Zweiter Abschnitt.

Zweiter Abschnitt.

„Sie wird jetzt vierzehn Jahre alt und ist im Lernen weit hinter ihren Gefährtinnen zurück. Es ist Indolenz oder böser Wille. Was halten Sie davon, Doktor?“

„Ich glaube keins von beiden, lieber Baron; viel eher geht ihr das rasche Fassungsvermögen ab; sie kann einfach nicht. Derlei Fälle sind mir schon in meiner Praxis untergekommen, da hilft eben kein „Muß“.“

Ich war, ohne es zu beabsichtigen, Zeuge dieses Gespräches gewesen. Doktor Vogler’s Verteidigungsrede erweckte das Selbstgefühl in mir. Hätte er Papa recht gegeben, mich träge, boshaft genannt, — aber schwachköpfig, borniert, — da durfte er nicht Recht behalten. Nein, um keinen Preis. Er sollte mich ganz anders beurteilen. Mein Entschluß stand fest und ich machte mich mit einem Fleiß und einer Energie an’s Studium, daß Alle staunten. Oft saß ich bis in die sinkende Nacht vor meinen Büchern, um das Versäumte nachzuholen und wurde in der Classe irgend eine schwierige Frage aufgeworfen, ich wußte stets Bescheid. Mein Stil besserte sich und die Schrift nahm einen bestimmten Charakter an.

Papa wußte sich diese plötzliche Umwandlung nicht zu erklären und Mère Walter sagte ihm: „Wenn sich ihrem Lerneifer auch noch die Frömmigkeit hinzugesellt, bleibt nichts zu wünschen übrig. Vorläufig fehlt ihr noch die Freude am Gebet, die Sehnsucht nach dem lieben Gott.“

Frommsein auf Commando, das schien mir eine hohe Forderung. Ob mein Gesicht dann auch einen so „glatten“ Ausdruck bekäme, wie das der Altgräfinnen! Leicht würde es mir keineswegs fallen, aber versuchen wollte ich’s. Mein einmal geweckter Ehrgeiz, zu excellieren in allen Dingen, nahm immer größere Dimensionen an.

Die Verhältnisse kamen mir zu Hilfe. Die Zeit war gekommen, zu der wir alljährlich „Exerzitien“ hielten. Es war eine Art beschaulicher Einkehr, eine Zeit des Schweigens, der Kasteiung, der Sühne und der Bitte um Erleuchtung.

Ein Jesuitenpater, ein anerkannt guter Redner, hielt uns Predigten, um uns in die nötige Weihestimmung zu versetzen. Mit Donnerstimme sprach er von den vier letzten Dingen: Tod, Gericht, Himmel und Hölle.

„Das Leben hienieden ist nur eine Pilgerfahrt, eine vorübergehende Reise, und töricht handeln Jene, die nur der Welt leben, vergessend des eigentlichen Zieles, das uns die göttliche Weisheit gesetzt, der eigentlichen Heimat, zu der dies Jammertal nur eine Brücke bildet.

„Wie Mancher bedenkt nicht, daß er aus dem Nichts hervorgegangen, daß dereinst sein Körper zu Asche wird,zum Fraß der Würmer. Erwacht bisweilen die warnende Stimme des Gewissens, sucht er sie zu betäuben: er stürzt sich in den Strudel der Vergnügungen und speichert Schätze auf, die Rost und Motten verzehren. So lebt er in den Tag hinein, ohne sich zu bessern, ohne zu bereuen.

„Kommt aber das Alter mit seinen Gebrechen, fühlt er seine letzte Stunde herannahen, dann sieht er mit Schrecken zurück auf den Weg, den er gegangen, auf die Zeit, die er so schlecht benützt. Seine Phantasie ergeht sich in den düstersten Vorstellungen, seine Gedanken jagen dahin, durch eine Wüste ohne Oase: kein freundliches Bild, keine lichte Huldgestalt, kein Verdienst, kein gutes Werk. Und der Sünder zittert. Wenn er vor den Thron des Allerhöchsten tritt mit leeren Händen, wenn er nichts in die Wagschale zu legen hat, das zu seinen Gunsten spricht, dann lautet der göttliche Richterspruch: „Gewogen und zu leicht befunden.“ „Herrgott,“ so fleht der Sterbende, „sei barmherzig. Laß mich genesen und ich will Dir dienen als der niedrigste und getreueste Deiner Knechte.“ Aber es ist zu spät. Schon huschen die Schatten des Todes über das fahle Gesicht, der Atem geht schwer und eisige Kälte steigt von den Füßen, immer höher, immer höher. Die glanzlosen Augen weit geöffnet, das Gehör ins Unendliche verfeinert, so liegt er da, unfähig sich zu rühren, und hört, wie sie im Nebenzimmer flüstern. „Er lebt zu lange; er sollte sich beeilen,“ so meinen die lachenden Erben.

„Das Gefühl ohnmächtiger Schwäche, das Bewußtsein eines nutzlosen Lebens, pressen ihm heiße Thränen aus den Augen, die einzigen vielleicht, die er je geweint. „Nur noch einmal von vorn — beginnen.“ Das Herz steht still und eine mitleidige Hand drückt ihm die Augen zu.

„Und glauben Sie mir, teuere Kinder in Christo,“ fährt der Pater fort, „es gibt keinen Menschen, der nicht im letzten Augenblick bereut, sofern der Allmächtige ihm die Gnade erweist, ihn nicht unvorbereitet abzurufen. Selbst Voltaire, jener Lästerer, jener berüchtigte Freigeist, der in Wort und Schrift seinen Gott verleugnet, ihn frech in den Staub gezerrt, der ein Ausgestoßener aus der kirchlichen Gemeinde, böses Beispiel gab, er schickte um den Priester, als er sein Ende herannahen fühlte.

„Betrachten Sie hingegen einen heiligen Aloysius, einen Stanislaus Kostka, die Jubellieder singend, ihren Geist aufgeben, um in die ewige Herrlichkeit einzugehen! Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist es gekommen, was Gott Jenen bereitet, die ihn lieben.“

In schwungvollen Worten schildert er die himmlischen Wonnen. Auf lichten Wolken schweben die Seligen dahin, und Cherubime spielen Harfe und streuen Weihrauch ihrem Herrn. Dann versetzt er uns in die Hölle und läßt die qualvollsten Martern vor unserem geistigen Auge vorüberziehen, daß wir uns fröstelnd in unsere Tücher hüllen.

„Tod und Hölle.“ Es klang furchtbar. Ich wollte nicht daran denken, und doch — immer wieder drängte sich die Frage in den Vordergrund: „Und wenn Du jetzt stürbest, was dann?“ Schwere Sünden auf der Seele — ewige Verdammnis. Ich sah die Flammen züngeln, hörte die Teufel höhnisch lachen und die Höllenuhr schaurig ticken: „Immer, nimmer.“ „Immer, nimmer.“

Wenn ich aber meine Fehler in der Einbildung übertrieb, wenn es nur läßliche Sünden wären, die ein frommer Stoßseufzer, eine kleine Überwindung reinwaschen können? Und bei der Vorstellung des Himmels stieg es mir wohlig warm zum Herzen. Ja, dorthin wollte ich kommen. „Maria und Ihr lieben Heiligen weist mir den Weg.“ Der Pater sprach mit bebender Begeisterung von der unbefleckten Gottesmutter. „Sie blickt voll Liebe auf ihre Kinder herab, möchte sie allesamt in ihre schützenden Arme nehmen, ihnen helfen, ihnen beistehen. Könnte sie weinen, welch’ bittere Thränen würde sie vergießen, wenn Eines ihrer Schutzbefohlenen vom rechten Pfade abweicht. Und hätt’ ich alles Gold, alle Edelsteine der Welt,“ schloß er mit Feuer, „ich wollt’ sie Dir zu Füßen legen, Du immerdar gebenedeite Jungfrau, Du süße Himmelskönigin.“ Eine Weile blieb es ganz still, dann tönte lautes Schluchzen durch den Saal.

Lächelnd siehtMater admirabilisvom Bild auf uns hernieder. Wie schön es ist, das junge unberührte Mädchen im Tempel zu Jerusalem. Sie sitzt da, im schlichtenRosakleid, sinnend, traumverloren. Den Fuß hat sie auf einen Schemel gestützt; ihr zur Seite stehen Spinnrocken und Arbeitskorb. Ob sie wohl freundliche Bilder sieht, ob düsteres Ahnen sie beschleicht, davon sagen die kindlich frommen Züge nichts. Du zarte Rosenknospe — in einem armen Stall zu Bethlehem, und auf dem Berge Golgotha. Welch’ namenloses Leid!

In gehobener Stimmung traf ich meine Vorbereitungen zur Beichte. Wie leichtsinnig war ich bis dahin gewesen, wie wenig galten mir Reue und Vorsätze. Das mußte sich nun ändern. Eine entsetzliche Angst stieg in mir auf. Wie, wenn ich das Sakrament ungültig empfangen hätte! Ein Glück noch, daß ich bisher nicht zur Communion gegangen. Judas Ischariot hatte seinen Herrn verraten. Tod — Hölle!! Ich warf mich vor Mère Walter auf die Knie: „Mutter, ich weiß nicht, wie mir ist und was ich tun soll?“

„Die Gnade Gottes hält ihren Einzug in Dein Herz, mein Kind. Ich sah es kommen und danke dem Herrn. Betrachte Deinen jetzigen Zustand als wohlverdiente Prüfung, denn, wen Gott liebt, den züchtigt er. Was Deine Befürchtungen anbelangt, so war es ja nicht absichtliche Herausforderung, böser Wille“, tröstete sie. „Ich glaube, Du wirst Dich nun würdig vorbereiten auf Deine erste Communion.“

Augenblicklich beruhigt verließ ich Mère Walter. Aber die Windstille war trügerisch und die Skrupel ließensich nicht bannen. Die Prüfungen hielten an und böse Zeiten kamen für mich, da ich es nie vermocht, die goldene Mittelstraße einzuhalten, sondern stets von einem Extrem ins andere verfiel.

***

Mir war zu Mute, als gienge ich über eine steinige, unebene Straße und ich blickte bei jedem Schritt ängstlich zu Boden, um nicht zu stolpern. Und je mehr ich Acht gab, desto ängstlicher wurde mein Gang, desto unsicherer mein Blick. Ich sah Gespenster am helllichten Tage, Fehler dort, wo selbst die größte Heiligkeit keine gefunden hätte. Des Sonntags saß ich stundenlang müßig auf dem Canapee und quälte mich mit Betrachtungen über meine Sündhaftigkeit ab. Schreiben, nähen — meine überspannte Phantasie spiegelte mir das als „knechtische Arbeit“ vor. Ja nicht einmal die Goldfische bekamen Futter und die Blumen blieben ohne Wasser. Lesen? Es hätte mich verlockt, aber Mère Walter, der ich meinen Büchervorrat zur Controlle übergeben, hatte ihn als „mauvais genre“ bezeichnet und konfisciert. Und schon in den frommen Erzählungen fanden sich Dinge vor, die meinen Geist unwillkürlich beschäftigten und das waren — Vergehen gegen das sechste Gebot.

Meine Beichten! Ich war unglücklich, da ich immer fürchtete, zu wenig zu sagen und nicht die richtigen Ausdrücke fand: Mère Walter beleidigt, da ich ihren Vorstellungen kein Gehör schenkte. Sie hatte mir gut wiederholen:„Glaub’ mir doch, Mimi, es ist ganz einerlei, ob Du das an einem Sonntag oder einem anderen Tag um 12 Uhr oder um 2 Uhr getan hast. Du ergehst Dich in unnötigen Längen und setzest die Geduld Deiner Gefährtinnen auf die Probe“, sie überzeugte mich doch nicht.

Der Pater wetzte schon und fuhr sich mit seinem Taschentuch wiederholt über die Stirne.

„Ich habe noch etwas getan, aber ich kann es nicht sagen.“

„Doch, doch mein Kind. Dem Beichtvater kann man Alles anvertrauen.“

„Ich weiß aber nicht, wie ich anfangen soll. Bitte, raten Sie, Hochwürden: es ist so schwer.“ Im selben Moment stieg mir aber der Gedanke auf, daß ich ein Sakrilegium begehe, weil ich ihn zu unzüchtigen Vorstellungen verleite. „Gar so arg ist es vielleicht nicht — weil die Klosterfrauen auch nicht — eigentlich habe ich nichts begangen — sondern unterlassen — — ich — es geht nicht — —“

„Ja dann ist’s auch für mich schwer, ich muß doch wissen, worum es sich handelt.“

Mère Walter, die im Hintergrunde saß, machte sich schon geraume Zeit durch Räuspern bemerkbar: das hieß, ich möge mich beeilen.

Nach endlosem Hin und Her bekannte ich dem verblüfften Pater, daß ich nicht den Mut besaß, eine Operation vorzunehmen, wie es das Lexikon von den Amazonenberichtete. Ich hatte so schrecklich Angst davor; ob er vielleicht ein Mittel wisse, das durch bloßes Einnehmen wirke. Jetzt war es endlich heraußen, Ah! Ich wagte wieder den Blick zu erheben — doch wer beschreibt meine Bestürzung, als ich keine Spur von heiliger Sammlung in des Seelsorgers Zügen las, sondern im Gegenteil den Ausdruck höchster Belustigung. Um seine Mundwinkel zuckte es von unbändiger Lachlust und helle Tränen rannen über seine Wangen. „Aber liebes Kind, was fällt Ihnen ein, den Körper, den Gott geschaffen, ändern zu wollen? Nein, da seien Sie ganz beruhigt. So und nun gehen Sie.“

Ich gieng, kehrte aber auf halbem Wege um, um mich noch einer kleinen Eitelkeit anzuklagen. Dann kniete ich nieder, und den Kopf in den Händen vergraben, um nur ja von außen her keine Ablenkung zu erfahren, sagte ich meine Buße her, jedes einzelne Wort artikulierend. „Gegrüßet seist Du, Maria“, dabei stellte ich mir die bunte Marienstatue im Studiensaal vor, das rote Kleid und den blauen Mantel — richtig, auf den Goldsaum hatte ich vergessen und ich strengte meine Kopfnerven an, zwang sie zu solcher Intensivität der Vision, bis sie mir zu Diensten waren. Die Stirne glühte mir und die Lippen bluteten, so fest hatte ich die Zähne darauf gepreßt. „Du bist voll der Gnaden“ — bei diesen Worten mußte ein verzückter Ausdruck über ihre Züge gleiten — „der Herr ist mit Dir“ — da stand sie Hand in Handmit dem Christus, wie ihn das Altarbild zeigte. Eine krankhafte aufreibende Andacht, nach der sich ein lebhaftes Schlafbedürfniß geltend machte.

Ich zitterte, unwissentlich eine Sünde zu begehen, wieder in den Stand der Ungnade zu verfallen. Hätte ich im Kloster bleiben dürfen, fern dem Weltgetriebe, Mère Walter in meine jeweiligen Bedenken einweihen; einen Halt haben, eine Stütze, nur nicht so mir selbst überlassen, so verloren!

Zu Hause schlich ich mich in Papas Zimmer und kehrte das Bild „Nymphen im Bade“ gegen die Wand; das hatte ich schon längst beabsichtigt.

Von nun an machte ich keinen Gebrauch mehr von der Freitags-Dispens, legte mir bei meinen Lieblingsspeisen Abbruch auf, und wenn Chocoladencrème kam, verzichtete ich gänzlich darauf. Selbst Papa fand das übertrieben, und als er eine diesbezügliche Äußerung fallen ließ, riet ihm Doktor Vogler, mich beizeiten aus dem Kloster zu nehmen, wenn er nicht noch ganz andere Folgen erleben wolle. Tötlicher Schreck erfaßte mich, denn der Wunsch war in mir erwacht, den irdischen Freuden für immer zu entsagen und in den Dienst des Herrn zu treten.

Freilich, wenn ich auf der Gasse gieng und laute Bewunderungsrufe über mein selten schönes Haar vernahm, schien mir mein Entschluß förmlich unausführbar. — — Hinterher schämte ich mich sehr über meine Kleinlichkeit. —Wie, das sollte mir mein himmlischer Bräutigam nicht wert sein, und glückdurchdrungen stellte ich mir vor, wie mein dicker blonder Zopf der Scheere zum Opfer fallen würde. — Dann Ade auf immer, Du sündige Welt!

Sogar über die Wahl des Ordens war ich schon ziemlich im Klaren mit mir. Es lag nahe, in jenem einzutreten, in dem ich meine eigene Erziehung genossen, aber ich fühlte mich zu unsicher, zu häufigen Schwankungen unterworfen, um junge Geschöpfe mit Erfolg zu lehren. Ich besaß noch gesundes Urteil genug, um einzusehen, daß es grausam gewesen wäre, sie mit meinen Skrupeln, meiner schwarzen Intoleranz anzustecken. Nein, ich paßte weit eher in einen „betenden Orden“ und da sagten mir die Trappistinnen am meisten zu.

Ich hatte einmal ein Bild gesehen, eine Nonne, die mit ihrem Heiland spricht. Sie kniet allein in der dämmerigen Kirche; der rötliche Schein des ewigen Lichtes fällt auf ihre müden Züge und scheint ihnen Farbe aufzuhauchen. Teilnamslos für Alles um sie her, gänzlich versunken in ihre Andacht, so stellt sie das Gemälde dar. Ich wollte werden wie jene Beterin, die leichten Herzens ihrem Gotte dient, stumm an ihrem Grabe gräbt und ein „memento mori“ murmelt, wenn sie einer Mitschwester begegnet.

Als ich einmal von meiner Absicht verlauten ließ, geriet Doktor Vogler in arge Erregung. „Die barmherzigen Schwestern, die leisten Tüchtiges, Hut ab vorihnen. Die lehrenden Orden haben am Ende auch noch einen Zweck, obwohl — — aber die der „ewigen Anbetung.“ — Tagdiebe, die sich ihnen weihen, hirnverbrannte Köpfe, die reif sind für das Irrenhaus. Es ist eine strafbare Vergeudung der Kräfte, die in dieser Anwendung totes Kapital bedeuten, und der Menschheit nicht den geringsten Nutzen bringen. Eine Schädigung der Gesellschaft ist es, die von Jedermann das Recht hat, zu fordern, daß er ihr seinen Tribut leiste, in physischer oder moralischer Beziehung. Ein zweckloses, widerwärtiges Schauspiel, dieses Absterben bei lebendigem Leibe; ein Fanatismus, unschön und gefährlich, wie der der Derwische. Ja, das Leben soll man genießen, das ist natürlich und vernünftig.“

Welche verkehrte Auffassung der Dinge. Als ob der Körper, die Befriedigung der leiblichen Wünsche Alles wäre! — Eine unbequeme Hülle ist’s, die nur zu häufig unsere Seele hemmt, sich aufzuschwingen in reinere Sphären. Es schien mir so unfaßlich, daß es Leute gab, denen diese kurze Frist hieniden mehr oder gleichwert war mit der Ewigkeit. Eins nur war richtig: Zu büßen für begangenes Unrecht, unsere Schuld nach Möglichkeit abtragen, um der Pein des Fegefeuers zu entgehen; unser Inneres läutern und unausgesetzt fortschreiten auf dem Wege der Vollkommenheit.

***

„Freue Dich Seele, Dein Heiland ist frei von den Banden,Glorreich und herrlich vom Tode erstanden.Der im Triumphe vom Grab sich erhebt,Christus, Dein Heiland ist Sieger und lebt.“

„Freue Dich Seele, Dein Heiland ist frei von den Banden,Glorreich und herrlich vom Tode erstanden.Der im Triumphe vom Grab sich erhebt,Christus, Dein Heiland ist Sieger und lebt.“

„Freue Dich Seele, Dein Heiland ist frei von den Banden,Glorreich und herrlich vom Tode erstanden.Der im Triumphe vom Grab sich erhebt,Christus, Dein Heiland ist Sieger und lebt.“

„Freue Dich Seele, Dein Heiland ist frei von den Banden,

Glorreich und herrlich vom Tode erstanden.

Der im Triumphe vom Grab sich erhebt,

Christus, Dein Heiland ist Sieger und lebt.“

Ein lautes Jauchzen, drang es vom Chor herab und die Kirche prangte in glühendem Rot, der Farbe der Liebe.

Sechs waren wir an der Zahl, die zum erstenmale an den Tisch des Herrn traten. In bräutliches Weiß gehüllt, lange wallende Schleier und Blütenkränze auf dem Haupte, betraten wir das Gotteshaus, erfüllt von der hohen Bedeutung dieses Tages.

Draußen zwitscherten die Vögel und die Sonne sandte goldige Grüße durch die bunten Glasfenster. — „Ostern, Du herrliches, Du unvergleichlich schönes Fest! O Gott vergib’, daß es mir so gut gefällt auf dieser Welt; träufle Deine Gnade in mein Herz, erfülle es mit Sehnsucht nach Deinem Besitz.“

So flehte ich, so erhoffte und fürchtete ich das Sakrament.

Abermals erscholl die Orgel und der Kardinal im vollen Ornat trat mit seinem Gefolge an den Altar und schickte sich an, die Messe zu lesen. Ich verwandte keinen Blick von der Ceremonie. Wie festgebannt starrte ich auf das Tabernakel, in dem der Erlöser der Welt meiner harrte. „Laß’ meine Bitten aufsteigen zu dem Trone Deiner Majestät, gib mir der Engel Stimme, die Schönheit der Heiligen, um Dir Auge und Ohr zu entzücken, o Herr.“

Die Opferung hatte stattgefunden: es giengen große Dinge vor und zitternd vor Wonne und Angst sah ich dem heiß ersehnten Augenblick entgegen.

Lied S. 95

Leise, flüsternd fast, erklang zum erstenmal die Bitte, dann wurde sie immer lauter, eindringlicher, unwiderstehlich. Kalte Schauer überliefen mich, und meine Füße wankten, als ich an der marmornen Communionbank niederkniete.

„O Herr, ich bin nicht würdig, daß Du eingehst unter mein Dach.

Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“

Und während die Hostie meine Zunge berührte, schloß ich die Augen und sprach mit meinem Gotte. „Mein süßer Jesus, ich liebe Dich, Dich ganz allein. Verlaß’ mich nicht, steh’ mir bei und stärke mich in der Versuchung.“

Dann geht es in feierlicher Procession durch den Garten. Die wallenden Bandschleifen des goldgestickten Himmels in der Hand, so nahe der Monstranz, senkt sich eine weihevolle Ruhe in mein Inneres, als wäre ich nach langer, gefahrvoller Fahrt im sichern Hafen gelandet.

Von Nah und Fern ertönen die Osterglocken; verheißungsvoll und freudig, ernst und kindlich singen diese metalligen Stimmen durcheinander und dazwischen erschallt begeistert, frohlockend das Auferstehungslied. Es liegt nichts von der düsteren Schwermut der meisten Kirchengesänge in dieser Melodie. Jauchzend, beinah übermütig flattern die Töne zum blauen Äther empor, wie lebensfrohe, verliebte Schmetterlinge. Kein Wölkchen da oben — so lieblich blau das weite Himmelszelt und auf der Erde keimt und sproßt es im jungen Gras. Veilchen, Primeln, Butterblumen, so einfach und doch so berückend schön.

„Herr, Gott, der Du die Welt erschaffen, aus dessen Hand die abertausend Meisterwerke hervorgegangen, die Deine Geschöpfe erfreuen, der Du uns den Frühling sendest, die Lande zu schmücken, ich beuge das Haupt vor Deiner Macht. Laß’ mich Deine Schöpfung lieben, aber bewahre mich vor zu großem Wohlgefallen am Irdischen, damit es keine Schranke bilde zwischen Dir und mir. Gib’ mir kund Deine Ratschläge und erleuchte mich, auf daß ich Deinen Willen tue.“

Hierauf nahmen wir am festlich geschmückten Tisch das Frühstück ein. Goldgelbes Backwerk und duftendeChokolade standen bereit; um jeden Teller ein Kranz aus wilden Kirschenblüten. Das schmeckte herrlich. Die übersinnlichen Eindrücke traten in den Hintergrund, aber mit ihnen verflog auch die ruhige Stimmung, — um neuerdings einem peinigenden Grübeln Raum zu geben.

Weshalb wurde ich denn die sündhaften Vorstellungen nicht los? — Es war eine wahre Marter. Das nackte Christkindlein auf Sankt Antonius Arm brachte mich auf die Idee, daß wir Alle so auf die Welt kommen. Was hatte es nur für eine Bewandtnis mit den kleinen Kindern? — Es mußte etwas Unrechtes, Häßliches dabei im Spiel sein, weil man es geheim hielt, nie darüber sprach. Aber dann wäre ja auch die Mutter Gottes — ach, ich hielt es nicht aus!

Des Abends, als ich den weißen Kranz ablegte, schien er mir beim trüben Schein der Kerze gelblich und zerzaust, und ich breitete ein Tuch darüber, um ihn nicht zu sehen.

So schwer war es also, einen einzigen Tag nicht zu fallen.

Mein Gott vergib!

***

Doktor Vogler’s gelegentliche Ausfälle gegen die Klostererziehung hatten offenbar doch Eindruck auf Papa gemacht, denn er ersann kleine Zerstreuungen, um mich aus meinem dumpfen Hinbrüten zu reißen.

Im Grunde billigte er es sehr, wenn ein Mädchen den Schleier nahm, aber wenn man nur eine einzige Tochter hat, wenn man zudem daran denkt, in Pension zu gehen, sich ganz in seine vier Mauern zurückziehen, da kann man ein wenig Sonnenschein, ein junges frisches Geschöpf schwer entbehren. Gewiß. Mimi sollte brav und fromm sein — er vermochte nicht, diese beiden Begriffe zu trennen — aber nicht in’s Kloster gehen, sondern seine kleine Hausfrau spielen, im halbverfallenen Gespensterschloß bei Steindorf.

Als er mir zum erstenmale davon sprach, konnte ich ein gewisses Staunen nicht unterdrücken. Ich wußte, wie sehr Mama das Leben auf dem Lande haßte, und daß sie diesem Projekte nie zugestimmt hätte.

Übrigens mit der Ausführung des Planes hatte es noch Zeit. Ich brauchte ja noch zwei Jahre, um meine Erziehung zu vollenden.

Vorläufig gab es ab und zu kleine Zerstreuungen und die Evatochter verleugnete sich noch nicht ganz in der künftigen Nonne.

Robert, der in Wien studierte, besuchte uns allwöchentlich. Dann lauschte ich, die Hände im Schoß gefaltet, dem Gespräche der Beiden, das sich um die erbaulichsten Dinge drehte. Als zukünftiger Officier und als guter Katholik lautete sein Wahlspruch: „Mit Gott und mit dem Schwerte.“ Das imponierte mir. Wenn Papa bei festlichen Anlässen die Dragoneruniform trug,da begriff ich sehr gut, daß auch der Neffe den schmucken Rock erwählte. „Es ist doch der schönste Beruf,“ erklärte er bestimmt, und dann, es liegt mir so im Blute. Die Steindorf sind von jeher auf ihrem Posten gestanden, wenn es hieß das Vaterland zu schützen. Oh, es muß herrlich sein, so ein frischer fröhlicher Krieg, wenn die Rosse schnauben, die Kugeln pfeifen und ein lustiges Lagerfeuer brennt. Er hopste vor Begeisterung auf seinem Stuhl herum, klatschte mit den Handflächen auf die dicken Schenkel und stieß heisere Schreie aus, die an das „Schrecken“ eines Rehbockes erinnerten. Robert, mein Märchenprinz, hatte nicht gehalten, was er versprochen. Er machte einen unbedeutenden, etwas komischen Eindruck. Mittelgroß, eher untersetzt, blonde in die Stirn gekämmte Haare, wasserblaue Augen, so sah mein Vetter aus. Dabei aber von sich eingenommen und ein „Hochhinaus“. Wenn er erst Officier wäre! Das nimmt sich doch ganz anders aus als so ein schäbiger Civilist! Ja, glänzen wollte er, eine Rolle spielen, die Freiherrnkrone weithin schimmern machen, die arme Freiherrnkrone, auf der nur mehr eine ganz, ganz dünne Goldschicht lag, so dünn, daß es nur für 10 Gulden Taschengeld reichte und zur Pension bei „Mumelinkele“, so wurde nämlich seine Quartierfrau von ihren Angehörigen genannt. O, sie war eine entsetzliche Hexe und Robert wußte Schaudergeschichten zu erzählen, „die gewiß zu zwei Drittel wahr“ waren, wie er uns versicherte. — Im Aufschneiden warer nämlich unerreichbar: ein Blick zur Decke und er hatte die nettesten Geschichtchen erfunden. „Mumelinkele“ ging in einem Anzug aus Wachsleinwand herum, damit man die Flecke nicht so sehe, „Mumelinkele“ machte den Salat im Lavoir an und tischte ihren Kostgängern Leber von so ehrwürdigem Alter auf, daß selbst die Hunde sie verschmähten.

Mamas Antipathie gegen Alles was „Steindorf“ hieß, ging so weit, daß sie sich nur für ein paar Minuten zeigte, wenn Robert anwesend war. Sie blieb auch zu Hause, wenn wir zu Vieren — denn Doktor Vogler schloß sich uns an, so oft es seine Zeit erlaubte — Ausflüge in den Prater oder weiter in die Umgebung unternahmen. Ich bedauerte es nicht, denn ich entgieng dadurch der mir verhaßten Pferdebahn. Mama, die ungern Bewegung machte und die einen Wagen zu teuer fand, benutzte stets die Tramway. Mir war das Drängen der Menge, das Püffe austeilen und empfangen greulich: lieber wollte ich stundenlang bei strömendem Regen gehen, als mich in diesen dumpfigen Kasten einpferchen.

Die „christliche Demut“ hatte noch nicht vermocht, die böse Hoffart in mir zu ersticken. Und ich wollte den Genüssen der Welt entsagen, ich mit meinem angeborenen Sehnen nach den kleinen Raffinements des Lebens, nach Luxus und Eleganz? Da hieß es mutig kämpfen, lange, unverzagt. So viele Schlacken, so viele niedere Instinkte hafteten mir an; meine Eitelkeit wargrößer denn je und verfolgte mich bis in die dem Gebet geweihten Stunden.

Großmama hatte mir ein Kleid geschickt, ein Kleid! Weißer Battiste mit Fliedersträußchen und lila Schleifen. Dazu die ausgeschnittenen Schuhe und den Strohut! Wie da die Leute schauen würden! Ach, wenn es nur schon Sonntag wäre!

Meine kühnsten Erwartungen wurden übertroffen. Papa nickte mir sehr befriedigt zu, die Andern zollten mir lebhaften Beifall, nur Robert stand da mit weitaufgerissenem Mund und schien sich noch immer nicht von seinem Staunen erholt zu haben. Endlich fand er die Sprache wieder und benützte sie, um mir die schmeichelhaftesten Dinge zu sagen. Im Grunde genommen, waren es die armseligsten Banalitäten, aber damals! — — Das erste Kompliment! Der Backfisch verliert etwas von seiner Unbefangenheit, beginnt zu ahnen. Die Wangen glühen, die Augen leuchten und er geht so leicht, so schwebend. Weshalb? — Die Puppe, die unter Blättern verborgen, den Winter verbracht, das unbeholfene formlose Ding hat die Hülle gesprengt, und fühlt sich „Schmetterling.“ Der reckt die zarten Flügel und flattert davon in den blauen Morgen, in den nächsten Garten, zu der schönsten Blume. Betäubt von dem Dufte ihres Atems, unwiderstehlich angezogen von der Pracht ihrer Farben, küßt er den rosigen Kelch. — Er küßt und küßt immer wieder — — — er kann es nicht mehrlassen. — Und die Blumen lächeln — und die Blumen weinen.

Robert schien ordentlich stolz auf mich zu sein, denn er wich nicht von meiner Seite, sah die Vorbeigehenden mit herausfordernder Miene an und maß alle jungen Mädchen mit höchst geringschätzenden Blicken.

„Das nennt man Belagerungszustand“, erklärte Doktor Vogler und Papa versetzte belustigt: „Ja, was ein Hacken werden will, krümmt sich beizeiten.“ Er war überhaupt in bester Laune, wie es sich für einen „Wurstelprater Nachmittag“ gehört.

Wir fuhren auf der Rutschbahn und im Ringelspiel, schossen nach der Scheibe, besahen uns Taucher und Zwerge und soupierten in einer Restauration. Die Musik spielte, dienstbeflissene Kellner trugen enorme Tassen herum, und ein Duft von Braten und Citrone verdrängte zeitweilig den würzigen Hauch der frühjahrlichen Natur. Schneeige Kastanienblüten hüpften wie kecke kleine Ballerinen zur Erde und die Gasflammen flackerten unstät in der Abendluft. Das laute Sprechen und Gelächter der zahlreichen Gesellschaft übertönte gar häufig die bald übermütigen, bald schwärmerischen Wienerweisen.

Robert schlang mit Heißhunger und Wonne die gereichten Portionen hinunter, und als er damit zu Ende, sah er mich mit schwimmenden Äuglein an, in denen es wie tröstliche Verheißungen lag: „Jetzt kommst Du wieder an die Reihe.“ Auch mir war der Wein etwas zu Kopfegestiegen, oder war es die laue Frühlingsnacht, die süßen Melodien, der Siegesrausch, den jedes Mädchen empfindet, wenn es sich seiner Jugend und Schönheit bewußt wird?

Durch die dunklen Laubgänge traten wir den Heimweg an. Der Vetter bot mir galant den Arm — offenbar fühlte er sich wieder mein Beschützer wie in unserer Kinderzeit — und seine Gedanken flogen zurück in die Vergangenheit.

Reminiscenzen „es war einmal.“ Ein Zauber von Poesie liegt über den ängstlich geflüsterten Worten. Man wagt es ja nicht, laut zu sprechen, aus Furcht, das Phantasiegebilde könne bei einer etwas derben Berührung in Staub zerfallen.

Du unerforschliche Hexenmeisterin, von den Menschen Zeit genannt, die Du ewig bist, die Du schon längst im Grabe ruhst, uns wie unser Schatten verfolgst und Dich ins Unendliche verjüngst, wie viel Thorheit, wie viel namenlose Thorheit ruht in Deinem Schoß! — Wärest Du ein lebendes Wesen, Du müßtest lachen, lachen bis Dir die hellen Tränen herunterrinnen, lachen ohne Unterlaß.

„Weißt Du noch wie wir „Dornröschen“ spielten?“

„O ja, aber das ist schon lange her. Du warst der Prinz.“

„Ja, Mimi, und dann — heirateten wir uns.“

„Ja damals!“ Und ich setzte eine würdevolle Miene auf.

„Warum betonst Du das „damals“? Wäre es denn so unmöglich?“

Sein Beharren irritierte mich und als er versuchte, meinen Arm an sich zu drücken, machte ich mich los. — Die festliche Stimmung war verraucht und der Robert langweilte mich. Es war wohl der bittere Nachgeschmack, der jedem weltlichen Vergnügen auf der Ferse folgt. Ich zürnte dem Vetter, daß er mich aus meinem qualvollen, aber doch gottgefälligen Innenleben herausgerissen und da kam mir wie von selbst die Antwort.

„Ich heirate überhaupt nicht.“

„Das sagt ein jedes Mädchen“, versetzte er mit Überlegenheit.

„Nun gut, Du wirst ja sehen.“

Unsere Wege trennten sich und während ich die steilen zwei Stockwerke zu unserer Wohnung erklomm, wurde ich die Vorstellung nicht los, daß ich neuerlich Sünden begangen, für die mir wieder einmal kein Name einfiel. Und an all’ dem war dieser dumme Robert Schuld gewesen.

***

„Weißt Du auch mein Kind, daß Du auf dem besten Wege bist, eine Egoistin zu werden. Deine Gedanken drehen sich um eine einzige Person, und das bist Du. Sei nicht so kleinlich, vergiß nicht ob dem eigenen „Ich“ die Interessen der streitenden Kirche: bete für die Sünder, die Ungläubigen. Wenn Du dem Heiland eine einzigeSeele zuführst, tust Du ein viel verdienstlicheres Werk, als wenn Du Dich mit unnützen Bedenken abquälst.“

Und übereinstimmend mit Mère Walters Ermahnungen lautete das Evangelium, das uns der Geistliche von der Kanzel herab verkündete.

„In der Zeit sprach der Herr Jesus: Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe. Der Mietling aber, der kein Hirt ist, und dem die Schafe nicht zugehören, sieht den Wolf kommen, verläßt die Schafe und flieht; und der Wolf raubt und zerstreut die Schafe. Der Mietling flieht, eben weil er Mietling ist und ihm an den Schafen nichts liegt. Ich bin der gute Hirt und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben für meine Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, welche nicht aus diesem Schafstalle sind; auch diese muß ich herbeiführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird Ein Schafstall und Ein Hirt werden.“.

Nie vorher war mir dieses Evangelium so schön erschienen ... Oder hatte es mir nur an dem nötigen Verständnis gefehlt? — — Wie leises Zephirsäuseln, wie das Streicheln einer weichen Hand berührten mich die schlichten Worte: sie lösten die harte Rinde, die mein Herz umgaben und eröffneten es dem Geist der Liebe.

„Doktor Vogler“. Wie eine Eingebung von oben, wie die Stimme einer anderen Welt tönte dieser Namedurch mein Inneres. Was hatte es nur für eine Bewandtnis damit? Im ersten Augenblick verblüfft, begriff ich alsbald. — Gehörte doch auch er zur Schaar der „Verlorenen“. Er hatte den Glauben seiner Kindheit, diesen starken Steuermann, über Bord geworfen und leitete allein das Fahrzeug. Früher oder später mußte es versinken in schwarze, schwarze Tiefe. Wie war es nur möglich, daß ich nicht schon längst daran gedacht? Wann mochte er wohl zum letztenmale bei der Beichte gewesen sein? — — Ja, ich wollte, ich mußte ihn den Krallen des Bösen entreißen und in die heilige Kirche führen. — — Noch war es nicht zu spät — er hatte ja selbst wiederholt gesagt, daß jeder Arzt, auch wenn er das unbarmherzige Todesurteil ausgesprochen, einem Hoffnungsschimmer Raum läßt, der erst mit dem letzten Atemzug des Kranken erlischt.

Wie er überhaupt so gütig war, so voll Mitleid gegen seine leidenden Mitmenschen! „Es ist das Schrecklichste, an einem Schmerzenslager zu stehen und nicht helfen zu können.“ Und da er so warm empfand, so oft uneigennützig Hilfe spendete, — wie konnte er so „sündhaft“ sein? Vielleicht bedurfte er gar nicht des Glaubens. — O Gott, vergib den Zweifel — vielleicht war er besser als so mancher Frommer!

Aber, — wenn er plötzlich stürbe! Es war nicht unmöglich: er litt an einem Herzleiden — wenn er — ohne zu bereuen — und bei diesem Gedanken erfülltemich ein Weh, so peinigend, so tief, daß es mir einen Seufzer erpreßte: „Du lieber, barmherziger Gott, schenk’ ihm die Gesundheit, erhalte ihn am Leben. Dir empfehle ich auch seine Seele: Du, die Vollkommenheit selbst, der Du die Sünder liebst und die Gefallenen stützest, laß auch dieses Schäflein nicht zu Grunde gehen.“

Ja, ich wollte ihn bekehren und lebte nur mehr dieser Idee. Aber wie beginnen? Ein unvorsichtiger Schritt konnte das Ganze verderben. Und dann, würde ich den Mut besitzen, zu sprechen?

Nein, es war klüger, zu warten, bis sich eine geeignete Gelegenheit bot.

***

Ein erdrückend schwüler Nachmittag. Ich flüchtete in das nahe von Steindorf gelegene Wäldchen, in dessen Mitte, von Tannen umwölbt, eine kleine Kapelle steht. Kein Sonnenstrahl drang in dies Heiligtum: es war so kühl und still. Leise knisternd rieben sich die dunklen Zweige an dem Gitterwerk der Fenster, sonst kein Ton, kein Laut, als sei die Welt in weiter, weiter Ferne.

Ich war allein mit meinem Gotte und klagte ihm meine Not. „Hilf, rette, rette ihn.“ Ein Schrei, waren mir diese letzten Worte entfahren und ich hatte gar nicht bemerkt, daß in demselben Augenblicke Jemand die Kapelle betreten.

„Mimi.“ Beim Klang dieser Stimme fuhr ich zusammen. Die Hände auf das stürmisch pochende Herzgepreßt, frug ich kaum hörbar: „Weshalb sind Sie gekommen? Was wollen — Sie — hier?“

„Der Zufall führte mich her, vielleicht auch ein wenig Absicht. Sie schienen mir in letzter Zeit verändert, als ob Sie einen Kummer hätten. — — Und da suchen Sie Trost bei den steinernen Heiligen? Die sollen retten, helfen?“

Ich rang vergeblich nach Worten: die unausgesetzte Spannung meiner Nerven machte sich in lautem Schluchzen Luft. „Seien Sie nicht grausam, quälen Sie mich nicht“, stammelte ich flehend, „ich habe ja — für Sie gebetet“.

„Für mich?“ Einen Moment blieb es still. Dann beugte er sich über mich und frug mit eigentümlich bewegter Stimme, während er meine Hand ergriff: „Sie wollten mich dem Teufel rauben. Ist’s nicht so? Ich gehöre also in die Hölle?“

„Wenn Sie nicht glauben.“

„Und Sie denken immerfort an diese düsteren Dinge, statt sich des schönen Lebens zu freuen?“

„Aber wir können ja jede Minute sterben.“

„Ah, Sie meinen mein Leiden! — Es gibt Leute, die mit einem Herzfehler hundert Jahre alt werden.“

„Nein Sie dürfen nicht in die Hölle kommen“, versetzte ich in kindlicher Beharrlichkeit. „Und sterben auch nicht, noch lange nicht“, und neuerlich rannen mir die Tränen über die Wangen.

„Das täte also diesem kleinen Herzen weh? Liebe, gute Mimi.“ Und ehe ich es verhindern konnte, trockneteer mir mit seinem Taschentuch die Tränen. „Nein, ich will noch lange nicht sterben.“

„Und auch nicht in die Hölle kommen?“

„Aber wenn Sie im Himmel sind. Dort gibt es ja kein Leid und kein Bedauern. Sie würden mich wohl kaum vermissen.“ Er sagte das mit jenem leisen Anflug von Ironie, der ihm eigen war, wenn er von religiösen Dingen sprach.

„Es täte mir nicht leid? — Aber wie“ — — hier unterbrach ich mich, denn es fiel mir ein, daß der Katechismus in der Tat jene Behauptung aufstellt.

„Merken Sie den Widerspruch?“

Doch schon hatte ich meine Festigkeit wiedergefunden. „Es gibt Dinge, die unser Geist nicht faßt. Wir dürfen nicht forschen.“

„Ja wenn man der Vernunft gebieten könnte, Winterschlaf zu halten!“

„Lästern Sie nicht. Es tut mir weh, Sie so sprechen zu hören.“ Und einem Instinkte folgend, löste ich das Goldkettchen mit der Marienmedaille von meinem Halse und reichte es ihm hin. „Bitte, tragen Sie es immer, ja?“

„Gewiß, Mimi“, versetzte er einfach und feierlich zugleich.

Ich hätte aufjubeln mögen. Der wichtigste, der erste Schritt war getan.

***

Von nun an trafen wir uns wie auf Verabredung fast täglich in Garten oder Wald. Das leise Rauschen in den Wipfeln, der Drosselsang, dieser ganze weiche, schmelzende Chor, der Duft von Harz und Kräutern, es sprach mir zum Gemüt, und mein Begleiter las in meiner Seele.

„Läge es nicht näher, hier seine Andacht zu halten, als in der kalten düsteren Kirche? Können Sie sich einen schöneren Tempel denken, als den grünen Wald? Blicken Sie um sich — Alles so einfach und doch so genial dabei. Keine gekünstelten Effekte, keine unwahren Schattierungen. Ein Bild, von einer kühnen Meisterhand geschaffen. Da ist alles so klar, jeder Strich berechtigt, keine unentwirrbaren Hieroglyphen.“

„Sie spielen auf die Dogmen an.“

„Vielleicht.“

„Nennen Sie mir eines, das Ihnen unwahrscheinlich vorkommt.“ Ich hatte mich im Voraus mit schlagenden Erwiderungen, unanfechtbaren Beweisen gewappnet und konnte es kaum erwarten, ihm zu imponieren.

„Nehmen wir die Dreifaltigkeit zum Beispiel.“

„Das begriff ich auch erst, als Mère Walter es uns durch ein Gleichnis erklärte. Eine Kerze. Die ist ein einheitliches Ganzes, besitzt aber Form, Licht und Wärme, gewissermaßen Eigenschaften, eine, Folge der anderen.“

„Pardon, aber der Vergleich hinkt arg. Die Form besteht, auch ohne Licht — die drei Personen sollen aberunzertrennlich sein, keine älter als die andere. Und nach Mère Walters Auslegung hätte man sie als Großvater, Vater und Enkel zu betrachten.“ Und da er meine Verlegenheit gewahrte. „Suchen wir irgend einen anderen beliebigen Glaubenssatz. Die Unfehlbarkeit des Papstes.“

„Ja. Daran zweifeln Sie auch?“

„Einen Menschen, der nicht dem Irrtum unterworfen ist, gibt es nicht. Christus selbst hatte Momente des Zweifels, der Entmutigung. — Kennen Sie denn die Geschichte der Päpste? — Nein, das dacht’ ich mir. Im Kloster, da zeigt man Ihnen den ganzen kirchlichen Apparat, mit Allem was drum und dran ist, nur von der schönsten Seite. Nicht wahr, man hat Ihnen erzählt, daß die Päpste durchwegs höchst ehrenwerte, tugendhafte Persönlichkeiten waren? Lesen Sie einmal eine unparteiische Schilderung und Sie werden sich vom Gegenteil überzeugen. Hoffahrt, Mißgunst und andere Leidenschaften der niedersten Sorte, sie waren vielen dieser Oberhäupter nur zu wohl bekannt.“

„Sie sind ja auch nicht als „Mensch“ unfehlbar, sondern nur, wenn sie eine Lehreex catedraverkünden.“

„Wenn sie also heute verkünden, es sei Todsünde, der Kirche die Hälfte seiner Einkünfte zu verweigern?“

„Dann ist es so. Übrigens können sie nie etwas Unrechtes verlangen, da sie der heilige Geist erleuchtet.“

„Aha, und früher haben sie geirrt. Um die Autorität an sich zu reißen, haben sie den heiligen Geist ins Treffengeführt. Sehr klug, sehr schlau erdacht und Sie heißt man das nachreden wie die Papageien. Es ist empörend, wie man Sie als willenloses Werkzeug benützt, Ihre Phantasie mit dem verworrensten unsinnigsten Zeug anfüllt. Sie selber können nichts dafür. Es ist vielleicht sogar Unrecht von mir,“ fügte er milder hinzu, „daß ich den Zwiespalt in Ihre Seele trage — aber dann handle ich auch schlecht, wenn ich dem Blinden das Augenlicht wiedergebe. Wie viel Schönes, wie viel Beglückendes entgeht Ihnen — es ist jammerschade. Da liegen die Schätze aufgespeichert und Sie dürfen nicht zugreifen, weil es Sünde ist. Armes Kind.“ Und da er mein betrübtes Gesicht sah: „Ich wollte Sie nicht kränken; aber wenn ich so bedenke, was bei richtiger Behandlung aus Ihnen werden könnte, — — — sagen Sie, Mimi, Sie haben doch die Überzeugung, daß ich es gut mit Ihnen meine?“

Da, ich weiß nicht wie es kam, hab’ ich seine Hand genommen und mit den Lippen berührt.

„Aber Mimi.“ Er sprach es mit großen staunenden Augen. Sie waren wundervoll, diese Augen, leuchtend und braun.

***

„Weißt Du auch, Bäschen, daß Du mich furchtbar schlecht behandelst?“ fragte mein Vetter Robert entmutigt. „Kaum, daß man Dich alle heiligen Zeiten einmal zu Gesicht bekommt und da bist Du auch schonwieder unter irgend einem nichtigen Vorwand verschwunden. Aber wart nur, jetzt laß’ ich Dich nicht so bald wieder los. Da schau’, ich halte Dich“ und er zupfte mich neckisch am Zopf. Soll ich Dir mein neuestes Gedicht declamieren?“ Und ohne meine Antwort abzuwarten. „An Mimi“ heißt es.


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