Heute wo ich überwunden, will ich das Versäumte nachholen.
„Du mein ärmstes Mädchen, ich mach’ Dir solchen Kummer!“ Mit diesen Worten begrüßte er mich. Sie hatten seinen Stuhl nahe ans Fenster gerückt, an das dunkle Schlingrosen die vollen, duftschweren Häupter lehnten. Ein sanftes Lüftchen kam vom See herauf und trieb sein Spiel mit meinem Haar.
„Weißt Du noch Mimi, wie ich Dir die VerseVictor Hugos zum erstenmale sagte? Willst Du sie nochmals hören?“
„Ja, Vincenz.“
„Les rayons du soleil vous baisent trop souvent,Vos cheveux souffrent trop les caresses du vent“ —
„Les rayons du soleil vous baisent trop souvent,Vos cheveux souffrent trop les caresses du vent“ —
„Les rayons du soleil vous baisent trop souvent,Vos cheveux souffrent trop les caresses du vent“ —
„Les rayons du soleil vous baisent trop souvent,
Vos cheveux souffrent trop les caresses du vent“ —
„Ja, ich war eifersüchtig damals, ich wollte nichts hergeben von dem — — das — — und jetzt muß ich es doch lassen.“
„Vincenz sprich nicht so. Du wirst ja bald ganz gesund sein.“ Er las den Zweifel in meiner Seele. „Nein, geben wir uns keiner Täuschung hin — seien wir wahr, wahr bis zum Schluß.“
Da legte es sich mir wie ein eiserner Reif um die Brust, immer enger, immer fester, bald eisig kalt, bald glühend heiß. Ihn so reden zu hören! Und er fuhr fort:
„Wir haben uns geliebt wie Wenige, und wenn ich jetzt fort muß, so nehme ich nur schöne Erinnerungen mit. Vielleicht ist’s besser so. Ein warmer Sommertag — ein voller Akkord, ohne falsche Note ohne Dissonanz. Sieh’, wie die Sonne untergeht!“ Es war ein großartiges Schauspiel, und in dieser Minute wirkte es überwältigend auf mich.
Im fernen Westen taucht die Tagesherrin ihr glühendes Antlitz in die kühle Flut, und der Horizont färbt sich im weiten Umkreis purpurn. Goldige Strahlen breiten sich netzartig über die Wasserfläche, bald ruhig gleitend, bald dahin tanzend wie tausend und abertausend Kobolde.Die den See umrahmenden Felsblöcke scheinen mit einemmal belebt; rötliche und lila Reflexe huschen dahin: es ist, als ob sich ein Regen von Veilchen und Flieder über die starre graue Masse ergösse: jeder Stein, jedes Sandkörnchen scheint in diesen warmen Farbentönen gebadet, und die fernen, schneeigen Gipfel haben den zarten Schimmer des Amethyst.
Kein Mißton, kein schrilles Geräusch. — Eine Weihe liegt auf all’ dem — — — wie eine Ahnung der Unendlichkeit.
Unsere Blicke tauchten ineinander und Vincenz legte mir seine Hand aufs Haar. „Es ist nichts Schreckliches ums Sterben — es ist nur — so traurig — besonders für die Zurückbleibenden. — — Ich habe den großen Trost, daß ich meine Pflicht erfüllte, indem ich Dich der Wahrheit gewann. Kopf hoch, mein Mädchen; immer mutig vorwärts, unentwegt nach dem Rechten gestrebt.
Du bist noch sehr jung, und die Versuchung kann unter mancherlei Gestalt an Dich herantreten. Sei nicht zu vertrauensselig — nicht Alle wissen solches Entgegenkommen zu schätzen. Wenn Du eines Rates bedarfst, so wende Dich an Tante Laura. Da bist Du in guten Händen.“
So ermahnte er mich, die Verzweifelte, die schluchzend vor ihm kniete.
„Mach’ mir’s nicht zu schwer“, und dabei schimmerte es feucht in seinen Augen. „Mimi — und nun — laßuns Abschied nehmen. Du warst mein Sonnenstrahl — mein Alles.“ Ich wollte ihn umfangen — doch ein Krampf durchfuhr ihn und verzerrte seine Züge. Er rang mühsam nach Atem — dann sahen mich die braunen Augen nochmals an — zum letztenmale, voll unendlicher Liebe. „Hab’ Dank“ hauchte er matt. Er saß ruhig da — und doch fühlte ich, daß er mir genommen war.
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Silberner Mondenschein. Flüstern der Wellen, berückender Rosenduft. Im nahen Busch klagt die Nachtigall.
„Wie ein welkes Blatt vom Baume fällt,Geht ein Leben aus der Welt.Die Vögel singen weiter.“
„Wie ein welkes Blatt vom Baume fällt,Geht ein Leben aus der Welt.Die Vögel singen weiter.“
„Wie ein welkes Blatt vom Baume fällt,Geht ein Leben aus der Welt.Die Vögel singen weiter.“
„Wie ein welkes Blatt vom Baume fällt,
Geht ein Leben aus der Welt.
Die Vögel singen weiter.“
Ich eilte in den Garten, pflückte ganze Garben roter Nelken und als meine Hände die Menge nicht mehr zu fassen vermochten, tat ich sie in mein Kleid: ich pflückte sie alle, die ich fand, und streute sie ihm zu Füßen, daß es sich vor ihm auftürmte, wie ein glühendroter Berg.
Dann stand ich am Seeufer. Der war so blau und tief. Wer das Vergessen suchte! — — Mir war, als riefen mich geheime Stimmen. — „Ja, Ihr sollt nicht vergeblich rufen — ich komme.“ Schon hob ich die Arme, schon stand ich im Begriff, den tötlichen Sprung zu tun— da hielt mich eine Stimme, eine menschliche Stimme zurück. „Denk’ an ihn — keine Feigheit — sei ein ganzer, starker Mensch.“
Tante Laura hüllte mich in ihren Shawl und ich ließ mich willenlos ins Haus führen.
„Sag’ mir Tante, klingt es nicht wie Hohn — oder ist es eine Fabel? „Sommer, Jugend — Glück!““
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