Von Dibandjó bis Endumenui waren die sanft aufsteigenden Gelände hauptsächlich mit Elefantengras bedeckt, aus dem sich teils einzeln oder in Gruppen und kleinen Wäldchen Bäume erhoben. Zu unserem Glücke war der Berg, welchen wir hinter Endumenui zu erklettern hatten, dicht bewaldet, so daß die Sonne die mit ihrem schweren Gepäck langsam emporkletternden Träger nicht erreichen konnte. Dieser Aufstieg dürfte für meine Träger für denselben Tag zu viel geworden sein, hätten wir nicht das Glück gehabt, in den Bakossi diese Hülfe zu finden. Nach etwa einstündigem Emporsteigen gelangten wir auf die Ebene am Fuße des höchsten Kegels des Kupee-Berges, und bald darauf zogen wir in Nyassosso ein. Ich ließ sofort bis in die Nähe der Baseler Missionsstation marschieren und daselbst mein Lager aufschlagen. HerrWalker, der deutsche Missionar, welchen ich bereits von meiner Schiffsreise von Lagos nach Victoria her kannte, begrüßte mich auf das herzlichste. Ihm sowohl wie seiner Frau Gemahlin bin ich zu großem Danke verpflichtet für die Art, in der sie mir den kurzen Aufenthalt in Nyassosso so angenehm gemacht haben.
Von meinem Lager aus konnte ich den Kupee-Berg am Abend in seiner ganzen Pracht bewundern, als die Sonne unterging und ihren rötlichen Schimmer über das ganze Panorama warf. Der Berg ist bis zu seinem Gipfel dicht bewaldet und ähnlich wie der Kamerunberg kegelförmig aufgebaut. In den Wäldern giebt es noch viele Kautschuklianen, doch scheint Kickxia nicht über 500 m Höhe hinaufzusteigen. Meine Befunde über die Höhe von Nyassosso stimmten nach Aussagen der Missionare mit denen des Geologen Herrn Dr.Esch, welcher etwa zwei Jahre vor mir die Bakossi-Gebirge besuchte und auch den Gipfel des Kupee-Berges erstieg, ziemlich überein. Ich selbst hätte gern eine Besteigung des Berges unternommen, glaubte mich aber nicht in Nyassosso lange aufhalten zu dürfen, da ich noch vor Ende des Monats Februar von einer beabsichtigten Reise nach der Südküste des Kamerun-Gebietes zurückkehren mußte, um mit dem Dampfer am 4. März nach Togo zu reisen. Es wurde mir damals ordentlich schwer, von Nyassosso wieder abzuziehen, ohne die Bergbesteigung und eine kleine Expedition bis zur Grenze der Grasregion im Norden, welche nach HerrnWalkersAussagen nur zwei Tagemärsche von Nyassossobeginnen soll, gemacht zu haben. Froh zog ich wiederum von Nyassosso weg, da ich mir sagen konnte, daß die Aufgabe, welche ich mir für die Bakossi-Expedition gestellt hatte, vollständig gelöst war. Ich hatte Kickxia bis in die Bakossi-Gebirge hinein nachweisen können und hatte auch Landolphien in mehr oder minder großen Quantitäten längs der ganzen Route gefunden. Daß die Gebiete am Fuße des Gebirges bei Mafura und Eko-Keyoke so günstige Bedingungen zur Anlage von Plantagen lieferten, war auch bis dahin nicht zu erwarten gewesen, wie ja überhaupt über jene Gebiete gar nichts bekannt war, da alle anderen Reisenden vom Wuri oder den Mungo-Fällen her auf einer ganz anderen Route in das Bakossi-Gebiet gelangt waren. Auch HerrnWalker, welcher bereits seit längerer Zeit in Nyassosso lebte, war die von mir eingeschlagene Route nicht bekannt. Gern hätte ich zu dem Rückmarsche einen vonConrauauf seiner Karte jener Gegenden aufgezeichneten und von ihm benutzten Weg längs des Mungo gewählt, mußte aber diesen Plan aufgeben, da ich keinen Eingeborenen finden konnte, der den Weg kannte.
Kickxia-Bäume in Mundame.
Kickxia-Bäume in Mundame.
Am 28. Januar unternahm ich unter Führung des Herrn MissionarWalkernoch einen kleinen Spaziergang, um die etwas unterhalb von Nyassosso liegenden Sägewerke der Station zu besichtigen, in denen das sämtliche Bauholz für die Bakossi-Mission geschnitten wird. Zur Herstellung von Brettern und Balken wurde hauptsächlich eine Terminalia-Art verwendet, welche sich durch besondere Härte ihres Holzes auszeichnen soll. Das Terrain auf dem Plateau, in welches wir hinabstiegen, war auch vorzugsweise mit Elefantengras bedeckt, aus dem sich verschiedene Bäume, einzeln oder in Gruppen, erhoben. Hier und dort sah man ausgedehntere Gebüsche, besonders in der Nähe der Waldungen. Auch hier im Bakossi-Gebiete haben die Eingeborenen die schlechte Gewohnheit, das Gras niederzubrennen, wenn sie ihre Pflanzungen anlegen wollen, ohne dabei die nötigen Vorsichtsmaßregeln zu treffen, so daß nicht selten Waldbrände vorgekommen sind, welche natürlich einen großen Schaden anrichteten, denn an Stelle der Wälder tritt an den abgebrannten Orten gewöhnlich das Elefantengras auf, das zu nichts nütze ist und nur das Ungeziefer der Umgegend anzieht.
Da ich keine Zeit zu verlieren hatte, brach ich schon früh von Nyassosso am 29. Januar auf, um auf demselben Wege, auf dem wir gekommen waren, wieder nach Mundame zurückzumarschieren. Meine Träger äußerten die Absicht, mit mir noch weiter zu ziehen, doch das ging nun einmal nicht, ich mußte umkehren. Hätte ich allerdings damals gewußt, wie lange ich noch an der Küste warten sollte, ehe ich nach dem Süden reisen konnte, so hätte ich sicherversucht, über Land nach dem Sanaga zu gelangen, um dann über Klein-Batanga längs der Küste nach dem Süden zu gehen.
Um 6 Uhr ließ ich schon von Nyassosso abmarschieren. Über Endumenui, Ngusi, Etó und Dibandjó marschierten wir, ohne uns irgendwo in diesen Dörfern aufzuhalten, direkt bis Eko-Keyoke. Vor Eko-Keyoke hatten wir den Ebury-Bach, welcher sich in einem großen Bogen dort dem Dorfe nähert, zu überschreiten. Derselbe erinnerte mich sehr lebhaft an den Meandja-Bach am Kamerun-Gebirge. In Eko-Keyoke ließ ich nur wenige Minuten rasten, da ich mit dem Häuptling noch über einige Dinge sprechen wollte. Durch das nur aus drei Hütten bestehende Dörfchen Dibara gelangten wir gegen 10½ Uhr wieder nach Mafura. Hier ließ ich nun eine Rast von drei Stunden machen, um die Leute für den langen Nachmittagsmarsch, welcher uns bevorstand, möglichst frisch zu erhalten. Es gab hier in Mafura übrigens derartige Mengen von Elefantenfliegen, daß ich nicht einmal mit Ruhe essen konnte, obgleich ich rings um meinen Tisch herum kleine Feuer hatte machen lassen, um durch den Rauch die Tiere möglichst zu verscheuchen. Leider half dieses Mittel aber nicht, so daß ich meine Arbeiten, mit denen ich die Lagerzeiten zu vertreiben pflegte, bis auf den Abend verschieben mußte. Auf dem Marsche durch die hinter uns liegenden Bakossi-Dörfer war mir übrigens damals aufgefallen, daß an jeder Palaverhütte zwei Elefanten-Unterkiefer lagen. Ich erkundigte mich in Mafura nach der Ursache dieser Sitte, konnte aber nichts über deren Bedeutung erfahren; offenbar haben dieselben etwas mit dem Fetischglauben der Leute zu thun. Am Nachmittage traten wir den Marsch durch den Urwald nach Otam an, dessen Länge uns ja bereits bekannt war. Bis zum Etinge-Bach befanden wir uns noch auf der wundervollen, fruchtbaren Ebene und gutem Wege, von da ab ging es stets über Hügel und die Thäler der kleinen Bäche. Der Abstieg zum Manya-Flusse machte uns besonders viel zu schaffen, da die Träger auf den mit Algen bedeckten Felsen leicht ausglitten und dann mit ihrer Last fielen. Etwa 1½ Stunde vor Otam passierten wir die verlassenen und in Zerfall begriffenen Hütten des ehemaligen Ortes Etamarca, dessen Einwohner nach Mafura gezogen sein sollen. Gegen Abend trafen wir in Otam ein. Ich ließ sofort mein Zelt aufstellen und begann dann mit einigen schriftlichen Arbeiten, welche bis tief in die Nacht hinein dauerten. Zu meinem Erstaunen wurden wir in der Nacht von Moskitos arg gepeinigt.
Am Morgen des 30. Januar brachen wir sehr zeitig von Otam auf, um durch den infolge der vielen Achyranthes-Büsche am Wege recht unangenehm zu passierenden Buschwald nach Ngomolenge zu gelangen. Die Namen der Bäche, welche wir passierten, sindnach Angaben der Eingeborenen Take und N’kobe. Die Leute von Ngomolenge, welche versprochen hatten, für mich Kickxiafrüchte zu sammeln, hatten bloß sechs derselben gefunden, statt dessen aber einige Kilo Kautschuk in der Zeit hergestellt, welche sie mir nun für Tabak zum Kaufe anboten. Natürlich waren sie sehr entrüstet darüber, daß ich den Kautschuk nicht nahm. Nach kurzem Aufenthalte zogen wir direkt bis Mokonye-Niggerdorf fort und erreichten die Mundame-Plantage am Nachmittage. Nachdem ich daselbst mein Lager wieder aufgeschlagen hatte, ging ich zusammen mit HerrnSchubertnoch nach Mundame, um mich nach einer Gelegenheit zu erkundigen, ein Canoe zu besorgen, das groß genug sein mußte, meine sämtlichen Lasten zu befördern, da ich mich entschlossen hatte, auf dem Mungo die Rückreise nach Victoria anzutreten. Ohne etwas ausgerichtet zu haben, kehrten wir am Abend nach der Plantage zurück, um am nächsten Tage unsere Bemühungen zu erneuern.
HerrSchuberthatte, seinem Versprechen gemäß, während meiner Abwesenheit auf der Bakossi-Expedition in der Umgebung der Plantage Kickxiafrüchte für mich sammeln lassen, welche ich nun zur Küste mitzunehmen gedachte. Einschließlich der Samen, welche ich unterwegs gesammelt hatte, und der, welche mir die Eingeborenen von Ngomolenge besorgt hatten, konnte ich etwa 10000 Samen zur Küste mitnehmen.
Unseren eifrigen Bemühungen gelang es doch, am 31. Januar ein, wenn auch defektes, Canoe zu bekommen, mit dem ich es wagen wollte, die Rückreise anzutreten. Demgemäß brach ich am 1. Februar von der Plantage auf. Von Mundame konnte ich erst um 10 Uhr abfahren, da das defekte Canoe sich noch im letzten Augenblicke gegen ein besseres umtauschen liess. Ich hatte in dem Canoe nur sechs Ruderer, da man nur mit Not in Mundame vier Leute auftreiben konnte, welche einwilligten, mich bis N’Bamba zu bringen. Meine beiden Jungen mußten deshalb natürlich auch tüchtig helfen. Da der Mungo einen recht niedrigen Wasserstand hatte und deshalb die Strömung nur eine langsame war, wir außerdem noch wiederholt auf Sandbänke gerieten, dauerte die Fahrt länger, als ich gedacht. Erst gegen 2½ Uhr am Nachmittage trafen wir bei der Baseler Missionsstation Bakundu ein, welche nicht mit dem Bakundu zu verwechseln ist, das ich früher besucht hatte. Ich ließ den Leuten nun etwas Zeit zum Essen, während ich zur Station hinaufging, um den Missionaren Grüße aus Nyassosso zu überbringen. Von Bakundu bis Malende-Strand war die Fahrt erst recht unangenehm, da es hier noch viel mehr Sandbänke gab, als zuvor, auf die natürlich meine Leute,welche alle ungeübte Ruderer waren, mit tödlicher Sicherheit auffuhren, so daß ich sie immer wieder ins Wasser schicken mußte, um das Canoe wieder flott zu machen. Da die Früchte des Wollbaumes (Ceiba pentandra) gerade reif waren und die flockigen Samen zu Millionen vom Winde herumgetragen wurden, war stellenweise die ganze Wasserfläche von den Samen derartig bedeckt, daß man glauben mochte, man befinde sich vor einem Schneefelde. Die Eingeborenen sammelten, in kleinen Canoes umherfahrend, große Mengen dieser Flocken ein. Wie ich noch am Abend Gelegenheit hatte, zu sehen, fertigten sie aus denselben Kissen an, welche sich allerdings sehr gut gebrauchen ließen. Ob die Leute noch eine besondere Verwendung für die Samen haben, konnte ich während dieser sehr beschleunigten Flußreise nicht feststellen; da dieselben sehr ölhaltig sind, ließen sie sich eventuell zur Ölbereitung verwenden, besonders dort, wo sie, wie am Mungo, in riesigen Mengen mit Leichtigkeit aufgesammelt werden können. Erst mit eintretender Dunkelheit trafen wir in Malende-Strand ein. Da hier nur ein Haus mit drei Abteilungen stand, so war ich gezwungen, mit meinen Leuten eine derselben einzunehmen, denn ich wollte, um die damit verbundenen nicht unbedeutenden Umstände zu vermeiden, nicht erst mein Zelt aufschlagen lassen. Die in dem Hause wohnenden Eingeborenen mußten sich dann die beiden anderen Abteilungen teilen. Während der Fahrt von Mundame bis Malende-Strand hatte ich da, wo die Ufer etwas hügelig waren, einige Kickxien beobachtet und von einer auch einige Früchte herunterholen lassen. Auch Lianen, welche Kautschuk lieferten, kamen mir hin und wieder zu Gesicht, doch war die nicht brauchbare Landolphia florida vorherrschend.
An die Nacht, welche ich in Malende-Strand nach jenem Tage durchzumachen hatte, werde ich noch lange denken. Ein Kind der das Haus bewohnenden Eingeborenen war krank, und man glaubte allgemein, daß es in der Nacht sterben würde; die Mutter desselben war halb wahnsinnig vor Verzweiflung geworden. Nachdem ich dem Jungen, welcher einfach an einer sehr starken Verstopfung zu leiden schien und daher immer über starke Schmerzen im Magen klagte, etwas Calomel gegeben und den Leuten versichert hatte, daß die Sache ganz ungefährlich sei, beruhigten sie sich einigermaßen. Froh über diesen Erfolg, legte ich mich nieder, wurde aber derartig von Moskitos gepeinigt, daß ich trotz einer ziemlichen Ermüdung nicht an Schlaf denken konnte. Um mich nun erst vollends wachzuhalten, fing der Kranke wieder an zu stöhnen, und sofort begann die ganze Gesellschaft mit einem wüsten Geheul, daß der Junge jetzt sicher sterbe. Da die Mutterglaubte, daß die Medizin des Weißen nicht helfe, nahm sie natürlich zu ihren eigenen Mitteln Zuflucht. Wie eine Wahnsinnige schlug sie bei dem Lager des Kranken in die Luft hinein und bewegte sich so schlagend zum Ausgange hin, als ob sie etwas vor sich hertreibe, dabei stieß das Weib die merkwürdigsten unartikulierten Laute aus, welche wohl Beschwörungen sein sollten; vor der Thür erreichte diese Scene ihren Höhepunkt. Nach etwa fünf Minuten langem Kreischen und Schimpfen, als ob sie jemand fortjagen wolle, was in diesem Falle wohl ein böser Geist war, kehrte sie rückwärts gehend und immer noch wie wahnsinnig vor sich herschlagend, ins Haus zurück, wo sie erschöpft am Lager des Kranken zusammenbrach. Nach einiger Zeit kamen noch mehrere Eingeborene, welche wohl Verwandte des kranken Kindes sein mußten. Die Weiber klagten die ganze Nacht hindurch. Daß man mir damals nicht vorwarf, daß meine Medizinen den Zustand des Patienten verschlimmert haben, wunderte mich zur Zeit sehr. Da doch nicht an Schlaf zu denken war, ließ ich schon um 4 Uhr das Canoe zur Abfahrt bereit machen und die Lasten, welche wir im Hause gebraucht hatten, hineinschaffen. Als ich meinen Thee trank, kam mir der Gedanke, daß ich dem kranken Kinde davon eingeben könne, doch die Leute hatten kein Vertrauen mehr zu den Medizinen des Weißen und nahmen den Thee nicht an, bis zu aller Erstaunen plötzlich der vermeintlich Halbtote aufstand und mich noch um etwas Medizin bat, die ich ihm dann auch in Form von einer neuen Dosis Calomel eingab. Unter großen Dankesbezeugungen der Mutter, welche nun vor Freude über die Wiedergenesung ihres Sohnes fast noch toller wurde als vor Verzweiflung über seine Krankheit, ließ ich um 5 Uhr abfahren, um so möglichst schnell zu entkommen.
Wir machten ziemlich schnelle Fortschritte, solange es kühl war, doch sobald die Sonne etwas höher stieg, erschlafften die Leute sehr merklich, so daß ich sie beständig anzufeuern hatte. Erst als ich gegen Mittag einige Enten und Reiher geschossen, und drohte, daß ich das für mich überflüssige Fleisch an die Eingeborenen des nächsten Dorfes verschenken würde, wenn sie sich nicht mehr beeilten, ruderten sie wieder kräftiger, bis ich bei einem Dorfe, welches die Leute Mangono nannten, zum Kochen Halt machen lassen wollte. Trotz langer, vergeblicher Bemühungen war hier außer einem einzigen Plantenbüschel bei den Einwohnern nichts Eßbares für meine Leute aufzutreiben, so daß ich es vorzog, noch bis 1 Uhr weiterfahren zu lassen. In dem Dorfe, welches wir darauf erreichten, hatten wir mehr Glück und konnten uns nun Zeit nehmen, etwas zu genießen. Als wir dann am Nachmittage weiterfuhren, machte sich bald die Nähe des Meeres durch eine angenehme,starke Brise bemerkbar, welche für uns sehr wohlthuend war. Wir passierten eine ganze Reihe von Dörfern, in denen das Dualla-Element sofort als das herrschende zu erkennen war. Längs der Ufer hatten die Eingeborenen schmale Streifen des niedriger gelegenen Landes mit Koko (Xanthosoma), Manihot und Mais bepflanzt; man erkannte sehr schnell, daß man es hier nicht mehr mit einem der Buschvölker zu thun hatte. An seichteren Stellen waren Reusen zum Fangen von Fischen aufgestellt, und häufig sah man Kinder und Weiber in kleinen Canoes dabei beschäftigt, Fische zu fangen. Gegen Abend sahen wir die ersten Mangroven und erreichten gleich danach die Mungo-Dörfer, in deren größtem ich für die Nacht zu kampieren gedachte. Die Eingeborenen (Duallas), welche uns sogleich am Strande umringten, zeichneten sich durch Unverschämtheit und Frechheit aus. Als ich den sogenannten König zu sprechen verlangte, hieß es, daß derselbe abwesend sei, aber bald zurückerwartet werde. Ich versuchte nun, einen Führer zu engagieren, welcher uns durch die unzähligen Mangroven-Creeks bis N’Bamba bringen sollte, doch stellten die Leute derartig hohe Bedingungen, daß ich alle weiteren Verhandlungen abbrach und energisch forderte, daß man den „König“ sofort rufe. Als die unverschämte Gesellschaft nun einsah, daß sie sich ihre Chancen verscherzt hatte, berieten sie sich eine Zeit lang und schickten dann ein Canoe ab, welches, wie sie sagten, den König von meiner Anwesenheit in Kenntnis setzen sollte. Am Abend kam derselbe endlich an, als ich bei meinem Abendessen saß. Um ihm zu zeigen, daß er mit mir nicht so umspringen könne, wie seine Leute zu glauben schienen, ließ ich ihn erst eine geraume Zeit warten, bis ich mit Essen fertig war, dann beschwerte ich mich über das freche Benehmen seiner Leute und riet ihm, ihnen zu sagen, daß sie sich besser vorsehen müßten, sonst könnten sie eventuell den Kürzeren ziehen. Als Führer verlangte ich dann von ihm einen jungen Mann für eine von mir festgesetzte Bezahlung. Nach einem furchtbar langweiligen Palaver, das bis in die Nacht hinein währte, einigten wir uns schließlich darauf, daß er seinen Sohn, welcher die Creeks gut kannte, als Führer mitgeben solle, wofür ich 4 Mk. zu zahlen hatte. Ein Geschenk, das mir der Kerl noch am Abend sandte, schickte ich wieder zurück, indem ich ihm sagen ließ, daß ich mit dem unverschämten Benehmen seiner Leute nicht zufrieden gewesen, und da er als „König“ dafür verantwortlich sei, wolle ich auch mit ihm keine Geschenke tauschen. Meine Leute hatten das Canoe an einer steilen Bank an beiden Seiten festgelegt, damit durch den Wechsel von Ebbe und Flut nicht Unheil entstände. Ich hatte mich in das Canoe auf die Lasten während der Nacht zum Schlafen niedergestreckt,erwachte aber plötzlich durch einen eigentümlichen Ruck und sah nun zu meinem Schrecken, daß die Leute das Fahrzeug zu kurz angebunden hatten, so daß dasselbe, da die Ebbe eingetreten war, in freier Luft umherhing und, für mich um so unangenehmer, vollständig schief, denn die eine Seite war auf einer vorspringenden Baumwurzel hängen geblieben. Ich durfte mich nun nicht eher rühren, als bis es mir gelungen, einige meiner Leute heranzurufen, mit deren Hülfe ich das Canoe ins Wasser herablassen konnte und so aus der unangenehmen Lage befreit wurde.
Mit Sonnenaufgang ließ ich am nächsten Tage abfahren, froh, von dieser Gesellschaft von Duallas Abschied nehmen zu können. Die Vegetation, welche wir anfangs vor uns hatten, bestand aus einer Übergangsvegetation, ehe wir in die Gebiete kamen, in denen wir nur die typische Mangroven-Formation vor uns hatten. Wiederholt sahen wir Krokodile, welche bei unserer Annäherung schleunigst sich unsichtbar machten. Hätten wir den Führer nicht bei uns gehabt, so hätten wir uns sicher in diesen Creeks verirrt, ein solches Labyrinth von Wasserläufen hatten wir zu durchfahren. Wiederholt schien es, als sei ein Tornado im Anzuge, der für uns sehr unangenehm werden konnte, da wir nirgends anlegen konnten. Als wir über den großen Möven-See fuhren, brach auch wirklich ein kleiner Sturm aus, der uns zwang, eine Zeit lang das Canoe zwischen die Mangroven zu bringen, da wir sonst unfehlbar umgeworfen worden wären. Bald erschien jedoch die Sonne wieder, so daß wir ohne großen Zeitverlust unsere Reise fortsetzen konnten. Eine solche Fahrt von einigen Stunden zwischen Mangrovengebüschen hindurch gehört zu den langweiligsten Touren, welche man je unternehmen kann. Nichts als stets dieselben Rhizophoraceen und Avicennien, selten außer Krokodilen ein lebendes Tier, höchstens hier und dort einige behend entfliehende Meerkatzen zu sehen, dazu die schwere, drückende Luft des Morastes und meist eine furchtbare Hitze, das sind die Erinnerungen, welche ich von allen derartigen Touren mit heimgenommen habe. Doch auch diese Fahrt erreichte ihr Ende. Gegen Mittag kamen wir vor der Nikol-Insel in der Nähe des Dorfes Dikulu in die offene See. Da meine Leute recht ungeübte Ruderer waren, war die Fahrt nicht ungefährlich, denn auf dem Wasser stand eine steife Brise, welche ziemlich hohe Wellen erzeugte; wir konnten uns auch nicht der Küste zu sehr nähern, da längs derselben große Mengen von Felsen zerstreut waren. Vor der Dikulu-Bucht ließ ich einmal zwischen den Felsen hindurch an das Land heranfahren, um kurze Zeit daselbst zu verweilen, denn wir hatten noch nichts genossen, und ich wollte schnell etwas Essen für die Leute kochen lassen. Nach etwa einstündigemAufenthalte fuhren wir über die Dikulu-Bucht hinüber und bogen dann um die nächste Spitze in die schöne Bimbia-Bucht ein, in der wir gegen 4 Uhr bei N’Bamba landeten. HerrRehbein, der Vertreter des HerrnFriederici, war zufällig in dem Hause, so daß ich sogleich mit ihm die nötigen Arrangements betreffs Beförderung meiner Lasten nach Victoria treffen konnte. Er war so freundlich, die Sachen zu übernehmen und am nächsten Tage, einem Sonntage, die Lasten durch einige Yaunde-Arbeiter unter Führung eines meiner Jungen, den ich zu dem Zwecke in N’Bamba zurückließ, nachzuschicken. Die vier in Mundame gemieteten Leute und der Führer aus den Mungo-Dörfern sollten am nächsten Tage das Canoe nach Kamerun bringen, um es daselbst bei der Faktorei vonJantzen & Thormählenabzugeben. Ich selbst ging mit einem Jungen und mit einem Träger noch am Nachmittag nach Victoria weiter über Land. In Victoria traf ich dann am Abend ein, froh, daß alles so glücklich abgelaufen war. Leider wurde ich daselbst gleich mit einer Nachricht empfangen, welche mich tief erschütterte,Plehnsei auf seiner Expedition nach den Gegenden des Yong durch einen vergifteten Pfeil getötet worden. Fast wollte ich meinen Ohren nicht trauen, als ich das hörte. Welch ein Schicksalsschlag war das wieder für die Kolonie, wieder war einer der tüchtigsten Beamten verloren, der nicht so leicht zu ersetzen sein wird, denn Dr.Plehnhatte unter den so schwierigen Verhältnissen die Sanga-Ngoko-Expedition in einer Weise geführt, daß selbst seine Neider ihm ihre Bewunderung nicht versagen konnten.
Für die nächste Zeit war ich nun leider an Victoria gebunden, da sich keine Gelegenheit bot, nach dem Süden zu gelangen. Es war höchst unangenehm für mich, immer mehr von meiner kostbaren Zeit durch unnützes Warten in dieser Weise zu verlieren. Ich benutzte daher die Zeit mit Einpacken eines großen Teiles meiner Lasten für Togo sowohl, als auch aller nun überflüssigen für Europa. Am 8. Februar kam endlich die „Nachtigal“ von Kamerun mit der Strafexpedition des Herrn Hauptmannv. Besser, welche, von Victoria aus ins Innere marschierend, erst die Bangwa, die Mörder des HerrnConrau, bestrafen und dann nach den Cross-Schnellen vorgehen sollte, wo die Eingeborenen den Leutnantv. Queißniedergemacht hatten. Am 10. Februar benutzte ich die Gelegenheit, mit der „Nachtigal“ nach Kamerun zu fahren, von wo aus ich eher Gelegenheit, nach dem Süden zu kommen, erhoffen konnte. Bei dem Vertreter der FirmaJantzen & Thormählen, welche mich in jeder Weise während meines Aufenthaltes in Kamerun unterstützt hatte, fand ich Aufnahme für die Zeit meiner gezwungenen Ruhe in Kamerun. Herrn GouverneurKöhler, welcher den inzwischennach Europa abgereisten Herrn Gouverneurv. Puttkamervertrat, stattete ich kurzen Bericht über meine Bakossi-Reise ab und besprach mit ihm die Möglichkeit meiner Togo-Reise, auf der er mich in jeder Weise zu unterstützen versprach.
In Kamerun hatte ich während meines damaligen Aufenthaltes Gelegenheit, die äußerst ungünstigen Handelsverhältnisse des Platzes kennen zu lernen, welche durch die maßlose Konkurrenz der vielen dort ansässigen Firmen hervorgerufen worden waren. Die Kaufleute hatten zwar unter sich ein Syndikat gebildet, welches den Zweck hatte, die Preise möglichst zu halten, doch konnte sich auch das nicht bewähren.
Der Kautschuk, den ich hier von den Duallas zum Verkauf angeboten sah, bestand aus kleinen Stücken von der Größe eines Pfennigs, so daß man glauben sollte, ein Betrug wäre in solchem Falle nicht möglich. Doch auch hier hatte der schlaue Negerkopf ein Mittel ausfindig gemacht, mit dessen Hülfe er den Europäer betrügen konnte. Der nasse Kautschuk wurde einfach mit Sand vermischt und dann dem Weißen erst verkauft. Wenngleich man auch sofort sehen konnte, daß der Neger dieses Mittel angewendet hatte, um mehr Gewicht in seiner Ware zu erzielen, so wußte man doch nicht zu schätzen, wie viel Sand in der Menge vorhanden war. Den Kautschuk zurückzuweisen, wäre auch nicht angebracht gewesen, da der Betrüger seine Ware sicher bei einem Konkurrenten abgesetzt hätte. Dass unter solchen Verhältnissen ein Handel in dem Orte Kamerun sich nicht heben kann, muß jedem denkenden Menschen einleuchten. So ist es auch zu erklären, daß die Kaufleute am Kamerun-Flusse klagen, daß sie nichts verdienen, während ihre Kollegen an der Südküste bedeutenden Gewinn, besonders aus dem Kautschukhandel, erzielen sollen.
Nachdem ich eine volle Woche umsonst in Kamerun gewartet hatte, bot sich mir endlich am 16. Februar eine Gelegenheit, die Reise nach der Südküste zu machen. Wie bedauerte ich damals, daß ich mich nicht länger im Bakossi-Gebiete oder in der Umgegend aufgehalten hatte, statt hier in Kamerun so lange fast zwecklos umhersitzen zu müssen. Doch ich war zur Küste gekommen, da ich unter dem Eindrucke war, daß mich die „Nachtigal“ nach dem Süden bringen sollte.
Es sollte offenbar alles nicht recht gehen, denn erstens kam der englische Dampfer, welcher für die Fahrt nach dem Süden bestimmt war, nicht vor dem 17. Februar fort, zweitens aber sollte er, was sonst fast nie vorkam, die sämtlichen kleinen Plätze vor Groß-Batanga besuchen, um dort Fracht zu löschen; ich konnte also nicht erwarten, vor dem 20. Februar in Groß-Batanga einzutreffen,während ich unter den gewöhnlichen Umständen dort bereits einige Stunden nach der Abfahrt von Kamerun angelangt wäre. Was half es, ich hatte mich zu fügen. Ob ich bis nach Campo kommen würde, wie ich ursprünglich beabsichtigte, war eine Frage der Umstände, die sich erst später ergeben mußte; ich hatte allerdings sehr geringe Hoffnung, das alles noch bis Ende des Monats ausführen zu können.
Am 17. Februar lichtete die „Lagos“ die Anker und begann die Reise flußabwärts nach der Mündung des Kamerun-Flusses. Um Kap Swellaba herum dampften wir in die offene See hinaus, um uns dann bald wieder der Küste zu nähern. Bei Klein-Batanga waren wir so nahe derselben, daß wir ohne Fernglas mit Leichtigkeit die Häuser zählen konnten. Nur langsam kamen wir fort, da es auf der See etwas neblig wurde, bis wir gegen 4 Uhr vor Longji zu Anker gingen. Da wir in ziemlicher Entfernung von der Küste lagen, war gar nicht daran zu denken, noch an demselben Tage den Cargo für diesen Küstenplatz zu löschen. Wir blieben daher über Nacht liegen, um am 18. Februar noch den Rest der Ladung für Longji an Land zu schaffen. Erst gegen 11 Uhr konnten wir wieder abdampfen. In Plantation, einer kleinen Handelsniederlassung, welche wir von Longji aus bereits mit Leichtigkeit sehen konnten, wurde wieder angehalten. Hier gab es wieder einen großen Cargo auszuladen, so daß mir der Kapitän sogleich erklärte, daß er nicht vor Mittag des nächsten Tages abfahren könne. Ich ging an Land. Da in den letzten Jahren sich der Kautschukhandel der Südküste hauptsächlich nach Plantation gezogen hatte, bot der Platz einiges Interessante für mich dar. Ich erfuhr hier Näheres über die Distrikte, aus denen der größere Teil des Kautschuks zu kommen schien, sowie über die Behandlung des gekauften Produktes. Zu meiner Freude hörte ich, daß auch hier der größte Teil des Produktes in kleinen Stücken exportiert werde, nachdem er vorher noch gereinigt und getrocknet sei. Dem ist es wohl auch zum großen Teile zuzuschreiben, daß der Kautschuk der Südküste im allgemeinen einen besseren Preis auf dem europäischen Markte erzielt, als der vom Kamerun-Flusse exportierte. Nach allem, was ich hier vernahm, scheint ein nicht geringer Teil des von der Südküste stammenden Kautschuks aus weiter Entfernung von der Küste zu kommen, besonders aus der Gegend hinter Ekbolowa im Buli-Lande, welche gar nicht sehr weit von dem oberen Dja entfernt sein kann. Über diesen Ort Ekbolowa dürfte wohl auch in späterer Zeit, wenn wir erst das Hinterland von Kamerun mehr geöffnet haben werden, sich ein nicht unbedeutender Handel mit den Ngoko-Regionen entwickeln. Daß bereits einige Artikel auf diesem Wegevon Hand zu Hand bis in die Ngoko-Regionen vorgedrungen sind, ist durch ein Gewehr erwiesen, welches Dr.Plehnaus Kunabembe erhielt, das nachweislich von einer Firma an der Südküste in den Handel gebracht worden war.
Cocos-Palmen in Gr. Batanga.
Cocos-Palmen in Gr. Batanga.
Wie unser Kapitän versprochen, fuhren wir gegen Mittag am 19. Februar von Plantation ab. Bei Kribi dampften wir vorbei und warfen vor einer sehr kleinen Niederlassung, Wasserfall mit Namen, Anker. Von Kribi aus hatte man bereits den Dampfer bei Plantation gesehen und als den englischen erkannt, daher waren einige Herren zu Fuß von Kribi nach Wasserfall gelaufen, um dort ihre Post an Bord des Dampfers zu empfangen. Wir erhielten infolgedessen am Nachmittage reichlichen Besuch. Unter anderen erschien auch HerrMager, der Vertreter des HerrnKüderling, welchen ich vor allen Dingen zu sehen wünschte, da es meine Absicht war, die Plantage der FirmaKüderling & Co.in Campo zu besichtigen. Mit HerrnMagerarrangierte ich natürlich sofort das Nötige, um eventuell ohne Zeitverlust nach Campo zu kommen. Da HerrMagernoch am späten Abend an Land ging, verabredeten wir, daß wir uns am nächsten Tage in Groß-Batanga wiedersehen wollten, wo mich HerrMagervon dem Dampfer abholen sollte. HerrMeßner, der Vertreter der FirmaLübke & Co., war so freundlich, mir in Groß-Batanga in seinem Hause Unterkunft anzubieten.
Als ich am Morgen des 20. Februar erwachte, lagen wir bereits vor Groß-Batanga. HerrnMagermit seinem Boote konnte ich auch kurz darauf erspähen. Schon um 7 Uhr fuhr ich mit dem Schiffsdoktor und HerrnMageran Land, wo ich mich der Verabredung gemäß bei HerrnMeßnereinquartierte. Groß-Batanga hatte ich schon früher einmal, als ich auf der Reise nach dem Congo war, betreten, doch jetzt entrollte sich vor meinen Augen ein ganz anderes Bild als damals, als ich nur für eine Stunde in derWoermannschen Faktorei mich aufgehalten hatte. Erst jetzt lernte ich die verschiedenen Faktoreien kennen, von denen allerdings die, in der ich wohnte, die stattlichste und bedeutendste schien. Am Nachmittage machte ich mit HerrnMagerund HerrnMeßnereinen Rundgang längs des Strandes in den verschiedenen Faktoreien. Wir hatten beschlossen, noch am Abend desselben Tages nach Campo aufzubrechen, mußten diesen Plan aber aufgeben, da die zu diesem Zwecke engagierten Leute nicht erschienen. Um denselben Übelstand am nächsten Tage zu verhüten, ließen wir den alten Häuptling des Dorfes bei Groß-Batanga rufen und trugen ihm nun ernstlich auf, bei Zeiten für die Leute zu sorgen, welche uns nach Campo rudern sollten. Als dieselben dann auch wirklich am Nachmittagerschienen, wurden sie bis zu unserer Abfahrt in der Faktorei zurückgehalten.
Vor Jahren hatte HerrKüderlingin Groß-Batanga einige Manihot Glaziovii-Stämme ausgesät, die unterdessen zu einer bedeutenden Größe herangewachsen waren. Da mir daran lag, zu erfahren, wie sich dieser Kautschukbaum in den südlichen Distrikten unseres Schutzgebietes bewähren dürfte, zapfte ich die vorhandenen Exemplare an. Die Milch, welche ich erhielt, floß ziemlich reichlich und enthielt bedeutend mehr Kautschuk als in Victoria, ja sogar so viel, daß ich glaube, eine Anlage im größeren Stile dürfte sich hier bezahlt machen. Ich setze dabei natürlich voraus, daß eine solche Anlage in der von mir bereits häufig vorgeschlagenen Art bewirtschaftet würde. Anzapfungen mit dem Pickierapparat, wie ich sie hier versuchte, dürften sich an heißen Tagen, wenn die herausquellende Milch schnell koaguliert, am besten bewähren. Ich bin davon überzeugt, daß man durch wiederholtes richtiges Anzapfen von den etwa sieben Jahre alten Stämmen im Jahre ein Pfund Kautschuk gewinnen könnte. Wie mir HerrMagererzählte, hatte HerrKüderlingselbst einmal derartige Anzapfungsversuche gemacht, ohne dabei zu guten Resultaten zu gelangen, hatte aber später sich darüber wundern müssen, daß Eingeborene, welchen er die Erlaubnis gegeben, die Manihotstämme anzuzapfen, größere Quantitäten Kautschuks gebracht hätten.
11 Monate alte Kickxia auf der Campo-Plantage.
11 Monate alte Kickxia auf der Campo-Plantage.
Am Abend des 21. Februar konnte ich endlich zusammen mit HerrnMagerdie Reise nach Campo antreten. Da der Weg längs der Küste nur bei Ebbe zu gebrauchen und sonst auch infolge des tiefen Sandes sehr beschwerlich ist, zogen wir es vor, in einem Boote die Strecke bis Campo zurückzulegen. Da wir hofften, in der Nacht eine günstige Brise zu haben, beschlossen wir, erst spät am Abend abzufahren. Die See war ziemlich unruhig, als wir abfuhren, so daß wir gezwungen waren, sogleich möglichst weit in die See hinauszufahren, um vor den vielen Felsen, welche in der Nähe von Groß-Batanga längs der Küste liegen, sicher zu sein. Die ersehnte Brise stellte sich zu unserer Enttäuschung aber nicht ein, und wir machten nun, da die Leute rudern mußten, nur sehr geringe Fortschritte. In der Hoffnung, am Morgen in Sicht von Campo zu sein, legten wir uns im Boote nieder zur Ruhe, waren aber nicht wenig enttäuscht, als wir wieder erwachten, noch nichts von Campo sehen zu können; offenbar hatten unsere Leute im Boote die Gelegenheit benutzt, möglichst faul zu sein. Erst gegen Mittag kam die Landspitze vor dem Campo-Flusse in Sicht, doch begann die See nun auch so hoch zu gehen, daß wir mehrmals glaubten, in unserem kleinen Boote von einer herannahenden Welleüberschwemmt zu werden. Unsere Lage wurde am Nachmittage sogar so unangenehm, daß wir Europäer vorzogen, am Lande anzulaufen, um dann über Land den Marsch fortzusetzen. Einen meiner beiden Jungen nahm ich mit, den anderen ließ ich zurück, damit er dafür sorge, daß mein Gepäck nicht zu stark von den hereinschlagenden Wellen, denen das uns nachfolgende Boot ausgesetzt war, durchnässt werde. Der Marsch am Strande entlang war infolge des losen Sandes recht beschwerlich, wurde aber unerträglich, als erst die Flut stieg und wir immer vor den höher steigenden Wellen auszuweichen hatten. Am allerschlimmsten aber wurde unsere Situation, als die Nacht hereinbrach und wir nun zwischen Gebüschen und dem Wasserniveau unseren Weg suchen mußten. Am späten Abend war schließlich das Wasser derartig gestiegen, daß wir gezwungen waren, Schuhe und Socken auszuziehen und mit aufgerollten Hosen im Wasser am Strande entlang unseren Weg suchen mußten. So angenehm auch die Kühle des Seewassers war, so unangenehm wurde unser Zustand, wenn wir mit den nackten Füßen auf eine Muschel oder eine hervorstehende Holzspitze traten, denn die Nacht war so dunkel, daß man fast seine eigene Hand nicht sehen konnte. HerrMager, welcher kurzsichtig war, lief wiederholt direkt derartig in Büsche und umgefallene Bäume hinein, daß wir uns wundern mußten, endlich gegen 1 Uhr beide unversehrt in Campo einzutreffen. In der stattlichen, dort von HerrnKüderlingerrichteten Faktorei fanden wir alles verschlossen; wie wir hörten, war der Europäer gerade abwesend, um im Innern auf einigen Zweigfaktoreien Inventar aufzunehmen und Kautschuk und Elfenbein aufzukaufen. Zum Glücke hatte der farbige Verwalter des Ladens Schlüssel für einige der Zimmer, so daß wir noch unter Dach und Fach ein Lager fanden.
Am frühen Morgen war das Boot mit unseren Sachen auch in Campo angelangt und alles bereits auf der Veranda der Faktorei zum Trocknen ausgelegt, als ich um 6 Uhr aus meinem Zimmer heraustrat. Die sämtlichen Lasten waren furchtbar durchnässt. Am Nachmittag fuhr ich zusammen mit HerrnMagernach der dicht oberhalb am Campo-Flusse gelegenen Plantage des HerrnKüderling, um dort die Kickxia-Anpflanzungen in Augenschein zu nehmen. Die Plantage war recht schön sauber gehalten, nur fiel mir auf, daß die Schattenbäume fehlten und daß infolgedessen viele der jungen Triebe an der Spitze verbrannt erschienen. Die Bäumchen trugen sehr reichlich Früchte und wuchsen recht gut, solange sie im Schatten der Bananen standen, welche zur Ernährung der Arbeiter angepflanzt waren. Es wäre sehr wünschenswert, daß hier in Zukunft viele Schattenbäume beim Schlagen des Waldesstehen bleiben, denn das schon an und für sich viel trockenere Klima bedingt nach meiner Ansicht entschieden noch mehr Schatten für Kakaokulturen als das am Fuße des Kamerun-Gebirges bei Victoria. HerrKüderlinghatte, wie bekannt, für seinen Kakao aus dieser Campo-Plantage einst den höchsten Preis bekommen, der je für Kamerun-Kakao erzielt worden ist.
Auch hier in der Campo-Plantage hatte man eine Anzahl von Manihotstämmen angepflanzt, welche übrigens beim Anzapfen gleichgünstige Resultate lieferten wie die in Groß-Batanga wachsenden. Außer einigen mehrere Jahre alten Bäumchen von Kickxia africana hatte HerrKüderlingeine größere Zahl von Pflänzchen der Kickxia elastica auspflanzen lassen. Von den Samen, welche er im Januar 1899 von Dr.Preußerhalten hatte, waren nur drei Pflanzen aufgegangen, welche man nun an Ort und Stelle in dem Samenbeete hatte stehen lassen; dieselben hatten sich derartig entwickelt, daß ich ihr Wachstum als ausnahmsweise günstiges bezeichnen muß. Die jetzt einjährigen Pflanzen waren bereits höher als ein großer Neger. Auf der Campo-Plantage befanden sich viele sumpfige Flächen, die vielleicht mit Hevea brasiliensis bepflanzt werden könnten, denn in solchen sumpfigen Lokalitäten dürfte die Hevea vielleicht einen reicheren Erfolg liefern als in dem trockenen Boden, in dem sie im botanischen Garten zu Victoria steht. Die vor einigen Monaten ausgepflanzten Kickxien, welche aus Samen vom Mungo gezogen waren, hatte man in größeren Abständen in der Kakaoplantage ausgepflanzt. Meiner Ansicht nach dürfte dieser Standort für die Kickxia, welche doch eine Waldpflanze ist, nicht sehr günstig sein, da die Stämme sich dann wahrscheinlich schlecht entwickeln werden und nur kurz bleiben, wie man das übrigens auch schon an den vorhandenen Exemplaren von Kickxia africana beobachten konnte.
Am Abend kehrten wir zur Faktorei nach Campo zurück, um am nächsten Morgen eine Canoefahrt bis zu den Schnellen des Campo-Flusses zu unternehmen, wo HerrKüderlingnoch eine zweite Plantage hatte anlegen lassen. Wir brachen sehr zeitig auf, um noch vor Beginn der heißen Tageszeit an unseren Bestimmungsort anzulangen. Anfangs waren die Ufer des Flusses nur mit Mangroven und Avicennien bedeckt, allmählich traten dann noch andere Pflanzen hinzu, bis schließlich die Mangroven ganz verschwanden, um hauptsächlich Calamusgestrüppen Platz zu machen. Gegen 9 Uhr kamen wir bei der Plantage an. Dieselbe war in derselben Weise angelegt worden wie diejenige bei Campo. Der Boden schien noch typischerer Laterit zu sein als dort, große Glimmerschiefer-Blöcke erhoben sich bis über die Oberfläche anverschiedenen Stellen. Auch hier hatte man leider fast gar nicht für Schattenbäume gesorgt, und daher konnte ich auch wieder dieselbe Erscheinung wahrnehmen wie auf der Plantage bei Campo: die Spitzen der jungen Triebe schienen von der Sonne verbrannt zu werden. Kickxien hatte man auch hier angepflanzt, dieselben standen recht gut und versprachen, vorzüglich anzugehen. Im übrigen bot diese Plantage nichts, das ich nicht schon auf der weiter unten bei Campo gelegenen gesehen hatte. Am Nachmittage fuhren wir nach der auf der französischen Seite des Flusses gelegenen Plantage eines Franzosen, der sich dort mit seiner Familie angesiedelt hatte. Es war daselbst außer Kakao noch Kaffee und Vanille angepflanzt worden, doch machte die ganze Anlage gerade einen recht verwahrlosten Eindruck, den ihr Besitzer der bereits seit längerer Zeit herrschenden Dürre zuschrieb. Die Vanille stand sogar sehr schlecht. Noch gegen Abend kehrten wir dann nach Campo zurück.
Am nächsten Tage fuhren wir nun wieder in einem Boote nach Groß-Batanga zurück. Da wir eine günstige Brise bekamen, welche uns gestattete, die Segel aufzuspannen, hatten wir eine bedeutend günstigere Fahrt und erreichten Batanga schon am Abend desselben Tages.
Da ich auf keine andere Gelegenheit hoffen konnte, schnell nach Kamerun zurückzukehren, hatte ich beschlossen, am 27. Februar per Boot dorthin abzufahren. Den einen Ruhetag, welchen ich somit hatte, benutzte ich dazu, die Manihotstämme noch einmal anzuzapfen und Samen derselben zu sammeln, deren ich einige tausend erhielt. Als ich am frühen Morgen des 27. Februar die Bootsleute zur Abfahrt zu rufen auf die Veranda trat, sah ich zu meiner Freude, daß ein englischer Dampfer, der nach Kamerun gehen sollte, dicht bei uns vor Anker lag. Natürlich ließ ich sofort mein ganzes Gepäck an Bord bringen, um diese Gelegenheit nicht zu versäumen. Gegen 9 Uhr verließ ich dann auf der „Boma“ diesen Ort, in dessen Umgegend ich mich gern noch länger aufgehalten hätte. Die Fahrt lief sehr glücklich ab, denn bereits um 5 Uhr warf die „Boma“ vor Kamerun Anker, so daß ich noch an demselben Abend wieder zur Faktorei der FirmaJantzen & Thormählenübersiedeln konnte.
Bis zum 2. März verblieb ich noch in Kamerun, um dann zusammen mit Herrn GeheimratWohltmann, welcher von Edea dort eingetroffen war, auf der „Nachtigal“ nach Victoria zu fahren, wo wir der Sitzung des „Vereins Kameruner Pflanzer“ beiwohnen wollten. In einem kurzen Vortrage legte ich daselbst den Herren, welche sehr vollzählig erschienen waren, meine Erfahrungen undAnsichten noch einmal vor, und versuchte noch einmal, zu einer möglichst energischen Inangriffnahme der Kautschukkultur anzuregen, worin mich Herr GeheimratWohltmann, dessen letzte Bedenken nun, da es mir gelungen war, die Kickxia auch auf Basaltboden nachzuweisen, geschwunden waren, sehr energisch unterstützte.
Am 4. März nachmittags erschien der deutsche Postdampfer „Helene Woermann“, um die wenigen in Victoria wartenden Passagiere noch abzuholen. Mit diesem fuhr ich dann nach Togo ab. Nur ungern nahm ich Abschied von Kamerun, unserer schönsten Kolonie in Afrika, der bei der immensen Fruchtbarkeit, welche fast allenthalben im Gebiete herrscht, sicher eine glänzende Zukunft bevorsteht, wenn mit demselben Interesse und derselben Energie wie in den letzten Jahren an ihrer Entwickelung weiter gearbeitet wird.