R. Schlechter vor seinem Zelte in Kadyebi.
R. Schlechter vor seinem Zelte in Kadyebi.
Zusammen mit HerrnThienemannunternahm ich kurz nach meiner Ankunft in Kadyebi eine Exkursion, um mir das von Herrn BergassessorHupfeldfür HerrnSholto Douglasangekaufte Terrain anzusehen, besonders auf Anbaufähigkeit für Kickxia elastica und andere Kautschukpflanzen. Wir hatten auf einem nicht schlechten Pfade etwa ¾ Stunde zu marschieren. Längs des Weges vorgehend, untersuchte ich zunächst die Vegetation und fand dieselben Verhältnisse, wie im Yoruba-Lande, nur mit dem Unterschiede, daß die falsche Kickxia reichlich vertreten war. Auch Sanseviera war vorhanden, an einer Stelle sogar in großen Mengen. Von dem Wege in das Dickicht eindringend, sahen wir, daß die Vegetationsverhältnisse dieselben blieben. An einer Stelle, wo schwerlich sich äußerliche Einflüsse hätten geltend machen können, entnahmen wir daraufnoch eine Bodenprobe, welche übrigens auf nicht schlechten Boden schließen ließ, in dem Kickxia elastica gut gedeihen würde. Für Tabak dürfte sich dieser Boden des Boëm-Waldgebietes wohl kaum bewähren, wenn er nicht alljährlich künstlich gedüngt würde, wohl aber für Baumwolle, an welche jedoch, solange die Transportkosten zur Küste dieselben bleiben werden, wohl nicht gedacht werden kann. Etwas anderes wäre es auch mit Kola, doch kennen wir das Wachstum dieser wichtigen Pflanze bis jetzt noch viel zu wenig, um schon Schlüsse auf ihre Ertragsfähigkeit zu ziehen. Nach den Exemplaren zu urteilen, welche ich in Misahöhe gesehen, scheint diese Kultur nicht sehr aussichtsvoll für Plantagen, die in nicht zu langer Zeit doch mit einer gewissen Einnahme herauskommen sollen, wohl aber als Nebenkultur möglicherweise vorteilhaft zu sein.
Am Nachmittage kehrten wir nach Kadyebi zurück, wo ich für meine Leute einen Festschmaus gab, bei dem die Schafe von Borada und das vom Häuptling von Kyasekang erhaltene ihr Leben lassen mußten.
In schnellem Marschtempo verließen wir am Morgen des 19. März Kadyebi wieder, um auf demselben Wege, auf dem wir gekommen waren, nach Kyasekang zurückzukehren. In Monda und Guamang ließ ich je eine Viertelstunde Rast machen, und dennoch trafen wir schon vor 10 Uhr in Kyasekang ein.
Ein alter Haussa-Malam, der hier ansässig war und mir schon bei meinem ersten Durchzuge durch das Dorf einige Yams und ein Huhn als Geschenk gebracht hatte, ließ es sich nicht nehmen, hier wieder mit einem Geschenke zu kommen. Er warf sich dabei immer in ehrfurchtsvoller Weise auf die Kniee und berührte mit seiner Stirn den Boden, dabei murmelte er alle möglichen Segenswünsche vor sich hin. Es ist merkwürdig, daß die Haussa, die sich doch sonst hier für höhergestellt halten als die Neger, einem Europäer gegenüber so unterwürfig sind, wie man es nie bei den anderen Eingeborenen sehen wird. Auch unter den Leuten, die mit Kautschuk aus dem Innern kommen, sind viele Haussa, welche dem Europäer sich entweder stets zu Füßen werfen, oder aber stolz, kaum ein „Salaam“ wünschend, vorüberziehen.
Gegen 1 Uhr ließ ich wieder aufbrechen. Unser Weg führte nun bedeutend mehr nach Westen. Auf einem vorzüglichen Wege, der auch wieder gut drainiert war, ging es zunächst durch eine Niederung und dann über hügelige Baumsteppen, allmählich emporsteigend nach Kyasekang-Akora, einem Schwesterdorfe des von uns eben verlassenen Kyasekang, das etwa 1½ Stunden entfernt lag. Auf einem großen Marktplatze ließ ich unter einem wundervollen Feigenbaum das Zeltaufschlagen, da wir erst am nächsten Morgen nach Quamikrum weitermarschieren wollten. Akora ist ein kleineres Dorf, welches etwa 200 Hütten besitzen dürfte. Die Eingeborenen machten einen weniger günstigen Eindruck als die des von uns am Nachmittage verlassenen Kyasekang. Bis in die Nacht hinein saß ich mit HerrnThienemannzusammen bei Mondschein vor dem Zelte, über die verschiedensten Fragen unsere Ansichten und Gedanken austauschend, bis uns doch die späte Stunde zur Ruhe mahnte, zumal da wir wußten, daß wir am nächsten Tage bis Quamikrum einen langen Marsch zu machen haben würden.
Am Morgen des 20. März waren wir schon zeitig wieder auf dem Wege. HerrThienemannund die Träger marschierten weit voraus, da ich mitAmussound den Soldaten zurückgeblieben war, um den Häuptling von Akora zu sprechen. Durch einen ziemlich dichten Wald marschierend, in dem die falsche Kickxia und Landolphien viel vorhanden waren, gelangten wir nach etwa einer Stunde zu dem Dörfchen Tomegbe, das nur aus wenigen Hütten bestand und nach Angabe der Eingeborenen erst seit kurzer Zeit erbaut sein soll. Hier wartete HerrThienemannmit den Trägern auf mein Eintreffen. Nach kurzer Rast ging es weiter durch dichten Wald, der nur hin und wieder von kleinen Savannen unterbrochen war. Die Wege waren schmal und nicht selten durch gefallene Baumstämme versperrt oder von hohen Wurzeln überlaufen, so daß ich auf dem Pferde tüchtig aufzupassen hatte, damit das Tier nicht zu Falle komme. An den Lianen und dünnen Baumzweigen hing hier in dem Walde nicht selten eine epiphytische Orchidacee, die gerade einen reichen Flor grünlicher Blüten darbot. Sonst war bei der Art unseres Zuges durch diesen botanisch sicher hochinteressanten Wald recht wenig zu sehen, da wir unsere ganze Aufmerksamkeit dem Wege zuzuwenden hatten. Hin und wieder blieb ich etwas zurück, um an den Kickxien Anzapfungsversuche zu machen, hatte aber keinen Erfolg mit denselben; immer wieder ergaben die Untersuchungen jene klebrige, wertlose Masse, welche auch bei vielen Ficusarten zu finden ist. Einige Landolphien lieferten guten Kautschuk, doch da Blüten und Früchte nicht zu finden waren, ließ sich leider die Art nicht feststellen, außerdem sah ich mit wenigen Ausnahmen nur dünne Stämme derselben; die dickeren schienen alle bereits von den Eingeborenen ausgeschlagen worden zu sein.
Gegen 9 Uhr erreichten wir ein kleines Farmdörfchen, welches uns die daselbst wohnenden Eingeborenen als „Indzimaqua“ bezeichneten. Auch dieses war erst seit kurzer Zeit erbaut worden. Unsern etwa 1½ Stunden währenden Aufenthalt daselbst benutzteich dazu, um mir die Farmen der Leute anzusehen. Es wurden Manihot utilissima, Baumwolle, etwas Mais, Cajanus indicus und Yams gebaut. Für die Yamsknollen erbauen die Leute aus dünnen Stangen luftige Häuschen, in denen die Knollen, welche äußerst leicht faulen und daher sehr vorsichtig behandelt werden müssen, teils an den Wänden einzeln aufgehängt, teils auf einem ebenfalls aus Stangen hergestellten Tische liegend, aufbewahrt wurden. Auf diese Weise trocknen dieselben nach Regen sofort durch den Wind oder sonstigen Luftzug wieder ab und sind daher besser vor Fäulnis geschützt. Dieselbe Art von Yamsspeichern sah ich auch zwischen Liati und Fodome, hatte damals aber keine Gelegenheit, sie näher zu besichtigen. Auf unserm Weitermarsche zogen wir über größere Savannen, welche teils ziemlich regelmäßig mit zerstreuten Bäumen besetzt, teils von kleinen Busch- und Baumgruppen unterbrochen waren. Die Flora auf diesen Savannen war schon interessanter, da nach einigen Grasbränden verschiedene Kräuter erschienen waren. Außer der über das ganze südliche und mittlere Togo weit verbreiteten Eulophia cristata waren Vernonien, eine Helichrysumart, Cycnium, Striga, Oldenlandia, Acalypha und der prachtvolle Haemanthus Kalbreyeri sehr verbreitet. Besonders der letztere war ein wundervoller Schmuck der saftig-grünen Steppen. Auf den Bäumen, unter denen besonders Terminalen, Combretumarten und Butterbäume häufig waren, wuchsen nicht selten Loranthus- oder Viccumarten und eine epiphytische Orchidacee, welche zwar nicht in Blüte war, aber wohl sicher zu Polystachia golungensis gehört, die in Afrika eine merkwürdig weite Verbreitung zu haben scheint. Nach einem Marsche von etwa zwei Stunden erreichten wir den Mkunsu-Fluß, welcher sich hier ein sehr tiefes Bett gegraben hat; derselbe führte zur Zeit nicht viel Wasser, soll aber zur Regenzeit nicht unbedeutende Dimensionen annehmen. Nachdem wir den Mkunsu überschritten hatten, sahen wir bald darauf das Dorf Quamikrum vor uns liegen, wo ichAmussomit den Soldaten zurücklassen sollte.
Das Dorf Quamikrum soll früher eine nicht unbedeutende Ortschaft gewesen sein, in der sich hauptsächlich Haussa-Leute auf der Durchreise von dem Innern zur Küste längere Zeit aufzuhalten pflegten. Als wir damals dort eintrafen, fanden sich nur wenige Familien daselbst, von denen der größere Teil auch durchziehende Haussa waren. Die Hütten waren zum großen Teil stark im Verfall begriffen oder sogar schon vollständig unbewohnbar. Auf dem Marktplatze ließ ich sofort mein Zelt aufschlagen und den Platz umher etwas reinigen, da derselbe wüst mit Schmutz undUnkraut bedeckt war. Auch ließ ich sogleich einige der Wege zu beiden Seiten reinigen, da dieselben häufig nur aus einem schmalen Pfade bestanden, der zu beiden Seiten derartig mit stachligen Amarantusbüschen bedeckt war, daß man beim Betreten derselben von den Stacheln arg gepeinigt wurde. AuchAmussoließ alsbald durch die Soldaten einen geeigneten Platz frei machen, auf welchem er die für die Station zu erbauenden Häuser aufzuführen gedachte, und konnte mir schon am Abend mitteilen, daß diese erste Arbeit vollendet sei. Zum Bau der Häuser waren Einwohner umherliegender Ortschaften beordert worden, welche am folgenden Tage eintreffen sollten. Am Nachmittage untersuchte ich die Wälder zu beiden Seiten des Mkunsu-Flusses, konnte aber außer einigen Exemplaren des Ficus Vogelii, von der übrigens im Dorfe Quamikrum selbst verschiedene größere Exemplare standen, nichts finden, das für mich von mehr als rein botanischem Interesse gewesen wäre. In letzterer Hinsicht war ich allerdings glücklicher. Eine interessante großblättrige Strychnosart, welche sich hoch in die Bäume hineinwand und in großen Guirlanden über den Mkunsu hinunterhing, war nicht selten. Auf den grasigen Hügeln bei dem Dorfe fand ich außer einigen Scrophulariaceen eine für mich besonders interessante Asclepiadacee (eine Raphionacme) und die für die Steppen so typischen aufrechten Cissusarten, die aus großen unterirdischen Knollen entspringen. Am Abend erschienen noch verschiedene Haussa-Karawanen, deren Führer behaupteten, auf dem Wege nach Lome zu sein. Einige führten Kühe bei sich, welche aus Kratschi kommen sollten und nachAmussosAnsicht sicher nach Acra, nicht nach Lome gebracht wurden.
Am nächsten Morgen ließen wir die Soldaten mitAmussozurück und zogen nun auf der großen Straße nach Kpandu in fast südliche Richtung. Das Gelände wurde etwas hügeliger und bot einen Anblick dar, der mich lebhaft an einige Gegenden in Natal erinnerte. Zu beiden Seiten hatten wir Savannen, welche mit spärlichen Gesträuchen oder kleinen Bäumchen bedeckt waren; später, nachdem wir ein kleines Farmdörfchen Adenkutschu passiert hatten, traten wir in einen Buschwald ein, in dem sich riesige Mengen der falschen Kickxia zeigten. Auch hier machte ich wiederholt Versuche, ein brauchbares Produkt aus dem Milchsafte derselben zu gewinnen. Nach etwa dreistündigem Marsche erreichten wir das Dorf Wuropong. Dasselbe soll ungefähr 300 Hütten besitzen. Der Häuptling des Dorfes kam, uns zu begrüßen, und brachte einige Kalebassen mit Palmenwein sowie einige Eier. Den Palmenwein verteilten wir zum großen Teile unter den Leuten, während wir füruns einen kleinen Teil zurückbehielten, der, mit Cognak vermischt, uns vortrefflich schmeckte, da er erst soeben eingebracht und daher noch ganz frisch und kühl war. Bis gegen Mittag ließ ich hier in Wuropong rasten, dann setzten wir den Marsch weiter nach Süden fort. Die nun gut geschulten Träger marschierten jetzt vorzüglich, auch die Weiber blieben nicht zurück, so daß die ganze Karawane sich gut geschlossen vorwärts bewegte. HerrThienemannmit seiner Hängematte zog gewöhnlich voraus, ich beschloß mit einem oder zwei Jungen den Zug, damit ich, ohne Störung zu verursachen, nach Belieben zu etwaigen Untersuchungen zurückbleiben könnte. Das Gebiet war anfangs hauptsächlich mit Buschwald bedeckt, wo es nicht von den Eingeborenen unter Kultur gesetzt worden war, später wurden größere Savannenkomplexe, in denen besonders eine Imperataart das vorherrschende Gras war, häufiger. Bald zogen wir durch das kleine Dorf Tapo und nach einer weiteren halben Stunde durch Antumda. Die Gebiete schienen hier fruchtbarer zu werden. Buschwald wechselte mit Elefantengras. Allenthalben waren auch von den Eingeborenen Farmen angelegt, die einen recht günstigen Eindruck machten. Außer den bereits oben erwähnten Kulturpflanzen sah ich hier auch Hibiscus esculentus angepflanzt und sogar einige Tomaten. Ich glaube, daß sich hier eine geeignete Gegend findet, die später einmal, wenn sich erst der Baumwollbau, zu dessen Hebung vom Kolonialwirtschaftlichen Komitee eine Expedition entsendet werden soll, besser entwickelt hat, bei einer größeren Anlage in Betracht gezogen werden dürfte. Das Land ist ziemlich eben und offenbar leicht zu bearbeiten. Gegen 2 Uhr nachmittags erreichten wir das kleine Dorf Kadyevi und gleich darauf N’tschumuru, wo ich beschlossen hatte, Lager für die Nacht zu machen. Auf dem wunderschönen Marktplatze, der durch ein dichtes Dach von Ficusarten beschattet wurde, ließ ich zunächst die ganze Trägerschar einen großen Raum gehörig reinigen und dann das Zelt aufstellen. Für HerrnThienemannwurde wieder ein nahe gelegenes Haus gemietet. Nachdem ich meine laufenden Arbeiten erledigt hatte, machte ich einen Ausflug in die Umgebung, welcher aber infolge der dichten Elefantengrasdecke wenig anderes aufkommen ließ als vereinzelt stehende Bäume, unter denen besonders Wollbäume auffielen, und wenige Sträucher. In dem Dorfe selbst waren verschiedene Ficus Vogelii angepflanzt. Gegen Abend stattete mir der Häuptling des Dorfes einen Besuch ab. Als ich bei dieser Gelegenheit fragte, ob der Weg vor uns in gutem Zustande sei, sagte er, daß er denselben noch schnell zu reinigen befohlen habe, denn seine Leute seien in den letztenWochen viel auf den Feldern beschäftigt gewesen und daher habe sich Gras im Wege eingefunden.
Daß die Umgebung hier allgemein fruchtbar sein müsse, schien schon aus den großen, dreifüßigen Kornspeichern hervorzugehen, welche wir heute in den meisten Dörfern sahen. Wir bekamen hier auch allenthalben Reis, Mais und Guinea-Hirse für mein Pferd, das sich übrigens nicht viel aus denselben zu machen schien, sondern das saftige frische Gras vorzog. Bald erschien auch der Häuptling von N’Kunya, um sich durch ein Geschenk von Yams, zwei Hühnern und einigen Kalebassen Palmenwein meine Freundschaft zu erwerben. Am Abend mußte ich unter meinen Trägern gegen einige sehr energisch auftreten, weil dieselben kamen und mich darauf aufmerksam machten, daß ihre Heimat nun nur wenige Stunden entfernt sei und daß sie am folgenden Morgen dorthin zurückkehren wollten. Ein solches Gelüste mußte ich den Leuten natürlich nehmen. Ich ließ sofort die Namen der Leute notieren und ihnen nun sagen, daß ich sie bestrafen würde.
Die Expedition in Kadyebi.
Die Expedition in Kadyebi.
Schon vor 4 Uhr war ich am nächsten Morgen wieder auf, um noch vor unserm Aufbruche einige schriftliche Arbeiten erledigen zu können. Um 5 Uhr gab ich dann das Signal zum Sammeln, so daß wir mit Tagesanbruch auf dem Wege waren. Ich ritt heute voran. Am Kunya-Gebirge entlang führte unser Weg, zunächst durch Kunya-Klaba und weiter durch ein mit Elefantengras und Imperata bestandenes Savannengebiet. Wie mir der Häuptling von N’tschumuru versprochen, waren bereits eine größere Anzahl von Leuten dabei, den stark mit Imperatagräsern bewachsenen Weg zu reinigen und an feuchten Stellen zu drainieren. Von allen Seiten kamen immer neue Leute hinzu, um bei dieser Arbeit zu helfen. Noch vor 6 Uhr erreichten wir das Dorf Dafo, in dem eben ein kleiner Markt begonnen hatte. Um meinen Leuten Gelegenheit zu geben, hier billig Nahrungsmittel zu kaufen, ließ ich eine halbstündige Rast machen und zahlte ihnen bereits hier die Subsistenzgelder aus. Als wir dann wieder Dafo hinter uns hatten, traten wir in Savannen von ziemlicher Ausdehnung ein, die auch nicht unfruchtbar schienen. Auch hier war das Land etwas hügelig, was ich der Nähe des Volta-Flusses zuschrieb. Da ich auf meinem Pferde vorausgeritten war, traf ich in dem Orte Agbonohoe schon vor der Karawane ein. Ohne Rast machen zu lassen, ging es dann nach Fesi weiter, wieder durch fruchtbare Elefantengras- und Imparatasavannen mit zerstreuten Bäumen und Sträuchern. Da der letzte Teil des Weges ziemlich von Unkraut überwuchert war, ließ ich den Häuptling von Fesi kommen und forderte ihn auf, den Weg reinigen zu lassen, waser sofort zu thun versprach, sobald seine Leute, die zu Arbeiten nach Kpandu gerufen waren, zurückkehren würden. Nachdem meine Karawane, welche unterdessen eingetroffen war, eine kurze Rast gemacht hatte und sich an Kokosnußmilch gestärkt hatte, ließ ich wieder aufbrechen, um durch Abehung und Alöe nach Kpandu zu gelangen. Die Vegetation und die Bodenverhältnisse blieben dieselben bis kurz vor Kpandu. Erst als wir in die Ebene, in der Kpandu liegt, hinabstiegen, wurde der Boden steiniger und offenbar unfruchtbarer. Von der Missionsstation aus konnten wir das Dorf und, auf einem hohen Felsen oberhalb gelegen, die Regierungsstation Kpandu bewundern. Ohne durch das Dorf hindurchzuziehen, ließ ich zur Station hinausmarschieren, wo wir kurz nach 9 Uhr anlangten. Da die Station nicht von Europäern bewohnt war und der farbige Assistent, dem die Verwaltung derselben übertragen war, in den dahinterliegenden Arbeiter- und Soldatenhäusern seine Wohnung hatte, nahm ich mit HerrnThienemannvon den beiden für Europäer bestimmten Räumen in dem Stationsgebäude Besitz. Unsere Lasten ließ ich ebendaselbst unterbringen. Die Träger und Trägerinnen wurden in verschiedene leerstehende Häuser des Stationshofes einquartiert. Bald sah es nun sehr lebendig auf der Station aus. HerrThienemannund ich stärkten uns nach längerer Zeit einmal wieder an einem guten Glase Bier, das wir hier in Kpandu bekommen hatten. Ich ließ sofort das Essen fertigmachen, da ich die Absicht hatte, zur Volta hinüberzureiten, um auch das Thal des Flusses kennen gelernt zu haben. Gegen 11 Uhr ritt ich, gefolgt von einem Soldaten, der mir als Führer dienen sollte, zur Station hinaus. Unser Weg führte zunächst über den Hügelrücken, auf dem die Station gelegen ist. Von der Kante dieses Rückens, der plötzlich steil abfällt, hatten wir einen wundervollen Blick über das Thal der Volta, die sich in einiger Entfernung wie ein Silberfaden dahinschlängelte. Mit dem Pferde war der Abstieg in die Ebenen, welche sich unter uns hinstreckten, nicht leicht, besonders da der Weg an einigen Stellen mit Gerölle bedeckt war, auf dem das Tier keinen festen Halt hatte. Ich mußte daher während des ganzen Abstieges das Tier sehr vorsichtig führen. Als wir in der Ebene angelangt waren, machte sich bald eine Hitze bemerkbar, wie ich sie vorher erlebt zu haben mich nicht erinnern konnte; es war gerade, als ob wir vor einem Backofen standen. Die ganze Ebene trug den Charakter einer typischen Togo-Baumsteppe; das Gras war niedrig, kaum über 1½ Fuß hoch, von einigen Kräutern und Halbsträuchern wie Vernonia, Acalypha, Sopubia, Cycnium, Striga, Eriosemma, Cryptolepis nigritana etc., durchsetzt und war von zerstreut stehenden Bäumen überdeckt. Ganz besonders fiel mir hier derReichtum an Butterbäumen auf, von denen häufig behauptet worden ist, daß sie ein brauchbares Guttapercha liefern, das aber, so viel ich erfahren, von sehr minderwertiger Qualität ist und einen so geringen Preis bringt, daß es sich kaum verlohnen würde, dasselbe einzusammeln. Da die Bäume außerdem nur einen kleinen Ertrag geben, so würde die Arbeit, welche mit dem Einsammeln dieses guttaähnlichen Produktes verbunden ist, sich wohl schlecht lohnen, denn, wie ich hörte, werden am Niger, wo man das Gutta auf Veranlassung der Niger-Compagnie einsammelte, die Bäume erst gefällt. In einem Lande wie Togo, wo nur wenig Wälder vorhanden sind und der Baumwuchs in den Steppen auch ein äußerst spärlicher ist, kann uns gar nichts daran liegen, die wenigen Bäume umzuschlagen, um dadurch eine Einnahme zu erzielen, die zu dem Schaden, der durch ein solches Vorgehen herbeigeführt wird, in keinem Verhältnisse steht. Als wir uns nach etwa 1½ Stunden der Volta näherten, hatten wir einige zur Zeit ausgetrocknete Bachbetten zu durchqueren, deren Ufer mit dichtem Gebüsch bedeckt waren. Die Vegetation einiger Sümpfe, die in der Nähe des Flusses lagen, ließ mich vermuten, daß der Boden salzhaltig sein müsse, denn mit wenigen Ausnahmen traten dort nur ausgeprägte halophile Typen auf. Gegen 1 Uhr erreichten wir endlich die Volta selbst bei dem kleinen Flecken Dogbadja. Nach meiner Schätzung war der Fluß etwa 300 m breit. Inmitten desselben lag eine Sandbank, auf der sich vorübergehend Fischer angesiedelt hatten. Ich war erstaunt, den riesigen Verkehr hier zu sehen. Allenthalben sah man kleinere und größere Canoes daherschießen, die ersteren durch Ruder, die letzteren durch große Segel fortgetrieben.
Nach kurzer Umschau an der Volta ließ ich mein Pferd wieder satteln und ritt dann zur Station Kpandu zurück. Da ich mein Pferd gehörig zur Eile angetrieben, um endlich die heiße Steppe hinter mir zu haben, langte ich schon früh am Nachmittage daselbst wieder an. Da ich in dem Dorfe Kpandu noch verschiedene Einkäufe machen zu können hoffte, benutzte ich die noch übrige Tageszeit zu einem Ritte dorthin. Viel war hier allerdings nicht einzukaufen, doch wurden wir durch einige Dinge, wie Zucker, Bier und andere Kleinigkeiten, wieder aus momentaner Verlegenheit befreit.
In den Faktoreien, die übrigens sämtlich unter Leitung von Farbigen standen, sah ich hier die auch als Silkrubber gehenden Kautschukkuchen, die nicht, wie ich schon oben erwähnt, von einer Kickxia gewonnen werden, sondern von der dickstämmigen Landolphiaart, welche ich bereits beim Liati gesehen hatte. Auch an den Bergabhängen hinter Kpandu hatte ich die Pflanze gefunden,aber auch hier ohne Blüten und Früchte, so daß ich nicht die Art feststellen konnte. Auf dem Kunya-Gebirge ist nach Angaben der Kautschuksammler diese Liane noch häufig, wird aber auch dort jetzt in einer Weise ausgebeutet, daß zu befürchten ist, daß sie nur noch kurze Zeit daselbst vorhanden sein wird.
Gegen 6 Uhr verließen wir am Morgen des 23. März die Station Kpandu, um im Dorfe die von mir am Tage vorher gekauften Sachen aufzunehmen; dann ging es unserem nächsten Ziele Misahöhe entgegen. Gleich hinter Kpandu betraten wir wieder eine trockene Baumsteppe, welche auffallend eben sich weithin auszustrecken schien. Offenbar war der Boden hier weniger fruchtbar als zwischen Wuropong und Kpandu, auch sah man von Eingeborenenkulturen recht wenig. In der sonnigen Steppe, wo das Laub der Schattenbäume fast gar keinen Schatten abgab, machte sich die Hitze des Tages bald unangenehm bemerkbar, so daß wir froh waren, als wir das Dorf Sobuesante erreichten, in dem wir eine kurze Rast machen konnten. Der Häuptling erschien auch sofort mit einem Huhn und einigen Kalebassen Palmenwein, welcher uns nach dem Marsche durch die trockene, heiße Steppe ganz besonders gut mundete. Nach kurzem Aufenthalt in diesem kleinen Dorfe setzten wir mit frischen Kräften unsern Marsch durch die Steppe fort, die denselben Charakter beibehielt wie vor Sobuesante. Es war ein heißer Tag, vielleicht einer der heißesten, welche ich auf der Togo-Reise zu durchleben hatte. Die Träger und Trägerinnen mit ihren schweren Lasten kamen nur langsam vorwärts. Kurz vor Mittag erreichten wir den Ort Bevi, an dem der Daï-Fluß dicht vorbeifließt. Auch hier kam der Häuptling mit einem kleinen Geschenke, um uns zu empfangen. Da die Hitze des Tages eine zu drückende war und ich befürchtete, daß von meinen Trägern einige übermüdet werden könnten, ließ ich in Bevi eine zweistündige Rast machen, so daß die Leute genügend Zeit hatten, ihre erhitzten Körper im Flusse gehörig abzukühlen. Der alte Häuptling schien ein sehr bescheidener Mensch zu sein und nicht viel Achtung zu genießen. Sobald er Geschenke mit mir gewechselt, setzte er sich in der Nähe unter einen Ficusbaum und betrachtete das Leben und Treiben aus der Entfernung. Zu allerdings unverschämten Preisen wurden hier meinen Leuten getrocknete und gedörrte Fische zum Kauf angeboten. Die Eingeborenen fangen dieselben im Daï-Flusse und benutzen sie im Tausche mit den durchziehenden Karawanen. Da ich aber hörte, daß sie unseretwegen die Preise hochgeschlagen hatten, befahl ich meinen Leuten, zu dem geforderten Preise keine Fische zu kaufen. Das half insofern, als nun die Leute von Bevi auch von ihren unverschämten Preisen Abstand nahmen und normalePreise forderten, zu welchen meine Leute verschiedenes erstehen konnten.
Während des Marsches von Bevi nach Vime wurde die Hitze in der ausgedörrten Steppe fast unerträglich. Erst als wir uns Vime gegen 4 Uhr näherten, gewann die Gegend an Interesse. Der Boden wurde wieder fruchtbarer, hier und dort hatten die Eingeborenen Farmen angelegt, auf denen wir wiederholt größere Komplexe mit Baumwolle bepflanzt sahen. Im Dorfe Vime, wo ich eine Rast von etwa einer Viertelstunde machen ließ, sahen wir wieder verschiedene Prachtexemplare von Ficus Vogelii. In der Nähe unseres Lagerplatzes standen einige Kokospalmen und einige Stauden Zuckerrohr, welche sehr üppig aussahen. Nach weiteren 20 Minuten Marsch durch fruchtbares, ebenes Terrain gelangten wir nach We-Demme, wo ich mein Nachtquartier aufzuschlagen beschlossen hatte. Nach der Begrüßung des Häuptlings, der mit seinem ganzen Gefolge vor meinem Zelte erschien, um seine Geschenke zu bringen, machte ich einen Rundgang durch das Dorf, wobei ich Gelegenheit hatte, einige Webereien in Augenschein zu nehmen. Die Leute können mit ihren Webstühlen nur schmale Streifen Zeug weben, die dann zu breiten, äußerst haltbaren Tüchern zusammengenäht werden. Das Drehen der Fäden, das ich besonders in Boëm schon zu beobachten Gelegenheit hatte, bringen die Leute an einer Handspindel mit großem Geschicke zu stande. Ist ein solcher Faden von der gewünschten Länge fertiggestellt, so wird er erst etwas angefeuchtet und dann gespannt, was entweder durch Umspannen zwischen zwei oder mehreren Bäumen geschieht oder dadurch, daß an den zusammengelegten Fäden ein größeres Gewicht aus Steinen angehängt und dadurch die nötige Spannung erzielt wird. Die Weber arbeiteten hier sowohl wie in den benachbarten Häusern zumeist in Gesellschaft, in offenen Schuppen, die gewöhnlich zwei Webstühle umschlossen. Von den Eingeborenen werden diese festen, im Lande selbst gewebten, allerdings auch bedeutend teureren Stoffe den in Europa verfertigten meist minderwertigen Artikeln bedeutend vorgezogen. In der Nähe des Dorfes sah ich auch hier in dem Busche wieder einige Exemplare der dickstämmigen Liane, welche den Kpandu-Silkrubber liefert. Am Abend veranstaltete der Häuptling von We-Demme vor meinem Zelte uns zu Ehren einen Tanz der jungen Männer und Weiber, dem ich mit HerrnThienemannbeiwohnte.
Fetischhäuschen im Dorfe Bevi.
Fetischhäuschen im Dorfe Bevi.
Gegen 6 Uhr früh am 24. März waren wir wieder auf dem Wege über hügeliges Terrain, das sich wegen seiner Fruchtbarkeit bei Anlage von Baumwollplantagen auch empfehlen dürfte, und ganz besonders, da hier schon jetzt das Centrum der Baumwollkulturenfür die Agome-Region liegt. Wir marschierten durch die nahe bei einander gelegenen Dörfer Leglebi-Fiapi und Leglebi-Duga und darauf, in bergigere, bewaldete Regionen eintretend, nach Kame, das uns ja schon von der Reise landeinwärts her bekannt war. Unsere Träger und Trägerinnen, welche hier in Kame viele Freunde und Verwandte hatten, gerieten außer sich vor Freude, als sie wieder in die ihnen wohlbekannte Gegend eintraten. Gern hätte ich mit angehört, was sie den Kame-Leuten erzählten, denn diese rissen nicht selten vor Erstaunen die Augen weit auf. Ganz besonders aber schien es unser KochQuodjozu verstehen, seine Erlebnisse auszuschmücken, denn um ihn sammelte sich bald ein großer Zuhörerkreis, in dessen Mitte er sich wie ein junger Gott bewundern ließ, nicht achtend auf das Kichern der Reisegenossen, die sich über die Erfindungsgabe des Burschen nicht genug amüsieren konnten. Nach kurzem Aufenthalte in Kame ließ ich bis Agome-Tongbe weitermarschieren, wo ich eine Frühstücksrast machen ließ. Auf dem bereits beschriebenen Wege über den François-Paß gelangten wir dann alle frisch und munter gegen 11 Uhr wieder in Misahöhe an, wo mich Dr.Gruneraufs freundlichste aufnahm.
Da nun der Kontrakt mit meinen Trägern und Trägerinnen abgelaufen war, entließ ich noch am Vormittage die ganze Gesellschaft, nachdem sie außer ihrem Lohne noch den üblichen kleinen „Dash“ erhalten hatten. Herr Dr.Grunersorgte gütigst sofort wieder für neues Trägerpersonal, das er, da ich nun nur eine kleine Rundreise im Agome-Gebirge unternehmen wollte und daher nur zehn Träger benötigte, aus Agome-Tongbe beorderte. HerrThienemann, welcher begierig war, zu sehen, ob auf der Agu-Plantage alles beim Rechten sei, brach am Nachmittag dorthin auf, nachdem wir vorher verabredet hatten, daß er bis zum Abend des nächsten Tages wieder nach Misahöhe kommen würde, sofern er sich kräftig genug dazu fühlte, denn sein Gesundheitszustand erschien nicht sehr gut. Ich verblieb auf der Station, wo ich den Rest des Tages in Dr.Grunersund HerrnFrankesangenehmer Gesellschaft verbrachte.
Am Sonntag, den 25. März, ritt ich bald nach Frühstück nach Palime, wo ich hoffte, noch meine Lebensmittel durch Ankauf etwa dort vorhandener etwas ergänzen zu können. Fast in Palime angelangt, traf ich auch die HerrenMeyerundv. Bruch, welche eben nach Misahöhe hinüberreiten wollten, um Herrn Dr.Grunereinen Besuch abzustatten. Als ich ihnen meine Absichten mitteilte, kehrten sie auch wieder nach Palime zurück, wo wir nun zusammensuchten, was an Eßwaren abzugeben war, um dann gemeinsam nach Misahöhe zu reiten, wo wir gegen Mittag eintrafen. Ich ließ am Nachmittag noch die verschiedenen Lasten zusammenpacken undbereit legen, welche ich auf der Rundreise im Agome-Gebirge zu benötigen glaubte. Den Abend verbrachten wir in sehr interessanter Unterhaltung mit Dr.Grunerund HerrnMartinvon der Baseler Mission, der auch auf der Durchreise war und die Gelegenheit benutzte, mit Dr.Grunerüber verschiedene Fragen eingehende Rücksprache zu nehmen. Es war äußerst interessant zu sehen, wie genau Dr.Grunerin jedem Winkelchen seines Distriktes Bescheid wußte, und wie er gewissermaßen die Seele des Distriktes war, ein jeder, groß und klein, kam, um sich bei ihm Rat zu holen, und überall wußte er zu helfen. Noch spät an jenem Abend kam ein Eilbote von HerrnThienemann, welcher einen Brief desselben für mich brachte mit der Nachricht, daß er erst am nächsten Morgen eintreffen werde.
Als HerrThienemanngegen 7 Uhr am Morgen des 26. März erschien, war auch ich bereits fertig zum Aufbruch. Die Träger, unter denen wieder sieben Trägerinnen waren, waren der Aufforderung gemäß schon am Abend erschienen, und so stand unserem Aufbruche nichts mehr im Wege. Doch bald stellte sich heraus, daß HerrThienemann, der heftig fieberte, nicht im stande sein würde, die beschwerliche Reise, bei der wir fast kaum Pferd oder Hängematte benutzen konnten, da die Wege über steile und felsige Bergrücken gingen, mitzumachen. Schwer folgte er Dr.Grunersund meinem Rate, zurückzubleiben und sich tüchtig zu erholen. Ich hatte die Träger unter Leitung des Agu-Headmans bereits nach Tongbe vorausgeschickt und den Leuten einschärfen lassen, daß sie sich wieder sammeln müßten, sobald meine Signalpfeife in Tongbe erschallen würde. Begleitet von dem KochQuodjound meinem JungenAfue, verließ ich die Station erst um 10 Uhr. Auf dem schon zweimal zurückgelegten Wege ritt ich nun über den François-Paß nach Tongbe hinüber, wo ich die Trägertruppe zusammenrief, um ihnen die Subsistenzgelder zu geben, damit sie sich in ihrem Heimatsdorfe mit Eßvorräten versehen könnten. Da wir von Tongbe über schlechte Wege nach Ashanti-Kpoeta zu marschieren beabsichtigten, so schickte ich meinen JungenAfuemit dem Pferde nach Leglebi-Abesia, wo ich ihm befahl, spätestens am nächsten Morgen einzutreffen, da ich glaubte, in der Zeit über das Gebirge dorthin zu kommen. Um 11 Uhr brach ich dann mit meiner Karawane selbst auf. Dicht hinter Tongbe stieg der Weg ziemlich steil an über einen grasigen Rücken. Einige ebenere Teile dieses Gebietes und besonders einige der feuchteren Thäler dürften sich für Baumwoll- und Tabakkultur eignen, während die bewaldeten Rücken mir für Kickxiakultur wie geschaffen erschienen. Es war eine grausame Tour über diese Berge und Thäler für die Leute mitihren Lasten; steile Berge und tiefe Thäler wechselten beständig. Nur selten konnten wir über ebeneres Terrain marschieren. In den Wäldern waren falsche Kickxien und Landolphien, die guten Kautschuk gaben, häufig anzutreffen. Bei etwaigen Kulturanlagen hier in dem Gebiete, das zum größten Teile Besitz des HerrnSholto Douglasist, wäre es wohl wünschenswert, daß man diese Lianen möglichst schonte, denn wenn einmal vorhanden, bedürfen sie gar keiner Pflege mehr und dürften bei vorsichtigem Anzapfen doch immerhin eine gute Nebeneinnahmequelle der Plantage bilden. Nach Überschreiten verschiedener Bäche, unter denen der Avhliva-Bach der bedeutendste war, gelangten wir an den Rand eines großen Thalkessels, in dem die Kpoeta-Dörfer zu sehen waren. Der Abstieg in diesen Kessel war recht beschwerlich und konnte nur langsam vor sich gehen. Unten angekommen, erreichten wir bald das Dorf Akhim-Kpoeta, in einer fruchtbaren Ebene gelegen, und nach weiterem kurzen Marsche das heutige Endziel unserer Reise, Ashanti-Kpoeta. Es war auffallend, daß sich bei unserem Einzuge daselbst keine Menschenseele sehen ließ. Ich ließ ruhig unter einem großen Lecaniodiscus-Baume einen Platz reinigen und forderte dann die Träger auf, sich mit den Kpoeta-Leuten anzufreunden und sich ein Nachtlager in den Hütten zu suchen. Da meine Träger aus der näheren Umgebung stammten und auch Bekannte unter den Kpoeta-Leuten hatten, war auch dieses bald gethan, doch immerhin blieb es merkwürdig, daß die sämtlichen Leute in ihren Häusern verblieben. Ich schrieb dieses Verhalten nicht dem bösen Willen zu, sondern der Furcht vor den Weißen, und wunderte mich daher auch nicht, als mein Koch und der Headman kamen, um mir mitzuteilen, daß die Leute mir weder Eier noch Hühner verkaufen wollten. Es ist unter den Negern Afrikas eine allgemein verbreitete Ansicht, daß ein böser Zauberer im stande ist, jemandem Böses anzuthun, sobald er in Besitz eines Gegenstandes kommt, welcher dem Betreffenden gehört. So erklärte ich mir häufig auf meinen Reisen die Abneigung der Eingeborenen, dem Europäer irgend welche Artikel zu verkaufen, obgleich er doch häufig eine für seine Verhältnisse sehr hohe Bezahlung dafür bekommen würde. Hier in Kpoeta vermutete ich ähnliches. Wie ich erwartet hatte, hieß es, niemand sei da. Den Nachmittag benutzte ich dazu, um das Terrain, auf dem die Kpoeta-Dörfer erbaut sind, näher in Augenschein zu nehmen. Der größere Teil der Fläche bei Ashanti-Kpoeta besteht aus sehr fruchtbarem Boden, der für ausgedehnte Kulturen wohl geeignet wäre. Die sämtlichen Wälder des Agome-Gebietes sind für Kickxia-Anpflanzungen wohl ohne Zweifel sehr gut geeignet und infolge der einfachen Transportverhältnisse zur Küste besonders für ein derartiges Unternehmen zu empfehlen. Geradedie doch nicht unbedeutenden Transportunkosten sind es, welche bei irgend welchen kolonialwirtschaftlichen Unternehmungen fast alle Distrikte im Innern mit Ausnahme des Misahöhe-Distriktes ausschließen. Was würde es nützen, wenn wir wissen würden, daß irgend welche landwirtschaftlichen Produkte im Innern reichlich vorhanden sind oder angezogen werden könnten, wenn sich die Transportunkosten höher stellen, als das betreffende Produkt wert ist. Mit Kautschuk und Kola wäre es nun allerdings etwas anders, da ersteres seines Wertes wegen einen Transport aus dem Innern wohl verlohnt, für Kolanüsse aber gute Absatzgebiete im Lande selbst vorhanden wären.
Später erschienen Kpoetaleute um mir Geschenke zu bringen, doch war ich erstaunt, daß sich der Häuptling nicht sehen ließ. Als ich mich am Abend bereits schlafen gelegt hatte, kam endlich ein alter Neger mit einer ganzen Schar von Leuten, um mir Geschenke zu bringen. Da ich nicht die Absicht hatte, mich nochmals anzukleiden, ließ ich ihm sagen, er solle nur am nächsten Morgen zeitig wiederkommen, jetzt sei es schon zu spät.
Am nächsten Morgen, noch bevor die Sonne aufgegangen, kam die ganze Gesellschaft wieder mit ihren Geschenken. Der alte Mann bat nun um Entschuldigung, daß man mir kein Huhn geschickt habe, doch es gäbe in letzter Zeit keinen richtigen Häuptling mehr bei ihnen, und daher habe niemand gewußt, wer die Sache übernehmen solle, nun seien sie gekommen, alles wieder gut zu machen. Ich bekam dann vier Hühner und eine Anzahl Yamsknollen sowie Reis als Geschenk, das ich durch ein Geschenk von Tabak zur großen Freude der Leute erwiderte.
Feigenbäume im Dorfe Bevi.
Feigenbäume im Dorfe Bevi.
Von Ashanti-Kpoeta um 6 Uhr aufbrechend, stiegen wir wieder langsam auf die Berge und gelangten dann in ein ziemlich zerrissenes, dicht bewaldetes Terrain, auf dem die falsche Kickxia wieder einer der hauptsächlichsten Urwaldbäume zu sein schien. Auch Landolphien und Strophanthus, besonders die erstere häufig, waren anzutreffen. Nachdem wir verschiedene Thäler überschritten hatten, gelangten wir auf ein ziemlich großes, dicht bewaldetes Plateau, von dessen Rande aus wir eine wundervolle Aussicht über die Leglebi-Ebene bis hinter Kpandu und zum Kunya-Gebirge hatten. Ich ließ hier eine kurze Rast machen, um dann den sehr schwierigen steilen Abstieg zu beginnen, der für die Leute mit ihren Lasten nicht ohne Gefahr war. Der ganze steile Bergabhang war mit dichtem Buschwald bedeckt, der so niedrig war, daß die Lasten der Leute nicht selten zwischen den Zweigen festsaßen, so daß schon deshalb ein vorsichtiger Abstieg geboten war. An vielen Stellenwar der Pfad so steil, daß ich mich wundern mußte, daß alle Leute, ohne Schaden erlitten zu haben, schließlich unten in der Ebene anlangten. Die Ebene, welche wir nun zu durchziehen hatten, bevor wir Leglebi-Abesia erreichten, war offenbar sehr fruchtbar, besonders in der Nähe des Gebirges. Da, wo nicht Wald das Terrain bedeckte, war es dicht mit den riesigen Halmen des Elefantengrases bewachsen. Überall zeigte sich eine wunderbare Üppigkeit. Kurz nachdem wir das ehemalige nun abgebrannte Dorf passiert hatten, zogen wir in dem neuen Leglebi-Abesia ein.Afuemit dem Pferde war bereits am frühen Morgen eingetroffen und hatte schon für ein schattiges Haus für mich gesorgt, da das erst in jüngerer Zeit wieder aufgebaute Dorf noch gar keine Schattenbäume besaß, unter denen man einigermaßen vor den Strahlen der Sonne geschützt gewesen wäre. Ich hatte mit HerrnThienemannverabredet, daß er, falls eine Besserung in seinem Gesundheitszustande eintreten sollte, mir nach Leglebi-Abesia nachkommen solle, doch war von ihm hier nichts zu sehen noch sonst eine Nachricht für mich eingelaufen. Ich machte hier einige kleine Ausflüge, um mich über die Kautschukverhältnisse der Wälder zu orientieren, fand aber die Aussagen der Eingeborenen, daß die Lianen meist schon ausgeschlagen seien, bestätigt. Am Nachmittage setzten wir auch über kulturfähiges Land unsere Reise nach Leglebi-Fiapi fort und machten dann in Leglebi-Duga Halt, um unser Nachtlager daselbst aufzuschlagen.
Zeitig am Morgen des 28. März ließ ich wieder aufbrechen. Über Kame ging es in die Kame-Schlucht hinein, wo ich mich plötzlich über Hämmern und Schlagen in der Nähe wundern mußte. Als wir uns dem Tii-Flusse näherten, sah ich dann zu meiner Überraschung, daß Dr.Grunermit Tongbe-Leuten im Begriffe stand, eine Brücke über den zur Regenzeit nicht selten unpassierbaren Bach zu bauen. Auch er hatte mich noch nicht zurückerwartet. Ich ließ meine Leute nun hier rasten, um mit Dr.Grunereinige Zeit verweilen zu können. HerrThienemannund HerrFrankeerschienen auch bald auf der Bildfläche. Ersterer sah furchtbar angegriffen aus. Die ungewohnte lange Boëm-Reise hatte ihn offenbar mehr angegriffen, als er sich selbst eingestehen wollte. Meine Karawane schickte ich gegen Mittag nach Tongbe voraus und folgte dann selbst mit HerrnThienemannam Nachmittage. In Agome-Tongbe trafen wir mit den Herren aus Palime zusammen, die auf der Reise nach Kpandu waren, um daselbst in den Faktoreien ihrer Firmen Inventar aufzunehmen. Um 3 Uhr ließ ich die Karawane wieder zusammentreten und nach Misahöhe aufbrechen, wo wir bald darauf eintrafen. Herr Dr.Grunerund HerrFrankeerschienen kurz nach uns. Noch am Nachmittage lohnte ich meineTräger und Trägerinnen ab und schickte sie wieder nach Tongbe zurück, da Dr.Grunerfür die Reise nach der Küste bereits neue Leute für mich bestellt hatte.
Bei dem rastlosen Arbeiten des Herrn Dr.Grunerwar es nach seiner Krankheit durchaus notwendig, daß er sich eine kurze Erholung gönne und sei es nur für einige Tage. Ich setzte daher alle Hebel in Bewegung, um ihn zu bewegen, mich nach Amedjovhe zu begleiten, wohin er schon längst eine kleine Erholungsreise zu machen beabsichtigt hatte. Zu meiner Freude war er schließlich doch dazu bereit, falls ich bis zum 30. März auf ihn warten würde. Gern willigte ich natürlich darin ein, denn eine Reise mit ihm mußte für mich von ganz besonderem Interesse sein. Schon am Abend des 28. März kamen meine neuen Träger (fünf ausgesucht starke Männer aus Kpime) an. Am 29. März ritt ich zusammen mit Dr.Grunerzur Kame-Schlucht, wo er den Brückenbau leiten wollte. Soweit dieses in meinen Kräften stand, half ich ihm dabei. Am Nachmittage war dann die Sache so weit gediehen, daß wir die Eingeborenen allein die Arbeit fortsetzen lassen konnten.
Schon am Morgen des 30. März hatte ich die Träger vorausgeschickt, um dann selbst der Karawane nachzufolgen. HerrThienemannblieb auf Misahöhe zurück, um, sobald er wieder hergestellt sei, nach dem Agu zurückzukehren. Mit Dr.Gruner, welcher noch vor seiner Abreise sehr viel Amtsgeschäfte zu erledigen hatte, wollte ich in Agome-Palime wieder zusammentreffen. In Kussundu, einem Dörfchen vor Palime, holte ich meine Träger-Karawane wieder ein und zog nun mit derselben nach Palime, wo ich noch verschiedene Einkäufe machte, während ich auf Dr.Grunerwartete, der etwa eine Stunde später eintraf. Das ganze Gebiet um Agome-Palime herum würde sich zur Anlage von Baumwoll-Versuchsplantagen eignen. Vor allen Dingen würden von hier aus die Transportkosten nach der Küste nicht so bedeutend sein. Ich habe zwar die Überzeugung, daß wahrscheinlich die Umgebung der Leglebi-Dörfer noch geeigneter zu den Versuchen sein würde, da dort auch der Boden besser zu sein scheint, doch hätte man beim Transporte von dort nach der Küste pro 30 Kilo einen Tageslohn mehr für die Träger in Verrechnung zu bringen.
Die Reise des Herrn Dr.Grunernach Amedjovhe war für die Eingeborenen sehr überraschend gewesen. Durch Folove und Kpalave marschierten wir hindurch und bogen dann von der Straße nach Ho ab. Erst durch fruchtbares Gelände marschierend, dann über einen steinigen Hügelrücken steigend, gelangten wir, nachdem wir noch das Dörfchen Ahudju passiert, gegen 4½ Uhr nachmittags nach Wuamme. Hier beschlossen wir über Nacht zu bleiben. Ich gabnun sofort den noch ungeschulten Kpime-Leuten Instruktionen im Aufstellen des Zeltes. Bald stand alles in bester Ordnung; meine Lasten wurden, wie gewöhnlich, in meinem Zelte untergebracht. Dr.Grunerhatte für sich und seine Soldaten einige Häuser in der Nähe erstanden. Nachdem wir unser Abendessen eingenommen hatten, saßen wir beide Europäer noch gemütlich plaudernd bis 1 Uhr vor meinem Zelte.
Dr.Grunerhatte mich gebeten, das Signal zum Sammeln am Morgen zu geben. Ich rief daher die Leute um 5½ Uhr am folgenden Morgen zusammen, und nachdem die Lasten fertig gepackt waren, schickten wir die Träger unter Leitung eines Soldaten voraus. Dr.Grunerund ich folgten mit den Soldaten bald nach. Wir hatten zunächst ein hügeliges Land vor uns, das bald in eine prachtvolle, fruchtbare Ebene abfiel, auf die ich hier ganz besonders aufmerksam machen möchte. Diese Ebene ist gut bewässert und würde bei Anlagen von Baumwoll-, Tabak- und Sisalplantagen sicher einer näheren Beachtung wert sein. Besonders gutes Gelände durchzogen wir, nachdem wir Moendu passiert hatten. Auch vor Khonuta sahen wir wieder ganze Strecken, welche sich vorzüglich für bessere Kulturen eignen würden. In Khonuta warteten unsere Träger auf uns. Wir schickten das Gros derselben aber weiter nach Aflime und behielten nur wenige Lasten zurück, welche wir nötig hatten, da wir hier eine kleine Frühstückspause machen wollten.
Auch das Gebiet zwischen Khonuta und dem Fuße des Amedjovhe-Gebirges bei den Kpedje-Dörfern scheint recht fruchtbar und einer Beachtung wohl wert. In dem Dorfe Aflime gab es viele Kokospalmen, an deren Früchten sich unsere Träger ergötzten. Auch Dr.Grunerund ich ließen uns einige Nüsse öffnen, um die erfrischende „Milch“ derselben zu trinken. Um 11 Uhr brachen wir wieder auf. Der Marsch auf das Gebirge war recht anstrengend für die Leute, da der Weg sehr steil war, wir mußten auch von den Pferden herunter, um sie hinauf führen zu lassen. Oben angelangt, traten wir in einen großen Wald, der sich über den ganzen Höhenrücken erstreckte. Nach etwas ¾stündigem Marsche, welcher auch fast ausschließlich durch ein an falschen Kickxien sehr reiches Waldgebiet führte, in dem die Eingeborenen leider bereits anfingen, größere Strecken zur Anlage von Bananenpflanzungen niederzubrennen, gelangten wir an den Fuß der kleinen Bergkuppe, auf der 770 m über dem Meeresspiegel die Missionsstation Amedjovhe erbaut ist. Von dem Missionar, welcher die Station leitete, wurden wir äußerst liebenswürdig empfangen.
Da ich nicht Zeit genug hatte, mich länger hier aufzuhalten und daher bereits am nächsten Morgen die Reise nach der Küste, welcheich auf Dr.GrunersWunsch durch die Landschaft Agotime zurückzulegen beabsichtigte, antreten wollte, so unternahm ich noch unter der Führung unseres liebenswürdigen Wirtes am Nachmittage einen kleinen Spaziergang zur Besichtigung der Station. Landwirtschaftliches war weniger zu sehen. Vor allen Dingen war Kaffee angepflanzt, der sehr gut zu gedeihen schien und reichlich Früchte angesetzt hatte. Es waren zwei Arten hier in Kultur, die erstere, der Liberia-Kaffee, stand zwar gut, doch erschien an den meisten Beeren kurz vor ihrer Reife ein Pilz, der dieselben dann in Kürze zerstörte und vollständig schwarz färbte. Anders war es mit der zweiten Art; dieselbe ging als Coffea arabica, schien mir aber von dieser verschieden zu sein; über und über waren die Bäumchen mit Blüten und Früchten schwer beladen. Auch schien die Frucht sehr gut zu sein, und das daraus hergestellte Getränk hatte einen sehr guten Geschmack und ein vorzügliches Aroma. Inwieweit sich die Kultur dieser Kaffeevarietät im großen lohnen würde, läßt sich nicht sagen, da meines Wissens nie Proben dieses Kaffees zur Begutachtung nach Europa geschickt worden sind. Da die klimatischen und geologischen Verhältnisse des Amedjovhe-Gebirges denen des Agome-Gebirges vollständig gleichen, so kann wohl mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden, daß diese Kaffeespezies auch dort sehr gut gedeihen werde. Mit großem Erfolge wurde hier auch Rinderzucht getrieben; vor allem gediehen die Kühe ausgezeichnet. Die Pferde, welche auch vorzüglich heranwuchsen, zeichneten sich durch guten, kräftigen Körperbau aus, wurden aber häufig von einer eigentümlichen Krankheit befallen, die nach den Schilderungen unseres Wirtes der Pferdekrankheit von Südost-Afrika ähnlich zu sein scheint. Auch die Schafe sahen gesund aus, gehörten aber einer kleineren Art an, die sich wohl bei Vergrößerung der Zucht weniger empfehlen würde.
Gern wäre ich noch am nächsten Tage in Amedjovhe verblieben, um die Wälder der Umgebung näher kennen zu lernen, doch bei derartigen Reisen muß man mit Eventualitäten rechnen, die einem unterwegs manchmal ziemliche Zeit rauben können; deshalb zog ich es vor, bei meiner ursprünglichen Absicht zu bleiben und wirklich abzuziehen. Dem von mir erhaltenen Befehle gemäß, erschienen meine Träger auch um 6 Uhr morgens am 1. April aus dem nahe gelegenen Eingeborenen-Dorfe, in dem sie während der Nacht untergebracht worden waren. Ich schickte die Karawane voraus und folgte dann um 6½ Uhr selbst zu Pferde nach. Der Abschied von Dr.Gruner, dem ich den glatten Verlauf meiner ganzen Togo-Reise zu verdanken hatte, wurde mir ordentlich schwer. In Salame, dem ersten kleinen Dorfe am Fuße des Gebirges, holte ich meine Leute ein und marschierte nun mit ihnen nach Aflime, woich noch einige Stämme des Ficus Vogelii anzapfte. Darauf ging es in schnellem Marsche bis Moëndu, wo ich meinen Leuten zwei Stunden Zeit gab, Essen zu kochen. Kaum hier angekommen, wurden wir von einem Eilboten des Herrn Dr.Grunereingeholt, der mir noch einen Abschiedsgruß in Form eines Paketes Cigarren überbrachte, die mir besonders willkommen waren, da ich vor einigen Tagen die letzte der meinigen aufgeraucht hatte. Von Moëndu um Mittag abmarschierend, zogen wir fast direkt nach Süden, auf einem auf der Sprigadeschen Karte von Süd-Togo nicht aufgezeichneten Wege, der direkt nach Klave führt. Der Weg war nicht in besonders gutem Zustande, doch immerhin gut genug, daß man ihn zu Pferde zurücklegen konnte. Dicht hinter Moëndu überschritten wir zum ersten Male den Todjië-Bach, welchen wir noch häufig sehen sollten. Die Vegetation des ersten Teiles zu beiden Seiten des Weges bestand aus Buschwald, der eine große Menge Ölpalmen beherbergte. In diesem Buschwalde war auch Ficus Vogelii ziemlich verbreitet. Nachdem wir etwa eine Stunde marschiert waren, trafen wir auf einen Trupp eingeborener Jäger, welche soeben drei Pinselohr-Schweine geschossen hatten. Ich verabredete mit den Leuten, daß ich ihnen in Klave einen Teil eines Schweines abkaufen werde, falls sie sich beeilen würden, eines der Tiere dorthin zu bringen. Nachdem wir aus dem Buschwalde herausgetreten waren, kamen wir in eine steinige Baumsteppe, welche für mich, als Botaniker, manches Interessante geboten, wenn ich die Zeit gehabt hätte, mich dort aufzuhalten. In Klave ließ ich nun eine kurze Rast machen, bis die Eingeborenen mit dem erlegten Schweine erschienen, von dem ich für mich und meine Träger eine Hälfte erstand. Von Klave bis Shia war nur eine gute Marschstunde über ein Baumsteppengebiet, ähnlich dem zwischen Moëndu und Klave, aber weniger steinig. Ich ließ in Shia gar nicht rasten, da ich nicht wußte, wie lange wir noch bis Nyive zu marschieren haben würden, wo ich das Nachtlager machen wollte. Auch hinter Shia setzte sich anfangs die Steppe weiter fort, doch bald wurde das Land wieder fruchtbarer, als wir uns dem Todjië wieder näherten; denselben hatten wir vor Nyive noch zweimal zu überschreiten. Zu unserem nicht geringen Erstaunen mündete unser Fußweg plötzlich in einen wundervoll reingehaltenen breiten Weg, der uns über einen kleinen Hügel direkt auf Nyive zu führte. Unterdessen hatte sich der Himmel bedenklich verdunkelt, so daß ich meine Leute zu möglichster Eile antrieb, da ich jeden Augenblick einen heftigen Gewitterregen erwartete. In Nyive angekommen, ließ ich sofort das Zelt unter einem wundervollen Milletiabaum aufschlagen und die Lasten, da der Regen eben begann, hineinbringen. Dieser Gewitterregen muß eine Wohlthatfür die Umgebung gewesen sein, denn zwischen Klave und Nyive begannen die nach dem ersten Regen aufgesprossenen Kräuter bereits wieder zu welken. Der Regen dauerte bis gegen 5 Uhr am nächsten Morgen in mehr oder minder leichten Schauern an.
Als ich am 2. April sah, daß sich der Himmel klärte, ließ ich die Leute wieder antreten, und weiter ging es, ohne auf den Wunsch des Häuptlings zu hören, der mich bat, doch noch zu verweilen, da er mir ein Geschenk schicken wolle. Da wir den Weg von Nyive nach Atikpui nicht kannten, bat ich den Häuptling um einen Führer dorthin. Ohne lange dadurch aufgehalten zu werden, erhielt ich einen jungen Mann, der uns führen konnte. Infolge des Regens war das Gras in den Steppen noch vollständig naß, so daß ich, als ich vom Pferde abstieg, um einige interessante Pflanzen zu sammeln, total durchnäßt wurde. Die Steppe wechselte hier mit kleinen Buschpartien, zwischen deren nassen Büschen wir uns manchmal derartig hindurchwinden mußten, daß bereits einige der Lasten ganz durchnäßt schienen; doch bald war dieser Schaden wieder geheilt, als die Sonne höher stieg und alles abtrocknete. In Atikpui hatte ich mich eine halbe Stunde aufzuhalten, da ich mir einen neuen Führer bis Nyitoe suchen mußte. Da von den umherstehenden Leuten keiner einwilligte, mußte ich erst den Häuptling rufen lassen, der mir dann sofort den gewünschten Mann stellte. Ein großer Teil der Strecke, welche wir nun vor uns hatten, besonders nach Nyitoe zu, dürfte zu den fruchtbarsten Teilen der Landschaft Agotime gehören, soweit ich sie kennen gelernt habe. Anfangs hatten wir wieder eine sterilere Baumsteppe vor uns, doch nachdem wir den Todjië abermals überschritten hatten, wurde das Terrain recht interessant. Hier dürften sich große Strecken für Baumwoll- und vielleicht auch für Tabakbau eignen. Besonders gut schien das Gebiet zwischen dem Todjië und dem Kedjo. Ich möchte hier jedoch, um Mißverständnisse zu vermeiden, darauf aufmerksam machen, daß ich, wenn ich von gutem fruchtbaren Gebiete schreibe, nur die Togo-Verhältnisse im Auge habe, da es sich hier nur um die eventuelle landwirtschaftliche Entwickelung dieser Kolonie handelt. In einem von der Natur so reich beschenkten Lande, wie dasjenige am Kamerun-Gebirge, würden natürlich selbst die für Togo fruchtbar geltenden Orte als geringwertig angesehen werden. Ich möchte daher besonders davor warnen, etwa die wirtschaftlichen Verhältnisse des Gebietes am Kamerun-Gebirge auf Togo zu übertragen, denn dies müßte notwendigerweise zu einem Fiasko führen, schon da, abgesehen von der sehr verschiedenen Beschaffenheit des Bodens, die meteorologischen Verhältnisse ganz andere sind.
Kurz vor unserm Einzuge in Nyitoe überschritten wir noch den Kedjo, der sich hier mit dem Todjië vereinigt. Wie fast alle Dörferim südlichen Togo, hat auch Nyitoe seinen Fetischplatz, bevor man in die Stadt kommt. Eine besonders wichtige Rolle scheint an solchen Plätzen eine Jatrophaart zu spielen, welche man stets als Umrandung dieser Fetischplätze angepflanzt sieht. Die Form der Plätze ist sehr verschieden, ebenso die Lage derselben. Überall werden sie sehr reinlich gehalten. In Nyitoe sah ich zum ersten Male die für Agotime charakteristischen merkwürdigen Thorhäuser, welche, größer als die anderen Häuser erbaut, den Eingang zum Marktplatze bilden. Auch ein Eisenschmied war dicht neben unserm Lager auf dem Marktplatze in voller Thätigkeit und bewies trotz seiner recht primitiven Instrumente eine große Geschicklichkeit. Gegen 12 Uhr von Nyitoe aufbrechend, marschierten wir durch Sukpe, ein Dorf, das ebenso groß wie Nyitoe und von diesem nur durch einen schmalen Buschwaldstreifen getrennt ist. Allenthalben, wo ich mich hier in Agotime zu Pferde sehen ließ, liefen die Frauen und Kinder davon, als ob der Gottseibeiuns käme, und wurden erst wieder beruhigt und zutraulicher, wenn sie sahen, daß auch meine Leute sich an das Pferd heranwagten. Interessant war übrigens, daß in den sämtlichen Buschwäldern, welche wir südlich vom Amedjovhe-Gebirge durchzogen, keine Spur der falschen Kickxia zu finden war. Es scheint, daß ihre Südgrenze etwa die Gegend am Fuße des Amedjovhe-Gebirges ist. Landolphien waren hin und wieder zu sehen, doch selten in stärkeren Exemplaren. Ficus Vogelii ist allenthalben in den Dörfern von Süd-Togo wie Mittel-Togo als Schattenbaum auf Marktplätzen angepflanzt. Von Sukpe nach Apegame ging der Weg über ziemlich trockene Savannengebiete, die mehr oder minder spärlich mit kurzen Bäumen bedeckt waren, an einem kleinen Farmdorfe vorbei, für welches uns die dort wohnenden Leute den Namen Kpadjakho angaben. In der Steppe gab es sehr viele Borassuspalmen, deren Früchte von den Eingeborenen hin und wieder genossen werden. Die Kinder saugen gern die süßliche, fleischige Pulpa aus, welche die Nüsse, deren stets drei zusammensitzen, umschließen. Als wir kurz hinter Apegame eben den Todjië wieder überschritten hatten, wurden wir inmitten der Steppe von einem sehr starken Regen überrascht, der uns bald vollständig durchnäßte. Da wir bereits eine ziemliche Strecke von den letzten Häusern entfernt waren, war es unnütz, erst wieder umzukehren; ich ließ deshalb trotz des Regens, der übrigens bald vorübergezogen war, den Marsch fortsetzen. Die Savanne vor Bottoe war ziemlich steriler Natur und dürfte daher weniger für europäische Plantagenanlagen geeignet sein, würde aber doch zur Bepflanzung mit Manihot Glaziovii zu empfehlen sein. Etwa eine halbe Stunde vor Bottoe erreichten wir die unter Leitungeines eingeborenen Negers stehende Außenstation der Bremer Mission. In Bottoc kamen wir gegen 4 Uhr am Nachmittage an. Trotz des schlechten Rufes, welchen die Eingeborenen dieser Ortschaft haben, wurden wir daselbst sehr freundlich aufgenommen. Der Häuptling brachte mir ein Geschenk von drei Hühnern und etwas Mais. Ich hatte während der letzten Zeit vorzugsweise von Eiern gelebt, welche wir allenthalben in den Dörfern für Tabak reichlich kaufen konnten, da ich gegen Konserven und das ewige Hühnerfleisch eine furchtbare Abneigung bekommen hatte. Am Morgen des 3. April brachen wir um 6 Uhr wieder auf. Der Häuptling des Dorfes hatte mir bereitwilligst einen Führer bis Batome bestellt, von wo aus ich dann einen neuen Führer bis Assahun zu nehmen gedachte. Über eine sterile Savanne, welche sich wohl nur zur Bepflanzung mit Manihot Glaziovii eignen dürfte, führte der Weg. Die infolge der ersten Regen hervorgesprossene Vegetation fing schon wieder an bedenklich zu vertrocknen. In einem kleinen Farmdorfe, welches wir passierten, beklagten sich die Eingeborenen über die ausbleibenden Regen. Das Wasser hatten sie von ziemlicher Distanz herbeizuschaffen, da die sämtlichen Quellen und sonstigen Wasserplätze in der Umgebung ausgetrocknet waren. Etwa eine halbe Stunde vor Batome marschierten wir durch das Dorf Seva. In Batome machte sich der Wassermangel erst recht bemerkbar, wir hatten hier viel Geld für das von den Eingeborenen herbeigeschaffte Wasser zu zahlen.
Von einigen Weibern kaufte ich hier eine Anzahl Finger- und Armringe, ebenso gelang es mir, einige Exemplare ovaler Messingringe zu erstehen, welche am Fuße über dem Spanne getragen werden. Die Fingerringe und ein Teil der Armringe waren aus Nickel verfertigt. Nach Angabe der Eingeborenen waren sie in Assahun hergestellt. Es ist wohl nicht unwahrscheinlich, daß ein Teil der nach Togo importierten Fünfpfennigstücke zu derartigen Arbeiten verwendet wird. Um 12 Uhr ließ ich wieder aufbrechen, diesmal ohne Führer. Es war in der trockenen Steppe drückend heiß, dazu schien der Weg immer unkenntlicher zu werden. An einigen verlassenen Farmdörfern zogen wir vorbei, bis allmählich die Gegend einen interessanteren Charakter annahm. Hin und wieder zeigten sich kleine Buschwäldchen, die immer häufiger zu werden schienen, und dazwischen lagen die Farmen der Eingeborenen. In Agorome floh die ganze Bevölkerung, als sie des Weißen auf dem Pferde ansichtig wurde, nur mit Mühe konnte ich einige Leute bewegen, zurückzukehren, um mir den Weg zu zeigen. Nach etwa einer weiteren Stunde gelangten wir nach Seve, wo ich für die Nacht geblieben wäre, wenn nicht die Einwohner behauptet hätten,weder genügend Wasser noch Nahrung zu haben. Es blieb uns also nichts übrig, als den Marsch bis Assahun fortzusetzen. Etwa 20 Minuten vor Assahun kamen wir wieder auf die breite Lome-Misahöhe-Straße und trafen dann mit Einbruch der Dunkelheit in Assahun ein. Ich ließ sofort das Zelt aufschlagen, um für die Nacht hier rasten zu können, meine Leute fanden Unterkommen in den Häusern der Eingeborenen.
Gegen 5½ Uhr rief am 4. April meine Signalpfeife unsere Schar wieder zusammen. Da ich die Absicht hatte, bloß bis Badja zu marschieren, ließ ich heute nicht so zur Eile antreiben. In Kewe ließ ich am Logirhause eine halbe Stunde Rast machen und dann direkt nach Badja vorgehen, wo wir schon um 10 Uhr unter Ficus- und Affenbrotbäumen das Zelt aufstellen konnten. Es schien hier ein großer Palavertag zu sein, denn in der Nähe meines Zeltes wurde eine lange Gerichtsverhandlung vom Häuptlinge abgehalten. Ich wurde zwar aufgefordert, auch daran teilzunehmen, schlug diese Einladung aber ab, da ich mich nicht in die Angelegenheiten der Leute mischen wollte. Gegen Abend mußte ich den Häuptling rufen lassen, um ihn aufzufordern, für einen Polizeisoldaten, dessen Träger entlaufen war, einen neuen Träger zu stellen. Wie sich herausstellte, hatte eigentlich der Soldat selbst Schuld an der Sache, und deshalb waren die Badja-Leute gegen ihn aufgebracht, doch gelang es mir, den Streit zur Zufriedenheit beider Parteien beizulegen, so daß sich der Häuptling verpflichtete, in aller Frühe am nächsten Tage den gewünschten Träger bis Palime zu stellen. Unsern Aufenthalt am Nachmittage in Badja benutzte ich dazu, die Steppen botanisch zu untersuchen, wobei es mir gelang, einige recht interessante Funde zu machen. Am Abend begann ein sehr starker Regen, welcher die ganze Nacht hindurch nicht endete und unsern Aufbruch am nächsten Morgen bis 7 Uhr verzögerte. Kaum waren wir auf dem Wege wieder in der Steppe, als der Regen mit erneuter Heftigkeit wiederum begann. Doch wollte ich mich dadurch nicht mehr in unserm Fortkommen behindern lassen und ließ nun unter diesen nicht gerade sehr angenehmen Zuständen den Marsch fortsetzen. Waren wir und die Lasten doch bereits vollständig durchnäßt, so konnte etwas Regen mehr oder minder weiter keinen bedeutenden Schaden anrichten. Die Wege waren allerdings infolge ihrer lehmigen Beschaffenheit so schlüpfrig, daß mehrere Male Träger mit ihren Lasten stürzten. Ebenso hatte ich mit meinem Pferde gut aufzupassen, denn auch das Tier konnte nicht sicher treten. Nachdem wir Noeppe passiert, trafen wir gegen 11 Uhr vollständig durchnäßt in Akeppe ein. Zu unserm Glück hatte der Regen nachgelassen, so daß wir in den nichts wenigerals regendichten Rasthütten daselbst verbleiben konnten. Am Nachmittage klärte sich zu unserer Freude der Himmel auf, ja, die Sonne trat sogar hervor und gab uns somit Gelegenheit, einen Teil der Lasten zu trocknen. Leider gesellte sich eine neue Plage wieder zu uns, nämlich die Ameisen, die nun nach dem Regen unsern Lagerplatz zu Hunderten umschwärmten und, wo sie nur Gelegenheit fanden, ihre Wut an den nackten Füßen der Träger ausließen. Auch ich machte am Abend, nachdem ich mir die hohen Stiefel abgezogen hatte, wiederholt ihre Bekanntschaft.
Am nächsten Morgen stand die Karawane schon um 5 Uhr reisefertig da. Um 7 Uhr ließ ich noch einmal bei einem Farmdorfe eine kurze Frühstücksrast machen und ritt dann nach Lome voraus, wo ich um 10½ Uhr eintraf, während meine Karawane um 11 Uhr anlangte. Ich traf umgehend meine Vorbereitungen zur Abreise und erledigte einige mir von Dr.Grunermitgegebene Aufträge. Den Abend verbrachte ich noch in einer gemütlichen Gesellschaft bei Herrn Dr.Wendland.
Pünktlich erschien gegen Mittag am 7. April der Dampfer „Eduard Bohlen“, der mich nach Europa bringen sollte. Gern wäre ich noch länger in Togo geblieben, wenn ich mir nicht hätte sagen müssen, daß in Europa viele Arbeiten während der Monate meiner harrten, welche ich daselbst zu verbringen gedachte. Die Fahrt durch die Brandung verlief auch glücklich, obgleich dieselbe nicht ganz gefahrlos war. Um 2 Uhr lichtete der Dampfer die Anker, und fort ging es, der Heimat zu.
In den ersten Tagen der Heimreise verlief unsere Fahrt noch einigermaßen zu unserer Zufriedenheit, doch bald verringerte sich die Geschwindigkeit immer mehr, so daß wir mit der Zeit unsere Ankunft in Europa immer weiter verschieben mußten. Die Fahrt war keineswegs eine gemütliche und zufriedenstellende, so daß alle Passagiere aufatmeten, als wir am 1. Mai mit einer fünftägigen Verspätung in die Elbe eindampften.