Die drei Augen der Blindschleiche

Die drei Augen der Blindschleiche

Es hat so manches Menschenkind gegeben, dessen wahre Taten im Guten wie im Bösen längst vergessen sind, das aber unsterblich fortlebt in dem, was von ihm gelogen worden ist.

Von einem der zierlichsten und, wenn man ihn nur genauer besehen will, hübschesten Vertreter unserer heimischen Tierwelt gilt in stärkstem Maße, daß seit alters sein Ruhm, Name und Wert durchaus nur der Legende verdankt wird – nämlich von unserer Blindschleiche.

Drei Volkslegenden sind es, die sich an sie heften, und alle drei sind erstklassiger zoologischer Unsinn.

Eine Schlange soll sie sein, immerhin ein verzeihlicher Irrtum; in Wahrheit ist sie eine echte Eidechse, die aber nach Schlangenart ihre vier Beine abgeschafft hat und auf dem Bauche kriecht.

Giftig soll sie sein; ich erinnere mich des köstlichen Anblicks, wie die sämtlichen Dienstleute eines großen Kuhstalls, ein ganzer Haufen starker erwachsener Menschen, unter wildem Lärm mit Stöcken und Mistgabeln gegen ein harmlos dahinkriechendes Blindschleichlein zu Felde zogen, als gelte es einen Drachen zu erlegen; tatsächlich ist diese kleine fußlose Eidechse unserer Heimat sowenig giftig wie die andern Echsen, die sich dort am Rain oder auf dem Gemäuer sonnen.

»Blindschleiche« aber heißt der friedliche Geselle, weil die kopflose Angst, die vor ihm davonlief, sich nicht Zeit nahm, zu beachten, was er für zwar kleine, aber vollkommen wohlentwickelte zwei Äugelchen an seinem Eidechsenkopf führt.

Gerade dieser dritte und letzte Irrglaube sollte in neuesten Tagen von allen aber noch einmal der eigenartigste, der paradoxeste werden. Denn eben diese »Blindschleiche«, der man gar keine Augen angedichtet hatte, sollte mit zum besten Exempel werden bei einer höchst absonderlichen Entdeckung, die auf dem Gebiete der Sehmöglichkeiten zu den großartigsten gehört, die jemals gemacht worden sind.

Die Blindschleiche besitzt nicht nur jene zwei Augen, sondern sie hat in Benutzung noch ein drittes, höchst geheimnisvolles Sehwerkzeug, das uns Menschen fehlt!

Die erfinderische halbzoologische Sagenphantasie hat ja gern auch mit der Zahl der Augen gespielt. Fabelwesen sollten Augen am ganzen Leibe haben, wobei vielleicht die vage Kunde von herrlichen Vögeln unter ferner Sonne mitspielte, wie dem Argusfasan, dessen Federn augenartig aussehende Kugelflecken von berückendem Zauber zieren. Dem Neunauge gab die Fischerphantasie »neun Augen«, wobei in Wahrheit Saugmund und Kiemenlöcher mitgezählt auf die hohe Ziffer bringen mußten. Das groteskeste Bild aber ist der Zyklop, der nur ein einziges Rundauge mitten auf der Stirn führen sollte.

Für das einfache bestmögliche Sehen nach vorn ist die Lage unserer zwei natürlichen Menschenaugen so gut,daß eine Verlagerung auf die Stirn mit Wiederzusammenziehen in ein einziges Auge gewiß nicht als Vorteil gelten könnte. Aber unwillkürlich drängt das Zyklopenauge auf etwas Drittes.

Angenommen, das gewöhnliche Augenpaar ist neben ihm auch noch vorhanden und genügt dem Blick in der Frontlinie; das Zyklopenauge aber rückt noch etwas höher von der Stirn bis an die Scheitelwölbung: so entstände plötzlich ein sehr großer Vorteil. Ein Wesen mit der Zutat eines solchen »Scheitelauges« könnte nämlich (vorausgesetzt, daß es keine Hüte trägt) bei Frontstellung auch noch nach oben oder (bei hoher Scheitellage) einigermaßen sogar nach hinten sehen. Es beherrschte ein weites Sehfeld mehr. In der Bedrängnis des Lebens aber bedeutet Mehrsehen (auch den Feind noch sehen, der von oben oder hinterrücks kommt) auf jeden Fall eine gute Schutzchance mehr.

Und wieder: was so mehr schützt und nützt, das hat die Natur immer gern auch einmal wirklich gemacht. Seltsam also, daß es nicht da, dort einmal einen Versuch wenigstens auch im wahren Naturhaushalt gegeben haben sollte zu einem »Zyklopenauge« dieser brauchbaren Art – wenn nicht bei Menschen, so doch anderswo bei schädelbesitzenden Wirbeltieren.

In den siebziger und achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, das in der Tierkunde so ungeheure Fortschritte gebracht hat, verbreitete sich in engsten Fachkreisen die Kunde, es könne vielleicht wenigstens für ferne Urweltstage etwas dahin Gehendes wirklich vermutet werden.

Der ausgezeichnete Anatom Leydig hatte auf dem Scheitel über dem Zwischengehirn junger Eidechsen von heute ein kleines Gebilde entdeckt, das wie ein verkümmertes Restchen irgendeines ehemals hier sitzenden Organs aussah. Andere deuteten es auf das Rudiment irgendeines Sinnesorgans. Und man brachte es in irgendeine Verbindung mit einem stummelhaften, verkümmerten, durchaus heute rätselhaften Gehirnteil, der sogenannten Zirbeldrüse.

Dieser »Gehirnstummel« findet sich noch bei den höchsten Säugetieren, ja bei uns Menschen erhalten, und er ist gelegentlich in der menschlichen Gehirnforschung interessant oder, besser gesagt, amüsant dadurch geworden, daß Philosophen in ihm den Sitz der »Seele« gesucht hatten, nach dem Rezept: was wir im Gehirn mit gar keinem Zweck mehr zu verbinden wissen, das muß wohl das Uhrrädchen für die »Seele« sein.

Jetzt schien es aber, als sei diese problematische Zirbeldrüse in Wahrheit die alte Zentrale am Hirn für irgend etwas, das einmal hier in der Scheitelgegend Anschluß gehabt hatte, heute aber zum toten Gleise geworden war.

Bei den Säugetieren bis zu uns hatte man noch die Ruine der Zentrale, bei den Eidechsen schien selbst das tote Gleis noch als solches nachweisbar. Dirigieren und fahren aber tat heute anscheinend nirgendwo mehr etwas dort.

Nun aber: die heutigen Tiere sind Enkel der Urweltstiere. Manches, das hier heute nur mehr verfallenes Haus, zugemauertes Fenster, »rudimentäres Organ« ist, war dort einst noch belebte Burg, offene Schau, funktionierender Körperteil.

Findige Vorweltkenner konstatierten also, daß eine ganze Menge der berühmten urweltlichen Saurier an ihren erhaltenen Schädeln noch ein höchst charakteristisches Scheitelloch gerade an diesem verdächtigen Fleck zeigten, so der berühmte Ichthyosaurus, die riesigen, seeschlangenhaften Mosasaurier, die säugetierähnlichen Theromorphen vom Kapland und andere mehr. Hierkönnteein sehr respektables Organ damals gesessen haben – ein Organ, das damals wohl noch funktionierte in irgendeinem entsprechend respektabeln Lebenszweck. Was aber konnte das für ein Organ gewesen sein?

Ein Forscher meinte, es sei vielleicht ein besonderes Wärmeorgan gewesen, dessen sich diese alten Saurier, wenn sie faul in der Tropensonne lagen, bedienten, um gleichsam ein Warnsignal gegen Sonnenstich bei zu hoch steigender Scheiteltemperatur zu erhalten.

Das Vorhandensein des Organs gerade bei extrem wasserbewohnenden Sauriern (wie dem Ichthyosaurus), andererseits das Fehlen seines Restes bei unsern Krokodilen, die mit so besonderer Liebe in der Sonnenglut duseln, sprach gegen diese kühne Vermutung.

Dagegen führte die genaue Untersuchung des heutigen Restes, wo er bei Reptilien wirklich noch bestand, allmählich mit wachsender Sicherheit auf eine andere Spur, nämlich daß es sich um ein Lichtorgan, also ein Auge, gehandelt habe. Ein Scheitelauge (Parietalauge, wie der Forscher in seiner Sprache sagt), das bei jenem alten Drachenvolk als drittes Auge neben den beiden andern irgendwie in Tätigkeit gewesen wäre!

Man konnte an der heutigen Ruine noch mehr oder minder deutlich die ursprüngliche Linse und die Netzhaut feststellen, und der alte Sehnerv schien in der Tat wenigstens gegen die Nähe der heutigen Zirbeldrüse verlaufen zu sein. Besonders wertvoll wurde bei diesen Studien die noch auffällig gute Erhaltung des Organrestes bei dem einzigen heute noch überlebenden Ursaurier der Triaszeit, der merkwürdigen Brückeneidechse (Sphenodon) von Neuseeland.

Längere Zeit machte die Forschung hier halt.

Das »Scheitelauge« kam als Besitztum der Urweltler, an das heute noch geringe Reste, obwohl in völlig gebrauchsunfähigem Zustande, gemahnen sollten, in alle Lehrbücher, vor allem die am nächsten interessierten geologischen.

Bis es dann in jüngster Zeit endlich einem Privatdozenten in Moskau, Nowikoff, gelang, die ganze interessante Frage noch einmal neu aufzurollen und auf eine unerwartete höhere Stufe zu bringen.

Nowikoff stellte nämlich nichts Geringeres fest, als daß bei unseren bekanntesten heimischen Eidechsen, insbesondere unserer Blindschleiche, das Scheitelauge auch heute noch gar nicht als unbrauchbarer Rest, sondern in energischer Leistung vorhanden ist!

Verdächtig erschien Nowikoff, daß die Bindegewebsschicht, die das alte Organ zudeckte, deutlich noch glasartig, also lichtdurchlässig war. Das Organ nahm also heute noch Licht in sich auf. Es hatte auch eine Linse, wenn schon eine schlechte. Es hatte einen Glaskörper, es hatte eine (gar nicht so üble) Netzhaut, und es hatte einen Sehnerv zum Gehirn.

Vor so vollkommenem Apparat mußte die Frage akut werden, ob das lebende Tier nicht tatsächlich das einfallende Licht noch »sehend« erfasse – heute noch.

Anfangs mißlangen die Versuche, dem gefangenen Tier irgendeine Äußerung abzulocken, ob es (bei Verdeckung der Seitenaugen) mit dem Scheitelauge mindestens allgemein Licht empfinde. Schließlich aber glückte ein anatomischer Beweis.

Auf der Netzhaut der seitlichen Augen trat bei diesen Reptilien (wie anderswo) stets eine Änderung einer gewissen Pigmentverteilung ein, je nachdem das Auge sehend Licht aufnahm oder im Dunkeln blieb; im Dunkeln stellte sich die Netzhaut damit auf möglichste Ausnutzung auch des schwächsten Dämmerlichts ein, bei greller Belichtung umgekehrt suchte sie etwas abzublenden. Ganz genau diegleicheReaktion zeigte nun die Netzhaut des Scheitelauges: auch sieregulierteautomatisch ihre Lichtaufnahme, mußte also sehen!

Nach der ganzen Sachlage schließt Nowikoff, daß das »dritte Auge« immerhin schlechter sieht als die beiden Seitenaugen. Die schlechte Linse gibt wohl keine eigentlichen Bilder der Dinge. Doch unterscheidet das Organ noch sehr deutlich Licht und Schatten. Und es unterscheidet auch an der verschiedenartigen Reizung der halbkugeligen Netzhaut die Richtung und Bewegung äußerer Abwechslungen von Dunkel und Hell.

In diesem Sinne hat das immer geöffnete Scheitelauge für ein schwaches, sonst sehr schutzloses Tier, das gern auf hellbelichteten Stellen ruht und dabei im Hitzedusel die Seitenaugen schließt, immer noch einen ganzgewaltigen Vorteil. Es verrät ihm das Nahen lichtabschwächender, anders belichteter, schattenwerfender Körper von Angreifern. Man versteht, daß eine fest schlafende Blindschleiche durch den Lichtwechsel geweckt wird und sogleich in der entgegengesetzten Richtung flieht, wenn sich ein Mensch auch nur von fern ihrem Ort nähert. Das Scheitelauge ist nur ein halbes Auge heute, aber es dient noch immer einem ganzen Zweck!

Natürlich ist dabei nicht ausgeschlossen, daß es bei den urweltlichen Sauriernnoch besserfunktionierte als jetzt. So ist auch bei Nowikoffs Studien wieder bestätigt worden, was andere schon vor ihm vermutet hatten: es scheint auch an dieser Stelle ursprünglich ein Augenpaargelegen zu haben, so daß die echten Urweltler im ganzen nicht weniger als vier Augen besaßen. Noch heute bemerkt man hinter dem sehenden Scheitelauge einen zweiten Augenrest, der noch enger zur Zirbeldrüse anlenkt, aber gegenwärtig wirklich ganz verkrüppelt bleibt. Manches in der Lage und dem Gehirnanschluß spricht aber dafür, daß ursprünglich auch diese beiden Scheitelaugennebeneinanderanstatt hintereinander lagen: erst bei Verkümmerung des einen scheint das übrigbleibende sich vorgedrängt zu haben, so daß es jetzt die Spitze der Reihe bildet.

Die Sage gab dem Schlangenscheitel ein funkelndes Krönlein. Vielleicht ist die Wahrheit doch noch niedlicher, die hier das Haupt eines Reptils mit einem feinen Lichtdeuter krönt, dessen Funkeln schutzbringend in sein eigenes Gehirn glänzt.


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