DAS LEBEN DER HEILIGEN WALPURGA

[1]Sie selbst äußerte ihrem Beichtvater gegenüber, daß sie den Ring immer an ihrem Finger sähe.

Welch’ goldumwobene Täler tun sich dem Blicke auf, der einzudringen sucht in das Wesen des Wunders! Der Schwung, der den Menschen vom Tiere weg zu einem neuen Tag und neuen Ufern hinwies, fuhr fort, ihn zu bewegen. Vom niedrigsten zum höchst Gearteten gähnte schon ein Abgrund, als der Heilige neue Höhen erklomm. Mußte der weit überbotenen Natur, mußte diesem neu geschaffenen Erdreich das Übernatürliche nicht „natürlich“, wie die Blume dem Abhang entsprießen?

Der Tod, so heißt es, sei durch die Sünde in die Welt gekommen. Aber dem wirklich Wahren ist ja stets von mehr als einer Seite beizukommen, und es trägt stets ein doppeltes Gesicht. — In der Idee des Menschen lag das Prinzip des Todes nicht enthalten. Es war nicht gemeint, daß er sterbe. Die Torheit und der Schimpf des Todes waren ihm nicht zugedacht. Es entsprach ihm nicht, daß er modere; noch solcher Möglichkeiten, wie daß der Wolf oder die Hyäne ihn, den Herrn, stumpfsinnig zu seinem Fraß erniedrige.Dieswar von einem höheren Plane aus gesehenwider die Natur. Nicht aber, daß unter den Füßen des Gottmenschen ein aufrührerisches Meer sich wie zuMarmor-Fließen glättete, um seine Schritte hinzutragen.

Nur dem Chaos sehen wir Halt geboten, nur die Ordnung scheint uns hergestellt, wenn wir vernehmen, daß Walpurgas Leichnam unversehrt gefunden wurde und ihr blühweißes Gebein von einem duftenden Oel tauartig troff. Gott allein weiß, wen er zu ehren hat. Daß er in das Herz des Menschen sieht, heißt soviel, als daß der Mensch esnichtsieht. Denn seine Psyche ist ein Angesicht, nur für ein höheres Ich ersichtlich. Und wenn es heißt, daß reine Herzen Gott schauen werden, so heißt dies, daß Gott sie schaut. Und darum heißt es, daß der Herr des Lügners Angesicht nicht sieht und seine Stimme nicht hört. Denn sein Augenstrahl dringt nur zu dem was ist. — Ach, zwei Welten gibt es, die einander meiden müssen! Wo das Seiende seinen stobenden Funken auf die Welt des Scheines hinschlägt, da ist ihr starres unabwendbares Gesetz ungewesen und zerflossen. Wie jene Strahlen, die Fleisch und Blut übersehend, sich nur auf Wirbel und Knochen richten, so ist ein Auge denkbar, das absieht von Bergen und Wolken und Kuppeln, Dächern, und der menschlichen Hülle. Ein moderner Denker hat jene vageste und zugleich bestimmteste Art des Fassens zu Ehren gebracht, die ein auf das verstandesmäßige Sehen verzichtleistendes Schauen ist — jener unter Schutt undGebälk ringende Funken, Intuition genannt, kraft deren sich die Kreatur ihrem Joche entzieht und das Unfaßliche erfaßt.

Der Pförtner, der sich eines Abends weigerte, Walpurgas Befehle auszuführen, und die Lichter ihres Klosters anzustecken, ist das Bild des unintuitiven Menschen, der immerzu sieht und nie erschaut, indes Walpurgas lauterem Herzen ein Licht entquoll und ihre Gestalt umflutete, die mitten in der Nacht so hell zu leuchten begann, daß die Schar der Nonnen bestürzt herbeieilte und sprachlos vor Staunen die Strahlende umringte.

Aber die dem Unwahren überwiesene, vom Schein genarrte und gefolterte Kreatur hat das nur der Intuition erkennbare Wahre diskreditiert und das Wort Mirakel dafür gesetzt.

1911.

Seit ich über die heilige Catharina und die heilige Walpurga schrieb, sind nur wenige Jahre verflossen, und doch ist es schon nicht mehr dieselbe Zeit. Jetzt erst realisiere ich, wie reizvoll es war, religiösen Problemen nachzuhängen, während sie so ziemlich niemand interessierten. Ich sage dies nicht aus Hochmut. Es sind Beleuchtungsfragen, und jeder kennt ja ihren Belang. Wir wissen, daß eine zu offene Helle die Dinge schlagen und ihrer Intimität berauben kann; wie sehr dagegen jenes andere gehemmte und entkräftete Licht alles verstärkt und verdeutlicht, was es bestrahlt; — Mitsommers vielleicht, während das voll entfaltete Laub regungslos unter dem bedeckten Himmel hängt.

Eine frühe, noch ungewohnte Christenheit sah alles so grell, daß sie verwirrten Sinnes die Geschichte ihres Kultus wob. Aber seit Dezennien, ja seit Jahrhunderten schon hat sich ein stetig wachsender Indifferentismus wie Wolkenbänke aufgeschichtet. Die Dinge der Religion ließ man links liegen, hörte auf, sich zu ereifern. Immer weiter glitten sie wie Abgeschiedene von uns weg, und immer weniger „gehörten sie her“.

Merkwürdigerweise gärte dabei das christliche Agens wie ein Sauerteig in unserer entfrommten Welt unbeschadet weiter, fand andere Ventile, und pflanzte sich in unserer Philantropie wie zu einem blühenden Stabe auf. Es war erstaunlich zu sehen, wie gut gerade der Katholizismus es vertrug, daß man ihn in Ruhe ließ, und abgewandten Sinnes lieber fliegen, forschen und entdecken lernte. Ja, es schien, als atme er indessen von den Strapazen unserer tausendjährigen Mißverständnisse auf; sachte begann er schon der bitteren, unleidlichen Rinde sich zu entziehen, in die Menschenhände ihn verbaut hatten, glitt einer neuen Kurve zu und evoluierte wie ein Planet. Ja, man kann sagen: seine Idee evoluierte in dem Maße, als seine Dogmen an Presenz und Deutlichkeit verloren. Nichts gleicht ja so vollkommen einer Kugel als diese Idee. Und so drehte sie sich nur um ihre Achse, als sie, ohne doch von uns abzurücken, wie der Neumond unserem Gesichtskreis entschwand . . . Aber leider sind wir daran, ihn auf seiner Bahn noch einmal störend aufzuhalten. Aus der Penombra unserer Gleichgültigkeit soll er noch einmal vorschnell ans Licht, und wenn nicht alles trügt, so kommt wahrhaftigen Gottes der Katholizismus jetzt in Mode.

Auf irgend einen Umschwung mußte man ja gefaßt sein. Mit der Liebe als „Topic“ ist es bekanntlich vorbei, sie muß sich erst von der Publizität erholen, die wir ihr ein Jahrzehnt langangedeihen ließen, so daß wir eine Zeitlang lieber nichts mehr von ihr hören. Wer hinzukommt, wie ein Rad ausläuft, der harrt der neuen Schwingung: so sind heute die Unerfahrensten blasiert. Und daran ist ja nichts auszusetzen. Wohl aber, daß man darauf verfiel, nunmehr das Religiöse gewissermaßen als Novität auf seine Zugkraft hin zu erproben! Auch der laueste Katholik sieht heute entsetzt, wie die Literaten deutlich Miene machen, den Katholizismus zu „entdecken“. Nicht als Ausübende versteht sich, nur als Imaginäre, die allen Ernstes glauben, aus Sport, und wie man Wagnerianer und später Antiwagnerianer war, so könne man auch katholisch sein. Ein grotesker Wahn, wenn man bedenkt, daß der Begriff Amateur-Katholik so wenig wie der des Amateur-Soldaten existiert. Und zöge einer in Helmbusch und Epauletten einher, und würfe sich gar in eine Generalsuniform, weil sie ihm so gut gefällt, so hätte er doch erst recht mit militärischen Dingen nichts zu schaffen; es sei denn, daß er dem Stande beitritt und sich dem Drill unterzieht. So fragt der Katholizismus nicht nach Velleitäten, er fragt nicht, wer für den Pomp seiner Zeremonien und Gewänder, auch nicht, wer für den suggestiven Zauber des Meßopfers schwärmt, sondern er fragt nur, wer eingeht durch das kaudinische Joch, das bis auf weiteres den einzigen Zugang bildet zu einer ehrwürdigen und wetterfesten,aber der Umgestaltung so dringend benötigenden Feste, daß nur mehr die ganz Einfältigen, die freiwillig Gedankenlosen oder Leute von sehr merkwürdiger Abstraktionsfähigkeit ihre Besatzung bilden. Und er fordert von diesen Wenigen, daß sie es über sich bringen, die wankende Burg um ihres ewigen Grundrisses willen nicht zu verlassen. Er fordert, daß sie, wenn auch ohne Illusion und des Einsturzes gewärtig, den täglich unleidlicheren Verhältnissen sich fügen. Er fragt nicht, welche Grimassen sie dabei schneiden. Es genügt ihm, daß sie nicht ausziehen. Denn er bedarf ihrer als Pfeiler für den kommenden Umbau.

In Rom, bei einem Kardinal, der ein sehr heiliges Leben führte, war eines Tages im engsten Zirkel von der letzten Papstwahl die Rede; und auch von den politischen Intrigen, die damals in allen Kanzleien so üppig und offenkundig in Blüte kamen, daß am Tage der Entscheidung einer der Botschafter mit der Prognose: „Ce sera un petit pape“ — im Gegensatz zu Leo XIII. — unumwunden herausrücken durfte. Der Neffe des Kardinals wagte zu bemerken, daß sich der hl. Geist während dieses letzten Konklaves sehr passiv verhalten habe. „Et vous croyez“, sagte der Kardinal, nicht etwa ironisch, sondern mit der Fassung und erfahrenen Gelassenheit des Veteranen: „Et vous croyez, que dans cent ans nous aurons encore ces chinoiserieslà?“Mögen manche Katholiken ungläubig die Köpfe schütteln, mögen sie den Neokatholiken unbegreiflich dünken; dies waren seine Worte. —

Ich möchte hier etwas über Konvertiten einschalten. — Zwischen ihnen und den angestammten Katholiken herrscht so oft eine merkwürdige Fremdheit, als wären sie gar keine richtigen Glaubensgenossen. Der alte Bau, der für die Einen die edle Patina der Jahrhunderte trägt, steht wie frisch getüncht und so hart und plötzlich — und so neuartig vor den Augen der anderen. Nichts von seinen Herrlichkeiten ist ihnen noch geläufig. Als nouveaux riches sind sie über Nacht zu dem gelangt, was den Erbangesessenen selbstverständlicher Besitz ist. Daher nichts Vornehmeres, aber auch nichts Selteneres als ein Parvenu — oder ein Konvertit, — dem man’s nicht anmerkt.

In richtiger Distanz zu dem ewig fluktuierenden Katholizismus zu bleiben, ist ja eine so schwere und immerwährende Aufgabe, daß eine ganze Anzahl Katholiken, und gerade die sympathische Sorte, da sie sich nicht lossagen wollen, lieber Scheuklappen anlegen, als über ein so gefährliches und verwirrendes Thema nachzudenken. Und ich begreife sie sehr wohl. Seinem Geiste nach ist der Katholizismus etwas in seiner Vollgültigkeit wirklich zu Insgeheimes und zu Irisierendes. Für die Armen da, gewiß, aber wie ein König für die Armen da ist, so ist er inseinem unantastbaren Adel denen sogleich entzogen, die in ihn hinein geheimnissen oder ihm mit Anachronismen zu nahe treten. Denn er kennt kein Zurück; und durchschrittene Bahnen umkreist er kein zweites Mal. O wüßte Claudel, wie weit dieser Geist seiner versteinerten Muse entschwebt ist, wie wenig ihr erledigtes Mittelalter den Unaufhaltsamen trifft!

Wenn mir vorhin die Konvertiten einfielen, so geschah es, weil mir bei der Äußerung des Kardinals, die ich zitierte, unwillkürlich ihre erschrockenen Mienen vorschwebten. Der junge Diakon hingegen, an den sich die Worte richteten, vernahm sie mit einem beschaulichen Lächeln. Er sollte sich bald darauf durch einen zu fürwitzigen Modernismus seinem Seminar mißliebig machen, auch sollte ihm — gerade nach Torschluß — dünken, daß er für die Aviatik oder die Armee — er stammte aus einer französischen Offiziersfamilie — berufener gewesen wäre, als für den Priesterstand, den er offenbar ein wenig vorschnell erwählt hatte. In dieser Verfassung kam er nach München und besuchte mich hin und wieder. Bei seinem skeptischen Naturell konnte von einem Glauben, der Berge versetzt, nicht die Rede sein. Intelligent und rege, aber der Wissenschaft, der Technik zugewandt und ohne jede Einstellung für das Religiöse, läßt sich denken, wie ihm heutzutage in seinem Stande zumute sein mußte. Seine Ironiewar zu wenig gespielt, sein Achselzucken zu vielsagend, seine Munterkeit zu sehr die eines gefangenen Eichhorns, kurz, sein Stichwort war die Qual, — man brauchte es gar nicht lange zu suchen.

Eines Tages erschien er plötzlich zu ungewohnter Stunde, sich zu verabschieden. Es habe sich eine Vikarstelle für ihn geboten; ob er die annähme, wisse er noch nicht, und er zuckte die Achseln; doch jedenfalls kehre er nach Frankreich zurück.

Die Fenster standen groß offen, und es war ein Frühlingstag, daß ihn die Gestorbenen unter ihren Erdhügeln spüren mußten. Als eine verwegene Negation des Todes rauschte er mit allen Schauern herein, sein Licht hing sich wie ein Lockruf an den blassen und eleganten Abbé und hob mit so weher Schärfe die Tragik seines Daseins hervor, daß ich aufatmete, als er wieder ging. Doch gleich darauf hielt ich es selber im Hause nicht mehr aus. Draußen, unter freiem Himmel, angesichts der Straßen, der blühenden Anlagen, da gab es die vieljährigen Bäume, die oft erstorbenen und nun wieder ergrünten, und Menschen aller Art, erst da ließ sich das Schicksal des jungen Priesters wieder einreihen und erdrückte nicht mehr. Da erst konnte man sich ein Herz fassen, kalte Dinge in den Tag hineinzudenken.

Zwei Jahre waren vergangen, als ich ihnunvermutet wieder traf. Er hatte sich in einem Lyzeum ganz der Erziehung junger Knaben gewidmet, seine Hoffnungslosigkeit schien glücklich eingedämmt; ich fand ihn „zusammengerissen“ und gefestigt, ohne daß er doch im Stillen von seiner Skepsis das geringste eingebüßt hatte; er zuckte die Achseln womöglich noch höher als zuvor, und nie war einer seines Zeichens der Dogmen so ungewiß.

„Warum gehen Sie nicht weg?“ fragte ich starr.

„Es ist keine Sache, die man desertiert,“ sagte er. Dabei kam ein so anderer Ausdruck in sein Gesicht, und ich begriff, daß eine Weihe wie die, welche er empfangen hatte, dem Flüchtling zum Brandmal werden müßte. Für den Augenblick wollte mir alles andere gering scheinen im Vergleich zu dem Leben dieses im eigenen Lager mißkreditierten und verdächtigten Abbés, der mit so großer Selbstverleugnung auf seinem Posten blieb. Weilhinterdiesem Katholizismus, dem wir doch sonst lieber heute als morgen davonliefen, das Rätsel steht, das wie eine noch ungehobene Monstranz weit hinaus über unser Dasein schimmert. Weil hier ein Seiendes inmitten der ewig zusammenstürzenden Gestalten seinen Bann ausstrahlt.

Wird mich der Leser verstehen, wenn ich ihm das Bild nenne, das da plötzlich vor mir aufstieg? Ein kleiner Reitertroß, welcher dem vorsichtignachziehenden Heere voransprengt, verwehrte Grenzlinien erkundend, ohne Deckung, verfallen, namenlos, und dennoch vom Sturm seiner Gesinnung sich zu opfern hingerissen, weil dort einige Helden liegen müssen, wo die kommenden Vielen freien Durchzug über neue Brücken finden sollen. Und auch jene Kundschafter schwebten mir vor, die sich als erste in die mörderische Luft erhoben, um sie für andere zu besiegen. Von dem mystischen Generalissimus aber, der heute eine solche verschwindend kleine Schar durch seinen Geist beseelt und, vielleicht ohne es zu wissen, auf ihren gefährlichen Vorposten zurückhält, von Duchesne will ich nun sprechen.

Ich wäre glücklich, wenn es mir gelänge, das Bild des Mannes zu umreißen, der sich aus dem unmöglichen Kompromiß zwischen Skepsis und Gläubigkeit seine gedankliche Würde und Unabhängigkeit rettete, und — klug wie eine Schlange — die Desinvoltura seines Geistes bis in ihre kleinsten, spöttischesten Züge vorbehielt, während er sich doch als ein Gebundener aller Waffen begab; — der heute mit einer Selbstverleugnung ohnegleichen als Trumpf einer Partei steht, die nur darauf sinnt, ihn auszustoßen, während er durch sein geistiges Prestige ihre Wagschale hält; — der über die obskuren Tage, durch welche sich der Katholizismus durchringen muß, wie ein blühender Ast hinausreicht, und dessen Schatten so beseelt eine Schwelle überhängt, die er nicht beschreiten wird. Es gibt heute auf der Welt keine stolzere Gestalt, und keine, die so einsam steht, wie Duchesne. Nicht mit den Unbedachten und den Fanatikern, die blindlings ein zerfallendes Gemäuer verteidigen, sondern weil er dessen unerschütterliche Basis ergründete, nur deshalb verharrt er standhaften Fußes inmitten des immer hastigeren Gerölles. Gar manche Werte, als unvergänglichausgegeben, wird es ja als vergangene vor sich hintreiben. Aber keine Kunst wird es dann sein und keines Scharfblickes wird es mehr bedürfen, sich zu einem Katholizismus zu bekennen, von dem die düstere, unziemliche und abgenützte Wörtlichkeit sich endlich löste!

Ich war zum erstenmal nach Rom gekommen und wußte noch nichts von Duchesne, als mich eines Tages Barrère auf die Gäste aufmerksam machte, die er für den Abend erwartete; er hob den soeben zum Monseigneur ernannten Abbé Duchesne vor allen anderen hervor und bestimmte mich in seiner impulsiven Art zu seiner Nachbarin. Nun war ich aber noch übertrieben jung, wenn man so sagen darf, und eine viel zu unwichtige Person, um von dem neuen Würdenträger geführt zu werden. Man beförderte mich also an seine Linke. Es war alles was sich machen ließ. Zu seiner Rechten saß — zart und pariserisch — die sehr reizvolle junge Gattin eines französischen Deputierten. Sie verstand es sogleich, sich mit einer huldigenden kleinen Phrase Duchesne zuzuwenden, und ich beneidete sie um ihre Sicherheit, erschrak jedoch, als sie ihn dann fast unverweilt auf religiöse Themen hin unternahm. Allein sie trug sich als strenggläubige Katholikin und ohne Furcht. Leo XIII., obwohl schon ein Sterbender, hatte sie noch empfangen und ihr seinen Segen gewährt . . . sie war so glücklich . . .dieser unvergeßliche Eindruck . . . „Und werden Sie sich einige Zeit in Rom aufhalten?“ fragte Duchesne. „Ach nein, leider nicht.“ Sie müsse wegen der ersten Kommunion ihres ältesten Kindes zurück.

„Schade,“ sagte er.

Es entstand eine kleine Pause; man reichte ihr eben den Fisch, aber dann erklärte sie eifrig, sie wolle jedenfalls den Ablaß gewinnen, bevor sie Rom verließe. Hatte Monseigneur ihn schon gewonnen? „Non,“ gab er zur Antwort, „j’attends qu’il y ait un rabais“. Und ohne aufzusehen, ließ er ihr ruhig Zeit sich zu sammeln. Ihr Gatte fing die bestürzte, fast hilfesuchende Miene nicht auf, mit der sie über den Tisch zu ihm hinsah, indes ich mich schnell zurücklehnte, um Duchesne mit einem unauffälligen Blick zu überfliegen. Mein Herz tat einen großen Ruck und stand horchend still. O, diese hohe, wie in kühner Abwehr geschwungene Braue! dies aufblitzende, bedrohliche Feuer des Auges! und welcher Ernst hinter dieser grimmigen Maske! Jene unverbriefte augenblickliche Sicherheit, zu der eine intuitive Erkenntnis hinreißen kann, trug mich da, — des Pfeils nicht achtend, wo er lag — schnurgerade zu dessen Ausgangspunkt hin. Nein, bei Burgunder und Salmi gab dieser Mann nichts zum Besten von dem, was der Brennpunkt seines Lebens war. Bedachte sie es nicht und zog siekeine Schlüsse, die anmutige Frau, die sich die Dinge zugute hielt, deren letzte Konsequenzen er trug? Sein zierlicher violetter Mantel, als seidenes Nichts über den Sessel zurückgeschlagen, hing er ihm nicht wie mit eisernen Schließen am Halse an? und entnahm sie nichts der so wenig klerikalen, der so priesterlichen Prägung dieser tragisch in sich gekehrten Züge? —

Ach! so neu war dies! wie wenn Berge zurücktretend ein Tal einlassen. Ich war so entzückt, daß sich mir alles festlich erhöhte: das Silberzeug wie neu gehäuft, als spende es seine Pracht zum ersten Male, und auch die Blumen!

Es ist leider nicht zu umgehen, daß hier zu viel von mir selbst die Rede ist, denn ich muß zur Erklärung manches einschalten. Mit sechs Jahren steckte ich schon in einem Kloster, das ich erst mit zwölf, beflügelten Schrittes, auf immer verließ. Der Begriff und das Hochgefühl, ja die Würde der Freiheit bestand für mich darin, daß ich nunmehr mit Klosterfrauen, spitzenbesetzten Heiligenbildern auf Tortenpapier, und den frommen und so faden Öldrucken, vor welchen es in keinem Saale, keinem Korridor, keinem Vorplatz ein Entrinnen gab, auf immer außer Kontakt treten durfte. Dies hatte der furchtbare Klosterjargon bewirkt, in den das Erhabene und Unbegreifliche, als wäre es so gegenständlich wie Reis oder Kaffee, ohne Unterlaß hereingezogen wurde. Kein Anlaßwar zu gering, um uns von Gott zu sprechen. Schneller als man glaubt hat aber die geheimnislose Aufmachung des Geheimnisvollen das religiöse Bewußtsein eines Kindes zerstört, und es wendet sich so bald als möglich von einer Sache ab, die man ihm mit beschämend albernen Reminiszenzen behing. Ich war mit so mächtigen Aversionen aus meinem Kloster ausgetreten, daß ich mich fortan allen religiösen Erörterungen und dem Umgang kirchlicher Personen mit anstößiger Deutlichkeit entzog und meiner Abneigung für sie auch dann, ja dann erst recht mit wahrem Behagen treu blieb, als ich angefangen hatte, dem Problem des Katholizismus still für mich allein mit gespanntem Interesse nachzuhängen.

Und nun zurück zu jener Tafel: aber ich glaube, es werden einige schon begriffen haben, warum da mein Herz so plötzlich höher schlug.

Tags darauf bestürmte ich Barrère, mir zu einer Unterredung unter vier Augen mit Duchesne zu verhelfen. Ihnen kann er’s nicht verweigern, und mich machen Sie für den Rest meiner Tage glücklich, beteuerte ich.

Aber Barrère ließ sich durch meine melodramatische Geste nicht beirren. Er dachte nicht, was ein jeder an seiner Stelle gedacht hätte: „die Kleine wird mich blamieren!“ Er zögerte nur einen Augenblick lang, dann schickte ereine Zeile zu Duchesne hinauf: dieser wohnte nämlich im selben Hause, wenn auch nach einer anderen Himmelsrichtung und fast eine Viertel Meile Weges entfernt. Denn das Dach des Palais Farnese ist weitläufig wie ein Stadtviertel und birgt einen ganzen Komplex verschiedenster Wohnungen. Es hat sogar seine Slums, sozusagen, unkontrollierbare Schlupfwinkel, aus welchen allerlei lichtscheues Volk sich nicht mehr vertreiben läßt.

Duchesne schickte den Boten mit der Antwort zurück, daß er mich am folgenden Morgen empfangen könne. Als Leiter des Archäologischen Institutes hatte er eine hochgelegene, aber stattliche Flucht von Zimmern inne. Beklommen erstieg ich die vielen Stufen und begriff den Ansturm nicht mehr, der mich mit solcher Macht zu diesem Schritt getrieben hatte: er erschien mir plötzlich anmaßlich und ungenügend motiviert. Lag mir denn auch wirklich so übermenschlich viel an solchen Fragen? welchen Fragen? . . . ich wußte auf der Welt nicht mehr, was ich Duchesne sagen wollte, und angsterfüllt zog ich die Klingel.

Der Diener verneigte sich stumm, zum Zeichen, daß ich erwartet sei, und aus dem Halbdunkel trat eine Katze hervor, die sich ohne Zögern meiner annahm und mir voranschritt. Zwar hätte nichts farbloser sein können als Duchesnes Empfang. Mir jedoch, da ich vor ihm stand,verscholl alles Alltägliche, und alles Zufällige stürzte mir zusammen wie Kulissen, die aus dem Wege müssen und mein wahres Leben umgab mich wie ein Paradies. Kindheit und Jugend von mir fortgeweht und selbst die Jahre, die noch vor mir lagen, im voraus abgesponnen, gehörten mir nicht mehr an, keine Zeit, nur diese eine denkwürdige Stunde; kaum ein Geschöpf, nur ein Gedanke, so stand ich vor ihm; nichts von dem Zimmer wahrnehmend, in dem ich stand, nur den Himmel, der durch die Scheiben sah: rosige Wolkenstreifen über den Janiculus. Es ist Abend, dachte ich.

„Guten Morgen,“ sagte Duchesne.

Doch ich blieb unter dem vagen Eindruck eines Abendhimmels und sah so klar, wie ohne diese unverhoffte Begegnung mein Weg sich verengte und ich abstürzte. Aber im magischen Schein dieses sinkenden Tages, der ein aufziehender war, dünkte es mir mit nichten wunderbar, daß der ausgerechnet einzige Mensch auf dieser Erde, vor dem ich mir — wie ich nun einmal beschaffen war — die Bestätigung, das „Geländer“ dessen holen würde, was ich mir nun schon lange — Sprosse für Sprosse — trotzig aufbaute, hier vor mir stünde, mich zu vernehmen. Die Tatsache war schon vergessen, daß sich mein Leben bisher zu einer Mosaik heftiger, stets unerfüllter Wünsche mit erstaunlichem Tempo zusammensetzte. Stand dochauch mein Umgang mit Menschen damals im Zeichen des erbitterten, weil unstillbaren Wunsches, auf einen Stuhl zu steigen, und was ich gerade meinte oder dachte, furchtbar hinauszuschreien, um die Nichtachtung zu übertönen, die meine aperçus samt und sonders erfuhren. Die sogenannten reifen Leute pflegen ja den Werdenden jeden Kredit auf eigene Gedanken um so systematischer zu verweigern, je gedankenloser sie selber sind. Und doch trägt einer seine paar Ideen, wenn überhaupt, schon sehr früh mit sich herum, und sich selbst überlassen, kommt vielleicht nichts seiner Bedrängnis gleich.

Aber hier stand der gewaltige Duchesne, und ihm bekannte ich da in hastigen Umrissen die ganze Not meiner geistigen Existenz: Wie ich auf meiner Flucht vor all denjenigen Dingen, die mir so früh verleidet wurden, dem menschlichen Geiste auf allen mir zugänglichen Gebieten, nur nicht den religiösen, nachzuspüren begann, wie aber alle diese der Religion entfremdeten, oder sie ignorierenden, ja sie scheinbar negierenden Pfade, sich mir zu guter Letzt als Umschreibungen jener selben Mysterien bekundeten, deren Sinn, ja deren Wahrheit mir eine zu unumwundene und plumpe Wörtlichkeit so früh raubte; wieso ich die Leute nicht verstünde, die es sich untersagten, den Dogmen nachzuhängen aus insgeheimer Furcht, sie dannbezweifeln zu müssen, und wie feig, wie träge, wie wenig menschenwürdig mir dies erschiene; um so mehr als sie den spekulativen Gedanken auf das äußerste anzuspornen vermöchten, und es eine Art gab sie zu jagen und zu verfolgen, bis sich ihre Fassetten zu einer vieldeutigen Einheit blitzend zusammenballten, daran sich von neuem Alles erproben, die kühnsten, fürwitzigsten Spiele treiben ließe, die selbst mit dem schwindligen Kosmos bemessen, ihre Schwingung behielt . . . die vielen Wohnungen auch wirklich birgt, von welchen geschrieben steht, und also auch Hürden den Einfältigen gewährt; daß sich der Freie aber nur deshalb zufrieden gibt, weil hier ein Geheimnis hinter dem anderen lauert, und Unerforschliches hinter dem Erforschlichen wie im Sternenraume immer neue Kreise einbezieht. Eine solche Einsicht, meinte ich, in einem Zuge fortredend, hatte so sehr den Charakter des einreißenden Affektes, daß man wohl scheuen könne, ihn vor sich selber auszuplaudern . . . . daher das so sehr Fakultative dessen, was man Frömmigkeit nennt und für einen Bestandteil des Religiösen hielt, während es ein vielfach sich lösendes Abzeichen sei.

Duchesne unterbrach mich mit keinem Wort. Am Fenster stehend, und halb mir zugekehrt, hörte er mich an. Ich meine, wir sind so empfindlich geworden, gerade in solchen Dingen,fuhr ich fort, denn wir neigen so stetig vom Sichtlichen weg! Wem der Katholizismus seit Generationen im Blute sitzt, der scheint heute Nichtkennern unverständlich, fast hostil. Schon fordert er den Altar als Hintergrund für Priestergewande. Mönchstrachten und Klosterschwestern im Straßenbild sind nicht glücklich — — — —

Die Sonne senkte Streifen goldenen Staubes herein. Bald wird sie sinken, dachte ich, und meine Worte fingen an sich zu überstürzen: durch das Überdauernde und Grenzenlose der Konnexe war eine Sache groß. Alle Künste aber strebten seit vielen tausenden von Jahren an den Schleiern unseres Kultes zu weben und waren von jeher durch den Pulsschlag oder den Gedanken eminent katholisch. Aber ein so flutendes Meer wurde zum ungespeisten Gewässer verdrängt, das universalste zum einschichtigen, die Sache, deren Schlagwort unbegrenzte Elastizität ist, zur verdrießlichen Enge. So kehrt fast jeder um, wo dennoch ein Weg über jene Himmelsbrücke bis zum alten Hellas hinüberreicht, das sich als gewaltiger Aufruf, als elementarer Auftakt der Messianischen Zeit aus der Versenkung hebt. Und die Gestalt des Erlösers . . . Hier brach ich ab. War es denn nötig, etwas hinzuzufügen? Mußte der Mann, zu dem ich mit geweiteten Augen hinübersah, nicht mit einem Blick erraten, wie sichauf dem eingeschlagenen Wege die Prinzipien, die man mich als Gegensätze gelehrt hatte, ins Unabsehbare versöhnten, und wie brennend ein solcher Verdacht mich innerlich einschloß und umzüngelte? Vielleicht hatten ihn schon viele geschöpft; ich konnte es nicht wissen, da ich ihn noch von niemand vernommen und zu niemand geäußert hatte. Unter den geistvollen und mir unendlich überlegenen Menschen, die ich schon kannte, war mir doch keiner vorgekommen, dem ich gerade in solchen Dingen die Autorität zugestanden hätte, mir diesen Verdacht zu bestätigen oder zu bestreiten; keiner, dessen Widerspruch mich nicht unbeschreiblich gereizt hätte, um dann anzunehmen, daß ich es selber besser wüßte . . .

Wozu hatte ich jetzt gesprochen, wenn dieser hier alle diese Dinge nicht erriet?

Monseigneur, schloß ich unvermittelt, täusche ich mich oder habe ich recht?

Und Duchesne antwortete mir ohne Zögern.

Aber mein Gehirn war plötzlich wie ausgelöscht und leer und ein Büschel Fräsien, deren Duft ich bisher nicht wahrgenommen hatte, ward überwältigend. Ihre archaische Seele ausatmend — diesem ewigen Echo von Hoffnung, Frühling, unglücklicher Liebe — bestimmten sie den Klang dieser Stunde und trugen ihre schwere und doch so beschwingte römische Luft, ins Unermessene hin.

Duchesne saß mir jetzt gegenüber und sprach unter anderem von den Katholiken Deutschlands.

„En Allemagne on aurait fait de moi un Döllinger,“ sagte er, „ici on m’a fait Monseigneur.“

Und es fiel mir ein, daß Barrère sich fast ein wenig verwundert über die Befriedigung geäußert hatte, welche ihm diese Ernennung bereitete. Ich begriff die Genugtuung so wohl. —

Aber ich fühle, wie ungeduldig der Leser auf mich wird. Duchesnes Antwort ist es, die er wissen möchte, und ich kann sie ihm nicht sagen, denn mein Besuch ist kein Interview gewesen.

Genug, daß dieser wegen seines Liberalismus so viel angefeindete Mann der beißenden Sarkasmen, der bitter-frivolen Witze, sich als ein heiliger Priester entlarvte. Die Entdeckung, obwohl gleich bei der ersten Begegnung so vorschnell geahnt, war so wichtig, daß ich sogleich wußte, bevor ich es erfahren lernte: Daß mein Leben, was immer es mir bringen oder verwehren würde, dennoch in dieser Unterredung mit Duchesne seinen eigentlichen Abschnitt fand und in ein vor oder nach ihr zerfiel. Ja, ich verließ ihn so ganz von diesem Bewußtsein eingenommen, daß ich wie im Traum die vielen Stufen hinabging, die ich so bang erstiegen hatte. Vor dem kühlen Palast lag jetzt der Campo di Fiore in der Mittagsglut. Wo sich träge und lau, und doch nachhaltig wie ein Lied, sanfte Levkojen häuften, nahm ich meinen Stand, zu glücklich,um mich von der Stelle zu rühren. Nichts war ja sinnlos und alles hing zusammen.

Ein paar Tage später traf es sich, daß ich infolge einer Konfusion in Duchesnes Wagen von einer Gesellschaft mit ihm zurückfuhr. Wir sprachen dabei über das holperige Pflaster, die zunehmende Hitze und die mangelhafte Beleuchtung des nächtlichen Rom.

Als bald darauf bei ihm selbst ein Empfang stattfand, kam ich ihm nicht in die Nähe, und als ich mich in der Folge wieder nach Rom begab, suchte ich ihn nicht mehr auf.

Die Jahre verstrichen, ohne daß ich ihn wiedersah. Von dem neuen Kurs begünstigt, hatte einstweilen in den klerikalen Blättern des halben Kontinents jene berühmte Hetzjagd auf ihn eingesetzt, bei welcher er nicht besser als ein Ketzer behandelt und seiner Ernennung zum Mitglied der französischen Akademie mit täglich neuen Insulten entgegengetreten wurde. Ein Buch, das unter Leo XIII. niemand zu rügen wagte, stand plötzlich auf dem Index, und der Augenblick schien endlich gekommen, wo er, der ungerechtfertigten Angriffe müde, durch einen offenen Bruch entgegnen würde. Wenn die Nichtkatholiken darauf wetteten, so konnten ihn seine feindlichen Glaubensbrüder kaum erwarten. Aber ich wußte zu genau, daß er diesen den Gefallen nicht tun würde, um mich auch nur zu erkundigen, welchen Entschluß er getroffen hatte.

Es wurde Mittsommer über der häßlichen Campagne, ich war gerade in London und wollte nach Deutschland zurück, als ich durch eine Zeitungsnotiz erfuhr, daß Duchesne sich in Paris befand. Plötzlich lebte da übermächtig der Wunsch in mir auf, ihn wiederzusehen. Seine Adresse war schnell ermittelt, ich schrieb ihm, daß ich über Paris führe und fragte an, ob er mich empfangen wolle. Die Antwort war ein kleines Billet, mit sorglicher Angabe der Untergrundbahn und der Stationen, wo ich ein- und umsteigen müsse, um am schnellsten vom rechten Ufer zu ihm hinüberzukommen. Möglichst bald, denn er sei im Begriff, in die Bretagne zu fahren! Ich reiste sogleich, war abends in Paris, und kündete mich für den nächsten Morgen bei ihm an. An der Hand seiner Vermerke legte ich, bald über, bald unter der Erde, den komplizierten Weg zu seiner verlorenen kleinen Sackgasse zurück, in der sich zweistöckige Häuser altmodisch aneinanderreihten. Ich eilte eine Stiege hinauf, trat rasch durch eine Türe — wie damals stand er am Fenster — kein Janiculum mehr — gesenkte Jalousien, um das Sonnenlicht zu dämpfen; wie damals wußte ich nichts von dem Raum um mich her. Ich hatte mich verschleiert, wie man das unwillkürlich tut, wenn man jemand nach acht Jahren wiedersieht; sein verändertes Aussehen aber war es, das ich mit Bestürzung wahrnahm. Nicht, daß er krank oder stark gealtertschien, es war noch das schnell bereite, fast bedrohliche Aufblitzen des Auges, die kühne und gebieterische Abwehr, aber es war auch die Furche des Kummers, etwas so Bitteres, ein so wühlender Gram, daß mir der Gedanke an König Lear durch den Kopf schoß, wie er in seiner Verlassenheit die sturmgepeitschte Natur zum Zeugen erlittenen Unrechts anruft. Es war nur eine andere Zügelung, aber es war dieselbe Gehetztheit.

„Sie wissen,“ sagte er „auf welche Weise man mich zur Strecke zu bringen sucht.“

„Aber so vergebens,“ meinte ich achselzuckend.

„Keine Waffe scheint dafür zu schlecht,“ und er deutete auf die Blätter und Zeitschriften, die ihm offenbar soeben zugekommen waren. Vor ihm lag eine Revue aufgeschlagen.

„Ist Ihnen das schon bekannt?“ fragte er, und nannte die Beschuldigungen, die in heuchlerischen und perfiden Protesten gegen ihn erhoben wurden.

„Warum in aller Welt lesen Sie dieses Zeug,“ rief ich und starrte ihn verwundert hinter den verschnörkelten Gittern meines Schleiers an. Aber er machte kein Hehl daraus, wie sehr es ihm zu Herzen ging. Ich war aufgesprungen.

„Monseigneur,“ rief ich, „Sie müssen doch wissen, daß Sie der Halt einer verstreuten kleinen Gemeinde sind, die einfach durch die Tatsache, daß Sie da sind, lediglich durch den EindruckIhrer Existenz beherrscht, verankert, durch Sie allein gehalten ist.“

„Es freut mich,“ sagte er, doch ohne daß seine Züge sich erhellten. „Aber sehen Sie — es können doch auch Rechtdenkende an mir irre werden, wenn sie alle diese Schmähungen lesen.“ Und er deutete wieder auf die Blätter hin.

„Das ist mir zu viel Bescheidenheit,“ gestand ich.

Wir sprachen dann von anderen Dingen, aber auch sonst war eine Unfreude und Entmutigung an ihm, die ich nicht kannte.

Die Straße lag brütend vor mir, als ich wieder aus dem Hause trat, aber ich ging zu Fuß meinen langen flimmernden Weg.

Ist uns nicht, als wollten wir immerzu gehen, ungestört unser Lebtag lang, wenn infolge eines starken Kontaktes ein geistiger Pendel in uns schwingt? Es kann sein, daß dann unsere Füße ganz mechanisch einsetzen, nicht wahr, oder wie eingewurzelt stehen. Zwar hatte ich Duchesne gegenüber die richtige Note wohl nicht getroffen. Schnell fertig hatte ich unüberlegt geglaubt, er würde sich mit ein paar schlechten Witzen und einem ironischen Achselzucken über den obskuren Tumult hinwegsetzen, der ihn verfolgte, und während er meinen Besuch als eine Sympathiekundgebung erwartete, hatte ich ihm nur Lebhaftigkeit bezeigt. Es war gewiß schade, dennoch konnte mich das Bedauern darüber nur flüchtigstören. So leicht wog da alles Persönliche! So unnachhaltig erwies es sich!

Ich erinnere mich keines heißeren Tages wie jenes 14. Juli in Paris. Die Häuser waren beflaggt, aber die Straßen schienen zu trauern, da keine Fahne sich regte. Erst nachts, als ich zur Bahn fuhr, belebte sich das Bild. Singendes Volk schwärmte durch die Straßen, und alle Leierkästen der Stadt orgelten durch die Luft. Ein Mädchen tanzte, hocherhobenen Kopfes, unter dem dunklen Himmel, von Zuschauern umringt.

Doch welch barscher Novemberwind wirbelte die Blätter von der feuchten Erde auf, als ich wiederkam! Alles Laub dahingerafft und schon vergessen. Aber ich will nur den einen Moment herausgreifen, da ich im Flur von Professor Bergsons Hause der Ausgangstüre zuschritt und er mich geleitete. Ich weiß nicht wie es kam, daß vor seiner offenen Schwelle und dem niedrigen Himmel, der seinen erstorbenen und verwehten Garten überhing, Duchesnes Namen zwischen uns fiel, und wir seiner einzigartigen Stellung in der geistigen Welt gedachten. Und Bergson sprach von dem Katholizismus im Lichte dieses großen Katholiken, der, so klug, so wohl beraten und durch den Irrtum anderer gewitzigt lautlos jenen treibenden und langersehnten Schritt voranging, der den Schismatikern mißlang.

So klar entstand jetzt zwischen uns sein undeutliches, von den Nebeln des Tages verhülltesBild, als sei es schon entseelt und als hätte sich sein Schatten zu uns gesellt. Bergson drückte die Klinke wieder zu. Wir mußten lächeln. So ohnmächtig also verhielt sich hier der Tod, so wenig würde es hier für ihn zu holen geben, wenn er da rufen würde! — — —

1914 (Weiße Blätter).

Während meines letzten Aufenthaltes in Paris kam ich eines Abends zu Barrère, der wegen Influenza das Zimmer hüten mußte. Ich traf ihn lesend, die Füße auf einem Stuhle ausgestreckt, Zeitungen über ihn geschichtet und wie eine Decke von ihm niedergleitend. Eine Lampe hing gerade über seinem weit zurückgeworfenen Kopf.

Ich wollte ihn bitten, liegen zu bleiben, aber schon war er aufgesprungen, mit jener knabenhaften Schnelligkeit, die alle seine Bewegungen kennzeichnet. „Sie bleiben den Abend?“ fragte er. „Ich bin bei Ihnen eingeladen,“ erinnerte ich ihn. Und ich trat an den Kamin, darin hohe, still flackernde Flammen loderten. Es war ein dunkler, trüber und regnerischer Tag gewesen. Ich fand Barrère, den ich seit zwei Jahren nicht gesehen hatte, verändert. Auf das lebhafteste gemahnte er mich jetzt an einen Ausspruch, den ich mir zu zitieren gestatte, obwohl er nur von mir ist.

„Habt ihr nicht bemerkt?“ fragte ich schon Anno dazumal, da noch kein Mensch auf das, was ich sagte (auch wenn es noch so richtig war) im geringsten achtete; „habt Ihr nicht bemerkt, daß wir nur in dem Maße altern, alswir nichts taugen?“ Nun hatte ich Barrère das letztemal kurz nach einem Sturz vom Pferde getroffen, und ich erinnere mich sehr deutlich, wie plötzlich das Zukunftsbild eines alternden, einer bestimmten Generation angehörenden, sich nicht mehr erneuernden Barrère flüchtig in mir vorüberzog. Denn auch für die Besten kommt der Augenblick, wo der „Genius der Zeit“, dieser ärgste Feind des Menschen, ihn umwittert, um an sein Tagewerk, sein Wesen, ja an sein Ich das grausame Schild „Vorbei“ zu hängen. Doch als jenes Bild von einem Barrère, qui a fait son temps, in mir aufzog, da hatte ich vergessen, wie sehr seine Einstellung doch gerade auf Fußangeln, Hemmungen und Hindernisse war, und mit welchem Geschick er mißliche Umstände zu einem Wetzstein seiner Fähigkeiten konvertierte.

Ich kannte ihn nun seit vielen Jahren, aber ich mußte mir gestehen, daß er inzwischen über sich selbst so rastlos hinausgewachsen war, daß seine Haltung, seine Züge, seine Gestalt einen Meißel, ein höheres Training, eine feiertägliche Glasur erlangt hatten, sein Blick aber bei gesteigerter Aktuität eine innere Stille, mit einem Worte: daß er die Miene desjenigen trug, der es insofern mit der Zeit aufnehmen darf, als er sie nie vergeudete. (Zwar hatte er schon als junger Minister die Aufmerksamkeit Bismarcks erregt, der auf ihn als auf den kommendenMann hinwies, ein Wink, der bei uns unbeachtet blieb.)

„Wie ist es draußen?“ fragte er.

„Trüb, windig und regnerisch.“ Und ich sagte ihm, daß ich in der rue de la Paix, in einem Wagen wartend, die Passanten gemustert hatte, und wie schwer es mir schien, den Typ der heutigen Generation zu bestimmen. Es gibt die Menschen der achtziger, die der neunziger Jahre, aber die Leute von 1911, meinte ich, die gibt es eigentlich garnicht, und man wird eines Tages seine Not mit ihnen haben, so transitorisch, so ungefähr erscheinen sie, als seien sie nur angedeutet. Sehr ausgesprochen ist nur das eine Merkmal, daß die wenigen großen Leute, die es noch gibt, so vorschnell, als seien sie abberufen, diese Welt verlassen. Welch erlesene kleine Schar bilden unsere heurigen Toten! Unter ihnen kein einziger Greis.

„Es ist eine an überragenden Persönlichkeiten sehr arme Zeit geworden,“ stimmte er mir bei.

„Wenn Sie Umschau halten,“ sagte ich, noch immer vom Kamin aus, „müssen Sie finden, daß Sie herzlich wenig Kollegen haben.“

„Für einen wahren Diplomaten,“ bemerkte er, „genügt es heute nicht, nur Nationalist zu sein. Sein Blick muß noch weiter hinausreichen.“

Es entstand eine Pause, denn ich wollte nicht sagen, was ich dachte, da erschien ein soeben von Rom angekommener Sekretär seiner Botschaftunter der Tür. Zufällig hatte ich auch ihn vor zwei Jahren hier getroffen; er war damals ein Neuling in der Karriere und ich hatte mich im stillen gewundert, daß Barrère ihn so ohne weiteres für seinen „Stab“ akzeptierte, denn er war mir recht talentlos, nichtssagend und langweilig erschienen. Und nun hätte ich ihn kaum wiedererkannt in diesem lebhaften, energischen jungen Manne, der sich mit so großer Präzision ausdrückte und dessen Wesen einen so eigentümlichen Ernst und eine so große Aufmerksamkeit verriet. Dies also war unter dem Einfluß eines solchen Chefs aus ihm geworden.

Von Rom her wußte ich, mit welchem Wetteifer sein Personal arbeitete. Vielleicht lag die Stärke seines Einflusses in der nie Kälte und Gleichgültigkeit ausstrahlenden Sobrietät seines Verhaltens. Was er aus sich selbst gezüchtet hatte, war die treibende Kraft geworden, die er in seine Leute hineinlegte und magnetisch sie bereicherte, um aus ihnen das äußerste an Arbeitsfähigkeit herauszuholen. Denn das Plastische war einfach seine Ader.

Ich dachte an Mottl, den Unvergeßlichen. Wie kraft seiner, nie Kälte noch Gleichgültigkeit ausstrahlenden Sobrietät der Geste selbst die Unbegabten und die Lauen unter seinem Banne zu Taten aufgerüttelt und mit fortgerissen wurden und sich selbst weit überboten, und er Funken seines eigenen Feuers ausihnenschlug, um Tongebildeauf goldenen Säulen ans Licht des Tages emporzutragen. Denn das Plastische war seine Ader.

Man hegt in Deutschland eine sehr bestimmte Meinung über Barrère, aber wenn er ein Siamese wäre, könnte uns sein Wesen nicht ungeläufiger und unbekannter sein. Als ich vor mehreren Jahren einen Aufsatz über ihn verfaßte, berief ich mich darauf, daß auch bei dem gewiegtesten Diplomaten ein Hauptgewicht auf sein Temperament zu legen sei. Und das Temperament Barrères sei das des Architekten.

Und so winkte ich lang, ehe es noch ein Marokko zwischen uns gab, mit Girlanden und Zaunpfählen meinen Landsleuten zu, die natürlich nicht die leiseste Notiz davon nahmen. Denn in keinem Lande ist es so unmöglich, sich Gehör zu verschaffen, wenn man nicht in Amt und Würden schon ergraute, wie bei uns. Nur Dichtern, Schauspielern und Sängern ist Jugend bewilligt. Ich glaube übrigens, daß sich um dieselbe Zeit in Deutschland ein Mann vom Rang und Ansehen eines Barrère schwerlich herabgelassen hätte, sich mit solcher Schlichtheit über europäische Dinge hin und wieder mit mir zu unterhalten. Man wird mir einwenden, daß er sich den Luxus der Bescheidenheit gestatten durfte. Das war ja auch meine Idee.

Aber eben darum greife ich die Presse außer acht lassend, weiter zurück; denn die Zeitungensehe ich nur mehr sehr flüchtig durch. Sie immerzu als aufgeregte Ohnmächtige zu handhaben, war auf die Dauer allzu lächerlich und zwecklos. Und so greife ich weiter zurück und sehe etwas Unheilvolles und Gefährliches in unserer Arroganz. Sie ist es, die unserem Verständnis französischer Wesensart so sehr im Wege liegt. Und sie ist das Bedenkliche und Hinzugekommene. Das Ominöse und Charakteristische bei gewissen Alldeutschen ist, daß sich die Arroganz bei ihnen an Stelle der Besonnenheit behauptet und da Türen zuschlägt, wo sonst Gedanken wären . . .

Zwar wird heute hin und wieder, zwischen Deutschen und Franzosen, etwas von einem Sich-besser-kennen-lernen, niemals aber die Frage nach dem Sich-weniger-kennen ventiliert. Nun behaupte ich, daß die Franzosen uns unrichtig und ungenügend, wir die Franzosen aber gar nicht kennen. Außer unter den Künstlern habe ich niemals auch nur den leisesten Flair für französische Wesensart und Empfindungsweise bei meinen Landsleuten wahrgenommen.

„Panther“ 1913.

Wenn feine und feinste Nadelspitzen abbrechen, so werden sie bekanntlich stumpfer wie eine weniger dünne, die nicht entzwei ging. Feinste Nadeln sind also gerade in ihrer Feinheit gefährdet; sogenannte „feinste Kreise“ seit etwa zehn Jahren in eben dem Sinne auch.

Diese Behauptung bitte ganz à l’Européenne aufzufassen, nicht aber mich deshalb als Sozialistin, denn ich bin garnichts.

Wer aber hin und wieder zum Wanderstabe greift und dann nach der Rückkehr am alten Fleck sich wieder umsieht, in dem drängen und schieben sich die Eindrücke wie Bücher in ihren Regalen zurecht, Bilder finden ihren Platz, und jener merkwürdige Vorgang, den man „vergleichende Geographie“ zu nennen versucht ist, fängt an in seinem Kopfe zu entstehen. Dabei werden ihn die Verschiedenheiten, die er in der Fremde wahrnahm, natürlich viel weniger stutzig machen, als die Ähnlichkeiten. Ja, diese sind es wohl, die dann der Bereicherung durch das Gesehene fürs erste jenen leisen Untergrund von Ernüchterung beimischten, den der Heimgekehrte spürt. In Wien, Berlin, Paris, London, Rom liegen, trotz der verschiedenen Atmosphären, doch dieselben Dinge „in der Luft“.Als man anfing, geschmacklose Bauten zu errichten, baute man allerorts — wie auf geheime Order hin — geschmacklos. Vorm Buckingham Palace erhebt sich etwas nicht minder Scheußliches, als gewisse Neubauten in den Straßen Roms. Machte sich doch das Gemeine bis in die jüngste Vergangenheit besonders in Palästen, Banken und Bahnhöfen breit; ob es Millionen kostete, ob überall eine Anzahl Menschen die Hände darüber rangen, es setzte sich wie nach einem: Pardon wird nicht gegeben, überall durch.

Das geschmackvolle Frankreich bemühte sich hierin vor dem geschmacklosen Deutschland erfolgreich um den Rekord. Gewisse moderne Monumente im Park Monceau und in den Tuilerien sind sogar im Tiergarten noch unerreicht. Vielmehr ist man bei uns zuerst zur Besinnung gelangt, und es durften wieder anständige Häuser entstehen. Erst seit München sich des Hubertustempels erfreut, durfte in Piccadilly ein interessantes Bankhaus auf die Welt kommen. Denn wenn in Paris oder Berlin etwas in der Luft liegt, kommt in Wien einer darauf. Denn es gibt eine europäische Gemeinsamkeit der geistigen Einstellung allen Triple-Alliancen und Triple-Ententen zum Hohn, wie ja der Begriff Europäer sich immer mehr zusammenschließt, und wie ja die Idee eines europäischen Krieges wirklich mit jedem Tage geistreicher wird.

Und weil mir die Europäerin dabei einfällt: von ihr läßt sich wohl im großen Ganzen sagen, daß sie in aufsteigender Linie begriffen ist. Seitdem sie vernünftiger erzogen wird, nicht selten etwas Tüchtiges lernt, und nicht mehr so ausschließlich ihren Himmel in einer Verheiratung erblickt, während ihre Panik sich auf ein eventuelles Keinen-Mann-Kriegen konzentriert, seitdem haben sowohl der „Backfisch“ wie die „Gans“ ein wenig von ihrer typischen Rassenreinheit verloren. In den Köpfen der Mädchen wurde ja die Leere prinzipiell gezüchtet, und durch das bißchen Geographie und Klavier der bedauerlichen Tatsache ihres Nichtbeschäftigtseins nur noch mehr Nachdruck verliehen. Dies also ist — allen Teilen zum Glück — merklich anders geworden. Wir wollen uns daher nicht länger dabei aufhalten.

Ich glaube, eine aufsteigende Kurve ließe sich bei uns zu Lande auch für jene Kreise ansprechen, welche bislang die innere Bildung gleichsam in Pacht hielten, ihre Innerlichkeit aber leider auf Kosten ihrer Äußerlichkeit pflegten, Schönheitssinn mit Frivolität verwechselten und auch in ästhetischen Dingen sich durchaus als Protestanten dokumentierten.

Wer abernichtin aufsteigender Linie begriffen ist?

Ich sagte es ja schon.

Als ich zum erstenmal Gelegenheit hatte, eswahrzunehmen, traute ich allerdings meinen Augen kaum.

In feudalen Burgen der französischen Provinz fiel es mir zuerst auf, wie sehr das geistige Niveau der vornehmen Gesellschaft gesunken ist. Aber auch in Schlesien, Österreich, England und Bayern weiß ich von Schlössern mit wundervollen Deckengemälden und unnachahmlichen Stiegenrampen und köstlichen Lüstern, Schlösser, in denen es sich traumhaft lebt, umgeben von Dingen, alle edel und beglückend anzuschauen. Vom mittelalterlichen Söller direkt ins Auto zu steigen, neuester Komfort zu alter Pracht gesellt, hat seinen eigenen Reiz. Wenn dann der Gong ertönt, drehen sich schmucke Türen in ihren Angeln, und Herren mit blanken Gesichtern, schimmernde Damen betreten hoch erhobenen Kopfes, Neugier erweckend, den Saal. Und der erste Abend mit diesen geschmückten Menschen, die man noch nicht kennt, verbringt sich behaglich und charmant.

Wie kommt es nur, daß man schon im Laufe des nächsten Tages fein leise sich ins Dorf schleicht und in einem dringlichen Kartenbrief den Wortlaut der Depesche bestellt, welche dem verheißungsvoll begonnenen Aufenthalt ein rasches Ende bereiten soll? und daß man schon genug hat, und sich zu Tränen langweilt?

Woher kommt es nur?

Weil die Unbildung sehr zivilisierter Menschenvon einer Öde ist, über die kein Feenpalast hinweghilft. Es hat mehr Würze, mit einer alten Taglöhnerin, die mit ihrem Bündel über das Feld zieht, ein Gespräch zu führen, als mit einer unwissenden und ahnungslosen Fürstin. Denn dort können unausgelöste Werte sein, hier aber starrt uns ein überzüchtetes und selbstzufriedenes Nichts entgegen.

In allen Ländern aber, in welchen ich gewesen bin, habe ich bemerkt, daß die „höchsten Kreise“ eine gewisse Kurve zur Vergröberung genommen haben. Und ich hebe es hervor, weil es schade ist um uralte Geschlechter, Träger hochtönender Namen, die innerlich verbauern. Die Gefahr ist da. So gewiß es keinen Stillstand in menschlichen Dingen gibt. Wer sich nicht auf seiner Höhe erhält, d. h. sie immerzu fördert, der fällt von ihr. Schlösser, Paläste, die man ganz durchstöbern könnte, ohne ein gutes Musikstück oder ein nennenswertes Buch drin vorzufinden, sind nicht mehr vereinzelt.

1913 Neue Rundschau.

Man hat den Futurismus vielfach als „beißende Satire“ auffassen wollen, als einen Hohn auf die Kritiklosigkeit der Menge, für die kein Humbug grob genug sei, — aber ich glaube da an keinen Spaß, höchstens einen, der dem Ernst zuvorgekommen wäre. Denn ich kann mir unsere Zeit ohne den Futuristen garnicht denken. Waren sie nicht als Nachzügler vor Torschluß noch gerade recht eingezogen, so würde den künftigen Dokumenten über unsere Epoche ein Blättchen fehlen. Nicht daß ich leugnen wollte, es sei ein grausamer Spaßmacher gewesen, der als erster den Futurismus „in Malerei setzte“. Es mag wohl eine Posse gewesen sein, ihm zu einem so drastischen Organ zu verhelfen und ihm „mit dem Pinsel zu kommen“; ich leugne nur, daß er durch die Malerei entstanden sei. Wer eine Anzahl junger Leute aus bestimmten Jahrgängen kennt, der sieht im Futurismus der Maler vor allem eine Inversion, und er wird den Maler nicht mit dem Modell verwechseln, weil dieses zufällig so gut getroffen ist, und in diesem Falle so leicht zu treffen war. So wird er nicht umhin können, zu finden, daß der Futurismus, rasch bevor er antiquierte (was seine unweigerlichste Bestimmung ist), durch die futuristischenMaler glänzend fixiert und der Nachwelt überliefert wurde. Ihre Bilder haben eine sehr schöne Zukunft, wenn auch nicht in der Malerei, so doch in der Kulturgeschichte, wo sie weniger ihren Rang, als ihren Platz einzunehmen bestimmt sind, um dereinst äußerst interessanten Quellenstudien zu dienen. Daß man tatsächlich einmal so malte, wird dabei von ganz relativem Interesse sein, wie nicht der Name des Schneiders von Belang ist, der diese oder jene wunderliche Tracht zurechtschnitt; wohl aber, daß man sie trug, daß man wirklich einmal so einherging. So wird künftig die merkwürdige Tatsache interessieren, daß es Personen gab, die genau so dachten und empfanden, wie es die futuristischen Bilder heute veranschaulichen.

Und wie ließen sich Leute, welche die Dinge ununterschiedlich sehen, besser als durch das Darstellen eines „Alleszugleichsehens“ persiflieren? Solche Leute aber gibt es heute! Ich kenne sie sehr gut. Wollte ich sie aber beschreiben, so wird — ich warne den Leser auch — alsbald ein futuristisches Bild daraus werden.

Also solche junge Männer (sofern man sie Männer nennen kann), solche junge Männer also sehen auf den ersten Blick mit nichten wie die ausgemachten Narren aus, die sie doch sind. Oft manierlich und gut gekleidet (denn der aktive Futurismus, setzt ein gewisses Nichtstun voraus, und die Not machte ihm schnell denGaraus), können sie sogar durch eine gewisse sterile Urteilsschärfe in belanglosen Dingen, eine scheinbare Kompetenz in nichtssagenden Details über ihren vollkommenen Mangel an Verständnis recht glücklich hinwegtäuschen. Zudem sie mit ihrer eigentlichen Narrensprache nur unter ihresgleichen herausrücken. Nur da heben sie das Visier von ihren unheimlichen Ohrfeigengesichtern und gestehen sich lächelnd ein, wie unsagbar hoch sie über den Ereignissen des Tages stehen. Mit der den Narren eigentümlichen Schläue bringen sie es daher auch fertig, nie zu wissen, was alle Welt weiß, weil es unter ihrer Würde ist, zu erfahren, was in der Zeitung steht; sie finden das gemein. Siefandenes gemein, sollte ich besser sagen. Denn das ist ja das Witzige am Futurismus, daß er mit diesem Namen in Szene tritt, als die Futuristen schon aufgehört hatten zu sein, und zum Teil vernünftiger, zum Teil kleinlauter geworden waren. Schnell bevor sie ganz um die Ecke waren, nahm sie da der Futurismus noch beim Schlafittchen und entlarvte sie. Ihre kurze Blüte fiel in die Zeit der ersten Luftschiffahrten. Damals rannte einmal ein atemloses Stubenmädchen an die Stubentür eines solchen Jünglings und rief ihm zu, daß soeben ein Aeroplan über dem Dache flöge. Er zog daraufhin die Brauen hoch, begab sich zum Fenster, machte ein überlegenes Gesicht und zog die Vorhänge zu. Aber nochcapabler dünkte er sich, wenn er inmitten einer durch Kriegsgerüchte oder eine schreckliche Katastrophe aufgeregte Menge geratend, von den grellen Plakaten, die an allen Straßenecken alarmieren, Kenntnis zu nehmen verschmäht. Denn er ist eitel wie ein Krämer, ein verkappter aber unverbesserlicher Bourgeois. Das Leben ist ihm ein großes Federbett, in dessen Daunen er seine Existenz so behaglich versenkt, daß von einem Überblick keine Rede sein kann. Gehört er (dessen chaotische Zustände gewisse Bilder uns heute veranschaulichen), gehört er doch ach! zu den zweifelhaften Produkten, die ein langer Friede zeitigen durfte. Seine Generation neigt ohnehin dazu, die Dinge zu nivellieren und die Abstände, die zwischen ihnen liegen, nicht zu merken. Er aber, als die Karikatur seines Jahrganges, nimmt überhaupt keine Unterschiede wahr. Für ihn gibt es kein Hoch und Niedrig, kein Gut und Böse, weder Scheidungen noch Schranken, nur seine berühmte Amoral, und eine weite Düne ohne jegliche Akzidenzen. Er wird es für absolut zulässig, was sage ich, er wird es für geistreich halten, seine Frau mit einer Kokotte verkehren zu lassen, wie er denn überhaupt zur Wertschätzung der Kokotte ungemein neigt. Infolgedessen ist er für das Verdienst, den inneren Wert, das Talent, das Genie, für alles, was die Menschen so unüberbrückbar voneinander sondert und was eine so strengeunsichtbare Hierarchie unter den Menschen aufrechthält, so unempfindlich und blind wie ein Tier auf der Weide. Er lehnt es ab zu vergleichen, er wird nie etwas verehren, wie es zu seinem unerläßlichen Merkmal gehört, daß er nie in den Dunstkreis eines bedeutenden Menschen trat. Er wird höchstens für etwas so Unvorhandenes wie die tote Mischfarbe einer Papierblume oder die erdichtete Kurve eines Mauseschwanzes Begeisterung äffen. Denn nichts ist ihm trostlos und öde genug, und was die futuristischen Bilder uns zeigen,das ist er.

Weswegen denn auch kein Wort, noch weniger ein Bild über ihn zu verlieren gewesen wäre, hätte er als Typ nicht etwas so Ominöses. Mag die Zeit noch so achtlos über ihn hinwegziehen, seine Existenz jagt doch das leise Grauen der Verwirrung ein, einer Verwirrung der Zeit selbst, wie jener grotesk-schauerliche Gedanke eines allseitig unerwünschten europäischen Krieges, den wir bei aller Rückständigkeit noch immer in die Zukunft rücken sehen. Auf die Möglichkeit solcher Verwirrung deuten — für das Gefühl — manche Verirrungen hin, die der Politik ganz fernab liegen: die allzuvielen unmännlichen jungen Männer dieser Epoche, die nur aus Verlegenheit ein Interim von Generation zu bilden scheinen, ja sogar so geringfügige Symptome wie die Ratlosigkeit der heutigen Mode. Denbesten Schneidern fällt plötzlich nichts mehr ein, und die Kleider variieren in derselben Tonart provisorisch weiter. Vieles mahnt heute an die Ebbe, bevor die neue Flut ihre ersten Wogen ans Ufer wälzt.

1913 Neue Rundschau.

Wie ist binnen kurzem alles so anders geworden!

Unsere gute Tante Nora ist doch noch garnicht so alt! Sie, die unter dem Beifall der ganzen Christenheit, gleichsam mit fliegender Fahne, und mit so beispiellosem Erfolg, Mann und Kindern davonlief, daß auf zwei Jahrzehnte ein schier endloser Zug der Unseren, die von ihren Männern nicht verstanden werden wollen, sich ihr anschloß! Ja, wir heirateten nicht selten gerade daraufhin und kamen als Incomprises von der Hochzeitsreise zurück. Je hübscher wir waren, desto incompriser durften wir dann sein, desto eifriger erklärten andere Männer sich bereit, uns für unergründlich halten zu wollen und zu ergründen. Und dabei brauchten wir weiter garnichts zu tun, als zu bescheinigen, was sie in uns hineinlegten, und uns für rein nichts zu interessieren, als für das Interesse, das wir hervorriefen. Es war so furchtbar nett!

Doch ach! wie jäh hat sich das Blatt gewendet!

War der Mann des Spieles müde? Langweilte es ihn eines Tages, oder war er beim Rätselraten zu oft hängen geblieben? Ich weiß es nicht. Aber mit einem Male fand er, daß es spannender sei, selbst ein Incompris zu sein, undsogleich vertrat er dies mit jener angestammten Gründlichkeit, welche die neun Gymnasialklassen, die uns noch lange nicht im Blute liegen werden, so deutlich verraten. Wir anderen waren doch nur à conto mißverstanden gewesen, erwillgarnicht verstanden werden. Er kommt, nimmt uns die schöne Pfründe weg und ist der Unverstandene an sich.

Wir indessen müssen bis auf weiteres das Spiel verloren geben, denn uns fehlt der Partner. Gerade die jüngsten und reizvollsten Frauen sind heute so vielfach ausgeschaltet, als wären sie noch eingesperrt. Nicht im mindesten fehlt es ihnen an Anerkennung, vielmehr wird keiner sie so gut verstehen, keiner so schöne und erlesene Worte über sie finden, wie der Unverstandene Mann. Den Kult, den er zum Ausdruck bringt, hätte keiner früher einer Frau erwiesen, ohne für sie zu entbrennen. Glaubt aber nicht, daß er für sie glühe! Wenn er zu ihr geht, vergißt er nie das Opernglas, das er verkehrt vor seinen Augen hält, um sie weit von sich zu scheiden, ob sie noch so hart vor ihm stünde. Denn sie tief und richtig zu erfassen, gleichsam mit allen Gründen, wie durchleuchtet, wie geschliffen ans Licht zu heben, ist ihm genug. Sein Feuer ist damit verblasen. Nie fände sie ihn so fern, so frostig, ja so abgeneigt, als nachdem er soeben eine Dithyrambe über sie sprach. Denn hiermit entließ er sie aus seinem Herzen. Und so ziehter denn in Wahrheit den Hut vor ihr, — aber dabei empfiehlt er sich.

Und ihn, faute de mieux, soll man heute lieben, denn ein anderer ist nicht da. Der Typ des Don Juan ist ausrangiert, oder zum Hausvater vorgerückt. Hier zeigt sich der Unverstandene Mann von seiner unzulänglichsten Seite, und der moderne Verführer ist nicht sehr gefährlich: mit seinen schwach konzentrierten Sentiments vermag er nur schwache Köpfe zu verdrehen. Denn es ziert nur Frauen, unsichere und halbe Herzen zu vergeben.

Allein sein Wesen strebt nun einmal nicht nach Steigerungen, sondern drängt ihn, von all den schönen Dingen, für die er so lange eingestanden ist, auf eine Weile auszuruhen, wie man erst nach zurückgelegtem Marsche der ausgestandenen Müdigkeit anheimfällt. So zieht er nunmehr kühle, blumenlose Pfade des Gefühles vor und jene schattigen Seitenwege der Begriffe, die sich nur spalten, um kurz auszulaufen und sich zu verzweigen. Alle schimmernden Fernen hingegen, alle postulierten Verheißungen und Aussichtspunkte sind seinen zu empfindlich gewordenen Augen unerträglich. Nichts von „Saaten“, nichts von „Ernten“ mehr, nichts von Allgemeinheiten und nichts von Zielen und besonders, nichts von Idealen. Nichts von so grellen Dingen. Nicht solche Worte. Sie verletzen ihn nur. Mit fiebernder Hand wehrt er sie ab, besonders denEnthusiasmus mit all den fälligen Raten, die ihn nur allzuoft schon überdauerten. Zu „Wein, Weib und Gesang“ hält er da andere Distanzen ein, und sein Verhältnis zur Musik hat sich ebenso gelockert oder verschoben wie das zur Frau. Aber ich sage: respektieren wir auch dies. Was er heute für seine Willkür hält, ist nur ein Feiern und ein Atemholen. Der Fehler des Unverstandenen Mannes liegt viel weniger darin, daß er mit seiner Jugend keine rechte Gemeinschaft pflegt, (dies ist seine Sache) als daß er von ihr absieht, eine Attitude, an der jeder Tag etwas verändert, als unverrückbar hinstellt, das Zeitliche, an das sich seine Erfahrungen erst ketten müssen, zurückweist, und alles à priori sein und nicht sein zu können glaubt. An seiner vielgescholtenen Unproduktivität hingegen kann ich nichts finden, sie fällt nicht ins Gewicht und ist so wenig definitiv, so wenig ein Finale, wie die gehaltene Note vor dem neuen Auftakt. Soll denn immer ohne Pause produziert werden? Ist es das Einzige? Ach, es laufen ja unter den schöpferischen Naturen so viel erschöpfte mit unter, während gewisse Unschöpferische unerschöpflich erscheinen. Gerade in seiner Unproduktivität schlage ich vor, ihn nicht zu stören. Es ist ja mit den Menschen, wie sie einmal geraten, nicht viel anders als mit der Mode, von der wir wissen, wie groß ihre relative Berechtigung ist und wie sehr es in ihrem Charakterliegt, sich zu behaupten. Wer jüngst ein groß Geschrei wider die engen Röcke erhob, trägt heute keine anderen. Ihr Vorzug beruht darin, daß sie uns zur Haltung und Linie erziehen, und hierin gleichen sie auf ein Haar dem Unverstandenen Mann: daher es ratsamer ist, sich in ihn zu finden, ja von ihm enchantiert zu sein. Denn er, und weder der Mann, noch der Rockschnitt von Anno Dazumal, welches auch seine Qualitäten sein mochten, ist heute das Gegebene, zu dem wir uns zu stellen haben. Wer fände dies zu frivol? Ist nicht vielmehr das einzig Interessante an diesem sich ewig überlebenden Leben, daß hinter den frivolen Dingen so häufig der Ernst, hinter den ernsten der Schalk sitzt? Wer hielte es sonst aus?

Nur deshalb sind ja die schlimmen Dinge, wenn man mitten in ihnen steht, zum Glück nicht ganz so arg, wie sie von außen anzusehen sind. Indem sie evoluieren und ins Gedränge kommen, rücken sie nicht selten so nahe zusammen, daß die letzten die ersten überholen, und das unterste nach oben treibt. Wer sie dann wendet und betrachtet, hält sie bald wie jene chiffrierten Briefe, die anders lauten als sie heißen, und das Tolle und das Disparate mit dem Sinnfälligen zusammenführen.

Und so steht für uns im Stich Gelassene von heute, Herrinnen von gestern, Schutzflehende von einst, der Zeiger anders als die Uhr. Keimein uns, deren Wachstum durch die Gegenwärtigkeit des Mannes zurückgehalten oder überboten wurden, finden eben jetzt ihr Gedeihen. Inmitten dieser schlechten Zeiten wuchsen unsere Tage unversehens in den Sommer hinein. Draußen reift das Korn, die Halme knistern, und in der mittäglichen Öde erstarkt das Laub. Ihr ist die Ferne zu vergleichen, die wir jetzo nützen. Denn es ist nicht zu leugnen, daß uns der Mann verließ und eine Genugtuung darin findet, uns zu meiden. Ohne eine gewisse Grimmigkeit zwar geht es nicht her. Und hier liegtunsereGenugtuung an der Sache. Denn wenn er es höchstens bis zur Genugtuung bringt, indem er sich uns entzieht, so gereicht es uns, die seiner so schwer entraten, zum inneren Jubel, wenn wir ohne ihn bestehen.

Ich sehe, daß ich von meinem Thema abgewichen bin, aber ich wollte nur das letzte Wort haben. Und wäre denn der Unverstandene Mann in Wahrheit unverstanden, wenn ich mehr von ihm wüßte?

1911 Neue Rundschau.


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