23.Seelenwanderung und Wiederbekörperung; Sansara, Nirvana.
Ein höchst merkwürdiges Kapitel in der Lehre von den Anschauungen der Menschheit bildet das in der Überschrift gekennzeichnete. Die Anschauung von derSeelenwanderungundWiederbekörperungmag ihren Ursprung aus dem naturmenschlichen Animismus genommen haben. Ihre eigentliche Bedeutung gab ihr jedoch die kulturelle Ethik und die eschatologische Metaphysik. Wir tun am besten, sie sogleich für dasjenige Volk zu schildern, das diese Anschauung am meisten ausgebildet und am tiefsten durchdacht hat, dieIndier. Die Anschauungen anderer Völker lassen sich leicht daran erklären. Das Wesentliche ist, daß die Seele von je war (was auch Platons Ansicht ist) und nur ständig die Körper wechselt, bis sie geläutert und gereinigt (was das bedeutet, richtet sich nach der Lehre) zum ewigen Seelenleben oder zur ewigen absoluten Ruhe eingeht. Danach steht der Seele nach dem Tode zweierlei bevor: entweder ein neues körperliches Leben oder ein Seelenleben, indem wir noch von der absoluten ewigen Ruhe absehen. Sie hat zwei Wege: den Dêvayana, den Götterpfad, und den Pitriyana, den Väter-Ahnenpfad. Vom Dêvayana lesen wir in einem Upanishad — die Upanishaden zählen wie die Veden, denen sie an Alter fast gleich sind, die sie aber an geistigem Inhalt außerordentlich übertreffen, während sie sie teilweise kommentieren, zu den heiligen Büchern der Indier. Der Name besagt: „ein Niedersitzen zu Füßen des Lehrers“ — in Max Müllers Übersetzung: „Sie (die die höchste Stufe der Vollkommenheit erreicht haben) gehen zum Lichte, vom Lichte zum Tage, vom Tage zur Monatshälfte des zunehmenden Mondes, von der Monatshälfte des zunehmenden Mondes zu den sechs Monaten, wo die Sonne nach Norden geht, von diesen sechs Monaten zu der Welt der Devas (niederen Götter), von der Welt der Devas zur Sonne, von der Sonne zur Stätte des Blitzes. Wenn sie die Stätte des Blitzes erreicht haben, nähert sich ihnen eine Person, nicht ein Mensch, und führt sie indie Welten Brahmans. In diesen Welten Brahmans verweilen sie immer und ewig, und es gibt keine Rückkehr für sie“. Was der Leser in dieser Angabe nicht verstehen sollte, das vom Tage, dem Halbmonat, den Sechsmonaten Gesagte, haben andere auch nicht verstanden; es scheinen hier uralte Termini technici versteckt, deren Sinn verloren gegangen ist, und den die Vedantaphilosophen in ihren Kommentaren (Sûtras) nur mit Zwang und Mühe wiederherzustellen versucht haben. Das übrige aber ist klar. Das wird in anderen Stellen und anderen Werken noch sinnfälliger und genauer geschildert: wie, daß der betreffende Mensch durch die Sonne hindurchgeht, ebenso durch den Mond, daß er die Welten der einzelnen Götter durchmißt, einen Fluß Vigarâ (Nichtalternd) überschreitet, vor die Halle (Vibhu) Brahmans gelangt, deren Hüter Indra und Pragapati sind, und vor den Thron Brahmans tritt, dessen einzelne Teile als Einsicht, Glanz, Umschau, Verstand, Geist usf. bezeichnet werden. Aber das Wesentliche ist immer das gleiche: Eingehen der Seele in den Raum zum höchsten Gott.
Von den Nichtvollkommenen aber heißt es: „Sie gehen (bei der Verbrennung, die hier vorausgesetzt ist) in den Rauch ein, vom Rauch in die Nacht, von der Nacht in die Monatshälfte des abnehmenden Mondes, von dieser Monatshälfte zu den sechs Monaten, wo die Sonne nach Süden geht. Von den sechs Monaten gehen sie in die Welt der Väter, von der Welt der Väter zum Äther, vom Äther zum Monde. — Das ist Soma, der König, das ist die Speise der Götter, die Götter nähren sich davon. — Nachdem sie dort solange verweilt als noch ein Rest (von guten Werken) übrig ist, kehren sie auf dem Wege, auf dem sie gekommen sind, zum Äther zurück, von da zur Luft. Wenn er (der Geist) zu Luft geworden ist, wird er zu Rauch, nachdem er zu Rauch geworden ist, wird er zu Nebel, nachdem er zu Nebel geworden ist, wird er zur Wolke, nachdem er zu einer Wolke geworden ist, fällt er als Regen herab. Dann werden sie (die Seelen) als Reis und Korn, Kräuter und Bäume, Sesam und Bohnen geboren. Von da ist das Entkommen sehr schwer. Denn, wer immer diejenigen,welche diese Speise essen und Samen ausstreuen, sein mögen, er wird gleich ihnen. Diejenigen, deren Lebenswandel gut gewesen ist, werden wahrscheinlich irgendeine gute Geburt erlangen, wie als Brahmana oder als Kshatriya oder als Vaisya. Diejenigen aber, deren Lebenswandel schlecht gewesen ist, werden wahrscheinlich eine schlechte Geburt erlangen, wie als Hund oder als Schwein oder als Kandâla“. Auch hier sind viele Abwandlungen vorhanden, ohne das Wesentliche zu ändern. Namentlich haben Manu’s Schriften für jedes Verbrechen, für jede Schlechtigkeit und Gedankenlosigkeit genau das Geschöpf angegeben, in das die Seele eingehen muß. Diese Wanderung der Seele dauert so lange fort, bis der Mensch in einem Leben es zur höchsten Vollkommenheit gebracht hat. Die ganze Lehre ist verhältnismäßig einfach. Auch wissen wir was Sünde, Vergehen, Gedankenlosigkeit usf. bedeutet. Die Schwierigkeit liegt in der Bedingung der Vollkommenheit. Unzählige Ausführungen und Bücher haben die Indier darüber geschrieben, aber naturgemäß sind die Definitionen sämtlich negative. Als Grundprinzip gilt: eine Seele ist von je und bleibt in alle Ewigkeit. Es kann Seelen geben, die immer nur von Körper zu Körper gehen, denn es heißt am Schluß des letzten Zitats: „Auf keinem dieser zwei Wege (Dêvayana, Pitriyana) ziehen jene kleinen, oft wiederkehrenden Geschöpfe fort. Für sie gilt derdritteZustand, von dem es heißt: leb und stirb.“ Aber auch sie haben keinen Anfang und kein Ende.
Diese Lehre hat mehrere Erweiterungen erfahren, die sich alle auf den letzten Zustand und auf die Vollkommenheit beziehen. Wir werden später sehen, daß die Indier auch den Pandeismus gelehrt haben. Der letzte Zustand besteht in dieser Lehre im Eingehen in die betreffende Gottheit, Brahma oder Wischnu. So sagt in der Bhgavad-Gîtâ Krishna-Wischnu, nach vielen Lehren über ein vollkommenes Dasein:
Und wer zur Todesstunde mein gedenkt und so den Leib verläßt,Der gehet in mein Wesen ein, das halte unbezweifelt fest.
Und wer zur Todesstunde mein gedenkt und so den Leib verläßt,Der gehet in mein Wesen ein, das halte unbezweifelt fest.
Und wer zur Todesstunde mein gedenkt und so den Leib verläßt,Der gehet in mein Wesen ein, das halte unbezweifelt fest.
Und wer zur Todesstunde mein gedenkt und so den Leib verläßt,
Der gehet in mein Wesen ein, das halte unbezweifelt fest.
und an einer anderen Stelle:
Durch sie wirst du mit mir vereint, befreit von der Geburten Zwang,Mag auch die Schöpfung sich erneun, mag droh’n der Weltenuntergang.
Durch sie wirst du mit mir vereint, befreit von der Geburten Zwang,Mag auch die Schöpfung sich erneun, mag droh’n der Weltenuntergang.
Durch sie wirst du mit mir vereint, befreit von der Geburten Zwang,Mag auch die Schöpfung sich erneun, mag droh’n der Weltenuntergang.
Durch sie wirst du mit mir vereint, befreit von der Geburten Zwang,
Mag auch die Schöpfung sich erneun, mag droh’n der Weltenuntergang.
Und dieses wird noch in vielen Wendungen dringend eingeschärft. Die Seele geht zuletzt dahin zurück, woher sie von je stammt, zur Allgottheit. Was aber die Vollkommenheit betrifft, so schließt sie nicht allein moralische und ethische Forderungen ein, sondern auch solche, die sich auf die Affekte beziehen; es wird Freisein von Affekten verlangt. In der gleichen Bhagavad-Gîtâ heißt es:
Wer nie frohlockt und nimmer niemand haßt, wer nichts beklagt und nichts begehrt,Wen weder Glück noch Unglück rührt, auch der ist meiner Gnade wert.(Auch) Wer gleich sich bleibt bei Freund und Feind, gleichgültig gegen Freud’ und Leid,Verachtung, Ehre, Kalt und Warm, vom Drang der Leidenschaft befreit,Wer Lob und Tadel gleich erwägt, wen nicht die Sucht nach mehr bewegt,Wer keine Sorg um Obdach hegt, wes festen Sinn nichts mehr erregt...
Wer nie frohlockt und nimmer niemand haßt, wer nichts beklagt und nichts begehrt,Wen weder Glück noch Unglück rührt, auch der ist meiner Gnade wert.(Auch) Wer gleich sich bleibt bei Freund und Feind, gleichgültig gegen Freud’ und Leid,Verachtung, Ehre, Kalt und Warm, vom Drang der Leidenschaft befreit,Wer Lob und Tadel gleich erwägt, wen nicht die Sucht nach mehr bewegt,Wer keine Sorg um Obdach hegt, wes festen Sinn nichts mehr erregt...
Wer nie frohlockt und nimmer niemand haßt, wer nichts beklagt und nichts begehrt,Wen weder Glück noch Unglück rührt, auch der ist meiner Gnade wert.(Auch) Wer gleich sich bleibt bei Freund und Feind, gleichgültig gegen Freud’ und Leid,Verachtung, Ehre, Kalt und Warm, vom Drang der Leidenschaft befreit,Wer Lob und Tadel gleich erwägt, wen nicht die Sucht nach mehr bewegt,Wer keine Sorg um Obdach hegt, wes festen Sinn nichts mehr erregt...
Wer nie frohlockt und nimmer niemand haßt, wer nichts beklagt und nichts begehrt,
Wen weder Glück noch Unglück rührt, auch der ist meiner Gnade wert.
(Auch) Wer gleich sich bleibt bei Freund und Feind, gleichgültig gegen Freud’ und Leid,
Verachtung, Ehre, Kalt und Warm, vom Drang der Leidenschaft befreit,
Wer Lob und Tadel gleich erwägt, wen nicht die Sucht nach mehr bewegt,
Wer keine Sorg um Obdach hegt, wes festen Sinn nichts mehr erregt...
Der Mensch hat sich von den Schlacken des Lebens zu reinigen:
Natur erzeugt die Wesenheit, die Leidenschaft, die Dunkelheit,Und diese hemmen stets im Leib der ew’gen Seele Tätigkeit.
Natur erzeugt die Wesenheit, die Leidenschaft, die Dunkelheit,Und diese hemmen stets im Leib der ew’gen Seele Tätigkeit.
Natur erzeugt die Wesenheit, die Leidenschaft, die Dunkelheit,Und diese hemmen stets im Leib der ew’gen Seele Tätigkeit.
Natur erzeugt die Wesenheit, die Leidenschaft, die Dunkelheit,
Und diese hemmen stets im Leib der ew’gen Seele Tätigkeit.
Wie derBuddhismusderartigen Anschauungen noch eine besondere Wendung gegeben hat, ist bekannt. Er hat die Lehre von derMetempsychoseundMetensomatosezur letzten Ausbildung gebracht und gleicherweise die Lehre vom letzten Zustand. Im Buddhismus spielen die Gottheiten keine besondere Rolle; ihr Dasein wird nicht geleugnet, nur ihre Bedeutung für Welt und Menschen (S. 182). Sie stellen selbst nur einen Durchgangszustand dar im Leben des Alls, leben und vergehen wie alles im All und haben es so nur mit sich zu tun, gleich jedem lebenden Geschöpf. Es vermischt sich nun ein philosophischer Gedanke mit ethisch-moralischen Betrachtungen. Das Leben, ganz allgemein, ist ein Leiden, ob es unglücklich oder glücklich verläuft. Und ein Leiden ist vor allem die Wiedergeburt. Dieses zu erkennen ist die erste Stufe des Wissens. Die zweite aber besteht darin, daß man zu erkennen hat, wie alles darauf gerichtet sein muß, nichtwiedergeboren zu werden. Und dieses wird erreicht durch ein ethisch-moralisches Leben und durch Abtötung jedes Willens nach Leben und Wiedergeburt, so zwar, daß ein solcher Wille niemals auch nur in das Bewußtsein treten kann. Die Taten sollen so sein, daß bei jeder Wiedergeburt der Mensch zu immer höherer Stufe sich erhebt, denn es büßt der Mensch mit jeder Geburt die Sünden und Mängel, und es genießt der Mensch die Folgen der Tugend des voraufgegangenen Lebens:Karma-Gesetz. Die Gedanken aber sollen sich ganz in sich versenken, bis alles was das Leben bildet mit seinen Leidenschaften, Gefühlen, Begehren, Anschauungen, Erwartungen, kurz der ganze Wille im Leben und zum Leben vergangen und verklungen ist. Wer so höchste Vollkommenheit und Abwesenheit jedes Lebenswillens erreicht hat, geht zur absoluten Ruhe ein, in das Nirvana (ein Wort, das schon in den Upanishaden für den letzten Zustand gebraucht wird), das „Verwehen“ ein. Nicht daß die Seele sich verliert — auch dem Buddhismus ist alles was ist, ewig — sie kommt in einen Zustand, der dem Tod entspricht, in menschlichem Ermessen, das ja nur das Leben kennt. Ein Zustand, in dem nichts vorhanden ist, was das Leben ausmachte, zu dessen Einsicht also nur unendliche Abstraktion führt, weshalb es auch oft mit „Nein, Nein“ erklärt wird, wie Brahma als letzter Begriff. So lehrt dieDharma.
Buddhaist bekanntlich unter dem Namen Gautama Sarvarthasiddha als Fürstensohn zu Kapilavastu (um 623 v. Chr.) geboren. Bis zu seinem 29. Lebensjahre hat er wie alle Fürstensöhne, wenigstens der Volksidee nach, herrlich und in Freuden gelebt. Wie er also zu seiner Leidensauffassung und Verneinung des Lebens kam, richtiger, sie konsequenter ausbildete als schon vor ihm geschehen war? Er sah auf einer Ausfahrt nach einem Lustgarten einen Greis „mit kahlem Haupt, gebeugtem Körper und zitternden Gliedern. Bei einer zweiten Ausfahrt gewahrte er einen unheilbaren Kranken, von Aussatz und Geschwüren bedeckt, vom Fieber geschüttelt, ohne Führer und ohne Hilfe; auf einer dritten einen von Würmern zerfressenen, verwesenden Leichnam am Wege. Er fragte sich, wozu Lust, Tugend und Freude nützten,wenn sie dem Alter, der Krankheit und dem Tod unterworfen seien.“ Da verläßt er alles, zieht als Bettler durch die Lande und hört in allen Schulen die Lehren der Priester und Forscher. Wie ihn nichts befriedigt, schließt er sich in einen Wald ein, lebt in harten Kasteiungen und Bußübungen, weshalb er Muni und, unter Hinzufügung seines Geschlechtsnamens, Çakjamuni genannt wurde. Als er auch Kasteiung und Bußübung für erfolglos erkennt, versinkt er in tiefstes Nachsinnen über den Grund der Leiden und den Zweck des Lebens. Jetzt erst blitzt der richtige Gedanke in ihm auf, als blitzender Strahl schießt er aus seiner Stirne bis an das Ende der Welt. Und nun ist er Buddha (S. 139), der „Erleuchtete“. Das ist Legende, aber wie sehr der Indier zu Beschaulichkeit und Nichtigerklärung der Welt neigt, hat uns Rudyard Kipling in einer seiner reizendsten Geschichten, vom höchstgestellten Minister Purun Dass geschildert.
Bei denEraniernfinden wir, was sehr seltsam berührt, nichts von dieser Lehre der Seelenwanderung und Wiederbekörperung. Sie wird also bei den Indiern wohl nach der Trennung von ihnen entstanden sein. Aber am äußersten Ende Europas soll ein arisches Volk diese Lehre wenigstens zu einem Teil besessen haben, die Kelten. Cäsar weiß davon. Er sagt in „De bello Gallico“, VI, 14: „In primis hoc volunt (nämlich die Druiden) persuadere; non interire animas, sed ab aliis post mortem transire ad alios“. Das ist aber wohl das einzig Sichere; alles was sonst noch in dieser Hinsicht von den Kelten und Druiden erzählt wird, ist Fabel oder aus ungewissen Überlieferungen und späteren Bardenliedern erschlossen. Die Seele soll nach dem Tode ihres Besitzers zuerst in die Lüfte zu den Wolken schweben, letztere also sollen Sitz von Seelen sein. Wären die Ossiangedichte altes Gut, so hätten wir einen Beweis für diese Behauptung: „Meine Väter neigen sich herab von ihren Gewölken, zu empfangen ihren graulockigen Sohn“, klagt Fingal nach dem Fall seines geliebten Sohnes Oscar. Als Wolkengeister schweben sie über kämpfenden Heeren und nehmen Teil an der Entscheidung, wie die Walkyren, die ebenfalls Wolkengeister sind. Auch aufdem Monde weilen die Seelen, ein Glaube, der weit verbreitet ist. Dort hausen sie unter Schnee und Eis und vergessen alles vom vergangenen Leben. Bei Sonnenfinsternissen kehren sie zur Erde zurück, werden von der Sonne erweckt und beginnen ein neues irdisches Dasein.
Von den Griechen haben namentlich diePythagoräerundPlatondie Wiedergeburt gelehrt. Jene beschränkten die Seelenwanderung auf die Tiere und Menschen; Pflanzen sollte eine Seele nicht zukommen. Zwischen zwei Leben liegt ein reiner Seelenzustand, wie ja auch bei den Indiern, Kelten und bei Platon. Ob dieser Zustand in Verbindung steht mit Lohn und Strafe, die die Pythagoräer wie auch Andere lehrten, läßt sich schwer entscheiden, denn bekanntlich hat sich durch Pythagoras’ Lehre ein Wust von allen möglichen mystischen Ansichten ergossen. Eigenartig noch ist die Meinung, daß die Seele nicht in jeden Körper eingehen kann, sondern nur in den, der ihrer Harmonie (davon später) gemäß ist. Im allgemeinen betrachteten sie, wie die Indier, die Verbindung der Seele mit dem Körper als unwillkommen. Indessen sagten sie doch auch, daß die Seele durch die Organe, die der Körper ihr bietet, Gelegenheit zur Erkenntnis bekomme, und daß sie darum den Körper liebe, ein Gedanke, der ganz und gar den Anschauungen der Indier widerspricht. Pythagoras selbst soll Waffen im Heratempel zu Argos als die bezeichnet haben, die er in einem früheren Dasein vor Troja geführt habe, und in einem Hund die Seele eines verstorbenen Freundes erkannt haben; wenn ersteres kein Märchen, letzteres kein boshafter Witz ist.
PlatonsIdeen von der Seelenwanderung sind namentlich in seinem Phaidros auseinandergesetzt. Max Müller weist auf die, zum Teil allerdings verblüffende, Übereinstimmung mit indischen Ideen hin; namentlich die Lehre, daß die Seelenbekörperung neun Stufen hat, entspricht der in Manu’s Gesetzbuch, wo gleichfalls neun Stufen vorgesehen sind. Auch der Zwischenzustand der Seele zwischen zwei Leben und der Endzustand muten stark indisch an. Platon hat alles in ein mythisch-dichterisches Bild gekleidet. Er behandelt Menschenund Götter in eins, was abermals indischem Verfahren entspricht. Das Bild vergleicht die Seele „der zusammengewachsenen Kraft eines befiederten Gespannes und seines Führers. Der Götter Rosse und Führer nun sind selbst gut und guter Abkunft, die anderen aber vermischt.“ „Die Kraft des Gefieders besteht darin, das Schwere emporhebend hinaufzuführen, wo das Geschlecht der Götter wohnt.“ Sie wächst vom Göttlichen und schwindet vom Bösen. „Der große Herrscher im Himmel, Zeus“ zieht mit seinem Gespann den Himmel hinauf voran, ihm folgen alle Götter und dann die Seelen, „wer jedesmal will und kann“. Zeus und die Götter lenken leicht und sicher und schauen völlig alle Herrlichkeiten. Die Gespanne der anderen Seelen aber steigen schwer und in Unordnung, so daß die Seelen von den Herrlichkeiten gar keinen oder nur teilweisen Genuß haben. Auf des Himmels Rücken angelangt und vom Umschwung fortgerissen, blicken die Götter in das, „was außerhalb des Himmels ist“ und sehen „farblose, gestaltlose, stofflose, wahrhaft seiende Wesen“ und sie „lassen sich wohl sein, bis der Umschwung sie wieder an die vorige Stelle zurückgebracht hat“. Die ganze Fahrt vollbringen von den Menschenseelen einige, die der Gottheit am nächsten „folgten und nachahmten“, wenn auch in Ängsten und Beschwerden und „kaum das Seiende erblickend“. Andere erhoben sich bisweilen und tauchten dann unter im Sträuben der Rosse. Die übrigen aber werden nur im unteren Raume umhergetrieben, einander stoßend und drängend. „Und dieses ist das Gesetz der Adrasteia“, sagt der Dichter-Philosoph, daß die Seele, welche als des Gottes Begleiterin etwas vom Wahrhaften erblickt hat, keinen Schaden erleidet und, soweit an ihr liegt, unverletzt bleibt. Die Seele aber, die nichts sieht, fällt zur Erde und beginnt den Kreislauf der Wiedergeburten, die also, wie schon bemerkt, neun Stufen haben. Die besten können als weise Männer geboren werden, oder als der Musen und der Liebe Lieblinge. Die folgenden als verfassungsmäßige oder kriegerische Könige, dann die nächsten als Staatsmänner usf., bis zu den letzten, welche das dem Griechen Verächtlichste werden — Tyrannen. EineSeele kann mehrere Wiedergeburten erfahren. Die höchststehende kehrt schon nach dreitausend Jahren dorthin zurück, woher sie gekommen ist. Anderen Seelen mag dieses nicht unter zehntausend Jahren gelingen. Innerhalb der Wiedergeburten, nach jedem Tode, kommt die Seele vor das Gericht. Die böse verfällt dem unterirdischen Zuchtorte, wo sie tausend Jahre Strafe erleidet, die bessere wird nach einer Stelle des Himmels entrückt, wo sie, gleichfalls tausend Jahre, wie im letzten Leben verweilt. Dann kann jede der beiden Seelen ihre fernere Wiedergeburt frei wählen. Und so ist auch tierische Wiedergeburt nicht ausgeschlossen. Der Philosoph leitet aus den Wiedergeburten die Tatsache des Erinnerns ab, daß uns so manches, das wir zum erstenmal sehen oder lernen, bekannt vorkommt. Die Ähnlichkeit der Platonischen Anschauung mit indischer, sowohl in den Zwischenzuständen als im Endzustand und in den Verwandlungen, ist nicht zu verkennen. Platon ist von dieser Anschauung in anderen Schriften mehrfach abgewichen. Gleichwohl muß sie für ihn doch grundlegende Bedeutung gehabt haben. Wir sehen das an dem tiefen Ernst, mit demSokrates, Platons Wortführer, sie vorträgt.
Es ist oft selbst von Griechen behauptet worden, daß Pythagoras und Platon ihre Wiedergeburtanschauungen von denÄgypternentlehnt haben. Auch sagt Herodot von den letzteren: „Auch sind die Ägypter die ersten, die den Satz aufgestellt haben, daß des Menschen Seele unsterblich ist, und wenn der Leib vergeht, so fährt sie in ein anderes Tier, das immer gerade zu der Zeit entstände, und wenn sie herum ist, durch alle Tiere des Landes und des Meeres und durch alle Vögel, so fahre sie wiederum in einen Menschenleib, der gerade geboren würde, und käme in dreitausend Jahren herum.“ Wenn Herodot dann fortfährt: „Diese Meinung haben einige Hellenen auch vorgebracht, die einen früher, die anderen später. Ihre Namen weiß ich zwar, will sie aber nicht nennen“, so kann er damit nur Pythagoräer und Orphiker meinen. Aber es ist immerhin eigenartig, daß auch Platon die dreitausend Jahre hat, wenn auch nur für die auserwählten Seelen. Eduard Zeller lehnt die Wiedergeburtslehre für die Ägypter ab. Esist für uns schwer, eine Entscheidung zu treffen, da die Ägypter sehr viel vom Animismus in ihren Anschauungen besaßen. Die außerordentliche Mühe, die die Ägypter sich gaben, ihrer Seele Wohnstätten auf Erden zu beschaffen, spricht gegen den Glauben einer Wiedergeburt bei ihnen. Der, freilich späte, Pausanias (zur Zeit Hadrians und der Antonine) meint, die Griechen hätten ihre Anschauungen von den Chaldäern und Indiern erhalten. Vielleicht hat er nicht so unrecht. Klingt es nicht ganz indisch, wennEmpedoklessagt: „Ich war bereits einmal Knabe, Mädchen, Pflanze, Vogel und flutentauchender stummer Fisch“ und wenn er über das furchtbare Geborenwerden klagt?
Es ist noch zu erwähnen, daß auch bei denChineseneine Schule des Lao-tsse (S. 210) bestand, die Seelenwanderung und Wiederbekörperung lehrte. Der bedeutende Mann sagt im Tao-te-king: „Wer nicht einsieht, daß es eine Fortdauer gibt, und daß auch er fortdauere, der bereitet sich durch seine Unüberlegtheit selbst Unheil. Wer aber von der hohen Bedeutung der Fortdauer überzeugt und durchdrungen ist, der ist sicher auch groß gesinnt, edel und vortrefflich“. Der Tod bedingt Auflösung in die Grundstoffe. Aber hiernach erfolgt immer ein Wiederaufleben zu einem neuen Zweck, zu einer neuen Bestimmung, zu neuem Leben. Lao-tsse, der etwas später als Buddha blühte, ist in Indien gewesen, er wird aus den dortigen Philosophenschulen manches gelernt haben. Aber sein Taoismus ist doch kein Brahmanismus, geschweige gar ein Buddhismus. Es ist, wie schon bemerkt, auch nicht zu ersehen, wie er sich das Ende dachte, ob als ein Aufgehen im Tao, oder als überhaupt nicht vorhanden, so daß die Wandlungen ins Unendliche fortdauern.