Von hier begaben wir uns, wieder mit der Familie Z. und einem jungen Leipziger, der im Geschäft als Volontär arbeitete, nach der Place d'Armes, dem Hauptanziehungspunkte des Abends, wo prächtige Illumination und Tanz, aber die verschiedensten Volksklassen umfassend, stattfand. Es war ein gewaltiges Gedränge und Gewoge auf dem mit Linden bepflanzten Platze; rings umher waren Eßwaren zum Verkauf ausgestellt, deren die Leute im Laufe der Nacht wohl bedurften, und vor und in Restaurants und Cafés ringsum saß man beim Bier oder anderen Getränken. Es wurde immer nur auf beschränkten Stellen des großen Platzes getanzt, da die promenierende Menschenmenge den größeren Teil einnahm. Ab und zu zogen Scharen von 10, 20 oder 30 Männern und Frauen vorbei und sangen Lieder, einige Male hörte ich die Marseillaise. Solchen Scharen begegneten wir auch, als wir gegen 2 Uhr uns fortbegaben nach dem Kornmarkt, um von da die Pferdebahn zu benutzen, die zur Kirmeszeit die Nächte durchfährt. Aber die Leute waren und blieben alle friedlich; wenn auch eine Anzahl bedenklich taumelten, so kam es doch nirgends zu unangenehmen Auftritten oder gar Schlägereien. Einzelne kleine Kinder sah man mit den Eltern noch um 2 Uhr nach Hause streben. Als wir gingen, war alles im besten Gange, und von einer Abnahme der Menschenmenge war nichts zu verspüren.
Infolge dieser Hauptnacht der Kirmes wurde am Dienstag kein Schlag gethan, und unsere Ladung blieb unangerührt im Schiff.
4. Von der Schelde nach dem Firth of Forth.
Endlich, Donnerstag Abend, fuhren wir den Kanal hinab, und Freitag früh gingen wir bei häßlichem Regenwetter von der Schelde in See. Regenwetter ist zwar nicht gefährlich, aber höchst unangenehm, da man nicht auf Deck sein kann. Es war mir deshalb ziemlich gleichgiltig, die Dampfjachten Rothschilds und der Königin von England zu sehen, die auf der Schelde ankerten. Die See war stark bewegt, und das Schiff stampfte und schlingerte heftig. Ich verfügte mich deshalb gegen Mittag ins Bett und blieb 24 Stunden liegen, wobei ich die schönste Seeluft hatte, da bei dem leeren Schiffe die Fenster offen bleiben konnten. Statt 9 Seemeilen machten wir nur 4-5, und von der englischen Küste hielten wir weit ab, um nicht dagegen zu treiben. Die Schraube war mehr außer als in dem Wasser. Ganz anders war das Wetter am Sonnabend. Die See beruhigte sich immer mehr, und ich konnte mich den ganzen Tag auf der Kommandobrücke im Klappstuhl liegend aufhalten. Als ich am Sonntag an Deck kam, fuhren wir in den prächtigen Firth of Forth ein. Wie ein Riese hält am Eingang in den Meerbusen der kolossale Baß Rock Wache, ein steil aus dem Meere aufsteigender etwa 100 m hoher Felsblock, den Hunderttausende von Möven wie ein Schneegestöber umschwärmen. Zur linken liegt das Städtchen Dunbar und auf hohem Ufer einige Schloßruinen, davon eine ganz mit Epheu umwachsen. Bald erschien von Bergen umkränzt die Stadt Edinburg, von der wir einige Gebäude, besonders das Schloß, deutlich erkannten. Vor der Riesenbrücke kam der Lotse an Bord, gleich hinter derselben gingen wir vor Anker und blieben 6 Stunden liegen, um die Flut abzuwarten. Abend um 8 Uhr liefen wir in den engen Kanal ein, der in den mit Schiffen vollgestopften, schmutzigen Hafen des Städtchens Grangemouth führt. Die Zollbeamten kamen an Bord und untersuchten, wie stets in England, auf das allergenaueste, leuchteten mit Laternen in die entlegensten Winkel, beklopften die Wände ob sie nicht doppelt seien und durchforschten selbst den Ofen und den Wasserbehälter des Waschnapfes. Nachts um 12 schon begann bei elektrischem Lichte die Arbeit bei unserem Schiff. Zuerst wurden feuerfeste Steine geladen, dann hundert Säcke feuerfester Lehm, und endlich Kohlen. Die Waggons fahren bis ans Ufer, werden durch Wasserkraft gehoben und dann gestürzt, sodaß sich ihr Inhalt in den Schiffsraum ergießt. Das Schiff faßt im ganzen 120 Waggons Kohlen à 10000 Kilo und 15 Waggons Bunkerkohlen (für die Dampfkessel).
5. Ausflug ins Schottische Hochland
So häßlich Grangemouth an sich ist, so verlockend grüßen aus der Ferne die blauen Berge des Hochlands herüber.
Dienstag früh um 7 Uhr fuhren wir ins Hochland und waren Abends 7 Uhr wieder zurück. Es giebt eine große Menge feststehender Rundreisekarten durchs Hochland; wir wählten die Tour, die durch Scotts Lady of the Lake berühmt geworden ist und auch landschaftlich mit zu dem Schönsten gehört, was Schottland bietet: die Gegend des Loch Katrine. Ein solches Billet, das zur Eisenbahn-, Omnibus- und Dampfschiffahrt berechtigt, kostet etwa 18 Mark. Der Steuermann prophezeite das schönste Wetter für den Tag, und frohgemut traten wir unsere Fahrt an. Während der zweistündigen Eisenbahnfahrt von Grangemouth bis Callander verdüsterte sich der Himmel immer mehr und ein regelrechter Regen entwickelte sich aus dem Nebel. Callander ist der Ausgangspunkt für die aus Edinburg und dem Osten überhaupt kommenden Touristen. Dort standen 2 mächtige Omnibusse, in deren Innern das Gepäck untergebracht wurde. Auf dem Verdeck waren 5 Bänke zu 4 Sitzen angebracht, und alles beeilte sich, auf den angesetzten Treppen hinaufzuklimmen. Als wir uns auf unseren luftigen Sitzen eingerichtet hatten, sammelte ein Mann zunächst das Fee (Trinkgeld) für den Kutscher ein (6 Pence pro Person). Etwas überrascht, blieb uns doch nichts übrig, als diese Kontribution zu zahlen, von der der Kutscher vielleicht nie etwas zu sehen bekommen hat. Dieser selbst, mit grauem Cotelettbart, grauem Zylinder, rotem Rocke, blau-gelbgestreifter weißer Weste und grün-blau karrierter Hose, Schwang sich, eine imposante Erscheinung, auf die erste Bank, und vorwärts trabte das Viergespann, dem in kurzer Entfernung das zweite folgte. Für die Einwohner Callanders muß der Anblick drollig gewesen sein; 15 Fuß über der Landstraße 20 aufgespannte Regenschirme dahinschwebend! Ich saß neben einem Norweger, der mit 2 Damen Schottland bereiste; außerdem befanden sich mehrere Deutsche, Amerikaner, Franzosen und Dänen auf dem Wagen, dazu noch zwei negerhaft aussehende Individuen, von denen der eine alsbald eine Zeitung hervorzog und sich darin vertiefte. Es war mir unklar, warum der Mann sich keinen bequemeren Platz zum Lesen ausgesucht hatte als gerade einen Deckplatz auf einer schottischen Mail-coach. Die Landschaft befriedigte mich anfangs nur mäßig; der langhingestreckte Loch Vennachar, den wir zur Linken hatten, zeichnete sich mehr durch Länge als Schönheit aus. Rechts ragte der schottische Olymp, der Ben Ledi (Götterberg) empor; der ganze obere Teil war jedoch in Nebel gehüllt; Wälder fehlen den meisten dieser Berge, und vergebens sucht man nach den prächtigen Waldszenerien, wie sie Thüringen; und der Harz bieten. Wenn man die Lady of the Lake in frischer Erinnerung hat, so gewinnt die Landschaft bedeutend an Reiz, wie andererseits die Lektüre des Gedichts eindrucksvoller wird, wenn man die Landschaft kennt, die es beschreibt. Da ist die Stelle, wo der Verzweiflungskampf zwischen Roderick Dhu und dem Könige stattfand; da ist die Wiese, wo durch das Herumsenden des Feuerkreuzes die Krieger von Clan Alpine sich versammelten und vor dem erschreckten König plötzlich aus der Erde herauswuchsen; wir passierten die berühmte Bridge of Turk (Eberbrücke) und fuhren an dem hübschen kleinen Loch Achray vorbei, an dem die Eröffnungsszene des Gedichtes spielt: „The western waves of ebbing day“ u.s.w. Wir befanden uns nun in dem Engpaß Trosachs, der dicht bewaldet ist. Am Ende desselben erhebt sich das in mittelalterlichem Burgstil erbaute „Hotel Trosachs“, von wo aus wir in wenigen Minuten die Ufer des Loch Katrine erreichten. Nur minutenweise hatte es bisweilen aufgehört zu regnen, und wenn düstre Beleuchtung, Nebel und dergl. zu den notwendigen Ingredienzien schottischer Gebirgslandschaft gehören, so hätten wir es nicht besser treffen können. Wir kletterten von unseren Thronen herunter, der Neger steckte seine Zeitung ein, und da lag also vor uns die Perle der schottischen Seen, auf den so viele Perlen herunter tröpfelten, daß wir lebhaft an Perleberg erinnert wurden. Ein winziger Dampfer, der Kleinheit des Sees angemessen, nahm uns auf; gerne hätte man bei der Kälte etwas Warmes gehabt, doch mußten wir uns mit einem Whisky begnügen. Die Mutigen blieben auf Deck, die anderen verzogen sich in die Kajüte. Wir gehörten zu den ersteren; ich hätte es mir nie verzeihen können, wenn ich den Ben Venue, den Ben An und vor allem das liebliche Ellen's Island mit seinen poetischen Erinnerungen nicht so lange wie möglich genossen hätte. Der See dient auch einem sehr prosaischen und nützlichen Zwecke: er versorgt die große Stadt Glasgow mit Trinkwasser. Die herrliche Smaragdfarbe der Alpenseen sucht man freilich vergeblich bei den schottischen Seen.
Nach etwa 1stündiger Fahrt langten wir am westlichen Zipfel des langhingestreckten Sees an, und zu unserem Erstaunen hörte der Regen auf; die Sonne machte einige Versuche durchzubrechen, und als wir nach abermaliger, etwa 1stündiger Omnibusfahrt uns dem Loch Lomond näherten, brach die Sonne durch und beleuchtete die Berge und den See. Man wurde warm und merkte wieder, daß man im Juli lebte. Unterwegs hatten wir überall auf den Wiesen und an den Bergabhängen Rinder mit mächtigen Hörnern, fast wie Büffel, und Schafe gesehen, die am Körper weiß, am Kopf und den Beinen dagegen schwarz waren und große krumme Hörner hatten. Sie nährten sich von dem dürftigen Grase, das die Felsen bekleidet.
Im „Hotel Inversnaid“ hatten wir ein Stündchen Aufenthalt, besichtigten den hübschen Wasserfall und frühstückten. Man ißt, was man will und so viel man will, und zahlt 3 Shilling.
Um 2 Uhr fuhren wir mit einem großen, sehr elegant eingerichteten Dampfer über den Loch Lomond in seiner ganzen Länge von Norden nach Süden. Anfangs ist er flußartig schmal, später wird er breit und enthält viele Inseln, scherenartig wie in Norwegen und Schweden; auf einer derselben standen die grauen Ruinen einer Burg. An den Ufern befinden sich noch mancherlei Sehenswürdigkeiten, z.B. Bruce's Rock, wo der Nationalheld sich verborgen hielt, Rob Roy's Cave, wo dieser Verbannte öfters Zuflucht suchte. Dicht an der Ostseite des Sees steigt der Ben Lomond empor, über 3000' hoch, wohl der höchste Berg der Gegend. Die Formen aller dieser Berge sind schroff und kühn und erinnern etwas an die Alpen, trotz ihrer geringen Höhe.
Am Südende des Sees angelangt, bestiegen wir die Bahn und kamen um 7 Uhr wieder auf der Mira an. Im Grangemouther Hafen herrscht gewöhnlich das regste Leben, die Eisenbahnen bringen unaufhörlich Kohlen und Eisen an die Schiffe, die allen Nationen angehören. Heute dagegen ist es ganz still, die Deckarbeiter haben einen Feiertag, die Läden sind meist geschlossen, und viele Hunderte von Ausflüglern sahen wir trotz des etwas regnerischen Wetters auf zwei Dampfern nach Vergnügungsorten des Meerbusens fahren.
[6] Geschrieben 1893.
Der Philosoph von Gravenstein.
Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingtSein Wort und seine That dem Enkel wieder.
Leonore im Tasso, I, 1.
Ich kenne ein Herzogsschloß, das liegt gar einsam und abseits von den breit getretenen Touristenpfaden. Hohe Buchen umrauschen es, und in einem klaren See spiegeln sich seine weißen Mauern. Schilf flüstert am Ufer, und glänzende Schwäne ziehen lautlos ihre stolzen Kreise. Gegenüber, auf der anderen Seite des Sees, ziehen sich in einem Halbkreise die freundlichen Häuser eines Fleckens, der denselben Namen trägt wie das Schloß:Gravenstein, dänisch Graasteen. Wir befinden uns nämlich an der Grenzscheide zweier Sprachgebiete,
„— wo der dänische Pflüger den Deutschen, Dieser den Dänen versteht —“
wie Johann Heinrich Voß in seiner dem Grafen Stolberg gewidmeten Vorrede zur Iliasübersetzung sagt. Die Ueberschriften über den Läden des Ortes lauten denn auch teils dänisch, teils deutsch, und man findet „bogbinder“, „ikraedder“ (Schneider), „Kobbersmed“ (Kupferschmied) u.a. Vom Flecken aus gewährt das Schloß in seiner Waldumrahmung, besonders wenn heller Sonnenschein darauf liegt oder wenn der Vollmond es in magische Dämmerung taucht, einen überraschend malerischen Anblick, obgleich die Bauart höchst einfach ist. Ein Mittelbau mit Glockenturm und zwei gewaltige Seitenflügel, in deren einem eine nach dem Muster der Antwerpener Jesuitenkirche gebaute Kapelle sich befindet, deuten in ihrer architektonischen Nüchternheit und Kahlheit auf das erste Viertel des 18. Jahrhunderts als Entstehungszeit.
Der Schloßpark zeichnet sich durch prächtige alte Buchen aus und birgt wunderhübsche lauschige Plätzchen und schattige Gänge, auf denen hie und da Gras wächst, so daß man manchmal nicht weiß, ob man in einem Park oder einem Walde wandelt. Allmählich geht ersterer ganz in freien Wald und Feld über, und wenn man hinausgeht auf jene sanft ansteigende Wiese, so kommt man unmerklich auf einen Hügel, auf dessen Kuppe ein von einzelnen hohen Bäumen geschützter Pavillon zur Rast und zur Umschau einladet. Herzogshügel heißt er offiziell, aber jedermann nennt ihn Herzenshügel. Ein Bild des Friedens entrollt sich zu Füßen des Beschauers. Der Park, der Wald, der See mit dem Schloß links, dem Flecken rechts, und dahinter wieder Wald und Wasser und abermals Wasser! Das ist die Flensburger Föhrde (dänisch Fjord), ein etwa 30 km langer und durchschnittlich 4 km breiter Meerbusen, der von Ost nach West tief einschneidet in die Provinz Schleswig-Holstein und an deren Südwestwinkel die freundliche Seestadt Flensburg sich hufeisenförmig auf Hügeln und im Thale erhebt. Einer der vielen Vergnügungsdampfer, die die Föhrde namentlich im Sommer beleben, würde uns in anderthalb Stunden in höchst anmutiger Fahrt an manchem lieblichen Badeort und manchem idyllischen Fischerdorf vorbei nach Flensburg führen. Allein wir ziehen es vor, in Gravenstein zu bleiben und noch mehr von seinen Reizen zu genießen, sowie von dem Manne uns berichten zu lassen, der durch seinen langen Aufenthalt der landschaftlich ausgezeichneten Stätte auch geschichtliche Weihe verliehen hat.
In alten Zeiten soll hier, mitten in Wald und Wasser, ein Seeräubernest bestanden haben, nach dessen endlicher Eroberung eine Burg auf den Trümmern erstand (auf dem „Grauen Steine“). Nach mancherlei Schicksalen ging dieselbe auf die Schleswig-Holsteinische Seitenlinie der Augustenburger über, deren Gründer Ernst Günther hieß (1609-1689). Nachdem vier Generationen ins Grab gestiegen waren, wurde am 28. September 1765Friedrich Christian (der Jüngere)geboren, als Sohn Friedrich Christians (des Aelteren) und der Charlotte Amalie Wilhelmine, einer geborenen Herzogin von Schleswig-Holstein-Plön. In seinem fünften Lebensjahre verlor der Prinz seine Mutter. Die Erziehung leiteten der Hofprediger Jessen, ein Mann von umfassender Bildung und humaner Anschauung, und Legationsrat Schiffmann. Früh wurde der Sinn des Knaben auf Schönes, Hohes, Ideales hingelenkt. Als er 13 Jahre alt war, dachte man schon daran, ihm eine Braut zu suchen. Die Wahl fiel aus politischen Gründen auf Luise Auguste, Tochter Christians VII. von Dänemark, die damals sieben Jahre zählte. Man wollte dadurch Verwickelungen vorbeugen, die bei einem etwaigen Aussterben des dänischen Mannesstamms leicht eintreten konnten, und Staatsmänner wie Bernstorff und der ältere Schimmelmann beförderten die Verbindung, von der die Beteiligten vorerst nichts wußten. Die Möglichkeit, an welche jene dachten, trat jedoch nicht ein. —
Das Hauptinteresse des Prinzen, der abwechselnd auf Gravenstein und Augustenburg in ländlicher Stille und anmutiger Natur lebte, ging auf die Wissenschaften. Alle Gymnasialfächer betrieb er eifrigst, und mit vorzüglicher Vorbildung konnte er 1783, erst 18 Jahre alt, die Universität Leipzig beziehen. Mit ihm ging sein Lehrer Schiffmann und seine beiden jüngeren Brüder. Damals herrschte in Leipzig wie fast überall noch die Leibniz-Wolf'sche Philosophie, von Professor Ernst Platner in anregender, gefälliger Darstellung vorgetragen. Dieser zog denn auch unseren Friedrich in erster Linie an; dazu trat noch der Pädagoge Weisse, dem er seine späteren Neigungen für das Erziehungswesen verdankt. Aber auch Naturwissenschaften, Jurisprudenz und Staatswissenschaften wurden in den Kreis seiner Studien gezogen.
Nach anderthalbjährigem Aufenthalte in Leipzig, der nur durch kurze Besuche an den Höfen zu Dresden und Berlin unterbrochen wurde, kehrte der Prinz im Herbst 1784 nach seinem Schloß am Meer zurück und setzte den Winter durch seine Beschäftigung mit den Wissenschaften fort. Im nächsten Jahre reiste er nach der dänischen Hauptstadt, um die Braut, die noch immer nichts von der beabsichtigten Verbindung wußte, kennen zu lernen und ihr Herz zu gewinnen zu suchen. Freilich gingen die Anschauungen des hochgebildeten, trotz seiner Jugend schon ziemlich gereisten und welterfahrenen Mannes und die Neigungen des lebenslustigen, heiteren, schönen Mädchens bedeutend auseinander. Dem fortgesetzten Einflusse des geistig überlegenen Mannes, zu dem sie anfangs mehr wie zu einem Lehrer mit Scheu emporblickte, gelang es, ihr seinen Gesichtskreis zu erschließen, sie für seine Ideen zu bilden. Und als sie ein Jahr später (im Wonnemonat 1786) ihm die Hand zum Bunde reichte, da gab sie ihm auch ihr Herz mit.
Das neuvermählte Paar schlug seinen Wohnsitz in Kopenhagen auf, wo dem jugendlichen Prinzen ein Ministerposten sowie Sitz und Stimme im Staatsrate übertragen wurde. Als 1790 eine Kommission berufen wurde, um das höhere Schul- und Universitätswesen umzugestalten, erhielt er den Vorsitz in derselben; er widmete sich nicht nur mit Eifer und Pflichttreue, sondern auch mit einer bei Fürsten seltenen Sachkennntnis der wichtigen Sache. Die berühmtesten Gelehrten Dänemarks lernte er bei dieser Gelegenheit kennen. Er bildete selbst den Mittelpunkt der wissenschaftlichen und geistigen Bestrebungen des Ländchens. Seine Ansichten über die Schulreform legte er in einem Aufsatz nieder, der in der dänischen Minerva von 1795 veröffentlicht wurde, der mir aber leider nicht zugänglich geworden ist. Nach Einführung des Lehrplans an einer Kopenhagener Schule wohnte Friedrich Christian den Lehrstunden häufig bei. Als im Jahre 1805 eine vollständige Regierungs-Abteilung für das höhere Schulwesen eingerichtet wurde, trat er an die Spitze derselben und blieb, wie auch bisher, Unterrichtsminister, obwohl er diesen Titel nicht führte.
Inzwischen hatte der zwar nicht bedeutende, aber für alles Schöne begeisterte Dichter Baggesen, vom Prinzen unterstützt, zu seiner Ausbildung größere Reisen durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich gemacht. Im Sommer wurde er mit Schiller bekannt und suchte nach seiner Rückkehr nach Dänemark den Werken des Dichters überall Eingang zu verschaffen. Die dänische Literatur stand damals in engster Beziehung zur deutschen; alle ihre Kraft zog sie aus dieser und die bedeutenden literarischen Erscheinungen in Deutschland wurden vom dänischen Publikum lebhaft verfolgt. Es braucht nur an Klopstock erinnert zu werden, der viele Jahre eine gastliche Aufnahme am Kopenhagener Hofe gefunden hatte. Auch Friedrich Christian und Graf Schimmelmann, der Jüngere, lernten Schiller durch Baggesen kennen und lieben. Als daher plötzlich die Kunde von dem Tode des verehrten Mannes nach Dänemark drang, vereinigten sich die Freunde und feierten ein Totenfest in Hellebäk, einem Fischerdorfe am Nordstrande von Seeland. Bald stellte sich die Nachricht als falsch heraus; aber Schiller war in Geldsorgen, überarbeitet, schwer krank. Da beschlossen die beiden begüterten Freunde, ihn auf einige Jahre — aus den ursprünglich beabsichtigten drei wurden fünf — der drückendsten Not zu entreißen durch ein jährliches Geschenk von je 1200 Thalern; eine für jene Zeit recht ansehnliche Summe. Der Prinz von Augustenburg schrieb einen herrlichen Brief an den kranken Dichter, der von Schimmelmann mit unterzeichnet wurde, und der in zartester Weise das Anerbieten enthält und begründet. „Zwei Freunde, durch Weltbürgersinn miteinander verbunden, erlassen dieses Schreiben an Sie, edler Mann!“ Sie bitten ihn in beweglichen Worten, ihr Anerbieten anzunehmen, das von Mensch zu Mensch geht, bieten ihm zugleich eine Staatsanstellung in Kopenhagen an, lassen ihm jedoch völlige Freiheit, seine Muße zu genießen, wo er will.
Schiller konnte nicht anders als annehmen. Aus Dankbarkeit richtete er später die „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ an den Herzog, die beim Brande der Christiansburg ein Raub der Flammen wurden. Schiller hatte aber eine Abschrift zurückbehalten, die er einer Umarbeitung unterzog und die in etwas verändertem Gewande in den Horen erschien und später Ausnahme in die „Sämtlichen Werke“ fand. Der Briefwechsel zwischen dem Dichter und Fürsten ist von Max Müller-Oxford herausgegeben und für alle Gebildeten lesenswert; jede Seite enthält die vornehme, wahrhaft adelige Gesinnung der beiden Freunde: desjenigen, der materiell gab, und des andern, der es mit Geistigem vergalt. Aber man denke ja nicht, daß die Briefe des Herzogs nur deshalb Interesse böten, weil sie an einen der größten im Reiche der Geister gerichtet sind! Auch an sich bieten sie viel Schönes über Literatur, Philosophie und Politik.
Die deutsche Literatur und das ganze deutsche Volk wird das Andenken desMannes in höchsten Ehren halten, der mit dazu beigetragen hat, unseremSchiller fünf Lebensjahre wesentlich zu erleichtern und ihm Kraft zuseinen erhabenen Aufgaben und Pflichten zu verleihen. Welch glücklichesZusammentreffen, daß dieser Mann der Ahnherr unserer Kaiserin ist!
Im Jahre 1794 war inzwischen der alte Herzog gestorben und der junge, 29 jährige Prinz trat in die Würden seines Vaters ein. Von jetzt ab verbrachte er jährlich regelmäßig einige Monate auf seinen ländlichen Besitzungen Augustenburg und Gravenstein. Als sein Verhältnis zum Kronprinzen-Regenten sich allmälig trübte, dehnte sich seine Abwesenheit von Kopenhagen immer länger aus. Diese Trübung entstand durch die allmälig mehr hervortretenden dänischen Tendenzen des Regenten, die der Herzog als deutscher Fürst nicht billigen konnte. Nach der Auslösung des deutschen Reiches 1806 wollte man das schutzlose Holstein in Dänemark einverleiben; dem energischen Einspruch des Herzogs gelang es, dies vorläufig noch zu verhindern. Der Groll des Königs — der 1808 den dänischen Thron bestiegen hatte, nachdem er schon seit vielen Jahren seinen geistesschwachen Vater vertreten — gegen den Herzog nahm zu, als die schwedische Thronfolgefrage auftauchte. Da König Karl XIII. keine Kinder hatte, so wählte man zum Kronprinzen den jüngeren Bruder Friedrich Christians. Als dieser plötzlich — ob an Gift, weiß man nicht — 1810 mit Tode abging, richteten sich die Blicke auf den Herzog, dessen Einwilligung aber nicht so leicht zu erlangen war. Er wollte den dänischen König nicht verletzen, der, wie er wußte, sich gleichfalls Hoffnung auf den Thron von Schweden machte, freilich ganz unberechtigte. Karl XIII. bot dem Augustenburger die Krone wiederholt an, der Reichstag bot sie an, Napoleon war nicht dagegen; allein aus allzu großer Rücksicht für den König lehnte er ab und fragte erst bei diesem wegen der Angelegenheit an. Der König ließ lange mit der Antwort warten; endlich schrieb er, daß er allerdings die schwedische Krone erstrebe. Nun lehnte Friedrich Christian endgültig ab. Die Schweden wählten nun aber keineswegs den König von Dänemark, sondern den französischen Marschall Bernadotte, der einige Jahre später auch Norwegen von Dänemark losriß, das nun in Personalunion mit Schweden verbunden wurde. Dänemark aber, das in früheren Jahrhunderten alle drei nordischen Reiche beherrscht hatte, blieb auf Jütland und die Inseln beschränkt.
Trotz dieses äußerst loyalen Verhaltens seines Schwagers war der König wütend auf ihn; er ließ ihn verspotten, ja, ihn auf der Insel Alsen förmlich blokieren, unter dem Vorwande, ihn vor den Schweden zu „schützen“. Der Herzog, tief empört über solche Behandlung, nahm seinen Abschied aus allen Staatsämtern und wohnte von nun an abwechselnd auf Augustenburg und Gravenstein, mit der Erziehung seiner Kinder beschäftigt. Er hinterließ zwei Söhne, von denen der ältere, Christian August, der Großvater unserer Kaiserin wurde, und der jüngere unter dem Namen Prinz von Noer in der Geschichte Schleswig-Holsteins bekannt geworden ist. Die einzige Tochter des Herzogs wurde später die Gemahlin des Königs Christian VIII. von Dänemark.
In den letzten Jahren seines Lebens verfaßte der Herzog noch eine staatsrechtliche Schrift, das Erbrecht seines Hauses auf die Elbherzogtümer darlegend. Zu den Männern, die den philosophischen Fürsten auf Gravenstein aufsuchten, gehört auch Andersen, der dänisch-deutsche Märchenerzähler, der in begeisterten Worten die Gastlichkeit des herzoglichen Hauses und die landschaftlichen Reize der Umgebung von Gravenstein preist. Im Jahre 1814, am 14. Juni, starb Friedrich Christian. In seinem letzten Willen ermahnte er seine Söhne „die Rechte und Ansprüche, welche ihre Abkunft ihnen gebe, mit männlicher Festigkeit, aber ohne Verletzung der Gerechtigkeit, der Ehre und Pflicht zu beobachten“. Die Söhne und der Enkel rechtfertigten das in sie gesetzte Vertrauen; sie haben sich stets als Ehrenmänner bewiesen, in guter und in böser Zeit. An geistiger Bedeutung und umfassender Bildung aber hat keiner den großen Ahnen erreicht.
Marsberg.
Auch eine Sommerfrische.
Wir wollten in die Sommerfrische — so viel stand fest. Hierin waren meine Frau und ich uns einig. Aber wirwolltennicht nur, wirmußten!Alle unsere Bekannten gingen in die Sommerfrische — eine Familie nach Schwalbach, eine andere nach Hamm, die dritte sogar nach Eschwege. Wenn wir daheim geblieben wären, so hätte es aussehen können, als „hätten wirs nicht dazu!“ Lächerlicher Gedanke! Kein Geld, um in die Sommerfrische zu gehen! Solchen Menschen möchte ich einmal sehen, namentlich in unseren Kreisen. Wir sind nämlich von ziemlich hohem Stande, alle unsere Bekannten sind es. Also es war abgemacht, wir wollten in die Sommerfrische.
Ich ging hin und kaufte mir „Tinten und Feder und Papier“.EineFeder, aberzwölfBogen Papier. Denn ich wollte Auswahl haben, eine engere Wahl treffen. Was engere Wahl war, wußte ich aus Erfahrung; hatte ich doch selbst manchmal darauf gestanden. Bisweilen war ich gewählt worden, bisweilen auch nicht. Nun hatte ich das stolze Gefühl, diese engere Wahl selbst auszuüben. Dann nahm ich den kleinen Kneebusch — den ich selbst besaß — und Bädekers Rheinlande — den mir ein befreundeter, edeldenkender Buchhändler auf einen Tag lieh — freilich unter der Bedingung, ihn sofort zurückzugeben, falls sich ein Käufer finden sollte, denn es war nur dieses eine Exemplar auf Lager — also ich nahm den kleinen, grünen Kneebusch und den dicken, roten Bädeker und studierte und studierte. Ich habe schon viel studiert in meinem Leben, z.B. auf der Universität, aber so hat nur weder im metaphysischen Kolleg beim alten Strümpell in Leipzig noch im psychologischen Kolleg bei Eucken in Jena der Kopf gebrummt, als heim Studium dieser anscheinend so harmlosen Bücher. Denn da gab es Sommerfrischen wie Sand am Meer, eine immer einladender als die andere. Preisend mit viel schönen Reden registrierten die Verfasser alles, was nur irgend Anspruch auf diese ehrenvolle Bezeichnung erheben konnte, von Godesberg am Rhein und Manderscheid in der Eifel bis Oberkirchen und Laasphe im Sauerland. Rheinland und Westfalen sollte und mußte es sein, lieber noch letzteres, denn mein Grundsatz ist derselbe wie der des alten Geheimrat Goethe:
Willst du immer weiter schweifen?Sieh, das Gute liegt so nah!
Nur zuerst liebäugelte ich nach der Rheingegend hinüber; da lockte ein Gasthaus mit dem lieblichen Namen „Waldesfrieden“, und da las ich Gerolstein und erinnerte mich angenehm gleich an eine Operette von Offenbach: „Die Großherzogin von Gerolstein.“ Dies Großherzogtum hätte ich gern einmal gesehen, und auch der Waldfrieden hatte mich immer mächtig angezogen, obgleich oder vielleicht gerade weil ich mein Lebtag noch nicht im Walde gewohnt hatte.
Ich sandte also einige Briefe nach dem Rhein, die überwiegende Mehrzahl der 12 aber wanderte ins Sauerland, jeder sorgfältig konvertiert und mit einer funkelnagelneuen Briefmarke versehen. Ich rieb mir vergnügt die Hände; der erste, der schwerste Schritt war geschehen; und begierig harrten wir nun der Dinge, die da kommen sollten, nämlich der Antworten. Herzlich leid thaten mir schon die 11 armen Wirte, denen ich abschreiben mußte; denn ich konnte unsere Gegenwart doch nur einem schenken, wie es auch in der Lotterie zu gehen pflegt, wo nur einer das große Los zieht. Wer von den 12 Wirten das sein würde, ruhte noch im Schoße der Götter. Jeden Morgen eilten wir zitternd vor Aufregung dem Briefträger entgegen — bei uns im Röhrchen kommt die erste Briefbestellung schon um neun Uhr vormittags — und waren jedesmal schmerzlich enttäuscht, wenn er nichts hatte. Auch wenn ich mittags nach Hause kam, war meine erste Frage: Nichts vom Briefträger? Endlich am dritten Morgen brachte er eine Karte. Sie kam vom Waldesfrieden und sagte mit dürren Worten, es sei für die nächsten Wochen alles besetzt, der Wirt müsse auf unsern Besuch verzichten. Ich war entrüstet. Auf uns verzichten wollte er, und nicht einmal schwer schien ihm das zu werden, wenigstens war kein Wort des Bedauerns ausgesprochen. Aber es sollte noch anders kommen; auch die übrigen Rheinländer und sämtliche Sauerländer bis auf 3 schrieben im Laufe der nächsten 14 Tage ab, mit Ausnahme derer, die — mir bebt die Feder vor edlem Zorn — überhaupt nicht antworteten!
Es waren also 3 übrig geblieben, die uns wollten. Triumphierend erzählten wir es unseren Freunden. Aber da kamen wir schön an. Als ich Freund X sagte, wir wollten nach A., der Ort sei gut empfohlen im Kneebusch, rief X unwillig aus: Ach, gehen Sie nicht nach A., da ist kein Wald in der Nähe, gehen Sie lieber nach B. Ich ließ mich natürlich gerne belehren und teilte meinem Freunde Y mit, wir seien entschlossen, unsere Sommerfrische in B. abzuhalten. Wie, nach B. wollen Sie? Nach diesem schmutzigen Dorfe? Gehen Sie nach C.! Ich stutzte, fügte mich aber der überlegenen Weisheit; wohnte ich doch erst 3 Jahre in Westfalen und jene anderen schon lange; die mußten es natürlich besser wissen; überhaupt giebt ja der Klügste nach. Es war also eine ausgemachte Sache, wir gingen nach C. Aber o weh! kaum hatte meine Frau in der nächsten Kaffee-Visite davon gesprochen, als ein Sturm der Entrüstung losbrach. Nach C. würden die Damen auf keinen Fall gehen, sie rieten aber dringend, nach D. zu gehen. Die Lage, Verpflegung, kurz, alles sei unvergleichlich viel besser als in C. Nun stand aber D. gar nicht mit auf meiner Liste. Doch was sollte ich thun? A., B. und C. hatte ich auf den Rat von X, Y und Z schon abgeschrieben. Die engere Wahl war also ergebnislos verlaufen. Inzwischen war auch bei dem ewigen Warten eine Woche der Ferien unwiederbringlich verloren, und wenn wir noch etwas von der Sommerfrische haben wollten, dann hieß es sich eilen. Kurz entschlossen telegraphierte ich nach D., bezahlte die Antwort und hatte nach 3 Stunden einen zusagenden Bescheid. Hurra, wir hatten eine Sommerfrische! Was 12 Briefe nicht vermocht hatten, eine Depesche hatte es erreicht. Wir stehen eben im Zeichen der Telegraphie; Briefe sind ein überwundener Standpunkt. Nun kann ich auch den Schleier der Anonymität lüften und verraten, daß D. Niedermarsberg war, an der Diemel im östlichen Sauerlande gelegen. Schon am nächsten Tage sollte die Reise angetreten werden.
Darauf bedacht, daß wir allein im Coupé blieben, verfiel ich auf folgende List, die ich allen Familienvätern empfehlen kann. Sobald eine Station in Sicht kam, kommandierte ich: Alle Mann an Deck! Alle 5 stürzten wir uns dann zwar nicht an Deck, sondern an die Coupéthür, die wir dicht gedrängt verbarrikadierten: meine Frau, ich, der Knabe Karl von 10 Jahren und der einjährige Hans auf dem Arme des Mädchens. Besonders letzterer sollte nach meiner Berechnung als Abschreckungsmittel dienen, und ich hatte mich nicht getäuscht. In Wickede z.B. steuerte ein umfangreicher Gutsbesitzer (dicker Bauer) auf unser Coupé zu, schwenkte aber kurz vorher ab, als er die kinderreiche Familie mit dem Hans an der Spitze sah, den er womöglich für einen Schreihals hielt, was er keineswegs ist. Meine Frau fand es zwar empörend, daß unser süßes Hänschen abschreckend auf einen Menschen wirken könne, aber der Erfolg gab mir Recht. Ungefährdet durch Mitreisende kamen wir Mittag an dem Ziel unserer Wünsche, in Niedermarsberg, an, von unserem Wirt, der außer seinem Hotel auch die Bahnhofsrestauration inne hatte, in Empfang genommen.
Auf dem Wege zum „Westfälischen Hof“ kamen wir an einem Trümmerhaufen vorbei, wo vor 14 Tagen mehrere Häuser, darunter auch ein Hotel, abgebrannt waren. Das war kein gutes Omen für uns, und doch, ich dachte: Sobald brennts gewiß hier nicht wieder! Ich trat an die Brandstätte und bemerkte zwischen Schutt und Trümmern einen Balken mit der leicht zu entziffernden Inschrift:
Eine Jahreszahl war nicht mehr zu erkennen, doch deutete dieOrthographie auf die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts.
Niedermarsberg hat eine ganz herrliche Lage. Nach allen Seiten zwischen hohe, bewaldete Berge eingebettet, schaut es mit seinen hübschen Kirchen den Wanderer gar freundlich an. Besonders stolz und stattlich streben zwei steile Berge in die Höhe: auf dem einen steht der Bilstein, ein Aussichtsturm, auf dem andern liegt Obermarsberg, dessen beide Kirchen man sieht. Während dieser Ort mit 1000 Einwohnern eine Stadt ist, hat Niedermarsberg trotz seiner 4000 Einwohner die Landgemeindeordnung.
Es hat eine evangelische und mehrere katholischen Kirchen sowie eine Synagoge; an ersterer wirkt der Pastor Nettelbeck, ein Nachkomme des wackeren Verteidigers von Colberg. Es besitzt ferner eine Zeitung, genannt der „Diemelbote“, der aber nichteinmaltäglich erscheint, wie gewöhnliche Zeitungen, sondern dreimal (wöchentlich). Außerdem hat Niedermarsberg alle Arten Läden, in denen man seine materiellen Bedürfnisse befriedigen kann, sofern sie nicht allzu hoch sind; für die geistigen sorgt die Buchhandlung meines Freundes Buddenkotte.
Der gebildete Deutsche will aber nicht nur wissen, was jetzt ist, sondern auch was früher war. Ich setze zu deiner Ehre voraus, daß du, lieber Leser, mindestens bis Quinta, vielleicht sogar noch weiter gekommen bist, und daß du also weißt, auch ohne daß ich dirs sage, daß hier in Marsberg einstens die alten Sachsen hausten und daß ihre berühmte Eresburg von Karl d. Gr. erobert wurde. Auch weißt du, daß dieser große Kaiser den Winter 784-85 mit seiner Familie hier zugebracht, sich auch eine Villa Horhusen gebaut hat, daß ferner die Stadt später in Stadtberge umgetauft wurde und nun, seit etwa 30 Jahren, nach dem Grundsatz variatio delectat, Marsberg heißt. Solltest du alles dieses aber nicht gewußt haben, nun so tröste dich mit mir: auch ich habe es erst aus dem Kneebusch erfahren, wo es auf Seite 185-86 steht und noch viel mehr dazu. Was aber nicht im Kneebusch steht, ist, daß hier ein Mann wohnt, den Kaiser Karl V. beneidet haben würde, wenn er ihn gekannt hätte. Wie männiglich aus der Geschichte weiß, war dieser mächtige Fürst, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, auf seine alten Tage Uhrmacher geworden, jedoch außer Stande, zwei Uhren in völlig gleichem Gange zu erhalten. In Marsberg wohnt ein Uhrmacher — es wäre ein Unrecht, den Namen dieses Wackeren zu verschweigen: Paul Müller heißt er und wohnt Wilhelmstraße Nr. 15, in demselben Hause, wo mein Freund Buddenkotte, der Buchhändler, wohnt — in dessen Schaufenster hängen also nebeneinander 6 (sechs) Uhren, die sich ähneln wie ein Ei dem andern. Alle 6 Pendel bewegen sich mit absoluter Gleichmäßigkeit, wie ich während meines mehrwöchentlichen Aufenthalts beobachten konnte, wenn ich vorbei ging. So hat der große Kaiser in dem kleinen „Uhrkenmaker“ seinen Meister gefunden.[7]
Die Umgegend von Niedermarsberg ist reich an Wald mit schönen Spaziergängen. Da lockt die Paulinenquelle im Waldesschatten mit schönen Anlagen und Ruheplätzen, wo es sich so angenehm lesen und träumen läßt. Da winkt das Eichwäldchen an der Diemel, auch mit lauschigen Plätzchen, vor allen aber der Bilstein mit seiner prächtigen Aussicht auf beide Marsberg und in die weite Ferne. Ein Stationsweg mit 14 Steinbildern von der Passion Christi führt hinauf.
Aber auch das Materielle kam nicht zu kurz in Marsberg, und wir bedauerten schon gar nicht mehr, von den 12 geplanten Sommerfrischen keine erwischt zu haben. Gab es in Niedermarsberg wenig Sommerfrischler und Touristen, so gab es um so mehr Forellen. Unser Wirt zum „Westfälischen Hof“ hatte den Vorzug, Pächter der Fischerei zu sein, und da haben wir manchen guten Braten gehabt.
Der historische Zug in mir trieb mich gleich in den ersten Tagen nach Obermarsberg hinauf. Ein gelinder Schreken faßte mich allerdings, als ich im Kneebusch von der dort befindlichen Schwedenschanze las. Es ist mit den Schwedenschanzen beinahe so schlimm wie mit den Schweizen. Man kann nirgends in deutschen Landen reisen, ohne auf eine Schwedenschanze zu stoßen oder über eine Schweiz zu stolpern; manche dieser Schweizen sind nämlich so hoch, daß man wirklich darüber fallen kann. Trotz aller Vorsicht hatte ich schon ein halbes Dutzend Schweizen über mich ergehen lassen, und ebenso viele Schwedenschanzen. Nun, wie so manche Schwedenschanze, bestieg ich mutig auch die Obermarsberger, und die Aussicht kann auch den verbissensten Antischweden mit den Namen aussöhnen. Prächtig baut sich vor den entzückten Blicken die sauerländische Gebirgskette auf: ein Neben- und Durcheinander von dunkel- und hellblauen Kuppen, von denen das Auge sich nur schwer trennt, um dann über das unmittelbar zu Füßen liegende grüne Diemelthal mit seinen Wäldern, Wiesen und weidenden Kühen zu schweifen.
Nachher besahen wir dann noch die beiden Kirchen, von denen die eine von dem braven Karl dem Großen gebaut sein soll und die andere von jemand anders, bewunderten den „Roland“, der aber nicht so riesenhaft wie der in Bremen ausschaut, staunten den abscheulichen Pranger an und kehrten schließlich im Wirtshaus zur Eresburg, vom Volk auch „Freßburg“ genannt, ein, wo wir Heidelbeerwein tranken, der genau so schmeckte, wie mittlerer Bordeaux, den Vorzug hatte, billiger zu sein und dabei aus denselben Bestandteilen hergestellt ist.
Essentho, dessen Name dem Ohre des Lesers vermutlich ebenso fremd ist wie seinem Herzen, ist ein abgeschiedenes, weltverlorenes Dörfchen jenseits der Berge. Man geht am Niedermarsberger Schlachthause vorbei, welches eine so idyllische Lage am Waldesrande hat, daß man gleich Schlachthausinspektor sein möchte. Uebrigens verdient schon die Existenz eines solchen Instituts in einem Orte von 4000 E. alle Anerkennung; es giebt eine große Anzahl Städte in Deutschland mit mehr Einwohnern, die noch gar nicht daran denken, sich in den Besitz eines solchen nützlichen Hauses zu setzen. Hinter dem Schlachthause führen mehrere Wege durch den Wald nach Essentho, eine langsam aufsteigende, mit Eschen besetzte Landstraße, eine wohlerhaltene römische Heerstraße (via regia) und ein Fußweg. Wir wählten diesen, indem wir uns die Römerstraße für den Rückweg vorbehielten. An dem Fußwege, gegen den Wald gelehnt, liegt der jüdische Friedhof mit einigen hübschen Denkmälern. Das 9jährige Söhnchen unseres Wirtes, wohlbestallter Sextaner der Rektoratsschule, der unser Führer war und uns auf alle Sehenswürdigkeiten, oder was er dafür hielt, aufmerksam machte, wies mit eigentümlicher Miene auf einen Grabstein, der aus einer abgebrochenen schwarzen Granitsäule bestand, und sagte: Da liegt ein Freimaurer! Ich fragte ihn, was denn ein Freimaurer sei. Hierauf wußte er nichts zu antworten, ich mußte aber an den Tag vorher denken, wo wir über den christlichen Kirchhof gingen. Mit derselben eigentümlichen Geberde hatte er auf ein Grab in der Ecke gezeigt und gesagt: Da liegt einer, der hat sich vorigen Winter erhängt!
Saftige Wiesen begleiten uns, auf denen sich ganze Scharen von Schmetterlingen tummelten; so viele Tag-Pfauenaugen hab' ich mein Lebtag nicht gesehen. Essentho selbst bietet nichts, außer einer Antoniuskapelle unter zwei riesigen Linden, in deren Geäst die Glocke hängt. Auf diesen Antonius trifft man hier überall; wenn ich nur wüßte, was es für eine Bewandtnis mit ihm hat. Unsere Josepha, die liebliche Wirtstochter, wußte auch nicht viel von ihm zu melden. Eine weite Aussicht hat man von dieser Kapelle über das Diemelthal hinaus zu den Weserbergen und sogar dem Habichtswalde bei Kassel. Von Marsberg ist nichts zu sehen, da es durch Berge verdeckt ist.
Um so angenehmer wurde ich in Westheim enttäuscht; schon daß es östlich von Marsberg liegt, imponierte mir, da ich eben ganz und gar kein Buchstabenmensch bin. Was mich nach Westheim zog, war vor allem der Umstand (Kneebusch Seite 187 unten), daß dort der Reichsgraf von Stolberg ein Schloß mit Park und Brauerei besitzt. Vor Grafen, insonderheit vor Reichsgrafen, habe ich von jeher eine unbegrenzte Hochachtung gehabt, was vermutlich daher kommt, daß in meinem engeren Bekanntenkreise sehr wenig, ja ich möchte fast sagen, gar keine Grafen verkehren. Für die Grafen von Stolberg hegte ich eine ganz besondere Verehrung, sowohl für die Linie Stolberg-Wernigerode als auch Stolberg-Stolberg. Hatte ich doch schon als Magdeburger Sekundaner das herrliche Schloß zu Wernigerode geschaut und als Student die Schloßbibliothek zu Stolberg mit der einzig dastehenden Sammlung von Leichenpredigten aus dem 16. und 17. Jahrhundert angestaunt! Hier in Westheim kam nun noch etwas hinzu, was dem sonst von mir befolgten Horazischen nil admirari einen argen Stoß gab. Unterbrechen Sie mich aber bitte nicht, sondern lassen Sie mich ruhig erzählen! Ich pilgerte also frohgemut gen Osten, durch schattigen Wald an der leise plätschernden Diemel entlang. Was mir unterwegs begegnete, ist nicht von Belang, und ich kann es füglich übergehen; denn, wie der Leser schon gemerkt hat, ist es mein Grundsatz, nur wirklich Wichtiges zu berichten; ein Prinzip, dem ich auch künftig treu bleiben werde. In Westheim angelangt, wandte ich mich sogleich nach dem Schlosse, und da ein sehr heißer Tag war und ich großen Durst verspürte, so fragte ich ein paar Brauknechte, die in dem Hofe der Reichsgräflichen Brauerei hantierten, ob man da wohl ein Glas Bier kriegen könnte. Sie wiesen lächelnd auf eine Thür, an der „Komptoir“ stand. Etwas zaghaft trat ich ein und trug meinen Wunsch einem der an Schreibpulten stehenden Herren vor. Dieser lächelte gerade so wie die Brauknechte und zeigte auf einen gefüllten Krug voll eiskalten Bieres, der im Augenblick gebracht war. Ich langte zu und setzte mich auch, während sich niemand weiter um mich kümmerte. Der Buchhalter schrieb, ab und zu gingen Leute, die da zu thun hatten. Da eiskaltes Bier nicht gesund sein soll, hätte ich gern mein in der Tasche steckendes Butterbrot gegessen; allein der Anstand überwog zunächst noch den Hunger, und nur verstohlen, wenn es niemand sah, biß ich kleine Stücke ab. Erst als ich sah, daß einer der Schreibenden auch ein Butterbrot ganz öffentlich vor sich hatte und aß und trank, holte ich meinen Imbiß heraus und nun schmeckte das Hubertusbier noch einmal so gut. Mutiger geworden, knüpfte ich eine Unterhaltung an, erkundigte mich nach den Familienverhältnissen des Grafen von Stolberg und erweiterte meine genealogischen Kenntnisse beträchtlich. Schließlich fragte ich nach der Schuldigkeit, da schüttelte er (der Herr Buchhalter) den schon ziemlich entlaubten Wipfel. Ich bedankte mich schön, flehte den Segen des Himmels auf den Grafen und seine Kinder und Kindeskinder herab und verließ rückwärts hinausgehend mit vielen Verbeugungen das gastliche Komptoir. Hoffentlich wird diese Episode nicht in weiteren Kreisen bekannt! Ich würde sonst dem Herrn Grafen einen Sklaven schicken (wenn ich einen hätte), der ihm jeden Mittag und jeden Abend, wie jener Sklave dem Perserkönig, zurufen müßte: Landgraf, werde hart, hart, hart! Ich werde den Herrn Setzer übrigens bitten, diese ganze Stelle zu streichen.
Um auch einmal ins „Ausland“ zu kommen, beschloß ich einen Ausflug nach dem Städchen Rhoden in Waldeck zu machen. Auf der Fahrt nach Wrexen, wohin ich die Bahn benutzte, hatte ich eine helle Freude an einer Chaussee, die in bunter Abwechselung mit reichbeladenen Aepfelbäumen, Ebereschen voller leuchtendroter Beeren, Ahornen, Kastanien, Birken und Akazien besetzt war — wahrlich, keine Spur jener Eintönigkeit, an der sonst Landstraßen zu leiden pflegen! Von Wrexen, das schon waldeckisch ist (der Name klingt auch so ausländisch, nicht wahr?), führt ein einstündiger Marsch nach Rhoden. Schon von ferne sieht man das Städtchen (von dem bekanntlich der Spruch: hic Rhodus, hic salta! kommt) auf steilem Bergkegel, ganz oben ein schloßartiges Gebäude und eine Kirche. Kneebusch bemerkt lakonisch: Das Schloß ist bewohnt, aber nicht gut erhalten. Ich stand vor dem wappengeschmückten Portal, das verschiedene Risse aufwies. Still war alles, kein Mensch, kein Hund, keine Katze. Mein Schritt hallte auf dem Steinpflaster, aber kein Fenster öffnete, kein neugieriger Kopf zeigte sich. Dies Schloß mußt du schon irgendwo gesehen haben, dachte ich bei mir und suchte in meinem Gedächtnisse: aber wo, wo? Da rief es plötzlich laut in mir, so daß es beinahe gesprochene Worte waren: Das ist ja das Dornröschenschloß, von dem dir deine Mutter vor vielen Jahren erzählt hat und in dem du dich so heimisch fühltest, wie in deiner Eltern Wohnung! — Ich wandere weiter und gelange in den Park. Da stehen sie, die Baumriesen, ganz ruhig; kein Lüftchen bewegt Baum und Strauch, die einen grünen, undurchdringlichen Schleier bilden. Zwei Vögelchen huschen durch das Gras und zwitschern leise; ich merke, sie reden von mir und wundern sich, was ich da will. Im Park fast noch stiller als im Schloß; Totenstille, Grabesstille. Die Wege mit Buschwerk überhängt, sodaß man sich bücken muß — — Nun laß sich die Dämmerung herabsenken und den Mond aussteigen hinter den düsteren Tannen und Eichen — und du bist in das romantische Land versetzt, von dem die Dichter melden. Steinerne Stufen, moosbewachsen, geborsten, führen hinauf und hinab. Was leuchtet da in der Ferne Weißes durch das Grün? Ein Grabstein. Ich trete hinzu und lese unter dem marmornen Wappen des Mausoleums die Worte: „In diesen Hafen sammeln wir uns aus den Stürmen des Lebens.“ Ein sinniger Spruch, den der Fürst von Waldeck vor etwa hundert Jahren sich und seinen Nachkommen geschrieben hat. Die Gitter und Grabkreuze vor dem Mausoleum sind dicht mit Epheu umsponnen; an den beiden gewaltigen Fichten ist er hinaufgekrochen bis in die äußersten Verzweigungen. Ich gehe weiter und setze mich auf eine Bank und träume. Für wen sind diese Anlagen? Wer genießt sie? Wie mag es hier im fröhlichen 18. Jahrhundert ausgesehen haben? Da war Rhoden sicher eine Art Versailles, wenn auch nur ganz im Kleinen: alle Zeichen deuten darauf hin. Da sind die Laubgänge bevölkert von Kavalieren und Hofdamen, die sich verneigen und plaudern und hinter den dichten Hecken kosend verschwinden. Und abends, da ist das Schloß hell erleuchtet, und die breiten, jetzt so ausgetretenen Steintreppen wallt es hinauf in prächtig geschmückten Gewändern zum Ballsaal — — Da höre ich in der Ferne das Knarren eines schweren Fuhrwerks und das Knallen einer Peitsche und den Zuruf eines Ackerknechtes — das ist die Prosa des modernen Lebens, die nur gedämpft hier hineindringt. Ich nehme Abschied von diesem Idyll; wieder hallen meine Schritte über den Schloßhof; ich blicke noch in den tiefen, halb verschütteten Brunnen. Alles so still wie zuvor, kein Mensch, kein Tier. Ich grüße das Wappen am Portal und schreite hinaus, voll von einer schönen, nicht so bald verlöschenden Erinnerung — —
[7] Später verriet mir Freund Buddenkotte den Kniff, durch den das Kunststück gelungen war; ich will ihn aber nicht weitersagen, um den Künstler nicht bloßzustellen.
Neun mal 24 Stunden auf der Eisenbahn.[8]
Frühling kam und mit ihm erwachte meine Wanderlust. Nach Westen! nach dem sonnigen Californien, von da weiter nach den Hawai-Inseln und durch das Südsee-Paradies nach Sidney und Melbourne, von da nach Ceylon und Vorderindien, und durchs Rote- und Mittelmeer nach Italien und Deutschland; mit einem Wort: eine Reise um die Erde zu machen, hatte ich mir den Winter hindurch als Ziel vorgesetzt. Mit dieser Absicht fuhr ich vom Mississippi nach Westen; verschiedene Gründe ließen mich meinen Entschluß ändern, von denen ich hier nur einen erwähnen will: die Beschränktheit der Zeit; Ende September 1883 mußte ich mich zum Militärdienste stellen.
Donnerstag, 26. April 1883, früh 6 Uhr fuhr ich von Fort Madison ab, und Sonnabend, 5. Mai, früh 9 Uhr kam ich in San Francisco an, nach 9 Tagen und 9 Nächten ununterbrochener Fahrt. Schnellzüge fahren diese Strecke fast in der halben Zeit; der Zug, mit dem ich fuhr, war ein Emigranten- (d.h. Bummel-) Zug, aber dafür auch um 1/3 billiger; ich gab ungefähr 250 Mark für das Billet. Wer etwas mehr von der Landschaft sehen will, thut wohl, den Emigrantenzug zu wählen, trotz mancher Unbequemlichkeiten, die er mit sich bringt. Nach 15stündiger Fahrt durch die hügeligen, angebauten Staaten Iowa und Missouri kam ich in Atchison an, einer größeren Stadt, dem Anfangspunkte der „Atchison-Topeka-Santa Fe-Eisenbahn“, mit welcher ich die nächsten Tage zu fahren hatte; zuletzt gings eine Weile dicht am Missourifluß entlang, dessen Wasser schmutzig daher schleicht und den klaren Mississippi trübt. In Atchison war umzusteigen; nach kurzem Aufenthalt ging es weiter, mit einer Geschwindigkeit, die ich unserm Bummelzuge gar nicht zugetraut hätte. Ich ging durch die Wagen und fand die prachtvollste Einrichtung, wie auf Schnellzügen; doch da ich mit Emigrantenzügen noch nicht näher bekannt war, hoffte ich, im richtigen Zuge zu sein und machte es mir in einem Lehnstuhl des Gesellschaftswagens bequem. Schrecklich war jedoch mein Erwachen, als der Kondukteur mich belehrte, daß dies der Schnellzug sei und ich denselben schleunigst zu verlassen habe. Auf meine Entschuldigung erwiderte er streng: Does this look like an emigrant-train? I tell you, you are a dandy! (dandy = frecher Mensch). Auf der nächsten Station kam ich der Weisung nach und befand mich in tiefster Dunkelheit — es mochte Mitternacht sein — vor einem Holzschuppen, aus dem Licht herausschimmerte und den ich als Bahnhof erkannte. Ein junger Mann, welcher Stationsvorsteher, Telegraphist, Postbeamter, Hausknecht und Restaurateur zugleich war (ich merkte nichts von einer Restauration, auf vielen Stationen ist keine) und den ich um Nachtlager bat, wies freundlich aber schläfrig auf die Diele, während er sich auf eine Pritsche warf und alsbald einschlief. Mir blieb nichts übrig, als seinem Beispiel zu folgen, und, müde wie ich war, schlief ich, in meinen Ueberzieher gewickelt, ganz erträglich. Am andern Tage ziemlich früh kam ein Zug angeschlichen, der, wie mir mein Wirt sagte, nicht der meinige sei: der käme erst später. Ich ging aber doch heran, fragte und hatte grade noch Zeit einzusteigen, denn er war es! Nun ging es quer durch Kansas, einen der größten, aber auch langweiligsten Staaten. Alles Prairie mit Herden; ab und zu eine Holzstadt oder einzelne Farmen. Kein Baum, kein Strauch, wenig Wasser; nur als Weiden zu brauchen. Das „sonnige Kansas“ nennen sie es, und außer der Sonne, die manchmal arg brennt, ist hier nichts zu haben.
Sonntag hatten wir diesen elenden Staat, in dem ich die tötlichste Langeweile ausgestanden, glücklich hinter uns, und fanden uns am Morgen in Trinidad, einem halb spanisch-, halb anglo-amerikanischen Orte Süd-Colorados, am Fuße der Rocky Mountains herrlich gelegen, die hier bis 4000 m aufsteigen. Ich dachte an meine Schiffsbekanntschaft, Herrn Uhlfelder, der hier wohnt, hatte aber keine Zeit ihn aufzusuchen.
Nicht eben erfreulich berührte mich ein Anschlag im Bahnhof folgenden Inhalts: „Gestern sind die Schienen bei Trinidad aufgerissen, sodaß der Zug entgleiste. 2000 Mark Belohnung für Nachweisung der Thäter.“ — Es konnten sowohl Indianer als auch Weiße gewesen sein; letztere, meist verzweifelte Burschen, die sich vor dem Arm der Gerechtigkeit aus den Oststaaten oder aus Europa nach dem einsamen Westen gerettet haben, gelten für raffinierter. Sie überfallen Züge, ermorden die Reisenden und nehmen alles Wertvolle mit; dann verschwinden sie in den Bergen. Der schnell reparierten Bahn vertrauten wir unsere Sicherheit an. Öde und rauh ist das Gebirge, das wir nun hinaufklommen; nur Cedern und Nadelholz, Geröll und Fels. Als wir gerade aus einem langen Tunnel wieder ins Freie kamen, sahen wir seitwärts in der Ferne die in Schnee getauchten Spitzen der Felsengebirge hell glänzen in der Morgensonne. Bei Raton, etwa 7000' hoch, wurde Station gemacht; in Blechkannen brachten Mädchen und Knaben Kaffee in die Wagen, der auch nicht mehr kostete als bei Felsche in Leipzig, wenn er auch nicht so gut war. Daß es an „Lagerbier“ auch hier nicht fehlte, brauche ich nicht zu sagen.
Wir haben die Grenze von Neu-Mexico überschritten und befinden uns im Lande der Azteken. Ein wunderbarer Gegensatz zu dem anglo-kelto-germanischen Nordamerika; Gegensatz in Landschaft und Architektur, in Sprache und Volk und Klima. Es geht auf der Hochebene hin; Steppen mit scharf-geschnittenen, blauen Bergen umkränzt, die Gipfel mit Schnee bedeckt; Cacteen von Manneshöhe bis zu 40' und 50' wachsen auf der unfruchtbaren Ebene. Ab und zu ein paar Prairiehunde, nach denen sich Revolver und Flinten von allen Fenstern des Wagens richten — ich sehe jetzt erst, daß ich der einzige Waffenlose bin. Es ist angenehm warm, aber erträglich, obgleich wir viel südlicher als Neapel sind; das bewirkt die Höhe von 5-6000'. Die ersten beiden Tage strengte das Fahren an; jetzt, am 4. oder 5., bin ich es gewohnt. Die Gesellschaft besteht aus Deutschen, Anglo-Amerikanern, Polen und einem Italiener; es ist ähnlich wie auf dem Schiff, die Gesellschaft bleibt dieselbe, da fast alle nach Californien wollen, und man wird bekannt. Da ist ein armer Tischler aus Bielefeld, der es mit 10 Mark Wochenlohn nicht länger aushält; er will sein Glück in Californien suchen, und wenn er es gefunden, seine Familie aus Deutschland nachkommen lassen; ferner ein junger beklemmerter Restaurateur aus Breslau mit seiner Frau, der weniger aus Not als aus Uebermut erst nach St. Louis gereist ist, dort viel Geld durchgebracht hat, auf die Jagd gegangen und dergleichen Sport getrieben, und nun in S. José nicht weit von San Francisco eine großartige Geflügelzucht anlegen will, die in kurzer Zeit sehr viel einbringen wird. Dann ein Italiener aus Lucca (die meisten Italiener in Nord-Amerika antworten, wenn sie nach ihrer Heimat gefragt werden: Lucca), der sich nur durch meine Vermittlung verständigen kann und froh ist, daß ich ein bischen italienisch mit ihm radebreche. Er hat in den Kohlebergwerken Pennsylvaniens gearbeitet, was ihm begreiflicherweise nicht behagte. Nun will er Cafetiere in San Francisco werden, wo ca. 6000 Italiener wohnen. Ich lehrte ihn etwas Englisch, von dem er bisher nur einige Zahlen und die Münzennamen kannte, wofür er nur bereitwilligst seinen glücklicherweise noch ziemlich neuen Kamm lieh, da mir der meinige abhanden gekommen war. Dann ein paar echte Yankees aus dem Neu-England-Staate Maine, die uns in Deming verließen, um in die Silberbergwerke Neu-Mexicos zu gehen, mit dem frohen Gefühl, nach einer 14tägigen Eisenbahnfahrt immer noch in ihrem Vaterlande zu sein, ein Gefühl, wie es außerdem wohl nur noch dem Chinesen und Russen möglich ist. Auf besonders dazu eingerichteten Herden können die Familien sich Kaffee, Eier und dergl. kochen. Nachts werden die Bänke durch eine einfache Vorrichtung in Lagerstätten (Betten kann man nicht sagen) verwandelt. Ich lege den Kopf auf einen Sack, decke mich mit dem Ueberzieher zu und schlafe Seite an Seite mit meinem Tischler, während der Zug weiterrollt. Das Trinkwasser wird zweimal gewechselt täglich; daß alle sonstigen Bequemlichkeiten auf dem Zuge sind, brauche ich kaum zu erwähnen.
So viele Sprachen wie hier kommen wohl selten zusammen: da heißen dreiStationen hinter einander: Sulzbacher (deutsch), Las Vegas (spanisch),Shoemaker (englisch), dazu kommen noch griechische, lateinische,französische, holländische, mexicanische und indianische Namen.
In Las Vegas — wo übrigens grade die Pocken hausten, woran ich nichts dachte — benutzte ich die zwei Stunden Aufenthalt, um eine Cousine aussuchen, die dort wohnt. Die Stadt ist teils spanisch, teils indianisch und englisch, sehr hübsch gelegen; nicht weit davon das alte Santa Fe.
Ab und zu ein kleiner Ort von Adobe-(Lehm-)hütten, von Indianern und Silbergräbern bewohnt. Dutzende von ersteren kommen an den Zug, fahren auch streckenweise mit, da sie freie Fahrt haben; schwarzes Haar hängt ihnen wirr in die Stirn; ein grobes buntes Tuch und eine Decke verhüllt ein wenig den Körper; bunte Binden auf dem Kopf, Glasperlen um den Hals. Sie bieten selbstgebranntes Geschirr zum Verkauf, und ich erstand ein kleines Thongefäß, welches allerdings von der Kunst des Verfertigers kein glänzendes Zeugnis ablegt. Eine Verständigung ist kaum möglich, da die Leute einen Mischmasch von indianisch, spanisch und englisch radebrechen; man nimmt ihnen weg, was man haben will, und drückt ihnen dafür ein beliebiges Geldstück in die Hand.
Noch schmutziger als die Erwachsenen sind die Kinder, die nackt überall herumlaufen. — Einmal hatten wir Gelegenheit, einen Indianer als Reiter zu bewundern. Wohl fünf Minuten ritt er in gestrecktem Galopp neben dem Zuge her; wir drängten uns auf die Plattform, und laute Hurrahs ertönten dem Braven zur Belohnung, was ihn jedoch nicht zu rühren schien, denn er wandte nicht einmal den Kopf nach uns.
Wir fahren am Rio Grande del Norte entlang, immer nach Süden; der Fluß verdient hier das Beiwort „groß“ noch nicht. Das Land rings herum muß künstlich bewässert werden.
In Deming endigt die Atchison-Topeka- und Santa Fe-Eisenbahn und wir stiegen um, von jetzt ab bis San Francisco die Südliche Pacific-Bahn benutzend. Die beiden Yankees verließen uns, um mit der Post nach den Silbergruben weiter zu fahren; blieben noch der Tischler aus Bielefeld, der Gastwirt nebst Frau und der Italiener als meine engere Gesellschaft. Bei einem biedern Pommern verproviantierten wir uns mit Wurst, Brot, Obst und Californierwein. Viele Kleinhändler sind Deutsche, ebenso sehr viele Gastwirte. Deming liegt auf der Hochebene, im Hintergrund ragt die zur Sierra Madre gehörige Berggruppe Floridas und Tres Hermanas (drei Schwestern) hervor.
Das Terrain senkt sich bedeutend, wir kommen hinab in das fruchtbare Thal des Gila in Arizona, nachdem wir, leider nachts, die Ruinen der Aztekenstadt Casa Grande passiert. Die Vegetation nimmt zu; Palmen, Cacteen, Blumen aller Art. Wir fahren von Deming aus mit einem schnelleren Zug; das Wetter ist herrlich, munter balancieren wir, der Restaurateur, der Cafetiere und ich auf den offenen niedrigen Güterwagen umher, in dem frohen Gefühl, dem goldenen Staat immer näher zu kommen. Mittwoch früh in Yuma, am unteren Coloradofluß gelegen, wo, in Stadt und Umgegend, etwa 10000 Yuma-, Pima- und Apache-Indianer wohnen. Sie sind fast nackt und zum Teil tätowiert; eine Photographie einer Squaw nahm ich zum Andenken mit. Wir überfuhren den Colorado und waren in Californien, dessen südlicher Teil, meist wüst und leer, unsere Stimmung zunächst etwas herabdrückte; den schönsten Gegensatz dazu bildet die Gegend von Los Angeles, wo wir am Donnerstag anlangten. Die zwei Stunden Aufenthalt spazierten wir in Stadt und Umgegend umher, herrlich mit Wein und Orangen bepflanzt; nicht weit vom Stillen Meere, unter dem 34° gelegen, die Heilstätte für die Lungenkranken Amerikas. Noch 48 Stunden fuhren wir, rechts die schneebedeckte Kette der Sierra Nevada und die Bernardino-Berge, Sonnabend früh sahen wir den Golf von San Francisco und fuhren mit dem Dampfer bei strömendem Regen hinüber nach der Stadt des ewigen Frühlings.
[8] Vgl. die Anmerkung [2]
Bordesholm.
Zwischen Hamburg und Kiel, etwa 20 Kilometer von letzterer Stadt, liegt das Kirchdorf Bordesholm, ein gar liebliches Idyll. Von der Bahn ist nichts davon zu sehen; ein halbstündiger Spaziergang führt uns hin. Der glänzende Spiegel eines waldumkränzten Sees taucht auf vor unserem Blick; auf der Nordseite desselben ziehen sich schmucke Häuser herum, auf dem höchsten Punkte der hügeligen Gegend erhebt sich die Kirche. Gärten treten an den See heran, in den einige Badezellen hineingebaut sind. Eigenartige Gebäude neben Bauernhäusern stehen zu beiden Seiten der Dorfstraße, die einen recht behaglichen, wohlhabenden Eindruck macht. In der That wohnen hier Beamte, die man in einem Orte von 500 Einwohnern nicht sucht; Bordesholm ist Sitz eines Landratsamtes, einer Oberförsterei, eines Amtsgerichts; auch eine Gräfin Reventlow aus dem altberühmten schleswig-holsteinischen Geschlechte lebt hier.
Das, was uns eigentlich hergeführt hat —die Klosterkirche— haben wir unter Führung des freundlichen Lehrers und Organisten bald erreicht. Unterwegs auf einem freien Platze zieht eine Linde unsere Aufmerksamkeit auf sich, von einer Größe und einer Regelmäßigkeit, wie sie selten zum zweiten Mal in Deutschland zu finden sein dürfte. Die Aeste sind mit eisernen Stäben und Ketten verbunden, da sie sonst die ungeheuere Last nicht zu tragen vermöchten, sondern zusammenbrechen würden. Das Alter des Riesenbaumes schätzt man auf 800 Jahre. Ab und zu findet wohl eine Festlichkeit der Kieler Studenten unter seinem schattigen Dache statt; allein die ganze Studentenschaft würde doch nicht hinreichen, den Platz unter demselben auszufüllen. An dem Stamme ist eine Tafel mit folgender Inschrift angebracht, die von Professor Jansen in Kiel herrührt:
„Manches sah dein gewaltiger Dom, hochrauschende Linde,Freude hast du und Leid manches Geschlechtes getheilt.Größeres schautest du nie als der Holsten Erhebung, als DeutschlandsWiedergeburt zum Reich. Künde den Enkeln das Wort!“
März 24. 1873.
Wenige Schritte davon ragt die altehrwürdige Klosterkirche der Augustiner empor. Außen ist es der alte Bau aus dem Mittelalter, epheuumrankt, mit hohen, gothischen Fenstern; ein Backsteinbau, wie hier im Norden üblich. Statt eines Turmes überragt nur ein Dachreiter das Gebäude.
Ursprünglich war das Augustinerkloster zu Neumünster — Niegenmünster, wie eine lateinische Inschrift besagt — gegründet. Allein dort an der Heerstraße, die den jütischen Norden mit Hamburg und Lübeck verbindet, den Angriffen wandernder Heere ausgesetzt, ward es um 1300 in die abgelegene Stille einer Insel im See verlegt, worauf heute noch der Name hindeutet. Denn Bordesholm lag früher im See und wurde allmählich durch starke Dämme auf drei Seiten trocken gelegt. Mit dem Kloster, das übrigens die mönchischen Regeln nicht so genau gehandhabt hat, sondern vorzugsweise Adligen als behaglicher Ruheplatz diente, war eine Gelehrtenschule verbunden. In den Stürmen des 30jährigen Krieges löste sie sich auf und erstand später wieder als Universität in Kiel; wenigstens wurden die Einkünfte des Gymnasiums zur Gründung derselben verwandt. Als daher der Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen in den 80er Jahren zu einer Feierlichkeit der schleswig-holsteinischen „Alma mater“ reiste, hielt er zuvor in Bordesholm an und nahm auf dem Bahnhof (ohne den Ort selbst zu berühren) eine jene alte Verbindung berührende Ansprache entgegen.
Wir treten in das Innere des Gotteshauses, das, 1861 wieder hergestellt, einen höchst erfreulichen Eindruck macht. Die Schnitzereien der Stühle und der Kanzel sind freilich nur teilweise alt und die gute Orgel trägt keinerlei Schmuck; auch fehlt das Brüggemann'sche Altarbild, eine Holzschnitzerei ersten Ranges; es befindet sich jetzt im Dom zu Schleswig. Aber doch mancherlei bietet die Kirche oder vielmehr einige daranstoßende Kapellen; Gräber von Angehörigen des weitverzweigten Hauses Oldenburg, das seinen Ursprung von Wittekind herleitet und das auch die jetzige Kaiserin, die Augustenburgerin, zu den Seinen zählt.
Ein weißer Marmorsarkophag, den vier Löwen bewachen, birgt die Gebeine Karl Friedrichs, Herzogs von Schleswig-Holstein, des Stammvaters des russischen Kaiserhauses. Um diese Verwandtschaft darzulegen, bedarf es einer kurzen geschichtlichen Erörterung für diejenigen Leser, denen die schleswig-holsteinische Spezialgeschichte nicht geläufig ist.
Seit 1460 regierten in Schleswig-Holstein Könige von Dänemark (aus dem Hause Oldenburg), jedoch nicht in ihrer Eigenschaft als Könige, sondern von den Landständen freiwillig zu Herzögen erwählt. In der dritten Generation teilten zwei Brüder (Christian und Adolf) die Herrschaft in den Herzogtümern, von denen der erstere zugleich König und Herzog, der letztere nur Herzog war. Die herzogliche Linie führte den Namengottorfischenach dem Schlosse Gottorf bei Schleswig, der Residenz der Herzöge. Die beiden UrenkelAdolfsgründeten jeder ein besonderes Haus:Friedrichdas ältere (russische), Christian August, Bischof von Lübeck, das jüngere. Friedrich folgte seinem Schwager Karl XII. von Schweden in den nordischen Krieg, fiel aber schon in der Schlacht bei Klissow (1702). Sein Sohn Karl Friedrich[9] heiratete Anna, die Tochter Peters des Großen von Rußland; ihr Sohn Karl Peter Ulrich wurde zum Großfürsten und dereinstigen Nachfolger der Kaiserin Elisabeth ernannt. 1762 bestieg er alsKaiser Peter III. den russischen Thron. Allein wenige Monate darauf wurde er infolge einer Verschwörung, an deren Spitze seine eigene Gemahlin Katharina stand, ermordet. Auch sein Sohn, der Kaiser Paul I., fiel durch Mörderhand (1801). Dessen Ururenkel ist der jetzige Kaiser Nikolaus II.
In einer andern Kapelle ruht in einem mächtigen, grauen Marmorsarkophage Georg Ludwig, der Stifter der großherzoglich-oldenburgischen Linie. Er ist ein Sohn jenes oben erwähnten Gründers derjüngerengottorfischen Linie und der Stammvater der herzoglich, seit 1829 großherzoglich-oldenburgischen Linie. Ein Bruder Georg Ludwigs, Adolf Friedrich, wurde zum König von Schweden erwählt, seine Nachkommen saßen bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem schwedischen Thron, Gustav VI. Adolf wurde 1809 entthront und später der französische General Bernadotte zum Könige gewählt. Außer diesen beiden wichtigsten Denkmälern erwähnen wir noch das des Königs Friedrich I. († 1533) und seiner Gemahlin Anna. Die Messingsärge mit den lebensgroßen Figuren des Paares sollen ein Nürnberger Werk sein, vielleicht von Peter Bischer. Zu den Füßen der Dame schmiegt sich ein Hündchen. — Wer suchte wohl in diesem abgeschiedenen, weltfremden Dörfchen Holsteins den Ahnen des Herrschers des ungeheuren Zarenreiches! Schon diese eine Sehenswürdigkeit lohnte einen Besuch Bordesholms reichlich, und doch wird es, von weither wenigstens, so gut wie nicht aufgesucht, ja, ist den meisten nicht einmal dem Namen nach bekannt. Treten wir aus der hohen, dämmrigen Halle ins Freie, so befinden wir uns gegenüber den eigentlichen Klostergebäuden, die jetzt als Wohnungen und Amtsstuben des Landrats und des Oberförsters dienen. Ueber der Thür befindet sich eine Inschrift folgenden Inhalts:
„In dem Augustiner Kloster zu Bordesholm unterzeichneten HerzogFriedrich I. und König Christian II.[10] 1523 den Bordesholmer Vergleichund in demselben Hause gab 29. Januar 1864 Feldmarschall Wrangel denBefehl zum Einmarsch in Schleswig.“
Steigen wir zum Schluß auf den kleinen Glockenturm, so übersehen wir noch einmal das liebliche Idyll, das zugleich so welthistorische Personen in sich gesehen hat und Zeuge so großer Ereignisse gewesen ist. Ein reiches Mönchskloster des Mittelalters, die Grabstätte mächtiger Fürstengeschlechter, der erste Schritt zur Erlösung des meerumschlungenen Landes, die rauschende Linde, unter der in grauer Vorzeit Gericht gehalten wurde — alles das vereinigt das kleine Bordesholm in sich. Alles ist dahin, nur die Natur ist ihm geblieben, die es herrlich umgiebt, und die uns an den Ausspruch des Dichters gemahnt:
„States fall, arts fade, but Nature does not die.“
[9] geb. 1700, gest. 1739, begraben in Bordesholm.
[10] König von Dänemark, Schwager Kaiser Karls V., Urheber des berüchtigten Stockholmer Blutbades.