Cyrene.

Unser zweites Lager war ausgezeichnet hübsch placirt; gerade der Insel Ilos gegenüber, auf der noch jetzt Spuren von Mauerwerk zu erkennen sind, hatten wir hinter uns die ganze Stadt, wie sie sich vom Meere aus allmählich an die Bergabhänge hinaufzog.

Die bedeutendsten Ruinen vom alten Ptolemais, soweit sie offen zu Tage liegen, sind, ausser dem schon erwähnten Amphitheater, eine Kirche aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert, vom Westthore aus kommend nach links zu gelegen. Verfolgt man dann die Strasse, die noch heute quer durch die Stadt führt, so stösst man, ungefähr in der Mitte der Stadt, auf eine grosse Cisterne, noch vollkommen gut erhalten. Dieselbe hat 9 Gewölbe, welche von oben Licht und Luft bekommen. Umgeben war diese Cisterne von einer Reihe ionischer Säulen, die auf einem 4' hohen Unterbau ruhten, nur161drei von diesen Säulen sind noch erhalten. Dicht dabei südlich, sieht man die Umrisse eines kleinen Theaters. Etwas weiter nach Osten zu, sieht man viele Säulen mit korinthischen Capitälern auf dem Boden liegen, und Barth vermuthet, dass hier die Königshalle,στοὰ βασίλειος, gewesen sei, welche Synesius als Gerichtshalle erwähnt. Ein aus der Cisterne nach Norden führender Aquaeduct leitet zu einem grossen Bade, von dem zwei Gewölbe noch vollkommen gut erhalten sind. Ein anderes kleineres Theater liegt auf dem Wege zwischen Cisterne und Bad; ist aber ebenso verfallen wie die übrigen, so dass blos aus den halbmondförmigen Umrissen die einstige Bestimmung zu erkennen ist. Am bemerkenswerthesten ist weiter nach Osten zu ein grosses massives Gebäude, was jedenfalls wohl zur Zeit der Römerherrschaft als Caserne diente. Die Inschriften, welche sich früher an der Nordwand dieses Gebäudes befanden, und die nach Frankreich gebracht, von Latonne ergänzt worden sind, enthielten Vorschriften von Anastasius I., die Verwaltung und militairische Einrichtung betreffend. Wie gut einst die Stadt mit Wasser versehen war, beweisen die anderen Cisternen, welche noch in Ptolemais zu finden sind. Eine davon, sehr bedeutend und zu unserer Zeit noch mit Wasser gefüllt, befindet sich im nordwestlichen Stadttheil. Ueberhaupt bestätigen die zahlreichen Säulen, die man überall herumliegen sieht, sowie die vielen Grundmauern aus Quadersteinen,162dass das Urtheil der Alten, welche die Stadt als gross und ausgezeichnet schildern, keineswegs übertrieben ist. Der Hafen wird durch eine Felsspitze gebildet, die vom westlichen Ende der Stadt ins Meer geht, die Insel Ilos giebt Schutz nach Norden. Vielleicht war auch an der Westseite der Spitze ein Ankerplatz, denn circa 3000' westlich von dieser läuft noch eine andere Felsspitze ins Meer, und zwischen beiden scheint ein Quai gewesen zu sein, freilich ausserhalb der Stadt.

Nach Osten zu, durch den Suana-Fluss begrenzt, von dem die Stadt ausserdem durch eine Mauer getrennt war, finden wir hier noch die Reste einer Quaderbrücke. Zwar ist dieselbe für Fussgänger noch zu passiren; aber doch so zerfallen, dass Fuhrwerke sie nicht mehr benutzen können. Aber das Suana-Thal ist eines der lieblichsten, weshalb ich denn auch eine Photographie davon aufnahm. Neugierige Araber standen staunend um die Maschine, von der sie alle Augenblicke erwarteten, dass irgend eine Explosion daraus hervorgehen müsse, aber auch diese, obschon sie sehr misstrauisch schienen, störten keineswegs unsere Arbeiten. Es scheint, dass sowohl die Regenwasser des ued Suana, als die des uadi Chambs hauptsächlich dazu dienten, die Cisternen zu speisen, ausserdem finden sich Reservoirs am Abhange des Maigel-Berges, welche zu gleichem Zwecke die Wasser auffangen mussten, um sie den grossen Cisternen in der Stadt zuzuführen.

163Das Gebirge tritt hier nun dicht an die Stadt, und hat, obschon von Schluchten durchbrochen, fast überall gleiche Höhe; um dieselbe zu messen, bestieg ich den südwestlich vom Maigel-Berg belegenen Chambs-Berg, welcher mir der höchste von allen schien. Dicht mit Juniperen und Lentisken bewachsen, fast undurchdringlich wegen des vielen dornigen Untergestrüpps, war der Aufgang sehr beschwerlich. Das Gestein des Berges besteht durchweg, wie in ganz Cyrenaica aus Kalk, während am Meeresstrande die Hügel, welche zum Theil auch als Grabkammern oder Steinbrüche benutzt sind, grobkörniger Sandstein ist. Aus diesem Grunde findet man in Teucheira und Ptolemais auch so viele Bauten aus Sandstein. Die Höhe des Berges fand ich zu 320 Meter, alle anderen nächsten waren etwas niedriger.

Die Gräber von Ptolemais erstrecken sich westlich und östlich von der Stadt, und hat man auch hier hauptsächlich die steilen Wände der Steinbrüche benutzt, um in diesen Grabkammern und Grabnischen anzubringen. Wie in Teucheira, sind sie ohne Kunst gearbeitet; man findet aber auch hier zahlreiche jedoch nichtssagende Inschriften. In einem Steinbruche, gleich westlich von der Stadt, findet man indess drei durch Kunst ausgezeichnet gearbeitete Gräber; man hat nämlich in der Mitte drei Felsblöcke stehen gelassen und diese zu Einem grossen Grabe mit verschiedenen Kammern verarbeitet. In Teucheira findet man auch solch einen Grab-Felsblock,164und lebhaft erinnerten mich diese isolirten verarbeiteten Steinblöcke an die eigenthümlichen Kirchen von Lalibala in Abessinien, welche einer ähnlichen Arbeit ihren Ursprung verdanken. Der mittelste dieser Felsblöcke nun ist ausserdem von einem monumentalen Bau in römisch dorischem Stile erbaut, und viereckig von Gestalt, hat derselbe im Innern drei Abtheilungen, von denen die seitlichen bis obenhin zu Grabkammern dienten, während die mittlere zugleich als Eingang benutzt wurde; im Sous-Terrain aber auch Leichen aufnehmen konnte. Eine kleine Inschrift, die Barth an der Nordseite gesehen haben will, konnte ich nicht mehr entdecken. Das ganze Grab ist überhaupt in sehr zerfallenem Zustande, und rundherum mit mächtigen herabgestürzten und herabgefallenen Quadern umgeben. Einige Reisende, unter anderen della Cella, haben dies Grabmal einem Ptolemäer zuschreiben wollen, ohne indess Gründe für diese Behauptung bringen zu können.

Das immer schlechter werdende Wetter hatte uns wieder vom Hafen vertrieben, da kein Zelt dem Sturmregen Widerstand zu leisten vermochte, und wir hatten uns in den eben beschriebenen Steinbruch mit den drei Gräbern geflüchtet. Einen dieser Grabblöcke fanden wir, da er wahrscheinlich lange nicht als Wohnung war benutzt worden, ohne Ungeziefer, und flüchteten uns hinein. Die Eingebornen hatten ebenfalls mit ihren flachen Zelten sich in die Steinbrüche geflüchtet, so dass hier165nun auf einmal trotz des noch immer anhaltenden Regens ein reges Leben und Treiben herrschte. Nachts indess tobte der Sturm mit solcher Wuth, dass selbst unser Felsgrab erschüttert schien; endlich aber brach ein besserer Morgen an. Wir machten nun sogleich Anstalt zum Aufbruch, aber ehe Aduli, der überall mit den Eingebornen handelte, fertig wurde, verging geraume Zeit. In der That schien Aduli nur eine Handelsreise zu machen, hier verkaufte er Schuhe, dort Cattunstoffe, hier Gewürze, dort Zucker, welches er alles zollfrei aus der Stadt herausgebracht hatte, und dafür tauschte er Honig, Butter, Felle und Korn ein, und hoffte dies auf gleiche Weise ohne Abgaben in die Stadt zurückzubringen. Dazu hatte er immer eine ganze Schaar von Leuten, welche, wie er, auf meine Kosten lebte, und da, mit Ausnahme meines deutschen Dieners und eines von Tripolis mitgebrachten Negers, Namens Bu-Bekr, alle meine anderen Diener unnütze Subjecte waren, konnte ich nichts machen.

Endlich hatte der Aduli seinen Markt geschlossen, und um 9 Uhr Morgens verliessen wir unsere Grabwohnung, und schlugen denselben Weg ein, den früher Barth genommen hatte, um aufs Hochland zu kommen. Im Anfange südöstlich haltend, um ans Schaba-Thal zu kommen, mittelst welches wir den Aufsteig machen wollten, waren wir bald darin engagirt. Das Schaba-Thal ist sehr eng, vielfach gewunden und nur circa eine Kameelstunde lang; jedoch kann es ohne grosse Schwierigkeit166zu jeder Jahreszeit benutzt werden, was nach Regengüssen, wo der rothe Thon schlüpfrig und glatt wird, für Karawanen von besonderer Wichtigkeit ist. Die Bergwände, obschon steil, sind ausgezeichnet bewachsen, verwilderte Olivenbäume, Karuben und Lentisken bilden hier den hauptsächlichsten Baumwuchs. Das Thal ist jedoch so eng, dass es keine Siedelung erlaubt; selbst Hirten scheinen sich nicht darin aufzuhalten. Oben angekommen, hat man die erste Stufe erreicht, circa 300 Meter hoch. Diese Ebene ist nur circa 1½ Stunden breit, hat auch herrlichen rothen Thonboden, ist aber ebenso vernachlässigt, wie das ganze andere Land. Wir hielten durch die erste Stufe Ost-Richtung, ebenso durch die zweite, welche eine Höhe von 340 Meter hat und durchschnittlich vier Stunden breit ist. Diese Terrassen streichen hier von N.-O. nach S.-W. Die zweite wird im Osten von einem Gebirgszuge abgegrenzt, der gleichfalls von N.-O. nach S.-W. streicht, und dessen höchste Punkte im Norden im Dj. Dendach, und südwestlich von ihm dem Dj. Saffuat el Merdj sich uns präsentiren. Am Fusse des letzteren liegt ein grosser See, circa 2½ Stunde lang und 1 Stunde breit mit Süsswasser, Moaudj genannt. Kleinere Tümpel und Seen findet man auf dieser ganzen Stufe, welche keinen Abfluss zu haben scheinen. Das Erdreich ist auch hier fetter rother Thonboden, und die grössere Vegetation hauptsächlich Wachholder und Arbuten. Blumen in prächtigen Farben und unvergleichlicher167Fülle bedecken in dieser Jahreszeit den Boden, und geben den unzähligen wilden Bienenschwärmen, die mit ihrem Summen die Luft erfüllen, die süsse Nahrung. Aber schlecht bevölkert, wie das ganze Land, findet man nur hie und da einen Fereg der Auama, Genossen der uled Brassa oder der Abid, Genossen der Auergehr.

Als wir um 12½ Uhr diese Stufe betraten, und in östl. Richt. durchzogen, hatten wir um 2½ Uhr eine kleine Kubba, die des Sidi Said von den Agail zur Seite, aber trotz dieses Wahrzeichens erklärte nun der Aduli, den Weg nicht zu wissen, und ritt abseits, um aus irgend einem Fareg einen Wegweiser zu holen. Er kam denn auch bald zurück, aber statt eines Mannes brachte er drei Leute, so dass unsere ohne das schon mit unnützen Leuten reiche Karawane noch drei andere dazu bekam; er versteht sich von selbst, dass ich auch diese zahlen und beköstigen musste, aber gerade dadurch machte sich der Aduli beliebt bei den Triben, indem er ihnen auf Kosten seiner Reisenden dergleichen Verdienste zukommen liess. Wie mag er den armen Denys, welcher der Sprache gar nicht mächtig war, geplündert haben! Durch einen dichten, aber nicht hohen Wachholderwald dahinziehend, einreichten wir um 4 Uhr Nachmittags Mrsihd, eine alte Ruine eines früheren römischen Wartthurms, und wie alle Bauten dieser Art ein aus Quadern aufgeführtes Viereck. Dass aber auch noch andere Ansiedelungen hier waren, geht aus den zahlreichen Grabkammern in168der Nähe hervor, welche überall in die Felsen gearbeitet waren. Auch vorher hatten wir schon ein Ruinenfeld passirt, doch konnten meine Leute mir den Namen desselben nicht nennen. Auf den Wartthurm öffuet sich ein von N.-O. kommendes Thal, und etwas nach thalaufwärts gehend, campirten wir dann in demselben. Trotzdem wir nun schon recht hoch waren, hatten wir doch eine recht warme Nacht, da der Himmel ganz bedeckt war, und noch lange sass ich Abends an einem grossen Feuer jenes duftenden Wachholderholzes, welches die Alten schon so hoch schätzten, und das auch auf dem grossen Atlas und in Abessinien und im Gora-Gebirge vorkommt.

Früh 7 Uhr zogen wir am anderen Morgen das Mrsihd-Thal vollends hinauf, und erreichten nach 40 Minuten den Höhepunkt desselben, wo das Aneroid uns die Höhe von 1260 Fuss zeigte; somit waren wir zwar nun auf dem Plateau angekommen, aber noch keineswegs auf dem höchsten Punkte. Uebrigens muss man sich das Hochland auch keineswegs durchweg eben vorstellen; sondern als ein Gewirr von Thälern und Bergen, welche aber alle über 1200' hoch ihren niedrigsten Punkt haben. Die Vegetation, obschon dieselbe hier später ist, bleibt im Ganzen noch dieselbe, Juniperen, Oelbäume, Caruben und Lentisken, dann erstaunlich viel Rosmarin, welche den Bienen den so sehr gerühmten aromatischen Beigeschmack zum Honig liefern; aber alle diese Pflanzen finden sich auch an den Abhängen der Berge.

169Wenn aber am Tage vorher das Land überreich an Sümpfen und Tümpeln war, so fehlten diese hier nun gänzlich, und merklich litt die Ueppigkeit der Vegetation darunter. Einige Thäler hatten trotzdem die kräftigsten Oelbäume, nicht etwa wilde, selbst nicht einmal verwilderte waren sie zu nennen, denn sie hingen gerade jetzt voll der besten Oliven, die Niemand zu sammeln kam. Es ist wohl kaum zu zweifeln bei dem hohen Alter, welches der Oelbaum erreichen kann, dass diese Pflanzungen noch von den Alten herrührten. Manchmal sollen indess doch von den Küstenbewohnern einige herauf kommen, um die Oliven zu sammeln; dies Jahr schien noch Niemand gekommen zu sein.

Den ganzen Tag, obgleich wir mit geringer Unterbrechung bis 5¼ Uhr Abends marschirt waren, sahen wir kein einziges Zeichen von Bevölkerung, das heisst Zelte oder Häuser, nur zwei kleine Ziegenheerden will ich ausnehmen, die unweit von uns am Wege weideten, und bei unserer Annäherung eilig ins Dickicht getrieben wurden. Auch der Anbau von Korn war so spärlich und vereinzelt, dass man die kleinen Felder hätte zählen können. Trotzdem überall der fetteste und beste Boden war, der nur auf die Hand des Menschen zu warten schien, um hundertfach das zurückzugeben, was man ihm anvertraut hätte, war alles eine Wildniss. Als neu wurde mir nun zum ersten Male die Drias-Pflanze (von allen Reisenden für Sylphium gehalten) gezeigt, von der170wir unten noch weiter zu reden haben werden. Dann fiel mir die Menge der Maulwurfshaufen auf, die sonst in Tripolitanien nicht vorkommen. Die Araber nennen den Maulwurf hier mit den bezeichnenden Namen Buamian, Vater der Blinden. Wild war nur spärlich vorhanden, es scheint als ob selbst die Thiere dies nur von Todten bewohnte Land meiden.

Während wir im Mrsihd-Thal Ostrichtung verfolgt hatten, zogen wir, oben angekommen, nördlich in einer Mulde weiter, die den Namen Rharheb führt, und wo wir um 9 Uhr einen Marabut gleichen Namens (Kubba) passirten. Etwas weiter läuft dann die von S.-O. von Merdj kommende Heerstrasse ein, dieselbe, welche vor 1000 Jahren Griechen und Römer benutzten. Nachdem um 9 Uhr 20 Minuten ein anderer Pass überschritten war, kamen wir in das Biada-Thal, indem wir die tiefeingeschnittenen Wagenspuren der Alten verfolgten. Um 11¾ hatten wir, N.-N.-O. haltend, den Dj Hoaisch zur Linken, und gleich darauf die Ruinen des Gasr el Rih. Um 12 Uhr 20 Minuten kreuzten wir den von Teknis kommenden, nach der Küste führenden Karawanenweg, und den Pass von Rih überschreitend, gingen wir nordwärts durchs Schami-Thal weiter. Von 1 Uhr an wieder N.-N.-O. haltend, überstiegen wir um 2 Uhr einen Pass, der uns ins Scharaya-Thal führte, welches eine Stunde lang mittelst eines anderen Passes ins Mrair-Thal übergeht. Um 3¼ kreuzten wir einen zweiten, von Djerdjerum171an der Küste nach Merauan ins Innere führenden Weg, und kamen dann ins Thal Ibrahim, von dem aus wir links den Berg Schan-o-Gasserein liegen liessen. Das uadi Ibrahim öffnet sich aufs Magade-Thal, wo wir um 5 Uhr Abends, in der Nähe von Wassertümpeln lagerten, nachdem wir den ganzen Tag fast ohne Wasser gewesen waren.

Nachts hatten wir, trotzdem es am Tage sehr kalt gewesen war, ein starkes Gewitter mit Regen, und zogen am anderen Morgen um 7 Uhr durchnässt in N.-N.-O. Richtung weiter, welches überhaupt, die vielen Biegungen abgerechnet, unsere Hauptrichtung blieb. Wir waren nun über 550 Meter hoch auf dem Beida-Berge, alle anderen Berge scheinen ziemlich gleiche Höhe zu haben, und die Thäler senken sich bis auf relativ c. 150 Meter. Als neue Pflanzen treten hier der Lauristinus auf, jetzt gerade in voller Blüthe, und in prächtigen Exemplaren bis 20' Höhe vorhanden, dann einzelne Exemplare von der Steineiche. Nachdem wir noch das Thal Sgenniet und dann den Berg Mcheilil passirt hatten, sahen wir Gasr Bengedem vor uns. Auf dem Mcheilil-Berg fanden wir die Ueberreste eines alten Sarazenenschlosses. Dieser ganze Weg nach Bengedem dauerte nur 3½ Stunde, aber auch hier begegnete uns kein Mensch, und das einzige Zeichen von Bevölkerung war die Sauya der Snussi, Bu Toda genannt, die wir vom Lj. Beida in geringer Nordrichtung c. 2 Stunden entfernt liegen sahen.

172Obschon wir nur einen kleinen Marsch gemacht hatten, blieben wir doch bei Gasr Bengedem liegen, um zu photographiren, und diese ganze Gegend näher in Augenschein zu nehmen.

Das Gasr Bengedem oder Benegedem stammt offenbar aus der Römerzeit, und hörte mit zu jener Vertheidigungslinie, welche dieselben gezogen hatten, um die Colonie vor den Einfällen der Nomaden zu sichern. Bengedem war gewiss eines der bedeutendsten Forts, wenn nicht das grösste von denen, welche die Vertheidigungslinie bildeten. 80 Schritte lang und 40 Schritte breit, haben die beiden Längsseiten viereckige flankirende Thürme. An manchen Stellen erreichen die gut erhaltenen Wände noch die Höhe von 40'. Aus grossen behauenen Quadern aufgeführt, ohne Mörtel, haben die Aussenwände, soweit dieselben nicht absichtlich zerstört worden sind, nicht im Mindesten von der Witterung gelitten. Im Innern führt eine Treppe auf die Mauer, welche oben dünner, ringsum vertheidigt werden konnte. Spuren eines Aussenwalls ziehen sich rings um das Castell, und erhöhten so die ursprüngliche Festigkeit desselben. Die bedeutenden Ruinen in der Umgegend von einzelnen Häusern deuten an, dass hier eine Hauptniederlassung war, und Pacho könnte Barth gegenüber doch wohl Recht haben, indem er hier Balakrai vermuthet. Die Entfernung von Cyrene, die Pentinger auf 12 M., und die nach Ptolemais, die Ptolemaeus auf17315 M. angiebt, würde ungefähr stimmen. Eine grosse Menge von Höhlen, theils natürliche, theils künstliche, ausser vielen aus späterer Zeit herrührenden Grabkammern, beweisen, dass selbst in vorgriechischer Zeit hier libysche Völker eine Niederlassung gehabt haben müssen, denn viele der Höhlen haben ganz und gar die Einrichtung von Wohnungen.

Die Eingeborenen vom Stamme der Brassa, mit denen der Aduli gleich wieder Handelsverbindungen angeknüpft hatte, waren sehr zudringlich. Ihr Fereg hatten sie in einiger Entfernung vom Gasr, und den ganzen Tag thaten sie nichts, als um uns herumhocken und um Essen betteln. Wir hatten deshalb auch Nachts eine verstärkte Wache nöthig, um uns vor Diebereien zu hüten, wie denn überhaupt immer Nachts gewacht wurde.

Den folgenden Morgen stiegen wir in nördlicher Richtung vom Berge des Gasr Bengedem hinab, und kamen nach einer Stunde ins Thal Saharis. Von O.-N.-O. erhält dies Thal nun das bedeutende Kuf-Thal, und in dies münden von O. das uadi Djras und das uadi Bu Heisa, welches letztere von Safsaf und Ain Schehad (Cyrene) kommen soll. Das Kuf-Thal ist eines der wildesten und romantischsten, die man sich denken kann: steile, oft senkrechte, fünfhundert Fuss hohe Kalksteinwände, überall mit ungeheuren Höhlen, die oft am Fusse der Wände, oft in der Mitte, oft fast oben am Rande sich zeigen, machen einem glauben, man sei in der174Teufelsschlucht. Jedenfalls waren diese Höhlungen meist alle bewohnt, und einige sind es noch jetzt zur Zeit der Honigernte; denn an diesen steilen Wänden haben die Bienen ihre Bauten. Viele Höhlen, oft hundert Fuss hoch über der Thalsohle, sind durch Aussengänge mit einander verbunden, und scheinen so ganzen Stämmen als Wohnplatz gedient zu haben. Ausserdem findet man die herrlichsten Tropfsteinhöhlen, von denen die von den Eingebornen Rhorhardieh genannte, die grösste und schönste ist. Die üppigste, immer grüne Vegetation von Lentisken, Myrthen, Caruben und Wachholder, ferner die jetzt massenweise auftretende Steineiche machen dies Thal mit seinem wilden Charakter zu einem der schönsten, wie man es nur vielleicht in den Pyrenäen, in Calabrien, im grossen Atlas ähnlich findet. Aber wie immer fehlt alles menschliche Leben; in der That haben wir, die grosse Sahara ausgenommen, kein Land gesehen, das so dünnbevölkert ist, und doch ist der Boden so reich und ergiebig wie eine jungfräuliche Erde eben sein kann. Am Boden des Thales finden wir dann noch einen fast undurchdringlichen Wald von mastbaumhohen Thuya-Bäumen, aber Niemand ist jetzt da, um sie zu fällen und zu verwerthen.

Dass dieser Weg unserer Gofla grosse Schwierigkeit machte, braucht wohl kaum gesagt zu werden. Das Kameel, obschon es wegen seiner breiten Fusssohlen auch in den Bergen sicher geht, liebt freie175Gegenden, und hier waren wir in einem wirklichen Urwalde; da waren Baumstämme, die das Alter oder der Wind umgeworfen hatte, zu umgehen, vom Wasser glatt gewaschene Felsplatten zu übersteigen, und oft war das Gebüsch so niedrig und dick, dass die beladenen Kameele mit Gewalt durchgeschoben werden mussten.

Froh waren wir, als wir um 10 Uhr die Passhöhe erreichten, und von nun an auf einem Bergrücken blieben. Bald darauf hatten wir die Kubba des Marabuts Abd el Uahed vor uns, auch von alten Ruinen, jedoch ohne Bedeutung, umgeben. Von hier an waren nun Ruinen unsere steten Begleiter, und eine tief in Fels eingeschnittene alte Fahrstrasse, rechts und links von Hunderten von Sarkophagen bordirt, führte uns auf die Hauptstadt vom alten Pentapolitanien zu. Aber eigenthümlich, ohne Menschen zu sehen, ohne Wohnungen anzutreffen; sollte man nicht glauben, im Lande der Todten zu sein? Auf Schritt und Tritt Todtengrüfte, Grabnischen, hier die Tausende von Sarkophagen, die ungeheuren Necropolen, gegen die die eigentlichen Städteruinen verschwindend klein sind, lassen wirklich den Gedanken, im Reiche der Todten zu sein, aufkommen.

Gegen Mittag erreichten wir die Ruinen, welche die Eingebornen unter dem Namen uadi Amer bezeichnen, und die mehrere Stunden weit sich nach N.-O. hin ausdehnen, und bei einem Orte Beludj enden. Barth verlegt hieher Balakrai, und meint auch, dass eine der176zwanzig von Ptolemaeus erwähnten Städte, vielleicht Eraga, hier zu suchen sei. Beludj erreichten wir um 2 Uhr 40 Minuten, und immer auf einem Bergrücken weiter ziehend, liessen wir dann die Sauya beida (Jaura Sidi Schenut nach Barth, was wohl Sauya Sidi Snussi heissen soll) links liegen, und kamen um 4 Uhr bei dem weissen Dome des Marabut Sidi Raffa, an, welcher ebenfalls von vielen Ruinen umgeben ist. Eine halbe Stunde später hatten wir den höchsten Punkt des Bergrückens mit 620 Meter erreicht. Etwas später hatten wir von hier eine weite Aussicht aufs Meer durch eine breite nach Norden zu sich öffnende Thalschlucht, Shissu genannt, und dann campirten wir um 5 Uhr auf gleicher Höhe mit der Schlucht bei Djenin, wo wir eine fliessende Quelle fanden. Auch hier fanden wir Spuren früherer Ansiedelungen; grosse künstliche Höhlen umgeben die Quelle nach Osten, und in und bei derselben waren Mauerarbeiten, welche wohl einst den Abfluss des Wassers zur Befruchtung der Felder regulirt hatten.

Nachts war auf dieser Höhe die Kälte so gross, dass wir am anderen Morgen die Zelte weiss bereift fanden, und die Mündungen der Wasserschläuche hart gefroren waren. Das Thermometer zeigte vor Sonnenaufgang -1°.

Von hier bis Cyrene sind nur noch 2 Stunden. Wir lassen rechts den Hügel Ras el Trabe liegen, welcher bekannt ist als Grenze zwischen den Brassa und Hassa,177welche letztere von hier nach N.-O. hin nomadisiren. Die Ebene Ambsa, mit dem Grabe des Marabut Bel Kassem, brachte uns dann vor die Ruinen der Stadt, welche wir um 10 Uhr beim Hügel Mgatter betraten.

Durchs Ostthor zogen wir in die Stadt ein, verfolgten die Battus-Strasse bis an den Punkt, wo sich die Aussicht aufs Meer öffnet, und nahmen dann unser Quartier in einer der Kammern, welche im Felsen ausgearbeitet sind, und auch früher wohl als Wohnungen dienten. Die Apolloquelle war auch in unserer Nähe, und diese ist es, welche heute der ganzen Oertlichkeit den Namen giebt; die Araber nennen sie ain Schehad. Keineswegs ist damit gesagt, dass die heutigen Bewohner und die der Umgegend gänzlich den Namen „Cyrene“ verloren hätten, derselbe findet sich wieder in der Quelle im uadi bel Ghadir, welche viele Aehnlichkeit mit der Apolloquelle hat, und fast ebenso mächtig ist; dieselbe heisst ain Krennah.

Cyrene wurde sowohl unter den Ptolemäern als die Hauptstadt der fünf Städte: Cyrene, Barca, Teucheira, Hesperis und Apollonia angesehen, als auch unter den Römern, welche das ganze Land unter dem Namen Cyrenaica zusammenfassten.

178Von dorischen Colonisten von der Insel Thera unter Battus im Jahre 63121v. Chr. gegründet, wuchs Cyrene bald zur wichtigsten Colonie der Griechen an der Nordküste von Afrika heran. Battus führte auf Befehl des delphischen Orakels zuerst seine Laudsleute nach Plataea (dem heutigen Bomba); musste aber aus Mangel an Nahrungsmitteln diese Insel nach zwei Jahren, und nachdem ein anderes Mal das Orakel war consultirt worden, verlassen, und siedelte nun nach dem festen Lande Libyens, nach dem wohlbewaldeten Asiris über. Aber auch hier blieben sie nur sechs Jahre, da nach Ablauf dieser Zeit, eingeborne Libyer sie nach dem Orte der Apolloquelle führten, wo dann bestimmt die Stadt gegründet wurde.

Es scheint, dass die neuen Ankömmlinge sich im Anfange mit den Libyern, und hier waren es vorzugsweise die Asbysten, gut vertrugen; sogar Heirathen mit Libyschen Frauen wurden eingegangen; eingeborne Libyer jedoch waren von den öffentlichen Aemtern ausgeschlossen. Mit Battus I. bekam Cyrene den ersten König, und blieb unter dieser Regierungsform circa 200 Jahre, in welcher Zeit acht Könige regierten. Besonders zeichnete sich aus nach dem ersten, welcher später als Heros verehrt wurde, der dritte König, Battus II. Unter ihm kamen zahlreiche Zuzüge aus Griechenland: hiedurch179wurden jedoch die Libyer beeinträchtigt, und ihr König Adikran rief den ägyptischen König Apries zu Hülfe. Bei Thestis in der Gegend von Irasa kann es 570 zur Schlacht, und die Aegypter und Libyer wurden vollkommen besiegt. Sein Nachfolger Arkesilaos II., mit dem Beinamen der Böse, hatte nur Unglück. Mit seinen Brüdern in Streit, gingen diese Barca gründen, und verbanden sich mit dem libyschen Könige gegen Arkesilaos II. Dieser schlug anfangs die Libyer bei Leucon oder Leucoë in Marmarica; wurde dann aber in einen Hinterhalt gelockt und verlor 7000 seiner Leute. Sein Bruder Learchos tödtete ihn dann, wurde aber selbst wieder von Eryxo, der Wittwe des Arkesilaos, umgebracht. Unter seinem Sohne, der als Battus III. folgte, schickten die Cyrener nach Delphi und baten um neue Gesetze. Demonan, der Mantineer, kam zu ihnen, und beschränkte besonders die königliche Gewalt. Dessen Sohn Arkesilaos III. wollte jedoch die königliche Gewalt zurück haben, und wurde darin von seiner Mutter Pheretime unterstützt; geschlagen, floh er nach Samos, und kam dann mit einem bedeutenden Heere nach Cyrene zurück. Wieder geschlagen, floh er nach Barca, und wurde von den Bewohnern dieser Stadt getödtet. Seine Mutter floh zum persischen Statthalter Argandes in Aegypten, welcher ihr zu Hülfe kam, und nach neunmonatlicher Belagerung Barca einnahm. Der Sohn von Pheretime, Battus IV., der Schöne genannt, folgte, und180nach ihm kam der letzte König Arkesilaos IV., dessen Siege in den pythischen Spielen Pindar besingt, auf den Thron. Höchst wahrscheinlich wurde unter ihm Hesperis gegründet. Da er zu despotisch regierte, so wurde er etwa um 440 gestürzt, und der königlichen Herrschaft damit ein Ende gemacht. Sein Sohn Battus, der nach Hesperis floh, wurde dort ermordet, und sein Kopf ins Meer geworfen.

Unter der republikanischen Regierungsform erlebte Cyrene die höchste Blüthe und den grössten Wohlstand, obwohl es an inneren Zerwürfnissen nicht fehlte. So treten verschiedene Tyrannen auf, unter anderen Ariston und Nikokrates, um sich der höchsten Gewalt zu bemächtigen. Um alle inneren Streitigkeiten durch eine gute Gesetzgebung zu ebenen, wandten sich die Bewohner Cyrenes an Plato, und baten um Gesetze. Plato lehnte jedoch ab, ihr Gesetzgeber zu werden, weil es ihnen zu gut gehe: „Kein Mensch sei schwieriger zu beherrschen, als der, welcher sich einbilde, es ginge ihm gut, und Niemand sei leichter geneigt sich leiten zu lassen, als der vom Schicksal gebeugte.“ Alexander dem Grossen, als er Zeus Ammon besuchte, unterwarfen sie sich freiwillig und schickten ihm kostbare Geschenke. Nach seinem Tode, durch neue innere Streitigkeiten entzweit, wurden sie durch Ptolemaeus, dem Sohne des Lagos, Aegypten unterworfen, im Jahre 321 v. Chr., und das Land wurde nun nach den fünf Hauptstädten Pentapolitanien181genannt. Apion, Sohn von Ptolemaeus Physon, überliess dann mittelst Testament das Land an die Römer im Jahre 96, und im Jahre 67 wurde es mit Kreta zusammen zu einer Provinz formirt. Unter Constantin wurden sie getrennt, und Cyrenaica als eigne Provinz unter dem Namen Libya superior eingerichtet.

Als unter Trajans Regierung die Juden den grossen Aufstand machten, und 200,000 Römer und Cyrenaeer ermordeten, fing der Verfall Cyrenes an. Das römische Reich vermochte den wiederholten Einfällen der Barbaren keinen Widerstand entgegenzusetzen; dazu kamen Heuschrecken, Pest und Erdbeben, welche Leiden im fünften Jahrhundert von Bischof Sinesius beklagt wurden. 616 vernichtete dann der Perser Chosroes die schwache griechische Colonie der Art, dass die Araber, als sie 647 in Cyrenaica einfielen, kaum noch Widerstand fanden. Wie alle Länder, welche unter die Herrschaft des Islam kamen, fiel auch Cyrenaica unter den Arabern in einen vollkommenen Barbarismus zurück, und das Land wurde, vollkommen vernachlässigt, bald zu einer Wildniss. Seine neuere Geschichte ist denn eng mit der von Tripolis verknüpft, und als dies 1835 ein türkisches Paschalik wurde, fiel auch Cyrenaica unter die Herrschaft der Pforte, und wird jetzt als Kaimmakamlik unter dem Namen Barca zu Tripolitanien gerechnet.

Wie hoch einst Wissenschaft und Kunst in Cyrene blühten, geht aus der Zahl bedeutender Männer, welche182diese Stadt hervorbrachte, hervor: wir nennen nur Aristippus, den Gründer einer eigenen philosophischen Schule, sowie Cameades, ebenfalls Weltweiser, dann den Astronomen Eratosthenes, der sich besonders durch geographische Werke auszeichnete, und als Director der Bibliothek von Alexandrien starb. Endlich der Dichter Kallimachos, welcher von den Battiaden abstammte, und dann der berühmte Bischof von Ptolemais, der Redner und Schriftsteller Synesius.

Vor allem war uns jetzt daran gelegen, die Stadt selbst und die Necropolis kennen zu lernen, und die Hauptpunkte und Denkmäler zu fixiren für die Photographien.

Auf zwei Bergen gelegen, die nach Nordwesten hin abfallen, wird Cyrene mittelst eines Radius, welcher den Namen der Battus-Strasse hat, in zwei Theile getheilt. Nach allen Seiten hin von grossen Gräberstädten umgeben, ist zum Theil die Mauer, welche die eigentliche Stadt umgab, noch gut erhalten, und namentlich an der ganzen Südseite und im Osten bei einer durchschnittlichen Höhe von 4–5' und Breite von 6' ganz deutlich zu verfolgen. Betritt man von Osten die Stadt mittelst der Hauptstrasse, welche von Barca herführt, so hat man gleich rechts vom Thore die unordentlich durcheinandergeschmissenen Steinhaufen einer Kirche, dass es eine solche war, geht aus der Anordnung der noch vorhandenen Grundmauern hervor, obschon merkwürdigerweise183der Altar nach Westen gestanden zu haben scheint, oder aber zwei Hauptaltäre, einer im Osten und einer im Westen, vorhanden gewesen sein müssen. Verschiedene Spitzbögen, welche noch stehen, lassen erkennen, wie hoch der Schutt hier liegen muss, da eben nur die obersten Spitzen der Bogen herausgucken.

Wenden wir uns dann rechts zur östlichen Hälfte der Stadt, so stossen wir zuerst aufs Hippodrom, welches, die Rundung nach Süden habend, in gerader nördlicher Richtung erbaut ist. Die Sitze sind noch sehr gut erhalten, aber alles ist überwachsen, und in der Rennbahn selbst ist die Spina kaum zu erkennen, da der ganze innere Raum als Acker benutzt wird. Die Länge des Hippodroms beträgt heute circa 300 Schritte, die Breite circa 60 Schritte. Gleich westlich vom Hippodrom finden wir auf dem höchsten Punkte dieses Stadttheiles die Ruinen eines Tempels, der offenbar der ältesten Zeit angehört. Aus colossalen Steinen erbaut, haben die jetzigen Reste eine Länge von fast 90 Schritt auf 30 Schritt Breite. Von Westen nach Osten gelegen, hat der Tempel, wie durch die Nachgrabungen von Porcher und Smith jetzt zu Tage liegt, 17 Säulen auf der Längsseite und 8 Säulen auf der Breitseite, so dass 36 Säulen den Peristyl bilden. Durch zwei Säulen und zwei Mauervorsprünge kommt man von Osten in den Pronaos, der von der Cella durch zwei Mauervorsprünge, welche die Thür bilden, geschieden wird. An den Längsseiten in der Cella findet man184je zehn Piedestale, welche korinthische Säulen tragen, ganz östlich im Hintergrunde ist ein grosser cubischer Marmorblock, der wahrscheinlich die Bildsäule trug. Der Agisthodom ist von der Cella vollkommen durch eine Mauer geschieden, und ist nach Osten durch keine Mauervorsprünge, aber durch drei Säulen begrenzt. Die Säulen des Säulenganges haben wenigstens 6' Durchmesser gehabt, sind aber stark verwittert. Die Quadern des eigentlichen Tempelbaues sind colossal; es giebt Steine von 20 Schritt Länge und 8 Schritt Breite. Smith und Porcher, die hier die sorgfältigsten Ausgrabungen machten, fanden nichts, woraus man auf den Eigenthümer des Tempels hätte schliessen können. Der Eingang befindet sich, wie in allen Tempeln in Cyrene, auf der östlichen Hälfte. Wenn Barth hier auf der östlichen Hälfte Cyrenes die Acropolis vermuthete, so schloss er dies wohl nur aus den colossalen Quadern; wie wir aber später sehen werden, befand sich diese auf der westlichen Stadthälfte.

Ungefähr 300 Schritte nördlich von diesem Tempel finden wir die Ruinen eines anderen, etwas kleineren Tempels, welcher auf der höchsten Spitze dieses Stadttheiles erbaut war. Auch von Osten nach Westen erbaut und aus Pronaes und Cella bestehend, ist derselbe so vernichtet und zerstört, dass eine genauere Beschreibung unmöglich ist. Dieser Tempel hatte auch einen Peristyl, die Zahl der Säulen aber anzugeben, war mir nicht185möglich; die Säulen, von denen Bruchstücke überall umher lagen, waren dorischer Ordnung, sind aber so verwittert, dass man den Durchmesser nur muthmaassen kann.

Wenn wir die Battus-Strasse als die scheidende Linie für die zwei Stadthälften annehmen, so haben wir damit alles, was auf der östlichen Hälfte bemerkenswerthes zu Tage liegt, gesehen, und wenden uns nun zum westlichen Stadttheile, der ungleich reicher mit öffentlichen Gebäuden geziert war, überhaupt der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens gewesen ist, weil er die Apolloquellen, diesen ersten Besiedelungspunkt der alten Griechen, enthält.

Wenn wir wieder vom Ostthore der Stadt ausgehen und uns links wenden, sobald wir die von Norden nach Süden ziehende Strasse passirt, so kommen wir zuerst an zwei Ruinenhaufen, die, was die ursprüngliche Anlage anbetrifft, sehr wenig mehr zu erkennen übrig lassen; aber von den dort aufgefundenen Statuen, Bacchus und Venus, können wir schliessen, dass der östliche der Venus und der westliche dem Bacchus gewidmet waren. Diese und andere Statuen sind alle ins British-Museum gekommen. Wie denn überhaupt, seit Bourville, Smith, Porcher und Denys hier gegraben haben, ohne neue ausserordentliche Nachgrabungen nichts mehr zu finden ist, und die meisten Ruinen, die schon so sehr durch die Barbaren gelitten hatten, nun vollends dem Untergange186geweiht sind. Gleich westlich vom Orte, wo Bacchus gefunden wurde, ist ein Theater mit unverhältnissmässig breiten Sitzreihen und kleiner Cavea. Barth, der die Orchestra gemessen, giebt die Breite derselben auf 60' und die Tiefe auf 76' an, und meint, dass dies Theater nicht zu scenischen Darstellungen, sondern zu musikalischen Aufführungen gedient habe. Dicht an der Strasse gelegen, noch mehr nach Westen, stossen wir auf ein zweites grösseres Theater, mit doppelt so grosser Cavea, wie das eben beschriebene. Viele Säulen korinthischer Ordnung, die umherliegen, deuten darauf hin, dass die Sitzreihen mit einer Colonnade dieser Säulen umschlossen gewesen sind.

Südwestlich vom Bacchus-Tempel ist ein anderer grosser Ruinenhaufen, wo vor mehr als 50 Jahren Beechey den Torso eines römischen Kaisers vermuthete. Nachgrabungen, welche mehrere grosse Bäume blosslegten, liessen Porcher und Smith vermuthen, hier habe der Palast des römischen Gouverneurs gestanden. della Cella erwähnt hier einer Inschrift „Porticus cesarei“ und hält das Gebäude für ein Caesareum; Barth meint, dass hier in der römischen Zeit, vielleicht auch schon in der ptolemaeischen, ein Marktplatz gewesen sei. Porcher und Smith fanden hier, ausser einer weiblichen Statue, diejenige von Antoninus Pius und anderen römischen Kaisern.

187Circa 250 Schritt von der Battus-Strasse südlich, wenn man das grössere Theater hat liegen lassen, ist noch ein grosser Bau mit einer grossen Säulenhalle nach Nord gegen Ost, welches die Front gewesen ist. Die Säulenhalle, welche doppelt ist, lässt noch jetzt in der Reihe dreissig Säulenplätze erkennen. Das massive Gebäude dahinter zeigt eine Menge kleiner Zimmer von 6' Tiefe auf 4' Breite, und es ist wohl nicht unwahrscheinlich, dass hier die Verkaufshalle war.

Weiter nach Westen zugehend, finden wir uns auf circa 100 Schritt Entfernung von diesen Ruinen durch eine von Thürmen flankirte, von Norden nach Süden streichende Mauer aufgehalten. Beim uadi Bel Rhadir, welches südlich die ganze Westseite der Stadt begrenzt, mit einem starken Thurme anfangend, ist diese innere Mauer jedenfalls ein Theil der Acropolis, welche auf dem westlichen Hügel, als dem höchsten und wichtigsten, gelegen haben muss. Die Mauer hat eine durchschnittliche Dicke von 12' und ist an einigen Stellen über 20' hoch; Beecheys Ansicht, dass sie eine Wasserleitung gewesen sei, ist unhaltbar, da nirgends andere Baulichkeiten vorhanden sind, die das Wasser hätten herführen können. Auf der Spitze des westlichen Berges sind ausser einer grossen Masse von bequemen Steinen, welche bezeugen, dass auch hier alles bebaut war, keine weiteren hervorragenden Ruinen zu finden, und selbst von Ringmauern ist nach Westen und Süden, wo dieselben auch188kaum nothwendig waren, nichts zu erkennen; nach Norden zu, obschon auch da der Berg fast steil abfällt, scheint die Acropolis aber auch noch durch eine Mauer geschützt worden zu sein, wenigstens finden sich Spuren darin vor.

Wenn wir vom höchsten Punkte des westlichen Stadttheiles nach Nordwest gehen, so führt uns die Neigung von selbst auf das grosse Stadttheater, welches am Abhange des Berges selbst gebaut ist. Obgleich stark durchwachsen, sind nur wenige Sitzreihen ausser der Loge, überhaupt scheinen die meisten Theater wohl mehr durch die Natur, als durch Menschenhand zerstört zu sein. Hier hat nun wohl ein allgemeiner Rutsch stattgefunden, da Proscenium und Orchester, welche künstlich an dem unten steilen Berg hinaufgebaut waren, weggesunken sind. Aus dorischen Säulenüberresten ersieht man, dass diese nach aussen zu durch Säulen geschmückt gewesen sind. Das Koilon ist ungleichmässig durch ein Diagon geschieden, da der unteren Sitzreihen heute noch 30 (und früher wohl noch mehrere waren, weil in der ganzen Arena alles mit Schutt und Steinen angefüllt ist), während die obere Hälfte nur acht aufweist. 6 Treppen durchschneiden die zwei ein halb Fuss breiten Sitzreihen in gerader Linie von oben bis unten. Wenn auf diese Art die Zuschauer hauptsächlich von oben ins Theater gelangten, so scheint doch auch noch ein anderer Zugang zwischen Proscenium und Koilon von Osten her189existirt zu haben; vielleicht war gar ein von Osten kommender Durchgang, der jetzt verschüttet ist, vorhanden. Von den Sitzreihen des Theaters hat man die umfassendste Aussicht über die vorliegenden Plateaus hinweg bis zur See. Wie über eine Landkarte schweift der Blick über das Land bis nach Apollonia hin, und von hier sahen, wie Barth so schön sagt, die alten Cyrenen ihre Handelsschiffe heranschwimmen, und erfreuten sich des wunderbar gestalteten Terrassenlandes.Beechey, welcher dies Theater für ein Amphitheater hielten, weil allerdings das Koilon unverhältnissmässig gross und umfassend zum Proscenium ist, ist aber jedenfalls im Unrecht; denn war es schon eine Riesenarbeit, Proscenium und Scena künstlich zu erbauen an dem steilen Bergabhang, so wäre es selbst heute fast unmöglich, die andere Seite des Amphitheaters hier künstlich aufzubauen.

Vom Theater nach Osten schreitend, übergeht man eine Terrasse, und kommt an drei Bogengänge, die jetzt vermauert, ursprünglich offen gewesen sein mögen, oder nach Norden zu einen freien Umgang gehabt haben, der jetzt weggestürzt ist. Immer breiter werdend, dehnt sich die Terrasse da, wo sie an die nach Nordwesten laufende Battus-Strasse stösst, welche hier auch der natürlichen Spalte zwischen dem Ost- und West-Hügel der Stadt folgt, zu einer Plattform aus, welche den Apollo-Tempel trug.190Durch die Ausgrabungen von Porcher und Smith ist unwiderruflich festgestellt, dass der Tempel, welcher sich vis-à-vis der Quelle des Apollo befand, diesem Gotte selbst gewidmet war. Beechey hielt denselben, weil er eine, wie er glaubte, auf Diana bezügliche Inschrift22fand, und ausserdem eine weibliche Statue in sitzender Stellung, für der Diana geweiht. Aber schon die Lage bringt es mit sich, dass dieser Tempel dem Apollo gewidmet war, und zwei Inschriften, welche Porcher und Smith hier fanden, endlich die ausgezeichnet erhaltene Marmorstatue von Apollo cytharoedes23, welche sie ausgruben, und die gleichfalls in das British-Museum gekommen ist. Obgleich einige Piedestale der Säulen noch am Platze sind, so lässt sich doch trotz der Ausgrabungen nichts Bestimmtes über den Bau des Apollo-Tempels sagen. Wahrscheinlich war er in dorischer Ordnung errichtet, und hatte seine Richtung fast von West nach Ost. Er hatte nur Pronaes und Cella, und ein grosses191Piedestal in dem westlichen Theile der Cella lässt erkennen, dass der Eingang, wie übrigens in fast allen Tempeln in Cyrene, von Osten war.

Gegenüber dem Tempel nun haben wir gleich den berühmten Apolloquell, heute ain Schehed genannt, welcher einst die Veranlassung zur Gründung der Stadt Cyrene und der später so blühenden Colonie war. Aus einem senkrechten Fels hervorsprudelnd, bemerkt man oberhalb der Front einen Giebeleinschnitt, Beweis, dass hier einst der Quell mit einer Tempelfaçade geschmückt gewesen ist; und rechts an einem Felsvorsprung liest man die bekannte auf eine Renovirung der Quelle bezügliche Inschrift:

LΙΓΔΙΟΝΥΣΙΟΣΣΩΤΑΙΕΡΕΙΤΕΥΩΝΤΑΝΚΡΑΝΑΝΕΓΕΣΚΕΥΑΣΕ

LΙΓΔΙΟΝΥΣΙΟΣΣΩΤΑ

ΙΕΡΕΙΤΕΥΩΝΤΑΝΚΡΑΝΑΝ

ΕΓΕΣΚΕΥΑΣΕ

Von einem Bassin ausserhalb der Felswand kommt man in eine ziemlich geräumige Grotte, welche rechts eine geräumigere künstliche, und in zwei Abtheilungen getheilte Höhle hat. Ursprünglich waren dies wohl Zimmer für die Priester, jetzt sind sie verschlammt und zum Theil unter Wasser. Beechey fand darin die Bruchstücke von Altartischen mit Figuren. Von der Grotte aus kann man nach Süden zu die Quelle fast 700 Schritt weit verfolgen durch einen künstlich angelegten Gang, fast überall 5' hoch und 4' breit. Stellenweise findet man die Wände mit Namensinschriften bedeckt. Zuletzt wird der Gang so niedrig, dass man gehend nicht weiterkommen192kann, es ist auch wohl kaum anzunehmen, dass die Quelle noch bedeutend weiter nach Süden zu entspringt, da sie jedenfalls unter dem Höhenpunkt des westlichen Berges von Cyrene ihren Ursprung nimmt. Das Wasser der Quelle fanden wir zu 13°C. Dass aber die alten Einwohner nicht allein ihren Wasserbedarf, so reichlich und zulänglich auch die Apolloquelle ist, von hier hatten, geht aus der ungeheuren Cysterne hervor, welche man am südwestlichen Ende der Stadt antrifft. Aus drei nebeneinander gebauten Reservoirs bestehend, haben dieselben eine Länge von 260 Schritt auf eine Breite von c. 175 Schritten. Das eine Reservoir ist überwölbt mit Quadersteinen, welche fast alle mit Buchstaben und Zeichen bezeichnet sind, wahrscheinlich im Voraus, um sie später leichter zu vermauern. Zwei der Reservoirs scheinen keine Gewölbe gehabt zu haben, da die Trümmer oder Steine fehlen, womit sie gewölbt gewesen wären, und dies lehrt uns wohl, dass diese Cysternen erst in späterer Zeit angelegt, aber nicht vollendet worden sind. Auch einer anderen Quelle, welche gewiss in früherer Zeit von grosser Bedeutung war, müssen wir noch erwähnen, welche im uadi Bel Rhadir entspringt. Heute noch von den Einwohnern ain Krenah genannt, würde uns dies fast auf die Vermuthung führen, dass dies die Quelle Kyre gewesen sei, wo zuerst die alten Griechen ihre Ansiedelungen gemacht haben, wenn nicht der Apolloquell bedeutend193stärker an Wasser und so recht im Mittelpunkt der Stadt und der hauptsächlichen öffentlichen Gebäude gelegen wäre. Ain Krenah, welches offenbar von Cyre, Cyrene, hergeleitet ist, entspringt auch aus einer Grotte, hat künstliche Reservoirs und alte steinerne Wassercanäle, um das Wasser zu vertheilen. Ebenfalls aus einem steil abfallenden Felsen des uadi Bel Rhadir, welches sich am Südende der Stadt hinzieht, entspringend, ist dies der lieblichste und anmuthigste Punkt der Gegend. Vor der Quelle befindet sich eine geräumige Plattform, welche nach dem Abgrunde zu, den hier die malerische Schlucht bildet, von einer colossalen Quadermauer gestützt ist. Das ganze Thal hat die üppigste Vegetation und die Quelle selbst ist von Myrthen und Oleanderbäumen dicht beschattet.

Von ganz besonderem Interesse für den Forscher ist die unendliche Todtenstadt, welche nach allen Seiten hin die Stadt umgiebt. Die Zahl der freien Gräber und Sarkophage, die Zahl der Höhlen, welche Todtenkammern enthalten, ist so bedeutend, dass man glauben sollte, die Stadt sei nur von Todten bewohnt gewesen. Freilich ist nichts mehr unentweiht; kein Grab, keine Kammer, die nicht erbrochen wäre, und das, was die Hand der Barbaren unberührt gelassen hatte, als Inschriften und Malereien, ist von den letzten Reisenden fortgenommen und nach Paris und London gewandert. Und im Ganzen können wir auch nur zufrieden damit sein,194denn wenn Pacho, della Cella noch hie und da schöne Wandgemälde vorfanden, wer hätte für ihre Erhaltung garantirt!

Die vollendetsten Todtengewölbe und Grabkammern findet man am Nordabhange der Berge von Cyrene, auf dem Wege nach Apollonia und im uadi Bel Rhadir. Offenbar gaben ursprünglich bestehende Höhlen Veranlassung zu dieser Art Beerdigung. Wir finden hier die einfachsten Gräber, ohne jeglichen Schmuck, und die vollendetsten mit Tempelfaçaden, Vorkammern, Hauptgängen und Seitenkammern. Besonders grossartig, wenn auch nicht schön, sind die Katakomben am Nordabhange, von den Eingebornen Knissieh genannt. In dieser Räumlichkeit, wo wir später des Photographirens halber unsere Wohnung aufschlugen, ist sicher Platz für einige 1000 Leichen. Mehrere 100 Schritt weit ziehen sich die Grabkammern in das Innere des Felsens, und oft sind die Gräber so, dass man von einem aus in eine untere oder obere Etage kommt, und nun wieder eine ganze Gräberreihe vor sich hat. Aber auch hier ist alles durchwühlt, und kein Grab unbeschädigt; oft watet man Fusstief in Todtenstaub und zwischen Gerippen.

Die vollendetsten Gräber sind in Bel Rhadir; hier finden wir die meisten Façaden mit Säulen oder Halbsäulen geschmückt. Ein Grabmal auch in den lebendigen Fels getrieben, und zwischen dem Apolloquell und dem grossen Theater gelegen, dürfte vielleicht das195Grab des Battus gewesen sein; ein Marokkaner, welcher darin seine Wohnung genommen hatte, erlaubte uns leider den Zutritt nicht. Ganz recht hat Barth, wenn er sagt, es giebt auch auf Speculation gebaute Grabkammern, die vielleicht noch gar nicht benutzt wurden. In der That findet man an der Nordseite der Berge ganze Reihen solcher uniformen Gräber, inwendig vollkommen leer, ohne Deckel und meist Raum für je 6 Gräber habend, zwei hintereinander und drei übereinander. Die Form der Sarkophage ist eben so wechselvoll; vom einfachsten, wie man sie zu Tausenden an jedem zur Stadt führenden Wege findet, bis zum kunstvollsten, oft tempelartig ausgearbeiteten. Die Sitte des Verbrennens scheint nie in Cyrene geherrscht zu haben; wenigstens bemerkten wir nirgends Nischen zum Aufbewahren von Urnen; ebenso scheinen Särge aus Thon nicht benutzt worden zu sein; auch Grabaltäre hat man in Cyrene nicht gefunden, mit Ausnahme in der Knissieh, wo auch noch zwei hübsch verzierte Statuen liegen.

Während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes waren die Eingebornen recht freundlich gegen uns; sie brachten uns Ziegen, Honig, Milch und Butter zum Verkauf, und obgleich auch hier der photographische Apparat mit sehr misstrauischen Augen betrachtet wurde, störten sie uns doch nie bei unseren Arbeiten. Selbst Sidi Mustafa der Eukadem der Sauya der Snussi, welche ihre Gebäude seitwärts, dicht bei der Apolloquelle, erbaut haben, bot196uns seine Dienste an; sich uns selbst zu zeigen, hielt er sich aber zu heilig, und wir hatten auch keine Veranlassung, seine Nähe zu suchen. Das Wetter aber war während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes in der Stadt und Necropolis entsetzlich: kein Tag ohne Regen und Sturm, und des Morgens vor Sonnenaufgang so kalt, dass der Thermometer meist unter Null war. So mussten wir denn die Augenblicke zum Photographiren förmlich abstehlen, und oft wenn wir durch bodenlose Wege und über glatte Abhänge ans Ziel gekommen waren, nöthigte uns das Wetter zur schleunigsten Heimkehr ins Grab, wo ein loderndes Feuer unsere kalten Gliedmassen erwärmte. Trotzdem konnten wir von dieser berühmten Stadt über zwanzig Ansichten ermöglichen, welche dem, welcher mit den Schwierigkeiten, im Freien zu photographiren, und als Dunkelkammer nur ein wackliches Zelt zur Disposition zu haben, vertraut ist, gewiss genügend sein werden24. Leider gingen einige Glasplatten verloren.

Unsere Absicht von hier aus Apollonia zu besuchen, konnten wir des entsetzlichen Wetters wegen nicht ausführen, obgleich jener Ort nur circa 4 Stunden von Cyrene entfernt ist. Die steilen Bergabhänge waren aber durch den anhaltenden Winterregen für Kameele ganz unzugänglich197geworden. Aus gleichem Grunde mussten wir auch verzichten, nach dem etwas entfernteren Derna zu gehen; unser einziger offner Weg war aber der auf der Hochebene, rückwärts nach Bengasi. Ehe wir jedoch diese Reise antreten, werfen wir einen Gesammtüberblick über Cyrenaica.


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