„Hat diese Welt als einz’gen LohnFür mein Bemühen, Spott und Hohn,Kann nichts mein Herz so tief erquicken,Als in Dein arglos Aug’ zu blicken.“
„Hat diese Welt als einz’gen LohnFür mein Bemühen, Spott und Hohn,Kann nichts mein Herz so tief erquicken,Als in Dein arglos Aug’ zu blicken.“
„Hat diese Welt als einz’gen LohnFür mein Bemühen, Spott und Hohn,Kann nichts mein Herz so tief erquicken,Als in Dein arglos Aug’ zu blicken.“
„Hat diese Welt als einz’gen Lohn
Für mein Bemühen, Spott und Hohn,
Kann nichts mein Herz so tief erquicken,
Als in Dein arglos Aug’ zu blicken.“
Und er war tatsächlich im Zeichen der Poesie geboren. „Im wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen, da war sein Lebenslichtlein aufgegangen.“ Im Waldesschatten, nahe dem murmelnden Bach, hatte seine Wiege gestanden; bemooster Boden, um den sich zartgrünes Brombeergestrüpp schlang, und dort habe ich „ihn“ gefunden.
Sein Vater hatte sich in Ermangelung jeden Sinnesfür Familienpflichten auf und davon gemacht, und da „ihm“ ein tückisches Schicksal die natürliche Ernährerin von der Seite gerissen, stand „er“ allein und hilflos da, inmitten der weiten Welt.
Wie er zitterte in seinem Versteck und mit der weichen Sammetschnauze meine Lippen beschnupperte! Dann begehrte „er“ infolge einer optischen Täuschung stürmisch nach meinem Handschuh, den ich ihm auch bis auf Weiteres willig überließ.
Ich drückte das liebe kleine Ding mit dem gefleckten Fell zärtlich an mich, mit der Empfindung, einen Schatz gefunden zu haben. Aber mit zärtlichen Gefühlen allein nährt man kein monataltes Reh, und so hieß es denn, die materielle Seite in’s Auge zu fassen. Ich machte mich mit meiner leichten Bürde auf den Heimweg und sah der Zukunft frohgemut entgegen, denn die Adoption schien mir, wenigstens vorderhand, mit keinen unüberwindbaren Schwierigkeiten verbunden. Ein eingezäunter Platz der Obstwiese sollte sein neues Heim werden, und zur Wärterin bestellte ich mich selbst. Die Bedürfnisse meines kleinen Kostgängers waren recht bescheidene, und der Dank, mit dem er jede Aufmerksamkeit entgegennahm, verdoppelte die Freude, für ihn zu sorgen.
Wenn ich ihn in den Armen hielt und er heißhungrig die mit warmer Ziegenmilch gefüllte Saugflasche bearbeitete, bot sich mir Gelegenheit, ihn bis in’s Detail zu studieren, und ich gewahrte Schönheiten, die mir imersten Augenblick entgangen waren. So weich und harmonisch war Alles an ihm, so rührend der Ausdruck des Köpfchens, mit den langen, aufgebogenen Wimpern und den seidigen Losern. Dann stellte ich ihn auf die Erde und er machte kleine, furchtsame Schritte, wobei er jedoch die übermäßig langen Beine mit einer Behutsamkeit und Grandezza voreinander setzte, als wäre er ein Tanzmeister in Lackschuhen. Er folgte mir auf Schritt und Tritt, benahm sich immer gut und würdevoll. — „Er“ ist zum Tagesgespräch geworden und es machte uns Spaß, ihn im Geiste in den verschiedensten Verkleidungen vor uns zu sehen. Bald stellten wir ihn uns als Troubadour vor, an der Mandoline zupfend, bald wieder im kleidsamen Rokokocostüm mit Zweispitz und Hackenschuhen, auch im Spitzhut des Touristen, bis wir zum Resultate kamen, daß er überhaupt nicht mehr schöner sein könne, als er war.
Wir erfanden ganze Geschichten, die wir zum Schlusse für wirklich wahr hielten und in denen „Mutzamein“, eine zarte, weiße Katze, die Hauptrolle spielte. Es gieng das Gerücht, daß „er“ sie zur Wirtschafterin engagiert habe und wenn wir vor der Thür ihr „Miau“ vernahmen, frugen wir, als ob es sich von selbst verstände: „Was will denn der gnädige Herr?“ — „Gnädiger Herr?“ Im Grunde aber hegten wir die feste Überzeugung, daß er bedeutend höher auf der socialen Leiter stünde, etwa „Chevalier“ war, Marquis oder spanischer Grand. Allessprach dafür, wenn man auch keine bestimmten Tatsachen nachweisen konnte. Sein elegantes Auftreten, sein vornehmer Geschmack. Er nahm nur Delicatessen zu sich, das Erste, Saftigste, was die jeweilige Jahreszeit bot — Veilchen, frische Rettigblätter, die er mit Kennermiene verzehrte, Rosen, Erdbeeren und geschnittene Äpfel.
Sehr komisch war es anzusehen, wenn er Baumäste und niederes Buschwerk attaquierte und dazu die tollsten Sprünge machte. Er konnte eben tun, was er wollte, wir fanden Alles „herzig“, unnachahmlich.
Robert schien sein Anblick zu ergötzen und das stimmte mich milder gegen ihn. Ich hatte mich indes getäuscht.
„Im nächsten Frühjahr kann er ein ganz passabler Bock sein. Dann lassen wir ihn hier im Garten aus und veranstalten eine Jagd.“
Obwohl es halb im Scherz gesagt war, empörte mich die Äußerung. Es lag so viel Taktlosigkeit darin, so viel Rohheit des Gefühls.
***
Ein Tag vergieng wie der andere, — und die Jahre flossen dahin in ruhiger Gleichmäßigkeit. Ich merkte es kaum — es war mir zur zweiten Natur geworden, dieses Leben, arm an Ereignissen und reich an Arbeit.
Ab und zu kam Besuch aus der Nachbarschaft und da erzählten dann die jungen Mädchen von den Erlebnissen im Fasching und in der Stadt. Bälle, Rennen, Toiletten und Courmacher. Sie kannten kein anderesThema, ich wußte nicht mitzureden und so blieben wir uns fremd.
Und doch, wenn sie gegangen, beschlich es mich wie leise Wehmut. Eine so eigentümliche Empfindung. Ich kann nicht sagen, was es ist. Es lehnt sich etwas in mir auf. Es fehlt mir etwas. Dann eile ich, von innerer Rastlosigkeit getrieben, von einem Zimmer in das andere, hinaus in den Wald, und da wird mir leichter.
Es ist so ruhig und friedlich um mich her. Ich schließe wie unbewußt die Augen und atme in langen Zügen die würzige Harzluft ein. Das Rauschen der Bäume klingt wie Musik an mein Ohr. Welch’ eigentümlicher Zauber liegt doch in dem Zusammenklang dieser mannigfachen Töne, welche Harmonie in dem bald nahen und lauten Flüstern, bald weit und leise schallendem Echo!
„Tok-tok“ tönt es in regelmäßigem Rytmus vom nahen Baumstamm herüber. Meister Specht hat wohl eine Postarbeit zu vollenden, und unwillkürlich muß ich über die Geschäftigkeit des bunten Vogels lächeln. Die alten Tannen neigen zustimmend das Haupt, und die zwei Eichkätzchen, auf deren Fell gerade ein Sonnenstrahl fällt und es goldig schimmern macht, halten in ihrem Haschen inne, als schämten sie sich ihrer Spielsucht, aber schon im nächsten Moment beginnt die tolle Jagd von Neuem. Leichtfertige, schnelle Dinger! — Glückliche Geschöpfe, die nichts ahnen vom schnellen Entschwinden der Zeit, nur die Lust des Augenblickes kennen, ohne Furchtund Reue. Wer weiß, sie sind vielleicht klüger als Jene, denen so manches Vorurteil das volle Genießen verbittert.
Ein welkes Laub wirbelt mir in den Schoß und ich schrecke nicht zurück vor der Berührung mit dem bleichen Gespenstchen; es will mir fast wie ein Widerspruch scheinen, denn auch hier weht mir kalter, erbarmungsloser Todeshauch entgegen. Auch in diesen zarten Äderchen hat noch vor Kurzem Leben pulsiert, frisches, warmes Leben, das ein einziger Windstoß, ein leiser Ruck vernichtet hat. Ich seufze auch nicht, während ich es zu Boden gleiten lasse. Mag es hier auf der feuchten Erde liegen bleiben und vermodern, mögen achtlose Menschenfüße es zu Staub zertreten, es hört nicht auf zu sein, wenn auch in anderer Form und Weise. Mutter Natur hat ein zu großes, liebendes Herz, sie hängt auch am kleinsten ihrer Kinder und will sich von ihm nicht trennen.
Alles um mich her strömt intensive Lebensfreude aus. Ein schillernder Schmetterling wiegt sich im Cyclamenbecher und schlürft berauschenden Trank.
Die kleinen naseweisen Ameisen summen etwas von „fleißig sein.“ Offenbar behagt ihnen mein müßiges Träumen nicht. „Nun laßt aber auch sehen, ob ihr vollkommen genug seid, um Anderen gute Lehren zu erteilen?“
Behutsam nähere ich mich dem aus Erde und Tannennadeln gebildeten Haufen, in dem es schwarz wimmelt. Ich halte den Atem an und sehe gespannt dem regen Treiben zu. Was das für geschickte Baumeister sind!Wie klug und systematisch die Strohhalme, Nadeln und Holzspähne auf einander geschichtet sind! Aus der winzigen Baumhöhle schöpfen sie unermeßliche Reichtümer aus selbstfabricierten Sägespähnen. Eine Ameisenabteilung steht auf dem balconähnlichen Vorsprung und wirft aufrecht stehend, mit den Vorderfüßen den unten harrenden Cameraden staubähnliche Splitter zu. Jene Anderen, welchen die Sorge für die Mittagstafel obliegt, schleppen mühsam einen Käfer, ein totes Würmchen herbei; sie keuchen gewiß unter der schweren Last, aber Entmutigung kennen sie nicht. Nach minutenlanger Rast nehmen sie die Bürde wieder auf und frisch geht es dem Ziele zu. „Nur nicht verzagen“, das ist ihr Motto.
Ich lasse mich auf einen Reisigbündel nieder und meine Betrachtungen schweifen von der emsigen Colonie dem blauen, wolkenlosen Himmel zu. Wie gleichmäßig spannt er sein Zelt aus, wie unergründlich ist sein Lächeln, das er auf so viel Glück und auf so viel — Elend herabsendet! ... Ich kehre wieder zur Erde zurück und lenke den Blick auf die vor mir liegende Waldpartie. Nicht ohne Wohlgefallen wende ich das Auge von den alten hundertjährigen Buchen- und Eichenbeständen zu den Kindern späterer Zeit, deren Prachtentfaltung der Zukunft gehört. Es macht einen angenehmen Eindruck, dieses frische, saftige Grün, im Gegensatz zu dem ernsten Dunkel, das wie ein Schatten, eine erfahrungsreiche Mahnung zur Jugend hinübersieht. „Was könnten wirEuch erzählen, wie trefflich Euch raten; noch verschmäht Ihr unsere Warnungen, einstens aber werdet Ihr an uns denken.“ — Vergeßt Ihr wieder einmal, Ihr Alten, daß auch Ihr in Jugendfülle und Übermut dastandet, den Lenzhauch in Eueren Ästen rasten ließet und die gefiederten Liebespaare in Eueren Zweigen beherbergtet?“
Im Grase zu meinen Füßen schimmert es in schillernder Taupracht. Es zittert und weht hin und her, wie der zarteste mit Goldfiligran verwobene Spitzenschleier. Bedächtig zieht sie einen Faden um den andern, die langbeinige Spinnerin, ganz unbekümmert um die arme gefangene Eintagsfliege, die Todesqualen leidet. „Warte nur, Du grausamer Tyrann! Wir leben nicht mehr in der Zeit des Faustrechtes; einer schöneren Periode geht es entgegen, wo es keine Hinterlist, keinen Betrug und — keinen Krieg mehr giebt.“ Ich fahre mit der Schirmspitze in den flimmernden Dunst und jetzt ist es mir leichter. „Lebe, kleine Fliege und schwing’ Dich mit den glashellen Flügeln in den blauen Äther empor.“
Brombeerstauden umschlingen die Baumstümpfe des Holzschlages und die schwarzen Früchte blicken mir verlockend entgegen. Ist es denn so lange her, daß ich an diesem Plätzchen gekniet und Erdbeerlese gehalten habe? — Ja, das Rad der Zeit rollt unaufhaltsam fort. Auch der Frühling, die Jugend entflieht und der Herbst meldet sich. Doch es gibt ein schönes, frohes Alter, es entsprießen ihm süße, erquickende Früchte, wenn ein Lenzder Gewissenhaftigkeit, ein Sommer treuer Pflichterfüllung vorausgegangen.
***
Die Tante und ich, wir nahmen seit längerer Zeit regen Anteil an der Friedensbewegung und waren mit vielen Gleichgesinnten in schriftlichen Verkehr getreten. Und wir hätten es nur natürlich gefunden, wenn das gesammte weibliche Geschlecht sich verbündet hätte, um der Kriegsfurie Einhalt zu gebieten. Mußte denn nicht jedes Mutterherz bluten, bei der Vorstellung, daß sein Kind eines Tages verstümmelt, zerfetzt, unter namenlosen Qualen zugrunde gieng? — Doch nein, es war noch immer Mode, die Söhne altadeliger Familien in militärischen Anstalten erziehen zu lassen, und wer es wagte gegen den Strom zu schwimmen, wurde mit scheelen Blicken angesehen.
Zudem gab es mehr als einen Retrograden, der aus Princip ein wütender Gegner der Bewegung war, sich mit Händen und Füßen wehrte, und ihr mit beißendem Hohn begegnete.
In unserem Dorfe selbst verhielten sich die meisten Leute, namentlich zu Beginn, ziemlich mißtrauisch. Wenn sich einmal ein Bauer etwas in den Kopf setzt, läßt er es sich nicht so leicht wieder ausreden, und sie hatten von jeher an dem Grundsatz festgehalten: „Nur ja schön vorsichti sein, sonst sitzt mer mir nix, Dir nix in der Patschen. Und gar wann’t Herrschaft d’ Hand im Spüllhat — die kunnt an ausnutzen und dabei no profitieren.“
Diesen Leuten gegenüber mußte man also eine eigene Taktik einschlagen. Ihnen schroff begegnen, hätte sie abschrecken geheißen von allem Anfang an, und sie bitten, wäre ebensowenig das Richtige gewesen. Es blieb nur eine Möglichkeit: sie selbst zum Denken zu bringen. Wir verteilten Flugschriften unter die Erwachsenen und beschenkten die Kinder mit kleinen hübschen Geschichten. Und war gerade der Büchervorrat erschöpft, so erhielten sie Spielzeug und andere Kleinigkeiten. Hin und wieder nahm ich die Vernünftigeren auf einen Spaziergang mit, und das schmeichelte den Eltern ungemein: „Mußt schön fleißi sein und Dein G’setzel auswendi lernen, nachha darfst an ein Sunndag mit der Baroneß Mimi gehen“, und die Kinder folgten gern.
Und im Verkehr mit diesen jungen Geschöpfen fühlte ich mich selbst in meine Kindheit zurückversetzt. Meine Lieblingspuppe „Clementine“ hatte ich dem kleinen Hauer-Reserl geschenkt und die trennte sich nicht mehr von ihr. „Wissen’s Baroneß, ich hab’ die Tini so gern, weil’s Ihnen g’hört hat“, versicherte sie ernst. „Überhaupt, wann Sie mir was schaffen, so freut’s mi immer. Das war so schön, was mer neuli zum Lesen geben haben.“
„Was war das Reserl? Ich erinnere mich nicht mehr.“
„No die G’schicht vom Soldaten, der stirbt, und wiesei kleine Tochter ins Spital kommt und sagt, daß ohne Vattern nit leben will.“
„Ja, Reserl, gelt’ das is traurig, wenn’s so anem Kind sein Liebstes erschießen!“
„Und ob.“ Drauf ward sie schweigsam. — — Sie gieng mit zaghaften Schritten neben mir her; das Köpfchen hielt sie etwas gesenkt und die langen schwarzen Wimpern warfen dunkle Schatten auf ihr blasses, schmales Gesicht. Sie war kein schönes Kind, aber eigenartig durch und durch. Für mich hatte sie eine große Schwärmerei, — ich glaube sie hieng noch mehr an mir als an den Eltern — und dann noch für die dunklen Pensèes, die in mannigfachen Farbenzusammenstellungen unsere Gartenbeete zierten.
„Goldblumen“ so nannte sie sie, meine stummen Rivalinnen. Ich habe die Kleine einst belauscht. Sie kniete, winzig wie ein Käferchen, vor einer Gruppe der genannten Blumen, den Oberkörper etwas nach vorn gebeugt, die Arme wie segnend ausgebreitet, während ihre Augen in unbeschreiblicher Verzückung an den dunklen und gelben Köpfchen hiengen. Ein Lächeln, das ich nie vorher an ihr gewahrt, verklärte ihre Züge und dann plauderte sie mit den sammtenen Geschöpfen. „O wie schön Ihr seid, meine lieben Goldblumen, schöner, viel schöner als die Rosen und Nelken, — ein Jed’s ein anderes G’sichterl. Ihr solltet’s nie verdorren. Habt’s nur keine Angst. Ich pflück’ Euch nicht: ich tu’ Euch nichts zu Leide.“ Unddann küßte sie jede einzelne auf das sanfte Blumengesicht.
Ich lauschte stumm und tiefergriffen. Es gab also Kinder mit angeborenem poetischen Empfinden, das der Schlamm, der Schmutz, in dem sie ausgewachsen, nicht zu ersticken vermocht. Was konnte aus einem solchen Wesen werden, wenn es in die richtigen Hände geriet — und umgekehrt. — — —
Die paar Stunden in der Schule und dann sich selbst überlassen, den lieben langen Tag. — — Wieviel schöne Anlagen, die nie zur Ausbildung gelangen, wieviel Talente, von denen Niemand ahnt. — Aber freilich, wo soll der Staat das Geld hernehmen für die Erziehung, wenn er es so nötig braucht für neue Uniformen und Gewehre.
Sie war nur eine der Vielen, die den trostlosen Verhältnissen zum Opfer fallen und ich wurde unendlich traurig bei dem Gedanken. „Armes, armes Reserl.“
***
Bei meinem Vetter gieng etwas nicht mit rechten Dingen zu: wir merkten es ihm deutlich an, und schließlich rückte er mit der Sprache heraus. Um doch irgendwie die Zeit totzuschlagen, hatte er sich dem Spiritismus gewidmet. Er befaßte sich mit Tischklopfen und Geisterschrift und gab sich alle erdenkliche Mühe, uns für seinen neuesten Sport zu gewinnen. „So versucht es doch nureinmal. Ich begreife gar nicht, wie man an dem Einwirken überirdischer Mächte zweifeln kann.“
„Wir läugnen auch gar nicht, daß es noch unerforschte Kräfte gibt, in der Natur: ich selbst glaube — d. h. bis zu einem gewissen Grade an Suggestion, und an Hypnose: doch das hat mit Deinen Geistern nichts zu tun“, erwiderte Tante Laura.
„Du willst also nicht zugeben, daß welche existieren. Wir haben aber Beweise dafür.“
„Du bist jedenfalls sehr genügsam, Robert, wenn Du Dich damit zufrieden gibst, daß sich im finstern Zimmer ein Tisch bewegt, oder wenn Du fragst, Antworten erteilt, die Dir der erste beste Bauer geben könnte. Ich verlange da schon etwas mehr.“
„Was sollten sie denn sagen? Sie müssen ja auf das Niveau unserer Vernunft herabsteigen, um sich uns verständlich zu machen.“
„Sie müßten im Gegenteil unseren Geist erleuchten, unser Auffassungsvermögen erweitern, damit wir ihnen über die Alltäglichkeit hinausfolgen könnten. Uns ganz ungeahnte, verblüffende Dinge enthüllen, uns von der Zukunft prophezeien. Kannst Du mir etwas in dieser Art anführen?“
„Es ist sehr schwer mit Solchen zu discutieren, die von vornherein nicht glauben wollen.“
„Wenn es Dir gelänge, mich zu überzeugen, würde ich mich gewiß nicht sträuben: aber bis jetzt habt Ihrnichts Markantes aufzuweisen. Im Gegenteil, es ist ja nachgewiesen, daß die paar Haupteffekte, mit denen sich die Spiritisten so gerne brüsten, auf schwindelhaften Manipulationen beruhen. Weshalb scheuen Euere hohen, freien Geister das Tageslicht? Soll nur einmal Einer eineséancebei Sonnenschein halten! Das versuchen sie aber wohlweislich nicht: „im Dunkeln ist’s gut munkeln.“ Und, soll ich Dir offen meine Meinung in dieser Frage sagen?“
„Gewiß“, versetzte er zögernd.
„Ich halte es geradezu für ein Unrecht, für einen Betrug, der dummen, leichtgläubigen Menge solchen Hokuspokus vorzumachen, sie auf den Holzweg zu führen.“
„Aber Du, die Du so viel auf Ethik gibst, siehst Du denn nicht das veredelnde, erhebende Moment? Die Leute werden sich mit ihrem Schicksal viel eher aussöhnen, wenn sie in der Erwartung eines idealen Jenseits leben.“
„Robert Robert, Du tust mir wirklich leid. Ich finde keine Spur von Ethik, noch von Ästhetik in wandelnden, weißdrapierten Gerippen, die um Mitternacht in den Möbeln rumoren, und furchtsame Leute an den Ohren zupfen.“
„Immer die realistische Auffassung.“
„Aber doch mit Recht. Und Scherz beiseite, nur Leute im höchsten Grade der Nervenzerrüttung, anormale und schwache Menschen, die einen Profit erhoffen, die nicht Mut genug besitzen, sich in das Unabänderliche einerTrennung zu fügen, sind Euere Genossen. — Ja, wenn die Lieben widerkämen“, fügte sie in Selbstvergessenheit hinzu, „dann freilich wär’ der Abschied nicht so bitterhart. Aber bloß weil wir es wünschen — das genügt nicht.“
Auch ich seufzte auf und Robert trachtete meine Stimmung auszunützen: „Du hast kein Wort gesagt? Du hältst es doch wenigstens nicht für unmöglich?“
„Ich glaube nicht daran.“ „Wahr, wahr in allen Consequenzen, und wenn das Herz darüber bricht“, es war sein heiliges Vermächtnis.
„Das reine Echo Deiner Tante“, versetzte er spitz und gieng.
***
Mein Geburtstag. Ich bin 24 Jahre alt geworden. Wie ist das nur gekommen, so rasch, so unvermerkt? Was war mein Leben bis jetzt gewesen, und was würde es in Zukunft sein? — —
Es klopft.
„Herein!“
Hannerl in ihrem besten Staat wünscht mir alles erdenkliche Gute. Ihr Gesicht strahlt vor eitel Wonne, seit Großmama auf unser Zureden, ihre Einwilligung zur Heirat mit Fertel gegeben, der nun zum Förster avanciert war.
Im Winter sollte Hochzeit sein, und täglich nach Feierabend arbeiteten sie an der Einrichtung ihres neuen Heims. Hannerl wurde nicht müde, mir darüber zu berichten:
„Das erste Zimmer soll lichtgrün werden — der Plafond mit Blumen in den Ecken — und der Glaskasten soll“ — — „Ein weißes Haar“ — „da schauen Baroneß“, und mit naivem Interesse hielt sie mir die eine Flechte hin. „Aber nicht ausreißen“, bat sie, als ich es herausziehen wollte — — „das ist ja schön“, und sie plauderte weiter.
Ich aber war nachdenklich geworden. Und wieder kam es über mich, jenes ängstliche, beklemmende Gefühl, das mich in letzter Zeit so häufig beschlich. Eine Art Schwindel und dabei ein Prickeln unter der Haut wie von 1000 Nadelstichen. — — Ich fühlte mich abgespannt und müde; dabei ward es mir zu eng im Zimmer, ich meinte zu ersticken.
Vor dem Tor erwartete mich die Schar der kleinen Gratulanten aus dem Dorf. Sie waren komisch anzusehen, wie sie dastanden, geschniegelt und gestriegelt, und in sichtlicher Befangenheit an ihren Schürzen zupften. Atemlos, als jage Jemand hinter ihnen drein, plapperten sie ihren Vers herunter und seufzten erleichtert auf, als sie damit zu Ende waren.
Nur Reserl hielt mir stumm einen Strauß Reseden hin und küßte mir die Hand. Da stieg es mir heiß in die Augen und ich wandte mich rasch ab — — es sollte Niemand sehen, wie unaufhörlich mir die Tränen über die Wangen rannen, hinab auf die Hände, die hellen, salzigen Tränen.
Das Laub prangt in den glühenden, satten Farben des Herbstes, und feuchte Nebel rieseln herab. Ein eigentümlicher Modergeruch erfüllt die Luft, und zahllose welke Blätter bedecken die Erde. — Ein winziger Vogel hüpft von Ast zu Ast und singt — — es klingt so traurig und gemartert.
Graue Wolken jagen am Himmel dahin: eine unerklärliche Lust erfaßt mich; sie zu haschen, die so rasch entfliehen. „Bleibt, eilt nicht so!“ — — Alles vergeht, ich komme mir so alt vor, und erst später — wie lang wird’s dauern!
Namenlose Traurigkeit erfüllt mich. Ich möchte mich hinlegen zu den toten Blättern und mit vergehen im großen Sterben der Natur.
Müde lassen die letzten Blüten ihre Köpfchen hängen, als hätten sie gar Schweres zu tragen. Wer weiß! Es kann ja Niemand in einer Rosenseele lesen!
Auf den Wiesen spannt der Altweibersommer seine Fäden aus. — — Langgezogen und schwermütig tönt der Pfiff der Eisenbahn zu mir herüber, wie der letzte, jammervolle Aufschrei einer gequälten Seele.
Dann ist es still. Das Ende. Wie öde, wie leer! Und plötzlich kommt mir ein Lied in den Sinn, das ich die Tante singen gehört, das Tosti’sche „Ninon“:
„Ninon, Ninon, que fais-tu de la vie?Rose ce soir, demain flétrie.Comment vis-tu?Toi qui n’as pas d’amour?“
„Ninon, Ninon, que fais-tu de la vie?Rose ce soir, demain flétrie.Comment vis-tu?Toi qui n’as pas d’amour?“
„Ninon, Ninon, que fais-tu de la vie?Rose ce soir, demain flétrie.Comment vis-tu?Toi qui n’as pas d’amour?“
„Ninon, Ninon, que fais-tu de la vie?
Rose ce soir, demain flétrie.
Comment vis-tu?
Toi qui n’as pas d’amour?“
Morgen schon „vorbei“. — — Jede Minute arbeitet langsam aber sicher am Zerstörungswerk. Unaufhaltsam treibt die Natur ihr grausames Spiel. Sie schafft mit Feenhänden, um mit Keulenschlägen zu zertrümmern.
Nichts bringt uns das Heute zurück. — Das Leben ist so kurz — und im Weibe wohnt der Drang — sich hinzugeben in der Rosenzeit. Es ist so traurig, dahinzuwelken, ohne geblüht zu haben.
„Vierundzwanzig Jahre“, und ich betrachtete mich lang im Spiegel. — Ich sah bedeutend jünger aus. — — Aber es war doch nicht mehr der taufrische Teint, der leuchtende Blick von früher. — Und dann auf der Stirne, um die Mundwinkel — die ersten Fältchen, unmerklich dünne Linien noch — aber wie lange?
Vielleicht war ich überhaupt nie jung gewesen? Eine Scheintote, die plötzlich aus dem Sarge steigt um die Rechte der Lebenden zu fordern „Glück und Liebe.“
In der Arbeit liegt Befriedigung: ich hatt’ es selbst erfahren. — — Aber alles ersetzen — nein — — das hat sie nicht vermocht.
Mein Herz begann zu klopfen, so laut und bang. Ich hörte seine Stimme deutlich: sie sprach von „Leben und Genießen.“
***
Der Winter zeigte sich ganz besonders hartnäckig in diesem Jahr und die Post hatte infolge der argen Verwehungenwieder einmal Verspätung. Der alte Witzelsberger lädt uns ein, in der Wohnstube Platz zu nehmen, und wir folgen der Aufforderung gerne, denn er ist ein guter Mensch, und einer von den Wenigen, die Schritt zu halten wissen mit ihrer Zeit, so weit man es von einem simplen Bauer verlangen kann. In seinen Mußestunden — d. h. wenn er nicht amtlich zu tun hat — betreibt er das Schusterhandwerk, und während er auf seinem Dreifuß sitzt und die Ahle durch das spröde Leder gleiten läßt, schweift sein Geist in höheren Regionen. Er dichtet nicht, wie Hans Sachs, hat aber einen offenen, empfänglichen Sinn für Alles, was die Welt bewegt. Eine gesunde, derbe Vernunft leuchtet durch jede seiner Äußerungen, und unter dem groben Barchentkittel steckt ein braves, ehrliches Herz.
Eben befestigt er eine Sohle an winzigen Kinderschuhen: „Die san für die klane Bucher-Lisi aus Polenz“ erklärt er uns. „S’ war ja eh nimmer zum Anschaun, was das arme Hascherl g’froren hat. Blaurote Füß und kein Feuer im Ofen! — Ja, wenn mer so in die Häuser einerschauert, da hätt’ mer bald g’nua. S’ Armsein, ja!! — Wann eins no g’sunde Glieder hat, und was verdienen kann, aber so an Existenz wie die sieche Hablarin — kan Menschen zur Pfleg, und nit allemal a Stückel trockenes Brot im Haus — wahrhafti, s’ Herz kunnt’s Einem im Leib umdrahn. — Und da kauft si so a Millionarstochter um 30000 Gulden (nochmals, und sehrgedehnt) um dreißigtausend Gulden eine seltene Pflanzen. Ja, versteh’ns denn dös? I hab’s rein nöt glauben wollen, wier’ is g’lesen hab’. — Die Blumen, und wenn’s a no so schen is, wie lang dauert’s denn, und sie laßt ’n Kopf hängen? Und herentwegen, wie vüll Gut’s ließert si mit dem Geld machen. Die wissen’s Alle miteinander nicht, die reichen Leut’, was für a furchtbare Verantwortung als’ haben.
Vor ein paar Täg’ is in der Zeitung g’standen, daß ein Abgeordneter — der Namen fallt mir nit glei ein — von an Steuerzuschlag g’sprochen hat. Viel macht’s für’n Einzelnen nit aus, — die paar Kreuzer mehr, die tun auch Unsereins nit weh — und z’sammenkommen tät halt do hübsch was, und die armen Leut’ braucherten doch wenigstens nit zu derhungern. Da wüßt’ mer do für was, mer hätt’ was davon. Es is ja a Schand — in an ordentlichen Staat darf ja so was gar nicht vorkommen. Das Richtige g’schieht so nit alleweil — — no freili, ma traut si’s nit z’ sagen, sonst kommert mer in Verruf. — — Zu was denn um Herrgottswillen, das viele Müllitär? — — Anfangen mag do Keiner, weil Jeder si fürcht’, — no ja, selbstverständli — no also, jetzt steh’ns da — und warten — — is dös vielleicht a a Beschäftigung? — Und leben müssen’s do — Geld brauchen’s — her damit.“
„Ja, Recht hab’ns Witzelsberger,“ versetzt die Tante. „Nicht nur, daß das Rüsten ins Blaue hinein, Unsummenkostet, — es erregt vor Allem Mißtrauen, und das ist eine große Gefahr.“
„No freili — so hab’n sie die großen Krieg no immer ang’fangen. Mannigsmal schielt a der Ane oder der Andere von die hohen Herren über die Grenz, und wann ihm halt beim Nachbarn a Stückerl gar z’ gut g’fallt — nachher geht’s los. — Bitt’ Ihnen, für a Fleckerl Erden — is denn dös im Verhältnis — wenn mer denkt, wie viel tausend drunter leiden? Wir hab’n do nix davon — na uns fragt mer aber a nit. — Sonst, wier’s Volk heutzutag is, a jeder Anzelne tat Ihnen antworten: „Ah na, i bin nit für n’ Krieg, — i nit.“ S’is ja a Jammer, wann die Burschen fort müssen — drei Jahr lang dienen — wann’s nachher hamkommen, da hab’ns das Bissel, was konnt haben, a no verlernt; spielen si auf ’n nobligen Herrn aus, trinken, machen Schulden, tun den Dirn’ schön und lassen’s sitzen, wenn se ’s ins Unglück bracht haben. Na ja, von vorn anfangen, das g’freut’s net; so is kommoder — und a Posten zu an Officiern find’ si a nit allemal.“
Er war plötzlich nachdenklich geworden. — „Ja wann i mi so an’s Jahr 66 erinner’“, fuhr er nach einer kleinen Pause fort — „die Herrschaft war dazumal auf Reisen — weil mer kei Kirchen im Ort g’habt haben, da san mer’s ganze Dorf an ein Sunndag in die Meß übrigangen nach Blauenstein. I hab’ früher Flöten blasen auf’n Chor, und war immerdar der Eifrigste im Gotteshaus.Wie aber dann der Herr Pfarrer — jetzt tut ihm a kan Zahn mehr weh — ang’fangt hat in’s Hetzen, daherzureden, als wann die Preußen kane Menschen nit wären, da hat’s mer nimmer g’fallen. Nachha bin i ausblieben. „Pfarrer“, hab’ i simuliert, „Pfarrer, is denn dös in der Urdnung, is denn dös a Christlichkeit, daß’t machst, als dürft’ mer an Fremden hassen? Hat do der Herr Jesus Christus selber g’sagt: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst — tue Gutes Deinen Feinden.“ Der Bischof hat’s bald derfahren, na dem war’s halt a nit Recht und drum hat er uns an andern Seelsorger verschrieben. Das war ein Mann, sag’ i Ihnen, Frau Baroneß, den hätten’s sollen predigen hören! „Vor unserm Hergott san mer Alle gleich — nur durch gute Werke und rechtschaffenes Leben können mer uns vor seine Augen wohlgefälli machen. Alle san mer unserm himmlischen Vater sei Kinder, ob mer aus Frankreich oder Deutschland kommen, Juden oder Christen sind. Keiner darf’n Andern was z’ leid tun, a Jeder soll schön staat vor seiner Tür kehren. Da hat er nur Recht g’habt, der geistliche Herr — Gott hab’n selig. — Wenn der heut aufständ’, der möcht’ dem Lueger, der ganzen Antisemitenpartei urdentlich den Text lesen. Na i gunnert’s ihnen, s’ war ihnen recht g’sund.
Ja alsdann — vom Jahr 66 hab’ i Ihnen derzälen wollen. War dös a Zeit — i wollt’s nimmer mitmachen, na i nöt. Aber i siehs vor meiner, akkaratals ob’s gestern wär. Im Frujahr, da san die Burschen wie g’wönli assentiert worden. Jeder hat zum Müllitär wollen, weil’s als was B’sonders golten hat. — Na, und die Madeln haben’s trieben! Wann Aner mit’n farbigen Büschel auf’n Hut z’ruckkommen is, no nachha war’s aus. Busseln hat’s geben, uje — und Augen verdraht haben’s, wie nit recht g’scheit. Ganz selbstverständli hat si da so a junger Mensch einbildt’, daß er was Extra’s is. No und mei Hannes, der hat’s halt a nit derwarten können, und die Freud, wie’s ihn g’halten haben! I hab’ in der G’huam immer g’hofft, sie nehmen ihn viellei do nit. — Aber er war a g’sunder starker Mensch: wir hab’n unsere Freud’ an ihm g’habt. Ja, dös hätt’ mer a nit denkt“, setzte er mit verschleierter Stimme hinzu und fuhr sich mit der rauhen Hand über die Augen. „Selbigs Jahr hat er mitmüssen, — na z’ruckkommen is er a — aber wie — mir wär’s meiner Söll lieber g’wesen, wenn ihn a Kugel glei mitten nei’ ins Herz troffen hätt’. Bei der Schlacht von Königgrätz hab’ns ihm an Fuß wurz abg’schossen und den Arm so verwundt, daß er’n hat in der Schlingen tragen müssen. — Er war schon so tüchti in der Wirtschaft g’west; hat Alles verstanden, i hab’ mi um nix net z’ kümmern braucht; — mit’n Arbeiten war’s halt dann aus, in Dienst hat’n a kaner mehr g’nommen und froh — dös is er sei Lebtag nimmer g’worden. Mit die paar Kreuzer, die ein Invalid auf’n Tag kriegt, — da wird er nit sattdavon. Ganz schwermüti is er g’worn, der Hannes, zu trinken hat er ang’fangt, um net alleweil an sein Unglück zu denken. Was wir ihn beten hab’n: „Geh, sei g’scheit, laß’ stehen, thus Dein’ Eltern z’Lieb!“ All’s umasunst. S’hat nix g’nutzt, er hat net aufg’merkt — und am End’ is er d’ran zu Grund gangen. Dös hat „uns“ der Krieg bracht.“
Ich blickte mich scheu um in dem armseligen Raum, wo sich eine Tragödie abgespielt, wuchtiger, düsterer vielleicht, als auf mancher Großstadtbühne. Auch hier war der Todesengel eingekehrt, um ein blühendes Leben zu fordern: Schmerz und Verzweiflung folgte seinen Spuren.
„Wie san’ mer an den Buab’n g’hangen! — Kan Arbeit war uns zu schwer und wie er aufg’schossen is und so fleißi g’lernt hat, da hab’n mer uns net auskennt vor Freud. — — Nur, wenn er mit die Holzsoldaten g’spielt hat, und „Schießen“ kommandiert, da is mer urdentli bang g’worn. Wann’st mer Du nur net a anmal so derschossen wirst.“
„Von die Sieben san im Ganzen Dreie hamkommen; i war net der Anzige, den’s troffen hat. Ja, ja, Frau Baroneß, so geht’s schon. — Zwa san auf’n Schlachtfeld blieben — wer weiß, wo die begrab’n san! Dutzendweis habn’s es in die Gruben g’worfen, die Preußen und die Österreicher kunterbunt durcheinand — jetztan haben’s si halt do vertragen müssen. No, und die andern Zwa san an der Cholera g’storben. Die Sterblichkeit dazumalwar ganz erschrecklich. — Keine Famüli, wo’s nit a paar Tote geben hat.“
„Ja schrecklich, schrecklich — und für was?“, schaltete die Tante ein.
„Dös sag’ i a. Mer bringert ja gern an Opfer, wenn mer an Zweck hätt’, wann mer meint, si oder an Andern damit z’helfen, was Gurt’s z’tun. — Aber All’s hergeben für nix und wieder nix! — — Na — wer dös begreifert! — I hab’ drum mein Vaterland nit weniger lieb und wann Aner von uns was leist’, wann mer von ihm redt, nachher bin i ganz stolz. „Schau, Witzelsberger is halt a an Österreicher“, denk i dann. Der Verstand, dös is ja, was’n Menschen ausmacht. — Wann wilde Viecher si zerschinten und auffressen, — das is was anders, aber der Mensch, der dürft’ do nit vergessen, daß er Gottes Ebenbild is. — Und dien’ i denn mein Vaterland besser, wann i mir die graden Glieder abschießen lass’ und Krüppel werd? Was kann i dann no leisten, was denn? — Und praktisch g’nommen, Profit, daß der Anzelne a was davon merket, das hat do Kaner, nit der Sieger und net der g’schlagen wird. — Steuerzahlen muß mer grat a so, und besser leb’n turt mer do nit. Reich werden höchstens a paar Leut: der Müllitärschneider und die Waffenfabrikanten — und dadafür — ah’s is ja verruckt. — — Segn’s Frau Baroneß, in mancher Weis waren die Menschen früher gescheiter. Da hat do no der Krieg an Sinn g’habt, weil’s persönlicheTapferkeit geben hat, aber irzt? — — S’Gewehr laden und’n Hahn losdrücken, das bringt bald Aner zu Stand, auch der Feigste. — Und wenn’s schon net anders geht, wenn schon absolut g’stritten sein muß, so sollen halt Zwa die Sach’ austragen. — Da waß i aus maner Kinderzeit, hat uns amal der Lehrer derzölt, oder is in der G’schicht standen, dös was i nimmer — da haben’s es akkarat a so a getan.“
„Ja natürlich ist’s vernünftiger. Übrigens kann man einen Streit auf ganz unblutige Weise entscheiden“, und sie setzte ihm in wenigen Worten die Schiedsgerichtsidee auseinander.
„Sölchs war das Richtige“, erklärte er bestimmt, „na und warum sollert’ mers denn nit dahin bringen? S’ wär’ ja nur a Woltat“.
„Ja lieber Witzelsberger, gewiß. Wenn aber nur Alle so dächten wie Sie.“
„No wegen dem war’s nöt. I bin der festen Manung, daß a Jeder hier im Dorf — is wer der wüll, vor’n Bettgehen sein G’setzel hersagt: „Lieber Hergott, bewahre uns vor jedem Übel, vor Krankheit, Hungersnot und Krieg.“ Nur trauen’s si halt nit, offen zu bekennen. Wann mers fragert, a Jeder schauert auf’n Andern, und Kaner muxert si. Bei si aber, in sein Innern da denkt er do, daß der Krieg an Unsinn is, a Sünd. — Ja, wann’t Menschen g’scheiter wär’n, wird si a Mannigs ändern.“
„Vater, die Post kommt.“ Es ist seine Tochter, ein bildhübsches Geschöpf von 18 Jahren. Das Haar umgibt in goldiger Fülle ein blasses Gesichtchen, aus dem ein paar traurige Rehaugen blicken.
„Ja, Franzel, geh’ nur — i kumm glei nach.“ — „Das Madel will mer nit gefallen — vielleicht a a Liebschaft. Jetztan laßt’s alleweil den Kopf hängen, hats Lachen ganz verlernt.“
„No aber, Sie können doch eine Freud’ haben mit so einer hübschen Tochter.“
„Dös wol. Freili bin i stolz — nit weg’n der Schönheit — das vergeht — sondern weil’s a so a braves, rechtschaffens Ding is. Hat mer, so lang i denken kann, no niemals keine böse Stund’ nit g’macht“, und damit rückt er die Hornbrille fester auf die Nase und begibt sich in die Amtsstube.
„Der brave Alte.“ Einer momentanen Eingebung folgend, nähert sich ihm die Tante und drückt die arbeitsharte schwielige Hand.
***
Langsam, ruckweise löst sich der Schnee von Bäumen und Dächern und klatschend fallen die Tropfen zur Erde. Nur noch an einzelnen Stellen bildet er eine schmutzigbraune Maße, die seltsam von dem jungen Grün absticht, das wie ein weicher Teppich den Grund bedeckt.
Verheißend weht ein laues Frühlingslüftchen, unddie knorrigen Weidenbäume scheinen in hellen Flammen zu stehen. Die Sonne läßt ihre kahlen Äste erschimmern wie pures Gold, die Tausendkünstlerin, die liebe, liebe Sonne.
Die ersten Palmkätzchen recken die flaumigen Köpfchen und die ungestümen Kibitze flattern auf, mit klagendem Geschrei.
Paarweise und in Gruppen, dicht aneinander geschmiegt, fest in die Silberpelzchen gehüllt, stehen die Anemonen da und ab und zu gewahrt man auch schon eine Primel.
Wie lange noch, und Alles steht in Blüte! Mir wird so weich, so warm um’s Herz — eine eigentümliche Rührung überkommt mich und treibt mir die Tränen in die Augen. Ich weine jetzt so leicht. — Es überläuft mich kalt. Die bösen Nerven. Und so müde: so schwer die Glieder. Vielleicht dachte ich zu viel an mich? Und dann empfand ich plötzlich ein intensives Bedürfnis, Jemand ein paar gute Worte zu sagen, eine Freude zu bereiten.
In der Entfernung taucht eine dunkle Gestalt auf. Es ist die Witzelsberger-Franzel. Welch’ anmutiger Gang, welch’ elegante Haltung. Ein schöner Edelstein in plumper Fassung. In zehn Jahren, vielleicht schon früher würde sie ein welkes, abgearbeitetes Bauernweib sein, ohne jeden Reiz.
Sie war auch mir in letzter Zeit still und traurig erschienen. Sollte sie auch ihren Kummer haben?
„Franzel.“
Sie beschleunigte ihre Schritte, und vermied es, nach meiner Richtung zu sehen. Ich rief mechanisch noch ein zweitesmal, und da war’s, als besänne sie sich. Sie blieb einen Augenblick stehen, und kam dann langsam auf mich zu.
„Wo warst denn Franzel?“
„In Sahning“, kam es stockend zurück.
„Muß schön gewesen sein im Wald. Gelt’ wir haben’s halt doch besser als die Stadtleut, die den ganzen Tag im finstern Zimmer sitzen müssen. Oder möchtest gern nach Wien?“
„O Gott, mir is’ alles eins — am liebsten wär’ ich tot.“
„Aber geh Franzel, wer wird denn so reden? Was tät denn Dein Vater ohne Dich?“ Jetzt erst fielen mir ihre verweinten Augen auf. „Is Dir denn was Unangenehmes geschehen?“
Sie blickte beharrlich zu Boden.
„Ja, wenn Du’s nicht sagen willst.“ —
„Es nutzert ja nix. S’ is Alles — Alles aus.“ Dabei brach sie in krampfhaftes Schluchzen aus. „I hab’n halt so vüll gern und hab glaubt an ihn, wie an’ Herrgott selber.“
„Dein Schatz, Franzel? So ist er Dir untreu geworden?“
„Ja, jetzt, wo’s Unglück über mich kommt, will ernix mehr von mir wissen. Früher, da hat er mir schön tan und immer g’sagt: „Franzel, ich versprech’ Dir, daß ich Dich heirat’, verlaß Dich nur ganz auf mich!“
„Das ist nicht recht von ihm. Hat er nicht gesagt, warum er nicht mehr will?“
„Weil er fort muß. Sein Urlaub is aus — Sie wissen’s ja so.“
„Aber Franzel, woher soll ich es denn wissen? Ich weiß ja gar nicht wer er ist.“
„Das haben’s wirkli nit gewußt?“ Sie fragte ganz erstaunt. „Weil’s ihn so oft im Schloß drin sehen, hab’ i mer denkt, daß er Ihnen was g’sagt hat. Jesses nein — i trau mich gar nicht z’ Haus, zum Vater — der jagt mich noch am End davon.“ Sie sah mich verzweifelt und hilfesuchend an, als erwarte sie ihre Rettung von mir.
Ich aber war so empört, so erbittert über Robert, daß ich kein Wort des Trostes fand. Und dann, was war zu tun? Ich sann hin und her, ohne einen Ausweg zu finden. Schweigend standen wir uns eine Weile gegenüber, dann ergriff ich Franzels Hand: „Hast’n wirklich so gern?“
„Seh’ns das ist auf einmal so kommen. Zuerst hab’ ich ihn gar nit mögen. Dann aber, wie er so viel bettelt hat, daß er ohne mich nicht leben kann, hat er mir erbarmt. Und jetzt — jetzt“ — —
„Armes Ding! Vielleicht, daß sich doch was machenläßt. Ich will nachdenken. Eigentlich, wenn er Dir’s versprochen hat, muß er Dich ja heiraten.“
„Das hab’ ich auch geglaubt. Er sagt aber s’ist ein Unsinn.“
„Sein Wort halten, ein Unsinn? Da irrt er sich. Sei ruhig, Franzel — er muß es gut machen.“
„Glauben’s wirkli?“ Sie fiel mir um den Hals und jubelte unter Tränen „wirkli?“ Dann plötzlich mit unheimlicher Entschlossenheit: „Na ja, sonst blieb’ mir nur eins übrig. Dem Vater könnt’ ich ja die Schand’ nit antun.“
Es war plötzlich finster geworden. Graue Wölkchen ballten sich zu einem Klumpen zusammen, verhüllten die Sonne, und ein feiner Regen sprühte uns in’s Gesicht.
„Muß schon spät sein. Wenn ich nicht schnell geh’, komm’ ich nicht zu Mittag nach Haus.“
„Ja, geh’ Franzel und sei ruhig.“
Die Dorfuhr schlug dumpf die zwölfte Stunde, und so oft sie zu neuem Schlage aushub, gab es mir einen Stich in den Kopf. Was ich da soeben gehört, schien mir wie ein dunkler Fleck auf blendenden Rosenwolken, etwas so Häßliches, Düsteres. Da hatte man mir wieder ein Stückchen Illusion geraubt. Ich wußte ja, wie es zugieng in der Welt — ich konnte es tagtäglich in der Zeitung lesen, und dennoch sträubte ich mich, daran zu glauben. Und dann lag es vielleicht auch daran, weil das Echo der Großstadt nur gedämpft zu mir herüberdrang,während ich heute dem Elend gegenübergestanden, ihm ins Auge geblickt.
Mit einemmale überkam mich ein solcher Ekel vor den Menschen; ich fühlte kein Mitleid mehr mit ihnen, nur unsägliche Verachtung.
Ich war dem Dorfe näher gekommen und hörte das schrille Gebrüll eines Schweines. Es tat mir in den Ohren weh; ich bog rasch um die Ecke, und was ich jetzt sah, erfüllte mich mit solchem Entsetzen, daß ich mich an einen Baum halten mußte, um nicht umzufallen.
Unter einem geöffneten Haustor wurde ein Schwein geschlachtet. Das Tier lag gebunden, blutüberströmt im Trog und ein Mann versetzte ihm mit Wonne Stiche, ermutigt von den Zurufen der Umstehenden: „Nur zu, a so, recht fest eini.“ Zwei kleine Buben verfolgten mit Spannung den Vorgang. Ich wollte auf sie zulaufen, sie wegreißen, ihnen sagen, daß das abscheulich sei, aber ich vermochte keinen Schritt zu machen. Ich hörte nur das verzweifelte, gellende Schreien, zuerst laut und fortgesetzt, dann immer seltener und schwächer — in meinem Kopfe wirbelte Alles durcheinander, bis ich nichts mehr wußte.
Ich wahr ohnmächtig vor dem Tor zusammengefallen und ins Schloß getragen worden. Abends jedoch hatte ich mich bereits vollständig erholt und erzählte der Tante die Geschichte mit der armen Franzel, in der Robert eine so erbärmliche Rolle gespielt. Sie war so empört undaußer sich, daß ich erschrack. Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte, untersagte sie mir jedwede Einmengung, da sie es für angezeigter hielt, daß ich mich von solchen Dingen fernhalte — sie selber wolle mit ihm reden, an seine Ehre appellieren, falls er überhaupt noch einen Funken dieses Gefühles besaß.
Während die Tante mit ihm verhandelte, bemächtigte sich meiner eine große Unruhe. Was wird er sagen und wie soll es enden? Es war eine böse, traurige Geschichte und unaufhörlich schwebte mir Franzel’s verweintes, angstvolles Gesicht vor. Es gab nur einen Ausweg, das begangene Unrecht zu sühnen: er durfte nicht anders handeln, es war seine heilige Pflicht und Schuldigkeit. Die Tante kam zurück, blaß und erregt. Die Augen sprühten Funken und die Fingerspitzen zuckten nervös. Sofort begriff ich, wie es stand: „Er will also nicht?“
„Nein. Er weigert sich — der Elende. Von heute ab sind wir geschiedene Leute. O, man könnte oft verzweifeln an den Menschen! Diese verkehrten, hirnverbrannten Ansichten, diese Gemeinheit der Gesinnung. Wahrlich, wir Aristokraten haben’s not, uns aufzublähen, uns was zu Gute zu tun auf unsere Noblesse. Ein armer Flickschuster ist oft tausendmal mehr wert, als so ein vornehmer Taugenichts.“
Dann schilderte sie die Unterredung. Wie er zuerst — ahnungslos, daß sie um die Sache wisse — sondiert, ob ich ihn nicht vielleicht doch nehmen wolle. Sie sollemich bei der Gefühlsseite, beim Mitleid packen: er müsse jetzt wieder zum Regiment, in ein entlegenes Nest, sei allerlei Versuchungen ausgesetzt, denen er erliegen würde. „Mimi kann mich retten, mit mir tun, was sie will: ich wäre Wachs in ihrer Hand.“
„Würdest ihr zu Liebe wohl auch Deine Ansichten zum Opfer bringen? Denn wie Du jetzt denkst, ist ja eine Verständigung nicht möglich?“
„Alles, was sie will.“
„Nun, das spricht nicht zu Deinen Gunsten. Sie müßte ja einen Mann verachten, der seine Überzeugung für irgend einen Vorteil hingibt.“
„Wie Du immer Alles drehst. Es scheint übrigens, daß Du an meiner Ehrenhaftigkeit zweifelst. Ich wüßte nicht daß ich Dir Grund dazu gegeben.“
„So? Wie vergeßlich! Nun da muß ich Deinem Gedächtnis schon etwas nachhelfen. Es ist gar nicht so lange her — — übrigens vielleicht täusche ich mich in Dir. In diesem Falle würde ich Dir das Unrecht herzlich gern abbitten.“
„Aber worum handelt es sich denn?“ Er zupfte verlegen an seinem Schnurbart.
„Du mußt die Franzel heiraten.“
Er schnellte von seinem Stuhl empor. „Bitt’ Dich, laß doch jetzt solche Spässe beiseite. Mir ist wirklich nicht zum Lachen zu Mute.“
„Das begreife ich. Weinen solltest Du im Gegenteil.Ich denke, Du kennst mich genügend, um zu wissen, daß es mir bitterer Ernst ist mit dem, was ich sage.“
„Ja, aber seid Ihr denn Alle miteinander“ — er hielt es für angezeigt, das letzte schmeichelhafte Wort zu unterdrücken.
„Wenn „anständig handeln“ verrückt ist, dann bist Du allerdings superweise.“
„Aber um des Himmels Willen, Du wirst mir doch nicht zumuten, ein Bauernmädchen zu heiraten. Wo denkst Du denn nur hin? Das verstößt ja gegen alle Familientraditionen.“
„Da hätte ich beinahe meine Selbstbeherrschung verloren und ihm einen Schlag ins Gesicht gegeben“, fuhr Tante Laura fort, „doch ich bezwang mich und frug, ob er nicht absichtlich diese falsche Auffassung vorschütze. Ob die Ahnen es ehrenwerter fänden, wenn ihr Abkömmling schlecht handle und keine Reue empfinde, als wenn er sich bemühe, den Mackel von seinem Namen zu tilgen.“
„Aber geh’, so denkt ja kein Mensch. Es ist Gang und Gäbe bei den jungen Leuten, Liebeleien anzuknüpfen, wo sich ihnen Gelegenheit bietet. Aber Verpflichtungen? — — —“
„Du hast ihr Dein Wort gegeben.“
„Aber doch nurpro forma. Könnte mir nicht im Traum einfallen, sie zu meiner Frau zu erheben.“
„Das ist ein kurioser Ausdruck. Wenn Dich Einenimmt, wird sie herabsteigen müssen — und zwar sehr tief.“
„Sehr liebenswürdig. Und das Alles, weil ich mich weigere, diese Gans zu heiraten. Nein, den Großeltern, der Familie, mir selbst diese Schmach anzutun, dazu gebe ich mich nicht her.“
„Ich kann nur staunen über diese neue Moral, die jedem Anstandsbegriff ins Gesicht schlägt. Ein Mädchen, das nichts hat als ihren anständigen Namen, unter falschen Vorspiegelungen ins Verderben stürzen, sein Wort brechen, sie im Stich lassen und dann stolz von dannen ziehen mit dem Mäntelchen „Ehrenhaftigkeit“ um die Schultern, ich muß schon sagen, da gehört eine Gewissenlosigkeit sondergleichen dazu.“
„Du bist der Person ganz einfach aufgesessen. Ich wett’, die prahlt vor dem ganzen Dorf damit, daß sie einen „Baron“ gehabt habt. Das passiert nicht einer Jeden.“ Er sagte das mit einem Cynismus, der mir das Blut erstarren ließ. Ich verließ das Zimmer.“
Der armen Franzel konnte also nicht geholfen werden. Sie gestand dem Vater Alles und er versetzte Robert inmitten der Dorfstraße eine schallende Ohrfeige. Es war dies die letzte Erinnerung, die Baron Steindorf von seinem Urlaub mitnahm. Wir hörten noch ab und zu von ihm, sahen ihn aber nicht wieder.
Es hieß, daß er Schulden mache und seine militärischenPflichten sehr nachlässig erfülle. Schließlich wurde er ein Trinker und gieng in noch jungen Jahren amdelirium tremenszu Grunde.
Niemand weinte um ihn. Das einzige Wesen, das ihn geliebt, Franzel, starb, nachdem sie ein totes Kind zur Welt gebracht.
***