Wenn Landsleute sich begegnen.

Übersetzungsrecht vorbehalten

Übersetzungsrecht vorbehalten

Wenn Landsleute sich begegnen.

Nie in ihrem ganzen Leben war Leonie Wilten so grenzenlos überrascht und enttäuscht gewesen – und dennoch nicht ohne das Gefühl einer leis und heimlich aufzuckenden Freude, wie an jenem Frühlingsabend, wo die Großeltern, von ihrem gewohnten Spaziergang heimkehrend, ihr den ins Haus geschneiten Gast vorstellten.

Die beiden Gäste vielmehr: denDr. med.Erdmann und dessen Schwester, die mit eigenem Automobil in der Kreisstadt waren und auf dem Heimweg, weit draußen auf der Chaussee, eine gründliche Panne erlitten hatten.

Großvater Neuhaus, der alte Automobilhasser, der alle Welt und den alle Welt kannte, war mit halb schadenfroher Neugier hinzugetreten und hatte im Dämmern des Märzabends den ihm flüchtig bekannten Arzt eines weitentlegenen Kirchdorfes erkannt und ihm ohne Besinnen Hilfe und Unterstand angeboten. Beides hatteDr.Erdmann dankend angenommen und mit Hilfe von ein paar Arbeitern das verunglückte Vehikel in Großvaters Schuppen geschleppt. Er hatte dann um Wagen und Pferd nach Hause telephoniert, sich ein wenig gesäubert – denn er und Lieselott, seine Schwester, hatten schon eine halbe Stunde angestrengt und im Schweiße ihres Angesichts über dem widerspenstigen Auto gearbeitet, ehe Hilfe kam – und nunerschienen die beiden späten unerwarteten Gäste im hellen behaglichen Speisezimmer von »Haus Friede«, wo der gedeckte und mit großem Schneeglöckchensträußen geschmückte Abendtisch schon bereit stand. Sie wurden dem Haustöchterchen und ihrem Vetter Luz Neuhaus vorgestellt und erzählten in lebhaftem Durcheinander, lachend und scheltend, ihr Abenteuer. Vor drei bis viertehalb Stunden konnte der Einspänner mit dem braven Füchslein, das schon so oft die Sünden des eigensinnigen Schnauferls gutmachen mußte, nicht da sein. Man hatte also vollauf Zeit, recht bekannt und vergnügt miteinander zu werden. Improvisierte Feste sind oft die allergelungensten, und dieser ins Haus geschneite Abendbesuch war im wahren Sinne des Worts ein Fest für die sehr einsam lebende Familie des großen Ziegeleibesitzers.

Der kleine Unfall brachte die bisher einander Fremden schnell und zwanglos nahe, und das Gespräch glitt leichtbeschwingt vom Hundertsten ins Tausendste. Man grub gemeinsame Beziehungen aus, erzählte die neuesten Anekdoten und Varietéwitze, lachte und plauderte, und während all dieser Zeit zerbrach Leonie Wilten sich den feinen klugen Kopf, wann und wo sie diesenDr.Erdmann mit der langen weißen Narbe über Stirn und Schläfe schon gesehen hätte. Denn eben diese Narbe haftete zäh und fest in ihrer Erinnerung, die mußte sie schon einmal im Leben gesehen haben, nur daß sie damals viel breiter und noch frisch und rot war, während sie jetzt wie ein schmaler weißer Strich über das sonnverbrannte Gesicht des Landarztes lief. Aber wann? aber wo?

Lieselott Erdmann beschrieb mit drolliger Empörung und fast dramatischer Anschaulichkeit eine derzahlreichen Pannen, die sie und ihr Bruder im letzten halben Jahr, seit er glücklich-unglückseliger Autobesitzer war, erlitten hatten. Zerstreut hörte Leonie zu, während unter der Schwelle ihres Bewußtseins beständig die Frage bohrte: Wann? wo? – als wenn den tiefsten Hintergrund ihres Hirns ein undurchdringlicher Vorhang verhüllte, den sie trotz aller Mühe nicht imstande war zu lüften. Jeder weiß, wie aufreizend und gedankenabsorbierend solch vages Erinnern ist – und nur höflichkeitshalber warf Leonie die Frage dazwischen: »Also um ein einziges kleines verlorenes S–tiftchen?«

Es passierte ihr sonst selten, daß sie den scharftrennenden St-Laut der nordwestlichen Provinzen, den halbvergessenen Dialekt ihrer Heimat, anwandte, undDr.Erdmann, der soeben den beiden Herren eine flüchtige Skizze der neuesten Bremsvorrichtung für Bergfahrer aufzeichnete, wandte sich überrascht um.

»Sie sind doch wohl keine Hiesige, gnädiges Fräulein?«

»Meine Enkeltochter ist in Schleswig-Holstein geboren – bitte weiter, lieber Doktor!«

Die Aufforderung des alten Herrn blieb unbeachtet.

»Dann sind wir ja beinah' Landsleute! – ich bin nämlich ein Oldenburger Kind,« rief der Doktor erfreut.

»Landsleute!«

Das war's. Wie auf ein Stichwort zerriß der Vorhang in Leonies Hirn von oben bis unten – und ein kleines, längstvergessenes Erlebnis der Vergangenheit schob sich mit einem Ruck erlöst und lebendig in den Vordergrund.

Tief atmete sie auf und ward im selben Moment wie mit Blut übergossen.

So sah der Mann aus, ihr Helfer und Erlöser aus banger Not? – ihr ritterlicher »Landsmann«, den sie einst im fernen fremden Lande getroffen und der sie …

Sie dachte den Gedanken nicht zu Ende, alles Blut ebbte zum Herzen zurück unddaswar der Moment, wo sie die große Enttäuschung empfand.

Jahrelang hatte sie auf ihn gewartet, ihn wiederzusehen gehofft, den Helden ihrer Backfischträume, ihren Lohengrin, ihren Gralsritter, kühn und zart zugleich, den idealschönen schlanken Jüngling mit der blutroten Narbe auf der weißen Stirn und dem weichen blondgelockten Haar, das ihm das Aussehen eines Dichters gab – und nun dieser wohlbeleibte Vierziger – dafür taxierte sie ihn – mit fast kahlem Schädel und dem lebemännisch gestutzten Prinz Heinrich-Bart – ein und derselbe – diese beiden so himmelweit verschiedenen Köpfe!

Und dennoch – wenn sie näher zusah – ja, die Augen waren noch dieselben: braun, mit einem goldig aufleuchtenden warmen Schimmer und jenem undefinierbaren Ausdruck, der sie ihr einst so lieb und unvergeßlich gemacht. Und dann die Narbe – und die Landsmannschaft!

Aber Leonie wollte ganz sicher gehen.

Nachdem der Großvater noch einiges gefragt undDr.Erdmann beiläufig erzählt hatte, daß er in Breslau und Greifswald studiert und nach bestandenem Staatsexamen zufällig den erkrankten Landarzt in Groß-Lutschine vertreten hätte, um nach dessen Tode halb wider Willen seine Praxis zu übernehmen undso in diesem verlorensten Winkel der Mark Brandenburg hängenzubleiben. Er, dessen Wünsche und Hoffnungen eigentlich immer auf die Universitätskarriere gerichtet waren, seit Jahren nun schon hier ansässig und so eins geworden mit seinem Beruf und dem Landleben, daß er seine hochfliegenden Pläne längst verschmerzt hatte – warf Leonie heuchlerisch die Bemerkung hin: »Schade nur, daß die Gegend hier gar so flach und reizlos ist – wenn's wenigstens Hügel und Seen gäbe wie daheim! Oder Berge wie in Schlesien – Sie kennen das schlesische Gebirge wohl nicht?«

»O doch, ich kenne beides: das Riesengebirge wie die Sudeten. Einen großen Teil meiner Universitätsferien verlebte ich bei einem Jugendfreunde meines Vaters in Mittelwalde. Na ja – Berge sind ja ganz schön und nett, um drauf herumzukraxeln – aber für einen Schnauferlbesitzer und Landdoktor ist halt doch das Flachland das bequemste Terrain – und Heide und Kiefernwald haben auch ihren Reiz,« sagte er heiter, und wieder gab das Lächeln seinem stark gewordenen Gesicht mit den schlaffen Zügen etwas Jugendliches, denselben treuherzig liebenswürdigen Ausdruck von einst, dessen Leonie sich so gut, ach! so gut erinnerte.

Und wieder, wie im Lustspiel, war das richtige Stichwort gefallen:Mittelwalde.

Kein Zweifel – er war's!

Mein Gott, wie das alles lebendig wurde! Wie die alten Zeiten heraufstiegen, beschworen von dem einzigen Wort: Landsleute!

Aber nicht jetzt, während Leonie sich unterhalten und die Pflichten des Haustöchterchens wahrnehmenmußte, hatte sie Zeit, ihren Gedanken Audienz zu geben und längstvergessene Blicke und Worte aus der Tiefe ihres Erinnerns heraufzubeschwören. Erst spät in der Nacht, als das brave Füchslein »Wittkopp« denDr.Erdmann und seine Schwester abgeholt und beide das Versprechen eines baldigen Gegenbesuches in Groß-Lutschine mitgenommen hatten – und als Leonie allein in ihrem Zimmer am Fenster stand und in die tiefe Finsternis der Märznacht hinausstarrte, zogen wie in einem Kaleidoskop die Bilder der Jugendzeit an ihr vorüber.

Damals – vor fünfzehn oder sechzehn Jahren, hatten die guten Nönnchen von Mariahilf noch ziemlich unklare Begriffe übers Reisen, kannten ein Kursbuch wohl nur vom Hörensagen, und wenn die Klostermädel in die Ferien fuhren, brachte Verondl, die alte »weltliche« und ach! so rührend weltungewandte Bonne sie zur Bahn, löste jedem ein Billett, und nun: Fahrt zu in Gottes Namen! Und legte den Ausgelassenen der guten kleinen Mater Helenens Abschiedswort noch einmal dringend ans Herz: »Daß ihr mir unterwegs aber brav den Rosenkranz betet und hübsch gesittet die Augen niederschlagt, und um Jesu und aller lieben Heiligen willen mit keinem fremden Menschen anbändelt!«

Die übermütigen jungen Dinger, selig ihrer Freiheit, quiekten vor Wonne und pfefferten ihre zahmen Tauchnitzbände, die erlaubte Reiselektüre, ins Gepäcknetz und der Rosenkranz blieb zutiefst in der Tasche stecken. Statt dessen frisierten sie sich alsogleich im Coupé wechselseitig nach der neusten Mode und der Devise: je toller, je besser – und erzählten einander heiß und eifrig ihre kleinen Schulmädelerlebnisse unddie wundersamsten Geschichten von harmlosem vetterlichen Flirt.

So fuhren einmal ihrer acht oder neun, jede mit ihrem Billett in der Tasche, aber allesamt nur mit einem einzigen für alle acht oder neun Reisekörbe gültigen Gepäckschein versehen – Verondl expedierte bequemlichkeitshalber alles Gepäck in Bausch und Bogen – nach Kamenz, dem großen mittelschlesischen Knotenpunkt. Dort trennten sich ihre Wege, einige wurden hier schon abgeholt, andere mußten noch mit der Post weiter. Der ältesten, einer angehenden Seminaristin, waren die jüngeren alle anvertraut.

Leonie fuhr zu ihren Großeltern in die Grafschaft Glatz. Daheim in Neustadt war just ein Brüderchen zur Welt gekommen, und die Mama brauchte Ruhe und Schonung. Damals hatte Großvater noch die Pachtung Charlottenhof, erst viel später kaufte er die große Ziegelei im Brandenburgischen, die ihn zum reichen Manne machte.

Großmama hatte geschrieben: »Du nimmst dir ein Billett bis Wartha, so weit geht jetzt die neue Bahn, die letzte Strecke mußt du mit der Post fahren, und in Glatz holt dich der Wagen ab.« Aber an Verondl schienen alle Fortschritte der Kultur spurlos vorüberzugehen, in konservativem Eigensinn und weltfremder Ahnungslosigkeit beharrte sie bei ihrer Meinung: »Papperlapapp – was die Grafschafter Mädel sein, die sein noch allemal bis Kamenz gefahren, so wird es auch diesmal wohl stimmen,« und also lautete auch Leonies Billett wie das der andern nur bis Kamenz, und ihr Gepäck wurde gleichfalls bis dorthin expediert.

Station Kamenz. Hu, war das ein Hasten und Drängen auf dem großen Bahnsteig, Stoßen undWerfen mit Koffern und Körben, ein Schreien von Schaffnern und Kellnern, Kommen und Gehen von Zügen – den Klostermädeln wurde himmelangst. Aber die Seminaristin wußte Rat: »Kommt nur, jetzt trinken wir erst mal gemütlich Kaffee, und ich besorg' euch derweil die Postbilletts. Gebt mir alle eure Portemonnaies.«

Ihrer vier saßen um den Kaffeetisch, die übrigen waren schon von ihren Leuten in Empfang genommen – da stürzte die Älteste wie eine erschreckte Henne auf ihre Küchlein los: »Jesses, Leonie, du mußt augenblicklich weiter, dein Zug geht ja bis Wartha! Da steht er zum Glück noch – fix, fix!«

Und Leonie lief, daß ihr die kurzen Röcke um die Beine flogen, der Schaffner packte und schob sie ins erste beste Coupé – ein Pfiff, ein Ruck – der Zug ging ab. Neben ihm her rannte die Seminaristin: »Leonie, Leonie, wohin soll ich dir denn deinen Korb nachschicken?«

»Charlottenhof bei Glatz,« schrie Leonie zurück – dann verschwand das letzte bekannte Gesicht – Büsche, Bäume, Häuser flogen an ihren Augen vorüber – sie wandte den Blick und sah sich unter lauter fremden Menschen, noch dazu lauter Herren – o Schreck und Entsetzen! – der Schaffner hatte die Verspätete Hals über Kopf ins Rauchabteil geschoben.

Was würden die Schwestern sagen, wüßten sie dies! Zagend hob das erschrockene Klosterkind die Augen – alles nur fremde ernsthafte Gesichter, die sie gleichgültig anstarrten oder ihre Zeitung lasen – bloß ihr gegenüber ein hübscher blondhaariger junger Mensch, der halb lächelnd, halb neugierig auf sie schaute. Sie blickte an sich nieder – da saß sie, hochrot, atemlos, zusammengekauert wie ein HäufleinUnglück, in der einen Hand ihren Schirm und das krampfhaft geballte Taschentüchlein, mit dem sie wohl eben noch ein erschrockenes Tränchen abtupfen gewollt, in der andern ihr Billett, das die Seminaristin ihr im letzten Augenblick zwischen die Finger gedrückt hatte. Sie griff in die Tasche, um es ins Portemonnaie zu stecken – Herrgott, die war ja leer, nichts drin als der Rosenkranz, der verräterisch klimperte, als wolle er sich für das Vergessensein rächen. Sie wurde noch röter und heißer vor Schreck, wie mit Blut übergossen – mit weitaufgerissenen entsetzten Augen starrte sie ihr freundliches Gegenüber an: Jesus Maria, ihr Portemonnaie war fort – sie hatte keinen Pfennig Geld bei sich! Wovon um Himmels willen sollte sie ihr Postbillett bezahlen? Hier im fremden Lande, wo sie keine Menschenseele kannte, wo sie ganz allein und verlassen war?

Sie stürzte ans Fenster – weit, weit dahinten lag das Kamenzer Schloß – näher und näher rückten die unbekannten Berge, auf die sie sich so grenzenlos gefreut hatte, und die sich jetzt auf sie zu stürzen, ihr das Herz abdrücken zu wollen schienen. Sie bückte sich, suchte auf dem Boden, riß ihren Schirm auf, schüttelte das Taschentüchlein auseinander – nichts – nichts! Und nun entsann sie sich schreckensvoll deutlich: Dora Dunker, die Seminaristin, hatte ihr das Portemonnaie ja überhaupt nicht wiedergegeben, hatte in Angst und Eile wohl selber darauf vergessen.

Lieber Gott – ach lieber guter Gott, was nun?!

Die arme kleine Dreizehnjährige, die zum erstenmal in ihrem Leben allein auf Reisen war, vergaß alles Selbstbewußtsein ihrer »höheren Töchterwürde« und brach in Tränen aus. Sie weinte fassungslos,lautschluchzend, wie Kinder weinen. O wenn Mama und Papa dies wüßten, wie's ihrem Kinde in der weiten wildfremden Ferne ging! Das Heimweh überwältigte sie und preßte ihr das Herz zusammen.

Erstaunt blickte einer oder der andere auf das weinende Kind, jemand redete sie an, in einer fremden Sprache, die sie nicht verstand. Fast alle Insassen des Abteils waren Russen oder Polen, die in die schlesischen Bäder reisten.

»Warum weinen Sie, Fräulein – Fräulein Leonie?« fragte plötzlich eine freundliche Stimme. Der junge Mann ihr gegenüber beugte sich weit vor, seine Stirn mit der blutroten Narbe, seine treuherzigen braunen Augen waren dicht vor ihrem Gesicht. Sein lockiges Haar fiel ihm über die Stirn, er strich es hastig zurück und wurde rot wie ein Mädchen. Das kleidete ihn gut und gab der schüchternen kleinen Pensionärin Mut, ihm zu antworten. In stockenden Worten vertraute sie ihm ihr großes Unglück an.

Er lachte hellauf und legte die Hand beruhigend auf ihren Arm. »Wenn's weiter nichts ist!« sagte er leichthin, »das Billett von Wartha nach Glatz kostet einen Taler, den borg' ich Ihnen mit dem allergrößten Vergnügen.«

Leonie atmete auf. O wie dankbar war sie ihrem jungen Retter! Wie ein Heiland kam er ihr vor, einer, der sich ihrer Not erbarmte hier unter all den fremden Leuten, die nicht mal ihre Sprache verstanden.

In Wartha besorgte er ihr richtig ein Billett und brachte ihr außerdem noch ein großes Glas Limonade. Wie gut die schmeckte nach der heißen staubigen Fahrt!

»Hier bauen sie jetzt den großen Tunnel für die Eisenbahn,« sagte er. »Wir aber fahren noch mit derPostkutsche über den Berg ins Glatzerländchen hinein – es lebe die Romantik, die nun bald tot und begraben sein wird – schade!«

Wie hübsch das klang! Es erinnerte sie an die Literaturstunde bei der klugen lieben Mater Theresia – ach, wenn sie selber nur auch irgend etwas Kluges und Schönes hätte sagen können! Statt dessen sagte sie ganz prosaisch: »In Glatz holt mich sicher der Großpapa ab, da kann er Ihnen gleich den Taler wiedergeben. Wenn nicht …«

»Hole ich ihn mir selbst in Charlottenhof,« sagte er lustig. »Ich hab' ja Ihre Adresse gehört, als Sie einstiegen, Sie sind mir also ganz sicher.« Und beide lachten. O himmlische Ferienzeit!

Leonie war noch niemals mit der Post gefahren, es dünkte sie herrlich, der Postillon blies: »So leben wir, so leben wir alle Tage …« und die Köpfe von dem dicken Ehepaar gegenüber stießen unsanft aneinander, als die gelbe Kutsche über das vorsintliche Straßenpflaster hinausstolperte.

Leonie und ihr ritterlicher junger Freund saßen rückwärts, und er erzählte ihr dies und das. Namensnennung erschien allen beiden wohl als unnütze und überflüssige Zeremonie, genug, daß sie wußte, er studierte in Breslau Medizin und führe zu einer Silberhochzeitsfeier nach Mittelwalde. Auf der Rückreise wollte er sie dann vielleicht in Charlottenhof besuchen. Ach, wenn er's nur täte! Sie hoffte brennend, daß Großpapa sie nicht selber abholen und ihr junger Freund somit nach Charlottenhof kommen müsse, um sich seinen Taler wiederzuholen.

Daß sie ein Klostermädel sei, brauche sie gar nicht erst zu sagen, hatte er lachend gemeint. Das säh' manihr ja auf zehn Schritt Entfernung an. Aber das möcht' er grad besonders gern leiden!

Bis jetzt hatte Leonie in anerzogener Schüchternheit noch nicht viel gesprochen, allmählich aber taute sie auf, wurde lebhafter und stach mit ihren heimatlichen spitzen S-t und S-p lustig in der deutschen Sprache herum. Da fragte er: »Sie sind doch gewiß aus Hannover, Fräulein Leonie?

»Nein, aus Neus-tadt in Hols-tein.«

»Aber da sind wir ja Landsleute!«

»Nein, wie reizend!« rief sie erfreut. »Haben Sie es gleich gemerkt?«

»Auf der S-telle,« kopierte er.

»Aber Sie s-prechen doch gar nicht so?«

»Ich hab' mir's leider schon abgewöhnt.«

»Ach, das sollte ich ja auch, Mère Angèle sagt mir alle Tage, es klänge so abscheulich affektiert – aber ich kann's doch nicht!« klagte Leonie und flog mit ihrem Kopf gegen seine Schulter, weil die Postkutsche plötzlich anhielt. Der Postillon öffnete den Schlag: »Wollen die Herrschaften vielleicht aussteigen? Itze kimmt nämlich dar gruße Berg.«

Ächzend krochen die zwei Dicken heraus. Leonie wollte ihnen folgen, da hielt jemand ihre Hand fest. »Nein, bitte, bleiben Sie doch, Fräulein Leonie! Wir haben unser Billett ehrlich bezahlt und wir zwei sind ja so schlank und dünn, uns spüren die vier Postgäule gar nicht.«

Leonie guckte hinaus, richtig schirrte der Postillon zwei kräftige Vorspannpferde vor seinen Wagen, vierspännig fuhren sie den Berg hinauf – das war Leonie in ihrem ganzen Leben noch nicht passiert! Mit einem wohligen kleinen Seufzer sank sie insPolster zurück und der Wagen ratterte langsam bergan.

»Jetzt wird's erst gemütlich,« sagte ihr junger Beschützer. »Erzählen Sie mir von zu Hause, Fräulein Leonie – ist's da hübsch?«

Sie dachte, er müsse es doch eigentlich selber wissen, wie hübsch es in Holstein sei, aber sie genierte sich, ihn zu fragen, aus welcher Gegend oder Stadt er stamme, und erzählte von der holsteinischen Schweiz und den Seen, von der Ostsee und dem weißen Strande und den kühlen Buchenwäldern ihrer Heimat. Er hörte still zu und sah sie mit seinen schönen guten Augen an – und dann auf einmal sagte er: »Ich freue mich doch zu sehr, daß wir zwei Landsleute uns hier in der Fremde getroffen haben!«

»Ach ja,« erwiderte Leonie und seufzte tief auf – »was hätt' ich wohl anfangen sollen ohne Sie?«

Und wieder sah er sie an, sein Blick ging wie eine Liebkosung über sie hin, sie dachte: ob sie ihm wohl ein klein bißchen gefiele? und fühlte sich stolz und beseligt in dem Gedanken.

»Wissen Sie auch, was zwei Landsleute tun müssen, wenn sie einander in der Fremde begegnen?« fragte er.

»Nein,« sagte das arglose Klosterkind und blickte ihm mit großen fragenden Augen ins Gesicht. Er lächelte unmerklich und beugte sich etwas vor.

»Sie müssen sich einen Kuß geben,« sagte er ernsthaft.

Dem armen Kinde wurde schwül und angst, aber gleich darauf sonderbar feierlich zumute.

»Müssensie das wirklich? Ach nein!« meinte sie ungläubig. Dies war eine schwere und wichtige Sache – ach, wenn nur eins von den älternMädeln dagewesen wäre und ihr gesagt hätte, was sie tun solle!

»Es ist ein alter heiliger Brauch!« sprach er von der erhabenen Höhe seiner zwei- oder dreiundzwanzig Jahre herab und nickte ihr ermunternd zu. »Sonst hat man sein Vaterland nicht richtig lieb!«

Ach – sie und ihr liebes Holstenland, ihre Heimat, nicht liebhaben? Hatte sie nicht eben erst davon geschwärmt und sich mit Sehnsucht daran erinnert, wie schön und herrlich es dort in den grünen rauschenden Buchenwäldern sei?

»Also bitte – liebe kleine Landsmännin!« drängte er.

»Ja, wenn es denn sein muß« – ergeben faltete sie ihre Hände, sein feierlicher Orakelton wirkte hypnotisierend, sie ward ganz willenlos und litt es geduldig, daß er sich herüberbeugte und sie küßte. Sehr leise und sanft, sie spürte den Hauch und Druck seiner Lippen und das komische Kitzeln seines kleinen weichen Schnurrbärtchens – und schloß die Augen.

Das war so süß, so feierlich! Ach, es war doch eine reizende Sitte, daß sich zwei Landsleute in der Fremde einen Kuß geben mußten!

Ein klein wenig befangen waren sie nachher aber doch alle beide, nur hin und wieder fiel ein Wort, wie traumverloren – und fast wie eine Erlösung dünkte es Leonie, als die zwei Dicken auf der Höhe des Warthaberges wieder einstiegen. Was die nur hatten, und weshalb die Frau ihr so strafende Blicke zuwarf? Ob sie etwas gemerkt hatten von dem Kuß? Sie zuckte die Achseln und warf die Lippe auf, recht wie ein kleines schnippisches Schulmädel: Pöh – was wußten die von der Landsmannschaft und dem wunderhübschen Brauch? Verstohlen guckte sie ihren Freundan – der nickte ihr zu. Wie himmlisch war's, so ein kleines, heimlich süßes Geheimnis zu haben! Wovon kein Mensch etwas wußte – das sie später nicht mal der guten Großmama beichtete. Von der Hilfe ihres freundlichen Landsmannes und dem geliehenen Taler erzählte sie wohl – von dem Landsmannschaftskuß nicht ein Sterbenswörtchen.

Der Abschied war kurz und herzlich. In Glatz wartete schon Großvaters alter Johann Nepomuk, der sie nach Charlottenhof holen sollte. Großvater war bei der Heuernte und Großmama hatte sich den Fuß verstaucht, so daß keines von beiden abkommen konnte. Und Leonie freute sich dessen wie ein Schneekönig, ihr junger Freund hatte hoch und heilig versprochen, sie in längstens drei Tagen in Charlottenhof zu besuchen. Fröhlich riefen sie einander »Auf Wiedersehn« zu, er stand und schwenkte sein buntes Mützchen und Leonie blickte sich wohl hundertmal nach ihm um.

Er war nie nach Charlottenhof gekommen.

Auch nach acht Tagen, auch nach vier Wochen nicht. Leonie sah ihn niemals wieder.

Bis heute! Und nun hätte sie weinen mögen, wie ein Mensch sich so verändern konnte. War das der schlanke schöne Jüngling von einst, der damals die sterbende Romantik der Bergpost beklagt? Derselbe, der ihr so ritterlich beigestanden, der sie so zart und andächtig auf die Lippen geküßt hatte? Dieser behäbige Landdoktor, der im Automobil in der Welt umherkutschierte und aussah, als hätte er in seinem Leben schon ungezählte Liebeshändel angebändelt und ungezählte Mädchenlippen geküßt? Dessen Devise wohl auch, wie bei den meisten, Wein, Weib – Pläsier war – so wenigstens sah er aus! Wie einer, demvon seiner Jugend und vom Idealismus seiner Jugend keine Spur mehr geblieben ist.

Und der das kleine Klostermädel, das er einst in übermütiger Laune geküßt, bis in den Tod vergessen hatte!

Die Scham brannte in ihrem Herzen und mehr noch der Schmerz – ein so wunderlich heißer Schmerz, um so unbegreiflicher, als sie selbst doch seit Jahren nicht mehr an das kleine Erlebnis ihrer Jugend gedacht hatte.

Aber damals – damals – –!

Was wir Jahr um Jahr liebevoll und andächtig mit uns herumgetragen, das wächst uns unmerklich ans Herz, bleibt uns heilig, und würden wir auch alt wie Methusalem – und rüttelt eine unberufene Hand daran, tut's uns weh, und wir spüren dann erst, wie tief und fest die Erinnerung saß.

All die Jahre, wo sie ihn nicht vergessen konnte, wo sie bei Tage an ihn gedacht und nachts von ihm geträumt, standen wieder auf wie Tote, die aus ihrer Gruft gerufen werden, um Zeugnis zu geben. Die langen Ferienwochen, wo ihr kleines sehnsüchtiges Herz von einem Tag zum andern gehofft und gewartet; frühmorgens freudig den jungen Sommertag begrüßte: Heut kommt er, heut kommt er ganz gewiß! – und abends vor sehnsüchtigem Klopfen und bitterster Enttäuschung keine Ruhe in Großmutters schneeweißem weichen Gastbette fand.

O, über das erste holde Erwachen der jungen Seele, wo sie noch ahnend und unbewußt ihre Flügel regt; wo ein Blick zum Erlebnis, ein Wort oder Kuß zum welterschütternden Drama wird! Und dies alles, dies erste Aufwachen, dies zagende Sicherschließen derKnospe war mit ihm verknüpft – o wie teuer, wie über alles teuer war er damals ihrem Herzen!

Sie dachte an die Jahre in der Pension, wenn die Klostermädel einander ihre kleinen Ferienerlebnisse anvertrauten; wo ihre eigenen allerschönsten Geschichten immer mit dem Satz begannen: »Als ich zu den Großeltern in die Ferien fuhr …« Aber von dem Kuß nie ein einziges Wort! Das war ihr alleiniges, ihr heiliges und süßestes Geheimnis, von dem selbst ihr Beichtvater, der alte liebe Pater Regens, nichts erfuhr. Küssen war doch keine Sünde? Die Großen taten's ja alle, und beichten brauchte man das wahrlich nicht! UndErwollte ja kommen, er wußte doch, daß sie bei den guten Nönnchen in Mariahilf war – und ermußteganz sicher einmal kommen, hatte er's nicht versprochen? Und hatte er sie nicht geküßt?

Heimlich sparte sie sich Groschen für Groschen von ihrem Taschengelde ab, und als sie nach einem Vierteljahr – während dessen sie kein einziges Mal zum Konditor gegangen war, sich nichteineseidene Zopfschleife gekauft und immer die weggeworfenen Federn der andern heimlich aus dem Papierkorb »geklaubt« hatte, um nur ja jeden Pfennig zu sparen – endlich so viel beisammen hatte, wechselte sie das Kleingeld um und trug ihren Taler immer bei sich, ganz blitzblank gerieben und in ein blauseidenes Säckchen eingebeutelt, damit sie ihn gleich bei der Hand hätte, wenn er käme.

Die achtundzwanzigjährige Leonie, die am Fenster stand und ihre heiße Stirn an die kühle Scheibe drückte – während auf dem finstern Hintergrund der mondlosen Frühlingsnacht all diese Jugendbilder licht und hell an ihrem Geiste vorüberzogen – die klugund kühl und vernünftig gewordene Leonie, die alleinstehende wohlhabende Waise, die zehnmal schon hätte heiraten können und an jedem Bewerber etwas auszusetzen fand – wandte sich hastig ab, damit ihre dummen Tränen die klargeputzte Scheibe nicht trüben sollten.

Sie zündete ihr Licht an und begann sich auszukleiden. Jählings kam ihr ein wunderlicher Einfall, und ehe sie sich dessen versah, kniete sie vor ihrer Kommode und suchte im untersten Schubfach zwischen altem vergessenen Kram, welken Kotillonsträußchen und kleinen Andenken aus der Jugendzeit, nach einem eingelegten Ebenholzkästchen. Und als sie es gefunden hatte und auf das kleine Vexierschloß drückte, sprang der Deckel mit einem schwachen Laut auf – wie ein Seufzer klang's – und ein verstaubtes zerknittertes Seidenbeutelchen kam zum Vorschein. Sie zog die Schnur auseinander und mußte beinah' lächeln: da lag ihr gesparter Taler aus der Pensionszeit, der fünfzehn Jahre lang treu und pietätvoll aufgehobene!

Nun konnte sie ihn seinem Besitzer ja wiedergeben!

Und sie mußte es wohl – über kurz oder lang würden die Taler außer Kurs sein, hatte neulich jemand gesagt – und auch dieser hatte dann keinen Wert mehr.

Gedankenvoll hielt sie ihn in der Hand, den alten, alten Taler, an dem soviel süße und traurige Erinnerungen hingen. Der einst so blank geputzt gewesen – unwillkürlich griff sie nach einem Zipfel ihrer weichen Flanellmatinee und rieb und putzte an der alten Silbermünze – und mußte nun wirklich lachen. Schnell steckte sie das Beutelchen zwischen Handschuh und Schleier oben im ersten Fach, wo's ihr bequemzur Hand war – bei erster Gelegenheit sollte Doktor Erdmann seinen Taler wiederhaben.

Als sie längst im Bette lag, zerbrach sie sich noch den Kopf, wie sie's anstellen sollte, ihm unbemerkt das geliehene Geld zurückzugeben.

Nun – die Gelegenheit würde sich schon finden. Sie und ihr Vetter Luz Neuhaus, Großvaters rechte Hand und dereinstiger Nachfolger, waren ja dringend eingeladen, die Geschwister Erdmann in Groß-Lutschine zu besuchen. Luz – das Lächeln ihrer Lippen wandelte sich zu einem Seufzer, wie sie an diesen Luz dachte, den smarten Geschäftsmann, den Großmutter ihr so gern zum Mann geben wollte, und den sie nicht leiden mochte; zu dem – obwohl sie ihn von klein auf kannte – sie so gar kein rechtes Zutrauen fassen konnte. Kalt wie 'ne Hundeschnauze, dachte sie, der richtige Engländer – ihr Leben lang hatte sie für die Englishmen nicht viel übrig gehabt, obgleich sie nicht viel mehr von ihnen wußte, als was sie aus den langweiligen Tauchnitzbänden ihrer Pensionszeit herausgelesen hatte.

»Lieselott, wo steckst du denn?«

Dr.Richard Erdmann kam breitbeinig in die Laube gestiefelt, wo seine Schwester sich den seltenen Genuß gönnte, ein Stündchen – das feiernde Strickzeug im Schoß, in den Journalen zu blättern.

»Komm nur, du mußt gleich Medizin machen!«

»Schon wieder mal? – Ach, du lieber Himmel!« seufzte die Schwester.

»Hilft nix, mein Döchting –« Schwerfällig ließ er sich auf einen Gartenstuhl fallen und strich seufzend mit der Hand über das bei seinen sechs- odersiebenunddreißig Jahren schon bedenklich gelichtete Haupt.

»Haste Haarweh, schöner Jüngling?« fragte Lieselott mit heuchlerischem Bedauern. »Ja ja – dreie war's heut früh, als du aus dem ›Bären‹ heimkamst. Ich hab's wohl gehört.«

»Still, altes Scheusal – laß mich nachdenken. Ach – der verdammte Brummschädel!« Er zog ein paar Rezeptformulare aus der Tasche und begann seine Formeln niederzuschreiben, wobei er jedes Wort halblaut vor sich hinsprach.

»Kodeïn 0,4.«

Lieselott blickte ihm über die Hand aufs Papier.

»Ist nicht mehr da,« sagte sie ruhig. »Gestern abend das letzte verbraucht.«

»Na, dann geben wir Phenazetin – ist auch egal. 2,0 also – tut genau dieselben Dienste.«

»Nux vomica…«

»Du –nein, Richard!« Lieselott hielt die schreibende Hand fest. »NichtNux vomica– auch noch Medizin kochen heut zum Sonntag? Fällt mir ja im Traum nicht ein!«

Wieder rieb der Doktor seinen schmerzenden Schädel.

»Laß ihn, er ist blank genug,« sagte Lieselott hartherzig.

»Ja, – was soll ich denn sonst geben?«

Die gewandte Apothekerin schlug ein anderes Mittel vor, das nicht erst gekocht zu werden brauchte.

»Hm –« machte der Bruder nachdenklich. Dann riß er sich energisch zusammen.

»Nein, nein – das sind Weiberfisimatenten! Mit so was darfst du mir nicht kommen, das weißt du,« sagte er kurz – in diesem Punkte verstand er keinenSpaß und schrieb seinNux vomicanur desto kräftiger hin. »So –!« tief aufatmend hob er die Augen, – da saß Lieselott über ihre Zeitschriften gebeugt und kümmerte sich nicht mehr um ihn. Jetzt galt's, sie herumzukriegen.

»Lieseken?!«

Keine Antwort. Er langte über den Tisch und zupfte die Lesende derb-liebevoll am Ohr: »Jesses, jesses, was sollt' ich wohl machen, wenn du mal heiratest, altes Scheusal?«

»Dasselbe – schöner Jüngling!« gab sie prompt zurück – und las weiter.

»Geh schon und mach die Rezepte!« bat er.

»Mach du sie doch selbst, mein Lieber – hast ja ohnehin nichts zu tun. Ich will auch meine Ruh' am Sonntag.«

Er gähnte ostentativ. »Bin müd zum Umsinken.«

»Ja, vom Skaten.«

»Nee – vom Auteln. Du, Lies – das Schnauferl ist noch mein Tod.«

»Das glaub' ich selbst.«

»Sei gut, Lieserl, geh in die Apotheke!«

Seufzend stand Lieselott auf. »Du gönnst einem doch keine Sekunde Ruh'!«

Nach einer Weile kam er ihr nach in die »Apotheke.«

Da war es bei herabgelassenen Jalousien kühl und still wie in der Kirche; nur eine Fliege summte durchs Zimmer und stieß ihren dicken Brummkopf schlaftrunken gegen die Scheibe.

»Fertig?«

»Ja – gleich.«

Er zog sich einen Stuhl herbei und setzte sich rittlings darauf.

»Also Sonnabend!« sprach er mit nachdenklicher Betonung und sah ihr zu, wie sie mit flinken Fingern geschickt und emsig mit der blankgeputzten Wage und den winzigen Gewichtchen hantierte und die großen weißen Porzellanbüchsen und dickbäuchigen Glasflaschen wieder in Reih' und Glied auf die Regale setzte. Weiß Gott, ein Verlaß war schon auf das Mädel, gewissenhaft und pflichttreu bis in die Fingerspitzen – keine andere würd's je so gut verstehen. Eigentlich jammerschade, daß ihr junges frisches Leben hier versauern sollte. Und wer war daran schuld? Kein anderer als er. Um seinetwillen hatte Lieselott erst neulich wieder einen Bewerber, den wohlhabenden Domänenpächter Wilpert, abgewiesen. Beinah' ein Bedauern ergriff ihn um die Schwester, die es, wahrhaftigen Gott, wert wäre, einen andern Platz im Leben auszufüllen. Für Mann und Kinder zu sorgen, glücklich zu sein und glücklich zu machen.

Statt dessen hatte er in barem, blankem Egoismus ihr junges tüchtiges Leben an sein eingerostetes Junggesellentum geschmiedet, amüsierte sich auf eigene Faust, und selbst wenn er – »ihr zulieb« wie er sagte – ein paar gute Freunde einlud, hatte sie doch nur die Last davon.

»Daß nur auch alles recht gut und reichlich ausfällt!« sagte er, die lästigen Gedanken abschüttelnd.

»Und dem Hausherrn keine Schande macht!« setzte Lieselott lachend hinzu und schloß die letzte Büchse. »Keine Angst! Tip-top von der Bouillon bis zum Mokka.« Noch einmal sprachen sie das ganze Menü durch, das für Sonnabend, wo »Doktors« eine ihrer kleinen gemütlichen Gesellschaften gaben, aufgestellt war.

»Weißt du was?« unterbrach er sie zwischen Aal und Rehrücken. »Wollten nicht Fräulein Wilten und ihr Vetter in dieser Woche kommen?««

»Ja – sie fragten an, welchen Tag es uns passe.«

»So schreib ihnen doch, sie möchten Sonnabend kommen. 's geht schon in einem Aufwaschen hin – und es macht sich besser, weißt du.«

»Hm.«

»Bist ja so einsilbig, Lieseken?«

Lieselott zuckte die Achseln. »Was soll ich groß dazu sagen? Meine Meinung kennst du.«

»'s ist wirklich 'n nettes Mädel. Und Knöppe hat sie auch.«

»Aber zum Flirten zu schade, das merke dir! Wie Unzählige hast du schon ›nett‹ und ›lieb‹ gefunden – eine sogar ›herzig‹. Ach, Dicker, wenn du doch endlich mal Ernst machen wolltest! Ich hab's manchmal so satt und der Vater wird auch alle Tage älter und brauchte mich daheim.«

»Wollen sehen, was sich tun läßt. Also schreib nur, hörst du? Sie gefällt mir wirklich recht gut. Und die Aussichten wären nicht schlecht, hör' mal. Reuter wußte gut Bescheid. Einige Sechzigtausend hat sie jetzt schon, und mindestens Vierzig kriegt sie noch mal von dem Großalten. Hunderttausend – hab' ja immer gesagt, billiger tu' ich's nicht.« Er dehnte sich – »au, mein Schädel! Ich leg' mich jetzt drei Minuten aufs Ohr, sonst halt' ich's nicht aus. Nachher auteln wir irgendwohin.«

»Fällt mir nicht ein. Und dir wär's auch besser, du bliebest daheim und brächtest mal deine Bücher in Ordnung.« Sie wollte an ihm vorbeigehen, da hielt er sie am Schürzenzipfel fest.

»Ach, süßes Schwesterherz – das tust du mir nicht an!«

»Aber sicher. Die Wochenrechnung steht nicht in meinem Kontrakt. Du hast den ganzen Sonntagnachmittag – mach dich nur drüber her.«

»Goldenes Seelchen! Komm, ich geb' dir auch 'nen Kuß!«

»Laß mich!«

Ohne weiteres nahm er sie um die Taille, zog die sich Sträubende herunter, küßte und streichelte sie und bettelte so herzbeweglich mit Mund und Blick, bis er sie glücklich herum hatte: erst autelten sie ein paar Stunden und abends holten sie gemeinsam die Wocheneintragung nach.

Wie Gott den Schaden bei Licht besah, arbeitete Lieselott abends allein über den Büchern – und der Doktor saß wie gewöhnlich im »Bären«.

So ging es nun immer.

Nicht, als ob er nicht ein gewissenhafter Arzt und beruflich völlig auf seinem Posten gewesen wäre. Im Gegenteil: nicht dran zu tippen. Er studierte eifrig seine Fachschriften und machte fast jeden Herbst in Berlin einige Kurse mit, so daß er sich beruflich immer auf der Höhe hielt. Aber das übrige drum und dran. Lieselott behauptete: eine Frau, die den Unsoliden ans Haus zu fesseln verstände und ihm seine kleine Eskapaden abgewöhnte, täte ihm nötiger als das tägliche Brot; die Schwester, in ihrer nachsichtigen Liebe, ließe ihm gar zuviel durch die Finger gehen. – Möglich, daß sie recht hatte! In philosophischen Augenblicken, die – seit »Wittkopp« durch das Schnauferl ersetzt war – jetzt sehr viel seltener kamen, sah er's auch selber ein. So auf einsamenÜberlandfahrten – ringsum nur Wald und Feld, nickende Ähren und schwermütig rauschende Kiefern, oder das tausendfältige Blühen der märkischen Heide, über sich den weiten blaßblauen Himmel der nordischen Tiefebene mit Vogelruf und Sonnenschein – findet der hastende Mensch noch Zeit und Sammlung, in sich selber einzukehren, und ehrlich gestand er sich: Die erste beste nehm' ich nicht – dazu hat Lieselott mich viel zu sehr verwöhnt. Eine Doktorsfrau muß Opfer bringen können. Erst recht die Frau von so einem alten ausgepichten Egoisten wie ich. Und dazu muß sie mich liebhaben, sehr lieb sogar. Aber woher nehmen und nicht stehlen?

Als tüchtiger Arzt mit ausgedehnter wohlhabender Landpraxis galt er für eine gute Partie. Und er selbst suchte eine reiche Braut. Ein Arzt, der an die Zukunft und Sicherstellung einer Familie zu denken hat, muß dies tun, sagte er sich. Und hübsch, gescheit und liebenswürdig sollte sie nebenbei auch noch sein – woher sollte da wohl – bei soviel vernünftigem Abwägen und so großen Ansprüchen – noch die Liebe kommen?

Er nahm nicht die erste beste – auch nicht die Zehnte und Zwölfte und war siebenunddreißig Jahre alt und ein eingerosteter Junggesell geworden, als er bei jener abendlichen Panne im März Fräulein Leonie Wilten kennen lernte. Gut gefallen hatte sie ihm gleich, und was er später über ihre Vermögensverhältnisse hörte, tat seinen freundschaftlichen Gefühlen erst recht keinen Abbruch.

Um Ostern hatte man sich wieder getroffen, zufällig, bei einem ersten Frühlingsausflug. Das Wetter war nach langen griesgrämigen Schnee- undRegenwochen verlockend schön, die Waldhänge waren blau von Veilchen und die Amsel sang im Morgen- und Abenddämmern ihre wonnetrunkenen Lieder; die Sonne lachte, wie nur eine frühaufstehende Ostersonne Ende April strahlen und lachen kann. Kein Wunder also, daß alle Welt unterwegs war und des Doktors Schnauferl sich mit dem Landauer des Ziegeleibesitzers an einem halben Wegs gelegenen vielbesuchten Ausflugsort traf. Man improvisierte ein Picknick, sang Mailieder und pflückte Veilchen und Anemonen am sonnigen Waldhang – es wurde der gemütlichste Sonntagnachmittag, den man sich denken konnte, und Fräulein Leonie machte demDr.Richard Erdmann einen noch viel nachhaltigeren Eindruck als das erstemal. Als man sich spät in der Nacht trennte, nahmen Erdmanns das felsenfeste Versprechen der Neuhausschen Enkel, bestimmt im Monat Mai ihre Gegenvisite abzustatten, mit nach Groß-Lutschine. Und gleich in der zweiten Maiwoche hatten sie sich richtig angesagt, und Lieselott ersuchte sie telephonisch, am Sonnabendnachmittag vier Uhr den üblichen »Löffel Suppe« mitzuessen.

Nun war der Sonnabend da, die Kochfrau waltete ihres Amts und Lieselott steckte nach einem letzten Revidiergang ihre schweren blonden Zöpfe fest und war eben – hochrot vor Eile und Aufregung – im Begriff, die hellseidene Bluse zu schließen, als ihr Bruder in Hemdsärmeln hereinstürmte: »Um Himmels willen – die Gäste kommen ja schon!«

Aber es war nur ein Schreckschuß; ein Bauernwagen aus der Nachbarschaft brachte einen verunglückten Hütejungen mit gebrochenem Arm, den der Doktor zurechtrichten sollte. Lieselott, schon imFulldress, mußte helfen, band eine große Schürze um und tat wie immer ruhig und besonnen ihre Pflicht. Zwischendurch fragte Richard: »Ist auch alles fertig? Habt ihr denn auch oben ins Gastzimmer einen Leuchter hingestellt?« – denn einige der Gäste sollten über Nacht bleiben. Da mußte Lieselott trotz des Stöhnens ihres armen Patienten lachen. So lang die Woche war und so viel Arbeit ihr oblag – um nichts hatten Seine brüderlichen Gnaden sich gekümmert. Nicht mal um Wein und Zigarren – nun fragte er, um doch etwas zu tun, nach dem Leuchter.

Sie beruhigte ihn – und kaum waren der Patient und seine Mutter geschient und getröstet entlassen, als wieder ein Wagen vorfuhr: diesmal ein herrschaftlicher, der die am weitesten wohnenden Gäste, Fräulein Wilten und ihren Vetter, brachte – die grad noch drüberzu kamen, wie das arme alte Auszüglerweib den Doktor, der ihren Jüngsten umsonst geschient und verbunden hatte, noch auf der Treppe bis in den Himmel lobte und pries.

Luz Neuhaus verzog spöttisch den Mund und bemerkte trocken: »Wenn er's oft so treibt, dürfte er keine großen Schätze sammeln,« wofür seine Cousine ihn nicht eben mit einem freundlichen Blick bedachte.

Oben an der Tür wartete schon die Hausfrau, um ihre Gäste zu begrüßen.

Lieselott bestand ihre oft geübte Rolle auch heut wieder mit Glanz. Nichts fehlte und alles ging wie am Schnürchen, die ganze Gesellschaft amüsierte sich köstlich. So gut, daß selbst Luz Neuhaus, der steife Englishman, wie seine Cousine ihn nannte, auftaute und der hübschen lustigen Hausfrau in seiner etwas phlegmatischen Art den Hof machte.

Alle Wetter! – in der steckte doch noch Feuer, Rasse – die war anders wie seine tugendreiche Cousine mit ihrer ewigen Ernsthaftigkeit.Dr.Erdmann revanchierte sich dafür ausgiebig; er und besagte Cousine kamen sich in diesen kurzen Stunden um sehr vieles näher. Ein Glück nur, daß die bildhübsche kokette Frau des Kreisbaumeisters, Erdmanns letzte und außergewöhnlich andauernde Flamme, heut anderweitig engagiert war, weil ein Hauptmann v. Schütze, ein Vetter der Erdmanns, als schneidiger Courmacher vorhanden war, der ihr, ihrer Meinung nach, zehnmal besser zu Gesicht stand als der behäbige Doktor.

Hin und her spannen sich zarte Fäden.

Nicht allzu fest, das gestatteten die gastlichen Pflichten der Wirte nicht, aber schon war eine neue Begegnung beim großen Johannimarkt in der Kreisstadt verabredet.

»Was meinen Sie zuderKreuzung?« fragte lakonisch und vielsagend der Kreisbaumeister, dem es naturgemäß ein beruhigender Gedanke war, den Doktor, diesen Schwerenöter und dauerhaften Courmacher seiner Frau, anderweitig festgelegt zu sehen.

Der Rechtsanwalt folgte dem deutenden Blick.

»Nicht übel. Zudem – hier heißt's wirklich: alle beide oder keiner. Solange der Bruder nicht fest engagiert ist, heiratet Lieselott ganz sicher nicht, dafür kenn' ich sie. Na, die Wilten ist ja ein gescheites Frauenzimmer, die soll ihn wohl fest an die Kandare nehmen.«

»Damit er ihr nachher mit seinem Schnauferl um so gewisser durchgeht,« spottete der Ehemann. Beide lachten. Man saß bei Kaffee und Zigarren zwanglos um kleine Tische gruppiert. Während der Hausherr sich eifrig und halblaut mit Leonie unterhielt, fühltediese wiederholt heimlich in die Tasche, wo ihr Taler steckte, den sie heut seinem Eigentümer zurückerstatten wollte. Doch das »wie« war immer noch die ungelöste Frage. Unauffällig mußte es geschehen, und doch wollte sie ihn nicht einfach irgendwo hinlegen, daß sich nachher die Dienstboten ein willkommenes Extra-Trinkgeld daraus machten. So hörte sie ein wenig zerstreut den Worten ihres Nachbars zu. Nebenan in der Fensterecke saßen ein paar behäbige Pächter und schimpften laut über die hohen Löhne und schlechten Zeiten. »Uff!« stöhnte der eine, eben aus Marienbad Zurückgekehrte, der dem leckeren Aalgericht wohl mehr als dienlich zugesprochen, »nichts auf der Welt ist umsonst und der Tod kostet erst recht einen Haufen Geld, – das kann man in den großen Bädern erleben.«

»Schadet nix, das bezahlen die lachenden Erben,« gab der andere zurück. »Aber auch das armselige bissel Leben und Pläsier was man so auf der Welt hat – zum Beispiel, was meinen Sie? hat mein Schreiber nicht neulich die kleine Wirtschaftselevin um den Hals genommen und geküßt? Der Kerl war betrunken, weiter nichts – aber das Mädel geht hin und verklagt ihn, und er wird zu zwanzig Emchen verknackst. Fast wie in Amerika. Nicht mal 'nen Kuß mehr umsonst!«

Alles lachte über den komischen Zorn des bekannten Bonvivant und vermutete, daß hinter dem Schreiber wohl der Gutsherr selber stecken mochte.

»'s ist gut, daß die Küsse nicht immer so hoch im Kurse standen!« rief der Rechtsanwalt und schlenkerte seine Finger, als hätt' er sie verbrannt. »Herrgott, was hätten wir in unserer Jugend blechen müssen!All' die kleinen niedlichen Mädel – und nicht 'n Pfennig hat's einen gekostet! Haben sie alles für umsonst getan, und aufs Dutzend immer noch einen zugegeben – was, Dicker?«

Das Gespräch schien den Doktor unangenehm zu berühren, er suchte es durch eine gleichgültige Bemerkung abzulenken. Aber der Rechtsanwalt, Erdmanns Jugend- und Studienfreund protestierte.

»Ach was – nun laß mal dein Auto, Dicker, und bekenne Farbe: Wieviel Schulden hättstduwohl heut noch abzuzahlen, solltest du für jedes Küßchen in Ehren zwanzig Emchen blechen?«

»Gar keine,« sagte Erdmann kurz.

»Na, tu nur nicht so, du Tugendfritze!« widersprach der andere. »Von einem wenigstens weiß ich sicher. Hat dich allerdings bare drei Mark gekostet, und warst doch damals noch ein junger Bursch in den ersten Semestern, dem jeder ›Böhm‹ leid tat, den du nicht in Bier und Zigarren anlegen konntest.«

»Ich –? Ih Gott bewahre! Was dir nicht einfällt!«

»Na, na, schieß nur mal los und beichte, du!«

»Bei Gott, ich hab' keine Ahnung. Laßt doch die alten Geschichten, Kinder, wir sind ja hier nicht unter uns Pastorentöchtern.«

»Ach die Damen – denen macht's gerade Spaß. Erzähl nur, Dicker!«

»Erzählen, Doktor!« baten die Damen. »Ach bitte, erzählen Sie einen Schwank aus Ihrem Leben.«

»Ich weiß keinen.« Ärgerlich warf der Doktor seine Zigarette in den Aschenbecher und griff nach einer neuen.

»So – und das niedliche kleine Klostermädel, dem du vorgeschwindelt, du seiest ihr Landsmann? Der dudrei Mark gepumpt und hinterher einen Kuß als Belohnung verlangt hast?«

»Unsinn! Die Sache verhielt sich ganz anders.«

Leonie Wilten saß steif und hochaufgerichtet in ihrem Sessel, ihre Hände waren eiskalt, in ihren Ohren gellte es wie Trompetenstöße, und ihr feines Gesicht unter tiefdunklen Scheiteln ward abwechselnd rot und blaß. Was würde sie zu hören bekommen?

»So erzähl doch, Richard!« bat jetzt auch Lieselott. »Davon weiß sogar ich nicht mal etwas.«

»Na ja,« sagte der Doktor ergeben. »Dann muß ich wohl – schon damit mein Renommee in den Augen der Damen nicht allzu großen Schaden leidet.« Heimlich blickte er auf Leonie, deren Haltung und Miene er sich nicht recht erklären konnte. Während alle übrigen Damen, Lieselott einbegriffen, heiter und erwartungsvoll dasaßen, blieb sie ernst wie der Tod. War sie, die nicht mehr Junge und sonst so Verständige, in diesem Punkt noch spröd' und prätentiös wie eine Sechzehnjährige, die in ihrer Naivität verlangt, Männerherzen müßten sein wie ein unbeschriebenes Blatt? Lächerlich!

»Also« – begann der Doktor und erzählte den harmlosen Vorgang fast genau so wie Leonie ihn erlebt – doch mit all der Routine des gewandten Weltmanns, der seine Farben aufzutragen, Licht und Schatten raffiniert zu verteilen weiß, und in Ton und Färbung lag jenes undefinierbareje ne sais quoi, das Leonie aufs tiefste verletzen mußte. War das nur der natürliche Unterschied in der verschiedenen Auffassung von Mann und Weib? Oder lag der Grund tiefer? In seinem Charakter, seiner ganzen Anschauungsweise? Leonie war sich darüber nicht klar; sie hätte auchnichts dagegen sagen können, und wenn es ihr Leben gekostet hätte.

Doktor Erdmann beobachtete sie. Es ärgerte ihn, daß sie seiner hübschen kleinen Geschichte so teilnahmlos zuhörte. Hörte sie überhaupt zu? Sie saß mit einer undurchdringlichen Miene da und sah aus wie der menschgewordene Protest. Das reizte ihn über die Maßen – nun erst recht wollte er etwas sagen, das sie aus ihrer eisigen Reserve herausriß – und nur deshalb allein gab er seiner kleinen Geschichte zum Schluß eine andere Wendung – gleichsam ein ganz fremdes verzerrtes Gesicht.

»Na ja,« sagte er langsam und bastelte angelegentlich an seiner Zigarette, eh' er sie wie triumphierend mit elegantem Schwung an die Lippen führte – »aber meinen Taler sah ich natürlich niemals wieder!«

Leonie war starr vor Zorn, Haß und Empörung. Sie hätte aufspringen und ihm zurufen mögen: Sie irren – nein, Sie lügen ja mit Bedacht und Bewußtsein! Wären Sie nur gekommen – ich und der Taler haben auf Sie gewartet – Gott, wieviel Jahre! Alles Blut strömte ihr zum Herzen und brauste ihr dann wieder wie ein feuriger Strom in Stirn und Schläfen. Sie tupfte ihr heißes Gesicht mit dem Taschentuch – Um Gottes willen nur nichts merken lassen! und saß wieder wie zuvor steif und still im Schatten des Fenstervorhangs, die Hände krampfhaft um die Seitenlehnen ihres Stuhls geklammert – während die andern Damenunisonoüber den Doktor herfielen.

»Warum nicht? – Weshalb fuhren Sie nicht hin und holten sich Ihren Taler und besuchten die kleine – wie hieß sie denn?«

»Lotti oder Leni – was weiß ich?«

»Die hat doch gewiß auf Sie gewartet? – Vielleicht wartet sie heute noch, die Arme!« Alles lachte wie über einen guten Witz.

»Ja, meine Damen –« sagte der Doktor mit seinem mokantesten Gesicht und liebkoste nachdenklich seinen blonden Prinz-Heinrich-Bart. »Es war ja vielleicht auch ein bißchen meine eigene Schuld, daß ich den Taler nicht wieder kriegte. Mein alter Freund nahm mich nämlich mit nach Prag – nachher vergaß ich drauf – und am Ende lohnte es auch wirklich nicht der Müh'.«

»Drauf vergessen« – und »es lohnte ihm nicht mal der Müh'« - und saß nun hier und erzählte in mokantem Ton und behaglicher Weinlaune wie einen gutgelungenen Witz, was ihr einst das Höchste und Köstlichste auf Erden bedeutet, die reine süße Erinnerung ihrer Jugend, die sie Jahr um Jahr wie ein Heiligtum gehütet hatte. So sind die Männer! Sie hätte es längst wissen können. Warum nur tat ihr dies so furchtbar weh und rann wie ein glühender Strom durch ihren Körper? Vom Herzen zum Kopf und staute sich dort, als wollt' es ihr die Adern an den Schläfen sprengen. Und dann auf einmal – vielleicht durch ihr gewaltsames Sichbeherrschenwollen noch beschleunigt – trat die natürliche und in ihrer Wirkung beinah lächerliche Reaktion ein, – mit unbeschreiblicher Verwirrung fühlte Leonie, daß ihre Nase heftig zu bluten begann. Kaum schnell genug konnte sie das Taschentuch ans Gesicht führen – sprang auf und hastete aus dem Zimmer. Lieselott folgte ihr eilig nach.

»Never mind,« sagte Vetter Luz und hielt den Doktor zurück. »Das passiert ihr öfter, hat nichts zu bedeuten.'s war auch 'ne tolle Hitze heute und der ganze Weg so schattenlos,« gemütsruhig zündete er sich eine frische Zigarre an.

Der Doktor blickte ihn von der Seite an. Der wird mir nicht gefährlich, dachte er und widmete sich beruhigt seinen Gästen. Hm – was sie nur haben mag? War's wirklich nur die Hitze?

Lieselott hatte ihren Gast in ihres Bruders Sprechzimmer geführt, wo es kühl und ruhig war. Die Abendsonne schickte lange schräge Strahlen durch die Lücken der herabgelassenen Jalousien und mit den Strahlen zugleich kam ein blutrotes Leuchten von den Blumen auf dem Balkon herein.

»Mein eigenes Zimmer hab' ich leider ausräumen müssen, aber hier sind Sie ganz ungestört – kommen Sie, Fräulein Wilten, legen Sie sich ein wenig auf die Chaiselongue.«

Sie brachte Essig und Wasser und allmählich ließ die heftige Blutung nach – Leonies Gesicht wurde sehr blaß und sah im Dämmerlicht der Jalousien fast grünlich aus.

»Sie sind abgemattet von der langen heißen Fahrt,« sagte Lieselott mitleidig, »bleiben Sie nur ruhig liegen, niemand stört Sie hier. Und nicht wahr, Sie sind nicht bös, wenn ich jetzt wieder hinüber muß?«

Leise schloß sie die Tür hinter sich – Leonie war allein. Allein im Zimmer des Mannes, dem ihre erste Liebe gegolten, als sie seinen Namen nicht einmal kannte – und den sie jetzt beinah' haßte.

Sie lag ganz still. Wie aus weiter Ferne drang manchmal ein Lachen oder verworrenes Stimmengeschwirr an ihr Ohr. Oder das Rollen eines Wagens auf der Chaussee.

Sie öffnete die Augen und sah sich um. Etwas Eigenes, Persönliches haftet den Räumen an, die ein Mensch bewohnt, ein Teil seiner eigenen Seele, sagt man – und Leonie liebte es sonst, Menschen nach ihrer Umgebung zu taxieren. Wie hätte es sie früher gereizt, das Sanktissimum dieses Doktor Richard Erdmann kennen zu lernen, aus seiner Umwelt einen Schluß auf seinen Charakter zu ziehen. Heut hatte sie keinen Blick oder Gedanken dafür. Von innerer Unruhe gepeinigt, richtete sie sich auf, sah ein paar Kupferstiche an den Wänden, kleine farbige Aquarelle, Reiseerinnerungen; auf dem hohen mit Büchern besetzten Aufsatz des großen altmodischen Schreibtisches eine Goethe-Büste – das alles nahm sie nur mechanisch wahr, während ihre Gedanken unablässig bohrend arbeiteten. Ihr ganzes Innere war so voll Empörung, voll leidenschaftlichen Zorns, daß sie ihn am liebsten nie wiedersehen wollte, der ihr reinstes Erinnern in den Staub gezogen, sie vor den Augen seiner Gäste fast zur – Dirne gestempelt, die ihre Küsse um Geld verkauft. Ihre Phantasie arbeitete fieberhaft, ihr wirres schmerzendes Gehirn suchte nach den demütigendsten Worten, ihre erregten Nerven übertrieben und verzerrten das Geschehnis ins Bodenlose.

Ein erlösender Gedanke kam: Sie wollte fort. Heimlich sich davonschleichen – ihre beginnende Migräne war den Dienstleuten gegenüber Vorwand genug. Luz konnte mit den Bekannten aus der Kreisstadt nachkommen, Baumeisters hatten reichlich Platz für den dritten Fahrgast.

Aber vorher sollte »er« sein Geld wieder haben, den Taler, »den er nie wieder zu sehen kriegte« – sie lachte hart auf. Und wissen sollte er, wen er alsgeladenen Gast in seinem eigenen Hause beleidigte! Mühsam stand sie auf, ihr Kopf schmerzte fast unerträglich – eine Lüge war's nicht, wenn sie ihren Wirten durch die Dienstleute bestellen ließ, sie habe es nicht länger aushalten können. Die kühle Abendluft würde ihr gut tun.

Sie dehnte die Glieder – wie müd' und abgeschlagen sie war, wie nach einer schweren körperlichen Anstrengung. Langsam ging sie durchs Zimmer, zuerst an die Tür zum Wartezimmer, drehte leise den Schlüssel herum – dann, mit raschem Entschluß an den Schreibtisch. Da lag Rezeptpapier – ein Kuvert fand sich auch wohl. Sie setzte sich und nahm die Feder zur Hand, sann nach. Dabei wanderten ihre Blicke über den Schreibtisch. Nichts als Bücher – nur rechts und links von der Goethe-Büste zwei Photographien. Seine Eltern wohl – am Rahmen des einen steckte ein winziges verdorrtes Sträußchen, vielleicht galt's einer toten Mutter?

Ihr Blick glitt ziellos weiter. Über dem Schreibtisch jenes bekannte Bild eines englischen Malers: Der Arzt am Krankenlager eines Kindes in der trostlosen Umgebung einer Armeleutstube. Sie betrachtete das Antlitz des Arztes – es erschien ihr bekannt und lieb und vertraut durch einen Zug warmer Güte und Hilfsbereitschaft. Und nun auf einmal wußte sie's – es durchzuckte sie förmlich: das war dieselbe Güte und echtes hilfsbereites Menschentum, das ihr Blick und Antlitz des Doktor Erdmann trotz allem unendlich anziehend machte. Noch heute wie in dem idealschönen Jünglingsgesicht – aber ihr Zorn empörte sich gegen die mildere Regung. Sie wollte das nicht wahr haben! Energisch flog jetzt ihre Feder übersPapier und schrieb in hastigen zitternden Buchstaben: »Jemand, der jahrelang vergebens gewartet um Ihnen das geliehene Geld zurückzugeben, legt es heute in Ihre …« sie horchte auf und erschrak. Nebenan wurden Schritte laut, Herrgott, sie hatte nicht geahnt, daß die Portiere hinter der schräg ins Zimmer gerückten Chaiselongue den Ausgang in ein zweites Zimmer verbarg! Die Falten schoben sich spaltbreit auseinander, dann – als er sah, daß die Patientin auf war – trat der Doktor rasch ins Zimmer: »Gnädiges Fräulein …?«

Wie mit Blut übergossen saß sie da – eine ertappte Verbrecherin, unfähig sich zu rühren, einen Laut von sich zu geben.

»Ei – Sie schreiben sich wohl gar selber ein Rezept?« fragte er halb scherzend, halb befremdet. »Darf ich einmal neugierig sein?«

Hastig deckte sie die Hand über ihre Zeilen. Was mußte er von ihr denken? Sie – die Fremde, hier an seinem Schreibtisch – eingeschlossen in seinem Zimmer – Jesus Maria, in welch unglaubliche Situation hatte sie sich gebracht!

»Ich … wollte mich verabschieden …« stammelte sie, die andere Hand an ihre schmerzende Stirn pressend. »Ich halt's wirklich nicht mehr aus …« Ihr schmales, von den tief dunklen Scheiteln umrahmtes Gesicht erschien in diesem Moment gequält, geisterblaß. Ohne weiteres zog er ihr die Hand herunter, griff nach ihrem Pulse und sagte ruhig: »Aber dafür sind Sie hier im Doktorhause und werden mir erlauben …«

»Nein, nein!« stieß sie angstvoll heraus und entzog ihm ihre Hand. »Lassen Sie mich, bitte – ich will fort!« Befremdet trat er zurück.

»Und das ist Ihr Abschiedsgruß – ich habe also das Recht, ihn zu lesen,« sagte er und hob das schmale Blatt an seine etwas kurzsichtigen Augen.

»Was –Sie? – Mein Gott – nein!«

Leonie verlor alle Selbstbeherrschung griff in die Tasche und riß das Beutelchen heraus, und weil die Schnur ihren bebenden Fingern widerstand, warf sie es so auf den Tisch.

»Da haben Sie Ihr Geld – Gott weiß es, meine Schuld war's nicht, daß Sie Ihren Taler einbüßten!« rief sie außer sich – wandte sich und hastete der äußeren Zimmertür zu – hätte sie die nur nicht verschlossen! Im Nu hatte er sie eingeholt und hielt sie zurück.

»Gnädiges Fräulein! – Fräulein Leonie Wilten – wie konnt' ich ahnen …«

»Lassen Sie mich gehn …!« sie rang mit ihm, aber er hielt ihre Hände zugleich mit dem Türdrücker umfaßt, und er war der stärkere. Da wandte sie den Kopf, ihre Augen sprühten vor Zorn – fast schluchzend, sich überstürzend kamen ihre Worte: »– – ich war ein Kind, ein törichtes ahnungsloses Kind – und Sie haben mir mit dem Märchen von Ihrer Landsmannschaft den Kuß gestohlen! – Einem Kinde, das jedes Wort eines Erwachsenen auf Treu und Glauben hinnimmt, das noch keinen Zweifel kennt! – Ich hab' auf Sie gewartet jahrelang, um Ihnen Ihr Eigentum zurückzugeben – ich hab' Sie verehrt und liebgehabt – ach, so grenzenlos dankbar war ich meinem Retter aus dieser ersten großen Bedrängnis meines Lebens! Und Sie – Sie stempeln das ahnungslose vertrauende Kind hier vor Ihren Gästen zu ich weiß nicht was – Sie tun, als hätten Sie jenen gestohlenenKuß mitGelderkauft – o, Sie sind ein schlechter – – ein grundschlechter Mensch! – Und jetzt lassen Sie mich fort!«

Statt jeder Antwort führte er die am ganzen Leibe Zitternde zu seinem Schreibsessel zurück. »Jetzt bitte ich um Ruhe!« sprach er gebieterisch. »Hier bin ich vorerst einmal der Arzt und nichts weiter. Sie werden sich erst beruhigen, ehe ich Sie fortlasse. In dieser Verfassung können Sie nicht auf den Wagen und die vierstündige Heimfahrt antreten.«

Er schloß ein Schränkchen auf, goß Wasser in ein Glas und mischte ihr ein Pulver – »hier, bitte!«

Und sie – immer unter der zwingenden Gewalt seiner Augen, halb ohnmächtig vor zorniger Scham, Aufregung und physischem Schmerz, gehorchte willenlos – wie sie einst ihrem »Landsmanne« gehorcht hatte.

»So – und nun wollen wir weiterreden, Fräulein Leonie Wilten! Ich will mich kurz fassen.« Er setzte sich nicht, sondern blieb an seinen Operationstisch gelehnt, in einiger Entfernung stehen.

»Ich habe abzubitten, das ist wahr. Aber nicht nur, weil ich – ahnungslos und unabsichtlich, wie Sie mir glauben werden – Sie beleidigt habe, sondern weil ich gegen mich selbst und mein eigenes Empfinden unehrlich war. Lange Zeit hab' ich das kleine Erlebnis und das süße Gesicht meiner kleinen Landsmännin nicht vergessen können. Als ich damals nach Breslau zurückkam, bin ich eines schönen Tages wirklich nach Mariahilf hinausgepilgert, um mein kleines liebes Klostermädel wiederzusehen. Natürlich wurde mir an der Pforte mit eisigkühler Höflichkeit abgewinkt, da ich ja weder Bruder noch Vetter war – ja sogar den Vatersnamen dieser kleinen Leonienicht einmal kannte. Ich baute halt auf mein gutes Glück – aber nicht ein Zopfendchen bekam ich zu sehn! – Na, wie's dann so geht – im nächsten Semester zog ich nach Berlin, im Sommer nach Greifswald – und zuletzt vergaß ich drauf. Aber nie, das schwör' ich Ihnen! nie in all den Jahren, wenn ich je daran dachte, hab' ich anders als mit reiner und herzlicher Freude an das kleine Klostermädel zurückgedacht. Erst heute in der besondern Stimmung, in dem ganzen drum und dran, kam's so über mich, daß ich dem kleinen Erlebnis ein anderes Gesicht gab. Nicht mal mit Worten vielleicht, aber in meinem Ton lag etwas Leichtsinniges, Herabsetzendes, das Sie – ich begreife es wohl – aufs tiefste kränken und verletzen mußte. Aber im Grunde sind Sie selber daran schuld – Ihr strenges starkes Gesicht trieb mich dazu, mich selbst zu belügen, Ihrer eisigen Miene zum Trotz sprach ich gegen meine eigene Überzeugung. Ich wollte Ihr Urteil herausfordern, wollte – und sei's selbst in Zorn und Widerspruch, ein einziges Wort von Ihnen hören.

Und nun bitte ich Sie herzlich – verzeihen Sie mir!«

Er hielt ihr die Hand hin – sie saß unbeweglich, die Hände im Schoß gefaltet und sah an ihm vorüber gegen das Fenster hin. Rot wie Blut brannten die Pelargonien durch den Ausschnitt der Jalousie herein – ihr war, als flösse das rote Blut in heißen Tropfen aus ihrem Herzen.

Er sah sie an und er, der schönheitsliebende, sah den Reflex der roten Blumen wie Blutstropfen auf der weißen Mädchengestalt liegen und empfand selbst in diesem Augenblick den feinen eigentümlichen Reiz des Bildes. Er wartete – es kam keine Antwort,da wandte er sich enttäuscht und gekränkt ab und sah das Beutelchen auf dem Schreibtisch liegen, das kleine verblaßte, zerknitterte Ding, dem man es ansah, wie lange seine Besitzerin es mit sich herumgetragen. Er nahm es auf und wog's in der Hand, und eine wunderliche Rührung überkam ihn. Sprach dies unscheinbare kleine Ding nicht Bände, wie ein junges Herz einst auf ihn gehofft und gewartet, an ihn gedacht – jahrelang vielleicht? War das nicht Liebe? Die erste, selbstloseste, die reinste, die es im Leben gibt und die hatte ihm gehört! Sie sagte es ja selbst – und er hatte es nicht gewußt. Nicht einmal geahnt. Und nun stürmte er – auch schon seit Jahren – durchs Leben und suchte nach dem Kleinod einer echten großen Liebe und betäubte sich mit tausend andern wertlosen Genüssen, weil er nicht fand, was er suchte. Und auch hier, auch jetzt bei dieser zufälligen Bekanntschaft hatte er in erster Linie nur ans Geld gedacht und die gute Partie in Betracht gezogen, und hatte soeben mit eigenen Füßen das fast vergessene Pflänzchen Liebe zertreten, das vielleicht – nach Jahren noch – heimlich für ihn blühte – – – Ach, Unsinn! – die Zeiten der Romantik waren vorbei – so was gab's ja gar nicht mehr!

»Mir ist jetzt besser – und ich darf wohl gehn?« fragte neben ihm eine scheue Stimme.

Er sah das blasse Gesicht, den gequälten hilflosen Ausdruck ihrer Augen – und ihm war, als ob all das forcierte Herrenmenschentum seiner letzten Jahre von ihm abfiele und ein letzter unverbrauchter Rest seiner unverdorbenen, ungekünstelten wahren Natur diesem andern Menschen da vor ihm entgegendrängte.Nicht dem Kinde mehr, das ihn einst geliebt hatte, sondern dem Weibe, das jetzt durch ihn litt.

Wie mit drängenden Händen, all seiner spöttischen Überlegenheit, seinem hochmütigen Selbstbewußtsein zum Trotz, wollte es ihn auf die Kniee ziehn – fast mit Gewalt hielt er sich aufrecht. Aber sprechen mußte er jetzt, zu laut redete die innere Stimme und ein langunterdrücktes zwingendes Etwas forderte endlich sein Recht. Er beugte sich vor und griff nach ihrer Hand.

»Verzeihen Sie mir, Leonie!« bat er – und ein hinreißender Ton von Wärme und Ehrlichkeit, ein Ton wie er ihn vielleicht nie in seinem Leben gefunden, klang aus seinen Worten.

»Verzeihen Sie mir – und glauben Sie meinen Worten: Ich hatte um Sie werben wollen, weil Sie ein schönes, kluges und – reiches Mädchen sind – jetzt aber werbe ich um Sie, weil ich Sie liebe und weil ich eine Frau brauche, die mich sehr liebhat und die – mir viel verzeiht.


Back to IndexNext