LITERATUR

Die zarten Blumen neigen sich zur Erde,Die kühlen Grund den süßen Farben beut;Und Dämmerung verbreitet sich und sinkt,Sich sehnend nach Verzögerung,Gleich einem letzten Blick.Einsam erschauern da Glycinen,Und Azaleen hauchen ihre Blüte,So lau der feuchten Nacht entgegen!Und nur die Rose läßt sich nicht betäuben.

Die zarten Blumen neigen sich zur Erde,

Die kühlen Grund den süßen Farben beut;

Und Dämmerung verbreitet sich und sinkt,

Sich sehnend nach Verzögerung,

Gleich einem letzten Blick.

Einsam erschauern da Glycinen,

Und Azaleen hauchen ihre Blüte,

So lau der feuchten Nacht entgegen!

Und nur die Rose läßt sich nicht betäuben.

Denn Rosen zieh’n des Nachts geheimnisvolle KreiseAls wallten ihre Düfte träumend hinWo sie der sehnsüchtige SchimmerRuhloser Herzen lockt.Doch kennen Rosen nur der Freude Schwingen,Und mit der Göttin Tauben ziehen sieAls Boten ihrer Huld. —Wen ohne Gunst in ihrem RingeDie Liebe unfroh hält,Nimmer scheinet ihm die Rose!

Denn Rosen zieh’n des Nachts geheimnisvolle Kreise

Als wallten ihre Düfte träumend hin

Wo sie der sehnsüchtige Schimmer

Ruhloser Herzen lockt.

Doch kennen Rosen nur der Freude Schwingen,

Und mit der Göttin Tauben ziehen sie

Als Boten ihrer Huld. —

Wen ohne Gunst in ihrem Ringe

Die Liebe unfroh hält,

Nimmer scheinet ihm die Rose!

Tief entleuchtet seinen TräumenGrausam, und auf starrem Grunde,Nur der Sonnenblume brennend Aug!

Tief entleuchtet seinen Träumen

Grausam, und auf starrem Grunde,

Nur der Sonnenblume brennend Aug!

Zeitler Almanach 1907.

Zu leugnen, daß es große Schriftstellerinnen geben kann, ist vielleicht erst in unseren Tagen wirklich unzulässig geworden, seit eine Frau von Genie wie Selma Lagerlöf zu Würden gelangte, die ihr die Zeit gewiß nicht rauben wird. Ja, im Gegenteil: ich bin überzeugt, ihr Ruhm wird Zeit ihres Lebens seinen Höhepunkt gar nicht erreichen können, ob auch schon viele das Fortlebende ihres nicht vielseitigen, aber so tragenden Geistes empfinden. Aber auch sonst möchte ich nichts gegen Schriftstellerinnen sagen. Es wäre unsolidarisch, denn eigentlich muß man mich auch so nennen. Was mir an Fachmäßigkeit fehlt, läßt doch meine Zünftigkeit bestehen, so daß ich mir über dieses Thema wohl einige Äußerungen gestatten darf.

Die Gefahr beim Schreiben ist natürlich die innere Verarmung. Produziert doch der Schreibende — ach! — so selten aus seiner Fülle, so häufig aus einem Mangel heraus. Getrieben, gezwungen mag er sich wohl fühlen, aber seltener durch seinen Überschwang denn durch seine Not! Von ihm gilt weit mehr noch, was Plato vom bildenden Künstler aufrecht erhielt: So herrlich seine Werke auch seien, möchte man nicht ihr Schöpfer gewesen sein. Aber tausendmalgrößere Pein hängt doch sicherlich an den Tragödien des Äschylus als an den Statuen des Phidias. Und wo ist das Buch, fesselte es uns noch so sehr, wo ist das Buch, das wir deshalb geschrieben haben möchten? Ich weiß keines. Ich hätte zu keinem den Mut.

Es muß doch endlich eingestanden werden, was für eine Qual das Schreiben ist. Der passionierteste Dichter wird mir hierin beistimmen; eine gesunde Qual, eine Qual, ohne die er nicht leben könnte; zugegeben; aber eine Qual. Ist das Musizieren nicht eine Lust? Ist das Malen nicht beglückend? Es benimmt der Kunst des Bildners sicher nichts von ihrer Schwere, daß die Natur ihm so sehnsüchtig entgegenkommt; aber sein Wesen, seine Vitalität bleibt von seiner Schaffensmühe unbelastet: außerhalb seines Ateliers feiert er wirklich. Nur den wenigsten Schriftstellern hingegen fällt nach der Arbeitszeit die Tür ihrer Werkstatt wirklich ins Schloß. Die Maschine, einmal in Betrieb gesetzt, fährt auch ins Leere zu arbeiten fort, und es entsteht der Literat, jenes oft so zerquälte und so ermüdende Geschöpf. Der produktive, schon der reproduktive Mensch ist ja vielfach mehr als der Müßige gefährdet. Bête comme un ténor heißt doch nicht, daß einer dümmer ist, weil ihm die paar Töne im Halse sitzen, sondern, daß er sich von dieser erfreulichen Beschaffenheit seiner Kehle überbietenließ und in seiner Gesangskunst den Mittelpunkt aller Dinge erkennt. Wenn nun schonseinGleichgewicht öfter als nicht durch sein Talent bedroht wird, was ist vom Dichter zu gewärtigen, an den die ungeheuerliche Forderung ergeht, Mann und Weib in einer Person abzugeben, aus dem Nichts zu schaffen, das Konzipierte selber auszutragen, ein Wagnis, bei dem der Einsatz des Individuums so gewaltig ist.

Und gar die Dichterin! Das Gewaltsame entspricht doch wenigstens bis zu einem gewissen Grade dem Wesen des Mannes, und das Feminine liegt ihm nie so fern wie der Frau das Maskuline. Bei, ihr schillert die Aufgabe, sich fremde Wesenselemente abzutrotzen, von vornherein arg ins Groteske hinüber. Es ist zu schwer, die Überforderung ist zu groß! Was Wunder, wenn sie bei der gefährlichen Arbeit unter die Maschine gerät, ein Arm und ein Bein ihr abhanden kommt, und jenes Strafgericht sie ereilt, von dem schon im alten Mythos die Rede ist. Denn nicht nur, heißt es da, hätten uns die Götter dereinst gespalten, daß wir, statt über vier Beine und vier Arme zu verfügen, auf die Hälfte unseres ursprünglichen Seins angewiesen wurden, sondern es könne wohl geschehen, daß die also beraubte und reduzierte Kreatur, nicht mehr aus Übermut zwar, aber aus Mangel und Sehnsucht heraus, sich zum Schöpfer erhebe und von neuem die Götter reize. Und diese, in ihremZorn, würden sie zum zweiten Male spalten, daß sie, zur Profilgestalt geschwunden und nach Art der Zikaden dahinhüpfend, ihr dürftiges Dasein verlebe.

Der Mann hat für die Kategorie der mehr intellektuellen als intelligenten Frauen den Namen Blaustrumpf ersonnen. Bezeichnenderweise (mehr bezeichnend vielleicht als bewußt) wird für sie auch in den anderen Sprachen stets nur aufeinBein Bezug genommen: der Bas bleu, der Blue stocking, nirgendwo scheint er einPaarStrümpfe zu benötigen.

Dabei vergaß aber der Mann, daß er selbst ein Gegenstück zu dieser Spezies stellt, wenn er sich, wie so häufig geschieht, als Literat von seinem Schreibtisch weg unter die Menschen begibt, Menschen und Dinge in seinen unlebendigen Gesichtspunkt rückt, und ihrer Perspektive entzieht. Die Literatur läuft in sehr schwanken Brücken aus, die leichtausder Welt statt tiefer hinein führen. Wir sind die Gefährdetsten. Unsere Unzugänglichkeit ist keine einfache Sache, auch lange nicht so sympathisch wie etwa die Borniertheit ungebildeter Leute, die keine höheren Interessen haben.UnsereDummheit wird durch Gedankensplitter, die doch keine Gedanken sind, durch Wissen, Bildung, ja mitunter durch eine ausgesprochene Geistigkeit erschwert, wie komplizierte Knochenbrüche, denen so schwierig beizukommen ist. Und das Schriftstellernwird uns dann zur Klippe, an der wir sehr naturgemäß zerschellen; Denn Schreiben ist Unnatur. Nur die ganz Reichen können das ominöse Wagnis ohne Schaden an sich selbst bestehen und sich noch zurückbehalten. Wir andern — und ich muß schon die Herren bitten, auch mit in die Reihe zu treten — seien wir auf der Hut, wir andern! Denn nichts ist leichter, als sich in dem Wettlaufen um das Zuviel-sein-Wollen ein Bein auszulaufen und zum Schemen, zur Profilfigur zu verarmen.

1913.

Avec la richesse commence l’avarice, sagt Balzac in seinen Illusions perdues.

Der Geiz scheint jedoch nicht zur Beobachtung zu reizen, und außer Molière und Schopenhauer haben sich nur die allerwenigsten mit diesem hochinteressanten Laster eingehend befaßt. Auch soll hier keineswegs von seinen ungeheuerlichen Auswüchsen die Rede sein, sondern vom Geiz in seinem normalen Verlauf, wie die Ärzte sagen.

Vor allen Dingen glaube man nicht, das Geld sei etwas Totes. Es ist ganz Wahlverwandtschaft, ganz Antipathie, ganz Selbsterhaltungstrieb, ganz „Seele“ (auf seine Art). Ja, dem Gelde entströmen atmosphärische Schichten, die sich in feine, aber undurchsichtige Schleier zerteilen, um sich über das Gemüt des Reichen zu lagern. Es ist, als schöbe sich ein Milchglas trennend zwischen ihn und seine Welt. Mag der Trinker vom Weine noch so sehr umnebelt sein: daß er ein Trinker ist, darüber ist er sich klar. Der Lügner weiß von seiner Verlogenheit, der Zornige von seinem Haß. Aber der Geiz spinnt so feine und undeutliche Fäden, daß der von ihm Betroffene ganz im Unklaren über sich selbst verbleiben darf. Dem Geizigen steht überdiesein Überfluß an Mänteln und Mäntelchen zu Gebote, die ihm sein Spiegelbild bis zur Unkenntlichkeit maskieren, wobei immer nur er selbst, niemals die anderen über seine wahren Züge mystifiziert werden. Man denke sich die Freudsche Methode, die meist einer so sinnwidrigen Anwendung verfällt, einmal auf verhärtete Geizhälse angewandt. Einer psychoanalytischen Behandlung unterzogen, würden diese Patienten am Ende gar kuriert vor Schreck über die Entdeckungen, welche sie an sich selber zu machen hätten.

Ein Grund ihres Selbstbetruges liegt darin, daß sie nicht selten mit Vorliebe geben; ja Geschenke zu machen — freilich niemals entsprechende — kann bei dem Geizigen fast zur Marotte werden. Denn er weiß so gut wie ein anderer, daß Geben seliger ist als Nehmen, und er hat es so gut wie der Freigebige an sich erfahren. Und weil er auch — denn er will Alles haben — des Gebens froh werden will, gibt er nochmal aus seinem Geiz und seiner Habgier heraus. Und darum schenkt auch er. Aber dabei rächt sich alsbald sein Laster an ihm und bindet seine Hände, daß er nicht frei—gebig d. h. nicht frei wird zu geben wie er möchte, und schließt ihn wie mit eisernen Fäden in immer engere Gefangenschaft, bis seine Miene den inneren Bann, dem er verfiel, auch äußerlich verrät.

Wer wollte denn auch leugnen, daß geizige Leute häufig zu bedauern sind, und zwar je mehr sie sich bereichern, da ein Zuwachs ihrer Habe eine Verhärtung ihres Geizes unerbittlich zur Folge hat. Wobei ihm die fremde Schlechtigkeit vielfach Grund für sein Verhalten zu bieten scheint. Denn ein sehr reicher Mensch ist ja schlechten Erfahrungen in schlimmster Weise ausgesetzt. Die anständigen Leute werden es ja nicht sein, die sich an ihn herandrängen — seine guten Erfahrungen bleiben somit negativ — während er die miserabelste Sorte aus nächster Nähe kennen lernt. Kein Wunder, daß manch vertrauendes und großmütiges Herz karg und mißtrauisch wurde. Es kommt unversehens. Der Geiz hat eine unheimlich schnelle Reife. Dann aber läßt er seine Opfer nicht mehr los. Er hat nur eine aufsteigende Linie. Er kennt keinen Verfall, und er kann nicht sterben.

Das Trübseligste erlebte ich einmal auf der Reise von seiten einer alten kinderlosen Dame, deren Nichte mich gebeten hatte, ihr Nachricht zukommen zu lassen, denn die Greisin schien sich um ihre sämtliche Verwandtschaft nicht mehr viel zu kümmern. Sie lebte fern von ihr in einer fremden Stadt, und hatte es glücklich auf 86 Jahre und 50 Millionen gebracht. Ich traf sie in ihrem wundervollen Haus, umgeben von Bildern und Schätzen. — In ihrem Lehnstuhl vergraben, klagte sie, daß ihr das Schreibenschwer fiele und erkundigte sich alsbald mit der wärmsten Anteilnahme nach der Schar ihrer Nichten, Groß- und Urgroßnichten, insbesondere nach einer gewissen „Hertha“, ihrem Patchen, das sie am innigsten liebte. Um die handelte es sich eben: ich malte also die blasse Schönheit dieser Hertha in den leuchtendsten Farben hin und erzählte sodann, daß die Ärzte einen längeren Aufenthalt in Egypten sehr ratsam für sie hielten.

„Ja mein Gott,“ forschte sie ganz bestürzt und voll aufrichtiger Besorgnis; „wird sich denn das pekuniär machen lassen?“

„Schwer,“ erwiderte ich.

Mehr zu sagen stand mir natürlich nicht zu. Derselbe Gedanke war zwar gleichzeitig in uns aufgestiegen; aber nichts von Unentschlossenheit malte sich in dem Gesichte der Greisin — (viele Jahre früher hätte sie wohl noch gezaudert) — nur Schatten des Grames breiteten sich über ihr melancholisches Gesicht. Hier war wieder einmal ein ursprünglich goldenes Herz vom Geize gelähmt.

Seufzend sprach sie jetzt von ihrem nahen Tode, von der Verlassenheit und den Enttäuschungen eines zu langen Lebens. Während wir uns unterhielten, trat die Jungfer ein und fragte leise, ob sie das Töchterchen des Kutschers, das heute das Haus verließ und in die Lehre zog, einen Augenblick einlassen dürfe. Die alte Dameempfing das Kind voll Güte und Wohlwollen, und als es dann schied, hielt sie es noch einmal zurück. Schränke, Kästen und Truhen wurden nun durchgesehen, aufgeschlossen und dann wieder abgesperrt. Ein Heer weißer Schachteln in Seidenpapier, umwickelte Päckchen und Pakete kamen dabei zum Vorschein. Aber die Dame zog bald diese bald jene Schieblade zu Rat, ohne sich entscheiden zu können. Die Kleine stand indes mitten im Zimmer und wartete, wie man es ihr gesagt hatte. Plötzlich flog ein Schein, eine schnelle Röte über ihr Gesicht. Gleich darauf wandte sie erblassend den Blick nach einer anderen Seite hin. Aber ich war ihm schon gefolgt und gewahrte ein schwarzes Ledertäschchen, das die Greisin gerade in Händen hielt, öffnete und untersuchte. Innen mit dunkelroter Seide ausstaffiert und mit Nähutensilien angefüllt, zugleich verschiedene Fächer enthaltend, war es wohl der kühnste Traum von einem Täschchen für eine kleine Nähmamsell; im übrigen nichts Kostbares, sondern ein schöner Dutzendartikel aus einem Warenhaus. Aber nicht lange, und die Besitzerin hüllte es wieder ein. Ihre Hände waren gebunden, und sie konnte das Täschchen, das um eine Idee zu schön für die Kleine war, nicht spenden. Diese stand unbeweglich mitten im Zimmer, aber der Strahl in ihren Augen war erloschen. Die Alte kramte indes in einem anderen Fach und zog ein silbernesArmband hervor, auf dem „Gott mit Dir“ in schwarzen Lettern eingetragen waren, und damit entließ sie die enttäuschte kleine Mamsell.

Die Geberin saß nun wieder in ihrem Lehnstuhl zusammengesunken und schaute mit einem blassen, vergrämten Gesicht vor sich hin. Ein Fest war ja der kleine Zwischenfall mit dem häßlichen Armband, darauf „Gott mit Dir“ in schwarzen Lettern prangte, für niemanden gewesen, und ein gesteigertes Bewußtsein hatte sich der Geberin unmöglich mitteilen können, vielmehr die Öde des Ereignislosen. Es hatte sichnichtsereignet. Die Kleine war nur um eine gewaltige Freude betrogen worden, und die Alte, die gern Freude bereitete, wußte es genau; und wußte ebenso wohl, daß sie niemals anders verfahren würde, selbst wenn sie das Kind noch einmal zurückriefe. Nebenan hub jetzt ein Papagei, von der kleinen Passantin aufgeschreckt, zu schreien und über die Unerfreulichkeit der Welt zu schimpfen an. Schräge Strahlen ergossen sich durch die weit geöffneten Fenster (die größten der Stadt) und über die prachtvoll weichen Farben der Teppiche, der Leuchter aus altem Kristall, der goldumränderten Schalen und silbernen Dosen. Dennoch lag etwas Drückendes, in seiner Öde unerträglich Akzentuiertes, ja Unheimliches in der Atmosphäre dieses Raums. Und plötzlich war mir, als befände ich mich ganz allein, als sei die halb erloscheneGreisin vor mir schon verblichen und nur mehr ein Schemen. Es fehlte ja so wenig! All die Päckchen und Pakete, die sich in tadelloser Ordnung in ihren Kästen und Truhen häuften, waren ja schon fast herrenlos. Und nicht die kleine Nähmamsell, nicht einmal die Nichte Hertha schien mir mit einem Male beklagenswert, sondern die sonst so kluge, ja sympathische, die unbegreifliche alte Dame, die rettungslos in die Falle geraten war, welche der Geiz den Besitzenden stellt.

Sie starb bald darauf. Und da ihr Geiz eine lange Geschichte hatte, ragte er denn auch weit über ihr Leben hinaus. Sie hinterließ ihr Vermögen ihrenreichenVerwandten, den weniger bemittelten, der Großnichte Hertha, die ihrem Herzen so nahe stand, unbedeutende Legate.

Neue Rundschau 1911.

Es gibt Menschen, welchen das Schicksal die volle und glückliche Auslösung ihrer Fähigkeiten so sehr verkürzt, daß wir ihnen nur gerecht werden, indem wir neben ihren Betätigungen auch ihre Möglichkeiten ins Auge fassen. Zu ihnen gehört die älteste Schwester Friedrichs des Großen, Wilhelmine, Markgräfin von Bayreuth.

Ihre Mutter, die Königin Sophie Dorothea von Preußen, versah sich nur in den Mitteln und Wegen, nicht aber in der Höhe der für ihre Tochter angestrebten Ziele; denn wäre diese wirklich Königin von England geworden, ihr Name stünde heute unzweifelhaft als der einer großen Regentin in der Geschichte verzeichnet. Elle aurait certainement compris les grandes Affaires, wie Lavisse von ihr sagte. Ihre oft gerügte Unkenntnis der politischen Konjunkturen, wie ihr Mangel an historischem Überblick rührten nicht von mangelndem Verständnis, sonder von mangelnder Schulung her; sie hat diese Lücke später aus freien Stücken so wohl zu ersetzen gewußt, daß Friedrich, der nicht leicht etwas aus der Hand gab, sie während der schwierigsten Phasen des siebenjährigen Krieges sehr heikler Unterhandlungenwalten, mit Vertretern fremder Nationen verhängnisvolle Fäden anknüpfen, selbst diplomatische Instruktionen erteilen ließ. Für sie fand der große Spötter Voltaire nur Worte der Anerkennung, und für Friedrich blieb sie die Unvergeßliche, deren Andenken er wie kein anderes gefeiert hat. Seine hohe Meinung von ihrem Werte sollte jedoch von der Nachwelt nicht unwidersprochen fortbestehen; vielmehr wurde durch die Veröffentlichung ihrer Memoiren, so fesselnd und geistvoll sie sind, das Urteil späterer Geschichtsschreiber in vielfach ungünstiger Weise bestimmt.

Die Denkwürdigkeiten der Markgräfin von Bayreuth erschienen zum ersten Male in Tübingen, und zwar in deutscher Übersetzung, von Dr. Cotta herausgegeben, und umfaßten die Jahre 1709 bis 1733. Im selben Jahre veröffentlichte von Osten in Braunschweig das von 1706 bis 1742 führende französische Original. Zeit und Ort des Erscheinens: das Jahr 1810 und die preußenfeindlichen Rheinbundstaaten verrieten nur zu deutlich, wie sehr mit der Publikation dieser höchst interessanten, mitunter aber sehr verblüffenden Mitteilungen eine sensationelle Wirkung beabsichtigt war. Der Streit entspann sich fürs erste zwischen beiden Herausgebern, von welchen sich jeder darauf berief, der alleinige Besitzer des Originalmanuskripts zu sein. Da sich aber beide Handschriften inder Folge als Kopien erwiesen, mußte die Echtheit der Memoiren bis zu dem Tage angezweifelt werden, an dem Pertz im Jahre 1848 das wirkliche Originalmanuskript der Markgräfin bei einer Bücherversteigerung entdeckte. Es stammte aus dem Nachlaß ihres ehemaligen Leibarztes Dr. von Superville, war, dank einer Abschrift, durch die Braunschweiger Ausgabe schon veröffentlicht worden, und brach wie dieses mit dem Jahre 1742 ab. Zugleich führte es aber bis ins Jahr 1754, da es auch mit dem Vermerk: ceci ne doit pas être imprimé das versiegelte Tagebuch aus Italien enthielt. In den Memoiren fanden sich viele noch ungedruckte Stellen vor; mehrere Blätter waren herausgerissen, oder durch Alter beschädigt und nicht nur zahllose einzelne Stellen durchstrichen, sondern ganze Seiten verworfen, und durch einen neuen Text ersetzt. Jeder Zweifel an der Echtheit der Memoiren war nunmehr behoben, und es erübrigte sich nur mehr die Frage ihrer Glaubwürdigkeit. Daß sie durch Legat in die Hände Supervilles gelangt waren, ist zwar behauptet, jedoch nie mit Sicherheit erwiesen worden; so wenig wie der Ursprung all der Abschriften, die schon früh in Umlauf kamen; entsprach es doch der Sitte der damaligen Zeit, mit Manuskripten hoher Persönlichkeiten allerlei Mystifikationen und Mißbräuche zu treiben. Weder für die Verantwortlichkeitder Markgräfin in Hinsicht der Verbreitung ihrer Memoiren noch der Zeit ihres Entstehens, haben sich trotz aller Nachforschungen bestimmte Angaben ermitteln lassen. Die Feststellung gerade dieser negativen Resultate aber ist für die Beurteilung der Markgräfin von großer Wichtigkeit, besonders wo es sich, wie hier, um die mit so mannigfachen Streichungen, Umarbeitungen und Zusätzen versehene, spätere Redaktion der Denkwürdigkeiten handelt, wobei zwar ihr Talent gereifter und glänzender zu Tage tritt, ihr Urteil aber um vieles härter und schonungsloser zum Ausdruck kommt. Denn verglich man dieses Urteil mit brieflichen Äußerungen der Markgräfin aus derselben Zeit, so ergaben sich bedenkliche Widersprüche, und nicht nur chronologische Irrtümer, sondern nachweisbare Entstellungen von Tatsachen und Briefen. Da mußte es denn nahe liegen, daß man über die Verfasserin ziemlich formell zu Gerichte saß, sie der Doppelzüngigkeit und Verlogenheit zieh, die Aufmerksamkeit auf ihre politische Ahnungslosigkeit sowie ihre Unkenntnis historischer Vorkommnisse lenkte und damit ihre Person, und zum Teil ihre Memoiren für erledigt hielt.

Wird sie von Ranke mit ziemlicher Kälte ihres Weges beschieden, so schlägt Droysen schon fast den Ton des Staatsanwaltes ihr gegenüber an, welcher dann bei OnckensSchüler Bernbeck pflichtschuldig in Grobheit ausartet.

Sein Ton kontrastiert lebhaft genug mit der ritterlichen Weise Carlyles, dem Wilhelmine zwar die „schrille Prinzessin“ ist, der nie müde wird, auf ihre Übertreibungen hinzuweisen; wo er sich auf ihre Aussagen beruft, das „Verkleinerungsglas“ nie aus der Hand legt, und dennoch ein so edles Bild von ihr festhält. Und es zeigt sich heute, da wir gelernt haben, eine weniger summarische Psychologie zu treiben, wie sehr er ihr gerade in seiner Parteilichkeit gerecht wird.

Um sie zu verdammen, wären Daten erforderlich, die uns wahrscheinlich für immer entzogen sind, da ihre Memoiren bedauerlicherweise unvollendet blieben. Wir wissen nur, daß zwei Fassungen derselben bestanden, — das Original der früheren ging verloren — daß die spätere in durchaus schärferem und boshafterem Sinne umgearbeitet wurde, und daß zwischen beiden Redaktionen Jahre liegen. Es fragt sich nur, wie Fester hervorhebt,welcheJahre.

Die Markgräfin nennt uns für ihre Memoiren ein einziges Datum, nämlich: das Jahr 1744, als dasjenige, in welchem sie die Schilderung der Eremitage entwirft. Weitere Schlüsse lassen sich nur noch aus einer Stelle ziehen, welche den Tod des Fürsten Leopold von Dessau, der im Frühling des Jahres 1747 fiel, voraussetzt.Fester nimmt als Zeit der Abfassung die „Jahre der Erbitterung“ 1742—1747 an, während ihrer Entfremdung und vor ihrer Aussöhnung mit Friedrich; und keine Vermutung könnte glaubwürdiger sein, als daß die Markgräfin gerade in jenen Zeiten innerster Verlassenheit Trost und Ablenkung in ihren Erinnerungen suchte, dabei aber die Not des Augenblickes auf lichtere Tage übertrug, und Vergangenes mit den Schatten der Gegenwart übermalte.

Bisher war immer noch Sonne in ihrer „carrière d’adversité“. Ihre wechselvollen und durchkreuzten Pfade sind stets von der großen, fast ausschließlichen Liebe ihres Bruders, später der ihres Gatten erhellt. Als sie sich mit diesem durch fremde, mit jenem größtenteils durch eigene Schuld zerworfen, und ihrer Familie entfremdet fühlte, da suchte sie einen imaginären Halt in ihrer eigenen Erbitterung. Über diese selbst sich uns mitzuteilen, versagte ihr jedoch der Mut, und so entnehmen wir ihre ferneren Schicksale ihren Briefen und den Briefen ihres Bruders.

Eine merkliche Kühle zwischen den Geschwistern war schon seit Friedrichs Thronbesteigung eingetreten. Die herrische Haltung, in die Friedrich als junger König verfiel, der Abstand, der sich jetzt zwischen seiner und ihrer Stellung geltend machte, ihr unbefriedigter Ehrgeiz, dies alles quälte die Markgräfin schon lange.Aber äußerlich stand alles noch beim Alten, als Friedrich im September 1743 zum Besuch der Schwester in Bayreuth erschien. Zwar konnte er nur kurz bei ihr verweilen und mußte politische Nebenabsichten mit dieser Reise vereinen, da er bei den süddeutschen Reichsfürsten eines Rückhaltes gegen Österreich bedurfte, ließ aber seinen Hofstaat, seine Sänger, seinen Bruder, den Prinzen August Wilhelm, und vor allem Voltaire bei ihr zurück. Dieser sollte nun der wahre Mittelpunkt all der Festlichkeiten werden, die jetzt auf kurze Zeit das stille Bayreuth mit so viel Glanz und Leben überzogen, und in diesen froh bewegten Tagen fühlte sich die geistvolle und gesellige Fürstin in ihrem Elemente; einem Manne wie Voltaire mußte sie sich in ihrem besten und zugleich wahrsten Lichte zeigen. Sie war nichts für Philister, für einen bedeutenden Verkehr aber wie geschaffen. Wies doch ihr eigener Geist nichts von den Halbheiten und Unzugänglichkeiten auf, die selbst bei talentierten Frauen nicht selten verdrießen: er war vom Besten wie edler Wein.

So mußte ihrem großstädtischen Sinn die froh bewegte, wohl etwas geräuschvolle Note, die während Voltaires vierzehntägigen Aufenthaltes in dem abgelegenen Städtchen anschlug, von Grund auf zusagen, als jedoch Friedrich zurückkehrte und mit dem ganzen glänzenden Gefolge wieder von dannen zog, sollte sie auf lange verklungen sein.

Schon wenige Monate später entstand zwischen der Markgräfin und dem König Friedrich das große Zerwürfnis. Der Markgraf hatte sich vor Jahr und Tag in eine ihrer Damen, Fräulein von Marwitz, verliebt, und trug jetzt seine Neigung immer offener zur Schau. Wilhelmine fühlte sich durch seine Untreue nicht nur ins Herz getroffen, sie empfand sie in ihrem Stolze als eine nicht zu verwindende Schmach. Sie setzte indes, wohl um die Rivalin zu entfernen, deren Heirat mit dem österreichischen Grafen Burghaus durch. Hiermit brach sie aber, wie man aus den Memoiren ersehen wird, ein ihrem Vater, dem König Friedrich Wilhelm gegebenes Versprechen, und beschwor zugleich den Bruch mit Friedrich herauf, dessen Interessen durch diese Ehe in rücksichtsloser Weise mißachtet wurden. Die gehoffte Entfernung der Marwitz unterblieb, der österreichischen Partei aber, deren Einfluß Friedrich bei seinem Besuche in Bayreuth schon wahrgenommen hatte, ward durch diese Ehe ein neuer Vorschub gewonnen. Die Markgräfin stand nun bald vor aller Welt in einem sehr zweideutigen Lichte. Als sie vollends der zur Krönung nach Frankfurt ziehenden Maria Theresia huldigend entgegen kam, mußte dies nicht nur bei ihrem Bruder, sondern bei allen ihren Angehörigen Entrüstung hervorrufen. Für die feindlichen Strömungen am Bayreuther Hofe, wie für die anti-preußischen Presse-Äußerungenin ihrem Lande, wurde sie nun verantwortlich gemacht. Aber sie schien alles, selbst die gehaßte Nähe der Burghaus-Marwitz eher zu ertragen, als daß sie es über sich brachte, durch einen Skandal das offene Zugeständnis dessen zu geben, was doch alle Welt seit Jahren wußte und besprach. Je einfacher ihre Motive gewesen waren, desto komplizierter und rätselhafter wurde jetzt ihr Verhalten, so daß zuletzt selbst Friedrich irre an ihr wurde. „Une vraie querelle d’amants“ hat Lavisse ihr Zerwürfnis genannt. Und in Wahrheit konnte nur die tiefste innere Zusammengehörigkeit einer so andauernden Entfremdung standhalten. Die spärlichen Briefe, die Friedrich während der folgenden Jahre an die Markgräfin richtet, sind meist diktiert; nur hin und wieder gibt ihr ein Vorwurf oder eine grimmige Anspielung zu verstehen, wie schwer Friedrich den Verlust dieser Freundschaft empfindet. Wilhelminen mag er in ihrer inneren Verlassenheit wohl noch schmerzlicher gefallen sein. Dennoch wurde beiderseits nichts unternommen, die stets größer werdende Kluft zu überbrücken. Ohne die freundliche Vermittlung des Prinzen August Wilhelm hätten sie den Weg zu einander wohl nie wieder gefunden. Durch ihn wurde im Jahre 1746 endlich eine Versöhnung der Geschwister angebahnt, und im Spätsommer des folgenden Jahres folgte Wilhelmine einer Einladung Friedrichs nach Berlin. Wassie ihm auch jetzt noch verschweigt, verraten ihm ihre abgehärmten Züge und ihre Erschöpfung; und mit seinen durchdringenden Augen sieht er Dingen auf den Grund, die auch die letzten Schatten seines Grolles verscheuchen.

Wilhelmine hatte bei ihrer Abreise die Burghaus todkrank zurückgelassen und glaubte sich auf immer von ihr befreit. Statt dessen tritt diese der zurückkehrenden Markgräfin wohlbehalten und triumphierend entgegen. Es kommt nun doch zu der so lang vermiedenen Szene. Die Burghaus sieht sich zwar genötigt, das Schloß zu räumen, bezieht aber dafür, auf Kosten des Markgrafen, eine Wohnung im Gesandtschaftspalais. Ihr Gatte war ruiniert, ihr eigenes Vermögen aber, infolge ihrer Heirat mit einem Österreicher, die einzig und allein Wilhelminens Werk gewesen war, gesetzmäßig eingezogen worden. Diese entschließt sich nun endlich, ihren Bruder zu Hilfe zu rufen; er allein kann sie aus ihrer Lage retten. Der Brief, in dem sie ihm gegenüber die Sachlage erörtert, ist noch gewunden genug, aber Friedrich weiß jetzt längst, welches Geständnis aus ihren gepreßten Worten und zwischen den Zeilen ihrer Briefe herauszulesen ist, und er zögert keinen Augenblick, ihr beizustehen: der Burghaus wird ihr väterliches Erbe ausbezahlt unter der Bedingung, daß sie Bayreuth sofort verläßt. Die unerquickliche Episode findet somit ihr Ende.

Sie hatte zu lange gewährt, und einen so finsteren Ring um Wilhelminens Leben gezogen, daß die elastische, trotz aller Lamentos so frohlaunige Fürstin daran zerschellte. In immer schlimmere Widersprüche geratend, mit der Feindin befreundet, den Freunden verfeindet, läßt sie heterogenen Einflüssen ungehinderten Lauf, ihr Gemüt aber bis zur Krankhaftigkeit sich steigern, indem sie eine unerträgliche Situation, die sie als inavouable empfindet, scheinbar nicht bemerkt.

In diesem Konflikt einer Selbstlüge, nicht in ihrem Charakter ist das Geheimnis ihrer vermeintlichen Verlogenheit zu suchen, wie ihrer vermeintlichen Härte und Herzlosigkeit, und der wahre Grund so mancher Widersprüche zwischen ihren Memoiren und ihren Briefen. Ihre bitteren Ausfälle gegen Friedrich aber stimmen ebenso gut zu ihrem Verhalten während jener Jahre der Entzweiung, als sie mit ihrem späteren kontrastieren. So war es, in Ermanglung aller Gegenbeweise, eine Zubilligung, ihre Memoiren in eben diese Jahre zu verweisen.

Dazu kommt, daß selbst den klügsten Frauen nicht entfernt dasselbe scharfe Gefühl für die starke Realität des geschriebenen Wortes innewohnt, wie dem Manne. Bei aller Begabung, die aus dem Buche der Markgräfin hervorleuchtet, steht sie sich dabei doch sehr im Lichte, weil es ihr zwar nicht an literarischemTalente, aber ganz und gar an literarischer Perspektive fehlt. Der schöne Nachruf Friedrichs des Großen an seinen Vater ist darum nicht minder schön, weil darin auch nicht eine Spur jener Subjektivität zu finden ist, mit welcher doch auch Friedrich sich seinerzeit brieflich über seinen Vater ausläßt. Es ist darum nicht minder schön und nicht minder empfunden, weil Friedrich das Gefühl für die objektive Wirkung dieses, auch für ihn selbst so ehrenvollen Nachrufes in sich trug. Der innere Vorgang ist hier so einfach, daß es sicher kein Kalkül, kaum ein Bewußtsein zu nennen ist, daß es vielmehr einem Manne kaum begreiflich scheinen muß, wie er bei einer so überragenden Persönlichkeit wie der Markgräfin davon absehen soll.

Um ein wahres Bild von ihr zu gewinnen, dürfen wir der Umgebung, von welcher es sich so mächtig abhebt, nicht vergessen. Hier hat sie sicherlich nicht übertrieben. Sie war, noch sehr jung, nach all den großartigen Aussichten, mit welchen sie aufwuchs, in ein Provinz-Städtchen und in eine geistige Öde verschlagen worden.

Wenn wir von Voltaires kurzem Aufenthalt in Bayreuth und den paar Besuchen und Gegenbesuchen zwischen ihr und Friedrich absehen, war die Anregung im Leben der Markgräfin sehr gering. Nur durch sie ward in ihrem Ländchen für Architektur und Musik, für Kunst undWissenschaft ein Boden gewonnen, und ohne sie wäre die kulturelle Geschichte Bayreuths ein leeres Blatt. An dem adeligen Stempel, den sie dem Städtchen aufdrückte, hat ihr liebesfroher Markgraf keinen Teil. Undsiewar es, welche Bayreuth „créierte“.

Volle Würdigung ihrer Interessen wie ihrer Initiative findet sie hier nur bei ihrem Leibarzt von Superville, der ihr seine reichen Fähigkeiten und sein organisatorisches Talent zu Diensten stellt, ihr die Gründung der Universität Erlangen ermöglichte, und ihr neun Jahre hindurch als Freund und berufener Ratgeber zur Seite steht. Daß sein Sturz sich um dieselbe Zeit ereignete, in welcher die Burghaus aus Bayreuth verwiesen wurde, hat zu der Hypothese geführt, Superville habe sich als Arzt die Freiheit genommen, den Markgrafen zu warnen, daß er seine Liaison mit der Marwitz auf die Dauer nicht aufrecht halten könne, ohne an die zerrüttete Gesundheit der Markgräfin gefahrvolle Zumutungen zu stellen. Gewiß ist, daß sie Superville aufs wärmste an ihre Schwester, die Herzogin von Braunschweig, anempfahl, an deren Hofe er bis zu seinem Ende verblieb. Die Bedeutung dieses Mannes scheint übrigens größer gewesen zu sein wie sein Prestige. Falls sie ihm wirklich das Originalmanuskript ihrer Memoiren zum Vermächtnis machte, scheint sie sich gewisser wenig schmeichelhafter Stellen betreffs seiner nicht mehr erinnert zu haben, eineVergeßlichkeit, die wieder darauf hindeuten würde, wie wenig sie sich in ihren letzten Jahren mit ihren Memoiren befaßte.

Es brach durch ihre Versöhnung mit Friedrich eine so andere Zeit für sie an, so wenig geeignet, sie weiterhin zu Rückblicken anzuregen. In den Jahren 1750 und 1753 verweilt sie wieder auf einige Zeit zu Besuch ihres Bruders in Berlin, 1754 besucht er sie zum letzten Male in Bayreuth, und im Herbst desselben Jahres tritt sie ihre langersehnte Reise nach Italien an. In Lyon kommt sie wieder mit Voltaire zusammen; sie hat besser als ihr Bruder die Regungen seines Herzens durchschaut, das die Bewunderung für den großen Friedrich so wenig als die erlittene Kränkung verwinden konnte, und sie versteht es, neue Brücken zwischen ihnen anzubahnen. Mit ihrer Reise nach Italien, das sie mit so offenen Augen betrachtet hat, ist dann das Register ihrer sonnigen Tage geschlossen. Wenn aber sieben Jahre der Entfremdung ihre Liebe zu Friedrich nicht ertöten konnten, so steigert sie sich jetzt, da seine Lage immer bedrängter wird, ins Heroische, und nicht länger darf sich Maria Theresia der Sympathien seiner Schwester rühmen: Wilhelmine politisiert, intrigiert und vermittelt, sucht durch Folard, den Vertreter Frankreichs, an mehreren deutschen Fürstenhöfen, durch Voltaire, den sie in Bewegung setzt, auf den Frieden hinzuwirken. DemKönig ist ihre starke Anteilnahme eine Stärkung und ein Trost. Als er im Jahre 1757 im scheinbar aussichtslosen Kampf wider die Übermacht seiner Feinde den Selbstmord ins Auge faßt, schreibt ihm Voltaire auf Wilhelminens Bitte den zwar inspirierten, aber von prachtvoller Empfindung getragenen Brief, um ihm von diesem Vorhaben abzuraten. So knüpft sie überall Fäden an, mit unverkennbarem Geschick, wenn auch aller Erfolg jenseits der Tage liegt, die ihr noch beschieden sind. Ihrer Sorge um den König vermögen ihre aufgezehrten Kräfte nicht mehr lange zu widerstehen. Man ist in Berlin über ihren Zustand unterrichtet, und sie selbst weiß, daß keine Rettung für sie ist; nur Friedrich bringt es nicht über sich, der traurigen Tatsache ins Auge zusehen, und ihm verhehlt sie ihre Lage, wie er selbst sie über die eigene zu täuschen sucht. Denn beide wissen nur zu gut, was das Los des einen dem anderen bedeutet. „Auf meinen Knien“, schreibt ihr Friedrich, als könne sie über ihr sinkendes Leben gebieten, „bitte und beschwöre ich Dich zu tun, was Du nur tun kannst, um dieser Krankheit zu entrinnen; iß, nimm die Arzneien, folge blindlings den Anordnungen Deines Arztes. Denke, daß Dein Tod mich zur beklagenswertesten Kreatur der Erde machen würde.“

Seinen letzten Zuruf, den er zwei Tage vor ihrem Tode an sie ergehen läßt, vernimmt sienicht mehr. Sie stirbt am 14. Oktober 1758, um dieselbe Stunde, zu der Friedrich die schwere Niederlage bei Hochkirch erleidet.

Die Welt kennt den Nachruf, den er ihr widmet, weiß von dem Freundschaftstempel mit den korinthischen Säulen, den er im Park von Sanssouci zu ihrem Gedächtnis errichten ließ. Bis zu seinem Lebensende pilgerte er gerne zu dieser Stätte hin, wo sich, inmitten von Bildnissen der Heroen der Freundschaft, ihre Statue erhob und er die stille Sprache der Erinnerung mit ihr führte.

Ein Tempel war in der Tat der gemäße Ausdruck für die Harmonie, welche diese beiden großen Herzen umspann.

Und der Markgraf?

Zwar tritt er in Wilhelminens letzten Jahren hinter ihrer Teilnahme an dem mächtigen Geschicke ihres Bruders etwas zurück; dennoch bleibt sie ihm bis ans Ende ihrer Tage leidenschaftlich zugetan, sodaß sie die eifersüchtigen Regungen, zu welchen er ihr auch nach der Marwitz-Affäre mehr denn einmal Anlaß gibt, nie ganz unterdrücken kann. Es fällt uns ja heute nicht leicht, den Zauber zu begreifen, den dieser nichtssagende Mann auf eine Frau wie die Markgräfin auszuüben vermochte. Aber wir wissen, daß er auch an ihrer jüngeren Schwester nicht verloren ging, und daß sie mit Vergnügen den eigenen Verlobten mit demWilhelminens eingetauscht haben würde. Er gehörte also wohl zu jenen typischen „Menschen des Augenblicks“, die gleichsam mit jedem Tage die Summe ihres Wesenswertes ganz und voll verausgaben und die nichts überdauert, deren Reiz aber nicht selten umso mächtiger fesselt, je illusorischer er ist. Wo immer der Markgraf Proben selbständigen Urteils abzugeben hat, versagte er gänzlich, und als er einmal auf eigene Faust im Interesse seines Hauses eine Reise nach Dänemark unternimmt, kehrt er unverrichteter Sache heim. Aber die Markgräfin, als die loyalste Gattin, die sich denken läßt, hält stets zu ihm und macht mit wahrer Vorliebe seine Verdienste und seine Fähigkeiten geltend.

Im ganzen gehörte sie zu den Menschen, die wenig positives, aber reichliches Glück im Unglück haben; so fällt ihr in ihrer aufgezwungenen Ehe zwar eine geringe Partie, zugleich aber ein Prinz zu, den sie passionément liebt, was mehr ist, als man von einer Vernunftehe erwarten darf. Der geistigen Sphäre der Geschwister freilich gehört er nicht an, und daß er die große Illusion und nicht der wahre Gefährte ihres Lebens war, blieb ihr wohl nicht immer verborgen.

Aber hier gerade kommen wir zum Prüfstein ihres Wertes.

Wenn Friedrich begeistert an ihr loben durfte, daß man sich „über die heterogensten Dinge,über Frisuren, über Krieg und Politik mit ihr unterhalten könne“, so hatte sie sich allein zu dieser Vielseitigkeit vermocht, und ganz von innen heraus die scharfen geistigen Umrisse gezeichnet. Und darum nehmen wir an ihr jenes starke Relief wahr, das wir an so manch berühmter Frau vermissen, deren Züge an Ebenmaß gewannen, was sie an Deutlichkeit verloren, weil ein Größerer als sie selbst sie ihrer eigenen Bedeutung liebend überbot, hier ein bißchen untermalte, dort kleine Mängel wegretouchierte . . . . . . Denn Frauen lieben es, ohne sich dabei einer Unredlichkeit bewußt zu werden, sondern wie sie es lieben sich zu schmücken, so lieben sie es, sich auch intellektuelle Ritterdienste erweisen zu lassen.

In dieser Hinsicht aber war Wilhelmine nicht verwöhnt. Kein Lehrer, kein Geliebter, der ihren inneren Werdegang beeinflußt oder erleichtert hätte. Auf ihrer geistigen Bahn fehlen alle Abstecher und alle Wegweiser, und Echtheit und Eigenwert sind ihre Marke, wo sie sich hervortat. Wir fühlen, ohne daß sie es nur andeutet, mit welchem Erfolge sie bei den Frankfurter Krönungsfesten erschien, und wie groß der Reiz dieser jungen Frau gewesen sein muß, die, so tugendsam, und dabei so verführerisch, nach einem ziemlich verloren gegangenen Rezept deutsche Solidität des Geistes mit französischer Grazie vereinte. Kraft eigenster Energie fuhr siefort zu werden, bis sie vor der Schwelle ihres Alters und zugleich der ihres Todes stand. Ihre Briefe an Voltaire über kriegerische Dinge und friedliche Endziele sind durch die erstaunliche Klarheit und Sachlichkeit, wie durch die wahrhaft künstlerische Reife des Ausdrucks gleich bewundernswert.

Man denke, woher sie stammt:

Von Eltern, die weniger Kontraste als Unvereinbarkeiten aufweisen. Carlyle wirft ihr vor, sie hätte ihren Vater nur „von außen gekannt.“ Es ist aber viel leichter, diesem König par distance gerecht zu werden: seiner Umgebung war es fast unmöglich. Wilhelminens Eindrücke stimmen nur zu wohl mit den Berichten der damaligen Gesandten am Hofe Friedrich Wilhelms überein. Er galt ihnen als ein gefährlicher Narr: sein Hauptargument war der Stock. Die Tochter konnte es dem König nicht recht machen, ohne die Königin zu erzürnen. Bald in Gnaden, dann, wenn ihre Aussichten auf eine glänzende Partie sich verschlechterten, zurückgestoßen und malträtiert, wird sie Zeuge und unfreiwillige Ursache furchtbarster Szenen. So tritt sie, als ein altkluges Dämchen, aus einer Kinderstube, die jeglicher Hygiene und Pädagogik spottete. Gewiß ist, mag man ihren Übertreibungen noch so sehr Rechnung tragen, daß die zu frühen und zu fortgesetzten Aufregungen ihre zarte Konstitution frühzeitig untergruben.So ist in ihrer Schrillheit zugleich ein Echo; an ihrer späteren Vollendung und edlen Reife aber haftet nichts Fremdes. Wir heben es noch einmal hervor. Denn sie selbst, die sich oft zu Unrecht lobte, hat sich dessen nicht gerühmt. Die sonst so Ranglustige weiß nicht, wie abseits sie steht. Es war noch nicht die Zeit der Selbstanalysen, und man war noch nicht darauf verfallen, sein Ich herauszugreifen und zu bespiegeln. In dieser verfrühten Blume geistiger Kultur ist noch viel Herbheit in der Verfeinerung. In ihrer etwas morbiden Selbstherrlichkeit aber liegt ihr großes Anrecht auf unsere Bewunderung wie auf unsere Nachsicht.

Ich für meinen Teil möchte auch ihren Hochmut nicht missen. Er hat dieselbe Befugnis wie die weitläufigen Zieraten des damaligen Kostüms, und er verhält sich zu ihrer Aufgeklärtheit wie zu ihrem schmalen Gesicht die mächtige Perücke und der immer höher steigende Kopfputz. So hat ihr gewaltiger Dünkel die große relative Berechtigung der Mode. Der Geist einer Zeit umgibt sich nie so sehr mit dem Scheine des Unwandelbaren, wie kurz bevor er schwindet. Die Zopfgeschichten, die Wilhelmine wegen ihrer Audienz bei der Kaiserin aufführt, stehen ihr noch allerliebst. Und man begreift, daß der Fürstbischof von Würzburg, trotz aller Impertinenzen, die er sich in seiner eigenen Hoffart von ihr gefallen lassen mußte, von ihr entzückt war.

Wie es einen letzten Ritter gab, und wie Carlyle in Friedrich den letzten König sehen wollte, so war Wilhelmine die letzte Prinzessin alten Stiles, eine so typische Prinzessin, daß sich die Prinzessin, — was auch bei Prinzessinnen selten ist, — nicht von ihr wegdenken, die Frau nicht ohne die Prinzessin in Erwägung ziehen läßt. Dies wurde bei ihr zu Unrecht übersehen. Denn es ist etwas Geheimnisvolles um eine königliche Geburt.

Wie die Wasserfläche diese Welt des Scheines reflektiert, so liegt in der geistigen Sphäre das getreue Abbild — oder Vorbild? — aller Schranken und Unterschiede, welche die menschliche Gesellschaft geschaffen hat. Und das ganze Kortege, vom Edlen zum Niedrigen, zieht — nur so anders — von neuem auf. Aus den ungeheuren Fluktuationen aber, dem Schwanken, dem Hin und Wider ihrer Würden — und ihren Gleichungen — sind alle Adelsbriefe in dieser krausen Welt geschrieben.

Daher der mystische Zug erlesenen Blutes zu erlesenen Kräften. So wahr ist dies, daß an einer Stelle dieses Buches, der, an welcher Wilhelmine die Boskette der Eremitage beschreibt, und mit so viel Wohlgefallen die vielen Lauben und Glorietten, und die Unmenge von Springbrunnen aufzählt, die sich da alle paar Schritte ereignen, daß sie da als die vollendetere Prinzessin erschiene, wenn sie ein Gefühl dafür hätte, daß dies kein Garten ist, sondern eine Spielerei.

1910 Inselverlag.

Es geht den Heiligen wie den anderen ausgezeichneten Menschen. Die Zeit ist das Feuer, das sie vor unseren Augen läutert, indem sie das Vergängliche und Unzulängliche an ihnen zurückweist, das Wertvolle und Bedeutende aber zu einem Bildnis von individuellstem Umriß scheidet. Wenn daher Siena — nach mehr als fünf Jahrhunderten — vom Leben der hl. Catharina so erfüllt blieb, daß ein Echo dieses Lebens Sienas Luft, seine Türme und Felsen noch umhallt, so muß einem Dasein, das so kurz und doch so bleibend, Zügen, die so weltabgewandt und doch so unverweht der Welt geblieben sind, eine Zeit, der sie noch gelten, neue Deutungen entraten können. Vor allem heute! da für das ungeübte Auge alle Symptome hinfälligen Alters am Christentume haften, während es, wie eine Raupe eingesponnen, sein neues Wachstum umhüllt.

Denn wir sind heute so weit wie zuvor: Der Protestantismus wird seiner nicht mehr froh, und die Norm der Katholiken, durch zu viel gescheiterte Reformversuche eingeschüchtert, hat den Glauben an eine römisch-katholische Reformation verloren, jene Reformation, die Catharina nicht müde wird zu verkünden, und der ihre leidenschaftlichen und begeisterten Zurufe gelten.Und wenn heute unsere katholischen Gesellschaften, Vereine usw. ihre fortschrittlichen Bestrebungen verheißen, so belächeln wir im voraus die kümmerlichen Resultate, die sie uns bringen werden. Da dringt denn zu guter Stunde die kühne Sprache Catharinas wie ein frischer Luftzug in eine verbrauchte Atmosphäre.

Catharina von Siena, geboren am weißen Sonntag des Jahres 1347, war das Kind frommer und, trotz ihrer 22 Kinder, wohlhabender Leute: des Färbers Benincasa und der Monna Lapa. Ihr religiöser Hang zeigte sich schon sehr früh; doch war sie dabei ein munteres und sehr empfindsames Kind, und so anmutig, daß sie den Beinamen Euphrosyne erhielt. Ihre erste Vision — sie stand damals in ihrem sechsten Jahre — war für ihre Laufbahn bestimmend: sie kam mit ihrem Bruder vom Hause einer verheirateten Schwester, an der sie mit besonderer Zärtlichkeit hing, da erschien ihr über der Dominikanerkirche, in den Lüften schwebend, Christus als hoher Priester, eine dreifache Krone auf dem Haupte, der die Hand segnend nach ihr ausstreckte. Seitdem mied sie die Freuden ihres Alters. Daß sie gerade dem hl. Dominikus eine so besondere Verehrung widmet, hängt zusammen mit dieser ersten Vision. Seine Taten sind es, die sie zumeist beschäftigen; sie trägt sich mit dem Gedanken herum, als Mann verkleidet in den Predigerorden der Dominikaner zu treten, und Dominikanersind überall der Gegenstand ihrer Ehrfurcht und Begeisterung. Schon jetzt führt sie ein Leben strenger Abtötung und gelobt in ihrem siebenten Jahr, nie einen anderen Bräutigam zu nehmen als Christus. Indes sie aber heranwuchs, hatten ihre Eltern andere Pläne und verlangten, daß sie sich wie andere Mädchen ihres Alters schmücke. Durch die Lieblingsschwester ließ sie sich dazu bewegen, als aber eifrig an ihre Verlobung gedacht wurde, und Catharina, um sich ihr zu entziehen, ihr schönes blondes Haar abschnitt, zog ihr ein so radikales Verfahren die erste schwere Prüfung zu. Um ihren Widerstand zu brechen, wird ihr die Kammer, die sie zu einer Kapelle sich errichtet hatte, genommen, und sie selbst im Hause ihrer Eltern wie eine Magd gehalten. Catharina, die sich ihren niedrigen Diensten mit großer Sanftmut und Freudigkeit unterzieht, hat bald eine neue Vision, die sie tröstet und ermutigt. Diesmal sind es die großen Ordensstifter, die ihr erscheinen: sie sieht den Gründer des Karthäuser-Ordens, den hl. Franz von Assisi, den hl. Benedikt: allein sie alle machen ihren Klosterschwestern strengste Klausur und Abgeschiedenheit zur Ordensregel, und Catharina läßt sie vorüberziehen. Sie hat nur Augen für den hl. Dominikus, der mit einer herrlichen Lilie auf sie zuschreitet und ihr das Kleid seines Tertiazordens entgegenhält.

Nicht länger hält sie mehr mit ihrem Entschlusse zurück, und die Eltern Benincasa lassen sie jetzt betrübten Herzens gewähren. Allein ihrem Wunsche standen noch die Dominikanerinnen selbst entgegen. Obwohl sie gewisse Ordensregeln befolgten, unter einer gemeinsamen Priorin standen und die Tracht des Ordens: das weiße Kleid und den schwarzen Mantel trugen, weshalb das Volk sie Mantellate nannte, so lebten sie doch ohne Klausur, ohne eigentliche Gelübde, und in ihrer eigenen Wohnung. Es gehörten denn auch meist Witwen gesetzten Alters dieser Genossenschaft an, und die 15 jährige Catharina aufzunehmen, schien ihnen in keiner Weise ratsam; aber Catharina verfällt in eine schwere Krankheit, und die Mutter selbst muß ihr nun helfen, die Mantellate zu bestürmen; zudem ist ihre Schönheit zerstört, nichts als eine gewisse morbide Grazie war ihr geblieben. So wird denn ihrem Verlangen endlich nachgegeben und nach ihrer Genesung an einem Sonntag des Jahres 1362 ihre feierliche Einkleidung in der Dominikanerkirche vollzogen.

Drei Jahre lebte sie nun im Hause ihrer Eltern ein den strengsten Bußübungen, der tiefsten Zurückgezogenheit und dem Schweigen geweihtes Leben. Die Nächte durchwachte sie im Gebet, aß nie Fleisch, nur ungekochtes Kraut, Früchte und Brot — später wurde ihre Nahrung so gut wie keine mehr — geißelte sich des Tags dreimalnach Dominikanersitte, und schlief zwischen einigen Brettern in einem sargähnlichen Bett und auf einem Kopfkissen aus Holz. Zu dieser Zeit sollen doch manche Anfechtungen und der Wunsch, wie andere Menschen zu leben, die Ruhe ihrer Seele gestört haben. Schlafend und wachend, ob sie ihren Leib noch so sehr marterte, hielt ihr ein Dämon verführerische Bilder vor, bis wieder eine Vision das Ende ihres Kampfes verkündet.

Einmal erscheint ihr die hl. Jungfrau, sie mit ihrem Sohn zu verloben. Christus steckt ihr einen goldenen Ring mit vier Perlen an, und David begleitet die Zeremonie auf der Harfe. Ein anderes Mal vertauscht Christus sein Herz mit dem ihrigen. In einer späteren Ekstase berstet ihr Herz von oben bis unten, so daß man sich fragt, wessen Herz es dann gewesen ist? Endlich waren es die Wundmale Christi, die sich in fünf blutigen Strahlen auf ihre Hände, ihre Füße und nach ihrem Herzen richteten. Bevor aber diese Strahlen die fünf Stellen ihres Leibes erreichten, verwandelte sich das Blut in Licht, und in Gestalt des Lichtes prägten sich ihr diese Strahlen ein. Daß diese Wundmale, die ihr ein Gefühl des Schmerzes zurückließen, gleich dem Verlobungsring[1]den Augen der anderen niemalssichtbar wurden, beirrte Catharina in ihrem Glauben daran nicht. Und der Grundton ihres Wesens ist so wahr und echt, daß sich ein ablehnendes Gefühl für ihre visionäre Seite mit dem Glauben an sie selbst vertragen kann. Allein bedeutsam bleibt es immerhin, daß Catharina, deren Heiligkeit es doch ist, die uns als die schwerste und ruhmreichste Tat ihres Lebens gelten muß, gerade in den Äußerungen dieser Heiligkeit so ganz ihrer Zeit angehört, und so ganz von der Anschauungsweise und der Phantasie des Mittelalters beherrscht ist, daß gerade das Visionäre an ihr sich nicht selten als das Veraltete zeigt! Ist doch auch das Wertvollste heute an ihren furchtbaren Kasteiungen die fesselnde und geistvolle Art, mit der sie über solche Dinge spricht — man könnte fast sagen, abspricht — und den ganz relativen Wert, den sie ihnen zuerkennt. So streng ihre eigene Askese ist, man fühlt, sie steht darüber. Nimmermehr würde sich wohl heute diese selbe Catharina bewogen fühlen, das eiterige und blutige Wasser, mit dem sie die ekelhaften Geschwüre einer Kranken gewaschen hatte, auszutrinken. Warum hat sie sich dann einer so extremen Lebensweise ergeben, als könnte sie es nicht erwarten, daß ihr Leib zugrunde gehe? Aber lag es nicht in der Natur der Dinge, daß ein Heiligenleben des 14. Jahrhunderts einen wesentlich büßenden Charakter trug? in einer Zeit,in welcher die Gemüter vom Geist des Christentums noch so wenig umbildet waren, und das Leben wie eingedämmt war von Grausamkeiten; da abgehauene Hände, geblendete Augen zu den üblichen Racheakten gehörten, und der Feind den anderen nicht schonte. Fand es doch mancher bedenklich, daß ein so liebendes Gemüt wie der hl. Franz von Assisi wenig Herz gezeigt habe für die Greuel der Inquisition, deren Kunde er doch vernahm. — Wenn aber Franz von Assisi zu jener selben Epoche sich gedrängt fühlen konnte, Aussätzigen um den Hals zu fallen und sie zu küssen, was war dies anderes, als der spontane Ausdruck eines trostlos-ohnmächtigen Mitgefühles? In ihrem Beweggrund allein lag der Sinn so überschwenglicher Werke. Wenn daher ihre Abtötungen es nicht sind, die Catharina zu einer großen Heiligen stempeln, so wäre sie die große Heilige nicht gewesen ohne den sublimen Drang, der sie zu ihnen trieb. Ein Herz wie das ihre mußte dürsten, die Blüte ihrer Jugend zu zertreten in einer von Leiden so befleckten Welt, vor der selbst ein Boccaccio in eine Karthäuserzelle flüchtete.

Nicht ganz so leicht läßt sich in der visionären Catharina unterscheiden. Wenn auch ihre in astrazione, das heißt in Verzückung geschriebenen Briefe ihren Gedankengang stellenweise zu erhabenem Ausdruck bringen, so erwecken sie doch anderseits den Eindruck einer vonHunger so geschwächten Catharina, daß ihr schwarz vor den Augen wird. Der eigene Bericht nun gar (in ihrem letzten Brief an Bruder Raimund da Capua), den sie von einer solchen Vision erstattet, liest sich nicht angenehm. Zum Teil mag es daran liegen, daß hier das Wort nun einmal ein schlechtes Vehikel ist, und der hl. Franz Solanos war sicher gut beraten, da er die Flöte blies, um seine mystischen Erlebnisse zu schildern. Allein vor allem ist es der Christus ihrer Visionen, dem wir nicht ohne Mißbehagen und einer gewissen Kälte des Herzens gegenüberstehen: es ist denn doch ein zu primitiver, zu sehr ein Klosterfrauen-Christus, der ihr da vorschwebt! Und auch hier ist ihre Auffassung des nichtvisionären Zustandes trotzdem, oder vielleicht weil sie ihr stets dieselben Worte leiht, von ungleich größerer Bedeutsamkeit.

Christus ist ihr da stets das von Liebe entbrannte Lamm Gottes, das dem Kreuzestode entgegen eilt, und stets sieht sie ihn als den von Nägeln durchbohrten, von der Liebe am Kreuze festgehaltenen, verblutenden Erlöser. Es war ein durchaus genialer Instinkt, der sie Zeit ihres Lebens an diesem Bilde, haften ließ: Denn wie die Geschichte des jüdischen Volkes vor der Ankunft des Messias von dessenkünftigerBahn so mächtig vorausbeschattet ist, daß die Gestalten der Führer dieses Volkes zu Vorbildern jenes Lebens sich verdichteten, so wirktseitdem dievollendeteBahn dieses Gestirns auf die Evolutionen der gesamten christlichen Völker bestimmend zurück. Für das schauende Auge nun konnte die damalige Welt nur im Zeichen jenes trauernden Erlösers stehen, von dem die Scholastiker sagten, daß er am Ölberg gebrochenen Herzens zusammensank, weil sich ihm da die partielle Fruchtlosigkeit seines Opfertodes auftat.

Nicht ein einziges Mal sehen wir Catharina den Blick hinwenden nach jenem anderen rätselvollen Auferstehungstage eines verklärten und vergöttlichten Leibes, als sei es nicht an der Zeit, solcher Kunde zu gedenken. Aber wie entrückt die apollinischen Klänge jenes Tages uns auch verbleiben, die seither mit den christlichen Nationen vorgegangene Wandlung ist dennoch so groß, daß sich in vieler Hinsicht behaupten läßt: der Christus des Mittelalters und der Kreuzzüge ist der unsere nicht mehr. Es ist — wenn ich dies Bild gebrauchen darf — als träte nunmehr die Welt in das Zeichen der Grablegung, und als dämmerte unsere Zeit oder die nächstkommende, oder die kommenden Jahrhunderte, dem beruhigten, ahnungsvollen Zauber der Kartage entgegen. —

So lange Catharina in der Zelle ihres elterlichen Hauses verborgen blieb, unterschied sich ihr Leben nicht von dem der anderen Heiligen: die Liebe zu den Armen, die Krankenpflege, selbstdie Wunder, die ihr zugeschrieben werden, dies alles findet sich in ähnlicher Weise in so vielen anderen Legenden wieder. Aber durch ihre große Heiligkeit wurde sie bald zum Mittelpunkte einer kleinen Gemeinde, und verschiedene Mantellate hatten sich ihr angeschlossen, vor allem jene junge Witwe Alessa, aus dem Geschlechte der Saraceni, der wir in den Briefen als dem Sekretär der Catharina begegnen. Denn Lesen und Schreiben war dieser nicht beigebracht worden; man erachtete es für Mädchen ihres Standes als einen Luxus, und sie lernte es erst in ihren letzten Lebensjahren. In dem Hause, das Alessa in ihrer Nähe gemietet hatte, zog sich Catharina vor dem Getriebe und Geräusche des Färberhauses zu längeren Aufenthalten und öfter zurück, und bald wird sie nun in ihre eigentliche Bahn gelenkt. Denn nicht nur Frauen und Mädchen, auch Männer traten bald in ihren heiligen Kreis, und nicht nur Geistliche wie ihr Beichtvater Raimund da Capua, sondern junge Ritter, wie Stefano di Maconi, der vor allen geliebte Jünger, und Francesco di Malvolti. Catharina kam nämlich mit Weltleuten vielfach in Berührung durch eine der denkwürdigsten Seiten ihrer Wirksamkeit: die der Friedensstifterin. Als solche weilt sie längere Zeit auf der Burg der Salimbeni, und wir sehen die Führer des kriegerischen Adels, später eine Stadt, einen Papst zur Schlichtung der Fehden sich an sie wenden. Der Ruf ihrerwunderbaren Heiligkeit — es hieß, sie hätte monatelang nichts anderes als das Abendmahl genossen — verbreitete sich immer mehr. Die Heiligkeit erlebte aber zur Zeit des Faustrechtes ihr größtes Prestige, und in dem Italien des 14. Jahrhunderts wob die Zeit selbst an dem Zauber, der ihr einen so unerhörten Einfluß verlieh.

Ihre erste Mission galt der eigenen Vaterstadt, dem von Fraktionen zwischen Adel und Bürger, Guelfen und Ghibellinen zerrissenen Siena. Im Jahre 1368 fiel dort die Macht den, größtenteils aus dem Pöbel zusammengesetzten, sogenannten „Fünfzehn“ zu, die unter Kaiser Karl VI. den Titel Reformatoren annahmen und das Reformieren auf ihre Weise betrieben. Ihnen galt Catharinas erster Mahnbrief, und von da an ruhte sie nicht mehr, die Menschen zur Liebe und zum Frieden aufzurufen. Ihr überströmendes Mitgefühl ist ihre Zauberformel, mit der sie die härtesten und die schwersten Herzen gewinnt. Zum Tod Verurteilte wollen sie sehen und von ihr getröstet werden. Ein junger Edelmann: Nicola Tuldo, der wegen seiner Teilnahme an einer Verschwörung wider die „Fünfzehn“ zur Enthauptung verurteilt wurde, raste vor Verzweiflung über sein bitteres Los. Da vermag es Catharina, ihn mit seinem Schicksal auszusöhnen: sie steht ihm bei, harrt bis ans letzte Ende mit ihm aus, und er stirbt getrost, ja glücklich, in ihren Armen.

Es läßt sich denken, daß Catharina von Anfeindungen nicht verschont blieb. Aber die Sonne ihrer Tugend überstrahlte so weit alle Verdächtigungen und Verleumdungen, daß ihr Ruf nur um so unantastbarer daraus hervorging.

Nachdem sie 1374 die Pestkranken in Siena gepflegt, verbrachte sie mit mehreren Mantellaten und Mönchen, darunter der getreue Raimund da Capua, einen großen Teil des Jahres in Pisa, von der Bevölkerung und von dem Tyrann Gambacorti begeistert aufgenommen. Dort pflegte sie häufige Unterredungen mit dem Gesandten von Cypern, der sich auf dem Weg nach Avignon befand und ihr Umständliches über die Mohammedaner berichtete, gegen die er den Papst zu einem Kreuzzug überreden sollte. Von diesem Gedanken ließ die Heilige nicht los. Sie schrieb an die Fürsten und Feldherrn Italiens, an Carl V. von Frankreich drei dringende Briefe, an die Königin Johanna von Neapel, an den Grafen Monna Agnola, und wendet sich unverzagt an Männer wie Barnabo Visconti und den Condottiere Hawkwood. Allein in ihrem so beherzten und naiven Verfahren leuchtet zugleich ihre große intuitive Menschenkenntnis hervor und ihr praktischer Sinn; denn das eigentliche Gebiet der Catharina von Siena ist nicht die Zelle noch die Krankenpflege, so mutig und groß sie sich dabei bewährte, sondern die Politik und die Diplomatie, eine Diplomatie freilich, derenganzes Geheimnis Friedensliebe ist und Mitgefühl, und welcher trotzdem ein unleugbarer und großer Einfluß auf die Geschichte Italiens nicht versagt blieb.

Es war ihr Traum, daß die Fürsten der Christenheit ihre Fehden schlichten, um sich zu einem Kreuzzug alle zu vereinen. Es wurde auch wirklich daran gedacht, den Condottiere schwebte schon die reiche Beute vor, die ihrer im Lande der Ungläubigen wartete, und einen Augenblick durfte Catharina an die Erfüllung ihrer Hoffnungen glauben. Allein die Empörung Italiens wider die päpstlichen Legaten, die bald darauf ausbrechen sollte, machte ihre großmütigen Pläne zunichte. Catharina schrieb an die Konsuln von Bologna, schrieb an den Papst und faßte damals schon den Gedanken von der Notwendigkeit eines römischen Papsttums und seiner Rückkehr in die Stadt des hl. Petrus. Sie kam indessen wieder nach Siena und erfuhr dort, welche unheilvolle Wendung der Aufstand in Florenz genommen hatte: statt des Kreuzzuges sieht sie nun die Städte Italiens im Kriege wider den Stellvertreter Christi und die eigene Vaterstadt dem Bunde gegen ihn beitreten. Florenz aber, den eigentlichen Herd des Aufruhrs, dem schwersten Interdikt verfallen, das je eine Stadt betroffen hatte. Durch den päpstlichen Bannfluch fand es alle Häfen verschlossen und sah bald seinen ganzen Handel ruiniert. Da wandte sich Soderini imNamen der Kriegspartei an Catharina, von deren Einfluß auf Gregor er vernommen hatte, um sie als Vermittlerin zum Papst nach Avignon zu entsenden. Es lag nicht in Catharinas Natur, sich einem solchen Wagnis zu entziehen. Im Mai des Jahres 1376 ist sie in Florenz. Von Soderini, in dessen Hause sie wohnt, wird sie der Signoria vorgestellt und steht alsbald inmitten ihrer diplomatischen Aktion. Schon am 18. Juni hat sie Avignon erreicht, begleitet von 21 Gliedern ihrer geistlichen Familie, Mantellaten und Mönchen, dem treuen Raimund und Stefano di Maconi.

Man kann nicht sagen, daß die schweren Aufgaben, die Catharina stets so schnell entschlossen übernahm, ihr je erleichtert worden seien, und es zeugt für die Reinheit ihrer Ziele, daß sie durch keine Mißerfolge in ihrem Eifer erlahmte. Der Friede mit dem Papste scheiterte sowohl an dem Verhalten der Signoria, worüber wir bittere Klagen in ihren Briefen vernehmen, als an mancherlei Intrigen von seiten der Kardinäle. Catharina war den Gesandten von Florenz vorausgeschickt worden, um deren versöhnliche Gesinnung dem Papste zu verkünden. Als nun diese Gesandten nach langem Zögern in Avignon eintrafen, erklärten sie keine Vollmacht zu haben, mit Catharina zu verhandeln; von den Beratungen, die nun stattfanden und die zu einem neuen Bruche führen sollten, blieb sie ausgeschlossen. Die Vorschläge der Signoria an denPapst wurden als unannehmbar verworfen, das Interdikt aufrechterhalten und die Kriegserklärung von neuem ausgesprochen. Ergrimmt verließen die Gesandten Avignon; Catharina indessen, die noch eine andere Mission erfüllen mußte, blieb zurück. Es war Gregors frommer und geheimer Entschluß, das Papsttum nach Rom zurückzuführen. Aber die Kardinäle, die nahezu alle Franzosen waren, der Hof, Gregors Umgebung, seine eigene Neigung stand diesem Entschluß so mächtig entgegen, daß er ohne Catharina schwerlich zur Ausführung gekommen wäre. Allein gegen so mächtige Widersacher, zu welchen sie den Herzog von Anjou, des Königs eigenen Bruder, zu rechnen hatte, unternahm sie jetzt den Kampf. Aber Catharina hatte von Anfang an viel Einfluß auf Gregors hohe Seele gewonnen. In ihren Briefen an ihn spiegelt sich seine eigene liebenswürdige Natur, an die sie also zärtlich, naiv und stürmisch zugleich sich wenden kann. Denn Catharina war eine Herrschernatur: ein tyrannischer Zug geht sehr deutlich aus ihren Briefen hervor. Wie sie ihre Kreuzzugspläne nie aufgeben will, so läßt sie nicht nach, dem Papste die Reformation der Kirche, die Beseitigung der schlechten Hirten und der Mißbräuche vorzupredigen. Zwar kann ihr die Schwierigkeit eines solchen Unternehmens nicht verborgen sein, denn diese heilige Jungfrau hat für die Verderbtheiten der Menschen einensehr durchdringenden Blick; allein es ist, als sei ihr als Ziel das Unerreichbare gerade recht.

Sowohl für die Zeit als für die Art der Abreise Gregors sollte ihr Rat bestimmend sein. Noch einmal zwar bedarf er ihres anfeuernden Mutes, um seinen Entschluß zu Ende zu führen, denn schon hatten sich andere Einflüsse geltend gemacht und ihn zur Rückkehr nach Avignon bewogen, als er nach einer stürmischen Seefahrt in Genua landete. Dort aber hat ihn die Heilige, die ihm auf dem Landweg vorausgekommen war, erwartet. Es finden geheime nächtliche Unterredungen zwischen den beiden statt, und wieder erweist sich Catharinas begeisterte Sprache siegreich über eine mächtige Partei, Gregors Unentschlossenheit und das Widerstreben der Kardinäle. Jetzt erst kehrte die Heilige, die ihre Aufgabe für erledigt hielt, nach Siena zurück. Dem feierlichen Einzug Gregors in Rom, den sie herbeigeführt, wohnte sie nicht bei, sondern war still zu den Ihren zurückgekehrt. Doch sollte ihr hienieden keine Ruhe mehr beschieden sein. Bald darauf ist sie auf Gregors Wunsch wieder in Florenz. Soderini, das Haupt der guelfischen Partei, hatte sie abermals dorthin berufen und in seinem Hause aufgenommen. Es neigten jetzt alle rebellischen Städte zum Frieden mit dem Papste: in Florenz war die guelfische Partei eifrig darum bemüht, und im Vorfrühling 1378 kam zu Sarzano glücklich einKongreß zusammen, als die Kunde von Gregors Tod die Verhandlungen unterbrach. Erst unter dem neuen Papste, dem der Friede mit Florenz dringend am Herzen liegen mußte, kam er zum Abschluß. Catharina, unversehens zum Werkzeug einer politischen Partei mißbraucht, war indessen durch Ausschreitungen der Guelfen in eine sehr schiefe und mißliche Lage geraten. Es kam soweit, daß ein Pöbelhaufe, von den Ghibellinen gegen Catharina aufgestachelt, Soderinis Haus umstellte und niederbrannte, um dann unter wilden Verwünschungen in den Garten einzudringen, in welchen sie mit einem Teil ihrer geistigen Familie geflüchtet war. Catharina aber eilte da selbst dem Führer der Rotte, der mit gezogenem Schwert auf sie losstürzte, entgegen, und ihre heitere Miene, ihre ruhigen Worte erfüllten ihn mit solchem Grauen, daß er entsetzt sich von ihr abwandte und seine wütende Schar hinwegführte. Sie aber brach in Tränen aus, weil ihr das lang ersehnte Märtyrertum versagt worden war.

Sie machte wenig Worte aus der Begebenheit und streifte sie nur flüchtig in einem Brief an Gregors Nachfolger Urban VI. Dieser Papst setzte in Catharina ein unbegrenztes Vertrauen, und als er bald darauf durch das Schisma und den Abfall seiner sämtlichen Kardinäle in die furchtbarste Not geriet, berief er die Heilige nach Rom. Noch einmal ergehen da ihre Briefean die Fürsten und Kardinäle, die frommen Genossenschaften und Klöster, sie zur Treue für Urban aufzurufen. Auf ihr Zeichen eilen heilige Männer aus ihrer Zelle, ihrer Einöde herbei. Gestützt auf Catharinas klugen und umsichtigen Rat, gelingt es Urban, eine neue Anhängerschaft um sich zu sammeln, und mit fieberhafter Eile ist Catharina um seine Sache bemüht. Denn ihre Kräfte sind aufgezehrt; sie fühlt die lang ersehnte Nähe des Todes. Zum letzten Male schreibt sie an Urban, ihn zur Milde ermahnend, und an den getreuen Raimund, der in der Ferne weilt. Am 29. April 1380 stirbt sie „mit dem Angesicht eines Engels“ im Alter von 33 Jahren. Von einer inneren Stimme gerufen, war Stefano di Maconi an ihr Sterbelager geeilt. Auf seinen Schultern trug er sie zu Grabe. —

Catharina hatte wahr gesprochen, als sie im Scheiden ihren geistlichen Söhnen und Töchtern, die sie weinend umringten, verhieß: sie würde vollkommener mit ihnen sein, und vorteilhafter von dort, als sie es hienieden vermöchte. Gegen die Stürme, die nunmehr dem Papsttum beschieden waren, hätte Catharina nichts vermocht, und ihre Mission auf Erden war erfüllt. Ihr lag das Unanalytische zugrunde, das die Großen des Mittelalters kennzeichnet. DieMenschenliebewar das Geheimnis ihres Herzens. Ihr Suchen nach Gott und göttlichen Dingen hat bei den anderen Mystikern einen mächtigeren, transzendentalerenZug. Gott ist wohl der Ausgangspunkt ihrer Mystik, die Menschheit aber deren Ziel; man könnte sie eine auf die Menschheit angewandte Mystik nennen; wie uns ja auch ihre Beziehung zur Gottheit mehr durch ihre eigenen Heilandszüge als ihre Unterredungen mit Gott beglaubigt wird. Sie hat nicht die Ader eines Franz von Assisi, nicht den Flug eines Ekkehard, noch die Lichtblicke eines Jakob Böhme. Im rein Beschaulichen zeigt sie sich nicht versonnen, noch von reicher Imagination. Auch für die tiefsinnigsten Probleme ist sie’s zufrieden, den Boden des Katechismus zu durchmessen, und das Rätselvolle, Vieldeutige und Heimliche eines Ausspruches ist für sie nicht vorhanden; denn der eigentliche Sinn dieser Ekstatikerin ist das Reale. Ihr staatsmännisches Talent verrät sich in der starken Logik, dem Aufbau ihrer Briefe; vielleicht fällt gerade das Unspekulative ihres starken Geistes mit ihrer politischen Begabung zusammen, wie dies in größerem Maßstab bei Dante zutage trat, und ihre Briefe sind deshalb von ungleich höherem Interesse als ihre anderen Schriften, weil sie uns von dem Interessantesten an Catharina — und das ist ihre Persönlichkeit — am meisten verraten.

Mit diesen Briefen geht es uns wie mit ihr selbst und wie es so vielen ihrer Zeitgenossen ging, die ihr voll Abneigung entgegentraten und ihrem Banne verfielen: so möchten wir zurückschreckenvor der Monotonie einer so einseitigen Weltanschauung und verfangen uns an dem Feuer eines so reinen und kühnen Herzens. Catharina wäre uns heute so stumm wie viele ihrer heiligen Genossen, die im Kalender stehen, wäre sie nicht als Frau so unvergänglich! — modern bis in die Fingerspitzen — als Frauenrechtlerin vielleicht die einzige, die ganz unserem Geschmack entspricht. Wie sie mit der Sitte, mit allen Konventionen bricht, wie diese Jungfrau, die Mönche und junge Ritter ihres Alters in ihrem Gefolge hat, frei und königlich einherschreitet und wie leicht und wie von selbst sich ihre Ausnahmestellung in der Welt ergibt, und wie hochgebildete Männer den Rat der Färberstochter einholen und der Spott der Rauhen vor ihr verstummt.

Das Geheimnis? — Ihr Geist allein war es nicht: eine so überbietende Gewalt hat der Geist einer Frau niemals. Das Überbietende an ihr war die Natur, und man möchte die italienische Volksseele darum beneiden, eine Blüte wie Catharina gezeitigt zu haben. Das mystische an Catharina ist sie selbst: Alles was Dianenhaftes in einer Frauenseele schlummert, griff sie leuchtenden Armes hervor. Bis zum innersten Kern eines unklaren und geheimnisvollen Dranges getrieben, erhebt sie ihn zu mächtiger Bewußtheit, zu einem Typus höchster Jungfräulichkeit sich entfaltend. Sie darf es verschmähen, hinterKlostermauern sich zu verschanzen und dem Manne, den sie in sich ausgeschieden, in ihrer männerliebenden Seele zu entsagen. Weit überragt ihre Bedeutung den Rahmen eigentlicher Heiligkeit. Ihre zarte Gestalt zieht wie ein Mythos am Himmel der Heiligen auf, und unwillkürlich erinnert sie an jene Worte des Psalms, die Christus an seine Jünger richtete — Worte, deren Geltung er ausdrücklich für den Menschen aufrechthielt und die an ihrer schlichten Seele vorüberhallten: „Ihr seid Götter!“

„Weißt du, liebster Sohn, daß bald ein größeres Verlangen, das du hast, erfüllt werden wird?“ sagte sie zu Maconi. „Was ist das für ein größeres Verlangen, das ich hätte?“ sagte er. Und sie: „Frage in deinem Herzen!“ Worauf Maconi: „In Wahrheit, ich weiß kein größeres Verlangen in mir aufzufinden, als immer bei Euch zu sein.“ Darauf sie rasch erwiderte: „Und das eben ist es!“ — Und nimmt ihn mit nach Avignon.

Ein solches Wesen mußte das feinbesaitete und stille Gemüt Gregors entzücken. Und wie gut durchschaut und kennt ihn Catharina! Ihn bestürmt und drängt sie und macht ihm Vorwürfe, und wieviel zurückhaltender, vorsichtiger, und unfreudiger ist dagegen ihre Sprache dem schrecklichen und ungeschickten Urban gegenüber. Auch ihn nennt sie ihr „süßes Väterchen“, aber sie holt weiter aus, um ihn zur Milde zu ermahnen; sie weiß, die von ihr ersehnte Reformationist von ihm nicht zu hoffen: was er anfaßt, kann er nur zertrümmern. Aber an ihr findet Urban in seiner Not seinen festesten Halt: denn immer bleibt das stärkste Mobil in ihrer Seele die Treue einer Kirche gegenüber, in deren Dienst sie sich verzehrte. „Ich sterbe und kann nicht sterben!“ ruft sie oft in ihrer Sorge, wenn ihr prophetischer Geist ihr die bevorstehenden Leiden und Kämpfe verkündet.

Was mögen ihr für Bilder vorgeschwebt sein, wenn sie eine Reformation der katholischen Kirche verhieß?

Es ist nicht auszudenken, was die Geschicklichkeit, die Friedensliebe und der unparteiische Sinn der stürmischen, nie ungestümen Catharina verhütet haben würde in den verhängnisvollen Tagen, die ein Jahrhundert später sich bereiteten.

(Zeitlers Verlag.) Die Briefe der hl. C. v. S. 1906.


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