Bengasi.

Wie indess hier die Sanddünen in geschichtlicher Zeit aus dem Meere geworfen worden sind, so ist vor Zeiten die ganze grosse Aregformation in der Sahara ebenfalls ein Meeresproduct, und die Behauptung französischer Forscher15gänzlich unhaltbar, dass die Dünen der Wüste ein Zersetzungsproduct von Felsen seien. Lebda nun, wie es sich uns heute zeigt, bildet drei Haupttheile. Die hoch- und dickmaurige Altstadt, auf beiden Seiten des Flusses gelegen, doch so, dass die Haupthälfte sich auf dem linken Ufer befand, während auf dem rechten nur Gewölbe gewesen zu sein scheinen; nahe dem Meere zu, südlich von dem westlichen Hafenfort, scheint die Stadtmauer der östlichen Stadthälfte zugleich die des Hafens gewesen zu sein. Wenigstens fällt die Südseite des Forts auf der rechten Flusszunge direct ins alte Hafenbassin; sie bildet dort schöne Quais, woran noch die grossen Quadern zur Befestigung der Schiffe vorhanden sind, und Treppen, welche zum Hafen hinabführten; jetzt natürlich steigt man mittelst der Treppen auf aufgewehten und aufgeschwemmten Sandboden. Diese Altstadt enthält fast allein die öffentlichen Gebäude: als Paläste, Kirchen, das Forum etc., aber alle zur Hälfte, einige ganz, von Sand überschüttet.

107Kaum möchte ich indess glauben, dass das, was Barth alsπόλιςoder Altstadt bezeichnet, dies wirklich gewesen sei. Ich glaube vielmehr, dass die westliche Landspitze mit dem heute noch Staunen erregenden Festungswerke sonst unbewohnt war, denn man findet auf dieser Landspitze—die auch viel zu eng ist, um nur zwei Reihen von Häusern aufzunehmen, mögen wir uns die Privatwohnungen der Griechen und Römer noch so beschränkt denken—gar keine andere Spur von Gebäuden, als solche, die auf Vertheidigung und Schutz hindeuten, und gerade eben die drei Ueberreste von Quermauern, welche die Landzunge von der Altstadt trennen, deuten darauf hin, dass hier das eigentliche Reduit lag. Die kolossalen Quaderbauten nach dem Meere zu sind vollkommen gut erhalten, leider erlaubte der Sturm mir nicht, die unterirdischen Kammern, die vom Meer aus in die untere Partie des Forts münden, zu besuchen; das Meer peitschte mit solcher Gewalt seine schäumenden Wogen gegen die Oeffnungen, dass es unmöglich war, hineinzudringen. Die ganze Landzunge ist übrigens nach dem Meere zu durch eine starke Quadermauer geschützt.

Westlich von der Altstadt findet sich nun ein Ruinenfeld, welches fast bis nach Choms hinreicht. Von diesem Ort ausgehend, stösst man auf einen fast 50' hohen Obelisken, aus Sandstein erbaut, gut erhalten, der wahrscheinlich ein Grab ziert. Die zahlreichen Grundmauern108von Privatwohnungen und einige öffentliche Gebäude deuten an, dass hier eine „Neustadt“ war; eine Mauer scheint dieselbe nicht umgeben zu haben.

Aus den Beschreibungen der Alten geht übrigens hervor, dass Leptis wenigstens vor der Römerherrschaft schlechtweg den Namen Neapolis führte. Nach Sallust von den Sidoniern gegründet, welche Unruhen halber ausgewandert waren, entstand die Stadt unter dem Namen Leptis an dem Orte, wo wir die jetzigen Ruinen vor uns haben, ungefähr zur Zeit als Cyrene schon aufgehört hatte, von Königen regiert zu werden, sich aber zu einer Republik constituirt hatte.

Scylax kennt die Stadt dann nur unter dem Namen Neapolis und Strabo und Ptolemäus schreiben, „Neapolis auch Leptis genannt“. Unter den Römern erhielt sie den einheimischen Namen zurück, und wurde magna genannt, im Gegensatz zu Leptis bei Carthago.

Leptis magna musste eine sehr reiche Stadt sein, da sie, wie Livius anführt, täglich ein Talent Silber als Abgabe an Carthago zahlte. Im Kriege der Römer mit Jugurtha hielt sie zu ersteren, wurde daher sehr begünstigt und erhielt die Rechte und Begünstigungen einer Colonie, als solche kennen sie Plinius und Ptolemäus noch nicht, auf den Peutinger'schen Tafeln ist sie aber als Colonie gezeichnet.

Kaiser Severus that ausserordentlich viel für die Stadt, aber bei dem Einbruche der Ausurianer ging sie109fast ganz zu Grunde, und der spätere theilweise Wiederaufbau unter Justinian vermochte ihr ihre alte Blüthe nicht wieder zu geben. Im siebenten Jahrhundert fiel sie dann ein Opfer der hereinbrechenden Araber, um nicht wieder von ihren Ruinen und den sie deckenden Sanddünen zu erstehen.

Die eigentliche spätere Neustadt befand sich indess auf dem rechten Ufer des Lebda durchschneidenden Flusses, und hat einen sehr ausgedehnten Umfang, auch ist noch überall die Grundmauer ihrer Umgebung deutlich wahrzunehmen. In späteren Zeiten war sie indess wohl der Hauptsitz der Bevölkerung, da Septimus Severus seinen Palast sich dort erbaute. Gleich östlich von diesem Stadttheile zieht sich dann die Nekropole nach SO. hin, von der Wasserleitung durchschnitten, welche im Hafenquai selbst mündete.

Das besterhaltene Denkmal ist der Hippodrom von Leptis magna, und für eine Provinzialstadt war er sicher einer der grössten und prächtigsten16. Ganz am Ostende aller Baulichkeiten von Lebda gelegen, zieht er sich dicht am Meere hin, derart, dass die eine Wand durch das Ufer, also natürlicherweise, gebildet wird, während die andere der ganzen Länge nach durch einen grossartigen Steinbau, welcher zugleich das Meer abhält, begrenzt wird.

Das ganze Stadium ist derart angelegt, dass auf eine innere Länge von 550 Schritten das Westende mit einem110Tempel anfängt, dessen mächtige Grundmauern noch erhalten sind. Von diesem Tempel bis zur Spina sind 200 Schritte: es war dies der Raum zum Ablaufen, Aphesis genannt. Die Spina selbst, überall 5 Schritte breit, beginnt mit einem Rundtempel, halben Durchmessers, aber nur die Basis dieses Tempels, durch einen Zwischenraum von der Spina getrennt, ist noch vorhanden. In der Mitte der Spina befand sich ein anderer Tempel, 120 Schritte vom ersten entfernt. Ueberhaupt haben beide Häfen einen wahrscheinlich überdachten Säulengang gehabt, wenigstens finden sich überall die Spuren eines Säulenganges, sowie zahlreiche Säulenüberreste. Beide Hälften der Spina sind mit Durchgängen versehen. Dem Rundtempel gegenüber befindet sich am andern Ende der Taraxippos, oder das Umkehrzeichen, in Form eines Halbkreises von der Spina getrennt. Der Hippodrom scheint mit keiner Rundung abgeschlossen zu haben, aber auf der äussersten östlichen Wendung, wo die künstliche Mauer mit dem natürlichen Erdwall, der auch steinerne Sitze hatte, zusammenstösst, befindet sich ein solides pyramidenartiges Gebäude, das vielleicht eine Statue trug.

Gleich südlich vom Stadium erhob sich das Amphitheater, es ist aber nichts weiter davon übrig, als die kreisrunde Einsendung in den Boden, welche theils natürlich, theils künstlich ist.

111Ich habe mich darauf beschränkt nur eine allgemeine Uebersicht der Topographie der Stadt zu geben, da mit Ausnahme des Hippodroms eine Beschreibung der einzelnen Gebäude, ohne sie vorher vom Sande befreit zu haben, unmöglich wäre. Beim Photographiren der Basilika hatte ich indess noch das Glück, eine Inschrift zu entdecken, die, wenn auch nicht von besonderem Interesse, doch neu ist; auch konnte ich mehrere Gemmen kaufen, sowie einige Münzen. Hamed Bei hatte sogar die Freundlichkeit, mich auf einen nahe liegenden Berg führen zu lassen, wo er eine Inschrift entdeckt hatte.

Darüber aber, und weil Hamed Bei mich nicht ohne Frühstück fortlassen wollte, verlor ich meine Karawane. Ich hatte sie nämlich schon am Morgen früh fortgeschickt, und dem Gatroner gesagt, nach einem kleinen Tagmarsch am Wege zu lagern. Da ich aber vom Berge, wo die Inschrift sich befand, erst Nachmittags herunterkam, überfiel mich beim Weiterreiten schnell die Nacht, und unmöglich war es, irgend etwas zu unterscheiden. Obgleich ich mehrmals Doppelschüsse abfeuerte, namentlich so oft ich Wachtfeuer erblickte, wollte es mir nicht gelingen, den Lagerplatz meiner Leute ausfindig zu machen, und um 10 Uhr Abends, als mein Esel, der nun den ganzen Tag im Gange gewesen war, nicht mehr weiter konnte, musste ich mich endlich entschliessen, ein anderes Lager zu suchen. Zudem musste ich jetzt meine Karawane längst hinter mir gelassen haben.

112Glücklicherweise sah ich bald ein Wachtfeuer, und schickte meinen Neger dorthin, ein Nachtlager zu erbitten. Es fand sich, dass nicht weit vom Weg ein einzelnes Araberzelt stand und die Eigenthümer bewilligten auf's gastlichste meine Bitte. Freilich war von Bequemlichkeit keine Rede, die Leute waren so arm, dass sie nicht einmal eine Matte besassen, und wenn nicht ein beständig unterhaltenes Feuer, neben welchem ich mich ausstreckte, die ganze Nacht etwas Wärme im luftigen Zelte verbreitet hätte, so würde ich bitter von Kälte gelitten haben. Man kann sich leicht denken, dass das Abendessen bei diesen armen Leuten nicht besser ausfiel: etwas Basina (Weizenmehl-Polenta), welche ich mit meinem Wirth aus einer Schüssel mit den Fingern ass, war alles, was zu haben war. Mein armer Esel fuhr noch schlimmer: nicht einmal Stroh war für ihn aufzutreiben.

Die armen Leute, von der türkischen Regierung ganz ausgesogen, hatten übrigens ihr Möglichstes gethan, und so nahm ich am folgenden Morgen mit Dank von ihnen Abschied, indem ich einem kleinen Kinde im Zelte reichlich an Geld gab, was ich bei den Eltern verzehrt hatte. Denn dem Araber selbst Geld für seine Gastfreundschaft anzubieten, wäre gegen alle gute Sitte gewesen. Mein Esel, der an Altersschwäche litt, wollte gar nicht mehr von der Stelle, und nachdem ich einige Stunden zu Fuss marschirt war—den Esel liess ich113durch meinen Neger treiben—war ich froh, als ich in einem Zelte, welches dicht am Wege von Beduinen aufgeschlagen worden, ein Pferd zur Weiterreise miethen konnte. Hungrig wie ich war, fand ich hier ein besseres Mahl. Eier, Milch und Gerstenbrod setzten mich in den Stand, noch an demselben Abend Tadjura, freilich etwas spät, zu erreichen, und hier kehrte ich im Landhause des italienischen Consuls ein, denn auch mein Pferd wollte nicht mehr weiter.

In der That ist der Weg von Tripolis bis Lebda bedeutend weiter, als man nach den Karten glauben sollte, die zahlreichen Krümmungen verlängern die Strecke sicher um ein Viertel; dazu kommen mehrere Strecken Dünen, auf denen Thiere und Menschen bald ermüden. Am andern Morgen früh war es nur noch ein Spazierritt bis zu meiner Wohnung in der Mschia. Meiner Karawane, der ich vorausgeeilt war, gelang es übrigens schon am folgenden Morgen einzutreffen; die Kameele hatten sich auf dem Wege ebenso gut gehalten, wie die Leute.

Ich hatte mich sehr beeilt von Lebda wegzukommen, weil ich vermuthete, dass bei dem schönen Wetter der Dampfer rasch von Malta zurückkommen würde, und ich114keinenfalls Veranlassung sein wollte den Abgang der Karawane nach Bornu zu verzögern. Wider Erwarten war das Dampfschiff noch nicht angekommen, ja ein von Malta eingetroffenes Telegramm besagte, dass das Schiff erst nach Ende des Carnevals abgehen würde.

Herr Rossi hatte daher gleich einen Saptié (berittener Soldat) nach Lebda geschickt, mit einem Briefe des Inhalts: ich brauche mit meiner Rückreise nach Tripolis nicht zu eilen, leider hatte mich dieser Saptié verfehlt. Es that mir dies um so mehr leid, als ich so die Gelegenheit aus der Hand gegeben hatte, noch mehrere interessante Ansichten von Lebda photographiren zu lassen.

Endlich kam nach dem Carneval der lang ersehnte Dampfer an, und nun konnte, da seit langem alles vorbereitet war, die Karawane abgehen.

Es war dies das erstemal, dass ein officieller Act unter preussischer Aegide seitens Deutschlands in Tripolis vorgenommen wurde. Wenn auch in früheren Zeiten fast die Hälfte aller von Tripolis abgegangenen Reisenden Deutsche gewesen waren, so waren dieselben, wie Barth, Overweg und Vogel, durch Englands Gelder ausgerüstet, und von der englischen Regierung abgeschickt, als Engländer betrachtet worden. Die von Moritz v. Beurmann und mir unternommenen Reisen hatten einen vollkommen privaten Charakter gehabt; wenn auch bei meiner Reise nach Bornu der König von Preussen sich mit115einer grossmüthigen Unterstützung betheiligt hatte, so war nie von einem Regierungsunternehmen die Rede gewesen.17Ganz anders war es jetzt: Dr. Nachtigal ging mit einem bestimmten Auftrage in's Innere, einem Auftrage, der ihm vom König von Preussen, dem Schirmherrn von Norddeutschland war übermittelt worden. Sein Abgang musste daher mit einer gewissen Feierlichkeit stattfinden. Zum erstenmale sollte die neue norddeutsche Fahne in's Herz von Afrika getragen werden, und auf dem Christenhause in Kuka, der Hauptstadt Bornu's, wehen, wo bis jetzt nur die englische und die Bremer Flagge war gesehen worden. Die schwarz-weiss-rothe Flagge sollte, so hoffen und wünschen wir, von hier noch weiter getragen werden, wo möglich bis an die Ufer des indischen oder atlantischen Oceans. Ueberdies waren wir während der Zeit unseres Aufenthaltes in Tripolis von allen Consulaten mit Aufmerksamkeiten aller Art überhäuft worden. Die einzelnen Familien wetteiferten, um uns unsern temporären Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.

Am Tage des Abganges der Karawane lud ich daher sämmtliche Consuln und die angesehensten Familien der Stadt ein, beim Abschiede gegenwärtig zu sein. Die Zelte des Dr. Nachtigal waren schon vorher am Rande116der Mschia aufgeschlagen worden. Kameele und Gepäck lagen daneben. Fast alle kamen unserer Einladung nach, auch das türkische Gouvernement hatte sich durch Hammed Bei, dem Schwiegersohn des Gouverneurs, und durch einen in Wien erzogenen Officier, Masser Bei, Oberst im Generalstab, vertreten lassen. Dort am Ende des Palmwaldes, am Anfange der Sanddünen, wurde nun den Tripolitanern ein Piknik gegeben, wobei natürlich der Stoff des Essens nach arabischer Manier hergerichtet war, d.h. in gerösteten Hammeln und enorm grossen Kuskussu-Schüsseln bestand; aber auch Wein, freilich nicht von bester Sorte, wurde geschenkt, so dass die Gesundheit auf den König Wilhelm vom holländischen Generalconsul, sodann die auf die glückliche Ueberkunft der deutschen Expedition vom englischen Generalconsul unter allgemeinem Jubel ausgebracht werden konnten. Schliesslich kamen dann auch noch die Tripolitaner Stadtmusikanten, eine Flöte, eine Harfe, eine Geige und eine Trommel heraus, so dass es den tanzlustigen Tripolitanerinnen, ein Platz war bald gefunden, an Walzern und Polka's nicht fehlte.

Man kann sich denken, mit welchen Augen Araber der Stadt und Umgegend diesem, für sie nie gesehenen Treiben, zusahen. Wahrscheinlich hielten sie uns alle für christliche Derwische, und der alte Gatroner, der nie früher Europäer gesehen hatte als nur vereinzelt, und nie weiter nach Norden in Afrika gekommen war als117Mursuk, schwur beim Haupte des Propheten, er wolle nach Rückkehr von Bornu nach Prussia selbst, „in scha Allah.“

Am andern Morgen früh trat die Karawane ihren ersten Marsch an, nachdem sie Nachts am Rande der Mschia campirt hatte, die hohen Sanddünen entzogen sie bald unsern Blicken, und wir unsererseits kehrten nach der Stadt zurück, und hatten somit die Aufgabe, die Geschenke des Königs für den Sultan von Bornu von Tripolis aus abzusenden, gelöst.

Es handelte sich jetzt darum, ein Schiff zu finden, um nach Bengasi zu kommen, denn der Weg um die grosse Syrte war durch die lang anhaltenden Regen ganz unpassirbar geworden, namentlich wäre es unmöglich gewesen ihn mit Kameelen zu durchschreiten. Die Ufer der Syrte befanden sich in dem Zustande, wie sie von Strabo und Mela so treffend beschrieben worden sind. Uebrigens glaube ich, dass wenn della Cella meint, die Landschaft südlich von der grossen Syrte habe den Namen Sert oder Sürt als Erinnerung und Ableitung von Desertum, er darin einfach übersieht, dass der Ausdruck „surtis“ von „surein“ ziehen, eben so gut auf's Land passt, wie auf den Meerbusen selbst. Land und Meer verschwimmen um die Zeit der hohen, durch den Nord- und Nordwestwind hervorgebrachten Fluthen, und wer um diese Zeit eine Reise um die grosse Syrte machen wollte, würde rettungslos in die Tiefe gezogen werden, falls er118nicht einige nur den Eingebornen bekannte Pfade, die hindurchführen sollen, inne hielte. Ueberdies ist das, was wir auf den Karten unter dem Namen die Syrtenwüste bezeichnen, keineswegs Desertum, sondern das fruchtbarste Weideland, von vielen Nomaden und ihren Heerden durchzogen. Der Weg aber bot im Verhältniss zu seiner Länge wenig interessantes, wenn man nicht von einzelnen Punkten Excursionen in's Innere machen wollte. Von della Cella, Beechey und Barth, was die Küste anbelangt, beschrieben, konnte man nur dann hoffen auf diesem Wege neues zu bringen, falls man über Mittel und Zeit zu Nachgrabungen zu verfügen hatte.

Da Dampfer nur zufällig nach Bengasi eine Fahrt machen, so konnte ich blos an Segler denken, aber selbst bei widrigem Winde, wo die Schiffe circa 14 Tage unterwegs sind, war es einer Landreise gegenüber, welche nicht unter 35 Tagen gemacht werden kann, eine bedeutende Zeitersparniss; bei günstigem Winde segelt man blos drei, manchmal nur zwei Tage. Es traf sich sehr gut, dass Ali Gergeni, der Scheich el bled von Tripolis, eine Brigg im Hafen für Bengasi fertig clarirt hatte, aber er wollte sie nur gleich absegeln lassen, wenn ich die ganze Cajüte miethen würde. Gross und comfortabel war dieselbe nun zwar nicht, aber dafür theuer. Indess ohne Wahl, blieb mir nichts anderes übrig. Ausserdem hatte ich für fünf meiner Leute zu zahlen und für119meinen Reitesel, und musste wenigstens für zwanzig Tage Proviant einnehmen.

Indess konnte ich am Sonnabend Abend, am 20. März, einige Tage nach dem Abgange der Karawane des Königs, mit allen meinen Leuten an Bord gehen, und am andern Morgen früh segelten wir mit halbem Winde aus dem Hafen. Die Brigg hatte ein entsetzliches Aeussere, auf dem Decke lungerten 40 bis 50 zerlumpte Araber, Juden, Levantiner Christen, Greise, Männer, alte Weiber, Frauen, Kinder, alles Kuddelmuddel durcheinander, mit ihren werthlosen Habseligkeiten: Töpfen, Matratzen, alten Teppichen und Kisten und Kasten. Von der Cajüte aus sich bis zum Vordertheile des Schiffes einen Weg zu bahnen, war kaum möglich, so voll war das Verdeck.

Diese Cajüte, circa 4 Fuss Cubik haltend, denn sie war auch so niedrig, dass man nur ganz gebückt sich darin halten konnte, hatte ausserdem drei Cojen, Tische und Stühle fehlten, als in einem Araberschiffe selbstverständlich, sie hätten auch schwerlich Platz gefunden, dennoch gelang es, einen Theil meiner Bagage unterzubringen. Und besser, als ich gedacht hatte, ging die Fahrt von statten, etwas Seekrankheit, etwas Sturm, etwas Windstille waren unsere Abwechslung, denn unser Reis (Capitain) war ein erfahrener Mann, und statt sich an der Küste zu halten, fuhren wir geraden Wegs nach Bengasi über, hatten mithin bald das Ufer ausser Sicht verloren. Schon am sechsten Tage erblickten wir Land,120und bald darauf tauchte das Minaret auf, dann die Stadt, welche sich von weitem recht stattlich ausnahm. Viel trugen freilich das Fort an der einen Seite, die Palmengärten, die schmucken europäischen Häuser, und im Hintergrunde die bläuliche Bergkette dazu bei.

Aber ohne einen kleinen Schreck sollten wir nicht davon kommen. Schon hatten wir einen Lootsen an Bord, und derselbe hatte das Commando übernommen, als nach einigen Windungen zwischen den Klippen das Schiff aufstiess. Das Wasser war so klar und so wenig tief, dass wir überall Grund sehen konnten, wir waren auf einen Felsen gerathen, wo nach Aussage des Lootsen noch 7 Fuss Wasser sei, und unser Reis behauptete, das Schiff ginge nur 6 Fuss tief. Das konnte nun unter gewöhnlichen Umständen der Fall sein, aber überladen, wie es war, ging es mindestens 7 Fuss tief. Grosses Geschrei und Umherstürzen waren die nächste Folge, jeder schrie und commandirte, aber niemand gehorchte. Und schon glaubte ich, es würde beim „Gott ist der Grösste, nur bei Gott ist Hülfe“, sein Bewenden haben, als zahlreiche Boote vom Ufer stiessen. Unser Reis, der noch der Vernünftigste von allen war, liess nun gleich fast alle Passagiere debarquiren, und dann rasch einen Theil der Ladung nachfolgen, so wurden wir nach kurzer Zeit flott, und ohne dass die Brigg Schaden genommen hatte, wurden wir dann in den Hafen bugsirt.

121Mittlerweile hatte ich einen meiner Leute mit den debarquirenden Passagieren an's Land geschickt, um Quartier zu suchen, und die alsbald auf den Consulaten als Gruss aufsteigenden Flaggen sagten mir, dass man meine Ankunft erfahren hatte. Nicht lange dauerte es denn auch, so kamen der englische und französische Consul an Bord, um mich abzuholen, und gleich darauf waren wir im geräumigen, englischen Consulatsgebäude untergebracht. Herr Chapman, der den abwesenden Alterthumsforscher, Herrn Denys, als Consul vertrat, nahm uns mit der liebenswürdigen Gastfreundschaft auf, welche im Auslande Engländer und Franzosen so sehr vor den andern Nationen auszeichnen.

Am folgenden Tage wurde dann gleich mit der Ausrüstung begonnen; es waren Kameele, Sättel, Stricke, Maulkörbe für die Kameele (gegen die von den Arabern sehr gefürchtete Drias-Pflanze, bis jetzt von allen Reisenden für das berühmte Silphium gehalten) und vor allen der nothwendige Proviant zu schaffen. Frühere Reisende in Cyrenaica haben sich damit beholfen, Kameele zu miethen; ich fand die Preise aber so in die Höhe getrieben, dass ich mich entschloss, welche zu kaufen, und dies habe ich später auch keineswegs zu bereuen gehabt. Freilich musste ich auch noch die Zahl der Diener um einige erhöhen, aber andererseits war ich dafür Herr meiner Karawane und meiner Bewegungen, konnte zudem annehmen, dass bei122dem reichen Krautwuchse zu der Jahreszeit, wo in Cyrenaica alles grünte und blühte, die Kameele sich so halten würden, um sie nach beendeter Reise mit nicht allzugrossem Verluste wieder an den Mann bringen zu können. Fünf gute Kameele wurden mir also durchs französische Consulat eingekauft, alle anderen Einkäufe besorgte der Canzler des englischen Consulats. Selbst wenn man der Sprache, aller Sitten und Gebräuche eines Landes mächtig ist, ist es für einen Fremden immer am gerathensten, sich dergleichen durch Ansässige besorgen zu lassen, will man nicht den grössten Prellereien ausgesetzt sein.

Es kam nun noch die grosse Frage eines Beschützers aufs Tapet: in Bengasi war man der Ansicht, ein Europäer könne sich unmöglich allein in die Cyrenaica hineinwagen, das Ansehen der türkischen Regierung sei überall gleich Null, die Gegend voller Räuber und Strolche, und ohne Begleitung eines einflussreichen Chefs sei eine Reise aufs Hochland unausführbar. Den vereinigten Vorstellungen der Europäer glaubte ich nachgeben zu müssen, und zwei Männer, einer von den Franzosen, der andere von den Engländern protegirt, kamen nun in Vorschlag. Ich entschied mich für letzteren, Mohammed Aduli, weil er die meiste Garantie zu bieten schien. Obschon Fremdling in der Gegend, war er vor Jahren von Mesurata eingewandert, und hatte dann die geschiedene Frau eines der angesehensten123Chefs von Barca geheirathet. Er war reich, hatte mehrere Häuser in Bengasi und war unter andern Besitzer des englischen Consulates. Gegen die geringe Miethe von 90 Mahbab jährlich lautete der vor Jahren abgeschlossene Contract, mit dem Beisatz, dass so lange das englische Gouvernement in Bengasi ein Consulat habe, dies Haus ihnen für 90 Mb. zur Verfügung stände; an ein Kündigen von Seiten des Aduli war gar nicht zu denken. Dergleichen Miethscontracte wurden von den Europäern vor noch 20 Jahren oft mit den eingebornen Städtern geschlossen, in Tripolis haben fast alle Europäer so gemiethet, jetzt sind die Mohammedaner gescheidter.—Sein eigentliches Zeltdorf, oder, wie man in Barca sagt, „Freg“, war dicht bei Gaigab, also auch nicht weit von der alten Cyrene selbst gelegen.

Leider erfuhr ich später, dass Mohammed Aduli derselbe war, der Hammilton nach Cyrene begleitet hatte, und alle die Beschwerden, welche dieser gegen ihn vorbringt, kann ich nur unterschreiben. Hatte er später auch mehreremale Denys begleitet und war bei Porcher und Smith thätig gewesen, so kann ich doch nur die Erfahrung Hammiltons: „Mohammed serving his own, utterly neglected my interests“ bestätigen. Der Aduli schien eine solche Reise nur zu seinem eigenen Vortheile zu machen; der zu escortirende Reisende war für ihn ein bequemes Mittel, auf die billigste Art eine Geschäftsreise zu erledigen, und andererseits vergrösserte124er dadurch noch seinen Einfluss bei Türken und Arabern. Hernach stellte sich auch heraus, dass die Gegend gar nicht so gefährlich sei, die Bewohner sind zwar diebisch, würden aber, so lange man sich innerhalb der türkischen Castelllinie hält, es kaum wagen, etwas gegen das Leben eines Europäers zu unternehmen.

Ich blieb nur einige Tage in Bengasi, und hatte mich von Seiten der Europäer der zuvorkommendsten Aufnahme zu erfreuen. Die verschiedenen Consulate, die Geistlichen des Franciscanerklosters, die Schwestern und Privatpersonen, alle boten ihre Dienste an und wetteiferten, mir den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Aber auch die türkische Behörde, obschon der Pascha selbst, wie schon bemerkt, noch nicht eingetroffen war, zeigte sich anerkennungswerth zuvorkommend. Sie bot mir Saptién und Empfehlungsbriefe an, da man indess auf dem englischen Consulate der Meinung war, dass eine türkische Begleitung der Eingebornen wegen eher schädlich als nützlich sein würde, so lehnte ich dankend das Anerbieten ab. Auch dies war, wie ich später erfuhr, eine irrige Ansicht, das türkische Gouvernement ist in seinem Rayon überall respectirt; übrigens wäre die Mitnahme von Saptién, wenn auch nicht schädlich, doch ganz überflüssig gewesen.

Seit den ersten Besuchen von europäischen Reisenden hat sich Bengasi bedeutend gehoben und gebessert.125Beechey giebt die Einwohnerzahl nur auf 2000 an, während della Cella früher schon 5000 vorgefunden haben will. Barth rechnet 10,000 Einw. und Hammilton deren 10–12,000, vertheilt auf 1200 Häuser. Gegenwärtig wird die Stadt etwa 15,000 Einw. haben, von denen 2000 Europäer sind, meist Malteser, Italiener und Griechen. Die übrigen Eingebornen theilen sich in Mohammedaner arabischen Ursprungs und etwa 2 bis 3000 Juden.

Die Stadt selbst, welche ihren Namen von einem Heiligen Namens Ben Ghasi oder Ben Rhasi hat, dessen Grabmal sich unfern der Stadt im Norden befindet, liegt hart am Meere, derart, dass sie auf eine von Norden nach Süden zu laufende Landzunge gebaut ist, die im W. vom Mittelmeere selbst, im O. von Lagunen bespült wird. Eine andere gegen die nördliche strebende von Süden her kommende Landzunge bildet mit der erst erwähnten das Thor zum Hafen, welcher 6' tief, bei hohem Wasser mit den Lagunen der flachen Salzsee communicirt. Bei Landwinden aber ist zwischen dem Hafen und den Seen eine Passage, und im Sommer trocknen diese oft ganz aus. Der Hafen ist so versandet, und überdies bei starken Stürmen so unsicher, dass im Winter die Schiffe Bengasi nur selten, und dann auf kurze Zeit, berühren. Im Sommer ist übrigens auch die Rhede ein guter Ankerplatz. In diesem Jahre sind Ingenieure von Constantinopel gekommen, um neue Hafenbauten aufzuführen,126und es lässt sich leicht voraussehen, dass die Eröffnung des Canals von Suez auch hier einen belebenden Einfluss ausüben wird. Mit einigen kräftigen Baggermaschinen und mit zweckmässig angelegten Landungsdämmen wird sich leicht und ohne grosse Kosten ein guter Hafen herstellen lassen.

Der vorletzte Gouverneur von Bengasi hat sehr viel zur Verschönerung der Stadt gethan; während früher die Stadt ganz des Schmuckes irgend eines Thurmes entbehrte, hat er für die Haupt-Moschee ein hohes, schlankes Minaret bauen lassen, das schon von weitem den Schiffern vom Meer aus die Stadt Bengasi verkündet. Der Hauptbazar in der Mitte der Stadt, elegant und zweckmässig angelegt, ist auch seine Schöpfung. Und die Hauptsache ist, dass alle Waaren vorhanden sind; in der That giebt es heute keinen Artikel, der nicht in Bengasi zu haben wäre. Die Strassen in der Stadt sind zwar nicht gepflastert, aber passirbar, zudem gerade und für den Verkehr hinlänglich breit. Die Häuser sind solide aus Steinen gebaut, und auch äusserlich die meisten mit Kalk beworfen; alle sind numerirt, sehr viele haben eine zweite Etage, namentlich fast alle die, welche in dem letzten Decennium von den Europäern oder türkischen Beamten gebaut worden sind, die innere Einrichtung ist wie überall im Süden: in der Mitte ein viereckiger freier Platz und lange schmale Zimmer mit Thüren und Fenstern, welche sich auf den Hof öffnen.127Jedes Haus hat einen Brunnen, das Wasser aber, welches man schon bei 6 Fuss Tiefe findet, ist brakisch. Die Häuser der Europäer, auch alle mit einem freien Hofraum im Innern versehen, haben geräumige hohe Zimmer, und die meisten besitzen allen Comfort, wie man ihn nur in Europa wünschen kann. Drei grössere Moscheen, zwei Synagogen und eine katholische Kirche sind für den Gottesdienst vorhanden. Die Moscheen bieten äusserlich nichts bemerkenswerthes, doch dürften im Innern viele römische und griechische Alterthümer vermauert sein, leider wurde es mir nicht erlaubt, eine zu besuchen.

Die neue katholische Kirche (für den derzeitigen Gottesdienst dient ein grosser Saal des Klosters) wird, wie das grosse Kloster, ganz von Mönchen gebaut werden, nur die gröbsten Arbeiten werden von arabischen Hilfsarbeitern geleistet. Sie wird ganz aus behauenen Quadern von Kalkstein und im romanischen Styl errichtet. Diese fleissigen Franciscaner, erst vor wenigen Jahren von dem uralten Kloster von Tripolis als Filiale nach Bengasi geschickt, sorgen ausserdem für die Erziehung der Kinder der christlichen Bevölkerung. Dicht beim Kloster ist auch das von ihnen erbaute Hospital der französischen Schwestern, welche zugleich eine Töchterschule haben, und durch Arzneivertheilung an Arme ohne Unterschied der Religion von den Arabern die christlichen Marabutia (Heiligen) genannt werden.128Auch diese sind nur eine Zweiganstalt von der grossen in Tripolis.

Ohne Mauern, hat man zum Schutze der Stadt im Anfange dieses Jahrhunderts ein Castell erbaut, das zugleich die Mündung des Hafens schützen soll. Aber obgleich äusserlich sauber gehalten, ist dieses Fort baufällig und würde europäischer Artillerie, einerlei, ob neuester oder älterer Construction, keinen Widerstand entgegensetzen können. In diesem Castell hat die Regierung ihren Sitz, ausserdem befinden sich Harem, Casernen, Gefängnisse etc. darin. Eine neue grosse Caserne, es sind in der Regel nur 500 Mann Infanterie in Bengasi, liegt dicht beim Castell und daneben das türkische Militärhospital. Als vorzüglich muss noch die Sanitätseinrichtung hervorgehoben werden, wenn auch die Direction nicht mehr von einem deutschen Arzte, wie zur Zeit Hammiltons, geleitet wird, so ist dieselbe jetzt unter der intelligenten Aufsicht eines türkischen Arztes nicht minder gut, und lässt nichts für den gesundheitlichen Zustand von Stadt und Hafen zu wünschen übrig.

Der Regierung steht ein von Tripolis abhängiger, jedoch von Constantinopel ernannter Kaimmakam vor, welcher zumeist als Gouverneur des ganzen Ejalet Barca, dessen Hauptstadt Bengasi ist, regiert. Ihm zur Seite stehen für die geistlichen Angelegenheiten ein Mufti, für die richterlichen ein Khadi, welche ihre Ernennung129von Tripolis erhalten. Ein Midjelis oder Rath aus den vornehmeren Kaufleuten der Stadt gebildet, und worin in neuester Zeit auch Juden und Rajas sitzen, hat berathende Stimme. Die Stellung der Europäer der türkischen Regierung gegenüber, ist wie in den übrigen Provinzen des osmanischen Reichs. Die Einkünfte und Ausgaben von Bengasi und Barca auch nur annähernd anzugeben, ist ganz unmöglich, sie schwanken überdies sehr, je nachdem ein anderer Gouverneur an der Spitze steht, oder je nachdem man Razzien, um den Tribut von den Nomaden einzuziehen, unternimmt. Die verschiedenen zu erhebenden Abgaben werden, wie in Tripolis, an Meistbietende verpachtet, und Christen und Juden sind davon nicht ausgeschlossen.

Die Consuln und angesehenen Franken wohnen in der Nähe des Hafens, die Mohammedaner und Juden wohnen durcheinander, ohne dass, wie man das in den meisten anderen Städten des Orients antrifft, die Juden ein eigenes Viertel, Melha genannt, bewohnen. Dass es an zahlreichen Kaffeehäusern, sowohl europäischen wie türkischen, nicht fehlt, dass eine Legion von Schenken schlechte griechische und sicilianische Weine, starke Araki und Branntweine verkaufen, braucht wohl kaum angeführt zu werden. Bei den öffentlichen Gebäuden haben wir übrigens ein Bad anzuführen vergessen, das aber keineswegs empfehlungswerth ist, und wo namentlich die verschiedenen erwärmten Stuben fehlen, welche130zu den heissen Bädern so nothwendig sind. Da das Wasser aus den beiden einzigen öffentlichen Brunnen zu den Bädern geholt wird, diese aber stark brakisch sind, und nur zum Viehtränken benutzt werden können, so wird das Unangenehme des Badens noch vermehrt. Das Trinkwasser für die Bewohner wird in Fässern und Girben (Schläuchen) von aussen weit hergeholt, und macht so den Einwohnern eine grosse jährliche Ausgabe.

Die Einwohner, Araber ihrer Abkunft nach, haben sich sehr stark mit Negerblut vermischt, sind daher sehr hässlich im Ganzen genommen. Möglicherweise sind auch Berberüberreste mit untermengt, sie verstehen und sprechen aber nur arabisch, und zwar haben sie den maghrebinischen Dialekt; auch im Schreiben hat bei ihnen das[Arabic]q nur einen Punkt, und das[Arabic]f den Punkt unten. Sie befolgen den malekitischen Ritus, obschon in der Hauptmoschee, wo hauptsächlich das türkische Beamtenpersonal vertreten ist, hanefitisch gebetet wird. Sie sind fanatischer als die Tripoliner (man unterscheidet Tripoliner, den Städter, vom Tripolitaner, dem Bewohner der ganzen Provinz), was hauptsächlich seinen Grund darin hat, dass sie so häufig mit den freien, unabhängigen Bewohnern der Hochsteppen verkehren, überdies sind sie unwissender, und noch nicht in so innigen Beziehungen mit den Europäern, als die Tripoliner. Ihre Tracht ist die der übrigen Tripolitaner, aber auch hier verdrängt nach und nach das mehr131zum Arbeiten geeignete europäische Costüm das malerische, aber die freien Bewegungen hindernde, orientalische. Ein reicher arabischer Kaufmann hält es heute für unumgänglich nothwendig, französische Glanzstiefelchen zu tragen, und ein Paletot ist nichts seltenes mehr, auch haben die meisten schon ihr weites Hemd gegen ein europäisches vertauscht. Was nun gar die arbeitende Classe anbetrifft, ich meine die Diener, Taglöhner der Stadt und die am Hafen beschäftigten Maschapsträger, so ist da die enge Hose, ein europäisches, wo möglich buntes Hemd, und, wenns erschwungen werden kann, europäisches Schuhzeug, ganz eingebürgert; nur der leidige Fez will sich noch immer nicht verlieren.

Man glaubt aber nicht, welche Revolution bei diesen Völkern ein Kleiderwechsel macht, und gewiss hat die türkische Regierung bei den Reformen Recht gehabt, ihren Beamten als ersten Schritt zur Civilisation vorzuschreiben, europäische Kleidung anzulegen. Sie hat dadurch dem Volke ein tägliches und sichtliches Zeichen gegeben, dass sie gewillt ist, mit den alten Sitten und Gebräuchen zu brechen und europäische Einrichtung und Gesetze anzunehmen. Bei diesen Völkern ist alles nur äusserlich, ihre ganze Religion ist nur äusserliches Ceremonienwesen, und man kann sich denken, wie hart es für die mohammedanischen Mucker war, mit ansehen zu müssen, dass die vornehmen Leute, die Beamten, ja der Beherrscher der Gläubigen selbst, christliche132Kleidung anlegten. Welche Anzahl von Vorschriften und Gesetzen hatten sie nicht früher, um die Juden und Christenhunde zu verhindern, sich wie sie, die Rechtgläubigen, zu kleiden? Ja in einigen mohammedanischen Staaten, Marokko z.B., existiren dergleichen Gesetze noch heute. Die Franzosen aber, diese Araberbewunderer en gros, haben sicher grosses Unrecht, dass sie ihren arabischen Beamten in Algerien nicht von vornherein befahlen, französische Uniform anzulegen. Sie hätten dadurch die Schafe von den Wölfen am besten unterscheiden lernen können. Ein Beduinenchef in der Provinz Oran, diesem ewigen Krater der Revolution und des Krieges, der mit Vergnügen monatlich als Agha oder Kaid aus den Händen der französischen Regierung seinen Gehalt entgegennimmt, bis er glaubt genug zu haben, um zu revolutioniren, ein solcher Beduine würde sich eher erschiessen, als französische Uniform anziehen, aber dann fort mit ihm! Und nur solche angestellt, die, wenn sie besoldet sind, sich auch nicht schämen, die Jacke ihrer Herren zu tragen. Mit diesem einfachen Mittel würden die Franzosen alle ihre Araberchefs zwingen, Farbe zu bekennen. Aber nein, die französische Regierung thut gerade das Gegentheil, um dieser Bevölkerung, welche eben ihrer Religion wegen sich nie civilisiren kann, zu schmeicheln, steckt sie ihre eigenen Soldaten unter dem pomphaften Namen Zouave in türkische Pumphosen.

133Die Frauen haben mehr ihre nationale Tracht bewahrt. Ob sie auch so hässlich sind, wie die Männer, konnte ich wegen meines kurzen Aufenthalts nicht erfahren; die jungen Mädchen, welche bis 8 oder 9 Jahren unverschleiert auf der Strasse sich zeigten, sahen nicht viel versprechend aus.

Ganz anders verhält es sich mit den Juden, Männer und Frauen sind durchgängig schön zu nennen. Ob dies noch die Abkömmlinge der hier im Alterthum so zahlreich vertretenen Juden sind, ist schwer zu entscheiden, aber nicht unwahrscheinlich. Sie selbst haben keine Erinnerung oder Ueberlieferung; es ist übrigens sehr gut möglich, dass sich in ihren alten Chroniken Andeutungen davon finden, aber die eingeborenen Juden sind auch viel zu fanatisch, um einem Fremden einen Blick in ihre synagogischen Bücher zu gestatten. Wir wissen, dass unter der römischen Herrschaft die Juden allein das Recht hatten, Geld ausser Land zu schicken, ihren Tribut nach Jerusalem. Heute wiederholt sich noch ähnliches, zwar schicken die Juden das Geld nicht mehr nach Jerusalem, aber dieses sendet von Zeit zu Zeit Rabbiner durch die Welt, welche sammeln müssen. Auf unserer Fahrt von Tripolis leistete uns ein solcher Jerusalemer Rabbiner Gesellschaft; er hatte in Tripolitanien gesammelt und wollte dann sein Geschäft in Bengasi und Derna fortsetzen, er war noch dazu mein Landsmann, denn obschon in der Stadt134Davids geboren, war er Unterthan des norddeutschen Bundes.

An Gärten besitzt Bengasi nur einen Palmhain, der sich nordwärts von der Stadt hinzieht. Obst und Gemüse gedeihen sehr schlecht, und um sie nur einigermaassen wachsen zu machen, sind die Gärten alle auf Matten gebettet. Das heisst, man hat das jetzige Terrain weggegraben, Matten gelegt und dann Dünger und guten Boden aufgetragen. Die Matten sollen offenbar einestheils das Aufsteigen des Salzwassers, anderntheils das Durchsickern der fruchtbaren Düngerjauche verhindern, und müssen daher immer erneuert werden. Ob sie aber diesen Zweck damit erreichen, habe ich nicht gut absehen können. Die Palme gedeiht an und für sich gut in salzhaltigem Terrain, ebenso die Olive, wie einige prächtige Bäume im englischen Consulate beweisen. Obst dagegen, namentlich Orangen, die gar nicht fortkommen wollen, und Gemüse können fast gar nicht gezogen werden. Alles Obst und Gemüse kommt daher von Derna, Candia, Malta und Tripolis. Sehr gut gedeiht aber noch Klee und Luzerne; die fruchtbare Ebene, die sich etwas weiter weg um die Stadt zieht, versorgt mehr als reichlich die Stadt mit Vieh und Korn.

Was den Handel anbetrifft, so hebt sich derselbe zusehends. In den letzten Jahren war der Hafen durchschnittlich von 300 Schiffen besucht. Natürlich beschränkt135sich die Schifffahrt fast nur auf das mittelländische Meer, und grössere Schiffe als Zweimaster kommen nie nach Bengasi. Es lässt sich nicht leugnen, dass der wieder angeknüpfte Verkehr mittelst Karawanen nach Uadai dazu beigetragen hat, den Austausch mit dem Innern von Afrika zu beleben. Die grosse Menge von Sklaven, welche von dort kommen, abgesehen von dem Elfenbein und den Straussenfedern, werden hauptsächlich hier gegen europäische Producte verwerthet. Es ist überhaupt erstaunlich, wie in den letzten Jahren der Sklavenhandel schwunghaft betrieben worden ist, und hauptsächlich trug der Umstand dazu bei, dass den englischen Consulaten, die früher die einzigen von allen in dieser Angelegenheit den Türken und Arabern den Fuss auf den Nacken hielten, die Weisung von Constantinopel aus zugegangen war, so viel wie möglich sich der Einmischung zu enthalten. In diesem Jahre nun hat die Botschaft Englands in Stambul neuen Befehl gegeben, streng über die Verträge gegen den Sklavenhandel zu wachen. Die Consulate der anderen Mächte bekümmern sich gar nicht um dergleichen.

Ueber die Aus- und Einfuhr liegen keine statistischen Nachweise vor, beide steigen jedoch von Jahr zu Jahr, so dass man die Exportation jetzt auf etwa 1,500,000 Fr., die Importation auf 1,000,000 Fr. veranschlagen kann. Ausgeführt wird besonders Korn, Schafe, Rindvieh, Federvieh, Butter, Wolle, Eier, Honig,136Häute, Elfenbein und Straussenfedern. Nach Aegypten werden auch alljährlich viele Kameele exportirt, deren Zucht in den grossen Ebenen südlich von Bengasi ganz vortrefflich gedeiht. Der Import umfasst alle europäischen Fabrikate, Tuche, Baumwollstoffe, schlechte Seiden und Sammetstoffe, Nürnberger Waaren, Lichter, Seifen und Oele, südliche Weine und Alcohol, Früchte und Gemüse. Theils bleibt dies für den Consum in der Stadt, theils wird die Waare von hier weiter nach dem Innern expedirt.

Wenig nur ist heute von diesem alten Sitze der Hellenen übrig, an dem Meere sich hinziehende Quaderbauten, in den Häusern verbaute Steine, Capitäler von Säulen, Schafte ohne Capitäler, Sarkophage, einige verstümmelte, schlecht erhaltene Statuen (zu Barths Zeit wurden drei ausgegraben), das ist es, was im heutigen Bengasi vom alten Euesperides oder Berenice noch zu finden ist. Aber selbst Reste einer Necropolis sind nur spärlich vorhanden, hie und da kleine Hypogeen, welche ursprünglich Steinbrüche gewesen zu sein scheinen, und dann erst später zu Todtenkammern weiter ausgearbeitet wurden, ist alles was in der nächsten Umgebung von Bengasi137an Bauüberresten vorliegt. Höchst wahrscheinlich bestatteten hier die Bewohner ihre Todten in freien Sarkophagen, da das Terrain für in Felsen gearbeitete Gruben, wie man sie bei Cyrene, bei Ptolemais und Temheira findet, sich nicht als passend erwies. Auch begruben vielleicht die Juden, und diese machten seit Beginn dieses Jahrtausends die Hauptbevölkerung von Berenice aus, ihre Todten wohl nicht wie die übrigen Bewohner Cyrenaicas, und was daher weniges an Sarkophagen und anderen Grabmonumenten oberhalb des Bodens vorhanden gewesen sein dürfte, wurde längst als Baumaterial verschleppt.

Als die alten Griechen den Apolloquell von Cyrene entdeckt hatten, breiteten sie sich rasch über das ganze Land aus, und höchst wahrscheinlich wurde Euesperides, eine der fünf Städte, welche die Pentapolis bildeten, schon sehr frühzeitig gegründet. Wann dies nun geschehen, ist nicht genau zu ermitteln. Frühzeitig mit den umwohnenden Libyern im Kriege, theilt uns Thucydides mit, dass sie 413 v. Chr. von einer libyschen Belagerung durch eine Flotte von Peloponesiern, welche, nach Sicilien bestimmt, ans libysche Ufer waren verschlagen worden, befreit wurde. Dergleichen geschichtliche Anhaltspunkte liegen mehrere vor.

Ob nun die Stadt den Namen von den hochberühmten Gärten bekommen habe, indem die ganze Gegend wegen ihrer Fruchtbarkeit den Namen „die Gärten der138Hesperiden“ vorher hatte, und dann erst später die gegründete Stadt Euesperidae, Euesperitae (εὐεσπερίδαιundεὐεσπερίται) genannt wurde, ist auch nicht festzustellen. Das Eu wurde später weggelassen, schon Scylax hat es nicht mehr, noch später wird die Singularform Esperis gefunden, und die Römer setzten ein H vor. Zur Zeit des Ptolemäus Euergetes, welcher die Tochter des Magas, Namens Berenice, geheirathet hatte, verwandelte man zu Ehren dieser Frau den Namen der Stadt in Berenice; es scheint aber, dass noch lange die Bewohner den alten Namen beibehielten. Pomponius Mela, in der Mitte des ersten Jahrhunderts, kennt nur den Namen Hesperis, ebenso Plinius, der ungefähr um dieselbe Zeit schrieb; aber hundert Jahre später hält der Alexandrinische Geograph es schon für nothwendig, wenn er von Berenice spricht, hinzuzufügen, dass dies derselbe Ort sei, der früher Hesperides geheissen habe.

Im Mittelalter will Edrisi den Namen Berenice noch vorgefunden haben, ebenso Leo Afrikanus. Im Anfang des 17. Jahrhunderts finden wir bei Olivier den corrumpirten Namen Berrich, und Marmol nennt, um dieselbe Zeit Berbick. Heutzutage ist der alte Name gänzlich aus dem Gedächtnisse der Bewohner entschwunden, Bengasi verdankt, wie schon angeführt, einem mohammedanischen Heiligen seinen Namen.

Dass aber das alte Hesperis auf dem Platze des heutigen Bengasi steht, leuchtet auf den ersten Blick139hervor. Von der ganzen Gegend hat sich nichts verändert, nur dass die Seen im Osten der Stadt mehr versandet sind. Wir wissen, dass Berenice auf der in das Vorgebirge Pseudoponias auslaufenden Landzunge lag, östlich davon der Tritonis-See mit einer kleinen Insel, welche nach Strabo oft mit dem Lande zusammenhängt, und den der Aphrodite geheiligten Tempel barg. Diese ganze Beschreibung, wie Strabo sie uns giebt, passt heute noch so genau, wie man aus der vorhingegebenen Topographie von Bengasi ersehen kann, dass es um so mehr zu verwundern ist, wenn Bourville im See Haua-Bu-Chosch im S.O. vom heutigen Bengasi den Triton-See, und in einer Oertlichkeit Siana die Gärten der Hesperiden erkennen will. Wenn nun aber auch, mit Ausnahme von Bourville, ältere und neuere Gelehrte im heutigen Bengasi das alte Berenice, im östlichen Salzsee den Tritonis, und in dem kleinen, jetzt von einem Marabut und einigen Araberhäusern gekrönten Hügel, die ehemalige Venus-Insel wieder erkennen, so sind grössere Meinungsverschiedenheiten wegen der hesperidischen Gärten und des Lethe-Flusses vorhanden.

Wir können wohl die Ansicht Thriges und Malte-Bruns u.a. übergehen, nach denen der Name der Gärten der Hesperiden eine blosse symbolische Idee gewesen wäre, eben so verwerflich ist die Gosselinsche Meinung, die Oasen der Wüste als die hesperidischen Gärten anzusehen. So viel steht fest, dass die Alten mit dem140Namen der Gärten der Hesperiden bestimmt beschriebene Oertlichkeiten verbanden; so finden wir, abgesehen von den uns zunächst angehenden, eine hesperische Insel an der Mündung des heutigen Ued Elkus von Marokko, und noch später sehen wir, wie die Hesperiden-Gärten auf Inseln im atlantischen Ocean verlegt werden. Was unsere Hesperiden-Gärten in Cyrenaica anbetrifft, so erfahren wir zunächst aus einer Beschreibung des Scylax, dass dieselbe auf die Umgegend von Bengasi, mithin Berenice, gar nicht passt. Ausserdem giebt er mit präcisen Worten dieselben als beim Vorgebirge Phycus, mehr beim heutigen Marsa-Sussa gelegen, an. Die Küste wird als unnahbar, wie sie es dort in der That ist, beschrieben, die Ausdehnung des Garten genau angegeben, und die Obstsorten und Bäume, welche dort wachsen sollen, aufgezählt. Nach Pacho entspricht die Gegend beim Cap Razat (so ist auf den Karten der Neuzeit Phycus genannt, obschon die Eingebornen jenen Namen nicht kennen, sondern die Spitze Ras-el-Fig, was offenbar von Phycus hergeleitet ist, nennen), vollkommen dieser Beschreibung, er kehrt daher auch ohne weiteres der Gegend bei Bengasi den Rücken, und verlegt, sich auf Scylax stützend, die Gärten dorthin.

In der That ist es heute schwer, irgend eine Stelle in unmittelbarer Nähe von Bengasi zu finden, die wir mit dem Namen der Hesperiden-Gärten bezeichnen könnten. Es sind allerdings eigenthümliche Einsenkungen in141dem felsigen Boden in der Nahe der Stadt, einige sind mit Wasser gefüllt, andere enthalten Gärten, und die, wenn sie auch nicht alle die Bäume hervorbringen, welche wir bei Scylax aufgezählt finden: Erdbeer, Maulbeer, Myrten, Lorbeer, Epheu, Oliven-, Mandel- und Nuss-Baum, doch eine auffallende üppige Vegetation zeigen. Beechey will nun, trotz der genauen Orteangabe bei Scylax, diese Einsenkungen der Beschreibung desselben von den Gärten passend finden, und stützt sich dabei besonders auf die von Scylax angegebene Entfernung von den Hesperiden-Gärten nach Ptolemais. Diese Entfernung von sechshundert und zwanzig Stadien zwischen den beiden Oertlichkeiten, passt aber auch auf die zwischen Ptolemais und Phycus.

Wir dürfen daher weder mit Pacho auf Scylax gestützt, die Gärten nach Phycus legen, noch ist es nöthig mit Beechey, ebenfalls sich auf Scylax stützend, dieselben in den Felsvertiefungen der Gegend von Bengasi erblicken zu wollen. Wir können eben nur annehmen, da jetzt ein bestimmter Ort bei Bengasi, der wegen besonderer Schönheit und Ueppigkeit der Pflanzen den Namen der hesperidischen Gärten verdiene, nicht vorhanden ist, dass die ganze Gegend im Laufe der Jahrhunderte in pflanzlicher Beziehung eine Umwandlung erlitten hat. Dies sehen wir nicht nur hier, sondern überall in Nordafrika lässt sich durch das massenhafte Entholzen, durch Waldbrände, eine Verwüstung ganzer Gegenden142nachweisen. Dass aber die Hesperiden-Gärten in nächster Umgebung von Berenice gewesen sein müssen, dafür ist namentlich der Ausspruch Plinius entscheidend18: „Nicht weit von der Stadt (Berenice) ist der Fluss Lethon und der heilige Hain, wo die Garten der Hesperiden liegen sollen.“ Ferner sagt Ptolemäus: die Barciten hätten östlich von den Gärten der Hesperiden gewohnt. Kurz alle andern alten Schriftsteller, welche die Sache behandeln, verlegen die Gärten in die Nähe der Stadt. Barth, kurz darüber hinweggehend, sagt nur, dass bei Bengasi nach dem gemeinsamen Zeugnisse der Alten sich die Hesperiden-Gärten befunden, aber er glaubt auch, dass die Ansicht Beecheys, der aus der Beschreibung von Scylax, jene Felseinsenkungen bei Bengasi, als die Hesperiden-Gärten ansehen will, eine irrige sei.

Beechey (den Mitgliedern seiner Expedition) gebührt aber unstreitig das Verdienst, zuerst die Spuren des Lethe wieder gefunden zu haben. Wie die Gärten der Hesperiden für verschiedene Oertlichkeiten reclamirt wurden, so beanspruchten auch noch andere Gegenden den Ruhm, diesen Strom der Vergessenheit bei sich zu haben, man fand ihn in Thessalien, und auch die Lydier nahmen ihn für ihre Heimath in Anspruch. Die gewichtigsten Autoren der Alten verlegten ihn nach Cyrenaica. Und noch heute können wir im Laufe eines Uadi (zuerst143von Beechey wieder entdeckt) im Osten der Stadt den Fluss so erkennen, wie ihn die Alten beschrieben haben. Dies Uadi, aus einer weiten Höhlung hervortretend, in der am Anfange das Wasser nur flach ist, im Innern jedoch breit und tief sein soll, zieht sich von Osten nach Westen hin, wird aber auf 1 K.-M. Entfernung vom Salzsee, dem alten Tritonis, durch eine Felsbarrière abgeschlossen. In derselben Richtung weiter gehend nach dem See zu, stösst man dann gleich auf eine Quelle von Süsswasser, welche einen kleinen immer fliessenden Faden von Wasser in den See giebt. Nach der Regenzeit soll, wie die Eingebornen sagen, das Wasser weiter aufwärts der Quelle aus dem Boden kommen, was allerdings darauf schliessen lässt, dass die Quelle mit dem aus der Höhlung kommenden Wasser, trotz der Barrière, unterirdisch communicirt, und darauf hin bei den Alten die Vermuthung oder den Glauben nahe legten, von dem Verschwinden und Wiedererscheinen des Lethon.

Wir finden also auch hier den Lethe noch so, wie ihn die alten Geographen beschrieben haben, nur vielleicht, weil die ganze Gegend trockener geworden zu sein scheint, nicht so bedeutend. Strabo lässt den Lethon in den Hafen der Hesperiden fliessen, Plinius verlegt ihn in die Nachbarschaft von Berenice, Scylax erwähnt eines Flusses unter dem Namen Eoceus19bei Berenice, Lucan verlegt ihn in die Nähe der Hesperiden-Gärten144und des See's Tritonis, obgleich er diesen einen Platz an der kleinen Syrte anweist, Ptolemäus endlich giebt den Lethefluss als zwischen Berenice und Arsinoe fliessend an.

In der Topographie von Bengasi haben wir also weit mehr Anhaltspunkte für die alte Stätte von Berenice und den damit verbundenen Oertlichkeiten, als in noch etwa vorhandenen baulichen Ueberresten. Es ist dies in der That auf den ersten Blick überraschend genug, dass von einer so blühenden Stadt wie Berenice, so wenig Steine und Denkmäler übrig geblieben sind. Es erklärt sich dies aber wiederum aus der grossen Anzahl von Juden, welche unter Ptolemäus Soter nach Berenice geführt, wohl keine so festen und dauerhaften Bauten aufführten wie die Griechen. Und obgleich den Juden unter römischer Herrschaft manchmal ihre Privilegien entrissen wurden, entwickelten sie sich derart, dass sie in dieser Stadt den eigentlichen Kern der Bevölkerung bildeten, Cäsar, später Antonius, protegirten sie sehr, erlaubten ihnen vollkommene Freiheit für ihren Cultus, und ihre Genossenschaft wurde von einem eigenen Archonten regiert. Bald wurden sie so stark, dass sie unter Trajan und Hadrian in ihrem Fanatismus die Griechen niedermetzelten, so dass man gezwungen war, neue Colonien nach Cyrenaica abzusenden, um das Land wieder zu bevölkern. Bei der grossen Zerstörung, die dann später über ganz Cyrenaica einbrach, gingen auch145die Juden von Berenice mit zu Grunde. Ob die Bewohner der heutigen blühenden Judencolonie directe Abkömmlinge der hier im Alterthume so zahlreich vertretenen Juden sind, ist schwer zu entscheiden, abernicht wahrscheinlich.

Alles war geordnet und marschfertig am 4. März, nur Mohammed Aduli, der als Führer und Sicherheitsmann uns begleiten sollte, machte Einwendungen so rasch aufzubrechen, zuerst schlechtes Wetter vorschützend, dann, indem er noch allerlei an der Ausrüstung auszusetzen hatte, namentlich aber darauf bestand, es müssten Maulkörbe für die Kameele gekauft werden, wegen der Drias-Pflanze. Als aber auch diese rasch herbeigeschafft waren, überdies alle meinten, dass wir in dieser Jahreszeit von der Drias für unsere Kameele nichts würden zu fürchten haben, konnte er keine Gründe zum Verzögern mehr vorbringen, und es stellte sich nun heraus, dass er hauptsächlich deshalb noch gerne einige Tage in Bengasi geblieben wäre, weil er selbst seine Einkäufe noch nicht beendigt hatte.

Um 1 Uhr Nachmittags war alles gepackt, und meine Leute trieben die Kameele vor sich her, zu denen146noch mehrere schwerbeladene des Aduli gestossen waren, welche auf diese Weise auch frei von Abgaben die Stadt verlassen konnten. Ich selbst ritt mit dem englischen und französischen Consul, welche mich bis Tokra begleiten wollten, hinterdrein, und uns die ersten 3 Stunden nordöstl. haltend, zwischen den Seen und Palmgärten, waren wir bald in der grossen Ebene, welche zwischen Hochland und dem Meere liegt, und die hier äusserst fruchtbar und breit ist. Sobald wir die Seen vorbei hatten, hielten wir 80° Richtung, und stiessen nun häufig auf jene Felseinsenkungen, welche von einigen auch als hesperidische Gärten beschrieben und gehalten worden sind. Es war in der That ein eigenthümlicher Anblick, in einer vollkommenen freilich gut bewachsenen Ebene mit einem Male vor einem solchen mit steilen Rändern eingefassten Kessel zu stehen, dessen Grund die üppigsten Bäume und Küchengewächse enthielt, und die meist so tief waren, dass die Kronen der Bäume nicht über dem Rande hervorstanden. Dann ging unsere Richtung wieder N.-O., die Gegend wurde, je weiter wir zogen, desto üppiger, und gegen Abend waren wir schon so in Buschwerk, meist Lentisken, Myrthen und eine weissdornähnliche Staude, dass man jede Fernsicht verlor. Um 7 Uhr Abends hielten wir vor einem Fereg der Braghta, welches Schützlinge und Freunde vom französischen Konsulate zu sein schienen, denn wir wurden ganz ausgezeichnet aufgenommen.

147Der Regen war immer in Strömen vom Himmel gekommen, und es kam uns daher recht gut zu Statten, dass man uns in ein grosses durchwärmtes Zelt führte, wo man weiche Teppiche ausgebreitet hatte, und auch unsere Diener alle, wir mochten in allem dreissig Personen sein, ein gutes Unterkommen fanden. Dass Schaffleisch, Basina, Kuskussu und grosse Milchschüsseln nicht fehlten, braucht wohl kaum gesagt zu werden; aber ebenso waren die Teppiche und das Zelt voll jener hüpfenden und kriechenden Thierchen, so dass an Schlaf nicht viel zu denken war. Der Fereg, wo wir lagerten, hiess Thuil, nach einem Castell, Kasr Thuil, in der Nähe so genannt. Beechey und Barth erkennen in diesem Kasr Thuil das von Edrisi beschriebene Fort Kafes wieder.

Am anderen Morgen hatten wir gleich schlechtes Wetter, und die Gegend behielt so ziemlich denselben Charakter, nur dass die Vegetation üppiger, der Boden, je weiter wir nach Nordosten vordrangen, fetter wurde. Die Berge näherten sich uns so, dass die Ebene zwischen ihnen und der See immer schmäler wurde. Wir behielten die See fast immer in Sicht. Der Boden selbst besteht überall aus rothem Thon, weshalb die Araber auch Barca el hamra sagen. Viel Felsblöcke und Steingeröll liegt manchmal auf diesem fruchtbaren Boden, obgleich die Pflanzen üppig dazwischen emporschiessen. Das Gebirge, dessen steile Abhänge gut bewachsen sind, hat148überall eine gleichförmige Höhe, und besteht nicht aus Bergen, sondern bildet ein Ufer. Die Araber nennen den ganzen Zug Erköb, d.h. der Aufgang. Die Ruinen von Thürmen, Castellen und einzelnen Wohnungen wurden immer häufiger. So passirten wir gleich nach der ersten Stunde eine Ruine Gasr Haddib, die etwas östlich vom Wege liegen blieb, und nach zwei anderen Stunden passirten wir ein weitläufiges Ruinenfeld, von den Eingeborenen Um es Schip genannt. Die Ausdehnung der Bauten, die vielen Häuserruinen lassen schon gleich den Gedanken aufkommen, dass hier eine Stadt gewesen sein müsse, und mit den Distanzen übereinstimmend (die Peutingersche Tafel hat bis Adrianopel von Berenice 28, und von Adrianopel bis Tauchira 25 M.), müssen wir hier die vom Kaiser Hadrian erbaute und nach ihm benannte Stadt Adrianopolis legen. In Folge der Judenkriege gegründet, um die heruntergekommene Cyrenaica wieder zu bevölkern, scheint der Ort zu Edrisi's Zeit Soluk geheissen zu haben, welchen Namen Barth in Tanseruch oder Tansluluk wiedererkennen will. Ich konnte diese Namen nicht erfragen, und Beechey, welcher auch hieher Adrianopolis legt, führt nur an, dass die in der Nähe befindlichen Seen Zeiana oder Aziana heissen, und will damit den Namen der Stadt in Verbindung bringen. Hammilton nennt ebenfalls den See Ez zajana, und schliesst auf Adrianopolis. Auch Pacho verlegt die Stadt Adrianopolis hieher. Ausgezeichnete149Gebäude sind keine mehr vorhanden, wenn man nicht eines Castells, aus schönen Quadern erbaut, erwähnen will, und das jedenfalls zum Schutze der Stadt mitangelegt worden war.

Nach zwei anderen Stunden erreichten wir die Landschaft Bir Shus, wo unter alten Ruinen bedeutende Araberansiedelungen und Gärten, die ersten Nicht-Nomaden seit Bengasi sich befinden. Etwas südwestlich von hier sind Ruinen, die Beechey Mabli oder Nabli nennen hörte und glaubt dieselben auf Neapolis zurückführen zu müssen, Barth hörte sie Mebrig nennen.

Eine halbe Stunde später waren wir am ersten jetzt freilich trockenen Flussbett, uadi Bu Djarar, welches von der östlichen Bergwand herunterkömmt, und hatten nunmehr die zahlreichen Fereg der uled Auergehr erreicht. Erst als es schon ganz dunkel war, um 7½ Uhr Abends, waren wir zwischen den Ruinen von Teucheira. Aber welche Noth, um ein Unterkommen zu finden, rechts und links Gräber, Steinbrüche, überall Ruinen, dazu stockfinstere Nacht, mussten wir froh sein, an einer steilen Wand etwas Schutz zu finden, wo wir unsere Zelte aufschlagen konnten. Und bei immer vom Himmel giessenden Regen ging das natürlich nur sehr mangelhaft, und mehrere Male mussten wir alle Nachts wieder auf, um die umgesunkenen Zelte frisch aufzuschlagen. Da mein Zelt nur für eine Person eingerichtet war, so liess ich darin den Photograph und meinen150deutschen Diener campiren und Mr. Chapman, Mr. Robert und ich legten uns in das etwas grössere der Diener. Aber welch angenehme Nacht verbrachten sie, welche auf eine Vergnügungstour bis Tokra gehofft hatten. Zum Glück hatten wir kalte Küche, Wein und Schnaps, mit denen die freundlichen Mönche in Bengasi mich beim Abschiede beschenkt hatten; Feuer anmachen war aber ganz unmöglich. Aber mit der Nacht hatte das Wetter ausgetobt; als am anderen Morgen uns die Sonne Licht brachte, fanden wir, dass wir in einem grossen Steinbruche seien, dessen steile Wände überall Gräber und Höhlen enthielten; zu demselben führte nur Ein Eingang, die Stadt selbst aber hatten wir im Dunkeln schon passirt.

Tokra, wie die heutigen Bewohner es nennen, was offenbar von Tauchira herkommt, ist heute fast ganz unbewohnt. Der Name Taucheira wurde von den Schriftstellern, die später als Ptolemaeus und Scylax darüber berichteten in Teucheira umgewandelt. Unter Ptolemaeus Philadelphus erhielt die Stadt den Namen Arsinoë, und unter Marcus Antonius endlich wurde sie Cleopatris genannt. Gegründet zur Zeit des Königs Arkesilaos von Cyrene, und im Anfange abhängig von dieser Stadt, wurde Teucheira bald darauf Barke unterthan. Wir wissen jedoch wenig von der Geschichte dieser Stadt; Herodot sagt, sie habe gleiche Gesetze mit der Stadt Cyrene gehabt; man rechnete sie zu den fünf Hauptstädten151des Landes Pentapolitanien, und von den Römern wurde sie zur Colonie erhoben. Procop theilt uns mit, dass sie von Justinian ebenfalls aufs Neue mit Mauern umgeben wurde, und Edrisi beschreibt sie uns als eine mit Berbern bevölkerte Stadt. Jetzt ist die Stadt gänzlich verödet, Araber, vom Stamme der Braghta haben jedoch ihre Ackergründe in der Stadt und Umgegend, und halten sich bis zur Ernte hier auf, später ziehen sie dann mit ihren Heerden auf die Hochebene. Auch eine Sauya der Snussi befindet sich hier, in allerneuester Zeit angelegt.

Was an Bauwerken von der Stadt noch über ist, ist unbedeutend. Am besten erhalten ist die Mauer, aus grossen Quadern an der Basis errichtet; oben aber aus den verschiedensten Steinen erbaut. Und diese spätere Wiederaufrichtung rührt offenbar von Justinian her, da man alles Mögliche dazu benutzte, was an Baumaterial zur Hand war, und so auch viele, mit jedoch unbedeutenden Inschriften versehene Steine eingemauert hat. Fast wie ein Viereck auf das Meeresufer erbaut, sind die Mauern der drei Seiten fast gleich lang, aber keineswegs gerade, sondern winklich und mit 26 viereckigen Thürmen versehen. Oft 15–18' hoch und 6' breit, ist die Mauer oft nur 3' hoch, ja an manchen Stellen bezeichnet nur hoher Schutt und umherliegende Steine die frühere Richtung. Beechey, der die Mauerlänge20152genau gemessen, giebt dieselbe zu 8600' an. Zwei Hauptthore, an der westlichen und östlichen Seite, von Thürmen flankirt, und durch eine schnurgerade Strasse verbunden, führen in die Stadt. Nach der Seeseite hin scheint keine Mauer gewesen zu sein, auch ist nichts von einem Hafen zu bemerken, wenn nicht vielleicht ein grosser Steinbruch in der nordwestlichen Ecke der Stadt, der bis aufs Niveau des Meeres ausgegraben war, Schiffen einen Schutz gegen Stürme bot. Dass dieser Steinbruch heute versandet, also höher als das Meer ist, muss uns nicht wundern, trotzdem auch hier das Gesetz der Senkung der Küste sich beobachtet. Der Hafen von Leptis magna ist heute auch ganz versandet, communicirte aber sonst gewiss mit dem Meere, und bei Leptis sinkt das Ufer auch.

Im Innern der Stadt lassen sich die meisten geraden, jedoch nicht breiten Strassen deutlich erkennen, an Gebäuden treten nur zwei noch in die Augen, von denen das eine, ziemlich in der Mitte gelegen, zahlreiche Quadern hat, welche mit einem Lorbeerkranze umgebene Inschriften haben. Alles ist indess so durcheinander geworfen und verschüttet, dass ich kaum zu sagen wage, wozu dies Gebäude bestimmt gewesen sei. Ein anderes, ebenfalls viereckiges Gebäude, weiter nach Westen zu gelegen, scheint eine Kirche gewesen zu sein; viele Friese, mit Weinreben und Trauben geschmückt, liessen Pacho153es für einen dem Bachus geheiligten Tempel halten. Spuren von Theater, Bädern, Stadien lassen sich nicht erkennen, es ist aber mehr als wahrscheinlich, dass eine Stadt wie Teucheira nichts der Art entbehrte, sondern, dass Alles nur unter dem oft sehr hohen Schutte verborgen ist.

Die Necropolis ist bedeutend, und lässt sich daraus schon schliessen, wie bevölkert einst Teucheira gewesen sein muss. Indess finden wir hier nichts Besonderes; man hat vielmehr die Steinbrüche zu Todtenkammern benutzt, derart, dass wenn ein solcher Steinbruch ausgebeutet erachtet wurde, man in die steilen Wände Todtenkammern anlegte. Das aus den Todtenkammern herausgeholte Material wurde natürlich auch noch zum Bauen benutzt. Alle Wände sind mit Inschriften wie bedeckt, welche aber gar kein geschichtliches Interesse haben, sondern nur Grablegenden sind, und alle in griechischer, aus ptolemäischer Zeit stammender Sprache abgefasst sind. Im Osten der Stadt sind zwischen den Steinbrüchen auch andere Gräber, und in diesem Gebiete hat der Engländer Denys lohnende Nachgrabungen gemacht. Die anderen Gräber, welche theils eingerichtet sind, um Leichname aufzunehmen, theils Aschenurnen enthielten, sind natürlich alle leer.

Der Regen hörte nicht auf wolkenbruchartig zu fallen; trotzdem gingen am folgenden Mittag der französische und englische Consul mit ihren Leuten zurück und wir blieben allein. Die Braghta waren übrigens154recht gefällig und gutmüthig, sie brachten uns, natürlich zum Verkauf, Schafe, Ziegen, Butter und Milch in so grosser Menge, dass letztere selbst von unseren einheimischen Dienern nicht bewältigt werden konnte. Die Braghta bewohnen, wenn sie unten sind, die Gräber, sind aber so voll Ungeziefer, dass es unmöglich ist, in ein Grab einzudringen. Der unglückliche Berliner Photograph, der diesen Umstand nicht kannte, und in eins der Gräber gegangen war, kam schwarz bedeckt und schreiend herausgestürzt, und lief wie wüthend zwischen hohe Gras- und Buschfelder, um die kleinen schwarzen Peiniger abzustreifen, obschon er damit nur den kleinsten Theil los wurde.—Immer hoffend, dass das Wetter besser werden würde, um einige Photographien zu machen, blieben wir, es gelang auch, in einigen trocknen Momenten einige Ansichten aufzunehmen, später erwiesen sie sich aber als nicht gelungen.

Aduli's Stute hatte Nachts geworfen, und ich hatte mich schon darauf gefasst gemacht, eine neue Scene mit ihm zu haben, da ich dachte, dies würde ein guter Vorwand für ihn sein, um noch einen Tag länger zu bleiben, als ich sah, dass er ganz gelassen das junge Füllen aufs Kameel band; und als 9½ Uhr das Wetter etwas lichter wurde, verliessen wir unseren Steinbruch. Die Berge, schön bewaldet und immer mannichfaltiger in ihren Formen, blieben ungefähr in gleicher Entfernung, d.h. circa 1 Stunde vom Meere, allmählich sich so demselben155nähernd, dass sie dicht hinter Tolmetta direct ans Wasser stossen. Die Gegend ist entzückend, reich an Vegetation, und voll von niedrigen Wildthieren, auch der Mensch fehlt nicht, wie die oft aus dem dicken Buschwerk auftauchenden Fereg der Araber beweisen.

Immer Nordost haltend, liessen wir nach der ersten Stunde den kleinen Ndjila-See mit Süsswasser rechts liegen, hier hausen die uled Duerdja, und bald darauf passirten wir einen ihrer grossen Fereg, Um el Hadjel oder Rebhuhnheim genannt. Um 12 Uhr erreichten wir den antiken Brunnen Erdana, und waren bald darauf im Landstrich, Schübka genannt, von dem Vorhergehenden in Nichts unterschieden, nur zahlreicher mit Ruinen von Thürmen und einzelnen Gebäuden bedeckt. Um 1½ Uhr passirten wir den kleinen Ued Asra, und eine halbe Stunde später ein anderes Uadi, das mir meine Begleiter jedoch nicht zu nennen wussten, uns aber auf die neuen Arabergräber Sidi Chaluf führte, wo wir um 2½ Uhr in einem Steinbruche, wo auch einige Grabnischen waren, unsere Zelte aufschlugen. Auch hier waren die Araber vom Stamme der Auergehr sehr freundlich, und wir konnten für Geld alles von ihnen bekommen. Leider hatten die Engländer die Preise überall so verdorben, dass man Schafe oder Ziegen nicht billiger als bei uns haben konnte. Nachts hatten wir blinden Lärm, einer meiner Leute, welcher Wache hielt, hatte eine Hyäne zu sehen geglaubt, und gefeuert; es stellte sich aber heraus, dass156es das Füllen von Adulis Stute gewesen war; glücklicherweise hatte er vorbeigeschossen. Dies hatte aber zur Folge, dass die uns zunächst campirenden Auergehr herbeikamen, indem sie glaubten, wir seien von Räubern angegriffen worden. Die Auergehr sind sehr zahlreich, stehen aber in einem abhängigen Verhältniss zu den uled Agail, welche bei Tolmetta herum hausen. Diese Art Abhängigkeit, die man bei allen Arabern, ob sie in Marokko oder in Arabien selbst sind, findet, ist mehr ein freiwilliges Verhältniss, basirt auf geistige Oberherrschaft und Ueberlegenheit. So auch hier, die uled Agail sind Marabutin, die Auergehr einfache Araber. Auch bei den Berbern finden wir derartige Verhältnisse.

Die Gegend wurde von nun an noch üppiger, fetter rother Thon erlaubte die herrlichsten Culturen, aber je mehr wir uns Tolmetta näherten, desto enger wurde die Ebene, desto höher aber auch die Berge. Zahlreiche Rinnsale, welche aus den Schluchten des Gebirges kommen, erhöhen den Reiz der Landschaft, so dass man kaum merkt, wie die Zeit vergeht. Ruinen aller Art sind am Wege, Castelle, Spuren von einzelnen Häusern und kleineren Oertern. Dabei sieht man längs den Bergen die Fereg der Auergehr, die Derssa und der Orrfa, und in der Nähe von Tolmetta, die der Agail. Die Vegetation besteht wie immer meist aus Lentisken, doch kommen hie und da auch Johannisbrod- und Lorbeerbäume vor.

157Nachdem wir den Brunnen Bu Shiaf, ein Uadi gleichen Namens, dann die Ebene Bu Traba, durch ein Rinnsal von der Ebene Chat getrennt passirt hatten, waren wir vor Tolmetta, nachdem wir vorher noch den ued Bu Mscheif übergangen hatten, welcher sogar etwas Wasser hielt. Ptolemais lag endlich vor uns, eingeschlossen, wie es ist, im S.-W. vom uadi Chambs, im N.-O. vom uadi Shoana, im N.-W. vom Meere, und im S.-O. vom Maigel-Gebirge. Schon lange vorher hatte die bedeutende Stadt sich angekündigt, durch die grossen Steinbrüche, aus denen noch die tiefen Räderspuren der mit Quadern schwerbeladenen Wagen nach der Stadt führen, und deren Wände wie in den Steinbrüchen von Tokra zu Grabnischen verarbeitet, und mit Inschriften bedeckt sind.

Bald darauf zogen wir durch das hohe Westthor von Ptolemais ein, und wollten bei den Ruinen einer christlichen Kirche unsere Zelte aufschlagen, als mehrere Beduinen auf uns losstürzten und sagten, dies sei ihr Terrain, und sie würden nicht leiden, dass wir dort campirten. Da ihr Grund ein triftiger war, nämlich zwischen den Ruinen und in der Nähe überall halbreife Saatfelder standen: so zogen wir weiter nach der See zu, und nahmen für den ersten Tag Quartier in einem Steinbruche, in dem sich früher das Amphitheater befunden hatte. Die Spuren davon liessen sich noch sehr deutlich erkennen, obschon es keineswegs gross gewesen158sein kann. Fast ganz in den Fels selbst hineingehauen, waren nur an wenigen Stellen Mauerwerke angebracht, und diese meistens abgefallen. Aber auch von hier wurden wir vertrieben, und zwar aus demselben Grunde, weil überall Kornfelder in der Nähe waren, von denen die Eigenthümer fürchteten, sie möchten von unserem Vieh beschädigt werden. Gern hätte nun der Aduli ganz die Stadt verlassen, um an den Bergen zu lagern, wo allerdings ausgezeichnetes Gras für die Thiere gewesen wäre; ich wollte aber auf alle Fälle in der Stadt selbst bleiben, und zog deshalb nach dem Hafen hinab, wo dicht am Strande und bei den Ruinen eines alten Forts unser Lager eingerichtet wurde.

Ptolemais, das namenlose, erhielt seinen Namen wahrscheinlich vom Philadelphus, nach Anderen von Euergetes. Bis zu der Zeit aber hatte es nur den Titel: Hafen von Barce, wie denn auch Scylax des Ortes nur erwähnt als „Hafen bei Barce“. Als diese Stadt in Verfall, und in die Hände der Libyer kam, zogen sich die Bewohner nach Ptolemais, und bald erwuchs dann dieser Ort zu einem der blühendsten in Cyrenaica empor. Mit einem für die damaligen Bedürfnisse ausgezeichneten Hafen versehen, welcher durch die Insel Ilos, dieselbe, welche Ptolemaeus Myrmen nennt, noch besonderen Schutz erhielt, sank Ptolemais erst mit dem allgemeinen Verfall des römischen Reiches, und Hauptursache ihres Unterganges war Wassermangel, da die Gelder zur Unterhaltung159der Cisternen und Wasserleitungen fehlten. Wie überall, suchte auch Justinian hier noch ein Mal aufzuhelfen, indem er die Wasserleitungen wieder herstellen liess; Ptolemais erlag dem Andrange der Barbaren so gut, wie die anderen Städte. Indess scheint selbst nach der Invasion der Mohammedaner die Stadt nicht ganz ihre Bedeutung verloren zu haben; nach Edrisi war Tolmetta noch ein sehr fester, mit Steinmauern umgebener Platz, wohl geschützt, und stark von Schiffen besucht. Edrisi berichtet über die Export- und Import-Artikel, und sagt, der Hauptverkehr fände mit Alexandria statt. Auch zu Abu el Fedas Zeit war Tolmetta noch stark bevölkert und besonders von Juden.

Zu unserer Zeit ist Ptolemais oder Tolmetta, wie die heutigen Herren des Bodens, die uled Agail sagen, ganz unbewohnt; nur zur Zeit des Korns haben diese Marabutin ihre Zelte theils zwischen den Ruinen, theils in den Steinbrüchen, und an den Abhängen der Berge. Obgleich ganz frei, und gewiss sehr kriegerisch, scheinen sie doch sehr gutmüthig zu sein, sie halfen uns beim Photographiren, brachten uns Lebensmittel, und obschon sie zahlreich den ganzen Tag um unsere Zelte herumhockten, betrugen sie sich doch anständig. Unwissend schienen sie übrigens im höchsten Grade zu sein; ausser Arabern kannten sie nur Türken, Franzosen und Engländer, und letztere beiden seien dem Sultan tributpflichtig. Die christlichen Consuln in den Städten seien160auch Beamte des Sultans, und blos dazu da, um zu überwachen, dass die Pascha und Bei nicht zu viel Geld unterschlügen. Im Uebrigen schienen sie ohne Fanatismus zu sein, selbst eine Sauya der Snussi hatte sich in Tolmetta noch nicht ein Mal etabliren können, hauptsächlich wohl, weil die Agail, als Marabutin, sich für besser hielten, als Snussi, der blosser Schriftgelehrter gewesen war. Keiner erschien indess, der nicht immer mit Flinte und Säbel bewaffnet gewesen wäre, ihre Frauen waren, wie immer auf dem Lande, unverschleiert und hatten vollkommene Freiheit mit uns zu handeln.


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