Vierzehntes Kapitel

»Ich muß ein paar Tage hier bleiben. Ich will es tun, wenn ich Sie auch noch nicht kenne.«

Nun mußte Afra doch ihrer heiteren Bestürzung Luft machen, und sie rief lachend:

»Dies Vertrauen verpflichtet uns ja alle zu großem Dank.«

Sein Gesicht verfinsterte sich. Mißtrauisch prüfte er ihre Züge.

»Sie wollen nicht?«

»Doch«, sagte Afra, »ich nehme Ihr Angebot an, wenn Ihnen das Schloß genügt, und danke Ihnen vielmals.«

»Warum das?« fragte er. »Ihnen kann ich nichts bedeuten.«

»Haben Sie schon zur Nacht gegessen?« fragte Afra herzlich.

»Nein. Das könnte ich hier tun.«

»So wollen wir gehen, denn es wird bald dunkel«, sagte sie. »Ich will den Leuten Nachricht geben, daß wir einen Gast bekommen haben.«

»Gehört das Schloß Ihnen?« fragte er einfach.

»Nein«, antwortete sie und verspürte nicht den Wunsch, diesem Manne etwas anderes antworten zu können. Der Fremde ging, ohne zu sprechen, mit ruhigen und großen Schritten hinter ihr her. Im Hof blieb er stehen und betrachtete das alte Tor mit seinen vergoldeten Speerspitzen, durch die der Efeu seine blanken Blätter geflochten hatte. Er betrachtete die grünen Wege, die er an der rauhen Mauer empor nahm, und die Zinnen des Daches in ihren ehrwürdigen Farben, die aus Tag und Nacht, aus Sonne und Wind und Regen und tausend Jahren entstanden waren.

Als Melchior sich im hohen Flur einfand und den fremden Mann in Afras Begleitung sah, verbeugte er sich vor ihm und verfiel in seine gewohnte stille Haltung steiler Unterwürfigkeit, die er von Jugend auf gewohnt war einzunehmen, wenn er einen Befehl erwartete. Der Fremde schien ihn nicht zu bemerken. Er war weder sicher noch befangen, mit dem Lächeln einer heimlichen Freude schritt er dahin, bis in das helle Zimmer, das Afra ihm öffnete.

Sie zog ohne ein Wort die Tür hinter sich zu und ließ ihn allein. Auf dem Weg in ihre eigenen Zimmer stieß sie auf Martin, der sie erwartet zu haben schien.

»Afra, die Herren sind nach Cismaren geritten, sie lassen dich grüßen, falls du zurückkämst. Sie haben dich nicht erwartet. Sie kommen nicht zum Nachtmahl.«

Das junge Mädchen schritt nachdenklich dahin. Es freute sie, zu sehen, wie Helmut von Tag zu Tag mehr aufzuleben begann und wie die Lebensinteressen ihn langsam wieder in ihren Bann zogen. Sie rief Martin zurück.

»Es ist ein fremder Herr gekommen, ich kenn' ihn nicht, er wird vorläufig hierbleiben. Ich habe ihm das Zimmer neben der Jagdstube angewiesen, sorg für alles andere. Frag ihn, was er braucht, geh zu ihm. Ich glaube, ihm fehlt allerhand. Du wirst schon sehen.«

»Das soll geschehen«, sagte Martin und sah Afra zweifelnd an, denn er entdeckte eine ihm neuartige Erregtheit in ihrer Stimme. »Soll er was essen?«

»Es wird im Saal für ihn und mich serviert. Ich werde Iduna später Wäsche für sein Bett geben.«

»Im Saal soll serviert werden? Weshalb im Saal?«

Afra ging. Sie wußte, daß Martin sich ihre Wünsche aufrichtig angelegen sein ließ, aber sie schämte sich, daß sie nicht selbst nach dem Rechten sah und daß sie den Fremden in seiner Bedürftigkeit der Einschätzung eines Bedienten überlieferte. In ihrem Schlafraum zog siesich langsam um, sie legte ihre Kleidungsstücke mit ungewohnter Sorgfalt über ihr Bett, löste ihr Haar bedächtig, indem sie sinnend Nadel für Nadel aus den lieblos geschnürten goldenen Flechten zog, bis sie über ihre Schultern fielen. Sie lauschte auf den erregten Sturz des Wassers, das sie in ihre Schale goß, als sei dieser Laut ihr neu, doch plötzlich ließ sie alles fahren, nahm den Spiegel von der Wand, wandte sich gegen das Licht, das nur noch spärlich durch die Fenster brach, und betrachtete ihr Gesicht, lange und andächtig. Ihre Augenbrauen, die breit waren und dunkler als ihr Haupthaar, den Rücken der Nase und ihre Flügel und den deutlich gezeichneten Mund. Die Backenknochen, die ein klein wenig vorsprangen, mißfielen ihr, aber die Rundung ihres Kinns hob sich gleichmäßig vom helleren Hals ab. Sie warf ihre Zöpfe nach vorn und legte sie an den Schultern nieder, in diesem Licht erschien die Farbe des Haares wie verwittertes Gold, wie die Metalltöne in den vergrämten Rahmen der Bilder im Saal. Da kam ein sonderbares, tiefes Atmen über sie, das ihre Lungen mit einer kühlen Süßigkeit füllte, es wurde heftiger und senkte ihr den Kopf, und plötzlich lag er in ihren beiden Händen, und der Spiegel lag am Boden, und sie weinte wild und ungebärdig, gleichsam mit ihrem ganzen Körper und als stießen von allen Seiten unsichtbare Fäuste sie in einen Schmerz hinein, den sie nicht kannte.

Und an den Ufern des Stroms, der sie mit sich riß, ereigneten sich seltsame Dinge, die ihr doch alle bekanntwaren. Graf Konstantin, der alte Mann, hing über die Lehne seines großen Sessels, der weiße Bart war eingeknittert, und er atmete seine letzten röchelnden Atemzüge unter seinen Augen, die weit auf waren, aber nichts mehr erkannten.

Sie sah sich durch die Nacht reiten, über die blinkenden Rinnsale des schwarzen Moors, das Wasser spritzte um Jonis peitschende Beine, die den Boden hieben, daß es bald dröhnte, bald klatschte, und sie selbst schrie, den Arm hoch in die helle Nacht geworfen.

Nun tauchte das hohe getäfelte Arbeitszimmer vor ihr auf, Helmut kniete und schrie: Erbarme dich meiner, erbarme dich meiner! — Jetzt taumelte Friedel durch den Türrahmen, und sein tobendes Stammeln und Zischen beschmutzte ihn und gab sie preis. Nun schmiegte sich leblos ein Schleier gegen einen Heidebusch, die blaue nasse Luft der Dämmerung umfing sie und das endlose Meer der Heideweite; der Hund heulte, daß ihr Herz blutete, und sie half Helmut aus dem Sumpf. Und nun umschlichen sie Helmut und Friedel, Friedel und Helmut und graue Tage voll eintöniger Betrübnis. Hinter allem, was sie sah, lagen am weiten blauen Horizont des Himmels, unangetastet und unberührbar, helle Wiesen und ruhige Waldungen in der Sonne.

Es führte kein Weg dorthin zurück.

Von Woche zu Woche wurden die Nächte von Wartalun länger. Draußen peitschten die Stürme, in denen der Winter nahte, das Gezweig der nassen Bäume, sie fegten mit Regenschauern über das ebene Land und spielten ihre Weisen einer hellen pfeifenden Melancholie in den Erkern und Winkeln des Schlosses.

Melchior mußte schon früh, sobald die Dämmerung hereinbrach, die Kronleuchter des Saals im Schloß entzünden. Die seufzende Erde mit ihren grauen Schleiern, die durch die blaue Sterbestunde des Tags wehten, wurde durch die Damastvorhänge der Fenster aus dem goldhellen Bereich der Kerzen verbannt, und die klingende Herrschaft der Gläser und Saiten begann. Die fließenden und beschwingten Geister der Vergangenheit, deren Mächte entfesselt wurden, walteten im schwermütigen Verein mit Engeln und Dämonen in Wartalun. Die verengte Welt seiner Menschen erweiterte sich in diesen beseligenden und gefahrvollen Gluten ins unbegrenzte Reich der Träume empor, alle Beziehung zur Umwelt verwischte sich, die Wirklichkeit wurde zur unwahrscheinlichen Bedrängnis, und Hexen, Kobolde und unterirdische Gesellen der Nacht wurden die Gefährten der Vereinsamten. Engel stiegen hernieder, um dem ewigen Vater im Himmel das Seine zu bewahren, und Tote erhoben sich aus ihren Grabstätten, um dem Haß und der Liebe Gestalt zu schaffen, dem Grauen, der Reue und der Verzweiflung. —

Melchior trug ein Bündel Kerzen und legte sie mit Gepolter auf eine geschnitzte Truhe im Saalwinkel.

»Martin!« rief er.

Da es still blieb, redete er mit den Bildern an der Wand:

»In der letzten Nacht sind achtzig Kerzen verbrannt. In den letzten vier Wochen ist mehr Geld dahingegangen, als sonst in einem Jahr. Werdet ihr mich hier noch in Ruhe sterben sehen?«

Idunas Figürchen erschien weiß und zierlich im Kerzenschimmer im hohen dunklen Rahmen der Tür.

»Der Prophet steigt auf dem Dachboden herum, um die Äolsharfe zu beäugen«, schnatterte sie. »Nein, hat der Kerl mich erschreckt; das bissigste Gespenst ist mir lieber als dieser Heilige.«

»Gespenster beißen nicht«, belehrte sie Melchior apathisch und ohne Teilnahme.

Wo Herr Friedel wäre.

Melchior machte das Geräusch des Schnarchens nach und stellte einen Stuhl auf den Tisch, um Kerzen in den Kronleuchter stecken zu können.

»Ach, wenn es Afra nicht gäbe«, seufzte Iduna, »ich wäre längst von dannen. Wenn man sie reiten sieht, erholt sich das Blut. Aber ich kann die Herrin nicht mehr verstehen. Heute in der Morgendämmerung saß sie auf einem Schemel im Zimmer des Propheten und sah zu ihm auf, während er zeichnete. Einen Ast! Was rechte Maler sind, die tun sich in Farben um und suchen Bilder zustande zu bringen, solche, wie sie hier und dort hängen,oder Landschaften, Wasserfälle und Kapellen, die an Seeufern unter Bäumen liegen. Als ob man das nicht wüßte ... dieser Narr.«

»Er hat mit Kohle auf Papier das Gesicht eines Mannes gezeichnet«, sagte Melchior. »Kein Gesicht sieht so aus, und es erscheint, als sei es nicht fertig. Er hat es mit einer Nadel an die Tapete gesteckt. Dieses Gesicht ist lebendig, ich muß daran denken, es geht mit mir umher, redet und schaut.«

Iduna kicherte. Sie dachte an etwas anderes:

»Herr Friedel weiß über ihn Bescheid. Hör ihn reden.«

»Das höre ich den ganzen Tag und die halbe Nacht.«

Auf der Treppe klang Afras Schritt, und Iduna verschwand. Melchior stieg umständlich vom Tisch.

»Afra«, sagte er, als das junge Mädchen eintrat, »ich brauchte ein wenig Geld.«

»Gut, der Verwalter wird dir geben.«

»Er sagt, er habe nichts mehr zu seiner Verfügung.«

»So warte bis morgen ... Nun?«

»Der Wein geht zu Ende.«

»Können vier Menschen in zwei Monaten einen Keller leeren?«

»Es wird schon seit vielen Monaten getrunken, Herr Friedel trinkt allein ...«

»Schweig. Das war keine Frage.«

»Martin ist die Erlaubnis gegeben, so viel zu trinken, als er will.«

»Dir nicht auch, Melchior?«

»Ich trinke nicht, Afra ... Afra!«

»Was ist denn, Melchior?« Sie trat auf ihn zu und beugte ihr blasses Gesicht über den Alten. »Stimmt es einmal wieder nicht? Müssen wir den Herrn fragen?«

»Er schläft in Gott«, stammelte der Diener.

Das Mädchen sah ihn forschend an.

»Du hast Schatten unter deinen Augen, Afra, du siehst krank und traurig aus. Ich kann nichts tun?«

»Nein, laß doch. Es muß gehen, wie es will ... ich ...«

Sie sah sich um, als suchte sie jemand.

»Es ist niemand da«, sagte Melchior.

Afra lehnte sich an die Tür. »Ich weiß«, sagte sie besonnen und mit traurigem Nachdruck. Sie erschien schlank und groß, wie sie in verlorener Befangenheit in dem hohen dämmerigen Saal stand, ratlos, wie nach einem zögernden Schritt ins Ungewisse. Die Verblichenen der Bilder sahen auf sie nieder.

»Melchior«, sagte sie plötzlich, »weißt du, was der Sessel dort bedeutet?«

Der alte Diener nickte.

»So was darf man nicht tun«, sagte er feierlich. »Die Toten soll niemand zum Gespött machen, wer von uns könnte ertragen, zu denken, daß Überlebende ihr Spiel mit unserem Andenken trieben? Sie haben den Sessel an den Tisch gerückt, damit nachts der Geist des Toten mit ihnen zechen soll, sie geben ihm Rotwein, hat mirMartin gesagt. — Iduna geht nachts zu Herrn Gentler ...«

»Schweig. Iduna kann tun, was sie will. Tue ich nicht genug, wenn ich ihnen die Felder pflüge?! Für die Sauberkeit ihrer Stuben mögen sie selbst sorgen.«

»Sie treffen sich im Zimmer der gnädigen Frau«, fuhr Melchior eigensinnig fort, mit einem verborgenen Jammern in der gebrechlichen Stimme, »und dort ist es noch alles beim alten.«

»Morgen werden die Zimmer geleert und umgeräumt.«

»Der Herr Graf will es nicht.«

»Ich will es«, rief Afra.

»So sprich, ich bitte dich, mit dem Herrn.«

Afra fuhr steil empor.

»Ich rühre diese Dinge mit meinen Worten nicht mehr an. Ich schicke Martin mit Feldarbeitern, wenn morgen noch ein Stuhl dort auf seinem Platz steht. Gesindel!«

Melchior atmete auf.

»O Afra, so hast du lange nicht mehr gesprochen. Warum läßt du so viel im Schloß geschehen?«

»Ich, Melchior — ich?«

»Ja, du, Afra. Du bist die Herrin. Du hast deine Augen abgewandt und machst doch gemeinsame Sache mit den anderen. Seit der Fremde im Hause ist, läßt du mit bösen Augen die anderen verderben. Ich bin ein alter Mann, ich habe nichts mehr zu verlieren als die Zeit bis zu meinem Tode, die man sicherlich in Monatensagen kann, aber ich seh' die Ereignisse ohne Mißgunst und ohne Habgier. Dann erscheinen sie oft in einfachen Gestalten, die sich verstehen lassen. Du hast niemand, der Fremde ...«

»Steck deine Kerzen auf«, sagte Afra und ging hinaus.

Friedels langgewordenes Haar fiel ihm tief in die Stirn, als er seine braune Geige stimmte. Der Saal strahlte. Die alten Goldrahmen der Bilder blinkten auf, und die Angesichter der dargestellten Herren und Frauen sahen aufgerichtet, wie erneuert, mit belebten Zügen in den Glanz der großen blühenden Kronen. In den Wandteppichen blitzte es hier und da von einem auffunkelnden Goldfaden, und die dickfaltigen Damaste vor den hohen Fenstern wirkten nicht als Verkleidungen der Wege in die freie Nacht, sondern als schwerer Zierat an undurchbrochenen Wänden.

Friedel fiel es auf.

»Liebe Kinder«, sagte er und sah Afra an, »bedenkt, wo wir uns hier befinden. Wenn man sich vorstellen könnte, die Nacht draußen über der Welt sei Erde, so ist dieser Saal in ihr wie ein von innen erleuchteter Sarg.«

Der Prophet, der neben Afra ihm gegenübersaß, sah Friedel mit aufleuchtenden Augen an.

»Das ist ein gewaltiges Bild«, sagte er.

»Wieso?« meinte Friedel geschmeichelt, »mir kam das nur so in den Sinn, ganz zufällig.«

»Ja«, sagte der Fremde, »wenn Sie nachgedacht hätten, würde es Ihnen wohl nicht eingefallen sein.«

Friedel lachte, zugleich amüsiert und beleidigt. Dann beugte er sich wieder über seine Geige.

»Mein Liebchen«, sagte er, »meine einzige Freude.«

»Willst du sie nicht Iduna nennen?« fragte Afra.

Friedel sah bitterböse auf. Ihre Augen verhinderten den Ausbruch seines Zorns.

»Höhne nicht«, bat er heiser und riß den Bogen wild über alle vier Saiten zugleich, aber der Mißklang ging erlöst in ein fernes, helles Klagen über, und es wurde ein Lied daraus.

Helmut faltete die mageren Hände, Afra sah in das finstere Angesicht des Fremden, den sie im Schloß auf Friedels Beschluß hin den Propheten nannten. Die Musik verdüsterte sein großes, etwas ungefüges und so gar nicht schönes Menschenangesicht. Seine umschatteten Augen, von Schwermut dunkel, lagen grüblerisch versunken im Rausch der Töne. Afra konnte keinen Blick von ihm wenden. Der rote Wein vor ihm im Glas funkelte wie fließende Rubinen um das Wappenschild von Wartalun, das Doppelkreuz und die gereizten Pfauen, die einen Ring zerrten. Das Mädchen wußte, im Wappen stand das große Wort: »Wer hat, dem wird gegeben.« Es war in feinen Goldlettern in die Gläser graviert.

Mitternacht war längst vorüber. So gingen nun seit Wochen ihre Nächte dahin. Afra gestand sich ein, daß sie diese wüsten Stunden nur um des fremden Manneswillen erlitt, der sich auf seine ruhige Art zu diesen Gelagen einfand, der am meisten trank, sich doch niemals zu beteiligen schien und nur ganz selten sprach. Anfänglich hatte es sie tief beunruhigt, daß er so überzeugt und hingebend trinken konnte, weil sie befürchtete, es möchte seinem Körper, der ihr schwach erschien, schaden, aber da sie niemals eine Wirkung durch den Wein bei ihm beobachtet hatte, die ihr auch nur leisen Unwillen erregte, ließ sie geschehen, was er wollte. Hatte nicht auch Graf Konstantin den Wein geliebt? Man erzählte unerhörte Wunder seiner feuchten Taten. Und sie hatte jeden verstehen gelernt, der sein vom Tag zerspaltenes Herz in den goldenen Müdigkeiten und mattäugigen Ahnungen neu vereinte, in denen die Geister des Weins es zur Ruhe betteten. War nicht der Winter traurig und lang? Bis wieder Frühling geworden war, bis wieder die weißen Wolken im Blau über die blühenden Bäume zogen, die Buchfinken schmetterten und der Wald vom Kuckuck klang bis spät in die duftende Dämmerung ...

Helmut fuhr empor und schüttelte den zurückgeworfenen Kopf. Afra sah in seinen Blicken das trübe Wanken des Weins, und sie kannte diese schwächliche Schwerfälligkeit seiner Lippen beim Sprechen aus mancher Nacht. Wie hatte sie es nur ertragen gelernt? Sie nahm ihr Glas.

»Wie lange«, sagte er breit und roh, »braucht eine Leiche, bis sie im Moor verwest? Ich will es jetzt wissen.«

Der Fremde, der Paule hieß, Benvenuto Paule, hob seinen Kopf und sah Helmut an, ohne zu sprechen. Afra fühlte sich tief verletzt.

»Ich gehe!«

»Bleibe doch«, sagte Friedel, »bis die Kerzen niedergebrannt sind. Es wird dunkel, wenn du gehst, es wird entsetzlich. Du weißt nicht, welche Geister dein Hiersein im Bann hält.«

»So schweigt von solchen Dingen!« Sie sah auf den Fremden. Es schien ihn nicht berührt zu haben, daß sie fort wollte. Er trank sein Glas leer und stellte es ruhig hin.

Martin, in seiner roten Livree, trat hinzu und füllte es neu. Es war Helmuts Wunsch, daß die Diener des Nachts in ihren Staatsröcken einhergehen mußten. Er hatte Afra vergebens gebeten, nie anders als in ihrem schwarzen Kleid aus Samt zu kommen, mit ihrer schimmernden Feder und der Goldkette, die er selbst ihr aus den Schmuckschätzen des Hauses geschenkt hatte. Sie hatte es nie getan, aber heute verspürte sie eine heimliche Lust dazu, es trieb sie ein Verlangen nach Preisgabe und Verschwendung. Ihre Hände und ihr Herz waren vom Halten und Leiten ermüdet, alles umher glitt dahin und hinab. Waren dies nicht die Menschen ihres Lebens? Es machte einsam, stärker als sie zu sein. Und für wen blieb sie es?

In seiner merkwürdigen Gleichgültigkeit gegen Wert und Beschaffenheit anderer Menschen, die in seiner Nähe weilten, erhob Paule seine Hand, und mit einer versunkenenHingabe der Begeisterung, die feierlich wirkte, sagte er plötzlich laut die Verse:

»Daß uns ein Gott verführte, in Liebe gemahnend,eng im Geringen das Abbild des Großen zu sehn;die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.Ewige Seele du, zitterndes Wissen von Gott,einsamer Abglanz der makellos wirkenden Kraft;die dir kein Mühn das Glück der Gemeinschaft schafft,eh' nicht dein Glanz aus der sinkenden Schale bricht.«

»Daß uns ein Gott verführte, in Liebe gemahnend,eng im Geringen das Abbild des Großen zu sehn;die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.Ewige Seele du, zitterndes Wissen von Gott,einsamer Abglanz der makellos wirkenden Kraft;die dir kein Mühn das Glück der Gemeinschaft schafft,eh' nicht dein Glanz aus der sinkenden Schale bricht.«

»Nein, so ein Prophet«, sagte Friedel verlegen. »Soll ich spielen?«

Der Fremde sah ihn an: »Das wäre schön«, meinte er.

Afra war, als blutete ihr Herz in einem breiten Strom, der es entleerte und schmerzhaft leicht und demütig werden ließ. Niemals hatte sie aus dem Mund eines Mannes Verse gehört, die ins Herz sanken wie der Wein ins Blut. Sie nahm mit zitternder Hand ihr Glas, und ihr schönes blasses Gesicht bekam einen Ausdruck von unbändigem Stolz. »Die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehen ...«

Helmut, der wie jeden Abend viel und schnell getrunken hatte, erhob sich plötzlich krampfhaft. Er mußte sich am Tischrand stützen, tat es mit der einen Hand und schaukelte mit der anderen sein schönes goldenes Weinglas von Wartalun:

»Wir tappen in dem blassen Schimmer nackter Frauenleiber in unser dunkles Heimatland ...«, schrie er, »wer will sagen, er habe ergriffen, was er gesucht hat?Im Sturz des brennenden Bluts erblindet unsere Sehnsucht für kurze Zeit, dann schimmert es wieder bleich empor, nicht sie, nicht Eine, nein, es ... es ... greift es doch! Wer hat es gegriffen?!«

Afra war aufgesprungen, aber sie vermochte nicht zu fliehen. Im Grauen vor dem, was ihre Sinne erschauten, rief es sie wie bei ihrem Namen. Sie starrte in Paules Züge voll zergrübelter Hingabe.

»Gelobt sei deine Treue«, seufzte Friedel mit tiefer Andacht seinem Wein zu. Dann stand er auf und stützte Helmut.

»Denk nicht so vielerlei, Bruder auf der Fahrt zum Orkus, das Denken macht aus dem besten Kopf ein Sieb.« Er setzte ihn unsanft auf seinen Stuhl nieder.

»Fürst von Wartalun«, sagte er, »denk an dein verschenktes Königreich.«

Paule wandte sich an Afra. Er nahm ihr Armgelenk mit einem sonderbaren Lächeln:

»Es sind immer die Hoffnung und der Tod«, sagte er. »Sie dürfen nicht in Trauer versinken, Afra. Alles wird einst gut sein.«

»Prophet, predige laut«, rief der Lump. »Steck dich nicht hinter die Frauenzimmer und intrigiere nicht gegen mich. Du ißt unser Brot und trinkst unseren Wein!«

Paule sah Friedel an.

»Dir habe ich nichts zu sagen«, antwortete er ruhig.

»Du bist ein Feigling, ein Schleicher, ein Lebensspion; innerlich lachst du, während uns das Herz verdirbt und davonfließt. Du bist hinterlistig und verrucht, dubalsamierst dein behaartes Maul mit heiligem Öl und beraubst uns mit deinen Eulenaugen!«

Friedel hielt inne, als er Afras Gesicht sah; Paule schwieg. Friedel, bald Helmut, bald Afra zugewandt, stammelte: »Er verteidigt sich nicht, ist das ein Ungeheuer, nein, so hört doch.«

»Warum schweigen Sie?« sagte Afra, zu Paule hingebeugt.

»Trinken Sie nicht mehr«, antwortete er ihr.

»Martin, schenk mir ein!« rief sie.

Martin kam, ein rotes, funkelndes Etwas, aus dem Hintergrund, sie fühlte ihn in ihrer Nähe, er beugte sich nieder, und sie hörte den leisen, gläsernen Gesang des Weins in ihrem Kelch. Sie trank ihr Glas auf einen Zug aus.

»Ach Afra«, klang es neben ihr. Für einen raschen Augenblick sah sie seinen stürmischen Lockenkopf. Bruder meiner Kindertage, dachte sie zärtlich. Sie ritt als Mädchen über den stillen Moosgrund der Forsten von Wartaheim, die Sonne schien durch die Zweige, Rotkehlchen sangen, der grüne Waldweg zog sich, ein lichter Laubengang, in geheimnisvolle Waldestiefe hin ...

Das Bild versank.

»Sie sprachen damals von ein paar Tagen ...«, sagte Afra zu Paule mit einer Stimme, von der Schmerz und Stolz ausgingen wie Kälte, »nun sind Sie schon Wochen hier, ohne daß jemand Sie gebeten hat.«

»Bravo!« schrie Friedel. »O verflucht, das war herrlich. Afra! Dein Glas!«

Von den Sternen der Kerzen, aus dem trüben Lichthimmel herab sank eine böse heiße Stille. Der Fremde ließ sich auf seinen Stuhl zurücksinken und schwieg. Helmut starrte über seine Fäuste, die auf dem Tisch lagen, in Afras Gesicht. Er hatte schon eine lange Weile so gesessen und sie angesehen, bald sie und bald den Fremden, mit einem wehen Ausdruck qualvoller Hellsichtigkeit. Nun stöhnte er plötzlich in dieser Stille, in der Friedel hochaufgerichtet dastand und Afra sein Glas hinreckte, aus tiefstem Herzensgrund auf, mit einem tierischen Klagelaut in der Kehle, und schrie das Mädchen heiser an:

»Ist es wahr? Ist es wahr? Afra, erbarme dich meiner! Sag die Wahrheit. Dann kommt ... die große ... Ruhe ... endlich.«

»Ja«, sagte Afra, »es ist wahr.« Sie ahnte nur dunkel, worauf sie antwortete.

»Verfluchte Nacht, verfluchte Nacht«, rief Friedel. »Wer versteht noch die Fratzen Gottes und die Engelspfoten des Teufels. Ihr hättet mich fortlassen sollen ... gleich, eh' Elsbeth starb ...«

Paule hatte sich aufgerichtet. Er warf einen Blick auf Helmut, dann schob er Afra sein Weinglas hin, wies auf die goldene Inschrift und sah sie an. Sie las wider Willen die Worte von Wartalun:

»Wer hat, dem wird gegeben.«

Er wartete mit geneigtem Haupt, indem er ihre Augen suchte, bis sie ihn ansah; darauf stand er auf und verließ den Saal, der in halber Dämmerung lag,weil ein Teil der Kerzen niedergebrannt und erloschen war.

Was wird dir gegeben, dachte Afra, und erglühte in einem Schauer. Ihr war, als habe die Inschrift des Glases von Paule gesprochen und als nähme er ihre Worte mit sich fort in seine geheimnisvolle Welt voll unbestimmbaren Glaubens.

Afra hatte einen kurzen Schlaf der Betäubung geschlafen und erwachte am anderen Morgen, als es noch dunkel war. Sie sprang empor, als sie sich in ihren Kleidern auf dem Bett liegen fühlte, machte Licht und kleidete sich um, nachdem sie ihren Körper in kaltem Wasser gebadet hatte. Die Kerze leuchtete ihr bang und liebevoll in ihrer großen, leeren Stube, die von allen Gerätschaften eines Schlafraums nur das Notwendigste enthielt und nicht auf den Aufenthalt eines jungen Mädchens schließen ließ.

Sie fühlte sich wohl und stark, die seltsame Nachtstunde, die den Morgen empfangen sollte, gefiel ihr. Sie lauschte auf die ersten vertrauten Klänge erwachenden Lebens, die aus den Ställen und vom Hofe her zu ihr hereinklangen. Eine Pumpe sang, und sie hörte, daß ein Wagen aus der Remise geschafft wurde, das Pfeifen eines Knechts scholl draußen in der frühen Dunkelheitund hin und wieder ein schwerer, langsamer Schritt für eine kurze Weile.

Sie stieß ihr Fenster auf. Die Luft hoch am Himmel zwischen den kahlen Zweigen der Linde war von seligem, fernem Blau, darin zogen seine Wolkenschleier in freudiger Leichtigkeit, und ein Stern stand blank darin, hell, wie aus geputztem Messing. Drüben schaukelte in der Tür des Pferdestalls eine Laterne.

Afra klatschte in die Hände, bis eine Magd zögernd hervortrat und sich umschaute. Sie verlangte Milch von ihr, die ihr gleich darauf mit einem freundlichen Morgengruß und mit glücklichem Lächeln zum Fenster hineingereicht wurde; in einem blechernen Litermaß, überschäumend und warm. Sie trank hastig, und von Gesundheit übermütig und erhoben, schritt sie bald darauf über den Hof. Da sah sie, daß es geschneit hatte. Wie konnte nur diese feine weiche Decke von blauem Licht so beseligen? Sie rief schon von außen her Joni bei Namen, und das Pferd wandte sich nach ihr um, als sie den Stall betrat. Sie sattelte es selbst, umständlich und mit Gefallen an der Wohlbestelltheit des wertvollen Geschirrs und des schönen hellen Lederzeugs, alles an diesen klirrenden, starken Geräten war bedacht und zweckvoll. Die bekannten Geräusche, der Duft des Stalls und Jonis blanke Haut, ihre zarten Nüstern und ihre kluge Anhänglichkeit taten ihr unendlich wohl.

Was kümmern mich Lumpen, Barone und Propheten, dachte sie lachend, als sie durch das Tor in ihre herrliche Freiheit ritt.

Ihr Auge gewöhnte sich an die Dämmerung, und es erschien ihr, als würde es rasch hell. Dazu trug das Schneelicht bei, das von der dünnen hellen Decke emporglomm, die die Erde bedeckte. Jonis Hufe klangen gedämpfter als sonst und ließen dunkle Tapfen auf dem Weg zurück. Sie ritt um den Garten herum durch die kalte Morgenluft, um die Landstraße nach Wendalen zu erreichen, ihren liebsten Weg, der sich bald in die Niederungen des Moorgeländes senkte und zwischen Weiden und Pappeln in die Wiesen ihres Guts führte. Hier hatte sie zu Beginn des Sommers Helmut zum ersten Male gesehen:

»Ich bin Afra ...«, wiederholte sie mit einem Lächeln ihre Worte, die ihn damals so bestürzt gemacht hatten.

Es war hell geworden. Der Himmel war verhangen, aus den Forsten zogen Krähen lautlos mit schweren Flügeln über Land. Afra sah mit heimlichem Entzücken Wildspuren, die über den Weg führten, die breiten Eindrücke der Hinterläufe hüpfender Hasen und den zierlichen Tritt des Rehs. —

Fort mit euch, ihr Gedanken voller Unfriede, ich will euch nicht in die Natur hinaustragen, die mich erquickt. Es muß jeder seinen eigenen Weg suchen, die Wege zur Natur stehen allen offen, in denen ihre Wohltaten widerklingen. Plötzlich mußte sie an den Marder denken, der an einem Morgen dieses Sommers von ihrem Schrot im Gras verblutet war. — Aja und Fenn waren ja nicht bei ihr. — Sie hielt Joni an. Die Nüstern des Tieres,das den schönen kleinen Kopf aufwarf und senkte, dampften in der kalten Morgenluft ... die Gehänge der Zügel klirrten ... hatte sie nicht gestern Paule fortgeschickt? War es nicht selbstverständlich, daß er, nach solchen Worten aus ihrem Munde, gehen würde, sobald der Tag anbrach? Oder war er vielleicht schon in dieser Nacht davongeschritten, ihm war alles zuzutrauen, er fürchtete keine Unbilden der Witterung, und für ihn hatten die Tagesstunden keine Gesetze. Mochte er gehen, wohin er wollte. Aber sie nahm Joni herum und ritt langsam zurück.

»Die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.«

»Die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.«

Als sie Paule noch kaum ein paar Tage kannte, war er ihr eigentlich schon lieb gewesen, das galt es sich einzugestehen. Er hatte ihre Fragen eigentlich niemals klar beantwortet, aber er sprach zuweilen über sich, wenn sie nicht fragte, und dann war ihr gewesen, als habe er nicht eigentlich sie gemeint. Sie sah ihn Tage tatenlos verbringen, dann wieder stundenlang ohne Rast über eine Arbeit geneigt, in unwirschem Eifer, scheinbar ohne noch von der Welt zu wissen, die ihn umgab. Sie hatte sich anfangs vergeblich bemüht, die Resultate seiner einsamen Mühe zu würdigen, für die er von niemand Beachtung forderte. Er zeichnete zumeist mit seiner plumpen Kohle, die, obgleich seine Bilder alle dunkel wirkten, zuweilen feine Schatten oder Linien hervorbringen konnte. Sie fand die dargestellten Dinge von seinen Blätternaus mit Mühe in der Natur wieder, wenn er sie ihr zeigte. Nur zuweilen kam es ihr aus seinen scheinbar so schlichten Gebilden entgegen wie ein dunkler Traumruf ihrer Erinnerung. Sie suchte betroffen in ihren Erfahrungen, fand nichts, das dem Erfühlten zu vergleichen gewesen wäre, und wußte doch, daß gleichsam die Stellung berührt und gebannt war, in der ihr Herz sich einmal befunden haben mußte, als gäbe es eine tiefere Wirklichkeit als die mit ihren vertrauten Sinnen erkennbare. Er zeichnete die Dinge nicht ab, sondern er verwandelte sie, als gäbe erst er ihnen ihre Beziehungen zum Herzen. Und doch begegnete ihr auf seinen Blättern dasselbe, was sie langsam, wie mit seinen Blicken, in ihrer Umwelt sehen lernte. Dann sah sie erschrocken in seine Augen, die unaussprechlich schwermütig, aber in strahlendem Blau, tief und groß in den Schatten unter der bleichen Stirn ruhten und traurig und gütig dreinschauten, befangen und doch stark.

Er ließ ihre Blicke nicht zu sich ein.

Wie kam es nur, daß sie bei einer dunklen Zeichnung, in der nicht mehr erkenntlich schien als eine düstere Steinmauer, die sich lang hinzog an einem armen Weg und über die unter einer kleinen hellen Wolke ein paar wilde Weinblätter niederhingen, an ihre Kinderspiele mit Martin denken mußte, daran, daß Graf Konstantin streng und mächtig war und daß man seine lieben Geheimnisse im Grünen bergen mußte?

Selbst aus seinen kleinsten Blättern erschien ihr alles Geschaute in der Erinnerung übermäßig groß. DasBildnis eines jungen Mannes, ein zur Seite geneigtes bartloses Angesicht, in dem unter halbgesenkten Lidern große und scheinbar ermüdete Augen niederschauten, blieb ihr unauslöschlich im Gedächtnis. Sie verband diese Züge mit der schwermütigen Melodie eines alten Volksliedes, und ihr war stets aufs neue, wenn sie das Bild betrachtete, zumute, als sei sie dem dargestellten Manne etwas schuldig, das einst von ihr gefordert werden würde. In der Neigung seines Hauptes lag eine Menschentraurigkeit, die durch keine irdischen Wohltaten zu überreden war, und das verwindende Heimweh nach dem Kinderland einer himmlischen Freude.

Als sie die Blicke nach langem Betrachten von diesem Bilde zu Paule wandte und ihn ansah, sagte er:

»Ich glaube nicht, daß Schönheit den Umweg über die Gedanken zu machen braucht, um sich in dem hellen Brunnen des Herzens zu spiegeln.«

Sie hatte ihm damals, ein wenig später, sagen müssen:

»Ich möchte, Sie hätten ein Bildnis des Grafen Konstantin gemacht.«

»Weshalb?« fragte er.

Sie besann sich. Dann meinte sie zögernd:

»Damit auch für die anderen etwas von ihm geblieben wäre.« —

Sie fuhr aus ihren Gedanken empor und warf zornig den Kopf zurück. Was kümmerte das alles sie? Sie bedurfte seiner Welt nicht in der ihren. Aber ihr Trotz stimmte sie traurig und mutlos. Ihr schien, alssei sie nicht mehr die alte, als habe man heimlich ein böses Spiel mit ihr getrieben und die giftige Bedrängnis des Mißtrauens in ihr Herz gesenkt. Vielleicht fehlten ihr nur die Sonne und ihre Arbeit. An Tagen wie diesem hatte sie früher zu Füßen des Grafen Konstantin gesessen und ihm vorgelesen, seine vorsichtige Liebe hatte ihre kleinen Betrübnisse durch die bunten Bilder seiner reichen Erinnerungen verbannt. Immer hatte er die Stunde beherrscht, den Tag, die Jahreszeit, ihr erschien es, als sei er ein Meister des Lebens gewesen, weil immer ein Vertrauen auslösender Glanz von Harmonie und Kraft von ihm ausgegangen war. Auch sein Alter ließ ihn nicht ärmer erscheinen, noch zurückgesetzter oder schwächer. Wenn sie sein Dasein mit dem Leben verglich, das seine Erben führten, wußte sie nicht, wie sie ihrer Scham und ihrer Traurigkeit Herr werden sollte. Ihre leidende Liebe sehnte die Gegenwart des Toten inbrünstiger herbei als je. Es erfaßte sie mit wildherziger Inbrunst das Verlangen, die Terrasse emporzustürmen und mit der Peitsche, die sie in ihrer Hand preßte, den Saal und die Stuben zu säubern vom Unrat der Schwächlichkeit, vom Moderduft des Verfalls und von der Niedrigkeit dieser Lebensarmut.

Sie nahm das Pferd wieder herum.

»Ihr bekommt mich nicht!« rief sie plötzlich laut und riß den Zügel an sich, so daß Joni, die nicht an willkürliche Behandlung gewöhnt war, in ein bedrohliches Tänzeln verfiel. Afra nahm die Zügel knapp:

»Gefallen dir meine Manieren nicht, Joni? Sehnstdu dich nach der Güte des Propheten oder nach Graf Helmuts gebrechlichen Knien? Oder soll dir der Lump eine Rede über das Galoppieren halten, um seinen Mut zu beweisen?«

Sie hieb plötzlich dem Pferd die Reitgerte von oben her über Stirn und Schnauze. Die Wirkung war furchtbar. Dieses edle Tier, das, wie alle Tiere von Rasse, die sich den Gewohnheiten eines Menschen angepaßt haben, mit erkennbarer Aufmerksamkeit auf die kleinsten Regungen seiner Herrin achtete, sah sich durch diese sinnlose Willkür, in einer Betäubung von Schreck und Schmerz, einer tödlichen Gefahr ausgesetzt.

Afra war vorbereitet, und ihre angespannten Glieder fingen den ersten Ruck mit zäher Geschicklichkeit ab, aber als nun in einem rasenden Sturmwind die Bäume und Büsche der Straße zu fliegen begannen, als die beschneite Bahn unter ihr wie ein sausendes Band erschien und das Tier auf keine Einwirkung ihrer Kraft mehr zu achten vermochte, packte sie der süßliche, heiße Schwindel einer hilflosen Preisgegebenheit. Ihr Hut blieb zurück, ihr Haar löste sich, sie hatte kein Empfinden mehr für den Kraftaufwand ihrer Hände, die in den Zügeln schmerzten, nur vom Sattel kam ihr noch ein bedrohtes Gefühl von Zusammenhang und Sicherheit.

Aber dieser Zustand dauerte nur ganz kurze Zeit. Joni hielt die Straße, und die Straße war lang. Das Mädchen riß ihr Knie empor und warf einen Fuß über den Nacken des Pferdes, so daß sie rittlings saß. Ein aufgebrachter Lebenswille voll zorniger Bereitschaftzum Tode, wie nur Jugend ihn in Augenblicken der Gefahr kennt, bemächtigte sich ihrer, und sobald ihr beflügeltes Verlangen Joni voraneilte, gewann sie ihre Sicherheit zurück. Sie hörte ihr Blut singen, wie den kalten Wind um ihre Schläfen und in ihrem flatternden Haar. Ihr Kleid klatschte wie eine Fahne im Sturm, und ihr Kinn war dicht über Jonis Ohren. Sie sah ihre Knie entblößt in weißer Umrahmung, und ein tolles Lachen, das wie ein seliges Geschrei klang, brach über ihre Lippen, die, zwei rote straffe Gürtel, an den Zähnen lagen und den wilden Atem ein und aus ließen.

»Ah, Joni, bist du müde? Wer ist Herr geblieben? Darf ich dich ungestraft schlagen, wenn ich will, so viel als ich mag? Nun steh!«

Sie sprang vom Sattel. Das schöne Tier zitterte heftig, die Flanken schlugen, und das glänzende Fell war über und über naß. Aber die Nüstern waren ohne Schaum, und die Augen sahen blank und angstvoll auf die Herrin. Afra befiel eine heiße Rührung, sie achtete nicht auf ihr verwildertes Aussehen, sondern führte das Pferd rasch den Weg zurück, obgleich ihre Knie vor Zittern fast den Dienst versagten und ihr Herz stürmte.

»Wenn du jetzt kalt wirst, war es dein letzter Galopp.« —

»Na ja«, meinte Martin, der sie am Tor empfing. »Da sieht man es ...«

Afra wußte, daß sie ihm keine Anweisungen zu geben brauchte, sie überließ ihm das Pferd und eilte auf ihr Zimmer, besorgt, niemand zu begegnen, kleidete sichum und ordnete ihr verworrenes Haar. Im Spiegel sah sie ihr böses, kaltes Angesicht. Martin, der mit einer Nachricht zu ihr wollte, wurde von der verschlossenen Tür verbannt.

»Ich muß zu dir, Afra.«

»Jetzt nicht, geh!«

»Es ist wichtig.«

»Bleib draußen!«

Den Ton kannte der Bursche. Er zog sich betrübt in sein vertrautes Bereich zurück, das er liebte. Afra hatte ihm damals einen Verwaltungsposten in Wendalen eingeräumt, aber nach kurzer Zeit hatte ihn Heimweh nach den Mauern von Wartalun gepackt, nach den Efeuwänden, dem Pferdestall und der Hoflinde. Das Mädchen hatte ihm lächelnd den Willen getan. Sie wußte, daß er nur in ihrer Nähe leben konnte, und seine Anhänglichkeit beglückte sie als die einzige Menschenliebe, die sie annahm. Aber seit Paule im Hause war, wurde Martin traurig, von einer Verdrossenheit, die in Trotz ausarten konnte, und seine Ziehharmonika verstummte. Dafür erlag er um so hingebender den Verführungen des Weins. Nur in Stunden, in denen Afra zu Pferd mit den Hunden über Land ritt, wurde sein Herz glücklicher. Den Propheten haßte er grimmig, und obgleich man seine Gunst und Abneigung in Wartalun und Wendalen sonst um seiner Fäuste willen zu beachten pflegte, wurde in diesem Fall zu seiner Demütigung nicht der geringste Vermerk davon genommen.

Afra warf einen letzten, besinnenden Blick in den Garten, dann schritt sie ohne Bedenken eilig über den Flur. Die Fliesen der Halle klangen an der Decke, an diesem grauen, leeren Morgen, es mochte gegen zehn Uhr sein. Sonst pflegte sie bis ins kleinste über den Gang der Zeit unterrichtet zu sein. Der kalte Wind kam durch die weitgeöffneten Türen der hohen Treppenhalle, draußen sah sie im Schneelicht die Efeumauern im Hof. Sie fuhr mit der Hand durch die kühle, feuchte Luft, mit jener Bewegung, die den Arm weit nach unten hin aufreckt und nach hinten herumwirft, wie nur Leute sie kennen, die den halben Tag mit der Reitgerte in der Hand verbringen. — Oben stieß sie, ohne anzuklopfen, die Tür zu Helmuts Arbeitszimmer auf. Erschrocken fuhr er aus der Tiefe seines Sessels empor und starrte sie an, sein Gesicht wurde, als er es ihr entsetzt zuwandte, von hinten her durch das leblose Morgenlicht beleuchtet, das matt durch die halbverhangenen Erkerfenster in den großen Raum eindrang. Seine grauen Züge und das verlöschende Glimmen in seinen kranken Augen beschwichtigten den Sturm in der Seele des Mädchens ein wenig. Sie atmete tief und lange und sagte dann rauh:

»Ich muß mit dir sprechen.«

Er erhob sich gebrechlich, stieß die Haare aus der Stirn und kam seinem Herzen mit der Hand zu Hilfe.

»Du warst lange nicht mehr in diesem Zimmer, Afra.«

»Friedel verläßt morgen das Schloß.«

»Wieso? Was soll das? Hat er es dir gesagt?«

»Ich will es.«

»Komm, tritt näher, Afra«, sagte er und tastete unter den Verwüstungen auf seinem Schreibtisch nach seiner Brille. »Es muß etwas geschehen sein, sag es mir. Was ist geschehen?«

»Du verkommst!« schrie sie ihn an. »Ich ersticke in dem Dunst, der von eurer Verlotterung ausgeht. Ihr beschimpft das Andenken des Grafen Konstantin. Jeder Atemzug, jeder Blick, der von euch zu mir kommt, erniedrigt mich!«

Er hatte zu Beginn ihrer Worte, wie in einer plötzlichen Erstarrung, sein Suchen aufgegeben, hatte sich ihr langsam zugewandt, und während er die geballten Fäuste gegen seine Brust preßte und das bleiche Gesicht, das von Ergriffenheit entstellt war, vorreckte, trat er langsam und schwankend, Schritt für Schritt, auf sie zu.

»Schweig! Schweig! Da stehst du, du, und sagst das mir? Hast du das ersonnen, entstammt das deinem Leibe, deinem Blut, deinen Gedanken, Mörderin du?! Du hast mich zu Boden getreten, hast mir alles genommen, was ich habe, und deinen frechen Fuß auf den Quellen meines Lebens, beschimpfst du mich, weil ich nichts mehr vermag als zu sterben ...?!« Er schien am Übermaß seines Hasses zu ersticken.

Afra stieß ihn mit ihren Händen zurück. Seine Worte berührten sie wie stäubender Schutt und heißes Blut, aber sie machten sie nicht einen Augenblick am Recht des Anspruchs irre, mit dem sie vor ihn hingetreten war. Vielmehr steigerten sie sie hinauf in jenes Bereich der herausgeforderten Seele, wo im Sturm derNot Bedrängnis zur Erkenntnis und Zweifel zur Gewißheit werden.

»Berühre mich nicht! Ich kenne die Hoffnungen deiner Hände. Du bist mir gleichgültig! Daß du nicht stirbst, ist deine Schuld. Ich weiß nur von einer Schuld, das ist mein Mitleid gewesen. Als mich dein Jammer überwältigte, hast du mich mit deinen Begierden besudelt.«

Helmut rang mit sich um Kraft, reden zu können. Er beugte sich dabei nieder und richtete sich auf, als kämpfte er unter einer schweren Last. Dabei schluchzte er stoßweise, und das Licht in seinen Augen, die Afra nicht einen Augenblick losließen, brannte in den Qualen eines gemarterten Tiers, das zwischen Schmerz und Wut der Empörung erliegt.

»Was ist dir geschehen? Welche Macht ist in dein Leben eingebrochen? Herzlose! Herzlose! Oh, herzlos bist du!«

»Was du vermißt, habt ihr mir geraubt! Ihr habt mich täglich geschändet. Euer gieriges Elend hat meine Augen aufgezerrt. Ich Kind, ich Kind, das ich war. Ihr habt meine Kraft gepriesen, und ich war krank vor Bitterkeit, wenn euer Rühmen mich verhöhnte. Mein Erbarmen mit dir hat dein Blut mit schmutziger Süßigkeit gefüllt.«

»Afra, von dieser Sünde macht die Liebe keines Gottes dich rein. Oh, wie mißbrauchst du die Liebe, die dir begegnet ist. Du weißt nicht, was du tust!«

»Ich weiß es!«

»Du weißt es nicht. Schweig! Gott im Himmel über uns Verlorenen wendet sein Angesicht vor Grauen von dem ab, was du tust und was du getan hast.«

»Dann verachte ich euren Gott. Dann spotte ich seiner. Dann verlästere ich seine Liebe und schände mit meinen Händen sein Heiligtum. Ich werde bis an die Stunde, in der ich sterben muß, keine Gemeinschaft mit eurer Liebe haben. Mit einer Liebe, die zur Güte zu klein und zum Sterben zu schwächlich ist, die die Toten in ihren Gräbern aufstört und sich in den kläglichen irdischen Resten ihrer Hinterlassenschaft wälzt, die ihre Altäre in ungelüfteten Zimmern errichtet und ihr kränkliches Feuer am Unmaß des Weins entzündet. Ich fordere von dir, der du mich weder siehst noch verstehst, daß du dies Haus um meinetwillen säuberst.«

Helmut stützte sich hinter seinem Rücken am Tisch und drohte umzusinken. Sie hörte in der Stille, die entstand, seine klammernden, zuckenden Finger am Holz. Sie hörte es, trotz der übersinnlichen Erhobenheit ihres Bluts, so deutlich, als sei sie nur in diesem Zimmer, um darauf zu lauschen. Dabei dachte sie: Fall nur! Ihr Körper war kalt bis in die Augenlider, und ihre Atemzüge kamen schwer und tief her und ganz regelmäßig.

»So spricht kein Mensch«, keuchte er endlich; aber dann wand er sich empor, und beide Hände gegen sie ausgereckt, schrie er:

»Geh! Hinaus mit dir, du Verderberin, du Höllische ... Du verläßt mein Schloß noch heute, hörst du, hörst du? Ich weiß, was dich treibt!«

»Ich höre, aber ich bleibe. So erbärmlich mußtest du noch werden, eine Macht zu mißbrauchen, die du nie hast brauchen können. Meinst du, ich hätte das nicht hundertmal eher gewollt als du? Aber ich kann nicht. Wartalun gehört mir, jeder Stein dieses Schlosses, jede Scholle auf den Äckern und jeder Baum, denn ich liebe Wartalun. Du kannst deine Liebe verraten und verwandeln und schänden und schwankst zwischen Totenlämpchen und dem Sonnenschein hin und her, aber ich kann es nicht. Was ich liebe, lasse ich nicht. Eher wirst du die eiserne Pforte vom Grabmal im Garten hinter mir verriegeln, ehe du mich um einen Schritt aus der Heimat des Toten verbannst. So nimm mir doch Wartalun, wenn du es wagst!«

»Sollte es ... oh, du wirst sehen. Sollte es keine Macht geben, dir zu weisen, wie weit deine Rechte gehen?! Warte eine Stunde ...«

»Für dich gibt es diese Macht nicht.«

»Du sollst sehen!«

»Weißt du nicht, wer am Tor stünde, um mich zu halten, wenn ich ginge?«

»Oh, du weißt meine Liebe zu dir als Waffe gegen mich zu brauchen!«

»Du lügst! Ich verteidige mich, du drängst mich in solche Not, in der ich nach diesem Mittel greifen muß, um zu hüten, was mein ist. Hasse mich, das ist das Recht der Furchtsamen, ich brauche deine Achtung nicht. Aber was mich von Gottes wegen an dies Schloß bindet, wirst du achten müssen. — Ja, so höre es heute: ich willes haben. Ich will reich werden, weil ihr arm seid. Verstehe es, wer will, aber hättet ihr nur einen meiner Wünsche nach eurer Kraft und eurem Herzen erfüllt, so würde ich euch eure Schollen und Scheunen gelassen haben, euer Schloß und euer Gold. Aber so nicht. Ihr habt mich dorthin gezerrt, wo solche Werte gelten, nun fühlt, daß nicht einmal sie euch zukommen. Mich hat nach keiner Frucht im Garten und nach keinem Halm auf den Wiesen verlangt, solange dies Land seinen starken Besitzer hatte, dessen Herrensinn mir mehr bedeutete als das Vergängliche, darin er sich bewährte. — Aber du bist ein verlotterter Schwächling. Die Erde, die dir gegeben ist und die ihre Rechte fordert, steht gegen dich auf, nicht ich.«

Helmut sah Afra mit großen, entgeisterten Augen an, alles Leben, jede Kraft schien aus seinen Zügen gewichen, selbst sein dumpfes Bewußtsein, daß ein richterliches Wort ihn traf, war nicht mehr stark genug, ihn zwischen Haß, Demut und Begierde zu schützen. Er keuchte:

»Daß ich nicht leben soll, um den Menschen sagen zu können, daß es dich gab, daß du lebtest, tötetest ... weißes Feuer du! Aus diesen nackten Fackeln kam Gottes Gerechtigkeit zu mir ...«

Plötzlich schrie er laut:

»Menschen! Menschen herbei. Ich will zurück. Ich kann nicht sterben! Die Finsternis steigt! Ich will, daß man mir hilft ...«

Afra stand starr wie eine Bildsäule vor ihm, das Erbarmen, das in ihrer Seele emporstieg, erstickte inihrem Abscheu. Eine Macht ihres Blutes, die sie nicht kannte, hinderte sie daran, hilfreich zu sein oder sich in Mitleid herbeizulassen. Mag es zum Tode führen, dachte sie, auch zu meinem, er wird das Schlimmste sein, und ihn kann ich hinnehmen. Ihr war, als würde sie ihr ewiges Heimatsrecht an die Lichtwelten ihrer Zukunft verwirken, wenn sie nur einen Schritt noch in das Bereich dieses Versinkenden tat, dessen Gebaren ihr Grauen einflößte, ja Todesangst.

Da tauchte, ihren geistigen Augen deutlich sichtbar, ein unerwartetes Bild vor ihr auf und ließ sie heiß erschrecken. Sie sah plötzlich Paule in einem Schmerz niedersinken, der der Qual Helmuts zu vergleichen war. Sie erblickte sein leidendes Angesicht, verzerrt von irdischer Menschenbedrängnis, von Leidenschaft zerrissen und ohne Halt, ohne Hilfe. »Nie, nie darf's so sein«, rief es in ihr. »Ich will mich vor alles stellen, was dich quälen könnte, nichts soll dich erniedrigen, solange ich atme und solange ich mich bewegen kann, nie darfst du gedemütigt dastehen, ich würde sterben.«

Nun war ihr, als verstünde sie Helmut in einem besser, als alle anderen ihn jemals würden verstehen lernen; darin, daß Menschen nicht sagen können, was ihr Herz versehrt und zertrümmert, ja auch nur, was es in seinen Tiefen bewegt. Niemals und niemandem. Daß eine eherne Scheidewand zwischen den Seelen der lebendigen Menschen aufgerichtet ist und daß jedes Leibesblut seinen eigenen Takt schlägt und daß das Angesicht, entstellt von Traurigkeit, nur sein schweres Lächeln zu denrankenden Blüten emporsenden kann, die sich über die hohen Schranken für kurze Zeit in der irdischen Sonne niederneigen.

Da erwachten ihre Sinne zu einem Erbarmen, das Helmut nicht meinte, ja das ihn kaum kannte, sondern das ihr erstes bitteres Gemeinschaftsgefühl mit den Irdischen darstellte. Es wehte ein Geruch jener hellen Blüten zu ihr nieder, die die Menschenkinder die Finsternis ihres Alleinseins vergessen lassen. Und während ihre Seele die erwachenden Augen über das Meer ihres eigenen Schicksals erhob, noch benommen von heimlicher Furcht und heraufdämmernder Himmelshelligkeit, sagte sie rasch und hilflos die Worte, die ihr selbst fremdartig und ungewollt erschienen:

»Ich bin gut, höre mich an, gut bin ich! Leb wohl. Verklag mich nicht, denn wer kann bestehen, ohne zu tun, was seine Pflicht ist?«

Sie verstand seine Antwort nicht, denn sie verließ nach diesen Worten das Zimmer. Auch sagte er nur:

»Wer bestehen kann? — Wenn du bestehst, soll alles gut sein, meine Pflicht ist, davonzugehen.«

Benvenuto Paule hatte in der zurückliegenden Nacht einen kurzen Brief an Afra geschrieben und sich nach zweistündigem Schlaf erhoben, um das Schloß zu verlassen. Eine seiner Zeichnungen, jenes Bild einesjungen Mannes, das Afra kannte, hatte er auf einem Tisch, mit dem Brief zugleich, für das Mädchen zurückgelassen. Seine geringen Habseligkeiten trug er in einem Bündel über die Schulter geworfen, und eine große graue Mappe mit seinen Zeichnungen und sein Stock waren alles, was er sonst mit sich davontrug. Er ging, wie er gekommen war.

Im düsteren Zwiegespräch mit seiner Seele schritt er dahin durch das Dämmerlicht der grauen Nacht, in der es schneite, die den Morgen nur zögernd über die Erde herabließ. Das ebene Land, dessen Horizonte im Nebel zerflossen, war von unaussprechlich trauriger Einförmigkeit, nichts erklang umher, alles schlief, nur seine Schritte auf der Landstraße erschollen, gedämpft von der feinen bläulichen Decke des ersten Schnees.

Hinter ihm versank Wartalun in einem uferlosen Meer von Grau, das keine Küsten und keine Horizonte hatte, keinen Grund und keinen Himmel. An einem Herbsttag voll Klarheit und Abendsonnenschein war es ihm auferstanden mit seinen festen Mauern und seinen gesicherten Türmen, im Schutz der großen Eichen, im Spiegel der blanken Wassergräben, darin die großen Blätter der Ahornbäume schwammen. Es war ein weltabgeschlossenes Reich gewesen, wie es von den Träumen der Menschen gesucht wird, die am Unfrieden und an der Bosheit der Städte und aller lauten Menschengeselligkeit leiden. Für ihn selbst war Wartalun der Begriff seines Schicksals geworden, Wartalun hieß sein irdisches Los.

Aber die Gedanken des einsamen Wanderers, mit denen er sich Kraft und Halt zu geben hoffte, verirrten sich bald in einem warmen Sturm, der aus den Landschaften seiner Seele daherwehte und ins Reich des Unbewußten hinüberführte. Unter seinen Verführungen erblindeten die wachsamen Augen der Seele.

Er blieb auf dem Wegrand stehen, auf dem er in der trüben Morgendämmerung dahinschritt, schlang seinen Arm um den Stamm einer nassen Esche, die dort am Graben der Straße wuchs, legte seine bleiche Stirn auf den Rücken seiner Hand und weinte. Der kalte Morgenwind des verlassenen Landes kam zu ihm, und sein Schluchzen vermischte sich mit den Atemzügen des erwachenden kurzen Tags. Die winterlich entschlafene Erde hörte ihn nicht, und die erstarrten Pflanzen harrten reglos ihrer eigenen Erlösung. —

Der Brief, den er an Afra geschrieben hatte und den das Mädchen auf ihrem Zimmer fand, als sie Helmut nach jener verhängnisvollen Auseinandersetzung verlassen hatte, lautete:


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