Der Reisende im Gasthaus.

Der Reisende im Gasthaus.

Es steckt doch ein gut Stück Poesie in den Reisewagen wandernder Schausteller! Mehr! Praktisches Verständnis für die Annehmlichkeiten gewohnter, eigner Häuslichkeit. Sie sind zwar zum großen Teil primitiv, diese Reisewagen, aber sie sind doch ein Ersatz für das Heim. Der Geschäftsreisende kennt keinen Reisewohnwagen. Reisewagen trifft man ja an manchen Stellen, die noch nicht durch die Schienenwege durchzogen sind.

Der Heimersatz des Reisenden ist im Gasthaus zu suchen. Und, um es vorweg zu sagen, es gibt Gasthäuser, die in der Tat das Heim ersetzen. Vielfach werden sie geleitet von früheren Reisenden, die aus der Praxis heraus verstehen gelernt haben, was dem Reisenden frommt. Ich habe immer solche Gasthäuser anderen vorgezogen. Das Gasthaus selbst soll also die zweite Heimat für den Reisenden sein. Es ist deshalb notwendig, daß wir uns mit ihm beschäftigen.

Die rechtliche Seite des Gasthauswesens haben wir schon betrachtet, dringen wir jetzt in den eigentlichen Betrieb ein.

Welches Gasthaus?

Wer eine eingeführte Tour hat, wer selbst die Gegend länger bereiste, der braucht sich nicht die Frage vorzulegen:Welches Gasthaus(Hotel)unter vielen?Auch nicht die andere Frage:Wo soll das Gasthaus liegen?Er kennt die geeigneten Häuser, verkehrte schon mehrfach in ihnen oder darf doch der Empfehlungseines Vorgängers vertrauen. D. h. das nur bedingt! Nichts ist so vom persönlichen Geschmack abhängig, als das Wohlbefinden im Gasthaus. Liebt der eine einen gesprächigen Wirt, so fällt ein solcher dem anderen auf die Nerven! Zieht der eine mit dem „Zug ins Große“ nach dem „Hotelpalast“, so wohnt der andere lieber dort, wo zwar kein gallonierter Herold als Portier an der Türe steht, wo aber das Leben nicht zu teuer, persönlicher und infolgedessen gemütlich ist.

Doch wenden wir uns der Hotelfrage vom Gesichtspunkt der Allgemeinheit aus zu. Die Bezeichnungen: Hotel I. oder II. Ranges kennzeichnen nicht immer einwandfrei die Rangstufe des Gasthauses. Sie sind aber immer bezeichnend für die Preise, die genommen werden, diese sind in der Regel tatsächlich I. oder II. Ranges. Und das ist für den Reisenden von Bedeutung. Er wird nicht in den Fehler verfallen, zu billig wohnen zu wollen, er wird aber auch nicht deswegen in einem teuren Hotel wohnen, weil es Bequemlichkeiten hat, die der Reisende gar nicht in Anspruch zu nehmen gedenkt. Wenn der Reisende nicht besondere Wünsche an ein Gasthaus stellen muß (Auslagezimmer), dann handelt er nicht gegen sein Interesse, wenn er bei der Hotelauswahl dem Strom der anderen Reisenden folgt. Muß er allerdings besondere Wünsche beachten, so wird er sich — aber wiederum bei Reisenden — erkundigen. Die Berufsgenossen sind im Hotelverkehr der beste Wegweiser.

Wo das Hotel liegen soll, muß jeder Reisende selbst beurteilen, je nach den praktischen Wünschen, die er hat. In einem größeren Platz wohnt man zweckmäßig in der Stadtmitte, besonders wenn man reichlich Muster hat. Nicht immer hat man alle Muster zur Hand, liegt das Gasthausin der Nähe, springt man schnell hinüber, liegt es weiter weg, unterbleibt das Holen vielfach. Doch auch für den Mustertransport ist es besser. Befinden sich die Muster in einem Bahnhofshotel, dann sind sie genau so weit weg, als stünden sie auf der Bahn. Koffer auf dem Bahnhof haben mir — ich weiß nicht, ob es anderen Kollegen auch so gegangen ist — immer die kampflustige Stimmung beeinträchtigt. Koffer in der Nähe waren immer ein Anreiz mehr, die Muster auch vorzulegen, schon um sie nicht vergeblich transportiert zu haben. Oft liegen ja die Dinge aber auch so — die Geschäftszeit für den Reisenden ist immer beschränkt, wie wir noch sehen werden —, daß die Musterschnellgebraucht werden. Dann erst nach dem Bahnhof laufen? Nein! Die Muster müssen zur Hand sein. Wer ledig aller Muster ist, kann dreist am Bahnhof wohnen, wiewohl es auch nicht einzusehen ist, warum der Reisende die Bahn mit ihrem nervenzerrüttenden Geräusch nicht außer Gehörweite bringt. Wer Abstecher machen muß, wer spät ankommt und früh weg will, der wohne am Bahnhof, der andere Reisende suche sich eine praktische, bequeme und ruhige Gasthauslage aus.

Abstecher.

Das Abstechermachen hat auch seine zwei Seiten. Man bindet sich zu sehr mit der Zeit, das ist der Nachteil! Es besteht immer das Bestreben, wieder am Abend zurück zu sein. In diesem Zurückkehren nach dem Ausgangspunkt liegt für den Reisenden der angenehme Teil derAbstecher. Abend für Abend in andere Gasthäuser, Abend für Abend in frische, oft feuchtkalte Betten, das gehört nicht zu den angenehmen Dingen des Lebens.Jeder Reisende wird es begrüßen, wenn er in einem guten Gasthaus mehrere Tage verweilen kann. Wo von einer zentral gelegenen Stadt viele kleinere Plätze besucht werden müssen und besucht werden können, da ist der Abstecher angebracht. Dabei denke ich an Thüringen, an Oberschlesien (Kattowitz), an das Ruhrgebiet, wie überhaupt an den Industriewesten. Auch Süddeutschland hat solche Mittelpunkte, ich denke an Mannheim, Frankfurt, Nürnberg usw.

Hotelzöpfe.

Ich sagte bei der Besprechung der Rechtsverhältnisse, daß die Gastwirte oft in den Zimmern Klauseln anbringen, die den Reisenden verpflichten sollen, in diesem und jenem den Gewohnheiten des Hauses oder dem geldlichen Interesse des Wirtes zu willfahren. Ueber die Ungültigkeit dieser Klauseln braucht weiter kein Wort verloren zu werden. Eine andere Frage ist es, ob der Reisende in der Tat im eigenen Interesse handelt, wenn er sich gegen die Gewohnheit auflehnt. Ich weise dabei auf den Frühstückszwang, auf die Table d’hôte und auf den Omnibus hin. Der Frühstückszwang besteht allgemein, nicht immer als ausdrücklicher Zwang, aber als etwas Selbstverständliches. Ohne Zweifel will der Wirt dem Gast dasFrühstückliefern, weil es auch zu den Selbstverständlichkeiten gehört, an diesem Frühstück besonders zu verdienen. 1 Mk., 1.25, auch 1.50 Mk. für ein „komplettes“ Frühstück, das ist der übliche Preis. Im östlichen und in Mitteldeutschland, auch in Süddeutschland bekommt man dafür zwei Tassen Kaffee, Milch und Weißbrot und Butter oder Honig. Nach dem Westen zu wird wirklich ein Frühstück für den Preis geliefert, das sogenannte „garnierte“ Frühstück. Esbesteht nicht nur aus Kaffee, Weißbrot und Butter, sondern der Wirt gibt Aufschnitt und Käse dazu. In allen Fällen möchte ich keinem Reisenden raten, das Frühstück nicht im Gasthaus einzunehmen. Was er spart, wenn er den Kaffee wo anders trinkt, das setzt er am persönlichen Kredit zu. Er gilt als Knauser, wird über die Achsel angesehen und allzuviel Gefälligkeit darf er just nicht erwarten. Genau so ist es mit der Table d’hôte. Sie ist in der Tat eine unschöne Bevormundung, ein alter Zopf, der im Interesse des Ansehens unserer Gasthausverhältnisse verschwinden sollte, je früher, je besser. Es ist eine Zumutung, von einem Gast, der doch das Gasthaus zu seiner Bequemlichkeit aussucht, der nach seinen Wünschen leben möchte, zu verlangen, er solle sich vom Wirt vorschreiben lassen, was er essen und trinken will. Es ist dieTable d’hôtegrundsätzlich vom sogenannten „Diner“ zu unterscheiden. Beim „Diner“ gibt es immer noch eine beschränkte Auswahl unter mehreren Speisen, bei der Table d’hôte jedoch heißt es: „Iß Vogel oder hungere“. Es bleibt dem Reisenden gar keine Wahl, er muß einen Gang vorüber gehen lassen, wenn er das ihm zudiktierte Gericht nicht mag; Ersatz bekommt er nicht. Und dennoch! Wo die Table d’hôte eingeführt ist, wird sich der Reisende ihr nur zu seinem eigenen Nachteil entziehen. Es geht ihm genau so wie dem Reisenden, der das Frühstück schindet, er büßt an Ansehen merklich ein.

Das schadet schließlich nicht allzuviel, und viele Kollegen werden sich leicht über ein derart eingebüßtes Ansehen hinwegsetzen. Aber die Sache hat einen anderen Haken. Besteht irgendwo Table d’hôte, dann sind die Einzelspeisen in der Regel außerordentlich teuer undweniger gut zubereitet. Der Trinkzwang besteht ja ebenfalls überall, er ist aber nicht mehr der alte Weinzwang. Ohne Abstinent zu sein, bin ich da immer dem Wirt entgegengetreten, wenn er mir auch den noch auferlegen wollte, fast immer mit Erfolg.

Nicht so wie an diese beiden Einrichtungen ist man an den Omnibus gebunden. Wer laufen will, soll sich nicht genieren, das zu tun, auch wenn der Omnibus am Bahnhof hält.

Ich möchte aber noch einige Worte über die „Diners“ und „Soupers“ verlieren. Wo es „Diner“ gibt, esse man es immer und verfalle nicht darauf, aus der Speisekarte Einzelspeisen zu wählen, es sei denn, man will durchaus mehr Geld ausgeben, als nötig ist. Vielfach, besonders am Rhein, besteht die Sitte, auch das Abendessen besonders zusammenzustellen. Auch da empfehle ich mitzumachen. Mir waren einmal 2 Mk. für ein solches Abendessen in Köln zu teuer! Ich bestellte mir drei Eier. Sie kosteten mit Brot 1 Mk. und da ich Hunger hatte, ging ich in ein anderes Restaurant, um noch ein „Souper“ für 1.50 Mk. zu genießen. Am anderen Abend saß ich an der gemeinsamen Abendtafel.

Die Trinkgeldfrage.

Eine leidige Geschichte im Gasthauswesen ist das Trinkgeld. Wie viel ist versucht worden, es abzuschaffen! Solange die Versuche von einem oder mehreren oder vielen Reisenden ausgehen, leidet immer das Personal darunter, nicht der Wirt. Ich habe dabei manchen Reisenden in den Verdacht bekommen, einTrinkgeldhasseraus Portemonnaieinteresse zu sein. Der wirklich achtbare Kellnerstand wehrt sich wie der Reisende gegen dasTrinkgelderwesen. Vorläufig ist aber das Trinkgeld die oft ausschließliche Entschädigung für die geleistete Arbeit. Weniger gilt das für das Zimmerpersonal, bestimmt aber für die Hausdiener und besonders für die Kellner. Es gibt eine ganze Anzahl solcher dienstbarer Geister, die vom Wirt überhaupt keine Entschädigung erhalten. In vielen Fällen müssen die Kellner von ihren Trinkgeldeinnahmen dem Wirt noch Bruchgeld und Putzgeld zahlen, ja, es sind Fälle bekannt geworden, wo der Wirt sogar einen Teil der Trinkgeldeinnahme für sich beanspruchte. Es liegt deshalb auf der Hand, daß ein Vorgehen des Reisenden immer den Unschuldigen trifft. Mit dem Trinkgelderwesen muß sich der Reisende abfinden. Er soll aber den Unfug nicht begünstigen. Das tut er jedoch, wenn er Trinkgeld gibt, wo er irgend welche Leistungen besonderer Art gar nicht in Anspruch nahm, oder wenn er die Trinkgelder allzu reichlich bemißt. Es ist eine irrige Ansicht, daß Trinkgeld allein Dienstwilligkeit schafft. Mir sagte einmal ein als Original bekannter Kellner: „Der feine Mann gibt nie zu viel Trinkgeld!“ Der Mann sah sich seine Gäste darauf an! Wer ihm viel Trinkgeld gab, so taxierte er, der war das Befehlen nicht gewöhnt, der sah in jeder Dienstleistung eine Gefälligkeit, wer wenig gab, wußte, was er zu verlangen hatte.

Einen Maßstab für das Trinkgeld gibt es nicht. Wer die Restaurationsbedürfnisse gleich bezahlt, wird mit 6–7 Prozent der Morgenrechnung für den Kellner das Richtige treffen. Wer auch die Restaurationsbedürfnisse auf die Rechnung setzen läßt, der gebe 10 Prozent. Neuerdings haben sich Gasthäuser — besonders auch die Hospize — dazu verstanden, das Trinkgeld aufzuheben, dafür heben sie einen Rechnungszuschlag von 10 Prozentfür das ganze Personal ein. Gibt man Trinkgeld und sind mehrere Kellner (Servier- und Oberkellner) vorhanden, so gebe man immer dem, der wirklich Dienste leistete, das Trinkgeld zum größten Teil oder ganz. Ich habe nie einsehen können, daß ich dem „Ober“, der mir die Rechnung ausschrieb, trinkgeldpflichtig sei.

Dem Dienstmädchen braucht man für die ordnungsgemäße Zimmerbesorgung kein Trinkgeld zu geben, auch wenn das Zimmer nicht „mit Bedienung“ vermietet wurde. Das Zimmer dient erst seinem Zweck, wenn es in Ordnung ist, d. h. das Bett bezogen, die Tische abgeräumt, Wasch- und Trinkwasser besorgt sind. Nur wer darüber hinaus Dienstleistungen verlangt, wird sie billigerweise bezahlen. Dabei bemerke ich, daß ein vom Zimmermädchen angenähter Knopf immer mehr kostet, als wenn ihn der Schneider annäht. Und kleine Besorgungen verteuern sich in vielen Fällen nicht nur um das Trinkgeld.

Die„Seele vom Geschäft“.

Die „Seele vom Geschäft“ ist der „Friedrich“, der Hausdiener, der „Hausmeister“, wie man in Süddeutschland dieses Faktotum nennt. Der „Friedrich“ hat einen sehr großen Einfluß auf unser Wohlbefinden und auf den Erfolg! Nicht an dem letzteren zweifeln! „Verschlafene Züge“, ausgebliebene Koffer beim Kunden und am Bahnhof sind Unannehmlichkeiten, die nicht nur Aerger bringen, sondern Kosten verursachen und leider auch geschäftliche Nachteile! Der „Friedrich“ also ist für den Reisenden so wichtig wie eine gutgehende Taschenuhr! Trotzdem kann auch er nur fürDienstleistungenTrinkgeld verlangen. Kofferbesorgungen, Stiefelputzen, nächtliches Türöffnen, das sind trinkgeldpflichtige Dienstleistungen.Auch beim „Friedrich“ gilt Maßhalten im Trinkgeldgeben. Gewiß kann es sich mancher „Onkel“ leisten, 50 Pf. für das Stiefelputzen zu geben. Angemessen ist solch ein Trinkgeld nicht, es fördert nur die Begehrlichkeit und schraubt das Trinkgeldkonto nur noch höher. Der Pförtner und der Fahrstuhlführer halten auch die Hand auf! Wer Besorgungen hat machen lassen, wer den Fahrstuhl mehrfach benutzte, mag etwas hineinlegen. Dafür, daß der Pförtner an der Pforte, der Fahrstuhlführer am „Lift“ steht, kann der Reisende nicht und steuerpflichtig wird er darum nicht.

Vorhin trennte ich die Summe des Trinkgeldes für den Fall, daß die Restaurationsbedürfnisse gleich bezahlt werden! Man wird dann immer mehr Trinkgeld ausgeben, als wenn man einmal bezahlt! Trotzdem empfehle ich den Kollegen, immer die Restaurationsbedürfnisse gleich zu begleichen. Mehr Trinkgeld wird ausgegeben, das ist richtig! Dafür wird aber so manches Glas Bier, so manche Zigarre usw. gespart, die man sonstnurauf der Rechnung findet.

Gasthauspersonal.

Ueberhaupt dieRechnung! Es gibt Kellner, die bringen es vorzüglich fertig, sich den Anschein zu geben, als brauche die Rechnung nie bezahlt zu werden. Will man die Rechnung haben, lächelt der Ober generös, er will dann durchaus wissen, wann man fährt und hat dann immer „noch Zeit“. Diese Oberkellner und mehr noch die ausgeschriebene Rechnung betrachte ich mit Mißtrauen. Irrtümer, die man erst im abfahrenden Zuge entdeckt, bleiben fast immer unberichtigt. Deshalb fordere man die Rechnung rechtzeitig. Will man früh abreisen, begleiche manam Abend, will man spät reisen, in der Früh, immer aber so, daß die Gelegenheit der Nachprüfung da ist. Allzu freundliche „Ober“ weise man bestimmt an, dem Wunsch nachzukommen und halte sich nicht weiter damit auf, das „Warum“ auseinanderzusetzen. Das Verhalten zum Hotel-Personalsei überhaupt immer höflich, aber bestimmt. Vertraulichkeiten dulde man nicht und wende sie nicht an. Wer befehlen kann, fährt im Gasthaus besser, als der, der bitten muß und bei den dienstbaren Geistern die Ansicht weckte, alle ihre Pflichten seien Gefälligkeiten.

Diese höfliche Zurückgezogenheit ist besonders gegen das weibliche Personal angebracht. Im Reisenden steckt manchmal ein Stückchen Abenteuerlust. Vertraulichkeit befördert sie. Hübsche Zimmermädchen gibt es, die hübschen gefallen natürlich vielen, sie werden mehr umworben und sind schließlich keine Tugendengel. Das Haus — auch das Gasthaus — muß rein gehalten werden! Die Vertraulichkeit mit einem Zimmermädchen hat schon manchesmal den Keim zu Schlimmeren gelegt. Und das Renommee, ein „forscher Kerl“ zu sein, tut es wahrlich nicht! Der Reisende soll seine „Forsche“ in seiner Tätigkeit und nur da suchen!

Verhalten zu anderen Gästen.

Da wir einmal beim persönlichen Verhalten sind, wollen wir uns auch einmal mit demVerhalten zu anderen Gästenbeschäftigen. Der Reisende muß eins mit dem großen Moltke gemeinsam haben: im rechten Augenblicke schweigen zu können; besonders dann, wenn er den Frager nicht kennt. Aus rein persönlichem Anteil fragt kein Reisender den anderen: „Worin reisen Sie?“ Es ist des Reisenden gutes Recht, in seinen Kollegen Konkurrenten zuwittern. Freilich, im Laufe der Zeit schärft sich der Blick. Ich möchte fast sagen, daß man die einzelnen Branchen an der Kleidung des Reisenden unterscheiden kann, bestimmt geben die Koffer wichtige Anhaltspunkte. Warum nun dem anderen sagen, worin man reist? Trifft es sich, daß man einem Konkurrenten in die Hände läuft, dann weißderzwar, daß er einen Konkurrenten vor sich hat, der freundliche Auskunftgeber kennt aber die Zunft des anderen nicht und — wird sie auch durch ihn nicht mehr kennen lernen. Wohin der Reisende dann fährt, ist schnell herauszubekommen! Man darf nur den „Friedrich“ fragen, wann der Reisende gefahren ist. Dann hat man die Richtung, überspringt einen oder zwei Plätze und hat einige Gewißheit, den Konkurrenten um einige Nasenlängen zu schlagen.

Dabei ist noch ein Umstand zu berücksichtigen, der auch den Konkurrenten auf die Spur bringen kann: viele Gasthausrechnungen tragen vorgedruckt die Frage „Briefe wohin?“ Die Wirte nehmen als selbstverständlich an, daß sie Gelegenheit haben werden, Briefe nachzusenden, und dann erweisen sie ja dem Reisenden eine Gefälligkeit. Muß man sich denn aber durchaus steckbrieflich verfolgen lassen? Muß Müller von Meyer & Co. wissen, daß Schulze von H. Schmidt Söhne auch da ist oder doch bestimmt bald kommt? Selbst wenn die Firmen keine Briefumschläge mit Aufdruck nehmen, so ist doch ein Reisender leicht bei seinen Kollegen von der Konkurrenz dem Namen nach bekannt. Deshalbkeine Briefe in das Hotel. Auch im Interesse des Reisenden selbst nicht! Briefe werden im Reiseleben oft vom Empfänger nicht abgeholt und ihre Nachsendung macht sich notwendig. In einem gut organisierten Gasthauswird zwar die Nachsendung auch pünktlich veranlaßt werden, wieviel der Gasthäuser sind aber gut organisiert? Sicher ist die Deutsche Reichspost zuverlässiger, als ein Oberkellner. Man lasse sich die Post „postlagernd“ senden und zwarimmer„hauptpostlagernd“, um Verwechselungen vorzubeugen. Kurz vor Abgang des Zuges wird man dann Gelegenheit haben, die letzte Post in Empfang zu nehmen; gleichzeitig benutzt man ein ausliegendes Formular, um der Post aufzutragen, weiter eingehende Sendungen nachzusenden. Die Legitimationskarte reicht allgemein aus, Postsachen, auch Geldsendungen in Empfang zu nehmen, aus Bequemlichkeitsgründen empfiehlt es sich indessen, eine Postausweiskarte zu benutzen.

Tischungezogenheiten.

Der Reisende sollte auch einigen Wert darauf legen, keine Tafelungezogenheiten zu begehen. In der Tat soll man nicht sagen,wasder Mensch ißt, das ist er, sondern man darf mit größerem Recht behaupten,wieder Mensch ißt, so ist er. So verrät sich der „bescheidene“ Mensch ganz bestimmt, wenn er auf der Platte herumstochert nach dem größten oder besten Stück! Ganz besonders gereicht das einem jungen Menschen zur Zierde! Wenn das Personen nach vorheriger Verständigung tun, die zusammen gehören und sich gut kennen, dann mag es — vielleicht — hingehen. An der Gasthaustafel kennt man sich nicht und muß sich befleißigen, Unarten abzutun, will man nicht als unerzogen gelten. Und für unerzogen hält man einen Tischgast, wenn er aus Brotteig Figuren und Kugeln knetet, auch wenn er in dieser Kunst ein Meister ist. Zweifellos ist es auch sehr appetitlich,wenn man an der Tafel den Taschenkamm herauszieht und sich Bart- und Haupthaar kämmt oder mit der Bürste striegelt! Man war ja struppig! Und so konnte man nicht am Tisch sitzen! Gewiß nicht, aber die Tafel ist keine Frisierstube. Auch kein Fechtsaal! Die schöne Pose des Fechters kommt auch gar nicht heraus, wenn man mit dem Messer ißt, wohl aber kann man damit unangenehmen Spott herausfordern! So ging es einmal einem Onkel! Der konnte es auch nicht lassen, die gefährliche Prozedur vorzunehmen, mit der scharfen Messerklinge zu essen. Das bemerkte Freund „Dampramang“. Er erbot sich urplötzlich, einen Witz zum besten zu geben: Kommerzienrat X, ein echter Emporkömmling, ist zu irgend einer großen Fête geladen! Der Diener kommt eben dazu, wie der Kommerzienrat, der sich unbeobachtet glaubt, prüfend über des Messers Schneide fährt! Er sieht den Diener und bemerkt: „Heute sind sie nicht scharf, erfreulicherweise, neulich hatte ich mir den ganzen Mund zerschnitten“. Selbstverständlich lachten wir alle und unser „Degenschlucker“ trug die Kosten.

Fisch ißt man nicht mit dem Messer, es sei denn, man bekommt ein Fischmesser zum Besteck. Das gewöhnliche Tischmesser beeinträchtigt den Geschmack des Fisches. Man säubert ihn nur mit der Gabel in der rechten und einem Brötchen in der linken Hand von den Gräten und ißt dann auch, die Gabel rechts, das Brötchen links. Wo man Knödel genießt, schneidet man sie ebensowenig, wie man die Kartoffeln schneidet. Die Knödel reißt man, die Kartoffeln zerdrückt man.

Wenn ich dann noch darauf verweise, daß man bei Tisch vortreffliche Gelegenheit hat, seine schönen Zähne bewundern zu lassen, indem man mit dem Zahnstocherim Mund herumfährt und der Zunge dann die Arbeit läßt, die der Zahnstocher nicht ganz verrichten konnte, wenn ich die Aufmerksamkeit verehrter Tischgenossen noch auf das ungewöhnliche, aber stimmungsvolle Konzert lenke, das durch Schlürfen der Suppe, Klappern der Löffel am Teller und das weihevolle Schmatzen aufgeführt wird, so glaube ich mit den Tafelungezogenheiten fertig zu sein.

Ein Abend auf der Reise.

Verbringen wir nun noch einen Abend auf der Reise! Wer stets mit dem Schreiben recht vieler Kommissionen den Abend auszufüllen vermag, braucht diesen Abschnitt nicht zu lesen. Wer aber mit den Kommissionen fertig ist und noch ein Stündchen oder zwei angenehm verbringen möchte, der folge mir! Nicht in das Gastzimmer! Das ist leider vielfach nur ein Aufenthalt für Skat- und Billardspieler! Im Gastzimmer sitzen und lesen, heißt trinken müssen! Ein Schachspiel findet sich wohl vor, Schachspieler sind aber nicht so zahlreich anzufinden wie die Karten- und Billardkünstler. Aber dieses Trinkenmüssen! Gewiß, kein Wirt verlangt wohl, daß seine Reisenden trinken! Wenn man aber seinen Tee, sein Bier, seinen Wein eben ausgetrunken hat, und der diensteifrige Kellner erscheint, dann liegt darin ein Zwang. Dabei gibt es wenig wirklich anheimelnde Gastzimmer! Schlechte Bilder, unechte Kunstgegenstände, imitierte Wandbekleidung und staubig gewordene Portièren machen einen Raum nicht gemütlich.

Der Abend kann besser verbracht werden! Jede mittlere Stadt hat heute ein Theater! Gewiß sind infolge der mangelnden Bühnentechnik nicht alle Stücke gleichgenießbar. Einen Schwank oder ein modernes Schauspiel kann aber auch eine kleine Bühne ausstatten. Wo es am Theater mangelt, findet man sicher Gelegenheit, ein gutes Konzert zu hören. Hat man Verbindung und muß man vielleicht ein Stück die Eisenbahn benutzen, um zu derartigen Genüssen zu kommen, dann wende man die paar Groschen an, sie bringen reichliche Zinsen. Sind keine Theatervorstellungen zu haben, wird kein Konzert gegeben, so kann man sicher irgend einem Vortrag beiwohnen. Besonders in Großstädten löst ein Vortrag den anderen ab; die verschiedensten Wünsche finden reichlich Berücksichtigung. Reißen aber alle Stricke, dann vertreibt, wie schon gesagt, ein gutes Buch die Langeweile, es pflegt auch ein guter Zimmergenosse zu sein.

Ein Wort noch über die Zweckmäßigkeit, im Hospiz, im sogenannten „Hotel garni“ oder privat zu wohnen. Fast alle Hospize sind mehr auf den Familienaufenthalt zugeschnitten, für den Geschäftsreisenden jedoch weniger eingerichtet. Nur wer keine Muster mit sich führt, darf im Hospiz wohnen; er wird dort manches finden, was ihm das Gasthaus nicht zu bieten vermag. Im Privatlogis zu wohnen, wird nur wenigen Reisenden bestimmter Branchen möglich sein. Es ist für sie Voraussetzung, daß sie ebenfalls keine oder nur wenig Muster mit sich führen, es ist weitere Voraussetzung, daß sie länger an einem Platz zu tun haben.


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