Viertes Kapitel

Nun war es Nacht, und über Wartalun stieg langsam der große Mond herauf. Die vielgestaltigen Dächer der Erker und Mauern lagen hier weißlich undscharf in seinem Schein, als seien sie mit Schnee bedeckt, dort ruhten sie ungewiß in blauer Dunkelheit. Durch die Eichen, die den Parksee auf freien Rasenplätzen umstanden, fiel das Licht in das ruhige Wasser, das Schilf rührte sich nicht, und die Schwäne schliefen. Sah man über die Steinmauern ins Land hinaus, so erblickte man hinter den Äckern, fern über dem lichten Teppich des Korns, die grauen flachen Seen des Nebels über dem Moor. Von dort aus mochte das alte Schloß in dieser Ebene beinahe wie ein ungefüges steinernes Ungetüm wirken, das am Rand des Eichwalds im Schlummer lag. Gewalttätig und gebieterisch lag es da und duldete nicht Haus noch Baum in der Nähe seiner Höhe. Das Licht der Nacht, das alles Belanglose des eifrigen Tags zu zeitlosen Gebilden der Welt emporzauberte, führte die Gedanken des Beschauenden in vergangene Jahrhunderte zurück. Alle Interessen des Alltags wurden unter diesem Anblick armselig und wesenlos, als käme es in der kurzen Zeitspanne irdischen Daseins auf ganz andere Dinge an ...

Wie hoch und warm wirkte dies große Zimmer im Mond. Der junge Gutsherr lag ohne Schlaf auf seinem Lager, lang ausgestreckt auf dem Rücken, ruhelos und müde, und betrachtete die Schnitzereien und Bildwerke der getäfelten Decke, die ihm im gedämpften Licht unwirklich und ungreifbar erschienen, als sähe er sie nicht, sondern als lausche er einer altmodischen Erzählung. Auf einer Eichentruhe, nahe am Fenster, lag ein breiter Streifen Licht wie ein leinenes Tuch, der alte Schrankim Schatten und die hochlehnigen Stühle bekamen in dieser Stunde ein eigen persönliches Ansehen. Ihm war zumute, als sei alles hier ihm feindlich gesinnt, er empfand sich als heimatlos, als Eindringling und rechtlos.

Neben sich vernahm er die Atemzüge seiner jungen Frau. Wenn er hinüberschaute, sah er im Dämmerlicht nur ihr dunkles Haar in den hellen Kissen. Er wußte nicht, ob sie schlief. Ihr Schweigen hatte ihn den Abend hindurch gequält, er wußte wohl, wie er es hätte brechen können, aber der Name war nicht gefallen, an den beide dachten. In einem eigensinnigen Schmerz, in einem unerklärbaren Schuldbewußtsein, die ihn peinigten, hatte er endlich ihren Namen genannt, aber er sprach dann nur von gleichgültigen Dingen.

Nun hörte er, wie sie den Kopf wandte.

»Auch du schläfst nicht, Elsbeth? Wie das Neue hier alles in einem zu verändern trachtet. Ich fürchte sehr, daß ich hier lange Zeit nicht zur Arbeit kommen werde. Die Verwaltung erfordert viel ernstliche Mühe, bis ich ein wenig übersehen gelernt habe, wo ich notwendig bin. Aber es erscheint mir so, als herrschte allenthalben große Ordnung, die Erträglichkeit der Güter ist ungewöhnlich. Wir sind sehr reich geworden, Elsbeth.«

Sie schwieg.

»Hast du gesehen, wie wunderschön der Schloßhof und der Park im Mondlicht liegen? Hörst du den Brunnen? Ich glaube, wir werden hier lernen, glücklich zu leben, und dein Kindlein erwacht in einem sonnigen,freien Paradies zum Dasein. Denke an den Weg, den wir durch den Wald und über die Felder gemacht haben. Alles, was du hast sehen können, wird einmal sein Eigentum sein.«

Da hörte er, daß sie weinte. Er sprang empor und setzte sich an ihr Bett, die Hände um ihre Schläfen, beugte sich tief über sie und flüsterte innig und liebevoll.

»Begegnet man so einem großen Glück?« versuchte er sie endlich zu trösten. »Gestern warst du noch guten Muts, als wir ankamen. Diese Einsamkeit ist gewißlich ein herber Gegensatz zu dem Leben und Treiben, aus dem wir uns losgerissen haben, aber es ist dein Wille gewesen, und du wirst bald empfinden, daß es recht war, ihn auszuführen.«

Sie legte den Arm um seinen Hals und ließ traurig den Kopf zur Seite sinken, die Augen gegen das weiße Licht geöffnet, das ins Zimmer sank. Und so sprach sie auch, von ihm abgewandt und als wüßte sie kaum, daß er ihr zuhörte:

»Ich fürchte mich. Ich meine, daß ich das Leben nie verstanden habe. Ich habe gehofft, daß ich hier, von allen Menschen entfernt, meiner selbst viel sicherer würde, daß die Ruhe und die Natur mir helfen könnten, vieles leichter und freier zu begreifen als früher, aber hier bedrückt mich alles. Sieh diese Wände an, es würde kein Ruf, kein Geschrei durch sie hindurch zu den Menschen dringen, niemand würde uns hier jemals suchen, man ist wie verabschiedet von allen Lebendigen, und das Moor sieht aus wie ein einziges endloses Totenfeld. Zu diesenMenschen werde ich niemals lernen eine Beziehung zu unterhalten, und ich werde nie ihr Herz finden. Ich verstehe sie in ihrer Sprechweise nicht, und ihre Angesichter erschrecken mich, und ...«

Er wartete. Dann, als sie schwieg, warf er schüchtern ein:

»Du bist ungeduldig.«

»Ja, vielleicht«, sagte sie müde, »aber ich glaube an die Wahrheit der ersten Eindrücke, und sich gewaltsam gegen die innere Stimme zu wehren, hat bei mir niemals zum Guten geführt.«

»Mich trifft hart, was du sagst«, antwortete er ihr, »als wäre ich dir nichts, als könnte ich dir nichts erleichtern und nichts vertraut machen.«

Wie eifrig hatte sie sonst solchen Zweifeln und Anklagen seines Herzens widersprochen. Jetzt nahm sie sie hin, als habe er eine bittere Wahrheit ausgesprochen.

Und obgleich sie nicht abließ zu weinen, er sah in ihren großen ruhigen Augen die Tränen langsam kommen und fallen, fuhr er um manches weniger herzlich fort:

»Vielleicht ist dein Zustand an vielem schuld ...«

Er stockte. Wir schweigen beide beharrlich über das, was uns in Wahrheit bedrückt, wußte er plötzlich, mit einer heißen Welle von Blut, die ihm in die Schläfen drang und stürmisch pochte. Er sammelte Mut, den Namen zu nennen, über dessen Klang hin sie einzig sich auf alte Art des Vertrauens finden konnten, aber sein Stolz hinderte ihn, da er dem Recht seiner Liebe zu seinem Weibenicht Gewalt antun wollte. Er hätte sich als klein empfunden, wenn er sie über Dinge beruhigt hätte, die ihr keine Befürchtung bringen durften. Mochtesiesprechen, wenn es not tat. Dabei betrachtete er ihre Tränen, die das Tuch ihres Bettes näßten, und schwieg, eigenwillig und traurig und mit seinem ganzen Wesen plötzlich dorthin versetzt, wohin er seine Gedanken nicht schicken wollte.

»Ich kann nicht«, sagte sie mit Zittern, als hätte sie alle seine Gedanken und Besorgnisse erlauscht, »sprich doch! Wie hätte ich vorhaben können, dich zu betrüben. Sprich doch von ... ihr. Sie ist den ganzen Tag kaum von deiner Seite gewichen, warum sprichst du nicht von ihr? Was hindert dich daran? Konnte dich kränken, daß ich heute darum bat, du möchtest sie fortschicken?«

»Nein«, sagte er, »ich habe nicht absichtlich von ihr geschwiegen, ich glaubte nur, bei deiner Abneigung gegen die junge Dame sei es besser, die Sache vorläufig ruhen zu lassen.«

Sie fuhr empor und drängte ihn zurück.

»Das ist nicht wahr, das ist nicht alles! Oh, nun erst bin ich traurig. Ich habe gesehen, wie du in ihr Gesicht geschaut hast, ich habe mit jedem Wort, das dich von ihr traf und das du ihr entgegnetest, empfunden, wie sie auf dich wirkt. Eine Abneigung, sagst du, hätte ich gegen sie? Oh, es ist viel mehr, ich habe ein Grauen vor diesem schönen kalten Wesen, ich friere und zittere, wenn sie spricht, ihr Lachen nimmt mir den Atem. Alles an ihr ist lieblos und herzlos, sie sinnt einzig auf ihren Vorteilund auf ihren Genuß, und jedes Mittel ist ihr recht, ihn zu erreichen.«

»Nicht, nicht doch«, bat er erschrocken, »nicht heute, nicht jetzt, denke daran, daß alle Erregung nicht allein dir schaden könnte. Sie soll fort, ich will es dir versprechen, aber noch kann es nicht sein. Ich bedarf ihrer. Ich habe erfahren, daß sie als Vertraute des Oheims ...«

»Das ist nicht wahr. Du bedarfst ihrer nicht. Eben noch hast du mir gesagt, daß wir reich seien, wie kann dir da an einem geringen Opfer liegen, wenn es meine Ruhe gilt, um die du dich besorgt zeigst?«

»Du denkst falsch von Afra«, sagte er ruhig. »Sie ist ein Kind. Ich kann ihr nicht morgen verweigern, was ich ihr heute zugesagt habe.«

»So hat sie dir schon Versprechungen entlockt?! Oh, wie ich dies Mädchen kenne.«

»Sie hat mir nichts entlockt, es ist anders. Ihre Stellung zum Herzen des Verstorbenen legt mir Pflichten auf. Er macht mich auf eine Art für ihr Ergehen verantwortlich, die ich achten muß, wenn ich mich seines Erbteils als würdig erweisen soll. Ich will dir morgen seine Worte zeigen. Ich fühle tief innerlich, daß ich zu den Dingen stehen muß, wie er zu ihnen gestanden hat, daß diese Pflicht einen Teil meines Lebensschicksals in sich einschließt und daß ich nichts daran ändern kann, ohne die Treue gegen mich selbst zu verletzen.«

Er sprach ernst und so überzeugt, daß es beinahe drohend klang.

Sie richtete sich steil und angstvoll auf und sah ihngroß und entsetzt an, ihr dunkles Haar hing nächtlich schwer und wie in Trauer um die blassen Züge ihres Gesichts.

»Helmut ...«

Sie sank in die Kissen und weinte bitterlich und wollte sich nicht mehr trösten lassen. —

Endlich wurde es ruhig im Zimmer, und es schien, als habe der Schlaf die junge Frau aus ihren Ängsten in sein Vergessen hinübergetragen, aber der Gutsherr von Wartalun lag noch lange wach und sah den Mondschein das Zimmer durchwandern, bis er am Mauerwerk des Erkers endlich ganz verschwand und nur noch sein Widerschein ein ganz spärliches Licht zu ihm in den Schlafraum sandte. — Aus seinem Schmerz rettete ihn ein bitterer Trotz, der zur Einsamkeit hinüberdrängte, jener Trotz der immer neuen Erwartung, den nur die Jugend hat, der über die Werte der Gegenwart zu täuschen weiß und der das aufrichtigste Herz zu betrügen vermag. Eine fremde, süße und eifrige Freude, von der es ihm erschien, als ließe sie flackernde bunte Tüchlein der Daseinslust vor seinen sehenden Augen tanzen, lag im Kampf mit einem bohrenden Bewußtsein von Schuld. Bis seine Müdigkeit ihm alles verwischte, und in der Wohltat dieses lauen, gnädigen Versinkens traf ihn geheimnisvoll das Wort des Toten: »Die Reichen sind oft mißgeschickt zum Kampf.«

Als der alte Diener Melchior am frühen Morgen die Tür zum Hof öffnete, flatterten die blauen Taubenvon der Schwelle auf und schlugen sich in den roten Streifen der Morgensonne am Dachfirst empor. Er sah nachdenklich zu ihnen hinauf, wie sie sich in der Kühle drehten, und strich mit der Hand über die ergraute Schläfe.

Am Tor klang Martins aufgeregte Stimme, Melchior hörte den Namen fallen, an den er dachte, das gedämpfte Kreischen irgendeiner Mädchenstimme erscholl, und ein Küchenfenster wurde aufgestoßen. Er schritt in jener stetig leidenden Besorgtheit hinüber, die oft die welken, bartlosen Gesichter alternder Hausgeister überzieht, um nach dem Grund des frühen Lärms zu forschen. Da kamen sie ihm schon entgegen und trugen eine grobe Holzkiste mit einer kleinen Gittertür. Fräulein Afra sollte man rufen.

Es war ein Marder in die Falle gegangen. Der Alte ließ die Kiste niederstellen, drehte sie gegen das Licht und schaute hinein. Tief hinten, in die Ecke gekauert, erblickte er das kleine braune Tier, abwartend und tückisch kauerte es dort, nur die harten hellen Steinaugen lebten in kalter Bereitschaft zum Kampf oder zum Tode. Es flößte viel mehr Angst ein, als es verriet. Wie leicht würde es allen diesen zu entgehen wissen, wenn es nicht ihrer List erlegen wäre. Voll Verachtung und Trauer verharrte es in seiner schmachvollen Lage.

Die Köchin riet, den ganzen Käfig ins Wasser zu tauchen, das sei gefahrlos und sicher; aber Martin sah sie zornig an:

»Fräulein Afra muß zuerst den Marder sehen.«

»Warum?« fragte Melchior. »Warum muß sie ihn zuerst sehen?«

Martin starrte ihn an, er verstand nicht, wie man daran zweifeln konnte.

»Ein Marder ist keine Maus«, sagte er dann, »deine Stubenmäuse braucht niemand anzuschauen.«

Er gab einem Knecht die Falle in Gewahrsam und eilte fort zu den Wirtschaftsgebäuden.

»Da findest du das Fräulein nicht«, sagte Melchior in unnahbarer Überlegenheit und seines Wissens froh.

»Im Schloß?« fragte Martin hastig.

Der Alte nickte melancholisch, und Martin änderte bewegt und erfreut den Kurs. So gehörte es sich. Das Leben schien ihm wieder leichter. Was wäre es auch gewesen, wenn jener dünne Herr, der eingedrungen war, Afra etwas vorenthalten hätte.

Sie kam lachend und mit raschen Schritten die Terrasse herunter und lief quer über den Rasenplatz, ohne Hut, die Jagdbüchse in der Hand.

»Jetzt werden ihm die Hühner heimgezahlt«, rief sie. Melchiors adelige Verbeugung voll Zurückhaltung fand keine Beachtung, Martin bekam einen gelinden Stoß, da sein etwas ruppiger Knabenkopf ihr den Blick in den Käfig verwehrte. Sie sah hinein, und ihre Züge spannten sich, gefesselt zu großem Ernst.

»Schön«, sagte sie, »wunderschön ist er.«

Sie wurde einen Augenblick nachdenklich.

»Jetzt paßt auf«, rief sie hell und richtete sich auf, »wir tragen ihn in den Park auf den großen Rasenplatz,und ich stehe hinter der Falle. Bei drei macht ihr auf. Er verdient es, in der Freiheit zu sterben. Die Falle ist gemein. Los, Martin, faß an.«

Melchior beteiligte sich aus der Entfernung, die Knechte und Mägde aber liefen mit, und Afra ließ es zu.

»Vor dem See«, ordnete sie an, dann kann er nur nach rechts oder nach links ausbrechen. Ihr müßt viel mehr zurücktreten.«

»Er wird ins Wasser gehen«, befürchtete Martin, aber Afra war es gleichgültig, wo er getroffen wurde.

»Hast du eine Kugel im Lauf?« fragte Martin.

»Eine Kugel? Du bist verrückt. Tritt zur Seite.«

Sie stellte sich hinter die Kiste in Anschlag, warf das Haar zurück und kommandierte. Die Tür flog auf, aber das verängstete Tier wagte den Sprung in die Freiheit nicht ohne Besinnen. Afra stieß die Kiste mit der Fußspitze an, daß sie wohl einen Meter weit über den Rasen rutschte, da huschte es heraus, windschnell, ein Schatten, kaum daß das Auge ihm folgen konnte, grad auf den See zu. Als es den Winkel am Ufer machte, um seitlich zu entkommen, krachte der Schuß unter den kühlen Augen, die dieser letzten Flucht mit Sicherheit folgten. Das Tier schnellte kerzengerade empor, reckte im Todeskampf alle vier Füße starr von sich ab und kreiste im Niederfallen blitzschnell und sinnlos am Boden, wie ein zerstörtes Uhrwerk im Ablaufen.

Afra trat mit ein paar schnellen Schritten dicht heran und schaute zu, wie Tod und Leben in dem kleinen zähen Körper rangen. »Er hat genug«, sagte sie zuMartin, der zu einem zweiten Schuß riet, und wies ihn mit einer sachten Bewegung der Hand beiseite, als wünschte sie keine Gemeinschaft in ihrer Betrachtung. Ihre Augen, voll Grauen und Andacht, folgten jeder Bewegung des sterbenden Tierchens, das zuckend einen letzten Kreis auf dem Rasen beschrieb. Die blanken Augen waren noch ungebrochen, sie glühten lebensgierig und voll böser Unschuld. Aber dann öffnete sich das beinahe süße, unendlich feine Raubtiermaul, öffnete und schloß sich und war voll Blut, der Kopf hob sich in die Morgenluft, zu den Gräsern, die über ihm schaukelten, und sank dann nieder, ohne einen Schatten von Leid oder Verzerrung, wieder stark und geduldig, wie bei Lebzeiten, und voll natürlicher Würde.

Oben im Schloß bewegte sich im Schlafzimmer eine Gardine. Die Herrschaften waren durch diesen Schuß aus dem Schlaf erwacht. Melchior trat hinzu und meldete es Afra voll ermahnender Nachsicht.

Sie sah ihn an.

»O Guter«, sagte sie still, »deine Sorge wäre auch vor der Schandtat zu spät gekommen. Übrigens ist es Zeit, aufzustehen.«

Einige Wochen darauf erhob sich der junge Gutsherr eines Tages mit dem Morgengrauen, und, den Sinn voll erregter und trüber Gedanken, wanderte erplanlos die Landstraße entlang, die auf das Dorf Wartaheim zuführte. Die auf dem Schlosse verbrachte Zeit hatte seiner inneren Bedrängtheit und dem Gefühl von Fremdheit, das ihn quälte, keinen Abbruch getan. Als die gewohnten Möbel und Hausgerätschaften angelangt waren, hatten sie sich nirgends einpassen wollen, und der größte Teil war auf die Dachböden gestellt worden. Ihm schien, als sollte auch äußerlich alles anders für ihn werden, wie sein Inneres begann, sich, wie von unerbittlicher Notwendigkeit gedrängt, auf neue Werte einzustellen. Der Druck, der auf seiner Seele lastete, wurde ihm um vieles schmerzhafter unter der geduldigen Art, in der seine Frau das unvermeidlich gewordene Schicksal ertrug. Sie hatten niemals mehr über die Dinge gesprochen, die in einer Nacht so gewichtig zwischen ihnen gestanden hatten, aber die Schatten jener Sorge blieben. Ihr stilles Gesicht, in dem unter der blassen Stirn die Augen klagten, die ihm einst so froh und vertrauensvoll begegnet waren und deren Blicke ihm nun auswichen, wenn andere als alltägliche Angelegenheiten erwähnt werden sollten, verfolgte ihn überall, anklägerisch ohne Zorn.

Sein Herz war schmerzvoll geteilt. Er ließ sich kraftlos dahintreiben, auf irgendein Ereignis vertrauend, das alles ändern sollte, das er bald ersehnte, bald fürchtete. Anfangs hatte er sich bemüht, die Gutsangelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, aber seine freie und kluge Natur sträubte sich rasch dagegen, etwas gewaltsam in sein Wirkungsgebiet zu bringen, das in AfrasHänden besser verwaltet wurde. Seine Anerkennung verwandelte sich rasch in Bewunderung, und die Aufrichtigkeit, in der er bewundern konnte, was sie gelassen und einsichtsvoll tat, beruhigte ihn. Er nahm sie wie eine Wohltat hin, in der er sich zugleich in seiner Stellung entschuldigt fühlte. Er war voll lauten Lobes ihrer Fähigkeiten, ihrer Uneigennützigkeit und ihrer fachlichen Geschicklichkeit und empfand doch, daß sie gerade durch diese Eigenschaften mehr und mehr Macht über ihn gewann. Sein Trost war, daß er es gerecht nannte, jedem das Teil an Lebensarbeit zuzuschieben, für dessen Verwaltung er geschaffen schien. So hatte er es ruhig hingehen lassen, als er einmal von Martin erfuhr, daß er die bestellten Kutschpferde nicht bekommen könnte, da Fräulein Afra ihrer bedürfe. Als der Landrat vor Tagen seinen Besuch machte, hatte Afra dem Beamten bestellen lassen, der gnädige Herr sei verhindert, ihn zu empfangen, er möge gelegentlich wiederkommen. Als er dies erfuhr, ließ er Afra zu sich bitten, da er glaubte, Rechenschaft über diesen selbständigen und scheinbar unbegründeten Schritt fordern zu müssen.

Sie brachte den Sonnenschein und den Geruch des Gartens mit in sein dämmeriges Zimmer und lachte, als er von seiner Sorge sprach, der Herr möchte gekränkt sein. »Sehen Sie«, sagte er unsicher, »der Freiherr tut mir eine Ehre mit der Aufmerksamkeit an ...«

Sie strich mit der Hand in der Luft seine Worte aus:

»Sie würden alles tun, was Ihr Ansehen herabsetzte«, sagte sie bedacht und eifrig. »Er hat sich etwasvergeben, indem er kam, ohne Ihren Besuch abzuwarten. Das ist nicht höflich, sondern unterwürfig. Er kommt auch nicht zu Ihnen, sondern zu Ihrem Reichtum und weil er hofft, endlich die Beachtung zu finden, die ihm Ihr Oheim nicht schenkte. Er würde Ihnen dafür die besten Rehböcke jenseits der Grenze fortschießen.«

Helmut mußte lächeln, aber sie blieb ernst.

»Nun weiß er seine Stellung«, fuhr sie fort, »und Sie können unbesorgt sein, er wird wiederkommen.«

»So?« fragte er und sah auf. »Wohl nicht einzig meinetwegen?«

Nun war sie es, die lachte. Es gibt nichts Sorgloseres in der Welt als ihr Lachen, dachte er. Sie sagte leichthin:

»Er langweilt sich.«

Es waren vielerlei derartige Vorfälle gewesen, die ihm bewiesen hatten, daß er gut daran tat, Afra die Zügel dieser ländlichen Herrschaft zu lassen, denn sie hatte einen guten Lehrmeister gehabt, dessen Handlungen sie nicht nur gesehen, sondern auch verstanden hatte. Ihren natürlichen Sinn für das Zweckmäßige, der weit über die Bedürfnisse des Alltags hinausging, bewunderte er um so mehr, als er selbst ihn nicht hatte. Denn er fühlte und wußte wohl, daß seine Geistigkeit und alles, was ihn innerlich beschäftigte am Fehlen dieses gesunden Sinns litt, den keine Arbeitskraft entbehren kann, auf welchem Gebiet immer sie sich regt.

Solchen Erinnerungen und Gedanken hing er bewegt nach, als er an diesem kühlen Sommermorgen durch dieFelder seines Guts ging. Ein rechtes Gefühl für die Bedeutung der Tatsache, daß dies alles in Wahrheit sein Eigentum war, hatte er noch immer nicht. Oft sagte er es sich mit leisem Staunen vor: »Diese Bäume sind mein, diese Häuser, dies Land, so weit ich es sehe, und dieser See.« Fehlte ihm denn der Sinn für das Erfreuliche dieser Wahrheit und wurden alle Vorzüge seines neuen Lebens ihm nur deshalb nicht zur Gewißheit, weil sein Inneres durch ganz andere Erkenntnisse und Zwiespalte ausgefüllt war?

»Arme Elsbeth«, sagte er plötzlich laut.

Er erschrak bitter. Ihm war, als habe er sich selbst, wie einem grausamen Richter, sein erstes Geständnis abgelegt.

Die Landstraße wurde über eine breite, schwerfällige Brücke geführt, die über die Anner geschlagen war. Er wußte, der kleine Fluß begrenzte gegen Norden sein Gut. Das rasche stille Wasser kam aus dem Moorland, durchfloß die Birkenhaine von Annerwehr, einer kleinen Kornmühle, die es trieb und die ihm gehörte. Ohne rechten Entschluß bog er in die Wiesen ein und schritt den schmalen Schilfweg dahin, der hart am Ufer entlang nach der Mühle führte.

In den ruhigen Schilfhalmen erwachten die ersten Libellen, der Morgen leuchtete silbern im Wasser, und am Ufer blinkte der Tau. Die Flut eilte still und schnell dahin, nahm die Rinnsale der Wiesen auf und verbreitete einen süßen, wärmlichen Duft von sommerlicher Feuchtigkeit. In den Birken lag der erste Frühsonnenschein.

Wie glücklich es sich hier leben ließe, dachte der Dahinschreitende, eine große Welt umgibt mich, die mein Eigentum ist. Aber wir besitzen im Grunde nicht mehr als die Schätze in der eigenen Brust; nur so viel unsere eigene Natur enthält, wird aus der Umwelt unser Eigentum.

Durch die Bäume klang das ferne Rauschen des kleinen Wasserfalls von Annerwehr. Als er die letzten Uferbüsche durchschritten hatte, die den Weg beengten, sah er das Anwesen vor sich liegen, das rote Dach leuchtete in der Sonne, und das schmale, hohe Mühlrad glitzerte vom rinnenden Wasser.

Auf einer bemoosten Holzbank am Wasserfall saß Afra. Er blieb stehen und schaute zu ihr hinüber. Es wunderte ihn nicht, sie so plötzlich vor sich zu sehen, beinahe erschien es ihm natürlich, da seine Gedanken bei ihr geweilt hatten. Hinter ihr bewegte ihr Pferd sich grasend auf dem Wiesengrund. Als er hinzutrat, sah er, daß sie fischte. Sie wandte sich nach ihm um und lächelte ihn an, ihm war, als habe sie ihn schon längst gesehen, so ohne Überraschung begrüßte sie ihn.

»So früh schon?« sagte er herzlich im Aufwallen eines Gefühls von inniger Freude.

»Oh, bitte, treten Sie ein wenig zurück«, bat sie, »Ihr Schatten darf nicht aufs Wasser fallen.« Sie wies neben sich. Im Gras, ihr zur Seite, lagen zwei prächtige Forellen. Sie gab ihm die Hand, ohne sich voll nach ihm umzuwenden, dann rückte sie auf der Bank ein wenig beiseit, um ihm Platz zu machen.

»Auch dies verstehen Sie«, sagte er, »wie wohl es Ihnen ansteht, Afra. Und Ihr Erfolg macht es nützlich.«

»Wie weise«, lachte sie, »Ihr Oheim hat es mich gelehrt.« Er sah ihr zu, wie sie langsam und sorgfältig einen neuen Wurm auf den Haken zog. »Wenn er sich noch bewegt, so ist es am besten«, erklärte sie ihm, »die Forellen erkennen in den Wirbeln ihre Nahrung nicht deutlich, sie schießen auf die Bewegung hin zu.« Sie schnellte die Angel in das Gefälle, so daß sie durch die Strudel in die Mitte des Kessels trieb, den der Fall bildete.

Ihm war, während er in das kreisende Wasser starrte, als wäre irgend etwas Wichtiges zu sagen. Der Frohsinn seiner Stimmung war dahin. Auf den Wiesen, jenseits des Wassers, wurde Gras gemäht, und in den Niederungen schritten Störche durch die flachen Tümpel. Sie schwiegen beide. Afras klares Gesicht war voll heller Wunder einer unbedachten Seligkeit an Jugend und Leben. Nach einer Weile trat der Müller zu ihnen, grüßte zurückhaltend und betrachtete den jungen Gutsherrn aufmerksam.

Helmut richtete ein paar Fragen an ihn, die Afra überflüssig fand. »Es wird mir schwer, mit den Leuten in rechte Beziehung zu treten«, sagte er später dem Mädchen; sie lächelte unter den sinnend gesenkten Augen und antwortete nicht. »Ich habe keine rechte Ruhe mehr zum Fischen«, meinte sie bald darauf und zog die Angel ein. Sie empfahl das Pferd der Sorge des Müllers, und bald darauf schritten sie miteinander quer über die Wiesen auf Wartalun zu, und er trug ihre Beute.

Er wußte nicht recht, wie ihm der Gedanke gerade nun kam, aber plötzlich empfand er: sie ist herzlos. Wie sie vor ihm dahinschritt, berauschte ihn die liebliche Vollkommenheit ihres jungen Körpers, seine Frische und Kraft. Alles an ihr schien seiner selbst in unzerstörbarer Seligkeit gewiß, die kleinen kräftigen Hände, die unberührten Augen und die rötlichen Feuer ihres Haars an den Schläfen. Zögernd sagte er:

»Ich denke viel mehr an Sie, Afra, als an meine Pflichten.«

Sie antwortete ihm frei und ernst, so sei es ihr lieb, denn es sei am besten, sie übernähme diese Pflichten an seiner Stelle. Dann fragte sie ihn ganz unvermittelt und ein klein wenig unsicher:

»Ich habe gesehen, wie viele Bücher Sie mitgebracht haben, und mich verlangt oft sehr danach, zu lesen. Sind welche darunter, die ich verstehen kann?«

»Viele«, sagte er eifrig, »ich will Ihnen welche auswählen, und wenn es an Verständnis fehlen sollte, so will ich gern nachhelfen. Es ist hübsch, ein Buch miteinander zu lesen.«

Sie nickte zögernd, dann sagte sie: »Die Bücher, welche der Pfarrer von Wartaheim aufhebt, erfreuen mich nicht. Ich glaube, sie sind nur dazu da, damit er sie jährlich einmal vom Staub reinigen kann. In den Büchern der Schloßbibliothek finde ich mich nicht zurecht. Es sind alles große schwere Bände und so dick, daß man den Mut verliert, bevor man sie geöffnet hat.«

»Ich habe immer nur mit meinen Büchern gelebt«,fuhr er fort, ohne auf sie einzugehen. »Schon als Kind. Sie waren in aller Bedrängnis meines Lebens meine Gefährten und meine Tröster. Sie schauen mich zweifelnd an, gewiß glauben Sie nicht recht, daß es für mich oft schwere Stunden gab. Äußerlich war es auch nicht so, aber ich war meine Jugend hindurch fast immer allein. Ich bin ohne Geschwister aufgewachsen und habe von den Freuden meiner Jugendgenossen nur die wenigsten teilen können. Ich fühlte mich dem Leben gegenüber zurückgesetzt, weil ich niemals die glückliche Unbefangenheit gehabt habe, seine Güter bedachtlos als mein Recht für mich zu beanspruchen. Es ging mir den Gütern des Daseins gegenüber ähnlich, wie es Ihnen angesichts der Bücher unserer Bibliothek ergangen ist. Ehe ich sie mir zu eigen machte, entmutigte mich ihre Größe. Ich war im Leben etwa das Gegenteil von Ihnen ...«

»Denken Sie nicht gut von mir?«

»Aber Afra, nicht doch, oh, gewiß nicht. Sie müssen verstehen, wie ich Sie sehe. Sie sind für mich wie eine Offenbarung dessen, was Gott mit uns Menschen vorgehabt hat. Sie gehen dahin wie die vollkommene Verwirklichung eines glühenden Traums. So stark, so unschuldig ist alles, was Sie sind und tun. Keine Gedanken trüben Ihren reichen, glücklichen Tag, Sie sehen das Leben vor sich liegen in fröhlicher Erwartung des Besten, was kommen kann, Sie sind schön, Gott weiß es, Sie sind wunderschön!«

»Oh«, sagte sie leise und hob ihr erglühtes Angesichtzu ihm empor, senkte schnell wieder das blonde Haupt und stammelte:

»Warum sprechen Sie so gut von mir?«

»Ich kann nie Worte finden, um Ihnen zu sagen, wie von Herzen lieb Sie mir sind«, sagte er rasch und bebend und blieb stehen und preßte die Hände ineinander. Sein Gesicht war so traurig bei diesen Worten, als wünsche er sich nichts, als sterben zu dürfen.

»Aber nein ...« sagte sie, und dann begann sie plötzlich zu lachen, trat auf ihn zu und suchte seine Hand zu ergreifen. Aber sie konnte seine Hände nicht auseinanderlösen, da sank auch die ihre nieder, und sie starrte ihn mit großen verwunderten Augen an, wie er dastand in der Sonne, mit seinem von Schmerz ganz entstellten Gesicht, und ihr war zumut, als sei er unerreichbar fern und ganz allein in der grünenden Erdenweite, die sie umgab.

»Du lachst«, sagte er, krank vor Bitterkeit.

»Was soll ich denn sonst tun?« rief sie trotzig.

Der gekränkte Ton ihrer Stimme rief ihn zu sich.

»Kind«, sagte er, »ach Kind. Vergib ... vergeben Sie, Afra. Versuchen Sie, mich zu verstehen. Es muß Ihnen schwer sein — glauben Sie mir, daß ich anders als andere Menschen bin, haltloser, wertloser ...«

»Ja, so erscheint es«, sagte sie, hart auch gegen sich selbst.

»So erscheint es Ihnen!« Er sah sie einsam an. »Nur dies erkennen Sie, nur dies geben Sie mir zu. Wer in der Welt weiß mehr, wer spricht mich noch frei? Ach,nun wohl niemand mehr, weil ich nur deine Stimme noch hören will, diese schöne, herzlose, klare Menschenstimme. Afra, so klang es mir schon meine ganze Jugend hindurch aus der Welt entgegen. Wenn ich mich herabsetzte, um anderen recht zu geben, die geringer als ich waren, so ist immer dieselbe Antwort zurückgekommen, die Sie mir gegeben haben.«

»Warum sind Sie traurig?« fragte Afra.

»Oh Unschuld, süße, harte Unschuld du. Kind du! Ich bin es nicht, da es doch dich in der Welt gibt. Denke von mir, wie du willst, ich denke an dich in all der Frömmigkeit, zu der mein Herz verurteilt ist.«

»Wie soll ich Sie denn recht verstehen?« fragte sie betrübt. »Es macht mir Angst, wie Sie sprechen. Ich habe ja nicht gelacht, um Sie zu verletzen, ich habe überhaupt nicht über Sie oder über Ihre Worte gelacht. Ich habe gelacht, weil es mich schüttelte. Sie verstehen wahrscheinlich nicht, wie man zu so etwas kommen kann. Dann trug gewiß auch noch dazu bei«, fuhr sie zögernd und mit einem schüchternen Lächeln fort, »daß Ihre Brillengläser in der Sonne so zornig blitzen, daß ich denken mußte, es wären Ihre Augen, die ich nicht sehen konnte. Denken Sie, solche Augen macht doch niemand, der so trübsinnig redet.«

Er schwieg eine Weile, indem er nachdenklich nickte.

»Dir gegenüber«, sagte er dann zögernd, »werden alle anderen zuletzt unrecht haben.«

»Wieso?« fragte sie.

Er antwortete ihr nicht, sondern schritt, wie im Bann ganz neuer Gedanken, still neben ihr hin, ein verwindendes Lächeln in den früh gealterten Zügen seines Gesichts. Da warf Afra mit leichtsinniger Anmut ihr Haupt zurück in den Sonnenschein. — Es blieb von diesem Tage ab heimlich zwischen ihnen bei diesem »Du«, das ein Augenblick der Erregung mit sich gebracht hatte.

Afra zog in dieser klaren Nacht die hellen Vorhänge von den Fenstern ihres Wohnraumes fort, der Mond war aufgegangen, aber sie sah ihn nicht, als sie sich nun in die kühle Nacht hinausbeugte, die einen Geruch von Heu und Jasmin zu ihr hereintrug. Im stillen Hof hörte sie feine hohe Stimmchen im Dunkeln, drüben auf dem Giebel des Gesindehauses saß eine Eule starr und bewegungslos, als sei sie aus Stein gehauen. Die Schatten der Türme, zwei schwere Teppiche, die sich an der Mauer emporhoben, lagen im Hof.

Afra bewohnte nun wieder die schönen Räume des Schlosses, die ihr der alte Graf seit ihren frühesten Mädchentagen eingeräumt hatte, aber sie waren seit kurzem verändert, und nur wenig erinnerte noch an den Aufenthalt eines jungen Mädchens von noch nicht zwanzig Jahren. Der zierliche Schreibtisch aus alter Zeit, mit seinen geschwungenen goldenen Beinen und seinen winzigen Fächerchen, hatte einem breiten ArbeitstischPlatz gemacht, auf dem die ganze bleiche Nüchternheit des geschäftigen Alltags ausgebreitet lag. Geschäftsbücher und Rechnungen, die Arbeitshefte des Gesindes und Kornproben neben Jagdpatronen. Die geflochtene Reitpeitsche diente als Briefbeschwerer, und ihr feines Ende lag wie ein gewundener Schlangenleib über einer Planzeichnung der neuen Grabenanlagen von Wendalen. Auf alles sah hoch von der Wand, aus einem Kranz von Efeublättern, das stolze und melancholische Lächeln des letzten Grafen von Wartalun hernieder.

Afra kam aus dem Park. Nun nahm sie den breiten Sonnenhut mit raschem Griff von den hellen Haaren, warf ihn in weitem Schwung auf das Ruhebett in die Zimmerecke, daß die blauen Bänder im Drehen flatterten, und ließ sich auf dem lieblosen Holzstuhl nieder. Das Kinn in den Händen, sah sie in das Angesicht des Toten empor, der in ihrem Herzen lebte.

Schaute man vom nüchternen Ernst und der Sachlichkeit der vielerlei Tischgeräte in ihr Angesicht, so erschien das Mädchen wie ein großes verirrtes Kind. In der Nacht, in der vieles beredt wird, was am Tage schweigt, begannen die armen Dinge des Alltags ihre verschwiegene Zwiesprache mit ihrer jugendlichen Herrin. Ein erstauntes Raunen stand auf, schwirrte durch den Raum wie Insekten der Nacht, alles sprach leise durcheinander und blieb unverständlich und fremdartig. Es sang und summte um die Augen und um die Lippen des Mädchens, als käme von ihnen ein verwirrendes Licht. Aus Zahlen und Buchstaben brausten leise fernher die wogenden Kornelderf im Sommerwind, die Pferde schnoben, und ihr Atem dampfte im Frühnebel, die gefällten Baumstämme ächzten im Sinken, und das Wasser plätscherte über das bemooste Mühlrad. Stimmen riefen, heiße Gesichter tauchten auf, von Arbeit gefurcht, und Lachen und Weinen erklang. Nun brach es stürmisch durchs grüne Unterholz des Waldes, schnellte verzweiflungsvoll empor, und über dem feuchten Moos brachen die großen, friedsamen Augen. Die wilden Tauben stellten ihr inbrünstiges Rufen nicht ein, und aus dem sanften Talgrund klang der Kuckuck. Die Abendsonne schlich rot über die Hänge und verwandelte die Kornfelder in ein goldenes Meer ... Nun sang eine Mundharmonika in den Mond hinüber, sie kam aus dem Schatten, in dem noch eben eine Stalltür angeschlagen hatte ...

Afra sah auf. Das war Wirklichkeit, die liebe weinerliche Weise lebte draußen in der Kühle. Sie sah hinaus mit einem traurigen Blick, der eben noch wie um Antwort bittend in den Zügen des alten Mannes gesucht hatte. Worauf hatte sie eine Antwort gewollt? Hatte sie nicht im Grunde zu ihm gesprochen, während alles umher zu ihr sprach? Sie besann sich wie auf einen Traum, und nun wußte sie es wieder: »Du bist allein gewesen. Du bist hart gewesen. Ich habe deine Liebe geliebt, ohne zu würdigen, daß sie mir galt, ich habe sie niemals annehmen können. Laß mir deine Liebe, in ihr bin ich jung und noch immer ein Kind. Unter diesen anderen bin ich früh verdammt, älter zu sein als sie, härter als sie und als ich möchte.« — Sie hatte sicherdiese Worte nicht gesagt, aber sie mögen etwas von dem enthalten, was ihr Gesicht ausdrückte.

Da heulte Aja draußen auf, und Fenn fiel ein. Langgezogen und erbost und angstvoll. Ein böses, andauerndes Bellen folgte und kam eilig näher. Afra trat ans Fenster und pfiff ihren hohen, kurzen Pfiff, aber die Hunde gaben nicht Ruhe, eher schlugen sie eifriger an, und doch sicherer und weniger angstvoll, als wüßten sie nun, daß man ihre Warnungen beachtete. Da rief Afra mit ihrer klaren Stimme die Namen der Tiere, und sie kamen heran, unter ihr Fenster, blieben dort stehen, die schwarzen gesenkten Köpfe boshaft gegen den Park gerichtet und widerwillig gebannt. Und wenn auch bebend und mit funkelnden Augen, so gehorchten sie doch auch nun, als langsam aus dem Dunkel eines Parkwegs, auf die Holzpforte zu, eine weiße Gestalt nahte. Afra starrte hinüber und fühlte ihr Herz stillstehen ... Es lag daran, daß sie eben noch an ihn gedacht hatte, der draußen im Grund des Parkes schlief. Aber dann fuhr sie mit kurzem Auflachen über ihre Stirn, besann sich und schwang sich über das niedrige Fensterbrett in den Hof hinab, um der fremden Erscheinung entgegenzugehen. Die Hunde folgten ihr knurrend, ein unüberwindbarer Schutz, eines Winks gewärtig, um vorzustürmen, aber dann begann Aja zögernd zu wedeln ... Afra erkannte die junge Gräfin von Wartalun, die Gattin des Mannes, der heute morgen mit ihr über die Wiesen geschritten war.

Sie öffnete die Holzpforte.

»Der Garten ist feucht«, sagte sie ruhig, als sie das dünne Tuch über den Schultern der jungen Frau erkannte.

»Ja, es ist spät geworden«, kam zögernd die Antwort. »Ich danke Ihnen, daß Sie die Hunde beruhigt haben. Sie kennen mich immer noch nicht.«

Es klang wie eine Anklage.

Afra sagte:

»Doch, aber Ihre Erscheinung war ihnen im Nachtlicht fremd. Sie kümmern sich auch nicht um die Tiere.« Sie wollte in ihrer Aufklärung darüber, wie man die Hunde an sich gewöhnen könnte, fortfahren, aber sie ließ es. Aja und Fenn gehören mir, dachte sie. Auch lag ihr nicht daran, der jungen Frau gegenüber, die sich in all der Zeit kaum um sie gekümmert hatte, mehr Worte als nötig zu machen.

»Darf ich für eine Weile zu Ihnen eintreten?« fragte Frau Elsbeth mit einem vernehmlichen Beben in der Stimme.

Afra nickte.

»Wir müssen durch den Hof über die Terrasse«, sagte sie.

Sie schritten nebeneinander dahin, nicht ohne daß die junge Frau sich zuvor durch einen schnellen Blick davon überzeugt hatte, daß die Lichter im Saal erloschen waren.

Als sie ins Haus eintraten, griff Afra hinter die Vorhänge des Fensters, zog eine Kerze hervor und zündete sie an. »Auf den Treppen ist es dunkel«, warf sie ein und löschte das Zündholz sorgfältig. Die Hundewaren draußen geblieben. Im hohen Flur des Schlosses verlor sich der Lichtschein, die Treppengeländer tauchten aus dem Dämmerlicht empor wie Luftbrücken, und während Afra, die voranschritt, langsam Stufe für Stufe nahm, wobei sie das Licht hochhielt, damit die Nachfolgende es leichter haben möchte, ihr zu folgen, dachte sie darüber nach, was der Grund dieses späten Besuchs sein könnte. Darüber kam ihr in den Sinn, was Martin ihr vor kurzem von Gräfin Elsbeth erzählt hatte. Sie war in das Haus eines kleinen Bauern nahe bei Wartaheim gegangen, um ihm eine Geldsumme zu erlassen, die er dem Schloß schuldig war. Sie hatte das Kind der armen Leute aus seiner dürftigen Wiege gehoben und es an ihr Herz gedrückt. Alle sprachen von diesem ungewöhnlichen Vorfall.

»Gehe ich zu rasch?« fragte Afra zurück.

Es kam keine Antwort.

Afra empfand diese Handlung als gut und schön, aber irgend etwas daran beschämte sie, und sie empfand, daß dies Gefühl von Scham nicht allein demütigend für sie selbst war. Es erschien ihr nicht alles rechtlich an dieser Handlung. Sie hatte den Gruß des Bauern am nächsten Tag unerwidert gelassen. Unter dieser neuen Herrschaft werden alle den Respekt verlieren, dachte sie; diese Wohltaten stiften Unordnung, weil sie den Einfachen ihre einzige Würde rauben. Vielleicht kam ihr dieses Urteil daher, weil sie solche Handlungen einer eilfertigen Güte niemals bei ihrem väterlichen Freund gefunden hatte, an dessen großem Herzen sie trotzdem nicht gezweifelthatte. Auch er war freigebig gewesen, aber ohne sich herbeizulassen und ohne zu demütigen.

An den Wänden tauchten in matten Farben erloschene Angesichter auf. Nun mußten sie die Treppe zum Flügel des Schlosses wieder hinunter. Die Tür schrie grell in ihren Angeln. Die junge Frau zuckte zusammen wie unter einem Aufschrei. Afras ruhige Augen ließen alles gelassen geschehen. Als sie endlich im Stübchen des jungen Mädchens angelangt waren, ließ Gräfin Elsbeth sich schwer auf einen Sessel sinken, der nah am Kamin stand, und sprach wie zu sich selbst leise Worte vor sich hin.

Afra lehnte sich an ihren Schreibtisch. Als nun die junge Frau das Gesicht gegen sie hob, erschrak sie furchtbar. Alles, was jetzt kam, entwickelte sich so unverständlich hastig, so leidenschaftlich schnell und überraschend, daß Afra erst viel später deutlich empfinden lernte, um was es sich gehandelt haben mochte. Sie hörte einen langen weinenden Aufschrei, so klagend, wie sie niemals die Stimme eines Menschen gehört hatte, und verstand von den blassen, zuckenden Lippen der Frau zu ihren Füßen nur abgerissene Worte, aus denen immer wieder die flehentliche Bitte klang:

»Geh fort, geh fort aus diesem Haus!«

Afra konnte sich lange nicht fassen, denn sie empfand unbewußt, daß alle Mittel, deren Macht sie erprobt hatte, diesem Schmerz gegenüber ohne Wirkung bleiben würden.

»Der Tod kommt mit dir zu uns«, hörte sie, »ichflehe dich an, geh fort, ich und das unwissende Kind, das mir an meinem Herzen vertraut. —

Du hast alles zerstört, Afra! Daran bist du vielleicht unschuldig, das weiß allein der barmherzige Gott, der dies Unglück zugelassen hat, aber was kommt, ist gräßlich. Du kannst es hindern, wenn du gehst. Das Kind, um derentwillen ich bitte, soll seine Hände gegen das Herz seines Vaters erheben, und er wird sich dann zu seinem Glück zurückfinden lernen, das du gemordet hast. Bedenke, wie wird er es lieben, wenn es erst einherläuft. Aber morde nicht mein Kind, ermorde mein kleines Kind nicht, das sich nicht wehren kann. — Ich hätte meine Heimat nicht verlassen dürfen, dies Haus ist voll böser Geister, die alles verderben. Nimm von uns, was du willst, ich bin reich — aber geh noch in dieser Nacht.«

»Stehen Sie auf!« rief Afra.

»Gehen Sie fort!« flehte es zu ihren Knien. »Er darf Sie niemals wiedersehen. Er greift im Schlaf nach Ihnen und stammelt von seinem Verlangen, indem ich das Leben seines Kindes pochen fühle. Ich habe nicht gewußt, daß solche Marter auf der Erde möglich ist, als ich von meiner Mutter fortging! Oh, glauben Sie etwa, ich könnte nicht sterben? Leicht, leicht! Ich habe verlernt zu leben, der Tod ist süßer als jeder Schlaf für mein zertretenes Wesen. Aber das Kind —«

Afra ergriff ein Zorn, wie sie ihn nie gekannt hatte. Sie bebte am ganzen Körper, und alles in ihr drängte sie übermächtig dazu, diesen Mund mit Gewalt zu schließen,der so unerhörte Dinge in ihr Leben hineinstöhnte. Sie hatte nur den einen Wunsch, diese furchtbare Demütigung, die geschah, möchte ein Ende finden.

»Ich bin ein Mensch wie du«, rief sie, ohne zu verstehen weshalb, und versuchte die schwere Frau zu ihren Füßen aufzurichten, deren Haar sich gelöst hatte und deren Augen mit dem beinahe tierischen Ausdruck eines sinnlosen Schmerzes zu ihr aufstarrten.

»Oh, laß deinen Stolz«, schrie die Verzweifelte auf, »dein Stolz wird eines Tages gebrochen werden wie der meine. Du wirst bitten und knien lernen wie ich, wenn sich in deinem Leben erfüllt hat, wozu es gut ist. Was soll ich tun, damit dein kalter Sinn mich begreift? Du bist noch du selbst, du hast noch keinen Schritt ins Leben gemacht. Das sind Torheiten, glaub mir, in denen wir leben, bevor wir zu sterben beginnen. Aber du bist ein Weib, höre mich: Er hat mich mit seiner Gier gepeinigt, die dich meinte. Er ist nicht schlecht ...«, und ohne daß Afra geantwortet hatte, schrie sie ihr ins Gesicht: »Schweig, er ist gut! Er leidet. Du weißt nicht, was das heißt. Leiden kenne ich nun! Die Finsternis ist ein einziger wütender Schmerz, und das Leben nichts als ein Abgrund von solcher Finsternis. Ich versinke!« schrie sie gellend. »Rette mich, halte mich!«

Da sprang Afra auf und zurück, die Farbe des Todes in ihrem Gesicht, das wie unter einem furchtbaren Traum zerrissen erschien. In einem Grauen, das sie beinahe betäubte, ergriff sie den Klingelzug an der Tür und riß ihn wieder und wieder nieder, so daß die Glockedurch das stille Haus gellte wie eine Kinderstimme, die sich in Todesfurcht überschreit. Dann stieß sie die Tür auf, um der Errettung, die sie gerufen hatte, den Weg zu bereiten, und lauschte mit weißem Gesicht in die Finsternis der ruhigen Halle hinaus. Es war ganz still geworden. Sie stand wie eine Bildsäule am Ausgang des Zimmers, immer noch den Glockenzug in der gekrampften Hand, und schaute starr auf die junge Frau nieder, die am Boden lag, ohne noch ein Lebenszeichen von sich zu geben. Ihr Angesicht ruhte auf dem willenlosen Arm, und über den Fußboden flutete ihr dunkles Haar. Das verlieh der Haltung etwas grausam Gewaltsames, als wäre sie von rohen Fäusten niedergerissen worden ...

Da endlich klang oben im Haus eine rufende Stimme, es war Melchior. Im Flügel des Herrn konnte man den Klang der Glocke kaum vernommen haben. Aber ehe der Alte noch die Treppe niedergestolpert war, hörte sie Martins Fäuste an die Läden des Fensters schlagen, die sie bei ihrem Eintritt geschlossen hatte.

»Afra«, brüllte er draußen, »ist der Teufel los?! Soll ich die Läden einschlagen?«

Sie wollte antworten, aber sie brachte keinen Laut hervor.

»Allbarmherziger Gott ...« hörte sie neben sich. Da stand Melchior im Rahmen der Tür.

»Teufel auch«, klang es draußen wieder keuchend, und dann krachte der Laden unter Martins Fäusten. Unter diesem Beweis einer natürlichen Kraft kehrte AfrasBesinnung zurück. Ihre Bewegung erlöste sich in einem maßlosen Zorn, den sie nicht verstand.

»Rasch«, schrie sie Melchior an, »die Kammerzofe der gnädigen Frau, Iduna, soll kommen.«

»Hier ist ein Mord geschehen«, heulte Melchior.

»Esel! Schweig! Komm erst her und hilf mir die Kranke auf das Bett legen. Worauf wartest du?!«

»Ich werde den Herrn Grafen ... o Afra, Afra, was hast du getan!«

»Gehorche! Hund du, tu, was ich sage!« Afra sprang zum Tisch und riß die Peitsche von den Blättern.

»Gehorchst du?«

»Dir? Nie. Nie mehr! Der Graf soll kommen ...«

Ehe ein zweites Unheil geschah, wurde Afra durch das Klirren der Fensterscheibe aus ihrem Rausch von Zorn und Todesangst gerissen. Martin öffnete sich in bäuerischer Gelassenheit und in unbekümmertem Vertrauen auf das erwiesene Übergewicht seiner Fäuste das Fenster nun selbst und stand plötzlich neben Afra, oder vielmehr zwischen Melchior und ihr, denn er erkannte, daß sich der Zorn seiner jungen Herrin zunächst gegen den Alten richtete. Und so war auch Afra in diesem Augenblick nichts wichtiger als die Niederlage dieses eigensinnigen Widersachers.

»Wirf ihn hinaus!« rief sie. »Sofort!«

Melchior erhob sich drohend, ganz verstört im Eigensinn einer vermeintlichen Treue, aber Martin hatte Afras bleiches Gesicht gesehen, und ihn bewegte nur ein einziger Gedanke. Es mochte ein alter Grimm gegenMelchior hinzukommen, jedenfalls sagte er mit einer Bewegung, die nicht falsch zu verstehen war:

»Du hast gehört ... also geh lieber selbst.«

»Du junger Bursche wagst ...«

Da war er draußen, und die Tür war zugeschlossen, und die Finsternis verschlang die Versicherungen von Würde, die der Alte draußen keuchte.

Afra lachte krampfhaft auf.

»Verflucht«, sagte Martin, »das ist ja wahrhaftig die neue Gnädige. Ich habe mir gleich gedacht, daß es nicht gut geht.«

»Komm, hilf«, sagte Afra, die sich endlich gefaßt hatte. Sie trugen die ohnmächtige Frau schwer und langsam ins Nebenzimmer und legten sie auf das Bett des jungen Mädchens.

»Tot ist sie nicht«, sagte Martin.

»Schweig doch!« rief Afra heftig, aber in dem beinahe vertraulichen Ton, in den sie Martin gegenüber stets verfiel. Von frühester Kindheit an war eine bewährte Kameradschaft zwischen ihnen gewesen, die auch mit sich brachte, daß Martin sich mehr als alle anderen vor Afra erlauben durfte.

»Junge, Junge«, sagte er ratlos, »das passiert nicht alle Tage. Was soll ich denn jetzt tun?«

Afra stand vor dem Spiegel und ordnete ihr Haar.

»Mach drüben die Lichter an.«

Er gehorchte. Dann kam er zurück.

»Du wirst jedenfalls zum Arzt müssen, Martin, geh, schirr >Husar< an, oder willst du reiten?«

»Da ist mir schon der Wagen lieber.«

»Natürlich. Also tu, was du willst, nur eil dich.«

»Was ist denn hier nur geschehen?« fragte der Bursche. Afra wandte sich um, da sie hörte, daß er an seiner Hand saugte.

»Blutest du?«

»Das ist das wenigste«, sagte er, »aber dir geht es schlecht. Du siehst wie Kreide aus.«

»Komm her«, sagte Afra, zog ihn am Ärmel zum Tisch, goß Wasser über seine blutenden Finger und zerriß ein Taschentuch zu zwei Streifen.

»Deine Hände zittern«, sagte er.

»Halt still«, gab sie zurück.

Sie half ihm mit ihrem ernsten Gesicht, das einen Ausdruck von kindlicher Geschäftigkeit bekam. Dann gab sie ihm einen gelinden Stoß, und als die Tür sich nun öffnete, stand sie wieder vor dem Spiegel und steckte ihr Haar, das im Kerzenschein in seltsam bösen und unschuldigen Lichtern flimmerte. Sie sah im Glas, daß Melchior mit einer Miene von eiserner Dummheit halb im Rahmen der Tür stand und die Klinke hielt.

»Ah, Melchior«, sagte sie leise, ohne den Kopf zu wenden, »morgen gehst du, hast du verstanden? Mittags bist du über alle Berge und läßt dich nie mehr in Wartalun sehen.«

Er antwortete nicht. Als sie sich umdrehte, stand Graf Helmut hinter ihr.

»Was bedeutet dies alles?« sagte er mit erhobener Stimme, die jedoch merklich zitterte. »Wo ist meine Frau?«

Da stolperte Melchior vor ihn hin.

»Herr ... ich bin im Dienst in diesem Haus ergraut. Lassen Sie nicht zu, daß mir Unrecht geschieht.«

Afra wandte sich langsam völlig um und sah Helmut abwartend an, mit fest geschlossenen Lippen und kalten Augen, in einem eigenen Trotz der Erwartung, der doch im Grunde Sicherheit war.

»Gehen Sie hinaus«, sagte der junge Herr zu Melchior.

Afra schob Martin hinter dem Alten her, der fassungslos gehorchte. Ehe sie die Tür ganz geschlossen hatte, fuhr es Graf Helmut unbeherrscht und in großer Erregtheit heraus:

»Afra, das geht zu weit. Ich bestimme in diesem Haus. Laß mich mein Vertrauen nicht bereuen. Hüte dich, leg mir nicht als Schwäche aus, was Gerechtigkeit war, zwing mich nicht zu Handlungen, die mich schänden.«

»Zwinge du niemand dazu!« rief sie hell und beinahe völlig am Ende ihres Halts. Oh, wäre nur jemand hier gewesen, dessen Arme stark gewesen wären, sie hätte sich mit wildem Aufweinen hineingestürzt. Er hatte sie niemals so gesehen. Mit der ihm eigenen Fähigkeit, den Zustand anderer zu erkennen, sah er, daß etwas ganz Ungewöhnliches geschehen sein mußte, denn er wußte, daß Afras gelassene Natur nicht durch kleinliche Dinge in Aufruhr zu bringen war, und er empfand diesen Aufruhr ihrer Seele wie einen hellen heißen Wind. Dabei war er in aller Not seiner Zweifel gezwungen, zu sehen, wie wunderschön sie war in der heimlichen Glutdieser leidenschaftlichen Flammen, die sie erhoben. Ihr Anblick bannte ihn auch dann noch, als sie herzlos und böse fortfuhr:

»Wenn du in diesem Hause bestimmst, und mit der Gerechtigkeit, die du vorgibst, so bewahre mich, dich und deine Frau vor solchen Auftritten, wie hier eben einer stattgefunden hat ... ich bitte dich«, fügte sie hinzu, da sein Schreck sie bestürzt machte.

Er starrte sie an.

»Was ist denn geschehen? Aus Melchiors Gestammel bin ich nicht klug geworden. Afra, sag rasch!«

Sie wies auf die geöffnete Tür zum Nebenzimmer.

»Dort liegt deine Frau ...«

Er machte ein paar haltlose Schritte auf die Tür zu, ergriff aber dann schwankend die Lehne eines Stuhls, und die Hand an der Stirn, blieb er mit einem tiefen Seufzer stehen, der alles wie mit Traurigkeit erfüllte. Er ahnte, was geschehen sein mußte, ihn verlangte plötzlich nicht mehr danach, Einzelheiten zu wissen. Am Abend hatte Elsbeth ihm leidenschaftliche und schwermütige Andeutungen von ihrem Vorhaben gemacht, die er nun verstand. Er schämte sich heiß vor Afra, ihm war, als müßte er ihr etwas abbitten und nicht jener Frau, die dicht neben ihnen in ein Vorgefühl ihres ewigen Vergessens versunken war.

Er fragte Afra, nur indem er mit dem Kopfe eine Bewegung auf die Tür zu machte, wobei er sie ansah.

»Sie ist ohnmächtig«, sagte Afra, »und liegt auf meinem Bett.« Ihr war plötzlich frei und leicht zumut.»Martin ist zum Arzt gefahren, ich glaube aber nicht, daß deine Frau anders krank ist als hier.« Sie wies auf ihr Herz und lächelte traurig, als wollte sie irgend etwas hinzufügen, was ihrem Fühlen nah, aber ihrem Erkennen fern lag.

Betone nur dein eigenes Herz nicht, dachte er bitter, und wußte doch, daß er ihr Unrecht tat. Wie deutlich empfand er plötzlich, daß ein junges und starkes Herz der Härte bedurfte, um sein Gutes für große und eigene Stunden zu bewahren. Wie konnte Afra dies alles in Wahrheit nahegehen? Er sah sie an, und etwas von der Beruhigung, die die unbewußte Natur für empfindsame Gemüter haben kann, ging von ihr auf ihn über, das füllte sein Herz mit Dankbarkeit und stimmte ihn milde.

»Willst du nicht hineingehen?« fragte Afra. Und da er sich nicht rührte, fügte sie hinzu:

»Es war schrecklich. Deine Frau leidet sehr.«

»Sprich doch nicht ...«

»Soll ich nicht sprechen? Ich fühl mich schuldig ...«

»Nein«, sagte er, »das ist nicht wahr, du fühlst dich nicht schuldig. Das kannst du nicht. Das kann niemand, der nicht wahrhaft Liebe erlitten hat.«

Am anderen Morgen lief Melchior, der alte Diener, im Hause umher, verstört und von Angst und Trauer ganz von Sinnen. Es galt, seine Habseligkeitenzusammenzupacken und die Reise in die Fremde anzutreten, fort von den bösen Geistern, die seine Heimat zu beherrschen begannen. Ihm war zumute, als sei eine Rotte böser Hunde, die die Kraft des toten Schloßherrn einst zu friedlichen Haustieren gebändigt hatte, losgelassen, um Unrast, Verwüstung und Verfall über das wohlbestellte reiche Erbgut zu bringen. Wie er nun, von Schmerzen verwirrt, im Hause umhertappte, merkte er, daß er viel mehr mit fortnehmen mußte, als Menschen von der Stelle schaffen können, wenn er sein Eigentum bergen wollte, wenn er retten wollte, woran sein Herz hing. Er wollte gar nicht an das denken, was seine bewegliche Habe darstellte, was er bergen und mitnehmen konnte, er hatte nur immer im Sinn, zu retten, woran sein Herz hing. Es warenvielerleiDinge in Haus und Hof und Ställen verstreut, die ihm zu eigen waren: die Geweihe im Gartenhaus, ein altes Bild des Herrn, das in der Gesindekammer hing, die Pfeifen, die ihm geschenkt worden waren, von denen noch kürzlich Martin eine entliehen hatte, vielerlei Gartengeräte und ein alter Hund. Allerlei unnütze kleine Dinge kamen ihm wider Willen in den Sinn. Er blieb ratlos auf der Treppe stehen, starrte nieder in den Hof und tastete mit bebenden Händen die schweren Steinmauern ab. Die Starenkästen im Lindenbaum gehörten ihm, er hatte sie gezimmert und die kleinen schrägen Dächer geteert — — Da schlug er die Hände vor sein gealtertes Gesicht.

»Afra«, rief er, »Afra ... was tust du?! Was bist du geworden, du ungeratenes Kind, du böser Kobold, duKleine, die ich auf den Knien gehabt habe? Du tust Sünde, du ladest schwere Schuld auf dich! Solche Rechte hat kein Mensch. Das hat Gott gesehen, was du tust —«

Er sah mit trüben Augen hinaus. Von hier oben hatte man über die Hofmauern einen weiten Blick ins Land, in der Ferne lagen die Wälder in der Sonne.

Unten ging eine Tür auf, heftig und kurz. Dann blieb es still, als lauschte jemand zu ihm empor und auf seine klagende Stimme. Er glaubte ein tiefes Seufzen zu hören, und ganz leise ging die Klinke nieder und die Tür wieder ins Schloß.

Ihm schien, als seufzte es im Hause seit Wochen von allen Wänden und aus allen Winkeln. Warum war Wartalun mit seinen Türmen und Mauern nicht dahingesunken mit seinem Herrn?

»Gibt es noch Menschen in meiner Nähe, die ein Herz haben?« stöhnte er heiser und lehnte sich an die Wand. Nein, er wußte, es gab niemand, außer Afra selbst, der Macht gehabt hätte, ihm zu helfen. Es ward ihm unbewußt klar, daß er sich an niemand wenden würde, er brachte es nicht noch einmal über sich, bei jemand Recht zu suchen, dem er nicht gedient hatte. Auch war ihm deutlich im Gedächtnis, wie gleichgültig und hilflos ihn der junge Herr an Afra verwiesen hatte, wann immer er schüchtern versucht hatte, von ihm Befehle zu erhalten, die über etwas Wichtiges entschieden. Der plötzliche Gedanke an Martin ließ ihn erzittern, ja er bebte am ganzen Körper vor Wut und Beschämung und ballte die Fäuste.

Er hatte die schlimmste Nacht hinter sich, derer er sich erinnerte; der Gedanke an das, was er in seinem kurzen Schlaf geträumt hatte, stimmte ihn milder, obgleich es trostlos düster gewesen war. Er sah Afra vor sich stehen, sie sah ihn mit ihren farblosen Augen an und stand mitten in Wartalun, sie war riesengroß, das Gut lag wie ein Teppich unter ihr. Dann hob sie den Arm und wies ihn fort, und er erkannte, daß alles, was nicht zu Wartalun gehörte, Abgrund war. —

Es gingen zwei junge Frauen über den Hof, Arbeiterinnen, die einen schweren Korb mit Torf und Holz trugen, die eine von ihnen lachte heimlich und verbarg das Gesicht mit der erhobenen freien Hand hinter der blauen Schürze. Da dachte der alte Melchior:

»Ach — das Leben.«

So einfältig sein schlichter Gedanke sein mochte, so war ihm doch, als habe er lange Zeit nicht mehr so tief über das Leben nachgedacht. Sehr früh war es ihm so ergangen, als noch alle Ereignisse seines Lebens im goldenen Schein der Jugend gelegen hatten. Er sah hinaus, über die Bäume des Parks hin, und es war ihm, als habe in der langen Zeit seines Lebens sich hier nichts verändert. Ihm erschien es, als seien die Bäume nicht größer geworden; war nicht auch der Efeu immer schon bis an den Dachfirst herangewachsen, hatte er nicht immer schon die Zinnen umschlungen und seine Ranken durch die goldenen Speerspitzen des hohen Seitentores geflochten, das nie geöffnet wurde? —

Da erklang unten im Hause Afras Stimme, sie schienMartin etwas zuzurufen, und er hörte gegen Ende ihrer kurzen Sätze, daß ein Scherz folgte. Da faßte eine wehmütige Gewalt von so großer Kraft sein Herz, daß er alle Beherrschung verlor. Er eilte wankend die Treppe hinunter, er schaukelte mit vorgestreckten Händen durch den Flur, riß Afras Zimmertür auf, wobei er alle Vorsicht und Ehrfurcht vergaß, die man ihn gelehrt hatte, und so stand er nun vor ihr, die ihn ruhig anschaute.

»Laß mich hier bleiben ... hier leben ... bis ... Afra, sei barmherzig gegen mich! Ich bin ein alter Mann in diesem Hause geworden.«

Das junge Mädchen war zurückgetreten. Nun sah sie ohne Zeichen großer Erregung auf den Bittenden hin, der ihr seine Hände entgegenreckte und auf dessen weißem Haar die Morgensonne lag.

»Natürlich«, sagte sie freundlich, »bleib doch, Melchior. Ich wollte dich schon darum bitten. Aber vergiß nicht, daß im Hause Ordnung sein muß.«

Sie entzog ihm ihre Hand.

»Willst du nicht Martin sagen, daß wir die Pferde brauchen? Ich will nach Wendalen und werde wohl einige Tage dort bleiben. Seit der Herr tot ist, gelt Melchior, geht nicht alles seinen Gang? Dem Nissen muß ich einmal in die Bücher schauen.«

Der alte Diener suchte nach einer Antwort. Über sein Gesicht liefen Tränen, und seine Lippen zuckten.

»Ich soll bleiben«, sagte er endlich und schlug die Hände zusammen. Afra ordnete Papiere am Schreibtisch. Sei es nun, daß er ihren Befehl unbewußt als dasempfunden hatte, was er gewesen war, als einen Versuch Afras, ihm über den schweren Augenblick seiner Demütigung hinwegzuhelfen, sei es, daß er ihn im Sturm seiner Erregung und Freude vergaß, jedenfalls führte er ihn nicht aus, sondern lief in den Garten und suchte nach Blumen, die er in Afras Zimmer trug, als sie das Haus verlassen hatte.

Kurz nach diesem Vorfall ritt Afra mit Graf Helmut aus dem Schloß, den fahrbaren Feldweg auf Wendalen zu. Sie sprachen miteinander über gleichgültige Dinge, die die Verwaltung angingen. Afra fragte nicht nach Frau Elsbeth, sie nickte nur nachdenklich, als sie erfuhr, der Arzt habe keine Besorgnisse geäußert, und es ginge besser mit der Kranken. Wohl drängte es ihn, den Versuch zu machen, Afra auf seine Art über die Vorfälle aufzuklären, die in dieser Nacht geschehen waren, aber er fürchtete sich vor Worten, die ihm um seiner eigenen Stellung willen schwer wurden. Es kam hinzu, daß er Afras Verständnis ungewöhnlich viel zutraute, und vielleicht fürchtete er sich davor, von ihr andere Meinungen darüber zu hören, als er sie bei ihr vermutete oder erhoffte. Sie hatte ihm am Morgen erklärt, sie würde für einige Tage nach Wendalen gehen, er war ihr dankbar und fand keine bessere Lösung.

In der Runde krähten die Hähne, es war ein warmer Morgen voll Sonnenschein und tiefer, fruchtbarer Stille. Das Korn stand hoch. Aus der goldenen Fülleleuchteten Mohnblumen, und an lichteren Stellen erkannte man den von der anhaltenden Hitze brüchigen Erdboden.

Nun ritten sie miteinander auf die Moorgründe zu, zwischen Weidengebüsch und Pappeln dahin, ein Bach rieselte am Wegrand über dunklen Grund, und im Gezweig der Büsche zirpten Goldammern. Afra, die an die kommende Jagd dachte, sagte: »Der Förster hat die ersten Feldhühner gebracht.«

»Ich kenne ihn noch gar nicht.«

»Schlimm genug«, sagte das Mädchen lächelnd, »für ihn und für Sie. Er ist ein alter Fuchs, der nicht mehr aus seiner Höhle kriecht, man muß ihn schon aufsuchen. Er will nichts von Ihnen wissen.«

Dann sprachen sie von der Jagd, vom Fischen und vom nahenden Herbst.

Helmut hatte seit einiger Zeit unterlassen, ihr die Lobsprüche über ihr Wesen zu sagen, zu denen sie sein empfängliches Herz Stunde für Stunde herausforderte. Er nahm die glückhafte Gelassenheit ihres schönen und starken Wesens wie eine Wohltat hin; still geworden in der bitteren Erkenntnis, wie teuer ihm dieser neue Reichtum seines Daseins geworden war. Er verglich nicht mehr. Sein schmerzvolles Angesicht hatte einen Zug jenes einsamen Gehorsams bekommen, der willenlose und ehrfürchtige Naturen auszeichnet, die bestimmt scheinen, niemandes Schicksal zu werden.

»Wie ist es mit Melchior?« fragte er.

»Er wird bleiben«, gab sie einfach zurück; diese Auskunft schien ihm zu genügen.

»War dies das Pferd meines Oheims?« fragte er nach einer Weile und klopfte den blanken Hals des Tiers, das er ritt.

Afra schüttelte den Kopf.

»Dies ist >Prinz<«, teilte sie mit, »es taugt nicht viel. Er nahm es in seiner letzten Zeit zuweilen für kurze Ritte, wenn er sich mehr mit seinen Gedanken beschäftigen wollte als eben mit dem Reiten. Nein, sein eigenes Pferd war ein prachtvolles Tier von großem Wert, ich habe es kürzlich verkauft.«

»Warum das?« fragte er ohne Unwillen.

»In den letzten Monaten«, erzählte ihm Afra, »ließ er es sich Tag für Tag nur noch vorreiten. Für gewöhnlich mußte Martin es tun, der etwas von Pferden versteht, denn er selbst hatte nicht mehr die Kraft, das unruhige Tier zu beherrschen. Aber selbst unter dieser Pflege ließ es nach, es schien beinahe, als würde es traurig. — Wer sollte es denn jetzt reiten?«

Sie sah mit einem raschen Blick über ihn hin. Er raffte sich zusammen.

»Ja«, sagte er, »ich selbst gewiß nicht. Seit meiner Studentenzeit habe ich auf keinem Pferd mehr gesessen.Für einewirklich edlere Rasse hätte ich wohl auch kaum den rechten praktischen Sinn.«

Sie schien das zuzugeben.

»Und Sie selbst«, fuhr er fort, »warum haben Sie es nicht genommen?«

»Ich?« fragte sie nicht ohne Erstaunen. Dieser Gedanke schien ihr ganz neu zu sein. »Wie sollte ich ...auch habe ich >Joni< von ihm selbst bekommen und will kein anderes Pferd als dies, das er für mich bestimmt hat. Er hat es mir zugeritten, die Narben dort in den Flanken stammen von seinen Sporen.«

Sie schaute hinab und suchte, halb von unten her, nach seinem Blick, ob er ihren Augen folgte. Er sah ihr klares Profil im goldenen Schatten des breitrandigen Strohhuts, die kindhafte Wichtigkeit in seinem Ausdruck und das reine Licht auf ihren Augenlidern. Eine glühende Traurigkeit überfiel ihn jählings wie ein Sturm aus den einsamen Landschaften seiner Träume. Mit schwermütigem Ausdruck hob er sein Angesicht empor, und mit bitterem Lächeln, das Haupt ein wenig zurückgelegt, sagte er in der planlosen Ergebenheit seiner Schwäche:

»Ich möchte keinen Tag mehr leben ohne dich, Afra.«

Man hörte die Hufe der Pferde auf dem weichen Boden und die heimlichen Laute des Lederzeugs der Sättel. Ein Häher flog mit grellen Warnrufen dicht vor ihnen quer über den Weg, und die Spitzen der Weiden schaukelten im sanften Wind.

Nach einer kleinen Weile fuhr Afra zu sprechen fort, vorsichtig, beinahe schüchtern, als empfände sie, wie hart es ihm sein müßte, daß sie nach diesem Ruf seines verwundeten Herzens nun nichts anderes tun konnte als das Gespräch von vorhin wieder aufnehmen:

»Nathanael hat das Pferd gekauft. Er hat eine sehr große Summe bezahlt, ich glaube, er hat seit langem einen Käufer, denn er selbst versteht nur etwas von Ackergäulen und wie man ihre Fehler in Abrede stellen kann.«

Sie hoffte, er würde nach der Kaufsumme fragen, aber er tat es nicht.

Wie konnte er ahnen, daß dies sie verstimmte? So suchte er den heimlichen Verdruß, der nun aus ihrer Stimme klang, durch eine Schuld bei sich zu deuten, denn sie sagte unvermittelt und beinahe lieblos:

»Sie quälen das Pferd. Sie müssen den Zügel locker fassen.«

»O ja ... gewiß ...« antwortete er eifrig und sprach schnell von etwas anderem, wie in Sorge, es möchte ihr nachträglich in den Sinn kommen, daß es sein eigenes Pferd war, das er ritt.

Irgendwie beruhigte es Afra, daß er sich niemals um einen Gewinn bekümmerte, der in Zahlen auszudrücken war, aber doch quälte es sie, und sie dachte: Ihn beglückt kein äußerer Besitz und kein äußerer Reichtum, und doch glaubt er innerlich arm zu sein, er hat es mir selbst gesagt. Vielleicht ist er zu schwach, sann sie, vielleicht würde es ihn bedrücken. Es wäre ihr lieb gewesen, wenn er mit ihr darüber gesprochen hätte, aber er, der oft und leicht über sich und seine Beziehungen zur Umwelt sprach, schwieg stets, wenn es sich um solche Dinge handelte. Aus seiner Verschlossenheit fühlte sie ein heimliches Mißtrauen. Sie nahm sich in einem quälenden Zorn vor, in dem kein Schatten von Habgier war, seine Gleichgültigkeit auf eine harte Probe zu stellen. Wenn sie ihn nun darum bäte, ihr das Vorwerk Wendalen zu schenken ... Ich will es nicht haben, dachte sie, aber sie wollte, daß er es schmerzlich vermissen sollte.

Aber als sie sprechen wollte, zögerte sie doch. Es ist noch zu früh, dachte sie und ertappte sich darüber bei der Befürchtung, er möchte ihr ihre Bitte abschlagen. So war ihr Wunsch doch nicht einzig, ihn zu demütigen? Mit einem Aufwallen übermütigen Trotzes gestand sie sich ein, daß nach ihrer Empfindung dies Gut durch eine unverständliche Fügung des Schicksals in falsche Hände gegeben worden war.

Sie pfiff den Hunden, die sich im Moor umhertrieben, und schaute plötzlich mit hellem Lachen in Helmuts Gesicht.

»Gib mir Wendalen zum Eigentum«, rief sie, wie einem scherzhaften Einfall gehorchend, »dann bleib' ich künftig fort von Wartalun.«

»Das wäre ein Grund, dir Wendalen nie zu geben«, sagte er lächelnd. »Aber alles, was mir gehört, gehört auch dir.«


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