Wer soll reisen?
Ich sagte in meiner Einleitung schon, daß eigentlich mein erster Mißerfolg die Grundlage abgab dafür, daß ich später ein leidlicher Reisender wurde. Ich sagte ebenfalls, daß der Beruf des Reisenden anstrengender ist, als irgend ein anderer kaufmännischer Beruf.
Davon will ich auch jetzt ausgehen, wenn ich die Frage beantworte: Wer soll reisen?
Unerwünschte Abwechslung.
Heute hier, morgen dort! Bald im dumpfen Eisenbahnabteil, in dem man kein Fenster öffnen darf, weil es „zieht“, bald auf den Stationen, beim Türöffnen, wirklichem Zug ausgesetzt. Bald unerträgliche Hitze — bald wieder empfindliche Kälte. Heute lachender Himmel, morgen das bekannte Hundewetter. Einen Hund, so sagt man, schickt man nicht hinaus! Der Reisende darf nicht fragen, was für Wetter ist. Ermußhinaus. Und kommt er müde in sein Gasthaus, das für ihn das Heim darstellen soll, dann merkt er nur allzubald, daß der Geist willig, aber das Fleisch schwach ist. Hier wird so gekocht, dort wieder ganz anders. Heiß und kalt wie das Wetter ist, so geht es auch mit den Speisen, alles durcheinander. Dabei trotzdem eine Speisekarte von fürchterlicher Eintönigkeit. Man kommt manchmal auf den Gedanken, daß die Gasthäuser ihre Speisekarten mit aller Gewalt vereinheitlichen wollen.
Dann das Zimmer! Feuchte Bettwäsche ist ja vielfach ein Zeichen von Schlamperei! Wo sie zu finden ist,darf man in neun von zehn Fällen getrost annehmen, daß schon ein anderer Adam von diesem Bettlaken verhüllt wurde. Es wurde dann nur angefeuchtet und stark gepreßt, damit sich die alten Brüche verloren, und nun soll es traulich den neuen Leib umschließen. Aber nicht immer ist das so! In der Reisezeit wird in gut besuchten Gasthäusern die Wäsche knapp. Ist das Wetter nicht gut, trocknet es schlecht, muß so manchesmal zur wirklich gewaschenen Wäsche gegriffen werden, wenn diese noch feucht ist.
Und dann die Nerven! Ein Reisender muß Pferdestränge als Nerven haben, sonst reibt er sich beizeiten auf.
Drei angeborene Eigenschaften.
Aus allem dem ist zu erkennen, daß jeder, der reisen will, eineeiserne Gesundheitsein eigen nennen muß. Das ist aber ersteineVorbedingung!
Wenn mein erster Ausflug nicht von Erfolg begleitet war, dann lag das zu einem guten Teil — abgesehen von den Kenntnissen, die ich nicht hatte und von denen noch die Rede sein wird — daran, daß ich eben blutjung war.
So ein junger Guckindiewelt, mag er nun Engros- oder Detailreisender sein, wird immer über die Achsel angesehen. Er kommt von vornherein schlecht ins Geschäft. Hat er aber wirklich diese Schwierigkeit überwunden, so vermag er doch seinen Worten nicht den äußeren Nachdruck zu geben, den nur eine in sich gefestigte Persönlichkeit auszuüben vermag. Gewiß kann man auch zu einem jungen Mann Vertrauen haben, aber in der Regel stellt es sich nur dann ein, wenn der junge Reisende bereits bekannter geworden ist. Das Vertrauen,das gar nicht erst hergestellt werden muß, das vielmehr unbewußt da ist, hat das Alter vor der Jugend voraus. Wer deshalb auf die Reise gehen will, soll es nicht tun, wenn er nicht mindestens die „Zwanzig“ auf dem Rücken hat.
Vom Alter hängt nämlich noch eine dritte Eigenschaft ab, die der Reisende haben muß!
Ich werde in meiner Kauflust immer beeinflußt von dem Aussehen des Ladens, den ich betrete. Ich glaube sagen zu dürfen, daß es fast jedem Käufer so geht. Ein freundlicher, solide aussehender Laden, ein gewinnender Verkäufer bewirken oft einen größeren Einkauf, als wirklich tadellose Waren, die nur das Unglück haben, in einem unfreundlichen Laden zur Schau gestellt und von einem weniger tüchtigen Verkäufer angepriesen zu werden. (Siehe auch das Werkchen von Curt Büsch im gleichen Verlage: Vom Verkaufen.)
Beim Reisenden liegen die Dinge noch anders. Zunächst stehen sich hier Käufer (der Kunde) und Verkäufer (der Reisende) durchaus nicht mit der Absicht gegenüber zu verkaufen und zu kaufen. Die Absicht, zu verkaufen ist wohl immer vorhanden, die Absicht zu kaufen fast nie! Im Laden kommt dem Verkäufer die bereits ausgestellte Ware, die doch ein gewichtig Wörtlein mitspricht, zu Hilfe. Der Reisende hat oft die Hauptschwierigkeit zu überwinden, ehe er den Kunden dazu gebracht hat, die Muster überhaupt ansehen zu wollen. Er ist also beim ersten Angriff ganz allein auf seine Person angewiesen. Es gibt Menschen, die man auf den ersten Blick gern hat, sie flößen sofort Vertrauen ein. Es gibt andere, denen man mißtraut, denen man unbewußt nicht wohl will. Ein schönes Kind wird immer mehr Schokolade bekommen,als ein weniger schönes oder gar häßliches. Die Schokolade, die den Reisenden erfreut, sind die Aufträge. Ein Adonis oder Apoll braucht der Reisende zwar nicht zu sein, aber er soll doch möglichst körperlichansehnlichsein und einsympathisches Aeußereshaben.
Mit diesen drei Eigenschaften (Gesundheit, reifes Alter, sympathische Ansehnlichkeit), die der Reisende selten erwerben kann, die er höchstens zu verbessern vermag, ist es aber längst nicht getan. Wer reisen will, muß bestimmteFähigkeitenbesitzen, ohne die für ihn der Erfolg seiner Tätigkeit ausgeschlossen ist.
Es mag wohl einmal eine Zeit gegeben haben, in der man auch im Geschäftsleben den guten Freund, der uns besuchte, auf das Kanapee nötigte und für ihn auftrug, was Küche und Keller boten. Vielleicht hatte es aber auch damals schon damit sein Bewenden. Der Reisende sucht seine Kundschaft nicht zu solchem Zweck auf, sondern um Geschäfte zu machen.
Freundschaft.
Da wird er bald merken, daß nicht nur in Geldsachen die Gemütlichkeit aufhört, sondern auch in Geschäftssachen die Freundschaft. Ich habe so manchen Kunden kennen gelernt, der gut bei mir kaufte, so lange unser gegenseitiges Verhältnis ein auf Vertrauen gegründetesgeschäftlicheswar. Als das anders wurde, als wir uns freundschaftlich näher traten, da wurde zwar die Freundschaft größer, die Aufträge aber — kleiner. Kein Wunder! Einem Freund kann man mit beweglicheren Klagen kommen, ihn kann man leichter vertrösten, ihn wird man auch leichter los als den Nur-Geschäftsfreund.
Wer heute als Reisender verkaufen will, muß andere Wege gehen, als sie früher gangbar waren.
Er muß dem Kunden, den er besucht, klar machen können, daß ergerade dieWare braucht, die der Reisende zu verkaufen hat, daß die Ware, die er führt, alle Vorzüge vereint, die nur immer eine Ware haben kann, daß sie vor allem gut und billig ist.Der Reisende, der so arbeiten will, muß vor allen Dingen seiner Sache sicher sein!
Reisestimmungen.
Gewiß spielen auch manche Charaktereigenschaften in der Reisetätigkeit eine Rolle. Wer das Leben von der heiteren Seite nimmt, d. h. wer den Dingen immer eine gute Seite abgewinnen kann, wer den rechten Humor zur rechten Zeit hat, der wird immer lieber gesehen werden, als ein Mensch, der aussieht „wie vierzehn Tage Regenwetter“. Dann gehört zum Reisen einoffener Blick. Der Reisende muß wissen, an wen sein Kunde die Waren verkauft. Er muß erkennen, ob die Kundschaft seines Kunden aus Arbeitern, Landwirten oder Angehörigen der oberen Zehntausend besteht. Er muß auch in der Lage sein, einem Kunden, der gar zu arg über die schlechten Zeiten klagt, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, er muß fühlen, wo ihn der Schuh drückt.
Sodann gebraucht der ReisendeVerantwortlichkeitsgefühlund zwar mehr, als irgend ein anderer Angestellter. Bei diesem sorgt immer die geschäftliche Ordnung, das Auge des Prinzipals und die Gewohnheit dafür, daß die Pflicht erfüllt wird. Der Reisende hat keine Geschäftszeit, auf ihm ruht nicht das Auge des Prinzipals.Er hat nur eine Triebfeder: seinVerantwortlichkeitsgefühl und nur einen Maßstab, ob er seine Pflicht erfüllt hat: den Erfolg.Unverdrossenmuß der Reisende sein und unermüdlich. Es kommt bei jedem Reisenden einmal eine Zeit, in der die Kommissionen sich nicht einstellen wollen und dafür die Briefe vom „Haus“ einlaufen mit der unangenehmen Frage, warum und wieso die letzte Woche keine Erfolge gebracht hat.
Wer da den Mut verliert, ist verloren! Nur nicht mitderStimmung an das Geschäft gehen: Es ist doch vergeblich! Lieber die Tour abbrechen. Ein richtiger Reisender darf sich vom Geschick nicht unterkriegen lassen. Gab es einmal wenig Kommissionen, gut, ein Grund mehr, dafür zu sorgen, daß sie nun zahl- und umfangreicher kommen. Und auch nicht sagen: Heute geht es nicht, vielleicht geht es morgen besser. Oder: In dem Nest ist doch nichts los, also fort, wo anders hin. Nein! Wenn Kunden an einem Platz nicht gekauft haben, dann gilt es, neue Kundschaft zu suchen, die dann eben den Ausfall decken muß.
Ich sprach schon davon, daß der Reisende seiner Sache sicher sein müsse. Damit meine ich durchaus nicht nur, daßerdie selbstverständliche Gewißheit, die feste Ueberzeugung haben muß, ein gutes und leistungsfähiges Haus zu vertreten. Nein, er muß in der Lage sein, seine Gewißheit und seine Ueberzeugung zu derseines Kundenzu machen.
Dazu braucht er vor allen Dingen
Waren- und Branchenkenntnis.
Ich stand einmal als Unbeteiligter im Privatkontor eines meiner Kunden. Draußen tauchte ein Reisenderauf. Kein Konkurrent von mir, er wollte vielmehr andere Waren absetzen. Mein Kunde sah sich die Muster an und verglich sie mit seinem Bestande. Dabei hatte sich wohl herausgestellt — oder war es nur ein „Bluff“, daß seine Lagerware billiger war als die bemusterte. Ich war gespannt, wie sich mein Kollege benehmen würde! Ich will es vorausschicken: Herzlich ungeschickt! Er bemühte sich gar nicht, sich selbst ein Urteil über die Ursache des Preisunterschiedes zu bilden, sondern verfiel in Redensarten. Er hatte vorzügliches „Elsässer Fabrikat“, die Ware meines Kunden wäre hingegen sicher aus irgend so einer „Quetsche“, sie hätte augenscheinlich „zuviel Appretur“ und wäre dadurch „griffig“, d. h. sie täuschte durch ihr Aussehen über ihre mangelhafte Güte hinweg. Den Beweis wollte mein Kollege sogleich durch den „Fadenzähler“ führen. Hätte er es doch nicht getan! Er hätte zwar kein Geschäft gemacht, aber er hätte sicher nicht außer dem Schaden noch den Spott zu tragen gehabt! Die Fadenzählung ergab vollständig gleiche Qualität der Muster und der Ware. Da sieht mein Kunde die Auszeichnung! Sie enthielt die Buchstaben C. G. W. & S., C. I. und den Preis. „Hören Sie mal“, sagte da mein Kunde zu meinem Kollegen, „Ihre Ware ist von C. G. Wwe. und Sohn, es ist genau dieselbe Qualität wie die meinige, die nämlich auch daher ist. Ihr gutes „Elsässer Fabrikat“ ist in Thüringen entstanden.“
Muß schon der Verkäufer in einem Laden genaue Warenkenntnis haben, dann der Reisende erst recht. Der Verkäufer darf doch bei der Mehrzahl seiner Kunden voraussetzen, daß sie noch weniger Warenkenntnis haben, als er. Anders der Reisende. Seine Kunden kennen in der Regel die Ware, sie lassen sich nicht ein X für ein Uvormachen. Mein Kollege, von dem ich eben sprach, hatte aber noch einen anderen Fehler begangen. Er vertrat in der Tat eine große Fabrik aus dem Elsaß. Gerade die Ware, die mein Kunde ansah, bezog aber seine Firma aus einer Thüringer Weberei. Ich habe mich später erkundigt und erfahren, daß die Firma des Reisenden zu den gleichen Preisen verkaufte, wie die Weberei direkt den Kleinhändlern lieferte. Nur hatte mein Kollege nicht gewußt, daß seine Preise höher sein mußten, weil zwischen dem Kauf der Ware meines Kunden und seinem versuchten Verkauf eine enorme Baumwollteuerung eingesetzt hatte. Zur Warenkenntnis gehört deshalb auch eine genaue Marktkenntnis, die man sich mühelos durch stetes Studium des Handelsteils großer Zeitungen aneignen kann.
Nehmen wir aber einmal an, es hätten wirklich Qualitäts- oder andere Unterschiede zwischen den Futterstoffen bestanden. Dann muß der Reisende sie sofort erkennen. Er muß in der Lage sein, dem Kunden begreiflich zu machen, daß seine Ware deshalb teurer ist, weil sie irgend welche Vorzüge vor den billigeren hat. Um das nachweisen zu können, gehört oft zur Warenkenntnis die genaue Kenntnis der Herkunft des Rohmaterials.
Falsche Angaben aus Unkenntnis.
Damit aber nicht genug. Der Reisende ist eine Vertrauensperson. In doppelter Hinsicht. Sein Prinzipal hat zu ihm das Vertrauen, daß er Geschäfte macht und hilft, das Geschäft hoch zu bringen, den guten Kundenkreis zu vergrößern; der Kunde erwartet und darf es erwarten, daß ihn der Reisende sachverständig berät. Besonders gilt das bei neuen Artikeln! Bleiben wir einmal bei der Tuchbranche! Da muß der Reisende zweierlei genaukennen. Das eine fällt in die Waren-, das andere in das Gebiet der Branchenkenntnis. Auch da erinnere ich mich eines Beispiels. Mein Lehrherr kaufte einmal von einem Leipziger Engros-Haus eine Neuheit, die uns besonders empfohlen wurde. Sie war unzweifelhaft hochmodern und zudem sehr eigenartig. Der Preis war ziemlich gepfeffert. Der Reisende wurde um Auskunft gebeten, ob und wie der Stoff sich tragen würde! Gut, sehr gut! war die Antwort. Darauf wurde das Muster in drei Farben in halben Stücken bestellt. Die Stoffe gingen auch flott weg. Sie trugen sich ja gut, sehr gut, wie der Reisende erklärt hatte. Da sie teuer waren, kauften sie unsere verwöhntesten Kunden. Ein Schneidermeister, der es nicht mit dem alten Grundsatz hielt, daß man den Schmied im Dorf an dem Haus erkenne, wo das Tor aus der Angel sei, fertigte sich selbst einen Anzug von unserer Neuheit an. Nachdem er den Anzug vier Wochen getragen hatte, besuchte er uns wieder. Ich sehe ihn noch, wie er ganz trockenen Tones bat, wir möchten ihm doch eine Schere zu dem gekauften Stoff zugeben, er müsse fortwährend Fäden abschneiden, die sich von den aufgeworfenen Karos gelöst hatten.
Wir waren leider einzelne Kunden los geworden, der Reisende durfte sich für meinen Prinzipal auch einen anderen Kunden suchen.
Wie gesagt muß der Reisende Branchenkenntnis haben. Dazu rechne ich, daß er weiß, was modern ist, dazu rechne ich, daß er auch weiß, wann die günstigste Einkaufszeit ist, wann ein Artikel besonders kräftig vertrieben werden muß. Niemals soll es sich aber der Reisende beikommen lassen, seine Waren- und Branchenkenntnisse zu mißbrauchen. Das kommtimmer an den Tag! „Povel“ muß als „Povel“ verkauft werden und ein Artikel, der sich nicht bewährt hat, bewährt sich nicht dadurch, daß man ihn als besonders neu und gut bewährt hinstellt.
Wie aber sollen die Branchen- und Warenkenntnisse erworben werden? Die Grundlage muß in der Praxis gelegt werden! Ich persönlich stehe auf dem Standpunkt, daß sie zweckmäßig im Detailgeschäft gelegt wird. Leider hat unsere Lehre gerade hier empfindliche Lücken und mehr als ein Lernender ist darauf angewiesen, seine Kenntnisse mühsam „aufzupicken“, wie der Amerikaner zu sagen pflegt. Aber die Vorbedingung ist für ihn in einem Detailgeschäft günstiger, als sie für den Lageristen in einem Engrosgeschäft ist. Hier geht immer die Ware durch die Hände des Lernenden, dort lernt der Angestellte hauptsächlich die Marke und die Packung kennen. Am besten ist es aber, wenn es der Reisende ermöglichen kann, auch die Fabrikation der von ihm vertriebenen Waren kennen zu lernen. Es ist deshalb sehr zu begrüßen, daß große tonangebende Firmen mehr und mehr die Furcht vor dem Verrat der Fabrikationsgeheimnisse abtun und die Besichtigung ihrer Fabrikationsräume gestatten.
Allgemeine Bildung.
Der Reisende muß eine guteAllgemeinbildunghaben. Das erleichtert ihm das Geschäft, das macht sein Leben inhaltsreicher. Auf keinen Fall soll aber der Reisende unter Allgemeinbildung nur die Kenntnis des politischen Lebens verstehen oder gar die Erzählung pikanter Geschichtchen. Im Gegenteil soll sich jeder Reisende im allgemeinen vor politischen Kannegießereien hüten. Freilich kann und soll er Bescheid wissen, um nicht durchUnwissenheit aufzufallen. Er muß aber seine Meinung für sich behalten können.
Unter Allgemeinbildung verstehe ich jedoch etwas anderes. Ich will hierdieAllgemeinbildung nur streifen, die vielleicht eineBranchebesonders fordert. Der Buchhandlungsreisende muß sich mit seinen Kunden über die Literatur unterhalten können, wer in Musikinstrumenten reist, muß über unsere Musikgrößen unterrichtet sein, wer Sportartikel vertreibt, über den Sport und seine Größen usw. Jeder Reisende muß aber in der Lage sein, sich mit seinem Kunden zu unterhalten, über Dinge, die allgemein besprochen werden. Oft wird er dabei gewahr werden, daß seine Schulbildung durchaus nicht ausreichte, ihm die Bildung zu vermitteln, die er nun im Leben braucht. Da heißt es denn: Lesen, lernen, immer wieder lesen und lernen! In allererster Linie muß der Reisende die kaufmännischen Wissenschaften kennen. Lernte er sie nicht in der Schule oder in der Fortbildungsschule kennen, dann gilt es Fachliteratur zu studieren. Es macht einen kläglichen Eindruck, wenn z. B. ein Prinzipal eben den Börsenzettel oder den Handelsteil seines Leibblattes studiert, mit dem eben eintretenden Reisenden eine Unterhaltung anknüpfen will und dieser keine Ahnung von der Börse, ihren Gewohnheiten und ihren Geschäften hat.
Sprachunarten.
Soll ich hervorheben, daß der Reisende ein gutes Deutsch sprechen muß? Leider ist es notwendig, gerade auf diesen Punkt einzugehen. In der Tat sprechen manche Reisenden ein fürchterliches Deutsch. Besonders dann, wenn sie sich in den Sprachunarten ihres Dialektes gefallen.Der Sachse soll sich immer vor Augen halten,woer sein geliebtes Sächsisch redet. Was in Sachsen niemand auffällt, was in Thüringen leicht ertragen wird, fordert den Spott des Niederdeutschen heraus. Natürlich gilt das nicht nur den Sachsen, sondern allen Dialekt sprechenden Volksgenossen. Schlimmer aber als Dialekt-Deutsch ist ein Gemisch von Deutsch und fremdsprachlichen Brocken. Wer eine fremde Sprache nicht ganz beherrscht, soll sich hüten, sie zu gebrauchen. In meiner Erinnerung haftet immer noch ein Reisekollege, der in vielen Gasthäusern unter dem Spitznamen „Dampramang“ bekannt war. Und warum? Er war ein lustiger Geselle! War er allzu launig gewesen und wurde zum Rückzug geblasen, dann war seine immerwährende Entschuldigung, sein „Dampramang“ sei mit ihm durchgegangen. Er hat es gewiß manchmal bedauert, daß sein Temperament mit ihm durchging und ihn immer wieder veranlaßte, Fremdwörter nicht richtig anzuwenden oder falsch auszusprechen.
Dabei will ich durchaus nicht etwa raten, keine Sprachkenntnisse zu erwerben, oder nicht da Dialekt zu sprechen, wo es angebracht ist. Im Gegenteil! Wer jemals das Ausland bereisen will, muß gute, sehr gute Sprachkenntnisse haben, ja, es kann ihm schon im Inland unangenehm werden, wenn er sie nicht hat. Das gilt den Reisenden, die unsere Grenzländer bereisen, Elsaß, Lothringen und Polen. Ob der Reisende den Dialekt seiner Kundschaft sprechen soll, hängt von den Umständen ab. Wenn jemand bayerische Handwerksmeister besucht und etwa in Rixdorf daheim ist, der wird gewiß keinen allzu freundlichen Empfang finden. Kann er den Anklang an den bayerischen Dialekt finden, ist er entschieden besser daran. Wer aber weltgewandte Kaufleute besucht, soll sich nicht einreden,mit einem mühsam eingedrillten Dialekt Eindruck zu machen.
Ganz von selbst achtet der gebildete Mann auf sein Aeußeres. Ganz von selbst wird er in seiner Kleidung das richtige finden und Uebertreibungen vermeiden, die ihn in den Geruch eines Stutzers bringen. Und doch möchte ich noch ein paar Worte auf das Aeußere des Reisenden verwenden. Wir sind ja Gottlob aus der Gigerlzeit heraus, aber mancherlei ist doch sitzen geblieben. Der Reisende trage stets einen dunklen, modernen, aber nicht fatzkenhaften Anzug. Daß er immer sauber gebürstet und niemals fleckig sein darf, ist selbstverständlich. Dabei gibt es gewisse Unterschiede! Der Reisende, der Kolonialwarenhändler besucht, kann nicht nur, sondern ersollsich größere Reserve auferlegen, ausfallende Moden mitzumachen, als der Reisende, der mit Modewarenhändlern zu tun hat. Ueber zweckmäßige Kleidung werde ich unter „Ausrüstung“ noch einiges zu sagen haben.
Eine weitere Fähigkeit, die keinem Reisenden abgehen darf, möchte ichLebenskundenennen. Ein Reisender muß unsere sozialen Zeitströmungen kennen, er muß in der wirtschaftlichen Gliederung unseres Volkes bewandert sein. Ist er das nicht, kann ihm mancherlei Unbill begegnen. Die Lebenskunde wirkt sehr stark auf das Geschäft ein. Hat sie der Reisende nicht, kann es ihm leicht passieren, daß er dem Kunden Waren aufreden will, für die sein Abnehmerkreis gar keine Verwendung hat. Dann wundert sich der Reisende über den Kunden, den seine Waren nicht ansprechen; er sollte sich über seine mangelhafte Lebenskunde entrüsten und diese verbessern. Er wird dann keine Ursache mehr haben, sich über seinenKunden zu wundern. Die Lebenskunde wird den Reisenden ganz von selbst davor bewahren, Unarten zu begehen, die ihm schaden müssen. Es ist eine Unart, wenn der Reisende, der Geschäfte machen will und soll, dem Kunden nicht nur Waren, sondern auch seine politische Meinung aufhalsen will. Es ist eine Unart, wenn ein Reisender gegen Mitreisende unhöflich oder doch nicht voll zuvorkommend ist, weil diese vielleicht ein einfaches Gewand anhaben. Es ist schließlich auch eine Unart, Sitten und Gebräuche zu verspotten, über elende Nester zu schimpfen und über verlotterte Wirtschaften zu räsonieren. Der dadurch verletzte Lokalpatriotismus kann dann fürchterlich werden; mir scheint, mit Recht.
Erstickte Fähigkeiten.
Vor einem soll sich der Reisende hüten, ganz besonders der Anfänger, nämlich davor, eine Auffassung vom Reiseleben anzunehmen, wie sie ein Buchdrucker in einer mitteldeutschen Stadt kundgab, der damit zur Drucksachenreklame anzufeuern versuchte, daß er erklärte, die Reisenden sähen sich lediglich auf Kosten ihrer Chefs die Welt an und mästeten sich an reichbesetzten Tafeln. Die Gefahr, im Reiseleben ein Wohlleben zu sehen, ist besonders für den Anfänger nicht zu unterschätzen. Nicht überall hat sich Gottlob der Brauch eingebürgert, den Reisenden auf der Tour zu überwachen oder überwachen zu lassen. Es gibt aber Firmen, die eine sehr scharfe Kontrolle ausüben, es gibt sogar solche, die ihre Reisenden durch andere Reisende kontrollieren lassen. Eine solche Ueberwachung kann sich der Reisende, der voll seine Pflicht tut, nicht gefallen lassen, umsomehr soll er sich hüten, sie notwendig zu machen. Schürzen und Kartenspielhaben schon manche hoffnungsvolleFähigkeit erstickt. Nicht zuletzt trägt unser Hotelleben die Schuld daran. Hat der Reisende seine Berichte gemacht, seine Kommissionen — er hat deren hoffentlich recht viele — überschrieben, dann weiß er nicht, was er mit dem Abend anfangen soll. Im Hotelzimmer mag er nicht sitzen, weil er scheel angesehen wird, wenn er nichts verzehrt, auf seinem Zimmer mangelt ihm die Gesellschaft — und besonders „forsche“ Kollegen finden sich überall zum ... Bummel. Hand davon! Geht es nicht, im Hotelzimmer zu sitzen ohne mehr zu verzehren als angenehm ist und als Bedürfnis empfunden wird, dann kann man sich Gesellschaft auf dem Zimmer dadurch schaffen, daß man gute Bücher oder Fachzeitschriften durchliest und soweit man davon abhängig ist, auch die Modeliteratur studiert. Will man sich aber besondere Genüsse verschaffen — dann besuche man die Sitzungen oder die Vorträge kaufmännischer Vereine — und man wird auf seine Rechnung kommen. Meine schönsten Reiseerinnerungen stammen aus solchen Sitzungen.