräulein hab’ ich niemals was erblickt

Was mich entzückt;

Ich wünsche ihr auf allen Wegen

Des Himmels reichsten Segen;

Doch sie hat Tschatzki gern gesehn,

Und nun! — Mir wird’s nicht besser gehn.

Ach Engel mein, ach könnte ich

Nur halb für sie empfinden, wie für Dich! —

Ich thue was ich kann,

Ich stell’ mich zärtlich an,

Allein — der Himmel weiß —

Sobald ich sie nur seh’, so werde ich zu Eis.

Sophie(bei Seite).

Wie niedrig! O, kaum kann ich mich bezähmen!

Wie niedrig! O, kaum kann ich mich bezähmen!

Tschatzki(bei Seite).

Der Schuft!

Der Schuft!

Lisette.

Sie sollten sich doch schämen!

Sie sollten sich doch schämen!

Moltschálin.


Back to IndexNext