Sirenen
Als der homerische Dichter das Abenteuer des Odysseus mit den Sirenen schilderte, benutzte er stofflich wohl ein damals schon altes Schiffermärchen. Die unvergleichliche Eigenart, die aus diesen fünfunddreißig Versen eines der herrlichsten Gedichte der Weltliteratur gemacht hat, liegt in der Schilderung. Das Schiff des umgetriebenen Dulders kommt herangeschwebt, von freundlichem Winde getrieben. Plötzlich dann, ehe noch die Sireneninsel selber auftaucht, ist es, als gehe ein Zauber von ihr aus. Der Wind ruht. Die stille See glänzt von heiterer Bläue des Himmels, ein Himmlischer scheint die Wasser zu senken. Jetzt, als der bedenkliche Fels auf Hörweite nahe ist, der Sirenengesang selbst. Nur acht Verse, aber vielleicht das Klangvollste, was in Ilias wie Odyssee vorkommt. Man merkt dem Dichter ordentlich die Verantwortung an, dieses Lied, das selbst den schlauen Odysseus verführen soll, wörtlich zu geben, und doch hat er es gewagt. Aber die Genossen des Dulders, die ihre Ohren mit Wachs verstopft und ihn selber zur Vorsicht an den Mast gebunden haben, rudern vorbei. »Leiser, immer leiser verhallte der Singenden Lied und Stimme.«
Es ist eine arge Sache, wie mit Namen umgesprungen wird.
Den scheußlichsten, rohesten Lärmapparat, den der spätere Kulturmensch erfunden hat, nennt er eine Sirene.Ein Tiergeschlecht aber von so unerhörter Unform, daß ein Schwein dagegen die leichtfüßige Eleganz verkörpert, hat der moderne Naturforscher sozusagen amtlich als das der Sirenen bezeichnet, nämlich die mit anderem Wort sogenannten Seekühe.
Wenn man sich eine Kuh denkt, die mit derselben unerschütterlichen maschinenhaften Konsequenz, mit der eine richtige Alpenkuh rupfend und rückend tagaus tagein ihre Matte dezimiert, Seegras statt Wiesengras abweidet; wenn man diese Kuh für das Wasserleben hinten abhackt und in eine plattliegende Fischflosse auswalzt, ihr auch gleich dabei die Hinterbeine fortschneidet und die Vorderbeine in runde Paddeln verbreitert, so kommt man auf die Seekuh. In dieser Gestalt liegt sie ihr Leben lang faul über ihrer unterseeischen Küstenmatte und äst, wobei sie im Vorschreiten gelegentlich ihrer Weide auch in die großen, zur See mündenden Flüsse hinein nachpaddelt und so bis tief ins Binnenland kommt.
Ihre Weide ist fett, und das Wasser trägt – so darf sie alle Kuhmaße überbieten und als kolossale Fleischwalze von fünf oder gar zehn Metern Länge über ihrer Wasserwiese schaukeln.
Dabei ist sie gleich der richtigen Kuh ein Säugetier. Ihre milchgebende Mutterbrust hat sogar etwas ganz Menschliches in Lage und Form, und hier steckt die halbwegs gangbare Begriffsbrücke, die zur Vergleichung mit einer homerischen »Sirene« geführt hat; denn es wird behauptet, daß diese Seekühe, im Indischen und Roten Meer gelegentlich schon vor den ältesten Seefahrernbeim Luftschöpfen auftauchend und solche Büste produzierend, geradezu die Fabel von Meerweibchen, also doch irgendwie der Verwandtschaft wenigstens der echten sirenischen Fräuleins, erzeugt hätten.
Die meisten Säugetiere aber, die nachträglich (denn alle echten Säuger waren geschichtlich wohl zunächst Landtiere) wieder ins Wasser gegangen sind, haben dort eine Art Zersetzungs- und Zerfließungsprozeß ihrer Leibesformen erlebt. Während der Fisch als ursprüngliches Wasserkind durchweg (selbst im riesigsten Hai) eine gewisse Grazie der vollkommenen Anpassungsform bewahrt hat, stößt man beim Wassersäuger auf die greuliche, verschwommene und zerhackte Mißform des Nilpferdmauls oder die Monstra der großen Wale und Pottfische, die jeder geordneten Linienführung im Umriß spotten. Und so ist auch die Seekuh auf ihrer Wasserweide an »Nichtform« ein echtes und rechtes Meerwunder geworden, so ungeschlacht wie nur möglich, wie einer, der sich gehen lassen kann und es nicht mehr nötig hat, auf nettes Äußeres und adrette Umgangsform zu sehen.
Gleich für die ersten klaren Ordnungsgenies in der neueren Tierkunde mußte es dabei aber eine wichtige Frage werden, zu welcher engeren Ecke des großen Säugervolks nun dieser Vetter Wanst eigentlich gehöre. Vom Lande war er gekommen; an was für eine Landform aber sollte man ihn dort systematisch anreihen?
War es etwa wirklich die Kuh gewesen, die, gefräßig ihrer Weide nachrückend, in irgendwelchen Urweltstagen so ganz allmählich sich ins Seichtwasser hinein verlorenhatte und endlich dort zur regelrechten Taucherin geworden war, wo die Grasnarbe sich allzu tief unters Wasser verlor?
Ganz so seltsam, wie es sich anhört, wäre solcher Vorgang nicht. So ist das allbekannte Nilpferd ja wirklich nichts viel anderes als ein in die weiten Binnenseegründe voller Lotosweide dauernd verlocktes altertümliches Schwein, das bei Sansibar sogar schon wie eine rechte Seekuh kühn ins Meer hinausschwimmt.
Längere Zeit indessen war unsere wissenschaftliche Tierkunde zu solchen Ableitungen deshalb nicht recht mutig, weil ihr überhaupt zweifelhaft geworden war, ob sich eine Tierform aus einer anderen »entwickelt« haben könnte. So gesellte man einstweilen die Seekuh gar nicht zu irgendeinem Landtier im System, sondern rückte sie mit zwei anderen ausgesprochenen Wassersäugern, dem Seehund und dem Walfisch, zu einer engeren Gemeinschaft der Fisch- oder Seesäugetiere zusammen. So haben wir's noch aus dem alten, wirklich noch vom Manne dieses Namens verfaßten »Brehm« gelernt, und der älteren Generation sitzt's noch in Fleisch und Blut. Es hilft aber nichts, die Welt läuft, und der Mensch muß mitlaufen und immer wieder umlernen.
Schon als der erste Darwinismus hochkam, wurde klar, daß einer aus diesem künstlichen, bloß dem Aufenthaltsort nach vereinten Trio unbedingt woanders hinkommen müsse, nämlich der Seehund. Er war wirklich ein Stück »Hund«, nämlich lediglich ein für die ergiebige Wasserjagd umgepaßtes ursprüngliches Landraubtier.
Ein Räuber, das heißt ein absoluter Fleischfresser, ist aber auch der Walfisch, und so entstand vor ihm bald ein zoologischer Argwohn, daß er, obwohl ersichtlich viel weiter fürs offene Meer umgeformt, irgendwie doch auch zuletzt und in grauen Entwicklungsurtagen an die Raubtiere anschließe. Das ist in neuester Zeit durch geologische Funde auch immer wahrscheinlicher, wenn auch noch nicht ganz zur Gewißheit geworden; die Landväter sind in diesem Falle wohl noch wahre Urraubtiere (sogenannte Kreodonten) gewesen.
Blieben zuletzt also wieder als vereinsamter Rest unsere Seekühe.
Diesmal schien aber ihre »Kuhnatur« zunächst wieder zur Anerkennung kommen zu wollen.
Bei Haeckel, dessen Systematik jetzt für eine neue Generation zu einer Art zoologischen Breviers wurde, las man, daß die Seekuh höchstwahrscheinlich ein Wasserableger des paarhufigen Huftiers sei, also eben der Gruppe, zu der unter anderem auch die Kuh gehört.
Solche entwicklungsgeschichtlichen Vermutungen sind nun bei umsichtiger Handhabung der Theorie stets sehr wertvolle Fingerzeige, und Haeckels provisorische »Stammbäume« haben trotz allen wohlfeilen Gegnerspotts eine wahre neue Ära der ganzen zoologischen Systematik eingeleitet, in der praktisch heute auch alle die leben und weben, die Haeckels Namen nachträglich undankbar verleugnen. Auf der anderen Seite bleibt aber ebenso wahr, daß alle noch so geschickte Theorie arm ist, wenn nicht das Glück wirkliche Neuentdeckungen hinzubringt, – in diesem Falle also den Fund wirklicher vorweltlicherSkelette von Übergangsformen, die etwa den Schritt von einem nilpferdisch und noch weiter wasserlieb gewordenen Zweihufer aus der Kuhverwandtschaft zur Seekuh leibhaftig vor Augen stellten.
Nun fanden sich zwar versteinerte Seekühe. Seekuhweiden bieten sich heute in den verschiedensten Meeren und Strömen, von Florida und dem Orinoko bis Afrika und dem Indischen Ozean; eine riesige Seekuh bei Kamtschatka, das sogenannte Borkentier, ist erst in junger geschichtlicher Zeit vom Menschen ausgerottet worden. Wie aber in der Urwelt alle geographischen Grenzen durchweg auf den Kopf gestellt scheinen, so mußte man sich auch hier mit dem Bilde befreunden, daß noch in der Epoche der Tertiärzeit, als unser allbekannter Bernstein als frisches Harz von Waldbäumen des Landes tropfte, über die Gegend bei Mainz und Darmstadt ein Meeresarm ging, dessen Seegraswiesen auch dort damals schon von zahlreichen, mäßig großen (etwa drei Meter langen) Seekühen abgeweidet wurden. Diese alten Darmstädter Meerweibchen zeigten, wie es scheint, äußerlich noch ein verkümmertes Hinterbeinchen, das heute ganz fehlt, sozusagen ein Abzeichen noch mehr ihrer sicheren ehemaligen Landverwandtschaft. Aber das war auch alles: im übrigen waren sie schon genau so mißgeformt und wasserfroh wie ihre Genossen unseres Tages etwa in ihrem fernen Roten Meer. Die sirenische Übergangskuh hatte man jedenfalls in ihnen noch nicht vor Augen.
Inzwischen gab es aber eine alte Stimme aus der Tierkunde selbst, fast vergessen wie der Mann, von demsie hauptsächlich ausgegangen war, der schon fast zehn Jahre vor Darwins Auftreten verstorbene Franzose Blainville.
Sie mahnte an die höchst seltsamen Zahnverhältnisse dieser Sirenen, in denen offenbar noch ein separates Geheimnis stecke.
Wenn von den homerischen Sirenenmädchen die böse Kunde gilt, daß ihr süßer Sängermund in verschwiegenen Stunden Menschenfresserei trieb, zu der neben verminderten ethischen Hemmungen mindestens ein gutes Gebiß gehörte, so hatten einzelne der wirklichen Sirenenkühe überhaupt keine Zähne oder doch nur spärlichste Reste solcher. Doch das war offenbar wieder Wasseranpassung für sich; auch der ungeheure Grönlandwal ist zahnlos und seiht nur winziges weiches Meergetier durch seine Gaumenbarten, die uns das bekannte Fischbein liefern. Was aber noch vorhanden war von sirenischem Normalgebiß, das war wirklich bedeutsam genug.
Bald zeigte sich ausgesprochene Neigung, die oberen Schneidezähne unter der fetten Wulstlippe in regelrechte Stoßzähne zu verwandeln. Bald wuchsen die Backzähne beständig neu nach, und zwar so, daß der vorderste immer nach einer Weile ausfiel, von hinten her aber die Zahnreihe ergänzt nachrückte. Diese Zahnwunder aber erinnerten auffällig jetzt an einen zweiten Fall im Säugerbereich, der ganz und gar nichts mit der Kuh zu tun hatte, sondern mit dem – Elefanten.
Auch die riesigen Stoßzähne unseres lebenden Elefanten sind obere Schneidezähne, und auch bei den Backzähnen dieses Elefanten herrscht ein mindestens sehrähnliches System von streng geregeltem Verfall und Ersatz.
Kein Zweifel: die Sirenen hatten auch im übrigen Bau ihres Skelettes mit den schweren, nicht gehöhlten Knochen mancherlei Züge vom Elefanten. Trotzdem schien der notwendig hier auftauchende Ideengang selbst den kühnsten Stammbaumtheoretikern zu kühn.
Unglücklicherweise wußte man lange Zeit gerade von der eigenen Urverwandtschaft der Elefanten gar nichts. Sie standen bis heute auf dem Lande, und doch wußte man nicht, wo sie auf diesem Lande hergekommen sein sollten. Kein anderes Säugetier glich ihnen genug zur Anknüpfung. Die Gegner der Deszendenztheorie liebten es, lächelnd hierher mit Fingern zu weisen. Hier waren Tiere, die riesengroß waren, schon in Urweltsperioden massenhaft gelebt und massenhaft versteinerte Knochen hinterlassen hatten; und doch hatten sie anscheinend keine »Ahnen«.
Eines Tages indessen sollte das ein recht jähes Ende nehmen. Im untersten Ägypten, im Hinterlande des sogenannten Fayum, entdeckten die Geologen vor einigen Jahren eine geradezu fabelhaft glänzende Fundstätte vorweltlicher Säugetiere. Nie werde ich den Anblick vergessen, als ich im Londoner Naturhistorischen Museum beim Eintritt in die große Halle vor dem ersten frisch ausgestellten Prachtstück von dort stand: dem grotesken Riesenschädel eines sogenannten Arsinoitherium, eines elefantenähnlichen Ungetüms, das auf der Nase zwei enorme, nebeneinander gestellte knöcherne Zapfen, die an die Zipfel einer kolossalen Narrenkappe erinnerten, getragenhatte. Schon dieses jedenfalls nah verwandte neue Tier bewies, daß man hier in die Urverwandtschaft des Elefanten geraten war. Schlag auf Schlag folgten sich dazu dann die weiteren Entdeckungen an dieser Glücksstelle.
Es zeigte sich ein Vormastodon, das die Entstehungsgeschichte des späteren Elefantenrüssels enträtselte. Die Krone aller Entdeckungen aber war der Ahne des ganzen Elefantengeschlechts überhaupt. Er erschien in trefflicher Erhaltung schon in einer Schicht der Tertiärzeit, die geologisch noch ein Stück älter war als jene der Arsinoitherien und Vormastodons. Da erschien ein Tier, auch etwa so groß wie ein Tapir, also gegen den heutigen Elefanten relativ klein. Die Gliedmaßen schlank; ein langer Schwanz; im flachen, keineswegs elefantenhaft steil getürmten Schädel ein altertümliches Gebiß, in dem doch aber die Schneidezähne schon eine Tendenz zeigten, hauerhafte Stoßzähne zu werden. Im Umriß also ganz gewiß kein Elefant. Und doch durch soundso viel feine anatomische Details einzig und allein an die Elefanten anzuschließen. Die Sachkenner waren sich bald einig: man hatte den so lange vermißten »Elefantenvater« vor sich. Ein durchaus altertümliches Landtier, selber noch den ältesten, sehr indifferenten Huftieren der Vorwelt nahe, das aber den Ausgangspunkt der seltsamen Entwicklung zu den elefantischen Kolossen, all den Dinotherien, Mastodons, Mammuten und wie sie hießen, gebildet hatte. Da in Altägypten in dieser Fayumgegend der berühmte Mörissee gelegen hat, wurde das einzigartige Geschöpf Möritherium getauft.Kaum aber hatte man sich mit seiner Existenz abgefunden, so sollte es den Tierkundigen noch eine Überraschung bereiten, die zu den größten gehört, die alle Tierkunde je erlebt hat. An der Küste des urafrikanischen Kontinents, wo sich zu ihrer Zeit die Möritherien herumtrieben, lebten damals, vom Wasser her in die Flußmündung aufsteigend, auch schon Seekühe. Auch ihre Knochen kamen in den heute erhärteten Schichten des alten Uferschlamms von ehemals für uns zutage. Und nun zeigte sich das Unerwartete. Diese uralten Seekühe hatten fast genau den Schädel und das Gebiß des Möritheriums gehabt. Auch in den Beckenknochen glichen sie ihm noch frappant. Und doch waren sie sonst schon Seekühe! Seekühe aber, die zugleich schwimmende Elefantenväter waren! Kein Zweifel: in jenen Anfangstagen war ein Zweig möritherienhafter Urelefanten auf die Wasserweide gegangen und hatte sich dort zu Seekühen umgestaltet. Als Wasserelefanten kamen diese Seekühe fortan in die Seichtbuchten der Ufer und die Flußmündungen, über denen auf dem Festlande dröhnenden Schrittes die Landelefanten dahinstampften. Wie das Nilpferd zum Schwein, der Seehund zum echten Hund oder Bär, so stehen die »Sirenen« zum Elefanten: sie sind seine Wasseranpassung. Nun gilt es ein Umräumen in allen Museen. Die Elefanten, lange so vollkommen isoliert, bekommen Nachbarn.
Die große Seekuh des Roten Meeres, so hören wir, wird bei Nacht dort bei den Korallenriffen von den Beduinen in ungeheuren Netzen gefangen, durch langes Untertauchen (das sie als Säugetier ja nicht unbegrenztverträgt) erstickt und mit großen Mühen endlich gehoben. Das Bild erhält eine neue Farbe, wenn man sich sagt, daß es sich hier um eine nächtliche Elefantenjagd handelt. Ein Wasserelefant, noch ein Meter in der Länge größer als der größte lebende Elefant im Kilimandjarobuschwald, dickhäutig und ungeschlacht über alle Begriffe, im Netz gefangen und zappelnd wie ein Fisch, bei Fackelschein auf der Kante einer Korallenbank – wahrlich eine packende Situation mehr im Märchen der Tierwelt.