Tripolitanien.

Und so auch hier, als es zur Zahlung kommen sollte im Jahre 1841, weigerte sich sowohl Rhuma als auch Abd el Djelil, die eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen, und es kam von Neuem zum Kriege. Obschon nun der Vortheil immer auf Seiten der Türken war,51welche eine wohldisciplinirte Truppe mit Feldartillerie versehen, den unregelmässigen Araber-Reitern entgegensetzen konnten, so war es doch schwer, der beiden Chefs habhaft zu werden: Das Terrain war diesen vollkommen bekannt, und überall zahlreiche Ausgänge und Schlupfwinkel, die den Türken gänzlich unbekannt waren, zudem zog Abd el Djelil bei irgend einer grösseren Gefahr sich einfach in die Wüste zurück, wohin die türkische Infanterie und Artillerie nicht folgen konnte.

Was indess die Pforte mit Gewalt nicht erreichen konnte: eine schnelle Unterwerfung des Landes mittelst der Waffen, erreichte sie mit List, und England lieh bereitwilligst seine Hand dazu. Im Jahre 1842 schlug der englische Generalconsul von Tripolis dem an der Syrte herumstreifenden Abd el Djelil eine Zusammenkunft am Ufer des Meeres in der Nähe von Mesurata vor, und dieser im Glauben, England wolle ihn unterstützen, wie es ihn früher in seiner Rebellion gegen Jussuf Caramanli unterstützt hatte, ging bereitwilligst auf den Vorschlag ein. Zu Abd el Djelil's Verwunderung unterhielt der Consul ihn nur von der Abschaffung des Sklavenhandels, versprach ihm aber auch, wenn Abd el Djelil offen den Sklavenhandel in Fesan unterdrücken würde, er der Unterstützung Englands sicher sein könne. Welche Versicherungen Abd el Djelil hierauf gegeben hat, sind wir nicht im Stande zu berichten, wohl aber wissen wir, dass Abd el Djelil gar nicht in seiner Macht hatte, den52Sklavenhandel in Fesan zu ersticken und dass dies dem englischen Consulate bekannt sein musste.—Kaum hatte er sich vom englischen Consul beurlaubt, als eine Armee Asker Pascha's, die heimlich herangerückt war, über sein Lager herfiel, ihn selbst gefangen nahm und alle seine Truppen auseinander sprengte. Abd el Djelil wurde enthauptet, und sein Kopf war mehrere Tage aufgepfählt auf dem Hauptthore Tripolis' zu sehen. Im selben Jahre und Monat Juli wurde Asker Pascha durch den Gouverneur Mehemmed Emin Pascha abgelöst. Fesan hatte sich gleich nach dem Tode Djelil's unterworfen, ebenso auch Rhadames und somit hatte der neue Gouverneur nur noch den letzten Rebellen Rhuma im Djebel zu bekämpfen. Auch dies wurde durch List bewerkstelligt, indem der Pascha mit Rhuma Unterhandlungen anfing, und ihn dann mit dem feierlichen Versprechen eines freien Geleites nach Tripolis einlud. Sobald aber Rhuma, welcher wirklich der Einladung folgte, in der Stadt war, wurde er gefangen genommen und nach Constantinopel geschickt. Als hierauf im Djebel seine treuen Anhänger revoltirten, wurde der General Ahmed Pascha mit einer Armee vom Gouverneur gegen sie abgeschickt, und als dieser am Fusse des Djebels angekommen, die Häuptlinge zu einer Besprechung einlud, liess er sie sämmtlich bei dieser Gelegenheit hinrichten. 60 blutige Häupter konnte er nach Tripolis schicken. Zitternd und schaudernd unterwarfen sich nach dieser That, im Mai531843, die Bewohner des Djebel. Die Türken errichteten dort einige Forts, legten darin Soldaten und Artillerie, um so für immer jede neue Revolte gleich im Keime ersticken zu können. Und so geschah es auch im folgenden Jahre, wo die Djebelbewohner unter Milud, einem alten Anhänger von Rhuma, noch einmal versuchten das Joch abzuschütteln. Nichts war seit dem Jahre 1845 mehr im Stande die Macht der Türken in Tripolitanien zu erschüttern, die ganze Regentschaft war ruhig und unterworfen.

Nach Mehemmed Emin Pascha wurden die Gouverneure nicht mehr so häufig gewechselt, erst 1846 wurde derselbe durch Ragut Pascha abgelöst. Und während früher die Besorgniss und das Misstrauen der Pforte so weit ging, dass den Gouverneuren nie gestattet wurde, Familie und Harem mit nach Tripolis zu nehmen, wurde auch dieses Verbot aufgehoben, und man fing an die Gouverneure meist 4 Jahre im Besitze ihres Amtes zu lassen. So notiren wir denn, 1848 im December den neuen Gouverneur Iset Pascha, im September 1852 Mustafa Nuri Pascha, im October 1855 Osman Pascha, 1859 Mahmud Pascha, welcher jetzt Marineminister ist, und welcher 1865 von Ali Riza Pascha, welcher heute noch functionirt, abgelöst wurde. Unter den Regierungen aller dieser Muschirs blieb das Land ruhig, Sicherheit4war überall, und Revolten scheinen auf immer54den unterjochten Bewohnern Tripolitaniens vergangen zu sein.

Unter der türkischen Regierung wird seit 1835 die Regentschaft Tripolis von einem Generalgouverneur, welcher den Titel Muschir hat, regiert. Man hat zu diesem Posten sowohl Leute aus dem Civilstande, als auch aus dem Militairstande genommen, und selbst aus der Marine hat man Admiräle schon als Gouverneure von Tripolitanien gesehen. Der Gouverneur kann nach Belieben der Pforte abberufen werden, und im Anfange der Eroberung machte das türkische Gouvernement oft genug Gebrauch davon, jetzt lässt man, wie schon gesagt, einen ein Mal installirten Muschir meist vier Jahre auf seinem Platze, was auch keineswegs, um sich mit allen Verhältnissen des Landes und der Bewohner bekannt zu machen, zu lange ist. Die Gewalt desselben ist heute nicht mehr eine unbeschränkte, das Recht über Leben und Tod steht ihm nicht zu, und in der Verwaltung der Provinz steht ihm die grosse Midjeles oder eine Rathsversammlung zur Seite. Dieser Rath umfasst die Personen der ersten55Aemter, als Richter, Militaircommandant, oberster Geistlicher u.s.w. Wegen des Muschir kann man über dies nach Constantinopel an's Ministerium oder an den Grossherrn selbst appelliren, was jedoch selten Jemand zu thun wagt. Der Muschir bezieht von Constantinopel sein bestimmtes Gehalt, welches übrigens je nach seinem anderen Range variirt, als Gouverneur soll er fünfzigtausend Francs Einkommen haben.

Das in Tripolis stationirte Militair steht unter einem selbständigen Commando, und der Oberst-Commandirende hat gewöhnlich den Rang eines Generallieutenants. Meist sind nicht mehr als 6000 Mann regelmässige Truppen vorhanden, Infanterie und Artillerie. Diese werden immer aus anderen Provinzen des Reiches hergezogen, während die in Tripolitanien ausgehobenen Truppen in den übrigen Theilen des Reiches zur Verwendung kommen. Während dem Muschir nicht zusteht in die innere Administration der Truppen einzugreifen, so hat er indess die Macht über ihre Garnisonirung, und im Falle von Revolten, ertheilt er den Befehl zum Marsch und Angriff. Die in Tripolitanien bestehende Bürgermiliz, wie die z.B. der Mschia5, wo jeder Mann geborner Soldat ist, dann die der Gensd'armen, Kavassen, Saptién u.s.w., stehen unter dem directen Befehl des Muschir's.

56Was die Finanzen anbetrifft, so werden sie unabhängig vom Muschir verwaltet, und stehen unter der Leitung des Mohasebdji oder Chasnadar, welcher von dem Finanzministerium in Constantinopel seine Bestallung erhält, und demselben die Einnahmen abzuliefern hat, ebenso ist auch die Douane unabhängig vom Generalgouvernement verwaltet.

Die Einkünfte von Tripolitanien sind nicht genau bekannt, indess bringt das Land reichlich soviel auf, als die Beamten und das dort stationirte Militair an Gehalt und Sold erfordern, und in den meisten Jahren kann noch ein hübscher Ueberschuss nach Constantinopel abgeliefert werden. Durchschnittlich kann man den Ueberschuss auf jährlich 600,000 Francs anschlagen. Im Kriege gegen Russland erhob die Pforte zudem eine Extracontribution von 2,608,700 Francs. Die Einkünfte gehen hervor aus den directen Abgaben, welche von allen Producten des Bodens erhoben werden, und der Judensteuer, welche den einzelnen Gliedern dieses Glaubens von ihrem Rharham-Baschi oder Gross-Rabiner zugemessen wird. So zahlt z.B. jeder Oelbaum und jede Palme 2½ Piaster (und wenn es eine Lakbi gebende Palme ist, 5 Piaster), jedes Kameel 40 Piaster, jedes Rind 20 Piaster, 10 Schafe; 40 und 20 Ziegen 40 Piaster jährlich. Dass hierbei viele Umgehungen stattfinden, ist schon an anderen Orten erwähnt worden.

57Die indirecten Abgaben, welche meist vom Gouvernement als Monopol dem Meistbietenden zugeschlagen werden, gehen hervor aus der Douane, die 5 Proc. Eingangszoll und 12 Proc. Ausgangszoll erhebt, aus dem Rechte Spirituosen zu machen und zu verkaufen, aus der Stempelung des Goldes und Silbers, welches, gleichviel ob alt oder neu, verarbeitet oder roh, geaicht sein muss, aus der öffentlichen Wage, da alle Sachen, welche en gros verkauft werden, durch einen Amin gewogen werden müssen; aus dem Fischertrage, indem alle Fische, welche auf den Markt gebracht werden, 8 Proc. ihres Werthes abgeben müssen; aus dem Fleische, welches ein Pächter sowohl der Armee zu einem im Voraus bestimmten Preise das ganze Jahr liefern muss, als er auch ausserdem von jedem Schafe 2½ Piaster und von jedem Rinde etwa 10–17½ Piaster, je nach der Grösse beim Schlachten geben muss, endlich aus dem Tabacks-Monopole und der Hara, d.h. das Vorrecht, den Dünger und die Unreinlichkeit aus den Städten zu schaffen. Dass die Einnahmen der indirecten Abgaben gar nicht gering sind, geht aus einer vom holländischen Generalconsul v. Testa zusammengestellten Tabelle vom Jahre 1851/1852 hervor, nach welcher die gesammten eben aufgeführten Monopole die Summe von 1,352,000 Francs für's Gouvernement ergeben. Zugleich ersehen wir aus denselben, dass die Einkünfte, folglich der Reichthum von Tripolitanien von Jahr zu Jahr zunehmen. Das eben58Angeführte gilt für alle Städte und Orte, nur mit dem Unterschiede, dass die Grösse der erhobenen Abgaben, je nach dem Gouverneur oder Kaimmakam oder Mudir wechselt, indem zwar in den Liva auch die Finanzen nicht direct unter dem Kaimmakam stehen, derselbe aber in der Regel mit dem Kateb el mel oder Zahlmeister, welcher die Einnahmen unter sich hat, im Bündnisse ist. Ausserdem werden in den verschiedenen Liva noch andere Abgaben erhoben, so liess sich z.B. im Jahre 1865 der Kaimmakam von Fesan für jeden durchziehenden Sklaven ein Kopfgeld von 40 Piaster zahlen und erlaubte seinem Kavass-Bascha oder Polizeidirector am Thore noch 5 Piaster für jeden durchziehenden Sklaven zu erheben. Bewaffnete Araber mussten für eine Flinte am Thore auch 2 Piaster zahlen und dieser Brauch ist in Tripolis selbst auch, wenn wir nicht irren.

Die Exportation von ganz Tripolitanien kann man durchschnittlich jetzt im Werthe von 10–12 Millionen veranschlagen, die der Importation im Werthe von 5–6 Millionen, was eine Gesammtsumme von 15–18 Millionen Francs ergiebt. Mircher, der für die Stadt Tripolis die Gesammtsumme von 5,500,000 Francs angiebt, ist viel zu niedrig in seiner Schätzung. Dann sind aber auch die anderen Städte, wie Mezurata, Bengasi und Derna gar nicht bei ihm in Betracht gezogen.

Die Rechnung und das Geld in Tripolitanien sind jetzt eben so wie im übrigen türkischen Reiche. Die kleinste59Münze ist der Para, die jedoch bloss noch imaginär existirt, man findet dann zehn Para-Stücke, Bu-Aschra- und zwanzig Para-Stücke, Bu-Aschrin genannt. Zwei Bu-Aschrin machen den türkischen Piaster und fünf Bu-Aschrin einen tripolitanischen Girsch (Groschen), 6 Bu-Aschrin nennt man Sbili. Es existiren auch einzelne Girsch und Sbili-Stücke. 10 Bu-Aschrin werden Baschlik genannt und solche Stücke existiren auch. 40 Bu-Aschrin oder 20 constantinopolitanische Piaster machen den Mahbub, solche Stücke existiren als Silbermünze. Als Goldmünze kommen 5 Mahbub-Stücke und 1 Mahbub-Stücke vor. Man sieht sie indess selten.

Die Scheidemünzen, Bu-Aschrin, Sbili und Baschlik sind alle von schlechter Alliage, die Mahbub-Stücke haben denselben Silbergehalt wie die französischen Silbermünzen.

Englisches und französisches Gold und Silber wird überall zu voll angenommen, am allgemeinsten ist jedoch der Maria-Theresien-Thaler verbreitet.

Als Gewicht dienen die Oka und das Rotol von Tripolis. Eine Oka hat 2½ Rotol und 100 Rotol bilden einen Cantar (Quintal), der also 40 Oka hat. Das Rotol wird in 16 Okia oder Unzen untergetheilt.

Beim Längenmass bedient man sich der türkischen Pic, eine Pic ist gleich einer Brabanter Elle und 1½ Pic gleich einem Meter und 1-1/3 Pic gleich 1 Yard.

60Zum Kornmessen bedient man sich der Marta, wovon 15 Eine Ueba bilden. Zwei Marta sind gleich einem türkischen Kilo und 280 Kilo entsprechen 100 Hectolitres oder 83 Kilo = 1 Last.

Das Mass für Flüssigkeiten ist die Jarre, welche 6-1/8 Caraffa hat. Eine Jarre entspricht 10-2/3 Litres.

Die Gerechtigkeitspflege in Tripolitanien wird von einem Kadhi besorgt, welcher vom Schich ul Islam in Constantinopel ernannt wird. Dieser Kadhi hat das Recht, die anderen Kadhi der Provinzialstädte zu ernennen, welche officiell den Titel Naïb haben. In grösseren Sachen und namentlich wo Türken mit betheiligt sind, wird überall nach hanefischer Form Recht gesprochen, während alle Fälle zwischen Arabern, welche dem malekitischen Ritus anhängen, diesem gemäss entschieden werden. Ausserdem giebt es in allen grösseren Städten und Orten Adulen, welche eine Art von Rechtsgelehrten sind und auch Vollmachten und Schriften ausfertigen können, welche notarielle Kraft haben. Für Criminalfälle wird ein vom Muschir präsidirtes Medjeles thakik zusammengesetzt, das jedoch die Strafe des Todes nicht aussprechen kann. Ein anderes Medjeles tedjaret besorgt streitige Fragen in Handelsangelegenheiten, die angesehendsten eingebornen Kaufleute sind Beisitzer und wenn die Streitfrage zwischen einem Eingebornen und einem europäischen Kaufmann stattfindet, so sind im Medjeles tedjaret, auch europäische Kaufleute als Beisitzer.61Die in Tripolitanien ansässigen Europäer sind nur richtbar von ihren resp. Consulaten. Kommen aber Fälle vor, wo Europäer mit Eingebornen Händel oder Zwistigkeiten haben, so wird in der Regel die Entscheidung dem Richter anheimgegeben, der desBeklagtenObrigkeit ist. Sucht also ein Eingeborner Recht gegen einen Europäer, so muss er sein Recht beim Consul holen, hat hingegen ein Europäer eine Klage gegen einen Eingebornen, so muss er beim mohammedanischen Kadhi sein Recht suchen, dass Letzterer, da er fast immer vom Consul unterstützt wird, meist im Vortheil ist, wird einleuchtend sein, wenigstens in den meisten Fällen, wo der Europäer Kläger ist.

Bei der mangelhaften Kenntniss des Bodens von Tripolitanien, kann es uns nicht einfallen hier eine allgemeine physicalische Geographie des Landes geben zu wollen, wir beschränken uns auf statistische Angaben und führen nur an, dass der Raum von der ganzen Regentschaft wenigstens so gross wie ganz Deutschland ist, falls man Wüste dazu rechnet. In der That ist aber auch der grösste Theil des Bodens Sherir, Hammada, Sand oder steiniges jeder Vegetation bares Gebirgsland. Dieses im Süden hauptsächlich in den Schwarzen Bergen und dem Harudj vertreten, streift von Westen nach Osten seiner Hauptrichtung nach. Durch eine Hochebene vom Djebel, den man versucht wäre den östlichsten, letzten Ausläufer des Atlas zu nennen, finden wir dies Gebirge62mit Humus und rothen Thon, folglich mit Vegetation bedeckt. Von diesem nördlich gelegen besteht die Ebene bis am Mittelländischen Meere aus Alluvialboden, ebenso scheint es mit dem Boden um die grosse Syrte zu sein, denn Sebchaboden allein würde schwerlich so gute Weiden haben, wie sie dort nach den Aussagen der Nomaden sein sollen. Allerdings ist die Stadt Tripolis gleich hinter den Palmgärten von Sanddünen umgeben, indess bilden diese Sandanhäufungen nur einen einige Stunden breiten Gürtel, dahinter hat man bis an's Gebirge Tel-Formation, den fruchtbarsten Boden. Nach Süden zu erstreckt sich dann der ackerbare Boden selbst noch über die Berge hin hinaus; im ued Sufedjin wird alle Jahre noch geackert, nach Westen geht der Tel in den Tunesischen über, nach Osten zu über das in's Meer stürzende Gebirge hinweg, nach Mesurata und dem Ufer der Syrte zu.

Eigentliche Flüsse sind in ganz Tripolitanien nicht vorhanden. Die bekanntesten sind die von Südwesten nach Nordosten in die grosse Syrte fliessenden ued Sufedjin und ued Semsem. Der Sufedjin bekömmt zum Theil seine Zuflüsse vom Südrande des Djebel, zum Theil aus dem Rande der Hammada el hamra, aus letzterer und dem Harudj-Gebirge entspringt der Semsem. Der ued el Cheil, später im unteren Laufe ued el Bei genannt, wäre noch zu erwähnen, und wahrscheinlich sind in der sogenannten Syrtenwüste noch längere Flussläufe,63von denen wir hier nur den Harana und Schegga nennen.

Die in der Wüste vorkommenden uadi, von denen ich in Fesan das Schati, das uadi schirgi und u. rharbi anführe, möchte ich kaum als solche bezeichnen, sondern sie wie das von Gatron eher als Depression ohne bestimmte Abdachung annehmen. Cyrenaica, welches obschon politisch zu Tripolitanien gehörend, ein Land für sich bildet, soll später besonders beschrieben werden. An Mineralien hat bis jetzt nichts in der Regentschaft entdeckt werden können, mit Ausnahme einer ergiebigen Schwefelmine6an der grossen Syrtenküste, dessen Ausbeutung jedoch vom türkischen Gouvernement untersagt wurde. Natron-Sebcha giebt es in Fesan und zum Theil hat sich das Natron einen Weg bis Tripolis gebahnt, von wo es bisweilen exportit wird. Eben so giebt es einige Salpeterminen, die aber auch noch nicht ausgebeutet sind.

64Die Pflanzenwelt ist reich und könnte, bei besserer Bearbeitung des Bodens das Land mit allen anderen an der Nordküste von Afrika concurriren machen. Natürlich ist dieselbe, je nach dem Boden sehr verschieden. Während in den Oasen der Wüste die Producte der heissen Zone Indigo und die Sudan-Kornarten vortrefflich gedeihen, auf den Bergen und Hochebenen die Früchte und Kornarten der kalten gemässigten Zone gezogen werden können, kommen in den Ebenen am Meere und den nördlichen Bergabhängen alle Früchte, Getreide und Gemüse des gemässigten Klima's trefflich fort. Der Dattelreichthum des Landes, sowohl die der Oasen, wie die der Küstenstriche, ist unerschöpflich. Orangen, Citronen sind in all' den verschiedenen Arten vorhanden und namentlich hat die Blutorange und die feine Mandarinorange sich Bahn auf europäische Märkte gebrochen. Die Weintrauben und Feigen des Djebel sind von vorzüglicher Güte und wenn die Cultur des Oelbaums hinter der von Tunis zurücksteht, so ist der Umstand Schuld, dass in Cyrenaica, wo dieser Baum so herrlich gedeiht, dieselbe derart vernachlässigt oder vielmehr ganz aufgegeben ist, dass dort die Oelbäume nur noch verwildert vorkommen. Baumwolle und Taback kann überall producirt werden, wird aber bis jetzt nur sporadisch gebaut; Ueberschuss zur Ausfuhr giebt nur der Getreidebau, obschon wie überall die Bestellung der Aecker durch die Araber auf die primitivste Art geschieht;65von Kornarten wird nur Weizen und Gerste gebaut. Die Gemüse, welche in Europa gezüchtet werden, gedeihen auch in Tripolitanien und wenn die Communication geregelter wäre, könnte im Winter von Tripolis aus der europäische Markt ebenso gut mit Gemüse versorgt werden, wie es jetzt von Algerien aus geschieht. Von den wildwachsenden Pflanzen hat man bis jetzt nur eine Geraniumart benutzt zur Bereitung von Essenz, die überall und massenhaft wachsende Artemisia könnte auf gleiche Weise mit Vortheil benutzt werden.

Das Thierreich ist ebenso mannigfach. Die Pferde, meistens Grauschimmel und von mittlerer Grösse, sind eine durch Berber- und Araber-Pferde hervorgebrachte Kreuzung. Ausdauernd und schnell in ihren Bewegungen, sind sie meistens ohne Tücke und zum Reiten vortrefflich geeignet. Die Tripolitaner Esel, obschon nicht gross, sind berühmt. Das Rind ist kleiner Art, milcharm, aber so reichlich vorhanden, dass davon exportirt werden kann. Die Schafe sind alle Fettschwänze, und haben eine ausgezeichnete Wolle, in die Oasen versetzt, verlieren sie diese jedoch im zweiten Jahre; die Ziegen sind ebenfalls klein und milcharm, von beiden sind aber auch so grosse Heerden vorhanden, dass davon exportirt werden kann, überdies kommt die Wolle auch auf europäische Märkte. Das Kameel, ebenfalls durch die ganze Regentschaft verbreitet, ist das aus Arabien eingeführte einhöckrige. Andere Hausthiere und Geflügel66sind dieselben wie in Europa. Von wilden Thieren nennen wir die verschiedenen Antilopenarten, auch überall verbreitet, Kaninchen, Hasen, Hyänen, Schakal, Füchse, wilde Katzen, Lynxe, Ratten, Springratten, Stachelschweine und wilde Schweine. Löwen und Panther kommennirgendsin Tripolitanien vor. Unter den Vögeln heben wir hervor: Adler, Falken, Fledermäuse, Eulen, Raben, Stieglitze, Sperlinge, Nachtigallen, Canarienvögel, Schwalben, Tauben verschiedener Art, Enten, Gänse, Schnepfen, Rebhühner, Wachteln, Bachstelzen, Flamingos und vor allen den Strauss. Schildkröten verschiedener Art findet man in der Djefara, Eidechsen, Schlangen, oft wie die Hornviper, sehr giftig, aber meist kleiner Art, Scorpione und Spinnen, von welcher letzteren eine in der Wüste vorkommende sehr grosse Art zu erwähnen ist, kommen überall vor. Heuschrecken, welche oft zur Landplage werden, andererseits als Nahrung dienen, sind von verschiedenen Arten heimisch, Bienen sind im wilden Zustande, namentlich in den bewaldeten Bergen, Libellen trifft man überall, auch an den Quellen in den Oasen, Stechmücken, Fliegen in unaussprechlicher Zahl, Pferdebremsen, kriechende und hüpfende, den Menschen anhaftende Parasiten sind sehr verbreitet. Zu bemerken ist übrigens, dass der Floh die Region der Wüste, wo es nicht regnet, meidet. In den Sümpfen und den meisten Quellen, selbst die der Oasen nicht ausgenommen, findet sich der Blutigel. In67Fesan ist noch im Behar el daud ein Wurm zu nennen, den die Eingebornen essen.

Was die Bewohner von Tripolitanien anbetrifft, deren Gesammtzahl einigermassen genau zu bestimmen, äusserst schwierig ist, so müssen wir vor allen drei Hauptvölker unterscheiden: Araber, Berber und in Fesan Mischlinge. Die Araber bewohnen die Städte, grossen Ebenen und die Cyrenaica, die Berber finden wir im Djebel, Rhadames, Sokna und Audjila und die Mischlinge, hervorgegangen aus einer Kreuzung von Türken, Arabern, Berbern, Tebu und anderen Negerstämmen, bewohnen das Kaimmakamlik Fesan. Die wenigen Türken, welche in Tripolitanien sind, kommen kaum in Betracht, zudem sind die Truppen oft keine Türken, sondern häufig Araber aus Syrien; oft Albanesen, Tscherkessen, je nachdem sie aus der einen oder anderen Provinz kommen. Ganz unstatthaft ist es aber, wie die meisten Schriftsteller thun wollen, die Städtebewohner unter dem Namen Mauren als ein besonderes Volk hinstellen zu wollen. Der Name „Mauren oder Mohren“, kam für die Städtebewohner des nördlichen Afrika's zuerst auf, nach der spanischen Vertreibung, weil die Spanier gewohnt gewesen waren, die Eindringlinge als aus Mauritanien kommend, den Namen los Moros zu geben. Aber diese nach Spanien übergewanderten Mauritanier waren Berber und Araber, Städte- und Landbewohner, vor und nach der Einwanderung und Vertreibung der Mohammedaner68aus Spanien, gab es in Nordafrika wie in Arabien Stadt- und Landbewohner, aber diese Stadtbewohner immer als eine besondere Abart mit dem Namen Moros, Maures, Mohren, den sieselbst gar nicht kennen, bezeichnen zu wollen, ist ebenso lächerlich, als wolle man bei uns z.B. sagen, die Einwohner von Berlin sind keine Deutsche oder Preussen, sondern Brandenburger. Wir müssen daher nochmal darauf aufmerksam machen, dass nicht nur die Bewohner von Tripolis, sondern die aller Küstenstädte bis Tanger an der Strasse von Gibraltar sich selbst Araber nennen und zum grössten Theile sind; wenn man aber darauf besteht sie Mohren nennen zu wollen, man diesen Ausdruck mit demselben Rechte auf alle Bewohner, welche das ehemalige Mauritanien bewohnen, ausdehnen kann, einerlei, ob es Stadt- oder Landbewohner, Berber oder Araber sind, denn Mohren oder Mauren als besonderes Volk hat es nie gegeben. Als eigenes Volk müssen wir noch die Juden, wenn auch nahe verwandt mit den Arabern, hervorheben, man trifft sie mit Ausnahme der Oasen, überall in den Städten und selbst im Djebel giebt es Judenniederlassungen. Ebenso falsch ist es unter „Beduinen“ einbesonderesVolk annehmen zu wollen. Der Name Beduine von Bedui hergeleitet, hat nur das Wandernde in sich, will aber keineswegs bedeuten, ob dies nur ein wanderndes Berber- oder Araber-Volk sei. Im Rharb oder im Westen von Afrika kennt man überdies diesen Ausdruck gar nicht. Ausserdem giebt es69Schwarze aus dem ganzen Innern von Afrika, nirgends aber haben sie sich zu einer besonderen Gemeinde zusammen gethan, wenn man nicht die kleinen Hüttendörfer nennen will, welche man unter den Mauern von Tripolis und Bengasi findet und die meistens von Negern bewohnt sind; es ist dies aber meistens der Auswurf von weggelaufenen Sklaven und Sklavinnen und auch weisse Vagabonden finden sich unter ihnen.

Wir werden nicht zu tief greifen, wenn wir die Gesammtbevölkerung von Tripolitanien auf 1 Million Menschen anschlagen.7Della Cella schätzte sie auf 650,000 Seelen. Wenn man aber bedenkt, dass die Zunahme der Bevölkerung in den mohammedanischen Staaten überhaupt nicht in dem wachsenden Maasse vor sich geht wie in den christlichen Staaten, andererseits Pest und Krieg in Anbetracht zieht, welche zehn Jahre das Land verwüstet haben, so wird man finden, dass die Zahl nicht zu niedrig ist.

Die Bewohner Tripolitaniens sind sesshaft und umherziehend. Diese, welche entweder in grösseren Städten, die sämmtlich an den Küsten gelegen sind, wohnen, oder in kleineren Orten, in von Stein und Thon erbauten Häusern, oder aber wie im Djebel, in unterirdischen Höhlen, oder wie in manchen Oasen in aus Palmenzweigen gebauten Hütten, leben von Handel, Industrie, Manufactur,70Gartenbau und dem Acker. Die Nomaden, sämmtlich aus Arabern bestehend, wohnen in Zelten entweder einzeln oder zu einem Fareg oder Duar, d.h. Zeltdorfe vereinigt. Die Zelte bestehen meistens aus einem Gewebe von Ziegenhaar oft mit Kameelhaar untermischt und je nach dem Stamme sind sie verschieden geformt und haben sie verschiedene Abzeichen und Farben im Gewebe. Die Nomaden leben hauptsächlich von Viehzucht, treiben aber auch Ackerbau. Der Kreis ihrer Züge ist überhaupt ein beschränkter, nicht jeder Stamm kann mit seinen Heerden hingehen, wohin er will, von Alters her haben sie nach Uebereinkommen ihre bestimmten Grenzen unter sich, welche nicht übertreten werden. Aber eben da dies Alles nur auf Uebereinkommen und Herkommen beruht, brechen darüber oft Streitigkeiten aus, welche zu Krieg zwischen den Triben anwachsen. Obschon die Polygamie erlaubt ist, so sind doch fast alle Tripolitaner, selbst die Städtebewohner Monogamen. Das was man über die Stellung der Frauen bei den Arabern und Berbern im Allgemeinen gesagt hat, ist auch hier in Tripolitanien ebenso falsch und beruht auf oberflächlicher Beobachtung der Sitten. Die Frau hat allerdings nicht die hohe und berechtigte Stellung, welche sie in der christlichen Welt einnimmt, welche Stellung zum Theil durch den Mariencultus der katholischen und griechischen Kirche hergekommen, zum Theil in den Anschauungen unserer eigenen heidnischen Vorführen begründet71ist, indess ist sie doch keineswegs so unterdrückt, wie man nach den Beschreibungen der meisten Reisenden vermuthen sollte. Dass die Frau das Mehl reibt oder mahlt, dass sie Brod bäckt, dass sie die Basina und den Kuskussu zubereitet, endlich das nöthige Wasser für die Familie herbeiholt, wenn oft auf grosse Entfernungen, finde ich ganz natürlich; was aber die schwere Arbeit anbetrifft, der Ackerbau, die Ernte, die Viehzucht, so sehen wir damit ausschliesslich die Männer beschäftigt. Ebenso ist es in den Städten, die Maurerarbeiten, Tischler, Schlosser, Schmiede und überhaupt alle Handwerke werden von den Männern wie bei uns betrieben, während der Frau die häuslichen Arbeiten zufallen. Nur als besonders muss ich hervorheben, dass die Töpferarbeit in Fesan eine Frauenbeschäftigung ist. Dass aber im Allgemeinen die Frau bei den ansässigen, wie nomadisirenden Tripolitanern ebenso das Regiment führt wie bei uns, wird Jedem, der Gelegenheit gehabt hat, in mohammedanischen Familien eingeführt gewesen zu sein, bekannt sein.

Von Natur sind die Tripolitaner, sowohl Berber als Araber, kriegerisch und stehen in dieser Beziehung keineswegs hinter den Algerinern, den tapfersten von allen an der Nordküste von Afrika zurück. Die eiserne Hand der Türken hat sie aber zahm gemacht, so dass jetzt vollkommene Ruhe und Sicherheit im Lande ist, nur in der sogenannten grossen Syrtewüste und in dem Hochlande72von Cyrenaica, wo die Herrschaft der Türken noch nicht so sicher etablirt ist, würde es für einen einzelnen Wanderer gefahrlich sein. In früheren Zeiten bedeutend fanatischer, wie man aus dem Reiseberichte von Lyons und später dem von Beechey, ersehen kann, hat auch in dieser Beziehung die Herrschaft der Türken, welche ja die duldsamsten von allen Mohammedanern sind, eine grosse Veränderung hervorgerufen. Die Tripolitaner sind heutzutage, die Rhadamser und Barkenser vielleicht ausgenommen, die duldsamsten Leute geworden. Namentlich in den Städten und dies gilt besonders von Tripolis, sind die alten Vorurtheile gegen Christen und Juden geschwunden. Die Mohammedaner huldigen in ganz Tripolitanien dem malekitischen Ritus, welcher auch offenbar für Nomadenvölker der bequemste ist. Malek gewährt den Leuten, welche nach seiner Weise beten, manche kleine Begünstigungen, so z.B. brauchen die Reisenden beim Gebet die Sandalen nicht abzubinden (Schuhe müssen jedoch ausgezogen werden) und da dies immer ein umständliches Zeit raubendes Geschäft ist, so sind ihm die Wüstensöhne dafür sehr dankbar. Dass übrigens von malekitischen oder hanbalitischen etc. Moscheen in Tripolitanien so wenig die Rede ist, wie anderwärts, brauche ich wohl kaum zu sagen. Hanbalitische—, Moscheen als Solche giebt es nicht. Alle vier rechten Religionssecten können in einer und derselben Moschee beten, ohne Unterscheidung und Unterbrechung hervorzurufen.73So beruht beim Beten der einzige Unterschied zwischen dem Hanefi und Maleki beispielsweise darin, dass erstere die Arme kreuzen, letztere, nachdem Allahou akbar gerufen, herabhängen lassen. So kommt es denn oft genug vor, dass der Vorbeter Hanefisch betet und alle Nachbeter Malekitisch das Gebet vollziehen und umgekehrt. Nur die Chomis oder nicht den vier rechtgläubigen Secten angehörenden Mohammedaner werden in keiner Moschee geduldet. An religiösen Gemeinschaften giebt es in Tripolitanien hauptsächlich drei, die Anhänger Mulei Thaib's, die Mádani oder Anhänger Mohammed el Mádani und die Anhänger Snussi's.

Mulei Thaib, welcher sein Grab in Uezan in Marokko hat, wo er auch lebte und wirkte, hat die über ganz Afrika weitverbreitetste Brüderschaft gegründet. Aus dem Hause der Schürfa und directer Abkömmling von Mulei Edris, dem Gründer von Fes, stiftete ein anderer seiner Ahnen Mulei Abd Allah Scherif die berühmte Sauya von Uezan und zugleich auch einen Orden, der heute noch sehr zahlreich und berühmt in Marokko ist. Mulei Thaib, Abkömmling des Mulei Abd Allah Scherif, nicht zufrieden mit der localen Ausdehnung, erneuerte den Orden und gab ihm die grosse Ausdehnung, die er jetzt noch hat. In Marokko und Algerien sind die Klöster und Mkaddem8Mulei Thaib's unzählig, in Tripolitanien74gehören nur die Rhadamser der Confraterschaft Thaib's an, weiter nach Osten hat er nur noch einzelne Mitglieder9.

Die Anhänger von Mohammed el Mádani sind wenig zahlreich; in diesem Orden sind fast nur gebildete Leute. Die Mitglieder dieser Innung sind ausschliesslich in Tripolitanien und einigen Ortschaften in Aegypten und Tunis. Ihr Gründer war ein Wahabite aus Arabien Namens Sidi el Arbi, flüchtig von seinem Vaterlande, zog er nach Fes und wollte eben seine neue Lehre dort begründen als er starb; einer seiner Jünger Mohammed el Mádani (d.h. der aus Medina gebürtige) setzte sein Werk fort und stiftete den Orden der Mádani. Aber auch in Fes wurde dieser freisinnige Orden nicht geduldet, ebenso wenig in Algerien, wo er sich im Jahre 1829 befand; gleichfalls von Tunis vertrieben, liess er sich in Mesurata in Tripolitanien nieder und konnte hier ungestört lehren und für die Ausbreitung seiner religiösen Innung sorgen. Von der eigentlichen Lehre der Wahabiten gänzlich abweichend, glauben sie an ein göttliches Wesen und an einen Rapport des Menschen mit Gott mittelst des Gebetes und einer sinnigen Betrachtung, die Einheit Gottes, die Unsterblichkeit der Seele, Strafe und Belohnung im zukünftigen Leben, ist die Basis ihrer Lehre und da dies75zugleich die Grundlagen der drei semitischen Religionen sind, so schliessen sie die Christen und Juden als befähigt in's Paradies zu kommen, nicht aus. Ohne Fanatismus predigen sie die Brüderlichkeit und Toleranz und obgleich auch sie auf Formen und Cultus halten, ist dies bei ihnen Nebensache und nicht unbedingt nothwendig, um eine Vereinigung mit Gott im jenseitigen Leben zu erzielen.

Ganz das Gegentheil dieser vielleicht tolerantesten10von allen Mohammedanern wurde im Anfange der vierziger Jahre die Brüderschaft der Snussi gegründet. Si Mohammed Snussi in Tlemçen geboren, verliess vom glühendsten Hasse gegen die Franzosen und Christen sein Geburtsland und begab sich nach Fes, um dort auf der Hochschule von Karuin die Kenntnisse zu erwerben, welche er für nothwendig hielt einen Orden zu gründen, welcher hauptsächlich die immer mehr um sich greifenden Ideen und Gebräuche der Christen unter den Mohammedanern bekämpfen sollte. Nach einigen Jahren Aufenthaltes in Fesan und da er sah, dass dort die Gründung eines neuen Ordens, den anderen dort schon existirenden gegenüber keine Aussicht auf Erfolg haben würde, besonders da Si Mohammed kein Scherif, sondern bloss ein Thaleb war,76ging er nach Mekka, um seinen Ruf der Heiligkeit zu vermehren. Er schlug den Landweg ein durch die Wüste und berührte hiebei Barca und die Uah-Oasen. Frappirt von der Religionslosigkeit der dortigen Eingebornen, die blos dem Namen nach Mohammedaner waren, ersah er sogleich, dass hier die Gegend sei, wo er die Stiftung seines Ordens vornehmen müsse. Seinen Vorsatz nach Mekka führte er aus und ging dann nach Constantinopel, um sich einen Firman zu erwirken, damit die Localbehörden seinem Unternehmen keine Schwierigkeiten in den Weg legten. Nachdem er diesen erlangt hatte, kehrte er zurück und legte in Sarabub, dem westlichsten Theile der Jupiter-Ammonsoase eine Sauya an. Obgleich er nie den Zweck aus dem Auge verlor, die christlichen Ideen zu bekämpfen, war sein Hauptaugenmerk darauf gerichtet Filialsauya zu errichten, der Kreis seiner Anhänger vermehrte sich, Barca ist ganz dem Snussi unterworfen, ebenso Audjila und Djalo, in Kufra wurde ein neuer Ort gegründet und in Uadai, wohin sein Sohn selbst eine Reise machte, der Orden der Snussi als allein berechtigt, eingeführt, Kauar und Fesan halten ebenfalls zu den Gebräuchen der Snussi, aber im eigentlichen Tripolitanien wurde sein Orden nicht ausgebreitet, eine in Rhadames gestiftete Sauya musste 1864 wieder eingehen. Sein Sohn Sidi el Mabdi, welcher ihm 1860 nachfolgte, scheint nicht den Hass gegen die Christen zu haben, wie sein Vater, seine Hauptsorge scheint im Sammeln77von Reichthümern zu bestehen, was natürlich bei allen Orden immer die Hauptsache ist.

Das Klima in Tripolitanien ist natürlich sehr verschieden: An der Küste hat dasselbe grosse Aehnlichkeit mit dem von Unterägypten und dürfte es an der grossen Syrtenküste noch heisser sein, auf den bewaldeten Bergen ist das Klima Süditaliens, jedoch ist bei Gebliwinde die Hitze viel intensiver. Im Winter ist es übrigens häufig, dass Frost und Reif auftreten. Die grössten Gegensätze finden sich wie überall in der Wüste in den tripolitanischen Oasen, im Sommer steigt das Thermometer bis über 45°, im Winter fällt es häufig unter Null. Ja an einzelnen Tagen beträgt der Unterschied oft 30°, so hat man in Fesan -4° Nachts beobachtet mit einer nachmittägigen Hitze von +24°. Im Winter ist an der Küste die Feuchtigkeit ebenso gross wie in Norddeutschland und auf den Bergen oft noch grösser, namentlich in Cyrenaica. In den Oasen ist selbstverständlich die Trockenheit der Sahara und selbst grosse Strecken feuchten Bodens wie in Fesan haben dem grossen Ganzen gegenüber keinen Einfluss. Während im Winter die Barometerschwankungen an der Küste stark und unregelmässig sind, bleiben sie im Innern, sowohl Winter wie Sommer unbedeutend und regelmässig. Ebenso ist es mit den Winden: im Winter, obschon dann Nordwestwind vorherrschend ist, durchlaufen die Winde oft in einem Tage die Rose, im Sommer sind78sie aber ganz gleichmässig, fast immer von 10 Uhr Morgens an, von Norden kommend und manchmal nur durch die meistens aus Südsüdost kommenden glühend heissen Gebli- oder Samumwinde unterbrochen. Im Allgemeinen kann man sagen, dass in Tripolitanien ein sehr gesundes Klima ist, am zuträglichsten ist jedenfalls die köstliche Luft Cyrenaica's und des Djebel, aber auch an den Küsten in Bengasi, Tripolis und den anderen Orten weiss man von Epidemien und Endemien nichts. So ist z.B. bis jetztniedie Cholera in Tripolitanien gewesen und wenn in früheren Jahren die Pest aufgetreten ist, so rührt das jedenfalls durch Einschleppung und mangelhafte sanitätliche Polizeieinrichtung her. Neuangekommene Europäer haben in den Städten oft Leberleiden, meist aber aklimatisiren sie sich rasch. Entschieden ungesund ist das Klima in einigen Theilen von Fesan, wo die Sebcha oder Salzsümpfe in Verbindung mit faulenden organischen Substanzen im Sommer die bösesten intermittirenden Fieber hervorrufen.

Tripolitanien, welches unter der türkischen Regierung ein Eyalet oder eine Provinz ist, hat 7 verschiedene Liva oder Nayet, welche unseren Kreisen oder Districten entsprechen. Die Zahl und Grösse derselben wechselt aber häufig nach der Laune des Muschir oder Grossgouverneurs. In den ersten Jahren wurden die Liva sogar vom Muschir besetzt, heute werden die Districtsgouverneure jedoch von Constantinopel aus angestellt,79in der Verwaltung jedoch sind sie dem Muschir Tripolitanten verantwortlich.

Die verschiedenen Liva sind: 1. Tripolis selbst mit Umgebung (Mschiah. Tadjura etc.), 2. Choms, welches die westliche Syrtenküste begreift und die Gebirgslandschaft von Tarhona, 3. Sauya, die Landschaft westlich von Tripolis bis nach Tunisien, 4. Djebel, welches das ganze Gebirge südlich von Tripolis und Misda begreift, 5. Rhadames mit einigen kleinen Oasen in der Nähe, 6. Fesan und 7. Barca, welches das ganze alte Cyrenaica und die Audjila-Oasen begreift. Dem Liva steht ein Kaiumakam vor, der meist auch den Titel Pascha hat, und die Liva sind wieder in verschiedene Mudiriate abgetheilt, denen ein Mudir vorsteht.

Mein Aufenthalt in Tripolis sollte diesmal ein viel längerer werden, als ich Anfangs vermuthete; bei meiner Ankunft theilte mir Herr Rossi mit, dass Mohammed Gatroni, der nach dem Tode Hammed Tanjani's bestimmt war von der Küste nach dem Innern die Geschenke zu übermitteln, in Fesan nicht aufzufinden gewesen wäre, und wenn sich dies später auch als irrthümlich erwies, da eines Tages der Gatroner hoch zu Meheri in Tripolis eingeritten kam, so hatte ich doch80gleich, um auf alle Fälle den Abgang der Karavane zu sichern, nach Tunis telegraphirt. Herr von Maltzan, der sich dort zu der Zeit noch aufhielt, hatte mir nämlich später geschrieben, dass Dr. Nachtigal aus Cöln, welcher Leibarzt beim Bei von Tunis war, geneigt wäre, die Geschenke nach Bornu zu bringen, und da hiezu nun auch die Erlaubniss von Berlin aus nöthig war, fragte ich telegraphisch an und erhielt zur Sendung Dr. Nachtigal's eine zustimmende Antwort. Wenn dieser nun auch rasch genug eintraf von Tunis, so war seine Ausrüstung doch nicht sobald gemacht, er musste wieder nach Malta zurück, und da ich auf keinen Fall Tripolis eher verlassen konnte, als bis die Karavane wirklich abgegangen, musste ich mich in Geduld fügen; jedenfalls hatte ich Zeit genug, diesmal die Stadt recht gründlich kennen zu lernen.

Tripolis, welches die meisten Europäer Tripoli (Beehey schreibt Tripoly), wir Deutschen aber richtiger nach dem Vorgange Carl Ritters Tripolis schreiben, weil gar kein Grund vorhanden ist das s weg zu lassen, überdies die heutigen Bewohner es auch mit einem s schreiben ([arabisch: Trablis]Trablis) ist nach dem Urtheile der besten alten Geographen, und der meisten neueren Forscher auf der Stelle des alten Oea erbaut. Als dies unter dem Kalifate von Omar zerstört wurde, erbauten die Araber eine neue Stadt auf den Trümmern, der sie den Namen des ganzen Districtes gaben. Es ist kein81Beweis vorhanden, dass weder Sabratha noch Oea ihren Namen vor der barbarischen Invasion geändert hatten. Wir haben aber viele Beispiele, wo die Araber ganze Provinzen durch eine Stadt bezeichnen, so ist oft Stambul die ganze Türkei, Fes ganz Marokko für sie. Auch dass Oea von den Alten nie als Hafen angeführt worden ist, ist kein stichhaltiger Grund, es kann vielleicht zu der Zeit bei Oea kein natürlicher Hafen wie jetzt bei Tripolis gewesen sein. Die weit vom Spanischen fort nach Osten hinziehenden Riffe und Felseilande beweisen, dass meist dies das Ufer war.

Jetzt ist von Alterthümern nichts mehr in der Stadt, als der allerdings schöne vom Scipio Defritus (nach Barth vom Proconsul Caius Oifitus) in den Tagen von Antonin dem Marcus Aurelius Antoninus und Lucius Aurelius Verus errichtete Triumphbogen. Dieser Triumphbogen allein zeugt schon, dass hier eine Stadt gestanden haben muss, da kann es denn auch nach den Itenerarien gar keine andere als Oea gewesen sein. Derselbe ist von sehr sorgfältiger Arbeit aus riesigen Marmorquadern aufgeführt, aber über ein Drittel ist unter Anhäufung von Schutt und Sand. Auf der Aussenseite sieht man grosse männliche und weibliche Figuren, welche allegorische Scenen darstellen oder geschichtliche Ereignisse repräsentiren. Die nach Norden zu angebrachte Inschrift ist jetzt halb vermauert, überhaupt ist das ganze umbaut und durchmauert, in früheren Zeiten war sogar82eine von einem Malteser gehaltene Schnapskneipe darin. Diese ist nun zwar entfernt, aber nicht etwa aus Pietät für ein Kunstwerk aus dem Alterthume, sondern weil ein altes türkisches Gesetz existirt, wonach Schnapsschenken nur in einer gewissen Entfernung von einer Moschee angelegt werden dürfen und da hat man denn ausgefunden, dass obschon Moschee und Kneipe Jahre lang nebeneinander in Frieden bestanden, die Djemma des Hadj Ali Gordji näher der Kneipe stände, als erlaubt sei und einfach wurde der Befehl zum Schliessen gegeben. Der wahre Grund war aber der, dass die Tholba der Moschee zu viele Gläser Araki umsonst verlangten und da der Inhaber der Schenke ohne sich selbst Schaden zu thun, diese nicht mehr verabfolgen wollte, so fand die heilige und gelehrte Corporation schnell einen Grund, die Schenke gesetzlich dort aus dem Auge zu schaffen. Tout comme chez nous, dachte ich, als der frühere Besitzer mir dies erzählte.

Andere Alterthümer darf man höchstens noch in den Djemmen suchen, auch sieht man an vielen Strassenecken eingemauerte Säulen oft mit corinthischen Capitälern, um die Häuserecken vor Abschleissen zu bewahren. Einige Steine mit verwischten Inschriften, eine Art von Altarstein mit einem Sperberbilde im nördlichen Stadtwall, das ist Alles, was Tripolis dem blossen Auge bietet. Nicht unerwähnt soll jedoch bleiben, dass der frühere Generalconsul Mr. Warrington beim Bau seines83Hauses in der Mschia dort einige kostbare Glasurnen fand, die jetzt auf dem britischen Museum in London sind.

Tripolis wird von zwei Seiten vom Meere bespült, im Norden und Osten. Fast fünfeckig werden die anderen drei Seiten von einer sandigen Ebene umgeben, nach der Landseite sind keine Gräben, die Mauern aber hoch und steil, obschon heute so baufällig, dass man sie mit Flintenkugeln zusammenschiessen könnte. Früher hatte die Stadt zwei starke Forts, am nordöstlichen Eck das sogenannte spanische, welches im Jahre 1863 explodirte und das im Südostwinkel der Stadt, welches aber schon seit Jahren zum Schloss des Gouverneurs umgebaut worden ist. Zwei detachirte Forts, von denen das eine im Norden der Stadt auf einem Felseilande gelegen unter dem Namen des französischen, das andere östlich am Strande der Mschia gebaut ist, den Eingang des Hafens beherrschend und das englische genannt wird, sind vollkommene Ruinen. Aus dieser Beschreibung wird man ersehen, dass die Stadt, obschon sie von weiten noch recht stattlich und stark aussieht, nichts weniger als stark ist. Früher nur mit zwei Thoren versehen, von denen eins sich im Osten auf dem Hafenquai öffnete, das andere im Süden nach der Mschia hinausführte, hat man jetzt neben dem Südthor noch ein anderes und auch durch den Westwall ein viertes Thor durchgebrochen. Der Hafen im Osten der Stadt ist durch die vom84spanischen Forte aus sich in's Meer ziehenden und mit der Küste parallel lautenden Riffe, der Stadt und der Küste gebildet, so dass nur die Seite nach Osten offen bleibt. Mit geringer Mühe könnte er zu einem der geräumigsten und sichersten an der Küste gemacht werden und es scheint auch als ob von der türkischen Regierung jetzt wirklich etwas dafür gethan werden soll. Man kann nicht läugnen, dass nach der jetzt erfolgten Durchstechung des Canals von Suez dies auch seine Bedeutung für Tripolis und Bengasi haben wird und die Pforte hat das begriffen. Augenblicklich ist der Hafen nur für kleinere Schiffe zugänglich, Schiffe von mehr als 10 Fuss Tiefgang müssen auf der Rhede ankern.

Die Stadt selbst ist in fünf Quartiere getheilt, von denen das nordwestlichere mehr von den Juden, das östliche also am Hafen gelegene, von den Christen bewohnt wird. Früher wohnten die Juden in einer Milha, hier Harra genannt, abgesperrt, während sie jetzt durcheinander mit Christen und Mohammedanern wohnen. Die Strassen in Tripolis sind breit und reinlich (natürlich immer vergleichungsweise mit anderen mohammedanischen Städten) und einige hat man in letzter Zeit sogar angefangen zu pflastern und mit Laternen zu versehen. Von jeher erfreute sich Tripolis übrigens dieses Rufes, Leo beschreibt die Häuser als schön, im Vergleich zu denen in Tunis, Blaquière geht sogar so weit zu behaupten, die Stadt könne, was Bauart der Häuser85und Reinlichkeit der Strassen anbeträfe, verschiedenen europäischen Städten, am mittelländischen Meere als Muster dienen. Die Häuser der Mohammedaner haben meistens ein Stockwerk, sind von aussen reinlich geweist und alle mit platten Dächern versehen; in der Mitte ist in jedem Hause ein grosser Hof, zu dem ein gebogener Gang mit doppelten Thüren von der Strasse aus führt, so dass ein Fremder, wenn auch die Thüren offen stehen, nie in den Hof des Hauses selbst hineinsehen kann. In diesem Gange sind immer steinerne Bänke angebracht, wo der Hausherr geschäftlichen Besuch empfängt und sonst die Sklaven und Diener des Hauses sich aufhalten. Die meisten Häuser haben auch engvergitterte Fenster nach der Strasse. Die Zimmer öffnen sich alle auf den Hof durch hohe maurisch gewölbte Thüren und sind immer lang und schmal. Die oberen Zimmer öffnen sich auf eine Gallerie, welche inwendig im Hofe herunterläuft und dem unteren Hofe zugleich Schatten abwirft. Alle mohammedanischen Häuser haben wenigstens einige europäische Möbeln, die der reichen Kaufleute und Beamten sind vollkommen europäisch möblirt. Die Häuser der reichen Juden unterscheiden sich in Nichts von denen der Europäer und die der ärmeren Juden in Nichts von denen der Mohammadaner, nur dass sie noch schmutziger sind. In jedem Hause, auch dem kleinsten, ist eine Cisterne, welche das süsse Regenwasser des Daches auffangt und das meistens für86den Consum des Hauses von Jahr zu Jahr genügt, da für Waschungen, oft auch zum Kochen benutzt, in jedem Hause ein Brunnen ist, der freilich nur brakisches Wasser hat.

An öffentlichen Gebäuden hat Tripolis das Schloss des Paschas, ein unregelmässiges Gebäude ohne jede Schönheit in der Architectur, eine Kaserne und Harem, sowie zahlreiche Beamtenwohnungen sind damit verbunden. Von den fünf Hauptmoscheen zeichnet sich keine durch Schönheit aus, auch nicht die neue von Hadj Ali Gordji, in den dreissiger Jahren erbaut, alle aber sind im Inneren mit griechischen und römischen Säulen geschmückt, von denen namentlich die am Ssuk el turk befindliche herrliche Monolithen aus Porphyr hat. Die christliche Bevölkerung hat zwei Kirchen, eine katholische und eine griechische. Mit der katholischen ist ein Kloster verbunden mit Franziscanern. Es ist dies eins der ältesten Klöster, die koptischen in Aegypten ausgenommen, in Afrika und seine Entstehung datirt von der Herrschaft der Malteser Ritter über Tripolis. Die Mönche haben eine Schule für die Kinder der christlichen Bevölkerung, ein Theil von ihnen versieht den Gottesdienst und andere sind Handwerker. Der Vorsteher des Klosters, der den Titel Präfect führt, hat Bischofsrang und Gewalt. Die Einnahme des Klosters beläuft sich auf eine Subvention von 20,000 Francs pro Jahr und Sporteln, welche Taufen, Ehen u.s.w., aufbringen. Mit dem87Kloster ist ein Hospital verbunden, welches von den Schwestern von St. Joseph geleitet wird. Im Hospitale werden Kranke jeden Glaubens aufgenommen. Die Türken haben nur ein Militairhospital, welches ausserhalb der Stadt liegt, sonst aber gut eingerichtet ist, 120 Kranke aufnehmen kann und unter Umständen auch Civilpersonen geöffnet ist. Für europäische Fremde ist ein Gasthaus vorhanden, welches indess selbst für die, welche mit bescheidenen Ansprüchen auftreten, noch viel zu wünschen übrig lässt. Zahlreiche und gut eingerichtete Funduks sorgen für das zeitweilige Unterkommen der Mohammedaner. Es giebt keine eigentliche Bazars in Tripolis, doch bilden ganze Strassen gewisse Märkte, so ist auf dem Stuk el turk, hauptsächlich für Taback, Opium, Kaffee und feinere Sachen gesorgt, in anderen Strassen, wie el Kessariah, werden hauptsächlich einheimische Stoffe und Kleidungsstücke verkauft; die Zünfte der Schreiner, Schuster, Sattler, Schmiede u.s.w., haben ihre besonderen Strassen und ausserdem giebt es grosse europäische Kaufläden, wo Alles zu haben ist. Drei Pharmacien sorgen für die Bedürfnisse des kranken Publikums, zwei öffentliche Bäder für die Reinlichkeit und dass zahlreiche Schnapsbuden vorhanden sind, braucht wohl kaum angeführt zu werden. Ordnung und Sicherheit in der Stadt wird durch Polizisten aufrecht erhalten, obschon man sie bei Tage kaum bemerkt, sondern sie erst Nachts, wo sie häufig patrouilliren, wahrnimmt, ausserdem ist88eine Hauptwache, Douanenwache und Schlosswache vorhanden, und alle Thore immer mit Doppelposten versehen. Als oberste Municipalbehörde fungirt der Schich el bled, und obschon derselbe keinen Gehalt bezieht, ist sein Posten doch einer der einträglichsten. Der jetzige Schich el bled ein gewisser Ali Gergeni soll, da er sich schon länger als zehn Jahre auf diesem Posten gehalten hat, der reichste Mann von Tripolis sein. Alle europäischen Nationen mit Ausnahme der deutschen sind durch Consulate vertreten, von diesen haben die Engländer, Holländer, Franzosen und Italiener Generalconsulate. Was die Zahl der Bewohner anbetrifft, so mögen gegen 18,000 Seelen in Tripolis11sein, von denen 3000 Christen und 4000 Juden sind. Die Christen sind der Mehrzahl nach Malteser, dann Italiener und Griechen, alle anderen Nationen sind nur durch einzelne Familien vertreten.

Die europäische Bevölkerung in Tripolis lebt fast ausschliesslich vom Handel und dieser dehnt sich von Jahr zu Jahr aus, obschon die Türken nichts thun ihn zu heben. Der Hafenverkehr weist im Zunehmen begriffen einen Schiffsverkehr von über 450 Schiffen jährlich auf, von diesen sind fast dreiviertel unter otomanischer Flagge89fahrend, und die übrigen gehören ihrer Wichtigkeit nach der italienischen, englischen, Jerusalemer12, französischen, griechischen und österreichischen Flagge an. Da die Schiffe alle nur klein sind, so haben sie nicht mehr als (z.B. ihre Zahl zu 400 angenommen) einen Gesammttonnengehalt von ca. 30,000 Tonnen. 400 Schiffe würden also ungefähr 12 norddeutschen Lloyddampfern ihren durchschnittlichen Tonnengehalt zu 2500 Tonnen gerechnet, gleichkommen. 400 Schiffe importiren und exportiren durchschnittlich für 5,250,000 Fr. an Werth, die Importation übertrifft aber in der Regel die Exportation.

Die hauptsächlichsten Exportationsartikel sind: Korn, Oel, Früchte (Datteln, Orangen und Citronen), rother Pfeffer, Thiere, Wolle, gegerbte Felle, Butter, Elfenbein, Wachs, Straussenfedern, Goldstaub, Sklaven, etwas Gummi arabicum, Senne und Indigo, Natron, Schwämme und Manufacturwaaren: als Matten, Körbe, Teppiche. Wenn wir annehmen, dass diese einen Gesammtwerth von 5,000,000 Fr. repräsentirten, so würde das Korn allein über die Hälfte der Summe ausmachen,90dann Oel, Elfenbein, Sklaven, Goldstaub, Wolle und Thiere die zunächst wichtigen Artikel sein. An importirten Sachen finden wir Kattunstoffe: als Malte und Mahmudi von England, Tuch, Seiden- und Sammetstoffe, Kram- und Esswaaren, Kaffee, Zucker, Färbestoffe, Wein und Spiritus, Tabak, Brennmaterial, Bauholz, Metalle, Waffen, verarbeitetes Leder, Papier, Nürnbergerwaaren, Porcellan, ächte Corallen, Glasperlen, Bijouterie, Silber (in Form von 5-Fr.-Stücken und Maria-Theresien-Thaler), Uhren, Möbeln und andere Manufacturgegenstände. Von diesen Gegenständen sind die Kattune, Tuch- und Seidenstoffe die wichtigsten, dann kommen zunächst Kram- und Esswaaren, Glasperlen, Metalle, Zucker und Wein.

Nach Testa betheiligen sich die verschiedenen Häfen am Mittelmeere in folgendem Verhältnisse: Malta 8/16, die Levante und Alexandrien 3/16, Livorno und Italien 2/16, Tunis 2/16, Marseille und Algier 1/16.

Ausser dass natürlich täglich gekauft und gehandelt wird, sind zwei grosse Märkte wöchentlich vor den Thoren der Stadt, am Dienstag vor dem Südthore und Freitags vor dem Westthore. Tausende von Menschen kommen dann hier zusammen aus der ganzen Regentschaft, und diese Tage bieten gewiss eins der bedeutendsten und interessantesten Bilder afrikanischen Lebens, das man sich nur denken kann. Sklaven werden heute nicht mehr öffentlich verkauft, aber heimlich und mit Wissen der Consulate, so dass jeder Europäer Kenntniss davon hat.91Man bezahlt in Tripolis eine hübsche Negerin mit 120 Thaler, eine Fullo mit 150–160 Thaler und eine Tscherkessin mit 300 Thaler und mehr. Junge Negerbursche sind zu dem Preise von 70–90 Thaler zu haben. Pelissier constatirt noch eine Sklaveneinfuhr von 2708 Köpfen, einen Werth von 759,000 Fr. repräsentirend, für das Jahr 1850, während Testa für dasselbe Jahr nur 1500 Sklaven aufführt mit einem Gesammtwerthe von 300,000 Fr. (Testa rechnet pro Kopf 200 Fr., was jedenfalls jetzt viel zu niedrig ist, da ein junger Bursche in Mursuk oft schon mit 70 Maria-Theresien-Thaler bezahlt wird). Es scheint aber als ob jetzt energischere Maassregeln, besonders vom englischen Generalconsulate sollen ergriffen werden.

Der derzeitige Gouverneur von Tripolitanien Ali Riza Pascha ein Algeriner, ist im Ganzen ein Mann von Bildung, aber obschon er recht gut französisch spricht, und alles im Schloss bei ihm à la franca ist, so hat er doch lange nicht das Humane, und ein so gutes Administrationstalent wie sein Vorgänger Mahmud Pascha; dieser war nach seiner Abberufung von Tripolis Kaputan Pascha oder Marineminister geworden, welchen Platz er auch noch heute im türkischen Reiche ausfüllt. Ali Riza Pascha war in Frankreich erzogen worden, nachdem sein Vater früher Algier aus Franzosenhass verlassen hatte, und nach Constantinopel übergesiedelt war. Später als er einsah, dass er nicht gegen92den Strom schwimmen konnte, schickte er durch Vermittlung der französischen Botschaft in Constantinopel seinen Sohn auf die Artillerieschule nach Frankreich, wo Ali Riza Pascha sich das Officierspatent erwarb und dann gleich darauf in türkische Dienste trat. Da er seine Studien in Frankreich gemacht hatte, konnte ihm hier Avancement nicht fehlen, und im Jahre 1860 hatte er schon den Rang eines Mareschals. Sein Charakter ist seltsam gemischt, so theilte er z.B. Morgens Almosen aus an fanatische Druische, welche Spottlieder auf die Christen und christliche Religion sangen, und ging Abends auf einen Ball oder in eine Gesellschaft, die irgend ein europäischer Consul gab. Er versuchte einige Verschönerungen in der Stadt anzubringen, aber seine Maassregeln waren alle nur halb. Er hatte einen kleinen Thurm mit einer Uhr bauen lassen, und eine Glocke schlug die Stundenzahl; als nun die Araber sagten, der Pascha habe eine christliche Glocke (als Abzeichen einer Kirche in üblen Geruch bei fanatischen Mohammedanern) errichten lassen, verbot er jedem bei Gefängnissstrafe das Wort „Glocke“ zu gebrauchen, und in den ersten Tagen dieses Uhr-Thurmbaues waren immer einige Individuen im Gefängniss, welche sich des Wortes Glocke13unvorsichtigerweise bedient hatten.

93Ali Riza Pascha gab auch Bälle, ebenso der Schich el bled Ali Gergeni, aber beide hüteten sich wohl ihre eigenen Frauen dabei erscheinen zu lassen. Diese durften sich zwar die Herrlichkeiten des Tempels wohl mitansehen, aber nur von einem Zimmer aus, dessen Thür ein Gitter hatte, von wo aus sie alles sehen konnten, ohne bemerkt zu werden. Sobald ein europäischer Consul eine Gesellschaft gab, pflegten Beide nie zu fehlen.

Am meisten Aufsehen machte indess sein Colonisationsversuch von Cyrenaica. Wenn schon die Alten unglücklich gefahren waren, als sie sich zuerst ca. 640 Jahre vor Christi Geburt bei Plataea, dem heutigen Bomba, unter Battus niederliessen, so war Ali Riza Pascha dadurch keines Besseren belehrt; er ging Anfangs 1869 mit zwei ihm von Constantinopel zur Disposition gestellten Dampfern, welche mit Baumaterial, Lebensmitteln etc. beladen waren, nach Bengasi und von da nach Bomba und Tokra. Die Colonisten waren zusammengelaufenes Gesindel, Bettler und obdachlose Leute aus Tunesien, welche die Hungersnoth nach Tripolitanien getrieben hatte, und dann Leute aus Sauya, Djebel und Mschia, welche nichts zu verlieren hatten. Für den Unterhalt dieser Leute glaubte Ali Riza Pascha dadurch zu sorgen, dass er jedem Familienvater einige Stück Ziegen, Abgabenfreiheit auf gewisse Zeit, eine pecuniäre Unterstützung (ca. 20 türkische Piaster monatlich,94also einige Groschen mehr als ein preuss. Thaler), Getreide um eine Aussaat zu machen, dann von der Regierung errichtete Wohnungen gewährte. Europäische Colonisten schloss er ganz aus, aber mehrere Consuln begleiteten ihn.

Wenn man nun aber die Indolenz der Mohammedaner, den Nomadenhang der Araber, ihren unabhängigen Charakter in Betracht zieht, so ist es sehr die Frage, ob diese Colonie mit solchen Leuten reussiren wird. Die Hauptsache aber, woran das ganze Unternehmen scheitern dürfte, ist die schlechte Wahl der Oerter, wo Ali Riza seine Colonisten hinführte; ein Blick auf die Karte von Afrika zeigt uns zwar, dass Bomba und Tabruk die einzigen guten, natürlichen Häfen an der ganzen Küste zwischen Alexandrien und Goletta sind, wo Schiffe gegen alle Stürme gesichert ankern können. Und immer im Winter bei schlechtem Wetter war dies auch die einzige Zufluchtsstätte für dort in der Gegend auf hohem Meere sich befindende Schiffe gewesen, Ali Riza Pascha scheint aber vorher nicht gewusst, und es später übersehen zu haben, dass bei Bomba und Tabruk gar kein fruchtbares Hinterland ist, sondern gleich Wüste, die Leute also, welche sich dort niederlassen, gar keine Gelegenheit haben, Aussaaten zu machen, oder selbst nur Viehzucht zu treiben. Und einen Ort andieserKüste, mitsolchenMenschen, untersolchenVerhältnissen emporblühen zu sehen, erscheint mehr als95zweifelhaft. Eben die Gründe, dass eine Existenz hier nicht möglich war, zwang die Griechen diesen Ort zu verlassen, um dann in der Nähe am Apolloquell die berühmte Cyrene zu gründen.

Obgleich denn auch türkische Zeitungen pomphaft die Colonisationsangelegenheit beschrieben haben, so liegen uns aus Privatbriefen Nachrichten vor, dass schon Streitigkeiten mit den dort nomadisirenden Arabern ausgebrochen seien, hauptsächlich des Süsswassers wegen, das auch nur spärlich vorhanden ist.

Das gesellschaftliche Leben ist namentlich im Winter recht rege, obschon es sehr durch die Rivalitäten der verschiedenen Consulate gestört wird, im Winter 1868/69 wurde es aber noch sehr vermehrt durch den Aufenthalt von Alexandrine Tinne und später des Baron von Maltzan. Alexandrine Tinne, die kühne holländische Reisende, war gerade einige Wochen vor mir in Tripolis eingetroffen, von Malta und Tunis kommend, und bereitete sich vor, ins Innere zu gehen. Wie immer auf ihren Reisen ohne festen Plan, hatte sie sich endlich doch entschlossen, nach Fesan und Bornu zu gehen, hatte aber auch schon damals die Absicht, nach Rhat zu gehen, um die dort hausenden Tuareg zu besuchen. Vergebens versuchte ich sie von diesem Gedanken abzubringen, sie glaubte fest, dass, weil Hadj Chnochen, einer der Chefs der Tuareg, vor Jahren mit Colonel Mircher eine Art von Vertrag gemacht hätte, sie vollkommen96sicher in dieser Gegend voll jener wilden Horden reisen könne, vergebens beschwor ich sie, jene grossen französischen aus Eisen gemachten Wasserkisten nicht mitzunehmen, welche allerdings für die französischen Truppen in Algerien ganz praktisch sein mögen, aber für einen einzelnen Reisenden die grösste Gefahr herbeiziehen, weil sie eben die Raubsucht der wilden Stämme erweckt, vergebens suchte ich sie zu bewegen, bewährte Diener von Tripolis mitzunehmen, statt jener Algeriner und Tuniser, auf deren Treue sie gar nicht bauen konnte, und welchen sich merkwürdigerweise eine Menge unnützer Weiber und Kinder zugesellt hatte. Alexandrine Tinne liess sich nicht rathen, oder glaubte die Gefahren in den Gegenden, die sie vor hatte zu bereisen, geringer als sie in der That sind. Armes Mädchen, alle liebten sie in Tripolis; Christen, Juden und Mohammedanern war sie in der kurzen Zeit ihres dortigen Aufenthaltes eine Freundin geworden, sie schied wie so viele vor ihr frohen Herzens und mit kühnem Muthe, und wie so viele vor ihr, sollte sie Tripolis nie wiedersehen. Jetzt bleichen ihre Gebeine mit denen ihrer einzigen beiden treuen Diener im weissen Sande von Fesan, nicht alleine, schon zwei Christen wurden vor langen Jahren auch dort begraben. Friede sei ihrer aller Asche.

Tripolis liegt ganz ausser dem Verkehre, die regelmässigen Dampfer, welche das ferne Alexandria und das noch weitere Constantinopel täglich mit Triest und Marseille verbinden, berühren Tripolis nie. Von den drei hauptsächlichen Linien, ohne die vielen Privatdampfer zu nennen, der Messagerie Imperiale, dem österreichischen Lloyd und der Peninsular and Oriental Company, kommt kein einziger Dampfer nach dem alten Oea—und warum auch? Ausser Alexandria giebt es an der ganzen Nordküste von Afrika keine einzige Stadt, welche auch nur im allerentferntesten einen Vergleich mit den blühenden Hafenplätzen vom gegenüberliegenden Europa eingehen könnte.

Der einzige Verkehr von Tripolis nach Europa wird durch das kleine Dampfschiff Trabulos Garb, welches dann und wann nach Malta fährt, unterhalten. Es ist aber so schwach, dass es das geringste Unwetter scheuen muss; ausserdem Eigenthum des Schich el Bled oder des Stadtvorstehers von Tripolis, hängt es ganz von den Launen dieses Mannes ab, das Boot gehen zu lassen, oder nicht.

Auf diese Art waren wir in Tripolis festgebannt, da der Dampfer des schlechten Wetters wegen nicht auslaufen konnte; um aber dennoch wieder Abwechslung und Nutzen aus diesen gezwungenen Aufenthalt zu ziehen,98beschloss ich nach Lebda zu gehen, dem einzigen Ort, welcher namhafte Sehenswürdigkeiten bietet auf der langen Strecke von Tripolis nach Bengasi.

Montag am 21. Januar, Nachmittags, brachen wir auf. Ich hatte alle Kameele des Königs zur Verfügung, sowie die Leute, welche mit der Karawane nach Bornu abgehen sollten, an ihrer Spitze den alten Mohammed Gatroni, der auch noch zuguterletzt nach Tripolis gekommen war und der einen weissen Meheri ritt, welchen ich ihm bei der Trennung in Bornu zum Geschenk gemacht hatte. Mohammed Gatroni, das alte Factotum Barths, der Timbuktu gesehen, Sokoto und Kuka mehreremale durchzogen hatte, war hieher gekommen, um die Geschenke des Königs für den Sultan von Bornu zu begleiten. Nach seinen grossen Wanderungen mit Barth war er eine Zeitlang mit Hrn. v. Beurmann gereist, und hatte schliesslich mich durch die grosse Wüste bis Bornu, Mandara und Gombe begleitet, sowie endlich im Sommer 1867 meine sämmtlichen Kisten allein durch die Sahara zurückgebracht. Als der König von Preussen beschloss, die Geschenke des Schich Omar zu erwiedern, und zugleich seine Zufriedenheit zu bezeigen für die gute Behandlung, die der Sultan von Bornu den deutschen Reisenden, namentlich Hrn. v. Beurmann und mir, erwiesen hatte, war der Gatroner ausersehen worden, die Geschenke zu überbringen; als aber zweifelhafte Briefe über ihn von Mursuk einliefen, wurden, wie schon angeführt,99die Anerbietungen des Dr. Nachtigal, eines am Tuniser Hofe lebenden Preussen, angenommen, als Ueberbringer der Geschenke des Königs nach Kuka zu gehen. Kaum war dieser in Tripolis eingetroffen, als auch der alte Gatroner ankam, es war somit die beste Sicherheit vorhanden, dass die Geschenke gut übermittelt würden. Dr. Nachtigals Instrumente waren jedoch noch nicht von Malta angekommen, und darin bestand der Hauptgrund, um den Dampfer abzuwarten. Denn da unser Landsmann die Absicht hatte, wo möglich von Bornu aus weiter nach dem Innern vorzudringen, so wollte ich ihn natürlich nicht zu einer Abreise ohne Instrumente drängen, wodurch für mich freilich mehr als ein Monat verloren ging.

Wir waren zu spät aufgebrochen, um Tadjura zu erreichen, welches zwar nur 6 Kilometer von Tripolis entfernt liegt, selbst aber eine Längenausdehnung von 5 Kilometern besitzt, und wo das Landhaus des italienischen Consuls uns hinlänglichen Comfort geboten hätte. Vielmehr mussten wir um 5 Uhr Abends bei bedecktem Himmel und Dunkelheit das Zelt aufschlagen. Wir hatten nur Melcha erreicht, einen Salzsee, der sich zwischen der Mschia und Tadjura befindet.

Aber auch hier sollten wir nicht einmal ruhig lagern, denn bald brach ein solcher Regen über uns aus, von den heftigsten Windstössen begleitet, dass uns in einem Augenblick die Zelte über den Köpfen weggerissen wurden.100Der Wind blieb fortwährend so stark, dass an ein Wiederaufschlagen nicht zu denken war, und die Dunkelheit verhinderte jeden Weitermarsch, obgleich die Häuser nicht fern waren. Das beste blieb also, sich ruhig unter die umgewehten Zelte zu legen und den Morgen zu erwarten.

Unter diesen Umständen war andern Tags an einen regelrechten Marsch nicht zu denken, sondern mit Tagesanbruch gingen wir in die Wohnung des italienischen Consuls, froh ein Unterkommen gefunden zu haben, um unsere Schäden wieder ausbessern zu können. Der Landsitz des Consuls befindet sich ganz am Südrande der Oase und ist von hohen Dünen, die Tadjura sowohl als die Mschia umgeben, durch einen kleinen See getrennt, auf welchem oft zahlreiche wilde Enten sich herumtummeln. Tadjura selbst ist eigentlich mit der Mschia und dem Sahel, einer Palmenstrecke zwischen beiden, eine und dieselbe Oasis; politisch ist es indess insofern von Sahel und Mschia unterschieden, als die Bewohner der beiden letztgenannten Orte gar keine Abgaben von ihren Palmen zu geben brauchen, während die von Tadjura von jedem Palmbaum eine bestimmte Abgabe entrichten müssen. Die Befreiung der Mschia und des Sahel ergiebt sich daraus, dass die männliche Bevölkerung kriegspflichtig ist, gewissermaassen also eine Art Militärcolonie vorstellt. Wenn übrigens die Zahl der Dattelbäume in Tadjura vom türkischen Gouvernement auf nur 80,000101angegeben wird, so liegt dabei der Umstand zu Grunde, dass das Geld der als gezählt eingetragenen in den Staatsschatz abgeliefert werden muss; aber sicher existirt eine eben so grosse Zahlnichtgezählter Bäume, von denen natürlich auch die Abgabe, 2½ Piaster, erhoben, aber nicht in den öffentlichen Schatz fliesst. Man wird nicht zu hoch greifen, wenn man die Zahl der Palmen in Tadjura auf 200,000 angiebt.

Wir blieben den ganzen Tag über in Tadjura, um die Zelte trocknen zu lassen und andere Dinge auszubessern; aber von da an hatten wir wenigstens günstiges Wetter. Ohne mich bei der Beschreibung des langweiligen Weges aufzuhalten, führe ich nur an, dass wir am ersten Tage nach unserm Abgange von Tadjura dicht beim Kasr Djefara am ued msid, am andern Tage am Fusse des Gebirges, gegenüber der weissschimmernden Kubba Sidi Abd el Ati's campirten.

Am dritten Tage stiess ich auf das Lager Hammed Bei's, des Gouverneurs von Choms, welcher gerade von Tripolis gekommen war, wo er bei seinem Schwiegervater, dem Muschir und Marschall Ali Riza Pascha, die Ramadhanfestlichkeiten verbracht hatte. Hamed Bei erklärte nun gleich: ich solle in Choms oder Lebda nicht Zelte schlagen, sondern in seinem Hause wohnen, und ich nahm, da ich aus der Erfahrung wusste, wie wenig angenehm und sicher in Lebda das Campiren ist, mit Freuden sein Anerbieten an. Er brach dann vor mir102auf, am Nachmittag aber konnte ich es mir schon in Choms in seinem gastfreundlichen Hause bequem machen.

Da es noch früh am Tage war, so ging ich gleich mit dem Photographen nach der Ruinenstätte, um im Voraus diejenigen Plätze zu bestimmen, von wo aus Aufnahmen erfolgen sollten, und kehrte dann Abends nach Sonnenuntergang in die Wohnung Hamed Bei's zurück. Hier erwartete uns ein splendides Essen, und besonders auffallend war, dass Hamed Bei, wir waren doch nur zu zweit bei Tisch, d.h. er und ich, eine so glänzende Erleuchtung spendete. Da waren auf den Nebentischen grosse massiv silberne Candelaber, der Esstisch selbst hatte zwei mit je fünf Kerzen. Das merkwürdigste war, dass mein Wirth einen ausgezeichneten Tischwein führte, und selbst mit Maass und Anstand zu essen und zu trinken verstand. Natürlich waren Messer und Gabeln vorhanden, und die Diener, fünf an der Zahl, so abgerichtet, dass sie selbst nach jedem Gange die Bestecke und Teller wechselten. Einer von ihnen war Hauptmann der Infanterie, was nicht hinderte, dass er in Uniform aufwartete. Hamed Bei selbst, der sehr eifersüchtig darüber wachte, dass alles europäisch zuging, gab dann und wann befehlende Seitenblicke oder Fingerzeige, und war wie in Verzweiflung, wenn nicht alles nach seiner Meinung fränkisch zuging. Dass nun in der Reihenfolge der Gerichte, in ihrer Zubereitung selbst, nach unsern Begriffen seltsame Anordnungen vorkamen,103kann man sich leicht vorstellen: leben doch in Tripolis die Europäer selbst eher türkisch als europäisch in ihren Gesellschaften.

In Hamed Bei lernte ich einen der besten Civilisationstürken kennen, gerade aber ihn hatten die Tripolitaner aus der nächsten Umgebung des Pascha's zu entfernen gesucht, und dies dadurch erlangt, dass er als Kaimmakam nach Choms versetzt wurde. Rechtlicher als die meisten Beamten, war er, sagt man, namentlich dem Schich el bled, oder Stadtvorsteher von Tripolis, ein Dorn im Auge gewesen, und dieser hatte mittelst seiner Freunde, des Personals des französischen Consulates, seine Entfernung von Tripolis verlangt. Man muss aber nicht denken, dass Hamed Bei deshalb nach unsern Begriffen in Geldsachen ein makelloser Mann gewesen sei; die Leute in Choms erzählten mir sogar, dass er allein bei den Abgaben von den Oelbäumen das Doppelte erhebe (statt eines halben Sbili einen ganzen), und als ich auf dem Rückwege zufällig mit einem der untern Beamten, einem Abgabensammler, zusammentraf, fügte dieser hinzu: dass Hamed Bei in den letzten Tagen etwa 18,000 Mahbub—ein Mahbub ist etwas mehr als ein preuss. Thaler—bei den Abgabensammlungen profitirt habe. Dabei lobte merkwürdigerweise der Abgabensammler Hamed Bei in solch warmen Ausdrücken, dass ich nicht umhin konnte zu fragen, ob er selbst nicht auch sein Profitchen gemacht habe, was er zwar104in Abrede stellen wollte, indess sicher der Fall war. Araber und Türken sind übrigens so an Erpressungen und Unterschleife gewöhnt, dass sie sich ohne sie gar keine Administration denken können; Civilisation, rechtliche Verwaltung sind auch überdies schon bei Völkern unmöglich, die ihre Richtschnur nach dem Koran nehmen; wer heutzutage noch glauben kann, die Völker civilisiren zu wollen, welche dem Islam huldigen, der komme und sehe selbst die Türkei, Aegypten und Tunis, und ich glaube sagen zu dürfen: alle mohammedanischen Staaten sind heute noch dasselbe, was sie vor hundert Jahren gewesen, d.h. zu einer Zeit, wo die sogenannten Reformen bei ihnen noch nicht eingeführt waren. Man kann nicht genug wiederholen, dass gewisse Völker nicht zu civilisiren sind, eben weil ihre eigene Gesetzgebung keine Civilisation erlaubt. Würden wir Europäer vielleicht nicht in demselben Fall sein, wenn wir zufällig uns nicht freigemacht hätten von einer Religion, die für ganz andere Völker in längst vergangenen Zeiten, zu anderen Bedürfnissen passte? Denn sicher wird man nicht behaupten wollen, dass die Sitten und Bedürfnisse, die ganze Anschauungsweise eines Volkes zur Zeit der Pharaonen, zur Zeit der Cäsaren dieselben waren, wie sie es jetzt sind im Jahrhundert des Telegraphen und des Dampfwagens. Glücklicherweise für uns ist unser Christenthum heute aber auch nicht mehr das Christenthum der ersten Jahrhunderte: wer dieses will, gehe105nach Abessinien oder besuche die Copten oder andere Völker, die streng an den Satzungen der Kirche festgehalten haben, und sehe, was aus ihnen geworden ist.

Trotz eines heftigen Windes nahmen wir am folgenden Tage vier Ansichten von Lebda auf: das südliche Stadtthor, die südliche Front der grossen Basilika, die Ansicht eines grossen Palastes, der wahrscheinlichen Wohnung des Höchstcommandirenden, und eine Uebersicht vom Hafen, der freilich jetzt ganz versandet ist.

Lebda fanden wir völlig so, wie wir es verlassen hatten, höchstens um einige Säulenstümpfe ärmer, die der jetzige Gouverneur von Tripolis, Ali Riza Pascha, von dort nach Tripolis hatte holen lassen, um damit seine Anlagen zu verunzieren.

Es wäre gewiss merkwürdig zu wissen, ob die Sandüberschwemmung Lebda's auf einmal oder nach und nach eingetreten sei. Ich glaube, man muss wohl beides annehmen; denn nach der ersten Zerstörung von Leptis magna fand Justinian die Haupt-, d.h. Weststadt so mit Sand überschüttet, dass er die Wiederherstellung aufgab und seine Hauptsorgfalt auf die Neapolis oder Oststadt verwendete14; es muss also ein aussergewöhnlicher Orkan geherrscht haben, der nach der Zerstörung durch die Vandalen diesen Stadttheil mit aufgewühltem Meeressand überschüttete. Kleinere Stürme fügen noch106immer Sand hinzu, und so dürfte einmal eine Zeit kommen, wo ganz Lebda, wenigstens der westliche Stadttheil, die eigentliche Hauptstadt, verschwunden sein wird.


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