Elftes Kapitel

Die wilde Spätsommersonne fand durch die halb geöffneten Läden in das Leidenszimmer der jungen Frau, die ihre schwersten Lebensstunden ohne die Liebe eines Menschen durchlitten hatte. Als man den kleinen Leichnam forttragen wollte, warf sich die Mutter, alles vergessend, über das Lager des Kindes, klammerte sich mit ihren blutleeren Händen an der Wiege fest und wollte ihr Kind nicht davontragen lassen. Ihre niederbrechenden Haare bedeckten es, und sie preßte ihre elende Wange auf sein erloschenes Augenpaar. Niemand konnte sie mit dem Gedanken vertraut machen, daß der kleine Tote von dannen mußte, um in der Erde zu ruhen. Sie stieß mit ihrer geschwächten Stimme ein Geschrei aus, dem kein anderes Geschrei auf der Erde zu vergleichen ist, und ihre klammernden Hände konnten erst gelöst werden, als ihre Sinne in eine lindernde Ohnmacht versanken.

Sie erholte sich nur langsam, Woche um Woche,und gewann ihre Kräfte niemals wieder ganz zurück. Ihr Herz und ihre Augen wandten sich dem irdischen Treiben nicht wieder zu.

Die Beisetzung des Kindes geschah in großer Stille im Schloßpark in der Begräbnisstätte des Geschlechts, unter den braunschattigen Tannen, an der Seite des Grafen Konstantin. Das Kindlein lag weiß verhüllt und schlummerte in seiner dunklen, engen Wiege, die seine einzige irdische Lagerstätte bleiben und die es mit keinem anderen Lager vertauschen sollte. Der Pfarrer von Wartaheim sprach über dem kleinen Sarg, bevor er in die Nacht der geöffneten Erde versenkt wurde. Er breitete seine Hand segnend über das kleine Menschenwesen aus, das die Erdenfinsternis nur für ganz kurze Zeit berührt hatte, um sie für immer zu verlassen. Er betete darum, daß diese Reise ins Licht führen möchte und daß das Kind den Vater im Himmel finden möge.

Als Afra Blumen auf die Grabtafel legte, brachen Helmut die ersten Tränen um seinen Sohn aus den Augen. Afra sah es und reichte ihm ihre Hand. Als sie nebeneinander den Tannenweg zurückschritten, sagte sie:

»Ich möchte, du könntest die arge Stunde auf deinem Zimmer vergessen. Ich bemühe mich darum. Ich habe nichts Böses tun wollen.«

»Ach, Afra«, antwortete er, »meinst du, dieser Schlag, der mein Gesicht getroffen hat, wäre den Schlägen zu vergleichen, die ich durch mein Geschick erdulde? Ich weiß besser als du, warum du so gehandelthast. Wie sollte mich das Leben in seiner herrlichsten Vollendung anders treffen als in seinem täglichen Walten? Ihr, hoch oben, wißt nichts von uns, und ich glaube, ihr sollt es nicht wissen. Versuche mich zu verstehen, wenn ich heute weiß, daß das Mitleid, das ich von dir gefordert habe, eine Herabwürdigung deines Werts bedeutet hätte. Ich lerne langsam begreifen, daß unser Trost nicht in einer Verschmelzung der Schönheit und des Reichtums anderer mit unserer Dürftigkeit liegen kann, sondern nur darin, daß wir unterscheiden lernen und im Unerbittlichen Gottes Willen am deutlichsten fühlen. Aber wer kann es? Wenn ich die Kraft finde, soll mein Lebensdank darin beschlossen sein, dich so unvergleichlich herrlich und lieblich auf derselben Erde, in der gleichen Natur zu wissen, die auch mich zu Vollkommenem im Sinne hat.«

Afra sah bewegt vor sich hin. Sie antwortete ihm zögernd:

»Ich verstehe dich nicht ganz, aber ich kann fühlen, daß deine Worte von Herzen gemeint sind.«

Da verließ er sie und schritt rasch auf einem Seitenweg in den Wald hinein. —

Die letzten Wochen hatten Afras Wesen verändert. Mit der Fülle von Lebenseindrücken und Geschehnissen, die über sie hereingebrochen waren und vor deren wechselndem Übergewicht ihre starke Natur sie bewahrte, war eine seltsam frühe Reife ihres Wesensüberraschend schnell und sicher herbeigeführt worden. Eine bevorzugte Menschennatur unterscheidet sich dadurch von einer benachteiligten, daß sie in ihrer Jugend auch den stärksten Eindrücken nur vorübergehend erliegt und von allen Gaben der Umwelt nur die bewahrt und nur soviel von ihnen, als ihr zu ihrer gesunden Entwicklung notwendig ist. Ihre häufige Begleiterscheinung ist in früher Jugend eine an Bewußtlosigkeit grenzende Benommenheit der Sinne, die etwas vom herben Schlaf der Wälder und Wiesen an sonnigen Märztagen hat. Denn die Natur hütet ihre erwählten Kinder, damit ihre Kräfte nicht unnütz und voreilig verblühen, weil sie in ihnen um ihre höchste Offenbarung und um ihren letzten Triumph ringt.

Das junge Mädchen führte keine wesentlichen Veränderungen in der Verwaltung von Wartalun und Wendalen ein. In ihrem Tun und Verhalten verriet nichts ihre neue Stellung, sie besprach die wichtigsten Angelegenheiten nach wie vor mit Helmut, obgleich sie bald empfand, daß sein Interesse mehr und mehr erlosch. Einmal hatte er noch versucht, sich aufzuraffen, er hatte sich bemüht, seine Sinne für die köstliche Wahrheit zu schärfen, daß das weite Land umher in seiner Schönheit und Einträglichkeit sein ihm anvertrautes Eigentum war, das Wild in den Wäldern, die Fische in den Bächen und das Korn der Felder. Er betätigte sich hier und da wohl flüchtig ein wenig, aber er gewann keine Beziehung zu seinem neuen Besitz, die ihn beglückt hätte. Auch seine geistige Arbeit ruhte immer noch. InAfras belebtem Frohsinn und in ihrer unermüdlichen Schaffenskraft ruhte er beschauend und versinkend aus.

Am Tage der Grablegung seines Kindes war er am Abend gegen den eigenen und gegen Elsbeths Wunsch in ihr Zimmer eingedrungen. Der schwüle und beengende Hauch von Medikamenten und matt pochendem Dasein schlug ihm lau entgegen. Er erschrak furchtbar, als er sein Weib sah. Ihr Gesicht ruhte spitz und eingefallen in den großen Kissen, deren blendendes Weiß es grau und wächsern erscheinen ließ. Die beiden Arme lagen gerade an den Körper gebettet und die Hände schienen erstorben. Sie bewegte sich nicht, als er an ihr Bett trat, sie sah ihn nur an und lächelte. Und dieses Lächeln dankte ihm für das verflossene Glück ihres Lebens, das sie hatte geben und empfangen können, es erhob sich mit ihm ein schwacher Widerschein ihrer Kindheitshoffnungen und ihrer ersten frauenhaften Beglückungen, es lag ein kaum spürbares Bitten wie um Vergebung darin, als schämte sie sich ihres armen Zustandes und als wünschte sie ihre Schuld in seinen Augen ausgetilgt zu sehen. Aber von aller Bedrängnis ihrer letzten Wochen, von Zorn oder Anklage war kein Schatten mehr in ihren Augen. Der letzte, große Schmerz hatte alles hinweggeschwemmt wie ein glühender Lavastrom.

Helmut verwand dieses Lächeln nie. Ihm war, als habe er bisher von Schmerzen nur Sagen und Märchen vernommen. Es brachte ihm den ersten Geschmack auch seines Todes auf die Lippen, und dieser Geschmack, der bis tief in die Kammern seines Herzens drang und seinBlut bis in alle Poren durchsetzte, erschien ihm kalt und von schneidender Süßigkeit. Er sah für einen kurzen Augenblick hohe, beschneite Berggrade, ein unabsehbares Gefilde, und darüber hin sauste in unfaßbarer Freiheit ein leerer, singender Wind.

Dieser Zustand dauerte nur kurze Zeit, aber er ließ keinen Gedanken zu, er erstickte jedes Aufwallen von Mitleid und von Erbarmen, alle Vorsätze und jeden inneren Kampf. Er sah seinem Weibe mit einem Blick in die Augen, der eine grauenvolle Zuversicht enthielt, die beinahe wie ein Triumph aussah und eine unaussprechliche Ruhe enthielt.

»Ich komme auch ...« sagte er nur, und so leise, daß es wie ein Seufzer klang.

Aber das Leben ging unerbittlich fort. Ein strahlender Herbst zog über Moor und Stoppelfelder durch die Wälder dahin und durch den bunten Garten dem versunkenen Sommer nach. Das rote Meer der Heide glühte, die Weiden färbten sich an ihren sandigen Ufern, und das Moor lag schon am Nachmittag, wenn die Sonne noch schien, in grauen Schleiern. Die tiefe Klarheit des Überwundenen verschönte die sterbende Welt, alles schien in beruhigtes Leuchten versunken, großäugige Engel schritten unter den unsagbar klaren Sternen über die erfüllten Fluren. Es war am Morgen ein Duft in Hof und Garten, daß die Brust der Menschen sich in tiefer Beglückung weitete.

Das Korn war eingebracht, Afra hatte reich an Arbeit ausgefüllte Tage hinter sich, und Helmut sah sieoft nur für kurze Minuten am Abend. Er hatte anfangs versucht, sie zu begleiten, aber als er sah, daß sie seine Ermüdungen merkte und sich zwischen Rücksicht und Pflichtbewußtsein bewegte, ließ er sie allein.

Dafür nahm Afra sich Friedels zuweilen an und stellte ihn bei dieser oder jener Arbeit, die seinem beschaulichen Temperament nicht Einbuße tat, ein wenig an. Er fühlte sich ungeheuer wichtig, und der allgemeine, nicht zu dämpfende Frohsinn der Erntezeit, der überall die Landbevölkerung ergreift, teilte sich damals auch seinem Musikantenherzen mit. Soweit er sich nicht strikte an Afras Anordnungen hielt, störte er überall, eine Tatsache, die ihn in weitgehende Betrachtungen über seine vielseitige Verwendbarkeit stürzte und ihn mit Ermahnungen zu Helmut trieb:

»Ich habe es dir schon oft gesagt: du tust dich nicht genügend um. Ich an deiner Stelle ... Nun, es geschieht ja, was geschehen muß. Wir haben heute das ganze Heu der Annerwehrer Wiesen eingefahren. Kutschpferde, Reitpferde, alles hat geholfen.«

Helmut mußte lächeln.

»Du hast ja nichts getan, als dich zu guter Letzt auf dem höchsten Wagen mit heimfahren lassen. Und dabei bist du noch der Betty zunahegetreten; ich weiß schon alles.«

»Betty hin, Betty her! Übrigens, der ganze Mädelbestand ist hier in Martin vergafft. Die Hauptsache ist, daß man anwesend ist. Die Leute kommen ganz anders voran, wenn sie sich kontrolliert wissen.«

»In der Liebe?«

»Nein, in der Arbeit.«

»Das kommt vom guten Beispiel.«

»Spotte nur. Morgen geht es überdie Äpfelher. Von Wartaheim ist die halbe Dorfschule zum Pflücken bestellt. Der Lehrer kommt auch, frißt aber nur. — Übrigens, Helmut, das ist nun so eine Sache, Afra sprach heute früh mit dem Verwalter Nissen, die Leute erwarten ihr jährliches Fest, das ihnen Graf Konstantin um diese Zeit stets gegeben hat, und sie meinte, daß der Todesfall — — du verstehst schon.«

Helmut wandte sich gequält um.

»Das darf den Leuten ihren Lohn an Freude nicht entziehen. Ich werde mit Afra sprechen.«

Er dankte Friedel heimlich für diese Gelegenheit, die er ihm so verschaffte, Afra einmal wieder anders als nur für flüchtige Augenblicke bei sich zu sehen. Beglückt schritt er im Dämmerlicht seines Zimmers auf und ab. Schien nicht draußen die Sonne? Es überkam ihn ein Gefühl von Frohsinn, wie er es lange nicht mehr empfunden hatte, ihm war, als erinnere er sich plötzlich seines Daseins und seiner Jugend. Aber damit erwachte, wie unter einem Vergleich, auch wieder neu und qualvoll das Bewußtsein seiner Ausgeschlossenheit.

Und doch: Afra würde kommen. Mit dem hereinbrechenden Abend würde sie in gewohnter Weise auf jenem Sessel dort sitzen. Die Hände um die Knie gefaltet und den Blick ein klein wenig von unten her in seinen Augen. Er versuchte sich ihre Augen vorzustellen und sahzu dem Bild über dem Schreibtisch empor, das einmal ein flüchtiger Besucher hier nach kurzem Aufenthalt zurückgelassen hatte. Afra hatte ihm damals erzählt, auch jener habe sie geliebt. Ein junges, hochmütiges Fräulein sah ihn an, etwas starr und ohne wärmeres Lebenslicht, aber eigen eindringlich. Der Mund war wohlgetroffen, es schien, als habe der Künstler versucht, von diesem Mund aus das ganze Wesen des Angesichts zu verstehen. Es lag eine leidende Wildheit im Zug der freien Lippen, die oft so breit und sinnvoll ruhten, in ihrer kindlichen, wohlbestellten Daseinsfreude. Als habe der junge Maler in diese Lippen sein eigenes Herz verwirkt, das reicher und ärmer wieder in die Fremde zog. Die Schatten um die Schläfen, unter dem rotblonden Haar, waren von einer aufwiegelnden Süßigkeit leiblicher Wärme und atmenden Bluts, aber die letzte Vollendung des Ganzen fehlte. Es schien, als hätte plötzlich die Kraft versagt, die so gut begonnen hatte, als wäre mit der menschlichen Hoffnung auch das künstlerische Vermögen dahingesunken.

Erst nach dem Nachtmahl, als schon die Dämmerung Haus und Garten einhüllte, hörte Helmut im Hof Afras Schritte. Das war ja auch Martins Pfeifen, so mußte sie gekommen sein. Er entzündete die Kerzen auf seinem Tisch und sah, wie seine Hände zitterten. Vom dunklen Tuch, aus dem Durcheinander, das ringsumher herrschte, erhoben sich still und feierlich die mattfunkelnden Schlangenleiber der bronzenen Leuchter im rötlichen Licht.

Afra kam in ihrem hellen Sommerkleid, Ähren am Strohhut, und legte ihm ein paar späte Kornblumenauf seinen Tisch. Sie lehnte sich im breiten Sessel zurück, ganz wie er es im Geist gesehen, schlug ein Knie über das andere und nahm den Hut von den Haaren. Es fiel ihm auf, daß ihr Gesicht leicht gebräunt war, das ließ ihr Haar heller erscheinen und gab ihren Zügen einen Ausdruck von Kraft, der in einem betörenden Widerspruch zu der kindhaften Lässigkeit ihrer Haltung stand.

»Ach, ich bin müde«, rief sie, und hob die Hände hinter den Kopf. »Ich bin den ganzen Tag nicht zur Ruhe gekommen, auf dem Pferd hab' ich zu Mittag gespeist, und ich war schon auf, als es hell wurde.«

Ein heimlicher Hauch von der Müdigkeit des Tages, vom Korn der Felder und von durchsonnter Luft kam von ihr zu ihm und schlug seine Sinne in den Lebensbann eines friedlosen Heimwehs. Draußen wurde es Nacht. Afras Stimme erschien ihm dunkel von holden Verheißungen, ihre Müdigkeit, die einen herben Duft von Hingabe zu atmen schien, benahm ihm den Willen. Er schloß die Augen im Ringen nach Kraft, die sein drängendes Herzblut bewachen sollte.

Dabei sprachen sie miteinander über die Maßnahmen, die zur Veranstaltung des Festes getroffen werden sollten. Er hatte ihr längst zugestanden, daß er ihr alles überlassen würde und daß es auf alte Art vor sich gehen sollte, aber immer wieder griff er Einzelheiten heraus, machte Vorschläge und fragte, nur um sie bei sich festzuhalten.

Dann war von der Entenjagd die Rede. Sie wollten am Sonntag in der Frühe die Annergräben mit dem Kahn abfahren. Der Landrat hätte für gewöhnlich daran teilgenommen; ob es ihm recht sei, wenn er auch diesmal käme?

Helmut sagte eifrig zu. Während er sprach, schloß er die Augen. Er sah die herbstliche Morgensonne im Schilf und die stillen Spiegel der Moortümpel. Der Wald lag eingehüllt im blauen Atem der versinkenden Nacht. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen:

»Afra«, sagte er leise, »Geliebteste. Wie soll mein Herz schweigen? Ich fühle keine Freude mehr ohne deine Nähe. Ich kann mein Dasein nicht mehr ertragen. Warum läßt Gott zu, daß ich so restlos in dir aufgehe, daß ich keinen Atemzug mehr tun kann, der nicht seine Kraft aus meiner Hoffnung schöpft, deine Augen möchten lernen, auf mich zu sehen, und dein Herz möchte mich hören. Ich tue den Willen Gottes in einem Gehorsam, der keine andere Demut und keinen anderen Willen mehr kennt. Ich habe mein Herz mit aller Gewalt schweigen geheißen, ich weiß deine Antwort, aber begreife, daß niemand sich ohne Seufzen in die Finsternis des Todes abkehrt ...«

Er wandte sich ihr zu und hob seine Hände.

Ihr Haupt war auf die Lehne des Sessels gesunken, ein wenig zur Seite geneigt, ruhte es schwer auf der dunklen Rundung.

Sie schlief.

Die Vorbereitungen zum Herbstfest hatte Afra nach mühsamen Anweisungen teilweise in Friedels Hände gelegt, und zum erstenmal bewährte er sich über Erwarten. Er ging so weit, den Wartaheimer Dorfmusikanten in umständlichen Reden, von denen sie kein Wort verstanden, die Grundgesetze einer höheren Musik klarzulegen, und blieb dies Opfer seiner Geisteswelt auch unbedankt, so gelang es ihm doch, wenn seine Geige ihre Tanzweisen anführte, ein ganz neues Leben und einen frohen Schwung in ihre Spielart zu bringen. Helmut traf ihn, als er mit einer verrosteten Kneifzange im unteren Saal Versuche machte, den alten Flügel zu stimmen, der dort seinen betagten Charakter noch zuweilen bei dererlei Festlichkeiten preisgeben mußte.

»Dieser Apparat ist eine Katastrophe«, sagte Friedel. »Er stammt aus einem Zeitalter, in dem die Musik noch in den primitivsten Uranfängen gewesen sein muß. Hör dies! Ist das ein Ton?«

Helmut mußte es verneinen.

»Gib acht, was ich aus diesem Instrument machen werde. Afra bewundert mich seit gestern mit Hingabe. Sie spielt bereits mit einem Finger, daß dir Tränen über die Backen laufen, lauter alte, bewährte Volksweisen.«

Der Saal lag voller Girlanden, Papierlaternen und Fähnchen, in der einen Ecke wurde eine Tribüne errichtet, in der anderen ein Schanktisch. Von der Linde zu dengeöffneten Fenstern waren Schnüre gezogen, die die bunten Ampeln tragen sollten.

»Dieser Konstantin muß ein feiner Kerl gewesen sein, Helmut, da sind wir matte Epigonen, weiß Gott. Er hat den fremden und eigenen Arbeitern dies Fest gegeben, damit ihr Lohn nicht gleich wieder in die Schenken springt. Alles auf seine Kosten, und jedem so viel, als er wollte. Dieses Gesindel weiß nicht, was es bedeutet, einen Kater zu ersäufen, sie schleppen ihn mit heim und ihr Geld dazu, lassen ihn verdursten und denken für Wochen nur an Fortpflanzung. Aber diese Einrichtung ist das wenigste, ich habe den Förster examiniert. Junge, ich sage dir, das ist hier ein Leben gewesen, von dem wir uns in unseren kühnsten Phantasien nicht annähernd eine Vorstellung machen. Dieser schartige Buschklepper da drunten sieht mit seinen zwei demolierten Teckeln auf Jahrzehnte zurück, und der Graf hat für sein Leben Verwendung gehabt, Himmel, das glaub'! Jedes Jahr eine andere Frau! Den Winter über war er in der Hauptstadt, und wenn es Frühling wurde, schleppte er sich Jahr für Jahr eine andere unter die Syringen. Einmal — ich sage dir, der Förster kann erzählen, daß einem die Haut einreißt — bekam eine Wind von der Schar ihrer Bettschwestern der Vergangenheit, sie legte sich aufs Ahnen, was die Zukunft betraf, und tunkte sich eines Nachts in den Schloßgraben. Morgens fanden sie sie. Sie schwamm im Hemd an der Oberfläche zwischen den Wasserrosen, und sie fischten sie mit Stangen heraus. Weißt du, mit Stangen ohne Haken, so daß sie immerwieder untertauchte. Der Alte war mit aktiv. Ihre Beine und Arme hingen ins Wasser hinab, und ihre Kehrseite ragte nachdenklich in die Morgenluft ...«

»Schweig«, rief Helmut, »du bist frivol.«

»Ich berichte Tatsachen. Als dann Afra zehn Jahre alt war, soll er es aufgegeben haben, vielleicht auch, weil er alt geworden war. Weißt du, daß der Förster sagt, Afra sei die Tochter des Grafen Konstantin?«

Helmut erbleichte.

»Leutegeschwätz«, stammelte er.

Friedel sah ihn groß und lange an.

»Scheint mir nicht. — Die Frau dieses Gärtners, Garting oder wie er heißt, soll sehr schön gewesen sein. Nicht nur das. Eines Tages ging sie mit irgendeinem Luftikus auf und davon und ließ ihre alternden Verehrer im Vorder- und Hinterhaus samt ihrem Wickelkind im Stich. Aus dem Bündel entwickelte sich Afra. Stammt sowas aus der Hefe des Volks? Sag selbst.«

Helmut fühlte sich durch irgend etwas schmerzlich berührt, ihm war, als zögen Friedels Worte alles in den Alltag, für jenen gab es nur faßbare Tatsachen, mit ihrer Feststellung erledigte er die Dinge, ohne ihr Wesen zu empfinden.

»Laß mich in Ruh«, sagte er gereizt, »es ist mir gleichgültig, woher Afra stammt.«

Friedel, der gewohnt war, in Helmuts Verstimmungen Vorwürfe gegen sein Verhalten zu suchen, lenkte ein:

»Sieh mal«, meinte er, »du mußt nicht denken, weil ich oft so leichtfertig spreche, ich sähe deshalb den Dingennicht auf den Grund. Meinst du, ich erkennte immer nur die Außenseite? Kein Gedanke. Ich fühle genau, was sich hier vollzieht. Es ist etwas wie eine große, heimliche Rache. Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Jetzt sind wir daran, zu erliegen, vielleicht ähnlich, wie es früher die Frauen waren, die hier ihr Schicksal erlitten haben. Mich für mein Teil hat's an der Gurgel ...«

Und indem er fortfuhr auf diese Art zu sprechen, machte er alles durch sein Verständnis um vieles schlimmer als zuvor durch seinen Unverstand.

Helmut verbrachte den Tag in Sorge und tiefer innerer Erregung, die er hinter der Anteilnahme zu verbergen trachtete, die seine Umgebung von ihm forderte. Friedel erschien ihm als ein glücklicher Mensch. Wohl sah er oft mit heimlicher Rührung in das Gesicht des Lumpen, das zuweilen in eine traurige Versunkenheit fiel, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Friedel, der über alles redete, was ihn bewegte, sprach nie über seine Liebe zu Afra. Oft war es Helmut, als sei die Neigung des anderen sein erstes tiefes Lebensgefühl, seine erste Besinnung, die ihn unvorbereitet antraf und in einer Zeit, in der seine Widerstandskraft bereits aus dem Lichtbereich einer mutigen Jugend in die Nachdenklichkeit frühen Alterns gerückt war. Nur abends zuweilen, wenn sie sich beim Wein zusammenfanden, was jetzt häufig geschah, lösten die Geister der schlummernden Sonne im Wein die wehmütigen Hoffnungen Friedels. Er ließ ihn dann sprechen, obgleich er bitter unter den Worten litt, die ihn trafen, und er schämte sich eines Gefühls vonGemeinschaftlichkeit, das er nicht ganz unterdrücken konnte.

Das Fest stand ihm um so mehr bevor, als nicht zu vermeiden war, daß Spiel und Jubel und Tanz bis hinter die halbgeschlossenen Läden des Flügels klingen würden, hinter denen Elsbeth ihre langsame Genesung erlitt. Sie wollte niemand in ihrer Nähe dulden, außer der Pflegerin und der kleinen Iduna, deren frische Wangen langsam im Dämmerlicht des Krankenzimmers zu welken begannen. Helmut hatte ihre Ablehnung auch seiner Gegenwart vielleicht ein wenig allzu rasch und bereitwillig als Äußerung eines bewußten Willens genommen. Sein Schmerz und seine Hoffnung warfen ihn hin und her, und seine Vorstellungen verirrten sich mehr und mehr in grausame Erwartungen. —

Es war die Neige eines herrlichen Spätsommertags, als unter den Klängen der Dorfmusikanten die geschmückten Wagen durch die Sonne in den Schloßhof rollten. Die unteren Räume des Hauses waren ganz verändert. Als die Wagen durch den hohen Torbogen einfuhren, verstummten Gesang und Lachen, und unter den Zweigen der Linde regte es sich farbig, befangen und feierlich. Zu der gewohnten Erhobenheit der Feststimmung kam diesmal die neugierige Scheu und die heimliche Spannung, wie alles sich unter der neuen Herrschaft gestalten möchte. Helmut war erst beruhigt, als er Afra bei sich sah. Sie trat in dem Augenblick in sein Zimmer, als seine Hilflosigkeit ihren Höhepunkt erreicht hatte.

»Gott sei Dank«, sagte er, »was soll denn dies alles nun werden? Was erwartet man von mir?«

Im Dämmerlicht des Zimmers sah er erst nun, wie das junge Mädchen vor ihm stand. Sie trug ein Kleid aus schwarzem Samt, das die schlanke Fülle ihrer jungen Gestalt von oben bis unten beinahe ohne eine Falte umschloß. Am Hals und an den Armen waren schmale Krausen aus weißen Spitzen angebracht, und eine schwere weichfaltige Schleppe zog sich lang am Boden hin und legte sich nun, da sie sich ihm zuwandte, einschnürend fest um die Knie und ruhte breit neben ihr. Auf dem blonden Haar, dessen helles Kupfer funkelte, hob sich klein und rund ein barettartiger Samthut, von dem eine einzige, ungeheure weiße Straußenfeder tief in ihren Nacken fiel, sie leuchtete über dem goldenen Haar wie ein hinsinkender Zweig von Blüten und ruhte blendend hell mit ihrer breiten Rundung auf dem Nachtgrund des Kleids.

»Afra!«

»Das Kleid? Das hat mir Graf Konstantin geschenkt, als ich zum erstenmal an seiner Stelle am heutigen Tag den Leuten ihre Festgeschenke gab. Willst du diese Liste durchsehen, ob es dir so recht ist?«

»Ich danke dir für alle Mühe. Natürlich, natürlich es ist so recht. Aber du? Wie soll ich deinen Anblick ertragen, ohne dich besinnungslos anzubeten? Afra!«

»Willst du dann, bitte, hier unterzeichnen? Danke. Deine Hand zittert ja, Helmut. Sieh, ich muß nun an diese Dinge denken. — Nein, dort unterschreibe nicht, das geht Wendalen an ...«

Er zog die Hand zurück.

Seine Überraschungen dauerten an, als Martin kam und als er später den alten Melchior in seiner Staatstracht sah. Die roten Röcke leuchteten, und die Livreeknöpfe blinkten. Die Kniehosen aus schwarzer Seide, die Schnallenschuhe und die weißen Strümpfe gefielen ihm wohl, es faßte ihn für einen Augenblick ein froher Taumel von Machtbewußtsein und Würde. Auf ganz neue Art bewunderte er Afra, und ihm war, als wüßte er erst nun, welch eine Ungeheuerlichkeit die Gelassenheit gewesen war, in der sie Wendalen als ihr Eigentum anerkannt hatte. Martins Augen glänzten, wenn er zu Afra aufsah. Es kam Helmut bei aller Befangenheit, in die diese Begebnisse ihn brachten, im Augenblick in den Sinn, was er über den Burschen und die Mädchen des Guts gehört hatte. Er verlachte die Leichten alle ...

Nun brachte er die Nachricht, daß die Leute warteten und ob sie mit dem Ständchen zu Ehren des Herrn Grafen beginnen dürften. Das war stets der Anfang; Helmut ordnete nervös an seiner Krawatte. Er stand in seinem einfachen schwarzen Rock so schlicht und abseitig neben Afra, ihm war, als warteten alle nur auf sie.

»Was erwartet man von mir?« fragte er.

Das Mädchen winkte Martin hinaus, dann sagte sie:

»Du mußt ein paar Worte sprechen.«

»Das kann ich nicht, die Leute verstehen mich nicht. Ich mache sie nur befangen und erfreue niemand.«

»Ja«, sagte Afra. »So werde ich es tun.«

Er fühlte, daß sie mit seiner Weigerung gerechnethatte. Einen Augenblick wallte es heiß in ihm empor, aber als er Afras Hand sah, wie sie leicht geballt, hellbraun und zart und aller Fassung gewiß an ihrer Hüfte ruhte, ergab sich sein ehrfürchtiges Herz gehorsam dem beschwingteren Willen und dem höheren Recht. Hier, wo nun alles um ihn her im Geist des Toten auferstanden war, wagte er der heimlichen Herrlichkeit dieses großen Lebendigen von Wartalun nicht zu trotzen.

Auf dem Vorplatz zur Terrasse waren die Leute, sommerlich geschmückt und in festlichen Kleidern, versammelt. Die Kinder standen im Vordergrund, ihre bunte Schar war durch die Wartaheimer Schuljugend zu einem Chor ergänzt worden, und der Lehrer, der ihnen ihr einfaches Lied eingeübt hatte, stand steil und überragend in seinem Gehrock neben ihnen. Dann kamen die Reihen der Mädchen und Frauen, die Burschen und Männer bildeten den Hintergrund. Zu diesem Feste versammelten sich auch noch ein letztes Mal die fremden Arbeiter, die nur für die Erntezeit angeworben waren und die nun wieder in die Weite mußten. Als Melchior die hohen Glastüren der Veranda öffnete, die zur Terrasse hinausführten, und Helmut neben Afra das Plateau betrat, empfing sie, in verwirrender Inbrunst, der blecherne Jubel der Dorfmusikanten, die Frauen und Mädchen schwenkten ihre Tücher, und die Männer zogen die Hüte und reckten sie in die Luft. Da wandte sich Afra mit einem bezaubernden Lächeln und in vollkommener Anmut zu ihm herab und sagte leichthin und fröhlich:

»Dies alles ist ja im Grunde nur der Leute wegen, laß dich durch so viel Ehre nicht bedrücken, Lieber. Sie denken nur an ihren Wein und sind so froh wie du, daß dies bald ein Ende hat.«

Und das erleichterte Lächeln einer flüchtigen Geborgenheit an ihrer Seite, das ihm auf die Lippen kam, fand unten bei allen, die ihn betrachteten, einen unbewußten Widerhall, als gälte seine Freude ihnen, und etwas wie ein erstes Vertrauen antwortete ihm in den einfachen Herzen. Und doch wußte er, daß Afra hierüber anders dachte, als sie ihn zu denken lehrte. Ihr war jeder der Vorgänge, die stattfanden, von heiliger Wichtigkeit, sie traute ihm nur nicht zu, daß er Anteil daran nehmen konnte. Sie verachtete ihn im Grunde.

Da trat Afra einen kleinen Schritt vor. — Die Musik brach ab, und die Gesichter wurden bewegungslos ernst.

Und ohne ihre Stimme zu erheben, einfach und klar, als spräche sie zu einem einzelnen, der ihr gehorsam lauschte, begann Afra ihre Worte. Sie sprach von der Arbeit, die zurücklag, und daß sie jedem Dank schuldig sei für seine Treue und seinen Eifer. Sie nannte den Namen des Verwalters von Wartalun und Wendalen, den des Müllers von Annerwehr und den des alten Försters, der sich tief verbeugte, als der seine fiel. Nichts in ihrem Wesen und ihrer Gebärde war herbeilassend oder erbötig, mehr zuzugestehen als diesen kühlen Dank. Helmut sah mit tiefer Bewegung in ihr junges Gesicht, er wurde seiner Ergriffenheit nur mühsam Herr undverstand sein Herz nicht, dem nach Tränen verlangte. Er sah in die jungen und gereiften und in die tiefgefurchten Angesichter unter sich, deren Wangen und Stirnen von der Sommersonne gebräunt waren, von hartem Erwerb gezeichnet oder von der Mühsal des Daseins verzehrt. Alle Augen ruhten ernst auf Afra, der alle vertrauten. Da hörte er:

»Denen, die Wartalun und Wendalen zugehören, teile ich mit, daß Wendalen nach dem Willen des verstorbenen Grafen Konstantin mein Eigentum geworden ist. Wer in meinem Dienst bleiben will, dem steht es frei, ohne daß Änderungen in der Stellung oder im Verdienst von mir vorgesehen sind.«

Es ging eine Bewegung durch die Versammelten. Helmut hörte, wie jemand hinter ihm flüsterte. Er verstand nur »Donnerwetter« und erkannte Friedel, der an der Glastür lehnte. Ihm selber war zu Sinn, als schaukelte der Boden wild, und es faßte sein Herz mit eigensinnigen, kalten Fingern. Ihm war, als müßte er vorstürmen, Afra seine Fäuste in den Rücken rennen und sie die Terrasse hinunterstürzen. Der Geist des Toten, den sie heraufbeschworen hatte, hielt ihn im Bann. Und hatte sie nicht recht? Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück. Die dort unten wurden für die Erfüllung ihrer Pflichten bedankt, ihm kam kein Dank zu. Plötzlich zog ihn die Kühle einer fernen Ruhe in ihr nahendes Reich empor, machte sein Herz fest und still, und als Afra geendet hatte und zur Seite trat, schritt er auf sie zu, zogihreHand an seine Lippen und sagte:

»Vollkommene du, mein Schicksal du. Hab Dank.«

Sie sah ihn an und sagte, als seien sie allein:

»Ich habe es anders vorbringen wollen, aber ich habe es nur so gekonnt.«

Die älteren Leute der Gutsverwaltung kamen herauf, um Helmut und Afra die Hand zu drücken. Ein Kranz von Sommerblumen wurde von den Kindern zur Grabstätte des Verstorbenen gebracht und an der eisernen Pforte niedergelegt. Die Feldarbeiter brachten Helmut, nach alter Sitte, ein schmales Garbenbündel aus Weizen- und Roggenähren, mit Mohn und Kornblumen geschmückt, und sie tranken den ersten Becher Wein, von ihm gereicht, auf der Terrasse. Der Verwalter verteilte die Geldgeschenke, die für rastlose Tage und durcharbeitete Nächte den Leuten zukamen. Dann brach der Schwarm in froher Bewegung auf, um nach dem Festmahl den Tag im Schlosse bei Wein und Tanz zu beschließen. Es war manches von dem unterblieben, was sonst die Feierlichkeiten ausgemacht hatte, so das Vorüberführen der Zuchttiere, das Überreichen von Fischen und Wild, und die Darbietung des besten Geflügels durch die Frauen. Afra hatte es untersagt. Ihr schien, als würde dies weihevolle Tun durch kein Interesse der Herrschaft bedankt, und aus einem sicheren Empfinden dafür, daß mancherlei Einzelheiten für Helmut qualvoll sein mußten, hatte sie nur das Notwendigste zugelassen. Die Abendmahlzeit für die Herrschaften war im oberen Saale serviert. Afra schickte Martin zum Tanz hinunter, aber er wich nicht von ihrer Seite.

»Wir müssen nachher alle noch einmal hinuntergehen«, sagte Afra, »es ist ein lustiger Anblick, und man sieht die Leute unbefangener als sonst.«

Sie wandte sich an Friedel:

»Aber deine Geige laß bei uns hier oben.«

»Doch«, gab er stolz und glücklich zur Antwort.

Friedel liebte in dieser Zeit und für jede künftige seine Geige zärtlicher als je. Er dankte ihr die kurzen Tage seines Daseins, in denen Afra in ihm einen Menschen von besonderem Wert gesehen hatte, er dankte es ihr, daß Afra ihm lauschte, daß sie ihn anhörte und ihn in ihrer Nähe litt, indem sie sich für kurze Augenblicke seinem Spiel anvertraute. Sie hörte durch seine Geige seinen Kummer und das traurige Bekenntnis seiner in den Staub sinkenden, tatenlosen Jugend.

Helmut schlief am kommenden Morgen nicht. Es war sehr spät geworden, ihm war, als er an das geöffnete Fenster seines Zimmers trat, als zeigte sich schon ein matter blauer Schein des nahenden Tages am Himmel. Spiel, Gesang und Tanz lagen ihm noch in den Ohren, eine schmerzhafte Aufgewühltheit seiner Sinne ließ ihn keine Ruhe finden, obgleich der Wein ihn beherrschte. Wenn er die Augen schloß, wogten die hellen Bilder der verflossenen Nacht an ihm vorüber, die drehenden Paare, die goldenen Trompeten, die alles in so aufdringlicher Herrschsucht überschmetterten, und die hellen Stimmen der Geigen, die diese schwerfälligenLaute ablösten und emporzuziehen trachteten. Er hörte wieder Friedels helles Lachen, der sich zuletzt unter die Tanzenden gemischt hatte und sich mit Martin um die kleine Iduna stritt, die zu dieser Feier seit langem zum erstenmal wieder Stunden der Freiheit durchkostete. So mußte es Elsbeth um vieles besser gehen. — Er lehnte sich müde an das Fensterkreuz, wie wollte dies alles enden?

»Was tue ich mit meinem Leben?« —

»Bitte schön, bitte schön«, sagte Martin wieder und verbeugte sich, »ich trete alles an Sie ab, was zu Ihnen will.« Er sah sie wieder zu dreien bei der Musiktribüne stehen, Friedel die Hände in den Taschen. —

Fern von den Feldern herüber klang durch die davonziehende Nacht Gesang, derbes Lachen und Grölen. Unten war alles still geworden, die erloschenen Lampen bewegten sich mit leisem Rascheln im Windzug unter der Linde. Die Saaltüren standen auf, es war noch Licht unten.

Durch alle Bilder, die ihn bedrängten, schritt Afras Gestalt. Zuweilen hatte er geglaubt, unter der Einwirkung des Weins in ihrem Gesicht einen feinen Zug beseligter Hingabe an die Daseinsfreude dieser Stunden gespürt zu haben. Er haßte sie in ihrer Gelassenheit, so sehr er sie darin bewunderte, und sein Verlangen ging darauf aus, sie ein einziges Mal nur in leidender Preisgabe den Mächten unterworfen zu sehen, denen er erlag. — Wenn ich ihr gewaltsam einen schamlosen Streich spielte, so schamlos und armselig, wie meine Not mich macht ...

Unten wurde die Verandatür aufgestoßen.

»Nein, nein«, hörte er angstvoll rufen, »laß mich! Ich will selbst sehen ...«

Er erkannte die Stimme nicht.

Jetzt rief Melchior, etwas barsch, hinter der fliehenden Gestalt her, die über die Terrasse nieder in den Garten eilte.

Es war Iduna. Sie trug noch ihr weißes Kleid vom Fest, im Lichtschein, der mit ihr aus dem Saal brach, erkannte er deutlich, daß sie den Blumenkranz noch in den Haaren trug, mit dem sie getanzt hatte.

Dann hörte er ihre geängstigte Stimme im Hof, sie rief nach Martin.

Er lächelte, aber er fühlte, daß er dies Lächeln herbeizwang. Es hatte ihn eine düstere Unruhe gepackt, die ihn plötzlich so heftig schüttelte, daß er Kraft brauchte, um nicht ins Ungewisse davonzueilen. Er umklammerte das Fensterkreuz. »Da ist es ja, was ich die ganze Nacht erwartet habe ... töricht, töricht bin ich«, sagte er.

Es wurde unten an ein Fenster geschlagen, so daß schon beim zweitenmal die Scheibe zerbrach. Dann hörte er Martin fluchen. Nein, so ging auch im Rausch niemand vor, den sein Herz zu späten Lustbarkeiten trieb. Martins Stimme verstummte sofort, als ihm ein heftiges Flüstern die Kunde brachte, um dererwillen er geweckt worden war.

Helmuts Herz schlug dumpf undlangsam, erfühlte es an den Schläfen und im Halse.

Da wurde nach Afra gerufen. Nun wußte er, daß ein Unglück geschehen sein mußte. Er nahm seinen Rock und suchte nach seinem Hut. Waren es nicht doch der Wein und sein krankes Blut, die ihm eine Gefahr vortäuschten? Noch zögerte er, da sah er Martin, nur notdürftig bekleidet, einen Stallknecht, Iduna und Melchior mit Laternen in den Park eilen.

Da wußte er, wen sie suchten. Er wußte es so deutlich, als sagte ihm jemand klar und laut den Namen und das Ereignis: »Elsbeth ist fort.« Und er antwortete dieser Stimme:

»Sie ist tot.«

Er entsann sich später aller kommenden Ereignisse, bis zum entscheidenden, nur noch undeutlich. Ihm war, als habe eine sinnlose Gewalt ihn durch verworrene Träume gerissen, und doch blieben ihm Einzelheiten so lebendig in der Seele, daß er sie bis ins kleinste nennen konnte, aber der Zusammenhang fehlte, es war, als sei in jener Nacht das Licht beständiger Vernunft in ihm erloschen.

Nun waren sie in Elsbeths Zimmer. Stand nicht dort schwankend Friedel an der Tür und lachte in einer gedankenlosen Ergriffenheit, die er nicht meistern konnte, weil der Wein ihn schaukelte? Aber Afra war ja neben ihm. Nein, es fand sich im Zimmer keine Spur und kein Anzeichen, kein Brief, kein Abschiedsgruß,nichts ...von hier aus ging der Weg in die Finsternis.

»Wo sollen wir suchen?«

»Im Park ... im Wald ...« Das war Martin, dererzählte, es sei alles vergeblich gewesen. Sein Haar hing in dunklen Büscheln um die nasse Stirn. Iduna jammerte, sie kniete vor Elsbeths Bett.

»Ach, wäre ich bei ihr geblieben.«

Afras Mund war herb und zornig geschlossen. Sie hatte ihr Kleid gewechselt, bereit, zu handeln. Wach und gesund stand sie da und schien sich auf ihre Aufgabe zu besinnen.

Da schrie Friedel plötzlich in einem Anfall von blindem Entsetzen:

»Jetzt will ich fort! Zeigt mir den Weg! Sieht denn niemand die Vögel um die Türme fliegen! Dort! Dort! Hier ist die Hölle losgelassen, Dämonen hausen hier, heulen ihren Hohn über uns und versperren die Wege ins Leben ... nackte Teufel ...«

Martin hielt ihn.

»Aber schließlich«, jammerte er fort, »wenn diese Frau sich zu Grabe gebracht hat, so tat sie's mit Musik ... laß mich los, Flegel!«

»Hinaus mit ihm!« brüllte Helmut.

Friedel wandte sich ihm zu, bleich vom Wein und von plötzlich aufsteigender Wut:

»Du matter Hund! Du Jammerlappen, du stopfst der Hölle doch den Rachen nicht mit deinem Reichtum und mit deinen Phrasen ... drehst dich mit ... bis es zu Ende ist ... um Afras blassen Schoß ... he? Immer herum, aber der Schoß, der wartet, ist aus Erde ... schwarz! Aber ich ... ich finde hinaus ... an den Tag, in die Sonne! Verwest allein.«

Die Tür schlug hinter ihm zu. Afra zitterte wie im Fieber.

»Wir müssen Leute wecken, alle müssen suchen! Dieser Narr ...« stammelte Helmut.

Das junge Mädchen faßte sich. Es schien, als gäbe ihr plötzlich ein Gedanke Zuversicht, aber es mußte ein böser Gedanke sein, denn ihre Augen waren groß vor Grauen.

»Helmut, kannst du mich verstehen? Hörst du wohl, was ich sage? Nicht wahr, wir müssen sie finden, vielleicht ist es noch möglich, sie von einem schlimmen Vorhaben abzuhalten.«

»Sprich doch!«

»Ja, aber faß dich, Helmut, denn ich werde sie finden.«

»Sag wie, sag wie!«

»Aja und Fenn.«

»Die Hunde!?« Helmut stöhnte auf, so daß Iduna mit wildem Weinen emporfuhr. »Nein, nein, nicht die Hunde, nicht die Wölfe ... sie werden sie finden!«

»Es muß sein«, sagte Afra fest. »Wenn du willst, geh' ich allein. Wir dürfen keine Minute mehr verlieren.«

Da sie Helmut zureden mußte, konnte sie nicht sogleich selbst fort, so trat sie ans Fenster und rief Martin. Da es still blieb, pfiff sie ihren hellen, kurzen Pfiff, den er kannte, der schon in ihren frühsten Kindertagen ihr Signal gewesen war und auf den es nach einer alten Vereinbarung ihres Spiels für keinen von ihnen ein Halten gab.

Martin stürmte die Treppen empor.

»Junge, hör, ich will >Aja<. Tu sie an die Leine und bring sie hier herauf. Flieg!«

Martin verstand sofort.

Um Helmut abzulenken und um die Minuten des Wartens zu verkürzen, sagte sie zu ihm:

»>Fenn< ist nicht zu brauchen, er ist ein rechter, lieber Dummkopf, wohl wachsam, weißt du, aber nicht für wichtige Zwecke zu verwenden. — Besinn dich, wir werden sie gesund finden.«

»Sie ist tot. Sie atmet nicht mehr. Ich weiß, daß sie nicht mehr atmet.«

»Helmut, sprich nicht so.«

»Sie ist tot.«

Vom Treppenhaus herauf erscholl gleich darauf ein frohes, erregtes Bellen. Afra nahm den Hund an sich und schickte die anderen hinaus. Das Tier sah sie abwartend an mit seinen klugen Augen, deren warmes, braunes Lebenslicht das Mädchen rührte. Sie strich der Hündin über den dunklen Kopf.

»Es ist eine schwere Aufgabe, >Aja<, mein Hund, dir wird sie leicht werden. Sieh hier!« Und sie ließ das Tier an das Bett der verschwundenen Frau, gab ihr ein Tuch und hielt ihr die roten Schuhe unter die Schnauze, die sie am Lager fand. Dann ließ sie das Tier eine Weile los, und mit dem kurzen, traditionellen »Such, Aja!« öffnete sie die Tür, und als das Tier den Ausgang nahm, mit Bewußtsein, die schwarze Nase am Boden, befestigte sie ihn wieder und ließ ihn voran.

Ihre Hände zitterten nicht mehr, sie war gefaßt, aber ihr ernstes Gesicht sah tieftraurig aus.

Helmut, an ihrer Seite, sah die Dinge dieses heraufdämmernden Tags wie nebelhafte Erscheinungen einer Welt, die keinen Widerhall in seiner Seele fand, aus der er nicht stammte und mit der er keinen Zusammenhang zu haben glaubte. Aus blauen Wolken, die den Erdboden belagerten, hob sich bedrohlich und matt schimmernd Wartalun. Die Schatten in den Mauerwinkeln waren Öffnungen, die zu Abgründen führten, das Tor gähnte in ungewisses Grau hinein. Sie mußten hindurch. Und in allen Regionen, durch die er hindurchschritt, war Afra. Und der Hund, die Schnauze am Boden, den am Halse durch die Leine eingeschnürten Kopf vorgereckt, so daß er den Arm des Mädchens mit sich zog und sie ein wenig gewaltsam und immer in etwas schräger Haltung Schritt für Schritt mitmußte. Bald zögernd und ungewiß, dann in trippelnder Hast über schmale Waldwege dahin, bis plötzlich jemand sagte:

»Kehr um, Helmut ... der Hund will ins Moor.«

»Ich bleibe bei dir, Afra«, sagte er.

Die Luft war blau. Es wehte ein kühler, vom Schlaf der Welt befangener Wind über die Ebene, in der Weiden und Heide wuchsen und niedriges Schilf, das dünne, scharfe Halme hatte, die mit feinem Laut um die Schuhe schlugen. Ein Kiebitz rief, der Weg verlor sich in flachen Tümpeln und überwachsenen schmalen Gräben, deren Wasser schwarz und bewegungslos war, wie geschliffene Platten aus dunklem Metall.

Hatten sie nicht eben im Wald ein Liebespaar aufgestöbert? »O mein Gott, vergib mir, daß ich nicht weiß, ob es Glück oder Enttäuschung war, was ich empfand, als ich in den Büschen lebendiges Menschenwesen wahrnahm.« Dann stand ein Bursche mit trotzigem, dummem Ausdruck im niedrigen Gezweig und rückte an seinem farbigen Hemd, durch dessen Spalt die braune, gesunde Brust sah, und im Waldlaub am Boden verbarg sich ein Mädchen hinter ihrem Rock.

»Schert euch heim«, hatte Afra freundlich gesagt.

Er wußte, daß er darüber nachgedacht hatte, ob sie verstand, was hier vor sich gegangen war. »Aja« zog ungeduldig an ihrer Leine. Ja, das Tier, dachte er, es geht seiner Pflicht nach und läßt sich nicht beirren, es ist beständig darauf bedacht, das eine zu tun, was gefordert wird, treu, verschlossen gegen alles andere. Das können die Menschen nicht.

Aber nun waren sie draußen, im Morgenblau, in den dünnen Schleiern der kühlen Luft und in feuchter Stille. Ab und zu fühlte er Afras Hand unter seinem Arm:

»Nicht dort! Gib acht!«

Da fuhr er zusammen, und sein Blut erstarrte. Es klang vom Boden herauf ein dumpfes, beinahe leises Heulen, das etwas von der Stimme eines Menschen hatte und die Morgenluft mit einer schaurigen Klage anfüllte. Es war der Hund. Den Kopf weit vorgestreckt und den Körper angstvoll geduckt, stand er am Rand des Moors und stieß ohne Aufhör diese furchtbaren Laute aus.

Afra kannte aus ihren Kindertagen dieses verhängnisvolle Ansagen der Tiere. Einmal hatten die Jagdhunde im Forst beim Fuchstreiben die Leiche eines polnischen Arbeiters gefunden, der an einem Eichast hing. Er hatte sich aus Liebesgram oder Daseinssorge entleibt, und Afra entsann sich der Stimmen der Hunde, die sich nicht in die Nähe des Verschiedenen wagten und deren Klang ihr ein unvergeßliches Anzeichen der letzten, großen Verkündung geworden war. Sie hatte nun hier schon seit einiger Zeit Fußtapfen im weichen Moorboden gesehen, ohne es Helmut zu sagen, und sie wußte, daß der Hund auf der Fährte war, die sie suchten. Die Schritte führten unter ihren Augen in die schwarze Stille. Hier war ein tiefer Eindruck, dort, dicht davor, ein tieferer, und jener letzte am Rand des Moorwassers war nicht mehr als Eindruck eines Menschenfußes kenntlich, sondern es war ein rundliches, mit Wasser angefülltes Loch. Die Abstände der Fußtapfen voneinander ließen auf einen Gang in wankenden Sprüngen schließen, der in tiefer Finsternis ausgeführt war und ins Ziellose des Verderbens führte.

Die Klage des Hundes dauerte an. Aus der Ferne, jenseits des Moors, wo niedrige Hütten mit Strohdächern standen, antwortete ein aufgeschrecktes Bellen und verstummte. Da sah Afra an einem verkümmerten Strauch, halb hinuntergerissen in das unbewegte Wasser, ein dünnes Tuch, das wie ein Schleier aussah. Sie nahm Helmuts Arm und wies auf dieses Tuch.

Er wandte sich mit einer so schmerzvollen Gebärde des Grauens ab, daß Afra um seine Sinne fürchtete. Seine Lippen waren fahl, und die Art, in der er seinen Mund halbgeöffnet ließ, war von einer Haltlosigkeit, die keine Beschreibung zuläßt und die wie ein Hohn auf die großen Beschwichtigungen des Todes wirkte.

Da Afra fühlte, daß ihre Füße einzusinken begannen, trat sie langsam zurück über den schwankenden Boden und zog Helmut mit, bis sie festeres Land erreicht hatten.

»Ich habe nasse Füße bekommen«, sagte Helmut.

Afra sah rasch und mit groß geöffneten Augen zu ihm auf.

»Ja«, sagte sie dann vorsichtig und leichthin, im Tonfall, in dem man ein Kind beruhigt, »es ist Zeit, daß wir umkehren.«

Seit diesen Ereignissen waren viele Wochen vergangen, und der Herbst wütete im Land. Das Laub der Waldbäume war seinen Stürmen zum Opfer gefallen, ruhelose Wolken eilten über die verödete Landschaft, Kälte und Nässe jagten die Menschen in ihre Wohnstätten, in denen sie sich gegen den langen und rauhen Winter verschanzten.

Das Schloß schien gewachsen. Nackt und schwerfälliger als im Sommer stand es grau im schwarzenNetzwerk seiner kahlen Bäume, nur der Efeu im Hof blieb grün, in ihm überwinterten die Sperlinge. Die Wirtschaftsgebäude und Scheunen waren deutlicher aufgetaucht, sie schienen sich an den majestätischen Steinkoloß des Schlosses zu drängen, und ihre Fenster sahen zu dem verarmten Garten und seinen Grabenteichen hinüber. Dort schwamm das gelbe Laub der Ahornbäume auf den stillen Wasserflächen, in denen sich die Mauern und der leere graue Himmel spiegelten.

Die Leiche der jungen Frau war nicht gefunden worden. Helmut hatte damals in Tagen eines furchtbaren Schwankens bald alle Kräfte suchen lassen, dann wieder in Augenblicken eines verfinsternden Grauens ließ er die Leute von ihrer traurigen Arbeit rufen und erteilte den Befehl, es dürfte nicht mehr geforscht werden. So verging eine Woche. Er ließ den Bezirk des Moors, in dem die Leiche vermutet wurde, absperren, aber ihn selbst trieb es wieder und wieder hinaus. Oft erwachte er in der Nacht, durchirrte das dunkle Schloß, bis er hinausgefunden hatte, und schlich stundenlang, bedächtig auf den Fußspitzen auftretend, an den Moorgräben dahin. Es kam vor, daß er mit einem Stock vorsichtig den Schlammgrund durchprüfte und daß er erstarrend und die Stirn voll kalten Schweißes zurückwankte, wenn er einen nachgiebigen Widerstand zu spüren vermeinte. Als drei Wochen vergangen waren, verlangte er eines Mittags plötzlich, es sollte noch einmal nach der Toten gesucht werden. Afra erhob Widerspruch, mußte die Leute aber endlich gehen lassen, da derjunge Gutsherr in einen Zustand erregten Trübsinns verfiel, der durch nichts zu beschwichtigen war. Sie sandte Arbeiter ins Moor, verbot ihnen aber, nach der Leiche Ausschau zu halten.

»Sie sollen nur mit den Augen suchen und vorsichtig auftreten, damit keine Blasen aufsteigen«, erklärte Helmut Afra. »Wenn sie mit ihren Stangen wühlen, trüben sie den Grund, und es ist nichts mehr erkenntlich. Auch könnten sie mit ihrer groben Hantierung Elsbeths Hände oder ihr Gesicht verletzen.«

Afra wandte ihr Gesicht, das schmaler und blaß geworden war, von ihm ab. Sie hatte alle Mittel, die ihrer jungen Erfahrung zu Gebote standen, durchprüft, um ihm zu helfen. Erst als sie spürte, daß er ihren Trostworten mit einer beinahe wollüstigen Hingabe lauschte und daß er dabei lächeln und nur ihren Mund betrachten konnte, während sie sprach, mied sie mit Furcht und Abscheu jedes Wort über sein Mißgeschick.

Friedel war geblieben, obgleich sein schmachvolles Verhalten in jener bösen Nacht ihm selbst und allen anderen unvergeßlich eingeprägt war. Aber man fühlte, daß er sich tief und ehrlich schämte, und sein Bemühen, alles gutzumachen, hatte etwas Rührendes und versöhnte. Er nahm sich Helmuts mit einer Geduld an, die ihm niemand zugetraut hatte, und wo die Haltlosigkeit des anderen voll qualvoller Preisgabe war, setzte bei Friedel ein Zartgefühl ein, das immer wieder an sein im Grunde gutes Herz glauben ließ. Es ist zweifellos seiner Fürsorge und seinem Verständnis zu dankengewesen, daß Helmut sich langsam aus der Verfinsterung rettete, die über seinen Geist hereinzubrechen drohte. Afra beobachtete Friedel aus der Entfernung mit Aufmerksamkeit und Bewunderung, und als sie einmal durch einen Zufall ungesehen die Zeugin eines Vorgangs wurde, der sie bewegte, sagte sie abends zu Friedel:

»Ohne Sie ginge es jetzt in Wartalun kaum noch gut, Friedel.«

Das war gewiß wenig, und der Tonfall dieser Worte deutete auf kaum mehr als auf einen höflichen Scherz hin, aber Friedel beglückten sie bis in den Grund seines Herzens hinein. Ihn hätte nichts freudiger stimmen können als die Zuversicht, von Afra nicht für unnütz gehalten zu werden. Er nahm am Abend dieses Tages zum erstenmal wieder seine Geige hervor, stimmte sie froh unter seinen nachdenklichen Augen und antwortete dem Mädchen, als die herbstliche Nacht über die einsame Heimstätte ihres weltverlorenen Daseins niedersank.

Und Afra verstand ihn. Ihre Natur, die sich unter keinen Vorurteilen der Weltbetrachtung und Beurteilung anderer entwickelte, ließ in seltsam sicherem Kraftbewußtsein allem Umgebenden seine Art. Sie betrachtete die Menschen, die ihr begegneten, ohne sie zu richten. Sie wußte mit einer Zuversicht die nicht zu überreden war, wessen sie selbst bedurfte, aber sie wertete neben ihren Ansprüchen das Zurückgewiesene deshalb nicht geringer. Es mochte eine Folge der hochherzigen Geisteskraft des Grafen Konstantin sein, in derihr erstes Erkennen erwacht war, eine Folge ihrer frühen Vereinsamung und zugleich der ungewöhnlichen Forderungen, die die Ereignisse des letzten Jahrs an ihre Natur gestellt hatten. Es war, als erschlösse das Erleiden der Menschen, die in ihre Nähe gedrängt worden waren, manche wohlverriegelte Pforte zu ihrem eigenen Herzen, das oft in seinen Hoffnungen auf das eigene Geschick und in seiner Kraft, sich darin zu bewähren, so hart erscheinen konnte.

Zu Anfang November ereigneten sich Tage von großer Klarheit und Schönheit, die im Hauch ihrer noch einmal spärlich von der Sonne durchwärmten Luft und in ihren Gerüchen etwas vom Frühling mit sich brachten. Die Stürme ruhten nach ihrem Werk, und der Winter zögerte noch mit seinem Einzug.

Afra ritt an einem dieser Tage durch den schweigsam gewordenen Forst, über die Kuckucksburg von Wendalen heim nach Wartalun. Nathanael war aus Cismaren für einige Stunden bei ihr gewesen, und die letzten größeren Abschlüsse über Jungvieh, über Korn und Rüben waren unterzeichnet und verrechnet worden. Nicht ganz so froh wie sonst nach ihren geschäftlichen Erledigungen ritt sie dahin. Sie hatte sich deutlich dabei beobachtet, daß sie hier und da nachgiebiger gewesen war als sonst und als es den Traditionen des Guts entsprach. Aber im ernüchternden Wechsel von Werten und Zahlen und Worten hatte sie diesmal eine Müdigkeit überkommen und ein ihr ganz neues Gefühl von Gleichgültigkeit gegen Erwerb oder Besitz. Siedachte auf dem Heimweg darüber nach, worin diese Tatsache, die sie quälte, ihren Ursprung haben mochte. Lag es vielleicht daran, daß niemand Rechenschaft von ihr forderte? Sie verwarf diese Erwägung, denn es handelte sich ja nun nicht mehr allein um fremdes Eigentum. Vielleicht hatte sie über Helmuts großer Gabe, die sicherlich eher raschherzig als großmütig gewesen war, erfahren, wie leicht es für sie war, zu Besitz zu kommen, und diese Einsicht hatte ihr ihr eifriges Feilschen mit dem jüdischen Kaufmann als kleinlich erscheinen lassen.

Dieser Gedanke befriedigte sie nicht, wo mochten die wahren Gründe liegen? Sie sah zur Rechten durch die kahlen Birken ins Moor, dessen in eigentümlichem Rotgelb leuchtende Herbstfarben zu erlöschen begannen und das weit und öde dalag. Die Heidehügel darin sahen wie unruhige Wogen eines erstarrten Meeres aus, und die armen Kiefern, die hier und da ihre spärlichen Äste reckten, schienen zu frieren. Wer unter dem erstorbenen Leben dieser feuchten Fläche seinen letzten Schlaf schlief, war allem Mein und Dein, allem Reich und Arm in ein großes Einerlei der Ruhe entrückt.

Ihre Gedanken verloren sich im rötlichen Sonnenlicht des raschen Abends, durch den sie im Beginn ihres Menschenbewußtseins dahinritt. Sie ließ sich von ihren Gedanken treiben, die sie in die Zeit zurückführten, in der noch Graf Konstantin über Wohl und Wehe von Wartalun gewacht hatte. Beim Gedanken daran, wie er mit Nathanael umgesprungen war, kam ihr einLächeln auf die Lippen, deren klare Frische einen kaum spürbaren Zug von Erleiden bekommen hatte. Ihr war, als habe er stets die eine Hand für eine Liebkosung bereit gehabt und die andere für die Peitsche. Nathanael hatte oft dreimal das Schloß verlassen, ehe seinem hochgemuten Peiniger das kleinste Zugeständnis zu entlocken war. Er kletterte zornig auf seinen kleinen zweirädrigen Wagen, schrie seinen Groom an, der Fratzen schnitt, und die Fahrt ging in entschlossener Eile von dannen. Dann hatte ihr Graf Konstantin die Hand auf die Haare gelegt oder den Arm um die Schultern und ihr lächelnd gezeigt:

»Siehst du dort die Pappel bei der Kätnerhütte? Dort kehrt er um.«

So war es in der Regel gekommen. Einmal nämlich hatte sich der Händler erst am anderen Tage wieder eingefunden, und das hatte ihn um den ganzen Weizen gebracht, denn Graf Konstantin war nicht mehr für ihn zu sprechen. Der Verwalter hatte ihm achselzuckend erklären müssen, das Korn verfaulte nicht in den Scheunen von Wartalun ... Seit jener Zeit fuhr er bei Uneinigkeiten wegen der Kaufsumme nur bis an die hohe Wegpappel mit ihrem Krähennest.

Eine heimliche Erregung machte das junge Mädchen ungeduldig. Sie sprang vom Pferd. Der Wald lag hinter ihr, Wartalun stand rötlich von der Abendsonne bemalt hinter den nassen Stoppelfeldern im lichtgrauen Himmel. Wenn sie in das Reich ihrer Erinnerung hinein, in dem Graf Konstantin herrschte, der Gedankeverfolgte, daß Wendalen nun ihr Eigentum war, so sann sie in heimlicher Qual darüber nach, daß es sein Besitz gewesen war. Wie hätte sie ihm für ein einziges Lächeln der Zustimmung gedankt, es hätte sie befreit und froh gemacht. Der triumphierende Leichtsinn ihrer Selbstsucht war oft für lange erloschen. Sie empfand für Augenblicke das furchtbare Wunder des Todes als deutliche Wahrheit. Hinter der harten gläsernen Wand, durch die kein Geschrei, kein Winken und kein Pochen drang, irrte ihr Heimweh nach dem verblichenen Herrn. Erst seit ihre Liebe unter blutigen Opfern und zerstörender Sehnsucht von ihr gefordert wurde, wußte sie, wem sie gehörte.

Da sie in den zurückliegenden Wochen oft an langen Abenden auf Friedels romantisches Geschwätz gelauscht hatte, begann sie in einsamen Stunden oft über die Art nachzudenken, wie er die Ereignisse betrachtete. Denn wenn Friedels törichtes Herz sich auch gedankenlos verirren konnte, so hatten seine Aussprüche doch oft etwas von jener melancholischen Hellsichtigkeit, die schwache Naturen zuweilen auszeichnet, wenn sie in große Schicksale verwoben werden oder unversehens dem dahinschreitenden Tod in die großen Augen schauen müssen.

»Er läßt niemand in deine Nähe, Afra«, hatte er einmal gesagt, als vom Grafen Konstantin die Rede war, »verstehst du seine Warnungen? Ich für meinen Teil, als Lump und Handlanger, werde wohl noch verschont bleiben, bis ich es eines Tages mir oder dir deutlich sagen werde.«

»Was?« hatte sie gefragt.

»Daß ich dich für alle Ewigkeit lieben muß.«

Wie er dabei sein Gesicht niederneigte und wie er dann schwieg, das hatte etwas so Trauriges und Wahrhaftiges gehabt, daß es einen Schein von Wahrheit auf seine Worte übertrug.

Wie hätte sie lachen mögen, aber das Lachen war schwer geworden in Wartalun. Trotzdem hatte sie es getan, aber Friedel war nicht aus seiner nachdenklichen Versunkenheit zu reißen.

»Das Lachen trifft ja nicht mich«, sagte er leise. »Lachst du über Helmut oder über ...«

So hatte er durch eine phantastische Vermengung seiner Grübeleien mit der Finsternis der zurückliegenden Geschehnisse oft eine eigenartige Wirkung erreicht, die das Mädchen peinigte, weil sie ihm um Graf Konstantins willen glauben wollte. Denn alle Liebe ist mit Magischem verwoben, und sie neigt ihr Rosenhaupt oft über die unbeständigen Grenzen unseres Erkennens in die bevölkerten Abgründe des Unerkennbaren.

»Was denkst du beglücktes Alltagswesen aus Daseinskraft und Frühlingswohlstand dir eigentlich?« fuhr Friedel fort. »Meinst du, es sei nur so viel wahr, als sich erkennen läßt? Wer dem Wesen der Dinge nachforscht, wird um seiner Erkenntnis willen als Ketzer verbrannt. Nicht wahr, was an Großem und Bedeutsamem geschieht, das denkt man sich für gewöhnlich dort und dort, hinter Bergen, bei anderen, in der Ferne oder in Büchern. Man muß den Menschen mit Fingern die Augen aufreißen,bevor sie glauben lernen, daß sie selbst es sind, die zum Himmel fahren oder die der Teufel holt. Nenn's, wie du willst, aber den meisten geht's erst nachher auf, daß sie selber Helden des Welttreibens begegnet sind. Und es ist gut. Die größten Schicksale wüten unter Blinden ...«

Was hatte er nur mit alledem gemeint? Es war wohl richtig, daß man Lebendiges an seiner Wirkung erkannte und daß die Liebe im Tod kein Hindernis für ihren Segen oder für ihren Fluch findet. Das Mädchen blieb stehen und streichelte Jonis warmen Hals, sah in die klugen Augen des Tiers, das sie anschaute, und versuchte ihrer Traurigkeit Herr zu werden.

Sie fühlte sich den neuen Menschen von Wartalun auf eine Art verbunden, die nicht im natürlichen Verhältnis zu ihren Ansprüchen und ihrer Wesensart stand, aber das vereinsamte Schloß wies seine Bewohner aufeinander an und verknüpfte sie enger, als dies unter gewöhnlichen Umständen der Fall gewesen wäre. Die gemeinsamen schweren Erlebnisse führten eine Art herber Vertraulichkeit mit sich, streiften den Zwang der gesellschaftlichen Lebensgewohnheiten ab und schlossen zusammen. So war auch zwischen Friedel und ihr eine Art Freundschaft entstanden, die zuweilen beinahe in Gereiztheit ausartete. Afra kam in dieser Zeit zuweilen der Gedanke, Wartalun einmal zu verlassen, um in einer ganz neuen Welt von Menschen und Eindrücken leben zu lernen.

Als sie die Pforte zum Park erreicht hatte und unterden alten Buchen, die zum Walde hinüberführten, ihre Füße im dürren Laub raschelten, schlug sie Joni die Zügel um den Hals und ließ das Pferd seines Weges ziehen. Sie selbst schritt nachdenklich in den Park hinein, zwischen den gelichteten Büschen hin über die feuchten Wege auf die Tannen zu, unter denen die Grabstätte des Grafen Konstantin zu finden war. Die feinen Spitzen der Tannen umgaben die kleine dunkle Kuppel der Kapelle wie eine grüne, zackige Krone, sie erblickte tiefer, hinter den ruhigen geschwungenen Ästen der letzten Bäume schon das eiserne Gitterwerk des Tors, als sie erschrocken innehielt und mit großen Augen durch das gelichtete untere Gezweig starrte.

Sie sah gegen die schwarzen Stäbe des Eingangs die Gestalt eines Mannes lehnen. Er hielt seine eine Hand am schweren Schloß der geschmiedeten Pforte, als habe er eben den finsteren Raum verlassen, und etwas scheu, als besänne er sich, sah er in den Garten hinein. Es war, als zögerte er, den Weg zu betreten, der von diesem Ort der Ruhe zurück unter die Menschen führte. Im Verwirrenden ihres großen Erstaunens und in der rötlichen Dämmerung, die im Tannenschatten herrschte, hatte Afra für einen Augenblick das beklemmende Empfinden, als schauten die Augen des Verstorbenen unter dieser Stirn hervor, die nur schmal unter der breiten, weichen Krempe eines schwarzen Huts kenntlich war. Es war dies sicherlich die Folge ihrer phantastischen Gedanken, die an diesem Nachmittag ungewöhnlich lange bei dem Toten geweilt hatten;aber trotzdem begann ihr Herz eine stürmische Arbeit, die ihr fast den Atem raubte, und sie hielt sich an einem Stämmchen fest, das neben ihr am Rand des Rasens wuchs. Es war so still im Garten, daß sie jenseits der Hecke Jonis trägen Schritt im Laubwerk vernahm und das tickende Niedersinken eines Ahornblatts im Geäst. Es ergriff sie eine unverständliche Angst, der Fremde möchte ihr sein Gesicht voll zuwenden und ihr so Gewißheit geben, daß auch seine Züge, sein Mund und seine Wangen dem Verstorbenen glichen. Es gelang ihr nicht, sich von diesem Grauen zu befreien. Ihre Gedanken jagten bunt und sinnlos durcheinander, sie kannte sich nicht wieder, ward plötzlich so zornig, daß sie zitterte, und wünschte im nächsten Augenblick, Aja und Fenn möchten zur Stelle sein. Der Gedanke daran beruhigte sie plötzlich, als stärkte sie die Zuversicht, daß die Treue und Kraft der Tiere durch keine Gedanken oder übersinnliche Erscheinungen zu beeinträchtigen waren. Aber sie blieb stehen und betrachtete den Eindringling.

Alles an ihm war seltsam unbestimmbar. Der formlose Hut, der zweifellos nicht mehr sehr ansehnliche dunkle Mantel und die etwas plumpen Stiefel, denen man lange, ermüdende Märsche bei schlechter Witterung anzumerken glaubte. Es war nicht festzustellen, ob er einen schwachen Bart trug oder ob die Schatten um seinen Mund und um sein Kinn natürliche Furchen seines Gesichts waren, das deutlich einen Zug von Leid oder Entbehrung aufwies, ja beinahe von Elend sprach. Aberdiese Beobachtung beruhigte sie nicht, dieser Zug seines Angesichts weckte kein Mitleid bei ihr, da er nichts von Schwäche oder Müdigkeit verriet, sondern vielmehr die Anzeichen einer leidenschaftsvollen Kraft und einer Trauer, die nicht von äußerem Unheil oder Mißgeschick herzurühren schien.

Je länger sie in einer ihr völlig fremden Anspannung zu diesem Manne hinübersah, um so mehr verflog die anfängliche Furcht, die sie so fremdartig überfallen hatte, und sie wurde sich deutlich eines Vertrauens zur Erscheinung dieses Menschen bewußt, der nicht schön und nicht häßlich war, nicht gefällig und nicht ungefällig, von dem aber wie ein heimlicher Schein eine stete und ruhige Menschenwürde ausging.

Diese Eindrücke klärten sich im Sinn des jungen Mädchens nun keinesfalls rasch, aber Empfindungen eines starken Gemüts bedürfen der Klärung nicht immer, um doch vollgültig vorhanden zu sein und um ihre Wirkung und ihre Folgen zu zeitigen. Afra strich sich langsam über die Stirn, plötzlich war ihr, als sei sie tief ermüdet, und sie flüsterte die merkwürdigen Worte:

»Es ist ein Teil meines Leibes und meiner Seele, der dort steht.«

Und in einem auffallend raschen Wechsel ihres Empfindens, wie ihn nur reiche und imtiefstenWesen beständige Naturen erleben, überkam sie der Sonnenschein eines so jubelnden Frohsinns, daß sie das Ungebärdigste hätte vollbringen können, um diesen plötzlichenSturm aus ihrem Herzen zu lassen. Sie warf mit dem Arm die Zweige zurück, und indem ihr war, als sänge ihr Blut die hochgemuten Worte: »Bin ich nicht Afra, Herrin von Wendalen und Wartalun, im Vollbesitz meiner herrlichen Jugend und aller Lebenskräfte der Welt..?« ging sie mit mächtigen Schritten quer durch die Tannen und betrat dicht vor dem Fremden den Weg.

Ohne allzu heftig zu erschrecken, sah er beinahe unfreundlich auf und in ihr Gesicht. Seine Züge wiesen ihr Erscheinen etwa auf jene Art ab, wie wohl ein Andächtiger den Blick vom Schemel einer Kirchenbank hebt, wenn ihn ein gedankenloser Eindringling stört. Afra sah nun, daß sein Gesicht einen spärlichen Bart von einer Farbe trug, die vielleicht den Tönen zu vergleichen war, in denen bestäubter und ungeschliffener Bernstein schimmern kann, es war ein ins Unbestimmte gehendes Gelbbraun. Seine Wangen waren in der Tat eingefallen und verliehen seinem Gesicht den Ausdruck von großem Elend. Aber seine tiefliegenden Augen waren von so großer Ruhe und von solch beinahe beseligtem Abglanz einer klaren und beständigen Kraft der Seele, daß Afra, als sie ihren Blick zum erstenmal in seinen senkte, das Gefühl einer ihr ganz neuen und reinen Freude hatte, die dem Bewußtsein gleichkam, für die Zukunft unter den Menschen geborgen zu sein. Diese Augen schienen die heimliche Feindschaft aufzuheben, in der die meisten Menschen einander anfänglich begegnen und über die keine Form der Höflichkeit oderkeine noch so gute Absicht zum Wohlwollen völlig hinwegzuhelfen vermögen.

Er erwiderte ihren, durch die erhobene Stimmung, die sie zu Anfang trieb, etwas stürmischen und burschikosen Gruß, indem er seinen Hut zog und etwas unwirsch nickte.

»Guten Abend, guten Abend ...«, antwortete er ihr. Dann hob er seine Hand in die Luft wie ein Prediger und sagte:

»Ich habe noch niemals ein so schönes Schloß gesehen.«

»Woher kommen Sie?« fragte Afra ernüchtert und ein klein wenig auf Heiterkeit gestimmt.

Sein Gesicht verfinsterte sich.

»Das wird doch gleichgültig sein«, meinte er, »ist es nicht erlaubt, hier einzutreten?«

»Doch, selbstverständlich«, beeilte Afra sich, ihn zu versöhnen. Nein, war das ein mißmutiger Geselle.

Er hob wieder die Hand.

»Es sieht aus, als ob es nicht von Menschen errichtet worden ist. Es ist ein Gebilde der Erde, emporgewachsen wie Felsen aus dem Meer. Aus Liebe hat es diese Gestalt angenommen, damit Menschen darin hausen können.«

»So, gefällt Ihnen Wartalun?«

»Betrachten Sie den Turm, die Mauer und den Erker im Efeu. Können Sie sehen, wie die Eichen so gewachsen sind, daß sie mit dem Schloß Gemeinschaft gewinnen, daß beide einander schirmen und daß nichtsdiese starke Gemeinschaft stört? Sehen Sie dort — eine Wolke — sehen Sie denn nicht? Sie müssen sich hierher stellen. Ach, das ist ein Schloß ... Bäume ...«

»Nun ja ...«, sagte Afra, »was ist denn an einer Wolke?«

»Dies hier ist eine Begräbnisstätte unterTannen ...«

Afra fing an zu lachen. Er schaute sie tief betroffen an und trat zur Seite, versuchte den Weg zu gewinnen und schien davongehen zu wollen. Als er Afras vornehmes Gewand aus schwerem Tuch, ihre Lederhandschuhe mit den altmodischen Armstulpen sah und den goldenen Knauf ihrer Reitgerte, machte er einen Schritt auf sie zu:

»Entschuldigen Sie, bitte«, sagte er, »ich bin hier vorübergekommen und hätte um Erlaubnis bitten müssen, bevor ich eintrat ... Welch ein herrliches Gesicht haben Sie, Fräulein!«

Irgend etwas hinderte Afra, diesmal über sein absonderliches Wesen zu lächeln, sie fühlte einen Ernst auf sich einwirken, dessen Ursprung sie nicht erriet, der sie jedoch gebieterisch zwang, die kleinen Hilflosigkeiten dieses Menschen zu übersehen.

»Bleiben Sie hier«, sagte sie sicher und freundlich. »Sie brauchen doch nicht gleich fortzulaufen, wenn man eine Frage an Sie richtet.«

»Das ist wahr«, sagte er überzeugt und sah sie für einen Augenblick warm an. Aber diese Dankbarkeit hatte nichts von Unterwürfigkeit, sondern sie wirkte beinahe wie eine wohlwollende Anerkennung. Keinesvon ihnen sprach. Der Fremde betrachtete Afras Gesicht und ihre junge Gestalt, und in seine Augen kam ein beseligtesLeuchten.

»Ich bin doch ein glücklicher, ein glücklicher Mensch!« rief dieser arme Landstreicher plötzlich, der nicht mehr zu besitzen schien als die dürftigen Kleider, die er trug.

Afra hatte sich am eisernen Gitter zu schaffen gemacht, da ihr nach seiner letzten Antwort nichts Rechtes zu sagen in den Sinn kam und sie sich scheute, etwas Gleichgültiges vorzubringen. Nun wandte sie sich rasch nach ihm um und sah ihn an. Sie wollte eine Frage stellen, die diesen unerwarteten und scheinbar schwer zu begründenden Ausbruch seines Empfindens ausglich, aber eine Rührung, die sie andächtig stimmte, hinderte sie daran. Er schien nichts derart zu erwarten. Mit einem Lächeln, das sein Gesicht völlig veränderte, sah er sie an und sagte:


Back to IndexNext