„Von was soll ich denn singen,Mir ist so weh ums Herz,Dem Lenz kann ich nur bringen,Ein Lied von Lieb und Schmerz.Wohl viele Sänger sangen,Im Frühling ist ’s gut lieben,Und Herzen, die nie hangen,Im Mai doch hängen blieben.Und wenn der Liebe Wunde,Nicht deckt mehr weißer Schnee,In sonn’ger Lenzesstunde,Da tut sie doppelt weh.Zu Dir möcht’ ich dann eilen,Du LenzesköniginUnd immer bei Dir weilen,Nie mehr von dannen zieh’n.“
„Von was soll ich denn singen,Mir ist so weh ums Herz,Dem Lenz kann ich nur bringen,Ein Lied von Lieb und Schmerz.Wohl viele Sänger sangen,Im Frühling ist ’s gut lieben,Und Herzen, die nie hangen,Im Mai doch hängen blieben.Und wenn der Liebe Wunde,Nicht deckt mehr weißer Schnee,In sonn’ger Lenzesstunde,Da tut sie doppelt weh.Zu Dir möcht’ ich dann eilen,Du LenzesköniginUnd immer bei Dir weilen,Nie mehr von dannen zieh’n.“
„Von was soll ich denn singen,Mir ist so weh ums Herz,Dem Lenz kann ich nur bringen,Ein Lied von Lieb und Schmerz.Wohl viele Sänger sangen,Im Frühling ist ’s gut lieben,Und Herzen, die nie hangen,Im Mai doch hängen blieben.Und wenn der Liebe Wunde,Nicht deckt mehr weißer Schnee,In sonn’ger Lenzesstunde,Da tut sie doppelt weh.Zu Dir möcht’ ich dann eilen,Du LenzesköniginUnd immer bei Dir weilen,Nie mehr von dannen zieh’n.“
„Von was soll ich denn singen,
Mir ist so weh ums Herz,
Dem Lenz kann ich nur bringen,
Ein Lied von Lieb und Schmerz.
Wohl viele Sänger sangen,
Im Frühling ist ’s gut lieben,
Und Herzen, die nie hangen,
Im Mai doch hängen blieben.
Und wenn der Liebe Wunde,
Nicht deckt mehr weißer Schnee,
In sonn’ger Lenzesstunde,
Da tut sie doppelt weh.
Zu Dir möcht’ ich dann eilen,
Du Lenzeskönigin
Und immer bei Dir weilen,
Nie mehr von dannen zieh’n.“
Ich sah von weitem Doktor Vogler und meine Blicke folgten seiner Gestalt.
„Nun?“ Robert fühlte sich offenbar beleidigt, da ich kein Wort der Anerkennung sagte.
„Ah so, ich hatte den Schluß überhört. Verzeih Robert, jetzt muß ich fort, ich habe dringend mit Doktor Vogler zu sprechen,“ und ich eilte davon. Schon erwachte etwas von der weiblichen Coketterie in mir. Das Mädchen, das sich begehrt weiß, ohne die Neigung zu erwidern,gleicht bisweilen der Katze, die mit der Maus Ball spielt und sich an der Qual ihres Opfers weidet. Ich sah nur noch Robert’s wutverzerrtes Gesicht und hörte ihn spöttisch rufen: „Ah so, das ist’s — ich gratuliere.“
Die Mittagsonne brannte und wir bogen in den Buchengang ein, der sich einer Kuppel gleich zu unsern Häuptern wölbte. Vor einem Beete roter Nelken blieben wir stehen. Es ging eine Glut, ein Leuchten von diesen Blumen aus, die mich fascinierten. Satte, schwüle Farben, üppige, reife Schönheit. Ich bückte mich und pflückte eine, die ich wie spielend durch die Finger gleiten ließ.
Er sah mich lächelnd an: „So teilen Sie auch meine Vorliebe für diese Blumen? Mir scheinen sie eine Verkörperung von Lebenslust, von Frohsinn und Genuß. Wer ihre Sprache versteht! — — Ja, Mimi, glauben Sie mir, es erwartet Sie noch viel, unendlich viel Schönes — da draußen im Leben. Wie alt sind sie eigentlich. Vierzehn Jahre?“
„Schon vorüber.“
„O in diesem Alter gibt man gerne zu: später möchte man abziehen. — Dort, sehen Sie, die melancholische, carrierte Gestalt? Macht Ihnen Ihr Vetter sehr den Hof?“
„Aber!“ Bei dieser unerwarteten Frage schoß mir das Blut siedendheiß in die Wangen. Ich wäre am liebsten auf- und davon gelaufen, und zerzupfte in nervöser Hast die Nelke.
„Was kann denn die arme Blume dafür?“ Er bog den Rand meines Hutes etwas auf und sah mir forschend ins Gesicht: „Und Sie, ahnen Sie, was Liebe ist?“
Ich schwieg, aber in meinen Augen las er die Antwort. Er trat einen Schritt zurück, und frug dann mit unendlich weicher Stimme: „Wirklich, Mimi?“
„Ja.“
Sonnenfunken zitterten in den Zweigen und eine Lerche schwang sich in die Luft, dem Herrn der Welt die Botschaft zu verkünden, daß sich seinem uralten Gesetze zufolge zwei Menschenkinder in Liebe gefunden.
Der erste Kuß! — Noch in späten Jahren verklären sich die Züge der Greisin in sanfter Wehmut, wenn sie der Vergangenheit gedenkt. Ein seliges Vergessen, ein Traum, ein Rausch, eine Wonne ohne gleichen. Der Himmel lacht, die Engel weinen Freudenthränen.
Ja, war’s denn möglich? Ich blickte scheu zu ihm empor, die Hände auf die Brust gepreßt, wie um es festzuhalten, das große, große Glück.
***
„Ob es wohl Sünde war?“ Diese Idee verfolgte mich unablässig. Bei Tag trieb sie mich hinaus aus dem Zimmer, fort, fort ins Freie. Ich meinte zu ersticken. Stundenlang irrte ich im Wald herum, rastlos, ziellos. Des Nachts setzte sich das Quälgeistchen an meine Seite und gab mir keine Ruhe. Es kicherte, zog mich bei der Decke, daß ich mir nicht zu helfen wußte.
Tante Laura merkte, daß etwas Ungewöhnliches mit mir vorgehe: „Mimi, hab’ Vertrauen zu mir.“ Und wie ich in dies abgehärmte, ergebene Gesicht blickte, da schüttete ich ihr mein Herz aus, gerade so wie damals, als ich noch ein kleines Mädchen war.
„Sünde ist die Liebe niemals“, versicherte sie mir ernst. „Um in Deinem Sinne, in Deiner Sprache zu reden, Gott selber hat diesen Trieb, die Sehnsucht nach einem zweiten Wesen in unser Herz gelegt und es wäre unnatürlich, wenn er sich nicht früher oder später äußerte. „Heimlichtuerei“ meinst Du? Deine Fragen sind oft schwer zu beantworten. Der Zauber der Poesie liegt gar häufig im Verborgenen, im Geheimnis. — — Übrigens so eine erste Neigung lebt oft nicht länger wie eine Eintagsfliege“, und da ich eine protestierende Geberde machte: „Wozu sich über Dinge den Kopf zerbrechen, die zu keinem Resultate führen. In einigen Jahren reden wir darüber, ja? Bis dahin kann sich Manches geändert haben.“
„Also Sünde ist es nicht?“
„Nein, nein. Aber wenn ich Dir einen guten Rat geben soll, trachte Dir Vincenz aus dem Kopf zu schlagen. In denke, mit etwas gutem Willen wird es gehen, jetzt leichter wie später. Eine im Keim erstickte Neigung gleicht einer leichten Operation, während, wenn sie Wurzel faßt, das geht oft tief. Du stehst mir ja nahe, Mimi, und ich möchte Dich vor trüben Erfahrungen bewahren.Besser die Wunde blutet tüchtig, als die Narbe heilt nie. — Übrigens, es ist ein wohlgemeinter Rat.“
„Ach Tante, ich hab’ ihn so lieb. Ich will ja nichts Anderes, als daß es immer so bleibt.“
Wenn er mich mit bebendem Arm umschlang, dann lehnte ich beseligt den Kopf an seine Schulter. Ich hörte das ungestüme Pochen unserer Herzen und ein heißer Strom, durchrieselte es meine Adern. Und doch, ich hätte nicht vermocht, den eigentümlichen Zauber zu definieren, den er auf mich ausübte. Lag es in seinem Blick, seiner Stimme, der nonchalanten Art seiner Bewegungen? Alles im Verein vielleicht; selbst das etwas herbe Parfum, das seinem Taschentuch entströmte, der Schnitt seiner Anzüge, die eleganten Hände.
Und er sollte dem Bösen verfallen sein? Mehr denn je beseelte mich der Wunsch, ihn zu befreien. Doch hatten wir die Rolle bei unseren Diskussionen vertauscht. Er sprach mehr, ich immer weniger; er war zu höflich um direkt zu widersprechen, aber er zwang mich zu denken und da zerfiel unmerklich mein Kartenhaus. Es hatte auf zu lockerer Basis gestanden: der erste Sturm fegte es spielend hinweg. Noch gestand ich mir’s nicht ein, doch ich fühlte das Herannahen der Katastrophe. Unaufhörlich nagte der Wurm des Zweifels an meinem Innern: die so lange zurückgedrängte Vernunft war erwacht und machte ihre Rechte geltend. — Wie eine Ertrinkende rang ich mit den Wellen: es war ein ohnmächtiger Kampf mit dunklenGewalten. In meiner Verzweiflung rief ich die Heiligen zu Hilfe, doch sie erhörten mich nicht. Und wie, wenn Vincenz Recht hätte, wenn ich bis dahin in finsterer Nacht gewandelt war, in ein Lügennetz verstrickt und erst jetzt der Erlösung entgegengieng, der Erlösung durch die Wahrheit? — — — Und wenn ich lange meinen Kopf angestrengt, breiteten sich dichte Nebel vor mein Auge und eine Müdigkeit überkam mich, wie ich sie bis jetzt nicht gekannt.
***
Es war ein heißes, blutiges Ringen gewesen um den Glauben, ein Ringen auf Leben und Tod — und ich unterlag. Monat um Monat war vergangen und der Tag gekommen, an dem ich das Kloster verließ.
O, endlich, endlich frei! Du junges Morgenrot, Du große schöne Welt, jetzt seid ihr mein! Wie eine Zentnerlast fiel es mir vom Herzen; vorbei die Zeit der Verstellung und der Heuchelei. Wie schwer war es mir oft geworden, mich zu beherrschen, nicht mitten in der Predigt aufzuspringen und zu rufen: „So glaubt doch nicht, es ist nicht wahr!“
Die Flut war hoch gegangen und hatte anfänglich mit ihrem Toben und Brausen alles Andere übertönt: jetzt trat die Ebbe ein und ich fand kostbare Perlen am Meeresstrand. Sie schillerten und strahlten in den schönsten Farben und ihr Besitz beglückte mich. Ich hütete meinenSchatz, verbarg ihn sorgfältig vor aller Augen, sagte nicht einmal Vincenz davon. Doch er erriet mein Geheimnis mit dem Blick der Liebe, die auf dem Grunde der Seele zu lesen versteht. Mit der neuen Erkenntnis kam tiefe Ruhe und Zufriedenheit über mich: sie spiegelten sich in meinem Gesichte, in meinem ganzen Wesen wieder. — Ich fürchtete keinen zürnenden, rächenden Gott: ich wollte gut sein, nicht des Lohnes halber, sondern aus Freude daran und ich betrachtete die ganze Welt in neuem Lichte. Ich wandelte nicht mehr auf steinigem, zerklüftetem Wege, nein vor mir lagen sie, die verlockenden, sonndurchglückten Blumenpfade. Das Labyrinth, in dem ich mich zu verirren gedroht, war vom Erdboden verschwunden und es schien mir unfaßlich, daß ich der plumpen Falle so spät entkommen war.
Himmel und Hölle! Daran hatte ich geglaubt. Spuckgeschichten, Ammenmärchen. Und all das Andere!
„Mimi Steindorf“, ich sagte mir mit einer gewissen Ironie, „nicht mehr Mittelpunkt des Weltalls, um den sich Alles dreht; nur ein verschwindend kleiner Teil des Ganzen, und doch niemals „Nichts.“ Du verlierst das individuelle Bewußtsein, aber verschwinden kannst Du nicht. Was in Dir den geistigen Menschen, Dein höheres Ich ausmacht, nenn’ es Seele, wenn Du willst, aber denk’ Dir darunter kein Schemen, das beim letzten Atemzug vor Gottes Richterstuhl fährt und den Körper erst am jüngsten Tage wieder bezieht. Heiße es „Kraft“ undversuche nicht, den Stoff, die Materie davon zu trennen — es wäre sinnloses Vorgehen; denn eins bedingt das andere. Im Grunde genommen, bist Du nichts anderes als eine Uhr. Ein zu heftiger Druck, ein Stäubchen, das zufällig ins Gehäuse geraten: die Feder ist abgedreht, die Uhr bleibt stehen, ohne daß sie deshalb aufhört, zu sein. Man kann sie in ihre einzelnen Bestandteile zerlegen, sie auf ihre ursprünglichen Stoffe zurückführen: die Form erleidet eine Veränderung, die einzelnen Teilchen aber können nicht vernichtet werden.
„Findest Du dieses Gedicht nicht schön, Mimi? Der jüngere Dumas hat Recht. So will ich’s auch einmal“, und Vincenz las mir vor:
„Je ne veux pas, quand je mourrai,Que l’on me mette au cimetière.Au milieu d’un champ labouréSous un sillon, que l’on m’enterre!Vivant, je n’aurai su rien faire,Mais je m’en irai consoléSi mort, je puis rendre à la terreDe quoi produire un grain de blé.“
„Je ne veux pas, quand je mourrai,Que l’on me mette au cimetière.Au milieu d’un champ labouréSous un sillon, que l’on m’enterre!Vivant, je n’aurai su rien faire,Mais je m’en irai consoléSi mort, je puis rendre à la terreDe quoi produire un grain de blé.“
„Je ne veux pas, quand je mourrai,Que l’on me mette au cimetière.Au milieu d’un champ labouréSous un sillon, que l’on m’enterre!Vivant, je n’aurai su rien faire,Mais je m’en irai consoléSi mort, je puis rendre à la terreDe quoi produire un grain de blé.“
„Je ne veux pas, quand je mourrai,
Que l’on me mette au cimetière.
Au milieu d’un champ labouré
Sous un sillon, que l’on m’enterre!
Vivant, je n’aurai su rien faire,
Mais je m’en irai consolé
Si mort, je puis rendre à la terre
De quoi produire un grain de blé.“
Nein, keine Pilgerfahrt durch das Thal der Tränen, ein dauerndes Sein. Das mußte zu edlen Taten aneifern, bewirken, daß wir uns heimisch fühlen hieniden; das mußte das Bewußtsein der Verwandtschaft mit der ganzen Natur, einer engen Zusammengehörigkeit erzeugen, stark genug, die düsteren Schreckensbilder auf immer zu verscheuchen.
***
Der Winter hatte seinen Einzug gehalten. Ein eisiger Wind wehte: er seufzte und stöhnte, wie ein Geist, der keine Ruhe findet. Unaufhörlich wirbelten die weißen Flocken nieder, regelmäßig, nimmermüde. Und ringsumher, so weit das Auge reichte, eine hohe Schneedecke. Ab und zu lugte die Sonne hinter Wolken hervor, und dann funkelte es auf Baum und Strauch, als hätte eine verschwenderische Hand Millionen Diamanten ausgesäet. Krächzende Raben flogen auf und umkreisten unsern Schlitten. Die rauhe Luft versengte mir Wangen und Finger. Ich hüllte mich fester in die Pelzdecke und lauschte der lustigen Schellenmusik. — So ein Winter auf dem Lande, das mußte herrlich sein ... Schade, daß es nur ein kurzer Besuch war.
Im gemütlichen Billardzimmer saßen Großmama und Hannerl am Kamin und banden schwarze Schleifen an die Wachskerzen der Kapelle, für die Allerseelenmesse.
Nächtlicherweile wandte sich der Wind und tagsdarauf trat Tauwetter ein. Papa holte mich zu einem Spaziergang ab, und wir giengen durch den Wald. Es war fast lau, und von den Bäumen rieselte es im Takte nieder.
„Eine ungesunde Temperatur; um diese Zeit gibt es die meisten Krankheiten“, bemerkte Papa. „Eine abscheuliche Sache, das Kranksein.“
Wir waren auf dem Friedhof angelangt. Wie seltsam dieser Garten mitten im Winter! An den Frühlingmußt’ ich denken, wenn der Flieder blüht und Leuchtkäfer schwirren. — — Das ganze Dorf war hergepilgert, um seinen Toten ein inniges Gebet zu weihen, eine stille Träne nachzuweinen. Kränze, Perlenkronen, Lichter um jedes Kreuz. —
Ganz abseits aber, hart an der Mauer, lag ein verwahrlostes Grab, ohne Inschrift, ohne Blumenspende. Ich äußerte mein Befremden darüber.
„Es ist ein Jägerjung, der einen Selbstmord begangen und darum kein Anrecht auf geweihte Erde hat“, erklärte mir Papa.
„Sich umgebracht. Der Arme! Da muß er wohl recht unglücklich gewesen sein?“
„Die Leute sagen so — eine Liebesgeschichte.“
Es war zum erstenmale, daß Papa dieses Wort vor mir ausgesprochen: bisher hatte er es fast ängstlich vermieden. Ich blickte ihn unwillkürlich an. Er brach ein Tannenreis ab und legte es in sein Notizbuch. Ein weicher, gütiger Ausdruck lag auf seinem Gesicht — er wandte sich nochmals um — dann traten wir den Heimweg an.
„Mimi.“
„Ja, Papa.“
Er schob seinen Arm unter den meinen. „Du bist doch jetzt ein großes verständiges Mädchen, mit dem man über ernste Dinge reden kann?“ In seinem Ton lag etwas, das mir wehe tat. „Es ist nur für alle Fälle,erschrick nicht,“ fügte er beschwichtigend hinzu. „Wenn mir nämlich etwas zustoßen sollte —“
„Nein, nein, sprich nicht davon,“ fiel ich ihm ins Wort und Tränen traten mir in die Augen. Da er so vertrauensvoll, fast zaghaft zu mir redete, erwachte zum erstenmale die Kindesliebe in mir. Ich wollte ihn verteidigen, schützen gegen den Sensenmann.
„Sei gescheit, Mimi. Einmal wird es ja doch sein, das bleibt Keinem erspart, und da ist’s immer besser, so lange es noch Zeit ist. — — Du weißt, daß ich nicht reich bin — — aber ich hinterlasse Dir doch genügend, um eine angenehme, sorgenfreie Existenz zu führen. Du bist auf Niemandes Gnade angewiesen und brauchst keinem Menschen zur Last zu fallen. — — Ich habe für Dich gespart, wenn Du Dich auch innerlich darüber aufhieltest. — — — Und wenn Du einmal Einen vom Herzen gern hast und er ein braver, ehrenhafter Mensch ist — nimm ihn. Sieh nicht nach Geld aus — wenn er einen Beruf hat und genügend zu leben, dann heiratet Euch.“
„Papa.“ Ich drückte seinen Arm. Einen Moment kam mir die Idee, daß er an Vincenz dachte, doch ich wagte nicht zu fragen. — „Ja, dann heiratet Euch und wenn er einen andern Glauben hätte, dann — — trachte ihn der heiligen Kirche zu gewinnen. — — — Ich habe — — früher einmal die Andersgläubigen gehaßt — — es war schweres Unrecht — und ich bereue es.“ Er seufzte tief. „Ja, die Verblendung.“ Dann fuhr er fort:„Falls Deine Mutter ein zweitesmal wählt, leg’ ihr kein Hindernis in den Weg. Sie ist ja am Ende noch jung und ich glaube nicht, daß sie ihr Anrecht auf Lebensglück verleugnen wird.“ Er hielt inne und fügte dann zögernd hinzu: „Ich möchte ohne Prunk, in aller Stille zu Sahning begraben werden. Ich erwähne es übrigens noch ausdrücklich in meinem Testament. Dort in der Gruft werd’ ich mich heimisch fühlen. Es schläft schon lange Jemand dort — — es hat nicht sollen sein.“
Übermannt von den Eindrücken, die so unerwartet auf mich einstürmten, und mir meinen Vater in so schönem Lichte zeigten, weinte ich still in mich hinein. So war die Gleichgültigkeit, seine mißmutige Art nur Maske — das Schicksal hatte sie ihm aufgedrängt. Armer Papa, hätt’ ich das früher gewußt: aber Du hieltest mich so ängstlich Deinem Innenleben fern. Er faßte mich am Kinn und streichelte mein Haar. „Sei mein braves, starkes Mädchen. Die Schwachen kriechen stets zu Kreuz, wenn die Schicksalsschläge wuchtig auf sie niedersausen — ein ganzer Mensch aber, der steht aufrecht, mitten im Donnergrollen und Sturmesbrausen. — Schau’, wie der Himmel schwarz ist. Wir bekommen wieder Schnee. — — — Und jetzt sprechen wir von heiteren Dingen“, setzte er mit einer Art Galgenhumor hinzu. „Was würde Dir denn zu Weihnachten eine Freude machen? — — Weißt Du, an was ich dachte? Eine kleine hübsche Reisetasche. Die kannst Du sehr gut brauchen, wennDu“, — — seine Hand zitterte in der meinen und ein Ausdruck von Schmerz huschte über sein Gesicht. „Es ist nichts. Nur ein leichtes Unbehagen, wie ich es in den letzten Tagen öfters verspürte. Das vergeht“.
„Und davon hast Du gar nichts gesagt!“
„Wozu denn? Solange man nicht ins Bett muß!“ Ein Schüttelfrost überkam ihn bei diesen Worten, daß die Zähne aufeinanderschlugen.
„Du hast Dich wahrscheinlich erkältet.“ Meine Stimme klang unsicher. „Und es ist noch so weit nach Hause.“
Da bog, wie gerufen, ein Schlitten in die Allee ein, und ich erkannte auf den ersten Blick Vincenz, der einen kurzen Urlaub genommen, um uns in Steindorf zu überraschen. Er hatte sofort die Sachlage begriffen und drängte uns, rasch einzusteigen. „Es ist nichts von Belang, aber Sie müssen vorsichtig sein. Die Influenza grassiert gerade jetzt, und wenn man die Pflege zu Beginn vernachlässigt, kann es die schlechtesten Folgen haben.“
Nach einigem Sträuben legte sich Papa zu Bett, und wir leisteten ihm Gesellschaft. Er blätterte in seinen Einschreibbüchern, und es berührte mich peinlich, als er bemerkte: „Wirklich große Auslagen, das Trinken und das Rauchen. Eine schlechte Gewohnheit; es könnte vielleicht in Zukunft wegfallen.“
***
„Meine arme Mimi, ich kann Dir nicht verhehlen, daß es schlecht, sehr schlecht steht mit Papa. Ich habe Deiner Mutter telegrafiert: sie kann in ein paar Stunden da sein.“ Vincenz war blaß und erregt. „An Wunder glauben wir ja Beide nicht. — Doch jetzt geh’ Dich etwas auszuruhen, Du brauchst neue Kräfte.“
Ich vermochte mich in der Tat kaum mehr auf den Füßen zu erhalten. Vier Nächte lang gewacht — das nimmt her, wenn man es nicht gewöhnt ist. Ich versuchte zu schlafen, doch es gelang mir nicht. Unstät irrten meine Gedanken umher, bis sie beim Worte „Wunder“ Rast machten. Und wenn doch — — aber ich konnte ja nicht mehr beten. — — Versuchen! Ich faltete mechanisch die Hände und murmelte halblaut vor mich hin: „Sei gegrüßt, Du Königin, Mutter der Barmherzigkeit“. Und plötzlich lag ich auf den Knien, und, das Gesicht auf die Hände gestützt, fielen mir die Worte ein; sie strömten mir von den Lippen, ein unaufhaltsam sprudelnder Quell, und mit ihnen kehrte der alte Kinderglaube wieder.
Es war dunkel im Zimmer: matt flackerte das Feuer im Kamin, bis es erlosch. Ich lag noch immer in derselben Stellung und beschwor Maria, mir zu helfen. „Du kannst nicht so grausam sein, Du Gute, Gnadenreiche. Erhalt’ ihn mir am Leben. Maria hilf, und ich will Dir’s ewig danken. Meinen Zopf, auf den ich so eitel bin, bring’ ich Dir zum Opfer — nur erhöre mich. Ichhab’ ja so viel gut zu machen, da ich ihn bis jetzt so falsch beurteilt. Auch fromm sein will ich wieder, Maria hörst Du?“
„Mimi, Mama ist da. Willst Du nicht hinunter?“ Tante Laura kam mich fragen. Sie hatte längst verziehen und pflegte ihren Bruder mit rührender Sorgfalt.
„Tante, steht’s sehr schlecht?“
„Mut, Kind!“, und sie drückte mir die Hand.
Tiefe Stille herrschte im Krankenzimmer. Großmama saß da mit gefalteten Händen, den Blick auf das Kruzifix an der Wand geheftet. Sie sagte leise Gebete vor sich hin, und ab und zu entrang sich ein tiefer Seufzer ihrer Brust. Mama kauerte mit scheuer Miene in einer Ecke, die Augen halb geschlossen. Auch die Übrigen schwiegen.
Papa saß mehr im Bette, als er lag. Sie hatten ihm Kissen untergeschoben, um ihm das Atmen zu erleichtern. Als ich zu ihm trat und ihn flüsternd frug, ob ich etwas für ihn tun könne, machte er eine sichtliche Anstrengung zu sprechen, aber es war nur ein undeutliches Lallen. Er hatte den Mund geöffnet, und die Hände begannen ein unheimliches Spiel auf der Decke. Wie abgemagert sie waren in den paar Tagen, und wie weiß! Und wie kalt sie sich anfühlten, wie eisig kalt. Wenn das das Ende wäre, oder die Agonie! Ich verlor alle Selbstbeherrschung, umklammerte ihn schluchzend und beschwor ihn, nicht zu gehen, mich nicht zu verlassen. Ich küßte ihm den kalten Schweiß von der Stirne,streichelte seinen Kopf, befahl ihm, zu bleiben. — Ich hatte ja gebetet — ich erwartete das Wunder. — Da, er atmete tief auf, immer rascher — das war vielleicht das wiederkehrende Leben — rascher — aber so seltsam, so unregelmäßig, ein gequältes, mühsames Röcheln. — Er rang nach Luft, schnellte in die Höhe, als ob jemand ihn mit ungeheurer Kraft emporrisse; dann gellte ein Schrei durch das Gemach, so klagend, so unbeschreiblich schmerzlich, seine Züge verzerrten sich wie im Krampfe, dann fiel er schwer zurück. Noch ein letzter, schwacher Atemzug, und es war vorbei.
Das hab’ ich lange nicht begriffen.
Mama geberdete sich wie eine Wahnsinnige, tobte und jammerte. Großmama drückte einen langen Kuß auf das wachsbleiche Gesicht ihres Lieblings. „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen — er weiß am Besten, was er tut.“ Dann gieng sie zur Schwiegertochter, und ihr die Hand hinhaltend: „Ich denke Helene, in einem solchen Moment vergißt man allen Groll“, und nun umarmten sich die Beiden.
In leisen, feinen Schlägen verkündete die Wanduhr die zwölfte Stunde. Die Kerzen waren herabgebrannt und warfen dunkle Schatten über das marmorne Gesicht des Toten, über das nun tiefe Ruhe ausgebreitet lag. So schön, so mild war er mir früher nie erschienen. Das rötlichblonde Haar hob sich wie Gold von der blaßen Hautfarbe ab und die Hände lagen wie zum Gebet verschränkt, auf der Brust.
„Wie zufrieden er aussieht, Mimi“, sagte die Großmama. „Der liebe Gott meint es recht gut mit ihm. Dort droben ist’s ja viel, viel schöner — da finden wir uns Alle wieder: da gibt es keinen Abschied.“
***
Ein schwarzverhangenes Zimmer, in dem es so still ist, so schaurig still. In der Mitte steht der erhöhte Catafalk, neben dem in riesigen Kandelabern Wachskerzen brennen. Kränze auf dem Boden und an der Wand, Kränze, wohin der Blick fällt. Und in all’ den Blumenaugen steht die stumme Klage um zu früh entflohenes Leben. Sie seufzen und ihr duftender Atem vermengt sich mit dem Geruch der Wachskerzen, mit der dumpfen Moderatmosphäre des Todes. O dieser Geruch, er verfolgt Einem, man wird ihn nicht los, wohin man auch flieht.
Tränen und Seufzer — — kein Sonnenstrahl, kein lautes Wort.
„Wie eng und kalt Du es nun hast, mein armer Papa. Könnt’ ich Dir nur etwas Gutes tun, Dir noch einen letzten Liebesdienst erweisen! Du schweigst. Wo bist Du? Weshalb hast Du uns verlassen? — — Du bist wirklich tot? — Ja, tot!! Du wirst mir kein einziges Wort mehr sagen — — ich faß’ es nicht — — — mir ist, als müßte im nächsten Augenblick die Thür aufgehen, und dann kommst Du herein und wir plaudern miteinander aber viel inniger, viel zärtlicher wie früher. Ich küsseDeine Hand, o sie ist eisig kalt, wie eine Geisterhand, — — Dein Gesicht, so mager und — — die goldenen Haare — — nein, Du warst anders, aber ich seh’ Dich immer so vor mir. — Nein, laß mich, geh, berühr’ mich nicht. — Ich fürchte mich, wenn Du mich holst. — — Es ist so schwarz, so dunkel, ich will nicht sterben, nein, ich will nicht — ich — o — — —“
Ich lag mit heftigem Fieber danieder und als ich die Besinnung zurückerlangt, standen Tante Laura und Vincenz an meinem Bett. Sie nötigten mich zu essen, da ich in den letzten Tagen kaum ein paar Bissen genossen. Ich durfte auch nicht mit zum Begräbnis: sie wollten mir Gesellschaft leisten, die Beiden, die nun meinem Herzen am nächsten standen. Vincenz suchte meine Gedanken von dem traurigen Ereignis abzulenken: er erzählte mir dies und das, versuchte zu lächeln, aber es mißlang ihm kläglich. Dann ergriff er meine Hand, hielt sie vor seine Augen und weinte, wie ein Kind: „Das war mein bester Freund — trotz Allem — ein goldenes Herz. Ja Mimi, ein harter, entsetzlicher Schlag“, und sein Gesicht überzog sich mit fahler Blässe. „Vincenz, was ist Dir?“ Er war sich mit der Hand an die Brust gefahren. „Bitte Wasser. So. Nur ein momentaner Schwindel.“
Großmama, dicht verschleiert, setzte sich zu mir und sprach in überaus gütiger Weise auf mich ein. „Wir fahren jetzt nach Sahning — ich werde Deinem guten Papa einen Gruß bringen. Glaub’ mir, Mimi, er schaut immerfortauf Dich herab, er hat Dich ja so lieb gehabt und wenn Du brav und fromm bist, freut er sich.“
Das Thor wurde mit polterndem Geräusch geöffnet; ich hörte schwere Männertritte, undeutliche Stimmen — Schlittenschellen — und jetzt läuteten sie auf dem Schloßturm — ja, es war der tiefe klagende Ton unserer alten Glocke, immer neue tönten mit, von nah und fern — aus allen Ortschaften. — „Bim—bam, bim—bam“, so klang es mir unaufhörlich in den Ohren und doch hatte sich der ernste Zug schon seit geraumer Weile in Bewegung gesetzt.
„Du wirst Dein Steindorf nie wiedersehen. Leb’ wohl, leb’ wohl für immer!“
***
Wie traurig gähnten mir die schon halbgeleerten Laden entgegen und jedes einzelne Ding erinnerte mich an den Verstorbenen. Wie genau hatte er in seiner peinlichen Ordnungsliebe darauf geachtet, daß jedes Stück an seinem bestimmten Platz zu liegen kam und allen, selbst den wertlosen Gegenständen ein erläuterndes Zettelchen beigelegt. Und jetzt dies Durcheinander! Die Liste aller Jener, die ein Andenken begehrten, nahm kein Ende und es hieß auf specielle Wünsche Rücksicht nehmen.
Des Nachts fuhr ich häufig erschreckt zusammen. Mir war, es lege sich eine kalte Totenhand auf mein Herz, und in den Möbeln krachte es. Dann rief ich Tante Laura und schmiegte mich fest an sie, bis ich ermüdetSchlummer fand. Mama steigerte meine Erregung, indem sie mir ihre Träume und Visionen schilderte, Karten aufschlug, und das Traumbuch zu Rate zog. Ich hatte ihr Bücher aus der Bibliothek gebracht, aber sie las kein einziges. Sie gähnte fortwährend und sah nach der Uhr, worauf sie regelmäßig bemerkte: „Erst: ich dachte, es sei schon viel mehr.“ Erst bei unserer Rückkehr nach Wien taute sie ein wenig auf. Wir bezogen eine andere Wohnung und das Ordnen und Einrichten schien sie zu zerstreuen. Sie zeigte neues Interesse für den Haushalt und verwandte große Sorgfalt auf ihr Äußeres. Keine Spur mehr von der früheren Vernachlässigung und das stand ihr vorteilhaft. Wenn wir auf der Gasse giengen, wandten sich die Leute nach ihr um, und wenn wir Bekannten begegneten, hieß es stets: „Sie sehen brillant aus Baronin; wirklich man könnte Sie für Schwestern halten.“ — Mama lächelte dann vergnügt in sich hinein, schnürte sich noch fester und ließ sich noch gewagtere Hüte machen.
***
Die Trauerzeit war um, und ich hatte das achtzehnte Jahr erreicht. Mama, deren lauter Jammer sich in kürzester Zeit überlebt hatte, vermochte die Sehnsucht nach Abwechslung nicht länger zu unterdrücken.
Wir giengen also in die Welt. Davon hatte ich mir nach den bisher gelesenen Romanen eine ganz andere Vorstellung gemacht.
Bei den „jours“ herrschte ein so steifer, ungemütlicher Ton, als träte man bei der pompe funèbre ein, und die Soireen waren nicht viel anders. Man würgte gezwungen eine Tasse Thee hinunter, aß ein Stückchen Sandwich und sprach so leise, als fürchte man seine eigene Stimme zu hören. — Man hatte sich eben nichts zu sagen, und wenn es ab und zu lebhaft zugieng, so war gewiß das Capitel dermédisanceaufgeschlagen worden. Ich mußte stets an eine Uhuhütte denken. Von Nah und Fern stürzen sich die kecken Vögel auf das wehrlose Tier, rupfen und picken ohne Unterlaß. Keins will zurückbleiben, und Jedes meint, etwas Besonderes vollbracht zu haben, wenn es gehörig losgefahren. Und wie bald war man über die Grenzen der harmlosen Stichelei hinaus!
Einmal — ich erinnere mich noch sehr genau daran, — bildete eine Skandalgeschichte in allen Salons das Tagesgespräch. Es waren nicht bloß „Klatschschwestern“, die sich daran beteiligten, — im Gegenteil — die Herren der Schöpfung nahmen womöglich noch regeren Anteil.
„Comtesse X von Herrn N. N. entführt.“ In Kürze war die Geschichte folgende: Das junge, ziemlich exaltierte Mädchen hatte die Bekanntschaft eines eleganten, geistreichen Causeurs gemacht und sich sterblich in ihn verliebt. Die Eltern wollten von der Sache nichts wissen, und eines schönen Tages war das Pärchen verschwunden. Man fand es nach längerem Suchen in einem Vorstadthôtel, und zum Überfluß stellte sich heraus, daß derBetreffende ein verheirateter Mann war, der Weib und Kind verlassen, aus Speculation auf das Vermögen der Kleinen.
„Unerhört. So ein Fratz! Sie hat sich in der guten Gesellschaft unmöglich gemacht. Man müßte ihr ja die Türe weisen.“
Wie da die Köpfe zusammengesteckt wurden, wie die Augen leuchteten und jeder Einzelne vor Begierde brannte, noch ein klein wenig mehr zu wissen, als die Andern, noch ein paar pikante Details hinzuzufügen.
Ich sah mich im Kreise um. War denn da Keiner, der ein Wort der Entschuldigung, des Mitleids fand, Keiner von denen, die als gute „Freunde“ im Hause der Gräfin verkehrten? — Nein. — Es war erbärmlich, ekelhaft feig. Wie konnten sie nur in ihrem Innern so schonungslos verdammen? Weshalb also schwiegen sie, weshalb wagten sie nicht, frei ihre Ansicht zu bekennen? Fühlten sie sich selbst so fleckenlos?
Mein Herz begann so heftig zu pochen, daß ich es bis in den Hals hinauf spürte, und die Fingerspitzen zuckten mir. Mit einer Festigkeit, die mir sonst nicht eigen war, trat ich auf Mama zu und sagte: „Gehen wir“.
„Nein, ich möchte noch bleiben.“
„Gut, so geh’ ich allein.“
Die Nebensitzenden waren aufmerksam geworden, und die Hausfrau lenkte begütigend ein: „Was haben Sie denn, liebes Kind? Freilich, die Klostererziehung! Dakommen Einem eben solche Dinge befremdend vor. Man muß sich an Manches erst gewöhnen; mir gieng es ebenso.“
„Ich werde mich an gewisse Dinge nie gewöhnen. Irren ist menschlich. Man kann bedauern, aber nicht verdammen. Wer kann wissen, ob er in genau denselben Verhältnissen nicht ebenso gehandelt hätte?“ Tiefes Schweigen. Aller Blicke waren auf mich gerichtet, teils mit Staunen, teils mit überlegener Ironie; ich ließ mich aber nicht beirren. „Wenn Sie einen Blutstropfen sehen, werden Sie ohnmächtig, — daß aber hier ein Opfer unter Ihren Händen verblutet,“ .... Mama zog mich am Ärmel und murmelte ein paar entschuldigende Phrasen: „Sie ist so leicht erregt, aber sie meint es nicht so“. Zu Hause aber erklärte sie mir ohne Umschweife, daß sie einen weiteren Verkehr mit Dr. Vogler nicht mehr dulde. Sie wisse schon längst, daß er mir diese verrückten Ideen in den Kopf setze, und bedanke sich dafür, daß ich sie vor aller Welt lächerlich mache.
„Also Papas Freund willst Du die Türe weisen?“
„Ja, sonst erleb’ ich auch noch eine Geschichte, wie die Gräfin X. Du bist ja so schon ganz vernarrt in den kranken Menschen. Was denkst Du Dir denn eigentlich dabei? Will er Dich vielleicht heiraten, dieser Ritter von Habenichts?“
„Ich bitte Dich, laß es genug sein. Du könntest es bereuen. Du weißt, Steindorf steht mir jederzeit offen.“
Sie schien meinen Widerstand zu fürchten und versetzteruhiger: „Es ist schrecklich mit Dir. Man wird doch noch seine Meinung sagen dürfen.“
„Solange es bloß meine Person betrifft, ja. Aber über Leute, die hochzuschätzen, die zu verehren ich allen Grund habe, lasse ich nun einmal nichts kommen.“
„Aber Deine Mutter kann doch Bedenken äußern, wenn es sich um so Wichtiges handelt. Dein Wohl liegt mir ja doch am Herzen“, und sie begann zu weinen.
„Aber ich bitte Dich.“ Ihre Tränen ließen mich kalt und ich fand kein versöhnendes Wort. Mit einemmale sollte ihr mein Glück am Herzen liegen! Weshalb war ihr das nicht früher eingefallen? — Wie töricht handelt doch das Schicksal, wenn es mit den festesten Banden Solche verknüpft, die sich so weltfern sind!
Das Argument: „Weil es die Mutter ist“, genügte mir nicht. Ich habe überhaupt nie Menschen aus purem „Verwandtsschaftsgefühl“ geliebt, sie immer nur nach persönlichem Wert und Verdiensten taxiert. Daran, daß man dieselben Vorfahren besitzt, aus ein- und derselben Familie stammt, ist ja am Ende nichts so Anerkennenswertes.
Ich hatte mit Vincenz über diesen Punkt gesprochen, und er teilte meine Ansicht.
Daß die Eltern ihre Kinder lieben ist nur zu begreiflich: der natürlichste Egoismus. Daß sie das hilflose Würmlein hegen und pflegen, es mit allem Nötigen versehen, das begehrt die Stimme der Natur, die will, daßman sein Fleisch und Blut hochhält. Das ist eine kleine Abtragung der riesigen Verantwortung, die mit dem Augenblick beginnt, wo man einen Menschen in die Welt setzt. Die Tatsache, daß uns die Eltern das Leben gegeben, verpflichtet durchaus nicht zu Dank. Sie tun es ja doch nicht aus Liebe zu den Ungeborenen! Wie viele elende, erbärmliche Existenzen gibt es, die lieber nie das Licht des Tages geschaut hätten. Im Grunde genommen, stehen die Eltern, so seltsam es auch klingen mag, in der Schuld ihrer Kinder. Das eigentliche Verdienst beginnt erst, wenn im kleinen Geschöpfe das Denkvermögen, das bewußte Gefühlsleben erwacht. Dann heißt es den engen Ideenkreis erweitern, lehren, Interesse am Guten, Schönen wecken, aus dem Schatze der Erfahrungen mitteilen, raten, und erklären. Die Liebe soll ihre Wurzel weder in der Furcht, noch im bloßen Schicklichskeitsgefühl haben — sie soll Bedürfnis sein, unwiderstehlicher Drang. Glücklich jene Eltern, die das begreifen — sie ziehen sich Freunde heran.
Und was hatte meine Mutter getan? Meine Erziehung Andern überlassen, weil es so bequemer war. Nie das geringste Bestreben, mir etwas von den Dingen beizubringen, deren man im Leben so nötig bedarf. — Das hätte sie aus ihrer Ruhe gebracht, folglich kam es gar nicht in Betracht. Sie selbst besaß weder Sinn noch Verständnis für die weltbewegenden Fragen, keine Interessen höherer Art, keine Ideale. Wenn ich bisweilen an solcheDinge rührte, versetzte sie mit erstaunlicher Offenheit: „Das ist fade, davon versteh’ ich nichts: es ist mir zu hoch.“ Und nicht genug daran, jetzt wollte sie mir auch den Einen rauben, der mich begriff. Ich trug übrigens den Sieg davon. Es blieb ihrerseits bei der Drohung und Vincenz kam nach wie vor. Doch unser schönes Verhältnis war getrübt — die beständige Anwesenheit Mamas legte uns einen Zwang auf: wir fühlten uns beobachtet und die mißtrauischen Blicke einer Dritten wirkten wie ein eisiger Wasserstrahl.
Und warum das Alles? Die Zeiten ändern sich: die Liebe sinkt im Werte. Heutzutage gilt nur mehr das Geld. Er war eben „keine Partie“, mein Vincenz.
***
Der erste Ball! Freute ich mich darauf oder nicht, ich hätte es nicht zu sagen gewußt. Die Friseurin macht mir Complimente und der Spiegel auch. Das weiße Illusionkleid mit den Maiglöckchenguirlanden steht mir gut: ich kann mich sehen lassen.
Als ich aber den hellerleuchteten Ballsaal betrete, beschleicht mich solche Bangigkeit, daß ich am liebsten auf und davon möchte! Das Licht, die Edelsteine, das eigenartige Parfum, es hat eine betäubende Wirkung. Schöne Frauen, zarte Farben, berauschende Musik. Ich muß ans Feenmärchen denken, wo es plötzlich lebendig wird, wo im verwunschenen Garten die Blumen durcheinanderwandeln, singen und klingen.
„Also doch Cousine, ich dachte schon, Du hättest es Dir überlegt und kämest nicht mehr. Nun, wie gefällt es Dir?“ — „Oh pardon!“ — da er einer Dame auf die Schleppe getreten. Er blickte ihr nach: „Reizend.“
„Kennst Du sie, Robert?“
„Nur vom Hörensagen. Eine Ausländerin. Fabelhaft reich, soll Millionen haben, — aber kühl bis ans Herz. — Hier, erlaube, daß ich Dir meinen Kameraden, Grafen Scheuregg, vorstelle — entschuldige, ich muß fort, ich bin für den Walzer engagiert.“
Mama gesellte sich zu einer Schaar bekannter Damen, und Roberts Freund gab mir den Arm. „Haben Sie heuer schon viel mitgemacht? Nein? Schade. Hatten ein paar sehr fesche Tanzereien.... Sechsschritt oder gewöhnlichen Walzer?“
„Ich weiß nicht.“ Ich hatte tatsächlich nie einen Schritt getanzt und keine blasse Ahnung von diesem oder jenem. Ich hatte mich darauf verlassen, daß ich es schon treffen würde, aber auf eine bestimmte Frage war ich nicht gefaßt. Dabei kam ich mir so ungeschickt vor: die Klosterschüchternheit erfaßte mich: ich hielt den Blick beharrlich gesenkt, tanzte elend und wünschte mich weit, weit weg. Ich glitt meinem Partner fortwährend aus dem Arm, und er hatte alle Mühe, mich festzuhalten. Der Atem gieng mir aus; ich brachte kein Wort hervor, als er mir eine Frage stellte, und hatte doch nicht Mut genug, ihn zu bitten, mich auf meinen Platz zu führen.Die Leute traten mir auf die Füße, und mir wurde schwindlig. Ich rastete ein wenig. Es kamen noch Andere. Jeder tanzte gewissenhaft seine Pflichttour ab, jeder sagte mir dieselben abgedroschenen Dinge in den Pausen. Man führte mich ans Büffet, gab mir Blumen, murmelte „allerliebst“. Und doch fühlte ich mich steinunglücklich; der Boden brannte mir unter den Füßen. Ich flüchtete in einen verlassenen Winkel und von mitleidigen Palmen halb verdeckt, stellte ich meine Betrachtungen an.
Mama wirbelte am Arm eines schwarzen Offiziers vorbei, strahlend, entzückt. Und all’ die Andern bewegten sich so frei und unbefangen. Sie lächelten, machten so fröhliche Gesichter, daß man meinen mußte, sie unterhielten sich. Wirklich? — Daran also finden die Menschen Vergnügen? Nun denn, dann hatte ich eben mit der Menge nichts gemein. Nein, wahrlich, nach dem Lorbeer einer Ballkönigin dürstete mich nicht.
„Vincenz!“ Meine Gedanken flogen in das kleine Zimmer, das er mir beschrieben. Dort saß er am Schreibtisch, bis spät in die Nacht hinein in seine Bücher vertieft. Ab und zu wirft er wohl einen Blick auf mein Bild, auf die Braut, die niemals sein Weib wird. Er will es nicht: „Kranke Menschen handeln gewissenlos, wenn sie heiraten“. So werd’ ich verblühen, hinwelken, denn mein Gärtner pflückt mich nicht.
Die Kehle wird mir trocken, die Lider fallen mirschwer über die Augen; ich höre noch Roberts meckerndes Lachen, dann schlafe ich ein.
Ein leichter Schlag auf meine Schulter, und ich fahre aus meinen Träumen auf. Mama steht vor mir, glühend, noch erhitzt vom Tanz, und merkt nichts von meiner Verstimmung: „Es ist gut, daß Du Dich abkühlst; wir fahren bald.“ Als aber ein Offizier heranhüpft und mit unwiderstehlicher Miene bittet: „Nur noch eine Tour, Baronin“, läßt sie sich neuerdings entführen. Es folgte noch gar manche Tour. Der Morgen lugte bereits farblos durch die Bogenfenster, und das Orchester spielte träge — als „Baronin Mutter“ ausgetanzt hatte.
***
Ein dünnes, schwarzes Büchlein. Ich habe es in Papas Lade gefunden und an mich genommen. Jetzt begreife ich so Manches! Du armer Toter! Du hast meine Mutter geliebt: Du, hast Dein warmes Herz an einen Marmorfelsen gebettet, bis es erstarrt. Immer mehr entfremdete Dich das schale, oberflächliche Wesen Deiner Frau, und dann kehrtest Du zu Emilie zurück: dann hast Du bei der Toten gesucht, was Dir die Lebende versagt.
Welch’ tiefes, reines Gemüt sich in seinen Gedichten offenbart. Einer strengen Censur hätten sie kaum Stand gehalten, aber ich fand sie unvergleichlich schön. Eine förmliche Chronik seiner Liebe. Das zagende, halb unbewußteErwachen, die Unsicherheit, die Zweifel am eigenen Glück, das allmähliche Anwachsen der Flut, das wilde, rücksichtslose Aufschäumen. Das ganze „Ich“ gerät in Aufruhr, eine neue Welt ersteht den Zweien, die außer sich nichts sehen, eine Welt so zauberumflossen, so traumhaft schön, daß das Jauchzen auf den Lippen erstirbt und Tränen in den Augen schimmern: „Zu viel, zu viel“. — Da ein Krach, ein Getöse mitten in die wonnevolle Lenznacht, ein jähes Aufleuchten, plötzliche Finsternis — eine öde Wüste ohne Ende und im Sand ein Grabstein, darauf geschrieben steht: „Vorbei“.
„Emilie.“ Ich betrachte das Miniaturbild und kann mich nicht losreißen von dem bezaubernden Gesicht. So jung und morgenfrisch, so blendend schön — und fort zu müssen — mit ewig ungestilltem Sehnen. — —
Mama unterbrach meine Betrachtung: „Glaubst Du, daß Oberst von Bittau mir einen Antrag machen wird?“
„Ja, das weiß ich wirklich nicht. Denkst Du daran, zu heiraten, jetzt schon, so bald nach — — —“
„Immer diese übertriebenen Sentimentalitäten! — In meiner ersten Ehe hab’ ich nur Böses erfahren; ich möchte auch einmal das Leben von der angenehmen Seite kennen lernen. Oder soll ich vielleicht warten, bis ich alt bin und mich Keiner mehr nimmt? Ich finde das sehr sonderbar. — — — Der Oberst“, fuhr sie fort, „ist sehr vermögend, hat eine Stellung und ich — gefalle ihm.“ Letzteres mit gretchenhaft-verschämtem Blick. „Er sagte mir,daß ich einen selten kleinen Fuß habe und unergründliche Nixenaugen.“ In dieser Art gieng es fort. Wahrlich, ich gönnte ihr den Triumph, aber es irritierte mich über die Maßen, daß sie so wenigfondund Geist besaß, um so „naiv“ zu sein. Und Papas Bild blickte uns so traurig an, als wollt’ es sagen: „So bald vergessen? So bald schon? Ich dacht’ mir’s wohl.“
„Sie aber blieb unerbittlich. Sie baute Luftschlößer und malte sich ihre zukünftige Existenz bis in die kleinsten Details aus. Sie würde Equipage haben und zweimal wöchentlich empfangen — in weißen Glacéhandschuhen.“
„Aber das sind doch nur Nebensachen.“
„So, also mein Glück ist Nebensache?“ Sie gieng mit erregten Schritten im Zimmer auf und ab. „Wann endlich wird man mich in Ruhe lassen? Ich bin doch kein Kind mehr“ und sie pflanzte sich vor mir mit der Miene einer Prophetin auf: „Und ich werde doch heiraten.“
„Natürlich, wie Du willst. Ich gehe dann nach Steindorf.“
„Meinethalben. Übrigens wäre es klüger, Du bliebest bei uns. Wir würden ein großes Haus machen und trachten, daß Du einen Mann bekommst.“
Jetzt war es aber zu Ende mit meiner Geduld. „Gib’ Dir deshalb nur keine Mühe. Ich teile gar nicht Deine Ansicht, daß es das höchste Glück ist „einen Mann“ zu finden. Auf den Heiratsmarkt lasse ich mich nicht schleppen, da mußt Du schon allein gehen.“
„Du abscheuliche Person! Das hat man davon, wenn man es gut mit Dir meint. Du wirst mich noch ins Grab bringen.“ Ein paar Staffagetränen, gerungene Hände, zugeschlagene Thüren, damit endeten in der Regel unsere unerquicklichen Diskussionen.
***
Mama, im Banne ihrer fixen Idee, ließ uns mehr Freiheit. Wir lasen und plauderten miteinander wie in alten Zeiten und doch schwebte unheildrohend über unserem Glücke eine dunkle Wolke. Wenn sich unsere Hände berührten, zuckten wir zusammen und wenn er seine leuchtenden Augen in die meinen senkte, durchlief es mich heiß. — Unsere Liebe hatte jenen Grad erreicht, wo die Sehnsucht nach dem Besitz erwacht und wir wußten Beide, daß wir einander nie gehören durften.
Vincenz Leiden hatte sich verschlimmert und dazu kam, daß er sich aufrieb im Kampfe zwischen Pflicht und Leidenschaft. — Er suchte mich zu täuschen, konnte aber nicht verhindern, daß er oft jählings erbleichte und nach Atem rang.
Diese bösen Symptome machten mir große Angst. Ich beschwor ihn, seine Praxis aufzugeben, sich eine zeitlang zu schonen und in einem wärmeren Klima Heilung zu suchen. Lange sträubte er sich gegen diesen Plan — die Idee einer Trennung schien ihm unerträglich, aber schließlich gab er nach.
„Weißt Du noch Mimi, wie Du betetest um meine Gesundheit? Damals in der Kapelle. Ich war tiefgerührt. Jetzt stehen die Dinge anders. Du warst eine gelehrige Schülerin: es werden Dir’s Wenige nachmachen. Und glaubst Du, verdiene ich einen Vorwurf, daß ich Dir Licht und Erkenntnis brachte?“
„Du nahmst mir einen Halt, Vincenz und anfänglich schien es mir grausam. Jetzt bin ich Dir dankbar, daß Du das Wahngespinnst zerrissen und mir die Wahrheit gezeigt hast.“
„Ja, es war nur der erste Schritt, der Dir schwer wurde. Aber dann muß es Dir wie eine Erleichterung geschienen haben. Früher, da führten sie Dich am Gängelband, da durftest Du nicht rechts und nicht links sehen. Immer gradaus hieß es marschieren, und keine von den Blumen pflücken, keine der Früchte brechen, die Dir so verführerisch entgegenwinkten. — Jetzt darfst Du Dich frei bewegen und beiseite schleudern, was sich Dir hemmend in den Weg stellt. — Jeder Grashalm, jeder Käfer erzählt Dir eine Geschichte und jedes neue Blatt im Buche der Natur enthüllt Dir große Wunderdinge. Früher Sklave, jetzt frei. — — Und um wie Vieles consequenter sind wir, als Jene, die nicht zwei übereinstimmende Erklärungen für ihre Thesen aufbringen können. Sie wissen, daß der Mensch an Gottes unerforschlichen Ratschlüssen nichts zu ändern vermag, und versuchen ihn durch Gebet und Gelübde. — Sie rufen den Barmherzigen an und preisen den Grausamen. Sie fürchten, zu hohen Genuß am Leben zu finden, sich durch irdische Gesinnungdie Thore des Himmels zu verschließen: dabei beben sie vor dem Tod, obwohl gerade der sie ihrem Ziele näher bringt.“
„Ja, Du hast Recht.“
„Wir denken viel logischer. Es fällt uns nicht ein, Gnade von der „Natur“ zu erflehen, und wenn uns Böses trifft, dann ziehen wir sie auch nicht zur Verantwortung. Unsere Göttin ist viel zu erhaben, sie steht auf viel zu hohem Piedestal, um sich mit den kleinlichen Wünschen der Einzelnen zu befassen. Lächelnd oder zürnend, handelt sie nach ewigen Gesetzen, stets das Ganze im Auge behaltend. Sie schafft mit Feenhänden und zertrümmert mit Keulenschlägen, sie ist Gott und Dämon zugleich. „Lernt mich kennen, forschet“, ruft sie uns zu „und wir entdecken täglich neue Reize an der Uralten, Ewigjungen. — Wir wissen, daß wir nur ein positives Gut, die Gegenwart, besitzen, und darum verstehen wir zu genießen.“
„Es ist wahr. Jede neue Entdeckung auf diesem Gebiet erfüllt mich mit einer Freude, die ich früher nicht gekannt. — Es kommt mir vor wie Blitze, die ins Dunkel leuchten und ich bin Jenen tief dankbar, die unser Wissen bereichern. Es ist kein unsicheres Tasten mehr auf trügerischem Boden, sondern ein ruhiges, angstloses Gehen.“
„Nun, dann kann ich mit meinem Werk zufrieden sein.“
***
Robert umschwärmte seit geraumer Zeit seine Ballbekanntschaft, die exotische Marquise. Alles an ihr war eigenartig — Name, Erscheinung und auch die verschiedenen Legenden, die sich um ihr kleines, puppenhaftes Figürchen rankten. Sie war Spanierin von Geburt, nach dem fernen Westen übersiedelt, und man faselte von ihren ungeheuren Schätzen — Plantagen sagten die Einen — Goldminen behaupteten die Andern und wichen nicht von ihren Fersen.
Früher hatten nur blonde, blauäugige Frauen für ihn existiert, jetzt galt nur mehr der südliche Typus. — — Er schien allerdings etwas piquiert über die Bereitwilligkeit, mit der ich meiner Nachfolgerin das Feld räumte, im Übrigen besaß er nun zu wenig Zeit, um darüber nachzudenken. Der Kopf schwirrte ihm von Hofbällen, diplomatischen Soiréen und von seiner ersten Audienz — einem inhaltschweren Ereignis im Leben eines Lieutenants. Das würden noch sicher seine Kindeskinder zu hören bekommen, etwas ausgeschmückt natürlich.
„Ich habe mit Vergnügen gesehen, daß Sie zu unseren eifrigsten Tänzern zählen.“
„Kaiserliche Hoheit“, versetzte er schneidig „es ist aber auch eine Passion, mit unseren Aristokratinnen zu walzen“, worauf die Hoheit scherzend mit dem Finger drohte: „Ja, solch’ junges Blut!“
Roberts pausenloses Geschnatter ermüdete mich stets. Das gieng in einer Leier fort wie eine Mühle, ohneBeistriche, ohne Punkte, immer im nämlichen Tonfall. Und wie kindisch er war! Glaubte er denn wirklich, daß Donna Trinidad die weite Reise über’s Meer gemacht, um gerade ihn zu erorbern? Es gab ja so viele Lieutenants in der Armee: da half weder das verschwenderisch pomadisierte Flachshaar, noch die funkelnden Lackstiefletten und das Goldbracelet. Damit wollte er nämlich ihre Eifersucht wecken.
Merkwürdig blieb nur die Tatsache, daß sich kein wirklich reicher Bewerber fand und sie die Anderen in Bausch und Bogen mit souveräner Geringschätzung behandelte.
Donna Trinidad war wie so manche exotische Größe, über die man keine bestimmten Anhaltspunkte besitzt, aufgetaucht wie ein Meteor, um alsbald zu verbleichen. Sie glänzte mit erborgtem Lichte und hatte Uneingeweihte zu blenden vermocht, darunter Robert. Eines schönen Tages war sie verschwunden auf Nimmerwiedersehen; der Hôtelier war um ein paar tausend Gulden ärmer und um eine Erfahrung reicher.
Der Vetter wetterte und tobte über die Blamage und bedachte sich einsichtsvoll mit dem Attribute „Wurze“, und die anderen Courmacher wußten auf einmal die ärgsten Schaudergeschichten über die „Talmi-Marquise“ zu erzählen.
„Ja, ein Pechvogel muß man sein“, resumierte der enttäuschte Robert sein Abenteuer, „unter einem Unglückssterngeboren, wie ich. Ich kann schon einmal unternehmen, was ich will, es wird mir immer mißlingen.“
Mama, die ihre Taktik ihm gegenüber geändert, suchte ihm Mut zuzusprechen. Sie hatte ihm großmütig verziehen, daß er ein „Steindorf“ war, denn sie bedurfte seiner, um Reclame im Regiment zu machen.
Es ist etwas Eigentümliches um den Ruf, den Einem die Leute machen. Zuerst sagt Einer so ganz obenhin etwas Lobendes, die Andern sprechen es ihm nach; Keiner zweifelt mehr daran, oder wenn er es tut, so schweigt er. Das Urteil wächst, verbreitet sich nach allen Richtungen, und eines schönen Tages ist es zur öffentlichen Meinung geworden: auf dieselbe Art wie das Klatschspiel, das Volkslied. Alle singen sie die nämliche Weise, die Menschen, und die Spatzen auf dem Dache.
Damit rechnete Mama. Wenn dem Oberst nur Gutes, Schönes über sie zu Ohren kam, mußte ihn das erweichen, zur Entscheidung bringen. Und Robert war leicht zu gewinnen: ein paar gute Diners, ein paar Schmeicheleien, und gar wenn man ihn mit einigen Gräfinnen bekannt machte, hatte man ihn auf seiner Seite.
Von ausländischen Marquisen wollte er nichts mehr wissen: es war doch weniger riskiert, sich an den einheimischen Adel zu halten.
***
„Ja, ja die Intoleranz! Du wirst sie nirgends häufiger antreffen, als bei den unteren Schichten. DasPharisäertum ist ein weitverbreitetes Übel. Es verursacht ein so angenehmes Prickeln, in unnahbarer Tugend die Schwächen Anderer zu verurteilen.“
„Aber da sollte doch der Pfarrer“ — —
Gewiß, als der Berufenste den Leuten ins Gewissen reden. Doch sieh’ Dich um, wer bekleidet in den Landgemeinden das Seelsorgeramt? Bauernsöhne, die sich durch das kurze Studium einen gewissen Schliff angeeignet haben, eine halbe Bildung. — Wie oft sind ihnen nicht einmal die schönsten Worte verständlich: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.“ — „Und“, fuhr Vincenz mit Wärme fort, „hat doch gerade dieser einzige Satz den größten Reformator aller Zeiten unsterblich gemacht. „Liebe, Nachsicht und Vergeben“; wie viel ließe sich darüber sagen. Hast Du den Schwanberger näher gekannt?“
„Seid ich ungehindert mit den Steindorfer-Leuten verkehrte. Ich hörte zu seinen Lebzeiten auch nur Lobendes über ihn. Er war ein harmloser, arbeitsamer Mensch und hatte eine kindische Freude mit seinem Haus und seinem Gärtchen.“
„Und da kam die Krankheit? Und sie wollten keinen andern Arzt, als den gewohnten. Vielleicht hätt’ ich ihm helfen können. Ja, das Mißtrauen.“
„Also seit der Zeit war er wie ausgewechselt. Die Frau erzählte mir, daß er stumm vor sich hinstarre und zeitweise vor Schmerz brülle. Es sei nicht zum Anhören.“
„Da ist’s doch nichts so Unbegreifliches, daß er sich erhenkte. — Die erste Regung, sollt’ man meinen, müßte die des Mitleids sein. Statt dessen, nicht einmal aufgebahrt.“
„Die Tante schreibt’s genau“ und wir suchten die betreffende Stelle des Briefes. „Was sie plötzlich Alles über ihn wußten. Er sei auch Keiner von den Saubersten gewesen, hätte oft die Elle zu teuer angerechnet u. s. w.“ Die Huberin konnte sich von ihrem frommen Entsetzen kaum erholen: Sie schlug ein Kreuz um das andere. „Na so a Sünd, i sags ja alleweil, wann der Mensch kein Glauben mehr hat, nachher verlaßt ’n unser Herrgott.“ Und dercomble— hielte man solche Roheit für möglich? — der eigene Bruder versetzte dem Leichnam eine schallende Ohrfeige. „Da hast es für die Schand’, dies’t uns antan hast.“ Alle weichen der Witwe aus und Niemand will bei ihr kaufen. Ich hatte den Pfarrer ersucht, die Leute ein wenig zur Einsicht zu bringen, doch da kam ich schön an: „Das darf man ja nicht entschuldigen, sonst machen es die Andern nach.“
„Brillantes Argument, wirklich wahr“, bemerkte Vincenz spöttisch. „Am Ende hängt doch auch der Elendste am Leben und wenn er es von sich schleudert, muß er über alle Begriffe verzweifelt sein. — Da sollte sich dann kein Stückchen geweihte Erde — die armen Leute halten so viel darauf — finden, nicht ein paar erbarmungsvolle Hände, die den Hügel mit Blumen schmücken — ist das nicht unmenschlich?“
„Und Christus hat doch gesagt: „Richtet nicht“ — mir scheint, Du hast Recht, Jedes macht sich seine eigene Religion zurecht.“
„Das ist eben die Heuchelei. Es gibt leider so erschreckend viel Morsches in der heutigen Zeit: sowohl Menschen als Ansichten. Alles angefressen, baufällig. — Wenn jetzt der Messias käme, mit der Geißel in der Hand, seinen Tempel zu reinigen — der fände viel zu tun.“
***
Beharrlichkeit führt zum Ziel. Mama hatte sich mit dem Obersten verlobt. Jetzt, da sie alle Rechte auf meine Person aufgab, freute ich mich sogar im Geheimen darüber. — Unser Zusammenleben war mir eine wahre Qual geworden. Meine Nerven rebellierten schon, wenn ich sie im Nebenzimmer hörte. — Wir Beide paßten nun einmal nicht zu einander.
Sie gab sich mit großem Eifer den Vorbereitungen für die Hochzeit hin. Mir fielen schon die Augen vor Müdigkeit zu und sie erzählte mir noch immer von ihrem Bräutigam. „Er ist so rücksichtsvoll“, versicherte sie mir „und wenn er zu den Leuten von mir spricht, sagt er immer nur die „Gräfin“. Und am Ende, man bleibt ja auch das, als was man geboren ist.“
Ich fühlte mich zu schläfrig, um ihr zu erwidern, daß ich das höchst seltsam finde. — Es ist gewissermaßenherabsetzend für den Mann. Wenn Vincenz — — dann hätte ich mich gewiß nicht „Baronin“ titulieren lassen.
„Die Wohnung wollen wir uns sehr schön einrichten,“ berichtete sie weiter, „aber ich kann doch nicht nur annehmen und nicht selbst dazu beitragen. Findest Du nicht?“
„Das weiß ich nicht. Das mußt Du doch besser verstehen!“
„Besser verstehen! Hm, das ist leicht gesagt.“ Sie zupfte nervös an ihrem Taschentuch. — — „Ich habe gehofft, Du würdest mir mehr Entgegenkommen zeigen.“
„Wieso? — Ah, Du meinst, ich soll Dir meine Einrichtung überlassen. Das kann ich aber nicht. Es ist ja jedes einzelne Stück inventarisch aufgenommen.“
„Nun deshalb? Es kann ja heißen, Du habest die Sachen zu mir in Depôt gegeben. Doch besser, als die Motten zerfressen sie. Und wenn Du großjährig bist, kannst Du darüber nach Gutdünken verfügen, sie mir nehmen oder lassen. Es ist eigentlich sehr sonderbar von Papa gewesen.“ —
„Bitte, laß Papa aus dem Spiel. Nimm’ die Möbel. An so was hängt mein Herz nicht mehr. Ich schenk’ sie Dir.“
***
Der Tag, an dem Vincenz nach Veldes reisen sollte, war gekommen. Wir saßen stumm nebeneinander, und schwül schwebte das Unausgesprochene zwischen uns. Erbrach zuerst das Schweigen, und wir sagten uns jene Dinge, die sich Liebende stets zu sagen pflegen, wenn sie von einander Abschied nehmen.
„Versprich mir, schone Dich, lebe nur Deiner Gesundheit, Vincenz. Die Ärzte sagten doch, daß Du noch ganz geheilt werden kannst?“
„Die Ärzte“, erwiderte er sinnend, „ja, ja, die sagten es“.
„Warum dieser seltsame Ton. Bist Du nicht überzeugt davon?“
„Und wenn ich dann also ganz gesund zurückkomme — und Du gib nur auch recht Acht auf Dich.“
„Und schreib’ mir oft, aber nur, wenn es Dich nicht ermüdet.“
„Und Du mir auch. Als ob Du zu mir sprächest. Du weißt, mich interessiert Alles, was mit Dir im Zusammenhang steht.“
„Versprich’ mir, daß Du oft an mich denken wirst.“
„Mimi, ist das wirklich nötig? Glaubst Du denn, ich könnte anders.“ Er stand auf und trat ans Fenster. „Es ist schwül, findest Du nicht?“ Dann betrachtete er mich aus der Entfernung. „Wie Du wieder hübsch bist, Mimi.“ Und plötzlich kniete er vor mir, und den Kopf in meinem Schoß geborgen, stöhnte er auf wie in namenloser Qual. Feurige Küsse brannten auf meinen Armen, meinem Hals, und er stammelte trunkene Liebesworte. — So hatte er sich nie hinreißen lassen. Ich wehrte michnicht — es war ja Sommer — und zum letztenmal. — Dann kam ihm die Besinnung wieder. Er sah mich an mit einem Blick, in dem sich Zärtlichkeit und Mitleid spiegelte, und flüsterte: „Verzeih“. Noch ein Kuß, ein Händedruck, und ich war allein.
Da machte sich mein tapfer verhaltener Schmerz Luft. Ich warf mich auf den Boden und küßte die Stelle, auf der sein Fuß gestanden. Ich preßte meine Lippen auf seinen Sessel, da wo sein Arm geruht, und heiße Tränen stürzten mir aus den Augen. „Du mein Geliebter, kehr’ mir wieder — ich kann nicht sein ohne Dich, ich kann nicht.“
Und die Zimmer wurden schon ausgeräumt; auch dieses kam bald daran. Hier, wo wir so viel trauliche Stunden verbracht, wo unsere Geister, unsere Herzen eines waren, wo wir uns so nahe gewesen. — — Alles aus — — Alles verloren, bis auf die Erinnerung.
Mein Herz hieng doch an diesen Dingen!
***
Mamas Hochzeit hatte stattgefunden, und Tante Laura zog mit mir ins Hôtel, da ich noch vor meiner endgiltigen Übersiedlung nach Steindorf Einiges in Wien zu tun hatte.
Die ganze Zeit über konnte ich ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit nicht loswerden. Es zog mich mit Übermacht zu Vincenz: dort wäre ja mein Platzgewesen — aber nur so etwas nicht! Die Satzungen der Gesellschaft hätten mich verdammt — es gibt eben Schranken, die man nicht überschreiten darf.
Dumpfe Bitterkeit erfüllte mich: zum erstenmale empfand ich Haß gegen meinen Stand. Wie beneidete ich die Armen an Geist, die Einfältigen, die als einzige Richtschnur ihres Handelns das Gefühl kennen. Ja das erste beste Bauernmädchen durfte tun, was mir versagt blieb. Zum Geliebten eilen, ihn pflegen, während so — — „o die verwünschte Krone“, — ich fuhr mir mit den Händen ins Haar, als ruhe dort das Ungetüm, als könnt’ ich es mit festem Griff erfassen, zur Erde schleudern und mit Füßen treten.
In wahrem Fieber erwartete ich die tägliche Post und wenn ein Brief kam, hielt ich ihn doch zagend und uneröffnet in der Hand. Ich befühlte, besah ihn nach allen Richtungen und las, wenn der Umschlag entfernt, vorerst nur einige Worte. Dann schloß ich mich in meinem Zimmer ein, vertiefte mich in die geliebten Schreiben, las und las immer wieder, bis ich sie auswendig konnte. Es waren stille süße Träumereien, an die wir Beide nicht glaubten und die uns doch so wohl taten, so unendlich wohl.
„Ist’s nicht töricht“, schrieb er unter Anderm, „an Dinge sich zu klammern, auf die man kein Recht hat. Ein junges frisches Reis darf sich nimmer an einen kranken Baum lehnen. Du bist der Frühling, die Jugend undGesundheit — ich begnüge mich damit, wenn ein Strahl aus Deinem Wesen das meine verklärt. — — Es scheint mir gerade das die Weihe unseres Verhältnisses — es wird ewig Knospe bleiben, rein und unbefleckt.
Und doch, wenn’s anders wäre, anders sein dürfte! In stillen Dämmerstunden, wenn der Tag Abschied nimmt von der Erde, da mal’ ich helle Bilder. Du weißt, ich lieb’ das Licht. Mein Ideal — etwas hausbacken und altmodisch zwar, aber so lieblich, so ewigwährend. Ich bin Deine Stütze, Du mein guter Geist und meine gute Stunde. Die Tage gehen dahin so wolkenlos, so friedlich — und doch so reich.
Doch plötzlich rückt dies sonnige Bild in weite, weite Ferne. Nein, die Rose darf nur blühen, uns entzücken durch Duft und Farbe. Aber Früchte tragen, Brennholz liefern für den häuslichen Herd! Es wär’ ein unsinniges Verlangen. — — Das Unerreichbare! Mein Mädchen, wir werden uns nie gehören.“
Was das aber heißt, sich lieben und — entsagen, das vermögen nur Solche zu begreifen, die es selbst durchgemacht. — Es ist ein langsamer, aber sicherer Tod — ein Absterben bei lebendigem Leibe. — Tante Laura wußte davon zu erzählen und sie verstand mich. „Siehst Du, ich hätte Dir so gern das Leid erspart: aber es gibt Kräfte, die stärker, zwingender sind, als guter Wille. — Du siehst sehr angegriffen aus und da Dein Doktor nicht da ist, um seinen Rat zu erteilen, muß ich wohl seineStelle vertreten.“ Sie sagte es mit ihrem sanften müden Lächeln. „Ich verordne Dir eine Praterfahrt. Komm’, der Wagen wartet schon.“
Ich tat wie sie mich hieß: die frische Luft und das heitere Treiben der Menge taten mir gut. Für Momente entriß es mich den quälenden Vorstellungen.
„Also in einer Woche fahren wir nach Steindorf?“
„Ja und bis dahin mußt Du wieder rote Wangen haben und lustig sein, denn sonst — Du weißt schon — da werden allerlei Bemerkungen gemacht und es heißt am Ende, ich hätte Dich vernachlässigt.“
„Aber Tante. — Es ist doch eine Wohltat, daß ich mit Dir sein kann, gerade jetzt. — Wenn ich denke, wie es früher war, mit Mama. Nein. Überhaupt die vergangene Zeit. — Die schönen roten Nelken. — Die muß ich kaufen.“ Ich stieg aus und nahm der Blumenfrau ab, was meine Hände fassen konnten. „Ein Duft zaubert mir bisweilen Momentbilder vor — — es hat doch auch schon schöne Stunden gegeben in meinem Leben: es wäre undankbar gegen das Schicksal, wollt’ ich es vergessen.“
Die frohe Stimmung verflog sofort, als wir das Hôtel betraten. Der Portier überreichte uns eine Depesche. „Bitte umgehend kommen. Habe Sehnsucht zu sehen: Zustand nicht unbedenklich.“
„So?“ Ich frug es in erstauntem Tone, als erführe ich da etwas, was mir im Grunde gleichgültig war. „Das heißt also „Gefahr“?“
„Wann geht der nächste Zug?“ frug die Tante. „In anderthalb Stunden.“ „Bitte ordnen Sie an, daß der Wagen bereit ist.“
Mir war, als hätte man mir einen Hieb auf den Kopf gegeben. Ich wankte die Treppe hinauf, in mein Zimmer, setzte mich, und der Kopf fiel mir schwer auf die Tischplatte. So verharrte ich minutenlang. Die Tante sprach kein Wort. Sie mochte fühlen, daß Trostesworte hier nichts fruchten würden.
Dann trat ich ans Fenster und betrachtete mechanisch das lebensvolle, lichtdurchflutete Straßenbild. Ich hörte auf das gedämpfte Murmeln und bemerkte die nebensächlichsten Dinge. Ein Dienstmann rannte an die Ecke an und ließ sein Packet fallen. Ob wohl etwas Gebrechliches darin war und was nun geschehen würde? Zwei Bekannte begrüßten sich. Was sie wohl zu einander sagten?
„Tante!“
„Was denn Mimi?“
„Glaubst Du nicht, daß er doch noch gesund werden kann?“
„Die Hoffnung darf man nie verlieren, Mimi.“
„Aber, er wird doch nicht — nicht“ — nein das Wort wollte mir nicht über die Lippen. „Oder wenn wir zu spät, — ach Gott, ach Gott, wozu, wozu das Alles?“ Der Gedanke an diese Möglichkeit machte mich halb verrückt.
Fort sauste der Zug durch die schweigende, laue Nacht. Vorbei gieng es an alten grauen Bergriesen, deren Häupter gespenstig zum Himmel ragten. Und ich gedachte der Fahrten nach Steindorf und zurück ins Kloster, der letzten, namentlich mit Papa. Die Tränen, der närrische Kinderschmerz — o wie gern hätt’ ich das Alles nochmals durchgemacht: wie schien es mir beneidenswert gegen diese Fahrt. Was wußt’ ich damals vom Leid und Ernst des Lebens: was waren alle meine kleinen Sorgen im Vergleich zu dem, was ich jetzt empfand.
Das Bewußtsein, daß er litt, er der Beste, Edelste war mir unerträglich. Lieber, tausendmal lieber wollteichkrank sein. — — Ich bemühte mich etwas zu finden, das ihn mir weniger liebenswert erscheinen ließe. Umsonst. Nie, nie hatte er mir auch nur ein einziges unfreundliches Wort gesagt, mich niemals wissentlich gekränkt. Ich war fest überzeugt, daß er überhaupt nicht fähig war, irgend Jemand weh zu tun. Und er, der Gute, er. — —
„Tante.“ Ich rüttelte sie aus dem Schlaf. „Er darf nicht sterben, er darf nicht.“
Sie trachtete mich zu beruhigen und das Rollen der Räder, dieser gleichmäßige Lärm lullte mich in einen bleiernen Schlaf, aus dem ich erst erwachte, als greller Sonnenschein durch die Coupéfenster drang.
Ich wußte mich nicht gleich zu orientieren. Was war geschehen und wohin wollte ich? Ach ja, ich entsannmich. Von neuem trat mir die ganze unerbittterliche Tragik meines Geschicks vor Augen und ich wünschte, ich wäre nie erwacht.
Auf dem Perron eilten die Leute durcheinander, meist elegante Damen, die eine Vergnügungsreise machten. Sie lachten so lustig — wie konnte man nur lachen?
Heiterer Himmel, jubelnde Vögel, fröhliche Menschen, das Alles vermocht’ ich nicht zu fassen. Es lag ja ein schwarzes Tuch über die Erde gebreitet — und über ein frisches Grab. — Darin ruhten die Wünsche, die armen Träume meiner 18 Jahre.
***
Über das, was folgte, besitze ich keine Aufzeichnungen. Ich hätte meine Feder ins Herzblut tauchen müssen, denn es gibt Empfindungen, die sich nicht in Worte fassen lassen, Dinge die wiederzugeben, keine Sprache der Welt fähig ist. Ein unbeschriebenes Blatt sagt oft mehr, als wäre es bis an den Rand mit Buchstaben angefüllt.