Herzogin.Nein, hier ist noch ein schreckliches Geheimnis,Das mir verhehlt wird—Warum meidet michDie Schwester? Warum seh ich sie voll AngstUmhergetrieben, warum dich voll Schrecken?Und was bedeuten diese stummen Winke,Die du verstohlen heimlich mit ihr wechselst?
Thekla.Nichts, liebe Mutter!
Herzogin.Schwester, ich will's wissen.
Gräfin.Was hilft's auch, ein Geheimnis draus zu machen!Läßt sich's verbergen? Früher, später mußSie's doch vernehmen lernen und ertragen!Nicht Zeit ist's jetzt, der Schwäche nachzugeben,Mut ist uns not und ein gefaßter Geist,Und in der Stärke müssen wir uns üben.Drum besser, es entscheidet sich ihr SchicksalMit einem Wort—Man hintergeht Euch, Schwester.Ihr glaubt, der Herzog sei entsetzt—der HerzogIst nicht entsetzt—er ist—
Thekla. (zur Gräfin gehend)Wollt Ihr sie töten?
Gräfin.Der Herzog ist—
Thekla. (die Arme um die Mutter schlagend).O standhaft, meine Mutter!
Gräfin.Empört hat sich der Herzog, zu dem FeindHat er sich schlagen wollen, die ArmeeHat ihn verlassen, und es ist mißlungen.(Während dieser Worte wankt die Herzogin und fällt ohnmächtigin die Arme ihrer Tochter.)
Dreizehnter Auftritt
Ein großer Saal beim Herzog von Friedland.
Wallenstein. (im Harnisch)Du hast's erreicht, Octavio—Fast bin ichJetzt so verlassen wieder, als ich einstVom Regenspurger Fürstentage ging.Da hatt' ich nichts mehr als mich selbst—doch wasEin Mann kann wert sein, habt ihr schon erfahren.Den Schmuck der Zweige habt ihr abgehauen,Da steh ich, ein entlaubter Stamm! Doch innenIm Marke lebt die schaffende Gewalt,Die sprossend eine Welt aus sich geboren.Schon einmal galt ich euch statt eines Heeres,Ich einzelner. Dahingeschmolzen vorDer schwed'schen Stärke waren eure Heere,Am Lech sank Tilly, euer letzter Hort;Ins Bayerland, wie ein geschwollner Strom,Ergoß sich dieser Gustav, und zu WienIn seiner Hofburg zitterte der Kaiser.Soldaten waren teuer, denn die MengeGeht nach dem Glück—Da wandte man die AugenAuf mich, den Helfer in der Not, es beugte sichDer Stolz des Kaisers vor dem Schwergekränkten:Ich sollte aufstehn mit dem SchöpfungswortUnd in die hohlen Läger Menschen sammeln.Ich tat's. Die Trommel ward gerührt. Mein NameGing wie ein Kriegsgott durch die Welt. Der Pflug,Die Werkstatt wird verlassen, alles wimmeltDer altbekannten Hoffnungsfahne zu——Noch fühl ich mich denselben, der ich war!Es ist der Geist, der sich den Körper baut,Und Friedland wird sein Lager um sich füllen.Führt eure Tausende mir kühn entgegen,Gewohnt wohl sind sie, unter mir zu siegen,Nicht gegen mich—Wenn Haupt und Glieder sich trennen,Da wird sich zeigen, wo die Seele wohnte.(Illo und Terzky treten ein.)Mut, Freunde, Mut! Wir sind noch nicht zu Boden.Fünf Regimenter Terzky sind noch unserUnd Buttlers wackre Scharen—Morgen stößtEin Heer zu uns von sechzehntausend Schweden.Nicht mächt'ger war ich, als ich vor neun JahrenAuszog, dem Kaiser Deutschland zu erobern.
Vierzehnter Auftritt
Vorige. Neumann, der den Grafen Terzky beiseite führt und mit ihm spricht.
Terzky. (zu Neumann).Was suchen Sie?
Wallenstein.Was gibt's?
Terzky.Zehn KürassiereVon Pappenheim verlangen dich im NamenDes Regiments zu sprechen.
Wallenstein. (schnell zu Neumann)Laß sie kommen.(Neumann geht hinaus.)Davon erwart ich etwas. Gebet acht,Sie zweifeln noch und sind noch zu gewinnen.
Fünfzehnter Auftritt
Wallenstein. Terzky. Illo. Zehn Kürassiere, von einem Gefreiten geführt, marschieren auf und stellen sich nach dem Kommando in einem Glied vor den Herzog, die Honneurs machend.
Wallenstein. (nachdem er sie eine Zeitlang mit den Augen gemessen, zumGefreiten)Ich kenne dich wohl. Du bist aus Brügg' in Flandern,Dein Nam' ist Mercy.
Gefreiter.Heinrich Mercy heiß ich.
Wallenstein.Du wurdest abgeschnitten auf dem Marsch,Von Hessischen umringt und schlugst dich durch,Mit hundertachtzig Mann durch ihrer tausend.
Gefreiter.So ist's, mein General.
Wallenstein.Was wurde dirFür diese wackre Tat?
Gefreiter.Die Ehr', mein Feldherr,Um die ich bat, bei diesem Korps zu dienen.
Wallenstein. (wendet sich zu einem andern)Du warst darunter, als ich die FreiwilligenHeraus ließ treten auf dem Altenberg,Die schwed'sche Batterie hinwegzunehmen.
Zweiter Kürassier.So ist's, mein Feldherr.
Wallenstein.Ich vergesse keinen,Mit dem ich einmal Worte hab gewechselt.Bringt eure Sache vor.
Gefreiter. (kommandiert)Gewehr in Arm!
Wallenstein. (zu einem dritten gewendet)Du nennst dich Risbeck, Köln ist dein Geburtsort.
Dritter Kürassier.Risbeck aus Köln.
Wallenstein.Den schwed'schen Oberst Dübald brachtest duGefangen ein im Nürenberger Lager.
Dritter Kürassier.Ich nicht, mein General.
Wallenstein.Ganz recht! Es warDein ältrer Bruder, der es tat—du hattestNoch einen jüngern Bruder, wo blieb der?
Dritter Kürassier.Er steht zu Olmütz bei des Kaisers Heer.
Wallenstein. (zum Gefreiten)Nun so laß hören.
Gefreiter.Ein kaiserlicher Brief kam uns zu Handen,Der uns—
Wallenstein. (unterbricht ihn)Wer wählte Euch?
Gefreiter.Jedwede Fahn'Zog ihren Mann durchs Los.
Wallenstein.Nun denn zur Sache!
Gefreiter.Ein kaiserlicher Brief kam uns zu Handen,Der uns befiehlt, die Pflicht dir aufzukündigen,Weil du ein Feind und Landsverräter seist.Wallenstein.Was habt ihr drauf beschlossen?
Gefreiter.Unsre KameradenZu Braunau, Budweis, Prag und Olmütz habenBereits gehorcht, und ihrem Beispiel folgtenDie Regimenter Tiefenbach, Toscana.—Wir aber glauben's nicht, daß du ein FeindUnd Landsverräter bist, wir halten's bloßFür Lug und Trug und spanische Erfindung.(Treuherzig.)Du selber sollst uns sagen, was du vorhast,Denn du bist immer wahr mit uns gewesen,Das höchste Zutraun haben wir zu dir,Kein fremder Mund soll zwischen uns sich schieben,Den guten Feldherrn und die guten Truppen.
Wallenstein.Daran erkenn ich meine Pappenheimer.
Gefreiter.Und dies entbietet dir dein Regiment:Ist's deine Absicht bloß, dies Kriegeszepter,Das dir gebührt, das dir der Kaiser hatVertraut, in deinen Händen zu bewahren,Östreichs rechtschaffner Feldhauptmann zu sein,So wollen wir dir beistehn und dich schützenBei deinem guten Rechte gegen jeden—Und wenn die andern Regimenter alleSich von dir wenden, wollen wir alleinDir treu sein, unser Leben für dich lassen.Denn das ist unsre Reiterpflicht, daß wirUmkommen lieber, als dich sinken lassen.Wenn's aber so ist, wie des Kaisers BriefBesagt, wenn's wahr ist, daß du uns zum FeindTreuloserweise willst hinüberführen,Was Gott verhüte! ja, so wollen wirDich auch verlassen und dem Brief gehorchen.
Wallenstein.Hört, Kinder—
Gefreiter.Braucht nicht viel Wort. SprichJa oder nein, so sind wir schon zufrieden.
Wallenstein.Hört an. Ich weiß, daß ihr verständig seid,Selbst prüft und denkt und nicht der Herde folgt.Drum hab ich euch, ihr wißt's, auch ehrenvollStets unterschieden in der Heereswoge;Denn nur die Fahnen zählt der schnelle BlickDes Feldherrn, er bemerkt kein einzeln Haupt,Streng herrscht und blind der eiserne Befehl,Es kann der Mensch dem Menschen hier nichts gelten—So, wißt ihr, hab ich's nicht mit euch gehalten;Wie ihr euch selbst zu fassen angefangenIm rohen Handwerk, wie von euren StirnenDer menschliche Gedanke mir geleuchtet,Hab ich als freie Männer euch behandelt,Der eignen Stimme Recht euch zugestanden—
Gefreiter.Ja, würdig hast du stets mit uns verfahren,Mein Feldherr, uns geehrt durch dein Vertraun,Uns Gunst erzeigt vor allen Regimentern.Wir folgen auch dem großen Haufen nicht,Du siehst's! Wir wollen treulich bei dir halten.Sprich nur ein Wort, dein Wort soll uns genügen,Daß es Verrat nicht sei, worauf du sinnst,Daß du das Herr zum Feind nicht wollest führen.
Wallenstein.Mich, mich verrät man! Aufgeopfert hat michDer Kaiser meinen Feinden, fallen muß ich,Wenn meine braven Truppen mich nicht retten.Euch will ich mich vertrauen—Euer HerzSei meine Festung! Seht, auf diese BrustZielt man! Nach diesem greisen Haupte!—DasIst span'sche Dankbarkeit, das haben wirFür jene Mordschlacht auf der alten Feste,Auf Lützens Ebnen! Darum warfen wirDie nackte Brust der Partisan' entgegen,Drum machten wir die eisbedeckten Erde,Den harten Stein zu unserm Pfühl; kein StromWar uns zu schnell, kein Wald zu undurchdringlich,Wir folgten jenem Mansfeld unverdrossenDurch alle Schlangenkrümmen seiner Flucht,Ein ruheloser Marsch war unser Leben,Und wie des Windes Sausen, heimatlos,Durchstürmten wir die kriegbewegte Erde.Und jetzt, da wir die schwere Waffenarbeit,Die undankbare, fluchbeladene, getan,Mit unermüdet treuem Arm des Krieges LastGewälzt, soll dieser kaiserliche JünglingDen Frieden leicht wegtragen, soll den Ölzweig,Die wohlverdiente Zierde unsers Haupts,Sich in die blonden Knabenhaare flechten—
Gefreiter.Das soll er nicht, solang wir's hindern können.Niemand als du, der ihn mit Ruhm geführt,Soll diesen Krieg, den fürchterlichen, enden.Du führtest uns heraus ins blut'ge FeldDes Todes, du, kein andrer, sollst uns fröhlichHeimführen in des Friedens schöne Fluren,Der langen Arbeit Früchte mit uns teilen—
Wallenstein.Wie? denkt ihr euch im späten Alter endlichDer Früchte zu erfreuen? Glaubt das nicht.Ihr werdet dieses Kampfes Ende nimmerErblicken! Dieser Krieg verschlingt uns alle.Östreich will keinen Frieden; darum eben,Weil ich den Frieden suche, muß ich fallen.Was kümmert's Östreich, ob der lange KriegDie Heere aufreibt und die Welt verwüstet,Es will nur wachsen stets und Land gewinnen.Ihr seid gerührt—ich seh den edeln ZornAus euren kriegerischen Augen blitzen.O daß mein Geist euch jetzt beseelen möchte,Kühn, wie er einst in Schlachten euch geführt!Ihr wollt mir beistehn, wollt mich mit den WaffenBei meinem Rechte schützen—das ist edelmütig!Doch denket nicht, daß ihr's vollenden werdet,Das kleine Heer! Vergebens werdet ihrFür euren Feldherrn euch geopfert haben.(Zutraulich.)Nein! Laßt uns sicher gehen, Freunde suchen,Der Schwede sagt uns Hilfe zu, laßt unsZum Schein sie nutzen, bis wir, beiden furchtbar,Europens Schicksal in den Händen tragenUnd der erfreuten Welt aus unserm LagerDen Frieden schön bekränzt entgegenführen.
Gefreiter.So treibst du's mit dem Schweden nur zum Schein?Du willst den Kaiser nicht verraten, willst unsNicht schwedisch machen?—sieh, das ist's allein,Was wir von dir verlangen zu erfahren.
Wallenstein.Was geht der Schwed' mich an? Ich haß ihn, wirDen Pfuhl der Hölle, und mit Gott gedenk ich ihnBald über seine Ostsee heimzujagen.Mir ist's allein ums Ganze. Seht! Ich habEin Herz, der Jammer dieses deutschen Volks erbarmt mich.Ihr seid gemeine Männer nur, doch denktIhr nicht gemein, ihr scheint mir's wert vor andern,Daß ich ein traulich Wörtlein zu euch rede—Seht! Fünfzehn Jahr schon brennt die Kriegesfackel,Und noch ist nirgends Stillstand. Schwed' und Deutscher!Papist und Lutheraner! Keiner willDem andern weichen! Jede Hand ist widerDie andre! Alles ist Partei und nirgendsKein Richter! Sagt, wo soll das enden? werDen Knäul entwirren, der, sich endlos selbstVermehrend, wächst—Er muß zerhauen werden.Ich fühl's, daß ich der Mann des Schicksals bin,Und hoff's mit eurer Hilfe zu vollführen.
Sechzehnter Auftritt
Buttler. Vorige.
Buttler. (in Eifer)Das ist nicht wohlgetan, mein Feldherr.
Wallenstein.Was?
Buttler.Das muß uns schaden bei den Gutgesinnten.
Wallenstein.Was denn?
Buttler.Es heißt den Aufruhr öffentlich erklären!
Wallenstein.Was ist es denn?
Buttler.Graf Terzkys Regimenter reißenDen kaiserlichen Adler von den FahnenUnd pflanzen deine Zeichen auf.
Gefreiter. (zu den Kürassieren).Rechts um!
Wallenstein.Verflucht sei dieser Rat, und wer ihn gab!(Zu den Kürassieren, welche abmarschieren.)Halt, Kinder, halt—Es ist ein Irrtum—Hört—Und streng will ich's bestrafen—Hört doch! Bleibt.Sie hören nicht.(Zu Illo.)Geh nach, bedeute sie,Bring sie zurück, es koste was es wolle.(Illo eilt hinaus.)Das stürzt uns ins Verderben—Buttler! Buttler!Ihr seid mein böser Dämon, warum mußtet Ihr'sIn ihrem Beisein melden!—Alles warAuf gutem Weg—Sie waren halb gewonnen—Die Rasenden, mit ihrer unbedachtenDienstfertigkeit!—O grausam spielt das GlückMit mir! Der Freunde Eifer ist's, der michZugrunde richtet, nicht er Haß der Feinde.
Siebzehnter Auftritt
Vorige. Die Herzogin stürzt ins Zimmer. Ihr folgt Thekla und die Gräfin. Dann Illo.
Herzogin.O Albrecht! Was hast du getan!
Wallenstein.Nun das noch!
Gräfin.Verzeih mir, Bruder. Ich vermocht' es nicht,Sie wissen alles.
Herzogin.Was hast du getan!
Gräfin. (zu Terzky)Ist keine Hoffnung mehr? Ist alles dennVerloren?
Terzky.Alles. Prag ist in des Kaisers Hand,Die Regimenter haben neu gehuldigt.
Gräfin.Heimtückischer Octavio!—Und auchGraf Max ist fort?
Terzky.Wo sollt er sein? Er istMit seinem Vater über zu dem Kaiser.(Thekla stürzt in die Arme ihrer Mutter, das Gesicht an ihremBusen verbergend.)
Herzogin. (sie in die Arme schließend).Unglücklich Kind! Unglücklichere Mutter!
Wallenstein. (beiseite gehend mit Terzky).Laß einen Reisewagen schnell bereit seinIm Hinterhofe, diese wegzubringen.(Auf die Frauen zeigend.)Der Scherfenberg kann mit, der ist uns treu,Nach Eger bringt er sie, wir folgen nach.(Zu Illo, der wiederkommt.)Du bringst sie nicht zurück?
Illo.Hörst du den Auflauf?Das ganze Korps der Pappenheimer istIm Anzug. Sie verlangen ihren Oberst,Den Max zurück, er sei hier auf dem Schloß,Behaupten sie, du haltest ihn mit Zwang,Und wenn du ihn nicht losgebst, werde manIhn mit dem Schwerte zu befreien wissen.(Alle stehen erstaunt.)
Wallenstein.Sagt' ich's nicht?O mein wahrsagend Herz! Er ist noch hier.Er hat mich nicht verraten, hat es nichtVermocht—Ich habe nie daran gezweifelt.
Gräfin.Ist er noch hier, o dann ist alles gut,Dann weiß ich, was ihn ewig halten soll!(Thekla umarmend.)
Terzky.Es kann nicht sein. Bedenke doch! Der AlteHat uns verraten, ist zum Kaiser über,Wie kann er's wagen, hierzusein?
Illo. (zum Wallenstein)Den Jagdzug,Den du ihm kürzlich schenktest, sah ich nochVor wenig Stunden übern Markt wegführen.
Gräfin.O Nichte, dann ist er nicht weit!
Thekla. (hat den Blick nach der Türe geheftet und ruft lebhaft)Da ist er!
Achtzehnter Auftritt
Die Vorigen. Max Piccolomini.
Max. (mitten in den Saal tretend).Ja! Ja! da ist er! Ich vermag's nicht länger,Mit leisem Tritt um dieses Haus zu schleichen,Den günst'gen Augenblick verstohlen zuErlauern—Dieses Harren, diese AngstGeht über meine Kräfte!(Auf Thekla zugehend, welche sich ihrer Mutter in die Armegeworfen.)O sieh mich an! Sieh nicht weg, holder Engel.Bekenn es frei vor allen. Fürchte niemand.Es höre, wer es will, daß wir uns lieben.Wozu es noch verbergen? Das GeheimnisIst für die Glücklichen; das Unglück braucht,Das hoffnungslose, keinen Schleier mehr,Frei unter tausend Sonnen kann es handeln.(Er bemerkt die Gräfin, welche mit frohlockendem Gesicht aufThekla blickt.)Nein, Base Terzky! Seht mich nicht erwartend,Sicht hoffend an! Ich komme nicht zu bleiben.Abschied zu nehmen, komm ich—Es ist aus.Ich muß, muß dich verlassen, Thekla—muß!Doch deinen Haß kann ich nicht mit mir nehmen.Nur einen Blick des Mitleids gönne mir,Sag, daß du mich nicht hassest. Sag mir's, Thekla.(Indem er ihre Hand faßt, heftig bewegt.)O Gott!—Gott! Ich kann nicht von dieser Stelle.Ich kann es nicht—kann diese Hand nicht lassen.Sag, Thekla, daß du Mitleid mit mir hast,Dich selber überzeugst, ich kann nicht anders.(Thekla, seinen Blick vermeidend, zeigt mit der Hand auf ihren Vater;er wendet sich nach dem Herzog um, den er jetzt erst gewahr wird.)Du hier?—Nicht du bist's, den ich hier gesucht.Dich sollten meine Augen nicht mehr schauen.Ich hab es nur mit ihr allein. Hier will ich,Von diesem Herzen freigesprochen sein,An allem andern ist nichts mehr gelegen.
Wallenstein.Denkst du, ich soll der Tor sein und dich ziehen lassenUnd eine Großmutsszene mit dir spielen?Dein Vater ist zum Schelm an mir geworden,Du bist mir nichts mehr als sein Sohn, sollst nichtUmsonst in meine Macht gegeben sein.Denk nicht, daß ich die alte Freundschaft ehren werde,Die er so ruchlos hat verletzt. Die ZeitenDer Liebe sind vorbei, der zarten Schonung,Und Haß und Rache kommen an die Reihe.Ich kann auch Unmensch sein, wie er.
Max.Du wirst mit mir verfahren, wie du Macht hast.Wohl aber weißt du, daß ich deinem ZornNicht trotze, noch ihn fürchte. Was mich hierZurückhält, weißt du!(Thekla bei der Hand fassend.)Sieh! Alles—alles wollt' ich dir verdanken,Das Los der Seligen wollt' ich empfangenAus deiner väterlichen Hand. Du hast'sZerstört, doch daran liegt dir nichts. GleichgültigTrittst du das Glück der Deinen in den Staub,Der Gott, dem du dienst, ist kein Gott der Gnade.Wie das gemütlos blinde Element,Das furchtbare, mit dem kein Bund zu schließen,Folgst du des Herzens wildem Trieb allein.Weh denen, die auf dich vertraun, an dichDie sichre Hütte ihres Glückes lehnen,Gelockt von deiner gastlichen Gestalt!Schnell, unverhofft, bei nächtlich stiller WeileGärt's in dem tück'schen Feuerschlunde, ladetSich aus mit tobender Gewalt, und wegTreibt über alle Pflanzungen der MenschenDer wilde Strom in grausender Zerstörung.
Wallenstein.Du schilderst deines Vaters Herz. Wie du'sBeschreibst, so ist's in seinem Eingeweide,In dieser schwarzen Heuchlers Brust gestaltet.O mich hat Höllenkunst getäuscht. Mir sandteDer Abgrund den verstecktesten der Geister,Den Lügenkundigsten herauf und stellt ihnAls Freund an meine Seite. Wer vermagDer Hölle Macht zu widerstehn! Ich zogDes Basilisken auf an meinem Busen,Mit meinem Herzblut nährt' ich ihn, er sogSich schwelgend voll an meiner Liebe Brüsten,Ich hatte nimmer Arges gegen ihn,Weit offen ließ ich des Gedankens ToreUnd warf die Schlüssel weiser Vorsicht weg—Am Sternenhimmel suchten meine Augen,Im weiten Weltenraum den Feind, den ichIm Herzen meines Herzens eingeschlossen.—Wär' ich dem Ferdinand gewesen, wasOctavio mir war—Ich hätt' ihm nieKrieg angekündigt—nie hätt' ich's vermocht.Er war mein strenger Herr nur, nicht mein Freund,Nicht meiner Treu vertraute sich der Kaiser.Krieg war schon zwischen mir und ihm, als erDen Feldherrnstab in meine Hände legte;Denn Krieg ist ewig zwischen List und Argwohn,Nur zwischen Glauben und Vertraun ist Friede.Wer das Vertraun vergiftet, o der mordetDas werdende Geschlecht im Leib der Mutter.
Max.Ich will den Vater nicht verteidigen.Weh mir, daß ich's nicht kann!Unglücklich schwere Taten sind geschehn,Und eine Frevelhandlung faßt die andreIn enggeschloßner Kette grausend an.Doch wie gerieten wir, die nichts verschuldet,In diesen Kreis des Unglücks und Verbrechens?Wem brachen wir die Treue? Warum mußDer Väter Doppelschuld und FreveltatUns gräßlich wie ein Schlangenpaar umwinden?Warum der Väter unversöhnter HaßAuch uns, die Liebenden, zerreißend scheiden?(Er umschlingt Thekla mit heftigem Schmerz.)
Wallenstein. (hat den Blick schweigend auf ihn geheftet undnähert sich jetzt).Max! Bleibe bei mir.—Geh nicht von mir, Max!Sieh, als man dich im pragschen WinterlagerIns Zelt mir brachte, einen zarten Knaben,Des deutschen Winters ungewohnt, die HandWar dir erstarrt an der gewichtigen Fahne,Du wolltst männlich sie nicht lassen, damals nahm ichDich auf, bedeckte dich mit meinem Mantel,Ich selbst war deine Wärterin, nicht schämt' ichDer kleinen Dienste mich, ich pflegte deinerMit weiblich sorgender Geschäftigkeit,Bis du, von mir erwärmt, an meinem Herzen,Das junge Leben wieder freudig fühltest.Wann hab ich seitdem meinen Sinn verändert?Ich habe viele Tausend reich gemacht,Mit Ländereien sie beschenkt, belohntMit Ehrenstellen—dich hab ich geliebt,Mein Herz, mich selber hab ich dir gegeben.Sie alle waren Fremdlinge, du warstDas Kind des Hauses—Max! du kannst mich nichtverlassen!Es kann nicht sein, ich mag's und will's nicht glauben,Daß mich der Max verlassen kann.
Max.O Gott!
Wallenstein.Ich habe dich gehalten und getragenVon Kindesbeinen an—Was tat dein VaterFür dich, das ich nicht reichlich auch getan?Ein Liebesnetz hab ich um dich gesponnen,Zerreiß es, wenn du kannst—Du bist an michGeknüpft mit jedem zarten Seelenbande,Mit jeder heil'gen Fessel der Natur,Die Menschen aneinanderketten kannn.Geh hin, verlaß mich, diene deinem Kaiser,Laß dich mit einem goldnen Gnadenkettlein,Mit seinem Widderfell dafür belohnen,Daß dir der Freund, der Vater deiner Jugend,Daß dir das heiligste Gefühl nichts galt.
Max. (in heftigem Kampf)O Gott! Wie kann ich anders? Muß ich nicht?Mein Eid—die Pflicht—
Wallenstein.Pflicht, gegen wen? Wer bist du?Wenn ich am Kaiser unrecht handle, ist'sMein Unrecht, nicht das deinige. GehörstDu dir? Bist du dein eigener Gebieter,Stehst frei da in der Welt, wie ich, daß duDer Täter deiner Taten könntest sein?Auf mich bist du gepflanzt, ich bin dein Kaiser,Mir angehören, mir gehorchen, dasIst deine Ehre, dein Naturgesetz.Und wenn der Stern, auf dem du lebst und wohnst,Aus seinem Gleise tritt, sich brennend wirftAuf ein nächste Welt und sie entzündet,Dukannst nicht wählen, ob du folgen willst,Fort reißt er dich in seines Schwunges KraftSamt seinem Ring und allen seinen Monden.Mit leichter Schuld gehst du in diesen Streit,Dich wird die Welt nicht tadeln, sie wird's loben,Daß dir der Freund das meiste hat gegolten.
Neunzehnter Auftritt
Vorige. Neumann.
Wallenstein.Was gibt's?
Neumann.Die Pappenheimischen sind abgesessenUnd rücken an zu Fuß; sie sind entschlossen,Den Degen in der Hand das Haus zu stürmen,Den Grafen wollen sie befrein.
Wallenstein. (zu Terzky)Man sollDie Ketten vorziehn, das Geschütz aufpflanzen.Mit Kettenkugeln will ich sie empfangen.(Terzky geht.)Mir vorzuschreiben mit dem Schwert! Geh, Neumann,Sie sollen sich zurückziehn, augenblicks,Ist mein Befehl, und in der Ordnung schweigend warten,Was mir gefallen wird zu tun.(Neumann geht ab. Illo ist ans Fenster getreten.)
Gräfin.Entlaß ihn.Ich bitte dich, entlaß ihn!
Illo. (am Fenster)Tod und Teufel!
Wallenstein.Was ist's?
Illo.Aufs Rathaus steigen sie, das DachWird abgedeckt, sie richten die KanonenAufs Haus—
Max.Die Rasenden!
Illo.Sie machen Anstalt,Uns zu beschießen—Herzogin und Gräfin.Gott im Himmel!
Max. (zu Wallenstein).Laß michHinunter, sie bedeuten—
Wallenstein.Keinen Schritt!
Max. (auf Thekla und die Herzogin zeigend)Ihr Leben aber! Deins!
Wallenstein.Was bringst du, Terzky?
Zwanzigster Auftritt
Vorige. Terzky kommt zurück.
Terzky.Botschaft von unsern treuen Regimentern.Ihr Mut sei länger nicht zu bändigen,Sie flehen um Erlaubnis, anzugreifen,Vom Prager- und vom Mühl-Tor sind sie Herr,Und wenn du nur die Losung wolltest geben,So könnten sie den Feind im Rücken fassen,Ihn in die Stadt einkeilen, in der EngeDer Straßen leicht ihn überwältigen.
Illo.O komm! Laß ihren Eifer nicht erkalten.Die Buttlerischen halten treu zu uns,Wir sind die größre Zahl und werfen sieUnd enden hier in Pilsen die Empörung.
Wallenstein.Soll diese Stadt zum Schlachtgefilde werdenUnd brüderliche Zwietracht, feueraugig,Durch ihre Straßen losgelassen toben?Dem tauben Grimm, der keinen Führer hört,Soll die Entscheidung übergeben sein?Hier ist nicht Raum zum Schlagen, nur zum Würgen;Die losgebundnen Furien der WutRuft keines Herrschers Stimme mehr zurück.Wohl, es mag sein! Ich hab es lang bedacht,So mag sich's rasch und blutig denn entladen.(Zu Max gewendet.)Wie ist's? Willst du den Gang mit mir versuchen?Freiheit zu gehen hast du. Stelle dichMir gegenüber. Führe sie zum Kampf.Den Krieg verstehst du, hast bei mir etwasGelernt, ich darf des Gegners mich nicht schämen,Und keinen schönern Tag erlebst du, mirDie Schule zu bezahlen.
Gräfin.Ist es dahinGekommen? Vetter! Vetter! könnt Ihr's tragen?
Max.Die Regimenter, die mir anvertraut sind,Dem Kaiser treu hinwegzuführen, hab ichGelobt; dies will ich halten oder sterben.Mehr fordert keine Pflicht von mir. Ich fechteNicht gegen dich, wenn ich's vermeiden kann,Denn auch dein feindlich Haupt ist mir noch heilig.(Es geschehn zwei Schüsse. Illo und Terzky eilen ans Fenster.)
Wallenstein.Was ist das?
Terzky.Er stürzt.Wallenstein.Stürzt! Wer?
Illo.Die Tiefenbacher tatenDen Schuß.
Wallenstein.Auf wen?
Illo.Auf diesen Neumann, denDu schicktest—
Wallenstein. (auffahrend).Tod und Teufel! So will ich—(Will gehen.)
Terzky.Dich ihrer blinden Wut entgegenstellen?Herzogin und Gräfin.Um Gotteswillen nicht!
Illo.Jetzt nicht, mein Feldherr.
Gräfin.O halt ihn! halt ihn!
Wallenstein.Laßt mich!
Max.Tu es nicht,Jetzt nicht. Die blutig rasche Tat hat sieIn Wut gesetzt, erwarte ihre Reue—
Wallenstein.Hinweg! Zu lange schon hab ich gezaudert.Das konnten sie sich freventlich erkühnen,Weil sie mein Angesicht nicht sahn—sie sollenMein Antlitz sehen, meine Stimme hören—Sind es nicht meine Truppen? Bin ich nichtIhr Feldherr und gefürchteter Gebieter?Laß sehn, ob sie das Antlitz nicht mehr kennen,Das ihre Sonne war in dunkler Schlacht.Es braucht der Waffen nicht. Ich zeige michVom Altan dem Rebellenherr, und schnellBezähmt, gebt acht, kehrt der empörte SinnIns alte Bette des Gehorsams wieder.(Er geht. Ihm folgen Illo, Terzky und Buttler.)
Einundzwanzigster Auftritt
Gräfin. Herzogin. Max und Thekla.
Gräfin. (zur Herzogin)Wenn sie ihn sehn—Es ist noch Hoffnung, Schwester.
Herzogin.Hoffnung! Ich habe keine.
Max. (der während des letzten Auftritts in einem sichtbaren Kampfvon ferne gestanden, tritt näher).Das ertrag ich nicht.Ich kam hierher mit fest entschiedner Seele,Ich glaubte, recht und tadellos zu tun,Und muß hier stehen, wie ein Hassenswerter,Ein roh Unmenschlicher, vom Fluch belastet,Vom Abscheu aller, die mir teuer sind,Unwürdig schwer bedrängt die Lieben sehn,Die ich mit einem Wort beglücken kann—Das Herz in mir empört sich, es erhebenZwei Stimmen streitend sich in meiner Brust,In mir ist Nacht, ich weiß das Rechte nicht zu wählen.O wohl, wohl hast du wahr geredet, Vater,Zu viel vertraut' ich auf das eigne Herz,Ich stehe wankend, weiß nicht, was ich soll.
Gräfin.Sie wissen's nicht? Ihr Herz sagt's Ihnen nicht?So will ich's Ihnen sagen!Ihr Vater hat den schreienden VerratAn uns begangen, an des Fürsten HauptGefrevelt, uns in Schmach gestürzt, darausErgibt sich klar, was Sie, sein Sohn, tun sollen:Gutmachen, was der Schändliche verbrochen,Ein Beispiel aufzustellen frommer Treu,Daß nicht der Name PiccolominiEin Schandlied sei, ein ew'ger Fluch im HausDer Wallensteiner.
Max.Wo ist eine StimmeDer Wahrheit, der ich folgen darf? Uns alleBewegt der Wunsch, die Leidenschaft. Daß jetztEin Engel mir vom Himmel niederstiege,Das Rechte mir, das unverfälschte, schöpfteAm reinen Lichtquell, mit der reinen Hand!(Indem seine Augen auf Thekla fallen.)Wie? Such ich diesen Engel noch? Erwart ichNoch einen andern?(Er nähert sich ihr, den Arm um sie schlagend.)Hier, auf dieses Herz,Das unfehlbare, heilig reine willIch's legen, deine Liebe will ich fragen,Die nur den Glücklichen beglücken kann,Vom unglückselig Schuldigen sich wendet.Kannst du mich dann noch lieben, wenn ich bleibe?Erkläre, daß du's kannst, und ich bin euer.
Gräfin. (mit Bedeutung)Bedenkt—
Max. (unterbricht sie)Bedenke nichts. Sag, wie du's fühlst.
Gräfin.An Euren Vater denkt—
Max. (unterbricht sie)Nicht Friedlands Tochter,Ich frage dich, dich, die Geliebte frag ich!Es gilt nicht, eine Krone zu gewinnen,Das möchtst du mit klugem Geist bedenken.Die Ruhe deines Freundes gilt's, das GlückVon einem Tausend tapfrer Heldenherzen,Die seine Tat zum Muster nehmen werden.Soll ich dem Kaiser Eid und Pflicht abschwören?Soll ich ins Lager des OctavioDie vatermörderische Kugel senden?Denn wenn die Kugel los ist aus dem Lauf,Ist sie kein totes Werkzeug mehr, sie lebt,Ein Geist fährt in sie, die ErinnyenErgreifen sie, des Frevels Rächerinnen,Und führen tückisch sie den ärgsten Weg.
Thekla.O Max—
Max. (unterbricht sie)Nein, übereile dich auch nicht.Ich kenne dich. Dem edeln Herzen könnteDie schwerste Pflicht die nächste scheinen. NichtDas Große, nur das Menschliche geschehe.Denk, was der Fürst von je an mir getan;Denk auch, wie's ihm mein Vater hat vergolten,O auch die schönen, freien RegungenDer Gastlichkeit, der frommen FreundestreueSind eine heilige Religion dem Herzen,Schwer rächen sie die Schauder der NaturAn dem Barbaren, der sie gräßlich schändet.Leg alles, alles in die Waage, sprichUnd laß dein Herz entscheiden.
Thekla.O das deineHat längst entschieden. Folge deinem erstenGefühl—
Gräfin.Unglückliche!
Thekla.Wie könnte dasDas Rechte sein, was dieses zarte HerzNicht gleich zuerst ergriffen und gefunden?Geh und erfülle deine Pflicht. Ich würdeDich immer lieben. Was du auch erwählt,Du würdest edel stets und deiner würdigGehandelt haben—aber Reue sollNicht deiner Seele schönen Frieden stören.
Max.So muß ich dich verlassen, von dir scheiden!
Thekla.Wie du dir selbst getreu bleibst, bist du's mir.Uns trennt das Schicksal, unsre Herzen bleiben einig.Ein blut'ger Haß entzweit auf ew'ge TageDie Häuser Friedland, Piccolomini,Doch wir gehören nicht zu unserm Hause.—Fort! Eile! Eile, deine gute SacheVon unsrer unglückseligen zu trennen.Auf unserm Haupte liegt der Fluch des Himmels,Es ist dem Untergang geweiht. Auch michWird meines Vaters Schuld mit ins VerderbenHinabziehn. Traure nicht um mich, mein SchicksalWird bald entschieden sein.(Max faßt sie in die Arme, heftig bewegt. Man hört hinter derSzene ein lautes, wildes, langverhallendes Geschrei: "VivatFerdinandus!" von kriegerischen Instrumenten begleitet. Maxund Thekla halten einander unbeweglich in den Armen.)
Zweiundzwanzigster Auftritt
Vorige. Terzky.
Gräfin. (ihm entgegen)Was war das? Was bedeutete das Rufen?
Terzky.Es ist vorbei, und alles ist verloren.
Gräfin.Wie, und sie gaben nichts auf seinen Anblick?
Terzky.Nichts. Alles war umsonst.
Herzogin.Sie riefen Vivat.
Terzky.Dem Kaiser.
Gräfin.O die Pflichtvergessenen!
Terzky.Man ließ ihn nicht einmal zum Worte kommen.Als er zu reden anfing, fielen sieMit kriegerischem Spiel betäubend ein.—Hier kommt er.
Dreiundzwanzigster Auftritt
Vorige. Wallenstein, begleitet von Illo und Buttler.Darauf Kürassiere.
Wallenstein. (im Kommen).Terzky!
Terzky.Mein Fürst?
Wallenstein.Laß unsre RegimenterSich fertig halten, heut noch aufzubrechen,Denn wir verlassen Pilsen noch vor Abend.(Terzky geht ab.)Buttler—
Buttler.Mein General?—
Wallenstein.Der Kommendant zu EgerIst Euer Freund und Landsmann. Schreibt ihm gleichDurch einen Eilenden, er soll bereit sein,Uns morgen in die Festung einzunehmen—Ihr folgt uns selbst mit Euerm Regiment.
Buttler.Es soll geschehn, mein Feldherr.
Wallenstein. (tritt zwischen Max und Thekla, welche sich während dieser Zeit fest umschlungen gehalten) Scheidet!
Max. Gott! (Kürassiere mit gezogenem Gewehr treten in den Saal und sammeln sich im Hintergrunde. Zugleich hört man unten einige mutige Passagen aus dem Pappenheimer Marsch, welche dem Max zu rufen scheinen.)
Wallenstein. (zu den Kürassieren).Hier ist er. Er ist frei. Ich halt ihn nicht mehr.(Er steht abgewendet und so, daß Max ihm nicht beikommen, nochsich dem Fräulein nähern kann.)
Max.Du hassest mich, treibst mich im Zorn von dir.Zerreißen soll das Band der alten Liebe,Nicht sanft sich lösen, und du willst den Riß,Den schmerzlichen, mir schmerzlicher noch machen!Du weißt, ich habe ohne dich zu lebenNoch nicht gelernt—in eine Wüste geh ichHinaus, und alles, was mir wert ist, allesBleibt hier zurück—O wende deine AugenNicht von mir weg! Noch einmal zeige mirDein ewig teures und verehrtes Antlitz.Verstoß mich nicht—(Er will seine Hand fassen. Wallenstein zieht sie zurück. Erwendet sich an die Gräfin.)
Ist hier kein andres Auge,Das Mitleid für mich hätte—Base Terzky—(Sie wendet sich von ihm; er kehrt sich zur Herzogin.)Ehrwürd'ge Mutter—
Herzogin.Gehn Sie, Graf, wohinDie Pflicht Sie ruft—So können Sie uns einstEin treuer Freund, ein guter Engel werdenAm Thron des Kaisers.
Max.Hoffnung geben Sie mir,Sie wollen mich nicht ganz verzweifeln lassen.O täuschen Sie mich nicht mit leerem Blendwerk,Mein Unglück ist gewiß, und Dank dem Himmel!Der mir ein Mittel eingibt, es zu enden.(Die Kriegsmusik beginnt wieder. Der Saal füllt sich mehr undmehr mit Bewaffneten an. Er sieht Buttlern dastehn.)Ihr auch hier, Oberst Buttler—Und Ihr wollt mirNicht folgen?—Wohl! Bleibt Eurem neuen HerrnGetreuer als dem alten. Kommt! Versprecht mir,Die Hand gebt mir darauf, daß Ihr sein LebenBeschützen, unverletzlich wollt bewahren.(Buttler verweigert seine Hand.)Des Kaisers Acht hängt über ihm und gibtSein fürstlich Haupt jedwedem Mordknecht preis,Der sich den Lohn der Bluttat will verdienen;Jetzt tät' ihm eines Freundes fromme Sorge,Der Liebe treues Auge not—und dieIch scheidend um ihn seh—(Zweideutige Blicke auf Illo und Buttler richtend.)
Illo.Sucht die VerräterIn Eures Vaters, in des Gallas Lager.Hier ist nur einer noch. Geht und befreit unsVon seinem hassenswürd'gen Anblick. Geht.(Max versucht es noch einmal, sich der Thekla zu nähern.Wallenstein verhindert es. Er steht unschlüssig, schmerzvoll;indes füllt sich der Saal immer mehr und mehr, und die Hörnerertönen unten immer auffordernder und in immer kürzeren Pausen.)
Max.Blast! Blast!—O wären es die schwed'schen Hörner,Und ging's von hier gerad ins Feld des Todes,Und alle Schwerter, alle, die ich hierEntblößt muß sehn, durchdrängen meinen Busen!Was wollt ihr? Kommt ihr, mich von hierHinwegzureißen—o treibt mich nicht zu Verzweiflung!Tut's nicht! Ihr könntet es bereun!(Der Saal ist ganz mit Bewaffneten erfüllt.)Noch mehr—Es hängt Gewicht sich an Gewicht,Und ihre Masse zieht mich schwer hinab.—Bedenket, was ihr tut. Es ist nicht wohlgetan,Zum Führer den Verzweifelnden zu wählen.Ihr reißt mich weg von meinem Glück, wohlan,Der Rachegöttin weih ich eure Seelen!Ihr habt gewählt zum eigenen Verderben,Wer mit mir geht, der sei bereit zu sterben!(Indem er sich nach dem Hintergrund wendet, entsteht einerasche Bewegung unter den Kürassieren, sie umgeben und begleitenihn in wildem Tumult. Wallenstein bleibt unbeweglich. Theklasinkt in ihrer Mutter Arme. Der Vorhang fällt.)
Vierter Aufzug
In des Bürgermeisters Hause zu Eger.
Erster Auftritt
Buttler. (der eben anlangt)Er ist herein. Ihn führte sein Verhängnis,Der Rechen ist gefallen hinter ihm,Und wie die Brücke, die ihn trug, beweglichSich niederließ und schwebend wieder hob,Ist jeder Rettungsweg ihm abgeschnitten.Bis hieher, Friedland, und nicht weiter! sagtDie Schicksalsgöttin. Aus der böhmischen ErdeErhub sich dein bewunder Meteor,Weit durch den Himmel einen Glanzweg ziehend,Und hier an Böhmens Grenze muß es sinken!—Du hast die alten Fahnen abgeschworen,Verblendeter, und traust dem alten Glück!Den Krieg zu tragen in des Kaisers Länder,Den heil'gen Herd der Laren umzustürzen,Bewaffnest du die frevelhafte Hand.Nimm dich in acht! dich treibt der böse GeistDer Rache—daß dich Rache nicht verderbe!
Zweiter Auftritt
Buttler und Gordon.
Gordon.Seid Ihr's? O wie verlangt mich, Euch zu hören.Der Herzog ein Verräter! O mein Gott!Und flüchtig! Und sein fürstlich Haupt geächtet!Ich bitt Euch, General, sagt mir ausführlich,Wie alles dies zu Pilsen sich begeben?
Buttler.Ihr habt den Brief erhalten, den ich EuchDurch einen Eilenden vorausgesendet?
Gordon.Und habe treu getan, wie Ihr mich hießt,Die Festung unbedenklich ihm geöffnet,Denn mir befiehlt ein kaiserlicher Brief,Nach Eurer Ordre blindlings mich zu fügen.Jedoch verzeiht! als ich den Fürsten selbstNun sah, da fing ich wieder an, zu zweifeln.Denn wahrlich! nicht als ein GeächteterTrat Herzog Friedland ein in diese Stadt.Von seiner Stirne leuchtete wie sonstDes Herrschers Majestät, Gehorsam fordernd,Und ruhig, wie in Tagen guter Ordnung,Nahm er des Amtes Rechenschaft mir ab.Leutselig macht das Mißgeschick, die Schuld,Und schmeichelnd zum geringern Manne pflegtGefallner Stolz herunter sich zu beugen;Doch sparsam und mit Würde wog der FürstMir jedes Wort des Beifalls, wie der HerrDen Diener lobt, der sein Pflicht getan.
Buttler.Wie ich Euch schrieb, so ist's genau geschehn.Es hat der Fürst dem Feinde die ArmeeVerkauft, ihm Prag und Eger öffnen wollen.Verlassen haben ihn auf dies GerüchtDie Regimenter alle bis auf fünfe,Die Terzkyschen, die ihm hieher gefolgt.Die Acht ist ausgesprochen über ihn,Und ihn zu liefern, lebend oder tot,Ist jeder treue Diener aufgefordert.
Gordon.Verräter an dem Kaiser—solch ein Herr!So hochbegabt! O was ist Menschengröße!Ich sagt' es oft: das kann nicht glücklich enden;Zum Fallstrick ward ihm seine Größ' und MachtUnd diese dunkelschwankende Gewalt.Denn um sich greift der Mensch, nicht darf man ihnDer eignen Mäßigung vertraun. Ihn hältIn Schranken nur das deutliche GesetzUnd der Gebräuche tiefgetretne Spur.Doch unnatürlich war und neuer ArtDie Kriegsgewalt in dieses Mannes Händen;Dem Kaiser selbst stellte sie ihn gleich,Der stolze Geist verlernte, sich zu beugen.O schad um solchen Mann! denn keiner möchteDa feste stehen, mein ich, wo er fiel.
Buttler.Spart Eure Klagen, bis er Mitleid braucht,Denn jetzt noch ist der Mächtige zu fürchten.Die Schweden sind im Anmarsch gegen Eger,Und schnell, wenn wir's nicht rasch entschlossen hindern,Wird die Vereinigung geschehn. Das darf nicht sein!Es darf der Fürst nicht freien Fußes mehrAus diesem Platz, denn Ehr' und Leben hab ichVerpfändet, ihn gefangen hier zu nehmen,Und Euer Beistand ist's, auf den ich rechne.
Gordon.O hätt' ich nimmer diesen Tag gesehn!Aus seiner Hand empfing ich diese Würde,Er selber hat dies Schloß mir anvertraut,Das ich in seinen Kerker soll verwandeln.Wir Subalternen haben keinen Willen;Der freie Mann, der mächtige alleinGehorcht dem schönen menschlichen Gefühl.Wir aber sind nur Schergen des Gesetzes,Des grausamen; Gehorsam heißt die Tugend,Um die der Niedre sich bewerben darf.
Buttler.Laßt Euch das enggebundene VermögenNicht leid tun. Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum,Doch sicher ist der schmale Weg der Pflicht.
Gordon.So hat ihn alles denn verlassen, sagt Ihr?Er hat das Glück von Tausenden gegründet,Denn königlich war sein Gemüt, und stetsZum Geben war die volle Hand geöffnet—(Mit einem Seitenblick auf Buttlern.)Vom Staube hat er manchen aufgelesen,Zu hoher Ehr' und Würden ihn erhöhtUnd hat sich keinen Freund damit, nicht einenErkauft, der in der Not ihm Farbe hielt!
Buttler.Hier lebt ihm einer, den er kaum gehofft.
Gordon.Ich hab mich keiner Gunst von ihm erfreut.Fast zweifl' ich, ob er je in seiner GrößeSich eines Jugendfreunds erinnert hat—Denn fern von ihm hielt mich der Dienst, sein AugeVerlor mich in den Mauern dieser Burg,Wo ich, von seiner Gnade nicht erreicht,Das freie Herz im stillen mir bewahrte.Denn als er mich in dieses Schloß gesetzt,War's ihm noch Ernst um seine Pflicht; nicht seinVertrauen täusch ich, wenn ich treu bewahre,Was meiner Treue übergeben ward.
Buttler.So sagt, wollt Ihr die Acht an ihm vollziehn,Mir Eure Hilfe leihn, ihn zu verhaften?
Gordon. (nach einem nachdenklichen Stillschweigen kummervoll).Ist es an dem—verhält sich's, wie Ihr sprecht—Hat er den Kaiser, seinen Herrn, verraten,Das Heer verkauft, die Festungen des LandesDem Reichsfeind öffnen wollen—Ja, dann istNicht Rettung mehr für ihn—Doch es ist hart,Daß unter allen eben mich das LosZum Werkzeug seines Sturzes muß erwählen.Denn Pagen waren wir am Hof zu BurgauZu gleicher Zeit, ich aber war der ältre.
Buttler.Ich weiß davon.
Gordon.Wohl dreißig Jahre sind's. Da strebte schonDer kühne Mut im zwanzigjähr'gen Jüngling.Ernst über seine Jahre war sein Sinn,Auf große Dinge männlich nur gerichtet.Durch unsre Mitte ging er stillen Geists,Sich selber die Gesellschaft; nicht die Lust,Die kindische, der Knaben zog ihn an;Doch oft ergriff's ihn plötzlich wundersam,Und der geheimnisvollen Brust entfuhr,Sinnvoll und leuchtend, ein Gedankenstrahl,Daß wir uns staunend ansahn, nicht recht wissend,Ob Wahnsinn, ob ein Gott aus ihm gesprochen.
Buttler.Dort war's, wo er zwei Stock hoch niederstürzte,Als er im Fensterbogen eingeschlummert,Und unbeschädigt stand er wieder auf.Von diesem Tag an, sagt man, ließen sichAnwandlungen des Wahnsinns bei ihm spüren.
Gordon.Tiefsinn'ger wurd'er, das ist wahr, er wurdeKatholisch. Wunderbar hatt' ihn das WunderDer Rettung umgekehrt. Er hielt sich nunFür ein begünstigt und befreites Wesen,Und keck wie einer, der nicht straucheln kann,Lief er auf schwankem Seil des Lebens hin.Nachher führt' uns das Schicksal auseinanderWeit, weit! Er ging der Größe kühnen Weg,Mit schnellem Schritt, ich sah ihn schwindelnd gehn,Ward Graf und Fürst und Herzog und Diktator,Und jetzt ist alles ihm zu klein, er strecktDie Hände nach der Königskrone ausUnd stürzt in unermeßliches Verderben!
Buttler.Brecht ab. Er kommt.
Dritter Auftritt
Wallenstein im Gespräch mit dem Bürgermeister von Eger. Die Vorigen.
Wallenstein.Ihr wart sonst eine freie Stadt? Ich seh,Ihr führt den halben Adler in dem Wappen.Warum den halben nur?
Bürgermeister.Wir waren reichsfrei,Doch seit zweihundert Jahren ist die StadtDer böhm'schen Kron' verpfändet. Daher rührt's,Daß wir nur noch den halben Adler führen.Der untre Teil ist kanzelliert, bis etwaDas Reich uns wieder einlöst.
Wallenstein.Ihr verdientetDie Freiheit. Haltet euch nur brav. Gebt keinemAufwieglervolk Gehör. Wie hoch seid ihrBesteuert?
Bürgermeister. (zuckt die Achseln)Daß wir's kaum erschwingen können.Die Garnison lebt auch auf unsre Kosten.
Wallenstein.Ihr sollt erleichtert werden. Sagt mir an,Es sind noch Protestanten in der Stadt?(Bürgermeister stutzt.)Ja, ja. Ich weiß es. Es verbergen sich noch vieleIn diesen Mauern—ja! gesteht's nur frei—Ihr selbst—Nicht wahr?(Fixiert ihn mit den Augen. Bürgermeister erschrickt.)Seid ohne Furcht. Ich hasseDie Jesuiten—Läg's an mir, sie wären längstAus Reiches Grenzen—Meßbuch oder Bibel!Mir ist's all eins—Ich hab's der Welt bewiesen—In Glogau hab ich selber eine Kirch'Den Evangelischen erbauen lassen.—Hört, Bürgermeister—wie ist Euer Name?
Bürgermeister.Pachhälbel, mein erlauchter Fürst.
Wallenstein.Hört—aber sagt's nicht weiter, was ich EuchJetzt im Vertraun eröffne.(Ihm die Hand auf die Achsel legend, mit einer gewissenFeierlichkeit.)
Die ErfüllungDer Zeiten ist gekommen, Bürgermeister.Die Hohen werden fallen, und die NiedrigenErheben sich—Behaltet's aber bei Euch!Die spanische Doppelherrschaft neiget sichZu ihrem Ende, eine neue OrdnungDer Dinge führt sich ein—Ihr saht doch jüngstAm Himmel die drei Monde?
Bürgermeister.Mit Entsetzen.
Wallenstein.Davon sich zwei in blut'ge DolchgestaltVerzogen und und verwandelten. Nur einer,Der mittlere blieb stehn in seiner Klarheit.
Bürgermeister.Wir zogen's auf den Türken.
Wallenstein.Türken! Was?Zwei Reiche werden blutig untergehenIm Osten und im Westen, sag ich Euch,Und nur der lutherischen Glaub' wird bleiben.(Er bemerkt die zwei andern.)Ein starkes Schießen war ja diesen AbendZur linken Hand, als wir den Weg hieherGemacht. Vernahm man's auch hier in der Festung?
Gordon.Wohl hörten wir's, mein General. Es brachteDer Wind den Schall gerad von Süden her.
Buttler.Von Neustadt oder Weiden schien's zu kommen.
Wallenstein.Das ist der Weg, auf dem die Schweden nahn.Wie stark ist die Besatzung?
Gordon.HundertachtzigDienstfähige Mann, der Rest sind Invaliden.
Wallenstein.Und wieviel stehn im Jochimstal?
Gordon.ZweihundertArkebusierer hab ich hingeschickt,Den Posten zu verstärken gegen die Schweden.
Wallenstein.Ich lobe Eure Vorsicht. An den WerkenWird auch gebaut. Ich sah's bei der Hereinfahrt.
Gordon.Weil uns der Rheingraf jetzt so nah bedrängt,Ließ ich noch zwei Pasteien schnell errichten.
Wallenstein.Ihr seid genau in Eures Kaisers Dienst.Ich bin mit Euch zufrieden, Oberstleutnant.(Zu Buttlern.)Der Posten in dem Jochimstal soll abziehnSamt allen, die dem Feind entgegenstehn.(Zu Gordon.)In Euren treuen Händen, Kommendant,Laß ich mein Weib, mein Kind und meine Schwester.Denn hier ist meines Bleibens nicht; nur BriefeErwart ich, mit dem frühesten die FestungSamt allen Regimentern zu verlassen.
Vierter Auftritt
Vorige. Graf Terzky.
Terzky.Willkommne Botschaft! Frohe Zeitungen!
Wallenstein.Was bringst du?
Terzky.Eine Schlacht ist vorgefallenBei Neustadt, und die Schweden blieben Sieger.
Wallenstein.Was sagst du? Woher kommt dir diese Nachricht?
Terzky.Ein Landmann bracht' es mit von Tirschenreit,Nach Sonnenuntergang hab's angefangen,Ein kaiserlicher Trupp von Tachau herSie eingebrochen in das schwed'sche Lager,Zwei Stunden hab' das Schießen angehalten,Und tausend Kaiserliche sei'n geblieben,Ihr Oberst mit, mehr wußt' er nicht zu sagen.
Wallenstein.Wie käme kaiserliches Volk nach Neustadt?Der Altringer, er müßte Flügel haben,Stand gestern vierzehn Meilen noch von da;Das Gallas Völker sammeln sich zu FraunbergUnd sind noch nicht beisammen. Hätte sichDer Suys etwa so weit vorgewagt?Es kann nicht sein.(Illo erscheint.)
Terzky.Wir werden's alsbald hören,Denn hier kommt Illo fröhlich und voll Eile.
Fünfter Auftritt
Illo. Die Vorigen.
Illo. (zu Wallenstein)Ein Reitender ist da und will dich sprechen.
Terzky.Hat's mit dem Siege sich bestätigt? Sprich!Wallenstein.Was bringt er? Woher kommt er?
Illo.Von dem Rheingraf,Und was er bringt, will ich voraus dir melden.Die Schweden stehn fünf Meilen nur von hier,Bei Neustadt hab' der PiccolominiSich mit der Reiterei auf sie geworfen,Ein fürchterliches Morden sei geschehn,Doch endlich hab' die Menge überwältigt,Die Pappenheimer alle, auch der Max,Der sie geführt—sei'n auf dem Platz geblieben.
Wallenstein.Wo ist der Bote? Bringt mich zu ihm.(Will abgehn. Indem stürzt Fräulein Neubrunn ins Zimmer, ihrfolgen einige Bediente, die durch den Saal rennen.)
Neubrunn.Hilfe! Hilfe!
Illound Terzky.Was gibt's?
Neubrunn.Das Fräulein!—
Wallensteinund Terzky. Weiß sie's?
Neubrunn.Sie will sterben.(Eilt fort. Wallenstein und Terzky mit Illo ihr nach.)
Sechster Auftritt
Buttler und Gordon.
Gordon. (erstaunt)Erklärt mir. Was bedeutete der Auftritt?
Buttler.Sie hat den Mann verloren, den sie liebte,Der Piccolomini war's, der umgekommen.
Gordon.Unglücklich Fräulein!
Buttler.Ihr habt gehört, was dieser Illo brachte,Daß sich die Schweden siegend nahn.
Gordon.Wohl hört' ich's.
Buttler.Zwölf Regimenter sind sie stark, und fünfStehn in der Näh', den Herzog zu beschützen.Wir haben nur mein einzig Regiment,Und nicht zweihundert stark ist die Besatzung.
Gordon.So ist's.
Buttler.Nicht möglich ist's, mit so geringer MannschaftSolch einen Staatsgefangnen zu bewahren.
Gordon.Das seh ich ein.
Buttler.Die Menge hätte bald das kleine HäufleinEntwaffnet, ihn befreit.
Gordon.Das ist zu fürchten.
Buttler. (nach einer Pause)Wißt! Ich bin Bürge worden für den Ausgang,Mit meinem Haupte haft ich für das seine,Wort muß ich halten, führ's wohin es will,Und ist der Lebende nicht zu bewahren,So ist—der Tote uns gewiß.
Gordon.Versteh ich Euch? Gerechter Gott! Ihr könntet—