Dritter Abschnitt.

Dritter Abschnitt.

Mein erster wilder Schmerz war einer stillen Wehmut gewichen. Kein Grauen, keine Furcht, wie damals bei Papa’s Tode mengte sich in das Andenken des geliebten Verlorenen. Ich hatte seine Möbel in mein Zimmer bringen lassen und vertiefte mich oft stundenlang in den Anblick der Dinge, die ihn einstmals umgaben.

Ich konnte mich noch immer nicht entschließen, meine früheren Beschäftigungen aufzunehmen: es kam mir Alles so reizlos, so überflüssig vor. Wozu denn auch? Für wen?

Da, eines Tages erwachte ich aus meiner Apathie. Die Tante sang — zum erstenmale wieder seit langer Zeit. Sie besaß keine besonders starke, aber eine gutgeschulte, ungemein sympatische Stimme. Voll und ernst schwebten die Töne durch den einsamen Raum — es war das vielgeschmähte und doch so schöne „Behüt’ Dich Gott.“ Ich fühlte, daß sie ihre Seele hineinlegte in das Lied, denn es klang daraus wie klagender Verzicht, ergebungsvolle Trauer. Und meine Gleichgültigkeit schwand, um einem,noch undeutlichem Verlangen Platz zu machen, zu arbeiten, zu leisten.

Als sie geendet, saß sie eine Weile gedankenversunken vor dem Instrument. Es lag eine Weihe in diesem Schweigen. Dann sagte sie wie für sich: „Die Musik, wie Vieles dank’ ich ihr! Sie weckt das Schöne, Edle in uns, sie tröstet, verleiht uns Tatkraft, — vermehrt unsere Zuversicht — sie,“

„Nicht wahr Tante, gerade in diesem Moment hab’ ich Ähnliches empfunden. — Tatkraft — ich glaube, das ist es. Ich möchte auch anfangen, wie soll ich nur sagen, etwas unternehmen,“

„Ich verstehe, was Du meinst. Komm’, gehen wir in den Garten; dort spricht sich’s besser.“

„Gehen wir“, und ich schob meinen Arm in den ihren.

„Weißt Du Mimi“, begann sie nun, „daß ich diesen Augenblick mit einer gewissen Ungeduld erwartet habe? — — Ich sah, wie Du Dich in aufreibenden Träumereien ergiengst, und fand es doch grausam, Dich gewaltsam wachzurütteln. Aber jetzt, da Du den Anfang machst, wollen wir uns ruhig besprechen. Mir war ja einmal gerade so zu Mut wie Dir, — vielleicht noch schlimmer. Auch ich klagte innerlich über die Nutzlosigkeit des Daseins, bis ich begriff, daß es keinen schöneren Zweck gibt, als immerfort zu handeln in den Intentionen eines geliebten Toten. — „Ein ganzer Mensch, der geradaus geht, immerdem Rechten nach, ohne nach rechts und links zu sehen,“ das war ja sein Vermächtnis. — Was hindert Dich, die Erbschaft anzutreten?“

„Tante, ich danke Dir.“ Dem was nurvagueund verschwommen mein Inneres erfüllt, hatte sie Ausdruck verliehen, und wie mit einem Zauberschlag den Bann gebrochen. Und die Beiden, die nun schon lang geschwiegen, Willenskraft und Pflichtgefühl, erwachten in erneuter Stärke. „Du mußt mir helfen, Tante. Ich will trachten, Dir’s nicht schwer zu machen.“

Wir waren in eine Seitenallee eingebogen, und machten dort Halt, wo von blühendem Buschwerk halb verdeckt, ein weißes Marmordenkmal stand. Hier ruhte die Urne mit seiner Asche. Leise drang das Schluchzen der Nachtigall zu uns herüber, und die Nelken, die roten Nelken, die den kalten Stein umgaben, glühten in stillem Feuer.

Ich blickte auf zum blauen Himmel — dort funkelte es goldig. Und diese Myriaden Welten ziehen ruhig und unbekümmert ihrer Wege. Heute strahlen sie im hellsten Licht, und morgen schon vielleicht sind sie zersplittert, zertrümmert in Atome.

Leuchtend taucht der Mond hinter den Buchenwänden auf und wirft seinen magischen Schimmer auf die weißen Steinfiguren in den Nischen. Ein weiches Lüftchen umweht uns, und um die duftenden Betunienbeete schwirren lüsterne Nachtfalter, summend, surrend.

Mir ward mit einemmal so wohl und leicht um’s Herz, als gäb’ es keine Trennung.

„Versprich ihm Mimi, daß Du Deinen Vorsatz halten willst. Schließ ab mit dem Alten: mach’ einen Strich darunter, wie nach einem fertigen Capitel. Dann soll morgen ein neuer, und wir wollen hoffen, schöner Abschnitt Deines Lebens beginnen.“

***

„Zur Einleitung muß ich Dir eine traurige Geschichte erzählen, die Du genau noch nicht kennst“, begann die Tante tagsdarauf. „Ich war ein Mädchen, nicht besser und nicht schlechter, als die einmal geltende Schablone es von gewissen Gesellschaftsklassen erfordert. Ich lebte in den Tag hinein, sprach mein Morgen- und Abendgebet, gieng Sonntags in die Kirche und fügte mich in Allem und Jedem den Beschlüssen meiner Eltern, wie es die gute Sitte erfordert.

Ich war 23 Jahre alt. Da lernte ich ihn kennen — in einer größeren Gesellschaft. Wir sprachen nur wenige Worte und doch war es mir, als ob wir zu einander gehörten, Eines wären schon seit Langem.

Im ersten Rausche überlegte ich nicht lange. Wenn die Meinen sahen, wie sehr wir uns liebten, würden sie ihre Einwilligung geben und sich darüber hinwegsetzen, daß er ein Jude war.

Wir trafen uns von nun an häufig. Dann kam er und hielt um mich an.

Mir wurde es zu eng im Zimmer; ich eilte in den Garten, um dort das Ende der Unterredung abzuwarten. Es dauerte nicht lange. Er kam über die Terrasse, leichenblaß, und wollte an mir vorbei. Ich rief ihn an; er fuhr zusammen:

„Du hier? — — Nun denn, leb’ wohl. Wir dürfen einander nicht gehören; es ist soeben im Familienrat beschlossen worden.“ Dabei zuckte es schmerzlich um seine Mundwinkel.

„Du sprichst doch nicht im Ernst?“

„Es wäre wohl ein schlechter Scherz. Du kannst Dich ja selbst überzeugen. Sie sitzen Alle beisammen im Ahnensaal, die Großeltern und Dein Bruder. Es paßt ihnen nicht — ich bin ein frecher Eindringling — wir sollen nicht glücklich werden.“

Ich hatte seinen Arm gefaßt. „Ja, es heißt Abschied nehmen, Laura — vergessen“, setzte er mit bebender Stimme hinzu. „Gib mir — doch nein — nicht einmal die Hand — Du würdest Dich besudeln.“ Und alle Selbstbeherrschung beiseite lassend, barg er das Gesicht in die Hände und stöhnte laut auf.

Ich küßte ihn und versprach, niemals von ihm zu lassen.

„Armes Kind, Du versprichst mehr, als Du halten kannst. Es gibt Gesetze, die stärker sind als Liebe. Bisweilen ist es Ehre, in den meisten Fällen aber Vorurteil. Leb’ wohl, vergiß mich.“

„Du verlangst Unmögliches. Schreiben wir uns.“

„Wozu diesen qualvollen Zustand verlängern?“

Doch ich wußte ihn schließlich zu überreden, und durch Vermittelung meiner Freundin entstand ein reger Briefwechsel.

Es wußte Niemand um die Dauer des Verhältnisses, und eines Tages teilte mir Mama mit, Graf X. habe um mich angehalten. Ich war wie aus den Wolken gefallen, denn ich hatte ihm auch nicht die geringste Beachtung geschenkt und nicht im Entferntesten daran gedacht, daß er sich mit dieser Absicht trage. Zuerst lehnte ich entschieden ab, aber man schürte und arbeitete so lange, bis ich schon der Ruhe halber einwilligte.

Sie nannten mich „vernünftig“, weil ich eingesehen, daß eine Steindorf keinemesalliancemachen dürfe.

Willenlos und betäubt, ließ ich den Dingen ihren Lauf. Ich war so ungewohnt, mit Hindernissen zu kämpfen, zudem hatten mich die Aufregungen der letzten Zeit völlig fühllos gemacht. Ich schrieb Hans einen logischen und ziemlich kühlen Brief; doch kaum hatte ich ihn abgesandt, bereute ich meine Handlungsweise und depeschierte ihm: „Brief ungültig; erwarte Sie Morgen Früh“. Nein, zu heucheln verstand ich doch nicht.

Er kam. Wir zogen uns in einen stillen Winkel des Gartens zurück, wir schmiedeten neue Pläne, und er, selig, mich wiederzuhaben, umschlang und küßte mich.

Da plötzlich steht Graf X. vor uns. Er kannteHans, ohne indessen von unseren Beziehungen zu wissen. Meines Ermessens nach hatte ich dem Grafen erst als angetraute Frau die Treue zu bewahren und gegebenen Falles Rechenschaft abzulegen.

Eine Sekunde starrte er uns sprachlos an. „Da gehen ja schöne Dinge vor sich. Sie werden mir Satisfaktion geben.“

„Ich sehe mich nicht dazu veranlaßt.“

„Schurke — — Feiger Judenhund.“

Um Gotteswillen! — Das war zu viel. Ich traute meinen Ohren nicht.

„Morgen sende ich meine Sekundanten“, versetzte Hans anscheinend gleichmütig. Weiter nichts. Ich fühlte selbst, daß er, um nicht falschen Schein auf sich zu laden, diesen Schimpf nicht annehmen dürfe — — und doch — — die Furcht vor etwaigem bösen Ausgange ließ mir alles Andere gering erscheinen. „Ehre“. Ein Phantom. Und ich sank vor ihm auf die Knie: „Nein, Hans, schlag’ Dich nicht.“

„Sei nicht kindisch, Laura. Du mußt es doch einsehen: ich kann nicht mehr zurück.“

Und er hatte Recht, so dachte ich damals und war stolz aus ihn. Seit undenklichen Zeiten waren Ehrenhändel unter Männern nur mit der Waffe in der Hand ausgetragen worden. „Aber“ — und mein Herz erbebte bei dieser Vorstellung — „wenn ich Dich verliere, Hans?“

„Dann muß Dich das Bewußtsein aufrecht erhalten,daß ich meine „Ehre“ verteidigte — — obwohl ich nur ein Jude bin. O, es geht so verrückt, so ungerecht zu auf der Welt. Du armes süßes Kind, ich wollt’, ich könnte Dir weniger Leid bereiten.“

„Die Nacht, die folgte, dieses beständige Schwanken zwischen Furcht und Hoffnung — — wozu so Schreckliches heraufbeschwören? — — Es bleibt besser begraben. — — Nun und das Weitere — — das weißt Du ja. — — Wie schwer sich Manches vergißt — und es sind doch viele Jahre her!“ —

Wir schwiegen eine Weile, denn auch meiner hatte sich eine tiefe Bewegung bemächtigt, und es dämmerte mir ein Ahnen auf, wie es kam, daß Tante Laura groß und stark aus diesem Kampf hervorgegangen. Sie war ein Charakter, wie man selten einen findet, voll Güte und unerbittlicher Gerechtigkeit zugleich. Es flammte heiß in ihren dunklen Augen auf. Wie mußte sie geliebt haben, und wie mußte sie hassen können.

„Ja damals“, fuhr sie fort, „hätt’ ich den Mörder kalten Blutes erwürgen können, und namenlose Verachtung für all’ das, was mir bis jetzt den Inbegriff des Rechten, Selbstverständlichen gebildet, erfüllte mich. Vor sie, die mich um mein Glück betrogen, vor sie Alle hintreten und ihnen zurufen: „Ihr erbärmlichen Philisterseelen, die Ihr keine Ahnung habt, was wahre Größe, wirklicher Adel ist, schämt Euch, errötet“.

„Mein ganzes Wesen war in Aufruhr, das Blutschäumte mir in den Adern, und der einzige Wunsch nach Rache und Vergeltung erfüllte mich.

„Es war der erste Impuls und die Reaktion folgte alsbald. An Stelle der leidenschaftlich-wilden Gefühle, trat eine fast unheimliche Ruhe. Ein Schleier riß mitten entzwei, vor meinem geistigen Auge und ich sah zum erstenmale klar in meinem Leben. — — Keine Träumereien mehr, nein, sehr bestimmte Ideen, die sich durch weiteres Ausspinnen und Lesen immer mehr befestigten.

„Und je lichter es in mir wurde, in dem Maße, als ich begriff, wuchsen mein Mitleid, meine Nachsicht mit dieser närrischen Welt; mit diesen armen, verblendeten Menschen.“

Sie hielt inne, dann fuhr sie fort: „Es hatte dieses Impulses — der traurigen Anregung von außer her — bedurft, um mich aus meiner wohlerzogenen Verschlafenheit zu rütteln. So wurde ich das, was ich bis dahin nicht gewesen: „ein freier Mensch.“ Der Schmerz ist so recht eigentlich das Samenkorn, aus dem sich die Individualität entwickelt. Großes leisten fast nur immer Jene, die in physischer Beziehung viel durchgemacht — die Anderen zählen zu den seltenen Ausnahmen. Und es ist ja am Ende auch begreiflich. Wenn man zu den Schoßkindern des Glückes zählt, nach dem Ersehnten die Hand bloß auszustrecken braucht, wozu sich mühen und ereifern? — — Und so, in dem Netze kleinlicher Alltagsinteressen verstrickt, erlahmt der Sinn für eine weiteWeltanschauung, und man schreckt ängstlich zurück vor Allem, was Einem aus dem Geleise bringen, die Augen öffnen könnte, man wird Egoist.

Speciell in unseren Kreisen gilt eine gewisse Nonchalance und Sorglosigkeit für „bon ton.“ Sich streng an die Traditionen halten, wenig wissen, — und nur ja nicht denken. Das wäre nämlich zu gefährlich. Seit Generationen hielt man es so — das beweisen die heutigen Durchschnittstypen zur Genüge. Sieh’ Dir nur einmal so einen jungen Majoratsherrn an. Blasiert, verlebt mit 20 Jahren, kennt er keinen anderen Zeitvertreib als Trinken und Spielen. Über die Frauen besitzt er — falls er überhaupt jemals welche besessen, — keine Illusionen mehr. — — — Und nur ja keine vernünftige Beschäftigung — davor schreckt er zurück, als wär’ es eine Schande, und wenn er des ewigen Einerlei satt ist, sucht er das träge Blut künstlich zu erhitzen. Er wettet, beginnt Händel, macht Schulden, die der Papa bis zu einer gewissen Grenze geduldig bezahlt, und dann — nun dann sucht er eben eine „Partie“ um sich zu rangieren, „den Namen nicht in Mißkredit zu bringen“, kurz er verkauft sich.

So die Männer. Wir sind um kein Haar besser daran. Der englischen Gouvernante entwachsen, die Alles „shocking“ findet, was ihr nicht behagt, verheiratet man uns, wenn wir ein gewisses Alter erreicht haben. Die Liebe spielt nur selten eine Rolle dabei: sie ist nur Surrogat, und Hauptsache bleiben doch immer die geordnetenVerhältnisse. — — Was sind die Folgen? Allmählichedécadence, Menschen ohne Mark und Kern, die keine andere Bestimmung kennen, als „Gigerl“ oder „Modepuppe.“ Ein Sumpf von ungeahnter Tiefe, in dem wir rettungslos verkommen, wenn wir die Gefahr nicht beizeiten erkennen und uns gewaltsam herausreißen. — Auch ich fand erst in letzter Stunde den Mut dazu. Uns Frauen nimmt man eine Auflehnung gegen das Althergebrachte ganz besonders übel. Es ist ein hartes Stück Arbeit für ein Mädchen, einen gewissen Grad von Selbstständigkeit zu erlangen. Es gehört ein unbeugsamer Wille, eine eiserne Ausdauer und auch ein bischen Philosofie dazu. Wie Manche kehrt schon auf halbem Wege um, da man sie einen „Blaustrumpf“ genannt, oder liebevolle Zweifel an ihrer Vernunft ausgesprochen.

„Was mich anbelangt, so wurde mir’s recht schwer gemacht, aber schließlich brachte ich es doch dahin, daß man meinen Standpunkt respektierte. Der Kampf war die Errungenschaft schon wert. Und ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß ich meine Freiheit nicht mißbrauchte. Die Pflichten, die sie mir auferlegte, hab’ ich keinen Augenblick vergessen. Darum hab’ ich mich auch in die Reihen Jener gestellt, die der Menschheit den Anbruch eines neuen, schönen Tages verkünden. Sie wachrütteln, ihnen die Binde von den Augen reißen, sie unterscheiden lehren, zur Begeisterung entflammen!“

„Ja, Du müßtest ein guter Apostel sein, Tante.“Wie sie hoch aufgerichtet vor mir stand, mit leuchtenden Augen, durchglüht von edlem Eifer, war sie fast hübsch. Es lag Leben und Ausdruck in diesem Gesicht: keine Spur von dem kalten Gleichmut der Madonna. Doppelt rührend klang es, als sie fast leise sagte: „Ich möchte ja nur, daß Alle, Alle glücklich werden.“

„Das wäre wohl schön — aber ich denke es mir schwer, furchtbar schwer. Wo soll man denn beginnen?“

„Auf fester Grundlage natürlich. Man muß das Übel mit den Wurzeln ausrotten — die Wurzel aber ist: das Vorurteil.“

***

Es gab kaum eine Frage von universeller Bedeutung, die wir in unseren Plauderstunden nicht erörterten. Es war mir ein wahrer Genuß, der Tante zuzuhören, wie sie in kühnen, sicheren Umrissen ein Bild der herrschenden Zustände entwarf, den Kern bloslegte und dann immer weitere Kreise darum zog. Nichts entgieng der Schärfe ihres Blickes und niemals verlor sie sich in Nebensächlichem. Ich lernte immer etwas Neues und mit jedem Tage steigerte sich mein Wunsch, auch ein wenig in ihrem Sinn zu leisten.

„Wie schade, Tante“, sagte ich in ehrlicher Betrübnis, „um die verlorene Zeit meiner Erziehung. Gesetzt den Fall, ich käme um mein Vermögen — besäße ich denn die nötige Bildung, um mir mein Brot selbst zu verdienen? — Ohne Sprachkenntnisse — denn das bischen Französisch,das man uns eingetrichtert, reicht gerade für den Hausbedarf — weiß ich ja auch sonst sehr wenig.“

„Das ist eben die unverantwortliche Art der Erziehung. Und das „Nichtswissen“ ist noch lange nicht das Schlimmste, für viel gefährlicher halte ich das „halbe Wissen.“ Damit richtet man den größten Schaden an. Und dann, wenn man die gewöhnliche Bildung besitzt — als Grundlage ist sie allerdings erforderlich — soll man seine Kräfte nicht zersplittern, sondern sie auf ein einziges Ziel concentrieren und dabei verharren. — Freilich die Männer im Allgemeinen, sehen es nicht gern, wenn wir uns noch ein anderes Feld der Tätigkeit sichern, als den häuslichen Herd. Angeblich leidet unsere Weiblichkeit darunter, in Wirklichkeit aber fürchten sie die Concurrenz, und wohl auch, ihr Prestige als Schützer des schwachen Geschlechts zu verlieren, denn es entstünde ein ganz anderes gegenseitiges Verhältnis, und wir könnten sie viel eher entbehren.“

„Also Du bist für die Emanzipation?“

„Im guten Sinne, ja. Das heißt, soweit sie sich von sinnloser Knechtschaft losmacht und „freie Menschen“ schafft. Auf die damit in Zusammenhang gebrachten Äußerlichkeiten halte ich nichts. Männerkleidung, kurzgeschnittene Haare und burschikoses Auftreten finde ich überflüssig und unschön. „Im Herzen Weib, im Kopfe Mann“, dieses Recept wäre beiden Geschlechtern dringend anzuraten. Das Rechte suchen, es instinktiv empfinden, und dann die Energie besitzen, es durchzuführen.“

„Also wir haben dieselben Fähigkeiten wie der Mann? Aber warum werden dann verhältnismäßig so wenig Frauen berühmt?“

„Ja, wir besitzen dieselben intellektuellen Fähigkeiten wie der Mann, nur mit dem Unterschiede, daß sie bei uns lange Zeit hindurch brach gelegen. Was sie vom „Vogelgehirn“ des Weibes sagen, ist pure Fabel. Weil man uns seit jeher vorgepredigt, dem sei so, glaubten wir es schließlich, ohne daran zu denken, die Richtigkeit dieser These zu erproben. Und schon beim ersten Versuch erwies sie sich als falsch.

„Es bedarf zu Allem der Übung, für manuelle sowohl als für geistige Fertigkeiten. Eine Hand, die man niemals gebraucht, wird eine gewisse Ungelenkigkeit verraten, ein Körper, der nie Gymnastik betrieben, weniger biegsam sein, als der eines Trapezkünstlers. Mit dem Verstand und seinen verschiedenen Kundgebungen ist es genau dasselbe. Wer von Kindheit an die Mühe des Denkens nicht scheut, wird in späteren Jahren ein rascheres Auffassungsvermögen, ein positiveres Urteil, eine schlagendere Logik bekunden, als Jener, der sein Leben lang gedankenfaul gewesen — und was eine natürliche Folge ist — mehr Selbstbewußtsein besitzen.“

„So denke ich mir’s eigentlich auch. Eine Maschine, die nicht geölt und gebraucht wird, arbeitet schwer. — — — — Und heute ist die Gleichberechtigung ein Allgemeinwunsch der Frauen?“

„Die große Mehrheit sehnt sich darnach. Ausnahmen gibt es freilich auch da — und dann bedürfen ja durchaus nicht Alle der Emanzipation, sofern es sich um die Beteiligung am öffentlichen Leben handelt. Eine Mutter hat in erster Linie die heilige Pflicht, tüchtige, nützliche Menschen in ihren Kindern zu erziehen, als Gattin ihren Mann, falls er das Rechte will, zu unterstützen. In diesem Falle soll sie seinen Bestrebungen Verständnis entgegenbringen, gleichen Schritt mit ihm zu halten trachten. Vor solchen Ehen allen Respekt.“

„Und die Einsamen — ich meine die, die aus irgend einem Grunde allein durch’s Leben gehen?“

„Auch die finden reichlich Beschäftigung, wenn sie nur zugreifen wollen. Es gibt so manchen Beruf, in dem weibliche Kräfte nötig wären — Doktoren in erster Linie; Manche freilich würden sich nie und nimmer dazu verstehen, dem Wohle der Gesammtheit die eigene Bequemlichkeit zu opfern. Der Lauheit begegnet man gar häufig — — und dann dürfen wir nicht an den Ausschuß vergessen, jene Armen nämlich, die mit irgend welchen Gebrechen behaftet sind, und deren Kräfte einer angestrengten Arbeit nicht Stand halten, die wirklich nicht können.“

„Nun, und die Vorteile der Selbstständigkeit?“

„Vor Allem, daß wir nicht auf das Heiraten „angewiesen“ sind. Die Ehe wird dann nicht mehr als „Versorgung“ betrachtet werden, sondern sie kehrt zu ihrer ursprünglich schönen Bestimmung zurück, dem Gipfelpunktder Liebe. Keine Convenienz-Ehen mehr, keine kleinlichen, unwürdigen Intriguen.“

„Eigentlich ist’s merkwürdig, daß man so spät auf diese Idee verfiel.“

„Du hast einfach früher nicht davon gehört. Die ersten Anfänge datieren weit zurück und heute schreitet die Frauenbewegung mit Riesenschritten vorwärts. Mit einem Male geht es natürlich nicht. Große Dinge, weltgeschichtliche Entwickelungsphasen bereiten sich in der Regel langsam vor, aber einmal in Gang gebracht, gibt es keinen Stillstand mehr.

„Im grauen Altertume wurde dem Weibe eingeprägt: „Du hast Dich als Dienerin Deines Herrn zu betrachten“, mußt eifrig auf sein Wohl bedacht sein, seine Launen geduldig ertragen, seine Wünsche erfüllen. Erkühne Dich ja nicht, einen eigenen Willen zu haben, oder gar dem Mann zu folgen, wenn er sich auf Adlerfittigen in geistige Höhen, in die Sphären der Gedankenwelt erhebt. — So, in dieser sklavenhaften Befangenheit, stellen sie auch die Gemälde der damaligen Zeit dar. Mit Rosen bekränzt sie die Stirne des Gebieters, der träge hingestreckt, auf schwellendem Pfühle ruht, und reicht ihm knieend die Schale mit dem Weine. Oder, später noch, sitzt sie am Spinnrocken und webt den Stoff seiner Gewänder, und bringt ihm Schild und Speer, wenn er hinauszieht in die blutige Schlacht.

„Heutzutage steht die Frau auf höherer Stufe —nicht mehr Magd, sondern Gefährtin des Mannes. „Ein Herz und eine Seele“, fügte sie träumerisch hinzu. — — Wem dieses schöne große Glück des Zusammenwirkens versagt bleibt, der findet einen teilweisen Ersatz nur — in der Arbeit. Sie allein hat mich gestützt, mich wieder zufrieden gemacht. Ein dorniger Weg im Beginn, doch so verlockend, so reichlich lohnend. — —

„Wenn man sich resigniert und mit der Liebe abgeschlossen hat, findet man den größten Trost in der Pflichterfüllung. — Das Leben liegt noch vor Dir, mein Kind, und doch frag’ ich Dich: „Willst Du meine Gefährtin sein, mit mir ziehen in den Krieg gegen unseren ärgsten Feind: „das Vorurteil?““

„Ja Tante, ich will.“

***

In der Nacht war der erste Reif gefallen. Wie überzuckert starrten die Bäume zum Himmel, der grau in grau, an den Hintergrund eines Gemäldes im beliebtenguache-genreerinnerte. Nur ein paar Hagebutten und braungefrorene Chrysantemen standen auf dem Parterre des Gartens.

Das war der Winter.

„Jetzt kann ich’s kaum begreifen, daß einmal der Flieder blühte und die Amsel sang. Es scheint mir eine Ewigkeit her und so unwahrscheinlich, daß diese Zeit je wieder kommen wird. — Die vielen Rosen — und die Leuchtkäfer.“

Ja und doch — die tausend schönen Sommerblumen, die sagen uns weniger als so ein Gräschen unter’m Schnee. „Da sieh, das hab’ ich heut gepflückt.“ Sie hielt mir ein armseliges, blasses Blättchen hin. „Was selten, was schwer zu erlangen ist, darnach strebt unser Sinn. Erst in der Gegenwart wissen wir die Vergangenheit zu schätzen.“

Robert unterbrach unsere Betrachtung. Er weilte infolge einer Verletzung, die er sich beim Reiten zugezogen, seit einigen Wochen in Sahning und sprach während dieser Zeit öfters bei uns vor.

Es war, als suche er neuerdings eine Annäherung, doch ich taxierte seine Gefühle richtig: „ein kleiner Intermezzo-Flirt“, so etwas um die Tage totzuschlagen.

„Zum Sterben langweilig, zu dieser Jahreszeit auf dem Lande“, versicherte er uns stets von Neuem. Man weiß nicht, was man anfangen soll. Mein einziges Vergnügen, die Jagd, ist mir jetzt auch verdorben, weil uns der S—jud die schönsten Streifen vor der Nase weggepachtet hat. „Jetzt schießen’s herum an der Grenz, der Samuel und der Itzig, und wie se sonst noch Alle heißen, die noblen Herren“, parodierte er in höchster Wut. Dann schüttelte er sich: „Brr, ein Graus, ein Skandal! Wennichwas zu sagen hätt’, Alle peitschert’ ich sie hinaus aus dem Land, Alle; nicht einen einzigen würd’ ich dulden. Es ist schon das zu viel. Über den Haufen schießen sollt’ man das grausliche Gesindel.“

„Das sind ja recht humane Ansichten. Bei uns darfst Du jedenfalls nicht auf Verständnis rechnen.“

„So? Das wundert mich, speciell in diesem Falle. Jeder Cavalier denkt heutzutage so — muß so denken.“

„Es kommt eben darauf an, was Du unter „Cavalier“ verstehst.“

„No erlaub’ mir. Meine Regimentskameraden zum Beispiel. Frag’ sie der Reihe nach. Sie werden Dir Geschichten erzählen, daß Dir die Haare zu Berg stehen. Namentlich die in den polnischen Garnisonen. Wie der Jud nach allen Seiten hin beschummelt, keinen christlichen Concurrenten aufkommen läßt, sich festsaugt wie ein Vampyr und Einen um den letzten Groschen bringt.“

„Lieber Robert, wenn man die Falle sieht, ist’s jedenfalls recht plump, hineinzugehen. Du bist ja nicht der Erste, der in diesem Sinne spricht. Solange der Jude Geld leiht, ist Alles schön und gut; wenn er aber auf der Rückgabe besteht, dann ist er Wucherer und Räuber.“

„Und findest Du es vielleicht keine Gemeinheit, wenn man die Zwangslage seines Nächsten in dieser Weise ausbeutet? Soll man sich das am Ende ruhig gefallen lassen?“

„Man soll eben rechtzeitig seine Vorsichtsmaßregeln treffen, und sich keine Gefälligkeiten von Leuten erweisen lassen, die man verachtet. Was das Übervorteilen anbelangt, so stimme ich Dir bei. Es ist nieder, gemein. Aber ehrlicher Weise mußt Du zugestehen, daß auch somancher Christ betrügt, wenn er es unbemerkt anstellen kann. Hier zum Beispiel haben wir keinen einzigen Juden in der Gegend, und die Leute gehen doch auch zu Grunde — nur mit dem Unterschied, daß sie ihr Hab und Gut den christlichen Sparkassen verschreiben.“ Und da Robert verlegen schwieg: „Du siehst also — das Generalisieren ist ein ganz falsches Princip. Es gibt gute und schlechte Menschen in allen Ständen, allen Nationen und Confessionen. Will man ein berechtigtes Urteil fällen, muß man sich persönlich überzeugen: das bloße Hörensagen führt in der Regel zu Trugschlüssen. — — — Und daß die Semiten manche gute Eigenschaft besitzen, die auch uns zur Ehre gereichen würde, kannst Du doch nicht leugnen. Es herrscht eine Eintracht, ein Geist der Zusammengehörigkeit unter ihnen, der gegenseitigen Verantwortung, möcht’ ich fast sagen, der rührend ist, und zu großen Taten führt. Wenn es sich darum handelt, einen der ihren aus Not und Elend zu befreien, den bedrängten Glaubensgenossen beizustehen, leisten sie fürstliche Beiträge. Während bei uns — —! Die humanitären Institutionen vermögen sich oft mit der größten Mühe kaum zu halten. Mit welch’ unerhörten Schwierigkeiten hat die „Rettungsgesellschaft“ zu kämpfen und welch’ schmachvolle Gleichgültigkeit erfuhr die „adelige Hochwacht“ von Seite der Standesgenossen? Jener Edelgesinnte, der die schöne Idee ins Leben rief, wartete vergeblich auf Unterstützung, und der Gram hierüber brachte ihn vorzeitig ins Grab.“

„Wir haben eben kein Geld. Alles gestohlen.“

„Beides unrichtig. Wieder eine Beschuldigung ohne triftigen Beweis. Einer sagt’s in unzurechnungsfähigem Zustand, und die Andern beten’s nach.“

„Geh’, geh’, Du bist ja eine Judenfreundin.“

„Eine Menschenfreundin ja, und bemüht, gerecht zu sein. Mir gilt nur der persönliche Wert.“

„Aber Du mußt doch zugeben, daß die semitische „Rasse“ — denn nur die, nicht die Religion kommt bei unserer Abneigung in Betracht — zahllose widerwärtige Eigenheiten hat. Sprache, Haltung, Blick, Gesichtsschnitt.“

„Das mag unangenehm berühren — meinethalben — man hat schon so seine Aversionen — ich mag’ wieder den gewissen semmelblonden Typus nicht — aber solcher Äußerlichkeiten halber werd’ ich die Leute nicht verfolgen und verleumden.“

„Du willst mich nicht verstehen. Übrigens, wenn Du so sprichst, wirst Du es Dir in unseren Kreisen gründlich verderben.“

„Das würde ich verschmerzen. Die Überzeugung vor Allem.“

Robert sah meine Tante sprachlos an. Er gehörte zu jenen Schwächlingen, deren Waffe hohle Phrasen, von der Mode, der herrschenden Strömung sanktioniert, einer gesunden Logik nicht Stand zu halten vermögen. Ließ man sich einschüchtern, verlor man die Geistesgegenwart,dann triumphierte er. Widerlegte man hingegen seine Argumente, trat man ihm mit Sicherheit entgegen, dann räumte er beschämt das Feld.

Und plötzlich überkam mich die Lust, auch eine Bemerkung zu machen, ihn in die Enge zu treiben.

„Wenn Dir Rothschild heute eine Million gäbe, was dann?“

„Das fällt ihm gerade ein.“

„Ich glaub’ es auch nicht. Aber gesetzt den Fall, was dann?“

Und da er mir die Antwort schuldig blieb: „Du würdest sie mit tiefem Bückling einstecken, und wenn es sein müßte, dem Juden die Hand küssen.“

„Na hörst Du, Du bist wirklich.“ —

„Ja oder nein? Du schweigst?“

„Was sagtest Du eigentlich?“ Er spielte den Begriffsstützigen. „Ich hab’ an ganz was Anderes gedacht.“

***

Hannerl hatte sich in den letzten Jahren sehr zu ihrem Vorteil verändert und war eine allerliebste Zofe geworden. Sie hält nicht wenig auf ihr Äußeres, und stets „wie aus dem Schachterl“, richtet das hübsche Ding wahre Verheerungen unter der männlichen Dienerschaft an. Sie trägt vielleicht darum das Stumpfnäschen so hoch und findet es nur natürlich, daß man sie „Fräulein“ tituliert. — Und für Jeden hält sie eine schnippische Antwortbereit. Bisweilen klagt sie auch mit komisch-tragischer Geberde: „Ich hab’ kein Herz“.

Das schreckt indes den Jägerjung nicht ab. Fertel Amselzwitscher scheint seiner Sache sicher. Er wird sie doch erringen; er zweifelt nicht im Entferntesten daran: jedermann kann es lesen in seinem selbstbewußten Blick. Die Mädchen waren immer Alle hinter ihm drein gewesen, und daß gerade diese Eine ihm Widerstand leistet, reizt ihn. — Er, mit seinem „feschen Äußern“, seiner vornehmen Ausdrucksweise, würde sie sich schon gefügig machen. Er spricht das reinste Hochdeutsch und notiert sich jede eigenartige Satzwendung, die er irgendwo gelesen, um sie gelegentlich anzubringen.

„Jungfer Hannerl, beabsichtigen Sie, meine Geduld noch lange auf die Folter zu spannen?“

„Wissen’s, das ist eine Keckheit. Hab’ ich Ihnen vielleicht schon einmal was Dergleichen getan?“

„Unbewußt gewiß. Sie haben so gewissermaßen ein gefallsüchtiges Gesicht. Wie steht es mit Ihrem Naturell? Ich meine, sind Sie sehr, ‚schanschierend‘?“

„Was? Das versteh’ ich nicht.“

„Ob Sie Ihre Neigung häufig wechseln, oder ob Sie gewissermaßen verläßlich sind?“

„Daß ich in Sie nicht verliebt bin, darauf können sie sichjaverlassen. Überhaupt sind’s nicht bald fertig mit Ihrer Fragerei? Was wollen’s denn?“

„Das.“ Und kaum hatte sie sich’s versehen, umschlang er sie und drückte einen Kuß auf ihre frische Wange.

„Nein, so ein impertinenter Mensch!“ Sie war zuerst ganz starr, dann aber lächelte sie neckisch. Seine Kühnheit imponierte ihr: von nun an zeichnete sie ihn vor den Andern aus, und die Chancen des Gärtnergehilfen Florian sanken immer mehr. Im Gegensatz zu seinem zarten Namen, der ihn schon von vornherein zur Gärtnerei bestimmte, war er die plumpste, unappetitlichste Erscheinung, die man sich nur denken kann. Ein verschwollenes Gesicht, aus dem gelbe Elefanten-Äugerln schimmerten, und ein Paar enorme, purpurrote Tatzen. Unbeholfen in einer Art! Ein wahrhaft lächerlicher Anblick beim Piquiren und anderen Arbeiten, die Geschicklichkeit und leichten Griff erfordern. Aber verliebt bis über die Ohren.

Als er Jungfer Hanni zum erstenmal erblickt, sank er vor lauter Bewunderung so tief in die weiche Mistbeeterde, daß man meinte, er müsse Wurzel fassen, und starrte ihr so voll Entzücken nach, als hätt’ er eine Fee gewahrt.

Er nahte sich ihr schüchtern, in voller Ehrerbietung, und als sie scherzhalber seine Huldigung entgegennahm, ward er kühner. Er verehrte ihr eine Blumensprache, in der die auf seine Leidenschaft bezüglichen Verse rot angestrichen waren.

Jedes Wort aus ihrem Munde versetzte ihn in den siebenten Himmel, und wenn er sie nach Feierabend in der Bügelstube wußte, brachte er ihr die schönsten Ständchen.

„Hannerl, Hannerl, Mädchen ohne Gleichen,Hannerl, lasse Dich erweichen,Hannerl, Hannerl, höre doch mein Fleh’n,Ich liebe Dich, erhöre mich,Wenn nicht, müßt’ ich betrübt von dannen geh’n.“

„Hannerl, Hannerl, Mädchen ohne Gleichen,Hannerl, lasse Dich erweichen,Hannerl, Hannerl, höre doch mein Fleh’n,Ich liebe Dich, erhöre mich,Wenn nicht, müßt’ ich betrübt von dannen geh’n.“

„Hannerl, Hannerl, Mädchen ohne Gleichen,Hannerl, lasse Dich erweichen,Hannerl, Hannerl, höre doch mein Fleh’n,Ich liebe Dich, erhöre mich,Wenn nicht, müßt’ ich betrübt von dannen geh’n.“

„Hannerl, Hannerl, Mädchen ohne Gleichen,

Hannerl, lasse Dich erweichen,

Hannerl, Hannerl, höre doch mein Fleh’n,

Ich liebe Dich, erhöre mich,

Wenn nicht, müßt’ ich betrübt von dannen geh’n.“

Worauf von innen mit furchtbar falscher Stimme die ermunternde Aufforderung erklang:

„Um Dir nur zu gefallen,Versteh’ ich mich zu Allem,Ach komm, Geliebter, komm,Ach komm, Geliebter, komm.“

„Um Dir nur zu gefallen,Versteh’ ich mich zu Allem,Ach komm, Geliebter, komm,Ach komm, Geliebter, komm.“

„Um Dir nur zu gefallen,Versteh’ ich mich zu Allem,Ach komm, Geliebter, komm,Ach komm, Geliebter, komm.“

„Um Dir nur zu gefallen,

Versteh’ ich mich zu Allem,

Ach komm, Geliebter, komm,

Ach komm, Geliebter, komm.“

Beseligt drückte Florian die Hände auf sein Herz. Sie hatte ihn ja kommen geheißen — endlich. Nun, er würde gewiß nicht zögern. Doch was war das, die Schnalle wollte nicht nachgeben, wie sehr er auch daran drückte: „Aber Freiln Hannerl, seiens so gut. Ich kann ja nicht herein.“ — Alles umsonst, kein Lebenszeichen.

Dann raschelte es ganz leise, Hannerls gestärktes Cattunkleid, und das schelmische Ding hielt sich die Hüften und lachte, bis ihr die Tränen über die Wangen rollten.

Er zog ein Briefchen aus der Tasche und schob es unter die Türspalte hinein. Er hatte es ihr schon früher einmal geben wollen, als sie ihn kühl behandelt.

„Hochwollgeborn Freilein Johanna Patschek.

Ich habe lange mein Herz aus dem Laibe gerissen und vor Ihren Füssen geleckt, — sie lachten auf mich u. ich klaube, Sie mögen mich nicht. Eine große betzweifflung für mich, daß das Frailein Johanna böse ist. Ich bin soeben trostlos u. möchte sterben, weil sienix zu mir gesprochen, denn ich füll mich ganz undschuldig. Ich habe nichts gedahn und Ihnen niemals nie eine Witterede gegeben, und alles mit Freude gedahn, nur daß sie nicht bösse sind. Denn ein bösses Gesicht und nichts rehten, das duht mir Weh, darum bitte ich hochachtungsfohl und mit faltenden Händen nicht bösse sein

Ihr geliebter Florian.“

„Rosen, Tulpen, Nelken, alle diese Blumen welken,Stahl und Eisen bricht, doch unsere Liebe endet, so hofe ich, nicht.Sie sind mein einziger Trost, bitte, das werden sie woll einsehen.“

„Rosen, Tulpen, Nelken, alle diese Blumen welken,Stahl und Eisen bricht, doch unsere Liebe endet, so hofe ich, nicht.Sie sind mein einziger Trost, bitte, das werden sie woll einsehen.“

„Rosen, Tulpen, Nelken, alle diese Blumen welken,Stahl und Eisen bricht, doch unsere Liebe endet, so hofe ich, nicht.Sie sind mein einziger Trost, bitte, das werden sie woll einsehen.“

„Rosen, Tulpen, Nelken, alle diese Blumen welken,

Stahl und Eisen bricht, doch unsere Liebe endet, so hofe ich, nicht.

Sie sind mein einziger Trost, bitte, das werden sie woll einsehen.“

„Nein, so ein Narr“, entschied sie, als sie zu Ende gelesen. „Da Fertl“, und sie schob ihm den Brief hin, „was sagst denn Du dazu?“

„Curaschi muß man haben. Beim bloßen Anschmachten sieht sich nichts heraus. Wenn ich so delikat gewesen wäre — —à propos— wann machen wir denn Ernst?“

„Mußt Dich schon noch eine kleine Weil gedulden. Und jetzt geh, weil ich abräumen muß im ersten Stock.“

***

Es gibt Leute, deren Gegenwart kalmierend wirkt, die Ruhe und Frieden bringen und wieder solche, bei denen man die Kampfeslust wittert und unwillkürlich selbst in Harnisch gerät.

Die Ankunft meines Vetters versetzte mich jedesmal in gereizte Stimmung. Nicht ein Punkt, in dem wir übereinstimmten, keine gemeinsame Empfindung, und bei der gänzlichen Verschiedenheit unserer Ansichten, entfremdeten wir uns immer mehr.

Tante Laura sah in unseren Discussionen eine gesunde Denkübung, denn nichts schärft den Verstand so sehr, als improvisierte Wortgefechte. Gewöhnlich war der Sieg auf meiner Seite, was ich mir in Anbetracht des Umstandes, daß Robert durchaus kein Kirchenlicht war, nicht sonderlich hoch anrechnete.

Momentan verbrachte er seine Zeit damit, die verschiedenen Stifte der Umgebung unsicher zu machen. Er wurde nicht müde die Gastfreundschaft und das wirklich charmante Entgegenkommen der Herren zu rühmen.

„Wir verstehen uns vortrefflich“, versicherte er uns ein über das anderemal, „und ich fühle mich wirklich ganz außerordentlich wohl in ihrer Gesellschaft.“

„Sind wohl auch Antisemiten?“ frug die Tante.

„Versteht sich — und wie.“

„Sonderbar und traurig.“ Und was sie jetzt sagte, erinnerte mich so lebhaft an ein Gespräch mit Vincenz, daß ich unwillkürlich seufzte. „Das sollen „Stützen“ der Kirche sein, die in ihrem Herzen dem Hasse Raum geben! Oder ist vielleicht irgendwo in der Schrift ein Commentar zu finden, in dem es heißt: „Natürlich nur den Nächsten im engeren Sinne?“ Nein so kleinliche Unterschiede hatChristus nicht gehabt. Sein edles Herz schloß Keinen aus: es schlug und blutete für Alle. „Liebe, Nachsicht und Vergeben.“ Und statt stolz zu sein auf ihren Meister, in seinem Sinn zu predigen, verzerren, verstümmeln sie seine Lehre bis zur Unkenntlichkeit.“

„Aber bitt’ Dich, Tante, wer wird denn gleich Alles so tragisch auffassen“, unterbrach sie Robert gelangweilt. Sie aber ließ sich nicht beirren und fuhr fort:

„Geht schön des Sonntags in die Kirche, beobachtet die Fasten, aber wenn Euch Euer Bruder nicht zu Gesichte steht, dann beschimpft, verleumdet ihn.“ Fühlst Du den Widersinn? — — — Die Perle, die man Solchen zuwirft, die ihren Wert nicht verstehen. Pfui über die Augendienerei. Die Messe lesen, Sakramente austeilen — — Trinkgelage feiern, bis man alle Selbstbeherrschung verliert, und den häßlichsten Lastern fröhnen. Wem spielen sie eigentlich die Comödie vor? Das Volk hat gar gute Augen, ist auch nicht so einfältig, wie es sich ausgibt. Es beobachtet und findet schließlich, daß es nicht nötig habe „heiliger zu sein, wie die Pfaffen.““

„Was hast Du denn gegen die armen Geistlichen? Ich kann Dich versichern, daß Du ihnen sehr Unrecht tust. Du solltest einmal mitkommen. Eine Gemütlichkeit, sag’ ich Dir! Immer großartige Diners, die besten Weine, — kurz ein Leben wie der Herrgott in Frankreich. Immer guter Dinge, kreuzfidel. Geh’ komm,Tante — Mimi“, an mich gewandt — „nicht wahr, es wäre fesch? Du hast doch Lust?“

„Nein: dafür bin ich nicht zu haben.“

„So, so?“ In seinen Zügen spiegelte sich eine Verblüffung wieder, die das unbedeutende Gesicht nicht gerade geistreicher erscheinen ließ.

„Schade!“ Und mit bedeutungsvollem Blick zu mir: „Daß wir so verschiedenen Geschmack haben müssen! Ich fühle mich, wie gesagt, ganz zu Hause unter den Herren — und mir ist sogar schon die Idee gekommen, selbst Geistlicher zu werden.“

„Weshalb denn das?“

„Weil mir schon Alles Andere zu fad ist. Eine Hundeexistenz.“

„Und das fändest Du einen hinreichenden Grund?“

„Dann brauch’ ich mich wenigstens nicht mehr abzurackern um die paar Gulden Gage, brauch’ mich um nichts mehr zu kümmern.“

„Hast Du Deinen Ehrgeiz zu dienen, so plötzlich auf den Nagel gehängt?“

„Offen gestanden, ja. Schaut nichts dabei heraus. Laues Avancement. Das haben wir vom Frieden.“

„Ja, ein Krieg wär’ freilich äußerst wünschenswert“, unterbrach ihn Tante Laura ironisch, „und zwar schon in allernächster Zeit, damit Baron Robert Steindorf zu seinem zweiten Sterne kommt.“

„Nicht nur deshalb. Ich spür’s aber, ich bedarf derAnregung, der Begeisterung, sonst verkomme ich. Ein Ereignis, etwas Besonderes. Ein Nervenkitzel.“

„Du weißt eben nicht zu beurteilen, was die Ruhe wert ist. Du bist noch sehr kindisch, lieber Robert.“

In seiner Eitelkeit tief verletzt und innerlich wütend, weil er kein Wort der Entgegnung fand, verließ er uns.

Nachdem er gegangen, saßen wir noch eine Weile schweigend vor dem Kamin, vertieft in den Anblick der roten Feuerschlangen, die gierig an den massiven Buchenscheitern leckten, daß es prasselte und knallte.

„Der wird kein gutes Ende nehmen“, sagte die Tante seufzend. „Heutzutage bedarf es eines anderen Empfehlungsbriefes, als eines alten Wappenschildes. — — Übrigens bei ihm ist das Standesbewußtsein noch ein relatives Glück, sonst sänke er immer tiefer. Ein bedauernswerter Mensch, der wie mit Gewalt immer nur die Schattenseiten der Dinge aufstöbert, immer unzufrieden, unglücklich.“

„Ich kann mir eigentlich gar nicht denken, daß es Menschen gibt, die den Krieg wollen.“

„O doch, es gibt schon solche Egoisten, die ihn aus rein persönlichen Gründen wünschen. Daß der Krieg ein Unglück, ein Verbrechen ist, daran zweifelt heutzutage kein vernünftiger, rechtlich denkender Mensch mehr, — wohl aber daran, daß man ihn abschaffen kann.“

„Ja, aber dann müßte es überhaupt keinen Fortschritt geben.“

„Ganz richtig. Dann würden wir jetzt noch Höhlenbewohner und Menschenfresser sein.“

Roberts Kopf zeigte sich wieder in der Türe. Er schien seinen Ärger verwunden zu haben und frug, um was für schreckliche Dinge es sich handle — er habe etwas von Menschenfressern gehört.

„Wir reden gerade davon“, erwiderte die Tante, „daß mit fortschreitender Civilisation die rohen Urzustände weichen müssen, und dazu gehört der Krieg.“

„Natürlich“, versetzte er spöttisch.

„Eigentlich würde es mich interessieren zu hören, wie ein Marsanbeter — denn das bist Du ja, — die Unvermeidlichkeit des Krieges motiviert.“

„Die liegt doch auf der Hand.“ Tante Laura blinzelte mir verständnisvoll zu, und er fuhr fort: „Unsere ganze Existenz ist auf den Kampf begründet. Das Eine frißt das Andere auf. So war es seit jeher und so wird es immer sein.“

„Ja, der Kampf ums Dasein ist Naturgesetz und kann in mancher Beziehung ein Ansporn zum Guten sein. In seiner ursprünglichen brutalen Bedeutung aber kann er sich jedenfalls nur auf die Geschöpfe niederer Gattung beziehen. Gerade Ihr Strenggläubigen, die Ihr Euch soviel zugute tut auf Euere Vernunft, müßtet Euch doch scheuen, auf eine Stufe mit dem Tiere gestellt zu werden, das zur einzigen Triebfeder seiner Handlung den Instinkt hat. Und selbst die wilden Tiere lassen sich zähmen.Weshalb sollten wir die Bestie in unserem Innern nicht zum Schweigen bringen? Und dann, auch die Gesetze ändern sich nach der Zeit; die Menschen von heute haben ganz andere Bedürfnisse als die von früher. Die Vorschriften, die vor tausend Jahren am Platze waren, taugen jetzt nicht mehr: man ändert und regelt ja fortwährend daran. Was noch im Mittelalter als Heldentat gegolten, was die Raubritter so berühmt gemacht, der Sieg des Stärkeren, das Faustrecht, das ist nun ebenfalls verpönt.“

„O das waren himmlische Zeiten! Ich bin entschieden um ein paar Jahrhunderte zu spät auf die Welt gekommen.“

„Hättest wohl auch gerne Heldentaten in dieser Art vollbracht?“

„Natürlich.“

„Also Du verteidigst den Mord an und für sich.“

„An und für sich — nein. — Aber ich verstehe nicht recht, wo Du hinaus willst“, versetzte er unsicher.

„Du weißt’s recht gut. Das fünfte Gebot lautet: „Du sollst nicht töten.“ Es ist also Sünde.“

„Ja, ja — das heißt im Allgemeinen.“

„Aha, ein Hinterpförtchen. Doch bleiben wir beim Gegenstand. Der vorsätzliche Totschlag ist Sünde und zwar vom religiösen und rein menschlichen Standpunkt. Der Körper ist der Sitz der Seele, die Gott nach seinem Ebenbild geschaffen. Dem Schöpfer allein steht das Rechtzu, sein Werk zu vernichten, so hält Ihr es doch für richtig, nicht wahr?“

„Ja, das schon, aber —“

„Bitte laß mich vollenden. Dann bin ich bereit, Deine Einwendung zu hören. Kommt ihm also ein Anderer zuvor, ist er ein Frevler, ein Verbrecher und wird dem Gerichte ausgeliefert. Dann sitzen sie beisammen im Namen der Gerechtigkeit und sind ganz Entrüstung und Staunen, wie es nur möglich ist, daß ein Mensch genug Rohheit besitzt, um seinem Mitbruder das höchste Gut zu rauben. Es hat bisher noch Niemand zu behaupten gewagt, der Mord sei kein „Verbrechen“. Für Jenen, der ihn begeht, gibt es nur wenige Milderungsgründe: Zwingende Not, Geistesstörung im Moment der schrecklichen That, oder wenn die Umstände diese Vermutung ausschließen, böses Beispiel, mangelhafte Erziehung. Man könnte freilich auch behaupten, — nach Deiner Auffassung wenigstens — daß der böse Instinkt, seine eigentliche Natur den Menschen dazu treiben — von dieser Eventualität aber sehen die Richter gänzlich ab. Sie sagen auch niemals: „Ja, was ist da zu machen, es hat immer Morde gegeben und daher wird es immer so bleiben.“ Der Mann, der seine Hände mit Blut besudelt, ist ein Gezeichneter, ein Ausgestoßener, der Grauen und Abscheu — oder doch wenigstens tiefes Mitleid einflößt. — Das Leben des Einzelnen ist geheiligt: die Massen jedoch sind nur gut genug, um einem Wahne geopfert zu werden.“

Sie hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort: „Im Kriege ist der Mörder „Sieger“ und wird in dem Maße gefeiert, als er dem Feinde schonungslos begegnet. Er wird mit Ehren überhäuft, gelangt zu Ansehen und auch oft zu Reichtum, und wenn er auch schon lange unter der Erde modert, so lebt doch die Erinnerung an ihn fort. Sein Name steht mit Goldlettern verzeichnet in den Annalen der Geschichte, als eines Großen, Ruhmeswerten. Der Lehrer schildert in beredten Worten seine Heldentaten und weckt im andächtig lauschenden Knaben Sehnsucht nach ähnlichen Werken, glühende Bewunderung für den Unsterblichen. Im kleinen Herzen keimt, künstlich großgezogen, die Giftblume des Hasses gegen Feinde — von denen es sich nur eine vage Vorstellung macht. Und statt daß Seele und Verstand des jungen Wesens sich das Gleichgewicht halten, wird dieser mit unnützem Tande angefüllt, während jene verkümmert. — Es weiß genauen Bescheid über den achten Glaubensartikel und kann eine perfekte Erklärung des Parallelopipedons geben, und wenn man es fragt, warum Karl der Große und Napoleon große Helden waren, wird es erwidern: „Der Eine hat 4000 Sachsen den Kopf abhauen und ganze Heidenstämme gewaltsam taufen lassen, und Napoleon hat in sechs Schlachten gesiegt.“ Soldatenspielen, mit Gewehren hantieren, das ist ihre Lieblingsbeschäftigung, und die Mädchen umgeben in reger Fantasie den Vaterlandsverteidiger mit einer Aureole: Dereinst dieFrau eines Officiers zu werden, das schwebt ihnen als Ideal vor. — Das tut dieselbe Erziehung“, fügte sie halblaut hinzu, „die beim Einzelmörder als Entschuldigung angeführt wird. Welche Logik.“

„Aber Tante, Du wirst doch einen Unterschied machen zwischen einem Schenk und einem Radetzky. Und dann, Gott selbst erlaubt, will den Krieg. Es heißt ja doch im Katechismus: „Zur Verteidigung des Vaterlandes.““

„Wenn’s Euch genehm ist, laßt Ihr immer Euern Gott aufmarschieren. „Du sollst nicht töten“, heißt’s im Dekalog ganz klar und deutlich, in voller Übereinstimmung mit den Geboten der Moral. Und im neuen Testament? Kannst Du mir etwa eine Stelle citieren, in der Christus den Krieg gutheißt?“

Robert betrachtete angelegentlich die Spitzen seiner Stiefel. „Momentan fällt mir gerade nichts ein.“

„Das begreife ich: weil ein solcher Passus überhaupt nicht existiert. Soweit der göttliche Standpunkt. Aber ich denke, auch ohne göttliche und weltliche Gesetze müßte uns das angeborene Menschlichkeitsgefühl abhalten, eine ausgesprochen schlechte Tat zu begehen. Das Gute ist ja an und für sich ein Gesetz; in unseren Herzen soll es eingegraben stehen; dann brauchen wir nicht in Folianten nachzuschlagen, den Katechismus zu befragen. Gut bleibt gut, da hilft kein Zurechtstutzen und Mystificieren. Es ist etwas so Häßliches um die gewollte Zweideutigkeit, um die Politik in der Religion. Doch da sind wir vomeigentlichen Thema etwas abgekommen.“ Sie hielt einen Augenblick inne, wie um neue Kraft zu schöpfen, und begann dann von Neuem. „Du hältst also den Krieg für gerechtfertigt und unvermeidlich, weil die Existenz des Menschen auf Kampf beruht, weil die Kriege immer waren, weil Gott sie gutheißt. Diese Argumente erweisen sich aber sehr wenig stichhaltig, wie Du siehst, oder weißt Du mir vielleicht sonst noch etwas anzuführen, was für Deine Behauptung spricht?“

„Aber das ist ja das reine Examen, liebe Tante“, bemerkte Robert gezwungen lächelnd, plötzlich aber — es schien ihm eben eine gute Idee gekommen zu sein — nahm sein Gesicht einen triumphirenden Ausdruck an. „Weil die Menschen sich sonst zu sehr vermehren würden.“

„Da muß man also von Zeit zu Zeit eine kleine Jagd veranstalten. Ich denke, Ihr könntet das in aller Seelenruhe der Natur überlassen. Sie rafft durch Krankheit und andere Katastrophen fortwährend Tausende hinweg, ohne daß sie noch Euerer Hilfe bedarf. — Ihr tut ja rein, als ob Ihr angestellte Mordknechte wäret. Und dann, es gibt noch soviel übrigen Platz, noch so viel schöne Wildniß, die nur darauf wartet, urbar, dem Menschen untertan gemacht zu werden.“

„Zudem“, sagte Robert, „das Menschengeschlecht würde verweichlichen, degeneriren, wenn es keine Gelegenheit fände, seinen Mut zu erproben.“

„Vergleichen wir die Jetztzeit mit dem Altertum.Obwohl die Kriege bedeutend seltener geworden, sind wir in geistiger Beziehung entschieden vorgeschritten, durchaus nicht degeneriert. Und sieh’ Dir nur einmal die friedliebendste aller Nationen an, die Engländer, was für starke, markige Gestalten. Von persönlicher Tapferkeit kann überdies nicht mehr die Rede sein. Heute entscheidet nur mehr der blinde Zufall. Das ist das Verdienst der unglaublich raffinierten Waffentechnik. — Wenn Dir heute Einer sagte: „Stell’ Dich daher, denn ich sprenge Dich mit einer Bombe in die Luft“, wirst Du Dich sicher gegen diese Zumutung wehren, nicht?“ —

„Gewiß, das hätte ja keinen Sinn, für nichts und wieder nichts.“

„Das ist’s, was ich hören wollte. Und wofür setzest Du im Kriege Dein Leben ein?“

„Ja erlaube mir, da sind doch wichtige Interessen im Spiel. Die Aufrechterhaltung der Dynastie, die — das heißt gewöhnlich die Verteidigung.“

„Ja, aber wenn Alle sich verteidigen — das behauptet nämlich ein Jeder von sich — wer greift dann an? — Du siehst, ein Hirngespinnst, dem zuliebe wir solche Unmassen an Geld und Arbeitskraft opfern.“

„Man muß aber doch vorbereitet sein.“

„Daran liegt es eben. Immer dieses Mißtrauen.“

„Was sollen wir denn tun? Abrüsten vielleicht und warten, daß uns der Feind aus dem Lande jagt? Verzeih’, liebe Tante, Du meinst es ja gewiß recht gut, undes paßt auch viel besser für eine Frau, mitleidig als grausam zu sein — aber Du urteilst da über Dinge, die wir Männer naturgemäß besser verstehen.“

„Und doch gibt es manche Frauen, die viel vernünftiger und klüger sind, als manche Männer“, konnte ich mich nun nicht enthalten, zu bemerken.

Jetzt hielt er es für geraten, einzulenken. „Du nimmst mir immer Alles übel. — Wie denkst Du es Dir eigentlich möglich, den Krieg abzuschaffen?“

„Ich denke, daß sich durch guten Willen und festes Zusammenhalten Alles erreichen ließe.“

„Aber praktisch durchgeführt?“

„Hast Du noch nie etwas von der Friedensbewegung gehört?“ erwiderte mit bewunderungswürdiger Geduld an meiner Statt die Tante. „Sie strebt die Vereinigung aller europäischen Völker zu einem einzigen großen Bunde an, und an Stelle des Krieges soll ein permanentes Schiedsgericht treten, durch das allfällige Streitigkeiten auf unblutigem Wege ausgetragen werden.“

„Aber die Menschen werden sich nie einem solchen Urteil fügen, wenn es sich um eine Existenzfrage handelt.“

„Die Einzelnen wollen ja gar nicht den Krieg.“

„Aber sie gehen doch.“

„Weil sie eben nicht gefragt werden. Und zudem wenden die paar Schreier, denen es daran liegt, ihre selbstischen Zwecke zu erreichen, alle nur möglichen Mittel an, um die Menge zu betören, sie ihres gesunden Urteilszu berauben. Eine Art Hypnose, diese ansteckende plötzliche Begeisterung. Die Meisten sind Herdentiere, die hinter dem Leithammel dreinfolgen.“

„Nun eben. Da siehst Du’s ja selbst. So werden sie es immer machen.“

„Bis ihr Selbstgefühl, ihr „Menschenbewußtsein“ stark genug ist, sie vor solcher Torheit zu schützen. Und das zu heben, daran sollen wir nach Kräften arbeiten. Und heute ist schon ein großer Schritt vorwärts getan. Ich zweifle gar nicht an dem Erfolge der Friedensbestrebungen.“

„Und Du glaubst wirklich, das Du das erleben wirst.“

„Es könnte wohl sein, aber wahrscheinlich ist es nicht. Die Verwirklichung jedes großen Gedankens erfordert Zeit, viel Zeit. Unser Auge verträgt kein zu grelles Licht, es muß sich erst langsam daran gewöhnen. Jede neue Lehre, jede große Idee hat im Beginn mit Hindernissen zu kämpfen.“

„Ja, also dann“ — —

„Begreifst Du nicht, daß man sich für solch’ ein Ding erwärmen kann.“

„Offen gestanden nein. Wenn man so gar nichts davon hat.“

„Wenn man immer nur arbeiten wollte, des Lohnes halber! In einem normalen Menschen wohnt der Drang, etwas zu leisten, ein klein wenig zum Wohle der Gesammtheit beizutragen. Eine innere Stimme sagt uns:„Du mußt“, und dann können wir einfach nicht anders. — Hätten unsere Vorfahren so gedacht, dann stünden heute nicht die vielen herrlichen Bäume im Garten, dann gäbe es nur Haideland und keine Wälder.“

„Ja — das schon“, sah sich Robert nun gezwungen, beizupflichten. „Die Idee vom Schiedsgericht ist auch jedenfalls gut ausgedacht, genial, aber — hm“, und er schüttelte lächelnd den Kopf.

„Was aber?“

„Undurchführbar.“

Wir schwiegen Beide, da wir einsahen, daß ein weiteres Wort die Mühe nicht gelohnt hätte. Mit welch’ impertinenter Überlegenheit er es gesagt, das: „Undurchführbar!“

***

Tante Laura und ich, wir standen ziemlich allein da mit unseren Ansichten und vermieden es, darüber zu sprechen. Großpapa stack bis über den Ohren in den alten Traditionen und fand an jeder Neuerung etwas auszusetzen. In gewisser Beziehung erinnerte er an Robert, nur besaß er mehr Liebenswürdigkeit wie dieser und eine durch nichts zu trübende Heiterkeit. Er führte stets das große Wort und war genau informiert über die Vorgänge in der Welt. Aus einer Art Pflichtgefühl ließ er sich täglich die Zeitung vorlesen, denn im Grunde ärgerte er sich mehr dabei, als er sich freute. „Ich sag’s ja immer, die neue Schule. Das sind die Resultate“, wennein Liebespärchen sich aus dem Staub gemacht, oder: „die Herren Socialdemokraten“, das kommt davon, wenn man den Leuten solche Dummheiten in den Kopf setzt.“

„Die Socialdemokraten sind“, hub Don an — —

„Na ja, Sie sind ja selber Einer, Sie Chineser.“

„Weil der Herr Baron immer glauben, nur früher war Alles gut“, stieß er lachend hervor. Diese kleinen Dispute waren seine einzige Unterhaltung. „Früher sind die jungen Leute auch schon miteinander durchgegangen. Vide „Conradine Romana.““

„A so. No ja, sie hat’s aber auch büßen müssen. Oder haben wir nicht neulich in der Urkunde von 1746 gelesen, daß die Maria Teresia sie einfangen und ins Kloster sperren ließ?“

Dieses Gespräch bezog sich auf eine Steindorf, deren Portrait im Speisesaale hieng. Ein hübsches Gesichtchen, dem der Schelm aus den Augen sah. Mir hatte es immer den Eindruck gemacht, als sei der steife Seidenstoff zu schwer für diese frische, rosige Jugend, als strebe sie, heraus zu schlüpfen und als wollten die übermütigen, krausen Löckchen nichts wissen von einer regelrechten Frisur. Und so war es in der Tat. Das siebzehnjährige Mädchen war sterblich verliebt in ihren Vetter, und da der Vater nichts wissen wollte, und sie nur umso strenger überwachen ließ, nahm sie ihre Zuflucht zu einer List. Die kurzsichtige Erzieherin ahnte nicht, daß sie den Abendsegen über einen verkleideten Haubenstock gesprochen, undals sie am nächsten Morgen ihren Irrtum entdeckte, war das edle Fräulein über alle Berge.

Großmama mengte sich niemals in politische Gespräche, dennoch war es nicht zu verkennen, daß auch sie die jetzigen Zustände nicht billigte, und die Zeiten vorzog, wo Robbot und Zehent an der Tagesordnung war, und die „Herrschaft“ noch etwas galt. Und Großpapa stimmte ihr bei.

„Ich weiß mich noch ganz genau zu erinnern, wie ein jeder Bauer seinen Tribut gebracht hat. Der Getreideboden, der Keller sind das ganze Jahr nicht leer geworden. Und in unserer Gegend hat es einen berühmt guten Wein gegeben. Stark wie der Teufel und moussierend wie Champagner. Da hat die Mama einmal einen kleinen Tampus bekommen. Als junges Fräulein hat sie nämlich nie einen Tropfen getrunken.“

Er sucht mühsam die Bissen auf dem Teller zusammen, wobei gewöhnlich die Hälfte zurückfällt. Großmama hackt so energisch darin herum, um ihm die Stücke zurecht zu schieben, als wäre das Fleisch ein Walfisch, und die Gabel eine Harpune. „Geh’ lieber Ferdinand, so nimm’ Dich doch ein wenig zusammen. Es ist ja eine Schande, wie Du ißt.“

„Du darfst nicht vergessen, daß ich blind bin“, erwidert er ruhig.

„Ich weiß schon, aber wenn Andere es können. Der König von Portugal, der war ja auch stockblind, und wenn ich nehme, wie der appetitlich aß!“

Don für sich: „Der König von Portugal, der ist mir ganz egal.“

„Aha hörst Du was der Don sagt. Ich find’, der Mensch ist schrecklich keck.“

„Wenn Du den Don nicht hättest! Nicht wahr, Fellner“, fuhr sie zum Gesellschafter gewandt fort, „ich weiß wirklich nicht, was mein Mann ohne Sie anfangen würde.“

Don tut solches Lob sehr wohl. Er verlangt ja nichts, als dieses bischen Anerkennung. Überhaupt ein anspruchloses, kindliches Gemüt. Er fühlt sich wohl, trotz seines Automatenlebens. Mich aber ergreift bisweilen etwas wie Mitleid, wenn ich ihn betrachte. Nicht, daß er einen überarbeiteten Eindruck macht! Nein, wahrlich nicht. Sein rundes, gerötetes Gesicht, und die über das Maß behäbige Gestalt erinnern vielmehr an die lustigen Mönche auf den Grütznerbildern. Es kommt daher, weil er fast keine Bewegung macht und seinen Teller stets bis an den Rand füllt. Vom Morgen bis Abend muß er trockene Geschäftsdiktate schreiben, aus alten Urkunden vorlesen, förmlich Verzicht leisten auf seine Individualität. Für solche Menschen wird das selbstständige Denken Luxussache, sie gestatten es sich nur in den seltensten Fällen, gewöhnen es sich schließlich ganz ab und leben dahin, wie das liebe Tier.

„Na ja natürlich. Es ist immer Alles recht, was Dein lieber Fellner tut“, versetzt Großpapa in eifersüchtigem Ton.

„Es ist schon gut. Jetzt ein bissel ruhig sein, lieber Ferdinand, sonst überzuckst Du Dich.“

„Du hast aber viel an mir auszusetzen. Früher, da hast Du immer nur die guten Seiten gesehen.“

„Du warst aber auch ganz anders. Aussehen und Manieren wie ein Prinz“, versicherte sie mir.

„Natürlich, man wird alt.“ Und dann intoniert er mit zitternder Stimme die schöne schwermütige Melodie aus dem „goldenen Kreuz“: „Jenun, man trägt, was man nicht ändern kann.“ Ja, das waren Zeiten damals. Soll ich Euch erzählen, wie ich die Mama kennen lernte? Und trotz einstimmigen Protestes beginnt er die Geschichte von Neuem:

„Ich habe mit ihrem Bruder am Gymnasium studiert. Wir waren sehr gut miteinander und er hat mich im Hause meiner nachmaligen Schwiegereltern aufgeführt. Constanze saß am Fenster neben ihrer Mutter und arbeitete an einer Stickerei. Damals haben die Damen Locken getragen, und ich schwärmte seit jeher für blondes Haar. Und sie hat so herrliches gold-blondes Haar gehabt, — eine Locke, die ihr bis unter die Taille hieng. Sie sehen und mich verlieben war eins. Mein Vater war ganz wild, weil ich ihm erklärte, daß ich bereits meine Wahl getroffen hatte. Die oder Keine. „Dummer Bub“ hat er gesagt, „lern’ Du lieber. Mit dem Heiraten hat es schon noch Zeit.“

„Das glaub’ ich“, mengte sich Don höchst respektswidrigins Gespräch. „Der Herr Baron sind ja noch vor der Schultafel gestanden.“

Großmama, die sich zuerst ablehnend verhalten, lächelte nun doch etwas geschmeichelt, und er fährt fort:

„Vier Jahre, sage vier Jahre — beinahe so wie der Jakob um Rebekka, hab’ ich um die Mama geworben. Und weil mein Vater sah, daß ich meinem Entschlusse treu blieb, gab er nach. Aber er sekierte mich in einemfort und sagte: „Geh’ bild’ Dir nur ja nichts ein: die Constanze mag Dich ja gar nicht.“ Die Mama wollte mir nämlich nie öffentlich einen Kuß geben, aus übertriebenem Schicklichkeitsgefühl. Schließlich mußte er seine Vermutung doch aufgeben.“

„Genug, genug, lieber Ferdinand,“ bestimmte Großmama, doch diesmal fügte er sich ihrem Wunsche nicht: „O nein Mylady: jetzt kommt gerade das Piquante.“

„Schämst Du Dich denn nicht, vor dem Kind?“ Ich war nämlich noch immer das Kind.

„Nein, gar nicht. Es war bei einem Spaziergang. Die Eltern giengen ein Stück voraus und ich schlich zu Constanze, die etwas im Zimmer vergessen hatte. Wir benutzen die Gelegenheit, und wie wir mit einander schnäbeln, steht plötzlich mein Vater vor dem Fenster und ruft in seiner ungenierten Art herein: „Ah, da schaut’s nur einmal her: Tut’ immer als ob’s nicht Drei zählen könnt’ und laßt sich dann von ihm abbusseln.“ — Wie die Mama erschrocken und verlegen war! Ganz feuerrot.Geweint hat sie vor Verzweiflung. Gelt Mylady?“ und er tastet nach ihrer Hand.

Um Ruhe zu haben, reicht sie ihm die Fingerspitzen und während er sie an seine Lippen führt, murmelt sie, den Blick himmelwärts gerichtet, als riefe sie unhörbare Zeugen an: „Nein — nein diese Fadheiten.“

Und Tante Nilla rümpft die Nase und ißt stillschweigend weiter. Sie spricht jetzt womöglich noch weniger als früher. — Man sieht und hört sehr wenig von ihr. Nur wenn die Turmuhr Mittag verkündet, tritt sie in einen dicken Mantel gehüllt, das Gesicht mit einem Schleier so vermummt, daß man gar nichts von ihren Zügen sieht, auf die Terrasse. In der einen Hand trägt sie einen Marktkorb, in der anderen eine enorme Gießkanne. Rechts und links von Hunden in einer abenteuerlichen Uniform — marineblau mit grauen Borten — flankiert, so findet sie sich bei ihren Schützlingen ein.

An einer entlegenen Stelle des Gartens ragt eine stattliche Colonie empor, an der beständig hinzugefügt, vergrößert wird. Nie haben altersschwache Eichkätzchen, flügellahme, hinkende Krähen eine fürsorglichere Pflegerin, ein comfortableres Heim besessen.

Und hier taucht die schweigsame Tante auf. Sie spricht mit diesen stummen Geschöpfen, als wenn es ihresgleichen, vernünftige Wesen wären, und legt eine Zärtlichkeit in ihre Stimme, wie sie nur weichen Gemütern eigenist. Sie tadelt und lobt, streichelt sie, und lacht fast übermütig auf, wenn Eines oder das Andere Allotria treibt. Es ist nicht mehr dieselbe, etwas düstere Erscheinung, wie wenn sie unter Menschen weilt. Nichts von jener unnahbaren Haltung, die von vornherein jedes herzliche Verhältnis ausschließt.

Und es ist, als ob die Tiere sie verständen. Jedes kennt seinen Namen und niemals meldet sich ein falscher. „Nirps!“ und der Doyen der Krähen, ein einäugiger, ziemlich zerzupfter Gesell kommt herangetänzelt und dienert vor ihr, oder „Stutzl“, das Eichhörnchen mit dem angeschossenen Bein versucht einen Purzelbaum zu schlagen. — Im Großen und Ganzen eine traurige Gesellschaft. Mir tut ihr Anblick weh.

Ich blicke mit einer Art Staunen zur Tante hinüber: sie ist eine von Jenen, aus denen man nicht klug wird. Vielleicht war ihr einmal Böses widerfahren und der alte Groll lebt in ihr fort und macht sie fühllos den Menschen gegenüber. Wer weiß! Ich hätte etwas darum gegeben, dieses Problem zu lösen, doch es gelang mir nie. Tante Nilla wußte ihre Persönlichkeit und alles was damit zusammenhieng, in das undurchdringlichste Dunkel zu hüllen. Sie war und ist mir immer ein Rätsel geblieben. Ihre Liebe zu den Tieren bildete sozusagen das einzige Bindeglied zwischen uns. Denn auch ich schwärmte für so etwas Kleines, Vierbeiniges, das wir im Garten hatten, ein junges Reh. Es ist eine Waise und — namenlos.

Wir nennen ihn nur: „Er.“ — Das sagt aber auch Alles. Er ist eines jener bevorzugten Wesen, die sich die Herzen Aller im Flug erobern, ohne selbst etwas dazu zu tun. „Er“ ist, „er“ existiert und das genügt vollkommen, dadurch erfüllt „er“ seine Pflicht. Nicht, daß er sich etwa keiner äußeren Vorzüge rühmen darf: ganz im Gegenteil, er ist in Allem und Jedem der comble der Vollkommenheit. Welche Anmut, welch’ hinreißende Grazie er besitzt, das hält nur Jener für möglich, der ihn selbst gesehen. In seiner Haltung, dem stolzen Tragen des Kopfes, dem leicht gewiegten Gang liegt eine Poesie ohnegleichen. Er hat eine Art und Weise, Einen anzublicken, die wie Sonnenschein ins Innere dringt; im feuchten Glanz der großen dunklen Augen liegt etwas, das zum Guten mahnt, und einem Jünger Apoll’s die lieblichen Worte entlockte.


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