VII.

Nord- und Ostseefahrten auf dem Flensburger Frachtdampfer „Mira“.

A. Riga. Aus der livländischen Schweiz. Von Riga nach der InselWalcheren. Middelburg. Bad Domburg.

1. Riga.

Wenn man sich Riga von Norden zu Schiff nähert, so sieht man zuerst einige Türme aus dem Wasser aufsteigen, darunter den Petriturm, den höchsten in Rußland. Von den Ufern gewahrt man zunächst nichts, denn sie sind flach. Allmählich treten sie hervor; man bemerkt jetzt, daß sie mit Kiefern bewachsen sind, zwischen denen hie und da gelber Sand hervorschimmert. Wo die Düna in den Rigaischen Meerbusen mündet, liegt die Festung Dünamünde mit Leuchtturm und Kirche; Riga selber erreicht man erst nach zweistündiger Dampferfahrt flußaufwärts.

Die Stadt hat etwa 300000 Einwohner, von denen die Hälfte Deutsche, ein Viertel Letten und ein Viertel Russen sind. Die Umgangssprache ist durchaus deutsch; alle Gebildeten sind Deutsche, die ganze Kaufmannschaft, die Börse.[6] Die Straßen- und Firmenschilder müssen außer deutsch auch russisch abgefaßt sein. Die Stadt liegt fast ganz auf dem rechten Dünaufer, das mit der Mitauer Vorstadt durch mehrere Brücken verbunden ist. Um die Altstadt zieht sich im Halbkreise der Stadtkanal, mit schönen Anlagen versehen, in denen sich das Stadtheater erhebt. Aus der Zahl der berühmten Männer, die an demselben dauernd gewirkt haben, seien nur Richard Wagner und Karl Holtei genannt; ersterer war hier Kapellmeister in den 30er Jahren. An die Altstadt schließen sich die viel ausgedehnteren neuen Stadtteile an: der Moskauer und der Petersburger. Die Straßen ähneln denen aller neueren Städte, sind breit und schön, bieten aber nicht viel Bemerkenswertes. Erwähnt seien die prächtige griechisch-katholische Kathedrale mit sechs vergoldeten Kuppeln und die neue, zierliche Gertrudkirche in gotischem Stil. An der alten Kirche, die 1812 durch Feuer zerstört wurde, hat unser Herder in den Jahren 1764-69 als Prediger gewirkt. Er nennt selbst diese Jahre die glücklichsten seines Lebens. Ein Denkmal des Dichters befindet sich auf dem Domplatz.

Die Altstadt hat viele durch ihre altertümliche Bauart hervorragende Häuser. Das älteste derselben ist das Haus derschwarzen Häupter, 1330-34 erbaut. Die Gesellschaft der schwarzen Häupter, im Mittelalter gegründet, besteht jetzt noch und zählt eine Anzahl der reichsten Kaufleute unter ihren Mitgliedern. Der Name rührt daher, daß sie den schwarzen Kopf des heiligen Mauritius in ihrem Wappen führt. Sie besitzt einen kostbaren Silberschatz, der auch künstlerisch wertvolle Stücke enthält; Tafelaufsätze, Humpen, Prunkschüsseln vom 16. Jahrhundert an. DasRitterhausgehört der livländischen Ritterschaft; dieGroße Gildedient den Kaufleuten als Versammlungslokal, dieSt. Johannisgildeden Handwerkern. Alle diese Gebäude enthalten prächtige Säle und manche Erinnerungen aus alter Zeit und sie zeugen von der Bedeutung der drei Stände in Riga: des Adels, des Handelsstandes und des Handwerks.

Um die Zeit, als Kaiser Barbarossa seine Römerzüge unternahm undHeinrich der Löwe im Norden des Reiches schaltete, da trieb es dieDeutschen sächsischen Stammes mächtig nach dem Osten. Ueber Wisby aufGotland gelangten deutsche Kaufleute schon im 12. Jahrhundert in dieMündung der Düna, wo sie mit den Eingeborenen Tauschhandel trieben.Ihren Spuren folgten missionierende Priester; einer von ihnen, BischofAlbert, kann als eigentlicher Gründer Rigas angesehen werden (1201). ZumSchutze der neuen Kolonie rief dieser die Schwertbrüderorden ins Leben.Dank der günstigen Lage, der Fruchtbarkeit des Landes und derZugehörigkeit der Stadt zum Hansabunde entwickelte sie sich schnell.Nachdem der Orden der Schwertbrüder mit dem der Deutschherren in Preußenvereinigt war, brachen Kämpfe aus zwischen den Rittern und denBischöfen, in denen bald diese bald jene siegreich blieben. Unter demOrdensmeister Wolter von Plettenberg wandte sich Riga als erste derlivländischen Städte der Reformation zu; 1541 trat es demSchmalkaldischen Bunde bei. Bald darauf kam Livland unter polnischeHerrschaft und 1582 verlor auch Riga seine Reichsfreiheit. Die Russenversuchen jetzt alles, um die Stadt russisch zu machen; doch dürfte esnoch lange dauern, bis die deutsche Sprache und deutsche Gesinnung derRigaer ausgerottet sein wird.

Sehr wichtig ist Riga als Holzhandelsplatz. Viele deutsche, englische, dänische und andere Schiffe kommen alljährlich und holen hunderttausende von Stämmen, Balken und Planken, die meist nach dem holzarmen Holland gehen. Das Holz wird in den Gebieten der mittleren und oberen Düna geschlagen und hinunter geflößt. Der Strom ist von Riga bis zur Mündung zum großen Teil mit Holz bedeckt; bisweilen haben die Schiffe Mühe, sich hindurchzuwinden. Die Flöße werden durch kleine Dampfer an die Schiffsseite geschoben, mit einem sogen. „Schutzgarten“ umgeben, der aus Stämmen besteht, die mit Ketten verbunden sind. Aus dem Wasser wird das Holz durch Winden direkt in den Schiffsraum gehoben. Diese Arbeit besorgen nur Letten, die darin eine außerordentliche Gewandtheit besitzen. Sie arbeiten von früh bis spät; nachts legen sie sich zum Schlaf auf das nasse Holz nieder. Wenn ihre Arbeit beendigt ist, so stellen sie sich auf das Vorderdeck und rufen dreimal: hip, hip, hurra! weil sie glauben, daß sonst das Schiff seinen Bestimmungsort nicht glücklich erreicht. Dann passieren sie an der Küche vorbei, wo jeder vom Koch einen Schnaps erhält. Ihren Lohn, der gar nicht gering ist, vertrinken sie gewöhnlich in wenigen Tagen, um dann die Arbeit auf einem andern Schiff von neuem zu beginnen.

2. Aus der livländischen Schweiz.

Im Laufe der Jahre macht man wohl oder übel die Bekanntschaft mit einer Anzahl „Schweizen“. So hatte auch ich allmählich außer der eigentlichen Schweiz noch die sächsische, die märkische, die altmärkische, die holsteinische über mich ergehen lassen. Nun sollte ich auch noch die — livländische zu sehen bekommen! Ich bekenne, daß meine geographischen Kenntnisse mir bisher nicht erlaubten, mir irgend welche Vorstellungen über diese Gegend zu machen; ja, ihr Dasein war mir völlig verborgen geblieben. Ich fürchte, manchem der verehrten Leser und Leserinnen wird es nicht anders gehen. Nachdem ich sie aber besucht habe, kann ich nicht umhin, meine Befriedigung über das Geschaute auszudrücken und dem Leser, wenn er in jene Gegend kommen sollte, zu empfehlen, den Besuch nicht zu versäumen. Freilich, wen führt sein Weg nach Riga? Sind doch, abgesehen von der Entfernung, die politischen Verhältnisse in den Ostseeprovinzen nicht gerade verlockend für Reichsdeutsche.

Unser Geschäftsfreund, Herr Frisk, ein Norweger, stellte uns eine Reiseroute zusammen, und am Morgen des nächsten Tages — es war ein schöner, sonniger Sonntag — begaben wir uns nach dem Dünaburger Bahnhof. Vor dem Gebäude erhebt sich eine prächtige Kapelle, errichtet aus Anlaß der glücklichen Errettung des Zaren beim Eisenbahnunglück von Gurski.

Die Fahrt ging langsam; sie dauerte fast zwei Stunden bis nach Segewold, der Eintrittsstation in die Schweiz. Ein mit uns reisender Deutschrusse versicherte uns, daß nicht alle Züge in Rußland so gemütlich führen. Die Fahrt ging meist durch Kieferwälder, die abscheuliche Spuren von Brand an sich trugen; alles war versengt; ein kläglicher Anblick. Der Deutschrusse belehrte uns, daß dies von den Lokomotiven herrühre, die mit Holz heizten und bisher keine Funkenfänger gehabt hatten; das Uebel sei jetzt aber abgestellt.

In Segewold angekommen, sahen wir uns nach den Droschken um, von denen wir, nach dem Rat unseres Freundes, eine für den Tag mieten sollten. Es waren jedoch keine zu sehen; nur eine ganze Reihe einspänniger Wagen, die aus einem Gestell mit einem Brett darauf bestanden, waren in Reih und Glied vor dem Bahnhof aufgepflanzt. Während wir zögernd dann vorbeischritten, traten mehrere der Kutscher auf uns zu und luden uns ein zum Aufsitzen; jetzt dämmerte uns ein Licht auf; das waren die Segewolder Droschken! Reit- oder Liniendroschken nennt man diese Art Beförderungsmittel, die auf dem Lande allgemein üblich sind. Man sitzt entweder wie zu Pferde oder auch seitwärts, wobei man sich an eine primitive Lehne, ein Brett, anlegen kann, während die Füße auf einem zweiten Brett ruhen. Man hat anfangs genug zu thun, sich recht festzuhalten; denn der Wagen fährt hart. Er bietet übrigens Platz für 3-4 Personen.

Nachdem wir einen Kutscher gewählt hatten, der gut deutsch sprach, wurden wir handelseinig, daß er uns für 2-1/2 Rubel überall hinfahren sollte, und wir ließen uns nicht von einem andern abspenstig machen, der uns dieselbe Leistung für zwei Rubel anbot.

Die livländische Schweiz ist eine hügelige, reich bewaldete Gegend, durchflossen von der livländischen Aa, die in den Rigaischen Meerbusen mündet. Der Wald besteht nicht auseinerBaumart vorwiegend, sondern aus vielen, wodurch reiche Abwechselung und im Herbst die bunteste Färbung hervorgerufen wird. Drei Schloßruinen, auf hohem Ufer gelegen, zeugen von der Macht der deutschen Ordensritter; es sind die Burgen Kremon, Treiden und Segewold. Von den Schloßgärten genießt man Ausblicke in das liebliche Aathal mit seinen grünen Wiesen und dem sich hinschlängelnden Flusse. Stellenweise tritt Sandstein zu Tage, der so weich ist, daß man mit dem Fingernagel darin schreiben kann. Die Gutmannshöhle, die aus solchem Sandstein besteht, ist mit Tausenden von Inschriften bedeckt, darunter folgende:

Den Namen schreibt in das Gestein,Die Heimatslieb ins Herz hinein!

Eine andere, weniger ideale Inschrift lautet:

Ach alles ist veränderlich,Das Mäuschen wird zur Ratz,Was früher hübsch Gesichtchen war,Wird doch zuletzt zur Fratz.

Auf dem Wege nach Schloß Treiden liegt ein winziges Kirchlein. Die Thür stand offen und die Klänge der Orgel und des Gesanges drangen hinaus in die warme Sommerluft. Es war eine protestantische, lettische Kirche, in der einmal jährlich deutsch gepredigt wird.

Eine ausführlichere Beschreibung dieses schönen Fleckchens Erde würde den mir zugemessenen Raum überschreiten.

3. Von Riga nach der Insel Walcheren.

Nachdem wir unser Schiff tüchtig voll Holz geladen, gingen wir die Düna hinab seewärts und erreichte ohne besondere Zwischenfälle nach 3 Tagen Skagen, jene Stelle, wo Nord- und Ostsee sich scheiden. Die Ostsee hatte ich in gutem Andenken, denn außer einem Gewitter, das uns Nachts zwischen 12 und 2 im Sunde überraschte, hatte sie uns nur gutes erleben lassen. Anders die Nordsee. Sobald wir Skagen passiert hatten, ging das Schaukeln los und hörte bis Holland, also 3 volle Tage, nicht wieder auf. Der Wind blies aus Südwest, also gerade gegen unseren Kurs, sodaß das Schiff, nach meiner Meinung, fürchterlich stampfte. Stampfen oder Jumpen nennt man die Bewegung in der Richtung der Kiellinie, Rollen oder Schlingern die Bewegung von Steuerbord und Backbord und umgekehrt (also die seitliche Bewegung). Welche von beiden Bewegungen unangenehmer ist — ich vermag es nicht zu sagen; auf der Rückreise, von Schottland nach Skagen, genoß ich 2 Tage lang das Schlingern reichlich und trage danach ebenso wenig Verlangen, wie nach dem Stampfen. — Jede Minute nahm das Schiff Wasser über, das bis auf die Kommando-Brücke, ja bisweilen über den Schornstein spritzte, der ganz weiß wurde von dem Salz, das daran haften blieb.

Die Großartigkeit des Schauspiels der heranrollenden blauen Wogen mit den weißen Kämmen, die an dem tief sich hineinbohrenden Bug zerschellen und fortwährend kleine Regenbogen bilden — das zu schildern steht nicht in meiner Macht. Völlig genießen kann man das Schauspiel meist um deswillen nicht, weil man sich nicht recht behaglich dabei fühlt, was doch unbedingte Voraussetzung bei ästthetischen Genüssen ist. Eigentlich seekrank war ich nur 24 Stunden. Da saß ich (oder lag vielmehr) kummervoll auf meinem Bette und hielt mich fest, während mein Magen sich umkehren wollte. Der Kapitän sprach mir Mut zu und wollte mich auch zum Essen anhalten; dagegen hatte ich jedoch einen nur zu begreiflichen Widerwillen.

Am Dienstag Abend näherten wir uns, einen Lotsen suchend, der Scheldemündung. Ohne Lotsen die Einfahrt zu versuchen, wäre sträflicher Leichtsinn gewesen; aber woher einen nehmen? Der Wind hatte noch nicht abgeflaut; die Nacht war im Anzuge. Endlich erschien in der Ferne ein Lotsenkutter; wir hißten die Flagge am Fockmast und der Kutter setzte ein Boot aus, das, einer Nußschale gleich, zu uns herübertanzte, bald hoch auf einer Welle balancierend, bald in einem Wellenthal verschwindend. Plötzlich ließ mein Kapitän die Flagge fallen; er hatte bemerkt, daß es ein belgischer, kein holländischer Lotse war, und als praktischer Mann konnte er jenen nicht brauchen. Wer nämlich in einen holländischen Hafen mit einem belgischen Lotsen einläuft, hat außer an diesen auch an jenen zu bezahlen, während es einem freisteht, ohne jede Erhöhung in einen belgischen Hafen sich durch einen Holländer führen zu lassen. Die Kosten belaufen sich auf über 100 Gulden, von denen der Lotse etwa 40% an den Staat zu geben hat; das übrige ist sein Verdienst.

Das Boot des Belgiers lenkte zum Kutter zurück und wir suchten weiter. Nach längerem Leiden stießen wir endlich auf einen Holländer, der uns in dreistündiger Arbeit auf die Reede von Vlissingen brachte, wo wir um Mitternacht ankamen und bis zum nächsten Morgen ankerten. Da wir aus einem choleraverdächtigen Hafen (Riga) kamen, mußten wir die gelbe Flagge aufziehen, worauf ein Arzt an Bord kam, dem wir die Zunge herausstrecken mußten. Dann fuhren wir durch die Schleuse den Kanal hinauf, der mitten durch die Insel Walcheren geht und an dem, etwa halbwegs, Middelburg liegt.

4. Middelburg.

Gedenke ich Deiner, mein liebes Middelburg, so steigen vor meinem Auge gar freundliche und friedsame Bilder auf. Deine Häuser sind so blank, Deine Straßen so sauber und nett, daß es eine Lust ist darin zu spazieren und in die mächtigen Fenster hineinzuschauen, hinter denen die holländischen Frauen züchtiglich sitzen bei ihrer Handarbeit. Deine Einwohner sind gutmütig und von entgegenkommender Art, manche ziehen sogar den Hut oder nicken dem Fremden zu. Wenn ich mit meinem lieben „Kapteihn“ so dahin pilgerte, hörte ich wohl, wie sie sich zuflüsterten: Die sind von dem großen Dampfer! Denn die Ankunft unserer „Mira“ war fürwahr ein Ereignis in Middelburg; das kommt nicht jeden Monat, ja vielleicht kaum einmal im Jahre vor. Außer uns lag nur noch eine norwegische Bark und ein dänischer Schoner im Kanal, die beide, gleich uns, Holz gebracht hatten; daraus bestand die ganze Schifffahrt. Traten wir in einen Gemüse- oder Fleischladen, um Einkäufe zu machen, so sagte der Kapitän nur: Schicken Sie es nach dem Dampfer! und die Leute wußten Bescheid. Und als ich einmal in die Irre gegangen war, fragte ich einen Herrn, wo der Weg nach dem Dampfer sei, und er wies mich ohne Weiteres zurecht.

Aber fielen wir den Middelburger auf, so machten wir doch noch größere Augen über diese. Ich will nicht reden von den Männern mit ihren glattgestrichenen und angeklebten Haaren und ihren rauhen schwarzen Hüten, die aussahen, als hätten sie 4 Wochen im Schornstein gehangen; aber die Mädchen und Frauen haben aus früheren Jahrhunderten eine eigenartige Tracht in unsere prosaische Zeit hinüber gerettet. Goldene Spangen ragen aus feingeflochtenen Strohhüten hervor, und an jeder Seite an den Schläfen endigen sie entweder in 4 eckige Platten, oder in Spiralen, oder in Kleeblätter, an denen oft Geschmeide mit Perlen und Edelsteinen besetzt hängen; alles eitel Gold, nichts Falsches. Das einfachste Dienstmädchen würde sich schämen, unechten Schmuck zu tragen, und manche legt wohl ihr ganzes Vermögen in solchen Kleinoden an. Uebrigens schwindet in der Stadt selbst die Tracht mehr und mehr, und hauptsächlich die Landbewohner und -bewohnerinnen prangen noch darin.

Vor vielen Häusern befinden sich, mit eisernen Gittern eingefaßt, zierliche Vorgärten, in denen nur — die Blumen fehlen! Statt dessen sind sie mit glatten Steinplatten ausgelegt. Sonderbarer Geschmack das! Doch bilden sie einen wirksamen Schutz für die Erdgeschoßwohnungen gegen die allzuneugierigen Augen Fremder und Einheimischer. Manche der Häuser tragen Namen, die weniger von dem poetischen Sinn der Besitzer als vielmehr von ihrer praktischen Geistesrichtung zeugen: eins heißt „Zu den drei Gießkannen“, ein anderes „In de dry Teertonnen“. Auch in Middelburg scheinen aller guten Dinge drei.

Da die Kirmes grade begonnen hatte, so herrschte ein besonders reges Leben auf Straßen und Plätzen. Voller Buden stand der Markt, und das herrliche gothische Rathaus, das Karl der Kühne erbaut hat, schaute verwundert auf all das ungewohnte Treiben herab, das er wohl nur einmal im Jahre zu sehen bekommt. Durch all das Getümmel und Marktgewühl drang bisweilen ein Stück von einer Melodie. Man weiß nicht recht, woher sie kommt, unwillkürlich schaut man hinauf, denn aus den Lüften herab tönt sie, und je mehr man sich dem „langen Jan“ nähert, dem Hauptkirchturm der Stadt, um so klarer wird es einem: daher kommt sie. Wir stiegen die dreihundert und soviel Stufen hinauf, um das Glockenspiel, das größte in Holland, zu besehen. Da hingen die 48 Glocken und gerade fing es an lebendig um uns zu werden und es erklang das Lied: Das ist im Leben häßlich eingerichtet, daß bei den Rosen gleich die Dornen stehn.

Tief unter uns lag die Stadt, weit schweifte der Blick über die reiche grüne Insel, deren goldenes Herz Middelburg bildet. Am Horizonte ragten die mächtigen Dünen, die die Insel umarmen und gegen die wild herein stürmende Nordsee schützen. Jetzt schlug es dreiviertel, und: Ich weiß nicht was soll es bedeuten! erklang es. Auf all die traurigen Lieder folgte aber um die volle Stunde: Freut Euch des Lebens! War das nicht vernünftig eingerichtet vom Künstler des Uhrwerks?

Undankbar wäre es, wenn ichsievergessen wollte, die uns so manches Angenehme gespendet hat — die Münchener Bierstube des Herrn Heßling, eines Friesen. Da sitzt man bei offener Thür und schaut bald auf die Straße und ihren Verkehr, bald in den mächtigen Humpen; als der gute Heßling merkte, welchen Durst wir mitbrachten, setzte er uns Literkrüge vor. Als mildernden Umstand mag der Leser in Betracht ziehen, daß wir 6 Tage keinen Tropfen Bier gekriegt hatten; da mundete das Franziskanerbräu vortrefflich. In Schottland, wo es mit den Kneipverhältnissen bekanntlich ganz elend aussieht, wünschten wir manchmal unsern Freund Heßling herbei, aber leider vergebens.

5. Bad Domburg

Ostende ist furchtbar schön, sagte der zweite Steuermann, ich bin an vielen Plätzen in der ganzen Welt gewesen, aber Ostende ist furchtbar schön. Leider erlaubte meine Zeit und die schlechte Verbindung es damals nicht, dieses großartigste aller Nordseebäder aufzusuchen, ich begnügte mich deßhalb, dem bescheideneren Domburg einen Besuch zu machen. Es gelang mir, auf dem Omnibus einen von den 3 Plätzen im Freien hinter dem Kutscher zu erobern; zwei Damen, eine ältere und eine jüngere, stiegen mit hinauf, und der Zufall setzte die jüngere, die fließend Deutsch sprach, neben mich. Aus der Stadt gings hinaus auf die Klinkerchaussee, die zu beiden Seiten von weidenbepflanzten Gräben eingefaßt ist. Das Land gleicht einem Garten, d.h. einem Gemüsegarten; überall die verschiedensten Gemüse, auch Getreide; kein Fleckchen ist unbebaut; hie und da auch Wiesenland mit grasenden Pferden und bunten Kühen. Das Land ist durchweg flach, und man würde wohl die ganze Insel überschauen können, hinderten nicht die vielen Hecken, Bäume und Büsche die Fernsicht. Wir passierten mehrere Dörfer, die alle einen netten, sauberen Eindruck machten, was sich in Holland von selbst versteht; die Leute, die uns begegneten, grüßten alle. Ein mächtiges steinernes Thor, das am Wege aufragte, erregte meine Aufmerksamkeit. Da war früher ein Schloß, belehrte mich meine Nachbarin, das hat man abgebrochen, weil die Leute jetzt nicht mehr so reich sind; nur die Einfahrt hat man stehen lassen. — Wir passierten noch mehrere solche Thore, doch auch einige Schlösser, in Parks gelegen und von breiten Gräben und undurchdringlichen Hecken umgeben; am Eingange standen die Namen, z.B. Ipenoord, Schoonoord.

Nach 1-1/2stündiger Fahrt näherten wir uns Domburg. Wir fuhren an einigen Villen vorbei, darunter auch der des Massagearztes Dr. Metzger, eine andere hieß nach Carmen Sylva, die hier einige Sommerwochen zugebracht hat. Vom Meere trennte uns noch die Düne; nur ein dumpfes Brausen verkündete seine Nähe. Ich stieg den Abhang hinauf zu dem Badepavillon und wandte den Blick absichtlich seitwärts, um ihn erst dann zu heben, wenn sich das Meer in seiner ganzen Pracht zeigte. Jetzt war ich oben; da lag sie vor mir, die gewaltige grüne Masse mit den weißen Schaumkämmen! Gegen den Strand rollten die langen Wogen, als wollten sie ihn verschlingen. Pallissadenreihen, in gleichmäßigen Abständen hineingebaut, schützen ihn. Draußen an der Kimme (zu deutsch Horizont) ging ein großer Dampfer hin, dem ich mit einem eigentümlichen Gefühle nachschaute; dort hatten wir vor wenigen Tagen in stürmischer Nacht auch geschaukelt, getanzt, getaumelt. Ich kletterte in den Dünen umher, die in beträchtlicher Höhe (wohl bis 100 Fuß) die Insel umkränzen. Von hier aus erweitert sich der Blick auf das Meer, zugleich aber übersieht man die Insel Walcheren mit ihren Wiesen und Feldern, aus denen Dörfer und Kirchtürme heraus schauen, bis nach Middelburg, Veere und dem Dorfe Westkapelle mit seinen beiden Leuchttürmen. Im Dünensande lagen behaglich Dorfkinder und Badegäste und genossen das Dolce far niente; einige Damen lasen in Goldschnittbüchern.

An der Mittagstafel saß ich neben einem Holländer aus Dordrecht, mit dem ich mich nur französisch unterhalten konnte, das Deutsche war ihm wenig geläufig, ein neuer Beweis (wenn es deren bedürfte), wie die Germanen vor dem Romanentum sich noch immer beugen. Wir machten nach Tische einen Spaziergang durch die s.g. Manteling, das ist eine Waldpromenade innerhalb der Dünen. Hier alles grün, mit lauschigen Plätzchen, bunten Blumen und zwitschernden Vögeln; nichts erinnert an die Nähe der Nordsee; ein paar Schritt hinauf, und das Auge sieht nur die Sand- und Wasserwüste.

Sehr befriedigt kehrte ich am Abend nach Middelburg zurück.

B. Von Korsör nach Haparanda.

„Wer kein Schiff hat, hat keine Heimat“, pflegte unser Schiffskoch, der originelle Deutschrusse Gottlieb Künstler, zu sagen. Nun, ich hatte ein Schiff, und somit auch, nach dieser Ansicht, eine Heimat, der ich wenigstens für einige Wochen treu blieb. Es war dasselbe Schiff, das mich schon im vorigen Jahre in der Ost- und Nordsee herumgetragen hatte, und dessen Kapitän, mein liebenswürdiger Freund Brink, mich auch diesen Sommer wieder mitnahm. Die „Mira“, ein Dampfer von 210' Länge und 1200 t, hatte Kohlen von Newcastle nach Korsör gebracht und sollte nun nach dem nördlichsten Punkte der Ostsee hinaufdampfen, um von dort Balken nach Harlingen (Holland) zu bringen. Wider Erwarten früh, konnte das Schiff schon am 17. Juli klar zum Abfahren gemacht werden. Kurz vorher hatten der Kapitän und ich noch einen Passagier aus dem Kopenhagener Zuge abgeholt, einen jungen Studenten der Rechte, der die Reise, seine erste Seereise, mitmachen wollte.

Es wehte eine ziemlich starke Brise aus Südwest, und die Wogen schlugen, hoch aufspritzend, an das Bollwerk. Das Schiff stampfte jedoch nur mäßig, bis sich am Abend der Wind ganz legte und wir ruhig dahinglitten. Hinter uns verschwanden bald die roten Dächer von Korsör; rechts führen wir an der langen, hügeligen Insel Langeland hin, während links, etwas weiter, Laaland liegen blieb. Gegen Abend änderten wir den Kurs und fuhren nach Osten, in den nächsten Tagen dagegen im allgemeinen nach Nordosten. Das Leuchtfeuer von Gjedser erschien links vor uns; in weiter Ferne rechts konnten wir ein Feuer bei Wismar erblicken. Während wir auf dieser Strecke wenig Schiffen begegneten, waren wir am nächsten Tage ganz von Schonern, Briggs, Barks und auch einzelnen Dampfern umgeben. Rechts tauchten die hohen Felsufer von Bornholm auf, links dämmerte die schwedische Küste. Es war ein prächtiger Morgen; die leichten Schaumkronen leuchteten rosig in der Sonne, und im Südwesten spannte sich ein Regenbogen, allmälig immer stärker werdend und mit beiden Enden das Wasser berührend, aus. Besonders schön nahm sich eine Bark mit schwanweißen Segeln aus, die eine Zeit lang so unter dem Bogen schwamm, daß er sie wie ein Rahmen umschloß.

Wir fuhren an der langgestreckten Insel Oeland und während der Nacht an Gotland vorüber, das rechts liegen blieb. Am 19. Juli war dasselbe prächtige warme Wetter. Einige Stunden westlich lag Stockholm.

Bei der langgestreckten, sanft ansteigenden, bewaldeten Insel Bremö verminderten wir die Fahrgeschwindigkeit, um dreißig schwedische Arbeiter zu erwarten, die uns von Sundsvall aus zugeschickt werden und mit nach Haparanda zum Holzladen gehen sollten. Allein kein Dampfer ließ sich sehen. So beschloß denn der Kapitän nach Sundsvall hineinzufahren, in der Hoffnung den Leuten zu begegnen und sie dann aufzunehmen. Langsam ging es vorwärts, zwischen größeren und kleineren, meist ziemlich hohen Inseln hindurch, die sich koulissenartig neben- und hintereinander schoben. Wo einmal der Wald fehlte, trat grauer Granit zu Tage; an einer Stelle eine große Fläche, deren Vegetation durch einen Waldbrand zerstört worden war. Mehrere hübsche Ortschaften und Holzplätze blieben links und rechts liegen. Als wir wieder um eine Ecke bogen, lag Sundsvall vor uns, an und auf Hügeln halbkreisförmig hingelagert, rings von höheren Bergen umgeben — ein höchst anmutiger Anblick. Die Bucht erscheint hier von allen Seiten geschlossen, im Osten durch die große Insel Alnö. Zahlreiche einzeln liegende Häuser und Villen lugen aus dem Waldgrün hervor und bilden gewissermaßen langhingestreckte Vororte der eigentlichen Stadt. Mitten in dem Meerbusen ragt eine bewaldete Insel mit Aussichtsturm hervor; zahlreiche kleine Passagierdampfer beleben das reizende Bild. In weiterem Abstand von der Stadt überall massenhafte Holzlager, vor denen eine Anzahl Segelschiffe halten, mit Laden beschäftigt. Sundsvall ist der größte Holzausfuhrplatz Schwedens; das Holz wird die Indalself, die von Norden in die Bucht mündet, hinabgeflößt; unmittelbar bei Sundsvall mündet der Lungen.

Kann man die Stadt als eine der schönstgelegenenOstseestädte bezeichnen, so muß sie zugleich auch eine der schönstgebautengenannt werden; ja man kann sagen, es giebt keine von ähnlicher Kleinheit, die annähernd so großartige Gebäude, Straßen und Plätze aufwiese. Im Jahre 1888 wurde das alte, ganz aus Holz gebaute Sundsvall ein Raub der Flammen; aus der Asche erhob sich das neue, in dem man sich nach Berlin oder Paris versetzt fühlen würde, wenn nicht von allen Seiten das prächtige Grün der Berge, Wälder und Wiesen hereinschaute.

Da wir durch die Zollrevision und die Ausnahme unserer dreißig Schweden einen mehrstündigen, unfreiwilligen Aufenthalt bekamen, so benutzten wir diesen, um uns an Land rudern zu lassen und einen, wenn auch nur flüchtigen Einblick in Sundsvalls Herrlichkeiten zu nehmen. Das Rathaus, das Gymnasium, die höhere Mädchenschule, mehrere Banken und eine Anzahl Privathäuser würden jeder Großstadt Ehre machen.

Wir besuchten mehrere Restaurants, die hübsch ausgestattet und mitSprüchen versehen waren. Einer in altschwedischer Sprache lautete:

Den som sviker i dryckjom, sviker ock i androm styckjom.(Wer im Trinken betrügt, betrügt auch in anderen Dingen).

Als wir an einem Barbierladen vorbeikamen, machte der Kapitän unserem dänischen Studenten den Vorschlag, sich rasieren zu lassen. Obgleich dessen Flaum des Messers kaum benötigte, willigte er sofort ein, als er hörte, daß dies Geschäft von zarter Damenhand besorgt würde, und wir begleiteten ihn, um das Schauspiel mit anzusehen. Zwei Grazien waren beschäftigt, den Männern ihren Mannesschmuck zu rauben, eine dicke, die Besitzerin, und eine dünne, die Beisitzerin. Letztere bemächtigte sich unseres Freundes; als er fertig war und bezahlt hatte, sagten wir ihm, er müsse der Dame zum Schluß einen Kuß geben. Dies geschah zu beiderseitiger Zufriedenheit; die Hausherrin gestattete aber nur einen Handkuß. Uebrigens wird die Rasierkunst in Schweden keineswegs allgemein von Damen betrieben.

Mit angenehmen Eindrücken schieden wir von dem prächtigen, sonnbeschienenen Sundsvall und seiner wundervollen Bucht, die beide in der Welt viel zu wenig bekannt sind.

Die Fahrt ging an der schwedischen Küste weiter, deren niedrige, blaue Berge schöne Formen zeigen. Die finnische Küste bleibt gänzlich versteckt; sie ist zu weit entfernt. Dem Nordpol so nahe, wird es während der Nacht gar nicht dunkel. Die Magnetnadel zeigt eine ziemlich starke Abweichung, was vielleicht den großen Eisenmassen in Schweden zuzuschreiben ist. Das Wasser ist in diesem Teile der Ostsee süß, was durch die vielen Flüsse bewirkt wird, die hier münden. Schiffen begegnet man fast gar nicht; einsam und verlassen liegt der mächtige Bottnische Meerbusen da, dessen nördlicher Teil vom Oktober bis Juni zugefroren ist. Einmal glaubten wir zwar andere Fahrzeuge zu bemerken, aber das war, wie sich später herausstellte, eine Täuschung. Da es charakteristisch dafür ist, wie leicht man sich auf See täuschen kann, will ich etwas näher darauf eingehen.

Der Steuermann machte mich auf ein paar Segler aufmerksam, die in weiter Ferne vor uns auftauchten. Ich nahm das Glas und zählte drei. Bald aber wurden es mehr, sodaß ich nahe bei einander neun Segler und einen Dampfer zu zählen glaubte. Als wir aber näher kamen, meinte der Steuermann, es wären wohl nur einige Schiffe; die übrigen Erhöhungen dagegen seien Land, das er in jener Richtung erwartete. Je näher wir kamen, um so deutlicher zeigte sich, daß kein einziges Schiff da war; was wir gesehen hatten, war vielmehr die Insel Malören, die südlichste der nach Hunderten zählenden Scheeren, die vor Haparanda liegen. Allmälig erkannte man deutlich die kleine, flache, graugelbe Insel mit mehreren Gebäuden, unter denen eine plumpe Fischerkapelle und ein kegelförmiger Leuchtturm hervorragten; drei Bäume machten den schwachen Versuch, ihr Dasein zu fristen. Nachdem wir die Flagge gehißt hatten, zum Zeichen, daß wir einen Lotsen wünschten, löste sich ein Ruderboot vom Ufer und steuerte auf uns los. Bald darauf stand der Lotse auf der Kommandobrücke und führte unser Schiff durch die vielen, meist dichtbewaldeten Scheeren um die größere Insel Seskarö herum. In einer der nördlichen Buchten dieser Insel lag unser Holz bereits im Wasser; dort also rasselten unsere Anker nieder, und wir befinden uns nun zwischen den mit Birken und Fichten bewachsenen Inseln in einer ganz einsamen, idyllischen Gegend. In der Ferne sieht man einen blauen Streifen; das ist das Festland, wo Haparanda liegt und wohin wir morgen mit einem kleinen Dampfer fahren wollen. Die Reise von Korsör nach hier (gegen 1900 Kilometer) haben wir in etwa 100 Stunden beendigt.

Um sofort mit dem Laden beginnen zu können, mußte der Kapitän so schnell als möglich nach Haparanda zum Zollamt. Da ein Passagierdampfer aber erst Abends um 7 fuhr, wurde ein Dampfer, der sonst zum Schleppen von Flößen dient, gemietet. Morgens um 1/2 7 Uhr fuhren wir mit diesem nach Haparanda, wo wir um 1/2 9 ankamen. Ein Fremder hätte den Weg durch die vielen Scheeren wohl kaum gefunden, besonders da seichte Stellen die Passage noch schwieriger machen. Die Landschaft erinnert an die des mittleren Mississippi; derselbe breite Wasserspiegel mit unzähligen, schwimmenden Wäldern; diesen Eindruck machen die meist flachen, ganz mit Wald bedeckten Inseln. — Schon von ferne fielen uns zwei Türme auf, zu denen sich bald ein dritter gesellte; es waren die Kirchen von Haparanda und dem gegenüber liegenden finnischen Städtchen Tornea; die Torneelf trennt beide. Haparanda besteht durchweg aus sauberen, einstöckigen, mit verschiedenen Farben gestrichenen Holzhäusern; ein zweistöckiges Gebäude sieht man selten. Die ziemlich breiten Straßen kreuzen sich rechtwinklig; sie sind ungepflastert, aber sauber und sandig; hier und da, namentlich zur Seite, wächst Gras. Hervorragende Gebäude sind nicht vorhanden; den Läden, die wegen des Sonntages geschlossen waren, sah man ihre Dürftigkeit doch an. Die Einwohnerzahl Haparandas beträgt etwa 1500. Im Telegraphenamt befindet sich zugleich die meteorologische Station, durch die das Städtchen einigermaßen in der Welt bekannt ist. Während der Kapitän seine Zollgeschäfte besorgte, schrieb ich in dem Zimmer der Post eine Anzahl Karten, und unser dänische Student kaufte sich Benzin in der Apotheke, um Fettflecke zu vertreiben. Er hatte aber Pech damit; denn als die Hose wieder sauber aussah, schüttete ihm nach einigen Stunden eine Kellnerin einen Topf voll Rahm darauf.

Schon nach 1-1/2 Stunden beschlossen wir, da gerade ein Passagierdampfer fuhr, nach unserm Ankerplatz zurückzufahren und Haparanda später noch einmal zu besuchen. Der Passagierdampfer, der an Wochentagen den Verkehr zwischen Haparanda und Lulea besorgt und an Sonntagen Extrafahrten zu machen scheint, war erst vor einem Monat aus einer Stockholmer Werft hervorgegangen und zeichnete sich durch eine etwas fadenscheinige Eleganz aus.

Um 10 Uhr wurde das Frühstück aufgetragen, das nach schwedischer Sitte mit den auf einem Seitentisch servirten „Smörgods“ begann. Ich zählte 16 verschiedene Sächelchen, darunter Renntierschinken. Eine merkwürdige Einrichtung traf ich hier, die mir noch nirgends begegnet war; der Appetit des männlichen Geschlechts wurde ohne Weiteres über den des weiblichen geschätzt und demgemäß höher besteuert. Also:

Frukost för Herre 1,25" " Dam 1,—

So ging es auf der Speisekarte weiter mit Mittag- und Abendessen; immer mit Preisunterschied für Herren und Damen.

Um Mittag kamen wir wieder auf der Insel Seskarö, unserm Landungsplatz, an. Seskarö dient den Haparandaern als Ausflugsort, wie die stattliche Anzahl von Passagieren bewies, die, sonntäglich gekleidet, das Schiff füllten. Es sollen sich sogar 80 „Sommerfrischler“ auf der großen Insel aufhalten, die in ungestörtester Einsamkeit den kurzen Sommer genießen. Einwohner zählt Seskarö 50, wenn wir recht berichtet sind, darunter mehr Finnen als Schweden. Diese Insel etwas kennen zu lernen, war unser nächstes Ziel, und wir begannen sie alsbald zu durchstreifen. Die Kreuz und Quer führen Wege durch den Wald, dessen hügeliger Boden durch zahlreiche große Steine und Felsblöcke noch unebener wir. Die Bäume — Nadelhölzer und Birken — sind meist niedrig; größere Exemplare trafen wir nicht. Darunter wuchern besonders Heidelbeeren, die gerade reif waren. Vögel sahen wir wenig. Das Läuten von Kuhglocken tönte bisweilen durch die Stille und erinnerte an schönere Gegenden, wie Thüringen und die Schweiz. Auch eine Anzahl zahmer Renntiere soll auf Seskarö leben, doch bekamen wir keine zu Gesicht. Dagegen gelang es uns, von einem Bauern eine Anzahl Geweihe zu kaufen, wovon die größeren 1 Krone das Stück kosteten, die ganz kleinen 1/2 Kr. Bei einem anderen Bauern sahen wir prächtige Renntier- und Bärenfelle, doch verlangte der Mann einen zu hohen Preis (25-50 Kr.) Mit den Frauen konnten wir uns nicht immer verständigen, weil sie kein Schwedisch sprechen, sondern nur Finnisch.

Die Bauernhäuser der Insel sind natürlich alle von Holz; dabei befinden sich Ställe für das Vieh und Gerüste zum Trocknen des Getreides und Heues; auch viele Schlitten sahen wir. Die Ziehbrunnen hatten mächtig lange Querbalken; bei dem einen ging er über eine Scheune hinweg. Zwischen den Wäldern waren hie und da Strecken für den Feldbau gewonnen; die Gerste und der Hafer standen zwar niedrig, aber doch ganz gut. Die Gerste war meist reif, die Kartoffeln blühten.

Wundervoll sind die Nächte hier im Norden. Der Nordhimmel strahlte in Gold, während im Osten die fast volle Mondscheibe aufstieg. Als wir einst, auf der Kommandobrücke skatspielend, nach der Uhr sahen, war es gegen 12, und dabei so hell wie um 8. Die Mannschaft lag in Ruhe, die deutschen Lieder waren verklungen; der Haparandaer Dampfer hatte längst die Ausflügler zurückgebracht. Völlige Stille lag über der eigenartigen Landschaft; nur das Meer plätscherte leise gegen die Schiffsseite; die dunklen Wogen waren ganz wie in Gold getaucht.

Schiffe kommen nur in geringer Zahl in diese Gegend. Wir bemerkten einige Briggs und eine Bark, zwischen den Scheeren mit Holzladen beschäftigt; ein italienischer Schoner war, wie uns der Lotse erzählte, gezwungen, nach Umea in Quarantäne zu gehen, weil er aus einem cholera-infizierten Hafen (Petersburg) gekommen war. In der Seskaröer Bucht hatte noch nie ein Schiff geladen; die „Mira“ war das erste, das überhaupt diese Stelle befuhr; deshalb kannte der Lotse auch das Fahrwasser nicht genau und fuhr sehr vorsichtig. Eigentliche Wirtshäuser giebt's nicht auf Seskarö, nur zwei Speisehäuser, in denen auch Bier verschänkt wird. In eins derselben kehrten wir ein. Wir fanden ein mächtig großes Zimmer, in dessen vier Ecken Fichtenbäume gestellt waren, die bis an die Decke reichten. Ein riesiger Ofen prangte außerdem in der einen Ecke, auch ein Bett fehlte nicht in dem merkwürdigen „Salon“. Das Bier, das hier wie überall verschänkt wird, nennt sich Pilsener, ist aber in Schweden gebraut.

Von unserm Ankerplatze aus sahen wir einige Häuser und eine Sägemühle. Ein Teil der Bucht war mit Balken bedeckt, die allmählich zu uns heran geschoben und dann mit Dampfwinden in den Raum gehoben wurden. Leute mit langen Stangen, die mit eiserner Spitze beschlagen sind, stehen auf den schwimmenden Balken und stoßen sie ans Schiff heran. Es sind im Ganzen etwa 4000 Balken, eigentlich Stämme, die nur der Rinde beraubt sind und zwischen 15 und 30' Länge haben; ein Stamm kostet durchschnittlich 6 Mk., im Ganzen also 24000 Mk. Die Fracht dafür beträgt etwa 12000 Mk. An Kohlen faßt das Schiff ungefähr für 12000 Mk., deren Beförderung etwa 6000 Mk. kostet. Bei diesen Waren beträgt die Fracht also etwa 50 Prozent des Wertes.

Die Balken waren diesmal außerordentlich schwer, so daß das Schiff besonders tief ging, ohne daß die Deckslast über das Mittelmaß hinausgegangen wäre. Es wird nämlich nicht nur der eigentliche Schiffsraum verwendet, sondern auch das Vorder- und Hinterdeck, und zwar erhalten diese etwa 1/3 der Gesamtladung. Da die Schiffe nach dem Kubikinhalt ihres Laderaumes Abgaben zahlen müssen, das Deck aber nicht als zum „Raum“ gehörig angesehen wird, so wird, auf diese Weise Geld gespart.

Unser zweiter Ausflug nach Haparanda geschah hauptsächlich, um das Schiff auszuklariren, d.h. die Papiere beim Zollamt zu erlangen, die zum Verlassen von Seskarö nötig waren. Zugleich wurde telephonisch ein Lotse für Mittwoch Mittag bestellt; die Abreise verzögerte sich jedoch bis zum Abend. Ferner wurden Brot und Eier gekauft und die Sehenswürdigkeiten von Haparanda noch einmal in Augenschein genommen. Auf den Straßen zeigte sich nicht mehr Leben, als am Sonntag.

Auf einer sehr langen, primitiven Holzbrücke wanderten wir nun über die Torneelf hinüber nach der finnischer Grenzstadt. Sie liegt auf einer Insel, beginnt jedoch nach der schwedischen Seite landfest zu werden, so daß die Brücke mehr über Sumpf und Wiese als über Wasser führt. Die Ueberschreitung kostete uns je 5 Oere beim Hin- und Zurückgehen. Im Aussehen ähnelt Tornea ganz Haparanda: Holzhäuser und mit Sand bedeckte Straßen. Eigentlich hat Tornea nur eine lange Straße, in der sich einige Läden befinden. Die Inschriften sind hier meist dreisprachig: russisch, finnisch, schwedisch. In einer Buchhandlung, die wir zu unserm Erstaunen sahen und in der schwedische, finnische und deutsche Litteratur vorrätig war, fanden wir als Verkäuferin ein junges Mädchen, eine Finnin, die fließend deutsch sprach. Auf Befragen erklärte sie uns, daß sie ein Jahr in Deutschland in Pension gewesen (in Wolfenbüttel), daß sie aber nicht ohne Vorkenntnisse des Deutschen dort hingegangen sei, da in den finnischen Schulen Deutsch gelehrt werde.

Etwas nördlich von Tornea liegt ein Hügel, Aavasaksa genannt, von dessenSpitze man 14 Tage lang (8 Tage vor und 8 Tage nach dem 24. Juni) dieMitternachtssonne sehen kann. Ein Pavillon krönt den Gipfel des Hügels.

Außer einer russischen Kirche mit den bekannten Zwiebelkuppeln giebt es noch eine evangelische, deren Kirchhof wir besuchten. Er trägt Denkmäler mit schwedischen und finnischen Inschriften und ist mit Birken und Eschen bepflanzt. Die Kirche hat einen sehr spitzen Thurm; in der Nähe steht ein plumper Thurm, der die Glocke enthält.

Der Boden um Tornea schien fruchtbar, die Wege waren mit Sand bestreut, um bei nassem Wetter passierbar zu bleiben. Daß die Kultur auch diesen hohen Norden beleckt, davon zeugte ein Radfahrer, der uns in der Hauptstraße begegnete.

Am Mittwoch, den 25. Juli, Abends 9 Uhr, lichteten wir den Anker und befanden uns nach einigen Stunden außerhalb der Scheeren, wo uns der Lotse verließ. Die Reise ging bei schönstem Wetter schnell von Statten. Bei Sundsvall wurden die Schweden ausgeschifft. Später bekamen wir etwas Seegang, doch nicht so arg, daß jemand seekrank geworden wäre. Auf meinen Wunsch steuerte der Kapitän ziemlich nahe an der Insel Gotland vorbei, so daß ich die altberühmte Hansastadt Wisby mit ihren vielen Türmen und halbverfallenen Befestigungen sehen konnte.

Sonntag Abend liefen wir in den Sund ein, passierten um 2 Uhr nachtsKopenhagen und lagen Montag früh 4 Uhr vor Helsingör. Hier ließ ichmich, da meine Zeit abgelaufen war, an Land setzen und fuhr überKopenhagen nach Flensburg, wo ich Montag Abend eintraf.

Die vom schönsten Wetter begünstigte Reise hatte 14 Tage gedauert und umfaßte im Ganzen etwa 4000 Kilometer.

C. Flensburg. Helsingör. Gent. Schottland.

1. Nach Helsingör.

Wie Iphigenie einst am Strand von Tauris saß, „das Land der Griechen mit der Seele suchend“, so saß auch ich am Strande, aber nicht von Tauris, sondern von Seeland, und zwar suchte ich nicht Griechenland, sondern bloß Finnland, woher ich die „Mira“ erwartete, die mich an Bord nehmen sollte. Die Zeit wird einem bekanntlich lang, wenn man wartet, und doppelt lang, wenn man so aufs Ungewisse wartet. Unter den Hunderten von Schiffen, die täglich den Sund passieren, das richtige herausfinden, war keine Kleinigkeit. Ich glaube, ich konnte dem alten Knaben aus Salas y Gomez seine Qualen wenigstens en miniature nachfühlen. Der mir seit Jahren befreundete Kapitän des Schiffes hatte ein Zeichen mit mir verabredet, an dem ich die „Mira“ erkennen sollte; er wollte mit der Dampfpfeife einen langen Ton und zwei kurze geben. Daß ich eine unruhige Nacht hatte, läßt sich denken. Schon um drei weckte mich ein Pfiff. Ich sprang ans Fenster und sah ein Dampfschiff vorbeigleiten — „doch das eine war es nicht“. Kapitän Brink hatte mir die Stunde seiner Abfahrt von Lappvik in Finnland nach Flensburg telegraphiert, und ich konnte danach ziemlich genau berechnen, wann er Helsingör passieren müßte: 60 Stunden brauchte er bei normalem Wetter zu der Fahrt; das wäre Sonntag früh um 6 Uhr gewesen. Um 5 Uhr stand ich auf und trank Kaffee. Im Hotel regte sich außer dem Portier und dem Hausmädchen noch nichts. Von den breiten Fenstern des Restaurants im Erdgeschoß konnte ich den belebten Sund, an dessen schmalster Stelle Helsingör liegt, übersehen, auch Helsingborg auf der schwedischen Seite. Als der Regen aufhörte, spazierte ich am Ufer hin und her; herrlich von der Sonne beschienen lag die seeländische Küste da; zur Linken drohte die finstere Kronburg, auf deren Terrasse einst der Geist von Hamlets Vater die Wache in Schrecken setzte. Allmählich wurde es lebendig im Restaurant, Fremde gingen ab und zu, dänische Offiziere tranken ihr Bier, lasen die „Fliegenden Blätter“ und plauderten. Ich las alles, dessen ich irgend habhaft werden konnte, vor allem das Kopenhagener Adreßbuch. In Verzweiflung fing ich an, die Spalten mit den am häufigsten vorkommenden Namen zu zählen, will aber den Leser mit dem eingehenden Ergebnisse dieser wichtigen Statistik nicht behelligen, sondern nur mitteilen, daß Hansen 38 Spalten à 84 Zeilen füllt (also 3192 Träger dieses Namens giebt es, wobei die Zahl der etwaigen Familienmitglieder nicht berücksichtigt ist); demnächst kommt Petersen (34 Spalten), Jensen (33 Spalten), Nielsen (31 Spalten), Andersen (18 Spalten) &c. Da muß sich das Flensburger Adreßbuch mit seinen 12 Spalten Hansen und 12 Spalten Petersen verkriechen! Erwähnen will ich doch, daß der berühmte Ibsen 1-1/2 Spalten Namensvettern hat, von denen sich allerdings einige mit dem „harten“ p schreiben.

Da ich überall, wo ich bin, gerne die Nationalgerichte probiere, so ließ ich mir eine Portion Jodbaer med Flöde geben (Erdbeeren mit Rahm), die bei mir von einem früheren, längeren Aufenthalt in Kopenhagen noch in gutem Andenken standen. Als ich diese möglichst langsam verzehrt hatte, schlug ich eine Stunde tot mit dem schwedischen Kursbuch. Ich erfuhr genau, wie viele Stunden man von Malmö nach Stockholm braucht und daß Dampfschiff auf schwedisch Ångbåt heißt. Als Zwischengericht trank ich ein Glas Helsingörer Bier, unbekümmert darum, was die Erdbeeren und der Rahm zu dem neuen Ankömmling sagen möchten. So wurde inzwischen aus der sechsten die zwölfte Stunde. Meine Nervosität wuchs, aber es blieb mir nichts übrig, als mich allmälich nach der Zeit des Mittagessens im Hotel zu erkundigen. Zugleich ließ ich mir ein Fernrohr vom Kellner geben, und siehe da, jetzt erschien ein Schiff vom Süden, das große Aehnlichkeit mit der heißersehnten „Mira“ aufwies. Die äußere Form, lang und schlank, die Holzladung, der in mächtigen Buchstaben an der Breitseite prangende Name, der zwar noch nicht lesbar war, aber etwa vier Buchstaben zeigte; endlich — und dies Zeichen konnte nicht trügen — der siebenzackige weiße Stern auf dem blauen Bande des schwarzen Schornsteins, und jetzt — ertönte ein Pfiff, ein langer, endlos langer — ich rufe nach meinem Koffer, der sich noch auf meinem Zimmer drei Treppen hoch befindet — ein zweiter kurzer Pfiff, dem gleich darauf ein dritter folgt — inzwischen ist der Koffer gekommen — ich suche nach dem Portier, um ihm drei Postkarten zu bezahlen und ein Trinkgeld zu geben für die Teilnahme, die er für mein Schicksal gezeigt — er ist nicht zu finden, da soeben ein Zug auf dem Bahnhof ankommt — gleichviel, ich muß fort und dem Braven schuldig bleiben — ich schicke ihm später den Betrag durch Postanweisung; mag er mich eine Woche lang für einen Verräter halten! Ich stürze mit meinen Siebensachen nach der Mole, finde nach einigem Suchen ein Boot und bin in einer kleinen Viertelstunde an Bord der „Mira“, die inzwischen beigedreht hat; auf der Kommandobrücke schwenkt der Kapitän seinen Hut; ich drücke meinem Bootsführer eine Krone in die Hand, muß aber noch zwei nachzahlen, denn das ist die Taxe (bei schlechtem d.h. stürmischem Wetter und in der Nacht sind es sogar fünf), und — me voilà, ich klettere die Fallreep hinauf, ich bin geborgen. Das Schiff setzt sich wieder in Bewegung, sein Aufenthalt hat höchstens eine halbe Stunde gedauert, ich habe also das beruhigende Bewußtsein, seinen Reedern keinen erheblichen Schaden zugefügt zu haben.

Während ich es mir in meiner Kabine bequem mache, meine Sachen auspacke und ordne, möge der wißbegierige Leser sich kurz erzählen lassen, wie ich von Flensburg nach Helsingör gelangt bin.

Als Kuriosum verdient zunächst erwähnt zu werden, daß man zu der etwa zehnstündigen Reise acht verschiedene Fahrgelegenheiten (zwei Dampfschiffe, sechs Eisenbahnen) benutzen muß. Von Flensburg gings 12 Uhr mittags mit dem Zuge nach Norden, durch endlose Heiden, die nur dem erträglich werden, der sie mit der Phantasie eines Andersen betrachtet. Dazu muß man besonders aufgelegt sein, und das war ich nicht; der fortwährend herabrieselnde Regen trug auch nicht zur Verbesserung der Laune bei. Wie eine Wohlthat empfand ich es, als jenseit der dänischen Grenze das Terrain wellig wurde und die kleinen Thäler mit frischen Wiesen, die niedrigen Berge mit prächtigen Buchenwäldern sich schmückten. Der andauernde Regen der letzten Wochen, der jetzt plötzlich aufhörte, hatte bewirkt, daß die Wälder wie im Maigrün prangten.

Kleine Nationen (ganz Dänemark zählt etwas mehr Einwohner als Berlin) lieben es bisweilen, besonders deutlich Farbe zu bekennen. Alle Lokomotiven, die ich sah (und ich sah wohl beinah alle!), und alle Dampffähren (auch von diesen dürften mir nicht viele entgangen sein), tragen weiß-rote Bänder an den Schornsteinen; auch dänische Seedampfer sah ich häufig mit den Nationalfarben am Schornstein.

Erquicklich angemutet fühlte ich mich durch das Abschiedswort, das man überall hört:Farvel! Wir haben uns unsern deutschen Gruß leider durchAdieu! rauben lassen, und wo man auf dänischen Bahnen und in dänischen Wartesälen den französischen Gruß hört, da kann man sicher auf — Deutsche schließen. Nicht beistimmen kann man den Dänen, daß sie sich, seit den letzten 30 Jahren, so entschieden von allem Deutschen ab- und dem Französischen zuwenden, zu welch ersterem sie doch nur einen Appendix bilden. Man muß das Lachen verbeißen, wenn man im Rauchzimmer der Dampffähren unter Photographieen, die als Reklame zur Bereisung Dänemarks anfordern sollen, liest: Lac de Sorö, Ruines du Chàteau de Kolding, Une ruelle de Ribe. Für wen sind denn diese Unterschriften? Etwa für Franzosen? Wieviel Franzosen bereisen Dänemark? Es ist nicht übertrieben, wenn man auf hundert Deutsche einen Franzosen rechnet. Man berechne doch billigerweise die Reklame nach demjenigen Volke, das wirklich kommt und Geld ins Land bringt und nicht nach demjenigen, dessen geographische Begriffe über Dänemark sicher ebenso verworren sind, als über manche anderen großen und kleinen Länder.

In Friedericia müssen wir den Zug verlassen, der weiter nach Norden dampft, und nach kurzer Kaffeepause besteigen wir den Zug, der uns in zwei Minuten hinunter an den kleinen Belt bringt, wo die Dampffähre auf uns wartet. Sie nimmt nicht nur die Passagiere, sondern auch einige Eisenbahnwagen auf. In 1/4 Stunde sind wir drüben auf der Insel Fünen, deren fruchtbare Fluren wir in 1-1/2 Stunden durchqueren. Andersens Geburtsort Odense verrät mit seinem prosaischen Bahnhof, der ebenso wie alle übrigen dänischen Bahnhöfe in geschmackloser Weise durch Plakate verunziert, nichts von dem Zauber der Poesie, der in dem großen Märchenerzähler wohnte.

Auf der Ostseite Fünens besteigen wir die weit größere Dampffähre, die uns über den Großen Belt trägt. Das ist schon eine Art Seefahrt; sie dauert reichlich eine Stunde. Zwölf Eisenbahnwagen zählte ich, die auf der mächtigen Fähre Platz fanden. Möven umflatterten zu Dutzenden das Fahrzeug und erschnappten im Fluge gierig die Bissen, die ihnen von Reisenden zugeworfen wurden. Ein stolzes deutsches Kriegsschiff, das unseren Kurs kreuzte und bald im Kattegat verschwand, erregte die Aufmerksamkeit der Passagiere weit weniger, als ein Zauberkünstler, der mit wenig Witz und viel Behagen seine Sprüchlein hersagte und bald ein dankbares schaulustiges Publikum um sich versammelte. Nach jedem Stück erntete er Gelächter, von Zeit zu Zeit verlangte ihn aber nach greifbarerem Lohne, den er in seinem schäbigen Zylinder einheimste.

In Korsör vertauschte ich wieder das Dampfschiff mit dem Zuge, der mich in reichlich einer Stunde nach Kopenhagen brachte. Seeland bietet landschaftlich weit mehr als Fünen. Bald braust der Zug durch prächtige Buchenwälder; bald sieht man rechts und links reichen Wechsel von Hügeln und Thälern, Wiesen mit weidendem Vieh, Kornfelder, hie und da auch einen See. Hier und bei Roskilde werden dem litteraturkundigen Deutschen Erinnerungen wach. In Sorö lehrte einst Basedow; Roskilde ist durch Klopstocks Ode „Rothschilds Gräber“ berühmt geworden.

In Kopenhagen hatte ich nur eben Zeit umzusteigen, und durch die Dämmerung ging's gen Norden, nach Helsingör, wo ich gegen 11 Uhr eintraf und im Jernbanehotel (Eisenbahnhotel) abstieg.

2. Von Helsingör nach Gent.

Die Fahrt über das Kattegat giebt schon einen kleinen Vorgeschmack derNordseefahrt, wie das Kattegat der Nordsee auch mehr ähnelt als dersanfteren Ostsee. Diesmal freilich merkte man nichts von der Rauheit,die hier herrschen kann, bei solchem Sonnenschein und solcher leichtenBrise kann auch die zarteste Landratte zur See fahren. Es war, als obsich einige Dutzend Dampfer mit einigen hundert weißbesegelten Schonern,Briggs und Barks Rendezvous gegeben hätten auf dem blauen Parkett desKattegats, so wimmelte es von Schiffen. Zur Rechten (verpöntes Wort aufSee; wenn ich es brauchte, hielt sich mein sonst so liebenswürdigerKapitän entsetzt die Ohren zu und rief: Steuerbord, Doktor, Steuerbord!Rechts heißt Steuerbord, links Backbord! Und das ist nun DeinedritteReise mit mir!), also auf der Steuerbordseite stieg das schwedischeVorgebirge Kullen aus der Flut, dessen graziöse Konturen an die desTaunus, von Frankfurt aus gesehen, erinnern.

Da ich sehr ermüdet war, suchte ich, nachdem ich mich von meinerEntbehrlichkeit auf der Brücke überzeugt hatte, frühzeitig meine Kojeauf, um den mir geraubten Schlaf nach Kräften nachzuholen. Doch dasUnglück schreitet bisweilen schnell!

Als ich im besten Schlafe war, wurde ich durch die dumpfen Töne des Nebelhorns geweckt. Ich wußte, was das zu bedeuten hatte, zog mich, obgleich es etwa 3 Uhr Morgens war, schleunigst an und kletterte auf die Kommandobrücke, wo der Kapitän und der 1. Steuermann standen und in den dichten Nebel hinausblickten. Wir befanden uns nicht weit von Skagen; unserm Nebelhorn antworteten ab und zu diejenigen anderer in der Nähe befindlichen Dampfer. Nach einer Viertelstunde etwa senkte sich die Hülle, und wir wurden durch einen herrlichen, klaren Sonnenaufgang entschädigt. Wie der obere Rand der goldenen Scheibe über der schwarzblauen Flut aufblitzte, dann breiter und höher wurde und sich als rotgoldener Ball allmählich halb und endlich ganz emporhob — das zu beschreiben ist unmöglich. Ich habe nie einen solchen Sonnenaufgang gesehen. Allein die Freude währte nicht lange; der Nebel kehrte wieder, und wieder zog ich unverdrossen alle 2 Minuten die Leine, sodaß das Nebelhorn (die Dampfpfeife) dumpf und langgezogen erklang. Wieder senkte sich der Nebel, aber doch nur so weit, daß der obere Teil des mächtigen Leuchtturms von Skagens Horn daraus hervorragte, der untere Teil blieb verhüllt. Vom Lande her tönte in gemessenen Zwischenräumen eine Sirene, ähnlich dem Geheul jämmerlich geprügelter Hunde, höchst unästhetisch, aber weithin hörbar. Als der Nebel sich endlich ganz gesenkt hatte — es mochte mittlerweile 4 Uhr geworden sein — krochen der Kapitän und ich wieder in unsere Kojen, um, wie er sagte, noch 4 Stunden zu schlafen. Doch bald wurden wir aus der Täuschung gerissen. Kaum eingeschlummert, verkündete das laute Blasen des Hornes, daß der unheimliche Gast wieder da war. Also wieder anziehen und wieder hinauf, denn so phlegmatisch bin ich nicht veranlagt, es bei solchem Nebel unten auszuhalten. Glücklicherweise dauerte es auch diesmal nicht lange, dann aber hatten wir keine Lust, uns noch einmal betrügen zu lassen, wir blieben auf, tranken eine Tasse Kaffee, nahmen ein Bad, wozu das Wasser direkt aus dem Meere in die Wanne geleitet wird, und stärkten uns dann an einem kräftigen Frühstück. Ausgenommen die Mahlzeiten lag ich natürlich, wie immer auf See, in meinem Triumphklappstuhl neben dem Kapitän auf der Kommandobrücke, um die reine Luft aus erster Hand zu trinken. Die vielen Schiffe, die uns im Sunde und noch im Kattegat umgeben hatten, verschwanden allmählich und verteilten sich nach verschiedenen Richtungen. Nur dann und wann begegnete uns eins, einige gingen auch mit uns. Einen Dampfer trafen wir stillliegend an, er hatte vor dem Vordermaste drei schwarze Bälle aufgezogen, was bedeutete, daß er manövrierunfähig war. Einen zweiten großen Dampfer sahen wir dreimal stillliegen und immer wieder fahren, bis er uns endlich überholte und unseren Blicken entschwand. Am Nachmittag stampfte das gegen den Südwest angehende Schiff doch so, daß ich es für gut hielt, in horizontaler Stellung zu verweilen, um nicht, wie vor drei Jahren an dieser Stelle, unfreiwillige Opfer des Magens bringen zu müssen. Ich legte mich also um 3 Uhr in mein gutes Bett und verzichtete auch auf das Abendessen. Glücklicherweise ging die See nicht so hoch, daß mein Kabinenfenster geschlossen werden mußte, sonst wäre ich gewiß durch die schlechte Luft seekrank geworden. Nur einige Male spritzte das Wasser herein, einmal so, daß meine Stiefel tüchtig etwas abbekamen und der Schiffsjunge ihren Inhalt ausgießen mußte. Als ich in angenehmem Schlafe lag, weckte mich wieder die Dampfpfeife. Hinauf an Deck, hieß es also. Das war gestern nur ein Vorschmack vom Nebel gewesen; diesmal war er viel dichter und hielt etwa 4 Stunden an, von halb 3-7; eine unheimliche Zeit, die mir zu einer Ewigkeit wurde. Und doch fühlte ich, daß man sich auch an solche Situation gewöhnt; froh waren wir nur, daß wir trotz allen Horchens kein anderes Nebelhorn hörten. Plötzlich erklang eins ziemlich nahe vor uns. Auf das Gespannteste blickten Kapitän und Steuermann hinaus in die dichte Undurchdringlichkeit, in ganz kurzen Zwischenräumen ertönten nach einander unser und des fremden Dampfers Pfeife; die Maschine, die bei Nebel natürlich immer auf „Langsam“ arbeitet, wurde auf „Halt“ gestellt, und gleich mußte sich entscheiden, ob wir gegen einander fuhren oder nicht. Denn nur ein Zufall, keine Berechnung kann einen Zusammenstoß verhindern. Plötzlich tauchten dicht an Steuerbordseite (rechts) die Umrisse eines Dampfers auf, der gleich wieder im Nebel verschwand. Der Kapitän meinte, er habe „vollen Dampf“ gehabt, sonst wäre er nicht so schnell herangekommen. Die Engländer stehen bekanntlich in dem Rufe, auch im Nebel auf gut Glück mit vollem Dampf zu fahren, um keine Zeit zu verlieren.

Nach dieser Aufregung ging es in das Bad und dann an's Frühstück. DerTag wurde prächtig, die See glatt, die Sonne schien warm; das reineOstseewetter, wie ich es nannte, da ich in der Ostsee niemals Unwetter,Nebel und dergleichen erlebt hatte. Wir waren jetzt etwa in der Mitteder Nordsee, es war ganz einsam, viele Stunden kein Schiff.

In dem Maschinenraum war inzwischen schon seit einigen Tagen eine kleine Revolution ausgebrochen. Der eine Trimmer (Kohlenzieher) stellte sich krank und versteckte sich irgendwo im Laderaum zwischen das Holz. Als er nach mehrstündigem Suchen gefunden wurde, erklärte er, falls man ihn zum Arbeiten zwänge, würde er sich in Wasser stürzen, Es blieb also nichts übrig, als ihn sich zu überlassen; er ging zu Bett, nahm aber lebhaft an allen Mahlzeiten teil. Tags darauf wurde einer der Heizer wirklich krank; da überhaupt nur zwei Trimmer und zwei Heizer auf Schiffen von der Größe Miras vorhanden sind, so war die Stellvertretung sehr schwierig.

Die Nacht vom Dienstag zum Mittwoch wurde durch keinen Nebel gestört. Wir passierten die holländische Insel Terschelling und einige Stunden später Terel, und als ich aufstand (8 Uhr), befanden wir uns nahe der Küste. Die Dünen von Scheveningen wurden sichtbar; wir waren nur 3-4 Kil. vom Lande entfernt und sahen ganz deutlich das mächtige, kuppelgeschmückte Kurhaus, davor am Strande viele Strandkörbe, auf den Dünen Villen, und dahinter rechts Türme, die zur Stadt Haag gehörten. Ab und zu tönten Kanonenschüsse zu uns herüber; die Holländer übten sich wohl, die Atchinesen zu besiegen. Das Wasser war so glatt, fast wie ein Spiegel, kein Lüftchen rührte sich. Nach mehreren Stunden wurde das Feuerschiff „Hoek van Holland“, wieder nach einigen Stunden das von „Schouwensbank“ passiert; sie liegen etwa 10 M. (20 Kil.) von der Küste entfernt. Da die Zeit der Flut war und wir gerade gegen den vom Atlantischen Ozean hereindringenden Strom fuhren, so lief das Schiff stündlich etwa 2 Meilen weniger als unter normalen Verhältnissen. Wir hielten nun Umschau nach einem Lotsen; endlich sahen wir einen Kutter, der sich durch die Flagge am Mast von den Fischerjachten unterscheidet. Wir setzten die Lotsenflagge auf und fuhren auf ihn los, er näherte sich uns gleichfalls; als wir ganz nahe waren, erkannten wir das Wort „Maas“, das in großen Buchstaben auf dem Segel stand. Wir lenkten also ab von ihm, denn wir konnten nur einen Schelde-Lotsen brauchen. Etwa um 5 Uhr trafen wir einen Lotsen, der uns nach Vlissingen brachte. Um von der See nach Gent zu gelangen, brauchten wir 4 verschiedene Lotsen und im ganzen etwa 16 Stunden. Der Seelotse, den wir auf dem Meere aufgabelten, war ein noch sehr junger Mann, 32 Jahre und schon 5 Jahre Lotse, 7 Jahre verheiratet, hat 5 Kinder, seine Brüder sind auch Lotsen oder bei der Marine. Man sieht, das Gewerbe bleibt bei der Familie. Mit den Holländern verständigt man sich, indem jeder seine eigne Sprache spricht, sie holländisch, wir plattdeutsch. Wenn man auch nicht jedes Wort versteht, so merkt man doch, was der andere will. Sobald ein Lotse an Bord ist, wird das Steuerruder mit Dampf gelenkt, damit es schneller jedem Befehl gehorcht. In hellem Sonnenschein lag die Dünenküste der Insel Walcheren vor uns, und man erkannte das Kurhaus und einige Villen des Seebades Domburg, wo ich vor 3 Jahren badete. Am Eingang der Schelde erschien der mächtige Kirchturm des Dorfes Westkapelle, der noch aus der spanischen Zeit stammt, aber nicht mehr benutzt wird; daneben ein kleinerer Leuchtturm. Hohe, wildzerrissene Dünen, wie ein Alpengebirge im kleinen, türmen sich links; das andere Ufer der Schelde verliert sich in weiter Ferne. So breit der Fluß ist, so eng ist das Fahrwasser für tiefergehende Schiffe. Die ausgehenden Dampfer darunter hauptsächlich Deutsche, Dänen, Engländer, auch ein Grieche, die meist von Antwerpen kamen, mußten ganz nahe an uns vorbei. Auf den Sandbänken im Flusse sonnen sich drei Seehunde, die neugierig die Köpfe nach uns erheben, und Hunderte von Möven. Zur Linken erscheint bald das prächtige Kurhotel Vlissingen; am Strande herrscht reges Leben, man kann die Menschen, hauptsächlich Damen und Kinder, ziemlich genau durch das Glas sehen. Nach Umfahrung einer Ecke taucht Vlissingen mit seinen grauen Festungswällen auf, von denen das Standbild des holländischen Seehelden de Ruyter herabblickt. Auf der Vlissinger Reede verließ uns der erste Lotse und ein zweiter kam an Bord; er brachte uns, während wir Abendbrot aßen, nach der Reede von Terneuzen. Etwas abseits vom Fahrwasser lag ein großes gestrandetes Segelschiff, dessen Masten am Vorderteil aus dem Wasser ragten. Der zweite Lotse wurde durch einen dritten abgelöst, einen dicken, sehr gemütlichen Mann in buntgestickten Hausschuhen, der uns die kurze, aber schwierige Strecke von der Reede in den kleinen Hafen von Terneuzen brachte; da das Wasser noch nicht die gehörige Tiefe hatte, so fuhren wir mit voller Kraft durch die enge Einfahrt und saßen gleich darauf auf dem Schlamm fest, vor uns eine norwegische Brigg, die ebenfalls in den Genter Kanal wollte.

Terneuzen ist eine kleine Stadt von 7000 Einwohnern und liegt ganz niedlich mitten in ihren grünen Festungswällen und dem Glacis. Auf den Wällen promenierte die Terneuzer Damen- und Herrenwelt, und auch wir ließen uns an Land rudern, um einen Rundgang durch die Stadt zu machen und in einigen Wirtschaften Dortmunder Bier zu trinken. Nachts um 11, als das Wasser höher gestiegen war, gingen wir mit einem 4. Lotsen in die Schleuse und blieben der Dunkelheit wegen bis 3 Uhr dort liegen. Dann begann die Kanalfahrt. Um 5 stand ich auf und ließ die grünen Ufer an mir vorbeigleiten. Ueppige Felder und waldige Baumanpflanzungen mit Dörfern und einzelnen Häusern, auch einige Villen mit schönen Parks begleiten den Kanal; zu beiden Seiten läuft die Landstraße, auf der allerlei Fuhrwerke entlang zogen, auch Radfahrer und Hundefuhrwerke. Ein von 3 Hunden gezogener, zweirädiger Wagen trug 2 stramme Bauernmädchen, einer mit 4 Hunden bespannt 3 Burschen. Die Benutzung des Hundes als Zugtier soll hier viel weiter gehen als bei uns; der 1. Maschinist erzählte, er habe einst vor einer Kirche in Terneuzen 10 Hundefuhrwerke stehen sehen, deren Insassen inzwischen im Gotteshause ihre Andacht verrichteten.

Das Wetter war sehr warm, fast zu warm; die Fahrt auf dem spiegelblankenWasser unter dem Segeldach der Kommandobrücke war sehr angenehm. DieVögel zwitscherten, der Kuckuck rief — es war eine idyllisch-schöneFahrt.

Der Kanal ist 30-40 km lang, also knapp halb so lang wie der Kaiser Wilhelm-Kanal, zwölf Drehbrücken waren zu passieren, die meist einen so engen Durchgang hatten, daß es ganz ängstlich anzusehen war, wenn das Schiff auf den Pfeiler loszufahren schien, schließlich aber doch richtig mitten zwischen beiden Pfeilern hindurchglitt, ohne anzustoßen.

Bei St. Anton an der belgischen Grenze fand eine leichte Zollrevision statt; von meinen Zigarren und dem Kakao, den ich in Terneuzen gekauft hatte, wurde gar keine Notiz genommen.

Um 9 Uhr langten wir in Gent an und gingen vor Anker; sofort begann dasLöschen der Planken; der Makler (ein Aachener) kam an Bord, ebenso einMetzger, der seine Waren anbot und auch mit allerlei Aufträgen bedachtwurde.

3. Gent.

Am Nachmittag besichtigten wir die Stadt (180000 Einwohner). Sie ist von vielen Kanälen durchschnitten und hat 3 verschiedene Teile. Unser Schiff liegt in der Fabrikgegend, mit vielen Estaminets (niedrigen Wirtschaften), die volkstümliche Bezeichnungen haben, z.B. In de Swaan, In der kleinen Camelia, In den groenen Appel, In de groote Maas, In de goode Drank, In Nazareth (Name eines Dorfes bei Gent) u.s.w. Der zweite Stadtteil, der alte Kern der Stadt, enthält viele öffentliche Gebäude, die entweder durch geschichtliche Erinnerungen oder durch Schönheit der Architektur hervorragen, z.B. Chateau des Comtes (de Flandre), der Dom St. Bavo, der Bergfried, ein stattlicher hoher Turm, das gothische Rathaus, sowie eine Anzahl Kirchen. Der neue Stadtteil endlich hat moderne breite Straßen mit hübschen Häusern ohne besondere Eigentümlichkeiten. Hier fanden wir im Gambrinus gutes Münchener Bier, das uns bei der Hitze und dem vielen Herumlaufen sehr wohl that. Was Gent fehlt, sind größere, öffentliche Gartenanlagen, wie sie in deutschen Großstädten existieren. Man sehnt sich recht danach, aus dem Häusergewirr, der Hitze und dem Staube in kühle, wohlgepflegte Anlagen zu flüchten; die vorhandenen sind bis jetzt nur schwache Anfänge.

Der ganze Freitag gehörte Ostende, das man mit Expreßzug in 1-1/4 Stunde erreicht. Die einzige Station ist Brügge, das mit seinen großen Kirchen einen imposanten Eindruck macht, das wir aber leider zu besuchen versäumten. Ostende loben ist überflüssig, es beschreiben ist schwer. Es vereinigt großartige Natur und menschliche Kunst in so hohem Grade, daß es unter allen Seebädern als Perle bezeichnet werden muß. Unter den Landbädern nimmt Baden-Baden einen ähnlichen Rang ein. Den Glanzpunkt des Badelebens bildet der Zeedyk, la Digue (der Damm oder Deich), geschmückt mit seiner langen Reihe der behaglichsten Villen und der herrlichsten Hotels, eins immer noch schöner als das andere. In der Mitte dieser Reihe liegt das mächtige Kurhaus, am Westende bildet den würdigen Abschluß das Palais des Königs, der einen Teil des Sommers hier verbringt. Der Strand, an dem alle diese Häuser liegen, wimmelt von Badekarren, die mit Pferden ins Meer gezogen werden. Wir nahmen sofort ein Bad und fanden uns schnell in die Sitte, mitten unter Damen zu baden. Die Eleganz der Toiletten beim Nachmittag- und Abendkonzert im Kursaal war auffallend, alle Damen mit Chic gekleidet, viele Schönheiten darunter. Nach dem Abendkonzert war Soirée dansante, der wir eine Weile zusahen, und Hazardspiel, an dem sich auch Damen beteiligten. Das Mindeste, was man setzen durfte, waren 2 Franks. In die eigentlichen Spielsäle a la Monaco gelangten wir natürlich nicht. Als wir um 10 Uhr aus all diesem Gewirr hinaustraten, empfanden wir die Großartigkeit des Meeres wieder doppelt. Dumpf brausend wälzten sich die schwarzen Wogen an den Strand, hell leuchteten die breiten, weißen Kämme. Wir gingen stracks nach dem Bahnhof, fuhren nach Gent und schliefen an Bord, da es kühl geworden war, die ganze Nacht durch. —

So lange wie wir diesmal in einem Hafen blieben, hat es noch nie gedauert; es kommt von der Kirmes, die in großartiger Weise tagelang gefeiert wird. Während dieser Zeit zu arbeiten, dazu ist kein Arbeiter für vieles Geld zu bewegen. Alt und jung, arm und reich beteiligt sich an diesem Volksfest. Auf den öffentlichen Plätzen finden Konzerte statt, abends Illumination und zweimal von 10 an bis in den Morgen hinein bal populaire; an 4 Tagen Pferderennen! — Gestern, Sonntag, fing die Geschichte an. Wir sahen nur einiges, aber dieses Wenige genügte, uns zu zeigen, daß das ganze Volk sich beteiligt. Wir fuhren gleich nach Tisch per Droschke nach dem weit außerhalb der Stadt gelegenen Rennplatz (Plaine St. Denis), wohin mit uns zahllose Fußgänger und viele Wagen strömten. In Staubwolken gehüllt trat nach Beendigung der Rennen die 1000köpfige Menge den Rückweg an. Wir nahmen wieder Droschke, in der Nähe der Stadt begegneten uns viele Wagen, die sich an der Seite des Weges aufstellten, um das Schauspiel der vorüberziehenden Menge und der unzähligen Wagen, worunter viele elegante Equipagen, zu genießen. Wir fuhren durch den hübschen, noch etwas jungen Stadtpark und kehrten durstig im Gambrinus ein. Von dort bahnten wir uns durch die die Straßen erfüllende Menschenmenge langsam unsern Weg nach dem Kornmarkt, dem Mittelpunkt der Stadt. Auf den Plätzen, die wir passierten, hatten sich die größten Ansammlungen von Menschen gebildet, die der Musik lauschten. Der Kornmarkt war mit Tischen und Bänken, an denen trinkende Menschen saßen, so bedeckt, daß eben nur eine Gasse für Pferdebahn und andere Wagen blieb. Wir waren froh, als wir zum Abend wieder zu Hause d.h. an Bord waren und ordentlich ausschlafen konnten.

Die Geschichte mit dem schon erwähnten Trimmer hatte folgende Fortsetzung. Der Kapitän hatte ihm gesagt, er werde ihn in Gent ärztlich untersuchen lassen und ihn, falls er als gesund befunden würde, bei Gericht anzeigen, was ihm jedenfalls Gefängnisstrafe eintragen würde. Als wir gleich am ersten Tage zum Arzt gehen wollten, kam die Meldung, daß der Trimmer vom Schiff verschwunden sei. Er war vor Angst entflohen, obgleich er keinen Heller Geld hatte und weder vlämisch noch französisch, eigentlich auch kaum deutsch konnte. In den nächsten Tagen sah man ihn bei den großen Holzhaufen in der Nähe des Schiffes herumstreichen, sich immer in angemessener Entfernung haltend. Endlich berichtete der Koch, er habe jämmerlich geweint, wolle gerne tüchtig arbeiten, auch den Kapitän um Verzeihung bitten, wenn ihn dieser nur wieder an Bord nehmen wollte. Es war ihm nicht geglückt, irgend eine Stellung zu finden, auch nicht als Meierist, was er von Hause aus ist, und er hatte 3 Tage und Nächte gehungert und kein Obdach gehabt. Ich redete dem Kapitän zu, ihn wieder an Bord zu nehmen, da sonst sicher ein Verbrecher aus ihm würde. Als er dann erschien, nahm ihn der Kapitän nach längeren Verhandlungen wieder auf, sagte ihm, daß sein fälliger Lohn (25 Mark) an seine Kameraden, die für ihn gearbeitet, verteilt würde und daß er bis Flensburg für die Kost arbeiten könne, ohne Lohn zu erhalten. Falls er sich nicht gut führe, werde der Kapitän ihn in Flensburg noch vor Gericht stellen. Er versprach natürlich unter Thränen alles, gab zu, ein großer Esel gewesen zu sein und wurde, nachdem er auch die Maschinisten um Verzeihung gebeten hatte, wieder aufgenommen. Wie sehr ihn seine Kameraden gehänselt und ausgelacht haben mögen, sahen wir nicht, da wir das Schiff gleich darauf verließen.

Seit ich an Bord bin, haben wir noch keinen Tropfen Regen erhalten. Das Wetter ist fortgesetzt warm und schön, sodaß man lieber die Seefahrt fortsetzte, als in der heißen und staubigen Stadt sich aufzuhalten. Leider giebt es gar keine Biergärten, dafür ist entweder kein Platz oder die Leute haben keinen Sinn dafür.

Die Pferdebahnwagen haben hier, was ich noch nirgends gesehen, 2 verschiedene Klassen, von denen die I. 15, die II. 10 Centimes kostet, und zwar für jede beliebige Entfernung. Die Stadt wimmelt von Sozialdemokraten. Von den Stadtverordneten sind 14 Sozialisten, 12 Klerikale, 9 Liberale. Die Straßennamen sind vlämisch und französisch angeschlagen, wie überhaupt beide Sprachen fast auf allen öffentlichen Inschriften, Verordnungen, Anpreisungen u.s.w. auftreten. Fast jedermann versteht beide Sprachen. Deutsche giebt es nur wenig hier.

Montag Vormittag besichtigten wir die Abtei St. Bavo, von der nur die Ruinen übrig sind. Man sieht noch das Refektorium der Mönche, einen Teil eines Kreuzganges, viele Gräber und überall, im Garten verstreut, die zerschlagenen Säulen und Standbilder, die im Laufe der Jahrhunderte und besonders in der Revolutionszeit zerstört wurden. Nachher folgten wir einer Einladung des Maklers Herrn Z. zu einigen Flaschen Champagner in seinem Hause. Er hatte mit Kapitän Brink gewettet, die „Mira“ sei schon früher in Gent gewesen, und da sich nachher herausstellte, daß das nicht der Fall war, so war er der verlierende Teil.

Da auf Montag Abend die Hauptfestlichkeiten der Kirmes fielen, so arbeiteten die Leute nur bis Mittag am Schiff. Nach dem Abendbrot pilgerten wir, Kapitän Brink und ich, nach dem Kasinogarten, der vom Lichte von Tausenden bunter Lämpchen strahlte und in dem Tausende von Leuten der Kapelle lauschten. Zum Schluß wurde die Nationalhymne gespielt. Ich fragte unsern Aachener Freund, Herrn Z., nach dem Text; er wußte nichts davon. Seine Gattin, eine geborene Genterin, kannte ebenfalls kein Wort davon! Wir waren natürlich starr ob dieser Unwissenheit.

Es war nur das bessere Publikum anwesend, denn der Eintritt kostete für die, welche nicht der Kasinogesellschaft angehören, 3 Francs. Das war zwar viel Geld, aber sowohl die Illumination als auch das herrliche, wohl 3/4 Stunde dauernde Feuerwerk um 10 Uhr waren es wert. Um 11 Uhr begann der Tanz sowohl im Saal als im Garten, der bis tief in den Morgen dauerte.


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