DER NEUE SCHLAG

Woher es nur kommt, daß ich immerzu von den neuesten Schriften über Modernismus und Frauenbewegung avisiert werde. Ich interessiere mich doch viel mehr für Musik oder für Ausgrabungen. Aber es scheint ausgemacht, daß diese beiden Probleme meine Sache seien. Da möchte ich mir denn ein Herz fassen, und die mir zugesandten Broschüren einmal lesen.

Aber vorher möchte ich lieber selbst etwas sagen.

Wer denkt, lebt nämlich in so großer Not. Verurteilt, zwischen der Unrast des Tatenlosen und der Verzagtheit zu bangen, bis er den festen Guß seiner Gedanken bildete und mit einer leisen Mißachtung für sich selbst einherzugehen, so lange er sich durch Veräußerung das Eigentumsrecht auf seine eigene Meinung nicht erwarb.

In dieser Hinsicht aber habe ich es besonders schwer. Denn auf eine gewisse allgemeine Unzugehörigkeit war ich im stillen von jeher eifersüchtig. Sie ist die Feste, hinter die ich mich immer wieder verschanze. Wer sich zu den einen gesellt, der trennt sich ja vom anderen, und ich will zu keinen gehören, weil ich mich von niemand scheiden mag. Mein Indifferentismusist nur Selbstverwahrung. Es ist überall Gefahr, mit fortgerissen zu werden, und jeder Zeitlauf bietet etwas, das man vertreten und festhalten möchte, um sich freilich dann, letzten Endes, wieder von ihm loszusagen.

Darum fliehe ich vor den Dingen meine steile Schneckenstiege empor und lasse mich ungern hin zu ihnen locken, so sehr liegt mir an ihrer Perspektive. Nur oben, vor meinem schmalen Fenster mit dem weiten Ausblick, kann ich endlos spinnen. Dort schnurren meine Rädchen, und der Faden geht ihnen nie aus. Also abgetrennt wird mir so heimatlich zu Mute, als seien alle Dinge mein, und als gehörte ich zu allen, selbst den weit verschwimmenden hin. Denn nur im blauen Dunst der Ferne liegend, sind sie mir deutlich und vertraut. Oft rücke ich dann meinen gesponnenen Flachs zur Seite, stütze die Arme auf und halte Umschau.

Der bereitwillige Ernst, den man transzendentalen Fragen von neuem entgegenbringt, ist, von meinem Fenster aus gesehen, ebenso merkwürdig, wie die sich klärenden Umrisse der stets undeutlich gebliebenen Frauenpsyche. Sie hat das eine mit der Religiosität gemein, daß allen beiden zwei höchst entstellende Kutten, die der Frömmelei und der Abhängigkeit, übergeworfen und als ihre elementaren Bestandteile erklärt wurden. Was ist da heute von meinem Fenster aus — im Vergleich zu gewissen sehr radikalen Umwälzungender Denkungsart, die sich bereiten, der Modernismus für eine beiläufige Sache! Und was ist die Frauenbewegung im Vergleich zu ihrer Idee? Eine Wolkenschicht, die sich vor einer Lichtfläche türmt. Beide Bestrebungen verhalten sich zu den starken Dingen, von welchen sie getragen sind, wie ein kleiner Reitervortrab zur Majestät der heranziehenden Heeresmacht.

Über den Modernismus will ich, um niemanden zu reizen, nicht weiter improvisieren. Über die Frau aber bin ich doch sicherlich au fait. Infolge gewisser zweifelhafter Züge sind die Akten über sie noch immer nicht geschlossen. Ihre Gattung, meint Villiers de l’Isle Adam, begreift Wesen in sich, die durchaus keine Menschen, allerdings auch durchaus keine Frauen seien. Er tat sich auf diese Entdeckung viel zugute und ging so weit, daß er in gewissen „gänzlich seelenlosen und unmütterlichen Larven“ einen Spuk der Natur erkannte und für den Mann das Recht beanspruchte, diese problematischen Wesen, die mit jeder Generation einen hohen Prozentsatz verheißungsvoller junger Leute zugrunde richten, wie andere schädliche Reptile einfach umzubringen.

Die drastischen Ratschläge stammen ja immer von Träumern, und die besten Ratschläge sind zumeist unausführbar. Dank der Unterarten ihrer Art läßt sich jedoch über das Wesen der Frau, wie über etwas noch immer Unerforschtes,noch immer diskutieren, noch immer keine Schlüsse ziehen, die verallgemeinert im Guten wie im Bösen nicht widerruflich wären. So flüchtig ist es, so viel feiner, und so viel gröber, und so schillernd, daß solche Kenner wie die Franzosen heute noch von einem Mystère de la Femme reden können. Wer spräche noch in diesem selben Sinne von einem Mystère de l’ Homme?

Nun wüßte ich auf der Welt nichts gegen die Frauenrechtlerinnen einzuwenden, als daß sie nicht geheimnisvoller sind. Sie gemahnen an den Unterschied zwischen dem Skulpturalen und dem Anatomischen. Der wäre doch ein Tor, der sich beschweren wollte, daß die Anatomie nicht ästhetischer sei.

Auch sage ich ja nichts!

Wenn ich aber gegen die Kutte sprach, so sehe ich in den schönen, meinetwegen manchmal trügerischen Schleiern, mit welchen die Frau ihr inneres Sein umflort, sehe ich im Geheimnisvollen ein Attribut des Weiblichen.

Und deshalb glaube ich, daß die bevorstehende Evolution sehr abseits der Bahn ihrer Vorkämpferinnen liegt; wie sich die Schlacht weitab von dem kleinen Reitervortrab abspielt, von dem wir sprachen. Es sind nur die Boten, die mutig heransprengend, als erste die Kriegsfahne entrollen, aber an der Entscheidung keinen Teil haben. So wären jene Frauen überrascht,ihre geringe Fühlung zu den Lenkern der kommenden Schlacht zu vernehmen; einer Schlacht ohnegleichen, in der die Kämpfenden von keinem anderen als dem Gegner geführt, von ihm selbst angefeuert und in der Kunst, sich zu verschanzen, unterwiesen werden. So sehe ich es von meinem Fenster aus kommen. Was sage ich? So ist es längst. Das Treffen ist in vollem Gang. Die hohen Staubwolken des Tages umhüllen nur die Vielen, die ermattet niedersinken, das Ringen dieser Kampfuntüchtigen und das Gewühl. Die laute Gegenwart übertönt nur die Rufe der zu Tode Getroffenen. Aber von meinem Fenster überblickt man schon das gespensterhafte Schauspiel. Denn sucht man nach dem Feinde, gegen den diese immer Besiegten sich halten, so entdeckt man ihn in ihrer eigenen Hohlheit und Verlassenheit; der Boden, auf dem sie langsam vorrücken, wird ihnen nicht bestritten, die Burg, die sie stürmen müssen, ist leer.

Daß es der Frau innerlich noch nie so schlecht erging, wie seitdem sie äußerlich zu ihrem Recht gelangt und im eigenen Lager ihre gute Sache vertreten sieht, ist natürlich ein rein zufälliges Zusammentreffen, und die Entfremdung der Geschlechter ist ein Faktor und kein Ergebnis.

Eine Zeit ist sich selber nicht bewußt. Sie kann den Schein nicht gewahren, den sie ausstrahlt. Sie hat keine Distanz zu sich selbst.Ihre Schrittmacher sind stets die Kommenden. Wir sind das alte Spiel gewohnt. Nur bei unserer heutigen, der Analyse so ergebenen Generation, die sich so behorcht, befremdet es mit einem Male, daß sie sich nicht kennt, und das nimmt den Sinn gefangen wie das Flimmern schräger Strahlen im Dunkel alter Kathedralen. Wäre es nicht unendlich wichtig, daß eine solche Zeit selbst zu dem Spiegel griffe, den ihr bisher erst die kommende entgegen hielt? Es gibt etwas Neues unter der Sonne, und wir gehen unaufmerksam daran vorüber. Unter den jüngsten Männern ist ein merkwürdiges Geschlecht nie Dagewesener entstanden, die nicht Söhne ihrer Mütter, nicht als letzte Glieder einer Kette sich an diese schmieden, sondern abbrechend mit allem bisherigen, nicht als Werdende mehr, sondern als Gewordene im Leben einsetzen. Ein neuer Schlag, andere Organismen, Zeitlose, die tiefer als Menschen je zuvor, die Marke ihrer Zeit auf ihrer Stirne eingezeichnet tragen, in sich Befangene, Gebundene, dem Transitorischen so streng Überwiesene, daß sie nicht mehr zu Gestalten sich verdichten, sondern wie die Frauen zu Gesichtern sich verflüchtigen. Alles Elementare ist bei ihnen so zurückgedrängt, daß es zurückgewiesen wird, wie alles Unmittelbare, alles Unvermittelte. Vom Konkreten wird abgesehen, man spaltet die Begriffe bis zum Wahnwitz und verschmähtes zu summieren. Infolge eines so radikalen Umsturzes steht nichts mehr an gewohnter Stelle, und die Sprache wird zu einem ganz anderen Modus. Man operiert nicht mehr mit Worten, die etwas zusammenfassen. Die sind tot. Ich ließ in solcher Gesellschaft absichtlich Worte wie gut und böse oder tüchtig, achtbar und verdienstvoll fallen, nur um herauszuhören, wie unerträglich platt sie in dieser Atmosphäre klangen. Um das Einfachste zu sagen, wird hier ein dunkler, schwer faßlicher Monolog gewunden, zu dem nur Gleichgeartete den Schlüssel haben, und den kein Uneingeweihter Zeit noch Geduld besäße, zu enträtseln. Es ist wie Ein-sich-Verständigen durch Chiffren, und es sieht aus wie Pose. Allein es sind Getriebene, denen bisherige Werte wie Kulissen niederstürzten, und denen die Tradition entzogen ist. Aus dem Schutte werden nun die Splitter aufgelesen, die Stunden dem Tage vorgezogen und die Ideale von diesen Idealisten verworfen. Das Nahe wird mit dem Fernglas betrachtet, und die Minute wichtiger genommen als das Leben. Auf den Trümmern, die sie geschaffen, ziehen sie nun ohne Messungen, ohne Zentren bedächtig einher, wie jene langbeinigen Vögel der Düne, von welcher das flutende Leben sich zurückzog.

Aber nur sachte. So wenig ich mich zu diesem neuen Schlag bekenne, so wenig gehöre ich zu denen, welche da glauben, ihn negieren oderüber ihn hinweg sehen zu können. Etwa weil wir es nicht mit Goethe’schen oder Wagner’schen Menschen zu tun haben, oder weil ihr Denken meist ein vergeudetes ist. Mit ihnen hat der Weltgeist, als sei er der ewigen Fortsetzungen müde, eine Lücke in dem unsterblichen Teppich der Menschheit gemeint und unvermittelt ein neues Muster eingezeichnet, das sich wie eine Grisaille inmitten einer Freske ausnimmt, das aber so tief darin verwoben ist wie wir selbst. Und es wäre borniert, uns zu stellen, als sähen wir es nicht, denn wir wissen nicht, wie es sich entrollen wird. Wenn diese neuen Leute ihre Unreife durch Überreife bekunden und mit der Temperatur des Alters in Szene treten, sind sie deshalb nicht minder jung. So manch verheißungsvoller Jüngling ging aus seiner Sturm- und Drangzeit als Niete hervor, ohne den Mittag seines Lebens zu beschreiten. So werden auch hier nur die wenigen Berufenen ihren Werdegang erfahren und gleichsam mit einer anderen Schwenkung zur Reife gelangen. Es ist, als ob ihr Tag mit dem Sonnenuntergang anhöbe und als müßten sie nach einer Morgenröte gravitieren, um ihr Tagewerk zu vollenden. Wie es anderen oblag, das Chaos ihrer Empfindungen zu klären, so müssen diese die schwere Schale einreißen, die sie von ihren eigenen Gefühlen trennt, den Weg zu ihrem eigenen Selbst sich bahnen und lernen sich zu besitzen. Hierist nicht alles Narretei. Wir sind hier nur versucht, auch die Typen zu verwerfen, denn noch nie sah man so groteske Kopien. Aber von meinem Fenster aus gesehen ist nichts, was eine so gespannte Aufmerksamkeit erheischt wie diese auf Abwegen aufgepflanzten Wegweiser, diese Abgeklärten, diese Manierierten, diese Verzichtenden. Denn über den, um seine Jugend betrogenen, in Intellektualität versteinerten Jüngling mit der kalten Maske, dem abgewandten, in Schwermut erstarrten Auge, über ihn geht jetzt der Weg. Er glaubt, indem er gleichsam eine neue Seitenlinie menschlicher Denkart involvierend sich losriß, von allem Vorgedachten und bisherigem Tun und Wollen sich entzieht, er glaubt so gewillt zu sein, und ist nur, wie er muß.

So kenne ich — nur das Echte will ich nunmehr im Auge haben — einen jungen Patriarchen. Bei ihm ist ein unausgesetztes Konstatieren ohne Parteinahme, unerschöpfliche Teilnahme ohne Anteilnahme. Er verzeichnet mit derselben Kühle das Verruchte wie das Erhabene. Er faßt alles und läßt alles entgleiten. Er wertet alles, ohne etwas abzuschätzen. Verlangt von ihm Alles, nur kein Für und Wider. Er ist höchst sensibel, aber der Weg zu seinen Gefühlen ist ihm verschüttet. Er gebietet über das Große und das Starke, über die mächtigsten und die tiefsten Dinge. Nur Eines fehlt indiesen Regionen: Gras, Blumen, Vogelsang; alles ebbte zurück nach dem Pol, gefror zur Erkenntnis. So ist seine Erkenntnis zum Parasit geworden und zeigt er noch Geist, wo der Sinn ein Ende fand, wie jene Bergsteiger, die noch weiter klettern, ob schon das Ziel hinter ihnen liegt, nur um der Lust des Kletterns willen. Und er muß stärkerer Fesseln sich entwinden, als der Ungestüme, er ist in seinem Denken verstrickter, gebannter in seiner Losgelöstheit als der Erdgebundene. Und so steht er, in sich gekerkert, gleich einer Herme, da wo alle Wege sich kreuzen und der Sterbliche froh vorüberzieht.

Daß die Männer des neuen Schlages vorwiegend unverliebter Komplexion sind, ist kein Geheimnis, ist kein Märchen, sondern die große, allwichtige Novität. Der ganze heutige Umschwung dreht sich um eine Witterungsfrage. Zwar ist es, wie gesagt, ein Faktor und kein Ergebnis, daß heute die jüngsten und schönsten, von Männern sehr umringten Frauen häufig ungeliebt und unbegehrt ins Leben hineinwachsen. Aber es ist ein Ergebnis, daß sie in der kälteren Zone, der sie nunmehr ausgesetzt sind, zu immer deutlicheren Gestalten sich festigen, in dem Grade, als der Mann in seinen Umrissen verblaßt.

Die Götter selbst woben dies Feld der marmornen Schlachtenlenker in unseren Teppich ein. Wenn alle Klöster, alle Abgeschiedenheitund alle Tugendübungen die Frau nicht lehren konnten, in ihrem Innersten des Mannes zu entraten, so hilft ihr jetzt seine eigene Halbheit. Stets ist es doch sein Wesen, das bestimmend auf die Frau zurückwirkt. Ihr Gefühl ist zu sehr Widerhall. Als er für sie glühte, war sie die Schmachtende. Heute ist vieles anders geworden, und die Rollen sind vielfach vertauscht. Es gibt nicht mehr die Incomprise, sondern den Incompris. Ein moderner Cherubin dürfte uns ein gar originelles Liedchen vorzusingen haben. Er strebt von jeder weg, zu der’s ihn zieht. Er liebt sie nicht mehr, bevor er sie noch liebte. Er ist jener untreu, die er gerade im Arm hält. Kaum hat er sich ihr abgewandt, schweift er zu der Betrogenen zurück. Er ist enttäuscht zuvor, zuvor der großen Ernüchterung preisgegeben!

Er muß die Dinge fliehen, bevor er sich in ihnen verankerte. Nie wird er in der Folge nach dem schimmernden Schleier greifen, mit dem Leukothea das Herz des sinkenden Odysseus schwellte. Seine Erkenntnis läßt ihn alles Künftige retrospektieren, und sein Wissen um die Dinge ist sein Irrtum. Denn als Verführer ist der Geist weit mächtiger als die Leidenschaft. Wo sie nur verblendet, darf er überzeugen, auch indem er das Leben zerpflückt, selbst indem er uns irreführt. Wo immer der Geist seinen grellen Schein hinrichtet, ist er unwiderlegbar. Und der Geist als Verführer ist es, der seinePulse hemmt, wie das Eis die Quelle zurückhält.

Im Kontakt mit einem derartigen Manne kristallisieren sich die Gefühle selbst der leidenschaftlichsten Frau in ganz anderer Weise. Sie ist zu zart besaitet, als daß es sie nicht reizte, ihn auf seinem dämmerigen Pfade zu folgen, und noch stärker ist für sie der Reiz, aus der Sturzwelle des Gefühls sich ungebrochen wieder aufzurichten. Ihr Wesen mag zwar in seiner Nähe sich erfüllen, doch ohne daß seine Nähe sie verwirrt. Denn seine Liebe besitzt nicht mehr die Glut, sie mit einem Bannkreis zu umziehen, der ihr zu einer Welt ersteht. Obwohl sie nie zuvor ein so feines Verständnis, eine so vollkommene Wertung erfuhr, fühlt sie sich bei ihm nicht mehr geborgen. Zwar ist er nicht mehr roh, aber er ist nicht selten hysterisch, und er ist nicht mehr ritterlich. Er hat ihr nicht mehr jenes Gefühl zu bieten, das sie wie ein prangender Mantel umhing, sie idealisierte und ihrer schonte, daß sie beglückt ihrer Unzulänglichkeit sich enthoben wähnte.

„Voyez si je puis me conduire“, schrieb Julie de Lespinasse,„éclairez-moi, fortifiez-moi. Je vous croirai, vous serez mon appui, vous me secourrez. Le Président Hénault, l’abbé Bon, l’archevèque de Toulouse, l’archevèque d’Aix, Monsieur Turgot, Monsieur d’Alembert, l’abbé de Boismont, Monsieur de M . . . voilà les hommes qui m’ontappris à parler, à penser et qui ont daigné me compter pour quelque chose.“

„Voyez si je puis me conduire“, schrieb Julie de Lespinasse,„éclairez-moi, fortifiez-moi. Je vous croirai, vous serez mon appui, vous me secourrez. Le Président Hénault, l’abbé Bon, l’archevèque de Toulouse, l’archevèque d’Aix, Monsieur Turgot, Monsieur d’Alembert, l’abbé de Boismont, Monsieur de M . . . voilà les hommes qui m’ontappris à parler, à penser et qui ont daigné me compter pour quelque chose.“

Nichts von alldem! Nichts von den kleinen Selbsttäuschungen mehr, nichts von artigem Betrug. Keine Stunde Weges wird der Frau mehr erspart. Selbst muß sie die schwachen Arme emporrichten, sich zu krönen, schwere Schritte selber gehen und ihren Fuß auf die steile Stelle setzen, über die er sie früher hob. Ohne ihn muß sie bestehen können. Er hat zu viel mit sich selber zu tun und keine Hand ihr entgegenzustrecken.

Es ist wohl müßig, daß ich noch ausführe, was mit der sonderbaren Schlacht gemeint ist, auf die ich immer wieder zurückkomme, weil ich sie von meinem Fenster aus sehe. Es sind ganz einfach die Frauen, die gegen ihre vieltausendjährige innere Abhängigkeit, ihre eigene Leere, ihre lang gehegte Unselbständigkeit den verzweifelten Ansturm führen, zu dem die Gleichgültigkeit der Männer sie treibt. In diesem Ringen erstarken sie zum ersten Male, seitdem die Alten mit begeisterter Hand die Gestalten der Dianen und Walküren umrissen. Für die Frau, die, auf den starken Arm des Mannes gestützt, ihm ihr Werden gleichsam überließ, war es keine Kunst, sich zu entfalten. Ihre Blüte hatte nur den einen Fehler, daß ihr Wachstum von der Gunst des Mannes abhing, dies gab ihrer Reife oft etwas so Fragliches oder so Entlehntes.Denn wo die Akzidenz der Liebe eines Mannes wegfiel, da verzehrte, verwischte sich ihr Wesen und verwehte. Die Unfreiheit, die wie ein Makel an ihr haftete, beliebte ihm indes. Es behagte dem Petrucchio, daß sie ihm in ihrer Verblendung die Entscheidung über den Lauf der Gestirne zugestand. Es war nur eine Form der Verwöhnung, sie so zu unterdrücken, daß sie den Mond statt der Sonne am Himmel zu sehen willig war, wenn er es sagte, sie so unterzustellen, daß sie ihn kritiklos, gleichsam auf Abzug liebte, als gäbe es nur ihn, als flutete die Welt nicht von tausend anderen wertvollen Dingen.

In einem gewissen heroischen Stumpfsinn suchen ja Liebende zuletzt nichts anderes als zu vergessen, daß der Tod seine höchst radikale Scheidung über sie vollziehen und nicht vor ihnen zurückstehen wird, ob sie noch so innig sich umschlingen. Er weiß es besser. Darum ertragen sie den Gedanken an ihn nicht. Mit seinen Augen, die im Dunkeln sehen, weiß er besser, wieviel Verblendung an ihrer Liebe haftet und wie weit er sie zu trennen hat. Denn die geheime Hierarchie der Wesen und die inneren Akkorde, die im Gegensatz zu den äußeren weiterspielen, geben jene große Kakophonie, nach der das Leben sich nicht kehrt, weil es so blind ist für die inneren Zusammengehörigkeiten wie der Tod für die äußeren.Darum greift das eine so blind heraus, wo der andere so blind entreißt.

Aber darum kam ein Tag in unserer Geschichte, an dem wir des Spieles müde wurden, an dem die Liebe für die Liebenden, wer hätte es gedacht? tatsächlich an Wichtigkeit verlor, weil sie nicht mehr vergessen, sondern der bittere Geschmack des Todes auf ihren Lippen zurückblieb und weil ihre Gemüter zu belastet waren mit den Erfahrungen der Väter, zu wissend um den bitteren Rauch, das jämmerliche Aschenhäuflein, zu dem ein Feuerwerk, das sie zu oft für ewige Flammen hielten, in ihren betörten Herzen niedersank. Was Wunder, wenn sich die Welt von Enttäuschungen, die sie zusammentrugen, an ihren Söhnen rächte, und in Dingen der Liebe an Stelle der Illusion die Skepsis trat? Allein das Wissen dieser verspäteten Zeugen, das sie Künftiges nunmehr vorweg nehmen ließ, erwies sich als ein stärkerer Bann als die frühere Verblendung. Das Feuer ihrer Adern wurde zum Fieber und überhitzte ihr Gehirn. Ihr Arm erschlaffte, ihr Denken dissoziierte sich und zerstörte oder untergrub ihr Schaffen. Und erst die Söhne werden an diesen Söhnen lernen, daß keine Umbildung, daß nur eine Stilisierung des Sinnlichen gilt.

Als die stets bereitwillig nachfühlende Frau die ungeheuerliche Wandlung im Gemüt ihres Gefährten und einstigen Beschützers wahrnahm,entdeckte sie ein Etwas in seinem Kaltsinn, das sich zu einem Zug ihres eigenen Wesens verhielt.

Wenn der Mann unverkennbar dazu neigt, der errungenen Frau müde zu werden, und wenn er ihr dies antun darf — denn nur selten erweist sie sich als das Ideal, das er erträumte — so darf sie ihm den Schimpf durch jenen geheimnisvollen Zug heimzahlen, der fast ein Trieb zu nennen ist, dem sie einzig ihre Gleichberechtigung verdankt und der den Mann in seiner Eigenliebe stärker trifft als alle Untreue; ein Zug, den er gerne verkennt und von dem der gröbere Mann nicht weiß: ich meine die mystische Abneigung, die mit ihrer Neigung für den Mann so sehr im Widerstreite liegt und ihrer Schwäche so sehr entgegen ist und deshalb so selten überbietet.

Daß der Mann des Neuen Schlages der heutigen Frau, die er doch im Stiche läßt, im ganzen sympathischer ist als der gestrige Mann, hat seinen besonderen Grund. Ganz im stillen nämlich fand sie in der schrankenlosen Hingabe, die er von ihr erheischte, ihr letztes höheres Genügen nicht. Wenn sie den Rest in ihm herausfand, auf den ihr Innerstes feindselig lauerte, und der des Todes war, fand sie es doch ein bißchen schnöde, in seiner Endlichkeit so maßlos aufzugeben, einen Humbug, so zu ihm aufzublicken: So war ihre Neigung,von ihm abzufallen, edlen Ursprungs wie sein Überdruß.

Und es handelt sich heute, ich sagte es schon, um das letzte Wort der Frauenpsyche: ihren seltsam verwobenen, niemals ungetrübten Drang, auf ihre eigene Schwäche, wie auf eine Schlange den Fuß zu setzen, und um jene Siege, die Goethe das Ungeheuere nannte: denn die kalte Luft, die jetzt über sie hinweht, ist ihrem Wachstum günstig, und, ihre Evolution könnte sich sehr wohl dadurch vollziehen, daß die Männer immer degenerierter werden. Wenn sein Wesen zeitweilig in die Brüche ging, wird dafür die Frau endlich individueller. Ihr letztes Endziel ist doch der Mann. Keine Tugend in ihr, die ihm nicht zugewendet wäre. Sie werden einander wieder begegnen. Es wird künftig viel von Liebe, wenn auch nur wenig mehr von Frauenrechtlerinnen die Rede sein.

Indessen lobe ich mir unsere unsentimentale, unschwärmerische Zeit, mit ihrem zurückgedämmten aber nicht verlorenen Gefühl. Man ist nur Pessimist, um seinen Optimismus zu rechtfertigen. Ich glaube an einen Fortschritt für unsere Ära und sehe ein Element des Lebens in dem augenblicklichen Verfall. Alles ist nach seiner Art. Unsere unprometheische Jugend steht im Zeichen des Euphorion. Sie ist gefährdeter. Wer dürfte es wagen, sie unheldenhaft zu nennen?

1911 Lose Vogel.

Ich fürchte doch, daß es noch einen Krieg wird geben müssen, obwohl die Diplomaten ihn schon in Abrede stellen, obwohl die Leute nicht mehr recht daran glauben, und obwohl die Zeitungen ihn noch immer an die Wand malen. Es sollte mich doch wundern, wenn wir ohne jenen letzten und schon unzeitgemäßen Krieg auskommen würden, weil unsere Köpfe zu hart sind, um nicht noch einmal zusammenzustoßen.

Übergangszeiten sind ja nie schön. Es nützt uns nichts, daß sich die Welt so sehr bereicherte. Ist die Ernte gehalten und sind die Scheunen voll, so muß ein neuer Winter folgen und die Felder stehen wieder leer.

Mir ist immer, als ob es jetzt Februar wäre. Noch ist der Frühling weit, aber der Tag schon grell. Man weiß nicht mehr, wohin sich wenden: die gute Gesellschaft ist nicht zu ertragen, und die schlechte ist noch viel ärger, sodaß es schon ganz zur Norm geworden ist, daß man abseits lebt. Und nicht die Salons, die Bahnhöfe haben heute ihre Habitués.

Unsere nationalen Eigenschaften sind nämlich auf dem schönsten Wege, sich zu nationalen Eigenheiten auszubilden. Wenn wir heute etwas echt bayrisch oder echt berlinerisch oder echtsächsisch nennen, sollte man doch meinen, daß es als Kompliment gemeint sei. Man sollte es meinen. Aber es ist nie der Fall. Dafür nimmt das allgemeine Unbehagen über die eigenen Rückständigkeiten überall seinen besonderen heimatlichen Charakter an.

Eines Tages trieb mich unsere Ungefügheit (mit welchem Wort ließen sich unsere unzusammenhängenden Mängel diskreter zusammenfassen?) über die Grenze. Als mich in Avricourt ein Douanier fragte: „Rien à déclarer, Madame“? stach mir eine Träne ins Auge, denn meine Liebe zu Frankreich stand wieder einmal auf ihrem Höhepunkt.

Aber Höhepunkte sind da, um überschritten zu werden. Ich wohnte zwei Monate lang im fünften Stock des Hotel d’Orsay, bald in diesem, bald in jenem Zimmer. Bald sahen meine Zimmer auf die Place de la Concorde, dann auf die Rue de Lille, dann wieder auf den Quai d’Orsay hinaus. Bald war mir die Lampe nicht recht, bald die Lage. Einmal fand ich das Licht zu grell; zweimal zog ich wegen der Tapete aus. Immer wieder bestand ich ebenso schüchtern wie dringend auf meinem Umzug.

Es lag aber nicht an den Zimmern. Es lag an Paris. Noch immer war Marianne das schönste und interessanteste Mädchen von Europa; doch auch ohne Lupe waren jetzt kleine Schärfen, und der erste leise Ansatz zu Krähenfüßenan ihr wahrzunehmen. In ihrer stolzen Grazie lag etwas Müdes und Enerviertes; mit einem Wort: der unverkennbare Typ des schönen Mädchens, das Enttäuschungen erlebt hat und schleunigst heiraten sollte, um wieder aufzublühen.

Ihren Roman mit Herrn Michel, dem schwerfälligen Herrn, der sie immer brüskiert, wenn sie erwartet, daß er endlich um sie anhält, müssen wir ja alle miterleben. Ich verbrachte viele Stunden in den weiten Leseräumen des Hotels, schleppte die Zeitungen wohl auch in die Halle hinab, und in einem großen Schaukelstuhl vergraben, las ich vor dem Kamin Mariannens bittere, gereizte, kurzatmige Ausfälle, merkte die Mauern, die sie in ihrer Pikiertheit zwischen sich und ihrem ungeschickten Freier errichtete, fühlte den Groll, in dem sie sich gefiel, — bis ich es nicht mehr aushielt, und auf mein Zimmer eilte, und in großer Erregung herumging, und mit den Armen in der Luft herumfocht, indem ich leidenschaftliche Dialoge mit ihr führte.

Und wenn sie immer wieder damit anfing, just das Stück aus ihrem Herzen, das ihm gehöre, habe der verhaßte Liebhaber ihr herausgerissen, so stimmte ich ihr erst bei (denn man muß sachte mit ihr verfahren!), dann aber warf ich ihr vor, daß sie ihre leidenschaftliche Pose über Gebühr lange beibehielt, und ihre Neurasthenie rühre davon her, daß sie ihre Erbitterungkünstlich steigere, statt sich von ihr loszusagen.

Aber weil ich nichts ausrichten konnte und es so aufreibend war, im Gegenteil Zeuge zu sein, wie ein neidischer Dämon die beiden immer auseinandertrieb, so wie sie auch nur von ferne Miene machten, einander in die Arme zu fallen, ertrug ich es zuletzt in keinem Zimmer mehr, packte meinen Koffer und fuhr nach England.

Und als die Küste von weitem schimmerte, da wurde mir warm ums Herz, denn ich liebe diesen Boden, diese Leute und ihre Sprache. Aber auf die Dauer ist heute jeder Ort entlegen und dem Gefühl verschlagen, von jener Bangigkeit erfüllt, von der wir nicht genesen. Eines Abends stand ich in London, über die Westminsterbrücke gebeugt und starrte auf den Fluß. Wo der Widerschein der Wolken die Wellen bemalte, betupfte, beschattete, — da schien die Themse langsamer, nachdenklicher zu fließen, und von den Dingen dieser Stadt zu wissen. Das Parlament mit seinen tausend beleuchteten Fenstern, von dem stumpfen, eleganten Grau der Bauten, dem weiten, glatten Grau des Asphaltes umzogen, stand wie das Feenschloß einer Theaterdekoration, — märchenhaft und ein wenig kulissenhaft zugleich. Und diese leuchtenden Fenster kündeten mit ihrem feierlichen Glanz allen Londonern in die Nacht hinaus, daß hier die Gescheitesten von ihnen beisammen saßen.

Und wohl mochten sie Lichter anstecken, um sich von der Masse zu unterscheiden, denn nirgends war der Gegensatz zwischen ihr und den paar denkenden Leuten so groß. Zulange war sie hinter ihrem schützenden Graben abgetrennt und vor dem Zwang mit andern Völkern sich zu messen, verschont geblieben! Mutete sie nicht endlich fast uneuropäisch an? Erinnerte diese Gleichförmigkeit der Idee, der Nahrung, der Vergnügungen, nicht endlich an die Ununterschiedlichkeit von Hinduexistenzen?

Hatte das ewig rollende Meer oder der drückende Nebel diese Menschen ihres ursprünglichen Schwunges beraubt? Denn nimmer gab die Phantasielosigkeit des Durchschnitts-Engländers, die zumal bei der Durchschnitts-Engländerin sich schon bis ins Spukhafte steigern kann, ein endgültiges Bild. Vielmehr deutet alles darauf hin, daß dieses große Volk vor einem Wendepunkt steht. Der stark individualisierte Engländer wohl mehr als der bornierte. Beide sind keiner Steigerung mehr fähig. Der feine, kühne, reich umrissene, aber doch auch gesättigteTypdes großen Herrn mag sich hier noch ad infinitum wiederholen, überbieten kann er sich nicht mehr. In seiner Eigenart ist er erschöpft.

Während ich so, über die Brücke gelehnt, auf den Fluß hinstarrte, fühlte ich mich plötzlich zu den vielfältigen, noch immer nicht bis zu sichselbst gelangten Deutschen (ich hatte sie eine ganze Weile nicht gesehen!) so von Grund auf hingezogen, daß ich noch in selber Nacht das Schiff bestieg, um zu ihnen heimzuziehen. Und als ich früh am nächsten Morgen den Rhein entlang fuhr und ihn rauschen hörte, da stachen Tränen in mein charakterloses Auge.

Aber noch war keine Woche vergangen, da hatte ich mich über die Deutschen schon wieder so geärgert, daß ich in Augsburg einen Freiballon bestieg und dieser Welt, über die ich mir keine Illusion mehr machte, in einem kleinen Korb davonflog.

Es ging ein Regen hernieder, worauf uns die Sonne soweit hinaufzog, daß sich die Berge, die wir bald darauf zu überfliegen begannen, wie flaches Land ausbreiteten, so tief lagen sie unter uns. Da sah ich zu dem orangefarbenen Ball empor, der wie an einem unsichtbaren Seil und still wie eine Ampel am Himmel zu hängen schien; und nur eine kleine schwarze Kugel, die wir durch die Wolken schießen sahen, und die unser Schatten war, zeigte uns, daß wir mit Windeseile flogen. Wie wir dann selbst in eine solche Wolke drangen und die Welt rings um uns her unsichtbar und wie bewußtlos wurde, und wir Stunden hindurch in solcher Höhe blieben, daß wir die Erde nur mehr undeutlich sahen und, selbst unsichtbar, wie Abgeschiedene ihr entrückten; — da, — ich kann nicht sagen, wiemir das vorkam, daß wir noch daran dachten, einen Krieg aus der Rumpelkammer der Menschheit hervorzuziehen. Aber ich sah auch, daß er noch möglich war, falls wir es überall, bei den tausend Anstößen zu unserer inneren Unzufriedenheit beließen, so daß uns zuletzt, unter dem Schein der Rivalität, nichts anderes als das wachsende malaise über die eigene Unerfreulichkeit außer Hause triebe, bis wir endlich, uns selber fliehend, lieber mit Waffengewalt ins fremde Land einfallen werden, als uns selber länger zu ertragen.

1911 S. Fischer Almanach.

Die expeditive Art, mit welcher die sehr beschäftigten oder sehr wertvollen Leute die soziale Seite ihres Lebens liquidieren, habe ich schon früh bewundern gelernt: sie hat nichts mit Ungeselligkeit zu tun; sie sind im Grunde ebenso gesellig wie die Tagediebe. Aber ein Stachel, eine innerliche Eile treibt sie an, sich dem Zusammensein mit ihren Mitmenschen — gleichsam mit der Uhr in der Hand — zu entziehen. Denn sie sind der Kürze des Lebens, wie der zehn Talente, deren sie walten, vielfach unbewußt vielleicht, stets eingedenk.

Aber ich weiß: Den Größeren gegenüber jeder Distanz entraten ist jetzt Mode. Nun, ich begebe mich noch immer zu Hildebrand, wie ein anderer einen Turm besteigt, weil ihn dort eine stillere Luft umweht: Dinge, die ihn unten ärgern, sind hier auf eine Weile um ihre Existenz gebracht; und mag er sich auch selbst hier oben unwichtiger dünken, so lobt er sich doch gerade so unbewußte Pädagogen wie einen Aussichtsturm oder wie Adolf Hildebrand.

Zwar ist es empfindlich, lediglich durch den Kontakt mit einem Anderen augenblicklich des Abstandes bewußt zu werden, den er durch seine Verdienste oder seinen Wert zwischen sich unduns geschaffen hat. Worte, die man zu verlieren gewohnt ist, steigen befremdend in jener Zone unseres Bewußtseins auf, die man Gewissen nennt, und vergeudete Stunden wollen sich mit einem Male wie Rechnungen präsentieren. Dies alles nur, weil man sich in Gegenwart eines Menschen sieht, der wie jeder andere Mensch — ich wünsche nicht zu übertreiben — seine sichtlichen Grenzen hat, jedoch nicht anders, jedoch genau wie ein Berg, der seine scharfen Linien in den Himmel zieht, ausschließend, was nicht zu ihm gehört.

Auf ein so hohes Niveau hat Hildebrand seine Beschränkungen gebracht. Von einem Berg zu versichern, daß er eine Erhöhung sei, könnte nicht öder sein, als von Hildebrand behaupten zu wollen, er sei „gut“, so sehr ist er es implicite; oder wenn einer sich bemüßigte, von ihm zu sagen, er sei „nicht eitel“; denn der Mangel anBeziehungzur Eitelkeit und an Talent zur Selbstbespiegelung ist ja gerade der Grundton seines Wesens. Es fehlt ihm jedes Verständnis für das Unwichtige, jede Fähigkeit, sich ihm zuzuwenden, er sieht und hört und merkt es nicht einmal. Er hat für das Belanglose so wenig Einstellung wie das Auge einer Ziege für die Schönheiten der Landschaft. Aber die beste Idee der Atmosphäre, in die er hineinragt, geben wohl die weiten, gedankenvollen Schweifungen seiner Brunnen und Monumente, wie sein kleiner Tempel vor dem Münchener Nationalmuseum,der mitten im Alltag wie ein mystischer Kreis seine verträumte und abgewandte Stille zieht.

Über jenes ebenso beliebte wie gedankenlose Axiom, man müsse den Künstler vom Menschen trennen, habe ich mich schon als Kind erbittert, lang bevor ich noch ahnte, wie weit sich die Dépendancen des Musentempels (Vorhöfe, Stallungen, Ökonomie etc.) ausdehnen können. Wer innerhalb des Bezirkes die Pferde schirrt, gehört natürlich auch noch zum Personal, und es wimmelt im ganzen Revier. Still wird es erst vor der inneren Halle, in die nur die wenigsten von uns oder nur auf Minuten Zulaß finden. Hier wie in der sichtbaren Welt kommt eben alles auf Rangstufen an. So kann einer mit knapper Not ein Künstler sein. Wer es aber in erster Linie ist, dessen äußeres Leben hat etwas Ungefähres und Zufälliges, als könnte ebenso gut ein anderes, viele andere für ihn denkbar sein. Soweit grenzt sein Selbst über das Maß der ihm zugemessenen Tage hinaus, so wenig erschöpfen und enthalten sie ihn. Von seinem Leben trennt ihn jene latente Unaufmerksamkeit, welche andere von ihrer Erkenntnis abhält und so viel stärker mit ihrem Dasein sich identifizieren und verketten läßt. Es tut mir leid, eine solche Platitude sagen zu müssen. Aber man verkennt doch im allgemeinen immer noch, wie sehr derGradder Künstlerschaft den Künstler als Menschen bestimmt — und verschlingt.

So ist das Gedankliche, und im Gedanklichen das Architektonische bei Hildebrand so überwiegend, daß sich ihm auch die Dinge, Menschen und Ereignisse niemals außer Proportion darstellen. Nie widerfährt ihm, daß er sie zu leicht oder zu wichtig nimmt. Sein für die Form so passioniertes, so machtvoll gestaltetes Auge trägt diesen starken Sinn auch in die Welt des Unsichtbaren über, und ist auch da, vergleichend, wägend immerzu tätig, richtige Dimensionen einzuhalten, sie wieder herzustellen, das Überflüssige, das Unwesentliche von den Dingen ausscheidend, naiv und schöpferisch um ihre Perspektive und ihre Harmonie bemüht.

Eine Angelegenheit, die mich sehr stark beschäftigte, bis sie mir alles verstellte und ich an nichts anderes mehr denken konnte, rückte plötzlich wieder in die richtige Distanz, als ich eines Abends mit ihm zusammensaß. Nicht etwa, daß es mir in den Sinn gekommen wäre, sie ihm zu erzählen, sondern was mich wieder ins Gleise hob, war der überspringende Funke seines Intellekts, dessen wunderbare, den wirren Schwankungen des Persönlichen entzogene Helle das Maß der Dinge so still und unselbstisch kündet.

1913

Wie behaglich, wie menschenwürdig hat sich unsere Schiffahrt ausgebildet, wie stolz setzen wir über das Meer, aber wie barbarisch fahren wir noch Eisenbahn. Unser größter Wohltäter wäre der, welcher frei oder nach Pullman einen neuen Typ unserer Eisenbahnwagen durchzudringen suchte. Aber würden die zuständigen Generaldirektionen die leiseste Notiz davon nehmen? — Hat je vor mir einer den Plan eines Generalstreikes der Eisenbahnpassagiere gefaßt? Nein. Wir lassen uns in den stets überfüllten Zügen wahllos wie Herdentiere zusammendrängen und zahlen und überzahlen die unverschämte Tortur.

Oder sitzen wir etwanichtwie Böcke und Schafe Stunden und Tage lang in einer verrußten, vergifteten Luft — mit einer Platzkarte gezeichnet, wie Hammel mit einem Kreuz? nur die eine rachsüchtige Hoffnung im Herzen, unsere Leidensgefährten (welche die Eckplätze inne haben) möchten doch so töricht oder so unerfahren sein, sich in jene andere Vorhölle: den Speisewagen, zu begeben, woselbst ein wüster Dunst, übel wie eine Seekrankheit, regiert. Und sind wir endlich allein, so stürzen wir ans Fenster, um Luft, und wäre sie noch so eisig, hereinzulassen.Allein, wir bringen es nicht auf. Wir rufen den Gefängniswärter: er bringt es auch nicht auf. Das Holz sei aufgequollen, bemerkt er und geht. Nicht lange, und die anderen Sträflinge kehren zurück. Man nimmt also wieder mit stechendem Kopfweh seinen Rückplatz ein und hat bald darauf die unmittelbare Aussicht auf zwei vom Schlaf überwältigte ältere Herren.

Sie sind nicht schön.

Endlich — ich spezialisiere schon — ach es liegt so nahe! — ist das Licht dieses mühseligen Tages gesunken. Aber der Lampenschein ist nur ein trübes Geblinzel in dieser Luft! Und noch fünf Stunden. Das heißt, man wird nie ankommen. Man wird es nicht erleben. Hannover! — Die schlummernden Gebrüder fahren auf, greifen nach ihren Taschen und fort! — O! — Ich bin allein mit einem jungen und charmanten Mädchen. Wir wissen nichts von einander, aber die gemeinsame Plage hat uns längst zu Verbündeten gemacht. Sie erzählt mir, daß sie soeben einen Krankenkurs absolviert. Sie hat einen Apfel, ich gebe ihr ein Messer; sie reicht mir ein Aspirin, ich ihr Schokolade. Aber Sie müssen sich hinlegen, sagt sie, sonst wirkt es nicht. Sie reißt die oberen Klappen auf und verhängt das Licht, und wir strecken uns der Länge nach aus. O Gott, Schwester, rufe ich aus, dies ist viel zu schön. Es kann nicht dauern! Abersie tröstet mich, daß der Zug vor Hamburg nicht mehr hält. Da wird — Bang! — die Türe aufgerissen und eine Blendlaterne grell vor unsere Augen gehalten. Es ist der Kerkermeister, der sich umsieht wie einer, der hier zu Hause ist, dann die Türe zuschlägt und wieder verschwindet.

Es ist ihm etwas nicht recht, meinten wir bescheiden und einigten uns über ein Trinkgeld, falls er wiederkäme. Wir fingen schon an, unsere Ruhe und das Dunkel wieder zu genießen, als die Türe lärmend aufgerissen wurde und Kerkermeister und Laterne uns von neuem aufschreckten. Gebieterisch verlangte er (wie oft denn noch) nach unseren Billetten. Ich reichte ihm das meinige zugleich mit einem Zweimarkstück entgegen. Wieso? was soll dieses Geld? herrschte er. Daß Sie uns nicht immerzu stören sollen, weil wir müde sind. Sie haben ja — tat er sehr überrascht — ein Billet II. Klasse und sind hier in der ersten. Das wissen Sie so gut wie ich. Ich wurde hierher verwiesen, weil alles überfüllt ist. Das gilt nur, so lange wirklich kein Platz ist, bestimmte er. In Hannover sind mehrere Personen ausgestiegen. Ich werde gleich nachsehen, ob etwas frei geworden ist. Dann müssen Sie hinüber. Er schlug die Türe zu und ging. Gibt es Worte! rief die Schwester empört. In England ginge es wider den Stolz des Ungebildeten, mit dem Gebildeten so umzugehen. Die Nation ist zu zivilisiert, auchdem stärksten Sozialisten wären solche Mißgriffe zu arg. Aber wir sind hier im Lande der häßlichen Briefmarken, sagte ich vor Wut zitternd. Paßt so viel Gemeinheit nicht wundervoll zur Schreibweise des Wortes „Büro“? Dabei stand der Laternenkerl schon wieder unter der Türe. So, meinte er im Tone des Vorgesetzten, drüben ist Platz, und machte sich anheischig, nach meinem Gepäck zu greifen. Zurück! schrie ich wie eine Wilde. Dann zahlen Sie die I. Klasse nach, sagte er erschrocken. Nein! keinen Pfennig! schrie ich, denn mein Zorn kochte jetzt wie Teewasser auf einem Schnellsieder. Aber morgen, schrie ich, steht diese Geschichte in allen Blättern, es stehen mir alle Blätter, log ich schreiend, alle Blätter Deutschlands stehen mir zu Gebote. Ich fand eine sehr dramatische Geste und der Mann fuhr vor meinen Megärenaugen betreten zurück. Ach was, meinetwegen bleiben Sie wo Sie wollen, sagte er. Jawohl! schrie ich und meine Börse öffnend, warf ich das ihm zugedachte Geldstück ostentativ wieder hinein. Dies imponierte ihm vollends. Er schlug zwar die Türe noch einmal zu (dies war seine Natur), jedoch blicken ließ er sich nicht mehr.

Sind Sie Schauspielerin? fragte mich meine Gefährtin voll Bewunderung.

Aber ich sank erschöpft zurück.

Wollt Ihr mehr noch hören?

Diese eine gröbliche Geschichte greife ich nurdeshalb mit Vorliebe heraus, weil ich merkwürdiger Weise nicht den Kürzeren dabei zog. Die anderen Geschichten erzähle ich nur auf speziellen Wunsch, weil ich mich zu sehr dabei aufrege. Und wer sie auch für erdichtet hielte, würde sie doch nie für übertrieben erklären. Wir fahren heute lieber auf dem längsten Seeweg nach England, lieber 24 Stunden lang die ganze Küste entlang zu Schiff, um der möglichen Drangsal einer 10stündigen Bahnfahrt zu entgehen, und wer all die Eventualitäten des Winter- und Sommerfahrplans auf der Strecke München-Ostende oder Vlissingen erprobte, der zieht es vor, sich allen Meeresstürmen und dem dichtesten Nebel auszusetzen und einen ganzen Tag und eine Nacht länger unterwegs zu sein. Daß die Schiffahrtsgesellschaften bei täglich wachsender Konkurrenz so emporblühen und ihre Bureaux (ich schreibe es so) in allen Städten aufschlagen und daß der Zulauf sich immerzu steigert, geschieht nicht nur, weil die Schiffe so prächtig geworden sind, sondern weil das Eisenbahnfahren mit jedem Jahr unerfreulicher und mühsamer wird und hier statt des Fortschritts eine immer größere Nachlässigkeit waltet. Nur die Preise sind gestiegen. Aber es ist, als führe man geschenkt. Die armen Ausflügler, die an Feiertagen zu ihren unzureichenden Zügen strömen, angebrüllt, zurück- und zurechtgewiesen werden, ist ein Kapitel für sich. Sich darüber zu beschweren,überlasse ich denen, welche noch den Mut besitzen, Sonntag über Land zu fahren und durch Lösung einer Fahrkarte scheinbar das Recht auf anständige Behandlung eingebüßt haben. Natürlich gibt es viele Schaffner, die höflich und gefällig sind. Unwürdig ist nur die Tatsache, daß Wohl und Wehe des Reisenden von der Gemütsverfassung, der Laune und dem Naturell eines solchen Diensthabenden abhängig sind, daß hier die Disziplin, von der sonst doch so viel gesprochen wird, daß die oft pöbelhafte Grobheit der Bediensteten unbestraft bleibt, mit einem Wort: Daß hier das Mühlrad so verkehrt läuft. Sinnen und Trachten unserer Generaldirektionen gehen dahin, möglichst große, umständliche, protzige und unnötige Bahnhöfe (die Bahnzüge sind ihnen egal!) zu errichten.Unnötig: Diese Behauptung ist mit nichten so unverständig wie die Herren Bahninspektoren und Oberbauräte es möchten. Wenn sie notwendig sind, warum stehen sie nirgends in England? Warum stehen sie nicht in Paris? Warum bleiben sie in London auf ihre einfachste Form erhalten? Warum sind sie dort nur weite Hallen, die nur von einem ewigen Kommen und Gehen atmen — nur praktisch — nur zweckmäßig und trotzdem und gerade deshalb von einer starken, beschwingten Atmosphäre von klassischer Einfachheit und deshalb schön.

Kürzlich mußte ich in Leipzig den Nachtzugnehmen. Der Bahnhof — der Stolz des Sachsenlandes — ist groß wie ein Marktflecken, und ich könnte mir so gut vorstellen, wie hier ein Massenkostümfest veranstaltet würde, nicht aus den besten Kreisen, aber üppig mit großen Palmenarrangements. Ich bitte Sie, all die Treppen, das schöne Auf und Ab, wie geeignet! Nun — ich warte also auf Bahnsteig 4 auf den Berliner Zug. Er lief verspätet in die großartige Halle ein — und, ich brauche es nicht zu sagen: er war vollkommen überfüllt. Wir standen geduldig und übernächtig auf der Plattform wie ein Rudel Landstreicher, die zu warten haben, bis man sie abschiebt. Plötzlich, wie von hoher Brücke herab, der stolze Kommandoruf: Wagen werden keine angehängt! Es herrschte der gewöhnliche Kriegszustand. Ich wurde in einem Halbcoupé einem alten Sachsen zugesellt. Als nach einer Weile der Schaffner erschien und ich ihn fragte, ob denn nirgends Platz sei, schlug er die Türe zu, ohne mich einer Antwort zu würdigen. „Von dem erwarten Sie ja nichts!“ riet mir der alte Herr. „Das Subjekt kenne ich. Es war eine Zeitlang in meinem Geschäft angestellt, aber ich mußte es schleunigst entlassen.“

Es gelang uns mit vereinten Kräften, das Fenster zu öffnen, aber vor dem Ruß, der uns entgegenflog, zogen wir es alsbald wieder in die Höhe. Wir stellten die Heizung auf kalt, wobei es immer wärmer wurde. Ich bin schonalt, sagte er plötzlich, und werde nicht mehr viel Eisenbahn fahren. Das ist aber auch das letzte, worum ich die Lebendigen beneiden werde. —

Nun — eine solche 10stündige Fahrt, um die kein Toter mich beneidet hätte, lag unmittelbar hinter mir, als ich in Cuxhaven, unter einem flockigen Himmel, von Möven umkreist, die hohe Brücke des „Imperators“ bestieg. Der Kontrast zwischen dem Aufschwung unseres Schiffsbaus und der Rückständigkeit unserer Eisenbahnen hat etwas Überwältigendes; man ist auf den Eindruck nicht vorbereitet. Es ist ja nicht der Luxus, der uns erstaunt. Mein Gott, den findet man heute mehr oder minder in jedem Hotel, und er hat den Reiz der Neuheit schon so sehr verloren, daß ich mich frage, ob er sich in der gegenwärtigen Form noch lange halten wird. Daß sich also Riz oder Carlton hier einer Niederlage erfreuen und eine rotbefrackte Kapelle stellen, ist uns egal. Und da ich mir nun schon einmal das Kapitel der Anregungen gestatte: Wäre es nicht schön, den ganzen Aufwand neuen Bahnen zuzuleiten und einmal ein wirklich gutes Orchester und eine prachtvolle Musik auf einem so würdigen Boden, wie den unseres großen Dampfers, zu lancieren? Das Meer ist eine so unvergleichliche Konzerthalle!

Nicht die kostbare Ausstattung des Schiffes, sondern daß es immens ist, sondern, daß wir stimmungsvolle lauschige Zimmer statt der engenKabine beziehen, sondern, daß wir einen Kilometer zurückgelegt haben, wenn wir dreimal das Deck umgehen, der Luxus desRaums, — das ist es, was uns hier ergreift. Jeder Fußbreit mehr, der sich hier dem Element widersetzt, das ist es, was imponiert! Drinnen im Binnenlande begreift man nicht recht, bevor man es erfuhr, warum ein Schiff so groß sein soll. Erst wenn man darauf hinzog, versteht man den Sinn dieser großen, immer größeren Häuser, in welchen man des Schiffes immerzu vergißt. Wir ahnen nicht vorher, mit welcher Rührung wir uns besinnen werden, wenn uns in mitternächtlicher Stille ein dumpfes, kaum wahrnehmbares, wie unterirdisch wachsames Treiben die Augen aufschlagen läßt und ein Ruck, ein sanft harmonisches Rauschen uns daran erinnert, daß nicht Straßen noch Plätze, nicht Gras noch Baum vor dem Fenster im Winde stehen, sondern das nasse, leere Feld des furchtbaren, feindseligen Gottes, auf welchem dies ungeheure beladene Schiff zur winzigen Nußschale schwindet. Aber eine Nußschale, die uns das Gefühl höchster Geborgenheit mitzuteilen weiß, und an welcher Menschenhände so lange und so kundig bildeten, bis sie allen Stürmen gewachsen, endlich den Begriff des Schiffes selber überwand. So ist hier der Zauber aus dem Kontrast von Größe und Kleinheit gewoben, und mit innerem Jubel kreisen wir immer wieder um das weite Deck dieser schwimmenden Arche,des Spiels nicht müde, so groß ist die Romantik dieser kleinen, armseligen, rastlos dahingemähten, dieser so kühnen, prometheischen Menschheit, und so stark ist ihre Perspektive, daß wir plötzlich wie selbst aus ihr hinausgerückt, von Bewunderung hingerissen vor ihr stehen.

Da wir von Perspektive und von Romantik sprechen, treten wir doch bitte einen Schritt zurück, kneifen wir ein Auge zu und sehen wir ins Leere, in die Ferne; dorthin, wo sich über den Fluß die massive Brücke schwingt. Denn nicht lange, und der Schnellzug saust plötzlich darüberhin, aus dem Hals der Lokomotive windet sich ein brauner Rauch zur krausen Barocksäule empor, und die locker aneinander geschmiedeten Wagen rollen fröhlich mit lautem, schnell verhallendem Geräusch und wie ein gefährliches Spielzeug vorbei. Ein kurzer Pfiff, wie ein Angstschrei, und nichts ist mehr, als die schwarze Wölbung eines Tunnels, durch die sie geradewegs ins Innere des Felsens drangen. Und nun meine Zeitgenossen bitte ich Sie: Ist die Ritterburg, deren epheuumrankter breitzackiger Turm vom Berge niederschaut, suggestiver? Kann sie unserer Phantasie die Seele eines Zeitalters mächtiger, unmittelbarer entgegenhalten, wie der soeben vorübergerauschte Zug, dessen Fenster wir einen Augenblick in der Sonne flimmern sahen? Fühlenwir uns da nicht blitzschnell den vielfachen Existenzen ein, die er dahinträgt, reißt er da nicht unsere Teilnahme zu Schemen des Lebens hin, vertraut und unbekannt — verklungen schon, wie angesichts des verwitterten Burgtores das Bild des Jagdtrosses, der über die Zugbrücke lärmte; — melancholischer auch in der zerrinnenden Vielfältigkeit seiner steigenden und fallenden Linien. Denn wie Lose in einer Urne sind unsere Leben in jener kleinen Eisenbahn zusammengeworfen. Wieviel vergrämte, bekümmerte und schwere Herzen trug sie nicht schon dahin! Wieviel Verliebte starrten schon durch ihre Scheiben in die fliehende Gegend hinaus und erfaßten mit magischer Schärfe den Baum, den zuckenden Steg, Dörflein und Wald, während sie doch nur das Bild der Kreatur, an die sie dachten, vor Augen hatten! Verträumte Flammen des Hoffens, der Illusion, von der Bewegung gefächelt, wie Blumen, die im Zephir stehen. Es ist eine Zeit, es ist ihr bewegter, ruheloser Schild, der nachts als funkelnde Schlange mit runden, feurigen Drachenaugen seinen Weg erkannt und viel Romantik in sich verdichtet. Denn es ist als sei nichts klein, als sei alles interessant an den Wesen und ihren Schicksalen, so lange die Bahn sie hinträgt und gleichsam dem Alltag entreißt. Nur daß sie noch nicht, wie die vielbesungene Burg, ihren Dichter gefunden hat, die eilige Besiegerin der Fernen, die,rastlos, immer auf der Flucht, unsere Epoche gestaltet, deren Schienen unsere Welt aufackerten und uns erst zu eigen machten.

Und ein Ding, so verlockend anzusehen, unterhält so wüste Möglichkeiten; einer so glorreichen Erfindung sollte jener Fortschritt verwehrt bleiben, der sich heute auf allen Gebieten des äußeren Lebens — von dem fabelhaften Aufschwung unseres Schiffahrtwesens nicht zu reden — so glücklich geltend macht. Man fährt schon in Russland und auf der transibirischen Eisenbahn sehr angenehm — es ist also möglich. Warum sollten wir hier nicht auch wie in so vielem Vorbildliches stellen? Wie schön, welche Freude, wären die Eisenbahnwagen, die einmal ein Künstler wie Adolf Hildebrand entwarf. — Wo sind sie? Nein! was ich da sage, ist wirklich weder unausführbar noch töricht! Aber, sagte mir kopfschüttelnd, mit erhobenem Finger, ein mehrfacher Aufsichtsrat, sehen Sie denn nicht ein, daß die kolossalen Anstrengungen, welche von Seiten der Schiffsagenturen zur Hebung desselben geschehen sind, absolut notwendig waren, um das Verkehrsmittel überhaupt in Schwung zu bringen, und daß es ohne die rücksichtsvolle Behandlung der Passagiere, welche Sie so sehr rühmen, niemals florieren könnte, während unsere Eisenbahnen — ob nun etwas für sie geschieht oder nicht und mögen sie noch so rückständig bleiben, ja noch unerträglicher werden — einen stets wachsendenZudrang erfahren werden, da es kein anderes großes Verkehrsmittelgibt— es sei denn das Auto oder der Luxuszug, der ja auch, schloß er zutreffend und mit einem suffisanten Lächeln, mehr oder minder nur für Autobesitzer (er war selbst einer) in Betracht kommt.

Nun möchte ich nur, wiewohl vergebens, unsere Herren Eisenbahnminister im Namen meines philantropischen Jahrhunderts fragen, ob dies ein anständiges Argument war.

Neue Rundschau Juliheft 1914

„Hans im Schnakenloch“ von René Schickele, ein elsässisches Schauspiel in vier Akten, gehört, wie Tchekow’s „Kirschblüte“, nur in viel höherem Grade noch, zu den athmosphärischen Stücken. Man weiß nicht, sind hier Licht und elsässischer Himmel miteinbezogen, oder fluten sie ungefragt so herein. Aber man weiß, hier ist die Tragik keine stipulierte, sie ergibt sich von selbst. Denn hier ist der Held eins mit der Landschaft, in der er steht, und mit dem Himmel, der schwefelgelb aufleuchtend, in der Ferne grollend, so weit, so brütend, über ihm hängt. Elsaß! Und hier hat der Held es nicht nötig, die Welt zu bereisen, sondern er trägt das Wissen um ihre winterliche Finsternis in seinen leichtblütigen Adern. Dieser unselige Hans im Glück, der alles hat, was er will, und nicht will, was er hat, möchte, was er nicht mehr erhoffen kann: einen Boden für sein Glück. Dieser reifen und sommerlichen Welt jedoch, deren Sinn er so wohl erfaßt und die er unter seinen Füßen schwanken fühlt, gilt seine Treue. Des Elsässers Treue: „Spannen Sie einen Menschen mit Armen und Beinen zwischen zwei Pferde,“ sagt er zum französischen General Kaufmann, „jagen Sie die Pferde in entgegengesetzter Richtungdavon, und Sie haben genau das erhabene Beispiel der elsässischen Treue.“ Hansens Mutter, die alte Madame Boulanger (in diesem Stück haben die Deutschen meist französische Namen, und umgekehrt) ist ein wenig schweigsam, nach Art alter Französinnen, die über das Unvermeidliche nicht gern viel Worte machen. „Ihr wißt, ich hab nichts gegen die Deutschen, gelt Clär. Aber manchmal kommts mir vor, als ob mehr geschrien würde, seitdem sie im Lande sind.“ Ihr Sohn ist nicht der Ritter ohne Furcht und Tadel. Garnichts Verjährtes haftet ihm an. Er wandelt mit der Stunde und ist der Mensch ohne Eitelkeit. Nichts Selbstgefälliges an seiner Ironie; sein Achselzucken, seine spielerische Trauer atmen Verzweiflung.

Hans (bei einem Fest auf drei Abgeordnete deutend): Da kommen sie!

Müller (noch oben auf der Terrasse, zwischen Cavrel und Simon): Ein Löwe, ein Wolf, und das Schaf.

Louise: Die ganze Politik. —

Denn Hans im Schnakenloch, le grand désabusé, weiß was sie taugt. Der Krieg bricht aus. Franzosen erobern das Dorf. „Dies ist eine Staatsaktion,“ sagt Hans, „von deren Ausgang das eine zum andernmal gerechnet, schließlich das Schicksal der Völker abhängt. Es mag dumm sein, daß so viel vom Ausgang einer Rauferei abhängt, aber ich kann es nicht ändern.“

Nicht lange, und das Dorf wird von den Deutschen zurückerobert. Der Kampf tobt in den Gassen. „Arme Jungen!“ sagt er von den gefallenen Deutschen. „Da liegen sie wahrhaftig in Reih und Glied. Und die Franzosen davor hingeschleudert, wie Pfeile, die ihr Ziel nicht ganz erreichten.“ — Wer da siegt, ihm ist’s nicht wichtig. Für ihn hat der Besiegte die höhere Glorie. Wer von beiden die Erde verliert, die er beiden zuerkennt, bei dem will er liegen. „Mich hat die Wildheit dieser Toten angesteckt,“ schreit er plötzlich auf. „So will ich auch liegen. Hingeschleudert, und mit krampfhaften Händen, die ihr Ziel nicht erreichten. So und nicht anders will ich sterben. So.“

Aber so hat auch Goethe den Elsässer gesehen. Elsaß war noch nicht lange genug mit Frankreich verbunden, schreibt er in Dichtung und Wahrheit, (als die Dinge umgekehrt lagen,) als daß nicht noch bei alt und jung eine liebevolle Anhänglichkeit an alte Verfassung, Sitte, Sprache und Tracht sollte übrig geblieben sein. Wenn der Überwundene die Hälfte seines Daseins notgedrungen verliert, so rechnet er sich’s zur Schmach, die andere freiwillig aufzugeben. Er hält daher an allem fest, was ihm die vergangene gute Zeit zurückrufen und die Hoffnung der Wiederkehr einer glücklichen Epoche nähren kann.“

„Immer der Deserteur, immer aus Treue,“ so hat ihn Goethe noch im Alter gesehen.

Hans im Schnakenloch, der Elsässer von heute, sieht die Seinen nurmehr wie von ferne; seiner Liebe kaum mehr bewußt, nimmt er nur kargen Abschied von der Frau, „Du hörst nicht mehr, was ich sage,“ herrschte er sie an. „Begreife doch, auch ich gehorche der Pflicht . . . Meinesgleichen fährt jetzt zur Hölle. Da muß ich dabei sein. Die Wage der Weltgeschichte schwebt.“ Der Gram dieser Erde istseinGram. Im Schein dieses Himmels, der schon überfloß in jenen der Douce France, fing sich auch das Echo deutscher Innerlichkeit. Hier lächelt der Sommer, und immerzu deutet hier der Zeiger auf die Stunde der Erfüllung. Aber statt ihrer erdröhnt immer verstärkt die Stunde des Unheils. Liebe ist schwerer wie Haß, meint der Abbé Schmitt, der die Gefallenen begräbt. „Ich wiederhole,“ sagt er, „es ist leichter gut zu schießen als gut zu denken. Das Schießen ist an der Reihe. Sprechen wir weiter, wenn die Tage des Denkens wiederkommen.“ Werden sie kommen?

Auch die Nebenfiguren sind hier von zwingender Lebendigkeit und über die Hauptrolle und ihre Modulationen werden sich wohl, je länger je bestimmter allerorts die namhaften Mimen ereifern. Vorausgesetzt, daß noch welche da sind, und daß der eiserne Vorhang, der sich zwischen den Ländern senkte, nicht auch noch vor den Theatern herabfällt.

Was dieses mutige, von so wahrhaft dichterischem Geiste getragene, so wundervolle Stück vor allem auslöst, ist eine ungeheure Bangigkeit, das Bewußtsein einer entsetzlichen Gefahr. Man fühlt: die Gegenwart schlägt hier voll an: Tolstoi und Dostojewski haben schon gelebt, der zwischen anständigen Menschen längst herrschenden Moralbegriffe enträt nur noch die Politik. Dort als eigentlicher Point d’honneur, Uneigennützigkeit, Großmut und Würde; hier noch immer die vorchristliche Kunst des Übervorteilens im Bereich des Möglichen oder des Unmöglichen: ein Zeiger, der unentwegt voranläuft, der andere, der wie irrsinnig gegen die Räder anrennt; ein sausendes Uhrwerk, das am Zerspringen ist; eine groteske, lächerlich unerlöste Welt; das Wirrsal.

Immer ist es Sommer in Schickeles Stück; alle Holdheit der Erde, eine blumige Au am Rande des Abgrunds: Elsaß! Und immer wird uns dieses Wort, wie mit Traumhänden, so dringend hingereicht, bis es wie eine Glocke tönt, die sich in Bewegung setzen möchte, Vernunft und Frieden einzuläuten, und den Starrsinn in Zerknirschung zu lösen.

September 1916Neue Zürcher Zeitung.

ANHANG


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