V. Kapitel.Togo-Reise und Heimreise.

V. Kapitel.Togo-Reise und Heimreise.

Während unserer Fahrt von Kamerun nach Togo hatten wir trotz des vorzüglichen Wetters gleich am Tage nach unserer Abreise von Victoria leider den Tod eines unserer Mitpassagiere zu beklagen, der bereits in sehr bedenklichem Zustande Kamerun verlassen hatte. In Lagos trafen wir am Morgen des 6. März ein und verblieben daselbst bis zum späten Nachmittag. Als ich am folgenden Tage an Deck erschien, waren wir bereits vor Klein-Popo. HerrWöckel, welcher Herrn GeheimratWohltmannauf seiner Rückreise nach Europa noch Lebewohl sagen wollte, kam hier zu uns an Bord. Von ihm erfuhr ich interessante Thatsachen über die Manihot Glaziovii-Anpflanzungen, welche er als Leiter der Plantage Kpemme hatte anlegen lassen. Nach kurzem Aufenthalte in Klein-Popo dampften wir nach Lome weiter. Von Herrn GeheimratWohltmannnahm ich dort Abschied und begab mich mit meinem gesamten Gepäck an Land, wo ich in der Bremer Faktorei, den vorherigen Abmachungen gemäß, bereits eine vollzählige Trägerkolonne zu meiner Verfügung zu finden hoffte. HerrLuther, der Agent der Firma, nahm mich sehr liebenswürdig auf und erklärte mir nun, daß er, soweit es möglich war, alles vorbereitet habe, auch Träger seien da, welche bis Misahöhe mitgehen sollten. Ich ließ daraufhin sofort die Leute zusammenrufen und antreten. Mir schien die ganze Geschichte von Anfang an nicht sicher genug. Nach einigem Palaver einigten wir uns schließlich, doch kam es mir so vor, als ob einige der Leute unwillig seien, mit einem ihnen unbekannten Europäer zu gehen. Der Sicherheit halber sagte ich den Leuten, daß sie am Abend noch einmal antreten sollten.

Am Nachmittage machte ich Besuch bei dem stellvertretenden Gouverneur, Herrn AssessorHeim. Man bezweifelte damals sehr stark an der Küste, ob es mir gelingen würde, in der kurzen Zeit, welche mir zur Verfügung stand, bis nach Boëm hineinzukommen, wo ich das von Herrn AssessorHupfeldfür HerrnSholtoDouglasangekaufte Terrain besichtigen wollte. Da ich selbst mir wohl bewußt war, daß ich keine Zeit zu verlieren habe, wäre mir eine Verzögerung meiner Abreise von Lome äußerst unangenehm gewesen, daher geriet ich in nicht gerade die beste Stimmung als bereits am Abend von den Trägern verschiedene fehlten; sie seien bereits wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, hieß es. Da wir diese entlaufenen Leute schwerlich würden ersetzen können, erwartete ich schon mit Schrecken die Dinge, welche ich am nächsten Tage würde auszufechten haben, da ich doch durchaus aufbrechen mußte.

Wie ich es nicht anders erwartet hatte, erschienen am nächsten Morgen 8 Leute statt der 15, welche eigentlich zur Stelle sein sollten. Ich ließ nun nach allen Seiten in der Stadt herum nach Trägern suchen, denn so viel sagte ich mir, daß der ganze Tag verloren sein würde, wenn ich nicht bis Mittag unterwegs sein könnte. Nach verschiedenen Stunden Wartens hatte ich denn glücklich 12 Träger beisammen, außer meinem Jungen, Afue, und einem „Headman“, den ich mir unter den Trägern ausgesucht hatte. Um 10 Uhr endlich konnte ich aufbrechen. Noch in Lome selbst kam mir der Gouvernementsgärtner, HerrWarnecke, welcher den Versuchsgarten bei Lome leitete, entgegen und bat mich, doch in dem Garten eine kurze Zeit zu verweilen, da er eine Anzahl Wardscher Kästen mit Kautschukpflanzen nach dem Agu zu senden habe, welche er gern unter Schutz eines Europäers abschicken würde. Ich erklärte mich bereit, die Kästchen nach derDouglasschen Plantage am Agu mitzunehmen, vorausgesetzt, daß er die Träger stellen könnte. Da auch diese Frage von ihm bereits erledigt war, nahm ich die vier Träger mit den Pflanzen am Versuchsgarten mit in meiner Karawane auf. Die Vegetation bei Lome macht auf jeden Nichtbotaniker anfangs einen recht dürftigen Eindruck, denn wo nicht von Menschenhand Kokospalmen gepflanzt sind, bringt der schmale Sandgürtel, welcher sich längs der Küste hinzieht, nur kleine Sträucher und dürftige Kräuter hervor, die an feuchteren Stellen mit einer kurzen, halophilen Vegetation abwechseln, wie man sie an der Meeresküste sämtlicher tropischen und subtropischen Regionen allgemein kennt. Hat man diesen sandigen Küstenstreifen durchzogen, so gelangt man zunächst in ein Terrain, das sich nur sehr langsam etwas hebt und fast ausschließlich aus einem roten, ziemlich sterilen Laterit gebildet wird. Daß sich auf diesem Boden nicht bedeutende Kulturen entwickeln werden, wie man sie im Innern häufig antrifft, liegt klar auf der Hand. Aber dessenungeachtet sollte die Regierung darauf hinarbeiten, daß auch dieseausgedehnten Teile zur Verwertung kommen. Das könnte aber nur durch Aufforstungen oder durch Anpflanzungen von nützlichen Gewächsen geschehen, welche für eine derartige Buschsteppe geeignet sind. Bei der Frage der Aufforstung kämen hauptsächlich australische Acacia- und Eucalyptus-Arten in Betracht, deren Holz sich dann auch noch gut verwerten ließe, was für Lome, das jetzt schon mit Holz sehr schlecht bestellt ist, von großem Nutzen sein würde. Von anderen nützlichen Pflanzen, welche sich außerdem hier in den Steppen hinter Lome als auch besonders im Innern gut bewähren dürften, möchte ich auch noch Acacia Verek erwähnen, die durch Lieferung eines guten Gummi arabicum in Senegambien zu den hauptsächlichsten Nutzpflanzen zählt. Ein anderer Weg, die Steppen Togos nutzbar zu machen, würde durch Anpflanzungen von Manihot Glaziovii angebahnt werden. Die Samen derselben wären leicht aus nächster Nähe zu beschaffen und könnten in den Steppen, besonders da, wo diese durch vorgelagerte Waldungen oder Hügelketten vor zu starken Winden geschützt sind, von Eingeborenen ausgestreut oder eventuell in gewissen Abständen in den Boden gesteckt und sich dann völlig selbst überlassen werden. So würde man mit geringen Kosten allmählich eine gewisse Aufforstung der Gebiete erzielen, aus denen dann nicht unerhebliche Quantitäten Kautschuk gewonnen werden könnten. Wie mir HerrWöckelversicherte, wächst Manihot bei Kpeme derartig schnell und verbreitet sich dort in solchem Maße, selbst ohne Pflege, daß man sich dort längst daran gewöhnt habe, es als Unkraut zu betrachten. Ich weiß, daß mir hierauf geantwortet werden könnte, daß die Pflanze nur wenig Kautschuk gebe und außerdem bei Stürmen sehr leicht umgebrochen werde. Darauf möchte ich erwidern, daß derartige Pflanzungen, so dicht gewisse Strecken bedeckend, dem Winde wohl genügend Widerstand entgegensetzen würden, daß außerdem aber die zur Aufforstung der Steppen nötigen Kapitalien so gering sein würden, wenn dieses mit Manihot geschieht, daß selbst ein sehr geringer Ertrag der Stämme gewinnbringend sein müßte; zum Überflusse aber ist nicht zu vergessen, daß eine Aufforstung dieser Steppengegenden auf die klimatischen Verhältnisse des Landes auch einen nicht unbedeutenden Einfluß ausüben würde, wenn sie in größerem Maße betrieben würde. Ganz besonders geeignet für derartige Anpflanzungen halte ich die Steppen zwischen Assaun und dem Agome-Gebirge, sowie die der Landschaft Agotime, soweit sie nicht an zu großer Bodenfeuchtigkeit leiden. Sind einmal größere Gebiete in dieser Weise bepflanzt, so könnten dieselben leicht in Parzellen gestellt werden, welche dann an einzelne Negerfamilienvon der Regierung verpachtet werden müßten. Diese Leute würden dann schon selbst dafür sorgen, daß sie nicht von unberufener Hand geschädigt werden. Um aber ein zu rabiates Anzapfen seitens der Pächter zu verhüten, könnte man Inspektoren in diesen Distrikten herumschicken, welche alljährlich einige Male den Zustand der Pflanzungen in Augenschein nehmen und, wo es nötig ist, in irgend einer Weise gegen Beschädigung der Bestände einschreiten müßten. In dieser Weise betrieben, dürfte sich eine Plantage von Manihot Glaziovii sehr wohl bewähren, und so allein scheint mir ein derartiges Unternehmen rentabel zu sein. Bei den durchaus nicht ungünstigen Arbeiterverhältnissen in Togo, mit Ausnahme der Küstenbezirke, dürfte es der Regierung ein Leichtes sein, die verschiedenen Stationsleiter zur Anlage solcher Manihotpflanzungen zu bewegen. Die dem Lande auch sonst viel Unheil bringenden Grasbrände müßten in der Nähe dieser Bestände natürlich strengstens verboten werden. Für die Kolonie wären derartige Bestände von immensem Vorteil, und deshalb sollten von der Regierung oder von einem gemeinnützigen Komitee Schritte gethan werden, eine derartige Aufforstung der Steppengebiete anzubahnen. Da wir glücklicherweise in Togo derartig zu den Eingeborenen stehen, daß in den meisten Distrikten eine Aufforderung seitens der Stationsleiter genügt, um die Dörfer zur Stellung von Arbeitern zu veranlassen, so dürften die Kosten einer solchen Anpflanzung sich als sehr geringe Summen erweisen, wenn man bedenkt, welchen Nutzen die Kolonie in späteren Jahren daraus ziehen könnte.

HerrWarneckebegleitete mich noch eine kurze Strecke durch die Buschsteppe, um mir daselbst einige ihm interessant erscheinende Pflanzen zu zeigen, dann sprengte ich auf meinem netten Pferdchen, welches früher HerrnMischlichaus Kete-Kratschi gehört hatte und den Ruf großer Zähigkeit und Ausdauer genoss, meinen Leuten nach, welche nun bereits eine gute Strecke vorausmarschiert waren. Als wir uns weiter von der Küste entfernten, nahm die Buschsteppe allmählich einen etwas anderen Charakter an. Die höher aufschießenden Sträucher bewiesen, daß der Boden etwas fruchtbarer wurde, auch einjährige Kräuter zeigten sich häufiger, und hier und dort sah man auch schon etwas Gras. Gegen 2 Uhr ließ ich eine kurze Rast machen, als wir bei einigen Markthütten vorbeikamen, um den Leuten Zeit zu geben, sich einige Nahrungsmittel zu kaufen. Bevor wir nach Akeppe kamen, hatte die Buschsteppe sich allmählich vollständig verändert, Gräser traten in großen Mengen auf, der bedeutend fruchtbarere Boden trug viele Ölpalmen, von denen übrigens ein nicht geringer Teil von den Eingeborenen gepflanztwurde. Zu beiden Seiten des Weges lagen viele Farmdörfer. Es war hier interessant zu sehen, welche plötzliche Umwandlung der Vegetation in diesen Steppen ein Regen zur Folge hat. Etwa eine Woche vor meiner Ankunft in Togo war nämlich in dem Misahöhe-Distrikte und einem Teile des Lome-Bezirks ein Gewitterregen gefallen, welcher sich aber nicht südlicher als etwa eine Stunde vor Akeppe hinzog. Während das ganze Gebiet südlich dieser Küstenzone vollständig dürr aussah, war in dem gesamten Gebiete nördlich davon der prächtigste Graswuchs zu finden, aus dem sich häufig die bis 5 Fuß hohen Stengel der Eulophia (Lissochilus) cristata mit ihren prächtigen Blüten hervorhoben. Die Sträucher und Bäume waren zum großen Teile in Blütenflor, die ganze Landschaft bot einen überaus frischen und für das Auge eines Botanikers äußerst fesselnden Anblick dar. Dieses Gebiet vor Akeppe wird von den Einwohnern dieser Gegenden recht eifrig bearbeitet. Es ist sehr interessant zu sehen, mit welchem Eifer die Leute daselbst ihre Palmenplantagen anlegen und ihre Maniokfelder bestellen. Ich will übrigens hier gleich erwähnen, daß ich nur äußerst selten in Westafrika Ölpalmenplantagen gesehen habe, bei weitem der größte Teil des in den Handel kommenden Palmenöles und der Palmenkerne wird, entgegen einer offenbar verbreiteten Ansicht, daß die Ölpalme nur noch kultiviert oder verwildert in Afrika vorkomme, von vollständig wilden Exemplaren gewonnen. An einigen wenigen Stellen vor Akeppe sah ich schon Baumwolle angebaut, aber noch recht spärlich und ohne viel Verständnis angepflanzt. In Akeppe zogen wir gegen 4 Uhr nachmittags ein.

In der Nacht wurde ich durch einen großen Lärm aufgeweckt, welchen meine Leute machten. Als ich mich nach der Ursache desselben erkundigte, hörte ich, daß sie von Ameisen überfallen seien; nun gewahrte ich auch zu meinem Schrecken, daß auch in meinem Hause auf dem Boden Ameisen in großer Zahl umherliefen; daß die Tiere mich noch nicht angegriffen hatten, war dem etwa 1½ Fuß über dem Erdboden erhabenen Feldbett zu verdanken. Um sie zu verscheuchen, ließ ich nun, nachdem ich das ganze Haus tüchtig hatte auskehren lassen, zwei große Feuer anmachen, die dann auch den gewünschten Erfolg brachten.

Schon früh am Morgen des 9. März ließ ich wieder aufbrechen. Etwa nach einer halben Stunde Marsch, teils durch Gebüsch, teils durch Steppengebiet, gelangten wir nach Noeppe. Die Steppen sind von hier ab mehr oder minder dicht mit Bäumen bewachsen und erhielten dadurch einen Anblick, welcher mich sehr an ähnliche Baumsteppen in Transvaal und besonders Mozambique erinnerte,ein Eindruck, der noch dadurch erhöht wurde, daß die Vegetation sich zum großen Teile aus verwandten Pflanzen zusammensetzte. In Noeppe ließ ich eine kurze Rast machen, um zu versuchen, einen andern Träger zu erwerben als Ersatz für einen Mann, welcher mir in der Nacht entflohen war. Leider sah ich aber bald ein, daß ich in diesem Dorfe nicht die geringste Aussicht auf Erfolg haben würde, und zog daher bald wieder ab. Von Noeppe an hatten wir eine riesige Baumsteppe vor uns, welche nur an den jetzt noch trockenen, in der Regenzeit aber ziemliche Dimensionen annehmenden Wasserläufen von dichten Gebüschen oder schmalen Waldstreifen durchzogen war. Da viele der Kräuter und Bäume zur Zeit in Blüte standen, war mir diese Steppe sehr interessant. Die großen weißen Blüten eines Cycnium waren sehr häufig zu sehen. Hier und da erhob sich einer jener wunderschönen Stengel der Eulophia cristata aus dem Grase, nicht selten in Gemeinschaft mit den grüngelben tütenförmigen Inflorescenzen einer Amorphophallusart. Unter den Bäumen traten besonders Terminalia-Arten und eine Bignoniacee mit zierlichen Trauben rosenroter Blüten hervor. Weiterhin gesellte sich zu diesen noch der Butterbaum, der schließlich immer häufiger werden sollte, je mehr wir in das Land hineinkamen. Inmitten dieser Steppen traf ich ganz unerwartet mit einer größeren Trägerkolonne zusammen, an deren Lasten ich sofort erkennen konnte, daß ein Europäer in der Nähe sein müsse, und richtig, bald darauf traf ich mit dem Regierungsarzt Herrn Dr.Wendlandzusammen. Von ihm konnte ich einige Erkundigungen über den Zustand der Wege und die augenblicklichen Zustände am Agu- und Agome-Gebirge einziehen, von denen er eben zurückkehrte. Zu meiner Freude hörte ich auch, daß die Wege immer besser werden sollten, je weiter man sich von Lome entferne. Gegen 11 Uhr erreichten wir Badja, ein Dorf von ziemlicher Ausdehnung, wo ich meinen Leuten Zeit zum Mittagessen geben wollte. Unter schönen Ficusbäumen lagerten wir uns. Auch hier in Badja hatte ich keinen Erfolg im Anwerben von Trägern. Hätte ich allerdings damals die Zustände in Togo so gekannt wie später, als ich wieder durch Badja zog, dann wäre ich wohl sicher in meinen Bemühungen erfolgreicher gewesen. Hier gab es auch etwas Guinea-Korn als Futter für mein Pferd zu kaufen, das sich schneller daran zu gewöhnen schien, als an den Mais. Nach etwa dreistündiger Rast brachen wir wieder auf. Die mächtige Baumsteppe setzte sich hinter Badja weiter fort, die Vegetation blieb dieselbe wie zuvor, hier und dort gesellten sich zur Eulophia cristata noch andere auffallende Orchidaceen derselben Gattung, wie z. B.die wundervolle Eulophia dilecta und die kleine Eulophia flava. Die Gräser bestanden meist aus niedrigen Arten, die fast alle ein gutes Viehfutter abgeben würden. Es stimmte mich oft traurig, wenn ich sah, daß in diesen Gegenden kein Großvieh gehalten werden kann, da die Tsetsefliege die Bestände in kurzer Zeit vernichten würde. Es kam mir damals unwillkürlich der Gedanke, daß es doch von riesigem Nutzen für die Kolonie sein müßte, wenn ein tüchtiger und erfahrener Tierarzt zum Zwecke des Studiums der durch die Tsetse hervorgerufenen Krankheit und der Verbreitung dieses Übels nach Togo entsendet werden würde, damit uns nun endlich einmal Näheres über diese für die fernere Entwickelung des Landes äußerst wichtigen Punkte bekannt würde. Welch ein kolossaler Vorteil läge zum Beispiel schon allein darin, wenn wir einmal im stande wären, von Lome bis zum Agu- und Agome-Gebirge statt durch teure und unzuverlässige Träger die Lasten in Ochsenwagen oder Maultierwagen zu befördern. Das Land ist mit Ausnahme einiger Wellungen vollständig eben und würde sich zur Anlage einer Fahrstraße vorzüglich eignen, zudem wäre Futter für die Zugtiere in reichem Maße in den Steppen vorhanden. Wenn wir dereinst die genaue Verbreitung der Tsetsefliege von Togo kennen werden, die sicher in vielen Gegenden des Schutzgebietes eine äußerst lokale ist, dann werden wir wahrscheinlich Zugtiere, wie Ochsen, Pferde und Maultiere, in Togo mit großem Erfolge verwenden können und vielleicht auch einmal so weit kommen, daß das Land den ganzen Bedarf selbst decken kann. Während meiner Reise nach dem Agu-Gebirge, von Lome aus, habe ich gerade mit großem Interesse die Möglichkeit der Anlage einer Fahrstraße verfolgt und habe an keiner Stelle bedeutende Schwierigkeiten gefunden. Es werden einige Wasserläufe zu überbrücken sein und einige Sümpfe trocken gelegt oder umgangen werden müssen, doch das wären nur sehr geringe Arbeiten im Verhältnis zu dem Nutzen, den eine solche Straße für den Handel der Kolonie bringen würde. Im Bezirke Misahöhe sind jetzt schon mit Ausnahme kleiner Strecken die Wege südlich des Agome-Gebirges in so vorzüglichem Zustande, daß man sie auf weite Strecken mit Wagen befahren könnte. An einigen wenigen Stellen befanden sich wieder kleine Wäldchen in den Steppen hinter Badja, in denen dann größere Bäume auftraten, während sonst außer den Affenbrotbäumen, die in Togo nicht weit ins Innere vordringen, die Steppenbäume selten über 10 m hoch waren. Für das Nachtquartier hatte ich den Ort Kewe ausersehen, bei dem auch wieder ein Logierhaus für Europäer vorhanden sein sollte. Als wir unsgegen 5 Uhr am Nachmittage Kewe näherten, wich die Steppe allmählich einer dichteren Buschvegetation, deren Vorhandensein wahrscheinlich auf ehemalige Kultivierung des Geländes zurückzuführen ist. Die Eingeborenen waren zur Zeit gerade damit beschäftigt, neue Farmen für die kommende Regenperiode anzulegen und die vorhandenen Ölpalmenanpflanzungen zu säubern. Kewe selbst ist nur ein kleineres Dorf, das auch wohl von geringerer Bedeutung ist als das in der Nähe liegende Assaun, in dem sich besonders die Schmiede und Töpfer niedergelassen haben. Wir hatten kaum unsere Lasten in dem geräumigen Rasthause untergebracht, als ein starker Gewitterregen losbrach, der für den Rest des Abends sich ohne Unterbrechung fortsetzte und in einen allgemeinen Landregen auszuarten schien. Als der Regen dann gegen Mitternacht aufhörte, war bald der feuchte Boden um das Haus herum von Hunderten von Ameisen bedeckt, so daß ich schließlich gezwungen war, mein Pferd, welches an einem der nahestehenden Bäume angebunden war, in einem in der Nähe aufgebauten Stalle unterzubringen, in dem es wenigstens von dieser Plage befreit war.

Wie es häufig nach derartigen Gewitterregen der Fall zu sein pflegt, hatten wir am nächsten Tage einen wundervoll kühlen und hellen Morgen, den ich dadurch auszunutzen versuchte, daß ich bereits um 5 Uhr das Signal zum Einpacken ertönen ließ. Da wir das Zelt nicht einzupacken hatten, erfolgte schon kurze Zeit nach diesem Signal gewöhnlich das zweite, welches für die Leute das Zeichen zum Aufbruch war. Sobald wir uns etwas von Kewe entfernt hatten, traten wir wieder in die uns nun so wohl bekannte Baumsteppenformation ein. Infolge des Regens vom vorherigen Abend waren die Wege stark aufgeweicht und, da sie über lehmiges Terrain führten, nicht selten so schlüpfrig, daß die Leute mit ihren Lasten nur langsam vorwärts kommen konnten und ich auf dem Pferde auch gehörig aufpassen mußte, damit das Tier nicht ausglitt. Etwa eine Stunde nach unserem Abmarsch aus Kewe passierten wir das Dorf Assaun, dessen Umgebung auch wieder mit dichtem Gebüsch bedeckt war, in dem ich übrigens wiederholt Strophanthus beobachtete. Schier endlos setzte sich hinter Assaun nun die Baumsteppe fort. Dieselbe bot, da sie sich immer noch aus denselben Gewächsen zusammensetzte, wenig Interessantes für mich dar. Der Butterbaum war hier schon bedeutend häufiger geworden und trat an einigen Stellen bereits charakterbildend auf. In einem schmalen Waldgürtel, welcher sich am Rande einer Kette von Wasserlöchern gebildet hatte, sah ich die ersten Exemplare einer Kautschuk liefernden Liane. Die wenigen Exemplare warenleider nicht in Blüte, so daß ich nicht feststellen konnte, welche Art ich vor mir hatte. Auch Bossassanga-Pflanzen (Costus) gab es an solchen Lokalitäten in Fülle. Um 11 Uhr kamen wir in dem Dorfe Tove an. Da mir daran lag, noch am Abend bis Gbin zu kommen, gab ich den Trägern nur eine Stunde Zeit zum Kochen ihrer Mahlzeiten. Als ich dann aber die Signalpfeife zum Einpacken ertönen ließ, weigerten sich die Leute, offenbar von den Einwohnern des Dorfes dazu aufgestachelt, weiter zu marschieren, da der Weg bis Gbin zu weit sei; einige erschienen sogar nicht einmal. Da ich schon früher auf meinen Reisen erfahren hatte, daß ein Nachgeben hier nur Bummelei bei den Leuten zur Folge haben würde, mußte ich hier ein Exempel statuieren. Ich gab den Leuten daher tüchtig meine Meinung zu hören, worauf sie sofort ihre Lasten ergriffen und abmarschierten. Als diejenigen, welche nicht erschienen waren, von ihren Verstecken aus sahen, daß sie mit mir sich derartige Späße nicht erlauben dürften, kamen auch sie sofort herbeigelaufen und nahmen ihre Lasten auf, um auch damit aufzubrechen. Sobald ich darauf zu Pferde die Karawane wieder eingeholt hatte, ließ ich in der Steppe die Leute anhalten und befahl denjenigen, welche auf mein Signal nicht erschienen waren, vorzutreten. Nachdem ich deren Namen aufgeschrieben hatte, kündigte ich ihnen an, daß ich diese Unverschämtheit durch Abzug eines Tagelohnes von dem Trägerlohne eines jeden bestrafen werde. Diese Maßregel wirkte besser als ich selbst gehofft hatte, denn während des uns nun bevorstehenden Marsches zeigten die Leute mehr Eifer denn je zuvor. Bis gegen Abend hatten wir wieder durch Baumsteppen zu ziehen, die nichts Neues darboten. Vor uns sahen wir bereits deutlich das Agu-Gebirge liegen, als wir gegen 6 Uhr in Gbin einmarschierten. Zu meiner Freude fand ich hier ein sehr reinlich gehaltenes Rasthaus aufgebaut. Die Nacht, welche diesem Tage folgte, war herrlich. Der Mond stand in seiner ganzen Pracht am Firmamente und ergoß sein wundervolles Licht über das stille Dorf. Lange noch blieb ich vor dem Rasthause sitzen, nachdem ich meine laufenden Arbeiten, wie Tagebuch schreiben und Pflanzen einlegen, erledigt hatte, um nach dem sehr heißen Tage in der Steppe diese prachtvolle kühle Nacht zu genießen.

Der kurze Marsch, den wir am nächsten Tage noch bis zurSholto Douglasschen Plantage am Agu-Gebirge zurückzulegen hatten, führte uns erst auch durch ebenes Steppengebiet, das aber bald einem dichten Waldstreifen weichen mußte. Die nun häufigen Hügel waren zum Teile sehr felsig, so daß ich wiederholt das Pferd führen lassen mußte. Da, wo die Flora wieder ihrenSteppencharakter annahm, zeigten sich nicht selten Pflanzenformen, welche ich vorher auf der Reise noch nicht beobachtet hatte. Nachdem wir über verschiedene Hügelrücken gestiegen waren, stiegen wir in die Ebene direkt am Fuße des Gebirges hinab, in der wir bald das Dorf Atigbe erreichten. Hier ließ ich mir einen Führer vom Häuptling des Dorfes geben, der mich nach derDouglasschen Plantage bringen sollte. In Atigbe sah ich die ersten Exemplare vom Ficus Vogelii in Togo. Anzapfungen, welche ich an Ort und Stelle vornahm, zeigten, daß dieser Baum auch hier dieselbe nicht unbrauchbare Masse gab wie im Yoruba-Lande. Von Atigbe weiter marschierend, kamen wir bald zu dem Dorfe Tafie, in dem ich auch wieder eine Anzahl von Exemplaren des Ficus Vogelii fand. Wie im Yoruba-Lande, werden diese Bäume hier in Togo von den Eingeborenen allenthalben auf den freien Plätzen der Dörfer angepflanzt, und unter ihnen versammeln sich auch hier bei Beratungen und sonstigen Gelegenheiten die Männer der Dörfer. Nur eine kleine Strecke hatten wir noch hinter Tafie durch ein an Ölpalmen reiches Gebiet zu marschieren, bis wir die Häuser derDouglasschen Pflanzung dicht vor uns sahen. Die beiden Herren, welche damals auf der Plantage angestellt waren, HerrThienemann, der Leiter, und HerrRohmerwaren über mein Eintreffen gewissermaßen erstaunt, da sie sich ausgerechnet hatten, daß ich unter günstigen Umständen erst am 12. März bei ihnen eintreffen könnte. Da ich eigentlich meine Träger nur bis zur Tafie-Plantage engagiert hatte, forderte ich dieselben auf, mich noch bis Misahöhe zu begleiten, da hier schwer neue Träger zu bekommen waren. Mit Ausnahme von dreien, welche ich als Fußkranke nicht gebrauchen konnte, waren alle bereit dazu. Ich ließ nun den Häuptling von Tafie rufen und forderte ihn auf, mir für die drei zurückbleibenden Leute am nächsten Tage drei neue Träger bis Misahöhe zu stellen. Gegen ein kleines Geschenk war der Mann bereit, dieses zu thun, und somit war die Trägerfrage fürs Erste erledigt.

Auf der Besitzung des HerrnDouglas, deren Bearbeitung erst seit kurzem in Angriff genommen war, hatte man bisher nur einige Saatbeete angelegt, in denen die von Kamerun bezogene Kakaosaat eben aufzugehen begann, und ein größeres Stück Landes, welches für Baumwoll- und Tabakkultur in Aussicht genommen war, urbar gemacht. Es war also sonst wenig für mich zu sehen. Die Kautschukpflanzen und Bambusasämlinge, welche ich vom Versuchsgarten bei Lome mitgebracht hatte, waren in vorzüglichem Zustande angekommen. HerrThienemann, welcher mich von hier an auf meiner Reise nach Boëm begleiten sollte, traf nun mit mirdie Vorbereitungen zur Abreise, die ich am nächsten Tage vornehmen wollte. HerrRohmersollte während der Zeit unserer Abwesenheit allein auf der Plantage verbleiben.

Trotz meiner wiederholten Betonung dem Häuptling von Tafie gegenüber kamen die versprochenen Leute natürlich nicht um 6 Uhr, sondern erschienen erst nach 8 Uhr am nächsten Tage, so daß sich unsere Abreise etwas verzögerte. Zurückgehend über Tafie, marschierten wir nun durch Abegame nach Abesia durch ein Gebiet, das an Ölpalmen sehr reich war. Die Steppenvegetation war hier wohl infolge ehemaliger und noch vorhandener Kulturen für größere Strecken verschwunden, um einer dichten Buschvegetation Platz zu machen. Von Abesia gelangten wir zunächst nach Tove, wo wir wieder in die Steppe eintraten. Nach kurzem Aufenthalt in Tove ging es nach Agome-Palime, dem Haupthandelscentrum für die Agome-Region, einem Dorfe von ziemlicher Ausdehnung. Bei den hier anwesenden Vertretern deutscher Kaufmannshäuser, den Herrenv. BruchundMeyer, machten wir nun eine längere Ruhepause, während der unsere Leute sich mit Proviant versehen sollten, den sie hier, da gerade Markt abgehalten wurde, reichlich kaufen konnten. Es ist hier in Togo wie auch in den benachbarten Ländern allgemein Sitte, daß die Träger der Europäer sich selbst zu beköstigen haben. Die Leute bekommen zu diesem Zwecke täglich 25 Pfennige (oder 3 d) als Subsistenzgelder. Ganz besonders dem reisenden Europäer wird dadurch die z. B. in Kamerun oft recht lästige Verpflegungsfrage der Leute bedeutend erleichtert und ihm viel Ärger erspart. Hier in Togo ist eine derartige Regelung der Verpflegungsfrage schon dadurch vereinfacht, daß das ganze Land ziemlich dicht bevölkert ist, was in Kamerun durchaus nicht der Fall ist, wo außerdem noch infolge der dichten Urwälder die verschiedenen Völkerstämme unter sich sehr wenig miteinander verkehren, sondern sich sogar recht häufig feindlich gegenüber stehen. Am Nachmittage brachen wir wieder von Palime auf. Da meine Leute eine gute halbe Stunde vor uns abmarschiert waren, ritt ich im Galopp hinterher, ohne sie noch vor der Station Misahöhe erreichen zu können. Der Weg von Palime nach dem Agome-Gebirge, auf dessen halber Höhe die Station liegt, war in wundervollem Zustande. Schon von weitem konnte man die Station mit ihren aus Steinen erbauten massiven Gebäuden erkennen, alles zeugte hier von großer Ordnung. Als ich zur Station einritt, kam mir Herr Dr.Gruner, der bereits von meiner Ankunft durch die vorhermarschierten Träger unterrichtet war, entgegen und empfing mich in der ihm eigenen liebenswürdigsten Weise. HerrThienemannerschien auch kurz darauf in seiner Hängematte.

Da ich mich nun hier in Misahöhe mit neuen Trägern zu versehen hatte, machte ich von der gütigen Einladung des Herrn Dr.Gruner, einige Tage bei ihm zu verweilen, sehr gern Gebrauch, wußte ich doch auch, daß ich von ihm, dem besten Kenner unseres Schutzgebietes Togo, sehr viele interessante Aufklärungen erhalten würde, die für die Reise nach Boëm für mich von großem Werte sein mußten.

Da Dr.Grunerschon längst die Absicht gehabt hatte, in Quamikrum eine Station zu bauen, hatte er bereits zu dem Zwecke eine Anzahl Soldaten ausgesucht, die mich zugleich auf der Reise nach Boëm begleiten sollten. Mit Hülfe des Herrn Dr.Grunererhielten wir hier bald neue Träger. Die Leute, welche ich von Lome und Tafie hatte, lohnte ich nun ab und ließ sie nach ihren Dörfern zurückkehren. HerrThienemannbehielt von seinen Trägern nur sechs Leute zurück, welche er als erprobte Hängemattenträger kannte.

Trotz seiner noch nicht überwundenen Krankheit ließ es sich Dr.Gruner, der erst seit einem Tage sich wieder von einem schweren Schwarzwasserfieber einigermaßen erholt hatte, doch nicht nehmen, alle Schwierigkeiten, welche die Expedition haben könnte, zu beseitigen, so daß ich ihm wirklich nie genug Dank wissen kann für die Unterstützung, die ich bei ihm gefunden. Diese Tage, welche ich noch im Laufe der nächsten Wochen in seiner Gesellschaft zu verbringen den Vorzug hatte, werden stets zu den angenehmsten und lehrreichsten meines Lebens zählen. Ich bedauerte nur, daß Dr.Grunerinfolge seiner Krankheit verhindert war, mit mir zusammen, wie er ursprünglich beabsichtigt hatte, die Reise nach Boëm zu machen.

In den Versuchsgärten, welche Dr.Grunerbei der Station hatte anlegen lassen, wurden auch einige Kautschukpflanzen gezogen. Manihot Glaziovii, Hevea brasiliensis und einige Ficusarten waren vorhanden und schienen gut zu gedeihen. Die Exemplare waren noch zu jung, um an sich experimentieren zu lassen. Unterhalb der Station am Fuße des Gebirges hatte Dr.Plehn, welcher auch früher einmal Leiter dieser Station war, eine Kola-Anpflanzung begonnen, die aber wahrscheinlich infolge der zu feuchten Bodenverhältnisse nur sehr langsam heranzuwachsen schien.

Zusammen mit HerrnThienemannunternahm ich am Morgen des 13. März eine Besteigung des François-Passes, wo GeheimratWohltmannKickxia-Exemplare gesehen zu haben glaubte. Es gelang mir nun auch thatsächlich, hier in den Bergwäldern Kickxia ausfindig zu machen, aber welche Enttäuschung — es war die falsche.Dessenungeachtet gab ich die Hoffnung damals natürlich noch nicht auf, noch erfolgreich zu sein, hatte ich doch im Bakossi-Gebiete die falsche und die echte Kickxia nebeneinander gesehen. Die auf dem Erdboden umherliegenden Fruchthülsen ließen mich keinen Augenblick mehr im Zweifel, daß wir es hier mit Kickxia africana zu thun haben. Da ich diese Früchte nie vorher gesehen und nun wirklich zu urteilen im stande war, freute ich mich, daß auch meine letzten Bedenken geschwunden waren, daß die Arten wirklich voneinander verschieden seien. Einige junge, dünne Landolphien fand ich damals auch in den Wäldern; dieselben waren aber noch zu schwach, um an ihrem Milchsafte feststellen zu können, ob sie Kautschuk liefernden Arten angehörten oder nicht. Als wir die Höhe des Passes erreicht hatten, wendeten wir uns dem Gipfel des Hausberges zu, nach welchem auch ein guter Weg hinaufgelegt ist. Oben hatte man ein Häuschen errichtet, in dem Europäer, die als Rekonvaleszenten hier hinaufkommen wollten, es sich gemütlich einrichten können. Von dieser Bergspitze aus genossen wir eine prachtvolle Aussicht über das Land südlich des Agome-Gebirges sowohl als auch über die nördlich davon gelegenen Gebiete.

Von dieser Exkursion zurückgekehrt, trafen wir am Nachmittage noch einige Vorbereitungen für unseren am nächsten Morgen bevorstehenden Aufbruch. Die meisten Lasten waren schon vorher fertig gepackt worden, so daß auch das bald erledigt war, zumal sowohl meine Leute als auch diejenigen, welche HerrThienemannmitgenommen, erprobte und alte Europäer-Begleiter waren, denen wir viele Sachen zur Besorgung anvertrauen konnten. Den Abend verlebten wir noch in Dr.Grunersangenehmer Gesellschaft.

Am Morgen des 13. März war alles zum Aufbruch fertig. HerrFranke, der Stationsassistent des Herrn Dr.Gruner, hatte die Liebenswürdigkeit, mir viele kleine mit dem Aufbruche solcher Expeditionen zusammenhängende Arbeiten abzunehmen, so daß wir schon früh die Träger, deren wir 25 hatten, unter Begleitung eines von HerrnThienemannmitgenommenen zuverlässigen Aufsehers, vorausschicken konnten. Mit unseren Jungen und den Soldaten, welche von einem äußerst intelligenten Togo-Mann, dem Stations-HülfsassistentenAmusso Bruce, geführt wurden, folgten wir der Träger-Karawane etwa eine Stunde später nach. Auf dem François-Passe ging es über das Agome-Gebirge hinunter nach dem kleinen Dörfchen Agome-Tongbe, dicht vor dem wir auf einer breiten Holzbrücke den Tii-Bach überschritten. Ohne uns in Tongbe aufzuhalten, setzten wir den Marsch fort. Zunächst gelangten wir in ein mehroder minder kultiviertes Gebiet, in dem Maniok, Baumwolle und Cajanus indicus gepflanzt waren. Allmählich wurde jedoch das Terrain bergiger und der Weg schmaler, wir stiegen in die Kame-Schlucht hinab. Vorher hatten wir noch Gelegenheit zu sehen, daß auch hier in Togo die Heuschreckenplage nicht unbedeutende Dimensionen anzunehmen vermag; gegenüber dem Dorfe Agome-Tongbe hatten wir einen riesigen Heuschreckenschwarm zu durchziehen, der die Felder des Dorfes arg bedrängte. Durch Rauch und Lärm suchten die Eingeborenen die Tiere zu verscheuchen. In der romantischen Kame-Schlucht durchzogen wir noch einmal den Bach und stiegen dann wieder empor, dem Dorfe Kame zu. In den dichten Wäldern, welche das Thal bedeckten, war Kickxia africana in Unmengen vorhanden, von der Kautschuk liefernden Kickxia elastica aber auch hier nichts zu sehen. Auch in Kame wurde nicht erst angehalten, war doch das nun gar nicht mehr weite Dörfchen Liati die Heimat meiner Träger und Trägerinnen, wo dieselben doch sicher noch einmal von ihren Verwandten und Bekannten Abschied nehmen wollten. Hinter Kame hörte der Wald wieder auf. Das hügelige Terrain war mit Gras und Sträuchern bewachsen, und an geeigneten Stellen waren größere Flächen von den Eingeborenen urbar gemacht und mit Baumwolle, Maniok und Cajanus bepflanzt. Bohnen und Bataten sah man nur sehr selten. In Liati ließ ich die Leute zusammentreten und sonderte die schwächsten derselben aus, denn es waren mehr Träger erschienen, als wir nötig hatten. Dann bezahlte ich den Leuten ihre tägliche Subsistenz von 25 Pf., damit sie sich noch möglichst viele Lebensmittel mitnehmen könnten, und machte die Gesellschaft darauf aufmerksam, daß sie sämmtlich sich an unserem Lagerplatze einzufinden hätten, sobald meine Signalpfeife dreimal langgezogen ertöne. (Ich hatte für den Koch und den Leibjungen ähnliche, aber kurze Signale.) Wir verblieben hier in Liati ungefähr eine Stunde. Schon vorher hatten die meisten der Trägerinnen sich eingefunden, als das Signal aber ertönte, wurde es merkwürdig lebendig in dem Dorfe. Von allen Seiten strömten Träger und Trägerinnen herbei, begleitet von ihren Angehörigen, die ihnen noch allerlei Lebensmittel heranschleppten. Es war äußerst interessant, diese einfachen, zufriedenen Leutchen in ihrer familiären Harmlosigkeit zu beobachten. Da zwei der Leute fehlten, mußte ich den Häuptling auffordern, sofort zwei andere zu stellen. Als auch das erledigt war, setzte sich unser Zug in Bewegung. Auf der ganzen Reise behielt ich nun dieselbe Marschordnung bei. Erst hatten die Träger und Trägerinnen vor uns zu marschieren, nicht selten geführt von HerrnThienemann, dahinterkam ich selbst mit ein oder zwei Jungen, welche etwaige notwendige Gegenstände zu tragen hatten.Amusso Brucemarschierte gewöhnlich neben meinem Pferde her, denn ich unterhielt mich gern mit ihm, da er mir viel von den ExpeditionenKundtundTappenbeck, bei welchem Ersteren er Diener gewesen war, zu erzählen wußte, auch selbst vorzüglich die verschiedensten Verhältnisse Togos kannte und ein recht gesundes Urteil über dieselben zu fällen wußte. Er sprach deutsch vollständig fließend. Hinter meinem Pferde kam die HängematteAmussosund hinter dieser die zwölf Soldaten, geführt von ihrem Unteroffizier. Dicht hintereinander hatten wir die Dörfer Sagba, Pekehi und Dafong zu passieren. Dieselben bestanden zumeist aus wenigen Hütten und lagen inmitten der Buschsteppe. Hinter Dafong wurde das Land stellenweise offener, doch im ganzen begleitete uns der Busch bis nach Fodome, wo ich Nachtquartier zu machen beschlossen hatte. Unter der Hitze hatten wir alle an jenem Nachmittage furchtbar zu leiden. Ein typischer Harmattan hatte sich über die Steppe ausgebreitet und infolgedessen eine Hitze hervorgerufen, die fast unerträglich wurde. Mit Freuden begrüßte die Karawane daher gegen 4 Uhr unser Eintreffen in Fodome. Unter einem schattigen Ficusbaum ließ ich sofort hier mein Zelt aufstellen und erlaubte den Leuten, sich Nachtquartiere zu suchen. Da das Zelt zu klein war, hatten wir beide Europäer es so arrangiert, daß ich nach dem Abendessen, das vor meinem Zelte eingenommen wurde, in demselben zur Ruhe ging, während HerrThienemanneines der Häuser im Dorfe für die Nacht mietete.

Auf dem Marsche von Dafong nach Fodome hatte ich am Nachmittage eine überschenkeldicke Kautschuk liefernde Liane gesehen, von derAmussomir erzählte, daß von ihr der sogenannte Kpando-Silkrubber gewonnen werde. Ich werde später noch Gelegenheit haben, auf diese Pflanzen zurückzukommen, und erwähne daher ihr Vorkommen hier nur des Standortes wegen, weil dieser der südwestlichste mir bekannt gewordene ist.

Wir waren kaum in Fodome eingezogen, als auch schon verschiedene Leute kamen, um mich zu bitten, für sie Palaver zu schlichten. Da das nicht meine Sache war und ich mich nicht in Angelegenheiten hineinmischen wollte, welche mich nichts angingen, so ließ ich den Leuten sagen, daß sie damit warten müßten, bis Dr.Grunerkäme, oder sie müßten sich nach Misahöhe begeben, wo der „Doktor“ ihnen Recht sprechen würde. Tief betrübt zog die Gesellschaft von dannen. Ein Weib, das durchaus von ihrem Mann getrennt werden wollte, machte noch einen verzweifelten Versuch, bei HerrnThienemannRecht zu bekommen, doch wies auch dieser sie natürlich ab. Gegen Abend wurde hier ein Verstorbener beerdigt. Mit ihren langen Steinschloßgewehren versehen, zog die Schar der trauernden Männer und klagenden Weiber mit dem Leichnam in den Busch, wo er beigesetzt werden sollte. Unter unaufhörlichem Abknallen ihrer Gewehre und dem grauenhaften Klagen der Weiber wurde die Leiche beerdigt. Während die trauernde Schar nun sich ruhig in ihre Häuser verfügte, zog die Witwe des Verstorbenen unter ekelhaftem Gewimmer von Haus zu Haus, um sich eine Beileidsgabe zu erbetteln. Alles, was sie erhielt, wanderte in einen Sack hinein, den sie bei sich trug.

Gegen 5½ Uhr gab ich am Morgen des 15. März das Signal zum Sammeln. Schon nach einer weiteren Viertelstunde verließen wir Fodome, nachdem ich noch von dem Häuptling ein kleines Geschenk von Hühnern und Yams erhalten, wofür ich natürlich das übliche Gegengeschenk zu machen hatte. Von Fodome nach Fodome-Oue gebrauchten wir kaum eine Viertelstunde. Von Fodome-Oue aus zogen wir teils durch ausgedehnte, spärlich mit Bäumen bedeckte Grassteppen, teils durch Buschwälder, die sich durch Reichtum an Kickxia africana auszeichneten, nach dem kleinen Dörfchen Atabu. Nach wenigen Minuten Rast ging es dann weiter durch Steppengebiet, das außer einigen an einem Wasserloche wachsenden, offenbar wirklich wilden Bambussen, nur für den Botaniker in Form einiger seltener und unbekannter Pflanzen Interessantes darbot. Diese im mittleren Togo offenbar ziemlich verbreitete Bambusart scheint sich nicht besonders verwenden zu lassen, da das Rohr zu brüchig ist. Selbst dünne Stöckchen, welche ich mir häufig als Reitgerte schneiden ließ, brachen bei der geringsten Gelegenheit. Von Atabu nach Djakke und dann nach Akokhoë führte der breite Weg auch durch Steppen, die aber nur selten Bäume aufwiesen, sondern hauptsächlich etwa mannshohe Sträucher. Da es hier auch gut geregnet hatte, zeigten sich viele Blumen im Grase, doch fing infolge der letzten sehr heißen Tage und des Harmattans, der bereits seit einigen Tagen regelmäßig am Nachmittag erschien, die Vegetation bereits in bedenklicher Weise an, noch vollständig unentwickelt dahinzuwelken.

Rast der Expedition unter einem Ficus-Vogelii-Kautschukbaum im Dorfe Lolobi.

Rast der Expedition unter einem Ficus-Vogelii-Kautschukbaum im Dorfe Lolobi.

In Akokhoë angekommen, ließ ich eine Rast von zwei Stunden machen. Nachdem die Träger ihre Subsistenzgelder erhalten hatten, zerstreuten sie sich im Dorfe, um einen Platz zu suchen, wo sie ihre Nahrungsmittel kochen könnten. Der Häuptling des Dorfes erschien nun mit seinen Geschenken, welche auch wieder aus Yam und Hühnern bestanden. Als Gegengeschenk schien diesen Leuten Tabak große Freude zu bereiten.Amusso, der mit diesem Häuptlingnoch verschiedene Streitfragen und sonstige Geschäfte in Dr.GrunersAuftrage zu erledigen hatte, ließ ich hier mit neun Soldaten zurück, als wir gegen 11 Uhr wieder abzogen, bis er seine Sachen erledigt habe. Durch ein heißes Buschsteppen-Gebiet zogen wir in der Mittagshitze weiter. Meinen Trägern lief der Schweiß vom Körper derartig herunter, wie ich es sonst selten gesehen. Doch was half das alles, ich hatte mir vorgenommen, die Nacht auf dem Beika-Berge zuzubringen, und so mußten wir noch einen langen Marsch am Nachmittag machen. Gegen 1 Uhr trafen wir im Dorfe Lolobi ein, das dicht am Dai-Flusse gelegen ist. Hier sah ich zum ersten Male die in Boëm verbreiteten Häuser mit vollständig flachem Dache. Diese Häuser sind am Tage furchtbar heiß, und fast ist es unmöglich für einen Europäer, sich in denselben aufzuhalten, doch sind sie äußerst reinlich gehalten. Der Fußboden ist gewöhnlich mit Lehm glatt ausgeschmiert und nicht selten wie die Wände weiß getüncht. Fast ein jedes Haus hat seinen eigenen Feuerplatz, der durch drei kleine konische Säulchen erkenntlich ist, welche dazu dienen, die Töpfe oder sonstige zum Kochen verwendeten Gefäße oberhalb des Feuers zu halten; ebenso besitzt jedes Haus seine kleinen aus Lehm hergestellten Hausgötzen, wie man sie auch sonst noch in größeren Darstellungen in Togo in den verschiedensten Dörfern finden kann. Der Fetischglaube spielt auch hier eine große Rolle. Außer den größeren Götzenhütten, unter denen nicht selten drei bis fünf aus Lehm hergestellte plumpe Nachahmungen des menschlichen Körpers in einer Reihe sitzend dargestellt sind, habe ich recht häufig auf Feldern oder an Wegen Miniatur-Nachahmungen dieser Götzen gesehen, die wohl die betreffenden Lokalitäten beschirmen sollen. Es wäre sehr wünschenswert, daß man noch möglichst viel Erkundigungen über die Einzelheiten dieser Fetisch- und Götzen-Religion einsammele, ehe gerade die interessantesten und eigenartigsten Gebräuche vor der vorschreitenden Kultur verschwinden, und gerade hier in Togo, wo wir es mit einer viel intelligenteren Bevölkerung zu thun haben als in Kamerun, werden diese Eigenarten schneller aufgegeben werden als in den meisten anderen Ländern.

In Lolobi machte ich unter verschiedenen wundervollen Exemplaren des Ficus Vogelii Halt und erlaubte meinen Leuten, sich eine Zeit lang auszuruhen, da wir den hohen Beika-Berg zu ersteigen hatten, der nun dicht vor uns sich erhob. Auch hier bekam ich wieder von dem Häuptling Geschenke an Yams.

Gegen 2 Uhr nahmen wir wieder unsern Marsch auf. Der Beika-Berg, welcher sich vor uns erhob, war dicht bewaldet;anfangs, d. h. soweit der Weg von den Einwohnern von Lolobi zu besorgen war, war er in ziemlich schlechtem Zustande, er wurde aber zusehends besser, als wir in das Gebiet von Beika eintraten. Landolphien gab es in diesen Wäldern zerstreut, Kickxia africana war in Mengen vorhanden und bildete einen nicht unerheblichen Prozentsatz der Urwaldbäume. Nach fast dreistündigem, für die Träger sehr ermüdendem Klettern langten wir gegen 5 Uhr auf der Spitze des Berges in dem Dorfe Beika an. Ich hatte auch den größten Teil des Marsches zu Fuß zurücklegen müssen, da der Weg zum Reiten zu steil war.

Das Dorf Beika ist vollständig auf Felsen erbaut. Unter einem großen Feigenbaume ließ ich zwar zuerst die Leute lagern, sah aber bald ein, daß es unmöglich war, das Zelt irgendwo aufzustellen, und ließ daher für mich ein reinliches Haus suchen, in dem dann die Lasten untergebracht wurden. Da infolge der Hitze, die in den Häusern noch herrschte, keiner von uns Europäern Lust hatte, länger als dringend notwendig in denselben sich aufzuhalten, ließ ich Tische und Stühle unter dem Feigenbaum aufstellen, wo wir auch beschlossen, zu Abend zu essen. Der Häuptling mit einem großen Trosse kam bald, um mir die obligaten Geschenke, bestehend aus Yams, Bergreis und Hühnern, zu überbringen, von denen wie gewöhnlich der Yams unter meine Leute verteilt wurde, der Bergreis ein gut verwendbares Futter für mein Pferdchen bildete, die Hühner aber in unsere Küche wanderten. Kurze Zeit darauf erschien der Häuptling wieder und beklagte sich darüber, daß meine Leute durchaus zum Wasser gehen wollten, obgleich er ihnen verboten hatte, es zu thun. Mir lag der Grund zu diesem Verbot allerdings klar vor den Augen, denn zu dieser Zeit badeten sich ja gewöhnlich die Holden des Dorfes. Meine Leute konnten schließlich auch nicht ohne Wasser bleiben, deshalb befahl ich dem Häuptling, für mein sämmtliches Personal Wasser heranschaffen zu lassen, und verbot meinen Leuten dann, selbst zum Wasser herunterzugehen. Damit waren beide Parteien schließlich befriedigt. Aus Dankbarkeit schickte mir der Häuptling sogar noch eine ganze Anzahl Yamsknollen, welche ich nun wieder verteilte. Einige der Träger mußte ich hier übrigens bestrafen, da dieselben so unverschämt waren, einigen Trägerweibern die leichteren Lasten abzunehmen und ihnen statt dessen schwere aufzupacken. Diese Übelthäter hatten mehrere Tage hindurch die schwersten Lasten zu tragen. Noch vor Eintritt der Dunkelheit kamAmussomit den Soldaten in Beika an.

Da wir am 16. März wieder einen Berg zu erklimmen haben sollten, ließ ich schon um 5 Uhr antreten. Es war interessant, desMorgens diese Scene zu beobachten. Gewöhnlich ließ ich mir gegen 4 Uhr morgens durch den Koch schon den Kaffee bringen und setzte mich dann noch bis 5 Uhr zu schriftlichen Arbeiten oder einer Zigarre nieder. Nachdem mein Junge unterdessen meine Sachen etwas zusammengeräumt hatte, ließ ich in dem noch vollständig stillen Dorfe die Signalpfeife ertönen. Sofort entwickelte sich nun ein reges Leben. Von allen Seiten strömten die Leute herbei, um ihre Lasten fertig zu packen, oder die Einwohner des Dorfes in großer Anzahl, um beim Aufbruche zuzugaffen. Sah ich, daß alles fertig war, wobei der Headman zur nötigen Eile anzutreiben hatte, dann ertönte das zweite Signal, und in der bereits oben beschriebenen Ordnung setzte sich der Zug in Bewegung. Dasselbe Schauspiel wiederholte sich fast allmorgentlich.

Von Beika stiegen wir nun auf einem für die beladenen Träger nicht gerade gefahrlosen Wege wieder in ein tiefes Thal hinab. Der Grund des Thales schien aus sehr fruchtbarem Boden zu bestehen, der übrigens mit Elefantengras reich bedeckt war. Allmählich stiegen wir von dieser Ebene auf einem immer steiler ansteigenden Pfade zum Dorfe Tetemang empor, das ähnlich wie Beika auf einer dicht bewaldeten Bergkuppe lag, aber nicht so auf Felsen stand wie die letztere Ortschaft. Hühner und Eier konnten wir für unsere Küche auch reichlich einkaufen. Unser KochQuodjo, welcher früher einmal der Junge des in Kamerun ermordeten Oberleutnants Dr.Plehngewesen war, war in solchen Sachen äußerst geschickt und erfahren, so daß wir ihm diese Einkäufe vollständig allein überlassen konnten. Dieser Mensch war überhaupt trotz seines Hanges zum Leichtsinn, wenn er unter strenger Zucht war, vorzüglich zu gebrauchen und als Dolmetscher für uns hier sehr wertvoll. Lügen konnte er übrigens in staunenerregender Weise, doch das war nicht unsere Sache, solange er uns nicht belog, und davor hütete er sich.

Nach Beendigung unseres Frühstücks verließen wir mit den Geiseln das Dorf Tetemang und stiegen wieder in ein tiefes Thal hinab. Durch ziemlich dichten, an Landolphien und falschen Kickxien sehr reichen Wald führte der teilweise steile, nicht selten mit Geröll bedeckte Weg der Hauptstadt Boëms, Borada, zu, wo wir, nachdem wir noch ein kleines Hügelland durchzogen hatten, gegen Mittag eintrafen.

Die Häuser in Borada waren, wie es mit wenigen Ausnahmen in ganz Boëm der Fall ist, in derselben Weise erbaut, wie die von Lolobi, dem Dorfe am Dai-Flusse, das man eigentlich nicht mehr zu Boëm rechnet, meiner Meinung nach aber entschieden noch dazu gehört. Auch die Dörfer Beika und Tetemang bestehen aus solchenHäusern. Im allgemeinen muß man sagen, daß die Häuser hier in Boëm von den Eingeborenen sehr reinlich gehalten werden, derart sogar, daß ein Europäer eigentlich ohne Zelt umherreisen kann, da er mit einem Nachtquartier, wie es ihm die Häuser bieten, vollständig zufrieden sein kann. Nicht selten haben diese Boëm-Häuser, besonders diejenigen in Borada, eine Art Veranda an der Frontseite, welche an beiden Seiten durch die verlängerten Giebelwände und oben durch das überhängende Dach geschützt ist. Die in Boëm verbreitete Sprache ist das „Schi“, eine Sprache, welche westlich und nördlich der Landschaft eine größere Verbreitung haben soll. Einen eigentümlichen Schmuck sah ich übrigens hier in Borada und später auch in vielen anderen Ortschaften Boëms, nämlich weite Halsketten, die aus ovalen Gliedern bestanden und aus Eisen verfertigt waren. Die einzelnen Glieder waren gewöhnlich vierkantig im Durchschnitt und bis 3 mm stark. Mir wurde gesagt, daß diese Ketten von den Wora-Wora-Leuten gemacht werden, die allgemein als gute Eisenschmiede einen großen Ruf genießen.

Gegen Mittag wurden wir, als ich eben das Signal zum Packen gegeben hatte, durch einen starken Gewitterregen überrascht, der eine gute halbe Stunde andauerte und bald die Straßen des Dorfes in ein Gemisch von Bächen und Wassertümpeln verwandelte. Meine sämtlichen Lasten, welche ich schleunigst im Zelte unterbringen ließ, blieben glücklicherweise vollständig trocken. Als nach Beendigung des Regens der Aufbruch endlich erfolgen konnte, stellte sich heraus, daßAkpanjenoch verschiedenes mitAmussobesprechen wollte. Da ich mich dadurch nicht aufhalten lassen wollte, ließ ich ihn mit zwei Soldaten zurück und die Karawane aufbrechen. Wir durchzogen zunächst ein hügeliges, fruchtbares Savannengebiet, in dem die Eingeborenen viele Farmen angelegt hatten. Später gelangten wir in einen dichten Buschwald, in welchem die falsche Kickxia in riesigen Mengen vorhanden war. Die Stämme derselben schienen von den Eingeborenen viel als Nutzholz verwendet zu werden; so waren die Pfosten der Häuser und Brücken, über welche der Weg führte, vorzugsweise aus diesem Holze hergestellt. Dasselbe ist wie das der Kickxia elastica ziemlich weich, und daher sind die Bäume leicht zu fällen. Nach einem Marsche von 1½ Stunden erreichten wir das Dorf Kyasekang, das für Boëm das Centrum des Ackerbaues sein soll. Der alte Häuptling schien ein recht vernünftiger Bursche zu sein und that alles für meine Leute, was in seiner Macht stand. Als Geschenk brachte er mir ein schönes Schaf und eine große Zahl Yamsknollen sowie Bergreis und Guinea-Hirse. Da das Dorf und die Bevölkerung mir sehr gut gefielen, beschloß ich, über Nacht hierzu bleiben und ließ mein Zelt wieder unter einem Ficus aufschlagen. Das Dorf Kyasekang machte in vieler Hinsicht einen bedeutend angenehmeren Eindruck als Borada. Die Straßen waren bedeutend reinlicher und die Häuser auch nicht selten weiß getüncht; dazu kam noch die Zuvorkommenheit der Bevölkerung im allgemeinen. HerrThienemann, der schon früher einmal hier gewesen war, wurde von einem alten Weibe, das noch ein Geschenk aus Erdnüssen (Arachis) brachte, sehr freudig begrüßt. Wie er mir sagte, hatte er der Alten früher einmal einen Gefallen erweisen können, für den sie ihn aus Dankbarkeit nicht im Stiche ließ. HerrThienemannverstand es überhaupt ausgezeichnet, die Eingeborenen an sich zu fesseln.

Schon während der letzten Tage waren wir allenthalben mit Palmenwein von den Häuptlingen, deren Gebiet wir durchzogen, versehen worden. Auch heute erhielten wir wiederum eine große Kalebasse dieses Getränkes, das, in mäßigen Quantitäten getrunken, hier in dem heißen Klima entschieden eine erfrischende Wirkung hat, wenn es nicht abgestanden ist.

Am frühen Morgen des 18. März waren wir wieder auf dem Marsche. Die Steppe, welche mit dichtem Buschwalde abwechselte, gewann bald wieder einen trockenen Anblick. Der Weg war in tadellosem Zustande. An den Seiten sah man sogar nicht selten in den tiefer gelegenen Gegenden Wassergräben gezogen, die den Weg trocken halten sollten. Zu meiner großen Freude sah ich auch in der Nähe des Dorfes Versuche der Eingeborenen, Kaffee und Kakao zu kultivieren. Die Pflanzungen waren noch zu jung, als daß man von etwaigen Erfolgen oder Mißerfolgen hier sprechen könnte. Nach einer guten Stunde Marsches erreichten wir den kleinen Ort Guamang. Hier gab es ein reges Leben. Vor zwei Tagen hatte einer der Jäger des Dorfes einen Elefanten geschossen, dessen Fleisch nun hereingebracht wurde. Natürlich hätten meine Träger daher zu gern gesehen, daß ich ihnen Zeit lassen würde, von diesem Elefantenfleische etwas zu kaufen, doch ich ließ, ohne Rast machen zu lassen, weitermarschieren, da ich wohl wußte, daß die Leute von dem erlegten Tiere nichts verkaufen würden, denn das Dorf hatte eine ziemliche Anzahl von Einwohnern, für welche ein selbst großer Elefant lange nicht genügen konnte. Nach einer weiteren Stunde Marsches durch ein Gemisch von kurzgrasigen Steppen und Buschwäldern erreichten wir das kleine Dorf Monda, wo ich eine Rast von 10 Minuten machen ließ. Dieser kleine Ort zeichnete sich durch besondere Reinlichkeit aus. Ficus Vogelii scheint auch in diesen Gebieten nicht selten zu sein, ich sah auf dem Wege von Guamang nach Mondasogar viele wilde Exemplare. Von Monda nach Kadyebi, dem in Aussicht genommenen Endziele meiner Reise, hatten wir auch wieder ein gemischtes Gebiet zu durchziehen, das kleinere Baumsteppen und Urwälder besaß. In allen diesen Wäldern ist die Kickxia africana sehr verbreitet, ja man könnte fast sagen, der häufigste Urwaldbaum; doch trotz meines sehr eifrigen Suchens habe ich von der brauchbaren Kickxia elastica keine Spur entdecken können. Ich schnitt täglich eine große Zahl von Bäumen an, um zu sehen, ob etwa an einigen Lokalitäten diese Kickxia africana doch Kautschuk geben könnte, gab diese Hoffnung aber bald auf. Die Bodenverhältnisse hier in Boëm sind ganz ähnlich denen, unter welchen im Yoruba-Lande die Kickxia elastica auftritt. Ich bin daher fest davon überzeugt, daß Anpflanzungen der letzteren sich hier vorzüglich entwickeln werden. Landolphien sind übrigens auch hier in den Wäldern vorhanden, doch stellen die Eingeborenen ihnen sehr nach, so daß dieselben schon selten geworden sind. Gegen 10 Uhr trafen wir in Kadyebi ein. Ich ließ daselbst unter einem Ficus-Baume sogleich mein Zelt aufschlagen, da ich die Absicht hatte, erst am nächsten Tage das Dorf wieder zu verlassen. Der Häuptling des Dorfes schien ein machtloser alter Herr zu sein, der sich von seinen Verwandten offenbar viel gefallen lassen mußte. Auffallend demutsvoll kam er zu mir, um mir sein Geschenk zu bringen, dabei betonend, daß er zu arm sei, um mehr als Hühner, Reis und Yams geben zu können. Die Leute hatten hier sowohl wie in den letzten von uns passierten Dörfern kleine Kornspeicher, die gewöhnlich walzenförmig und mit konischen Dächern überdeckt waren. Nur wenige Häuser hatten die für Boëm typischen flachen Dächer. Die zu beiden Seiten abfallenden Strohdächer waren entschieden vorherrschend.


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