XII.

Auf Seeland.

Zu König Gylfe in Schweden kam einst eine wandernde Sängerin, die ihn durch ihre Lieder entzückte. Der König — so meldet die Sage von der Entstehung der Insel Seeland — verlieh ihr zum Lohne für ihren Gesang so viel Land, als sie mit vier Ochsen auf einmal umpflügen könnte. Wie erschrak er aber, als die Fremde, die niemand anders war, als das Riesenweib Gefion, ein gewaltiges Stück Land aus dem Boden herauspflügte und es von ihren Ochsen ins Meer ziehen ließ, wo es als „Seeland“ stehen blieb. Die Pflugfurche bildete den jetzigen Oeresund, der Schweden von Seeland trennt, während an der Stelle, wo das Land weggepflügt war, ein großer See entstand: der jetzige Wener-See. Noch heutigen Tages lassen seine Uferlinien deutlich die Umrisse der seeländischen Küste erkennen.

Wer möglichst schnell einen großen Teil der Hauptschönheiten der Gefions-Insel kennen lernen will, besteigt einen der bequem eingerichteten Raddampfer, der in dreistündiger Fahrt von Kopenhagen gen Nord bis Helsingör und nach dem gegenüberliegenden schwedischen Helsingborg fährt. Er bleibt der seeländischen Küste immer so nahe, daß man sie deutlich und in aller Muße sehen kann, während die schwedische Küste rechts in blauer Ferne herüberschimmert.

Durch den belebten Hafen hindurch schäumte unser Dampfer „Gylfe“, vorbei an den Anlegeplätzen der Schiffe der verschiedenen Nationen. Rechts blieben der Kriegshafen, das Arsenal und die Werften liegen; an den Mauern der Festung „Tre kroner“ brachen sich die Wellen und spritzten weit hinauf. An der grünen Pracht der Langen Linie ging's hinaus in den breiten Sund, wo hie und da noch vereinzelte Schiffe, namentlich Segler, vor Anker lagen. Von der Stadt sahen wir bald nur noch die Kuppel der Marmorkirche und das große goldene Kreuz der Frauenkirche, das über dem Mastenwald des Hafens noch lange in der Morgensonne leuchtete.

An der seeländischen Küste drängt sich Landhaus an Landhaus, Villa an Villa, bis nach dem berühmten BadeortKlampenborg, dessen Häuser in dem Waldesgrün in langer Reihe sich hinziehen. Noch einladender fast ist das entferntereSkodsborg, welches jetzt mehr in Aufnahme kommt und den Vorteil hat, dem Treiben und Lärmen der Großstadt noch mehr entrückt zu sein. Ein Münchener, der mit uns fuhr, verglich die Ufer mit denen des Starnberger Sees; und in der That haben die waldbekränzten, villenbesetzten Gestade bei Leoni oder Tutzing Aehnlichkeit mit denen Seelands, nur daß hier der Hintergrund, das Hochgebirge, fehlt.

Die Reisegesellschaft bestand meist aus Deutschen, vor denen man in Dänemark ebenso wenig sicher ist, wie in der Schweiz vor Engländern. Hauptsächlich ist Norddeutschland bis Thüringen hinauf vertreten; von den Mundarten hört man am meisten die Berliner. Doch floh ich, wie gewöhnlich in der Fremde, die Landsleute, und suchte mich an Einheimische zu halten. Sie sind meist höflich und geben gern Auskunft, natürlich in deutscher Sprache, welche die einigermaßen Gebildeten verstehen und manchmal sogar fließend sprechen. Die Frauen freilich weniger als die Männer; sie neigen mehr zum Französischen, das vor dem Deutschen und Englischen in den höheren Mädchenschulen betrieben wird.

Eine Kopenhagenerin gesellte sich zu uns und erklärte uns, was wir wußten und nicht wußten. Wir passierten gerade die schwedische Insel Hven, die, kahl und nackt, mit wenigen Einwohnern, mitten im Sunde emporragt. Von unsrer Begleiterin erfuhren wir, daß da einst Tycho de Brahe ein schloßartiges Observatorium gehabt, Uranienborg, von wo er die Sterne beobachtet; jetzt sind nur noch ein paar Mauern vorhanden. Die Frau war eine Kapitänsgattin und hatte als solche freie Fahrt auf allen Schiffen zwischen Kopenhagen und Helsingör, zwischen Malmö und Helsingborg. Das Sommerabonnement auf dieser Strecke kostet sonst 160 Kronen (etwa 180 Mk.); das Abonnement allein zwischen Kopenhagen und Klampenborg kostet 30 Kronen. Auf die Frage, welches Schiff denn ihr Mann führe, erwiderte sie: „Er fährt auf dem größten ‚Creaturschiff‘ zwischen Kopenhagen und England.“ Creatur heißt Vieh; an Viehwagen auf der Eisenbahn sah ich nachher auch das Wort.

Nachdem Klampenborg und Skodsborg vorüber sind, wird die Küste einsamer; anstatt eleganter und bevölkerter Badeorte mit Hotels und Landhäusern sieht man einsame Fischerdörfer, von der Cultur noch wenig beleckt, wo man aber dieselbe große Natur hat, nur etwas billiger.

Die dänische und schwedische Küste nähern sich einander immer mehr; bei Vedbäk ist der Sund nur etwa 7 Kilometer breit. Je mehr wir uns Helsingör nähern, um so schmaler wird er. In der Ferne, bei Helsingör, taucht schon die finstereKronborgauf mit ihren grauen Türmen und Zinnen, welche die Einfahrt von der Nordsee in die Ostsee drohend bewacht. Sie liegt vorgeschoben auf einer Halbinsel und eignete sich in der That vorzüglich zum Sundwächter. Friedrich II. begann den Bau, Christian IV., der Gegner Tillys im 30jährigen Kriege, vollendete ihn. Von hier aus ließ die dänische Regierung von den durchfahrenden Schiffen den Sundzoll erheben, bis im Jahre 1857 die seefahrenden Nationen zusammentraten und mit 70 Millionen Mark sich der lästigen Abgabe mit einem Male entledigten.

Nach 2-1/2stündiger Fahrt waren wir in Helsingör angekommen; wir sparten uns jedoch die Besichtigung von Kronborg und Marienlyft für später auf und fuhren zunächst nach der schwedischen Stadt Helsingborg hinüber. Viel Sehenswertes bietet sie eben nicht; allein die Ueberfahrt über die engste Stelle des Sundes ist interessant, da man sich gerade auf der Grenzscheide zwischen der ruhigen Ostsee und dem fast immer aufgeregten Kattegat befindet. Das Schiff, welches bis jetzt fast gar nicht geschaukelt hatte, fing an zu schlingern und wurde von den langen, weißen Wogen, die von Norden hereinbrachen, hin und her geworfen. Mancher, der auf der ganzen Fahrt fröhlich und harmlos dreingeschaut hatte, zahlte noch in der letzten halben Stunde den „Sundzoll“, freilich nicht in klingender Münze. Der Blick, der sich in das weite Kattegat eröffnet, prägt sich tief der Erinnerung ein. Wir hatten leider nicht das Glück, daß das Umspringen des Windes mit unsrer Anwesenheit zusammentraf. Dann soll das Treiben im Sunde doppelt großartig sein. Wohl hundert Segelschiffe, die sich nach und nach des widrigen Windes wegen an der Meerenge angesammelt und tagelang, vielleicht wochenlang auf den günstigen Moment gewartet haben, lichten dann zu gleicher Zeit die Anker und eine ganze Flotte setzt sich auf einmal in Bewegung.

Zurück nach der Küste Seelands, nach Kronborg! Was der Kyffhäuser für Deutschland, ist Kronborg für Dänemark. Dort schlief Kaiser Rotbart und trat endlich, nach jahrhundertelangem Harren, hervor, um sein Volk zur alten Herrlichkeit zurückzuführen. Tief unten im Gewölbe der Meerburg schläft der Schutzgeist des dänischen Volkes, Holger Danske, der in Zeiten der Gefahr heraustritt und sein Vaterland beschützt. Auf die Wiederherstellung der ehemaligen Größe und Macht Dänemarks warten die Dänen bis jetzt freilich vergebens.

Hat man die Zugbrücken und Wälle hinter sich, mit denen das Schloß vomLande abgesperrt ist, so kommt man auf die Flaggenbatterie, wo derDanebrog weht: eine weiße Fahne mit rotem Kreuz. Hier drohen dieMündungen von einem Dutzend Kanonen gegen das Meer hin; hier brechensich die blauen Meereswogen; dort die Terrasse, auf welcher derGeist von Hamlets Vater an den Wachen vorüberschreitet. BeiMondscheinbeleuchtung wäre die Illusion vollkommen gewesen; die Wachewar auch jetzt vorhanden, aber der helle Sonnenschein, der auf Meer undSchloß fiel, ließ keine Gespenster aufkommen.

Das Innere der Kronborg bietet wenig Interessantes. Der Führer zeigt das Zimmer, in welchem die Königin Karoline Mathilde, Gemahlin Christians VII., unerlaubten Umgangs mit Struensee angeklagt, eine Zeit lang gefangen saß, bis sie in die Verbannung nach Celle ging. Von dem flachen Dache des südwestlichen Turmes ist die Aussicht noch umfassender als von der Terrasse.

Ein offener Einspänner führte uns am Meeresstrande hin nach dem 6 Kilometer entfernten Seebade Hellebäk. Diese Tour gehört zu den lohnendsten, die man auf Seeland überhaupt machen kann. Zur Rechten hat man fortwährend die Aussicht auf das bewegte Kattegat und die gegenüberliegende schwedische Küste, auf welcher sich das reizende Lustschloß Sophiero, der Lieblingsaufenthalt des schwedischen Königspaares, von dem dunklen Waldgrunde abhebt. Was aber das Auge des Reisenden wahrhaft überrascht, ist das Kullengebirge, das mit seinen schroffen, unbewaldeten Felsen direkt ins Meer abfällt, von der schäumenden Brandung umbraust. Mit seinen regelmäßigen Formen, seinem Pyramidenaufbau, seiner vegetationslosen Nackheit erinnert es stark an südliche Gebirge; hier im Norden sucht man solche klassischen Konturen nicht.

Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt. Hatten wir uns in Kronborg Hamlets Leben und Thaten in die Erinnerung gerufen, so sollten wir in Marienlyst dafür — sein Grab sehen! Für 65 Oere kann es jeder besichtigen; mit vollem Ernst wird versichert, daß hier und nirgend anders der unglückliche Dänenprinz ruht. Eine Säule bezeichnet die Stätte. Wir schüttelten den Staub von unseren Füßen und suchten schleunigst das Weite, um die feierliche Stimmung, die sich der anwesenden Engländerinnen bemächtigt hatte, nicht durch ein unzeitiges Lachen zu vernichten. So gingen wir zugleich eines Aufenthalts in dem angenehmen Seebade Marienlyst („Marienlust“) verlustig, hatten dafür aber um so mehr Zeit für das Fischerdorf Hellebäk. Ein gutes Hotel mit allem Comfort der Gegenwart deutet darauf hin, daß auch hier die alte einfache Zeit bald verschwunden sein wird. Hellebäk, ein beliebter Aufenthalt der Kopenhagener Maler, liegt hart am Strande in romantischer Gegend und zeigt schon Nordsee-Charakter: Dünen, Sand und starken Wellenschlag. Lange, mit weißen Schaumkronen bedeckte Wogen treiben ununterbrochen dem Ufer zu, wo sie brandend anschlagen und zerschellen. Stundenlang kann man dem ewigen Gesange des Meeres zuhören, der immer derselbe und bei aller Eintönigkeit doch immer neu und süß dem Ohre ist, das ihn versteht. Hier beschlossen wir, wenigstens eine Nacht zu bleiben und die Nordsee auch bei Mondschein zu genießen; denn von morgen ab — das wußten wir — würden wir sie nicht wiedersehen. Im Morgensonnenschein setzten wir unsere Wagenfahrt fort, vom Gestade des Meeres ins Innere der Insel. Fredensborg und Frederiksborg, die beiden inmitten der seeländischen Buchenwälder gelegenen Königsschlösser, waren für heute unser Ziel. Da ich wußte, welche Fülle von Werken der Architektur, Malerei und Bildhauerkunst mir in Frederiksborg beschieden sein würde, so suchte ich mich vorher durch die einfache Stille der ländlichen Natur zu stärken und zu erfrischen.

Die Fahrt durch das nordöstliche Seeland von Hällebek bis Gurre gleicht einer Fahrt durch einen Park: hügelige Gegend, hie und da Wald, Wiesen, Feld und Weideplätze, auf denen sich Kühe und Schafe und selbst Pferde tummeln; hier ein Häuschen, von mächtigen Buchen oder Fichten beschützt, mit einem Vorgärtchen, in welchem Rosen die Hauptzierde bilden, davor spielende Kinder und auf der Schwelle eine klug drein schauende Katze; dort ein Complex von Häusern, eine Art Dorf, aber überall zwischen den einzelnen Gebäuden noch Raum für Gärten, Feld und etwas Wald; denn der Germane liebt es, im Gegensatz zum Kelten, frei, unbehindert, für sich zu wohnen, wie Tacitus erzählt und wie man es in urgermanischen Ländern, Schleswig-Holstein, Westfalen, Dänemark noch jetzt als Regel beobachten kann.

Etwa auf halbem Wege nach Fredensborg, 7 Kilometer von Hellebäk, trafen wir ein größeres Dorf an: es ist Gurre, an einem dunkeln Waldsee gelegen; jetzt ein stiller Ort. Früher lebte hier König Waldemar III. mit seiner Geliebten Tovelille (= kleine Tove) auf einem Schloß, von welchem am Ufer Ruinen zu sehen sind: die Hauptmasse desselben soll aber mitten im See gestanden haben. Der König liebte diese Gegend so, daß er öfters sagte: „Wenn Gott mir Gurre ewig gönnen wollte, so würde ich alle Ansprüche auf sein Himmelreich aufgeben.“ Volkssagen leben noch im Munde der Bewohner von Gurre, wie die folgende: Der König hatte geschworen, seiner Gattin Hedwig nie wieder zu nahen. Ein altes Weib aus dem Walde kam zur Königin und prophezeite ihr, daß, wenn der König sich ihr in Liebe näherte, Schweden an Dänemark kommen solle. Da schlich sich Hedwig, als Tovelille verkleidet, zu Waldemar und gebar nachher Margarete, die Große genannt, welche durch die kalmarische Union die Prophezeiung verwirklichte. —

Um Mitternacht soll der König, dem Rodensteiner gleich, noch oft mitGefolge über Wälder und Seen jagen.

Hinter Gurre nahm die Pracht des Waldes uns auf, der fast bis Fredensborg uns umfing. Wie eine Mauer sperrt uns dieser Wald nach allen Seiten ab und läßt keinen Ausweg erblicken. „Dicht über uns“, so schildert ein Reisender eine Wanderung durch den seeländischen Wald, „zwitschert ein einsamer kleiner Vogel, der uns zu verfolgen scheint. Man kann das kleine Geschöpf nicht zu Gesichte bekommen, aber man hört es immer, bald hier, bald dort im Laube uns zu Häupten sich weiter bewegen und wiederholen: Sieh hier! Sieh hier! Weiter fort hört man das zärtliche Gurren einer Waldtaube, und wenn man stehen bleibt und lauscht, so kann man tief drinnen in den Wäldern eine versteckte Quelle plätschern hören. Mitten im Walde trifft man dann einen kleinen träumenden See. Seine Fläche ist glatt wie ein schwarzer Spiegel mit weißen Flecken von den Sonnenstrahlen, welche das ihn bedeckende Blätterdach durchdringen. Die schlanken Stämme, die gekrümmten Zweige, das grüne Blättergewimmel, der Hirsch, der raschelnd daherkommt, um zu trinken — alles spiegelt sich darin mit einer wunderbaren Reinheit und bezaubert durch seine unzerstörbare Ruhe.“

An einen solchen, aber weit größeren See kamen wir jetzt; der Wald hörte auf kurze Zeit auf, und vor uns that sich die weite, glatte Fläche des Esrom-Sees auf. Und dort, nach ein paar Minuten, glänzen die weißen Mauern von Fredensborg, der Sommerresidenz der dänischen Königsfamilie, wo vor einigen Jahren auch der Deutsche Kaiser zu Gaste weilte, und wo der Kaiser von Rußland, der König von Griechenland und andere Verwandte des Dänenkönigs oft und gern in stiller Zurückgezogenheit wohnen.

Welchem Stile das 1720 nach dem dänisch-schwedischen Frieden gebaute Schloß angehört, wäre schwer zu sagen; es ist ein ziemlich einfaches Landhaus mit einer Kuppel in der Mitte und zwei Seitenflügeln. Das Schönste am Schloß ist seine Lage in einem herrlichen Park. Dieser ist ursprünglich ein Stück eingehegten Waldes, mit mächtigen Buchen und Linden, welche Alleen von seltener Pracht bilden. Einige dieser Alleen gehen strahlenförmig vom Schlosse auf den Esrom-See, bis zu welchem sich der Park hinzieht, so daß man von dem Platze vor dem Schloß den See durchblitzen sieht. Eine Allee heißt „Sukkenes-Allee“ (Seufzerweg); in einer anderen, „Normandsdalen“ genannt, stehen 70 lebensgroße Figuren ohne eigentlich künstlerischen Wert, aber insofern von Interesse, als sie die Beschäftigungen und Nationaltrachten der Bewohner der verschiedensten Gegenden Norwegens, Island und der Fär-Oer, also gewissermaßen ein Ethnographisches Museum darstellen. Dicht neben dem Schlosse liegt der „Marmorgarten“, in italienischem Stil, voller Marmorstatuen, den stärksten Gegensatz zu dem freien, nicht künstlich beengten Waldparke bildend.

Das Innere des Schlosses sahen wir nicht, doch erzählte uns der Aufseher, der uns den Marmorgarten aufgeschlossen hatte, daß Kaiser Wilhelm sieben Zimmer bewohnt habe, und zwar ein Kabinet mit vergoldeten Möbeln, bezogen mit rotem Seidendamast, einen Salon mit eingelegten Nußbaummöbeln, enthaltend ein großes Gemälde aus Maria Theresias Zeit; ein türkisch ausgestattetes Vorgemach; ein Schlafzimmer mit weißlackierten, goldverzierten Möbeln, mit grüner Seide bezogen. Die übrigen Zimmer uns aufzuzählen erließen wir dem eifrigen Manne und benutzten die Zeit bis zum Mittagessen, den einsamen Park nach allen Richtungen zu durchstreifen. Besonders lockt der See immer und immer wieder zu sich. Sieben Kilometer lang, bietet er eine imponierende Wasserfläche, und bei dem herrschenden Westwinde schlugen die Wellen brausend an das Ufer.

Am nördlichen Ende liegt das Dorf Esrom, nach dem der See benannt ist, früher ein Bernhardinerkloster, von welchem spärliche Trümmer ausgegraben und erhalten sind. Auf der Westseite wird der See vom „Grib Skov“ begrenzt; das soll der schönste Wald in ganz Dänemark sein; dorthin kamen wir aber nicht.

Den vollsten Gegensatz zu Fredensborg bildetFrederiksborg. Dort alles einfach, idyllisch, ländlich-gemütlich; hier alles prächtig, prunkend, architektonisch bedeutend. Wenn man die 1-1/2 Stunden Wegs zurückgelegt hat, taucht plötzlich aus dem Walde eine majestätische Burg mit Thürmen und Zinnen hoch empor, in dem See sich spiegelnd, in den sie mitten hinein gebaut ist. An dieser Stelle stand früher das Schloß Hillerödsholm (Holm-Insel), welches König Friedrich II. umbauen ließ und nach seinem Namen umtaufte. In diesem Schlosse oder, wie die Chronik sagt, auf freiem Felde in der Nähe desselben, wurde Christian IV. geboren, der eine solche Vorliebe für seine Geburtsstätte faßte, daß er beschloß, an Stelle des einfachen Gebäudes ein prächtige Burg zu errichten. Seine Hofleute verspotteten den großartigen Plan und nannten ihn eine Kinderlaune, Christian führte ihn jedoch mit fremden Baumeistern aus (1620) und ließ, den Spöttern zur Strafe, am Portal Kinderschuhe in Stein gehauen anbringen. Frederiksborg erhebt sich auf drei Inseln in vier Stockwerken, die Souterrains liegen unter dem Wasserspiegel. Es war ein Lieblingsschloß Friedrichs VII., der sich hier mit seiner dritten Gemahlin, der Gräfin Danner, häufig aufhielt. In der Nacht vom 16. zum 17. Dezember 1859 brannte daß Schloß nieder; man muß gestehen, über den dänischen Schlössern waltet ein Unstern! Fast alle Schätze und Kostbarkeiten, die unersetzliche Sammlung von Bildnissen berühmter Männer, alles fiel den Flammen zum Raube. Durch freiwillige Beiträge kam eine so große Summe zusammen, daß man alsbald den Wiederaufbau beginnen konnte, genau nach dem alten Muster. Das Innere ist noch nicht ganz fertig, allein die meisten Säle und Gemächer sind vollendet. Das größte Verdienst bei der Wiederherstellung von Frederiksborg hat sich unstreitig der Kopenhagener Bierbrauer Jacobsen erworben, der bedeutende Summen, einmalige und jährlich fortlaufende, zur Verfügung stellte.

Das Schloß ist nicht bewohnt, sondern dient als dänisches Nationalmuseum, als Ergänzung der kulturhistorischen und ethnographischen Sammlungen Kopenhagens, besonders der Rosenburg. In den beiden oberen Stockwerken sieht man Gemälde aus Dänemarks Geschichte, von verschiedenem künstlerischen Werte, aber historisch alle von Interesse. Da ist ein 6 Meter langes und 3 Meter breites Deckengemälde von Lorenz Fröhlich, die von uns im Anfange erwähnte Sage von dem Riesenweibe Gefion darstellend; ferner eines von Neumann: die Ankunft der holländischen Flotte auf der Reede von Kopenhagen 1658; von Constantin Hansen: Portraitbild des grundgesetzgebenden Reichstages von 1848, und viele andere. Die Decken sind reich geziert mit Stuckatur und einer verschwenderischen Fülle von Gold und Farbenglanz; so besonders die Perle des Ganzen: der große Rittersaal, der alles Aehnliche überbietet. Allein wer die solide Pracht der Wartburgsäle und der Münchener Königsresidenz gesehen hat, der wird sich durch die hinfällige Herrlichkeit des Stuckes nicht befriedigt fühlen und wünschen, daß das von außen wie für die Ewigkeit gebaute Schloß auch im Innern entsprechend geschmückt wäre. Ueberladen! muß man immer wieder ausrufen; Ueberladung ist im ganzen Schlosse der Haupteindruck für den Beschauer. „Bierbrauerkunst“ nannte es ein feinfühlender Mann unwillig, obwohl etwas zu hart. Von dem Vorwurf der Ueberladung kann man auch die Schloßkirche, die wohlweislich, als Krone des Ganzen, zuletzt gezeigt wird, nicht freisprechen. Altar und Kanzel sind aus schwarzem Ebenholz, mit Perlmutter und getriebener Silberarbeit reich geziert. Das Edelste in der Schloßkirche, die übrigens den Bewohnern von Hilleröd als allsonntägliche Andachtsstätte dient, ist sicherlich die Betkammer des Königs, in Ebenholz und Elfenbein gehalten und mit 23 Bildern von Professor Bloch geschmückt, die künstlerischen Wert haben. Sie stellen die ganze Geschichte Christi dar, von Marias Verkündigung bis zur Auferstehung. Als vollendetes Gemälde gilt „Christus in Gethsemane“, 1876 gemalt. Auch diese Bilder sind von Jacobsen gestiftet, der für seine vielfachen Verdienste um die Förderung von Kunst und Wissenschaft bei der 400jährigen Jubelfeier der Universität Kopenhagen zum Doktor ernannt wurde.

Der Küster, der uns herumführte, erklärte uns die vielen, in den Fensternischen hängenden Wappenschilde. Es sind die der Ritter des Elephantenordens und der Großkreuze des Danebrogordens. Unter den letzteren befindet sich auch Name und Wappen Kaiser Wilhelms I., Friedrichs III. als Kronprinzen und Bismarcks. Meine Frage, ob denn Bismarck nicht auch Ritter des Elephantenordens, des höchsten dänischen Ehrenzeichens, sei, verneinte der Küster ironisch lächelnd, indem er hinzufügte, daß das nie geschehen werde; den Danebrog habe ervor1864 erhalten.

Wenige Reisende, welche Kopenhagen, Fredensborg, Helsingör und andere Punkte Seelands besuchen, nehmen sich Zeit, der kleinen StadtRoskildeeinen Besuch abzustatten. Und doch verdient sie es, denn abgesehen von ihrer großen historischen Vergangenheit und ihrem ehemaligen Glanze, bietet sie noch heute eines, was die Zeit ihr nicht hat nehmen können: den alten, romanischen Dom mit den Königsgräbern. Wie zu Speyer die deutschen Kaiser, zu St. Denis die französischen Könige, so liegen zu Roskilde die dänischen Herrscher mit wenigen Ausnahmen begraben. Darauf bezieht sich die Ode Klopstocks: „Rothschilds Gräber“; Rothschild ist Roskilde, nicht etwa Mayer Anselm in Frankfurt, wie wohl mancher zuerst denken mag. Der Name hat weder mit Roth, noch mit Schild etwas zu thun, sondern ist aus Ro, dem Namen eines alten Königs (auch Hroar geschrieben) und Kilde, d.h. Quelle, gesprochen Kille, zusammengesetzt. Eine Quelle der Gegend trägt noch heute den Namen Ros-Kilde. Eine zweite Quelle heißt Hellig-Kors-Kilde, d.h. Heilige Kreuz-Quelle, und stand lange im Rufe besonderer Heilkraft. Sie entspringt in weißem Sande und giebt 12 Tonnen Wasser die Stunde. Ein Konditor, Pozzi, hat eine Mineralwasserfabrik bei derselben angelegt.

In der Nähe von Roskilde liegt das kleine Dorf Leire, welches die eigentliche Königsresidenz von Dan bis auf Harald Blauzahn war, die Wiege der heidnisch-dänischen Poesie. Hier wohnte Rolf Krake mit seinen zwölf Riesen und Skiold; hier wurden unter offenem Himmel Thinge (Gerichte) gehalten von den freien Bauern und ihrem Könige; hier wurden Fehden geschlichtet, Gesetze gegeben und Wikingerzüge beschlossen; hier walteten Thor und Freia. Die ganze Gegend bei Leire ist reich an kolossalen Grabhügeln aus der Heidenzeit. Ein kleiner Fluß, die Leire-Aa (Aa-Fluß), schlängelt sich durch die Buchenwälder von Leire, in welchen noch heute ein „Hellige Lund“ (heiliger Hain) existiert, mit „Herthadal“ und „Herthasee“. Opfersteine weisen auf den Dienst der Hertha hin, die zu Zeiten aus dem See emporstieg, um in einem mit Kühen bespannten Wagen segnend durch das Land zu fahren. Nachdem sie in dem See gebadet, wurden die Diener, die ihr behilflich gewesen, von der Flut verschlungen.

Im Jahre 980 verlegte Harald Blauzahn die Residenz von Leire nach Roskilde und damit beginnt die 500jährige Blütezeit des Ortes; Roskilde soll 100,000 Einwohner gehabt haben. Von hier aus dehnten Knut der Große, Waldemar und Margarete ihre Herrschaft über den ganzen skandinavischen Norden aus; hier war auch der Sitz des Bischofs, der Mittelpunkt der geistlichen Regierung.

Im Jahre 1438 rief der dänische Reichstag den Sohn des Herzogs Johann von der Oberpfalz, Christopher von Bayern, ins Land, der 1440 auch von den Schweden als König anerkannt wurde. Er verlegte im Jahre 1443 die Residenz nach Kopenhagen, wozu ihn die ungleich günstigere Lage Kopenhagens, direkt an der See, gegenüber Schweden, bewogen haben mochte. Damit war Roskildes Rolle in der Geschichte ausgespielt; es sank schnell von seiner Höhe herab. Heute ist es ein kleines, stilles Städtchen mit 5000-6000 Einwohnern.

Die Lage ist anmutig: an der südlichsten Spitze einer tiefenMeereseinbuchtung, der Roskilder Föhrde, auf welcherDampfschiffverbindung mit Frederikssund und anderen Punkten besteht.Herrlicher Buchenwald auf Anhöhen und im Thal und Wasser machen auchhier, wie überall auf Seeland, den Hauptreiz der Landschaft aus.

Der alte lustige „Graver“ (Küster) zeigte uns das Innere des mächtigen, in neuerer Zeit restaurierten Domes. Er ist ein großes Mausoleum: 31 Könige und Königinnen und 46 Prinzen und Prinzessinnen ruhen darin. Jene haben ihre Stätte meist über der Erde, in teilweise prächtig ausgestatteten Kapellen; diese müssen sich mit einfachen, unterirdischen Kammern begnügen, wo die schmucklosen Särge stehen. An jedem Pfeiler ist eine Königsstatue angebracht: den Anfang macht Harald Blauzahn († 985) am nordwestlichen Pfeiler des Chores. Die späteren Könige haben ihre Denkmäler im Chor und in besonderen Anbauten. Hinter dem Altar steht der Sarkophag der gewaltigen Margarete, welche die drei nordischen Reiche beherrschte. Auf dem Marmorsarge liegt die Marmorstatue der Königin, ähnlich den Denkmälern Luisens und Friedrich Wilhelms III. in Charlottenburg. Neben ihr knieen Friedrich II. und Christian III. Die schönste Kapelle ist die Christians IV. mit dem Standbilde des Königs von Thorwaldsen und Frescogemälden von Marstrand. Die letztverstorbenen Glieder des Königshauses, Friedrich VII. und Caroline Amalie, geborene Prinzessin von Augustenburg, sind in der Kapelle Friedrichs V. beigesetzt.

Es ist für den Fremden schwer, sich durch die vielen Friedriche und Christiane durchzufinden, da diese beiden Namen fortwährend wiederkehren. Eine gewisse Erleichterung wird dadurch herbeigeführt, daß sie regelmäßig abwechseln, so daß auf einen Christian ein Friedrich folgt und auf einen Friedrich ein Christian. So wird auf den jetzigen Christian IX. der Kronprinz Friedrich folgen. Auch die Namen von Städten und Schlössern sind so häufig mit diesen Namen zusammengesetzt, daß Verwechslungen leicht vorkommen. Da giebt es Frederiksberg und Frederiksborg, Frederiksdal und Frederikssund, Frederiksvaerk und Frederikshald, Frederiksvand, Frederiksstad, Frederikshavn, Fredericia, und andererseits Kristiansborg, Kristianssund, Kristiansstad, Kristiansand und Kristiania. Auch die vielen Denkmäler in Kopenhagen, die meist Königen mit diesen beiden Namen gelten, sind schwer auseinander zu halten.

Als der Küster, der nur schlechtes Deutsch radebrechte, hörte, daß wir aus Flensburg seien, wurde er noch freundlicher. Man rechnet in Dänemark Flensburg (Flensborg) immer noch halb und halb zum Reiche und betrachtet die armen Flensburger als Märtyrer der guten dänischen Sache, die unter der preußischen Fuchtel seufzen. Bei uns traf das nun freilich gar nicht zu, allein der Küster ließ uns keine Zeit, ihn darüber aufzuklären, sondern winkte uns, indem er sagte: Wenn Sie aus Flensburg sind, dann wird Sie dies hier besonders interessieren. Damit zeigte er uns einen Kranz mit rotweißer Schleife samt Widmung, den vor einigen Jahren eine Schaar Flensburger Jungfrauen hier niedergelegt hatte. Ueberall waren sie freundlich, ja begeistert aufgenommen und bewirtet worden als unterdrückte Landsleute, und die Bande zwischen den dänisch denkenden und fühlenden Nordschleswigern und Dänemark waren dadurch wieder fester geworden. Uebrigens sind die dänisch Gesinnten gerade in der Stadt Flensburg in ganz erheblicher Minderheit; nur ein kleiner Bruchteil der Bevölkerung bedauert die Zugehörigkeit zum Deutschen Reiche.

Nachdem wir die Grabkapellen zum größten Teile besichtigt hatten, ließen wir noch einmal das majestätische Domgewölbe und den herrlichen Chor auf uns wirken. Zwanzig starke Pfeiler tragen das Mittelschiff, dessen Gewölbe 25 Meter hoch ist. Die Seitenschiffe haben eine höhe von 12-1/2 Meter. Die Länge der Kirche ist 76 Meter, die Breite 25 Meter. Die beiden Westtürme sind 76 Meter hoch, der dritte Thurm oberhalb des Chores 60 Meter. In dem nördlichen Turm der Façade befindet sich die große Glocke, welche 5-1/2 Meter im Umfange mißt.

Etwas abseits, unter einem einfachen Stein, ruht der Geschichtschreiber Saxo Grammaticus († 1207), der die alten Sagen vom dänischen Tell aufgezeichnet hat.

An der Westseite des Hochthores befindet sich die Alabasterfigur des 1363 gestorbenen 19jährigen Sohnes des Königs Waldemar, des Bruders der berühmten Margarete: er fiel in einer Seeschlacht gegen die Hanseaten. In der Sakristei sind die Portraits vieler Roskilder Bischöfe zu sehen, darunter auch das des 1884 verstorbenen Martensen, der durch seine Werke (Christliche Ethik) auch in Deutschland bekannt geworden ist. Bemerkenswert ist noch das künstliche Uhrwerk, welches aus dem 15. Jahrhundert stammt, das einzige in Dänemark, sowie die spätgothischen Chorstühle mit originellem Holzschnitzwerk, welches Scenen aus dem Alten und Neuen Testament darstellt.

Fährt man mit einem Dampfer den Roskilder Fjord hinauf, so kommt man nach dem Schlosse Jägerpris, wo in idyllischer Abgeschiedenheit König Frederik VII mit seiner Gemahlin, der Gräfin Danner, einer ehemaligen Buchmacherin, die Sommermonate zubrachte. Im Garten des Schlosses ruhen ihre Gebeine, denn als morganatische Gattin konnte sie nicht in dem ehrwürdigen Königsdom zu Roskilde beigesetzt werden.

Friedrichsruh[11]

Von Hamburg kommend, zogen wir es vor, statt direkt bis Friedrichsruh zu fahren, schon eine Station vorher auszusteigen und die halbe Stunde zu Fuß nach dem Ziel unserer Reise zu wandern. Wir hatten dadurch den Vorteil, ein gutes Stück des prachtvollen Sachsenwaldes, dessen Mittelpunkt Friedrichsruh ist, kennen zu lernen. Auf gut gepflegten Fußpfaden ging es durch das geheimnisvolle Waldesdunkel; hochragende Buchen, knorrige Eichen wiegen vor, dazwischen mächtige Farrenkräuter, hie und da Heidelbeerkraut. An vielen Bäumen sind Nistkästen für Vögel angebracht. Lautlose Stille; nur ein Bächlein, die Aue, murmelt unten und bildet ein helles, liebliches Wiesenthal, welches zwischen den Baumstämmen hindurchschimmert; wo sich das Wasser in breiteren Becken ansammelt, da ist es von gelben, nickenden Wasserrosen bedeckt, den sogenannten „Mummeln“.

Ab und zu ladet eine Bank zum Sitzen ein; allein wir lassen uns nicht aufhalten, sondern gehen schnell weiter; haben wir doch kein gutes Gewissen, denn an unserem Pfade steht das Wort„Verboten!“, welches hier, in des Fürsten eigenstem Spaziergebiet, öfters wiederkehrt.

Nach etwa 25 Minuten erscheint im Hintergrunde einer Wiese, zwischen einer Lichtung hoher, dunkler Bäume ein helles Gebäude: das Schloß. In welchem Stil es erbaut ist, wäre schwer zu sagen; es ist ein einfaches Privathaus. Wir gehen weiter. Im Walde versteckt liegen hie und da Häuschen, in welchen Beamte des Fürsten wohnen; auch einige Pensionen für Sommerfrischler sind da. Der eigentliche Park, der nicht umfangreich ist, verliert sich fast unmerklich in den Wald, der hier auch einen halb parkartigen Charakter trägt. Nur nach der Eisenbahn- und Landstraßenseite zu sind Schloß und engerer Park mit einer hohen, roten Mauer umgeben, die Staub, Lärm und allzu neugierige Augen abhalten soll. Die Bemerkung in Griebens Reiseführer durch Hamburg und Umgebung, daß „die Wohnung des Fürsten unzugänglich“ sei (S. 130), ist dahin zu berichtigen, daß sich dies auf die Zeit der Anwesenheit Bismarcks beschränkt, und das ist immerhin der kleinere Teil des Jahres. Sonst wäre unser Ausflug vergeblich gewesen. Das war er nun glücklicherweise nicht, denn sobald wir den Schloßverwalter, wenn auch nicht mühelos, aufgetrieben hatten — obgleich er sich meist im Schloß aufhält, hat er seine Wohnung nicht dort — begann die Wanderung durch die 13 ebenerdigen Räume des Schlosses und eingehende Besichtigung derselben. Die Zimmer im ersten und zweiten Stock werden nicht gezeigt; es sind Logierzimmer, für den Fremden nicht sonderlich sehenswert. Auch Crispi wohnte bei seinem vorjährigen Besuche hier.

Die Führung begann. Da wir nur unser zwei waren, so konnten wir uns überall nach Belieben aufhalten und umschauen, und was uns zweifelhaft war, erklärte der Verwalter, ein früherer Schuhmacher, der seit einer langen Reihe von Jahren seine Stelle versieht.

Rechts vom Eingange tritt man durch ein Garderobezimmer in denEmpfangssaal. Ein riesiger Eichentisch nimmt die Mitte ein, das Geschenk eines Tischlers. Von den Sprüchen, die denselben zieren, führe ich folgenden an:

Wenn einer kam und Ränke spann,Dann setztest du den Hobel an,Dann flogen auch die Spähne gleich;Gott schütz' den Kaiser und das Reich!

In der Mitte das Familienwappen mit dem bekannten Wahlspruch:

Das Wegekraut sollt stehen lan;Hüt dich, Jung', sind Nesseln dran!

Ein mächtiger Lorbeerkranz mit schwarzgelber Schleife, von der GöttingerUniversität zum Ministerjubiläum dargebracht; ein aus Schmiedeeisenäußerst kunstvoll gearbeiteter Blumenstrauß und andere derartigeErinnerungen ziehen das Auge auf sich.

Es folgt dasRauchzimmer. Bismarcks Porträt, 1877 vom Engländer Heily gemalt, schaut ausdrucksvoll von der Wand herab. Auf dem Kamin ein Modell des Niederwalddenkmals, gegenüber ein Löwe in Bronze, von Braunschweiger Bürgern zum Gedächtnisse Heinrichs des Löwen gewidmet; ein großer, schön geschnitzter Eichenschrank, zur Aufbewahrung von Papieren bestimmt, auch ein Geschenk zum 1. April 1885.

Wir treten in dasTreppenhaus, welches mit Hirschgeweihen undBüffelhörnern geschmückt ist. Da sieht man ein riesiges Geweih ausWinnipeg, eins aus San Francisco geschickt, einen ganzen Büffelkopf, einElengeweih aus Ostpreußen, Antilopengeweihe u.a. Auf einem Schrank dasModell eines transatlantischen Dampfers, in Kiel gearbeitet.

DerSpeisesaal, einfach wie alle Zimmer ausgestattet, schließt sich an. Einige Landschaften hängen an der Wand: Chiemsee, Königssee, Wildbadgastein, ein Seestück; aber herrlicher als die Gemälde im Saal ist dasjenige, welches sich vor den Fenstern ausbreitet: eine smaragdgrüne Wiese, von der sich schlängelnden Aue durchströmt, eingerahmt von prachtvollen, dichten Eichen und Buchen; ein überaus liebliches, idyllisches Bild, von dem man sich ungern trennt!

Zwei Salons folgen, mit den Bildern der Ahnen der Familie geschmückt, 400 Jahre zurückreichend. Charakteristisch der Urgroßvater des Fürsten, ein Jägersmann mit der Flinte. Von Geschenken, die im ersten Salon Aufstellung gefunden haben, sei besonders erwähnt eine blaue Vase, kurz vor dem Tode Kaiser Wilhelms I. von diesem gespendet. Auf der Vorderseite trägt sie das Bild des Kaisers, auf der Rückseite das kaiserliche Palais in Berlin mit dem berühmten Eckfenster. Hier wie im nächsten Salon Ofenschirme, der eine von der japanischen Gesandtschaft, der andre vom Sultan herrührend. Im zweiten Salon Bismarck als junger Mann; im ersten Augenblick glaubten wir Herbert vor uns zu haben, so groß ist die Aehnlichkeit. Ein Schlachtstück: der Kampf bei Mars-la-Tour, mit den beiden Söhnen des Fürsten mitten im Gefecht. Ueber dem Klaviere Friedrich der Große, daneben friedlich Maria Theresia und Josef II. Hier wie in den meisten Zimmern wiederholt Bilder des Kaisers, bei verschiedenen Gelegenheiten seinem Kanzler gewidmet.

Wir treten in ein Gemach von anmutigerer Ausstattung; es ist dasBoudoir der Fürsten. Die Wände sind zwar ebenfalls, wie überall, in Grau gehalten, die Decke in Weiß; allein ein traulicherer, anheimelnder Hauch scheint hier zu wehen. Reizende Defreggersche Skizzen zieren die eine Wand, während an den übrigen besonders die Photographie des Fürsten (als Kürassier) und das Oelbild der Gräfin Rantzau hervorragen. — Durch einen Vorsaal schreitend, in welchem eine russische Schlittendecke, mit dem Wappen Bismarcks und dem lateinischen Wahlspruche: „In trinitate robur“, gelangen wir in dasSchlafgemach der Fürstin, mit einem Kruzifix, dem Bilde des Fürsten, sowie einer Ansicht von Friedrichsruh im Winter, durch ein äußerst einfaches Badezimmer vom Schlafgemach des Fürsten getrennt, in welch letzterem die Portraits der Fürstin und des Sohnes Wilhelm.

Hieran stößt das vielleicht interessanteste Zimmer des ganzen Schlosses:Bismarcks Arbeitszimmer. Ueberall bedeutsame Erinnerungen; an den Wänden die drei Kaiser, Kaiser Wilhelm II. auch als Prinz zu Pferde, Kronprinz Rudolf von Oesterreich; auf dem umfangreichen Schreibtisch eine Granate, ein Kohlenblock aus dem Bismarckschacht. Ganz besonders fesselt ein einfaches, unscheinbares Tischchen von Mahagoniholz die Aufmerksamkeit. Auf einer daran befestigten Messingplatte stehen folgende Worte: „Auf diesem Tisch ist der Präliminarfriede zwischen Deutschland und Frankreich am 26. Februar 1871 zu Versailles rue de Provence Nr. 14 unterzeichnet worden.“

Neben dem Arbeitszimmer befindet sich dieBücherei. Sie ist nicht reichhaltig; wenige hundert Bände. Zu wissen, welche Bücher ein großer Mann vorzugsweise zur Hand hat und demnach wohl am meisten benutzt, scheint mir nicht unwichtig. Ich führe deshalb einige Büchertitel an. Voran prangen da die Klassiker; System der erworbenen Rechte von Lassalle, überhaupt eine große Anzahl nationalökonomischer Werke; Stackes deutsche Geschichte, Predigten von Pank, neuere Dichter, darunter Scheffel. Dazu landwirtschaftliche Werke und eine Anzahl Wörterbücher: lateinisch, englisch, schwedisch u.a.

Das prächtigste Zimmer ist dasAudienzzimmer. Von berühmten Zeitgenossen sind da vertreten Beaconsfield, Cardinal Hohenlohe, Monsieur Thiers, Moltke (eine Büste mit Lorbeerkranz). Vier Familienbilder hängen zusammen: links Herbert, rechts Wilhelm, in der Mitte unten die Fürstin, darüber die Gräfin Rantzau, letztere in Oel gemalt. Bismarcks Photographie mit der facsimilierten Unterschrift: Wir Deutsche fürchten Gott und sonst niemand; darunter und daneben in gleicher Ausstattung die Photographieen der drei Kaiser und Moltkes mit je einem passenden Ausspruch, wie: „Ich habe keine Zeit müde zu sein,“ „Lerne leiden ohne zu klagen“ und andern. Eine kunstvoll geschnitzte, hölzerne Truhe enthält sämtliche, beim Tode Kaiser Wilhelms I. erschienenen Trauerzeitungen, von einem Patrioten gesammelt. Ein Modell des Denkmals des Großen Kurfürsten; in der Ecke ein Schirmständer aus Hirschgeweihen.

Als letztes Zimmer wurde uns gezeigt das sehr einfache, kleineArbeitszimmer des Geheimrats Rottenburg, des Sekretärs des Fürsten.Außer den Photographieen des Berliner Kongresses und derKonstantinopeler Botschaftersitzung fällt ins Auge eine KreidezeichnungLenbachs, den Fürsten darstellend. Auch hier, wie so oft im Schlosse,Hirschgeweih zu Gebrauchsgegenständen verwendet.

Wir waren am Ende unsrer Wanderung durch Schloß Friedrichsruh.

Wir traten hinaus und atmeten die herrliche Luft, die nach dem Regen doppelt würzig schien. Riesige Fichten umrauschen das einsame, schmucklose Haus und schirmen es vor Wind und Wetter; Rosenstöcke sehen in die niedrigen Fenster hinein. Wir gingen rings herum um das Gebäude, von niemand gestört, und stiegen endlich auf den Altan, der eine ähnliche, aber noch freiere Aussicht bietet als das Speisezimmer. Welch lauschiges Plätzchen ist das! Das Summen der Bienen, das Zwitschern der Vögel und das Rauschen des Wasserfalls, den die Aue bildet, sind das einzige Geräusch; hin und wieder donnert ein Eisenbahnzug vorbei, dessen Getöse durch die Mauer und die Bäume abgedämpft wird. Ein wundervoller Regenbogen, in so intensiven Farben, wie er selten zu sehen, spannte sich über die graue Wolkenwand; und ohne abergläubisch zu sein, war ich geneigt, ihn für ein glückliches Zeichen fortdauernden Friedens zu halten. Möchte dieser Glaube nicht trügen!

[11] 1869 geschrieben

Ein Nachmittag bei den Karthäusern.

Was ist das für ein Gebäude? fragte ich den liebenswürdigen Vikar Z., der mir gegenüber im Coupé saß. Wir hatten eine Tagestour nach der vom Baumeister Fischer herrlich wiederhergestellten Wupperburg gemacht und befanden uns auf der Rückkehr zu den heimischen Penaten in Oberhausen. Der Schnellzug sauste mit uns auf der gradlinigen Strecke Düsseldorf-Duisberg dahin. Zur Linken, vielleicht 1 Kilometer von der Bahn entfernt, erhob sich in freiem Felde, von einer hohen Mauer umgeben, ein gar stattlicher Komplex von Gebäuden mit einer Kirche in der Mitte. Auffallend war mir eine Anzahl gleichmäßig gebauter Häuschen, an denen keine Fenster zu sehen waren.

Das ist das Karthäuserkloster „Hain“; es ist das einzige in Deutschland, erwiderte mein Vikar und gab mir folgende weitere Auskunft: Der Orden ist vom heiligen Bruno von Köln gestiftet, der sich 1084 mit sechs Genossen in der Einöde Chartreuse bei Grenoble dem Einsiedlerleben widmete. Im Oktober werden 800 Jahre seit seinem Tode verflossen sein. Die Karthäuser sind zum strengsten Leben verpflichtet, beobachten strenge Fasten und Schweigen und beschäftigen sich mit Handarbeit. Sie üben Gastfreiheit und Wohlthätigkeit und haben teilweise eine höhere Bildung.

Wenn Sie Lust haben, fuhr der Vikar fort, können wir das Kloster einmal besuchen. Das interessierte mich allerdings sehr und so war die Sache abgemacht. Acht Tage später dampften wir zu dritt mit dem Bummelzuge (Schnellzüge halten nicht auf der Strecke) nach Rath, von wo man noch 1/4 Stunde bis zur Karthause hat.

Bald standen wir vor dem Thore. Ein Fenster öffnete sich, und der Bruder Pförtner fragte nach unserem Begehr. Ohne Umstände wurden wir eingelassen, und sogleich erschien ein Laienbruder in langem weißem Mantel, mit geschorenem Haupt und langem braunem Bart, der uns in freundlichster und gefälligster Weise wohl über eine Stunde lang herumführte.

Zuerst ging's in die Kirche, neu und geschmackvoll eingerichtet, mit Parkettfußboden, an den Wänden Oelgemälde, Heilige darstellend, darunter in erster Linie den heiligen Bruno. Er sitzt an einem Tische und betrachtet gedankenvoll einen Schädel. In dem Augenblick, als wir eintraten, verließ gerade die Brüderschar den Raum, einer leise hinter dem andern herschreitend. Eine andere kleinere Kapelle, an der wir vorbeikamen, war durch Gerüste der eben darin beschäftigten Handwerker versperrt. Behaglich, einfach und vornehm ausgestattet ist der Kapitelsaal, an dessen Wänden sich Bänke herumziehen, auf denen die Brüder bei ihren Beratungen sitzen. Auch ein Speisesaal ist vorhanden: in ihm werden nur an hohen Festtagen die Mahlzeiten eingenommen, während sonst jeder Mönch in seiner Zelle ißt.

Diese Einzelwohnungen der Brüder waren für uns natürlich der interessanteste Teil unseres Rundganges. Eine in Benutzung befindliche Zelle durften wir, der Störung wegen, nicht betreten; allein es stand gerade eine leer, und in diese traten wir nun. Im Erdgeschoß zwei Räume, im ersten Holz und Kohlen, im zweiten eine Drehbank mit einem Schemel davor. Kein Ofen. Als ich meine Verwunderung aussprach, erwiderte lächelnd der Führer: Sie müssen sich eben warm arbeiten. Am Eingang des ersten Raumes ist eine Oeffnung mit Schieber angebracht, wo das Essen hindurch gereicht wird. Wir stiegen eine Treppe hinauf zu dem Wohn- und Schlafzimmer. Das Meublement des Wohnzimmers besteht aus Tisch, Stuhl und Schrank, das des Schlafzimmers aus einem Bett, einer Waschvorrichtung und einem Betstuhl. An der sonst kahlen Wand hängt eine Uhr. Nicht alle haben eine Uhr, die meisten richten sich nach der Glocke. Auch die Tagesordnung hängt an der Wand; sehr lang, sehr streng. Morgens halb 5 Uhr aufstehen; der Tag vergeht zwischen Gebet, körperlicher Arbeit, Betrachtung, Kirchenbesuch, Mahlzeiten. Die Mahlzeiten sind knapp. Fleisch giebt es gar nicht, dagegen Fisch; zahlreiche Fasttage sind eingelegt. Dennoch sehen die Brüder, die wir zu Gesichte bekamen, nicht elend aus. Gleich nach 10 Uhr wird zu Mittag gegessen; gemeinsame Spaziergänge außerhalb der Klostermauern finden häufig statt. Ein Nachmittag der Woche ist zum Sprechen frei gegeben. Zwischen 5 und 6 Uhr wird zu Bett gegangen, gegen 11 Uhr ruft die Glocke zum Aufstehen und Beten; nach kurzer Ruhe findet gemeinsamer Gang zur Kirche statt, wo man wohl bis gegen 2 Uhr nachts bleibt. Dann wird bis halb 5 Uhr wieder das Bett aufgesucht. Man sieht, bequem ist es nicht, Karthäuser zu sein, und 7 Jahre Bedenkzeit haben die Aufzunehmenden. Dann erst, nach dieser langen Selbstprüfung, fällt der Würfel, und nachher giebt es freilich kein „Zurück“ mehr.

Hinter jedem Häuschen ist ein kleiner Garten, in dem der Mönch Obst und Wein und Blumen zieht. Eine hohe Mauer umgiebt ihn, über die kein Blick dringt. Der Garten, den wir sehen, ist verwildert, eben, weil augenblicklich die pflegende Hand fehlt.

Innerlich ergriffen von dem, was wir gesehen, einen nachhaltigen Eindruck mitnehmend, treten wir in den langen, hallenden Kreuzgang zurück, der so schön kühl ist und still, als ob das Kloster unbewohnt wäre. An der Wohnung des Priors kommen wir vorüber, auch an der Bibliothek, in die einzutreten es jedoch erst einer besonderen Erlaubnis bedurft hätte.

Durch ausgedehnte Gärten schreiten wir nun, die alles, was die Brüder zum Leben brauchen, reichlich hervorbringen, und wohl noch mehr. Alles scheint rationell und fachmännisch betrieben zu werden, alles legt Zeugnis ab von vorzüglicher Pflege. Da gedeiht Wein an den Wänden, der voller Trauben hängt, da steht eine Tomatenpflanze neben der andern, einige Früchte schon rot; die Apfel- und Birnbäume beugen sich unter der Last; in einem Glashause hängen durch ein Drahtgitter lange, dicke Gurken; auch Blumen fehlen nicht. Mächtige Bienenhäuser liefern köstlichen Honig; schon 1000 Pfund dieses Jahr hat der Bruder Bienenvater verkauft.

Vor einem Gebäude liegen Fässer; da wird der berühmte Liqueur (Chartreuse) auf Flaschen gefüllt. Man bezieht ihn aus dem Mutterhause (der Chartreuse in den französischen Alpen) lieber in Fässern als in Flaschen, da sich der Zoll etwas niedriger stellt. Das Kilogramm der dazu verwendeten Kräuter soll 200 Franken kosten.

Seltsam mutet der Friedhof an; er weist kein einziges Grab auf. Freilich ist die Karthause erst seit 1890 wieder bewohnt; 1869 gegründet, hat sie während der Jahre 1875-90 geruht.

Wir traten nun in die Werkstätten der Laienbrüder. Ueberall herrschte reges Leben, jeder war bei seinem besonderen Gewerbe thätig. Es sind meist gelernte Handwerker, die sich später zum Klosterleben entschlossen haben. Da war eine Stellmacherei und Schmiede, eine Schuhmacherwerkstatt, eine Weberei. Der Bruder Weber ließ munter sein Schiffchen hin- und herfliegen; in großen Schränken waren die Produkte seiner Thätigkeit aufbewahrt: Tuch, Hemdenzeug, Taschentücher, Läufer für die Kirche u.a.m.; alles derb, dauerhaft, einfach. Ich wollte ein Taschentuch kaufen, doch wurde es schließlich vergessen, da erst höhere Erlaubnis eingeholt werden mußte; ohne solche darf kein Stück aus dem Kloster. In einer größeren Waschküche sahen wir mehrere Brüder ebenso fleißig wie Waschfrauen arbeiten, aber ohne deren Schwatzhaftigkeit. Beim Arbeiten ist es übrigens gestattet, Notwendiges zu besprechen.

Schließlich wurden wir in ein Speisezimmer geführt, das mit den Bildnissen der 12 Apostel geschmückt war. In der Mitte stand ein gedeckter Tisch. Unser Führer forderte uns auf zum Sitzen und verließ uns mit einem kurzen Gruß so schnell, daß wir gar keine Zeit hatten, uns zu bedanken. Wir haben ihn nicht wieder gesehen.

An seiner Statt trat gleich darauf ein anderer Bruder ein, derGastbruder, und brachte zwei Flaschen Wein, Weißbrot, Butter und Käse,alles reichlich und gut, und wollte verschwinden. Wir baten ihn jedoch,uns statt des Weines Bier zu bringen, was denn auch geschah. Mit großemAppetit machten wir uns über die Vorräte her und besprachen dabei dieEindrücke, die wir empfangen hatten. Ich blätterte nebenbei in demFremdenbuche, das zum Einschreiben bereit gelegt war, und las meinenGefährten daraus vor.

Da schreibt einer:

Wo sind Fried und RuhUnd Herzensglück zu Hause?Ich weiß es genau:Hier in der Karthause.Ein dankbarer Freund des stillen, lieben Klosters.

Ein anderer:

Wie schön und erbauend ist es, wo Brüder beisammen wohnen!Herzlichen Dank allen Patres und Fratres für liebevolle Gastfreundschaft.

Den Schluß eines längeren Gedichtes bilden die Verse:

Drum pflege nicht den Leib zu sehr,Sonst wird dir einst das Scheiden schwer!Hast du die Seele treu gepflegt,Du bangst nicht, wenn die Stunde schlägt.

Wir konnten nicht umhin, die beiden ersten dieser Verse uns selber nochmals zuzurufen im Hinblick auf den uns noch bevorstehenden, langen schattenlosen Weg nach Düsseldorf.

Ein Mann, der vermutlich aus Sachsenland stammt, schreibt:

Härzlichen Dank für die gute Bedinung!

Ein echter Dichterfürst thut sich kund in den kurzen aber markigenVersen:

Besten DankFür den guten Trank.

Ein Trappist schreibt:

Gratias intimo ex cordeCarissimi Confratres CartusiaeOremus pro invicem.

(Name)Trappista.

Sehr anmutend fand ich die Eintragung:

Die zufriedenen und glücklichen Patres in ihrer einsamen Klause lassenmich an die Wahrheit des Spruchs denken:

Der Adler fliegt allein, der Rabe scharenweise;Gesellschaft braucht der Thor, und Einsamkeit der Weise.

(Rüdert.)

Eine enttäuschte Angehörige des schönen Geschlechts, dem der Zutritt verboten ist, schreibt:

Leider hab' ich nichts gesehen,Doch braucht ich nicht unbewirtet nach Hause zu gehen.

Frau X.

Endlich noch zwei lateinische Sprüche:

Cartusis claraEras mihi praeclaraEris mihi cara!

und

O beata solitudo,O sola beatitudo!

Eigentümlich bewegt verließen wir die Karthause. Der Pförtner grüßte freundlich, das Thor fiel hinter uns zu; wir waren wieder draußen im heißen Sonnenschein. Ein Eichenwald, noch ganz jung, ist rings außerhalb der Klostermauern angepflanzt. Die Stämmchen sind kaum mannshoch. Ich mußte an die Zeit denken, wo einst das Kloster ganz im Grün versunken sein und nur der verhaltene Klang der Glocke dem vorüberziehenden Wanderer verkündigen wird, daß dort die Karthause träumt — —

Eisenberg.[12]

Wer Thüringen als Tourist bereist, begnügt sich gewöhnlich mit Glanzpunkten wie Schwarzburg, Elgersburg, Friedrichsrode, Eisenach. Aber auch diejenigen, welche nicht blos die breitgetretenen Pfade zu pilgern pflegen, werden Eisenberg kaum berühren. Die meisten, wenn sie aufrichtig sind, werden sogar bekennen, daß sie kaum davon gehört haben. Um von mir selber zu reden, so hörte ich den Namen zuerst in Jena, wo ich vor einer Reihe von Jahren studierte, und welches etwa drei Stunden von Eisenberg entfernt liegt. Eine Bahnverbindung zwischen beiden Städten besteht nicht. Dagegen führt von der Hauptlinie, der im Elsterthal sich hinziehenden Leipzig-Geraer Eisenbahn, eine 9 Klm. lange Zweigbahn das Thal hinauf nach Eisenberg. Die Bahn steigt stark, denn Eisenberg liegt etwa 300 Mtr. hoch. Verschiedene hübsch gelegene Dörfer, wie Hartmannsdorf, Rauda, Kursdorf werden passiert; plötzlich erscheint auf hohem Bergkegel gelegen ein Teil des Städtchens, eine Anzahl villenartiger Gebäude, das Gymnasium und das Schloß. Ueberall begrenzen höhere Berge den Blick; Gärten umschließen die Häuser; rechts am Abhange dehnt sich der sogenannte „Nasse Wald“ mit vielen Promenaden aus. Vom höchsten Punkte desselben übersieht man mehr von der Stadt als wir, die wir unten mit der Bahn angekommen sind; sie erstreckt sich lang über den Bergrücken, der in die Hochebene übergeht. Eisenbergs Glanzpunkt ist dasSchloßmit seiner Umgebung. Das Innere bietet außer der prächtigen, in etwas überladenem Rokoko gebauten Kapelle nichts Besonderes. Seine Gründung fällt in sagenhaftes Dunkel, jedenfalls war es 1215 schon bewohnt. Im letzten Viertel des 17. Jahrhundert diente das Schloß demersten und zugleich letzten Herzog zu Sachsen-Eisenbergals Residenz. Am 7. März 1677 zogChristianin das Schloß ein, das ihm nebst dem Fürstentum in der Erbteilung seines Vaters, des bekannten Ernst des Frommen von Sachsen-Gotha, zugefallen war. Er nannte das Schloß „Christiansburg.“ Seine Hauptbeschäftigung bildete die Alchimie, und er ließ sich ein Laboratorium in dem hübschen, von ihm angelegten Schloßgarten bauen, von dem nur noch ein Stück Mauer steht, von den älteren Einwohnern der Stadt „'s Läbbetoorchen“ genannt. Bei den deutschen und englischen Alchimisten war er unter dem Namen „Theophilus-Abt zu den heiligen Jungfern zu Lausnitz“ bekannt. In einem ausführlichen Tagebuche soll er seiner Begegnungen mit Geistern und Verdorbenen gedacht haben. Er errichtete 1698 die erste Postverbindung mit den Nachbarstädten Zeitz, Jena und Gera. Sein Hauptverdienst war jedoch die Gründung desLyceums, späteren Gymnasiums, das der Stadt ihr Gepräge aufdrückte. Was für Jena die Universität, ist für Eisenberg in der That das Gymnasium. Der Herzog war zweimal vermählt; seine einzige Tochter aus erster Ehe, Christiane, heiratete einen Herzog von Holstein-Glücksburg. Im Jahre 1707 starb Herzog Christian, und mit ihm war die Selbständigkeit Eisenbergs vorbei. Es fiel an andere Thüringische Staaten und gehört jetzt zu Altenburg, von dessen getrennt liegendem Westkreise es die Hauptstadt ist. Der Herzog von Altenburg bewohnt das Schloß im Sommer zeitweise, ebenso wie andere Mitglieder des Hauses.

Bei Gelegenheit der 200jährigen Jubelfeier der Gründung des Christiansgymnasiums 1888 wurde beschlossen, dem Stifter desselben ein Denkmal zu setzen. Eines solchen erfreut sich bereits der PhilosophKrause, der aus Eisenberg stammt und dessen System, an Kant anschließend, besonders in Belgien und Spanien Anhänger gefunden hat. Der sehr unpraktische Mann ist, nachdem er in München vergeblich seine Existenz zu begründen versuchte, im Elend gestorben.

Der Schloßgarten hat bedeutenden Rosenflor und einen schönen Laubgang und bietet infolge seiner hohen Lage malerische Blicke in das sogenannte „Thälchen.“

Eisenberg liegt etwa in der Mitte zwischen Elsterthal und Saalthal. Von zwei Seiten umgeben ziemlich tiefe Thäler die Stadt; auf der dritten (West)-Seite hängt sie mit der Hochfläche zusammen. So liegt sie gewissermaßen auf einer Landzunge, einem vorspringenden Riff; man will Aehnlichkeit mit der Lage von Jerusalem finden. Die Umgebung von Eisenberg ist überreich an anziehenden Punkten. Ueberall Wald, meist aus prächtigen Rottannen bestehend. Der beliebteste Ausflugspunkt ist das Mühlthal, etwa eine halbe Stunde entfernt. Man geht über eine kahle Hochebene; plötzlich öffnet sich zu Füßen ein idyllisches Thal, durchflossen von einem klaren Bach; in der Thalsohle frischgrüne Wiesen und wenigstens ein halbes Dutzend Wassermühlen. Einige von diesen nehmen auch Fremde zur Sommerfrische auf, so besonders die Walkmühle. Am oberen Ende des etwa 2 Stunden langen Thales liegt auf der Lichtung ein größeres Dorf,Kloster-Lausnitz, mit einer restaurierten romanischen Kirche von wundervollen Verhältnissen. Nach der Richtung von Jena zu gelangt man in einer Stunde nachHahnspitz, an einem kleinen See gelegen und an den Wald gelehnt. Noch eine gute Stunde weiter liegt Bürgel, bekannt durch Töpferfabrikation, und in der NäheThalbürgel, mit den Ruinen einer ungeheuren romanischen Kirche, eines Domes, in den hinein eine bescheidene Dorfkirche gebaut ist. Mitten im Buchenwalde, von Eisenberg etwa zwei Stunden, liegtWaldeck. Hier brachte Goethe einige Tage um die Weihnachtszeit 1785 zu; vom Rektor zu Bürgel borgte er sich den Homer und las hier in der Weltabgeschiedenheit wieder von dem Dulder Odysseus. Dabei dichtete er „die Geschwister“, in denen er sich sein Verhältnis zu Frau von Stein vom Herzen zu schreiben suchte; freilich vergebens. Noch manche reizende Partien, von Natur und Geschichte begünstigt, lassen sich von Eisenberg aus leicht erreichen. Allein das Angedeutete mag genügen, um die Aufmerksamkeit auf diesen östlichen Winkel des schönen Thüringerlandes zu lenken.

[12] Verfasser wohnte 1884-1888 in Eisenberg

Das Goetheviertel in Frankfurt.[13]

Im Gegensatze zu der Einteilung in so und so viele Polizeibezirke habe ich für meine Privatzwecke Frankfurt a.M. immer in drei Stadtteile eingeteilt: das Kaiserviertel, das Goetheviertel und das unhistorische Viertel. DasKaiserviertelnimmt die Gegend am Dom und am Römerberg ein. Mit Ehrfurcht betritt der nicht alles historischen Sinnes Bare diese Straßen und Plätze, die von ihrem alten Gepräge wenig verloren haben. Da ist der alte, gotische Kaiserdom mit seiner mächtigen Turmpyramide, wo die Kaiser gekrönt wurden; da ist das Grab Kaiser Günthers, der in Frankfurt starb; da ist das Wahlzimmer, in welchen die Kurfürsten ihr Amt ausübten. Durch eine ziemlich schmale Straße (den „Markt“) ging der Krönungszug dann nach dem altertümlichen Rathause, „Römer“ genannt, in dessen gewölbtem Saale das Festessen stattfand, während draußen, auf dem Römerberg, das Volk sich erlustigte, der Ochse am Spieße gebraten wurde und aus einem doppelarmigen Brunnen roter und weißer Wein floß.

Ueber den Paulsplatz schreitend, gelangen wir in die Barfüßergasse und sind imGoetheviertel. Es erstreckt sich über den Kornmarkt, den großen Hirschgraben, den Goetheplatz, Roßmarkt, bis zum Weidenhof auf der Zeil. Gesondert davon liegen im Nordosten der Stadt, teils sogar in die Außenstadtteile reichend, noch drei Goetheerinnerungen.

Was soll ich endlich von demunhistorischenViertel sagen? Es stammt aus dem letzten Jahrhundert, umzieht die innere Stadt in großem Halbkreise und enthält die komfortabelsten Häuser und Villen, in denen die Herren Müller und Schultze, Schmidt, Fischer, Oppenheimer und wie sie alle heißen, wohnen. Das Opernhaus und der Palmengarten, der Hauptbahnhof und der Zoologische Garten, die prächtigen Schulpaläste, an denen Frankfurt so reich ist — alles das und noch vieles andere ist in dem unhistorischen Viertel zu finden, nur keine Erinnerungen, große, schöne, anmutende Erinnerungen. Wer die sucht, der kehre schleunigst mit mir um in die enge und hochgiebelige Innenstadt, in das am meisten lohnende, den sinnigen Beschauer immer und immer wieder fesselndeGoetheviertel.

Nicht nur den geistigen, sondern auch den räumlichen Mittelpunkt bildetGoethes Vaterhaus, am großen Hirschgraben 23 gelegen. Es ist ein dreistöckiges Giebelhaus mit sieben Fenstern Front; ein geräumiges, bequemes Patrizierhaus, von der Familie Goethe meist allein bewohnt. Es bestand ursprünglich aus zwei Häusern, die miteinander verbunden wurden. Der letzte Umbau geschah im Jahre 1755 durch Goethes Vater, den Kaiserl. Rat Dr. Johann Kaspar Goethe. Den Grundstein legte der kleine, damals sechsjährige Wolfgang. Das Haus, wie wir es jetzt sehen, ist im wesentlichen unverändert geblieben. Ueber der Thür ist eine Marmortafel angebracht mit des Dichters Namen, Geburtstag usw., darunter ist das Wappen, drei schwer erkennbare Leiern enthaltend, welches schon vor des Dichters Geburt gewissermaßen prophetisch auf den Beruf desselben hinwies. Darunter die nüchterne Inschrift: „Goethes Vaterhaus, Eintrittspreis 1 Mark. Von 1 bis 3 geschlossen.“

Das Goethehaus ist Eigentum des 1859 gegründeten „Freien Deutschen Hochstifts“, einer wissenschaftlichen und künstlerischen Gesellschaft, die ihre Mitglieder in allen Städten Deutschlands, ja bis in die entfernteren Weltgegenden hat, namentlich aber in Frankfurt selbst. Sie veranstaltet im Winter Vorträge von Frankfurter und auswärtigen Gelehrten und arbeitet außerdem in Fachabteilungen, deren eine alt- und neu-philologische, eine juristische, eine staatswissenschaftliche, eine deutsche (unter dem Vorsitz Wilhelm Jordans, der sich um die Neugestaltung des Hochstifts anfangs der achtziger Jahre verdient gemacht hat), eine kunstwissenschaftliche, eine mathematisch-naturwissenschaftliche bestehen. Die Berichte dieser Sektionen erscheinen jährlich in mehreren Heften. Das Hochstift, welches durch Legat in den Besitz eines beträchtlichen Vermögens kam, läßt sich zugleich die Instandhaltung des Goethehauses und möglichst getreue Wiederherstellung aller einzelnen Teile angelegen sein.

Treten wir ein, so finden wir im Erdgeschoß rechts ein Verwaltungszwecken dienendes Zimmer, in welchem der Kassierer sich aufhält, von dem wir unsere Karte beziehen. Er sagt uns auf unsere Erkundigung, daß jährlich etwa 7000 Karten ausgegeben werden. Sind wir zufällig Mitglieder des Hochstifts, so haben wir nebst unseren Angehörigen freien Eintritt.

Das Zimmer linker Hand dient den Hochstiftsmitgliedern als Lesezimmer; etwa 120 Zeitschriften aus allen Wissenschaften sowie Unterhaltungsblätter liegen aus. Zu Goethes Zeit diente es als Eßzimmer. Hinter dem mächtigen Ofen, der aus dem Anfange des 18. Jahrhunderts herrührt, spielte sich jene ergötzliche Scene ab, die Goethe am Schluß des zweiten Buches seiner Lebensbeschreibung so anmutig erzählt. Da Goethes Vater einen Widerwillen gegen Klopstocks Messias hatte, dessen Verse ihm, da sie nicht gereimt seien, keine Verse schienen, so wußten sich die Kinder — Wolfgang und Cornelia — das Buch heimlich zu verschaffen und zu lesen. „Es war an einem Sonnabend Abend im Winter — der Vater ließ sich immer bei Licht rasieren, um Sonntags früh sich zur Kirche bequemlich anziehen zu können-, wir saßen auf einem Schemel hinter dem Ofen und murmelten, während der Barbier einseifte, unsere herkömmlichen Flüche ziemlich leise. Nun hatte aber Adramelech den Satan mit eisernen Händen zu fassen, meine Schwester packte mich gewaltig an und rezitierte, zwar leise genug, aber doch mit steigender Leidenschaft:

Hilf mir! Ich flehe dich an, ich bete, wenn du es forderstUngeheuer, dich an! Verworfner schwarzer Verbrecher.Hilf mir! Ich leide die Pein des rächenden, ewigen Todes!Vormals konnt' ich mit heißem, mit grimmigem Hasse dich hassen!

Bisher war alles leidlich gegangen, aber laut, mit fürchterlicherStimme, rief sie die folgenden Worte: „O, ich bin wie zermalmt!“

Der gute Chirurgus erschrak und goß dem Vater das Seifenbecken in die Brust. Da gab es einen großen Aufstand und eine strenge Untersuchung ward gehalten, besonders in Betracht des Unglücks, das hätte entstehen können, wenn man schon im Rasieren begriffen gewesen wäre. Um allen Verdacht des Mutwillens von uns abzulehnen, bekannten wir uns zu unsern teuflischen Rollen, und das Unglück, das die Hexameter angerichtet hatten, war zu offenbar, als daß man sie nicht aufs neue hätte verrufen und verbannen sollen.“

Im ersten Stockwerk, zu dem eine breite und bequeme Treppe mit Eisengeländer führt, liegt das Staatszimmer des Hauses, in welchem der Königsleutnant über ein Jahr lang einquartiert war und in welchem die Sitzungen der meisten wissenschaftlichen Sektionen des Hochstifts abgehalten werden. Links daneben das Zimmer Karl Augusts, rechts das des Bedienten des Grafen Thorane[14], Jean, jetzt zur Aufbewahrung desGoetheschatzesverwandt. Dies ist eine Sammlung aller Schriften von und über Goethe, die fortwährend ergänzt wird. Wie wenig sie dem Ideal einiger Vollständigkeit nahe ist, geht aus der Thatsache hervor, daß allein Engels Verzeichnis der Faustschriften etwa 3000 Nummern umfaßt.

Im zweiten Stockwerk liegt in der Mitte das Gemäldezimmer, links des alten Rats Arbeitszimmer nebst Bücherei, rechts Frau Goethes Zimmer, dahinter das sog. Geburtszimmer Wolfgangs. Die Nummer des Frankfurter Intelligenzblattes, in welcher die Geburt angezeigt wird, hängt unter Glas und Rahmen aus. Die Anzeige lautet buchstäblich: „Getauffte hierüben[15] in Frankfurt, Freytags den 29. dito (=August) S.T. Hr. Johann Caspar Göthe, Ihro Rom. Kayserl. Majestät würcklicher Rat: einen Sohn, Johann Wolffgang.“

Im dritten Stock endlich Wohn- und Schlafzimmer Wolfgangs und seines Hauslehrers. Es würde zu weit führen, alle Sehenswürdigkeiten aufzuzählen, die das Goethehaus birgt; ich greife aufs Geratewohl einige heraus.

Eine mit perlgesticktem Einbande versehene Originalausgabe von Hermann und Dorothea (1798 Berlin, Bieweg), ein Geschenk Goethes an seine Mutter; die Handschrift zu Wilhelm Meister, nicht von Goethes Hand, aber mit seinen Verbesserungen. Das Puppentheater, welches die Großmutter den Kindern schenkte und welches Wolfgang so sehr ergötzte, daß er es zweimal beschreibt, einmal kurz in Dichtung und Wahrheit und ausführlicher im Wilhelm Meister. Die sehr seltene Gießener Doktordissertation des alten Goethe „Electa de aditiore heroditatis“, die riesige Laterne, welche der Frau Rat bei ihren abendlichen Heimgängen aus Gesellschaften vom Bedienten vorgetragen wurde, sowie eine große Menge von Briefen, Bildern, Andenken und Reliquien, auf Goethe und seine Familie bezüglich.

Ueber das „Gartenzimmer“, welches jetzt verschwunden ist und demHausflur Platz gemacht hat, möchte ich eine bezeichnende Stelle ausGoethes Autobiographie dem Leser ins Gedächtnis zurückrufen. Sie stehtim ersten Buche und lautet:

„Im zweiten Stock befand sich ein Zimmer, welches man das Gartenzimmer nannte, weil man sich daselbst durch wenige Gewächse vor dem Fenster den Mangel eines Gartens zu ersetzen gesucht hatte. Dort war, wie ich heranwuchs, mein liebster, zwar nicht trauriger, aber doch sehnsüchtiger Aufenthalt. Ueber jene Gärten hinaus, über Stadtmauern und Wälle sah man in eine schöne, fruchtbare Ebene; es ist die, welche sich nach Höchst hinzieht. Dort lernte ich Sommerszeit gewöhnlich meine Lektionen, wartete die Gewitter ab und konnte mich an der untergehenden Sonne, gegen welche die Fenster gerade gerichtet waren, nicht satt genug sehen. Da ich aber zu gleicher Zeit die Nachbarn in ihren Gärten wandeln und ihre Blumen besorgen, die Kinder spielen, die Gesellschaften sich ergötzen sah, die Kegelkugel rollen und die Kegel fallen hörte, so erregte dies frühzeitig in mir ein Gefühl der Einsamkeit und einer daraus entspringenden Sehnsucht, das, dem von der Natur in mich gelegten Ernsten und Ahnungsvollen entsprechend, seinen Einfluß gar bald und in der Folge noch deutlicher zeigte.“

Ein Garten gehörte also nicht zum Hause, und der Hof ist auch nur engund klein. An dem Brunnen, der mit einem Löwenkopf verziert ist, hat dieKönigin Luise als Kind gespielt bei ihrer zeitweiligen Anwesenheit inFrankfurt.

Pilgern wir weiter durch das Goetheviertel. Da steht auf dem baumbepflanzten Goetheplatz (früher „Stadtallee“) die Kolossalfigur des Dichters, von Schwanthaler modelliert, in Erz gegossen, mit dem Antlitz seiner Geburtsstätte zugewendet, dem Schauspielhause aber den Rücken kehrend. An einen mit Epheu bewachsenen Eichenstamm lehnt die mächtige Gestalt, in der einen Hand einen Lorbeerkranz haltend. Der Sockel ist mit Darstellungen aus Goethes Werken geschmückt. Tasso und Faust, Iphigenie und Thoas, Hermann und Dorothea, Götz und Egmont, Mignon und der Harfner, der Erlkönig und die Braut von Korinth — alle diese wohlbekannten Gestalten treten uns da entgegen; in einem Winkel Werthers Sarg, vorne die Embleme der Naturwissenschaft und der Altertumskunde, sowie der tragischen und der lyrischen Poesie, hinten die kranzspendende Victoria.

Am Roßmarkte, der Fortsetzung des Goetheplatzes, erhebt sich neben dem imposanten Gebäude der „Germania“ ein anderer prächtiger Neubau, der auf roter Marmortafel noch den Namen des alten Hauses trägt: „Zum goldenen Brunnen“. In diesem Hause wohnte die Frau Rat in ihren letzten Lebensjahren, hier empfing sie jene Einladung zur Gesellschaft, die sie mit den bekannten drastischen Worten ablehnte: „Die Frau Rätin könne nicht kommen, sie müsse alleweile sterben.“

Wenige Schritte weiter, über den Schillerplatz fort, an der Zeil, steht der „Weidenhof“, ein großes, von verschiedenen Geschäften eingenommenes Haus, darunter auch der Damenkonfektion von einem Herrn Schiller. An dieser Stelle stand der Gasthof „Zum Weidenhof“, der Frau Witwe Schellhorn gehörig, um deren Hand der aus Artern im Mansfeldischen nach Frankfurt gewanderte Schneidergeselle Friedrich Goethe[16] anhielt, und mit der noch jungen Witwe das Besitztum erheiratete. Das Schneiderhandwerk gab er auf und wurde Wirt; seinen Sohn Johann Caspar ließ er studieren und es wurde aus ihm der Dr. jur. und kaiserl. Rat, von Karl VII. zu dieser Würde erhoben. Unser Goethe scheint seinen Großvater väterlicherseits nicht gekannt zu haben, wenigstens erwähnt er ihn kaum.

Die letzte, aber nicht die unwichtigste Goetheerinnerung in diesem reichen Viertel findet sich in der Gegend, wo Barfüßergasse und Kornmarkt zusammentreffen.

Dort lag das Barfüßergymnasium, dessen Direktor, der Dr. Albrecht, Goethes Lehrer im Hebräischen war. Mit seinen Eltern hatte ihn der kleine Wolfgang besucht, und die langen, dunklen Gänge, die in Visitenzimmer verwandelten Kapellen, das unterbrochene treppen- und winkelhafte Lokal mit schaurigem Behagen durchstrichen, wie er im vierten Buche von Dichtung und Wahrheit umständlich auseinandersetzt. Den Rektor Albrecht beschreibt Goethe als „eine der originellsten Figuren von der Welt, klein, nicht dick, aber breit, unförmlich, ohne verwachsen zu sein, kurz, ein Aesop mit Chorrock und Perücke. Sein über siebenzigjähriges Gesicht war durchaus zu einem sarkastischen Lächeln verzogen, wobei seine Augen immer groß blieben und, obgleich rot, doch immer leuchtend und geistreich waren“. Der satirische Lucian war fast der einzige Schriftsteller, den er las und schätzte, und alles, was er sagte und schrieb, würzte er mit beißenden Ingredienzien.

Diesen seltsamen Mann, berichtet Goethe, fand ich mild und willig, als ich anfing, meine Stunden bei ihm zu nehmen. Ich ging nun täglich abends um 6 Uhr zu ihm und fühlte immer ein heimliches Behagen, wenn sich die Klingelthür hinter mir schloß und ich nun den langen, düstern Klostergang durchzuwandeln hatte. Wir saßen in seiner Bibliothek an einem mit Wachstuch beschlagenen Tisch, ein sehr durchlesener Lucian kam nie von seiner Seite.

In diesem Hause empfing Goethe auch seine erste Auszeichnung. „Eines Tages, bei der Translokation nach öffentlichem Examen, sah er mich als einen auswärtigen Zuschauer, während er die silbernen praemia virtutis et diligentiae austeilte, nicht weit von seinem Katheder stehen. Ich mochte gar sehnlich nach dem Beutelchen blicken, aus welchem er die Schaumünzen hervorzog; er winkte mir, trat eine Stufe herunter und reichte mir einen solchen Silberling. Meine Freude war groß, obgleich andere diese einem Nichtschulknaben gewährte Gabe außer aller Ordnung fanden.“

Noch lieber als der Knabe zum Rektor Albrecht, ging der Jüngling später in das Haus auf dem Kornmarkte Nr. 15. Hier wohnte Elisabeth Schönemann, die Tochter eines reichen, 1763 verstorbenen Bankiers mit ihrer Mutter zusammen, — Goethes Braut, dasjenige Mädchen, welches er nach seinem eigenen Geständnis Eckermann gegenüber am innigsten geliebt hat. Die erste Bekanntschaft erfolgte auf folgende Weise:[17]

„— es ersuchte mich ein Freund eines Abends, mit ihm ein kleines Konzert zu besuchen, welches in einem angesehenen reformierten[18] Handelshause gegeben wurde. Es war schon spät, doch weil ich alles aus dem Stegreife liebte, folgte ich ihm, wie gewöhnlich anständig angezogen. Wir traten in ein Zimmer gleicher Erde, in das eigentliche, geräumige Wohnzimmer. Die Gesellschaft war zahlreich; ein Flügel stand in der Mitte, an dem sich sogleich die einzige Tochter des Hauses niedersetzte und mit bedeutender Fertigkeit und Anmut spielte. Ich stand am unteren Ende des Flügels, um ihre Gestalt und Wesen nahe genug bemerken zu können; sie hatte etwas Kindartiges in ihrem Betragen; die Bewegungen, wozu das Spiel sie nötigte, waren ungezwungen und leicht.


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