Kickxia elastica Preuss.A Blühender Zweig, B Kelchblatt von innen, C Längsschnitt durch die Blüte, D Antheren, E Fruchtknoten mit Griffel, F Frucht, G dieselbe im Querschnitt, H dieselbe aufgesprungen, J Samen, K Samenquerschnitt.
Kickxia elastica Preuss.
A Blühender Zweig, B Kelchblatt von innen, C Längsschnitt durch die Blüte, D Antheren, E Fruchtknoten mit Griffel, F Frucht, G dieselbe im Querschnitt, H dieselbe aufgesprungen, J Samen, K Samenquerschnitt.
Herr Dr.Plehnließ am 13. September seine sämtlichen Arbeiter zusammentreten, um vor ihren Augen die Bereitung eines reinen Kautschuks demonstrieren zu lassen. Ich zeigte den Leuten damals die für sie am leichtesten begreifliche Methode der Gewinnung des Kautschuks durch Kochen. Um sie auf die Unterschiede der Güte des von ihnen und von mir hergestellten Kautschuks aufmerksam zu machen, wurde ein von den Soldaten hergestellter Kautschukball zugleich mit den von mir angefertigten Stücken herumgegeben und die Leute zu gleicher Zeit darauf aufmerksam gemacht, daß nur der Kautschuk in den Faktoreien der Südkamerun-Gesellschaft zu verkaufen sei, welcher in der von mir demonstrierten Art hergestellt ist. Ich bin sicher, daß es Herrn Dr.Plehnin nicht zu langer Zeit gelungen wäre, die Kautschukgewinnung in seinem Bezirk einzuführen, hätte ihn nicht kurz darauf ein so trauriges Schicksal unseren Kolonien für immer entrissen.
Da bereits an den Kickxiabäumen einige reife Früchte sich zeigten, so machte ich mit einigen Leuten am 20. September einen Ausflug ins Innere nach der Richtung von Djimu zu, um Samen zu sammeln. Nach etwa 20 Minuten erreichten wir eines der bedeutenderen Dörfer der Umgegend, Kataku, von wo aus ich von dem gewöhnlichen Djimu-Wege, den vor mir Dr.Plehnals erster Europäer betreten hatte, abbiegend, auf ein nördlich von Kataku liegendes kleines Dorf zu marschierte. Auf dem Wege dorthin stieß ich auf eine Quelle mit prachtvollem Wasser (wohl das beste in der ganzen Umgebung), von welchem bis dahin nur die Eingeborenen und die Soldaten der Station, welche von den Dörfern der Eingeborenen ihren Proviant holten, Kenntnis hatten. In dem Dorfe, welches wir nun erreichten, soll, nach Angaben der dortigen Eingeborenen, kein Weißer vorher gewesen sein. Man sieht also, wie sehr unbekannt diese Region unseres Schutzgebietes geblieben ist. Dieses neue Dorf, dessen Namen ich leider nie erfahren habe, machten wir nun zum Operationscentrum. Von hier aus drang ich in die äußerst kickxiareichen Wälder ein und konnte so eine große Menge von Früchten zusammenbringen. Die Eingeborenen waren mir gegenüber zwar äußerst furchtsam und mißtrauisch; doch schienen sie zu den Soldaten, dank dem klugen Vorgehen des Dr.Plehn, in sehr gutem Verhältnis zu stehen. Auch einige Leutevon der Station trafen am Nachmittage ein, teils von einem nordöstlich gelegenen Dorfe mit Proviant reich beladen zurückkehrend, teils von Kataku kommend, um auch hier noch Proviant zu kaufen. Am Abend traf ich dann wieder von dieser äußerst interessanten Exkursion mit vielen Kickxiafrüchten (vier vollen Lasten) auf der Station ein.
Da sich am 22. September eine günstige Gelegenheit bot, nach dem oberen Dja hinaufzufahren, so benutzte ich mit Freude eine Einladung des HerrnBunge, welcher mit der „Holland“ nach dem Ngoko gekommen war, um die Faktoreien des holländischen Hauses der Südkamerun-Gesellschaft zu übergeben, daran teilzunehmen.
Wir verließen auf dem Dampfer „Holland“ am frühen Morgen die Faktorei „Wilhelmina“, welche auf dem französischen Ufer gegenüber der deutschen Station liegt, und fuhren den Ngoko hinauf. Ich hatte einige Soldaten von Dr.Plehnzur Begleitung und, um nachher noch eine Canoereise machen zu können, mein großes Canoe mitgenommen. Nach etwa einstündiger Fahrt erreichten wir einen großen, alleinstehenden Felsen, welchen ich bereits von einer früheren Reise her kannte. Von seiten HerrnLangheldswar auf seiner Flußkarte dieser Felsen mit dem Namen „Plehn-Felsen“ belegt worden, ein Name, welcher hoffentlich, in Anbetracht der Verdienste Dr.Plehnsum diesen Bezirk, bestehen bleiben wird. Da ich noch häufig Gelegenheit haben werde, dieses eigentümlichen, isolierten Felsens Erwähnung zu thun, so will ich hier gleich bemerken, daß auch ich denselben einfach als Plehn-Felsen bezeichnen werde. Bis zur vierten Ngoko-Insel war ich schon vorher den Fluß hinaufgefahren, heute kamen wir noch weiter hinauf, mußten aber gegen 2½ Uhr anlegen, um für den nächsten Tag Holz schlagen zu lassen. Mit einigen Soldaten versuchte ich tiefer in den Wald einzudringen, wurde aber auf allen Seiten durch Sümpfe daran verhindert. Auf dieser Streiferei gelang es mir, nicht weniger als fünf mir neue Orchideen von einem einzigen Baume herunterzuholen. Von Kautschuklianen oder Kickxien war an dieser Stelle nichts zu sehen, wohl aber einige Coffeasträucher. Landolphia florida war längs des ganzen Flußufers reichlich vertreten, allenthalben durch die orangenähnlichen Früchte leicht kenntlich. Wir waren nun nicht mehr weit von dem Zusammenflusse des Bumbe und des Dja entfernt, wo wir am nächsten Tage die Faktorei der „Südkamerun-Gesellschaft“ zu erreichen gedachten. Bevor wir dorthin kamen, passierten wir noch die Mündung des Como-Flusses, in welchen bis dahin noch kein Europäer eingedrungen war. Gegen Mittag trafen wir auf der Bumbe-Faktorei ein. Dieselbe war erst vor kurzer Zeit angelegt worden, so daß man erst ein Haus hatte fertigstellenkönnen; die Vorräte an Waren und Proviant befanden sich noch in den zu ihrer Bergung aufgestellten Zelten. Ein Europäer, HerrKalmar, war zur Leitung der Faktorei hier zurückgelassen worden. Bei unserer Ankunft beklagte sich derselbe, daß die Eingeborenen des an der Faktorei angrenzenden Dorfes sich geweigert, das durch HerrnLangheldvon ihnen käuflich erworbene Land abzutreten. HerrLangheldhatte infolgedessen mit dem Häuptling des Dorfes ein längeres Palaver abzuhalten, um ihm zu erklären, daß der Kauf des Landes die Gesellschaft zum Besitzer desselben gemacht; es dauerte eine geraume Zeit, ehe die Eingeborenen das einsehen konnten. Ein sehr starker Regen zwang uns leider, am Nachmittage auf dem Dampfer zu verweilen, obgleich ich gern ein kleines noch vollständig unbekanntes Flüßchen, den „Bumbesse“, welches neben dem Bumbe in den Ngoko einmündet, befahren hätte, um so tiefer in das Land eindringen zu können, da man sonst allenthalben durch Sümpfe daran verhindert wurde.
Da sich das Wetter am 24. September (am folgenden Tage) besserte, so konnte ich die Fahrt den Bumbesse hinauf antreten. Vorher wurden noch zwei Herren den Bumbe hinaufgeschickt, um die Faktorei des holländischen Hauses zu übernehmen, welche bei den Bumbe-Schnellen, von den Eingeborenen in der Bangala-Sprache als „Mei makessi“ (scharfes Wasser) bezeichnet, gelegen ist. Zu der Fahrt den Bumbesse hinauf hatte ich vier Soldaten mitgenommen, welche alle mit einem Haumesser ausgerüstet waren, denn schon an der Mündung war es ersichtlich, daß man sich durch viel überhängendes Gestrüpp hindurchzuarbeiten habe. Da ich auch einigermaßen die Richtung des Flüßchens festlegen wollte, hatte ich mit dem Kompaß in der Hand tüchtig aufzupassen, daß wir nicht irgendwo festfuhren. Unter ziemlichen Schwierigkeiten hatten wir oft unser Canoe zwischen den durchgeschlagenen Lianen hindurchzuzwängen, um wieder in offenes Wasser zu gelangen. Gegen 10 Uhr kamen wir an eine Brücke, welche bewies, daß Eingeborene hier in der Nähe hausen müssen; dieselbe war sehr primitiv, durch zwei auf Gabeln ruhende Stangen hergestellt, welche an der Seite durch ein Zaunwerk gegen die Gewalt des Wassers geschützt waren. Etwa zwei Meter oberhalb der Stangen war parallel mit diesen eine Liane gespannt, welche dem die Brücke Passierenden offenbar zur Stütze dienen sollte. Wir kamen an diesem Hindernisse auch vorbei, indem wir das Canoe allmählich darüber schleiften. Um 11 Uhr wurde endlich durch Fallen unserm weiteren Vordringen ein Ziel gesteckt. Die Ufer des Flüßchens, welche hier bedeutend näher zusammentraten, waren durch ein Zaunwerk verbunden, das sehr geschickt durch Lianen verknotet war und nur zwei Öffnungen ließ, durchwelche die Tiere passieren konnten. Oberhalb dieser Öffnungen sah man Schlingen, welche offenbar zum Anbringen von Speeren angelegt waren. Da von diesen Fallen ein Pfad in den Wald hinein führte, der offenbar unlängst von Menschen betreten war, so ließ ich einen Soldaten bei dem Canoe zurück und drang nun mit den drei anderen Soldaten auf dem Pfade vor. Zu meiner nicht geringen Freude konnte ich hier im Walde Kickxia sowohl wie Landolphia feststellen, erstere sogar in ziemlicher Menge. Da meine Zeit beschränkt war und noch keine weiteren Anzeichen von Menschen zu entdecken waren, ließ ich nach etwa halbstündigem Marsche im Walde wieder zum Canoe zurückkehren, hatte doch diese Exkursion wenigstens zur Entdeckung der Kickxia hier am Bumbesse geführt. Dieser Standort der Kickxia war für mich um so interessanter, als der Wald deutliche Anzeichen einer zeitweisen Überschwemmung trug, somit also der Baum auch in Regionen mit bedeutender Bodenfeuchtigkeit zu gedeihen scheint. Auf der Rückfahrt ließ ich an den Stellen, wo der Wald nicht überschwemmt war, landen, um auch dort nach Kickxia zu fahnden, konnte aber hier nur das Vorkommen von Landolphia konstatieren. Am Nachmittage machte ich nun noch einige Exkursionen längs des Ngoko-Ufers, wo ich auch wieder Landolphia feststellen konnte. Auch hier entdeckte ich wieder einige interessante Orchidaceen.
Am Morgen des 25. September dampften wir weiter, jetzt den Dja hinauf, durch dessen Zusammenfluß mit dem Bumbe der Ngoko gebildet wird. Die Ufer waren auch hier teilweise recht niedrig, teilweise erhoben sich etwa bis 100 Meter hohe Hügel längs derselben. Der Strom war hier noch bedeutend stärker als auf dem Ngoko. Die Vegetation scheint üppiger zu sein, als ich sie am Ngoko beobachtet habe. Nach etwa zweistündiger Fahrt passierten wir das Dorf Djama auf der Insel gleichen Namens nebst einer Abzweigung desselben auf einer daneben liegenden Insel. Die Ufer erschienen auf unserer linken Seite nun stets mehr oder minder erhöht. Kurz hinter Djama hatten wir einige Stromschnellen zu passieren, welche glücklicherweise an einer Seite einen Kanal zur Durchfahrt frei ließen. Gegen 4½ Uhr erreichten wir dann das Ziel unserer Reise, die Faktorei Bomudali. Dieselbe liegt gegenüber der Insel Bomudali mit dem darauf befindlichen gleichnamigen Dorfe von für dortige Verhältnisse ziemlicher Ausdehnung. Diese Faktorei wurde durch einen Eingeborenen geleitet. Ein recht nettes, aus hiesigem Bambus (Raphiapalmen-Rippen) gebautes luftiges Häuschen mit einer breiten Veranda hatte man hier aufgebaut, in dem sich ein Europäer recht gut hätte aufhalten können. Ich unternahm sogleich eine Exkursion in den Wald, der leider auch zum großenTeile überschwemmt war, so daß ich total durchnäßt gegen Abend zum Schiffe zurückkehrte.
Da mir nicht viel daran lag, dieselben Gegenden noch einmal vom Dampfer aus zu betrachten, so hatte ich beschlossen, die Rückreise im Canoe zu machen. Da der Dampfer von hier aus umkehren sollte, so fuhr ich bereits um 5½ Uhr am Morgen des 26. September von Bomudali ab. Da noch Nebel auf dem Flusse lag, konnten wir anfangs nur wenig von der Urwaldvegetation erkennen. Erst als gegen 8 Uhr die Sonne durchdrang, wurde das Bild interessanter und lebendiger. Die Papageien in den Zweigen fingen ihr Geschrei an, oben sah man die Nashornvögel über die höchsten Gipfel der Bäume dahinschweben, während die buntbefiederten Königsfischer auf den Büschen am Wasser auf Beute warteten. Nun am Ufer entlang fahrend, sah ich häufig riesige Kautschuklianen von den Zweigen hängen, deren riesige, etwa kinderkopfgroße Früchte durch ihr Gewicht die Zweige herunterzogen. Leider hingen diese Früchte meist zu hoch, um sie zu erlangen, selbst einige Schüsse auf dieselben hatten keine Wirkung. Doch gelang es mir nach einigen vergeblichen Versuchen, endlich dreier derselben habhaft zu werden, um sie nach der Station mitzunehmen. Von Kickxia konnte ich nur hin und wieder einige Exemplare an dem höheren Ufer entdecken; doch ließ ein großer Sumpf, welcher die Hügel von dem Flusse trennte, eine genauere Untersuchung derselben nicht zu. Gegen Mittag erreichten wir Djama, nachdem wir noch kurz vorher durch einen tüchtigen Regenschauer vollständig durchnäßt worden waren. Meine Leute hatten zwar in dem Dorfe Bomudali tüchtig Essen kaufen können, so daß sie noch reichlich versehen waren, doch hielt ich es trotzdem für geraten, mich hier noch einmal tüchtig zu verproviantieren, da ich nicht wußte, wie lange ich noch bis zu meiner Ankunft auf der Station unterwegs bleiben würde, zumal ich beabsichtigte, den N’komo zu befahren, um auch dort soweit als möglich in die Wälder einzudringen. Ich besuchte daher die beiden Djama-Inseln und kaufte dort an Lebensmitteln für meine wenigen Leute nicht unbedeutende Quantitäten ein, und zwar zu äußerst billigen Preisen. Ich will zwar nicht verleugnen, daß die Anwesenheit der Soldaten wahrscheinlich nicht wenig dazu beitrug, doch sah ich darauf, daß den Leuten nichts mit Gewalt abgenommen wurde. Wer nicht verkaufen wollte, wurde in keiner Weise dazu gezwungen. Ich konnte hier Hühner und Eier für Öl und Salz einkaufen. Etwa ein halber, ziemlich kleiner Tassenkopf mit Öl genügte, um ein Huhn zu erstehen. Für meine Leute gab es Büffel- und Elefantenfleisch und sehr viel Planten. So konnten wir also, reichlich versehen, am Nachmittage unsere Weiterreise antreten.Nach kurzer Zeit ließ ich an Land anfahren, um Mittag kochen zu lassen. Wir waren kaum damit fertig, als die „Holland“ unsere Lagerstelle passierte, auf der Rückreise nach Bumbe, welches übrigens schon von unserem Lager aus in Sicht war. Ich unternahm nun noch eine Exkursion, auf welcher ich wieder das Vorhandensein der Kickxia, wenn auch nur in vereinzelten Exemplaren, konstatieren konnte; dann ließ ich den Dja bis zum Bumbe hinunter weiterfahren, wo ich gegen 6 Uhr abends bei dem Dampfer anlangte. Am Abend versammelten wir hier anwesende fünf Europäer uns auf dem Dampfer, wo uns HerrKalmarnach dem Abendessen durch ein Konzert auf der Violine unterhielt. Da ich am nächsten Morgen früh aufbrechen wollte, ging ich um 10 Uhr schlafen.
Der nächste war wieder einer jener prächtigen Morgen, wie ich sie besonders nach einem Regentage schon häufig im Ngoko erlebt hatte; lautlos glitt unser Canoe am Ufer des Flusses entlang, jedes Geräusch wurde noch durch den dichten Nebel, welcher auf dem Flusse lag, gedämpft. Als sich gegen 9 Uhr der Nebel gehoben, ließ ich auf einer sandigen Stelle am Ufer das Canoe aufziehen, um den Soldaten Zeit zum Frühstück zu geben, während ich mit meinem Jungen im Walde umherstreifte, soweit es die uns umgebenden Sümpfe gestatteten. Auch hier gab es viele Landolphien, besonders L. florida, deren Früchte eine Schar Affen angelockt hatten, von welchen ich für meine Leute zwei erlegen konnte. Während ich im Walde umhergestreift, hatte der Koch das Frühstück fertig gemacht, so daß wir kurz darauf, ohne großen Zeitverlust, weiterfahren konnten. Gegen 11 Uhr erreichten wir die Mündung des N’komo-Flusses, in welchen wir nun eindrangen. Die Strömung war hier auffallend stark, besonders da, wo Bäume in das Wasser hineingefallen waren. An einigen Stellen mußten wir uns längs der Ufer an dem Gesträuch entlang hinziehen, um gegen die starke Strömung ankommen zu können. Ein riesiges Krokodil, welches auf einem Baumstumpfe lag, schoß ich auf dieser Fahrt, doch entging uns das Tier leider, weil es in seinem Todeskampfe vom Stamme herunter in das Wasser fiel. Gegen 12 Uhr ließ ich an einer offenen Stelle an Land fahren, um den Leuten, welche sich sehr stark hatten anstrengen müssen, Rast zum Mittagessen zu geben. Elefanten-, Büffel- und Nilpferdspuren gab es in Menge, von den Tieren selbst war leider nichts zu sehen. Die Bäume hingen am Ufer voll von Orchideen, unter denen besonders Angraecum pellucidum Ldl. mit seinen langen herunterhängenden Blütentrauben auffiel. Hier und dort waren Kautschuklianen (Landolphia) zu sehen, doch bis jetzt selten in größeren Mengen. Ich drang mit einem Soldaten tiefer in den Wald ein, um nach Kickxia zu suchen,konnte davon hier aber nichts entdecken. Als wir uns am Nachmittage kaum wieder auf der Weiterfahrt befanden, überraschte uns wieder ein starker Regen, der uns aber nicht hinderte, weiter zu rudern. Bald schien es, als sei unserm weiteren Vordringen eine Schranke gesetzt, denn vor uns lagen zwei große Bäume im Wasser. Als wir näher kamen, erkannten wir in denselben eine Brücke der Eingeborenen. Die beiden Bäume waren von denselben gefällt worden und die oberen Äste mittelst Lianen mit dem Strauchwerk der anderen Seite verbunden, so daß man, von Ast zu Ast kletternd, den Fluß überschreiten konnte. Zur Sicherung des Überganges waren einige Lianen darüber gespannt worden, an denen man sich halten konnte. Von menschlichen Wesen selbst war keine Spur zu entdecken. Ich glaube sicher, daß diese Brücke von den Zwergvölkern dieser Urwälder gelegt worden ist, denn nur diese allein bewohnen jene Wildnis. Mit unseren Haumessern gelang es uns, eine Öffnung durch die im Wasser liegenden Kronen der Bäume zu schlagen, durch welche wir unser Canoe hindurchschieben konnten. Wir wurden alle dabei von einer Schar Ameisen, welche eben den Fluß auf dem Baume zu überschreiten schienen, arg zugerichtet. Als sich gegen Abend der Himmel aufgeklärt hatte, begannen sich die verschiedensten Tiere hören zu lassen, besonders Elefanten hörte man häufig. Ein Schuß, welchen ich auf eine Schar Enten abfeuerte, rief dann plötzlich für kurze Zeit eine allgemeine Stille hervor. Gegen 5½ Uhr ließ ich anhalten und für mein Zelt unter einem großen Baume den Platz reinigen. Bei der dichten Bewaldung brach die Dunkelheit überraschend schnell herein. Es war eine wundervolle Nacht, welche nun folgte, als der Mond sein friedliches Licht über den Urwald ergoß. Noch lange saß ich an dem Abend vor meinem Zelt und genoß die kühle Luft. Die Stille des Waldes wurde nur hin und wieder durch das Trompeten eines Elefanten unterbrochen.
Kurz nach 6 Uhr waren wir am nächsten Morgen auf der Fahrt. Mit jeder Minute wuchs die Stärke der Strömung, so daß ich schon mit einigem Grauen an die Rückfahrt dachte, da dann bei den vielen Windungen des Flusses und den vielen, in demselben liegenden, Baumstämmen unser Canoe nur zu leicht hätte umgerissen werden können. Gegen 7½ Uhr wurde nun leider unserem weiteren Vordringen durch einen neuen Baumstamm eine Schranke gesetzt. Auch dieser war wieder von Menschenhand gefällt worden und lag unglücklicherweise so im Wasser, daß für unser Canoe keine Passage blieb. Unter Schwierigkeiten wäre es uns vielleicht gelungen, das Canoe darüber hinweg zu ziehen oder über Land wieder in fahrbares Gewässer zu bringen, doch glaubte ich, etwa so weit vorgedrungenzu sein, als der N’komo deutsch war. Da der Zweck meiner Mission auch nicht in geographischen Forschungen bestand, so glaubte ich auch, hier umkehren zu müssen, hatte ich doch wenigstens Kautschuklianen hier in ziemlichen Mengen feststellen können. Bevor ich umkehrte, unternahm ich noch eine kleine Exploration der Wälder, in welche ich tiefer eindrang. Dieselben enthielten Kautschuklianen in Quantitäten, welche einen regelmäßigen Abbau wohl lohnen würden. Ehe es jedoch zu einem solchen in diesen doch immerhin recht entfernten Regionen kommen wird, dürften noch viele Jahre hingehen. Eine der ersten Aufgaben des Stationsvorstehers sowohl, wie vor allen Dingen der Kaufleute im Ngoko-Distrikte, dürfte es vor allen Dingen sein, den Eingeborenen den Wert des Kautschuks und die Gewinnung desselben klar zu legen, und, wenn möglich, in einer solchen Weise, daß der Raubbau sich nicht auch hier einbürgert. Ich selbst befürchte zwar, daß sich dieser selbst bei strengen Maßregeln nicht wird fernhalten lassen. Doch dessenungeachtet wäre es entschieden wünschenswert, daß im Ngoko-Gebiete ein unnötiges Umschlagen der Kickxiabäume strengstens bestraft würde, sobald sich ein solches nachweisen läßt. Ich werde noch einmal darauf zurückzukommen haben, da ich selbst einmal Zeuge eines solchen Umschlagens von Kickxiastämmen gewesen bin; doch davon später.
Noch im Laufe des Vormittags traten wir unsere Rückfahrt an, die infolge der vielen Krümmungen des Flusses sowie der vielen darin liegenden Baumstämme sehr gefährlich war. Bei der reißenden Strömung sauste das Canoe dahin, wie ich es nie geglaubt hätte. Ich selbst hatte ein Ruder genommen, um im Falle der Not auch beim Steuern zur Hand zu sein. Besonders fürchtete ich die untere Baumbrücke, welche uns sehr leicht hätte umreißen können. Genau nach der Karte, welche ich von dem Flusse bei der Fahrt hinauf angefertigt hatte, unsere Route verfolgend, machte ich schon vorher die Soldaten auf die kommenden scharfen Kanten und schnellen Strömungen aufmerksam und ließ, als wir uns der Brücke näherten, rückwärts rudern, so daß wir dem Strome entgegenarbeiteten und dann schließlich langsam gegen die Brücke angetrieben wurden. Nachdem wir das Canoe dann auch glücklich durch die von uns geschlagene Öffnung hindurchgezogen hatten, ging es mit derselben Schnelligkeit wie vorher weiter nach dem Ngoko zu. Noch eine Stelle gab es, die für uns gefährlich werden konnte. Dort hätte auch beinahe die Fahrt ein Ende gefunden, wenn wir nicht plötzlich von der Strömung fortgerissen und in ein Strauchwerk hineingeschleudert worden wären, wo ich glücklicherweise noch zur rechten Zeit einige Äste ergriff, mit Hülfe derer ichdas Canoe zurückhalten konnte. Nachdem wir diese Stelle dann auch glücklich passiert hatten, hatten wir offenes, wenn auch noch reißendes Fahrwasser. Man wird sich einen Begriff von der Macht dieser Strömung machen können, wenn man bedenkt, daß wir die Fahrt flußabwärts in etwa einem Viertel der Zeit machten, als die Fahrt flußaufwärts. Ich muß offen bekennen, daß ich froh war, als wir wohlbehalten wieder im Ngoko angelangt waren. Wir fuhren nun den Ngoko weiter hinunter, bis wir einen verlassenen Weiler am Flußufer erreichten, wo ich zum Zwecke des Abkochens Rast machen ließ.
Das Feuer war kaum angezündet, als einer der Soldaten mit der Nachricht kam, daß in einer Hütte ein halbverhungertes Weib liege, das kaum mehr sprechen könne. Ich ließ die Frau nun heranbringen und ihr etwas zu essen geben. Allmählich konnten wir denn ihren Reden entnehmen, daß sie von ihren Stammesgenossen hier vor einigen Wochen ausgesetzt sei. Ihren richtigen Heimatsort konnten wir nicht erfahren, wie überhaupt ihre Aussagen häufig verwirrt waren und sich nicht selten widersprachen. Offenbar war das Weib irrsinnig. Sei es nun, daß sie erst durch den Hunger in diesen Zustand verfallen war, denn sie hatte sich während der ganzen Zeit von den ölhaltigen Samen einer Leguminose ernährt, sei es, daß sie infolge ihres Irrsinnes von ihren Stammesgenossen ausgesetzt war, ich konnte sie hier natürlich nicht zurücklassen, denn sie wäre sicher in wenigen Tagen verhungert, da sie schon jetzt kaum mehr Kräfte genug besaß, sich aufrecht zu halten. Als wir dann diesen von Flöhen wimmelnden Platz verließen, wurde die Frau mit in das Canoe gesetzt, nachdem die Soldaten vorher vergeblich versucht hatten, sie zu waschen. Das Wetter sah schon recht drohend aus, als wir unseren Lagerplatz verließen, so daß wir wenig überrascht waren, als plötzlich ein wolkenbruchartiger Regen mit starkem Sturm zu wüten begann. Wenn selbst wir auch alle bis auf die Haut durchnäßt wurden und die Situation nichts weniger als angenehm war, so freuten wir uns dennoch alle, daß wenigstens auf diese Weise die würdige Matrone in unserem Canoe einmal tüchtig gewaschen wurde, denn der Schmutz und Aschenstaub, welcher an ihrem Körper haftete, spottete jeder Beschreibung. Da der Sturm für unsere Weiterreise zu gefährlich zu werden schien, ließ ich an einer sandigen Stelle unter einer alleinstehenden Sterculia an Land fahren, um dort für die Nacht das Zelt aufschlagen zu lassen. Leider war aber der Boden an dieser Stelle so locker, daß die Zeltpflöcke von dem Sturme immer wieder herausgerissen wurden, so daß wir nach vielen vergeblichen Versuchen doch schließlich die Hoffnung aufgaben, das Zelt hieraufschlagen zu können. Trotz des Regens und Sturmes mußten die Soldaten sowie die anderen Insassen des Bootes wieder zu den Rudern greifen, um uns nach einem günstigeren Lagerplatz zu bringen, den wir denn auch bald erreichten. Unter strömendem Regen wurde ein Platz für das Lager im Walde freigelegt und die Zelte für mich und meine Begleitung aufgeschlagen. Dieser furchtbare Regen hielt mit dem Sturme fast die ganze Nacht hindurch an, so daß man bei dem Getöse, welches durch den Regen, den Sturm und die herunterbrechenden trockenen Zweige und Äste verursacht wurde, kaum an Schlafen denken konnte.
Zu unserer Freude klärte sich der Himmel am nächsten Morgen auf, so daß wir bereits früh weiterfahren konnten. Es lag mir daran, noch an demselben Tage die Station zu erreichen. Meine Leute hatten daher tüchtig zu rudern, selbst das vom Hungertode befreite Weib, welches sich merkwürdig schnell wieder erholt hatte, mußte ein Ruder zur Hand nehmen und helfen. Im raschen Tempo ging es nun flußabwärts an den wenigen Inseln vorbei, welche hier im Ngoko liegen. Dieselben waren zumeist schon durch das jetzt schnell steigende Wasser überschwemmt worden. Als wir gegen Mittag in die Nähe des Plehn-Felsens kamen, welcher auch nur noch um einige Fuß aus dem Wasser hervorragte, ließ ich zum Abkochen kurze Rast machen. Ich durchstreifte während der Zeit wieder die Wälder, ohne aber auf Kickxien zu stoßen, wie ich gehofft hatte. Einige Ficusbäume aus der Verwandtschaft der Ficus Vogelii, welche hier wuchsen, zapfte ich an und kochte dann die Milch, teils nach Zusatz von Salz, teils mit Essigsäure vermischt, erhielt aber nur eine klebrige, zähe Masse, die keinen Wert hatte. Während des Nachmittags ging es dann ununterbrochen bis zur Faktorei der Südkamerun-Gesellschaft weiter, welche wir mit eintretender Dunkelheit erreichten. Von HerrnLangfeldterfuhr ich hier, daß Dr.Briartmit einem neuen Dampfer der Société Anonyme Belge, dem „Président Urban“, in der Zwischenzeit dagewesen sei. So hatte ich leider diese Gelegenheit verpaßt, nach dem Congo zurückzukehren. Nach kurzer Fahrt erreichten wir dann gegen 8½ Uhr die Ngoko-Station wieder.
Da der „Président Urban“ für Dr.Plehndie sämtlichen von ihm bestellten Ausrüstungsgegenstände für eine geplante längere Expedition ins Innere mitgebracht hatte, so setzte Dr.Plehnden Aufbruch zu dieser Expedition auf den 10. Oktober fest. Da nach dieser Zeit zu wenig Leute auf der Station sein würden, um mich bei meinen Exkursionen zu begleiten, so beschloß ich, die Zeit noch tüchtig zum Sammeln von Kickxiafrüchten zu verwenden. Noch verschiedene Male machte ich Ausflüge immer wieder in mir nochunbekannte Gegenden um die Station herum. Überall konnte ich die Kickxia in Mengen feststellen und jedesmal den Vorrat der Samen bedeutend vergrößern, so daß ich schließlich gegen 400000 Samen haben mußte.
Meine verschiedenen Experimente mit Kickxia- und Landolphiamilch setzte ich zu derselben Zeit fort. Besonders die Methode der Gewinnung des Kautschuks durch allmähliches Austrocknen der Milch und durch Centrifugieren.
Zusammen mit Dr.Plehnunternahm ich am 4. Oktober einen Ausflug auf die Hügel der anderen Ngoko-Seite. Von der Faktorei „Wilhelmina“, welche nun verlassen war, ging zur Zeit der einzig mögliche Weg erst in den Wald hinein, um sich dann langsam gegen die Hügel vorzuschlängeln. Wiederholt mußten wir uns von unseren Leuten durch Morast und Wasser tragen lassen, denn bei dem jetzt schon recht hohen Wasserstande war bereits ein großer Teil des zeitweise trockenen Waldes vollständig überschwemmt. Nachdem wir dann glücklich den Fuß des Hügels erreicht hatten, drangen wir auf einem schmalen Eingeborenenpfade bis zur Spitze vor, wo sich einige Leute des Kataku-Dorfes, offenbar um der zu großen Nähe der Weißen zu entgehen, seit kurzem angesiedelt hatten. Die Leute hatten Bananenpflanzungen angelegt, beklagten sich aber bei uns, daß die Elefanten ihnen viel Schaden zufügten. Da Dr.Plehnmöglichst bald zur Station zurückkehren wollte, blieb ich mit meinem Jungen und einem Soldaten allein zurück, um zu versuchen, auch hier das Vorkommen von Kickxia zu konstatieren. Als ich nach einigem Suchen diesen Zweck erreicht hatte, kehrte auch ich wieder auf das andere Ufer zurück, wo ich auf der Station mit dem Trocknen der Kickxiasamen und dem Einpacken der Kautschukproben jetzt viel zu thun hatte.
Da ich es für sehr wahrscheinlich hielt, daß zur weiteren Feststellung des Verbreitungsgebietes der Kickxia eine Reise nach dem oberen Dja von Nutzen sein würde, so entschloß ich mich, einer Einladung des HerrnLangheld, ihn dorthin zu begleiten, nachdem er diePlehnsche Expedition nach dem Bumbe gebracht hätte, Folge zu leisten, besonders da ich wußte, daß ich vor Ende des Monats Oktober nun keine Gelegenheit haben würde, die Rückreise nach dem Congo anzutreten. Gern wäre ich mit Dr.Plehnzusammen gegangen, um dann nach der Küste zu durchzumarschieren, doch das war nun leider infolge des Trägermangels unmöglich. Selbst Dr.Plehnmußte sein Gepäck schon auf das Allernotwendigste beschränken, um genügend Leute zum Transporte seiner Sachen zu haben. Es war für mich damals nicht leicht, auf diese Expedition zu verzichten, von der wir uns so viel Interessantes versprachen.
Nachdem die Hauptmenge der Lasten derPlehnschen Expedition schon am 10. Oktober nach dem „Major Cambier“ zu HerrnLangheldsFaktorei hinübergeschafft worden waren, verließen wir, Dr.Plehn, HerrPeter, welcher an der Expedition teilnehmen sollte, und ich, am frühen Morgen mit den Soldaten und Trägern die Ngoko-Station, um dann zum „Major Cambier“ mit dem letzten Reste der Expeditionsgüter nachzufolgen. Ich werde diesen Morgen nie vergessen, an dem ich damals zum letzten Male mitPlehnzusammen den Ngoko-Hügel hinunterstieg und mit ihm über den eventuellen Ausgang der Expedition sprach, der nach unseren damaligen Ansichten nur ein glücklicher und für die Erforschung unseres Schutzgebietes sehr günstiger sein konnte. Leider hatte das Schicksal es anders beschlossen.
Nachdem gegen 9 Uhr endlich alles auf dem Dampfer untergebracht war, konnten wir abfahren. Die Scenerie war mir, der ich diese Fahrt nun bereits wiederholt gemacht hatte, ja bekannt genug. Von dem Plehn-Felsen war kaum noch die Spitze zu sehen; so war das Wasser in den wenigen Tagen gestiegen. Am Nachmittage wurde eine Stunde lang Halt gemacht, um neuen Holzvorrat zu schaffen. Dann fuhren wir bis zum späten Nachmittag weiter und legten, bevor wir die N’komo-Mündung erreicht hatten, uns vor Anker. Das Aufschlagen des Lagers dauerte heute eine ziemliche Zeit, da Dr.PlehnsSoldaten mit dem Aufstellen seines großen Zeltes noch nicht recht Bescheid wußten. Bis zum späten Abend saßen wir Europäer noch bei der wundervollen Beleuchtung, welche der Mond über die Landschaft warf, zusammen. Am nächsten Morgen dampften wir dann zeitig ab, um noch vor Mittag bei der Bumbe-Faktorei einzutreffen. Es war einer der heißesten Tage, welche ich erlebt hatte; alles schien niedergedrückt zu sein, nur der unermüdliche HerrLangheldlief, ohne sich irgendwie zu schonen, in der Sonne umher, bis alles in Ordnung war. Wir saßen alle gerade beim Essen, als ein Soldat mit der Nachricht kam, daß auf der anderen Seite des Bumbe ein riesiges Krokodil im Wasser schwämme. Dr.Plehnwar sofort mit seiner Büchse zur Hand, und in der nächsten Minute hatte das Tier einen Schuß im Kopfe, der es auf der Stelle getötet haben mußte, denn das Tier blieb oben. Der Sicherheit halber schoß Dr.Plehnnoch einmal und zwar noch einen solchen Meisterschuß. Die Soldaten, welche schon die Sicherheit ihres Herrn beim Schießen kannten, hatten auch sofort das Canoe, welches Dr.Plehnvon mir übernommen, in den Fluß gezogen und ruderten nun mit allen Kräften zur Stelle, um die Jagdbeute einzuholen, die dann zur großen Freude der Leute verteilt wurde. Das Krokodil war eines der größten, welche ich je gesehen.
Da Dr.Plehnmit dem Packen seiner ganzen Expeditionsgüter noch nicht vollständig fertig war, so beschloß er, erst am 14. Oktober von Bumbe aufzubrechen; ich hatte also hier noch einen freien Tag. Ich benutzte daher die Gelegenheit, mit HerrnKalmarund HerrnSchultz, welcher mit uns nach Bomudali fuhr, um die Faktorei daselbst zu übernehmen, eine Canoefahrt den Bumbe hinauf zu machen, wo zum Bau der Häuser der Bumbe-Faktorei Baumstämme gefällt werden sollten. Die Freude, welche ich hier bei dem Anblicke der häufig vorhandenen Kickxien empfand, wurde mir bald genommen, als ich sah, daß HerrKalmareine nach der anderen fällen ließ, da er behauptete, daß sonst keine anderen geraden Stämme zum Häuserbau vorhanden seien als die Kickxien. Es ist doch schade, daß selbst die Europäer hier nicht mehr darauf achten, die Schätze, welche das Land bietet, möglichst zu wahren; gerade deshalb wäre es auch sehr wünschenswert, daß von der Regierung Maßregeln getroffen würden, ein solches Treiben zu verhindern. Wie ich mich später überzeugen konnte, sind die Befestigungen der Palaverhäuser der Fan-Stämme im Ngoko auch vorzugsweise aus Kickxiastämmen hergestellt. Bedenkt man nun, daß diese Dörfer bei der geringsten Gelegenheit verlassen werden und an einer anderen Stelle ein neues errichtet wird, zu dem wieder viele Kickxiastämme nötig sind, so kann man sich leicht vorstellen, welcher Schaden mit der Zeit unter den Kickxiabeständen angerichtet wird, der leicht vermieden werden könnte. Der Eingeborene fällt natürlich lieber die weichen Kickxiastämme, als die zähen und harten Bäume, welche seinen schlechten Instrumenten so viel Widerstand entgegensetzten, um so mehr, als ja bei seiner Gewohnheit, die Dörfer immer wieder zu verlegen, das Holz gar nicht besonders dauerhaft zu sein braucht.
Am Morgen des 14. Oktober stand Dr.Plehnmit seiner Expedition schon zeitig fertig da. Es war arrangiert worden, daß der „Major Cambier“ die Expedition noch eine kurze Strecke den Bumbe hinauf bis kurz vor Kodjo bringen sollte. Die erste Hälfte, welche HerrPeterführte, ging gegen 7 Uhr ab. Da ich auch gern einen Teil des Bumbe sehen wollte, fuhr ich auch mit, um dann mit dem Dampfer wieder umzukehren. Dr.Plehnführte dann den Rest auch sogleich nach. Wir beide nahmen noch einmal Abschied voneinander und wünschten uns gegenseitig viel Erfolg und Gesundheit auf unseren Reisen und trennten uns dann in dem Glauben, daß wir uns beide in Europa wiedersehen würden. „Grüßen Sie noch alle meine Freunde und Bekannten an der Küste,“ das waren seine letzten Worte, welche er mir noch vom Dampfer aus zurief; dann war der Dampfer um eine Landzunge gebogen, die ihn uns verbarg.
Kurz nachdem der „Major Cambier“ zurückgekehrt war, wurde alles zur Weiterfahrt den Dja hinauf fertig gemacht. Um 1 Uhr schon fuhren wir ab. Bei den Djama-Inseln machten wir einen kurzen Halt, um Lebensmittel zu kaufen, da das kleine Dorf neben der Bumbe-Faktorei für die vielen Leute, welche während der letzten Tage dort gewesen waren, nicht genug hatte liefern können. Gegen Abend legten wir dann an einer etwas trockeneren Uferstelle an, wo ich Kickxia sowohl wie Landolphien in ziemlichen Quantitäten fand. HerrnLangheldsowohl wie HerrnSchultzmachte ich nun auf die Unterschiede aufmerksam, welche die Kickxia unter den anderen Bäumen leicht kenntlich macht. Moskitos gab es übrigens hier wieder reichlich. Am frühen Morgen erreichten wir am 15. Oktober die Bomudali-Faktorei, wo wir für den Rest des Tages zu bleiben hatten, da es hier für HerrnLangheldviel zu thun gab, denn es mußten vor allen Dingen viele Waren hier gelandet und gestaut werden, welche HerrSchultz, der die Faktorei leiten sollte, beim Einkaufen des bis dahin einzig in Betracht kommenden Produktes, des Elfenbeins, nötig hatte. Da ich bei meinem ersten Aufenthalte in Bomudali in den Wäldern hinter der Faktorei vergeblich nach Kickxia gesucht hatte, so schlug ich auf meinen Streifereien diesmal eine andere Richtung ein und hatte auch hier wieder die Freude, Kickxia zwischen der Bomudali-Faktorei und dem Dorfe Lobilos in Mengen zu sehen. Je mehr ich von der Gegend sah, desto mehr gewann ich die Überzeugung, daß hier dereinst sich ein enormer Kautschukhandel entwickeln müsse, vorausgesetzt, daß beizeiten gegen Mißbrauch dieser Goldgruben unserer Kolonie Kamerun Schritte gethan werden.
Die Eingeborenen dieses Teiles des Dja unterscheiden sich schon ganz bedeutend von den weiter unten wohnenden Misangas. Besonders auffallend ist die Haartracht der Weiber. Neben einer großen Raupe von Haaren, welche über den Scheitel bis zum Hinterkopf hinunterläuft, sind die Haare zu beiden Seiten oberhalb der Schläfen in raupenförmige Ringe frisiert. Um diese Frisur, welche eine sehr lange Zeit in Anspruch nehmen muß, zu schützen, ist sowohl je oberhalb der Ohren wie an der Haarwurzel über der Stirn eine große, muschelförmige, aus Bast hergestellte Klappe in das Haar eingeflochten. Während des Schlafes oder sonst bei Gelegenheiten, bei welchen diese Haarfrisur in Gefahr kommt, zerstört zu werden, werden diese Klappen durch ein Tuch gegen den Kopf angezogen und bedeckt und dienen so zum Schutze des Ganzen. Die Gesichtszüge der Eingeborenen sind hier entschieden intelligenter und ansprechender als die der Misangas. Während unseres Aufenthaltes in Bomudali kamen auch einige Bomabassa-Leute, welche, ausziemlicher Entfernung kommend, mit den Bomudali-Leuten in Handelsbeziehungen stehen. Dieselben zeichneten sich durch eigentümlich blaue Tättowierung auf der Stirn und der Oberlippe aus. Im großen und ganzen schien die Bevölkerung den Weißen gegenüber sehr scheu und furchtsam zu sein.
Ein merkwürdiges Stück, welches ich hier erstand, aber später auf meinen Reisen zerbrach, möchte ich hier erwähnen, da es ethnologisch von Interesse sein mag, nämlich eine Flöte, die einzige, welche ich je in diesen Gegenden gesehen. Das Instrument war aus einem mir unbekannten hohlen Pflanzenstengel hergestellt und hatte ungefähr die Form der in Deutschland allgemein verbreiteten Blechflöten.
Da HerrLangheldmit den Einrichtungen in seiner Faktorei so weit fertig war, konnten wir am Morgen des nächsten Tages unsere Reise den Dja weiter hinauf fortsetzen. Gegen 8 Uhr verließen wir am Morgen des 16. Oktober Bomudali und dampften auf das Dorf des im Dja von seinen sämtlichen Nachbarn gefürchteten HäuptlingsLobilozu. Die Scenerie war fast dieselbe wie am Dja unterhalb Bomudali, die Vegetation wohl etwas üppiger und die Ufer, besonders in der Nähe des DorfesLobilos, etwas höher. Schon vom Dampfer aus konnte man die vereinzelt stehenden Kickxien sehen, besonders als wir uns dem DorfeLobilosnäherten.Lobilohatte schon von unserem beabsichtigten Besuche Kunde erhalten, so daß uns, als wir sein Dorf erreichten, eine große neugierige Menschenmenge empfing. Unterwegs hatten wir verschiedene Dörfer passiert, welche infolge der Erpressungen dieses Negerhäuptlings verlassen waren, und was war nun schließlich seine Macht? Etwas anderes als Hinterlist konnte es nicht sein. Als wir in sein Dorf kamen, saß er versteckt in einem der Palaverhäuser und zitterte am ganzen Körper, als wir ihm zur Begrüßung die Hand gaben; wahrscheinlich hatte er wieder ein böses Gewissen. Man sah dem Kerl in diesem Augenblicke übrigens so recht den feigen Schurken an. Für jeden, der ihm gegenüber etwas imponierend auftreten kann, ist dieser Feigling meiner Meinung nach wenig gefährlich. Viel mehr alsLobilointeressierte mich das Dorf, denn für ein Fan-Dorf in der Ngoko-Region ist dieses ganz abnorm gebaut und dürfte wohl einzig im ganzen Bezirke dastehen. Zunächst ist das ganze Dorf von einem hohen Lattenzaune umgeben, welcher etwa ein Quadrat bildet; der Zugang in das Dorf hinein ist nur durch die vollständig dunklen Palaverhäuser möglich, deren Eingang so schmal ist, daß man nur mit Mühe sich hineinzwängen kann. Beide Palaverhäuser waren durch viele Schichten von Baumstämmen befestigt. Die Hütten, welche zwar nach Art derFans sich an einer einzigen Straße entlang hinzogen, waren auch stärker gebaut, als man sie gewöhnlich im Ngoko sieht; außerdem standen hinter denselben noch kleinere Hütten und Vorratshäuser, welche ich sonst auch nirgends beobachtet hatte. Die unten beschriebene Haartracht war bei den Weibern die allgemeine, die Männer hatten vorn und hinten das sonst nicht weiter frisierte Haar in einen oder zwei steife, abstehende Zöpfe geflochten. Außer Perlen und einigen Arm- und Fußringen sah man von Schmuck selten etwas. Die Bekleidung bestand bei den Männern in einem kurzen, weiten Basttuche, bei den Weibern in einer Schürze aus demselben Stoff, der übrigens vor seinem Gebrauche mit zerpulvertem Rotholz und Fett beschmiert wird.
Ich machte eine kurze Exkursion, um die Natur des Waldes hier kennen zu lernen, und hörte von HerrnLangheld, als ich zurückkehrte, daß einige Pygmäen, hier Badjiris genannt, sich im DorfeLobilosbefänden. Da mir Dr.Plehnviel von diesem Zwergvolke, das sich nach Angaben der Eingeborenen Bakolos nennt, erzählt hatte und ich bereits häufig verlassene Hütten herumziehender Trupps im Urwalde angetroffen hatte, so war ich natürlich begierig, dieses interessante Völkchen selbst näher kennen zu lernen. Auf meinen Wunsch ließLobilodie Leute heranholen. Es waren drei Männer, welche ich hier sah. Dieselben waren durchaus nicht übermäßig klein, wenn auch unter mittelgroß, aber merkwürdig robust gebaut. Ihr Blick war äußerst scheu und listig, doch lag dessenungeachtet keine Falschheit darin. Merkwürdig für einen Neger war der Bart, welchen ein jeder dieser Männer hatte, da er bis auf die Brust reichte. Wie mir Dr.Plehnerzählte, waren sämtliche Bakolos, welche er auf seiner Reise nach Djimu näher zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte, bartlos; ich erwähne dies, da auch die Mehrzahl der Männer, welche ich später sah, sich durch einen für einen Neger merkwürdig üppigen Bartwuchs auszeichnete. Dr.Plehngebührt die Ehre, die ersten sicheren Nachrichten über das Vorhandensein dieses Zwergvolkes in seinem Bezirke gegeben zu haben. Unter seinen ethnologischen Aufzeichnungen zeigte er mir sehr viel Notizen über diese Leute, auch eine kleine Sammlung von Wörtern ihrer Sprache. Er hatte auch bis zu dem Augenblicke, als wir uns am 14. Oktober am Bumbe trennten, nur Männer der Badjiris gesehen; die Weiber waren stets zur Zeit entflohen.Lobilohatte diese Männer für sich gewonnen, um durch sie Elefanten jagen zu lassen, denn das ist ihre Hauptbeschäftigung; auch sollen sie dabei eine solche Gewandtheit haben, daß es ihnen mit ihren Lanzen immer gelingt, so viel Elefanten zu erlegen, daß es ihnen nie an Fleisch mangelt. Wie mirPlehnmitteilte,schreiben die Fan-Stämme dem letzteren Umstande es zu, daß die Bakolos Menschenfleisch verschmähen.
Nachdem HerrLangheldmitLobilonoch die Geschenke ausgetauscht hatte, dampften wir kurz nach Mittag weiter. Nach etwa zweistündiger, ziemlich eintöniger Fahrt erreichten wir die Mündung des auch noch vollständig unerforschten Kudu-Flusses und das dicht dahinter am Dja liegende Dorf N’goala, welches das Endziel der jetzigen Flußfahrt sein sollte. Nach Dr.PlehnsAngaben dürften die großen Schnellen, für welche er den Namen Carnap-Schnellen, zu Ehren des Herrn Oberleutnants v.Carnap-Quernheimb, welcher zuerst bis in die Südostecke Kameruns vordrang, gewählt hatte, noch drei bis vier Stunden Dampferfahrt oberhalb des Dorfes N’goala gelegen sein. Da wir einige Zeit hier vor N’goala liegen bleiben wollten, so benutzte ich die Gelegenheit, ein auf der anderen Seite des Kudu eine halbe Stunde Weges im Innern gelegenes Dorf zu besuchen. Zusammen mit dem Kapitän des Dampfers, einem Skandinavier, machte ich mich in Begleitung eines Führers aus dem Dorfe N’goala und einiger Eingeborenen vom Dampfer aus auf den Marsch. In einigen kleinen Canoes setzten wir über den Kudu und traten dann in den Wald ein, der trotz seines feuchten Bodens doch zahlreiche Kickxien enthielt. Unterwegs erzählte mir der Führer von N’goala, daß ein Lager der Bakolos in der Nähe sei. Eine solche Gelegenheit ließ ich mir nicht entgehen; meinen Leuten möglichst leises Gehen gebietend, marschierte ich mit dem Führer voraus und bog mit ihm von dem Wege ab in den Wald ein. Es gelang uns auch wirklich, unbeachtet an das Lager heranzuschleichen, welches auf einer kleinen Erhöhung lag. Ich stürmte dann plötzlich vor und stand nun zum großen Schrecken der Bakolos unter ihnen. In heilloser Furcht ergriff alles die Flucht, denn einen Weißen hatte wohl noch keiner von ihnen gesehen. Es gelang uns aber doch, einige Männer und zwei Weiber zu halten und schließlich so weit zu beruhigen, daß sie mir sogar eine ihrer Elefantenlanzen verkauften. Die Weiber waren noch kleiner als die Männer und hatten recht häßliche Gesichtszüge. Die Hütten hatten die Form einer hingestreckten Viertelkugel und standen im Kreise herum; sie waren nur groß genug, daß etwa zwei Personen Platz darin hatten. Als nun auch die übrigen Leute herangekommen waren, setzten wir den Marsch nach dem Dorfe im Innern fort. Unser Führer schien ein recht verständiger Bursche zu sein; als wir uns dem Dorfe näherten, gebot er den Leuten, sich möglichst leise heranzuschleichen, da sonst die Eingeborenen fliehen würden, denn einen Weißen hätten auch diese wohl kaum gesehen. Auch hier gelang es uns, bis zum Dorfe vorzuschleichen, ehe wir bemerkt wurden. Dannerhob sich plötzlich das Geheul der Weiber, als sie uns erblickten. Ich rief den Leuten zu, sie sollten nur beruhigt sein, denn ich sei nur gekommen, um ihr Dorf zu sehen und Hühner von ihnen zu kaufen. Die Weiber, welche entflohen waren, kamen auch wieder, als sie sahen, daß wir uns mit den Männern ganz friedlich unterhielten; schließlich wurden sie sogar ganz dreist. Ich hatte nur wenige Tauschartikel mitgenommen, da ich glaubte, daß hier nicht viel zu kaufen sei; die Leute boten aber so viel an, daß ich ihnen den Vorschlag machte, bis zum Dja mitzukommen, wo sie am Dampfer einen besseren Markt finden würden. Mit einer ganzen Kolonne zogen wir dann zum Dampfer zurück, wo die Leute noch manches verkaufen konnten. HerrLangheldwollte durchaus noch wieder vor Anbruch des Abends bis Bomudali zurück; ich hätte mich gern hier noch unter dem Völkchen etwas länger aufgehalten, das einen viel intelligenteren und freundlicheren Eindruck machte als die Misangas am Ngoko. Kurz nach 4 Uhr traten wir nun die Rückfahrt an, welche bei der schnellen Strömung des Flusses nur die Hälfte der Zeit in Anspruch nahm als die Fahrt flußaufwärts. VorLobilosDorf wurde nicht einmal angehalten. Schon bei eintretender Dämmerung warfen wir an der Bomudali-Faktorei Anker. Ich habe übrigens hier noch nachzuholen, zu erwähnen, daß Kopalbäume am Dja so weit in Menge am Flußufer vorhanden waren, als wir gekommen waren. Dr.Plehnerzählte mir auch einmal, daß er bei den Carnap-Schnellen beobachtet hätte, daß seine Soldaten auch dort ein Harz während der Nacht gebrannt, welches er für Kopal hielt. Es ist also wahrscheinlich, daß dieser Kopalbaum längs des Flusses noch weit hinaufsteigt. Interessant ist, daß man ihn sehr selten in weiterer Entfernung vom Flußrande findet.
Am Vormittage des nächsten Tages wurde die ganze Besatzung des Dampfers ausgeschickt, um Holz zu schlagen, denn HerrnLangheldhielt es nicht länger hier; er wollte durchaus zu seiner Faktorei zurück. Gegen Mittag nahmen wir Abschied von HerrnSchulz, welcher nun hier allein zurückbleiben soll. Mit dem größtmöglichen Dampfdruck wurde der „Major Cambier“ den Dja hinuntergejagt, wobei uns die starke Strömung noch Beistand leistete. Schon um 3 Uhr trafen wir an der Bumbe-Faktorei ein. Nach nur halbstündigem Aufenthalte dampften wir weiter den Ngoko hinunter. Diese Fahrt, welche wir nun machten, dürfte wohl für lange Zeit die schnellste bleiben, welche je auf dem Ngoko geleistet wurde, denn schon gegen 7 Uhr trafen wir in der Faktorei ein. Unterwegs sahen wir noch eine Herde Büffel am Flußrande, welche aber schnell im Busche verschwanden, als sie unserer ansichtig wurden. Da es zu spät war, um jetzt noch die ermüdeten Leutezur Canoefahrt anzutreiben, schlief ich am Abend noch auf dem Dampfer und kehrte erst am nächsten Morgen zur Ngoko-Station zurück, wo ich bei strömendem Regen eintraf. Die Regenzeit schien jetzt überhaupt hier einzusetzen, denn während der letzten Zeit hatten wir auffallend starke und häufige Niederschläge gehabt. HerrGruschka, welchen wir am Schwarzwasserfieber niederliegend verlassen hatten, war wieder einigermaßen hergestellt, doch noch immer so schwach, daß er nicht arbeiten konnte. Herrnv. Lüdinghausenfielen daher nun die sämtlichen Arbeiten allein zu.
Die Zeit, welche ich noch auf der Station verweilte, hatte ich mit dem Einpacken meiner Sachen und Trocknen der Kickxiasamen sowie anderen laufenden Arbeiten auszufüllen. Dasselbe herzliche und liebenswürdige Entgegenkommen, welches ich bei Dr.Plehngefunden, wurde mir nun auch von Seiten des Herrnv. Lüdinghausenzu teil. In Zukunft konnte ich nur einige kleine Exkursionen machen, da ich kein Personal aufzutreiben vermochte, welches mich begleiten konnte. Herrv. Lüdinghausenwar zwar so freundlich, mir von den wenigen Leuten, welche ihm gelassen waren, einige zur Verfügung zu stellen, doch machte ich keinen Gebrauch davon, weil ich wußte, wie nötig er sie selbst brauchte. Einmal noch wollte ich versuchen, auf die Hügel auf der anderen Seite des Ngoko zu kommen, mußte es aber aufgeben, da der ganze Wald am Fuße derselben überschwemmt war.
Am Nachmittage brach während dieser Zeit mit merkwürdiger Regelmäßigkeit ein Tornado mit Regen aus, welcher häufig so stark war, daß die Häuser auf der Station Gefahr liefen, umgeblasen zu werden. Herrv. Lüdinghausenließ zwar gerade ein neues Steinhaus bauen, doch wäre es uns dennoch sehr unangenehm gewesen, wenn uns in den provisorisch aufgebauten (Raphia-) Bambushäusern das Dach entführt worden wäre. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß wir es der äußerst luftigen Konstruktion dieser Häuser, welche den Wind von allen Seiten hindurchfegen ließen, zu verdanken haben, daß wir einem derartigen Zufalle entgingen.
HerrKruschka, welchen Herrv. Lüdinghausenzur Erholung auf eine kleine Reise nach Djimu, die HerrLangheldmit dem „Major Cambier“ kurz nach unserer Rückkehr vom Dja angetreten, mitgeschickt hatte, traf am 29. Oktober plötzlich mit der Nachricht wieder auf der Station ein, daß am 1. November die „Holland“ von Wesso nach dem Stanley-Pool abfahren wolle. Glücklicherweise hatte ich mich so weit bereit gehalten, daß ich denn auch dank der liebenswürdigen Unterstützung von seiten des Herrnv. Lüdinghausen, welcher mit einigen Leuten aushalf, bereits am nächsten Tage unterwegs war. Es wurdemir ordentlich schwer, hier von der Ngoko-Station Abschied zu nehmen, wo ich erst mit Dr.Plehnund dann mit Herrnv. Lüdinghausenso angenehme Stunden verlebt hatte. Das ziemlich große Canoe war kaum im stande, meine vielen Lasten zu tragen; doch hier galt kein Zögern, wenn ich nicht viel Zeit verlieren wollte. Sehr hatte ich mich noch am letzten Tage gefreut, daß Herrv. Lüdinghausendurch sein forsches Auftreten es so weit brachte, daß vier Misangas einwilligten, zusammen mit einigen Leuten von der Station mich nach Wesso zu bringen. Es war dieses das erste Mal, daß die Misangas zu einer derartigen Arbeitsleistung gebracht worden waren.
Da ich zu gleicher Zeit die Post der Station mitnehmen sollte, hatte ich bis gegen 3 Uhr nachmittags zu warten, ehe ich am 30. Oktober aufbrechen konnte. Wir kamen daher denn auch nicht sehr weit, besonders da ich am Dorfe des HäuptlingsAngojoanlegen ließ, um einige Lebensmittel zu kaufen. Ehe wir von dort aus das Dorf N’gali erreichten, war es stockfinster geworden, außerdem hatte wieder ein Tornado eingesetzt, so daß die Situation nicht ganz gefahrlos war. Erst gegen 7½ Uhr trafen wir in N’gali ein. Ich wollte nicht erst mein Zelt und das Feldbett unter den übrigen Lasten hervorsuchen lassen, und setzte mich deshalb zum Schlaf in einen langen Stuhl. Doch, o weh! Es gab hier Millionen von Moskitos, welche mich während der ganzen Nacht nicht schlafen ließen. Noch müder als am Abend vorher, setzten wir am nächsten Morgen gegen 6 Uhr unsere Reise fort. Nach einer Stunde ließ ich einige Minuten an einem kleinen Dorfe Halt machen, wo uns die Eingeborenen Elefantenfleisch zum Kaufe anboten. Von dort aus ging es bis 1 Uhr ohne Unterlaß weiter, bis wir den Sanga erreichten. In Sicht von Wesso ließ ich nun noch anhalten, um den Leuten Zeit zum Essen zu gewähren. Kurz darauf trafen wir auch wohlbehalten in Wesso ein, wo man mich bereits aufgegeben hatte, da man dachte, daß ich schon am Abend vorher oder gar nicht eintreffen würde. Der Dampfer war glücklicherweise noch nicht abgefahren. Im Laufe des Nachmittags ließ ich meine Lasten an Bord des Dampfers unterbringen und schickte dann das Canoe mit der Bemannung zur Ngoko-Station zurück.
Da am 1. November der Nebel, welcher den ganzen Fluß bedeckte, uns verhinderte, zu der festgesetzten Stunde zeitig abzufahren, so wurde es ziemlich spät, ehe wir die Reise antreten konnten. Außer mir war noch ein französischer Beamter vom oberen Sanga Passagier auf dem Dampfer; auch er wollte zum Stanley-Pool hinunter. Da der Dampfer nur sehr langsam fuhr und sich fast nur treiben lassen mußte, denn er hatte sich noch während der letztenNgoko-Reise einige arge Schäden zugezogen, so kamen wir trotz der starken Strömung doch recht langsam vorwärts. Holz wurde nur halb soviel verbraucht als auf dem „Major Cambier“. Es war eine elende Fahrt auf einem der schlechtesten Dampfer, welche den Congo befahren. Hätte ich Leute genug gehabt, würde ich sicher eine Canoereise dieser Dampferfahrt vorgezogen haben, denn dann hätte man doch wenigstens noch die Ufer besser kennen gelernt. Da wir, nach Angabe des Kapitäns, Holz für drei volle Tage besaßen, so fuhren wir bis 5 Uhr am Nachmittage ohne Unterbrechung. Gegen 1½ Uhr sahen wir Likilembe und bald darauf Pembe allmählich hinter uns verschwinden. Bei einem Dorfe, Butinda, welches wir bei der Auffahrt nicht gesehen hatten, legten wir uns am Abend vor Anker. Auch während der Fahrt am nächsten Vormittage sahen wir ein Dorf, welches mir auch früher entgangen war, es wurde N’gunga genannt. Gegen Mittag erreichten wir N’kunda, wo, seit der Zeit meiner Reise den Fluß hinauf, eine Faktorei einer französischen Gesellschaft, in deren Konzessionsgebiet der Ort gehörte, entstanden war. Hier befanden sich zwei Europäer, welche sich beide sowohl darüber beklagten, daß die Eingeborenen ihnen keine Lebensmittel verkaufen wollten, so daß sie gezwungen seien, allein von Konserven zu leben, als auch, daß es überhaupt keinen Handel gebe, denn bis zur Zeit (sie waren bereits zwei Monate in N’kunda) hätten sie noch keinen Zahn Elfenbein kaufen können. Diese Aussagen bestätigten genau meine Ansichten über die französischen Konzessionen am Sanga, wie ich sie übrigens weiter oben und bereits auch an anderen Orten wiederholt ausgedrückt habe. Die armen Leute wußten vor Langeweile nicht, was sie anfangen sollten. Mit großem Eifer hatten sie einen weiten Platz freigeschlagen, um nun daselbst ein großes Haus aufzuführen, denn bis zu unserer Ankunft hatten sie in Zelten gewohnt.
Als wir am Nachmittage N’kunda verließen, erhob sich ein solcher Sturm, daß wir mit dem Dampfer vergeblich versuchten, umzudrehen; erst als wir im Schutze einer Insel waren, konnten wir wieder richtig manövrieren. Wir wurden dann bald von der Strömung ergriffen, welche uns, selbst wenn wir keinen Dampf gehabt hätten, unserem Ziele schnell zuführte. Gegen Abend liefen wir bei einem verlassenen Dorfe an Land. Da wir das Holz der alten Hütten gut als Feuerungsmaterial verwenden konnten, so ließ unser Kapitän die ganze Besatzung daran gehen, die gesamten Holzvorräte auf dem Dampfer zu bergen. Ich sah hier übrigens einige Mittelpfähle an den Häusern, wie ich sie früher noch nicht beobachtet hatte. Dieselben waren am oberen Ende in drei bis fünf verkehrte, übereinander stehende Kegel ausgeschnitzt worden undendeten mit zwei kurzen Spitzen. Der das Dach tragende Querbalken war zwischen diese zwei Spitzen aufgelegt. Unterhalb dieser kegelartigen Verzierung an der Spitze der Pfähle war ein viereckiges Loch angebracht worden, über dessen Bedeutung ich nie recht klar geworden bin, es sei denn, daß man dort Pulverhörner oder sonstige Gegenstände aufhängte.
Daß wir uns nun der schlimmsten Moskito-Region des Congo näherten, wurde uns nur zu bald klar an den vielen Stichen, mit denen wir Europäer bedeckt waren. In der Nacht konnten wir kaum schlafen. Auch die Eingeborenen haben unter dieser Plage sehr zu leiden, da sie fast alle mit vollständig entblößtem Körper sich zur Ruhe legen.
Wieder verhinderten uns starke Nebel am 3. November, vor 9 Uhr aufzubrechen. Wir verfolgten einen Kurs, welcher von dem, welchen wir mit dem „Major Cambier“ bei der Fahrt flußaufwärts eingeschlagen, etwas abwich. So kam es, daß wir auch heute gegen Mittag wieder ein Dorf erreichten, von dem ich vorher auch nichts gehört hatte. Unserem Kapitän war es wohlbekannt, da er dort bereits häufiger Holz gekauft hatte. Auch diesmal versuchten wir wieder, einiges zu erhalten. Nach langem Feilschen willigten die Dorfbewohner schließlich ein, uns etwas von ihrem Vorrate abzulassen. Das Dorf lag an einem kleinen, dicht mit Wassergras, Pistia, Azolla und Utricularia bedeckten Creek, welcher, wie mir die Eingeborenen erzählten, weit aus dem Innern kommt, wo viele Nilpferde (Ngubos) seien; nur bei sehr hohem Wasserstande sei es möglich, dort hinzukommen. Die Leute waren äußerst mißtrauisch. Gegen Abend setzten wir unsere Fahrt dann fort. In der Nähe des Platzes, welchen wir zum Nachtlager erkoren hatten, fand ich viel Landolphien, welche guten Kautschuk gaben. Auch hier wurden wir von den Moskitos arg zugerichtet. Da der Fluß nur wenig Abwechselung bot und der Dampfer nur langsam vorwärts kam, fing die Fahrt an, uns beiden Passagieren äußerst langweilig zu werden. Nicht einmal ein Nilpferd oder ein Krokodil ließ sich sehen; außerdem regnete es sehr häufig, so daß wir uns nicht selten recht ungemütlich befanden. Weiße Edelreiher waren die einzigen Tiere hier, welche einen Schuß Pulver wert gewesen wären; doch diese verschwanden immer wieder, bevor wir uns auf Schußweite nähern konnten, denn die Maschine unseres Dampfers verursachte einen solchen Lärm, daß alle Tiere verscheucht werden mußten. Gegen Mittag langten wir an einem Dorfe an, welches an einem breiten Arm des Sanga gelegen war, der dem Kapitän und mir bis dahin unbekannt war. Da das Fahrwasser günstig schien und wir vermuteten, sehr bald wieder in den alten Kurs zurückzukommen, ließsich der Kapitän bewegen, in diesen Arm des Flusses einzufahren. Obgleich wir bis gegen Anbruch der Dunkelheit fuhren, war doch noch keine Gelegenheit gewesen, in den Hauptstrom zurückzukehren. Wir wären eventuell wieder umgekehrt, wenn wir nicht aus der stark ablaufenden Strömung ersehen hätten, daß wir uns immer noch im Sanga befanden. Von einer so großen Insel, wie wir sie hier offenbar an unserer Seite hatten, war im Sanga gar nichts bekannt. Sehr neugierig wurden wir schließlich, doch zu wissen, wo wir endlich wieder in uns bekannte Gegenden kommen würden; der nächste Tag mußte ja diese Frage lösen. Natürlich war auch die Gefahr vorhanden, daß wir infolge schlechter Wasserverhältnisse umkehren müßten, wir hätten dann zwei Tage Zeit verloren. Am nächsten Tage dampften wir schon zeitig ab, da wir doch alle gespannt der Dinge harrten, welche nun kommen würden. Das Fahrwasser war gut. Jede neue Biegung zeigte uns dasselbe Bild, zu beiden Seiten hoher Urwald, durch den diese prachtvolle Wasserstraße führte. So fuhren wir in diesem Kanal des Sanga hin, bis wir endlich zu unserer Freude gegen Mittag den Hauptstrom wieder vor uns sahen. Wie sich herausstellte, hatten wir durch diese Fahrt eine bedeutende Verkürzung der Route erreicht, denn die Ausmündung des Kanales lag in nicht großer Entfernung der Mündung des „Likuala aux herbes“ und war bisher stets als eine Mündung eines Nebenflusses des Sanga betrachtet worden. Gegen 4 Uhr erreichten wir die Mündung des „Likuala aux herbes“ und machten dann nach etwa noch einstündiger Fahrt Halt, um den Leuten Zeit zu geben, für den Dampfer genügend Holz zu schlagen. Im Walde waren hier nur wenige Kautschuklianen zu sehen. Erst gegen 9 Uhr konnten wir am nächsten Tage fort, da wir nicht genügend Holz hatten, denn, da keine richtige Aufsicht über die Leute existierte, so benutzten dieselben natürlich auch jede Gelegenheit, um möglichst zu faulenzen. Die Savannen waren schon seit gestern immer häufiger geworden und waren heute sogar an der Likuala-Seite vorherrschend. Gegen Mittag erreichten wir die Mündung des Likensi-Kanales. Hier hatten wir noch das Glück, zu sehen, wie vier Eingeborene in zwei kleinen Canoes ein Nilpferd, welches sie offenbar bereits vorher verletzt hatten, harpunierten. Es war erstaunlich, daß das geängstigte Tier nicht die Canoes umwarf. Kurz nach 1 Uhr trafen wir dann glücklich wieder in Bonga ein.
Wir hatten gehofft, in Bonga einen Holzvorrat zu finden, der es uns ermöglichen würde, am nächsten Morgen gleich weiterzufahren, hatten uns hierin aber getäuscht. Während des folgenden Tages mußte daher die ganze Schiffsbesatzung für einen neuen Holzvorrat sorgen, da wir im Congo voraussichtlich Schwierigkeitenhaben würden, die nötigen Holzmengen ohne großen Zeitverlust zu beschaffen. Ich hatte in Bonga noch einiges zu ordnen und benutzte dann den Rest der Zeit dazu, eine Exkursion zu machen, bei der ich aber nichts Neues entdecken konnte.
Kurz nachdem wir am 8. November morgens Bonga verlassen hatten, um nun nach dem Congo zu fahren, trafen wir den „M’Fumuntango“, einen größeren Dampfer des holländischen Hauses. Unser Kapitän, welcher gern derartige Gelegenheiten benutzte, sich eine kleine Abwechselung zu gestatten, ließ an Land anlaufen und ging dann an Bord des „M’Fumuntango“, um sich nach Neuigkeiten zu erkundigen. Auf dem Dampfer befand sich der Gouverneur des Congo français, welcher mit seinem ganzen Stabe auf einer Reise nach dem Ubangi begriffen war. Unser Kapitän, welcher wohl hier eine Gelegenheit gefunden zu haben glaubte, sich besonders auszeichnen zu können, benutzte einen Fieberanfall seines Kollegen zum Vorwande, um unseren Dampfer, welcher hier nur leicht an einer Grasbank durch einen Anker befestigt war, im Stiche zu lassen, und nun den „M’Fumuntango“ nach Bonga zu führen, obgleich sich auf demselben noch ein zweiter Kapitän für etwaige Notfälle befand. Da wir noch in Sicht von Bonga waren, meiner Ansicht nach ein ebenso überflüssiger wie gewagter Schritt, denn es war deutlich zu sehen, daß wir innerhalb der nächsten Stunde einen starken Tornado zu erwarten haben würden. So geschah es nun auch, daß der äußerst lose befestigte Dampfer ohne Führung diesem Sturme preisgegeben wurde. Wenn wir losgerissen worden wären, so wäre der Dampfer rettungslos verloren gegangen, denn seine Steuermaschine fungierte sogar in der gewöhnlichen Strömung kaum und wäre beim Tornado vollends nutzlos gewesen. Als der Sturm ausbrach, ließ ich einen zweiten Anker, welcher glücklicherweise an Bord war, vom hinteren Teile des Dampfers nach dem Ufer hinüberlegen und dann den Dampfer soweit als möglich an die Grasbank heranziehen, so daß er etwas sicherer lag und vom Sturme weniger zu leiden hatte. Als der Tornado vorüber war, wäre es Zeit gewesen, daß der Kapitän hätte wieder zurückkommen können, doch schien es diesem in Bonga so gut zu gefallen, daß er auch am Abend noch nicht zurückkehrte. Gegen 11 Uhr am nächsten Tage erschien ein Canoe von Bonga, welches von dem Chef de Poste daselbst geschickt war, um drei von einer französischen Firma entlaufene Bangalas, welche der Kapitän engagiert hatte, zurückzuholen. Von ihm selbst war noch nichts zu sehen. Erst um 2 Uhr erschien er, sehr vergnügt über die Unterbrechung, welche ihm die Rückreise nach Bonga gestattet hatte. Nun hatte er natürlich Eile, fortzukommen, um das Versäumte nachzuholen. Da ich denMaschinisten aufgefordert hatte, einen gewissen Dampfdruck zu halten, damit wir sogleich nach Ankunft des Kapitäns abfahren könnten, waren wir schon kurz nach 2 Uhr in der Lage, abdampfen zu können. Zwischen den Inseln und dem Festlande fuhren wir stromab. Man wußte nie recht, ob man sich hier noch im Sanga oder im Congo befände, da die davor gelagerten Inseln gewissermaßen die Scheide zwischen Congo und Sanga bilden, während andererseits durch den Kanal von Likensi das herunterkommende Wasser des Congo bei Bonga vorbeifließt. Die Mündung des Likuala, welcher mit dem „Likuala aux herbes“ nichts zu thun hat, passierten wir gegen 3 Uhr und gelangten dann kurz darauf in den wahren Congo, welcher dort gerade ein recht typisches Bild darbot mit seiner breiten Wasserfläche und den unzähligen Inseln. Als die Sonne sank, gelang es uns, in dem Gewirr von Inseln noch eben einen Platz zum Anlegen für die Nacht zu erreichen; Holz gab es hier allerdings nicht, so daß sich wohl bald wieder Mangel bei uns einstellen mußte. Erst gegen 10 Uhr ließ der Kapitän am nächsten Tage abfahren. Da ich in Eile war, nach der Küste zur rechtzeitigen Abfahrt eines Dampfers zu kommen, um möglichst wenig Zeit zu verlieren, war mir dieses doppelt unangenehm. Da wir zwischen den vielen Inseln auch nicht einen direkten Kurs einhalten konnten, so war unser Fortschritt nur ein sehr langsamer. Ein Tornado, welcher am Nachmittage heraufzog, zwang uns, an einer Sandbank Schutz zu suchen. Da das Wetter noch lange Zeit sehr drohend aussah, konnten wir auch im Laufe des Nachmittags nicht weiterfahren. Nilpferde gab es nur sehr spärlich, aber desto mehr Schlangenhalsvögel und weiße Reiher. Ich unternahm noch am Nachmittage eine Canoefahrt zwischen den Inseln hindurch, um zu versuchen, ob ich nicht irgendwo in den Wald eindringen könnte, mußte diesen Versuch aber bald aufgeben, da die sämtlichen Wälder überschwemmt waren. Am nächsten Tage fuhren wir kurz nach 6 Uhr ab. Gegen 8 Uhr trafen wir bei der belgischen Station Bolobo ein, wo wir uns wieder tüchtig mit Hühnern versehen konnten. Ich wollte mir die Station näher ansehen und erkundigte mich nach dem Kommandanten. „Er sei mit 50 Soldaten ins Innere gezogen, um die Eingeborenen zu lehren, wie Kautschuk gemacht werde“, erhielt ich zur Antwort. Auf einer kleinen Streiferei sah ich auch hier ein Exemplar der Kickxia latifolia. Nachdem wir unsere Einkäufe beendet (wir hatten etwa 50 Hühner gekauft), dampften wir weiter. Bei einem kleinen Holzposten unterhalb der Station liefen wir an, da der Kapitän glaubte, von dem den Posten verwaltenden Eingeborenen Holz kaufen zu können. Derselbe gehorchte aber seinen Instruktionen genau und gab keinHolz ab. Wir hielten uns nun gar nicht weiter auf, sondern suchten sogleich nach einem Platze, wo wir genügend Holz finden würden, daß es sich verlohnte, daselbst schlagen zu lassen. Nach etwa halbstündiger Fahrt legten wir für einige Zeit an, bis wir uns überzeugt hatten, daß es sich nicht verlohne, hier weiter Holz schlagen zu lassen. An dem Abend desselben Tages erreichten wir gegen 6 Uhr die englische Missionsstation Chumbiri, welche wir aber von Europäern verlassen fanden. Kurz nach uns traf der Missionsdampfer „Peace“ ein, welcher von HerrnGrenfell, dem bekannten Congo-Forscher und Entdecker der Ubangi-Mündung, geführt wurde. Sehr interessante Neuigkeiten sowie verschiedenes über seine letzte Reise gab dieser noch immer äußerst rüstige alte Missionar und Forscher an jenem Abend zum besten. Am 12. Novemberkamen wir nun endlich einmal wieder schon um 6 Uhr fort, allerdings auch nur, um wieder eine kurze Fahrt zu machen, denn schon um 9 Uhr wurde abermals angehalten, da unser Holzvorrat nun völlig erschöpft war. Ich bestieg, während Holz geschlagen wurde, einen der bewaldeten Hügel in der Nähe, fand aber keine Landolphien dort, wie ich eigentlich erwartet hatte. Von dieser Anlegestelle bis zur Mündung des Kassai hatten wir nur eine sehr kurze Fahrt. Gegenüber der Kassai-Mündung hatte das holländische Haus auch eine Faktorei bei dem Dorfe Bokabo, wohin wir nun zunächst unsern Kurs richteten. Kurz nach dem Essen langten wir vor der Faktorei an. Ein sehr netter, junger Holländer, welcher der Faktorei vorsteht, führte mich am Nachmittage in der Umgebung umher, wo er einiges Interessante für mich zu finden glaubte. Savannen wechselten hier mit Urwald ab, erstere häufig durch Sümpfe unterbrochen. An sandigen, sonnigen Stellen im kurzen Grase sah ich hier den Wurzelkautschuk wachsen, von dem die Bateke auch schon anfangen sollen, Kautschuk zu bereiten. Da es unser Kapitän mit der Zeit offenbar nicht sehr eilig hatte und am nächsten Tage in Bokabo liegen blieb, so benutzte ich diesen gezwungenen Aufenthalt dazu, die Umgebung näher zu untersuchen. Wurzelkautschuk war ziemlich reichlich vertreten, verschwand aber sofort, wenn das Terrain weniger sandig und feuchter wurde. Auf den Bäumen in den Wäldern wie auch auf einzeln stehenden Bäumen, häufig der prallen Sonne ausgesetzt, wuchs hier eine Orchidee, welche allerdings nicht in Blüte war, doch noch an vertrockneten Blüten, welche sich in den Blattachseln fanden, leicht erkennen ließ, daß man es mit dem offenbar seltenen Angraecum ichneumoneum zu thun hatte. Auch eine Bossassanga-Art sah ich hier zum ersten Male, welche wohl für die Wissenschaft neu sein dürfte.