Sie fühlte sich beschämt und sagte rasch und ohne Überlegung:
»Das glaubt mir niemand.«
Gepeinigt sah er auf.
»O Afra, wie könnte etwas in dieser armen schönen Welt mir wertvoller sein als deine Freude? Wie schlecht kennst du mich, wie wenig wirst du jemals von mir wissen. O du, aller Liebe so nah, der Liebe so fern, wie du bist. Was wollte Gott mit uns, als er dein armes, reiches Herz erschuf. Oft erscheint es mir, als sei der alte Mann, der im Licht deiner herrlichen Jugend seine Augen geschlossen hat, mir lieb geworden wie ein vertrauterFreund. Entbietest du Liebe in unseren Herzen, um sie durch deine Härte um so inbrünstiger in uns zu gestalten? Ich weiß es nicht, aber ich werde gehorsam sein dem Besten in mir und ihm, dessen Erbteil ich habe antreten müssen. Ich habe nicht gewußt, was ich mit seinen Gütern, zu denen auch du gehörst, auf meine Schultern geladen habe. Schau mich nicht an, als ob ich klagte, Afra. Ich weiß auch, daß mein Schicksal und das Schicksal der Frau, deren Leid du gesehen hast, das Himmelreich deiner harten Unschuld nicht verfinstern darf. Ich fordere nichts von dir, was du nicht geben kannst, aber meinen Wunsch, du möchtest mich lieben, wirst du niemals aus meiner Seele löschen können.«
»Ich habe dich nicht traurig machen wollen«, sagte Afra.
Ihm war, als sagte sie zum ersten Male du zu ihm.
»Traurig?« rief er mit schmerzvollem Lächeln. »Ach nein. Aber wie willst du verstehen können, daß uns die Liebe beseligt und bedrängt zugleich.«
»Oh, das verstehe ich wohl.«
»Auf deine Art, Afra. Es wird wohl ein jeder sagen, er verstünde es. Mit verzehrendem Grauen warte ich auf die Stunde, in der du weißt, was die Hingabe an einen Menschen bedeutet. Diese Furcht ist ganz ohne Hoffnung, Afra, denn diese Stunde wirst du ohne mich erleben, diese Stunde, die dich grenzenlos reich machen wird. Sieh, so lieb habe ich dich gewonnen, daß ich niemals daran zweifeln werde, daß sie für dich kommt, daß dein Herz, das im Schlaf seiner kaum erwachten Hoffnungenschlägt, dieser einzigen Gewalt und Kraft fähig ist, die uns reich macht.«
Da stellte Afra die Frage:
»Wie muß ich denn sein, damit mir das geschieht?«
Da schossen ihm Tränen in die Augen, und er wandte sich ab in das besonnte Land und sagte mit zitternder Stimme:
»Wie du bist —«
Sie trennten sich bei der nächsten Wegbiegung, ohne daß noch ein Wort gefallen war. Er gab ihr die Hand und sagte einfach:
»Erinnere dich meiner zuweilen, ich begleite dich immer.«
Sie nickte nur, warf dann den blonden Kopf zurück und nahm »Joni« kurz herum, die auf den Heimweg gehofft hatte. Die Hunde zögerten, dann schlossen sie sich Afra an. Er sah ihr nach. Sie ritt im Sonnenschein, im Rahmen der grünen Wiesen unter dem blauen Himmel dahin, saß gerade im Sattel, das Pferd ging im Schritt, und die Bänder ihres Hutes hoben sich matt im lauen Wind. Er konnte den Blick nicht wenden und prägte das helle Bild inbrünstig in sein Herz ein.
Es war in diesen Sommertagen, als in Wartalun ein Brief von Friedel Gentler eintraf, einem Studienfreund und Reisegefährten des jungen Grafen.Er meldete sich ziemlich ohne Anfrage im Schlosse an und begründete seinen Überfall in unumwundenem Freimut mit seiner bösen Lebenslage. Es bestand seit Jahren eine Art Freundschaft zwischen den beiden Männern, die vielleicht ihre tieferen Gründe weniger in einer Verwandtschaft ihrer Eigenart oder ihrer Interessengebiete hatte als vielmehr in einer starken Neigung, die der andere zu Helmut gefaßt hatte. Der haltlose Charakter und die leichtfertige Lebensart des jungen Architekten hatten in dem verschlossenen Wert Helmuts und im Ernst seiner Lebensführung eine Art uneingestandener Stütze gefunden, und der junge Gutsherr erwiderte diese Neigung, wenn auch nicht im gleichen Maße, so doch mit jener Dankbarkeit, die innerlich viel beschäftigte Menschen zuweilen an Kameraden bindet, deren freimütiger Frohsinn ihnen in tatenlosen Stunden Aufmunterung oder Erholung gewährt.
Helmut war durch den Brief anfänglich eher überrascht als erfreut. Er las die burschikosen Worte des Freundes wie Klänge aus einer versunkenen Welt, die ihm längst fremd geworden war, und empfand darüber mit heimlichem Schreck, wie sehr die letzte Zeit seines Lebens ihn auf andere Werte und neue Hoffnungen gestellt hatte. Da ihm in den Sinn kam, mit welch argloser Freude Elsbeth die Gegenwart des lustigen Freundes früher stets empfunden hatte, und da er erwartete, ihr Ablenkungen zu verschaffen, vielleicht auch in einer leisen Hoffnung, dem eigenen Zustand ein wenig äußerliche Besserung zu bringen, duldete er das Herannahendieses Besuchs ohne Einspruch. Gegen seine Gewohnheit teilte er die Neuigkeit erst nach seiner Entschließung seiner Frau mit.
Sie winkte ihm anfänglich nur müde, in jener etwas verstörten Traurigkeit ab, die er ihr seit den letzten Geschehnissen anmerkte.
»Jetzt?« fragte sie zögernd und sah auf ihre Hände nieder. Aber je mehr die Person Gentlers ihr wieder gegenwärtig wurde, um so eifriger trat sie plötzlich für sein Kommen ein.
»Doch«, sagte sie, »es ist eine Abwechslung, es wird auch dich zerstreuen, und ich kann mich ja zurückziehen, soviel ich will; denn Sorgen um das Gutswesen brauch' ich mir ja wahrhaftig nicht zu machen.«
Plötzlich verstand er sie. Ihre ablehnende Stellung war gar zu rasch in Bereitwilligkeit umgeschlagen, als daß nicht eine Hoffnung hinzugekommen sein mußte. Er lächelte bitter. Wie sie Afra unterschätzt, dachte er. Nein, Afra wird einzig über ihn lachen.
So blieb es bei diesem Entschluß, und er ließ im Hause Vorbereitungen treffen, den Gast zu empfangen. Es gab Raum die Fülle, und Helmut ordnete an, daß zwei große Parterrezimmer, die zum Park hinausführten, für den Freund hergerichtet werden sollten. Es kam doch ein kleiner, heimlicher Stolz in ihm auf und die aufrichtige Freude, freigebig bewirten zu können.
Afra weilte immer noch in Wendalen. Wollte sie denn gar nicht zurückkehren? Er hatte erst in diesenTagen ganz empfinden gelernt, in welche Gefangenschaft und Freiheit er alle tiefere Freude seines Daseins gegeben hatte. Seit Afra fort war, war ihm im Blick auf alle Herrlichkeit, die ihn hier verschwenderisch umgab, zumute, wie einem sein mag, der eine Landschaft im Nebel wiedersieht, die er aus Tagen voll Sonnenschein in seiner Erinnerung trägt. Seine geistige Arbeit ruhte völlig, schon seit jenem ersten Tag, an dem er an Afras Seite die Räume des Schlosses durchwandert hatte.
Der Nachmittag des Tages war ihm bei allerhand Erwägungen damit herumgegangen, daß er eine Urkunde verfaßt hatte, die Afra zur Eigentümerin des Vorwerks Wendalen einsetzte. Darüber hatte er zum erstenmal in Erfahrung gebracht, wie groß Wendalen war, welch weite Gebiete von Wald und Wiesen dazugehörten und daß allein die Viehbestände ein kleines Vermögen darstellten. Die ausgedehnten Wiesen, die in linden Abhängen zum Kornland hinaufführten, boten seit Jahren ganzen Generationen von Rinderherden ausgiebige und billige Ernährung, so daß die Unkosten der Zucht in außerordentlich günstigem Verhältnis zu ihren hohen Einkünften standen. Das Herrenhaus, die Beigebäude für das Gesinde und die Tagelöhner, die Ställe und Heuschuppen waren mit einer Summe versichert, deren Höhe ihn einen Augenblick zögern ließ. Nicht aus Habgier oder aus Zweifel an seinem Entschluß, sondern einzig deshalb, weil er sich für kurz bemühte, sich diese Summe, die er in Zahlen las, vorzustellen,gemessen an den Lebensverhältnissen, die er kannte. »Liebe kleine Herrin von Wendalen«, sagte er vor sich hin, und sein Herz zitterte vor Erhobenheit und Freude.
Stolz und traurig setzte er zuletzt seinen Namen unter das Schriftstück, diesen Namen, der nun so viel Gewicht bekommen hatte, wo es galt, über irdisches Gut zu verfügen. Er hatte früher seinen hohen Titel eigentlich so gut wie abgelegt, da er in der bürgerlichen Gesellschaft, in der er Verkehr gepflogen hatte, ohne große Mittel nur geringes Ansehen gehabt hätte, eher beinahe einen kleinen Anflug von Lächerlichkeit. Es kam hinzu, daß seine Frau nicht aus seinem Stande war, sondern eine Lehrerstochter aus der Provinz. Ihre geduldige Liebe hatte seine einsame Jünglingszeit reich gemacht. Er mußte lächeln, konnte aber nicht umhin, sich zuzugestehen, daß seine neue Lebenslage kaum merklich begann, seine Anschauungen zu verändern. Gewiß nur im Unwesentlichen, aber er lernte doch vielerlei verstehen, was er früher bei seinen hochmütigen Standesgenossen verachtet hatte. Aber die innere Unruhe, in die ihn seine großen Besitztümer versetzten, war oft so stark, daß er es neben anderem beinahe wie eine Erleichterung empfand, daß Wendalen nun Eigentum Afras geworden war. Er beschloß, am nächsten Tage in aller Frühe aufs Landratsamt von Cismaren zu fahren, um die Urkunde beglaubigen zu lassen.
Am späten Nachmittag durchschritt er den Garten, er begegnete in den dichtbewachsenen Niederungen seinerFrau, die er im Gespräch mit Afras Vater fand. Helmut hatte diesem einfachen Mann gegenüber stets gegen eine große Befangenheit zu kämpfen, aber heute gelang es ihm über Erwarten, eine Stellung zu dem Alten zu finden. Er sah heimlich zuweilen in dies derbe, gutmütige Bauerngesicht, während gemächlich über die Obsternte, über Weganlagen und Neuanpflanzungen verhandelt wurde. Kam auf Afra die Rede, deren Anweisungen dem Manne einzig als gerechtfertigt und klug galten, lächelte er einfältig und stolz, als ob er sagen wollte: Nicht wahr, das ist einmal ein Prachtmädel. »Ohne Afra«, sagte er einmal und stellte die Gießkanne auf den Kiesweg, »ginge es hier wohl nicht mehr lange gut, Herr Graf. Der Tote hat gewußt, was er an ihr hatte.«
Helmut nickte. Er empfand die Ungehörigkeit solcher Worte vor ihm und mußte an Afras Tadel denken, die ihm vorgeworfen hatte, seine Freundlichkeit gegen die Leute verwischte den Abstand. Auch ihr Vater gehörte zu den »Leuten«, wie unfaßbar ihm das erscheinen konnte. Aber war sie selbst nicht oft von betörendem Liebreiz der Herablassung? Aber dann dachte er an Melchior und jene bösen Augenblicke, in denen ihn der Alte, wie um sein Leben, um Barmherzigkeit angefleht hatte. Den Untergebenen liegt nicht an einer Freundlichkeit, die nicht einzig dazu da zu sein scheint, ihnen Härte verständlich zu machen. Er fühlte, daß er allen gleichgültig war und daß Afra von ihnen geliebt wurde. Herrschen kann niemand lernen, Vertrauen niemand erzwingen,dachte er. Irgend etwas stimmte ihn traurig, er entließ den Alten gleichgültig und empfand, wie er ihn dadurch kränkte.
Vielleicht hatte ihn nur der Gedanke verstimmt, daß jeder nächste Augenblick ihn mit Elsbeth allein finden könnte. Seit jener verhängnisvollen Nacht vermied er jede Zusammenkunft, die zu einer Aussprache hätte führen können, und schlief allein. Er bemühte sich, in ihrer voreiligen Handlung einen Vertrauensbruch zu sehen, und redete sich gewaltsam in die Berechtigung seiner Härte hinein. Die Ungerechtigkeit dieser Stellung wurde ihm durch einen tiefen notwendigen Zwang seines ganzen Wesens erträglich. Eigentlich dachte er wenig darüber nach, er floh vor sich selbst, sobald das stille Leidensbild seiner jungen Frau vor ihm auftauchte. Mochte sie für sich einstehen; litt denn er selbst weniger? Alles zurückliegende Glück füllte sein Herz mit Wärme und Dankbarkeit einer schönen Erinnerung, nun aber mußte es zu Ende sein. Die grausame Unerbittlichkeit seiner neuen Liebe machte ihn hart und blind; in seiner Hingabe an diese Liebe und in ihrer ausschließenden Macht fand er seinen Freispruch und seine Kraft zur Härte. Es kam ein unbestimmtes Empfinden hinzu, daß diese Wochen einer vorgerückten mütterlichen Erwartung nicht die Zeit seien, auf eine Klärung der neuen Art der Beziehung zu dringen, er verschob alles auf spätere Tage, ohne Hoffnung und ohne Glauben, aber doch in der vagen Erkenntnis, daß die Zeit die Entscheidung von selbst bringen mußte.
Und doch war er sich dunkel eines tiefen Irrtums bewußt, eines heimlichen Frevels am gerechten Gang des Weltwesens, aber er tröstete sich mit jenem Glauben an die Unzulänglichkeit alles Irdischen, der schwachen Naturen und denen, die nicht an das Recht ihrer Liebe zu glauben vermögen, ihr armes Gleichgewicht verleihen kann.
Wie weit und einsam die Sonne an diesen Sommertagen ihren großen Himmelsbogen zog. Langsam wechselte mit den ruhigen Stunden ihr Schein in den hohen Räumen des Schlosses, nun leuchtete der Saal, und im Hof lag noch die abwartende Kühle, die der Garten hinübersandte, nun sanken die hellgoldenen Flecke durch die Lindenzweige auf den Brunnenrand, die Dächer des Flügels strahlten die Mittagshitze aus, und alles schien in Schlaf zu versinken. Nur von den Scheunen herüber, die außerhalb der starken Ringmauer lagen, klangen zuweilen die Rufe von Männern oder Frauen, das Knattern der Leiterwagen und die wohltuenden Stimmen der Haustiere. Mit der herabsinkenden Dämmerung erwachten die melancholischen Töne, die mit der kommenden Nacht der ländlichen Einsamkeit zu entstehen scheinen: ein rasch unterbrochener trauriger Gesang, der sich wie eine Klage erhob und am dunklen Herzen der Erde zur Ruhe ging, von irgendwoher die sanftmütige Heiterkeit einer Ziehharmonika, gedämpft von den Blättern der Linde und auch in ihrer fröhlichstenWeise noch von eigenartiger Traurigkeit, von einer Traurigkeit, die dem Seufzen der ermüdeten Kreaturen zu entstammen schien und die sich in keine Gewißheit von Licht oder Freude zu erheben vermochte. Fern aus dem Moor herüber antworteten zuweilen fremdartige Vogelrufe oder der Chor der Frösche, die ihre Gefährten in den Schloßgräben riefen. Es gab auch viele Eulen in Wartalun, die zu späterer Stunde der Dämmerung aufbrachen und oft in ihrem lautlosen Flug aus den Obstgärten auftauchten, um im Mondschein auf den schwarzen Zinnen der Ringmauer zu sitzen oder auf dem Giebel der Scheunen. Einen herrlichen Anblick bot der Vollmond, wenn er rot und groß aus dem Dunst des Moors emportauchte. Diese rötliche Stunde am Himmel, die den Wald noch in blauen Schleiern fand, brachte das Wesen einer Herrschaft in die Welt, der keine Gewalt zu vergleichen war, und die Erde gab eine schwermütige Antwort voll tiefer Ergebenheit. Das waren die girrenden und lockenden Wohlklänge, deren Wesen kein irdischer Name nennt, die aus dem warmen Schatten emporstiegen, nicht Klage und nicht Jubel, nicht als Blätterflüstern erkennbar und nicht als Mädchenseufzen — und doch hätten sie beides sein können.
Friedel Gentler war gekommen. Sein unbesorgtes Lachen füllte die feierliche Stille der Schloßräume und des Parks. Er wollte anfangs alles auf einmal, reiten, fischen, jagen, und dabei das ganze Anwesen auf einen besseren Stand der Verwaltung bringen. »Du verstehst ja nichts«, sagte er zu Helmut, »und darüber vernachlässigstdu noch deine Frau.« Helmut ließ den Sturm von Plänen, Hoffnungen und Ermahnungen ziemlich gelassen über sich ergehen, weil er den Freund zu gut kannte, um nicht zu wissen, daß es dabei blieb. Weit besorgter machte ihn die innere und äußere Verfassung, in der der junge Mann sich befand und die er vergeblich zu verbergen suchte. Es war bald zu einer Aussprache gekommen, und Helmut hatte ausgeholfen, mit Geldmitteln, die quälende Verpflichtungen aus der Welt brachten, mit Aufmunterung und Trost und sogar mit Wäsche. Nun war Friedel obenauf, glaubte einmal wieder das bösartige Leben überwältigt zu haben und verspottete seinen Wohltäter. Er hatte eine liebenswürdige und harmlose Art, sein Selbstbewußtsein zu behaupten, und schon die äußere Stellung, die er bei seinen Reden einzunehmen pflegte, duldete keinen Widerspruch. Wenn er, die Hände so tief in den Taschen, daß die Hose zwei hohe Gebirge bildete, die Brust eingesunken und den Kopf vorgestreckt, von unten herauf und doch gewissermaßen von oben herunter, auf Helmut einredete, so schien sein Übergewicht auf allen Gebieten erwiesen. Es war auch gewiß nicht zu bestreiten, daß er bei einer etwas saloppen Sprachgewandtheit manch guten Einfall hatte, nur fehlte ihm jedwede Kraft, seine Einsichten durch Handlungen nützlich zu machen. Einmal war es, bei aller Langmut des jungen Schloßherrn, zu einer kleinen Differenz gekommen, die zwar nicht von tieferer Nachwirkung gewesen war, wohl aber die Stellung des voreiligen Beurteilers, Helmut gegenüber,endgültig verschob. Es hatte sich um Elsbeth gehandelt, deren Lage den gutmütigen Friedel empörte:
»Du verstehst das Leben nicht«, sagte er überlegen, »sieh mich an, ich nehme das Leben, wie es ist, ohne viel zu grübeln.«
Helmut errötete tief, nach einer Weile sagte er ruhig:
»Ob du das Leben nimmst, wie es ist, weiß ich nicht. Jedenfalls nimmst du an, was man dir zum Leben gibt.«
Friedel sah ganz bestürzt auf:
»Was willst du damit sagen?«
»Ich will damit sagen, daß ich deine Achtung vor Angelegenheiten meines Lebens fordere, wenn du es teilst. Die Dinge sind nicht dort zu Ende, wo du aufhörst, sie zu erkennen. Blamiere dich, soviel du willst, versuche aber nicht, mir klarzumachen, daß deine Purzelbäume im Land der Erkenntnis Offenbarungen sind, die die Menschheit erretten.«
»Donnerwetter«, sagte Friedel ganz verdutzt, »du bist wahrhaftig noch der alte. — Du solltest aber nicht vergessen, daß ich das im Grunde weiß. Ist es nicht richtig, daß ich mit allem Innerlichen, sozusagen mit meinen Herzensangelegenheiten, immer zu dir gekommen bin? Sag selbst ...«
Helmut mußte wider Willen lächeln.
»Ja«, sagte er, »es soll auch künftig kein Gebot ergehen, daß die Ablagerung von Schutt bei mir untersagt ist, aber tritt dabei nicht auf die Beete.«
Friedel lachte.
»Weißt du, wenn ich solche Scherze machen könnte wie du, täte ich es häufiger.« Aber dann wurde er plötzlich traurig und sein Gesicht, dies unstreitig hübsche Gesicht eines gealterten Knaben, verzog sich voll trotziger Bekümmernis.
»Es ist wahr«, meinte er, »ich bin ein Lump, einfach ein Lump. Aus mir wird nichts mehr. Die Zeit ist verpaßt. Ich bin jetzt dreißig Jahre alt und habe es zu nichts gebracht, bei all meinen Anlagen. Ich habe keine Hände zum Zugreifen, bin gewissermaßen ein Mensch ohne Schubladen, nichts bleibt bei mir, ich kann nichts bewahren.«
»So bewahre dir dein gutes Herz«, sagte Helmut, und es kam etwas von jener tiefen, leidenden Güte in seine Augen, die den Freund überwunden hatte, so oft sie ihm begegnet war und so lange er zurückdenken konnte. —
Als am anderen Tage Helmut, Elsbeth und ihr Gast auf der Terrasse, die zum Garten hinunterführte, vereint beim Nachmittagskaffee saßen, sagte Friedel:
»Ihr lebt hier in einem merkwürdigen Halbschlummer der Erwartung, man hat stets das Gefühl, als käme noch irgend etwas.«
Das Schweigen, das eintrat, bedrückte ihn weiter nicht, und er fuhr fort, große Pläne zum Ausbau und zur Erweiterung der Vorteile zu entwerfen, die man aus einem Landgut dieser Art ziehen könnte. Eigentlich war Helmut seinen Fragen über den Wert Wartaluns und über die Art seiner Betätigung ausgewichen. Wohl hatten sie weite Ritte miteinander gemacht, und derjunge Gutsherr hatte, keineswegs ohne ein wenig Stolz und mit sichtlichem Wohlbehagen, über dies und jenes geplaudert, aber da Afras Name nur beiläufig gefallen war, konnte sich der Freund immer noch keine rechte Vorstellung von Helmuts Art der Verwaltung seines Guts machen.
»Man kann sich doch nicht so ohne weiteres auf die Leute verlassen«, hatte er einmal gesagt. »Du tust dich nicht genügend um.«
Heute war eine eigene Belebtheit im Schlosse ihm aufgefallen. Er wußte nicht recht, wie sie entstanden war und was sie bedeutete. Aus dem alten Melchior, der sich durchaus nicht auf seine jovialen Späße verstand, war nichts herauszubringen, und Elsbeths kleiner Iduna hatte er die Harmlosigkeit gleich anfangs durch einen zu großen Ernst geraubt, mit dem er seine Eroberungen einzuleiten pflegte. Nun sah sie in jeder arglosen Frage einen erneuten Versuch heroischer Würdigung ihrer Vorzüge, was ihr ungewohnt war, und so weit war Friedel noch nicht vorgedrungen, daß sich alles in der Vertrauensseligkeit der erhofften Liebelei auflöste.
Elsbeth flößte ihm eine fremde Ehrfurcht ein, wie arglose Männer des geistigen Mittelstandes sie oft vor einem geheimen Schmerz fühlen, dessen Art und Ursprung sie nicht kennen. Er führte es auf ihren Zustand zurück und verletzte häufig durch sein bemerkbares Zartgefühl. Trotz allem war er gerne gesehen, selbst Helmut suchte seine Gesellschaft, freilich nicht einzig aus Gründen einer persönlichen Sympathie.
»Ach, Gräfin«, seufzte Friedel, und schob den Strohhut gegen die schrägen Sonnenstrahlen, »jetzt hast du es gut, nur bleibe ich bei der Behauptung, daß du fröhlicher sein könntest. Ich werde der Pate des Thronfolgers, das mußt du mir versprechen. Es sichert meine Existenz.«
Melchior servierte mit weißen Handschuhen und veralteten Gewohnheiten den Kaffee. Auf dem Geländer der Terrasse saß ein weißer Kater in der Sonne und säuberte seine weiche Pfote in umständlicher Anmut. Im Efeu hörte man die Sperlinge, ein Duft von Heu und trockenen Sommerblumen kam im lauen Windzug von den Wiesen herüber. Da seufzte Friedel schwer auf, und es brach ihm aus der entlegensten Tiefe seines Herzens das Bekenntnis:
»Es ist doch eigentlich was ganz Feines, so ein Schloß.«
Helmuts Lachen verdutzte ihn.
»Was denn ...« meinte er, »etwa nicht?«
Da riß ein beherzter Hufschlag von der Landstraße her die Drei aus ihrem gemächlichen Einerlei. Jetzt klang er auf den Steinen des Hofs, und mit einem derben Niedersprung wurde ein so gewaltiger Fluch ausgestoßen, als gälte es, Wartalun dem Erdboden gleichzumachen. Helmut, der erbleicht war, ließ sich mit einem Lächeln der Erleichterung in den Korbsessel sinken, als er diese Stimme hörte, und gleich darauf tauchte Martins stürmischer Gassenbubenkopf am Gitterzaun auf. Er sah flott und kräftig aus, wie er über den Gartenweg auf dieTerrasse zuschritt, im wohlgepflegten Reitanzug, mit helledernen Stiefeln und dunklem Hut.
Es war nur ihr Diener, ihr Bote, und doch schlug dem jungen Gutsherrn das Herz zum Zerspringen, er rang mit ganzer Kraft um seine Gelassenheit, es wurde ihm um so schwerer, als Elsbeth ihre Bestürzung nicht verbarg.
Martin riß den Hut herunter, viel zu munter, als daß es sonderlich respektvoll erschien, und sagte froh:
»Heute abend kommt Fräulein Afra zurück. Ich soll bestens grüßen.«
Dann sah er Friedel Gentler und verbeugte sich noch einmal, ohne sein Erstaunen zu verbergen.
Der Graf entließ ihn so herzlich, wie Friedel ihn nie vor einem Angestellten gesehen hatte. Erstaunt sah er umher. Der weiße Kater hatte sich mit Martins Ansturm eilig davongemacht, überhaupt schien alles verändert.
»Das ist deine Verwalterin, von der du mir erzählt hast, nicht wahr?« fragte er Helmut. »Ist denn das so ein Ereignis, wenn die kommt?«
»Ein Ereignis? — Ich muß es wissen.«
»Na, dann weißt du's ja jetzt«, gab Friedel etwas unsicher zurück, denn die Antwort hatte kühl und abweisend geklungen.
Elsbeth schickte ohne ein Wort zur Sache Melchior nach Iduna, an deren Arm sie nach einem leidenden Gruß die Herren verließ. Helmut kämpfte seinen Zorn nieder. Beinahe boshaft gesinnt, dachte er: Als hätte ich jahrelang nicht gesehen, wer du bist, wie erbärmlich, wie würdelos macht dich dein Schmerz.
»Die mußt du mir aber mal vorstellen«, sagte Friedel, als sie allein waren, durch Unbestimmtes angeregt, das in der Luft lag.
»Das kommt ja von selbst«, gab Helmut zurück, »heute abend wird es sich nicht mehr machen.«
Er ging kurz darauf, examinierte Martin und befahl sein Pferd, um Afra entgegenzureiten.
Afra erwachte in der kommenden Nacht in ihrem Zimmer in Wartalun. In unfaßbarem Entzücken einer ganz neuen Offenbarung richtete sie sich in ihrem Bett empor und lauschte in die helle, singende Nacht hinaus. Ihre Fenster waren weit geöffnet, und draußen schien der Mond. Sie wußte nicht, wie ihr geschah, denn die ganze Welt draußen im Licht klang wie ein einziger himmlischer Gesang vom Frieden. Es zog in einem beglückenden Reigen durch das Licht zum Himmel und nahm ihre Seele mit sich empor. Afra wagte nicht, sich zu rühren, sie glaubte, daß ein wunderreicher Traum sie gefangenhielte, und fürchtete zu erwachen; ihr war,als hörte ihr Herz zu schlagen auf, als stockte ihr Atem, als würde ihr ganzes Wesen zu einem hingebenden Lauschen an die singende Nacht. Das Mondlicht ruhte und klang; in seligen Silberströmen zog es unsichtbar empor in den Himmel der Sterne Gottes, und es sank aus dem kühlen Blau mit betäubend süßer Wohltat in ihr ergebenesHerz zurück. Nun verlor sich dieser Lobgesang der Erde in einem hochschwingenden silberhellen Aufstieg von verzücktem Jubel, hoch ins Unfaßbare emporwirbelnd, hell und so betörend lieblich, daß Afra glaubte, die dunkle Decke ihres Zimmers müßte zerbersten und ihren Augen den Aufblick in eine Heimat ewigen Lichts eröffnen. Aber als nun der magische Gesang für eine kurze Weile schwieg und dann eine Reihe dunkler, langer und schmerzbebender Töne folgte, wie im Rhythmus eines stolzen und wilden Schluchzens, hob das Mädchen ihre Hände empor, warf stürmisch ihr Angesicht hinein und weinte lautlos und am ganzen Körper bebend die Tränen ihrer ersten Hingabe. —
Eine tiefere Wirkung hat der arme Friedel Gentler in seinem kurzen Leben wohl niemals auf ein Menschenherz ausgeübt als in dieser Nacht, in der er an den offenen Fenstern seines Zimmers seine Geige spielte.
Afra hatte, als das Spiel verstummt war, nun wohl gewußt, um was es sich handeln mußte, auch dachte sie sich, daß es eine Geige war, der sie gelauscht hatte, aber sie hatte auf diesem Instrument vorher noch niemand spielen hören. Sie vergaß diese Eindrücke in ihrem Leben niemals, und die beinahe scheue Achtung, die sie zu Anfang ihrer Bekanntschaft Friedel Gentler entgegenbrachte und die ihm so verhängnisvoll werden sollte, war nur auf das Erlebnis dieser Nacht zurückzuführen. Denn die Persönlichkeit des jungen Mannes berührte Afra wenig, kaum daß sie andere Lebensregungen bei ihm suchte als sein in der Tat nicht unbedeutendesTalent für die Geige. Sehr viel anders war dagegen Afras Wirkung auf diesen gutherzigen und im Grunde haltlosen und vernachlässigten Menschen. Am Abend des Tages, an dem er Afra zum erstenmal gesehen und gesprochen hatte, nachdem er ihren betörenden Liebreiz und den unwiderstehlichen Frohsinn ihrer Kraft empfunden hatte, sagte er abends zu Helmut und sah ihn mit großen, starren Augen lange an:
»Jetzt weiß ich erst, daß ich verkommen bin.«
Aber so gering die Einwirkungen Friedel Gentlers immer gewesen sein mögen, er führte doch zwei mächtige Geister in die Mauern des alten Schlosses ein, zwei Geister, deren Gewalt durch die Jahrtausende Qual und Lust, Erniedrigung und Würde, Auferstehung und Verfall der Menschenkinder in ihr berauschendes Wesen verwoben haben: den Geist der Musik und den Geist des Weins.
Friedel begann bald Einblick in die Verhältnisse zu gewinnen, er erkannte, daß die Frauen einander mieden, er empfand das tiefe Zerwürfnis zwischen Helmut und Elsbeth. So nahm er sich in uneingestandenem Mitgefühl Frau Elsbeths auf etwas derbe, aber liebevolle Art an; ihre Beziehungen reichten weit zurück, und über arglose Neckereien hinweg hatte immer ein Verhältnis guter Kameradschaft zwischen ihnen bestanden. Im Grunde floh Friedel vor Afra. Es war sonst gewiß nicht seine Art, ein Gefühl zu unterdrücken, zumal ihm zurbeständigen Durchführung einer Absicht die Beherrschung fehlte, aber hier war zu allem Schwanken seines Gefühls zum erstenmal etwas wie Todesfurcht hinzugekommen. Menschen einseitig entwickelter Anlagen und unkluger Intelligenzen haben oft einen an Feigheit grenzenden, sehr sicheren Instinkt für alle Mächte, die ihren Untergang beschleunigen, und meiden sie gewöhnlich dann mit Beharrlichkeit, wenn sich ihre Hingabe anfänglich nicht mit Genüssen, sondern mit Demütigungen oder Opfern verbindet. Trotzdem war diese Entsagung rein äußerlicher Art, im Grunde hing Friedels ganzes Wesen schon nach wenigen Tagen mit schrankenloser Hingebung an Afra. So mochte es vielleicht auch etwas wie Trotz oder Herausforderung gegen sie sein, daß er sich zu Elsbeth hielt, die ihn in ihrer melancholischen Schwerfälligkeit eigentlich langweilte. So kam es denn von selbst, daß aus dieser Selbsttäuschung die grausame Angewohnheit wurde, daß er auf einsamen Spaziergängen zu Elsbeth über Afra sprach.
Sie hatten sich den Weg, der am Ende des Parks in den Wald überging und der nach der Försterei führte, als gemeinsamen Spaziergang erwählt. Der Förster sah ihre regelmäßigen Besuche gern, und seine alte Haushälterin servierte ihnen den Nachmittagskaffee unter den Buchen der Kuckucksburg auf dem moosbewachsenen Waldgrund. Die Jagdhunde kannten sie bald, besonders ein betagter Teckel, den viele ehrenvolle Narben schmückten, hatte sich an Friedels Kindergemüt gewöhnt und ließ es sich gefallen, daß er in seinen späten Tagennoch einen Gefährten seiner altmodischen Interessen bekam.
Friedel ließ es sich anfangs aufrichtig angelegen sein, Elsbeth zu zerstreuen, aber nachdem er einmal gemerkt hatte, daß sie im Grunde nicht fähig war, auf ihn einzugehen, erlahmte seine gute Absicht und wich mehr und mehr seinem Drang, bei ihr Trost und Verständnis zu finden. Er sprach oft und auf bislang nicht gekannte Art von seinem eigenen Leben, er erzählte ihr viel und malte seine Jugend hoffnungsreich und glanzvoll aus, wie es junge Männer oft tun, die ihre besten Aussichten früh verscherzt haben. Zögernd begann auch die junge Frau von sich zu sprechen, und je mehr sie glaubte Teilnahme zu finden, um so mehr ließ sie sich willenlos gehen, und so wurde Afra bald die heimliche Begleiterin der beiden Betrübten. Einmal war es spät geworden, da die junge Frau von Tag zu Tag mit größerer Mühe und immer schwerfälliger dahinschritt, als sie dicht am Park auf jener Bank rasteten, die einst Helmut und Afra bei ihrer ersten Begegnung beherbergt hatte.
»Friedel«, sagte sie da plötzlich mit veränderter Stimme, »könntest du eine Möglichkeit ersinnen, Afra von Wartalun zu entfernen?«
Friedel erschrak. Seine Gedanken waren bei Afra gewesen, die ihm am Morgen zu Pferd begegnet war. Er sagte:
»Darüber müßte ich nachdenken.«
»Helmut ist so eigensinnig. Ich weiß ja, Friedel, im Grunde liebt er sie nicht. Wie ich es bei ihm kenne, daßer sich voreilig in eine Idee verrennt, aus deren Irrtum er stets zurückgekehrt ist.«
»Hat er denn sonst mit Frauen jemals etwas erlebt?«
»Mit Frauen eigentlich nicht, aber mit so mancherlei anderen Dingen ist es ihm so ergangen.«
»Eine Frau ist kein Ding«, meinte Friedel weise, »da liegt es hier wohl doch anders. Von Afra habe ich den Eindruck, daß sie nicht über sich verfügen läßt.«
»Welche Rechte hat sie denn?«
»Ja, das ist so eine Sache. Helmut sprach mit mir über diese Frage des Rechts. Er hat eine sehr verwickelte und eigentümlich unpraktische Idee davon, aber wie es bei ihm oft ist, er hat im Grunde recht. Sieh mal, Elsbeth, mir fällt ja eigentlich wenig Gescheites ein, und das ist mein Verhängnis dabei, daß ich trotzdem für die Wahrheit einen verflucht entwickelten Sinn habe. Wenn ich mich belügen könnte, wie ich andere belüge, wäre ich voraussichtlich ein sehr glücklicher Mensch. Helmut ist ein Mann von großer Gerechtigkeit.«
»Das ist nicht wahr ...«
»Doch.Hör mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gerät mit den praktischen Lebensnotwendigkeiten oft in Konflikt. Die höhere Gerechtigkeit ist sozusagen mit äußeren Daseinsinteressen kaum zu vereinen. Er meint, daß Natur und Anlage den Menschen ihre Rechte vorschreiben und nicht das Gesetz. Er hält es für ungerecht, jemand durch eine zufällige Verfügungsmöglichkeit Befugnisse zu entziehen, die ihm von Natur zustehen. Er meint, es mache sich über kurz oder lang bestraft, undden großen, notwendigen Gesetzen, nach denen alles Lebendige herrscht oder unterliegt, entginge man doch nur vorübergehend und mit schlechtem Gewissen. Er hat diese Weisheit aus Briefen oder Papieren des alten Grafen, wenigstens scheint mir, als habe er sie sich nach dessen letzten Verfügungen zur Pflicht gemacht.«
»Immer Graf Konstantin«, sagte Elsbeth und wehrte mit der Hand etwas ab, das auf sie einzudringen schien. »Sein Vermächtnis ist verhängnisvoll. Er zerstört uns alle aus seinem Grab heraus.«
Friedel sah ganz erschrocken auf:
»Aber Elsbeth! Siehst du am hellen Tage Gespenster?« Es hatte mehr im Ton ihrer Stimme gelegen als in ihren Worten, was ihn so erschreckte. Nun sah er in ihr bleiches Gesicht, aus dem die umschatteten Augen leblos ins Weite starrten. Er nahm rasch das Gespräch wieder auf:
»Das ist es jedenfalls bei Helmut: es geht ihm gegen das Gewissen, Afra etwas vorzuenthalten, was er glaubt ihr zugestehen zu müssen.«
»Weil er in sie verliebt ist.«
»Mag sein. Aber dagegen läßt sich einwenden, daß vielleicht in der Welt nur das wahrhaft gerecht ist, was im Geist der Liebe geschieht oder unterbleibt.«
»Und mein Kind ... sein Sohn — ach, Friedel, wie kannst du solcherlei Irrtümer gutheißen?«
»Er würde dir jedenfalls antworten, daß der Junge selbst für sich zu sorgen hätte und einst sein eigenes Teil und Recht finden würde.«
»Und das nennst du gerecht?«
»Ich weiß nicht. Es kann ja niemand einem andern helfen ...«
Das sah Frau Elsbeth wohl in diesem Augenblick auch schmerzvoll ein, denn sie antwortete traurig:
»Er versündigt sich an seinem Kind. Diese Gerechtigkeitsgefühle ins Blaue hinein sind Entschuldigungen. Die Gerechtigkeit eines Menschen bewährt sich doch wohl in den Grenzen der Pflichten, die sein Leben ihm auferlegt. Weist nicht die Natur ein Kind für lange Jahre auf den Vater an?«
Das ging Friedel zu weit. Er schob sein Herz in den Vordergrund, da seine Gedanken ihn im Stich ließen, und sagte etwas armselig, indem er den Kopf stützte:
»Ich verstehe dich ja ...«
Aber ihn versteh' ich auch, dachte er und empfand, daß das Leben wohl unzulänglich sein müsse und daß nichts vollkommen sein könnte, solange der Kampf um Genuß und Glück die Sinne betäubte.
»Übrigens«, warf er ein und nahm einen Einwand der jungen Frau wieder auf, »von Ehebruch kann nicht die Rede sein.«
»Das hoffst du selbst«, wurde ihm schroff zur Antwort.
Da schwieg er und empfand, daß sie einander künftig nichts mehr zu sagen hatten und daß sie schuldig geworden waren an dem, was sie einander als Vertrauen gezeigt hatten. Es mußte ein ähnliches Bewußtsein die Frau an seiner Seite bewegen, etwas wie eine Erkenntnis ihrer völligen Vereinsamung, denn Friedel sah nach einerkleinen Weile, daß Tränen auf ihre gefalteten Hände fielen. Es wallte heiß in ihm empor, ein aufglühendes Bedürfnis nach einer großen, freien Tat der Liebe erhob sein Herz, aber seltsam, aus diesen raschen Feuern tauchte Afras Bild empor, er sah ihr unschuldiges Angesicht unter den blonden Haaren, in denen der Glanz des Morgensonnenscheins leuchtete. Martin hielt ihr das Pferd, Helmut stand neben ihr und lächelte sein trauriges Lächeln voll Hingabe und vergrämten Stolzes; die grünen Büsche rührten sich im Wind ... Was hatte er denn tun wollen?
»Übrigens«, sagte er plötzlich rasch und wußte nicht, weshalb er gegen seinen Willen nun gerade dies sagen mußte, »du fragtest nach Afras Rechten, sie ist doch Besitzerin von Wendalen; Wendalen gehört doch ihr ...«
Da traf ihn ein Blick voller Schmach und Seelenqual, den er nie in seinem Leben hat vergessen können. Er begriff auch später nie, was ihn veranlaßt hatte, gerade in diesem Augenblick ein Geheimnis preiszugeben, das ihm anvertraut worden war. Immer, wenn er wieder daran denken mußte, war ihm zumute, als sei dies seine schlechteste Tat gewesen, und doch wußte er seit diesem Augenblick aus tiefster Seele, daß er Afra liebte.
Er erhob sich und reichte der jungen Frau seinen Arm. Am Rande des Wegs saß hinter einer schräg gestellten Strohwand ein alter Mann und klopfte Steine. Er sang zum eintönigen Takt seines Hammers einen melancholischenSingsang in den Sonnenschein der Welt hinein. Er zog die Kappe, als die beiden vorüberschritten, und sah ihnen nach.
Am späten Nachmittag suchte Graf Helmut in seinem Arbeitszimmer nach dem Brief des Toten. Er warf Schubfächer auf und zu, durchwühlte verstaubte Packen alter Schriftstücke und Dokumente, und in Gedanken verloren suchte er endlich in seinen Rocktaschen, ganz mechanisch und mit leblosen Blicken. Als er sich besann, empfand er zum ersten Male mit leisem Schreck die Unordnung, die seit einiger Zeit überall in seinen Sachen herrschte. Es handelte sich gewiß nur um Kleinigkeiten, aber er wußte, daß mancher Verfall mit geringfügigen Erscheinungen einsetzen konnte. Ihn packte plötzlich eine sinnlose Angst, und er begann hastig und beinahe verstört Ordnung zu schaffen. Er war von frühester Kindheit an gewohnt, im Haushalt seiner persönlichen Angelegenheiten eine an Pedanterie streifende Ordnung zu wahren, es herrschte bei ihm eine Geregeltheit, die sich bis auf den Inhalt seiner Taschen erstreckte. Aber je mehr er nun begann, all den kleinen Gerätschaften ihren Platz zu geben, je mehr er sich bemühte, die Geschäftspapiere, die Bankdokumente und die Briefschaften, die er einzusehen hatte, zweckmäßig und praktisch zu verteilen, um so mutloser wurde sein Herz, und er sah endlich ein, daß nur Verantwortlichkeit, eine aufrichtige Beteiligtheit und zwingende Notwendigkeiten solche Arbeit erträglichmachen. Er kam sich in seiner sinnlosen Mühe wie ein Kind vor, das einen ernstlich beschäftigten Mann zu spielen versucht.
»Ich habe keine Freude daran, ich nütze niemand damit«, sagte er tonlos und ließ die Hände sinken. Seine Augen suchten draußen die Bäume des Parks, neben ihnen den Ausblick in das weite, geduldige Land, das in diesen Wochen den Menschen seine Früchte überließ. Am Brunnen hörte er die Mägde lachen und Melchiors väterliche Stimme mit ihrem ewigen dummen Ernst.
Er sprang auf und klingelte. Unten wurde es still am Brunnen, als die Glocke im hohen Flur schrillte, er hörte Melchiors geschäftigen Schritt. Gleich darauf stand der Alte neben ihm.
Afra sollte kommen. — Melchior berichtete, sie sei in Annerwehr, am Deich müßte gebaut werden, aber sie würde bereits seit einer Stunde zurückerwartet.
Er befahl, sie hinaufzubitten, sobald sie gekommen sei. Die Tür schloß sich aufrührerisch vorsichtig, und er war wieder allein.
Irgendwie erinnerte ihn der Vorfall an den Brief, den er suchte, und er begann von neuem die Papiere zu durchwühlen. Überall begegnete ihm der Tote. War nicht auch Melchiors Art, zu kommen und zu gehen, sich zu verneigen und die Tür zu schließen, noch von jenem Geist beseelt? Er konnte diesen Schatten nicht anders bannen, als indem er den Geist selbst heraufbeschwor. Die letzten Worte des Verstorbenen waren ihm ein gefährlicherTrost geworden, eine zerstörerische Bestätigung seiner tatlosen Ergebenheit.
Endlich fand er ihn. Er lag abseits von allem Durchsuchten unter dem bronzenen Leuchter, der eine gewundene Schlange darstellte, die sich zornig erhob und auf ihrem geneigten Hals eine zackige Krone trug, in die die Kerze eingelassen wurde. Er besann sich nun, daß er das Schreiben in der letzten Nacht dort geborgen hatte.
»Es hieße Sünde tun, eure alten Rechte, die in dieser Zeit nicht mehr gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure besten Güter wahren, denn die zeitlichen könnt ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch herabwürdigen, denn das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der Zeit nichts gemein, und ihr könnt ihre Waffen nicht führen.«
Er ließ den Brief sinken. Hatte er nicht bei seiner ersten Begegnung mit Afra ihr diese Worte und alle anderen als die vergrübelte Weisheit eines Sonderlings hingestellt? War es denn etwas anderes? Waren seine Gefühlsgewißheiten damals noch frei gewesen, ohne diesen düsteren Bann, in den Wartalun zu schlagen schien? Oder machte seine Liebe zu Afra ihn zu einem Narren, der aus diesen greisenhaften Bekenntnissen Entschuldigungen für seine Frevel an seinem Weibe und an seinem Kinde zog?
Er las aufs neue und kam an jene Stelle, die ihn Tag für Tag beschäftigte:
»So bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts, aber es sei denen gesagt, die es zu eigen haben sollen, daß es keinen ererbten Besitz in der Welt gibt,der vor Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in der Kraft des Lebendigen.«
Im Grunde war dieses Schreiben nichts anderes als ein geheimes Vermächtnis des Schlosses an Afra. Die Liebe des Grafen Konstantin zu Afra, die er auch in der Stunde seines letzten Abschieds noch verbarg, durchglühte diese Worte mit einem bösen, heimlichen Willen. Beinahe flammte ein zorniger Hohn hindurch und etwas wie ein Haß gegen die Linie seines Hauses, der Wartalun zufallen sollte. Überall zwischen den Zeilen brannten Verheißungen und dunkle Prophezeiungen und Afras Name — —
Er erschrak furchtbar, als plötzlich das junge Mädchen neben ihm stand. Sie lachte über seinen Schreck:
»Aber das habe ich nicht gewollt, wirklich nicht! Wie düster ist es hier. Erlaubst du, daß ich die Vorhänge zurückziehe? Du hast Angst vor dem Licht.«
Sie trat ans Fenster, und er sah sie im Abendlicht in ihrer ganzen blühenden Kraft vor sich stehen. Sie lehnte sich ans Fenstersims, streichelte die bronzene Schlange erwartungsvoll mit der tanzenden Spitze ihrer Reitpeitsche und schaute lächelnd auf ihn nieder. Ein sinnlos betörender Duft kam von ihr zu ihm, etwas wie das Heimweh des Sommers nach dem Frühling, die liebliche Fülle ihrer warmen Mädchenschaft atmete gebieterisch in einer unschuldigen Sorglosigkeit den süßen Hauch lebendigen Daseins, als spräche Gottes Freude am Erschaffenen ihr unsterbliches Wort des Wohlgefallens an der erstandenen Erde.
Haltlos tastete Helmut auf dem Schreibtisch umher, ergriff zitternd einen beschriebenen Bogen, der die Siegel des Amts von Cismaren trug, und in einer leidenschaftlichen Gebärde der Hingabe, die etwas von dem Krampf eines berauschten Gehorsams gegen die heiße Wirkung des Mädchens hatte, schlug er ihr das Papier entgegen, daß es hörbar in der Luft flatterte.
Sie nahm es bestürzt mit großen, wachsamen Augen, die ihn beinahe warnend musterten, und ohne zu sprechen.
»Lies«, rief er bebend.
Sie sah ihn immer noch an, änderte plötzlich ihre Haltung, so daß sie weniger leichtfertig war, zog ihren Fuß zurück und glättete mit einer unbewußten Bewegung der Hand ihr Kleid über dem Knie. Dann lehnte sie sich etwas ins Licht zurück und begann langsam zu lesen.
Helmuts Herz pochte schmerzhaft. Er empfand, daß diese Art der Darbietung wie ein Raubanfall an eine Gegenleistung scheinen mußte. Er schämte sich tief, aber irgendein leidender Zorn hinderte ihn an jeder gütigen Gelassenheit. Man stirbt nicht liebenswürdig, dachte er. Glaubst du, ich schenkte dir irdische Güter, meinst du, die Äcker bekümmern mich, oder die Herden?! Was mich bekümmert, ist der Tod ...
»Hallo!« Afra war aufgesprungen und stand kerzengerade vor ihm. Ihre Augen leuchteten wildherzig und froh:
»Also Wendalen ist jetzt mein Eigentum?!«
»Ja«, sagte er schwankend und ohne Fassung, »esbedarf allerdings ... noch einer Formalität ... Du mußt mit mir nach Cismaren ...«
»Das macht ja nichts. Also ... vielen Dank!«
»Bitte«, sagte er.
Es ist wahr, dachte er und sah bleich vor sich nieder, das Sterben ist keine Heldentat, niemand erkennt es an. Und dann würgte ihn etwas an der Kehle, die eiskalten Hände eines widerwärtigen Gespenstes, das mit dem Erdrosseln beharrlich eine herzlose Pflicht ausführte: Ich bin allein! Oh, wenn er hätte sprechen können, von sich, wie es um ihn stand, wie sein Herz beschaffen war und wo sein tiefstes Leid brannte.
»Wenn ich es nehme, so tue ich es, weil ich dich liebhabe und weil ich nun frei vor dir dastehe und du nicht mehr darunter leidest, daß ich nicht auch äußerlich deinesgleichen bin.«
Nicht einen Augenblick hoffte er, sie möchte die Liebe meinen, die er ersehnte, aber doch erlösten ihn ihre Worte, sie machten ihm das Schwerste leichter, da sie ihm seine Bitterkeit nahmen. Er wollte etwas sagen, aber er konnte nicht sprechen. Sie ließ ihn ruhig gewähren, wie man einem Kranken Zeit läßt, bis er endlich sagen konnte:
»Mein Leben ist in deine Hand gegeben, Afra.«
Darauf antwortete Afra ihm nicht, so daß es ihm klar wurde, daß er in seinem Wort wohl zu weit gegangen sein mußte, denn er konnte sich nicht denken, daß eine Schuld bei Afra lag. Sie senkte den Blick nicht, es schien ihr wohl Mühe zu kosten, aber sie gab nicht einen Scheinvon Beschämung zu. Die unerbittliche Sicherheit, mit der sie den Platz einnahm, den er ihr einräumen mußte, tröstete ihn und gab ihm Halt. Erst viel später wußte er, daß er zusammengebrochen wäre, wenn Afra auch nur im kleinsten eingestanden hätte, daß er mehr als seine Pflicht getan hatte.
Aber er hatte sich niemals so allein gefühlt wie nun, da Afra die Tür hinter sich schloß. Ein grenzenloses Heimweh überfiel ihn jählings, als müßte er sich aufmachen und davoneilen, um die einfache und arme Lebensweise aufs neue zu beginnen, die er verlassen hatte. Er dachte an Elsbeth und an sein Kind, alles drängte ihn zu einer Rückkehr, ihm war, als läge alle Heimat, die es für ihn noch geben könnte, in einer Umkehr.
Da hörte er Afras Lachen im Hof, und sein Herz verwandelte sich. Er sah sie unten mit Friedel stehen, der sich kokett beim Reden drehte; und Afras Gesicht, voll komischer Weisheit und neckisch überlegen, spiegelte seine Scherze wider.
Da warf er sich in den Sessel, atmete mühsam und sagte sich:
Schließlich ist es kaum der vierte Teil meines Vermögens, den ich verschenkt habe.
Es folgte eine Nacht, die neuartig für Wartalun begann und die böse endigte. Friedel hatte vorher mit Helmut im Schlosse umhergestöbert, und sie warenauf ihrer Irrfahrt auch in die Kellerräume gedrungen, die Melchior mißtrauisch bewachte und widerwillig erschloß. Durch die dicken Mauern fielen spärliche Streifen von Licht aus niedrigen vergitterten Fensterchen in die steinernen Tiefen. Hier entdeckte Friedel zu seinem jubelnden Entzücken ganze Wände voller Weinflaschen, die sorgfältig gereiht, ganz eingehüllt in Staub, nur hier und da im Licht der Laterne aufblinkten. Melchior stand wie eine beleidigte Bildsäule und leuchtete, während Friedel sich wie unsinnig gebärdete, sich ausgelassen auf die Schenkel schlug und eine dithyrambische Ansprache an die Überfülle verkapselter Daseinsfreude hielt, die hier schlummerte.
Helmut zog gleichmütig eine Flasche hervor:
»Das hab' ich ja gar nicht gewußt.«
»Barbar!« schrie Friedel. »Was machst du denn mit der Flasche? Du bist von Grund aus ohne Religiosität. Bildest du dir ein, so was ließe sich ungestraft auf den Kopf stellen?«
Helmut gab die Flasche gutmütig an Friedel zurück, der sie behutsam in ihre alte Lage bettete.
»Gibt es nicht was zu feiern?« fragte er.
Da sagte Helmut rasch, in leidendem Leichtsinn:
»Heute ist die Übergabe Wendalens an Afra erfolgt.«
Da fiel die Laterne aus Melchiors Hand klirrend auf den Boden und erlosch. Langsam schlich sich das Tageslicht spärlich durch den langen Felsgang herab. Alle schwiegen. Der Alte suchte mit bebenden Händen unter den Scherben nach dem Kerzenstümpfchen.
»Verbrenn dir die Finger nicht«, sagte Helmut in einem Tonfall, der seinen Worten eine Bedeutung, über die Augenblickssorge hinaus, verlieh.
Er atmete auf, als sie nach einer kleinen Weile im Abendsonnenschein auf der Terrasse standen. Friedel griff den Gedanken einer nächtlichen Feier mit Begeisterung auf, und Helmut ließ sich bereitwillig mitreißen. Es war ihm ein beglückender Gedanke, für Stunden einmal wieder Vergessen zu finden und den verschollenen Klang seiner ersten Jugend heraufzubeschwören. Daß er nicht eher darauf gekommen war!
»Melchiors Verschwiegenheit ist schon beinahe Diebstahl«, meinte er.
Friedel lachte.
»Wenn man den Kerl sieht, hat man das Gefühl, als wandele das böse Gewissen als Gespenst über die Erdkruste. Halb Beichtvater, halb Erbtante, schlumpt er umher und ist auf Moral aus. Dabei strömt er einen Modergeruch aus, daß alles verschimmelt, was er anglotzt. Läßt sich sowas nicht pensionieren?« Friedel geriet in heiligen Eifer, gleich darauf verlangte er von Melchior eine Weinkarte.
Der Alte wandte sich an Helmut:
»Es ist ein Verzeichnis da, Herr Graf.«
Diese Aufstellung entzückte Friedel bis zu Tränen.
»Weißt du, Helmut, dein Graf Konstantin, dein Onkel, oder war es nicht dein Onkel, jedenfalls war er ein Heros auf dem Schlachtfeld edelster Genüsse.«
»Fängst du auch an ...« sagte Helmut unbeherrscht.
»Womit? Wieso?... Darf ich für heute abend auswählen?«
»Ja, wähle. Wir trinken im großen Saal. Ich werde Afra unterrichten.«
Er schlenderte fort über den Hof auf die Wirtschaftsgebäude zu, und Friedel schloß Freundschaft mit Melchior, den er für seine festlichen Vorbereitungen brauchte.
Als das letzte Sonnengold auf den Turmspitzen des Schlosses erloschen war, hoch, wo der goldene Hahn sich gegen den Wind wandte und das alte Wappenkreuz funkelte, als der braune Mond schwermütig über die schwarzen Moorgräben sah, die unter Schleiern lagen, ertönte ein lang verschollener Silberklang aus den hohen, weit geöffneten Saalfenstern in den stillen Hof nieder: das Klingen der alten Weingläser von Wartalun. In ihren goldenen Kelchen blinkten die Wahrzeichen des Geschlechts in funkelnden Farben und reinem Gold. — O Afra, dein Mädchenlachen! Der Wein, dessen Duft aus diesen Kelchen blüht, überströmte das alternde Herz und die junge Seele deines ritterlichen Herrn, der begraben liegt. Im Geist dieses Weins lohte der schwermütige Liebeszorn des Beschlossenen über das blühende Frühlingsland deines jungen Leibes, der in der Kraft seines starken Geistes aufwuchs. Was sinnst du nieder in das schaukelnde Gold deines Glases? — Er gibt dich nicht frei.
Friedel, Lump! Auf! Hol deine Geige. Schaff denGeistern der Versunkenen ein himmlisches Reich, in das sie fliehen können, und den Geistern der Lebendigen eine Zuflucht für ihre Träume und ihre Trauer. Hinauf mit dir, Lump, auf den flüchtigen Thron deiner einzigen Herrschaft. Unser Begehr ist, die Menschenfinsternis unserer armen Tage zu vergessen, dein Spiel nimmt unseren Herzen den Alltag hinweg, dein Spiel macht die Welt zeitlos. Schau Afra an, wenn deine Hände zittern. Spiel, daß die bronzene Krone ihres Haupthaars wie Abendschein über ihre Schultern rinnt und die Blumen von ihren Schläfen im Wein sterben, der längst vor ihnen geblüht hat. Spiel weiter, der Wein wird dir Mut geben, hochzeitlichen Mut der unsterblichen Sehnsucht deiner vergeudeten Jugend, daß Afra dein wird, solange die beseligte Himmelfahrt deiner Töne dir ewige Reiche eröffnet. Und dann stirb! Du mußt dahin! Die qualvolle Allgewalt der dunklen Lebensmächte, denen auch du gehorchen wirst, zwingt dein Haupt in ihren umnachteten Schoß. Es ist im ewigen Buch verzeichnet: Dir wird auch das genommen, was du hast. —
Seht ihr nicht, wie die Angesichter der Verblichenen, die von den Wänden niederschauen, ihr Leben zurückgewinnen, wenn die Wohltaten der Geige erglühen? Laßt euch von ihren Klängen in das Reich der Dahingeschiedenen emportragen. Sie steigen zu einem seligen Reigen in eure Erdengemeinschaft nieder und erleuchten mit ihrer im Tode erkauften Unschuld den dämmerigen Saal. Der Falke hebt sich von der weißen Hand der lächelnden Reiterin im schimmernden Wandteppich, undmit hellem singendem Schrei schwingt er sich in die dunkle Wälder zurück, die draußen im Mond schlafen ...
Der arme Friedel ließ bleich und zitternd seine Geige sinken. Er stürzte seinen Wein hinab, als suchte er nach einem neuen Weg, um seinem Herzen die Feierstunde zu bewahren. Afra sah mit heißen, leuchtenden Augen auf ihn hin, und die Stirn des jungen Grafen Helmut ruhte auf der Kante des schweren Eichtisches.
Da riß ein kurzes Aufschluchzen die Befangenen aus ihrem Bann, und ein helles Lachen Friedels erlöste sie. In der Saalecke rang Martin fassungslos mit seinem Herzen, seinem Wein und seiner Müdigkeit. Afra rief ihn herbei, sie verwies Friedel sein Lachen und reichte Martin die volle Flasche. Melchior war zur Ruhe gegangen und träumte davon, die Mauern des Schlosses stürzten mit donnerndem Krachen nieder und begrüben die Frevler am Gut des Toten.
»Ist noch Wein oben?« fragte Afra.
Martin nickte schwermütig.
»Geh zu Bett, Junge, geh ... Ich werde schon für das übrige sorgen.«
»Martin hat's gut bei Ihnen«, sagte Friedel.
»Sie können ja auch zu Bett gehen, wenn Sie wollen.«
»Nein«, sagte Friedel, »ich bleibe inständig lebendig, solange Sie diesen Saal erhellen, Fräulein Afra.«
Hell war er nun freilich nicht, der große, hohe Saal, denn die Kerzen, die zwischen Rosen auf dem langen Tisch brannten, erhellten die fernen Ecken nur ungewiß, und der heraufsteigende Mond an den Fenstern gewannlangsam an Kraft und machte den Lichtern die Herrschaft streitig. In diesem magischen Dämmerschein, unter der hohen, dunklen Decke, nahmen sich die Gestalten der Menschen seltsam klein aus, wie Verirrte, die sich um die Kerzen zusammengedrängt hatten. Aber niemand schien daran zu denken, diese ungewohnte Nacht zu beenden. Die Allmacht des Weins fand bei Helmut und Friedel haltlose Gemüter, und Afras Sinne glühten hochgemut und in freudigem Triumph ihrer neuen Würde und ihrer jungen Herrschaft. Sie sprach wenig, und die Wirkung des Weins war nicht bei ihr zu spüren, sie wahrte sich eine freie Gelassenheit, und die wildherzigen Träume ihrer erhobenen Seele stürmten weit über die Wünsche der beiden Friedlosen fort, die um ihretwillen versanken. Aber allmählich wurde der Geist des Weins in ihrem Blut mächtiger, aber mit ihm auch ihr Verlangen nach fernen Zielen und großem Tun, denn das Erreichbare erschien ihr gering. Wie sollten diese hier ihr Gewähr leisten, daß ihr Bestes gewürdigt wurde? Plötzlich stand sie auf, schüttelte langsam mit einer aufwiegelnden Beharrlichkeit tiefinnerster Hingabe ihr kindliches Haupt, bis die goldenen Haare niederbrachen, ergriff die Blumen, die den Tisch schmückten, mit einer trotzigen Hast zu einem verwegenen Strauß in ihrer Hand, hob mit der anderen ihr Glas und rief:
»Es lebe Graf Konstantin!«
»Er sei verflucht!« heulte Helmut auf und zerwarf sein Glas, daß es an der Steinwand mit einem hellen Knall zerstäubte und kaum ein Klirren am Boden folgte.
Friedel sprang auf, daß sein Sessel tanzte, und starrte die beiden an, als sähe er Gespenster. In der Stille, die entstand, erhob sich von außen her etwas Unfaßbares, etwas, das niemand verstand und das doch alle nahen fühlten. Jetzt wußten sie es, es mußte draußen eine letzte Tür aufgestoßen worden sein, es war ein helles, wildes Geschrei um Hilfe. Nun war die Saaltür erreicht, nun knallte sie auf, und Iduna stürzte herein, die Hände hoch erhoben, die Haare wild um den Kopf, im flatternden Kleid:
»Helft! Zu Hilfe! Die Gnädige stirbt ... Das Kind ... sie dreht sich am Boden!«
Afra sprang auf. Mit einer einzigen Geste schien sie die Herrschaft über die Nacht an sich zu reißen:
»Laß dein Geschrei!« Sie war mit wenigen Schritten bei dem Mädchen, und obgleich sie es hart anfuhr, richtete sie die Zitternde freundlich auf, die vor Erregung und Angst in die Knie gebrochen war. Dann ergriff sie Helmuts Arm:
»Wo willst du hin? Du kannst dort nicht helfen. Komm hinab, hilf mir!«
Die Ernüchterung aller war wie mit einem Schlag eingetreten. Iduna wurde zurückgeschickt, und sie ging gehorsam, die entsetzten Blicke bis zuletzt in Afras Gesicht, deren Wille sie gehorsamer machte als jemals ein anderer. Unten im Hof war es in wenig Minuten lebendig. Afras beherrschte, beinahe frohe Hast ergriff das erwachte Haus. Martin mag im Leben kein Aufstehen schwerer geworden sein als dies, aber der Eiferseiner Herrin belebte ihn, daß er Wein und Müdigkeit vergaß.
»Rasch! Du mußt nach Wartaheim! In einer halben Stunde bist du da, hast du verstanden! Nimm >Husar< und >Prinz< und schlag drauf, was dein Arm aushält. In einer halben Stunde, verstehst du?! Nicht eine Minute weniger brauchst du!«
Sie sattelte Joni selbst. Zwei Knechte halfen ihr. Das edle Tier wurde von der Unruhe ergriffen und war schwer zu halten.
Martin zog den leichten gelben Landwagen aus der Remise. Dann überließ er alles den anderen und half Afra. Der Mond leuchtete.
»Willst du reiten? Wohin willst du reiten?«
»Zum Arzt, die Frau Gräfin ... bekommt ihr Kind. Zieh an! Fester.«
»Nein«, sagte Martin, »so fest darfst du den Gurt nicht ziehen.«
Afra trat zurück und ließ den Burschen machen.
»Wir warten auf dem Kirchplatz!« sagte sie. »Der Arzt und die Amme müssen in unseren Wagen. Fahr wie der Teufel. Ich verlaß mich auf dich. Marsch, sorg für den Wagen! Ich sorge in Wartaheim dafür, daß alles zur Stelle ist.«
Joni stieg empört. Afra gewann den Sattel mit Mühe, und Martin mußte ihr noch einmal zu Hilfe eilen.
»Ich danke dir, Afra ...« Helmut versuchte ihre Hand zu ergreifen, es gelang ihm nicht. Er sah nur Afra, er dachte nur an sie. »Hüte dich ... reit nicht zu wild ...«
Es antwortete ihm ein heller Ruf. War's ein Zuruf an das Pferd, ein Abschiedswort ... er wußte es nicht. Er sah nur Joni anspringen mit einem langen Satz, so daß die Reiterin weit nach hinten flog, aber sie gewann wieder Sitz, und der hohe Rachen des Tors verschlang diesen hellen Triumph von Hast und Willen.
Taumelnd stürzte Helmut, von Friedel gefolgt, vor das Tor. Ein klirrender Sturmwind riß draußen in einem schaukelnden Flug Pferd und Reiterin auf dem hellen Band der Straße in die mondflimmernde Nacht hinaus. Auch Martin vergaß in diesem Augenblick alles andere, er stand im Tor und starrte Afra nach, vorgebeugt, beide Hände an den Schläfen:
»Jetzt«, keuchte er, »jetzt ... jetzt ...«
»Was denn?« stieß Helmut wie im Fieber hervor.
Aber da schien es geschehen: Martin stürzte mit einem wütenden Aufschrei vor, der zugleich etwas von einem todesbangenden Jauchzen der Begeisterung hatte. Draußen klang die Nacht nicht mehr. Die Straße war leer.
»Teufel, o Teufel!« schrie Martin und bearbeitete die Luft mit den Fäusten. »Sie reitet durchs Moor!«
Gleich darauf rollte der Landwagen mit Martin in schnellster Fahrt die Landstraße dahin auf Wartaheim zu. Martin schonte die Pferde nicht, aber obgleich ihn fieberte, bändigte er seinen Mutwillen. Afras Tollkühnheit hatte ihn eigen ernüchtert; wie schon stets als Kinder es gewesen war, der ihr wildes Herz in seine bedächtige Bauernweisheit einfing. Hier war ihm die Gespielin seiner Jugend wohl auf Leben und Tod entgangen, aber es sollte nicht an ihm liegen, dies drohende Unheil nicht nach Kräften zu beschwichtigen. Vielleicht brauchte Afra Wagen und Pferde noch diese Nacht für sich selbst. —
Der Lump torkelte durch den Schloßhof, der halb im Mondschein lag.
»Das ist es, das ist es ...« stotterte er, »das Lebendige, das Leben! Gleichgültig für was. O Helmut, Bruder im Verfall, deine gräfliche Scheune beherbergt das wildeste Herz der Welt. Ich bin es, der dort draußen reitet, verstehst du? In allem, was sie tut, bin ich! So wie Gott mich vorhatte, wie meine Mutter mich erhoffte, solange sie noch nicht der peinliche Vorfall einer näheren Bekanntschaft mit mir überrumpelte ...« Er besann sich: »Helmut, armer Junge, ich weiß ja: da oben! Aber wenn ich in der Welt zu nichts mehr nütze bin, so laß dir doch mein Verständnis ein Trost sein. Wer Afra nicht ... nun, du weißt ... es wäre die Sünde gegen den Heiligen Geist ... Ach, Bruder ...«
Helmut raffte sich auf:
»Du bist betrunken. Komm zu dir. Es wird das beste sein, du gehst zu Bett.«
»Ja«, sagte der Lump traurig, »schlafen ... Aber höre, du mußt mir eine deiner blanken Jungfern mit unter die Laken geben, eine von denen, die ihre Jugend unten in den Katakomben deiner Baracke vertrauern. Sonst komme ich nicht über diese Nacht.«
»Nimm, was du willst«, sagte Helmut, »im Saal findest du noch Flaschen genug.« —
Die letzten Rosen an dem hohen Staket des Eingangs glühten im späten Mondlicht. Vom Garten her wehte es feucht, er lag dunkel im Schlaf in seiner sommerlichen Schwermut. Aus der Gesindestube klang eifriges Flüstern, überall war Licht im Schloß, die Pferde stampften unruhig in den Ställen, und zuweilen rasselte eine Kette. Friedel hatte sich auf den Weg gemacht, und Helmut schritt langsam durch das Portal, den matterhellten Flur hindurch und erstieg müde und fröstelnd die Treppe. Er sah durch das Fenster zum Flügel hinüber ... Dort oben! Ihn schauderte. Er hörte, gedämpft, wie aus der Erde herauf, lang hin hallende Schreie. Eine Stiege höher sah er Melchior am Treppenfenster stehen. Er schien ihn nicht zu hören. Als er näher kam, vernahm er die gebrechliche Stimme des Alten, und nun erkannte er auch, daß er mit heißgerungenen Händen, die gefaltet waren und sich beschwörend hoben und senkten, hinausstarrte in das nächtliche Land, nach Wartaheim hinüber. Und nun verstand er die dumpfen Worte:
»Herr Christ, hilf Afra. Hilf ihr! Behüte sie, behüte sie!« —
»Du wirst es bis an deine letzte Stunde gut haben in meinem Hause«, flüsterte Helmut, und sein Herz strömte über. Er schlich leise vorüber und preßte die Zähne auf die Lippe. —
Die Nacht und den langen kommenden Tag hindurch bis in den späten Abend lag Wartalun mit seinenMenschen im düsteren Bann einer qualvollen Erwartung. Schon am Nachmittag unterrichtete der Arzt den jungen Grafen, daß er sich auf das Leben seines Kindes keine Hoffnungen machen dürfe, es müßte alles geschehen, was in Menschenkräften stände, das Leben der Mutter zu erhalten. Er mußte noch einmal nach Wartaheim und befahl Martin, der ihn fuhr, die Pferde zu mißhandeln. Trotzdem kam er mit seinen letzten Mitteln zu spät, und am Abend atmete das Schloß in tiefer Trauer auf.
Helmut war durch Bangen, Hoffnung und Selbstmarter nicht mehr fähig, die Kunde voll zu erfassen, die ihn betraf. Der Arzt fand ihn in seinem Zimmer vor dem Schreibtisch, und auf die Nachricht hin sank das gequälte Haupt des jungen Vaters auf die Arme nieder, die auf dem Tisch lagen.
»Die Mutter lebt, Herr Graf.«
Ein Kopfschütteln ...
Erst als der Arzt sich nach vielen Bemühungen zurückziehen wollte, richtete sich Helmut auf und fragte:
»War es ...« Er stockte.
Der Arzt war wieder an seiner Seite.
»Wonach fragten Sie?«
»Ein Sohn?«
Der Arzt nickte und verließ stumm den Raum.
Der Abend bekränzte das herrliche Schloß mit himmlischen Rosen. Unten im Weinlaub des Gartenhauses spielte der Lump seine Geige in der kühlen Luft. Helmut schellte nach Afra. Sie trat kurz darauf mit ernstem Gesicht vor ihn hin.
Er versuchte zu sprechen. Dann überwältigte ihn sein Schmerz zum erstenmal, als er Afras Augen voll heißen Mitleids auf sich ruhen fühlte. Er umschlang sie hilflos wie ein Kind und ließ sein Haupt an ihre Brust sinken.
»Afra, liebe Afra, sei barmherzig. Oh, bedenke, daß ich nichts bin als ein Mensch, nichts mehr habe als das was du mit deinen Armen stützt.«
Afra trat von ihm zurück. Da schrie er:
»Erbarme dich meiner! Erbarme dich meiner!«
Das Mädchen wurde bleich bis in die Lippen, und mit der Gebärde einer sich neigenden Bildsäule, steif und hart und hilflos, gab sie ihm ihren Mund für seine Küsse.
»Bin ich durch meinen Schmerz meiner Heimat ein einziges Mal nahe? Wieviel muß ich leiden, um erlöst werden zu können? Afra, mein Kind ist tot. Mein Sohn ist tot. Mein Weib wird nicht leben, bevor du ihr nicht zurückgibst, was ich dir geben muß.«
»Was soll ich tun?« fragte Afra.
Er flammte auf, als habe ihre Frage das bohrende Feuer seiner Hoffnung zum Lodern entfacht, aber als er ihr Gesicht sah, sank er auf die Knie.
»Geh! Du kannst nicht ... Du darfst nicht. Herrliche, wer bin ich, daß ich hoffe, du möchtest mich lieben. Göttlich-Lebendige du, du ewige Jugend meines zertretenen Daseins, du Geliebte Gottes ...«
Afra trat scheu und mit großen Augen von ihm zurück. Ging durch ihr Herz der erste Glaube daran, daß die Liebeskraft dieses Mannes vielleicht doch hinüberführte in das Heimatland ihrer traumdunklen Weibessehnsucht,die noch unter den blühenden Härten ihres Mädchentums schlief? Ein verzehrend süßes Gefühl von überströmendem Mitleid brannte in ihrem Blut empor, aus ihm mochte die holde Frage stammen, die sie andächtig und wild hervorstieß:
»Was willst du? Ich weiß es nicht. So tu, was du mußt ... ich möchte gut sein ...«
Aber er schien plötzlich wie erloschen, mit einem Ausdruck von Schwäche und Verstörtheit stammelte er:
»Du hast nicht gehört, ob Elsbeth nach mir gefragt hat?«
Mühsam raffte er sich auf und stützte sich am Tisch. Und da geschah das Unerhörte. Afra schnellte steil empor, ihre Augen flackerten plötzlich wie verdunkelt und voll Haß, voll eines Hasses, der nicht ihn meinte, sondern eine Gewalt, die sie in ihm zu erfühlen geglaubt hatte und von der sie sich auf unverständliche Art um ihren Glauben betrogen sah. Wie hätte sie sonst wohl jemals die Herzenshärte aufbringen können, einen gebrochenen Menschen zu schlagen? Ihre Hand traf sein Gesicht, daß er taumelte, und sie sagte in einer beinahe dämonischen Sicherheit:
»Du Erbärmlicher.«
Unten im Weinlaub des Gartenhauses spielte der Lump immer noch die Geige, sich zum Vergessen, anderen zum Trost. Als Afra die Treppe niederschritt, rannen ihr über die Wangen große Tränen nieder, deren Ursache sie nicht verstand. Sie dachte nicht an die jungeFrau, die oben im Schloß die letzte Hoffnung ihres Lebens im Grund ihres matt pochenden Herzens begrub, und nicht an den Mann, der sie gedemütigt hatte. Was ihr Sinn ahnte, lag fern von allem, was ihr geschehen war, im hellblühenden Nebelland der Zukunft, dem sie entgegenschritt, im Großen, im Vollkommenen, am Herzen Gottes.