Die Vorfahren des Schmetterlings
In dem lieblichen Schöpfungsbilde der Bibel sehen wir, wie die junge Erde sich mit allerlei Getier belebt. Vögel schwingen sich in die Lüfte, Fisch und Walfisch tummeln sich im Meer, das Vieh geht zur Weide, und der Wurm wühlt sich durch den Grund. Aber einen hat der Chronist vergessen: den Schmetterling, der über die Blüten gaukelt. Wieviel fehlte der irdischen Landschaft, wenn er nicht wäre!
Goethe hat bei Gelegenheit seiner Metamorphose der Pflanzen einmal gesagt, der Schmetterling sei selber eigentlich nur eine Blüte, die sich eines Tages vom Stengel gelöst habe und frei fortgeflattert sei. Er dachte dabei wohl an die wunderbare Wasserpflanze Vallisneria, bei der sich die männlichen Blüten in der Tat selbsttätig von den Stielen ablösen, um sich durch das Wasser zu den weiblichen tragen zu lassen. Aber noch in einem tieferen Sinn hatte er recht.
Die Raupe, die träg im Blattwerk der Pflanze hängt, immer nur auf Fressen und Wachsen bedacht und in der Farbe oft grün wie das Blatt, das sie verzehrt, hat in ihrem Stande etwas von der Pflanze selbst, die bloß erst emporwachsend Sprossen und Blätter treibt. Der Schmetterling aber, der aus dieser Raupe durch das Knospenstadium der Puppe eines Tages ersteht, gleicht der Blütenbildung an solcher Pflanze. Wiesie, tritt er in reifer Entfaltung gleich ganz hervor. Wie sie, lebt er wesentlich nur der Liebe. Wie sie, prangt er durchweg in herrlichen Formen und Farben. Der Kenner weiß sogar, daß Schmetterlinge nach Vanille und anderem Aroma – lebhaft duften können. Und zum Überfluß ist der Schmetterling verknüpft mit dem Leben der Blume. Seit grauen Zeiten ist er ihr Liebesbote geworden, der ihr selber unentbehrlich ist, den sie mit Näschereien füttert, dem sie ihren Duft und ihre Farben entgegenbringt.
Seit grauen Zeiten! Aber auch das Graueste muß zuletzt einmal angefangen haben. Auch unser Schmetterling mit all seiner Blumenschöne und Blumenliebe muß zuletzt auch einmal auf Erden entstanden sein.
Solange Menschen sich erinnern, war er da, aber das ist doch nur eine ganz kurze Zeit. Wir blicken zurück in die wunderbaren Wälder der Urwelt, durch die noch kein Menschenschatten mit Menschengröße und Menschenqual ging. Und wir sehen im Steinkohlenwald, diesem Sumpfforste gigantischer Schachtelhalme und Bärlappe, noch keine leiseste Spur eines gaukelnden Schmetterlings. Wohl war das fliegende Insekt als solches schon da. Sei es nun, wie die einen wollen, aus einem trilobitenhaften Krebs damals hervorgegangen, der sich mit schwerfälligem Erstlingsfluge aus einer austrocknenden Pfütze so zur nächsten besseren rettete, – sei es, wie andere vermuten, auf einem langen Wege vom Tausendfuß gekommen: genug, es schwirrte, obwohl in wirklich noch einigermaßen mühseliger Form, im kleinen unseren Aeroplanen von heute noch vergleichbar, die auch vielleichterst bei unseren Enkeln einmal schmetterlingshaft zierlich werden.
Seltsam freilich: in der relativen Größe, an Insektenmaßen selbst gemessen, waren diese ersten lebenden »Aeroplane« des Steinkohlensumpfs die Riesen ihres Geschlechts. Nie wieder sind Insekten auf Erden überhaupt so kolossal geworden. Da flog mit »halbstarrem System«, das sich erst nach oben aufrichten, aber noch nicht nach hinten gefaltet übereinanderlegen ließ, der Koloß Meganeura, dessen Flügel zusammen an dreiviertel Meter spannten. Aber Meganeura war kein Schmetterling, näher verwandt war der Riese den heute noch in jener Methode fahrenden Libellen.
Lange noch auch in der mittleren Urwelt hat es prachtvolle Flieger aus den Kreisen dieser Nichtschmetterlinge gegeben, wenn auch keine ganz so kolossalen in der Folge mehr – so flog noch in der berühmten Lagune von Solnhofen zur Jurazeit die herrlicheKaligramma Haeckeli, bei der jeder Vorderflügel über 12 Zentimeter maß und auf allen Flügeln riesige Kreisflecken wie bei unsern Pfauenaugen standen; sie war keine Libelle, sondern eine Nächstverwandte jenes hübschen Insekts, das aus unserm allbekannten »Ameisenlöwen« als seiner häßlichen Larve steigt.
All diese Urweltler lehren uns aber nichts über den engeren Werdegang unseres Schmetterlings. Überschlagen wir ungeheure geologische Zeiträume nach jenen Steinkohlensümpfen und ihren riesigen Meganeuren und machen erst wieder halt in jenen viel näheren, obwohl immer noch urweltlichen Wäldern der Tertiärzeit, woder Bernstein als Harzträne von den Fichtenstämmen perlte und gerade Spuren des Insektenlebens wie in einem Archiv aufbewahrte, so finden wir dort in der Tat schon den Schmetterling vollendet. Der niedliche Bläuling gaukelte schon am Tage um die Bernsteinbäume, der dicke Schwärmer nahte sich abends den Waldblüten. Noch war auch damals die Zahl nicht groß, die grenzenlose Prachtentfaltung muß erst in unseren eigenen Tagen liegen; aber die Stunde war erfüllt, darüber ist kein Zweifel. Zwischen damals und jenem nebelfeuchten Farnwalde von so viel früher muß die Schöpfungsstunde des Schmetterlings gelegen haben, da er nicht einzeln wie jeder von heute aus seiner Puppe, sondern im ganzen gleichsam aus einem anderen Insekt hervorgekrochen war. Was könnte das aber für ein Insekt gewesen sein?
Wir betrachten einen Moment genauer den heutigen Falter, irgendeinen Admiral oder Trauermantel des Tals oder den wundervollen Apollo der Hochgebirgsmatte, und zweierlei erscheint uns als sein Charakteristisches im Gegensatz zu allem sonst vertrauten Insektenvolk. Seine Mundwerkzeuge bilden statt harter und roher Beißer eben jenen feinen Saugrüssel, mit dem er den Blütennektar nascht. Und eben seine blütenhaft bunte Farbenpracht entsteht durch eine Art köstlichen Pelzes, dessen schuppenförmigen Haare lose in dem zugrunde liegenden nackten Glasflügel wurzeln. In der Herkunft dieser beiden Besonderheiten muß das Geheimnis der Schmetterlingsherkunft stecken. Hier mag uns aber ein kleines Erlebnis bedeutsamwerden, das wohl ein jeder von uns einmal durchgemacht hat.
Wir haben als Kinder im flachen Schilfgrund gegründelt oder das angeschwemmte Genist des Ufers zerteilt. Da geriet uns ein sonderbares kleines Futteral aus zäh verknüpften Rohrstückchen, Sandkörnchen oder gar Schneckenhäuschen in die Hand, das wir nicht zu deuten wußten. Indem wir es aber drückten, schaute vorne ein unwillig gestörter häßlicher Kopf vor: in der Hülse wohnte als ihr Verfertiger ein langer wurmhafter Geselle. Das jetzt aber war kein echter Wurm, sondern auch eine Insektenlarve, entsprechend dem Raupenstande beim Schmetterling. Köcherfliege oder Köcherjungfrau heißt das fertige Insekt, das später aus ihr hervorgeht, ein Flügelinsekt, das auf sehr viel gelenkigerem, schon hinterwärts kunstvoll zusammenfaltbarem Luftschiff dahinfahren wird, als es etwa eine Libelle besitzt. Aber bezeichnenderweise wird solche Köcherjungfrau auch »Wassermotte« genannt. Wirklich trägt sie, einzig unter allen nicht schmetterlingshaften Insekten der Jetztzeit, auch auf ihren Flügelchen einen deutlichen bunten Pelzbesatz, obwohl von etwas primitiverem Haarstande. Und ebenso erscheint auch ihr kleiner Mund verkümmert zum derben Beißen, er bietet bereits den deutlichen Anfang eines zarten Blütensaugers. Wie ein Doppelgänger taucht dieses Wasserkind neben dem Schmetterling auf, eine leichte Bleistiftskizze gleichsam zu dem dort glänzend vollendeten Kunstwerk.
Schon früh ist es also denkenden Beobachtern aufgeblitzt: hier müsse noch etwas bis heute fortleben ausdem ursprünglichen Werdegang des Schmetterlings, und, einmal angeschlagen, hat das dann zu einem weiten Gewebe der Möglichkeiten gelockt.
Jene Köcherfliegen oder Phryganeiden verknüpfen sich selber heute ziemlich ersichtlich noch mit einem anderen Insektengeschlecht. Das sind die sogenannten Skorpionfliegen oder Panorpaten. Sie führen keinen Flügelpelz und keinen sanften Honigheber. Ein wildes Räubervolk sind sie, mit einem bösen Beißschnabel, der unerbittlich über anderes Insektenvolk herfällt; die bekannteste Sorte führt beim Männchen hinten eine zum Rücken umgeschlagene Zange, die an den gefürchteten Stachel des Skorpions gemahnt. Zweifellos ist solche Skorpionfliege ein niedrigeres und altertümlicheres Insekt, zugleich aber deuten mancherlei Indizien darauf, daß gerade sie einst die Ahnfrau der schon viel feiner organisierten Köcherjungfrau war. Skorpionfliege, Köcherjungfrau, Schmetterling – hier lebte also heute noch etwas wie der Schatten eines Stammbaumes …
Gehen wir damit aber wieder in die Urwelt selber zurück. Da ist es nun sehr interessant jetzt, daß die Skorpionfliegen gar sehr eines beträchtlich hohen Alters verdächtig sind. Sie tauchen in zahlreichen unmittelbaren Resten (Abdrücken von Flügeln) etwas vor der Mitte zwischen jenen schmetterlingsleeren Steinkohlensümpfen und den schon von Schmetterlingen besuchten Bernsteinforsten auf: zu Anfang der vom Ichthyosaurus allbekannten Jurazeit. Feine Indizien aber verknüpfen sie dort wieder rückwärts noch bis zu den wirklichen Urinsekten des Steinkohlensumpfes selbst, so daß man wohlannehmen darf, sie mit ihren bis heute ja noch so viel roheren Beißorganen sind ursprünglich doch auch von dort hergekommen. Nun aber sehen wir des weiteren etwas geradezu verblüffend an jenen geahnten höheren Stammbaum auch urweltlich Anschließendes.
Schon in den Gesteinsschichten jenes untersten Jura finden sich neben den deutlichen Flügeln von Skorpionfliegen auch bereits einzelne Flügel noch erkennbar abgeprägt, die heutigen Flügeln der Köcherjungfrau gleichen. Und schon im mittleren und oberen Jura gesellen sich dazu einzelne noch weitere Flügel, die jetzt gar schon stark an den echten Schmetterlingsflügel von heute gemahnen. An sehr verschiedenen Orten ist man bisher auf diesen ersten Schatten des Urschmetterlings gestoßen: in England, in Sibirien und im berühmten lithographischen Kalkstein von Solnhofen in Franken. Im letzteren hatte man allerdings lange die Abdrücke von Holzwespen mit Schmetterlingen verwechselt, aber nachdem dieser Irrtum erledigt war, gab es doch auch echte Schmetterlingsflügel dort. Und da scheint nur ein schlichter Schluß möglich.
Schon zu Anfang der Jurazeit hatte sich ein Teil der alten Skorpionfliegen in Köcherjungfrauen verwandelt, und im Verlauf der Juraperiode dann gingen wieder aus einem Teil der Köcherjungfrauen die echten Schmetterlinge hervor. Immer wandelte sich nur ein Teil, wohlbemerkt, denn es leben ja heute neben den Schmetterlingen auch noch (allerdings wenige) Skorpionfliegen und ein gut Teil Köcherjungfrauen fort; das ist die alte Sache wie fast immer im Stammbaum;neben dem Neffen lebt der Onkel auch noch weiter. Indessen ist hier noch eine Erwägung nötig, die zugleich das Bild des Hergangs noch farbiger macht.
Frühlingsfliege sowohl wie noch viel vollkommener der Schmetterling selbst besitzen heute durchweg einen reinen Blütensaugapparat. Dazu aber sind höhere Blüten nach Art unserer heutigen von Insekten besuchten nötig.
Nun hat es aber solche Blüten in jener Juraperiode noch gar nicht gegeben, sie entstanden erst in der folgenden Kreidezeit, die noch zwischen den Jurawäldern und dem Bernsteinforst liegt.
Wir müssen also annehmen, daß, der Not der Zeit gehorchend, auch die erst erstandenen Köcherjungfrauen der Jurazeit noch beißende Mundwerkzeuge gleich den älteren Insekten besaßen.
Auf dieser Stufe aber müssen zunächst doch die Flügel bei einem Teil ihres Urvölkleins schon mehr oder minder schmetterlingshaft geworden sein, so daß man mit einigem Recht schon von diesen Vertretern damals hätte sagen können, es waren bereits Schmetterlinge, doch Schmetterlinge auch noch mit beißenden Kiefern ohne Honigrüssel.
Es ist dabei wieder interessant zu bemerken, daß noch heute einige wenige Schmetterlinge uns lebend beinahe noch diese Urstufe vor Augen bringen; so hat der primitivste aller lebenden Schmetterlinge, von dem die ArtMicropteryxoderEriocephalus Calthellabei uns in Europa vorkommt, noch regelrechte kauende Mundteile mit wohlerhaltenem Oberkiefer anstatt des Saugrüssels.
Und erst in der Kreidezeit selber werden wir dann annehmen dürfen, daß sowohl die echt verbleibenden Köcherjungfrauen wie die Partei der schon werdenden Schmetterlingsflügler unter ihnen fast auf der ganzen Linie sich wirklich den entstehenden Blumen (und die Blumen ihnen) auch im Mundbau anschlossen, womit für den Schmetterling erst das ganz Ätherische, vom Brutalen Abgelöste seines endgültigen Schicksals gegeben war.
Nachdem zuerst in der langsam prägenden Urweltshand sein farbenfroher Flügel sorgsam fertiggestellt worden war, folgte jetzt der Honigmund.
Und so ist er bereits in den sonnendurchhellten Bernsteinwald eingeschwebt, so ist er als lieblichstes Schöpfungsmärchen heraufgegaukelt bis zu uns.