IV. Kapitel.Kamerun- und Bakossi-Expedition.

IV. Kapitel.Kamerun- und Bakossi-Expedition.

In Kamerun angekommen, machte ich zunächst dem dortigen Richter, Herrn Grafenv. Oberndorf, welcher dort den Herrn Gouverneur vertrat, meine Visite, um mich als zurückgekommen bei ihm zu melden. Von ihm erfuhr ich nun Genaueres über die Zustände im Innern, von denen ich schon Gerüchte in Batanga vernommen. Leutnantv. QueisundConrauwaren in der Zwischenzeit ermordet worden. In Kamerun wurde eben die Strafexpedition, welche Hauptmannv. Besserführen sollte, ausgerüstet; man wartete mit der Entsendung derselben nur noch auf einige Ausrüstungen, welche der nächste Dampfer bringen sollte. Unter diesen Umständen schien die Ausführung einer Expedition in die Gebiete der Bakossi, welche so wie so bereits den Ruf eines leicht erregbaren Volkes genossen, sehr in Frage zu kommen. Da ich an der Südküste infolge der Buli-Aufstände auch nicht weiter ins Innere vordringen konnte, hatte ich jene Bakossi-Expedition geplant, denn ich vermutete in jenen Gegenden das Vorhandensein der Kickxia elastica.

Da ich vorher keine andere Gelegenheit fand, nach Victoria zu fahren, wartete ich bis zur Abfahrt des „Niger“, um dorthin zu gelangen. Am 5. Januar fuhren wir aus dem Kamerun-Flusse hinaus und erreichten gegen Mittag die Ambas-Bay, welche in der Mittagssonne sich in ihrer ganzen Pracht zeigte. Während meiner sämtlichen Reisen hatte ich doch keinen Platz in Afrika gesehen, welcher dieser Ambas-Bay an Üppigkeit der Vegetation und Schönheit der Lage gleichkommt. Capetown in Südafrika ist entschieden auch schön gelegen und würde wohl die Ambas-Bay an Schönheit übertreffen, wenn nicht dort die Vegetation trotz ihrer immensen Reichhaltigkeit einen so äußerst dürftigen Charakter tragen würde. Am Nachmittage ließ ich meine sämtlichen Sachen an Land schaffen und quartierte mich wieder im Hotel der Ambas Bay Trading Company ein, das unterdessen bedeutend verbessert worden war, so daß man sich, dank den Bemühungen des HerrnLange, hier stets sehr wohl fühlte. Zu meiner großen Freude vernahm ich, daß Herr GeheimratWohltmannauch am Tage vorher angekommen sei. Am Nachmittageging ich dann noch sofort zum botanischen Garten, um dem Gärtner daselbst die von mir mitgebrachten Pflanzen und Samen zu überweisen. Die Kickxiasamen sahen schon recht bedenklich aus, so daß ich befürchtete, sie hätten trotz der Sorgfalt, mit der ich sie behandelt hatte, ihre Keimfähigkeit verloren. Leider war dieses auch wirklich der Fall, wie sich bald herausstellte.

Am Abend kam Herr BergassessorHupfeld, der Generalbevollmächtigte des HerrnSholto Douglas, und bat mich, doch noch am selbigen Tage Herrn GeheimratWohltmannaufzusuchen, bei dem ich am Nachmittag vergeblich vorgesprochen hatte, da sie am nächsten Morgen nach Buëa aufbrechen wollten. Mit Herrn GeheimratWohltmannverabredete ich nun, daß ich zusammen mit HerrnStammler, dem Leiter der Moliwe-Pflanzung, nach Buëa nachkommen wolle, um mich dann an einer Rundreise in den Plantagengebieten des Kamerun-Gebirges zu beteiligen; ich wäre lieber sofort mit nach Buëa gegangen, um dem Herrn Gouverneurv. PuttkamerBericht über die Sanga-Ngoko-Reise zu erstatten, wollte aber doch erst die Verteilung der Kickxiasamen erledigen, soweit dieses möglich war.

Am Sonntag, den 7. Januar, ging ich nach Kriegsschiffhafen zu HerrnFriederici, um dort das Resultat der von mir gemachten Vorschläge betreffs Anpflanzung der Kickxien zu sehen. Zu meiner großen Freude standen die Pflanzen sehr gut, und, soweit bis dahin beurteilt werden konnte, bewährten sich die Vorschläge. Es waren beim Umpflanzen aus den Samenbeeten in den gelichteten Wald eine Anzahl von Pflanzen zu Grunde gegangen, besonders da, wo sich am Waldrande zwei scheußliche Unkräuter, eine Convolvulacee und eine Momordica, zeigten, welche mit großer Geschwindigkeit alles überwucherten und die kleinen Pflanzen erstickten. Bis dieselben angewachsen sind, wird es natürlich nötig sein, daß sie einigermaßen rein von Unkraut gehalten werden, damit letzteres nicht mehr die Oberhand über sie gewinnen kann. HerrFriedericiwar mit dem Gedeihen der Pflänzchen durchaus zufrieden. Die im Samenbeete zurückgelassenen Kickxien hatten sich natürlich viel besser entwickelt, da sie nicht durch das Umpflanzen in ihrem Wachstum gestört worden waren; einige derselben hatten eine Höhe von zwei Fuß erreicht. Eine Rundfahrt in der Kakaoplantage bewies, daß auch hier die schon günstigen Zustände sich immer mehr vervollkommneten. Die verschiedensten neuen Anlagen sind geschaffen worden. Besonders das Vorwerk „Wasserfall“ hatte seinen Anblick sehr verändert, da die Kakaopflanzen, welche ich damals dort gesehen, nun zu stattlichen Bäumchen herangewachsen waren, obgleich die spärlichen Regen, welche während meiner Abwesenheitgefallen, für die Entwickelung der Anlagen äußerst ungünstig gewesen waren. Am Abend noch kehrte ich wieder nach Victoria zurück, da ich am 8. Januar früh zur Moliwe-Pflanzung aufbrechen wollte.

Die „Cyclop-Grotte“ bei Kriegsschiffhafen.

Die „Cyclop-Grotte“ bei Kriegsschiffhafen.

Mit drei Trägern und meinen beiden Jungen, von denen der eine recht gut Deutsch verstand, brach ich am 8. Januar früh am Morgen auf. Ich fühlte mich ganz wohl und marschirte daher mit den Leuten ziemlich schnell bis zum Limbe-Vorwerk der „Victoria“-Pflanzungsgesellschaft. Hier befiel mich plötzlich ein starkes Unwohlsein, so daß ich gezwungen wurde, mich daselbst einige Zeit niederzulegen. Das starke Erbrechen schien fast ein Zeichen zu sein, daß ich mir ein heftiges Fieber zugezogen hatte. Doch gegen 2 Uhr am Nachmittag fühlte ich mich wieder wohl genug, um den Marsch fortsetzen zu können. Wir stiegen auf einem breiten, noch nicht ganz vollendeten Wege bis Boniadikombe am Fuße des Gebirges empor und marschirten dann von dort auf einem Waldwege bis zur Moliwe-Pflanzung, welche wir gegen 4 Uhr erreichten. HerrStammler, welcher bereits von meiner beabsichtigten Ankunft benachrichtigt war, hatte schon alles so weit vorbereitet, damit wir zeitig von Moliwe nach Buëa am nächsten Tage aufbrechen könnten. Ich fühlte mich infolge des Marsches nach meinem kleinen Fieberanfall noch nicht recht wohl und ging daher zeitig schlafen, um am nächsten Tage für den anstrengenden Marsch nach Buëa frisch genug zu sein.

Da es am nächsten Morgen zu regnen begann, verschoben wir unseren Aufbruch bis um 10 Uhr. Um aber die Zeit bis dahin nicht zu verlieren, besichtigte ich die Plantage und vor allen Dingen die mit Kickxia bepflanzten Teile. HerrStammlerwar ganz entzückt von den Resultaten, welche er erzielt hatte. Einige der ausgepflanzten Bäumchen hatten auch bereits eine Höhe von zwei Fuß erreicht. Fast möchte ich sagen, die Pflanzen standen hier noch besser als auf der Kriegsschiffhafen-Plantage. Unkraut kam hier weniger auf, da die Plantage nicht am Waldrande begann und daher weniger Sonne für die Unkräuter vorhanden war.

Als der Regen etwas nachgelassen hatte, brachen wir zusammen mit acht Trägern und unseren Jungen nach Boniadikombe auf. Von dort aus schlugen wir einen schmalen Pfad ein, welcher uns durch teilweise kultiviertes Gebiet und durch einige Dörfer hindurch, allmählich am Abhange des Gebirges ansteigend, oberhalb Bomana in den breiten Victoria-Buëa-Weg brachte. Gegen 1 Uhr erreichten wir ein Hotel, welches von einem unternehmenden Sachsen an der Buëa-Straße aufgebaut ist, um den ermüdeten Wanderern etwas Rast und Erfrischung zu bieten. Da HerrStammlermit dem Besitzerdieses Hotels so wie so verschiedenes Geschäftliche abzumachen hatte (der Grund, auf welchem es aufgebaut ist, gehörte noch zur Moliwe-Pflanzung), so gaben wir unseren Leuten eine Stunde Ruhe, während welcher wir uns zum Mittagessen niedersetzten. Von dem Hotel „Sachsenhof“ bis zum Rande des Buëa-Plateaus hatten wir noch etwas über eine Stunde zu marschieren. Selten war mir ein Marsch so schwer geworden als dieser; offenbar hatte ich meinem nicht wieder ganz hergestellten Körper zu viel zugemutet, denn auch für einen gesunden Menschen ist dieser Marsch bis Buëa hinauf nicht gerade ein leichter Spaziergang. Sobald wir auf dem Plateau waren, fühlte ich frischen Mut. Schon nach kurzer Zeit sahen wir Buëa vor uns liegen und kamen endlich um 5 Uhr auf der Station selbst an. Hier bekamen wir von HerrnLeuschnerunsere Zimmer wieder im Rekonvaleszentenhause angewiesen, wo wir uns denn gleich tüchtig reinigten und umzogen, denn von dem Marsche auf der staubigen Straße (es hatte zwischen Bomana und Buëa am Morgen nicht geregnet) waren wir von oben bis unten beschmutzt. Zum Abend waren wir von Herrn Gouverneurv. Puttkamerzum Essen eingeladen. Bei dieser Gelegenheit äußerte sich Herr GouverneurKöhlervon Togo, welcher nach Kamerun berufen war, um den bald zur Erholung nach Europa zurückkehrenden Herrn Gouverneurv. Puttkamerzu vertreten, daß er mich auch in Togo in jeder Weise unterstützen würde, falls ich, den von Herrn GeheimratWohltmannund Herrn BergassessorHupfeldgemachten Vorschlägen folgend, auch eine kurze Bereisung des Misahöhe-Bezirkes unternehmen würde. Damals konnte ich mich noch nicht sicher für die Sache entscheiden, doch war schließlich das Versprechen des Herrn GouverneursKöhlerder Hauptgrund, welcher mich veranlaßte, wirklich später zuzusagen.

Herr GeheimratWohltmann, Herr BergassessorHupfeldund HerrStammlerbrachen bereits am nächsten Morgen auf, um nach der Lisoka-Plantage zu gehen, wo ich mit den Herren am folgenden Tage zusammenzutreffen versprach, da ich Herrn Gouverneurv. Puttkamernoch Bericht über die Sanga-Ngoko-Reise erstatten wollte.

Den Verabredungen gemäß brach ich am 11. Januar von Buëa auf, um Herrn GeheimratWohltmannnach Lisoka zu folgen. Auf einer breiten, schönen Straße, wie sie HerrLeuschnernach allen Richtungen von Buëa aus innerhalb seines Bezirkes hat anlegen lassen, stieg ich langsam von dem Buëa-Plateau herab und erreichte nach etwa 1½ Stunden das wundervolle Lisoka-Plateau, welches etwa 100 m unterhalb des Buëa-Plateaus liegt, also in einer Höhe, welche noch für Kakaobau geeignet ist. Das Plateau ist hauptsächlichmit Elefantengras bedeckt, in welchem sich kleinere Komplexe von Wald und vor allen Dingen viele einzeln stehende Bäume befinden, welche dann bei den Kakaokulturen gerade genügend Schatten für die Anlagen spenden. Bei dem Dorfe Moliko zweigte sich der Weg zur Plantage von dem Wege ab, welcher über Malende nach Mundame führt. In der Umgebung des Dorfes Moliko sah ich, kurz bevor ich die Lisoka-Plantage erreichte, an den größeren Baumstämmen Kautschuklianen, deren Früchte von den Eingeborenen als „Maniongo“ gegessen werden. Die Exemplare waren aber alle derartig von den Messern der Eingeborenen (Baquiris) bearbeitet, daß die herausträufelnde Milch eben noch für mich genügte, festzustellen, daß diese Art einen brauchbaren Kautschuk liefere. Offenbar ist dies dieselbe Pflanze, welche durch Dr.Preußbereits als kautschukliefernd bezeichnet wurde. Als ich um 12 Uhr auf der Plantage eintraf, war kein Europäer anwesend. Die Eingeborenen, welche ich beim Hause fand, gaben an, daß die Europäer in einiger Entfernung augenblicklich dabei seien, eine neue Anlage zu schaffen, und liefen sogleich, um jemand herbeizurufen. Um 1 Uhr erschienen auch die zwei Herren, welche sich als Angestellte der Lisoka-Plantage vorstellten und mir mitteilten, daß GeheimratWohltmannund die übrigen Herren, welche unter Führung des Leiters der Plantage, HerrnHilfert, die weiter gelegenen Gelände der Plantage zu besichtigen gegangen seien, gegen Abend zurückzukommen versprochen hätten.

Am Nachmittage streifte ich nun auf dem Gebiete der Plantage umher und hatte die Freude, zu sehen, daß hier viel Landolphien vorhanden seien. HerrHilferthatte Samen dieser Art ausgesät und ging mit der Absicht um, später die jungen Pflänzchen am Fuße der Schattenbäume auszusetzen. Der Kautschuk, welchen diese Art liefert, ist vorzüglich. Die Milch koaguliert sehr leicht und schnell sowohl durch einfache Erwärmung als auch durch Einfluß der Luft. Ich sammelte einige Früchte, um dieselben mit nach Victoria hinunterzunehmen, wo die Samen im botanischen Garten ausgesät werden sollten.

Gegen Abend trafen auch die abwesenden Herren ein. Es wurde nun beschlossen, am nächsten Tage früh von Lisoka aufzubrechen, um über Boanda und Buenga nach der Moliwe-Pflanzung den Berg hinabzusteigen.

Um 6 Uhr wurden die Anstalten zum Aufbruch begonnen; doch kamen wir nicht vor 8½ Uhr fort, da noch vieles zu regeln war und viele Lasten wieder gepackt werden mußten, außerdem die Leute mit dem Abbrechen des großen Zeltes, welches Herr GeheimratWohltmannvon Buëa mitgenommen, noch nicht Bescheidwußten. Unsere Kavalkade bestand aus fünf Europäern (Herrn GeheimratWohltmann, BergassessorHupfeld, HerrnStammler, HerrnHilfertund meiner Person) und gegen 20 Eingeborenen. Herr GeheimratWohltmannund HerrHilfertwaren beritten. Das Dorf Moliko ließen wir rechts liegen und marschierten quer durch das Plantagengebiet, bis wir die Moliko-Muëa-Straße erreichten. Der Weg von Moliko bis zum Muëa-Marktplatze war vollständig eben und führte durch dieselbe Parkland-Formation, wie sie bei Lisoka so verbreitet ist. Vom Muëa-Marktplatze, auf welchem übrigens, noch vom letzten Markte herrührend, große Mengen von Schalen der Landolphia- (Manyongo-) Früchte umherlagen, führte der Weg mehr nach der Seeküste zu. Langsam stiegen wir tiefer hinab. Hier und dort zeigte sich zunächst häufiger Buschwald, aber doch noch recht viel Elefantengras. Das Terrain, über welches wir marschierten, bestand ausschließlich aus verwittertem Basalt, war also sehr fruchtbar. Hin und wieder traten steinigere Stellen ein, besonders an abschüssigem Terrain, wo der Regen die Humusschichten herabgespült hatte. Besonders häufig wurden diese steinigen Stellen, nachdem wir den Minya-Bach passiert hatten. HerrStammler, welcher eine Stunde vor uns von Lisoka abmarschiert war, um die rechten Wege zu erkunden, wartete bereits einige Zeit auf uns, als wir gegen 10 Uhr im Dorfe Bomaka eintrafen. Von Bomaka bis Boanda, einem größeren Dorfe, hatten wir bloß einen Marsch von einer halben Stunde über ein zum Teil fruchtbares, wenig abfallendes Terrain. In Boanda, für welches wir eine Höhe von etwa 450 m über dem Meeresspiegel konstatierten, machten wir eine längere Ruhepause, um Mittag zu essen. Hier sahen wir übrigens einige Kokospalmen, die hier wohl die Grenze der Höhe erreicht haben dürften, in der sie noch gedeihen.

Um 12 Uhr brachen wir wieder auf. Der Weg von Boanda über Bokoba bis Dibanda war nicht schlecht und das Terrain teilweise noch gut; doch dann fiel der Berg ziemlich steil bis Buenga ab. Das Maultier, welches Herr GeheimratWohltmanngeritten, konnte nur mit größter Mühe und Vorsicht hinabgeführt werden. HerrHilfertkehrte von hier nach Lisoka zurück, um nicht seinem Pferde den Abstieg auf dem steilen Wege zuzumuten; außerdem war es schon 3 Uhr am Nachmittage, und er hatte einen weiten Weg vor sich, wenn er noch vor Nacht in Lisoka eintreffen wollte. In dem Walde, welcher nun das ganze Terrain bedeckte, fand ich auch wieder Landolphien, doch von Kickxia war nichts zu sehen. Es wäre mir besonders lieb gewesen, wenn ich die Kickxia auch in Basaltboden hätte nachweisen können. Da wir in Dibanda keinen Führer bekommen konnten, welcher uns bis Fuë führen sollte, someldeten sich schließlich drei Weiber dazu, welche für sich ein kleines Geschenk beanspruchten. Allein fürchtete sich eine jede mit uns zu gehen. Der Abstieg von Dibanda bis Fuë, welchen wir in etwa 1¼ Stunden zurücklegten, betrug etwa 200 m. Von Fuë bis Buenga-Dorf, zum Unterschiede von Buenga-Markt, welches an der Küste an den Creeks liegt, die von N’Bamba zum Mungo führen, nahm der Marsch nur eine halbe Stunde in Anspruch. Unser Barometer gab für Buenga 190 m Höhe an. Da es zu spät war, um noch bis Moliwe weiter zu marschieren, so wurde beschlossen, in Buenga Nachtquartier zu machen. Für Herrn GeheimratWohltmannwurde das Zelt aufgestellt. Wir übrigen Europäer ließen unsere Feldbetten in einem geräumigen Hause der Eingeborenen aufstellen. Da wir heute einen langen Marsch hinter uns hatten und auch am nächsten Tage sehr zeitig weitermarschieren wollten, so begaben wir uns bald zur Ruhe, trotz des herrlichen, mondhellen Abends. Die Togo-Leute, welche HerrStammlerals Träger mitgenommen, führten noch bis tief in die Nacht hinein unter großem Lärm Tänze auf, welche uns doch nicht abhalten konnten, sehr bald fest zu schlafen.

Gegen 7½ Uhr setzte sich unsere Karawane wieder in Bewegung. Der Weg war so steinig, daß wir mit unseren schwerbepackten Trägern langsamer marschieren mußten. Viele Strecken dieses Terrains dürften infolge des mit Basaltgeröll zu stark durchmischten Bodens für Kakaopflanzungen ungeeignet sein. Unsere Reiseroute ging von Buenga in ziemlich direkter Richtung auf das Haus der Moliwe-Pflanzung zu, auf deren Gebiete wir uns bereits befanden. Da wir in rechtem Winkel zur Richtung der Wasserläufe vorgingen, welche vom Gebirge kamen, so hatten wir eine ziemliche Zahl von Bächen zu durchschreiten, welche sich übrigens alle durch sehr felsige Läufe und kristallklares, sehr kaltes Wasser auszeichneten. Der Ombe war der bedeutendste derselben. Wir passierten ihn dicht hinter dem Dorfe Bonjo, einem kleinen, unbedeutenden Weiler, welcher von Baquiris bewohnt wird. Vom Ombe-Flusse ab änderte sich die Gestaltung der Bodenverhältnisse allmählich wieder. Das Geröll verschwand mehr und mehr und hörte endlich wieder ganz auf, als wir den Moliwe-Bach überschritten hatten, um nunmehr in ein herrliches, fruchtbares Thal überzugehen, in welchem HerrStammlersich angebaut hatte. Herr GeheimratWohltmannund HerrHupfeldwaren beide sehr angenehm überrascht, als wir uns plötzlich in der Plantage befanden, deren Lage und Stand der Kulturen bei weitem die Erwartungen überstieg, welche beide Herren gehegt hatten.

Für den Rest des Tages blieben wir zusammen in Moliwe. Am Nachmittag besichtigte ich noch einmal gemeinsam mit HerrnHupfelddie Kickxia-Anlage und die Arbeiterhäuser, welche hier auch recht nett eingerichtet waren. HerrStammlerhatte, da seine Arbeiter zur Hälfte aus Togo-Leuten, zur anderen aus Balundus vom Elefantensee sich zusammensetzten, zwei große Arbeiterhäuser gebaut, um die sich schlecht vertragenden beiden Völker getrennt zu halten. Togo- und Balundu-Leute durften auch nicht zusammen arbeiten, da sonst zu leicht Streitigkeiten ausbrachen. Es war hier entschieden in der kurzen Zeit seit der Einrichtung der Plantage sehr viel geleistet worden, besonders wenn man in Betracht zieht, daß HerrStammlerzuerst weiter unten, am Fuße des Gebirges, eine Anpflanzung begonnen hatte, wo ich ihn im April 1899 besucht hatte. Infolge vieler Schwierigkeiten, welche sich ihm damals dort unten entgegenstellten, hatte er seine Hauptpflanzungen dann an die Stelle hinauf verlegt, wo er zur Zeit seinen Wohnsitz aufgeschlagen. Da Herr GeheimratWohltmannund HerrHupfeldnoch am Abend des 17. Januar in Victoria eintreffen wollten, so reisten beide Herren bereits am nächsten Tage gegen Mittag ab. Ich selbst blieb noch bis zum andern Tage in Moliwe, wo ich am Nachmittage mit HerrnStammlerdie Berechnung einer Kickxiaplantage aufstellte und einige Rundgänge in der Plantage machte, bei denen wir einige für neue Kakao- und Kickxia-Anpflanzungen in Aussicht genommene Lokalitäten besuchten. Ein Umstand, welcher übrigens das jetzige Centrum der Anlagen auf der Moliwe-Pflanzung besonders wertvoll macht, sind die äußerst günstigen Wasserverhältnisse, welche daselbst vorhanden sind. Der Moliwe-Bach, aus welchem sich eine sehr bedeutende Wasserkraft gewinnen ließe, windet sich in verschiedenen Bogen am Fuße des Hügels entlang, welchen HerrStammlermit großer Umsicht für die Erbauung der für die Europäer bestimmten Häuser gewählt hat.

Am Morgen des 15. Januar folgte ich nun Herrn GeheimratWohltmannnach Victoria, um von dort aus mit ihm zusammen am 18. Januar einen nochmaligen Besuch auf der Kriegsschiffhafen-Plantage zu machen. Die Zwischenzeit von drei Tagen benutzte ich dazu, Vorbereitungen für die Bakossi-Expedition zu treffen, welche ich nun doch auszuführen beschlossen hatte, und im botanischen Garten noch einmal mit Ficus elastica Koagulationsversuche zu machen. Der Bezirksamtmann von Victoria war so freundlich, mir bis nach Buëa Leute des Bezirksamtes als Träger zur Verfügung zu stellen, was mir um so angenehmer war, als gar keine Träger sonst aufzutreiben waren, denn die Baquiris in Victoriazeichnen sich vor allen anderen durch Unmut zur Arbeit ganz besonders aus.

Am 18. Januar machte ich dann zusammen mit Herrn GeheimratWohltmannden verabredeten Besuch in Kriegsschiffhafen, wo auch HerrHupfeld, welcher nach Kamerun gefahren war, über N’Bamba gegen Mittag eintraf. In den Saatbeeten, auf denen die nun acht Monate alten Kickxien standen, hatte sich auf diesen eine kleine Raupe ausgebreitet, welche, wie ich nachweisen konnte, von einem benachbarten Gemüsebeete hinübergewandert war und an den Kickxiablättern eine sehr bekömmliche neue Nahrung gefunden zu haben schien. Hoffentlich wird bei etwaigem Verpflanzen von Kickxien, welche von dieser Raupe befallen sind, darauf geachtet werden, daß die Tiere vorher abgenommen werden, damit sie nicht in die Kickxiabestände mit hinüber geführt und verbreitet werden. Obgleich ich nicht glaube, daß die Raupen, welche sonst nur auf niedrigen Kräutern auftreten, in den Beständen argen Schaden anrichten würden, so ist es doch immerhin wünschenswert, daß die Anlagen von Anfang an möglichst ungezieferfrei gehalten werden und darauf geachtet wird, daß nur wirklich gesunde Pflanzen dorthin verpflanzt werden.

Während Herr GeheimratWohltmannund HerrHupfeldam 19. Januar eine Besichtigung des N’Bamba-Vorwerkes unternahmen, kehrte ich am Vormittage nach Victoria zurück, um noch die letzten Vorbereitungen für den am 20. Januar in Aussicht genommenen Aufbruch nach den Bakossi-Bergen zu vollenden.

Vom Bezirksamte war mir bis Buëa ein Pferd zur Verfügung gestellt worden, so daß ich den Marsch bergan mir ersparen konnte. Mit zwölf Trägern und meinen zwei Jungen war ich am Morgen des 20. Januar auch bereits um 6 Uhr unterwegs. Da einer der Träger, welcher schon vor Boana nicht mehr weiterkonnte, zurückgeschickt und seine Last auf die schon an sich schweren Lasten der übrigen verteilt werden mußte, machten wir nur langsame Fortschritte. Als wir dann gegen Mittag zum „Sachsenhof“ kamen, ließ ich Halt machen und erbat mir von den Wegebauern, welche daselbst ihr Lager aufgebaut hatten, einen Mann als Träger für den Nachmittag. Der Vorsteher des Lagers war so freundlich, mir sofort einen starken Mann abzugeben. Nachdem nun die Last des Trägers, welchen ich krankheitshalber am Vormittage zurückgeschickt hatte, wieder zusammengestellt war und ich meine Mahlzeit im „Sachsenhof“ beendet hatte, brachen wir wieder auf. Ein Missionar, welcher auf dem Wege nach Buëa war, gesellte sich nun auf dem Weiterritte zu mir. Da schließlich die Träger doch zu langsam marschierten, ritten wir voraus und erreichten gegen3 Uhr das Buëa-Plateau. Auf einem mir bis dahin noch unbekannten Wege über Klein-Soppo kamen wir gegen 4½ Uhr auf der Station Buëa an. In dem Rekonvaleszentenhause bei der FamilieLeuschnerfand ich wieder Unterkunft. Meine Leute trafen dann kurz darauf mit meinen Sachen auch ein. Da ich die Träger von hier aus zurückschicken mußte, so sprach ich gleich mit HerrnLeuschnerüber die Möglichkeit, von hier bis Mundame neue Träger zu engagieren. HerrLeuschnerwar so liebenswürdig, zu den benachbarten Dörfern zu schicken, um Träger auftreiben zu lassen. Die ausgesandten Leute kamen gegen Mittag des nächsten Tages, eines Sonntages, zurück mit der Nachricht, daß zeitig am nächsten Montag die verlangte Anzahl von Trägern auf der Station erscheinen würde. Die prompte Regelung der Trägerfrage bei einem Volke wie die Baquiris war ein recht guter Beweis der Thatsache, daß HerrLeuschneres sehr gut verstanden hat, den Eingeborenen den nötigen Respekt vor dem Weißen beizubringen und überhaupt die Leute richtig zu behandeln. Es geht zugleich daraus hervor, daß bei einer solchen Behandlung selbst der Baquiri zu Arbeitsleistungen herangezogen werden kann, wie es allenthalben mit den geistig allerdings höher stehenden Völkern in Togo der Fall ist.

Ich benutzte den Sonntag zu einer Exkursion nach dem oberen Waldrande des Kamerun-Pieks, wo ich einige interessante Gewächse sammelte. Da die Träger erst gegen 7½ Uhr am 22. Januar eintrafen, so kamen wir erst gegen 8 Uhr fort. Um möglichst bald aufbrechen zu können, hatte ich die Lasten schon alle fertig auslegen lassen, so daß wir ohne weiteren Aufenthalt unseren Marsch antreten konnten. Auf dem schon früher beschriebenen Wege erreichten wir gegen 10 Uhr das Dorf Moliko, wo ich nur eine Rast von 10 Minuten machen ließ. Durch zum Teil unter Kultur stehendes Terrain marschierten wir dann, nachdem wir auch das Muëa-Dorf passiert hatten, bis nach Mamu. Zwischen Muëa und Mamu begann der Wald, welchen wir nun für lange Zeit zu durchziehen hatten. Äußerst interessant, und für einen etwa später in diesen Gegenden reisenden Botaniker eines längeren Aufenthaltes wert, ist eine breite Wiese, welche durch einen, sie in vielen Armen durchrieselnden Bach stellenweise etwa fußtief unter Wasser gesetzt ist. Vanilla africana wuchs in den Gebüschen am Rande dieser Wiesen allenthalben, leider ohne Blüten; häufig leisteten andere Orchidaceen, welche hier bis auf die Äste der kaum mannshohen Sträucher heruntersteigen, ihr Gesellschaft. Landolphien gab es im Walde auch hin und wieder, doch seltener mit dickeren Stämmen. Offenbar ist diese Gegend noch zu häufigvon den Kautschuksammlern besucht, die alles anschneiden oder gar abschlagen, was sie an einigermaßen anzapfbaren Lianen sehen. Erst wenn eine solche Gegend dann derartig abgeerntet ist, daß sich das Kautschuksammeln kaum mehr rentiert, wird den Landolphien Zeit gelassen, wieder nachzuwachsen. Über die Art und Weise der Gewinnung der Latex, wenigstens die häufigste derselben, werde ich weiter unten noch Näheres zu berichten haben. Als wir das Dorf Mamu erreichten, wo die Eingeborenen eben dabei waren, ein größeres Stück Wald abzuschlagen und abzubrennen, gab ich den Trägern eine zweistündige Rast zum Essen. Während wir noch in Mamu waren, kamen einige Träger zu mir, um meine Erlaubnis zu erfragen, ob sie von dem nächsten Dorfe, Ekona, nach Buëa zurückkehren könnten. Natürlich gewährte ich den Leuten das nicht, sondern ließ die ganze Gesellschaft zusammentreten und notierte ihre Namen, um sofort zu wissen, wenn jemand etwa desertieren sollte, wer der Übelthäter sei; um aber das Desertieren zu verhüten oder wenigstens zu erschweren, ernannte ich einen Mann, welcher mir am meisten Achtung zu genießen schien und auch einen ganz intelligenten Eindruck machte, zum „Headman“ und erklärte ihm nun, daß ich ihm das Doppelte bezahlen werde, als vereinbart sei, er aber hafte mir dafür, daß niemand desertiere. Das machte offenbar einen Eindruck auf die Gesellschaft, denn, ohne noch einmal sich murrig zu zeigen, zog ein jeder mit seiner Last weiter, als ich das Zeichen zum Aufbruch gab. Da ich nicht gern sah, daß der „Headman“ auch eine Last zu tragen hatte, gab ich ihm die Erlaubnis, zu versuchen, für seine Last einen Träger zu engagieren. Auf diese Weise wurde es nun den Leuten klar, daß ich den Mann wirklich zum „Headman“ gemacht; ich möchte vorausschicken, daß ich meine Wahl sehr gut getroffen, denn der Mann bewährte sich vorzüglich und verstand es auch sehr gut, sich bei seinen Stammesgenossen in Respekt zu halten. Einen neuen Träger zu engagieren, gelang uns schon in Mamu. Auf dem Marsche hier hielt ich dieselbe Marschordnung ein wie schon auf der Yoruba-Expedition. Die sämtlichen Träger hatten vorzumarschieren, dann kam der „Headman“ direkt vor mir, welcher meine Büchsflinte zu tragen hatte, und hinter mir die Jungen mit einigen Kleinigkeiten, wie Regenmantel, Mütze, Feldflasche und Aneroid. Von Mamu bis Ekona führte uns ein kurzer Marsch. Da in Ekona die Kenntnis des Landes bei den Leuten aufhörte, so ließ ich den Häuptling rufen und veranlaßte ihn, mir bis zum nächsten Dorfe einen Führer gegen Bezahlung zu stellen; natürlich wurde die Bezahlung erst dann geleistet, wenn ich den Führer zurückschickte. Der gute Weg hörte in Ekona auf. Auf einem Waldwegeüber hügeliges und zum Teil recht felsiges Terrain marschierten wir weiter. Je mehr wir uns von Buëa entfernten, desto häufiger trafen wir Kautschuklianen im Walde, welcher übrigens hier lange nicht mehr den so üppigen Charakter trug wie an der Seeseite des Gebirges. Man konnte hier sehr leicht erkennen, daß die Niederschläge wesentlich geringere waren. Bis zum Dorfe Meandja hatten wir einen langen Marsch vor uns. Kurz bevor wir dasselbe erreichten, gelangten wir an den Meandja-Bach, an welchem die Üppigkeit der Vegetation wieder ihren Höhepunkt erreicht. Der nicht sehr tiefe Bach floß sehr schnell dahin und gewährte, wenn man an seinem Ufer stand, bei der Übergangsstelle einen der schönsten Anblicke, welche ich je von derartigen Scenerien genossen. Zum ersten Male sah ich hier, von den Bäumen am Wasserrande herunterhängend, die langen Zweige von Vanilla africana im schönsten Blütenflor. In Meandja ließ ich das Zelt aufschlagen, um für die Nacht daselbst zu bleiben, denn wir hatten für den ersten Tag einen schönen Marsch hinter uns. Bald hatten wir alles für die Nachtruhe hergerichtet, und die Leute saßen vergnügt am Feuer, sich ihres Lebens freuend; hatten sie doch tüchtig zu essen, das war ihnen die Hauptsache. Nachdem ich noch in dem krystallhellen, kühlen Wasser des Meandja-Baches ein Bad genommen, beschloß ich mein Tagewerk mit Erledigung der laufenden Arbeiten, wie Tagebuch schreiben und Pflanzen einlegen.

Schon zeitig hatte ich am nächsten Tage die Leute zusammenkommen lassen, um alles zum weiteren Marsche fertig zu machen. Das Zelt war schnell abgebrochen und die Lasten wieder fertig geschnürt. Schon kurz nach 6 Uhr konnten wir Meandja verlassen. Der Führer aus Ekona willigte ein, uns noch eine kleine Strecke weiter zu begleiten, da er in Mujuka Verwandte habe, welche er bei dieser Gelegenheit aufsuchen könne. Kurz hinter Meandja kamen wir wieder an einen Bach, welcher dem Meandja-Bach an Schönheit gleichkam; der Führer nannte ihn „Mupaba“. Langsam senkte sich das Terrain hier, meist in kleinen Terrassen, von denen eine der anderen folgte. In dem Walde, welcher dem bei Mamu glich, machte mich der Führer wiederholt auf Kautschuklianen aufmerksam; von Kickxia aber war noch nichts zu sehen, obgleich ich sehr eifrig danach ausschaute. Der Führer erzählte, daß ihm von einem Baume, welcher Kautschuk gebe, nichts bekannt sei; er kenne viele, die die weiße Milch geben, aber „Maniango“ sei das nicht. Kurz nachdem wir wieder einen Bach, den Sope, überschritten hatten, dessen Wasserfläche mit den weißen Blüten des schönen, hier in allen Gebirgsbächen häufigen Crinum natans dicht bedeckt war, erreichten wir das Dorf Mujuka. Durch Vermittelungunseres Ekona-Führers gelang es uns bald, in Mujuka einen neuen Führer zu bekommen, so daß wir ohne großen Zeitverlust weitermarschieren konnten. Es war sehr gut gewesen, daß ich so vorsichtig war, einen Führer zu nehmen, denn gleich hinter Mujuka begann ein dichter Wald, in dem sich so viele Wege kreuzten, daß wir sicher nicht zurechtgefunden hätten. Schon von Meandja an hatten wir viele Elefantenspuren gesehen; hier im Mujuka-Walde gab es deren noch viel mehr, wir stießen wiederholt auf Spuren, wo die Leute behaupteten, daß Elefanten eben vor unserer Ankunft geflüchtet sein müßten. Nach etwa 1½stündiger Wanderung hörten wir schon aus der Ferne das Getöse des Njoke-Baches, der dicht bei dem Dorfe Njoke einen nicht unbedeutenden Wasserfall besitzt. Als wir schließlich dicht unterhalb des Falles an den Bach kamen, stellte sich heraus, daß derselbe nur in Canoes passierbar sei. Da auf dem anderen Ufer sich einige Leute mit Canoes befanden, so ließ ich dieselben anrufen und auffordern, die Expedition über den Bach zu bringen, was denn auch sofort geschah, wenngleich mit einigem Zeitaufwande, denn wir konnten in die kleinen Canoes nur immer drei Mann mit ihren Lasten unterbringen. Vermittelst langer Raphiablattrippen wurden die Canoes über den Bach gebracht. Da es viele Felsen gab, war es bei der starken Strömung erforderlich, daß stets einer der Eingeborenen dabei war, welcher das Wasser kannte. Nachdem wir aus dem ziemlich tiefen Thale des Baches herausgetreten waren, erreichten wir dann das Dorf Njoke, welches unter allen Dörfern, die ich auf der Reise bis dahin gesehen, das bedeutendste war. Zum ersten Male trafen wir hier auch Dualla-Händler an. Bei den Bewohnern von Njoke gewahrte ich eine allgemeine Furcht, auch sah man in dem großen Dorfe auffallend wenig Leute. Mich nach der Ursache erkundigend, erfuhr ich von den Duallas, daß die meisten Einwohner bei meiner Annäherung in den Busch geflohen seien; man hatte gehört, daß die Strafexpedition (unter Hauptmannv. Besser) bald erscheinen würde, und hielt allgemein die meinige dafür. Natürlich hatten die Gerüchte die Stärke meiner Expedition ungeheuer übertrieben und aus einigen Trägern mit roten Mützen sogleich eine Schar Soldaten gemacht. In Njoke ließ ich nur einen kurzen Aufenthalt machen, da ich mir vorgenommen, erst in Malende den Trägern Zeit zum Essen zu geben. Der Weg von Njoke bis Malende führte durch einen sehr interessanten, jedoch ziemlich trockenen Urwald, in dem es sehr viele Elefanten geben soll. Von Dr.Preußwar hier in diesem Walde die Kickxia elastica zuerst nachgewiesen worden. Da mir nicht besonders daran liegen konnte, die Kickxiaan einem bereits bekannten Standorte nochmals aufzusuchen, so ließ ich, ohne mich weiter aufzuhalten, durchmarschieren. Landolphien gab es auch, doch schien denselben sehr nachgestellt zu werden; nicht selten sah man von den Bäumen Stammstücke derselben herunterhängen, deren unteres Ende, soweit die Leute mit ihren Haumessern hinaufreichen konnten, abgeschlagen war. Gegen 1 Uhr trafen wir bei der von der Soppo-Plantage aufgestellten Hütte ein und kurz darauf im Dorfe Malende selbst, wo wir uns unter einem Mangobaume lagerten.

Die in der Nähe von Malende von Dr.Preußnachgewiesenen Kickxiastämme waren von HerrnGünthervon der Soppo-Plantage, wie behauptet wurde, pachtlich erworben und zu ihrer Bewachung ein Eingeborener nach einer kleinen Faktorei in Malende geschickt worden. Um die Stämme kenntlich zu machen, soll ein jeder damals mit einer kleinen Blechmarke versehen worden sein. Eine plötzliche Abberufung des HerrnGüntherhatte eine vollständige Vernachlässigung des Malende-Unternehmens zur Folge gehabt, welches, wenn auch nicht in der von HerrnGüntherausgeführten Art, doch zu einem sehr guten Resultat geführt haben könnte. Es ist sehr zu hoffen, daß dieser Sache bald wieder mehr Interesse entgegengebracht wird, bevor die Eingeborenen die bei Malende vorhandenen Stämme sämtlich umgeschlagen haben.

In dem Dorfe, aus dem übrigens auch die größere Menge der Einwohner entflohen war, ließ ich nun eine zweistündige Mittagsrast machen. Glücklicherweise hatte ich zum Tauschhandel hauptsächlich Tabak mitgenommen, welcher hier einen reißenden Absatz fand. Für ein jedes Blatt konnte ich ein Ei kaufen, für ein „head“ ein Huhn. Die Duallas, deren Einfluß übrigens hier sehr bedeutend zu sein scheint, kamen alle sogleich nach meinem Lagerplatz und boten ihre unterthänigsten Dienste an; ein jeder glaubte, schon dafür einige Blätter Tabak geschenkt zu bekommen. Als die Herren aber sahen, daß sie sich in der Hinsicht in meiner Person geirrt hatten, zogen sie sich allmählich wieder zurück, mit Ausnahme einiger weniger Unverschämter, welche mir wie die Hunde auf Schritt und Tritt folgten. Als schließlich von diesen auch der furchtsame Häuptling des Dorfes herangeschleppt wurde, forderte ich letzteren auf, mir bis Bakundu einen Führer zu stellen. Er kam zwar anfangs mit einigen Ausflüchten, welche ich nicht anerkennen wollte, bis ich ihm ein Blatt Tabak schenkte, welches nun plötzlich Freundschaft zwischen uns schuf. Nicht nur ging er, einen jungen Mann, welchen er seinen Sohn nannte, als Führer herbeizuschleppen, sondern schickte mir sogar einige Hühner als„Dash“; der Landessitte gemäß schickte ich ihm auch einen „Dash“ bestehend aus 4 „head“ Tabak, worüber er sich so freute, daß er mir noch einen schönen Ebenholzstock brachte, für den er dann noch ein „head“ Tabak erhielt. Ich glaube, dieses „Dash“-Austauschen hätte sich noch weiter fortgesetzt, wenn ich ihm nicht hätte sagen lassen, daß er keinen „Dash“ mehr bringen solle, ich sei schon genügend von seiner freundschaftlichen Gesinnung überzeugt. Diese Dörfer Malende und Njoke, welche beide etwa gleich groß sind, sind sonst bei Besuchen der Europäer gewöhnlich nicht sehr zuvorkommend, doch hatte die Aussicht auf die herannahende Strafexpedition die Leute ganz aus dem Häuschen gebracht; es dauerte lange, ehe ich die Leute davon überzeugen konnte, daß sie von derselben garnichts zu befürchten hätten, da sie ja stets den durchziehenden Europäern gegenüber freundlich gesinnt gewesen seien. Unser Mujuka-Führer kehrte hier um.

Gegen 2 Uhr am Nachmittage brachen wir wieder von Malende auf. Der Wald war genau so beschaffen wie zwischen Njoke und Malende. Der Weg, welcher über ziemlich ebenes Terrain führte, war nicht schlecht. Nach etwa einer halben Stunde Wanderns sahen wir am Wege die ersten Kickxien. Es waren noch junge Pflanzen, welche etwa 8 Fuß hoch waren; von älteren Bäumen sah ich noch nichts. Wiederholt hatten wir kleine Bäche zu überschreiten, von denen aber keiner tief genug war, um uns irgend welche Schwierigkeiten entgegenzustellen. Schon um 4½ Uhr gelangten wir zum Dorfe Bakundu, das vollständig leer war. Die gesamte Einwohnerschaft war in die Wälder geflohen. Inmitten der breiten Dorfstraße ließ ich mein Zelt aufstellen. Die Häuser waren hier ganz anders gebaut als bei den Stämmen, durch deren Gebiete wir bis dahin gezogen waren. Sie waren sehr hoch und geräumig. Der ganze Unterbau bestand aus Lehmwänden, die Dächer waren aus Elaïsblättern hergestellt. In die Häuser hinein führten hohe, hölzerne Türme, an welche übrigens mit Kreide, wahrscheinlich von einem schriftkundigen Dualla, angeschrieben war, daß die Insassen vor dem Europäer in den Busch entflohen seien. Meine Jungen, welche diese Schrift lesen konnten und die Sachen übersetzten, freuten sich ungeheuer über diesen Einfall. In den Wald ließ ich nun wieder hineinrufen, daß ich in friedlicher Absicht gekommen sei, und die Bewohner auffordern, in ihre Hütten zurückzukehren; meinen Leuten verbat ich strengstens, sich irgend welchen Eigentums der Dorfbewohner zu bemächtigen. Die vom umherliegenden Walde aus ihren Verstecken uns beobachtenden Eingeborenen mußten sich wohl allmählich überzeugt haben, daß ich wirklich keine Feindseligkeiten im Schilde führte, und kameneinzeln, langsam und sehr scheu zurück. Als sich nun auch der Häuptling meldete, schenkte ich ihm, um mir das Vertrauen der Leute zu erwerben, einige Blätter Tabak, welche den erwünschten Erfolg auch erzielten. Bald wurden die Leutchen zutraulicher und kamen mit ihren Geschenken an, d. h. um auch von mir dafür ein Äquivalent in Empfang zu nehmen. Auch für meine Leute konnte ich genügend Planten (Kochbananen) erstehen, so daß ich hier nicht gezwungen war, mir selbst zu helfen. Hühner und Eier waren zu billigen Preisen in Mengen zu haben. Da diese mit Reis während meiner Expeditionen meine Hauptnahrung zu sein pflegten, machte ich natürlich ausgiebigen Gebrauch von dieser Gelegenheit, mich wieder zu verproviantieren. Die Weiber des Dorfes erschienen erst spät am Abend, da sie wohl noch immer gehofft hatten, daß ich abziehen würde. Allmählich hatte sich die ganze Bevölkerung bei meinem Zelte zusammengefunden. Fast wäre diese Harmonie durch einen kleinen Zwischenfall gestört worden. Einer der Leute des Dorfes wurde ertappt, als er eben eines unserer Beile stehlen wollte. Natürlich ergriffen ihn meine Leute sofort und wollten ihn tüchtig durchprügeln. Da ich befürchtete, daß es dadurch zu einer ernsteren Erregung bei den Eingeborenen kommen möchte, trat ich dazwischen und ließ den Übelthäter zu mir vors Zelt bringen. Bestraft mußte der Mann werden, das war unumgänglich notwendig, um neuen Diebstählen vorzubeugen. Vor dem versammelten Volke ließ ich dem Häuptling sagen, daß es mir leid thue, daß gerade hier bei ihm der Versuch gemacht worden sei, mich zu bestehlen. Ich stellte es ihm trotzdem frei, um ihm zu zeigen, daß ich Frieden wolle, den Mann selbst nach Landessitte zu bestrafen oder mir seine Bestrafung zu überlassen. Da der Häuptling mich bat, den Mann selbst zu bestrafen und sich auch die Eingeborenen damit einverstanden erklärten, ließ ich dem Missethäter zur großen Belustigung der versammelten Corona durch meinen „Headman“ eine tüchtige Tracht Prügel geben, welche auf ihn wohl nicht so demoralisierend gewirkt haben mag als die Verspottungen, denen er dann seitens seiner Stammesgenossen ausgesetzt war. Am Abend führten die Bakundu-Leute mir zu Ehren noch einen großen Tanz auf, der bis tief in die Nacht hinein dauerte, obgleich ich mich bereits lange vorher zur Ruhe begeben hatte.

Im besten Einvernehmen mit den Eingeborenen schieden wir am frühen Morgen des folgenden Tages von Bakundu. Der Häuptling hatte mir zwei seiner Leute als Führer mitgegeben, welche mich bis nach Mokonye bringen sollten. Nachdem wir kurz hinter Bakundu noch kleine Strecken kultivierten Landes durchquerthatten, traten wir bald in einen Urwald ein, welcher sich durch Reichtum an Kautschuklianen auszeichnete. Häufig sah man am Wege liegend die kleinen Häuflein von Landolphiazweigen, welche in etwa 2 Fuß lange Stücke geschnitten waren, um dann im Dorfe durch weiteres Zerschneiden und Auffangen der aus ihnen erhaltenen Milch zur Kautschukfabrikation gebraucht zu werden. Ich habe schon früher einmal dieses Frischbleiben der Milch dadurch zu erklären versucht, daß sich nach dem Anschneiden bald die geöffneten Milchkanäle durch die an der Luft bald koagulierende Milch verschließen und so eine Koagulation der im Innern der Zweige enthaltenen Milch verhüten. Auch Kickxia elastica war hin und wieder zu sehen, meist allerdings in kleineren Exemplaren. Die ersten umgeschlagenen Bäume sahen wir auch auf jenem Marsche. Dieselben waren in Abständen von etwa einem Fuße mit eingeschnittenen Ringen versehen, unter denen kleine Gefäße zum Auffangen der Milch aufgestellt worden waren. Das Terrain war nicht selten von tiefen Thälern durchschnitten, in denen während der Regenzeit Wasserläufe von nicht unbedeutender Stärke vom Gebirge herunterkommen sollen. Nach etwa einstündiger Wanderung gelangten wir nach dem Dorfe Bakumi, aus dem bei unserer Annäherung die sämtlichen Einwohner entflohen waren. Wir zogen hier nur hindurch, ohne uns überhaupt aufzuhalten. Der Urwald hinter Bakumi war dem zwischen Bakundu und Bakumi in jeder Beziehung gleich. Auch dort sahen wir wieder viele Landolphien und hin und wieder eine Kickxia. Die Leute, besonders der „Headman“, denen ich die Kickxia gezeigt hatte, bekamen bald einen scharfen Blick für dieselbe und machten mich immer auf die Bäume aufmerksam, wenn wir in ihre Nähe gelangten. Gegen 11 Uhr marschierten wir in einem Dorfe ein, welches unser Führer Batanga nannte. Ebenso wie in Bakumi waren die Hütten wieder denen der Baquiri ähnlich. Auch hier fanden wir kein lebendes Wesen im Dorfe, obgleich die noch rauchenden Feuer bewiesen, daß bis vor kurzem die Einwohner in ihren Hütten waren. Ich ließ die Leute, welche wahrscheinlich sich wieder im Walde in der Nähe versteckt hielten, durch Rufen auffordern, zurückzukehren, da ich Lebensmittel für meine Träger von ihnen kaufen wollte, anderenfalls sei ich gezwungen, meinen Leuten die Erlaubnis zu geben, sich selbst Planten abzuschlagen. Da schließlich niemand erschien, gab ich dem „Headman“ Erlaubnis, drei Büschel Planten abzuschlagen und unter den Trägern zu verteilen. Auch einige reife Kokosnüsse, deren es hier viele gab, ließ ich herunterholen, um die erfrischende Milch derselben zu trinken. Die schönen Bananenbestände bewiesen hier, daß die Umgebung sehr fruchtbar sei.

Trotz des Exempels, welches ich am vorhergehenden Abend hatte statuieren lassen, konnte einer der Träger doch nicht der Versuchung widerstehen, in einer Hütte eine Decke zu stehlen. Mein „Headman“, dem ich gedroht hatte, ihn zu bestrafen statt des Übelthäters, falls er mir derartige Vorkommnisse nicht sofort melde, zeigte mir prompt an, daß der Mann auf frischer That ertappt sei. Da gerade aus derartigen Kleinigkeiten, wie das Entwenden der Decke schließlich eine war, in einem Lande wie hier, wo die Eingeborenen immerhin in Erwartung der herannahenden Strafexpedition, deren wirkliche Ziele ihnen unbekannt oder unverständlich waren, ziemlich aufgebracht schienen, die unangenehmsten Feindseligkeiten entstehen können, ließ ich den Mann mit seiner gestohlenen Decke zu mir bringen, ihm erst die Decke abnehmen und schließlich eine tüchtige Tracht Prügel verabreichen. Als wir gegen 2 Uhr nachmittags, nachdem sich die Träger ordentlich satt gegessen hatten (denn die drei Büschel Planten waren für die Anzahl der Leute so reichlich bemessen gewesen, daß sie einen großen Teil der gekochten Nahrung in den Töpfen zurückließen), wieder zum Aufbruch fertig waren, hatte sich kein einziger der Einwohner des Dorfes sehen lassen. Fast befürchtete ich, daß die Leute etwas Schlimmes im Schilde führten, so merkwürdig ruhig war alles umher. Doch ohne irgend welchen Zwischenfall konnten wir unseren Marsch wieder fortsetzen. Kickxia war nun schon häufiger zu sehen, obgleich ein nicht geübtes Auge die häufig versteckten Bäume leicht übersehen mag. Der Wald zeigte eine recht üppige Vegetation, wie ich sie, seitdem wir aus der Basaltregion bei Nyoke herausgetreten waren, nicht wieder beobachtet hatte. Gegen 3½ Uhr erreichten wir das kleine Dorf Ediki, in welchem auch von Einwohnern nichts zu sehen war. Kurz vor dem Dorfe hatten wir auf einem Baumstamme den Ediki-Bach zu überschreiten. Ein langer Schwarm großer, dunkelbrauner Ameisen benutzte zu derselben Zeit den Baumstamm als Brücke. Meine Leute mit ihren nackten Füßen wurden von den gereizten Tieren furchtbar gebissen, so daß einige vor Schmerz entsetzlich heulten, besonders diejenigen, welche zuletzt den Stamm zu passieren hatten, nachdem der Schwarm immer mehr in Aufregung gebracht worden war. Selbst ich fühlte viele Bisse an den Beinen, obgleich meine Schuhe noch durch dicke Ledergamaschen geschützt waren; allenthalben, wo es nur eine Öffnung gab, schlüpften die Tiere hindurch, um ihre Wut an dem bloßen Fleische auszulassen.

In Ediki wollten die Führer für die Nacht bleiben, da Mokonye nach ihrer Angabe zu weit entfernt sei, um den Marsch dorthin noch an demselbigen Tage machen zu können. Da ich diesen Angabennicht traute, zwang ich die Leute, weiter zu marschieren. Der Weg bis nach Mokonye war nun allerdings der schlimmste Teil des Weges, den wir bisher gewandert. Abgesehen davon, daß es einen Hügel nach dem anderen hinauf- und hinunterging, hatten wir für eine geraume Zeit in einem Bache zwischen Felsen hindurchzuwaten, und zwar häufig über so schlüpfriges Terrain, daß sich verschiedene Träger mit ihren Lasten plötzlich ins Wasser setzten. Nicht selten war auch der Weg in jener Schlucht durch umgestürzte Baumstämme derartig verbarrikadiert, daß wir gezwungen waren, uns mit unseren Haumessern einen Weg zu bahnen. Jetzt konnte ich natürlich auch die Abneigung der beiden Führer gegen dieses Stück Weges verstehen. Allem Anscheine nach wird dieser Weg von Ediki nach Mokonye selten benutzt. Wie ich auch später in Erfahrung bringen konnte, geht von Ediki ein Weg zum Mungo hinunter, von wo aus der Verkehr bis Mundame nur in Canoes vor sich geht. Nach etwa dreistündiger Wanderung erreichten wir wirklich, gehörig durch diese Klettereien ermüdet, mit eintretender Dunkelheit Mokonye, wo die an den Anblick des Europäers bereits sehr wohl gewöhnten Eingeborenen uns mit großem Geschrei empfingen. Die Preise für einige Lebensmittel, welche ich hier in Mokonye für mich und meine Leute erstand, zeigten uns, daß wir nun nicht mehr weit von den europäischen Niederlassungen bei Mundame waren, wo die Mokonye-Leute bei den dortigen Weißen einen guten Absatz für ihre Erzeugnisse finden. Noch in der Dunkelheit mußten meine Träger das Zelt aufstellen und die Lasten darin unterbringen, da ich den als Spitzbuben bekannten Mokonye-Leuten nicht Gelegenheit geben wollte, sich an meinen Sachen zu vergreifen.

Am frühen Morgen des 25. Januar waren wir bereits wieder auf dem Marsche nach Mundame zu, wo ich die Absicht hatte, dieJantzen-Thormählensche Plantage aufzusuchen. Nach Angaben der Eingeborenen sollte Mundame noch einen kleinen Marsch entfernt liegen. Dicht hinter Mokonye gelangten wir auf einen schönen breiten Weg, welcher Mundame mit Johann-Albrechts-Höhe, der Station am Elefantensee, verbindet. In den Wäldern sah ich zu meiner Freude, daß die echte und die falsche Kickxia, beide, vorhanden waren, und zwar, wie mir schien, auf Basaltboden wachsend. Etwa eine knappe halbe Stunde hinter Mokonye erreichten wir das sogenannte „Mokonye-Niggerdorf“, welches nur aus wenigen Hütten bestand. Ohne Aufenthalt marschierten wir weiter. Nach kurzer Zeit lichtete sich der Wald vor uns, und wir betraten bald eine recht sauber gehaltene Kakaoplantage, in der ich, da keine zweite derartige Anlage in der Gegend vorhanden ist, dieJantzen-Thormählensche Besitzung vermutete. Ich hatte mich auch nicht getäuscht, denn bald darauf kamen die Arbeitshäuser und dicht dahinter die Wohnung eines Europäers zum Vorschein, in der ich dann auch HerrnSchubert, unter dessen Leitung die Plantage damals stand, begrüßen konnte. Mit seiner Genehmigung ließ ich nun sogleich mein Zelt aufschlagen und richtete mich zu einem eintägigen Aufenthalte ein, da mir nicht daran lag, in Mundame selbst bis zu meiner Weiterreise zu verbleiben, denn hier konnte ich in den Wäldern entschieden mehr für die Ausführung meiner Aufgaben thun, als in Mundame. Meine Träger, deren Kontrakt nun gewissermaßen abgelaufen war, löhnte ich noch am Vormittage ab und schickte dieselben dann sogleich nach Buëa zurück. Da es unter den damals bei Mundame herrschenden Verhältnissen unmöglich war, Arbeiter irgend welcher Art anzuwerben, kam es mir sehr gelegen, daß HerrSchubertsich bereit erklärte, mir für die Weiterreise ins Bakossi-Gebiet von seinen Bakundu-Arbeitern die nötige Anzahl als Träger zur Verfügung zu stellen.

Zu meiner größten Freude sah ich hier, daß HerrSchubertmit großem Geschicke die Plantage leitete, trotz der vielen entgegengesetzten Gerüchte, welche damals in Kamerun kursierten. Auch Kickxien gab es hier in ziemlicher Anzahl. HerrSchuberthatte sehr verständigerweise diese Bäume stehen lassen und auch Saatbeete zu neuen Pflanzungen angelegt, in denen die kleinen Pflänzchen prächtig standen. Die ursprünglich von HerrnConrauangelegten Kakaopflanzungen waren zwar sehr unregelmäßig und gänzlich außer Reihen gepflanzt, doch hatte HerrSchubertda, wo die Bäumchen zu eng standen, die Bestände gelichtet und gereinigt, so daß auch jener Teil der Anpflanzungen nun einen günstigeren Eindruck machte. Die von HerrnSchubertangelegten Pflanzungen standen vorzüglich. Um meiner Sache ganz sicher zu sein, d. h. wirklich feststellen lassen zu können, daß Kickxia elastica hier in verwittertem Basalt wachse, entnahm ich an den Stellen, wo die Kickxia standen, einige Bodenproben, welche auch später von Herrn GeheimratWohltmann, dem ich dieselben vorlegte, als „schwerer verwitterter Basalt“ bezeichnet wurden. Das Vorkommen der Kickxia in diesen Gebieten ist deshalb von Wichtigkeit, da es beweist, daß der Baum auch auf Basaltboden gedeiht und guten Kautschuk giebt, denn einige kleine Proben, welche ich anfertigte, standen an Güte den Proben, welche ich im Ngoko-Gebiete hergestellt hatte, in keiner Weise nach. Die vorhandenen Stämme waren alle noch klein und schienen kaum älter als sieben Jahre zu sein, was dadurch erklärlich erscheint, daß auch jetzt noch in der Umgebung die Eingeborenen alleälteren Stämme, welche sie ausfindig machen können, zur Kautschukbereitung umschlagen. Kolabäume zeigte mir HerrSchubertauch in einigen Exemplaren. Die Eingeborenen sollen nach seiner Angabe auch dort die Samen dieser Bäume viel essen.

Am Nachmittage ging ich zusammen mit HerrnSchubertnach Mundame, um auch diesen Platz kennen zu lernen und in derJantzen-Thormählenschen Faktorei daselbst für die Weiterreise Tabak zu kaufen, denn da ich nun durch die glückliche Lösung der Trägerfrage in Stand gesetzt worden war, sofort die Expedition weiterzuführen, wollte ich Gebrauch davon machen und sogleich am Morgen des nächsten Tages wieder aufbrechen. Da ich gesehen hatte, wie vorzüglich sich der Blatttabak als Tauschartikel bei den Eingeborenen bewährte, kaufte ich in Mundame alles auf, was ich davon erstehen konnte. Mundame ist eine kleine Handelsniederlassung der Europäer, welche aus wenigen Faktoreien besteht, die in der Nähe des alten, ziemlich elenden Dorfes Mundame angelegt sind. Da der Mungo bis hier hinauf während des ganzen Jahres für Canoes und während der meisten Monate auch für kleine Flußpinassen schiffbar ist, so daß die meisten Lasten und Waren auf dem Flußwege bis Mundame geschafft werden können, geht ein großer Teil der Produkte, welche aus dem Innern kommen, von hier aus auf dem Flußwege nach Kamerun hinunter. Fast alle kaufmännischen Unternehmungen gehen auch von hier aus ins Innere, so daß in dem sonst unbedeutenden Plätzchen stets ein ziemlich reges Leben herrscht. Auch zur Zeit meiner Anwesenheit in Mundame gab es nicht weniger als fünf Europäer dort, für einen kleinen Platz in ziemlicher Entfernung von der Küste in diesen Gegenden des Schutzgebietes eine erhebliche Anzahl. Am Abend kehrten wir noch zur Plantage zurück, wo ich durch meine Jungen schon einen Teil der Lasten für den bevorstehenden Aufbruch herstellen ließ.

Obgleich die Balundu-Träger, welche mir HerrSchubertfreundlichst abgetreten hatte, schon zur frühen Zeit am nächsten Tage erschienen waren, ging doch das Packen der noch übrigen Lasten und das Abbrechen des Zeltes nur langsam von statten, da die Leute noch völlig ungeschult waren. So kam es, daß wir erst um 7 Uhr aufbrechen konnten. Auf dem mir bereits bekannten Wege marschierten wir bis Mokonye zurück, um dann die weiter nördlich verlaufende Straße nach Johann Albrechts-Höhe noch weiter zu verfolgen. In Mokonye nahm HerrSchubert, welcher mich bis dorthin begleitet hatte, Abschied von mir. Kurz nachdem wir das Hauptdorf Mokonye hinter uns hatten, durchzogen wir noch ein zweites Niggerdorf gleichen Namens, in welchem ich einenkurzen Halt machen ließ, da viele meiner Leute hier von Verwandten und Bekannten Geschenke an Eßwaren für den Weg mitbekamen. Den kurzen Aufenthalt benutzte ich dazu, die Einwohner zusammentrommeln zu lassen und ihnen eine Belohnung zu versprechen, falls sie während meiner Abwesenheit im Bakossi-Gebirge Kickxiafrüchte für mich sammeln würden. Zur Antwort erhielt ich hier, daß in der Nähe ihres Dorfes Kickxia nicht mehr vorhanden sei, da sie bereits alles zur Kautschukgewinnung ausgeschlagen hätten. Hier war also von den Leuten nichts zu erwarten. Bei den Eingeborenen heißt die Kickxia elastica „Fischunge“. Bald passierten wir noch zwei dicht bei einander liegende kleine Dörfchen und bogen dann hinter dem Fischemme-Bach von der Hauptstraße ab. Das Dorf Fikolomei, welches wir bald darauf erreichten, war beiderseits von kultiviertem Terrain umgeben, auf dem die Leute Erdnüsse, Bohnen und Bananen (Planten) anbauten. Auch Manihot utilissima war hin und wieder gebaut, schien aber nicht eine so begehrte Nahrung zu sein als die Bohnen und Planten. Auf den Feldern sahen wir hier häufig kleineFetischhäuschen, welche kaum zwei Fuß hoch waren; sie sind aufgestellt, um die Felddiebe fernzuhalten. Dicht hinter dem unter Kultur stehenden Gelände bei Fikolomei betraten wir einen dichten Wald von großer Ausdehnung, durch welchen wir eine gute Stunde zu marschieren hatten. Der Weg war in demselben sehr schlecht und allenthalben von darüber hinkriechenden Baumwurzeln bedeckt, so daß es nicht leicht war, auf die Umgebung zu achten, ohne über die Wurzeln häufig zu stolpern. Landolphien gab es hier sehr viele. Einige Häufchen frisch aufgestapelter Zweigstücke bewiesen, daß auch hier die Eingeborenen dieselbe Methode der Kautschukgewinnung haben wie die weiter südlich wohnenden Stämme. Den größten Kickxiastamm, welchen ich je gesehen, fand ich auch hier in dem Walde. Derselbe mußte bereits seit einiger Zeit gefällt worden sein, denn seine Rinde fing stellenweise bereits an zu verfaulen. Die herumgezogenen Ringe ließen dennoch deutlich erkennen, daß wir es mit einer Kickxia zu thun hatten. Nach meinen Schätzungen war der Stamm etwa 15 m lang und hatte da, wo er gefällt war, einen Durchmesser von drei Fuß. Gegen 10 Uhr gelangten wir an einen Bach mit felsigem Bett, welchen meine Träger Ngomolenge nannten, und kurz darauf erreichten wir eine kleine Ortschaft, welche den gleichen Namen führte. Dieselbe bestand nur aus drei Hütten; in einer derselben fanden wir ganz versteckt in einer Ecke ein altes Weib sitzend, von der wir schließlich erfuhren, daß die übrigen Bewohner ausgerückt seien, als wir erschienen. Da ich die Absicht hatte, hier mehr über das Vorhandensein der Kickxia in diesenGegenden auszukundschaften, und zu diesem Zwecke die Leute sehen wollte, bestach ich die Alte mit einigen Tabaksblättern und forderte sie dann auf, die anderen Leute herbeizurufen. Es dauerte auch gar nicht lange, so war die ganze Gesellschaft friedlichst um uns herum versammelt, um uns alles mögliche für Tabak zu verkaufen, sogar Kautschuk brachten sie an. Als ich dann durch meine Leute fragen ließ, ob die Fischungepflanze denn in der Gegend viel vorhanden sei, und eine bejahende Antwort erhielt, forderte ich einen Mann auf, mich zu einigen hinzuführen, und siehe da, dicht bei den Hütten standen einige Exemplare. Ich erfuhr dann auch, daß hier die Bäume umgeschlagen würden, wenn sie stark genug seien, um genügend Kautschuk zu liefern. Als ich die Leute dann auffordern ließ, Früchte des Baumes für mich zu sammeln, versprachen sie, es zu thun. Bis um 12 Uhr verblieben wir in dem Dorfe, um dann trotz der drückenden Hitze den Marsch wieder aufzunehmen, denn ich wußte, daß wir durch einen dichten Urwald zu marschieren haben würden, in dem wir von der Sonne wenig merken konnten. Gleich hinter dem Dorfe begann der Wald. Kickxia sah ich auf diesem Marsche mehr als früher an irgend einem Platze, seitdem ich auf dieser Expedition war. Ich hatte meinen Trägern eingeschärft, möglichst auf große Stämme zu achten, so daß ich alle Augenblicke wieder auf solche aufmerksam gemacht wurde. Wiederholt schnitt ich die Bäume an und konnte stets guten Kautschuk aus der Milch gewinnen. Der Weg, auf dem wir marschierten, war in einem sehr schlechten Zustande, was noch um so unangenehmer wurde, da er fast gänzlich mit Achyranthes zugewachsen war, deren spitze Früchte uns bei jedem Schritt ins Gesicht schlugen, so daß ich häufig, meine beiden Arme vor das Gesicht legend, marschieren mußte, um mich einigermaßen zu schützen. Für die Träger mit ihren entblößten Oberkörpern muß dieser Marsch entsetzlich gewesen sein. Häufig machte die Vegetation über weite Strecken hin den Eindruck, als sei das Land vor Jahren kultiviert gewesen. Costus und Achyranthes, zwei Zeichen ehemaliger Kultur, waren in riesigen Mengen vorhanden. Hochwald, in dem wir ohne große Schwierigkeiten marschieren konnten, war nur strichweise anzutreffen. Die ganze Landschaft machte einen äußerst uninteressanten Eindruck, der für mich nur durch das Vorhandensein der Kickxia erträglich wurde. Nach dreistündiger, ununterbrochener Wanderung erreichten wir endlich zur großen Genugthuung der Leute unser nächstes Ziel, das Dorf Otam, das wohl nicht vorher von einem Europäer betreten worden war, wie überhaupt die Route, welche ich nach den Bakossi-Bergen eingeschlagen, bis dahin den Europäern unbekannt geblieben war. Hin und wieder hatten wir auch während des Nachmittags die vonden Eingeborenen geschnittenen Landolphiazweige am Wege liegen sehen, welche uns bewiesen, daß auch hier die Eingeborenen viel Kautschuk bereiten. Da ich in Otam erfuhr, daß das nächste Dorf in sehr großer Entfernung liege, gab ich den Leuten die Erlaubnis, für die Nacht sich Lagerplätze zu suchen, nachdem sie mein Zelt aufgestellt hatten. Ich selbst machte einige Exkursionen, welche für mich äußerst interessant waren, da ich auch Exemplare der falschen Kickxia (K. africana Bth.) dabei fand. Den Eingeborenen waren beide Arten sehr wohl bekannt, dieselben hatten sogar verschiedene Namen; während, wie ich schon vorhin erwähnt, Kickxia elastica bei den Leuten „Fischunge“ hieß, führte Kickxia africana den Namen „Mukama“; die Leute waren sogar im stande, schon am Wuchs beide Pflanzen zu unterscheiden. Mir fiel hier übrigens auf, daß die Samen der Kickxia africana heller gefärbt sind als die der K. elastica.

Dicht bei dem Dorfe befand sich einer der in jenen Gegenden so überaus häufigen Fetischplätze. Dieselben bestehen aus einem runden freien Platze, welcher dicht mit Dracaenastämmen umpflanzt ist. Innerhalb des Platzes steht ein einzelner Fetischbaum, welcher den verschiedensten Pflanzenfamilien angehören kann, denn ich sah die verschiedensten derartigen Bäume auf solchen Plätzen. Nicht uninteressant war mir auch ein Grabmal, welches sich in der Nähe befand. Es waren die sämtlichen Töpfe, Taschen und sonstigen Utensilien des Verstorbenen, auf einen Haufen geworfen, ebenso eine große Anzahl von Makaboknollen (Xanthosoma esculentum), darüber hing, zwischen zwei Stöcken ausgespannt, die Kleidung des Verstorbenen. Ob der Leichnam darunter begraben war, oder in der Hütte eingescharrt wird, darüber konnte ich nichts erfahren. Die Eingeborenen befürchteten offenbar eine Zauberei, wenn sie mir dieses verraten würden.

An jenem Abend hatten wir viel von Moskitos und Sandfliegen zu leiden, besonders aber die letzteren waren es, welche in diesen Gegenden als furchtbare Landplage auftraten. Diese winzigen, kaum sichtbaren kleinen Dipteren hinterlassen Spuren ihrer Thätigkeit, gegen welche ein Moskitostich oft unbedeutend erscheint. Die Eingeborenen hier im Dorfe waren am Abend so merkwürdig stille und belästigten uns so wenig mit ihrer Anwesenheit, daß es mir sehr auffiel. Es schien überhaupt auch hier der größere Teil der Bevölkerung sich langsam aus der Nähe des „weißen Zauberers“ hinweggeschlichen zu haben. Von den wenigen zurückgebliebenen Leuten erhielt ich fünf Hühner und so viel Planten zum Geschenk, daß meine Leute wieder einmal nicht wußten, wie sie die Vorräte verschlingen sollten. Auch Eier konnte ich hierkaufen; für ein Blatt Tabak erhielt ich durch geschicktes Manövrieren meiner Jungen drei Stück. Tabak schien für die Leute der größte Genuß geworden zu sein, und dennoch muß es doch auffallen und ist recht charakteristisch für den Neger dieser Waldgebiete, daß die Leute trotz des fruchtbaren Bodens, welchen sie besaßen, nirgendwo selbst Tabak bauten, obgleich es ihnen eine Leichtigkeit gewesen wäre, Samen davon von einigen Bakossi-Dörfern zu erhalten.

Nach der Bauart der Hütten zu urteilen, gehören die Leute in Otam noch zu den Balundu, obgleich sie sich von diesen ziemlich fern zu halten scheinen und ihre hauptsächlichsten Verkehrswege nach Westen zu den Bakundu-Dörfern hinüberführen. Die Bakundu bauen jedoch ganz andere Hütten, wie ich bereits oben bei Gelegenheit der Beschreibung meines Eintreffens in dem Bakundu-Dorfe erwähnt habe. Unsere nähere Kenntnis der Stämme südlich vom Elefantensee bis zum Mungo nach Malende hinunter scheint überhaupt noch sehr im Argen zu liegen und wäre wohl wert, einem Forscher zum Spezialstudium zu dienen. Es sitzen in diesen Gegenden an verschiedenen Stellen, eingesprengt inmitten anderer Stämme, kleine Gruppen von Dörfern, welche sich wohl noch von früheren Wanderungen her an den betreffenden Orten haben halten können, während die Hauptmasse des Stammes andere Wohnsitze aufgesucht hat oder dazu gezwungen wurde. So ist z. B. die äußerst merkwürdige Verbreitung der Bakundu-Dörfer für jeden, welcher in diesen Gegenden umherreist, auffallend. Um wirklich Positives über einige dieser Fragen bringen zu können, wäre ein längerer Aufenthalt unter diesen doch recht wenig bekannten Völkern des Waldgebietes notwendig, als ich ihn mir gönnen konnte.Conrau, welcher uns mit höchst interessanten und wichtigen Aufsätzen über die nördlich und nordöstlich vom Elefantensee wohnenden Stämme beschenkt hat, scheint sich weniger für die Gebiete südlich des Sees interessiert zu haben.

Am 27. Januar brachen wir sehr zeitig von Otam auf, denn nach Aussage der Otam-Leute lag das nächste Dorf sehr weit entfernt. Durch einen dichten Wald führte der schmale Pfad, welcher in recht schlechtem Zustande war und zeigte, daß er nur selten betreten werde. Das Gebiet war sehr gut bewässert, aber stellenweise etwas steinig. Je weiter wir nach dem Mungo zu vordrangen, desto üppiger wurde der Wald und desto häufiger hatten wir teils stark fließende, teils jetzt zur Trockenzeit dürre Bachthäler zu überschreiten, welche allerdings sich nur so weit eingebettet hatten, daß das Land seinen ebenen Charakter nicht verlor. Landolphia sah man recht häufig, ebenso Kickxia, dochschien die Kickxia africana hier von beiden Arten die vorherrschende zu sein. Als wir eben in eines der Bachthäler hinabstiegen, trabte ein Trupp von acht Elefanten, welche wir wohl in ihrem Morgenbade gestört hatten, den jenseitigen Abhang hinauf. Es war ein großartiger Anblick, zu sehen, wie die Tiere allmählich durch das Dickicht hindurchbrachen, wo sie unseren Augen bald entschwanden. Elefantenspuren gab es hier in großen Mengen, auch machten mich die Leute häufig auf Spuren von Wildschweinen aufmerksam, doch bekamen wir keines derselben zu sehen. Als wir nach etwa dreistündigem Marsche den Mungo erreichten, welcher übrigens hier Manya genannt wird, hatten wir bereits durch fünf nicht unbedeutende Bäche waten müssen. Der Manya hatte zur Zeit, als wir ihn passierten, eine Wasserfläche von etwa 30 m Breite und war an der Furt bis zu 1½ m tief. Das ausgetrocknete Flußbett bewies, daß er bei höherem Wasserstande bis 100 m breit sei, wenigstens an der Stelle, wo wir ihn überschritten. Inmitten des Flußbettes befand sich eine Insel, auf der nur Gras zu wachsen schien, welches für die Elefanten der Gegend eine gute Lockspeise abgeben muß, denn von vielen Richtungen sah man die Spuren der Tiere nach dieser Insel führen. An der südlichsten Spitze der Insel machte ich eine merkwürdige Entdeckung, welche sicher mit der vulkanischen Beschaffenheit des Bodens zusammenhängt. In dem Flußsande hatten sich am Rande des Wasserspiegels eine größere Zahl trichterförmiger Miniaturkrater gebildet, aus welchen eine ölige oder fettige Substanz zum Tageslichte befördert wurde. Die Krater hatten einen Durchmesser von etwa einem Fuße und schienen je nach der Höhe des Wasserspiegels verschoben zu werden. Der Inhalt machte etwa den Eindruck, als bestehe er aus Petroleum, das mit Wasser vermischt war. Ich will damit nicht etwa sagen, daß ich die Meinung gewonnen habe, daß es sich hier um Petroleumquellen handele, denn bei der starken Vermischung des ausgestoßenen Produktes mit Wasser wäre es nur mit Hülfe einer genauen chemischen Analyse möglich, festzustellen, welche Öle in der Flüssigkeit enthalten sind.

Sobald wir den Manya überschritten hatten, stiegen wir langsam auf einen Hügelrücken hinauf. Mit jedem Schritt wurde der Weg schlechter, so daß wir endlich nichts weiter vor uns hatten als einen kleinen Gießbach, in dessen felsigem Bette wir nun für eine gute halbe Stunde zu marschieren hatten, dabei immer von Felsen zu Felsen weiter hinaufkletternd. Entsetzlich müde gelangten wir dann endlich bis über den Hügelrücken, wo ich, um den Leuten wieder frischen Mut zu geben, eine kleine Pause machen ließ. Der Wald wurde nun immer interessanter, je weiterwir vordrangen, besonders da, wo die reißenden Bäche größere Thäler ausgewaschen hatten. Wir mußten noch mehrere derartige Bäche überschreiten, bis wir endlich bei Banga aus dem Walde heraustraten. Das Gebiet, welches wir nun vor uns hatten, gehörte zu den fruchtbarsten Geländen, welche ich gesehen. Der niedergeschlagene Wald bewies, daß die Bakossi, in deren Gebiet wir uns nun befanden, die Ebenen hier früher unter ausgedehnter Kultur gehabt hatten; auch einige verfallene Hütten zeigten sich bald, die uns den gleichen Beweis liefern konnten. Zu unserem nicht geringen Erstaunen setzte sich der schmale Weg plötzlich in einer breiten, reingehaltenen Straße weiter fort, und etwa eine halbe Stunde später zogen wir in Mafura, dem ersten Bakossi-Dorfe, ein. Die Eingeborenen hatten von unserem Kommen nicht eher etwas bemerkt, als bis wir bereits im Dorfe waren. So kam es, daß wir fast die ganze Gesellschaft beim Mittagsschlafe antrafen. Ich forderte die Leute nun auf, mir ihren Häuptling zu zeigen, erhielt aber als Antwort, daß derselbe in Eko-Keyoke, dem nächsten Dorfe, sei. Als ich dann noch einige Kleinigkeiten mit Tabak eingetauscht und mir so die Leute gewonnen hatte, gab ich zum großen Entsetzen meiner ermüdeten Leute den Befehl zum Aufbruch. Doch da half nun einmal nichts, erst in Eko-Keyoke wollte ich Mittagsrast machen, und dabei blieb es.

Die Hütten, welche ich hier im ersten Bakossi-Dorfe sah, setzten mich nicht wenig in Erstaunen, denn dieselben waren nicht wie die der übrigen Waldland-Bewohner am Kamerun-Gebirge viereckig, sondern vollständig rund mit einem Spitzdach. Das Vorhandensein dieser runden Bakossi-Hütten muß um so mehr auffallen, als die sämtlichen umwohnenden Stämme die gewöhnlichen Hütten der Waldland-Völker haben. Sollten diese Bakossi etwa erst in späterer Zeit hierher gewandert sein und diese Form der Hütten dann noch aus ihrer früheren Heimat herstammen?

Als wir das Dorf Mafura verließen, folgte uns ein ganzer Schwarm von Leuten nach, die sich offenbar lebhaft über den neuen Weißen wunderten, welcher nun wieder von einer nie geahnten Richtung in ihr Land gekommen war, dennConrau, welcher auch in Mafura gewesen ist, kam von der entgegengesetzten Seite. Bis Eko-Keyoke hatten sich von den vielen Leuten, welche auf den Feldern arbeiteten, soweit sie, wie z. B. die meisten Weiber, nicht sofort davongelaufen waren, noch viele Bakossi uns angeschlossen, so daß der ganze Zug sich nun bedeutend verlängerte, und mein „Headman“ gehörig aufpassen mußte, daß die Träger, wie es immer mein Wunsch war, möglichst geschlossen marschierten. Die Felder, welche man hier sah, zeugten von der riesigen Fruchtbarkeitdes Bodens. Außer Bananen, Manihot und Xanthosoma wurde hier eine Bohne (eine Vigna-Art) mit großen violetten Blüten in riesigen Quantitäten gezogen. Wie ich mich später überzeugen konnte, hatte diese Bohne einen vorzüglichen Geschmack und dürfte sich auch, da sie reichlich Früchte trägt, zur Kultur in anderen Distrikten Kameruns sehr empfehlen. Die Bakundu-Leute aßen dieselben mit einer wahren Leidenschaft und kauften sich häufig selbst für den sonst so hochgeschätzten Tabak davon. Auch in Eko-Keyoke fand ich durchaus freundliche Aufnahme. Die Leute räumten sofort ein Haus für mich, damit ich nicht draußen sitzen brauchte, wo man von den vielen Elefantenfliegen, welche gierig an jeder nackten Körperstelle den Schweiß aufsaugten, sehr stark belästigt wurde. Für einige Blätter Tabak brachten mir die Leute einige riesige Plantenbüschel, an welchen sich meine Leute wieder ergötzen konnten. Sowie sie sich den Magen denn auch wieder gefüllt, waren alle Strapazen des langen Vormittagsmarsches vergessen, so daß ich beschloß, noch am Nachmittage bis nach Nyassosso oder wenigstens bis unter den Kupee-Berg zu marschieren.

Das ganze Gebiet um Mafura und Eko-Keyoke herum gehört zu den prächtigsten Geländen, welche ich in Kamerun gesehen. Der Regenfall ist allerdings nicht so reichlich wie zwischen Victoria und Bibundi, doch ist das Land sonst so vorzüglich bewässert und auch die Luftfeuchtigkeit eine derartige, daß meiner Ansicht nach die sämtlichen Kulturen, welche sich bisher unten in den Küstengebieten bewährt haben, auch hier zu guten Resultaten führen werden. Dazu kommt noch, daß das ganze Land äußerst fruchtbar ist und große Ebenen aufweist, welche viel leichter unter Kultur gesetzt werden könnten als die hügeligen Plantagengebiete am Fuße des Kamerun-Gebirges. Diesen günstigen Umständen muß man nun allerdings auch wieder die Transportschwierigkeiten entgegenhalten, welche zuerst vorhanden sein werden; doch auch diese würden sich leicht beseitigen lassen, denn wenn erst einigermaßen gute und direkte Wege von diesen Gebieten nach Mundame angelegt sein werden, so würde sich der Weg bis Mundame doch bequem in 1½ Tagen zurücklegen lassen, die Unkosten also nicht sehr bedeutend sein.

Kurz bevor wir Eko-Keyoke erreichten, hatten wir einen der romantischsten Plätze passiert, welchen ich seit langer Zeit gesehen. Der Ngire-Bach wälzte sich unter furchtbarem Getöse in einer tiefen Felsschlucht mit vollständig steilen Wänden unter uns hin; über die Schlucht hatten die Eingeborenen eine sehr bequeme, festeBrücke mit hohen Geländern gebaut, von welcher aus man in Ruhe dieses imposante Bild betrachten konnte.

Nachdem wir unser Mittagessen beendet hatten, zogen wir weiter des Weges, unserem Ziele, dem Kupee-Berge, entgegen. Meine Leute hatten sich mit den Bakossi merkwürdig rasch befreundet, und zwei hatten sogar Ersatz zum Tragen ihrer Lasten gefunden. Da ich sah, daß sie dennoch in Sicht ihrer Lasten verblieben und es den Bakossi Freude zu machen schien, an dem Zuge teilzunehmen, ließ ich das ruhig hingehen. Der Zug, welcher nun in rascher Reihenfolge durch verschiedene Dörfer ging, vermehrte sich immer mehr. Mir wurde mit jedem Augenblicke unverständlicher, wie diese lebenslustigen Bakossi an der Küste einen so schlechten Ruf erhalten haben konnten. Dibandjó, das nächste Dorf hinter Eko-Keyoke, war viel freier gelegen als letzteres, bot aber sonst nichts Besonderes dar. Ohne Aufenthalt zogen wir im schnellen Schritt weiter. Das Beispiel, welches die beiden Bakossi aus Eko-Keyoke gegeben, wirkte sehr bald; schon als wir durch Etó kamen, sah ich den größeren Teil meiner Lasten auf den Köpfen junger Bakossi, die sich freiwillig meinen Leuten anboten. Kurz darauf sah ich den hohen Gipfel des Kupee-Berges vor uns, dessen verschleierte Spitze bis dahin von Wolken verdeckt war. In Ngusi liefen die Leute mit allen möglichen Geschenken auf uns zu. Da ich aber den Tabak in den Lasten verpackt hatte, so konnte ich das alles nicht annehmen, da ich ja das landesübliche Gegengeschenk nicht machen konnte. Meine Träger liefen nun alle frei umher, da sie schließlich alle jemanden gefunden hatten, der ihnen die Last tragen wollte. Dass die Bakossi natürlich auf ein Geschenk meinerseits rechneten, war mir vollständig klar, doch drückte ich gern heute ein Auge zu, waren doch meine Leute seit 5½ Uhr morgens auf schlechten Wegen ununterbrochen mit ihren schweren Lasten über die Felsen und gefallenen Bäume weggeklettert, bis wir schließlich bei Mafura in den guten Weg gelangten. Die Hitze war auch bedeutend gewesen, so daß den Leuten ihre Märsche noch beschwerlicher erscheinen mußten. Als wir eben durch Ngusi, ein großes, sich lang hinstreckendes Dorf, hindurchgezogen waren, kam der Häuptling mir nachgelaufen, um mich zu bitten, doch eine Zeit bei ihm zu verweilen. Ich bedauerte, daß das nicht möglich sei, da meine Leute schon vorausmarschiert seien. Er versprach mir darauf, mich in Nyassosso zu besuchen, wohin er mir auch Eier und Hühner als Geschenk senden wollte. Schon hinter Ngusi begannen sich steilere Steigungen im Wege zu zeigen, bis wir hinter dem Dorfe Endumenui plötzlich unter einem großen Hügel standen. Bis dorthin war so schnellmarschiert worden, seitdem wir Eko-Keyoke verlassen hatten, daß ich damals in mein Tagebuch einschrieb: „Unser Nachmittagsmarsch von Eko-Keyoke bis hinter Endumenui artete zu einer wahren Treibjagd aus.“ Es war wirklich ein gut Stück zu stark getrieben worden, so daß ich nun den Leuten, die schon anfingen, übermütig zu werden, gebot, in dem gewöhnlichen Tempo zu marschieren.


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