Chapter 3

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Robert und ich stellten lebende Bilder dar. Ich öffnete mein Haar, daß es mir wie ein Mantel über die schmalen Schultern fiel, schlang wilden Wein darum und legte mich mit geschlossenen Augen ins Gras. Dornröschen schlief. Der Prinz war in einen großkarrierten Plaid gehüllt und eine Pfauenfeder schmückte sein dunkles Sammtbarett. Er nahte schüchtern, kniete vor mir nieder, küßte mich und ich erwachte.

Hannerl war aufgelöst vor Entzücken, obwohl seine Hoheit sie keines Blickes würdigte. Für ihn gab es eben nur „Prinzessinnen“, das hatten ihm seine Tanten schon an der Wiege gesungen.

Mir gegenüber war er ganz „Cavalier“. Wir feierten gerade „Kirchweihfest“, und da ich in die Nähe der Musik wollte, bot er mir seinen Arm und tanzte eine Tour mit mir. „Blau steht Dir am allerbesten, wie den meisten Blondinen“, äußerte er, indem sein Blick wohlgefällig mein Tüllkleid streifte. Er schenkte mir ein Lebkuchenherz mit flammender Inschrift: „Aus Liebe“. Papa und der Onkel stießen sich an und wir wurden sehr verlegen. Auguste führte mit dem Verwalter einen Tanz auf, wie ihn die Nilpferde nicht schöner zu Stande gebracht hätten. „Du, mir scheint, da fangt sich was an“, bemerkte Robert altklug.

„Was denn?“

„Kleine Unschuld“ und er lächelte protektorhaft.

***

Alle taten sehr geheimnisvoll mit den Vorbereitungen zu meinem Namenstag. Ich lief zu Pauline, um sie auszuforschen: verriegelte Thüren; ich bestürmte Hannerl mit Fragen — sie schüttelte den Kopf und Frau Huber, die Köchin, wollte auch nicht mit der Sprache heraus. „I, i darf nix sagen, sonst könnt’s heißen, daß i eine Tratschen bin.“

„Frau Huber“, in der geöffneten Küchentüre erschien Dons kleine, feiste Gestalt und mit gekrümmtem Zeigefinger neckisch drohend: „Frau Huber, der Herr Baron läßt Sie ersuchen, sich ein wenig zu beeilen, weil er sehr hungrig ist.“

Bei seinem Eintritt schmunzelte die Huberin mit hinreißender Coquetterie. Dieses Gesicht setzte sie jedesmal auf, wenn sie ihren einstigen Verehrer erblickte. Er hatte vor langer Zeit für sie geschwärmt, „o wenn sie ewig grünen bliebe, die Zeit der jungen Liebe“, und erinnerte sich nur nochvaguean diese Episode seines Lebens. In fünfundzwanzig Jahren vergißt sich so Manches, namentlich wenn eine Gehirnkrankheit den Gedächtnisapparat geschwächt, wie es beim armen „Don“ der Fall war. Ab und zu erzählte er von seinen Flammen und in diesen Berichten spielte auch die Huberin eine gewisse Rolle. „Zum erstenmal habe ich sie mit einem Einkaufskorb unter dem Arm gesehen und das machte mir gleich einen vorteilhaften Eindruck. Sie sah so nett und appetitlich aus. Ich hob den Deckel auf und sah Rettige und Karfiol, mit einem Worte, lauter gute Sachen“. Später hatten zwei Zwillingsschwestern sein Herz zu neuer Glut entfacht. „Wie die schön und graziös auf dem Trapez turnten, eine Passion, ihnen zuzusehen, und so wohlerzogene, brave Mädchen.“

Er schilderte mit Vorliebe seine Beamtentätigkeit an der Franzjosefsbahn. „Das war ein aufreibendes Leben, diese Verantwortung! Mir stehen noch jetzt die Haare zu Berg, wenn ich daran denke. Mit einem Fuß im Grab und mit dem andern im Criminal. .. Wie damals noch Alles primitiv war und wir uns plagen mußten, bis etwas klappte. Der erste Ball, den wir gaben“ ...und dann stieg er regelmäßig die 4 Treppen zu einer nunmehr berühmten Burgschauspielerin empor und bat sie, das Patronessenamt zu übernehmen. Sie sagte zu, traktierte ihn mit schwarzem Kaffee und war sehr liebenswürdig.

Bisweilen, wenn er Reminiscenzen von anno dazumal auffrischte, erwachte in Großpapa der Concurrenzneid und er ließ es Don bei der Zeitungsvorlesung entgelten.

Don: „Landtagswahl“. Pause.

„Auf was warten’s denn, so lesen’s weiter.“

Nochmals „Landtagswahl“. Unter Gelächter: „Dem König von Portugal, dem ist das ganz egal.“

„Herrgott, ist das ein Chineser.“

„No ja, aber uns geht’s ja eigentlich nichts an, wer gewählt wird. Wir candidieren ja nicht.“

„Deshalb interessiert’s mich doch. Ich bin zum Glück nicht so wie Sie, daß ich für nichts Sinn hab’ als für Zwetschkenknödel.“

„Da irrt der Herr Baron: ich esse Apfelstrudel und Milchreis eben so gern.“

„Also lesen’s schon einmal weiter. Lauter, man versteht ja nichts.“.

„Ich bin schon heiser, Herr Baron, und es wird finster.“

„Jesses, hat der Mensch Faxen!“

Nach einer Weile: „Don, was sind Sie?“

„Ein Aff’.“

Großmama kannte diese Art der Unterhaltung und fand sie äußerst unpassend. Mir hingegen bereitete es großen Spaß, zuzuhören. Ich saß bei den Mahlzeiten neben ihm und lachte mich halb krank über seine unvermittelten Ideensprünge. Sagte Jemand: „Das ist bequem“, murmelte er vor sich hin: „Madame sans gêne“, oder irgend etwas Ähnliches und fixierte dabei völlig geistesabwesend eine Person aus der Gesellschaft. War es Tante Nilla, so zog sie geärgert die Augenbrauen in die Höhe und warf ihm einen vernichtenden Blick ob solcher Kühnheit zu. Auf Auguste war sie, seit der Verwalter ihr eine Nußtorte gesandt, nicht mehr gut zu sprechen. Selbst kühl bis ans Herz hinan, haßte sie Alles, was nach Verliebtheit schmeckte.

Endlich kam der Namenstag. Ich konnte es kaum erwarten: als es aber hieß: „Jetzt“ zierte ich mich mit einemmale. Jene Schüchternheit befiel mich, die mit dem Bewußtsein, daß „ein Ereignis“, „etwas Vielbesprochenes“ bevorstehe, in Verbindung war. Dabei empfand ich ein physisches Unbehagen, das mir jeden Genuß bedeutend schwächte. Aller Blicke waren auf mich gerichtet, wie peinlich; ich unterschied nichts deutlich, nur im bunten Durcheinander wie Farbenkleckse auf einer Palette. Erst als ich mit Hannerl allein war, kam meine Freude zum Durchbruch. Wir vergnügten uns mit der Betrachtung der Geschenke und ich war in lustigster Stimmung, bis Madame Berger mir sagen ließ, ich möge in einer halbenStunde zu ihr kommen. Diese Ankündigungen versetzten mich jedesmal in helle Verzweiflung und ich erforschte mein Gewissen, ob ich nicht wieder etwas „angestellt“ hätte und Strafe bekäme.

Nein, ich täuschte mich: sie teilte mir blos mit, daß sie „du raisin“ für mich bestellt und daß er morgen bestimmt eintreffen müsse. War das eine Erleichterung!

***

Großmama nahm uns in die Garderobe mit, damit wir ihr halfen, Bettwäsche zu verteilen. Öffnete man die laut kreischende Eisentüre, so drang Einem der anheimelnd feuchte Moderduft einer längst vergangenen Zeit entgegen. Eine Spinne machte geschäftig die Runde ihres schwanken Netzes, und an den vergitterten Fenstern kletterte dunkler Epheu empor, in dem die Tauben ihre Nester bauten.

Der massiv geschnitzte Leinenschrank nimmt ein Drittel des Raumes ein: an der gegenüberliegenden Wand steht ein Bücherbrett; die Einbände weisen meist farbiges Papier mit steifen Blumensträußchen auf; Großmamas Jugendbibliothek. In scheuer Andacht stehe ich davor und wage kein einziges zu berühren. Wie lange das her war! Noch viel, viel länger als die lebensgroßen Bilder im gelben Salon. Damals war Großmama Braut. Über hellgrauem Rock ein Überwurf aus schwarzem Sammet, wie es Mode war. Der überschlanke junge Hals ist etwas entblößt und lange blonde Locken umrahmenein sanftes blühendes Gesicht. Ihr gegenüber Großpapa im Jagdkostüm, eine männlich-schöne, elegante Erscheinung. Zwei bildhübsche Menschenkinder, wie für einander geschaffen! Und sie so reden zu hören! Keine Spur von Verweichlichung. Ohne Umhülle, ganz echauffiert vom Tanze, direkt aus dem Ballsaal hinaus in die kalte Winternacht und lustig herumspaziert in dünnen Atlasschuhen, weil es so reizvoll war, durch die leeren Straßen zu wandeln, wenn Alle schliefen.

Sie hielt ein Stück blaßgrünen goldgestickten Brokates gegen das Licht. Es war ein Kleid meiner Urgroßmutter und an einzelnen Stellen von Motten durchlöchert. Mir gieng ein Frösteln durch die Glieder. Dieses Stück Stoff, sonst war nichts von der Frau geblieben, die doch gleich uns geatmet, gelebt hatte. Er spann wie ein Mysterium zwischen der Toten und meinem Gehirne. Etwas Unbeschreibliches erfaßte mich in dem kühlen dämmerigen Raum; es legte sich mir drückend, zentnerschwer aufs Herz und ich wurde es lange nicht los.

***

Papa, Auguste, Hannerl und ich, wir machten in aller Morgenfrühe einen Ausflug auf die „Tannenhöh“, die berühmt war wegen ihrer wundervollen Aussicht.

Es hatte tagszuvor geregnet und die Erde strömte feuchte Dünste aus. Die aufgehende Sonne wob Strahlennetze über die blühenden Wiesen und die dunklen Brachfelder. Zarte, bald lila, bald mattrosa Schleier umflattertendie fernen Berge und am Himmel wogten weiße Wölkchen dahin wie eine Heerde Schafe.

In den Dörfern spielten die Kinder auf der Straße. Sie schleiften alte, mit Sand gefüllte Schachteln hinter sich her und ihre Züge spiegelten jene Lust am Leben wieder, jenen Stolz, so schöne Sachen zu besitzen, wie er nur diesem Alter eigen ist.

Eine Schaar Kühe tummelte sich auf der Weide. Die bereits Satten lagen auf der Erde, wiederkäuend im Grünen, mit großen, ausdruckslosen Augen.

Der Postmeister eilte an uns vorbei, die gefüllte Ledertasche auf dem Rücken, eine ellenlange Pfeife im Mund. Tag für Tag gieng er denselben Weg, schon vierzig Jahre lang. Wie eintönig! Und doch habe ich ihn nie anders als heiter gesehen, mit sich und seinem Los zufrieden. Eine genügsame, anspruchslose Natur, die Haß und Neid wohl nur vom Hörensagen kannte. Bisweilen erzälte er, wie das und jenes früher war, Manches besser, Manches schlechter und seine Anschauungen waren merkwürdig richtig für einen Bauer, der sein lebenlang Briefe abgestempelt und in seinen Mußestunden das Schusterhandwerk betrieben. Er trug sein Alter mit Frohsinn und Würde; der energische Gang und das schneeweiße Haupt verliehen ihm etwas Strammes und Rührendes zugleich.

Unser Weg führte uns durch einen prächtigen Buchenwald. Eine Unzahl Schwämme bedeckten den Boden undCyclamen blühten hier und dort zerstreut. Nun hatten wir unser Ziel erreicht, einen auf der Anhöhe befindlichen Vorsprung, dicht umwuchert von Brombeer und Berberitze, von dem aus man die Gegend im weiten Umkreis übersah. Papa richtete uns das Fernrohr zurecht und wir erkannten in voller Deutlichkeit Steindorf und alle Nachbarschlößer. Ein großartiger Anblick ohne Zweifel, aber so weit, so grenzenlos, als sei es nicht mehr „wahr“. Angesichts dieser Unendlichkeit stand mir der Atem still.

„Warum sagst Du denn nichts? — Mir scheint, Du hast keinen Sinn für Natur?“ frug mich Papa.

Was sollte ich darauf erwidern? Wie die undeutlichen Begriffe schildern, ohne konfuses Zeug zu reden. Jeder nach seiner Art. Die Hunde bellen den Mond an. Weshalb tun es die Menschen nicht? Der Italiener spricht anders wie der Schweizer — der Eine redet viel, der Andere wenig. Und kann ein Kind nicht auch seine eigenen Gedanken haben? Sprechen ist nicht immer nötig; Schweigen hingegen fördert das Gefühl. Freilich, es gibt Leute, die das nicht begreifen. Da heißt es dann gewöhnlich: „Warum sprichst Du nicht?“ „Weshalb bist Du so still?“, als ob sich das mit einem Worte definieren ließe. Törichtes Beginnen, das Meer in eine Nußschale füllen zu wollen.

Im Gasthaus zum „goldenen Löwen“ — einen goldenen Löwen gibt es nämlich überall — nahmen wir mit wahrem Heißhunger ein ländliches Mahl ein. Dannkletterten wir über die steile Bodentreppe und wälzten uns im duftenden Heu, das die Scheune fast bis zur Decke füllte.

Die Nacht verbrachten wir in Sahning und ich durfte mit Hannerl in einem Zimmer schlafen. Wir wollten rechten Unfug treiben, schliefen aber schon beim Abtrocknen ein. Ich hörte noch wie Hannerl quiekte und schrie, als Auguste sie in das große Wasserschaff steckte, war aber viel zu müde, um mich wie sonst an ihrem spündeldürren Schatten zu ergötzen.

Nach gesundem, erquickendem Schlummer besuchten wir die alte Wallfahrtskirche des Ortes. Mit ihren zwei Türmen ragt sie stolz und selbstbewußt in die Höhe, als könne sie Wunderdinge erzählen. Aus aller Herren Länder pilgern sie hierher, die Bedürftigen, die Enterbten des Schicksals, um von Maria, der mächtigen Fürsprecherin Heilung ihrer Wunden zu erflehen. Die Legende berichtet von ganz merkwürdigen Dingen: davon zeugen auch die zahllosen Öldruckbilder, die die Wände bedecken. Sie stellen die Madonna unter ihren verschiedenen Titeln dar und tragen allerlei Widmungen: „Unserer lieben Frau von der immerwährenden Hilfe, zum Danke für die wunderbar erfolgte Genesung ihres Sohnes Alexander.“ Oder blos: „Hab’ Dank, Maria“ und die Initialen der Spender. Und rings um den Hochaltar wächserne Herzen, Hände und Füße, auch ein Krückenstock und ein Lederschuh. Diese Dinge störten meine Andacht, statt sie zuerhöhen und Papas halblautes Gemurmel machte mich vollends zerstreut.

Da fiel mir Tante Laura ein, die man mit einer Gesellschafterin auf Reisen gesandt, und über die keine gerade erfreulichen Nachrichten einliefen. Es hieß, sie sei zum Erbarmen traurig, teilnamslos gegen Alles um sie her. Ich betete ein Vaterunser für sie, damit sie bald wieder ihres Lebens froh würde.

Papa schenkte Hannerl und mir einen Gulden, um in den kleinen Buden „Andenken“ zu kaufen. War das ein Vergnügen! Ach, wär’ ich reich gewesen und hätte wählen dürfen! Doch es hieß warten, sich gedulden bis der „Prinz“ käme, mich auf sein Schloß zu tragen, aus purem Edelstein. Dann wollte ich alle Buden der Welt kaufen. Robert war nur ein kostümierter „Prinz“, es mußte aber ein „echter“ sein und ich blickte mit unerschütterlicher Zuversicht in die Zukunft.

***

Die schönen Tage von Aranjuez giengen ihrem Ende entgegen und ich stellte wehmütige Betrachtungen an über die Vergänglichkeit alles Irdischen. Quälende Zweifel bedrückten mich, ob ich die Vergangenheit nicht hätte besser genießen können, und wie sehr ich es in Zukunft täte, wenn es eben eine solche gäbe.

Wenn sich doch nur irgend etwas ereignen wollte, um meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben und in meinem kindischen Egoismus war es mir total gleichgültig,welcher Art diese Ablenkung sei. Eine Feuersbrunst, ein Einfall von Dieben, einerlei. Mein Wunsch erfüllte sich. Es hieß, ein wütender Hund mache die Gegend unsicher. Wie unheimlich! Ich malte mir ganze Scenen aus: Er naht, schäumend, mit weitheraushängender Zunge und glühenden Augen. Er dreht sich im Kreise, beschnuppert den Boden, kommt immer näher und näher. In grenzenloser Angst jage ich über die Felder hin, er mir nach. Keine 10 Schritte entfernt knallt ein Schuß. Es ist der Jäger. Oder aber ich klettere auf einen Baum, da würde man mich sicher nicht entdecken und ich müßte nicht mit nach Wien.

Als es ernst wurde mit der Abreise, weinte ich so kläglich, als müßte mir das Herz brechen; es half nichts, weder Trostesworte noch Versprechungen. Das Stationsgebäude starrte mir kahl und fremd entgegen und die Träger schienen mir Folterknechte. Wir setzten uns in die kleine grünverwachsene Laube und Papa bestellte eine Stärkung. Ich hielt Hannerl krampfhaft bei der Hand und verwandte keinen Blick von ihrem traurigen Gesicht, in dem ich einen Widerschein des eigenen Leides zu gewahren meinte. Dann zogen die Kastanienbäume meine Aufmerksamkeit auf sich. Solche gab es doch auch in Wien, und Häuser auch — und Menschen. — Weshalb grämte ich mich eigentlich? Da man allenthalben denselben Dingen begegnete, warum gerade sein Herz an dies eine Fleckchen Erde hängen? So philosophierte ich und bißschon mutiger, mit einer Art Galgenhumor in das Würstel und trank Bier dazu, mich zu betäuben. Ich lachte sogar, machte bleichsüchtige Witze und stieß mit Hannerl auf ein frohes Wiedersehen an.

Nur noch wenige Minuten. Die Lokomotive mit dem glühendroten Auge fuhr zischend in die Station ein. „Hannerl, mein liebes Hannerl, vergiß mich nicht, denk’ recht, recht oft an mich und schreib’ mir bald.“ Wir lagen uns in den Armen, und jegliche Contenance außer Acht lassend, brüllten wir um die Wette, wie zwei zu Tode verwundete Löwen.

Der Kondukteur mahnte zur Eile und Papa schob mich mit festem Ruck vor sich in das Coupé. Hier stand ich am Fenster, solange Hannerl noch zu sehen war. Dann lehnte ich mich in den Sitz zurück und hatte förmliche Weinkrämpfe. Ich bildete mir ein, das unglücklichste Geschöpf auf Gottes weiter Welt zu sein und hätte 1000 mal lieber in Steindorf Schotter zerkleinert und trockenes Brot gegessen als nach Wien zu fahren. Papa blieb nicht ungerührt beim Anblick dieses Schmerzes, den er im Grunde teilte. Er hieng ja auch an Steindorf und an seiner Mutter, der er mit blinder Liebe zugetan war. Er ergriff meine Hand und streichelte sie: „Sei doch vernünftig, Mimi. Wie lang wird’s dauern und Du fährst wieder heraus. Einstweilen heißt es recht brav sein und fleißig Briefe schreiben.“ Ja das wollte ich und ich sah bereits im Geiste das schönste Briefpapier vor mir.Jetzt dauerte es volle 300 Tage. Wenn doch wenigstens schon ein Monat um wäre! Bei jeder Station gab es mir einen Stich durchs Herz. Immer weiter, weiter! Jetzt saßen sie gewiß schon bei der „Jause“. Ob sie von mir sprechen? Ob Hannerl sich sehr einsam fühlte? Gestern um diese Zeit! Ach Gott!

Instinktiv schmiegte ich mich an Papa, der mir nun nahe stand, wie lange nicht. Die gemeinsame Liebe zu einem Orte, zu Personen bildet ein gar mächtiges Band. Ich nahm mir vor, ihm durch mein Betragen Freude zu machen, wollte mich auch bemühen, fröhlich zu erscheinen, um Mama nicht zu kränken.

Wir fuhren über die Donau. Ein kühler Lufthauch und gedämpftes Rauschen drang aus der Tiefe herauf. Ein heller Lichtschimmer. Stolz, mir zum Hohne, hebt sie das diademumstrahlte Haupt, die vielgepriesene Wienerstadt. In den hohen, steifen Häusern sitzen die ehrsamen Bürger beim Abendmahl; eine Mutter wiegt ihr Kind in den Schlaf. Immer wieder muß ich aufsehen, zu den erleuchteten Fenstern — o wie mir graut vor der Nacht, in der aller Kummer vertausendfacht erscheint.

Als wir im Wagen saßen, sagte Papa in selten weichem Tone, der fast wie eine Bitte klang: „Laß gut sein, sei gescheidt, sonst glaubt Mama“, — hier brach er ab, als sei es schon zu viel gewesen.

Dann hielten wir vor einem Eckhause still. Noch immer hoffte ich, daß ein Wunder geschehen müsse, daßAlles nur ein böser Traum sei. Aber nein. Es gieng zwei Treppen hinauf, die matt erhellt waren von einer einzigen Gasflamme. Mama begrüßte uns in der Tür. Wir setzten uns zu Tisch. Mit Mühe würgte ich ein paar Bissen hinunter, dann zog ich mich zurück. Sie hatte Steindorf mit keinem Wort erwähnt, nicht einmal für die Grüße gedankt. Nur ob Papa Butter mitgebracht, ob es viele Schwämme gäbe und daß die neue Bodenfarbe nicht angreifen wolle.

Ich stand in meinem Zimmer, das mit seiner Tapete, grau in grau, den dunklen Vorhängen und hohen Kästen den Eindruck einer Kerkerzelle auf mich machte. Und ich meinte zu ersticken. Hastig riß ich die Fenster auf und sandte mit der Hand ungezählte Küsse in die Richtung, wo ich Steindorf wußte. Alles hatte ich dort gelassen, Raum, Licht und Liebe. Weshalb nur gab es Leid und Tränen? —

Ich wußt’ es nicht zu lösen, das große Rätsel des Lebens.

***

Welch’ abscheulich schale Stimme die Uhr des nahen Kirchturms hatte, im Vergleich zum tiefen, vollen Klang der heimatlichen: die näselnde Parodie auf ein wunderschönes Lied. Ich fühlte den Drang nach Bewegung und stand bei Tagesgrauen auf. Es war dunstig im Zimmer und eine Fliege plumpste unablässig an die Scheiben an. Mama war auch schon wach. Ich hörtedurch die dünne Tapetenwand, wie sie sich im Bette herumwälzte, das unter ihrer Last abscheulich kreischte. Sie schneuzte und räusperte sich ununterbrochen, wie sie es immer zu tun pflegte, wenn sie sich langweilte.

Ich öffnete den Koffer, entfernte das Seidenpapier und betrachtete zärtlich jedes Stück. Mir war, als entströme der Wäsche Steindorfer Luft, als hafte ihr etwas von dem dortigen Wasser an.

Mama’s erste Frage war: „Haben sie „oben“ nichts von mir erzählt?“

„Aber nein, ich weiß wirklich nichts.“

„Gar nichts?“

Diese Art mich auszuforschen, erweckte arges Unbehagen in mir. Was meinte sie nur eigentlich? ....

Im Kloster gab es viele neue Gesichter; häßliche und hübsche. Einige der älteren Schülerinnen waren ausgetreten und ich vermißte mit Wonne Christinens lauernden Blick.

Meine Pultnachbarin war neu eingetreten. Tiefbrünett mit dunklen, etwas geschlitzten Augen, erinnerte ihre Physionomie an die einer Japanerin. Nach ihrem Mienenspiel zu urteilen, schien sie sich gut zu unterhalten.

Mère Walter kündigte uns als „grande surprise“ den Besuch der „révérende Mère“ an und alle Mädchen riefen freudig: „Ah, ah!“

„Was heißt denn das?“ frug Olga ganz erstaunt. „Muß man das sagen?“ und ohne meine Antwort abzuwarten,hüpfte sie dreimal in die Höhe wie ein Hampelmann, den man an einem Schnürchen zieht: „Ah, ah!“

Mère Walter schmunzelte vergnügt. „Ich sehe, Olga Taroli, daß Sie eine gute „élève“ werden: Sie zeigen schon jetzt „l’esprit du Sacré-Cœur“.“

„Warum denn, meine Mutter?“ und leise zu mir: „Ja, spricht die spanisch? Ich hab’ in meinem Leben nichts von diesem „esprit“ gehört.“

Es lag so gar nichts Gemachtes, Erkünsteltes in ihrem Wesen; das zog mich an und dann erzählte sie so interessante Dinge. Sie mußte sehr reich sein, wenigstens nach der Beschreibung des Palais zu urteilen, das sie bewohnte und der eleganten Equipage, die sie abholte.

Ich schämte mich halb zu Tod, wenn ich mit Mama den kleinen Selcherladen betrat, um mein Souper zu besorgen, um 20 Kreuzer Schinken. Wenn sie mich sähe, wie müßte sie es gemein finden und mich verachten.

Und doch war ich noch bei Weitem besser daran, als Franziska Hipperl, die von den Anderen mit souveräner Geringschätzung behandelt wurde, weil ihr Vater Delicatessenhändler war, der seine Kunden eigenhändig bediente. „Pfui, schämen Sie sich, pfui, pfui!“ Ein förmliches Spießrutenlaufen, wenn sie durch den Saal gieng. Selbst Mère Walter setzte eine unnahbare Miene auf, wenn sie mit ihr verkehrte.

Vom obligaten Spaziergang heimgekehrt, hieß es: „Klavierspielen.“ Papa hatte die Chance gehabt, irgendwoeinen 50-Kreuzer-Lehrer aufzugabeln, einen Menschen mit zerschlissenen Manschetten, tieftrauernden Nägeln und klapperndem Gebiß.

Während Madame Berger Alles und Jedes getadelt, verfiel er in das entgegengesetzte System des Unterrichts. Er war des Lobes voll über mein Talent, mein Auffassungsvermögen und über meine Finger, die dünnen Spinnebeinen gleich auf den Tasten lagen. Liszt selbst hätte seine Freude an dieser Hand gehabt. Er sprach sehr langsam, jede Silbe betonend, in der Art der Schulkinder, das A besonders klar hervorhebend. „Spie—len wir das schö—ne Lied: „Fah—ret hin, fah—ret hin, geht mir aus dem Sinn, Gril—len sind mir bö—se Gä—ste.“ Er summte mit hoher Fistelstimme den Text vor sich hin, ganz begeistert von der gemeinsamen Leistung. Da Papa fand, daß ich nicht genügend taktfest sei, frug Herr Stolz — so hieß mein Meister —, ob er einen selbstangefertigten Apparat bringen dürfe, der hübsch und zweckmäßig, das teure Metronom ersetze.

Mein Schrecken war nicht gering, als Herr Stolz bei der nächsten Stunde mit großer Umständlichkeit seiner Tasche etwas entnahm, etwas Abscheuliches. Ein alter Knopf an verknittertem Wollfaden. Mir — das!

Mir, der vor nichts so sehr ekelte, als vor alten, verstaubten Knöpfen. Und dazu seine Erklärung: „Ich sammle schon seit Jahren alle alten Knöpfe, und habe bereits eine ganze Schachtel davon. Mein Princip ist:„Nichts umkommen lassen“, da man nie weiß, wozu man die Dinge brauchen kann. Den Faden zum Beispiel lieferte ein zerrissener Socken, den ich nicht mehr tragen konnte. Ich schenkte allen meinen Schülern eine derartige Vorrichtung.“ Er schwang das Pendel mit großer Gewissenhaftigkeit hinter meinem Rücken; ich ließ es mir gefallen, doch als er Miene machte, das kostbare Objekt meiner Obhut anzuvertrauen, schützte ich Nasenbluten vor und ergriff schleunigst die Flucht. Herr Stolz besaß nicht das Zeug, um zu imponieren, ich machte keine Fortschritte und bedauerte, diese Stunde nicht angenehmer verbringen zu können. Immerhin zog ich diese Beschäftigung noch dem darauffolgenden Turnen vor. Das fliegende Reck machte mir den Eindruck eines Galgens, seit ich tagaus tagein dieselben Übungen vornehmen mußte. Aufziehen, so und so viele Schwingungen, nicht eine mehr, nicht eine weniger und dazu das Bewußtsein des „Muß“.

Dabei wurde ich ein Gefühl der „Vereinsamung“ nicht los. Doktor Vogler, der erzählte interessant von seinen Bekannten, seinem Berufe, aber wenn er ausblieb! Dann bekam man nichts anderes zu hören, als daß es ein Hundeleben sei, von früh bis spät im Bureau zu sitzen, daß die Eier furchtbar im Preise gestiegen seien, daß der und jener in Pension gegangen und Venedig Mamas Nerven nicht vertrieben habe. Alles im Tone der Klage, des Mißmutes und der Unzufriedenheit mit dem Schicksal.

Es hätte mich zersteut, ab und zu, wenigstens desSonntags Altersgenossinnen bei mir zu sehen, aber daran war nicht zu denken. Die Klosterregel verbat jeden Umgang, ebenso wie Theater, und Papa hätte nie eine Mißachtung derselben geduldet. So mußte ich mich mit Hannerls Briefen begnügen, die ich so lange las, bis ich sie auswendig kannte. Was für wichtige Dinge die großen, unregelmäßigen Schriftzüge verkündeten. „Ich habe lauter Einser in der Schule bekommen. Nur im Gesang habe ich einen Dreier bekommen. Pauline hat meiner Puppe einen Mantel gemacht. Ich spiele Domino. Auf den Fly bin ich böse, weil er ein Reh zerrissen hat“ u. s. w.

Es ging ihr also mit dem Lernen besser wie mir. Ich hatte sogar in einem Gegenstande „schlecht“. O dieses Rechnen! Es wollte mir nun einmal nicht in den Kopf. Ich konnte ganz leidlich addieren und subtrahieren, kam aber ein Punkt, ein Decimalbruch vor, breitete sich ein undurchdringlicher Schleier über mein Gehirn. Glaubte ich bisweilen, auf der rechten Fährte zu sein, die Schwierigkeit überwunden zu haben, so war es gewiß Täuschung, und ich gab es auf, den trügerischen Irrlichtern nachzujagen.

***

Ich wurde wieder einmal zu einem Arzt geschleift, der als Specialist für Verkrümmungen etc. ein großes Ansehen genoß.

Bei wie viel Ärzten war ich schon gewesen und Jeder hatte etwas Anderes gesagt. Es wäre eine physische Unmöglichkeit gewesen, ihnen allen gerecht zu werden. Sieergiengen sich in gelehrten Ausdrücken, Mutmaßungen der verschiedensten Art, stellten Fragen, nahmen ausführliche Protokolle auf und man ging — so klug wie zuvor.

Ich hätte es schon gewöhnt sein können, und doch beschlich mich jedesmal dasselbe intensive Unbehagen, wenn ich den Wartesaal einer Fakultät betrat. Schon der Stil dieser Räume — sie wiesen alle mehr oder minder Ähnlichkeit auf, — machte einen bangen, kalten Eindruck. Peluchegarnitur mit weißen Spitzendeckchen, kunstlose Gemälde, Prachtbände, in denen die Patienten mit erheucheltem Interesse blätterten. Ängstlich horchte ich auf jedes leise Geräusch, auf das halblaute Flüstern im Nebenzimmer und hätte gerne gewußt, ob die gleich mir Wartenden dieselbe Unruhe empfanden.

Endlich kam die Reihe an mich. Mama erzählte jedesmal dieselbe Geschichte, die ich schon zum Überdruß gehört und Doktor Vogler fügte einige wesentliche Erläuterungen hinzu. Ich mußte mich entkleiden — es war mir schrecklich — die verschiedensten Stellungen annehmen, mich bücken, legen, tief atmen — es schien mir eine Ewigkeit.

Der Arzt, den man uns diesmal angeraten, war ein noch junger Mann mit energischen Zügen. „Derlei Fälle kommen häufig bei Kindern vor, die sich infolge zuvielen Sitzens eine schlechte Haltung angewöhnen. Die inneren Organe haben nicht gelitten und die Verkrümmung befindet sich in einem Zustand, wo sich noch Alles gebenkann. Es ist nötig, die Kleine in rationelle Behandlung, eventuell in eine ortopädische Anstalt“ und als Mama unterbrechen wollte: „Ich weiß, die Eltern lieben das nicht, aber um meine Meinung befragt, würde ich unverantwortlich handeln, wenn ich Sie nicht darauf aufmerksam machte, daß die Gesundheit wichtiger ist als das Studium.“

Doktor Vogler stimmte ihm durch Kopfnicken bei. Doch äußerte er Zweifel, daß dies durchführbar sei. Sein College sah mich mitleidig an. „Dann versuchen wir es mit dem Lagerungsapparat. Wenn Sie vielleicht sehen wollen“, und er schob den Vorhang etwas zur Seite. Es war ein Ungetüm aus Holz, Leder und Eisen. „Was, da drin soll ich schlafen?“ Ich begriff nicht, daß man mir im Ernste so etwas zumutete.

„Ja, wenn es sein muß.“ Mama war nur besorgt, daß die Kosten zu bedeutend wären; das Andere schien sie kühl zu lassen.

Ich brach in Tränen aus. Doktor Vogler fuhr mir tröstend über das Haar: „Es sieht nur so schrecklich aus. Man gewöhnt sich bald daran und lange wird es ja hoffentlich nicht nötig sein.“

Ach, war das eine Marter: Kerzengerade auf dem Rücken liegen, den Kopf in einer Linie mit dem Körper; die rechte Seite auf einem steinharten Holzviereck, die linke halb in der Luft, an Gurten aufgezogen. Gewöhnlich schlummerte ich erst um 4 Uhr morgens ein unddrei Stunden später mußte ich aufstehen. Oft vermochte ich mich nicht aufrecht zu halten vor Müdigkeit und war kaum imstande die Tränen zurückzudrängen. Weshalb mußte ich das durchmachen? — Warum war ich nicht wie Andere? Wenn ich Papa bat, mich wieder wie früher im Bett schlafen zu lassen, geriet er in Zorn und nannte mich „ein boshaftes Ding“. Und Gott half mir auch nicht, der böse, alte Mann.

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Weihnachten stand vor der Thüre. Wir hielten täglich eine Andacht im Studiensaal, vor der kleinen, leeren Holzkrippe. Mère Walter hatte uns in einer etwas unverständlichen Rede aufgefordert, dem Verheißenen ein Lager zu bereiten in unserem Herzen. Wir sollten unser Inneres läutern und mit Tugenden schmücken. Jede mußte in den Krieg ziehen gegen ihren Hauptfehler und hatte sie am Ende des Tages einen Erfolg zu verzeichnen, durfte sie einen Strohhalm in die Krippe legen.

Meine schwache Seite war die „Geduld“. Ich beschloß mich ins Unvermeidliche zu fügen. Da die Himmlischen mir gegenüber so wenig Zuvorkommenheit zeigten, wollte ich sie verblüffen, beschämen. Nein, sie sollten wenigstens nicht triumphieren; dieser Gedanke erfüllte mich mit Genugtuung. Ohne Murren legte ich mich in den harten Apparat und stand mit einem überlegenen Lächeln auf. Nicht Liebe war mein Führer, viel eher Trotz und Hohn.

Wir verfertigten Kleidungsstücke für die Armen und sollten die würdige Mutter mit einer Summe für die Afrikamissionäre überraschen. Papa machte ein saueres Gesicht, enthielt sich jedoch jeder Äußerung, um den Respekt vor den Klosterfrauen nicht zu beeinträchtigen.

Die Abende waren mit den Vorbereitungen für das Christfest ausgefüllt. Wir Drei, Doktor Vogler und ein Maler, Pitz mit Namen, verfertigten kleine Bonbonnièren, wickelten Chokolade ein und befestigten am Zuckerwerke Fäden.

Pitz, seines schwarzen Krauskopfes halber auch „Mohr“ genannt, zeigte für diese Beschäftigung bei Weitem mehr Interesse als für seinen eigentlichen Beruf. Er war durchaus nicht talentlos, aber von einer Trägheit, einer Indolenz! Flogen ihm die gebratenen Tauben zu, dann gut, wenn nicht, er kümmerte sich gewiß nicht weiter darum. Ein Bild „auszustellen“ hätte ihm Entwürdigung geschienen. Bedürften die Leute seiner, so würden sie ihn schon holen in seinem Dachstübchen, hinter der Staffelei, wie die Sachsen ihren König, vom Vogelfang. Es holte ihn aber Keiner, da eben Niemand von ihm wußte.

Er verstand sich vorzüglich auf das Restaurieren; er copierte hübsch, aber eigene Ideen — keine Spur. Seine ältesten Bekannten konnten sich nicht entsinnen, daß ihm seine Phantasie mehr als zwei Sujets vorgezaubert hätte, die er bis zum Überdruß verwertete. „Zechende Jäger in der Schänke“ und „ein Bachantenzugvon kleinen Kindern“. Selbst auf der Decke seiner Stube schwebten blütenbekränzte Amoretten und die Innenseiten seiner Kleiderkästen zeigten die altbekannten, verwitterten Gesichter unter den grünen Filzhüten.

Papa hatte sich einmal einen Scherz erlaubt und ihn „Herr Zimmermaler“ genannt. Das aber faßte Pitz schief auf: „Der Herr Baron darf sich nicht lustig machen über mich“, erklärte er mit drohender Miene. „Ich habe kein Glück gehabt; bei mir stellte sich der Zufall nicht ein, der einen Makart, einen Canon gemacht. Und mich den Leuten aufdrängen, ah nein, dazu bin ich zu stolz“ und er warf mit herausfordernder Miene den Kopf in den Nacken. Mit der, bornierten Leuten eigenen Zähigkeit, beharrte er bei seinem Standpunkt. Es wäre total fruchtlos gewesen, sich in eine vernünftige Diskussion mit ihm einzulassen, ihm begreiflich machen zu wollen, daß die großen Meister niemals berühmt geworden wären, hätten sie die Hände in den Schoß gelegt und würdevoll gesagt: „Ich warte“.

Aber ebenso wie er jeden harmlosen Spaß, jeden leichten Tadel für bare Münze hielt, ebenso nahm er jede Anerkennung, jedes Lob wörtlich. Er deklamierte für sein Leben gern und man brauchte ihn nur zu bitten, etwas zum Besten zu geben, so war aller Groll im Nu verraucht. Der Künstler verschwand, um in wenigen Minuten mit gepudertem Gesicht in ein weißes Leinentuch gehüllt, zu erscheinen. Mir wurde unheimlich dabei zuMute. Das verdunkelte Zimmer, der weiße Schatten und die schaurige Geschichte der „Moritaterei“ „Lenore fuhr ums Morgenrot“. „— Dann gieng er in einen heiteren Ton über, sang den „Chevauxlegers“, den „Gondolier“ und „Ich wollt’, ich könnt ein Kätzchen sein“. — Immer dasselbe Repertoire, nie eine Abwechslung. Sein Steckenpferd aber war die Parodie auf den „Handschuh“. Er hatte sich beim Einstudieren seiner Rollen so sehr in die stampfenden, wildbrüllenden Tiere hineingedacht, daß die Nebenparteien den Hausmeister zu Hilfe riefen: „Der Maler muß übergeschnappt sein; er treibt es furchtbar“. Und da auf wiederholtes Klopfen keine Antwort erfolgte, sprengte er die Türe und dem erstaunten Publikum bot sich ein Anblick dar, wie jener, wo Cervantes „Don Quichote“ mit unsichtbaren Mächten kämpft. Pitz kroch auf allen Vieren herum, schlug mit Händen und Füßen um sich und gab die schauerlichsten Töne von sich. — Es kam zur Erklärung der Situation, und von nun an regnete es Einladungen auf ihn „zur Jause“, zu einer „deklamatorischen Soirée“ im 4. Stock, wo er die einzige deklamatorische Kraft war. Was Wunder da, wenn Pitz die Huldigungen zu Kopfe stiegen. Er ließ es sich gut sein bei Braten und Wein und erklärte höchst selbstbewußt: „Jetzt ist so ein Geriß um mich, daß ich ans Malen gar nicht mehr denken kann.“

***

Hell prangt der Christbaum im Kerzenschmuck. Es funkelt und glitzert von Goldstaub und Walkürenhaar und die Äste neigen sich unter der schweren Last.

Rings an den Wänden auf weißgedeckten Tischen die Geschenke. Mein Platz ist überfüllt, und es währt geraume Zeit, bis ich die vielen Gaben in Augenschein genommen. Am meisten freut mich das Perlenhalsband, das mir Tante Laura sammt einem lieben Brief gesandt. „Sei glücklich“, schloß das Schreiben, und diese Worte machten mich traurig, ohne daß ich recht wußte warum. Wann ist man glücklich? Wenn man nichts entbehrt, keine ungestillte Sehnsucht mit sich herumträgt, — oder aber wenn man sich mit den Dingen zufriedengiebt, wie immer sie auch seien. Zu ersterem gehört Fortunas ganz spezielle Protektion, zu letzterem ein so hoher Grad von Philosofie, wie er nur wenig Auserwählten eigen ist.

Auch ich war nicht glücklich. Ich stellte die schönen Sachen in meinem Zimmer auf, und in diesem öden grauen Zimmer dachte ich an Hannerl und wie schön es wäre, das Alles mit ihr zu teilen. Ob sie wohl wußte, mit welchem Opfer ich die Süßigkeiten erkauft, die ich ihr geschickt. Die Nacht des Sonntag blieb ich vom Apparat befreit. Papa stellte mir aber einen Gulden in Aussicht, wenn ich auch da viermal hindurch darin schliefe. Es fiel mir schwer, aber Hannerl zu Liebe tat ich es.

Um Mitternacht gieng sie wohl in die Mette. Knirschender Schnee, Sternenhimmel, der Lichtschimmer ungezählterLaternen, vermummte Männer und Frauen. Aus allen Dörfern strömen sie zusammen, um dem Heiland der Welt ein Wiegenlied zu singen: „Stille Nacht, heilige Nacht.“

Brausend fällt die Orgel ein, Weihrauchduft erfüllt den Raum — sie Alle beten.

Wie feierlich! Wie schön!

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Olga hatte das Pensionat verlassen, nachdem es mehr als einen heftigen Auftritt zwischen ihr und der würdigen Mutter abgesetzt. Obwohl wir einander nicht näher gekommen, that es mir doch leid. Sie hatte Leben und Abwechslung in das öde Einerlei gebracht. Welchen Unfug sie in den „Anstands-Stunden“ getrieben! Ihr Lachen wirkte ansteckend und versetzte den Tanzlehrer — das einzig männliche Element in unserem Unterricht in helle Wut.

Kaum wandte er sich um, warf sie ihm Kußhände zu, preßte die Hände aufs Herz und einmal ertappte er sie dabei, wie sie den Zipfel seines Taschentuches aus seinem Rocke zog. Von nun an kam Mère Walter selbst, um uns an Stelle der alten, kurzsichtigen Mère Schale zu beaufsichtigen. Wir standen da, als ob wir Ladstöcke verschluckt hätten und mucksten nicht. Es war unerträglich.

Olga hatte laut geäußert, daß bei Tisch nur deshalb Missionsberichte vorgelesen würden, um einem den Hungerzu benehmen. Sie hatte nicht so Unrecht; diese unappetitlichen Schilderungen mußten Einem übel machen. Der Eine briet am Spieß, den Anderen tranchierten sie bei lebendigem Leibe und ein Dritter war derart Feinschmecker, daß er sich bloß vom widerlichsten Ungeziefer nährte. In der Regel hörte auch außer den beiden jungen Altgräfinnen Niemand zu, und die schienen völlig abgehärtet gegen die Schauderberichte. Sie verschlangen mit durchdrungener Miene doppelte Extraportionen, während ihr Geist, von der Materie losgelöst, in höheren Regionen schwebte. Dünn wie Sardellen, half ihnen selbst die Mastkur nichts — sie aßen nur aus Pflichtgefühl, um ihre Körper widerstandsfähig zu machen, für die Anforderungen der Seele.

Den Ausschlag aber hatte gegeben, daß Olga die fehlenden Seiten ihrer Naturgeschichte verlangte. „Ich weiß ja so, was drin steht. Warum soll denn der Mensch nicht vom Affen abstammen. Die Affen sind oft gescheiter wie die Menschen.“ Bei der Taschenbesichtigung fand sich ein kleines Bändchen „Goethe-Gedichte“ vor. Sie hatte es zu Weihnachten von ihrem Schwager erhalten. Höchste Entrüstung. Mère Walter spielte alle Farben. Sie aber sagte so ganz obendrein: „Warum haben Sie diese schlechten Bücher gelesen? Hat Sie wahrscheinlich doch auch mehr interessiert als die „Nachfolge Christi.“ Ich finde gar nichts so Schreckliches daran.“

Damit war die Sache erledigt und Olga ausgestoßen. Mère Walter legte uns anheim, für sie zu beten: „Cen’est peut-être pas tellement de sa faute. C’est une excellente enfant, elle a un cœur d’or, mais elle est malade, oh elle est malade la pauvre!“

Olga krank, es war zum Lachen. Solch zweiten kerngesunden Kobold gab es gar nicht mehr. Aber Mère Walter fand offenbar, daß man bei so unerhörtem Benehmen einer Entschuldigung bedürfe.

***

Ein entfernter Verwandter war gestorben und hatte Papa zum Universalerben eingesetzt. Ich durfte Trauer tragen und fühlte mich furchtbar interessant. Des Abends beim Gebete, fügte Papa ein Gesetzlein für den Verstorbenen bei und Mère Walter behandelte mich von nun an mit einer gewissen Zuvorkommenheit.

Die altväterische Einrichtung unserer Wohnung wich einer modernen, und an Stelle der häßlichen Ripsgarnitur im Salon trat eine kirschrote Seidenpracht, die mein Auge blendete. Auch mein Zimmer erfuhr eine Bereicherung, d. h. man schob das hinein, wofür man anderswo keinen Platz fand.

Sonst trat keine wesentliche Änderung ein. Papa behielt die alte Lebensweise bei und meine Hoffnung auf Erhöhung des Monatsgeldes erwies sich als trügerisch.

Zwischen meinen Eltern herrschte eine Spannung, die mich überaus peinlich berührte. Bei den Mahlzeiten saßen sie sich stumm gegenüber undDr.Vogler mußte die Unterhaltung führen.

Großmama war zum Begräbnis gekommen, hatte uns aber nicht besucht. Als ich meinem Bedauern darüber Ausdruck gab, versetzte Mama mit großer Schärfe: „Ich hoffe, daß sie sich’s überlegt, uns aufzusuchen: ich verlange mir durchaus keinen Verkehr mit dieser Sippe.“

Ich blickte sie erstaunt und mit stummem Vorwurf an.

„Ja,“ versetzte sie, gezwungen lachend, „Du bist auch eine echte Steindorf; das ist eine alte Geschichte. Man braucht Dich nur anzuschauen; Deiner Großmutter wie aus dem Gesicht geschnitten.“

„Da wäre ich wirklich nur stolz“, konnte ich mich nicht enthalten, zu bemerken und verließ das Zimmer. Schon einigemale hatte mich Mama’s Art, Leute anzugreifen, die mir nahe standen, verletzt; in Steindorf war dies nicht Brauch und ich fand es unpassend und wenig zartfühlend.

Die Scheidewand, die mich von Mama trennte, türmte sich immer höher auf. Sie fand nicht den rechten Herzenston und mich kostete es Überwindung, ihr die Hand zu küssen, sie bei dem Namen zu nennen, der jedem Kinde heilig sein sollte: „Mutter.“

***

„Der Erzherzog kommt mit seiner Braut.“ Also endlich ein Ereignis. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Neuigkeit im Pensionat.

Man hatte in aller Eile eine kleine Vorstellung eingeübt, und die Rollen den hübschesten Aristokratinnen — es war gegen alle Regel — zugedacht.

Wir Anderen bildeten Spalier und gaben nur den dunklen Hintergrund ab, von dem die farbenreichen Kostüme sich vorteilhaft abhoben. Die würdige Mutter war selbst erschienen, um uns die nötigen Verhaltungsmaßregeln zu erteilen: „Surtout baissez les yeux. Il faut toujours avoir quelque chose de modeste dans la tenue. Cela fait une si bonne impression et c’est à cela aussi qu’on reconnait les enfants du Sacré — Cœur dans le monde.“

Ich wagte nur verstohlen nach den Hoheiten zu blinzeln. Die Prinzessin nahm lächelnd die Blumen entgegen, die ihr von einer Hofdame abgenommen wurden. Sie war eine liebreizende Erscheinung und die Blicke des Bräutigams ruhten mit Zärtlichkeit und Stolz auf ihr.

„Erzherzogin, Prinzessin sein, von Allen gefeiert, bewundert, welch’ beneidenswertes Los.“

Phantasien eines Kinderkopfes! So mancher Kaiser stöhnt unter seinem Hermelin und risse gern die Krone von der Stirn, die ihn gleich Dornen schmerzt. Und wie manches Arbeiterherz schlägt freudig unter dem zerfetzten Kittel. Er bettet sein Haupt auf Gottes freie Erde: er lacht, er weint, wenn ihm darnach zu Mute ist. Was schert den die Zwangsjacke der Konvention, in der die Großen dieser Welt geboren werden.

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