Unterseeische Schiffsangriffe durch Tiere

Unterseeische Schiffsangriffe durch Tiere

Das Tier im Kriege – wieviel läßt sich davon erzählen!

Wieviel dämonisches Schicksal liegt schon in der einen Tatsache, daß das Pferd mit uns in die Schlacht zieht! Seine Ahnen waren scheue Geschöpfe, ihr Heil vor jeder Gefahr lag in der ungestümen Flucht. Zum Fluchtorgan allerersten Ranges wuchs ihr Fuß mit dem einen schlagenden Huf auf durchrastem Plan sich aus. Die Angst brachte diese berufenen Durchgänger dazu, in Scharen zusammenzuhalten und sich als solche Schar um ein Leittier zu drängen, dessen Fluchtsignal das scheue Volk davonbrausen ließ wie eine Staubwolke vor dem Orkan. Eben diese Treue zu einem Anführer, einem Leiter, dem unbedingt gehorcht werden mußte, Jahrtausende um Jahrtausende geübt in der eigenen Sippe, ist aber zweifellos der Grund gewesen, der dieses gewaltige Tier eines Tages in die Gefolgschaft, in die unlösbare Zaubermacht des Menschen gebracht hat. Dieser Mensch aber wieder war bestimmt, kein feiger Ausreißer zu sein. Wer ihm folgte, der mußte mit in die wilde Schlacht, den offenen Blick gegen die offene Front des Feindes. Und so ist das Wunder geschehen, das schon der Hiobsänger der Bibel bestaunt hat: daß dieses scheueste Wild das symbolische Tier des Krieges und des Angriffs werden sollte in der Zucht seines großen Meisters.

Aber umgekehrt auch – wie werden uns Kriege des Menschen zum deutlichsten Bilde, wenn wir an kleine Züge der Tierwelt darin denken.

Wenn der Karthager Hannibal mit Elefanten über einen Alpenpaß zieht, um die Römer zu bekriegen: wie gewaltig zeigt der eine Zug, daß hier Afrika noch einmal den Versuch machte, Europa zu unterwerfen – und wenn die Elefanten trompetend in den Abgrund stürzten, so fühlen wir, daß der Versuch mißlingen mußte. Oder wie schaurig malt es den Dreißigjährigen Krieg, wenn wir hören, daß bei seinem Ausgang die Wölfe erschreckend überhand genommen hatten, herrenlose Hunde überall fast wieder zu Wölfen geworden waren und Pferde sich verwildert in den Wäldern herumtrieben.

Unser Kampf heute geht zum Teil um Küste und Meer; schon lesen wir gelegentlich als kleine Staffagebilder, die sich aber sogleich einprägen, daß der Geschützdonner an der belgischen Küste alle Seevögel der Dünen zu wildem Aufruhr gebracht hat und in unzähligen Scharen die Luft mit ihrem Gekreisch erfüllen läßt – oder daß ein toter Walfisch angetrieben ist, den eine findige englische Kanonenkugel auf der Suche nach bösen Unterseebooten als unschuldiges Opfer getroffen.

Unwillkürlich habe ich bei der letzteren Nachricht aber doch noch an etwas anderes denken müssen.

Lange ehe es auch nur den Traum eines Unterseeboots und seiner furchtbaren Angriffsart gab, hat die Seemannsphantasie der verschiedensten fahrenden Nationen immer wieder etwas ausgekostet von den Schauern solchen urplötzlichen verderbendrohenden Tiefenangriffs,bei dem ein ganzes Schiff zuschanden werden sollte, ohne daß sich eine Sturmwelle dabei zu rühren brauchte. Wenn der Matrose daheim von so etwas erzählte, so dachte er nicht bloß an tückische Klippen; die konnten zur Not mit Lotse und Karten vermieden werden; er dachte auch nicht bloß an ein schwimmendes Wrack oder einen perfiden Eisberg. Ganz etwas unberechenbar Bewegliches sollte es sein, das zu jeder Stunde und an jedem Ort sich aus dem dunkeln Abgrund heben und wie im wirklichen Krieg einen absichtlichen unterseeischen Angriff ausführen könnte – so abscheulich, daß man gar nur den Stoß spürte und die Schrecken eines Lecks auf offener See erlebte, aber noch nicht einmal feststellen könnte, was sich da unten den Stich erlaubt habe.

Dieser Dämon des Untermeeres konnte nur irgend etwas Lebendiges sein, etwa ein riesiges Tier, das eine greuliche Stoßwaffe führte, der keine dickste Schiffsplanke standhielt. Immer und immer wieder sollte so etwas vorgekommen sein. Wer es als »selbsterlebt« berichtete, der hatte natürlich den Glückstreffer gehabt, daß das Leck rasch entdeckt wurde und sich noch verstopfen ließ; aber wieviel schöne Schiffe waren immer wieder ganz spurlos verloren gegangen, ohne daß ein Sturm gerade gewütet hatte oder im gewohnten Kurs Klippen lagen. Was aber konnte dieser Unhold für ein Tier sein?

Der berühmte Kraken nicht, denn der ist, wofern er in seiner legendären Größe existiert, nur ein übergroßer Tintenfisch, und der wieder ist fast nur eine mehr oder minder knorpelig weiche Masse. Auch von einfachen boxenden Dickköpfen mögen wir absehen, wie dem Pottwal,der nur als vom Schiffe selber schwer gereizter Bulle ab und zu angreift, während im allgemeinen die Historien von attackierenden Riesenwalfischen wüst übertrieben sind; das Grundwesen dieser vielbehelligten Kolosse ist eine beinahe ängstliche Friedfertigkeit, und außerdem besitzen sie nicht die zu jener Geschichte unumgängliche Spitzwaffe. Mustert man also unsere Sammlungen möglicher Seemonstra durch, so bleiben zuletzt wesentlich nur drei verdächtige Unterseeler mit solchen Waffen oder waffenähnlichen Zutaten übrig.

Zunächst steht da im Schrank auch kleiner Museen wohl stets ein schraubenförmig gefurchter, ziemlich dicker Spieß von über Manneslänge, der zum sogenannten Narwal gehört, einem an Körper noch einmal etwa doppelt so langen, also gegen jene Zwanzig- und Dreißigmeterriesen immerhin mäßigen delphinartigen Walfischverwandten. Der Spieß ist in diesem Falle der linke Eckzahn des Bullen, und da er mit seiner tüchtigen Länge und Spitze einmal da ist, ist auch von ihm wirklich schon erzählt worden, sein Besitzer spieße gewohnheitsmäßig darauf Fische und ramme damit Schiffe. In Wahrheit hat noch nie ein wissenschaftlicher Beobachter an dem hochgradig friedlichen Gesellen irgendeine böse Absicht zu beidem bemerkt, sondern der speerhafte, übrigens schwache Zahn ist wohl eines jener Geschlechtsabzeichen des Männchens, in deren romantischer Übertreibung die Natur bekanntlich Meisterin ist.

Ein zweites Objekt hat vielleicht der eine oder andere Leser sich selbst schon mitgebracht, auch wenn er nicht Professionssammler ist: es wird jedem Vergnügungsreisendeneiner Tropenfahrt in Aden von handelnden Arabern zum Kauf angeboten als eine der ersten Proben einer märchenhaften neuen Welt. Und es ist nicht zu leugnen, daß es, als Bestandteil eines Seetieres bezeichnet, das vollkommene Ansehen einer höchst perfiden Waffe von unheimlicher Kraft besitzt – es gleicht nämlich einem langen platten Schwert oder, vielleicht besser gesagt, einem Tomahawk, der an beiden Seiten mit einer Reihe spitzer Hauzähne besetzt ist, mit denen man offenbar gründlich hauen oder auch sägen oder zum Zweck scheußlicher Fetzwunden stechen könnte, so wie das Ding aussieht.

In diesem Falle handelt es sich sozusagen um die bezahnte Nase eines echten Fisches, eines Rochens, der aber auch kein Größter seines Geschlechtes ist, nämlich nicht über vier Meter Länge erreicht. Genauer gesagt ist die »Säge« dieses Sägefisches, wie das häßliche Wunder direkt heißt, ein Knorpelauswuchs seiner Oberschnauze, der zu Zähnen gekommen ist im Sinne, daß bei diesen Fischen das Ding, das wir Zahn nennen, nicht auf den Beißapparat im Munde beschränkt zu sein braucht, sondern beliebig auch in mehr oder minder schuppenartiger Gestalt aus der ganzen Haut wachsen kann. Wer solche einzelne Säge nun später hübsch an seiner Wand zwischen allerlei gekreuzten fremden Waffenstücken stecken hat, der mag gut und gern sich ausdenken, daß unser Fisch damit Walfischbäuche zerfleische, noch schlimmer aber, Schiffswände ansäge, und erzählt worden ist naturgemäß auch das, denn wenn ein Fisch schon eine Säge hat, so muß er doch damit auch Streiche vollführen undsägen. Schade inzwischen: auch der Sägefisch tut laut aller Kenntnis niemand etwas zuleide und benutzt seine phantastische Naturgabe wahrscheinlich nur als ganz harmlose Schaufel beim Gründeln im Schlamm, falls er sie überhaupt praktisch irgendwo benutzt. In Wahrheit besitzen zahllose Tiere zahllose oft höchst martialische Abzeichen, die eben nur »ornamental« sind ohne Nutzzweck, und dazu kann auch die Säge gehören. Hier liegt ja ein schweres Kapitel für jeden, der die ganze Lebenswelt auf purem Nutzen aufbauen möchte – wert, daß man sich allein ausführlich darüber unterhielte; jedenfalls aber muß genügen, daß die Säge, wenn sie in dieses Feld verrechnet ist, sowenig Schiffe ansägen wird, wie wir Menschen uns mit Schmucksachen oder mit Statuen prügeln.

Bleibt nur der dritte Fall.

Alle unsere Meere durchstreift gelegentlich, die nördlicheren bis zur Ostsee (also auch den Kanal) besonders zur Sommerszeit, ein riesiger Fisch von stolzer Schönheit. Purpurblau ist sein Rücken, silbern der Bauch, schwarzblau die imposante Schwanzflosse, dunkelblau das mächtige Auge. In dieser Pracht kommt der »Schwertfisch« oder das Schwert der Schwerter, wie der alte Linné-NameXiphias gladiuses ausdrückt, durch die offene See daher.

Die größten alten Herren schätzt man bis fünf Meter an Länge, doch geht die Sage von noch weit stärkeren Kolossen. Wer den Fisch nur an den Schuppen kennen will, kommt bei dem nicht auf die Rechnung, denn seine Farben schillern nur von der schuppenlosen rauhen Hautselbst. Das eigentliche Wunder dieses Riesen aber ist sein wirkliches »Schwert«.

Auch bei ihm springt es als enorme Spitze mit scharf schneidenden Kanten vom Kopf aus vor. Der verlängerte Oberkiefer steckt als Knochenmasse darin, aber auch noch Teile sonst der Schädelknochen geben ihm gleichsam den festen Griff. Und diesmal hat man tatsächlich den sicheren Eindruck einer Waffe.

Zum Riesenfisch gehört ein Riesenappetit, und wenn man hört, daß es sich um der allergewandtesten Fische einen handelt, der Jagd auf andere Fische betreibt, so erscheint selbstverständlich, daß das spitze Schwert dabei eine Rolle spielen muß. In der Tat wirft sich nach treuem Bericht der wilde Schwimmer mitten in Fischschwärme hinein, haut mit dem Degen rücksichtslos um sich, bis weithin alles sich krümmt von mitten durchschnittenen Heringen oder Makrelen, und sättigt sich dann behaglich aus dem Überfluß dieses Blutbades. Wo aber das geschieht, da kann auch ein badender Mensch gegenüber solchem tollen Draufgänger von doppelter Menschengröße wohl in Gefahr kommen. Fischer wissen Geschichten genug, wo einer einen Stich dieses Schwertes selbst von kleinen Exemplaren erhielt, der durch Arm oder Bein ging. Doch ist das alles noch nicht das eigentliche Märchen des Schwertfisches.

Der Schwertfisch in seiner größten, legendär noch ins weiteste gesteigerten Gestalt soll es sein, der, jäh im Zorn von unten anrennend, wirklich große Schiffe einstößt, leck macht, in äußerste Gefahr oder wirkliches Verderben bringt.

Viel ist seit alters darüber spintisiert worden, ob das wahr, ob es überhaupt möglich sei. Die Wand eines richtigen Ozeanschiffs – und ein anrennender Berserker von Fisch – es schien immer wieder zu kühn. Otto Steche, dem neuen trefflichen Bearbeiter des Fischbandes in Brehms Tierleben, gebührt das Verdienst, die sozusagen amtlichen Angaben darüber erneut kritisch gesichtet zu haben; das Ergebnis aber ist überraschend. Der Schwertfisch ist weit schlimmer, als jemals erwartet werden konnte!

Ein paar schlichte Daten, die durch die zoologische Kritik jetzt einwandfrei durchgegangen sind, mögen das besser als alle Reden erläutern. Bei einem alten britischen Kriegsschiff hatte das (im Holz schließlich abgebrochene) Schwert des Fisches die 2,5 Zentimeter der Verschalung, 7,5 Zentimeter Holz einer Planke durchstoßen und war dann noch mehr als 11 Zentimeter weit in einen Pfosten eingedrungen. In einem Walfischfänger waren in gleicher Weise der Kupferbelag, die 2,5-Zentimeter-Verschalung, eine 7,5 Zentimeter dicke Planke und ein 30 Zentimeter starker Eichenbalken durchlocht worden, und die scheußliche Spitze hatte zum Schluß noch dem Boden eines Tranfasses im Schiffsraum ein besonderes Leck geschlagen. Der Stoß erschütterte in solchem Fall das ganze Schiff so, daß alles auf Deck rannte. Auf einem großen englischen Indienfahrer konnte man den unterseeischen Angriff unmittelbar in seinem Anlaß verfolgen: man hatte den ungeheuren Fisch mit der Angel geködert, worauf aber die Leine riß und der wütende Unhold sofort einen furchtbaren Unterwasserstoß wagte. DasSchiff wurde leck und kam mit Not in den Hafen zurück, von dem es ausgegangen war; es entwickelte sich dann eine Schadenersatzklage, bei der zoologische Sachverständige die Kraft des Fisches zu solcher Leistung gerichtlich festlegen mußten und schließlich die Versicherungsgesellschaft 12 000 Mark dafür zahlen mußte, daß sich solche lebendigen Unterseeboote im Ozean herumtreiben.

Was ein einfaches Boot bei solcher Sachlage erfahren kann, erhellt von selbst: schon ein kleinerer Schwertfisch stieß gelegentlich beide Bootsseiten durch und das dazwischen befindliche Bein eines Rudernden mit. Der bekannte Zoologe Peschuel-Loesche ist um ein Haar bei solchem Angriff, bei dem der Fisch sich mit Schwert und noch einem Stück Kopf durch den Bootsboden schlug, ums Leben gekommen.

Nach diesen Angaben kann also nicht bestritten werden, daß der Schwertfisch eine wirkliche Gefahr für die Schiffahrt ist, an der tatsächlich Schiffe verunglückt sein können, ohne daß man je etwas von ihrem genaueren Schicksal mehr gehört hat. Und es ist gewiß ein Gedanke von seltsamer Romantik: der einsame, wilde Fisch in seinem Element, der den Kampf gegen die ganze Kultur wagt, die da hinter ihren paar Zentimetern Holzplanken über den weiten Ozean fährt. Aber was will's in unserer ungeheuren Zeit, wo das feurige Schwert des Menschen in seiner Not Schiff um Schiff in den schwarzen Abgrund senkt, aus dem keine Wiederkehr …


Back to IndexNext