Dritter Akt.

Loth geht quer durch den Hof auf ihn zu. Inzwischen hat Guste sowie eine andere Magd mit Namen Liese je eine Radwer zurecht gemacht, worauf Harke und Dunggabel liegen. Damit fahren sie durch den Thorweg hinaus auf’s Feld, an Beibst vorüber, der nach einigen grimmigen Blicken und verstohlenen Zornesgesten zu Kahl hinüber seine Sense schultert und ihnen nachhumpelt. Beibst und die Mägde ab.

Loth geht quer durch den Hof auf ihn zu. Inzwischen hat Guste sowie eine andere Magd mit Namen Liese je eine Radwer zurecht gemacht, worauf Harke und Dunggabel liegen. Damit fahren sie durch den Thorweg hinaus auf’s Feld, an Beibst vorüber, der nach einigen grimmigen Blicken und verstohlenen Zornesgesten zu Kahl hinüber seine Sense schultert und ihnen nachhumpelt. Beibst und die Mägde ab.

Lothzu Kahl. Guten Morgen!

Kahl.Wull’n ’S amol was hibsches sah’n?Er streckt den Arm mit der geschlossenen Hand über den Zaun.

Lothnähergehend. Was haben Sie denn da?

Kahl.Rootha See!Er öffnet gleich darauf seine Hand.

Loth.Waas?! — es ist also wirklich wahr: Sieschießen Lerchen! Nun für diesen Unfug, Sie nichtsnutziger Bursche, verdienten Sie geohrfeigt zu werden, verstehen Sie mich!Er kehrt ihm den Rücken zu und geht quer durch den Hof zurück, Beibst und den Mädchen nach. Ab.

Kahlstarrt Loth einige Augenblicke dumm verblüfft nach, dann ballt er die Faust verstohlen, sagt: Dukterluder!wendet sich und verschwindet rechts. — Während einiger Augenblicke bleibt der Hof leer.

Helene, aus der Hausthür tretend, helles Sommerkleid, großer Gartenhut. Sie blickt sich ringsum, thut dann einige Schritte auf den Thorweg zu, steht still und späht hinaus. Hierauf schlendert sie rechts durch den Hof und biegt in den Weg ein, welcher nach dem Wirthshause führt. Große Packete von allerhand Thee hängen zum Trocknen über dem Zaune: daran riecht sie im Vorübergehen. Sie biegt auch Zweige von den Obstbäumen und betrachtet die sehr niedrig hängenden, rothwangigen Aepfel. Als sie bemerkt, daß Loth vom Wirthshaus her ihr entgegen kommt, bemächtigt sich ihrer eine noch stärkere Unruhe, so daß sie sich schließlich umwendet und vor Loth her in den Hof zurückgeht. Hier bemerkt sie, daß der Taubenschlag noch geschlossen ist und begiebt sich dorthin durch das kleine Zaunpförtchen des Obstgartens. Noch damit beschäftigt, die Leine, welche, vom Winde getrieben, irgendwo festgehakt ist, herunter zu ziehen, wird sie von Loth, der inzwischen herangekommen ist angeredet.

Helene, aus der Hausthür tretend, helles Sommerkleid, großer Gartenhut. Sie blickt sich ringsum, thut dann einige Schritte auf den Thorweg zu, steht still und späht hinaus. Hierauf schlendert sie rechts durch den Hof und biegt in den Weg ein, welcher nach dem Wirthshause führt. Große Packete von allerhand Thee hängen zum Trocknen über dem Zaune: daran riecht sie im Vorübergehen. Sie biegt auch Zweige von den Obstbäumen und betrachtet die sehr niedrig hängenden, rothwangigen Aepfel. Als sie bemerkt, daß Loth vom Wirthshaus her ihr entgegen kommt, bemächtigt sich ihrer eine noch stärkere Unruhe, so daß sie sich schließlich umwendet und vor Loth her in den Hof zurückgeht. Hier bemerkt sie, daß der Taubenschlag noch geschlossen ist und begiebt sich dorthin durch das kleine Zaunpförtchen des Obstgartens. Noch damit beschäftigt, die Leine, welche, vom Winde getrieben, irgendwo festgehakt ist, herunter zu ziehen, wird sie von Loth, der inzwischen herangekommen ist angeredet.

Loth.Guten Morgen, Fräulein!

Helene.Guten Morgen! — Der Wind hat die Schnur hinaufgejagt.

Loth.Erlauben Sie!Geht ebenfalls durch das Pförtchen, bringt die Schnur herunter und zieht den Schlag auf. Die Tauben fliegen aus.

Helene.Ich danke sehr.

Lothist durch das Pförtchen wieder herausgetreten, bleibt aber außerhalb des Zaunes und an diesen gelehnt stehen. Helene innerhalb desselben. Nach einer kleinen Pause.Pflegen Sie immer so früh auf zu sein, Fräulein?

Helene.Daseben — wollte ich Sie auch fragen.

Loth.Ich —? nein! Die erste Nacht in einem fremden Hause passirt es mir jedoch gewöhnlich.

Helene.Wie ... kommt das?

Loth.Ich habe darüber noch nicht nachgedacht, es hat keinen Zweck.

Helene.Ach, wieso denn nicht?

Loth.Wenigstens keinen ersichtlichen, praktischen Zweck.

Helene.Also wenn Sie irgend etwas thun oder denken, muß es einem praktischen Zweck dienen?

Loth.Ganz recht? Uebrigens ...

Helene.Das hätte ich von Ihnen nicht gedacht.

Loth.Was, Fräulein?

Helene.Genau das meinte die Stiefmutter, als sie mir vorgestern den Werther aus der Hand riß.

Loth.Das ist ein dummes Buch.

Helene.Sagen Sie das nicht.

Loth.Das sage ich nochmal, Fräulein. Es ist ein Buch für Schwächlinge.

Helene.Das— kann wohl möglich sein.

Loth.Wie kommen Sie gerade aufdiesesBuch? Ist es Ihnen denn verständlich?

Helene.Ich hoffe, ich ... zum Theil ganz gewiß. Es beruhigt so, darin zu lesen.Nach einer Pause.Wenn’sein dummes Buch ist, wie Sie sagen, könnten Sie mir etwas Besseres empfehlen?

Loth.Le... lesen Sie ... noa! ... kennen Sie den Kampf um Rom von Dahn?

Helene.Nein! Das Buch werde ich mir aber nun kaufen. Dient es einem praktischen Zweck?

Loth.Einem vernünftigen Zweck überhaupt. Es malt die Menschen nicht wie sie sind, sondern wie sie einmal werden sollen. Es wirkt vorbildlich.

Helenemit Ueberzeugung.Das ist schön.Kleine Pause, dann.Vielleicht geben Sie mir Auskunft, man redet so viel von Zola und Ibsen in den Zeitungen: sind das große Dichter?

Loth.Es sind gar keine Dichter, sondern nothwendige Uebel, Fräulein. Ich bin ehrlich durstig und verlange von der Dichtkunst einen klaren, erfrischenden Trunk. — Ich bin nicht krank. Was Zola und Ibsen bieten, ist Medizin.

Helenegleichsam unwillkürlich. Ach, dann wäre es doch vielleicht für mich etwas.

Lothbisher theilweise, jetzt ausschließlich in den Anblick des thauigen Obstgartens vertieft. Es ist prächtig hier. Sehen Sie, wie die Sonne über der Bergkuppe herauskommt. — Viel Aepfel giebt es in Ihrem Garten: eine schöne Ernte.

Helene.Drei Viertel davon wird auch dies Jahr wieder gestohlen werden. Die Armuth hier herum ist zu groß.

Loth.Sie glauben gar nicht, wie sehr ich das Landliebe! Leider wächst mein Weizen zum größten Theile in der Stadt. Aber nun will ich’s mal durchgenießen, das Landleben. Unsereiner hat so ’n bischen Sonne und Frische mehr nöthig als sonst Jemand.

Heleneseufzend. Mehr nöthig, als .... inwiefern?

Loth.Weil man in einem harten Kampfe steht, dessen Ende man nicht erleben kann.

Helene.Stehen wir anderennichtin einem solchen Kampfe?

Loth.Nein.

Helene.Aber — in einem Kampfe — stehen wir doch auch?!

Loth.Natürlicherweise! aber der kann enden.

Helene.Kann— da haben Sie recht! — und wieso kann der nicht endigen — der, den Sie kämpfen, Herr Loth?

Loth.Ihr Kampf, das kann nur ein Kampf sein um persönliches Wohlergehen. Der Einzelne kann dies, so weit menschenmöglich, erreichen. Mein Kampf ist ein Kampf um das Glück aller; sollte ich glücklich sein, so müßten es erst alle anderen Menschen um mich herum sein; ich müßte um mich herum weder Krankheit noch Armuth, weder Knechtschaft noch Gemeinheit sehen. Ich könnte mich so zu sagen nur als letzter an die Tafel setzen.

Helenemit Ueberzeugung.Dann sind Sie ja ein sehr, sehr guter Mensch!

Lothein wenig betreten. Verdienst ist weiter nicht dabei, Fräulein, ich bin so veranlagt. Ich muß übrigenssagen, daß mir der Kampf im Interesse des Fortschritts doch große Befriedigung gewährt. Eine Art Glück, die ich weit höher anschlage, als die, mit der sich der gemeine Egoist zufrieden giebt.

Helene.Es giebt wohl nur sehr wenige Menschen, die so veranlagt sind. — Es muß ein Glück sein, mit solcher Veranlagung geboren zu sein.

Loth.Geboren wird man wohl auch nicht damit. Man kommt dazu durch die Verkehrtheit unserer Verhältnisse, scheint mir; — nur muß man für das Verkehrte einen Sinn haben:dasist es! Hat man den und leidet man so bewußt unter den verkehrten Verhältnissen, dann wird man mit Nothwendigkeit zu dem, was ich bin.

Helene.Wenn ich Sie nur besser .... welche Verhältnisse nennen Sie zum Beispiel verkehrt?

Loth.Es ist zum Beispiel verkehrt, wenn der im Schweiße seines Angesichts Arbeitende hungert und der Faule im Ueberflusse leben darf. — Es ist verkehrt, den Mord im Frieden zu bestrafen und den Mord im Krieg zu belohnen. Es ist verkehrt, den Henker zu verachten und selbst, wie es die Soldaten thun, mit einem Menschenabschlachtungs-Instrument, wie es der Degen oder der Säbel ist, an der Seite stolz herumzulaufen. Den Henker, der das mit dem Beile thäte, würde man zweifelsohne steinigen. Verkehrt ist es dann, die Religion Christi, diese Religion der Duldung, Vergebung und Liebe, als Staatsreligion zu haben und dabei ganze Völker zu vollendeten Menschenschlächternheranzubilden. Dies sind einige unter Millionen, müssen Sie bedenken. Es kostet Mühe, sich durch alle diese Verkehrtheiten hindurchzuringen; man muß früh anfangen.

Helene.Wie sind Sie denn nur so auf alles dies gekommen? Es ist so einfach und doch kommt man nicht darauf.

Loth.Ich mag wohl durch meinen Entwickelungsgang darauf gekommen sein, durch Gespräche mit Freunden, durch Lecture, durch eigenes Denken. Hinter die erste Verkehrtheit kam ich als kleiner Junge. Ich log mal sehr stark und bekam dafür die schrecklichsten Prügel von meinem Vater. Kurz darauf fuhr ich mit ihm auf der Eisenbahn, und da merkte ich, daß mein Vater auch log und es für ganz selbstverständlich hielt, zu lügen; ich war damals fünf Jahre und mein Vater sagte dem Schaffner, ich sei noch nicht vier, der freien Fahrt halber, welche Kinder unter vier Jahren genießen. Dann sagte der Lehrer auch mal: sei fleißig, halt Dich brav, dann wird es Dir auch unfehlbar gut gehen im Leben. Der Mann lehrte uns eine Verkehrtheit, dahinter kam ich sehr bald. Mein Vater war brav, ehrlich, durch und durch bieder, und ein Schuft, der noch jetzt als reicher Mann lebt, betrog ihn um seine paar Tausend Thaler. Bei eben diesem Schuft, der eine große Seifenfabrik besaß, mußte mein Vater sogar, durch die Noth getrieben, in Stellung treten.

Helene.Unsereins wagt es gar nicht — wagt es gar nicht, so etwas für verkehrt anzusehen, höchstensganz im Stillen empfindet man es. Man empfindet es oft sogar, und dann — wird einem ganz verzweifelt zu Muth.

Loth.Ich erinnere mich einer Verkehrtheit, die mir ganz besonders klar als solche vor Augen trat. Bis dahin glaubte ich: der Mord werde unter allen Umständen als ein Verbrechen bestraft; danach wurde mir jedoch klar, daß nur die milderen Formen des Mordes ungesetzlich sind.

Helene.Wie wäre das wohl ....

Loth.Mein Vater war Siedemeister, wir wohnten dicht an der Fabrik, unsere Fenster gingen auf den Fabrikhof. Da sah ich auch noch manches außerdem. Es war ein Arbeiter, der fünf Jahre in der Fabrik gearbeitet hatte. Er fing an stark zu husten und abzumagern ... ich weiß, wie uns mein Vater bei Tisch erzählte: Burmeister — so hieß der Arbeiter — bekommt die Lungenschwindsucht, wenn er noch länger bei der Seifenfabrikation bleibt. Der Doktor hat es ihm gesagt. — Der Mann hatte acht Kinder, und ausgemergelt wie er war, konnte er nirgends mehr Arbeit finden. Ermußtealso in der Seifenfabrik bleiben, und der Prinzipal that sich viel darauf zu gute, daß er ihn beibehielt. Er kam sich unbedingt äußerst human vor. — Eines Nachmittags, im August, es war eine furchtbare Hitze, da quälte er sich mit einer Karre Kalk über den Fabrikhof. — Ich sah gerade aus dem Fenster, da merke ich, wie er still steht — wieder still steht und schließlich schlägt er lang auf die Steine. — Ich lief hinzu — mein Vater kam, andere Arbeiter kamen, aber er röcheltenur noch, und sein ganzer Mund war voll Blut. Ich half ihn ins Haus tragen. Ein Haufe kalkiger, nach allerhand Chemikalien stinkender Lumpen war er; bevor wir ihn im Hause hatten, war er schon gestorben.

Helene.Ach, schrecklich ist das.

Loth.Kaum acht Tage später zogen wir seine Frau aus dem Fluß, in den die verbrauchte Lauge unserer Fabrik abfloß. — Ja, Fräulein! wenn man dies alles kennt, wie ich esjetztkenne — glauben Sie mir! — dann läßt es einem keine Ruhe mehr. Ein einfaches Stückchen Seife, bei dem sich in der Welt sonst Niemand etwas denkt, ja, ein paar rein gewaschene, gepflegte Hände schon können einen in die bitterste Laune versetzen.

Helene.Ich hab auch mal so was gesehen. Hu! schrecklich war das,schrecklich!

Loth.Was?

Helene.Der Sohn von einem Arbeitsmann wurde halbtodt hier hereingetragen. Es ist nun ... drei Jahre vielleicht ist es her.

Loth.War er verunglückt?

Helene.Ja, drüben im Bärenstollen.

Loth.Ein Bergmann also?

Helene.Ja, die meisten jungen Leute hier herum gehen auf die Grube. — Ein zweiter Sohn desselben Vaters war auch Schlepper und ist auch verunglückt.

Loth.Beide todt?

Helene.Beide todt .... Einmal riß etwas an der Fahrkunst, das andere Mal waren es schlagende Wetter.— Der alte Beibst hat aber noch einen dritten Sohn, der fährt auch seit Ostern ein.

Loth.Was Sie sagen! — hat er nichts dawider?

Helene.Gar nichts, nein! Er ist nur jetzt noch weit mürrischer als früher. Haben Sie ihn nicht schon gesehen?

Loth.Wieso ich?

Helene.Er saß ja heut früh nebenan, unter der Durchfahrt.

Loth.Ach! — wie? .. Er arbeitet hier im Hofe?

Helene.Schon seit Jahren.

Loth.Er hinkt?

Helene.Ziemlich stark sogar.

Loth.Soosoo. — Was ist ihm denn da passirt, mit dem Bein?

Helene.Das ist ’ne heikle Geschichte. Sie kennen doch den Herrn Kahl? ... da muß ich Ihnen aber ganz nahe kommen. Sein Vater, müssen Sie wissen, war genau so ein Jagdnarr wie er. Er schoß hinter den Handwerksburschen her, die auf den Hof kamen, wenn auch nur in die Luft, um ihnen Schrecken einzujagen. Er war auch sehr jähzornig, wissen Sie; wenn er getrunken hatte, erst recht. Nu hat wohl der Beibst mal gemuckscht — er muckscht gern, wissen Sie, — und da hat der Bauer die Flinte zu packen gekriegt und ihm eine Ladung gegeben. Beibst, wissen Sie, war nämlich früher beim Nachbar Kahl für Kutscher.

Loth.Frevel über Frevel, wohin man hört.

Heleneimmer unsicherer und erregter. Ich hab auch schonmanchmal so bei mir gedacht .... sie haben mir alle mitunter schon so furchtbar leid gethan —: der alte Beibst und ..... Wenn die Bauern so roh und dumm sind wie der — wie der Streckmann, der — läßt seine Knechte hungern und füttert die Hunde mit Conditorzeug. Hier bin ich wie dumm, seit ich aus der Pension zurück bin ... Ich hab auch mein Päckchen! — aber ich rede ja wohl Unsinn, — es interessirt Sie ja gar nicht — Sie lachen mich im Stillen bloß aus.

Loth.Aber Fräulein, wie können Sie nur .... weshalb sollte ich Sie denn ....

Helene.Nun, etwa nicht? Sie denken doch: die ist auch nicht besser wie die Anderen hier.

Loth.Ich denke von Niemand schlecht, Fräulein!

Helene.Das machen Sie mir nicht weis .... nein, nein!

Loth.Aber Fräulein! wann hatte ich Ihnen Veranlassung ...

Helenenahe am Weinen. Ach, reden Sie doch nicht! Sie verachten uns, verlassen Sie sich d’rauf — Sie müssen uns ja doch verachten, —weinerlich— den Schwager mit,michmit.Michvor allen Dingen und dazu, da — zu haben Sie wahr... wahrhaftig auch Grund.Sie wendet Loth schnell den Rücken und geht, ihrer Bewegung nicht mehr Herr, durch den Obstgarten nach dem Hintergrunde zu ab. Loth tritt durch das Pförtchen und folgt ihr langsam.

Frau Krausein überladener Morgentoilette, puterroth im Gesicht, aus der Hausthür, schreit. Doas Loaster vu Froovulk! Marie! Ma—rie!! unter men’n Dache? Weg mußdoas Froovulk!Sie rennt über den Hof und verschwindet in der Stallthür.Frau Spiller, mit Häkelarbeit, erscheint in der Hausthür. Im Stalle hört man Schimpfen und Heulen.

Frau Krausedie heulende Magd vor sich hertreibend, aus dem Stall. Du Hurenfroovulk Du! —Die Magd heult stärker— uuf der Stelle ’naus! Sich Deine sieba Sacha z’samma und dann ’naus!Helene, mit rothen Augen kommt durch den Thorweg, bemerkt die Scene und steht abwartend still.

Die Magdentdeckt Frau Spiller, wirft Schemel und Milchgelte weg und geht wüthend auf sie zu. Doas biin iich Ihn’n schuldig! Doas war iich Ihn’n eitränka!!Sie rennt schluchzend davon, die Bodentreppe hinauf. Ab.

Helenezu Frau Krause tretend. Was hat sie denn gemacht?

Frau Krausegrob. Gieht’s Diich oan, Goans?

Heleneheftig, fast weinend. Ja, mich geht’s an.

Frau Spillerschnell hinzutretend. Mein gnädiges Fräulein, so etwas ist nicht für das Ohr eines jungen Mädchens wie ...

Frau Krause.Worum ok ne goar, Spillern! die iis au ne vu Marzepane. Mit’n Grußknecht zusoamma gelah’n hot se ei en Bette. Do wißt de’s.

Helenein befehlendem Tone. Die Magd wird aberdochbleiben.

Frau Krause.Weibsstück!

Helene.Gut! dann will ich dem Vater erzählen, daß Du mit Kahl Wilhelm die Nächte ebenso verbringst.

Frau Krauseschlägt ihr eine Maulschelle. Du hust’ an’ Denkzettel!

Helenetodtbleich, aber noch fester. Die Magd bleibt aberdoch, sonst ... sonst bring ich’s herum! Mit Kahl Wilhelm, Du! Dein Vetter ... mein Bräut’jam ... Ich bring’s herum.

Frau Krausemit wankender Fassung. Wer koan doas soa’n?

Helene.Ich! Denn ich hab ihn heut Morgen aus Deinem Schlafzimmer .....Schnell ab ins Haus.

Frau Krause, taumelnd, nahe einer Ohnmacht. Frau Spiller mit Riechfläschchen zu ihr.

Frau Krause, taumelnd, nahe einer Ohnmacht. Frau Spiller mit Riechfläschchen zu ihr.

Frau Spiller.Gnädige Frau, gnädige Frau!

Frau Krause.Sp...illern, die Moa’d sss... sool dooblei’n.

Der Vorhang fällt schnell.

Der Vorhang fällt schnell.

Zeit: wenige Minuten nach dem Vorfall zwischen Helene und ihrer Stiefmutter im Hofe. Der Schauplatz ist der des ersten Vorgangs.Dr.Schimmelpfennigsitzt, ein Recept schreibend, Schlapphut, Zwirnhandschuhe und Stock vor sich auf der Tischplatte, an dem Tisch links im Vordergrunde. Er ist von Gestalt klein und gedrungen, hat schwarzes Wollhaar und einen ziemlich starken Schnurrbart. Schwarzer Rock im Schnitt der Jägerschen Normalröcke. Die Kleidung im Ganzen solid, aber nicht elegant. Hat die Gewohnheit, fast ununterbrochen seinen Schnurrbart zu streichen oder zu drehen, um so stärker, je erregter er innerlich wird. Sein Gesichtsausdruck, wenn er mit Hoffmann redet, ist gezwungen ruhig, ein Zug von Sarkasmus liegt um seine Mundwinkel. Seine Bewegungen sind lebhaft, fest und eckig, durchaus natürlich. Hoffmann, in seidenem Schlafrock und Pantoffeln, geht umher. Der Tisch rechts im Hintergrunde ist zum Frühstück hergerichtet. Feines Porzellan. Gebäck. Rumcaraffe etc.

Zeit: wenige Minuten nach dem Vorfall zwischen Helene und ihrer Stiefmutter im Hofe. Der Schauplatz ist der des ersten Vorgangs.

Dr.Schimmelpfennigsitzt, ein Recept schreibend, Schlapphut, Zwirnhandschuhe und Stock vor sich auf der Tischplatte, an dem Tisch links im Vordergrunde. Er ist von Gestalt klein und gedrungen, hat schwarzes Wollhaar und einen ziemlich starken Schnurrbart. Schwarzer Rock im Schnitt der Jägerschen Normalröcke. Die Kleidung im Ganzen solid, aber nicht elegant. Hat die Gewohnheit, fast ununterbrochen seinen Schnurrbart zu streichen oder zu drehen, um so stärker, je erregter er innerlich wird. Sein Gesichtsausdruck, wenn er mit Hoffmann redet, ist gezwungen ruhig, ein Zug von Sarkasmus liegt um seine Mundwinkel. Seine Bewegungen sind lebhaft, fest und eckig, durchaus natürlich. Hoffmann, in seidenem Schlafrock und Pantoffeln, geht umher. Der Tisch rechts im Hintergrunde ist zum Frühstück hergerichtet. Feines Porzellan. Gebäck. Rumcaraffe etc.

Hoffmann.Herr Doktor, sind Sie mit dem Aussehen meiner Frau zufrieden?

Dr.Schimmelpfennig.Sie sieht ja ganz gut aus, warum nicht.

Hoffmann.Denken Sie, daß alles gut vorüber gehen wird?

Dr.Schimmelpfennig.Ich hoffe.

Hoffmannnach einer Pause, zögernd. Herr Doktor, ich habe mir vorgenommen — schon seit Wochen — Sie, sobald ich hierher käme, in einer ganz bestimmten Sache um Ihren Rath zu bitten.

Dr.Schimmelpfennig,der bis jetzt unter dem Schreiben geantwortet hat, legt die Feder beiseite, steht auf und übergiebt Hoffmann das geschriebene Recept. So! ... das lassen Sie wohl bald machen; —indem er Hut, Handschuhe und Stock nimmt— über Kopfschmerz klagt Ihre Frau, —in seinen Hut blickend, geschäftsmäßig— ehe ich es vergesse: suchen Sie doch Ihrer Frau begreiflich zu machen, daß sie für das kommende Lebewesen einigermaßen verantwortlich ist. Ich habe ihr bereits selbst einiges gesagt — über die Folgen des Schnürens.

Hoffmann.Ganz gewiß, Herr Doktor ... ich will ganz gewiß mein Möglichstes thun, ihr ...

Dr.Schimmelpfennigsich ein wenig linkisch verbeugend. Empfehle mich.Geht, bleibt wieder stehen.Ach so! ... Sie wollten ja meinen Rath hören.Er blickt Hoffmann kalt an.

Hoffmann.Ja, wenn Sie noch einen Augenblick Zeit hätten ...Nicht ohne Affectirtheit.Sie kennen das entsetzliche Ende meines ersten Jungen. Sie haben es ja ganz aus der Nähe gesehen. Wie weitichdamals war, wissen Sie ja wohl auch. — Man glaubt es nicht, dennoch: die Zeit mildert! ... Schließlich habe ich sogar noch Grund zur Dankbarkeit, mein sehnlichster Wunsch soll, wie es scheint, erfüllt werden. Sie werden begreifen, daß ich alles thun muß ... Es hat mich schlaflose Nächte genug gekostet und doch weiß ichnoch nicht, nochimmernicht, wie ich es anstellen soll, um das jetzt noch ungeborene Geschöpf vor dem furchtbaren Schicksale seines Brüderchens zu bewahren. Und das ist es, weshalb ich Sie ...

Dr.Schimmelpfennigtrocken und geschäftsmäßig. Von seiner Mutter trennen: Grundbedingung einer gedeihlichen Entwickelung.

Hoffmann.Also doch?! — Meinen Sie, völlig trennen? ... Soll es auch nicht in demselben Hause mit ihr ...?

Dr.Schimmelpfennig.Nein, wenn es Ihnen ernst ist um die Erhaltung Ihres Kindes, dann nicht. Ihr Vermögen gestattet Ihnen ja in dieser Beziehung die freieste Bewegung.

Hoffmann.Gott sei Dank, ja! Ich habe auch schon in der Nähe von Hirschberg eine Villa mit sehr großem Park angekauft. Nur wollte ich auch meine Frau ...

Dr.Schimmelpfennigdreht seinen Bart und starrt auf die Erde. Unter Nachdenken.Kaufen Sie doch Ihrer Frau irgend wo anders eine Villa ...

Hoffmannzuckt die Achseln.

Dr.Schimmelpfennigwie vorher. Können Sie nicht — Ihre Schwägerin — für die Aufgabe, dieses Kind zu erziehen, interessiren?

Hoffmann.Wenn Sie wüßten, Herr Doktor, was für Hindernisse ... außerdem: ein unerfahrenes, junges Ding ... Mutter ist doch Mutter.

Dr.Schimmelpfennig.Sie wissen meine Meinung. Empfehle mich.

Hoffmannmit Ueberfreundlichkeit um ihn herum complimentirend. Empfehle mich ebenfalls! Ich bin Ihnen äußerst dankbar ...

Beide ab durch die Mittelthür.Helene, das Taschentuch vor den Mund gepreßt, schluchzend, außer sich, kommt herein und läßt sich auf das Sopha links vorn hinfallen. Nach einigen Augenblicken tritt Hoffmann, Zeitungsblätter in den Händen haltend, abermals ein.

Beide ab durch die Mittelthür.

Helene, das Taschentuch vor den Mund gepreßt, schluchzend, außer sich, kommt herein und läßt sich auf das Sopha links vorn hinfallen. Nach einigen Augenblicken tritt Hoffmann, Zeitungsblätter in den Händen haltend, abermals ein.

Hoffmann.Was ist denndas—? Sag’ mal, Schwägerin! soll denn das noch lange so fort gehen? — Seit ich hier bin, vergeht nicht ein Tag, an dem ich Dich nicht weinen sehe.

Helene.Ach! — was weißt Du!? — Wenn Du überhaupt Sinn für so was hätt’st, dann würd’st Du Dich vielmehr wundern, wenn ich mal nicht weinte.

Hoffmann.— Das leuchtet mir nicht ein, Schwägerin!

Helene.Mir um so mehr!

Hoffmann.... Es muß doch wieder was passirt sein, hör’ mal!

Helenespringt auf, stampft mit dem Fuße. Pfui! Pfui! ... und ich mag’s nicht mehr leiden ... Das hört auf! Ich lasse mir das nicht mehr bieten! Ich sehe nicht ein warum ... ich ...im Weinen erstickend.

Hoffmann.Willst Du mir denn nicht wenigstens sagen, worum sich’s handelt, damit ...

Heleneauf’s Neue heftig ausbrechend. Alles ist mir egal! Schlimmer kann’s nicht kommen: — einen Trunkenbold von Vater hat man, ein Thier — vor demdie .... die eigene Tochter nicht sicher ist. — Eine ehebrecherische Stiefmutter, die mich an ihren Galan verkuppeln möchte .. Dieses ganze Dasein überhaupt. — Nein —! ich sehe nicht ein, wer mich zwingen kann, durchaus schlecht zu werden. Ich gehe fort! Ich renne fort — und wenn Ihr mich nicht loslaßt, dann .... Strick, Messer, Revolver! .... mir egal! — ich will nicht auch zum Branntwein greifen wie meine Schwester.

Hoffmannerschrocken, packt sie am Arm. Lene! .... Ich sag’ Dir, still! ... davon still!

Helene.Mir egal! .... mir ganz egal! — Man ist ... man muß sich schämen bis in die Seele ’nein. — Man möchte was wissen, was sein, was sein können — und was ist man nu?

Hoffmann,der ihren Arm noch nicht wieder losgelassen, fängt an, das Mädchen allmählich nach dem Sopha hinzudrängen. Im Tone seiner Stimme liegt nun plötzlich eine weichliche, übertriebene, gleichsam vibrirende Milde.Lenchen—! Ich weiß ja recht gut, daß Du hier manches auszustehen hast. Sei nur ruhig ...! Brauchst es mir gar nicht zu sagen.Er legt die Rechte liebkosend auf ihre Schulter, bringt sein Gesicht nahe dem ihren.Ich kann Dich gar nicht weinen sehen. Wahrhaftig! — ’s thut mir weh. Sieh doch nur aber die Verhältnisse nicht schwärzer, als sie sind —; und dann: — hast Du vergessen, daß wir beide — Du und ich — so zu sagen in der gleichen Lage sind? — Ich bin in diese Bauernatmosphäre hinein gekommen .... passe ich hinein? Genau so wenig wie Du hoffentlich.

Heleneimmer noch weinend. Hätte mein — gutes — M — Muttelchen das geahnt — als sie .... als sie bestimmte — daß ich in Herrnhut — erzogen .... erzogen werden sollte. Hätte sie — mich lieber ... mich lieber zu Hause gelassen, dann hätte ich ... hätte ich wenigstens — nichts Anderes kennen gelernt, wäre in dem Sumpf hier auf.... aufgewachsen —. Aber so ...

Hoffmannhat Helene sanft auf das Sopha gezwungen und sitzt nun, eng an sie gedrängt, neben ihr. Immer auffälliger verräth sich in seinen Tröstungen das sinnliche Element.Lenchen —! Sieh mich an, laß das gut sein, tröste Dich mit mir. — Ich brauch’ Dir von Deiner Schwester nicht zu sprechen.Heiß und mit Innigkeit, indem er sie enger umschlingt.Ja, wäre sie wieDubist! ... So aber ... sag’ selbst: was kannsiemir sein? — Wo lebt ein Mann, Lenchen, ein gebildeter Mann, —leiser— dessen Frau von einer so unglückseligen Leidenschaft befallen ist? — Man darf es gar nicht laut sagen: eine Frau — und — Branntwein ... Nun, sprich, bin ich glücklicher? .... Denk an mein Fritzchen! — Nun? ... bin ich am Ende besser dran, wie? ...Immer leidenschaftlicher.Siehst Du: so hat’s das Schicksal schließlich noch gut gemeint. Es hat uns zu einander gebracht. — Wir gehören für einander! Wir sind zu Freunden voraus bestimmt, mit unsren gleichen Leiden. Nicht, Lenchen?Er umschlingt sie ganz. Sie läßt es geschehen, aber mit einem Ausdruck, der besagt, daß sie sich zum Dulden zwingt. Sie ist still geworden und scheint mit zitternder Spannung etwas zu erwarten, irgend eine Gewißheit, eine Erfüllung, die unfehlbar herankommt.

Hoffmannzärtlich. Du solltest meinem Vorschlag folgen, solltest dies Haus verlassen, bei uns wohnen. — Das Kindchen, das kommt, braucht eine Mutter. — Komm! sei Du ihm das; —leidenschaftlich gerührt, sentimental— sonst hat es eben keine Mutter. Und dann: — bring ein wenig, nur ein ganz, ganz klein wenig Licht in mein Leben.Thuu’s! — thu — ’s!Er will seinen Kopf an ihre Brust lehnen. Sie springt auf, empört. In ihren Mienen verräth sich Verachtung, Ueberraschung, Ekel, Haß.

Helene.Schwager! Du bist, Du bist ... Jetzt kenn ich Dich durch und durch. Bisher hab ich’s nur so dunkel gefühlt. Jetzt weiß ich’s ganz gewiß.

Hoffmannüberrascht, fassungslos. Was ...? Helene ... — einzig, wirklich.

Helene.Jetzt weiß ich ganz gewiß, daß Du nicht um ein Haar besser bist .... was denn! schlechter bist Du, der schlecht’ste von allen hier!

Hoffmannsteht auf, mit angenommener Kälte. Dein Betragen heut ist sehr eigenthümlich, weißt Du!

Helenetritt nahe zu ihm. Du gehst doch nur auf das eine Ziel los.Halblaut in sein Ohr.Aber Du hast ganz andere Waffen als Vater und Stiefmutter oder der ehrenfeste Herr Bräutigam, ganz andere. Gegen Dich gehalten sind sie Lämmer, alle mit ’nander. Jetzt, jetzt auf einmal, jetzt eben ist mir das sonnenklar geworden.

Hoffmannin erheuchelter Entrüstung. Lene! Du bist .... Du bist nicht bei Trost, das ist ja heller Wahn....Er unterbricht sich, schlägt sich vor den Kopf.Gott, wie wird mir denn auf einmal, natürlich! ... Du hast ....es ist freilich noch sehr früh am Tage, aber ich wette, Du hast .... Helene, Du hast heut früh schon mit Alfred Loth geredet.

Helene.Weshalb sollte ich denn nicht mit ihm geredet haben? Es ist ein Mann, vor dem wir uns alle verstecken müßten vor Scham, wenn es mit rechten Dingen zuginge.

Hoffmann.Also wirklich! ... Ach sooo! .... na jaaa! .. allerdings ... da darf ich mich weiter nicht wundern — So, so, so, hat also die Gelegenheit benützt, über seinen Wohlthäter ’n bischen herzuziehen. Man sollte immer auf dergleichen gefaßt sein, freilich!

Helene.Schwager! das ist nun geradezugemein.

Hoffmann.Finde ich beinah auch!

Helene.Kein Sterbenswort, nicht ein Sterbenswort hat er gesagt über Dich.

Hoffmannohne darauf einzugehen. Wenn die Sachensoliegen, dann ist es geradezu meine Pflicht, ich sage, meine Pflicht, als Verwandter, einem so unerfahrenen Mädchen gegenüber wie Du bist .....

Helene.Unerfahrenes Mädchen —? Wie Du mir vorkommst!

Hoffmannaufgebracht. Auf meine Verantwortung ist Loth hier in’s Haus gekommen. Nun mußt Du wissen: — er ist — gelinde gesprochen — ein höchst ge—fähr—licher Schwärmer, dieser Herr Loth.

Helene.Daß Du das von Herrn Loth sagst, hat für mich so etwas — Verkehrtes — etwas lächerlich Verkehrtes.

Hoffmann.Ein Schwärmer, der die Gabe hat, nicht nur Weibern, sondern auchvernünftigenLeuten die Köpfe zu verwirren.

Helene.Siehst Du:wiederso eine Verkehrtheit! Mir ist es nach den wenigen Worten, die ich mit Herrn Loth geredet habe, so wohlthuend klar im Kopfe ....

Hoffmannim Tone eines Verweises. Was ich Dir sage, ist durchaus nichts Verkehrtes.

Helene.Man muß für das Verkehrte einen Sinn haben, und den hast Du eben nicht.

Hoffmannwie vorher. Davon ist jetzt nicht die Rede. Ich erkläre Dir nochmals, daß ich Dir nichts Verkehrtes sage, sondern etwas, was ich Dich bitten muß, als thatsächlich wahr hinzunehmen .... Ich habe es an mir erfahren: er benebelt einem den Kopf, und dann schwärmt man von Völkerverbrüderung, von Freiheit und Gleichheit, setzt sich über Sitte und Moral hinweg .... Wir wären damals um dieser Hirngespinste willen — weiß der Himmel — über die Leichen unserer Eltern hinweggeschritten, um zum Ziele zu gelangen. Und er, sage ich Dir, würde erforderlichen Falls noch heute dasselbe thun.

Helene.Wie viele Eltern mögen wohl alljährlich über die Leichen ihrer Kinder schreiten, ohne daß Jemand ....

Hoffmannihr in die Rede fallend. Das ist Unsinn! Da hörtallesauf! ... Ich sage Dir, nimm Dich vor ihm in Acht, in jeder .... ich sage ganz ausdrücklich, injederBeziehung. — Von moralischen Skrupeln ist da keine Spur.

Helene.Ne, wie verkehrt dies nun wieder ist. Glaub’ mir, Schwager, fängt man erst mal an d’rauf zu achten .... es ist so schrecklich interessant .....

Hoffmann.Sag’ doch, was Du willst, gewarnt bist Du nun. Ich will Dir nur noch ganz im Vertrauen mittheilen: ein Haar, und ich wäre damals durch ihn und mit ihm greulich in die Tinte gerathen.

Helene.Wenn dieser Mensch so gefährlich ist, warum freutest Du Dich denn gestern so aufrichtig, als ....

Hoffmann.Gott ja, er ist eben ein Jugendbekannter! Weißt Du denn, ob nicht ganz bestimmte Gründe vorlagen ....

Helene.Gründe? Wie denn?

Hoffmann.Nur so. — Käme er allerdings heut und wüßte ich, was ich jetzt weiß —

Helene.Was weißt Du denn nur? Ich sagte Dir doch bereits, er hat kein Sterbenswort über Dich verlauten lassen.

Hoffmann.— Verlaß Dich d’rauf! Ich hätte mir’s zweimal überlegt und mich wahrscheinlich sehr in Acht genommen, ihn hier zu behalten. Loth ist und bleibt ’n Mensch, dessen Umgang compromittirt. Die Behörden haben ihn im Auge.

Helene.Ja, hat er denn ein Verbrechen begangen?

Hoffmann.Sprechen wir lieber darüber nicht. Laß es Dir genug sein, Schwägerin, wenn ich Dir die Versicherung gebe: mit Ansichten, wie er sie hat, in derWelt umherzulaufen, ist heutzutage weit schlimmer und vor allem gefährlicher als stehlen.

Helene.Ich will’s mir merken. — Nun aber — Schwager! hörst Du? Frag’ mich nicht — wie ich nach Deinen Reden über Herrn Loth noch vonDirdenke. — Hörst Du?

Hoffmanncynisch kalt. Denkst Du denn wirklich, daß mir so ganz besonders viel daran liegt das zu wissen?Er drückt den Klingelknopf.Uebrigens höre ich ihn da eben hereinkommen.

Loth tritt ein.

Loth tritt ein.

Hoffmann.Nun —? gut geschlafen, alter Freund?

Loth.Gut, aber nicht lange. Sag’ doch mal: ich sah da vorhin Jemand aus dem Haus kommen, einen Herrn.

Hoffmann.Vermuthlich der Doktor, der soeben hier war. Ich erzählte Dir ja ... dieser eigenthümliche Mischmasch von Härte und Sentimentalität.

Helene verhandelt mit Eduard, der eben eingetreten ist. Er geht ab und servirt kurz darauf Thee und Kaffee.

Helene verhandelt mit Eduard, der eben eingetreten ist. Er geht ab und servirt kurz darauf Thee und Kaffee.

Loth.Dieser Mischmasch, wie Du Dich ausdrückst, sah nämlich einem alten Universitätsfreunde von mir furchtbar ähnlich — ich hätte schwören können, daß er es sei — einem gewissen Schimmelpfennig.

Hoffmannsich am Frühstückstisch niederlassend. Nu ja, ganz recht: Schimmelpfennig!

Loth.Ganz recht? Was?

Hoffmann.Er heißt in der That Schimmelpfennig.

Loth.Wer? Der Doktor hier?

Hoffmann.Du sagtest es doch eben. Ja, der Doktor.

Loth.Dann .... das ist aber auch wirklich wunderlich! Unbedingt ist er’s dann.

Hoffmann.Siehst Du wohl, schöne Seelen finden sich zu Wasser und zu Lande. Du nimmst mir’s nicht übel, wenn ich anfange; wir wollten uns nämlich gerade zum Frühstück setzen. Bitte, nimm Platz! Du hast doch wohl nicht schon irgendwo gefrühstückt?

Loth.Nein!

Hoffmann.Nun dann, also.Er rückt, selbst sitzend, Loth einen Stuhl zurecht. Hierauf zu Eduard, der mit Thee und Kaffee kommt.Ae! wird .. e .. meine Frau Schwiegermama nicht kommen?

Eduard.Die gnädige Frau und Frau Spiller werden auf ihrem Zimmer frühstücken.

Hoffmann.Das ist aber doch noch nie ....

Helenedas Service zurechtrückend. Laß nur! Es hat seinen Grund.

Hoffmann.Ach so .. Loth! lang’ zu .... ein Ei? Thee?

Loth.Könnte ich vielleicht lieber ein Glas Milch bekommen?

Hoffmann.Mit dem größten Vergnügen.

Helene.Eduard! Miele soll frisch einmelken.

Hoffmannschält ein Ei ab. Milch — brrr! mich schüttelt’s.Salz und Pfeffer nehmend.Sag’ mal, Loth, was führt Dich eigentlich in unsre Gegend? Ich hab’ bisher ganz vergessen, Dich danach zu fragen.

Lothbestreicht eine Semmel mit Butter. Ich möchte die hiesigen Verhältnisse studiren.

Hoffmannmit einem Aufblick. Bitte ...? ... was für Verhältnisse?

Loth.Präcise gesprochen: ich will die Lage der hiesigen Bergleute studiren.

Hoffmann.Ach, die ist im Allgemeinen doch eine sehr gute.

Loth.Glaubst Du? — Das wäre ja übrigens recht schön .... Doch eh ich’s vergesse: Du mußt mir dabei einen Dienst leisten. Du kannst Dich um die Volkswirthschaft sehr verdient machen, wenn ....

Hoffmann.Ich? I! wieso ich?

Loth.Nun, Du hast doch den Verschleiß der hiesigen Gruben?

Hoffmann.Ja! und was dann?

Loth.Dann wird es Dir auch ein Leichtes sein, mir die Erlaubniß zur Besichtigung der Gruben auszuwirken. Das heißt: ich will mindestens vier Wochen lang täglich einfahren, damit ich den Betrieb einigermaßen kennen lerne.

Hoffmannleichthin. Was Du da unten zu sehen bekommst, willst Du dann wohl schildern?

Loth.Ja. Meine Arbeit soll vorzugsweise eine descriptive werden.

Hoffmann.Das thut mir nun wirklich leid, mit der Sache habe ich gar nichts zu thun. — Du willst bloß über die Bergleute schreiben, wie?

Loth.Aus dieser Frage hört man, daß Du kein Volkswirthschaftler bist.

Hoffmannin seinem Dünkel gekränkt. Bittesehrum Entschuldigung! Du wirst mir wohl zutrauen ..... Warum? Ich sehe nicht ein, wieso man diese Frage nicht thun kann? — und schließlich: es wäre kein Wunder .... Alles kann man nicht wissen.

Loth.Na, beruhige Dich nur, die Sache ist einfach die: wenn ich die Lage der hiesigen Bergarbeiter studiren will, so ist es unumgänglich, auch alle die Verhältnisse, welche diese Lage bedingen, zu berühren.

Hoffmann.In solchen Schriften wird mitunter schauderhaft übertrieben.

Loth.Von diesem Fehler gedenke ich mich frei zu halten.

Hoffmann.Das wird sehr löblich sein.Er hat bereits mehrmals und jetzt wiederum mit einem kurzen und prüfenden Blick Helenen gestreift, die mit naiver Andacht an Loth’s Lippen hängt, und fährt nun fort.Doch .... es ist urkomisch, wie einem so was ganz urplötzlich in den Sinn kommt. Wie so was im Gehirn nur vor sich gehen mag?

Loth.Was ist Dir denn auf einmal in den Sinn gekommen?

Hoffmann.Es betrifft Dich. — Ich dachte an Deine Ver..... nein, es ist am Ende tactlos, in Gegenwart von einer jungen Dame von Deinen Herzensgeheimnissen zu reden.

Helene.Ja, dann will ich doch lieber ....

Loth.Bitte sehr, Fräulein! ..bleibenSie ruhig, meinetwegen wenigstens — ich merke längst, worauf er hinaus will. Ist auch durchaus nichts Gefährliches.Zu Hoffmann.Meine Verlobung, nicht wahr?

Hoffmann.Wenn Du selbst darauf kommst, ja! — Ich dachte in der That an Deine Verlobung mit Anna Faber.

Loth.Die ging auseinander — naturgemäß — als ich damals in’s Gefängniß mußte.

Hoffmann.Das war aber nicht hübsch von Deiner .....

Loth.Es war jedenfalls ehrlich von ihr! Ihr Absagebrief enthielt ihr wahres Gesicht; hätte sie mir dies Gesicht früher gezeigt, dann hätte sie sich selbst und auch mir manches ersparen können.

Hoffmann.Und seither hat Dein Herz nicht irgendwo festgehakt?

Loth.Nein.

Hoffmann.Natürlich! Nun: Büchse in’s Korn geworfen — heirathen verschworen! verschworen wie den Alkohol! Was? Uebrigenschacun à son goût.

Loth.Mein Geschmack ist es eben nicht, aber vielleicht mein Schicksal. Auch habe ich Dir, soviel ich weiß, bereits einmal gesagt, daß ich in Bezug auf das Heirathen nichts verschworen habe; was ich fürchte, ist: daß es keine Frau geben wird, die sich für mich eignet.

Hoffmann.Ein großes Wort, Lothchen!

Loth.Im Ernst! — Mag sein, daß man mit den Jahren zu kritisch wird und zu wenig gesunden Instinkt besitzt. Ich halte den Instinkt für die beste Garantie einer geeigneten Wahl.

Hoffmannfrivol. Der wird sich schon noch mal wiederfinden —lachend— der Instinkt nämlich.

Loth.— Schließlich, was kann ich einer Frau bieten? Ich werde immer mehr zweifelhaft, ob ich einer Frau zumuthen darf, mit dem kleinen Theile meiner Persönlichkeit vorlieb zu nehmen, der nicht meiner Lebensarbeit gehört — dann fürchte ich mich auch vor der Sorge um die Familie.

Hoffmann.Wa... was? — vor der Sorge um die Familie? Kerl! hast Du denn nicht Kopf, Arme, he?

Loth.Wie Du siehst. Aber ich sagte Dir ja schon, meine Arbeitskraft gehört zum größten Theil meiner Lebensaufgabe und wird ihr immer zum größten Theil gehören: sie ist also nicht mehr mein. Ich hätte außerdem mit ganz besonderen Schwierigkeiten ....

Hoffmann.Pst! klingelt da nicht Jemand?

Loth.Du hältst das für Phrasengebimmel?

Hoffmann.Ehrlich gesprochen, es klingt etwas hohl! Unser einer ist schließlich auch kein Buschmann, trotzdem man verheirathet ist. Gewisse Menschen geberden sich immer, als ob sie ein Privilegium auf alle in der Welt zu vollbringenden guten Thaten hätten.

Lothheftig. Gar nicht! — denk ich gar nicht d’ran! — Wenn Du von Deiner Lebensaufgabe nicht abgekommen wärst, so würde das an Deiner glücklichen materiellen Lebenslage mitliegen.

Hoffmannmit Ironie. Dann wäre das wohl auch eine Deiner Forderungen.

Loth.Wie? Forderungen? was?

Hoffmann.Ich meine: Du würdest bei einer Heirath auf Geld sehen.

Loth.Unbedingt.

Hoffmann.Und dann giebt es — wie ich Dich kenne — noch eine lange Zaspel anderer Forderungen.

Loth.Sind vorhanden! Leibliche und geistige Gesundheit der Braut zum Beispiel istconditio sine qua non.

Hoffmannlachend. Vorzüglich! Dann wird ja wohl vorher eine ärztliche Untersuchung der Braut nothwendig werden. — Göttlicher Hecht!

Lothimmer ernst. Ich stelle aber auch an mich Forderungen, mußt Du nehmen.

Hoffmannimmer heiterer. Ich weiß, weiß! ... wie Du mal die Literatur über Liebe durchgingst, um auf das Gewissenhafteste festzustellen ob das, was Du damals für irgend eine Dame empfandest, auch wirklich Liebe sei. Also sag’ doch mal noch einige Deiner Forderungen.

Loth.Meine Frau müßte zum Beispiel entsagen können.

Helene.— Wenn ... wenn .... Ach! ich will lieber nicht reden ... ich wollte nur sagen: die Frau ist doch im Allgemeinen an’s Entsagen gewöhnt.

Loth.Um’s Himmels willen! Sie verstehen mich durchaus falsch. So ist das Entsagen nicht gemeint. Nur in sofern verlange ich Entsagung, oder besser, nur auf den Theil meines Wesens, der meiner Lebensaufgabe gehört, müßte sie freiwillig und mit Freuden verzichten. Nein, nein! im Übrigen soll meine Frau fordern und immer fordern — alles was ihr Geschlecht im Laufe der Jahrtausende eingebüßt hat.

Hoffmann.Au! au! au! ... Frauenemancipation! — wirklich Deine Schwenkung war bewunderungswürdig — nun bist Du im rechten Fahrwasser. Fritz Loth, oder der Agitator in der Westentasche! ... Wie würdest Du denn hierin Deine Forderungen formuliren, oder besser: wie weit müßte Deine Frau emancipirt sein? — Es amüsirt mich wirklich Dich anzuhören — Cigarren rauchen? Hosen tragen?

Loth.Das nun weniger — aber — sie müßte allerdings über gewisse gesellschaftliche Vorurtheile hinaus sein. Sie müßte zum Beispiel nicht davor zurückschrecken zuerst — falls sie nämlich wirklich Liebe zu mir empfände — das bewußte Bekenntniß abzulegen.

Hoffmannist mit frühstücken zu Ende. Springt auf, in halb ernster, halb komischer Entrüstung.Weißt Du? das ... das ist ... eine geradezuunverschämteForderung! mit der Du allerdings auch — wie ich Dir hiermit prophezeihe — wenn Du nicht etwa vorziehst sie fallen zu lassen, bis an Dein Lebensende herumlaufen wirst.

Helenemit schwer bewältigter, innerer Erregung. Ich bitte die Herren mich jetzt zu entschuldigen — die Wirthschaft ... Du weißt, Schwager: Mama ist in der Stube und da ...

Hoffmann.Laß Dich nicht abhalten.


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