Vierter Abschnitt.
Palazzo Dario, am 15. Mai.
„Venedig.“ Ich flüstere es vor mich hin, in scheuer Andacht. Stahlblau liegt die Lagune vor mir und muntere Wellchen plätschern an die Stufen des Palazzo. Lautlos gleiten die Gondeln dahin und lachend strahlt der Himmel nieder auf dieses Feenland, das sagenumwoben ist, wie kein zweites.
Bella Venezia, stolze Königin, die Du lächelnd das Blut Deiner Söhne trankest, dieser glühenden, leidenschaftlichen Geschöpfe, die lieber sterben wollten als unterliegen, die Du den Dichter zu höchster Begeisterung entflammst, die Du selbst das Merkmal ewiger Poesie auf Deiner Stirne trägst, ich neige mich vor Dir.
Ach es ist doch schön zu leben, — bewußt zu leben! Schon scheint mir die böse Krankheit, die ich durchgemacht, Alles was hinter mir liegt, so nebelhaft verschwommen, in unendlich ferne Vergangenheit gerückt. Sechs volle Wochen dagelegen, zerschlagen, völlig gleichgültig, in einer Art Halbschlummer, dann wieder wild phantasierend, fieberheiß, besinnungslos.
Auch Vincenz war bei mir im Traum. Einen Kranz von violetten Sternen trug er um das Haupt. Ich frug ihn, wo die Nelken seien. „Verblüht“ erwiderte er — und was die Sterne bedeuten? „Erinnerung.“ Da flammten sie plötzlich auf in rotem Schein — und dann wurden sie immer heller, immer blasser. —
Das war in der Nacht, wo die Gefahr am größten schien. Von da an gieng es besser ...
Jetzt fühl’ ich mich wie neugeboren, mir ist so leicht zu Mute als ob ich Flügel hätte.
Keine Spur mehr von der Überreizung, wie ich sie früher so oft empfunden, die mich verbittert und betrübt gemacht. Jetzt lache ich über meine überspannten Ideen. — Alt! Mit vierundzwanzig Jahren, bei solcher Eindrucksfähigkeit!
Wie erfrischend, dieser salzige Meereshauch! Man möchte ihn recht tief einsaugen, die Lungen damit füllen. Das stärkt, belebt, ist besser als alle Medikamente.
Die eigentliche „Stagione.“ Alle Hôtels und Pensionen bis auf den letzten Platz besetzt. Es wimmelt von Fremden. Wir können wirklich von Glück sagen, was unsere Wohnung anbelangt. Zwei allerliebste Schlafräume, in hellen Farben gehalten, mit großgeblumten Tapeten, ein Arbeitszimmer, und ein ungemein gemütlicher Salon. Nichts von der steifen Einförmigkeit der vermieteten Zimmer, sondern ein wohnliches Kunterbunt, mit lauschigen Ecken, eingelegten Möbeln, Teppichen und schönen Bildern.
Noch nie war ich so wunschlos froh, so stillvergnügt wie jetzt. Alles und Jedes bereitet mir Genuß. — Die Gondelfahrten, die guten kleinen Diners — immer Landesspeisen — meine Gesundheit, das wiedererlangte Gleichgewicht.
Ich möcht’ mit keinem König tauschen.
***
Am 21. Mai.
„Das ist aber eine gute Nachricht! Da, lies nur Tante“ und ich schob ihr das Blatt hin. Hier stand es schwarz auf weiß, daß sich eine Liga gegen das Duell gebildet.
„Endlich.“ Sonst hat sie nichts gesagt, wie dieses eine Wort. — — Nur ich, die ich sie kenne, habe die Erwartung, die Sehnsucht, die Mühe vieler Jahre herausgehört. — Diesen Unfug zu bekämpfen, den Zweikampf aus der Welt zu schaffen, das war ihr, die so namenlos darunter gelitten, noch mehr am Herzen gelegen, wie der Friede. — — Doch sie fühlte instinktiv, daß es klüger sei, zu warten. Wenn sie, als Frau, die Initiative ergriffen, hätte sie nichts erreicht, nur sich und die Sache lächerlich gemacht, statt ihr zum Siege zu verhelfen.
Ja, es wird langsam hell in den Köpfen. Es ist ja auch wirklich lächerlich. Was beweist das Waffenglück? An ein Gottesurteil glaubt doch heutzutage Keiner mehr. — Wie oft büßt gerade Der sein Leben ein, der imRechte ist. — Und aus welchem Anlaß schlägt man sich? — Eines unbedachten Wortes, einer Lappalie wegen! — — Ist aber die Ehre wirklich verletzt, dann muß natürlich Sühne sein. — In diesem Falle gibt es aber noch andere Mittel als solche, wo unschuldige Familien um den Ernährer gebracht werden.
Jener, der aus Princip ein Duell refüsiert, ist noch lange kein Feigling. Im Gegenteil. Wie nun einmal die Dinge liegen, gehört mehr moralischer Mut dazu, als sich vor die Mündung einer Pistole zu stellen.
Die Engländer haben doch auch ihre Ehre und bei ihnen ist der Zweikampf eine Unmöglichkeit geworden.
Die Liga weist eine beträchtliche Zahl der angesehensten Namen auf. An der Spitze: „General Graf Deuchtestum.“ — — Das klingt fast wie ein Stück Geschichte und gar nicht friedlich nebenbei. — Blinkende Waffen und Kanonendonner, und er Allen voran im Kampfe um die Freiheit. — Wie reimt sich das?
Jetzt weiß ich es. Er war bei uns. Der schönste alte Herr, den man sich denken kann: einen Maler müßte dieser Kopf entzücken. So mögen die Ritter von ehedem ausgesehen haben, nur daß keine Spur von Wildheit in seinen Zügen liegt: die blauen Augen strahlen in fast überirdischer Güte und eine Welt von Milde tut sich kund in seinem Lächeln. Mein Blick hieng noch immer wie gebannt an der Hünengestalt mit dem edlen Gesicht, dem wallenden weißen Bart. Ich fuhr erschreckt auf, alsdie Tante mich vorstellte und ärgerte mich noch nachträglich über mein Erröten.
Die Beiden plauderten wie alte Bekannte, obwohl sie sich niemals zuvor gesehen. Ich schwieg: eine gewisse Scheu hatte sich meiner bemächtigt. Ich wollte etwas sagen, fand die Worte nicht, kam mir so dumm und unbedeutend vor. Vermutlich weil ich nicht gewöhnt bin, mit Fremden zu verkehren.
Aber ich habe gut zugehört und mir jedes Wort gemerkt, das er gesprochen. Er hat ein ungemein sympatisches Organ, weich und metallig zugleich: zu dieser Stimme paßt auch Alles, was er sagt:
„Wenn man wie ich, sein halbes Leben auf dem Schlachtfelde zugebracht, verlernt man es gründlich, für den Krieg zu schwärmen. Ich habe das furchtbare Elend der Menschen, ihr Blut, ihre Tränen gesehen, ich habe ihre Klagerufe, ihre Seufzer gehört, und bin über Leichen hinweggeschritten, dem Siege zu. Wir zogen ein mit wehenden Fahnen und klingendem Spiel. Die Menge jubelte uns zu. Ein Hochgefühl erfüllte da auch mich — eine Art Taumel — solange die Trompeten schmetterten und die Leute jauchzten. Ja, ja.“ Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne. — — „Irren ist menschlich — aber wenn man sein Unrecht eingesehen, soll man nicht starrköpfig sein. — Dreimal hab’ ich es mitgemacht und nur weil ich es wollte. Wie betäubt. Hab’ nicht gehört auf das Gewissen, lange Zeit. — — — Wenn ich alleinwar, da hab ich immer eine Stimme vernommen, ernst und traurig — zuerst nur selten, dann immer häufiger und lauter: zuletzt fand ich keine Ruhe mehr bei Tag und Nacht. Gerungene Hände, verstümmelte Jammergestalten, mit verzerrten Zügen und noch einem letzten Fluch auf ihren Lippen. — — — Da hab’ ich die Orden heruntergerissen von meiner Brust und mich geschämt. — — Ja, ja, lassen wir’s gut sein. Geschehen ist geschehen. Wie? Das Einzige, was in meiner Macht lag, habe ich getan. Meinen Sohn abgehalten, in meine Fußtapfen zu treten. Ist mir übrigens nicht schwer geworden. Hat selber nie was wissen wollen von den Massacres. Reist viel herum: ist eben wieder in Amerika gewesen. Kopf voll Socialismus. Will ein Buch schreiben über die Zustände dort. Gefallen ihm besser als bei uns zu Hause. Wie? Ganz international.“
Er spricht gewöhnlich in kurzen Sätzen und springt oft unvermittelt von einem Gegenstand zum andern über, was zuweilen bei Leuten vorkommt, denen vielerlei Gedanken auf einmal durch den Kopf schwirren. Auch wendet er das Wörtchen „Wie“ sehr häufig an, und sieht dann fragend umher, als erwarte er die Bestätigung.
„International“, wiederholte die Tante, „das ist heutzutage der einzig richtige Standpunkt. Freilich, Solche, die stets an der Scholle geklebt, die haben sich gewöhnt, das Stückchen heimatlicher Erde als Centrum zu betrachten, und alles außerhalb der Grenzen Liegende als Barbarei.Sie urteilen nicht aus Eigenem, denn es fehlt ihnen am Vergleich. — Würden sie hingegen näheren Verkehr mit den Nachbarvölkern, mit fremden Nationen pflegen, sie kämen gar bald zur Überzeugung, daß es auch dort Menschen und Einrichtungen gibt, die sehr vernünftig sind, und bei deren Nachahmung man nur profitieren kann. — Erwachsene Leute zeigen sich in der Regel weniger biegsam, schwerfälliger in ihren Anschauungen als Kinder. Es wäre darum sehr wünschenswert, die Letzteren für die Zeit ihrer Erziehung in ein anderes Land zu geben. Außer dem Vorteil des Erlernens einer fremden Sprache, wäre dies das beste Mittel zur Anknüpfung freundschaftlicher Beziehungen, was wieder nur den Frieden fördern könnte.“
„Ja, ja, wär’ eine gute Sache, wie? — Soll ein Gesetz werden.“
Dann kamen sie auf die momentan am wichtigsten Frage zurück, die Abschaffung des Duells. — — Der Graf legte uns eine Zeitungsnotiz vor, die zufällig einige Tage vorher in München, seiner Vaterstadt, erschienen war:
„Der Prinzregent von Bayern gegen das Duell.“
„Von allerhöchster Seite ist entschieden worden, daß das Urteil hinfällig ist, welches bestimmt, daß in einem speciellen Fall ein Officier vom Ehrengerichte zur Entlassung mit schlichtem Abschiede genötigt werde, weil er sich als principieller Gegner des Duells erklärt. Es ist durchaus kein Grund vorhanden, daß ein Officier, der einen solchen Standpunkt einnimmt, entlassen werde.Das bayerische Kriegsministerium hat in dieser Hinsicht eine Änderung der betreffenden Ehrengerichtssatzungen verfügt und so ist der Weg angebahnt, daß das Duell in der bayrischen Armee allmählich zu den Seltenheiten gehören wird.“ —
„Von allerhöchster Seite ist entschieden worden, daß das Urteil hinfällig ist, welches bestimmt, daß in einem speciellen Fall ein Officier vom Ehrengerichte zur Entlassung mit schlichtem Abschiede genötigt werde, weil er sich als principieller Gegner des Duells erklärt. Es ist durchaus kein Grund vorhanden, daß ein Officier, der einen solchen Standpunkt einnimmt, entlassen werde.Das bayerische Kriegsministerium hat in dieser Hinsicht eine Änderung der betreffenden Ehrengerichtssatzungen verfügt und so ist der Weg angebahnt, daß das Duell in der bayrischen Armee allmählich zu den Seltenheiten gehören wird.“ —
„Die Mächtigen können so viel leisten, wenn sie nur wollen“, bemerkte Tante Laura.
„Ja freilich. Sollen mit dem guten Beispiel vorangehen. Ist ja nicht schwer. Kostet sie nur ein Wort. — Dann sollen sie Alle ruhig auf ihren Tron bleiben, nicht wie mir erst gestern Einer sagte: „Monarchen abschaffen, Alle miteinander!“ Dazu ist die Zeit noch nicht da. Kann auch so gehen ohne Streit, wie? — Schwert in die Rumpelkammer, Palmenzweig so“, und er machte die Bewegung des Schwingens. „A ja, ja, schöne Sachen, wie? — Und nun verzeihen Sie, daß ich so lang geblieben bin — — auf Wiedersehen!“
Die Tante ist ganz übermütig lustig.
Wir tranken eine Flasche Asti auf den Tod des Krieges und Duells.
***
Am 24. Mai.
Die beiden Schwestern aus der Nebenwohnung haben uns besucht. Diese Visite muß ich schildern: es war zu komisch. Sie sind Italienerinnen, capricieren sich aber, deutsch zu sprechen. „Weil ’s is eine Heflichkeit, die was wir haben für jedermann, das kommt in unsere Land.“
Da läßt sich also nichts einwenden.
Sie haben ihre Jugend bereits zu Grabe geläutet und geben sich auch durchaus keine Mühe, über diese Tatsache hinwegzutäuschen. Von Eitelkeit keine Idee: dessenungeachtet lieben sie es, in den Erinnerungen dertempi passatizu schwelgen. Das Gesicht Corona’s, der Älteren, zeigt noch die Spuren einer gewissen, rasch verflüchtigten Schönheit, das, was man „beauté du diable“ zu nennen pflegt. Die Augen sind dunkel und groß, die Nase ist scharf gebogen und zu lang, die Gestalt breit und untersetzt.
Pepi’s Äußeres ist sehr nichtssagend. Sie scheint es zu wissen und hat es sich zur Pflicht gemacht, über die eigene Person zu schweigen und nur die Vorzüge der Schwester zu rühmen.
Eines aber haben sie gemein: im Schnattern sind sie Meisterinnen.
Corona entschuldigt sich, daß sie in Filzschuhen erschienen ist. „Weil’s in diese Winter so eine Kälten gehabt hat, da hab’ ich mir alle Finger von die Fiß gefrört. Es tut noch immer weh.“ Und Pepi lieferte die mimische Begleitung zu diesem Geständnis, indem sie von einem Bein auf das andere hüpft und mit zusammengekniffenen Lippen murmelt: „Arme Corona! Uh, diese Schmers.“
Wir kommen auf die Geselligkeit zu reden. Sie gehen häufig in’s Theater, im Übrigen leben sie abgeschlossen, ohne etwas mitzumachen. Sie erklären auch ohne Umschweife, warum:
„Es is so eine eigene Sach’! Wenn man in unsere Alter auf Soiréen geht, schauen Einen die Leut’ so komisch an und denken sich: „Was wollen denn Die da? Warum habens nit früher geheiratet, die Gredeln?“ Es is ja grad so, als ob man eine Sünd’ auf die Körper hätt’. Ein paar so Cavaliere, die was kein Geld in der Taschen haben, meinen am End’, es muß uns eine Ehr’ sein, wenn’s uns schön tun. Möchten uns nehmen, um ein Geschäft zu machen, damit sie uns beerben. Diese Comödi kennen wir. Aber aufsitzen tun wir nicht, weil wir keine Hase sind von diese Jahr. Überhaupt: sind Alle miteinander nix wert, diese Männer. Unsere größte Stolz is, daß wir ledig sind.“
„Ma, Corona“, unterbricht sie Pepi. „Warum sprichst denn so? Grad Du hast zehne gehabt, an eine jede Hand, auch eine Fürst. Ja“, setzt sie mit triumphierendem Lächeln hinzu, „verliebt war er bis über die Ohren, aber der Papa hat nit wollen, daß seine Tochter einen Officieren heiratet.“
„Armer Papa“, seufzt Corona auf, „war immer so lustig, und hat müssen eine so böse Ende nehmen. Betrunken“, flüstert sie.
Diese Aufrichtigkeit versetzte uns doch einigermaßen in Staunen. Sie aber ließ sich nicht beirren. „S’is eine Fatalität, die was liegt in unsere Famili. Alle immer betrunken; auch wir werden an dieses sterben.“
Sie meinen „ertrunken“, und ich kann mir lebhaftdie verblüfften Gesichter vorstellen, die diese Mitteilung bei Anderen zur Folge hat. Diskret hinweggehend über den heiklen Punkt, der da in unglaublicher Naivität blosgelegt worden.
„Sie war so schwer zu befriedigen“, fährt Pepi fort. „Gefallen hat ihr bald Einer, aber wenn die Red’ gekommen is zum Heiraten, hat’s nix mehr wissen wollen. O, die hat so eine kalte Hers. — Erst vor zwei Jahren hat sie eine Korb ausgeteilt an eine gewisse Herr Mayer, eine sehr hübsche Mensch, das was selber hat gehabt drei Millionen. Er hat immer gesagt: „Sie soll mit die Schlafrock, das sie auf die Leib hat, meine Frau werden, damits nicht glaubt, ich brauch’ ihr Geld.“ Und weil sie ihn nit mögen hat, hat er in alle Wälder herumgejagt, und in die Hitz kaltes Wasser getrunken; nachher is er an die Abzehrung gestorben und hat noch in sein letztes Stund „Corona“ geschrieen.“
„Warum sagst denn nix von Dir? Hättest ja selber gute Partien machen können.“
„Ja, diese fünf Doktoren! Ich hab’ immer so eine Graus gehabt vor diese Leute, die Menschen aufschneiden und nach die Medicin riechen.“ Plötzlich stößt sie einen Freudenruf aus. Sie hat auf der Etagère die kleine nickende Pagode erblickt. „Ma prego, schau Corona. Wir haben ganz dasselbe. Früher“, erklärte sie uns eifrig, „haben wir eine Türk gehabt. Es ist immer Alles gut gegangen, bis er gebrochen is. Da war’s Unglück imHaus. Zuerst sind die Eltern gestorben; die Corona hat solche Kopfweh bekommen, daß sie ihr haben die Würmer setzen müssen; und ihre Courmacher is krank geworden von die Lieb. Da hat uns alle Zwei von so eine Chines geträumt, und wie wir’s in die Auslag sehen, so kaufen wir’s.“
Das Alles mit einem Ernst, als ob es sich um die wichtigsten Dinge handle.
Die Tante frägt sie um ihre Meinung über die Bellincioni, die soeben ein glänzendes Gastspiel in Wien absolviert.
„Ja, sie singt ganz gut“, erwidert die Ältere mit einer gewissen Zurückhaltung, und Pepi beeilt sich, hinzuzufügen: „Die Corona kann so schön die Musik machen. Was die hat gehabt für eine Stimme! Viel stärker wie die Bellincioni. Früher hat sie immer Concerte gegeben, daß die Leute sind verrückt geworden. In die Gondel war kein Platz mehr für die Blumen. Seit ihre Kopfweh freut sie’s nicht mehr.“
„Nein weil seit diese Zeit is mir die Migräne in die Hals gestiegen. Und dann is doch mühsam die Begleitung, weil ich so kurz bin von die Finger.“
Ich habe das Lachen nur so hinuntergewürgt. Es ist so merkwürdig, daß die Leute niemals selbst fühlen, wenn sie komisch sind. Und doch, was wär’ die Erde ohne solche Menschen?
***
Am 28. Mai.
Täglich Neues. Wir besuchen Kirchen und Palazzis, Museum und Galerien. Überall derselbe Reichtum. Ein Leuchten der Farben, ein Glänzen von Gold und Edelsteinen und eine heilige Ruhe über diesen Stätten, die der Genius umschwebt; man meint förmlich seinen Flügelschlag zu hören, die holde Lichtgestalt zu sehen, wie sie sich herabbeugt, um die Stirne eines Rafael, eines Michelangelo zu küssen. Die Phantasie zaubert mir den Künstler vor, wie er vor der Leinwand sitzt und liebdurchglühte Bilder malt. Es ist etwas Erhebendes, Überwältigendes um die Schöpferkraft im Menschen, um die freie Kunst.
Anders ist’s wenn sie geübt wird zum Erwerb. — Dann verliert sie das Sonnige, das Gott-Ähnliche, möcht’ ich fast sagen.
In der Spitzenfabrik: Schweigend, mit müden blassen Gesichtern und gekrümmten Rücken sitzen die Frauen da und verarbeiten die haardünnen Fäden. So ein winziges Blättchen bedarf oft vieler Tage zur Vollendung.
Für diese armen Geschöpfe gibt es keinen Frühling, keine Blumen. — Was kümmert sie’s, daß die Sonne scheint, die Vögel singen?
Die kostbarsten Gewebe entstehen unter den fleißigen Händen, die Fabrikbesitzer werden reiche Männer und die kleine Arbeiterin rechnet an ihren Fingern nach, ob sie den Zins bezahlen kann für das Dachstübchen und wie lange es noch währen wird, bis sie erblindet.
Und unten wogt das Leben. Der Reichtum! Da packt es sie mit unwiderstehlicher Gewalt, treibt sie hinaus, in die hellerleuchteten Gassen, unter die elegante Menge. Nur einmal noch genießen, bevor die dunkle Nacht hereinbricht — ein einzigesmal. Sie steht und wartet und hofft — und bettelt um Liebe. — — Dem Ersten Besten wirft sie sich an den Hals, verschreibt sich ihm mit Leib und Seele. Ein kurzes Fest. Küsse und Champagner — — dann um so größeres Elend. — — Das ist das Los der Meisten. Die Reichen ohne Fehl, die mögen den ersten Stein auf sie werfen, wenn sie es wagen, und wenn es sich verträgt mit ihrem Gewissen.
Die zweite Auflage hab’ ich gefunden in Murano. Jeder Fremde sieht sich die Wunder der Glaserzeugung an, um sie nachher in seinen Erzählungen als „interessant“ zu schildern. Ich wüßte einen ganz anderen Ausdruck dafür.
In den unteren Räumen, da wo die zähe Masse geformt wird, herrscht eine Siedehitze. Ein Schar Männer mit aufgedunsenen Gesichtern und verschwollenen Augen, umsteht das offene Feuer, aus dem die roten Flammen züngeln. Sie kneten und blasen aus Leibeskräften, tun sie es doch um das tägliche Brot.
„Ist das denn nicht sehr anstrengend und gesundheitsschädlich?“ konnte ich mich nicht enthalten zu fragen.
„Ja gewiß, aber was will man machen?“ entgegnete der Aufseher lachend. „Sonst gäbe es eben keine Perlenund kein Glas. — — Älter als 45 Jahr wird übrigens Keiner.“
„Mein Gott“, entfuhr es mir.
„Ja Signorina, das ist gar nicht so schlimm. Sonst müßten sie noch früher verhungern. Die sind froh, wenn sie sich ihre 70 Centesimi im Tag verdienen.“
Siebenzig Centesimi! Die armen Teufel. Und haben wohl noch Weib und Kinder daheim.
In den Schaufenstern prangen die schönsten Vasen und Spiegel, die teuersten Luxusgegenstände. Sie funkeln und schillern in allen Regenbogenfarben: ihr Anblick ergötzt uns, wir bewundern die edlen Formen und merken nicht, daß Blut und Schweiß daran klebt, sonst müßte es uns frösteln vor Unbehagen.
Im oberen Stockwerk ist’s lichter und kühler. Jedem Arbeiter ist seine bestimmte Beschäftigung zugeteilt, unabänderlich dasselbe, jahraus, jahrein. Ein graues, monotones Dasein, in dem die Stunden sich aneinanderreihen so gleichmäßig wie die Perlen an den langen Schnüren.
Da hab’ ich unwillkürlich aufgeseufzt. Ein eleganter junger Mann, auch ein Besucher, wandte sich nach mir um, und sein Blick sagte mir, daß er mich verstanden habe.
Des Abends fuhren wir auf die Soirée der Marchesa Berloni. Ich war einsilbig und zerstreut, das Gesehene wollte mir nicht aus dem Sinn. Das war wieder einmal ein schwieriges Problem. Die Eleganz, die ich doch liebe, auf einer Seite — das nackte Elend auf der andern.Da Überfluß, dort Mangel; den Vorschlag, zu teilen, hätte Keiner angenommen. — Oder wäre ich etwa bereit gewesen, mich meines Besitzes zu entledigen, auf die tausend kleinen Raffinements zu verzichten, die dazu beitragen, das Leben angenehm zu machen? — Ich gesteh’ es offen — nein. — Ich würde sicher keinen Bettler von der Türe weisen, aber alles Unnötige herschenken — das ist doch ein anderes Ding. — — Wie wenig weiß ich noch vom Socialismus, von dieser Zwillingsschwester des Friedens! Ich will mir Bücher kaufen und mich eingehender damit beschäftigen. — Es muß ja doch Mittel und Wege geben — vielleicht auch ohne Gütergemeinschaft.
Die Gesellschaft bestand aus circa 400 Personen. Darunter war Keiner, mit dem ich hätte sprechen können, wie mir ums Herz war. — — Ich blickte mich um, — immer in der uneingestandenen Hoffnung, eine Spur von meinem Unbekannten zu entdecken. Vergeblich.
Die Herren, die sich um mich bemühten, sind kaum der Erwähnung wert. Ein kleiner Spanier, der mich anschmachtete, mir nicht von den Fersen wich, aber die ganze Zeit über keine zehn Worte sprach. Dann ein ältliches, pergamentgelbes, eingeschrumpftes Männchen mit gefärbtem Bart, das sich über Alles und Jedes moquirte. Eine mir unsympatische Erscheinung. Man sieht ihm die eingebildete Überlegenheit von Weitem an.
Wir kamen auf die Friedensfrage zu sprechen, der gegenüber er sich mehr als skeptisch verhält. „Übrigensein ganz reizender Apostel“, bemerkte er, das Monocle ins Auge klemmend. „Also Sie glauben wirklich an den Frieden?“
„Ja, ich bin eine begeisterte und überzeugte Anhängerin.“
„Letzteres ist viel gesagt, mit Anwendung auf eine Sache, die, hihi — nun ich möchte Sie nicht verletzen — aber es ist doch mehr eine schöne Spielerei.“
„Vielleicht fassen Sie es so auf. Ich meinerseits glaube fest an das Gelingen. Mein Glaube ist meine Überzeugung.“
Er aber gab nicht nach, sondern versetzte in pädagogischem Tone: „Sie mögen es so empfinden, aber logisch ist es nicht. Nein, meine liebe Signorina. Glauben und Überzeugung das sind zwei so grundverschiedene Dinge, die man ohne krassen Widerspruch nicht in einem Atem nennen darf. Ich will Ihnen erklären, warum: Glauben heißt vermuten, und nur „Wissen“ ist Überzeugung. Jene, die mit Positivem rechnen, ereifern sich nie. Am fanatischesten benahmen sich seit jeher die, die „glaubten“,“ fügte er mit souveräner Geringschätzung hinzu.
„Ja, ich weiß sehr gut, daß man uns Utopisten und Schwärmer nennt, die auf Wolken durch das Leben schweben, ohne die Erde zu berühren, jeder reellen Grundlage entbehrend. Aber sind es nicht gerade immer die Träumer gewesen, die Großes geleistet haben? — Siesind sogar unentbehrlich, denn sie liefern die Idee, den Stoff, den andere praktisch verwerten.“
„Praktisch, hihi. Praktisch sind nur die Kanonen, die verbesserten Waffen überhaupt. Die sprechen noch am ehesten für den Frieden. Das andere ist alles nichts — das bloße Wort — Sie haben noch so wenig Erfahrung, kleine Signorina. Das ist charmant, das kleidet Sie ganz vorzüglich.“
Ich war so geärgert über den Schulmeisterton und die impertinenten Blicke, mit denen er seine Complimente begleitete, daß ich keine Erwiderung fand. Nachträglich fielen mir die treffendsten Antworten ein — das ist ja immer so — und ich hielt ganze Dialoge mit mir selbst, in denen ich das „Für und Gegen“ vertrat.
In einem einzigen Punkte teile ich seine Ansicht. Er hat sich lustig gemacht über ein paar übertriebene Toiletten und die „Mode“ in neun Fällen von zehn, als Löschhorn des guten Geschmackes bezeichnet. Ich finde es nämlich auch einen Unsinn, etwas zu tragen, das man selbst unmöglich schön finden kann, aus dem bloßen Grunde, weil es Mode ist. —
Von den jungen Mädchen hat sich Keine um mich gekümmert. Aus verschiedenen Andeutungen hab’ ich den Grund entnommen. Sie vermeiden absichtlich jede Annäherung an Ausländerinnen, sobald sie meinen, es könnten gefährliche Rivalinnen sein, umsomehr als in den letzten Jahren so mancher junge, reiche Italiener sein Herz aneine Fremde verlor. „Nur ja sich keinenépouseurwegschnappen lassen“ und sie schließen einen um so festeren Ring unter sich.
Also auch hier wie allenthalben das Durchschnittsmädchen: einziges Ziel — — einen Mann bekommen.
***
Am 30. Mai.
„Nun ja, der dort unter dem Baume steht, — links.“
„Das also ist der junge Deuchtestum? Ich habe mir ihn eigentlich ganz anders vorgestellt.“
„Warum? Weil ich Dir gesagt habe, daß er ein seltsamer Kauz ist? Du findest wohl“ — das Weitere hab’ ich nicht mehr hören können, da die beiden Damen schon zu weit waren. Ich folgte mit dem Blick der angegebenen Richtung und unterdrückte nur mit Mühe einen Ruf der Überraschung. Da war er ja, mein Unbekannter von Murano, an der Stelle selbst, wo wir den General erwarteten.
Hier merkte man nichts von dem Gewimmel, das in dem vorderen Teil der Giardini herrschte; nur wenige vereinzelte Spaziergänger verloren sich bis an diesen Platz.
Wir setzten uns auf eine Bank, und während die Tante las, betrachtete ich mir den Einsamen genau.
Er stand an eine Cypresse gelehnt, die Arme über der Brust verschränkt, und sein Blick schweifte weltvergessen über das Meer.
Ich sah ihn lange an und doch bin ich nicht klug geworden aus seinem Gesicht. Die Augen sind die eines Träumers, der bemüht ist, Alles im rosigsten Licht zu schauen — und der an Ideale glaubt. Und hingegen lagert ein spöttischer, ja fast verächtlicher Zug um den Mund. Es ist, als hätten diese Lippen Alles gekostet, und nirgends Süßigkeit, überall nur bitteren Nachgeschmack gefunden, als müßten sie sich plötzlich öffnen, um ein „Brrr“ des Abscheues auszustoßen.“
Sonst hatte ich die Leute, die mich beschäftigen, sofort in eine bestimmte Categorie eingereiht — da aber bracht’ ich’s nicht zu Stande. Ich forschte auch vergebens nach einer Ähnlichkeit mit dem General. Die hohe, elegante Figur, das war auch Alles.
„Ah, das ist schön. So pünktlich — ganz wie beim Militär.“ — Der alte Graf war auf uns zugekommen, im weiten, dunklen Radmantel, den grauen, weichen Filzhut auf dem Kopf. — Er trug sich nie anders und es gab wohl auch nichts, was besser zu ihm paßte. Es war originell, durchaus charakteristisch.
„Hab’ meinen Sohn herbestellt“, fügte er hinzu. „Möcht’ ihn mit den Damen bekannt machen, wenn es gestattet ist. — — Ah, mir scheint, dort ist er — — Egon.“
Der Gerufene stand im nächsten Augenblick vor uns. Der Vater stellte ihn uns vor. „Hat wieder geträumt; ist nicht zufrieden mit der Welt; lieber in den Wolken, wie? Hab’ ich Recht, wie?“
Der neue Ankömmling unterhielt sich längere Zeit mit der Tante, deren tapferes Wirken er sehr bewunderte. „Wir Socialisten sind ja sammt und sonders Friedensfreunde. Wir verfolgen ganz dasselbe Ziel, nur auf verschiedenen Wegen.“ Dann sprach er von seinen Reisen, und später giengen wir voran. Es fügte sich wie von selbst, und doch wurde mir eigentümlich bange. Wovon wird er reden?
„Eigentlich kennen wir uns schon“ begann er. „In der Glasfabrik von Murano. Erinnern Sie sich noch?“
„O ja. — — Hat es auch einen so traurigen Eindruck auf Sie gemacht?“
„Gewiß. Ich habe Ihren Seufzer vernommen, als Echo meiner eigenen Empfindungen, so etwas wie Seelenverwandtschaft herausgespürt. Die Meisten betrachten es als Curiosum. In ihrer Gleichgiltigkeit entgeht es ihnen ganz, daß sich da wie nirgends anders die Ungerechtigkeit zeigt, die die Welt beherrscht.“
„Ja, daran hab’ ich auch gedacht — und bin dabei in eine Sackgasse geraten. — Können Sie mir kein Werk anraten, das mir Aufschluß erteilt. — Ich bin leider viel zu wenig bewandert, auf diesem Gebiet. Aber jetzt, wo mein Interesse erwacht ist“ — —
„Gewiß. Ich will Ihnen gern einige Titel nennen. Aber die Anfangsgründe darf doch ich Ihnen beibringen, nicht wahr?“
„Ich werde Ihnen sehr dankbar sein.“
Hierauf entwickelte er mir mit wenigen leichtfaßlichen Worten die ganze Idee. — Ich glaube, er hat beiläufig das gesagt:
„Wir sind keine Revolutionäre und Umstürzler im schlechten Sinn. Was wir anstreben, werden wir auf friedliche, unblutige Weise erreichen, indem wir die Menschen zum vernünftigen Denken zwingen — die Unterdrücker und ihre Opfer. Und dieser Kampf der Geister muß notwendig die Reformen mit sich bringen.
Es handelt sich uns nicht darum, die Reichen auszuplündern und ihr Hab’ und Gut unter die Armen zu verteilen. Nein, nur die schroffen Gegensätze sollen gemildert werden — durch die Gesetze. Man verwechselt uns so häufig mit den Communisten, und das ist ganz unrichtig. Wir wissen sehr gut, daß eine völlige Gleichheit ausgeschlossen ist. Es wird immer Unterschiede geben, sowohl in körperlicher als in geistiger Beziehung. Das Gegenteil wäre gerade so unsinnig, als wenn man vom geborenen Dichter verlangen wollte, daß er Sohlen an die Schuhe heftet, vom Crétin, daß er Astronomie betreibt, oder vom Krüppel, daß er Lastkarren schiebt.
Die Leute müssen eben immer reden, ob sie etwas von einem Ding verstehen oder nicht. So hat sich einmal ein Gegner folgendermaßen geäußert:
„Geld wird es natürlich keins mehr geben: wir werden Jedes mit einem Schein in der Hand unser Stück Fleisch, unsere Schuhwichse und überhaupt Alles, was wir brauchen — abholen: Niemand wird mehr im Wagenfahren, um es den Anderen nicht voraus zu tun. — Volle Gleichheit. Und schon nach einem Jahr wird der Streit losgehen, weil der A — wie es ja unvermeidlich ist — wieder mehr haben wird wie der B.“
Und darauf hinzuarbeiten, eine solche heillose Confusion heraufzubeschwören, liegt uns doch wahrlich fern. Jedem Menschen sein Stück Brot sichern, ihm die Möglichkeit bieten, es zu verdienen, das wollen wir. Der Eine mag Champagner trinken, der Andere sich bei Tafelwein genügen lassen, aber was nicht mehr sein darf, das ist: hier Berge von Gold und dort der Hunger, Crösusse und Bettler. Mit dem Verein gegen Verarmung und Bettelei ist uns nicht gedient, ebensowenig mit Wohltätigkeitsbazaren, die nun so sehren voguesind. Damit macht man dem Strike, dem Aufruhr kein Ende. Leute, aus denen man Nutzen zieht, müssen auch menschenwürdig behandelt werden. Es ist ja haarsträubend, in welch’ entsetzlichen Verhältnissen die unteren Classen leben. Wie das Vieh zusammengepfercht in dumpfen, lichtlosen Kellerwohnungen. Mit 50, 60 Kreuzern soll eine Familie von einem halben Dutzend Köpfen ihr Auskommen finden. Sie müssen ja da zu Grunde gehen und sind in jenem Alter, wo Kraft und Arbeitstüchtigkeit am größten sein sollten, Greise, weil das Maß der Sorgen zu schwer war für ihre Schultern. Jeder blutig erworbene Heller wird controliert, die Steuer dafür eingezogen, und dazu die ewig steigenden Preise! Man treibt sie ja gewaltsam demLaster in die Arme. Diebstähle, Trunksucht, Selbstmorde, das sind die natürlichen Folgen.
Man hat leicht Geduld und Ergebenheit predigen, wenn man selbst in geordneten Verhältnissen lebt, — — ich aber finde, daß die guten, die „neidlosen“ Armen bewunderungswürdig sind. Und wenn der Funke der Unzufriedenheit zu lichterloher Flamme wird, wenn sie schließlich genug haben, sich zur Wehr setzen, ich würde denken: „Sie haben Recht“.
Wenn man immer und ewig Nieten in der Schicksalslotterie zieht, wie soll man da nicht verzagt werden und unwillkürlich fragen: „Warum gerade ich?“ Denn sich zu philosofischer Lebensanschauung aufzuschwingen, ist in diesen Kreisen ein Ding der Unmöglichkeit.
Die Reichen aber lügen, wenn sie mit treuherzigen Mienen versichern, daß sie ihr Geld zusammenscharren zum Wohle der Allgemeinheit. „Verwalter unseres Vermögens“ — „nutzbringend für den Staat.“ Ja, schöner Nutzen das! Die Armen hungern und frieren, dieweil der Fiskus, dieses Ungeheuer mit dem bodenlosen Schlund, sich ins Fäustchen lacht.
Freiwillig geben die Besitzenden nicht nach: sie mit dem Schwerte in der Hand gefügig zu machen, wäre Unrecht. Moralisch also müssen sie gezwungen werden durch die legislative Gewalt. Dazu aber ist es erforderlich, daß sie sich in den Händen wohlmeinender Männer befinde, die die Interessen des Volkes auch wirklich wahren.
Bei der Mißwirtschaft, wie sie momentan in fast allen Parlamenten eingerissen hat, ist nichts für unsere Zwecke zu erreichen. Sie lesen doch die Zeitung?“
„Gewiß.“
„Nun da werden Sie ja wissen, wie es dort zugeht. Man streitet sich stundenlang um Bagatellen herum — vernünftige Vorschläge, das gehört zu den Seltenheiten. Freilich, zur Zeit der Canditatur versprechen die Herren den Leichtgläubigen Sonne, Mond und Sterne und ködern sie mit Bier und Geld. Sitzen sie aber einmal fest und warm im hohen Haus, haben sie auf Alles vergessen bis auf die Diäten: die stecken sie noch gewissenhaft ein. Es ist eine einfache Spekulation. Der Zufall, die Bestechung entscheidet mehr, als das persönliche Verdienst und daher kommt es so häufig vor, daß total unfähige Menschen die wichtigsten Stellen bekleiden. Darum strebt unser Programm in erster Linie das allgemeine, direkte Wahlrecht an. Dieses erstreckt sich auf alle Reichsangehörigen beiderlei Geschlechts, die das zwanzigste Jahr zurückgelegt haben. Das Volk soll aus seiner Mitte heraus bewährte Männer, zu denen es Vertrauen hat, zu seinen Abgeordneten bestimmen.
Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Volkswehr an Stelle der stehenden Heere, und die Schlichtung aller Streitigkeiten auf schiedsgerichtlichem Wege. Sie sehen also, daß wir sehr friedliebende Menschen sind. Doch ich ermüde Sie wohl?“ setzte er fragend hinzu; da ich ihn jedoch des Gegenteils versicherte, fuhr er fort:
„Auch wollen wir die Abschaffung jener Gesetze, welche die freie Meinungsäußerung einschränken und jener die die Frau im öffentlichen oder privaten Leben, dem Manne gegenüber benachteiligen.“
„Also Sie finden es natürlich, daß auch die Frauen, einen ihren Fähigkeiten entsprechenden Beruf wählen, sich am öffentlichen Leben beteiligen?“
„Das ist doch nur gerecht: nur die Schwächlinge fürchten die Concurrenz: aber die werden ja bald zum Schweigen gebracht werden.“
„Ist das das ganze Programm?“
„O nein. Wir sind keine so bescheidenen Leute: wir streben noch so Manches an, z. B. die vollkommene Trennung von Kirche und Staat: Weltlichkeit der Schule, Unentgeltlichkeit des Unterrichtes und der Lehrmittel und Ausbildung der Talente, da wo sich welche zeigen.“
„Das wäre für Viele eine Wohltat. Ich habe mir so oft vorgestellt wie traurig es für einen Menschen, der an seine Begabung glaubt, sein muß, wenn ihm die Hände gebunden sind, wenn er nicht vorwärts kann, weil ihm die Mittel fehlen, um sein Ziel zu erreichen.“
„Sie sollen noch mehr beanspruchen können. Die unentgeltliche Rechtspflege, die Entschädigung unschuldig Verurteilter, die Abschaffung der Todesstrafe. — Ärztliche Hilfe und Heilmittel, das sollen sie ebenfalls umsonst haben.“
„Und dieses Programm, das so gut, so logischzusammengestellt ist, soll nicht die Wünsche Aller befriedigen?“
„Nicht wahr? Es ist kaum zu begreifen, und doch gibt es leider gar Viele, die nichts davon wissen wollen.“
„Wie ist es eigentlich mit den großen Abgaben, über die man alle Welt jammern hört? — Läßt sich denn da nichts machen, oder gehört das nicht hierher?“
„Und ob. Auch da wollen wir Rat schaffen. Wir beanspruchen nämlich die stufenweise steigende Einkommensteuer, von der dann alle öffentlichen Ausgaben bestritten werden sollen. Erbschafts- und Vermögenssteuer bleiben, wenn auch anders geregelt, bestehen, hingegen sollen alle indirekten Steuern, die Zölle, überhaupt alle jene wirtschaftspolitischen Maßnahmen abgeschafft werden, welche die Interessen der Allgemeinheit den Interessen einer bevorzugten Minderheit opfern. Das klingt trocken, nicht wahr? Die Anfangsgründe jeder Wissenschaft sind so. Aber wenn man das ABC überwunden hat, macht das Weiterspinnen Freude.“
„Mir scheint Alles ganz klar und einfach. — Freilich, was das Letzte anbelangt, die Abschaffung der zu weit ausgedehnten Vorteile der Bevorzugten, kann ich mir denken, daß Sie auf Schwierigkeiten stoßen.“
„Nun ja, natürlich fehlt es uns nicht an Widerstand, doch wir werden ihn schon brechen. Und im Innern können am Ende auch unsere Gegner, sofern sie denkenwollen, die Vorteile einer solchen Reorganisation nicht leugnen.
Dadurch, daß das tote Capital aufhört, das heißt die Aufhäufung der Zinsen zu Unsummen — kommt mehr Geld in Umlauf, wobei die Wohlfahrt des Landes steigt, und jeder Einzelne profitiert.
Für alle öffentlichen Bedürfnisse wird die Gemeinkasse, der Staat sorgen, ebenso für den Unterhalt der Kinder und der Arbeitsunfähigen. Er wird auch das Eigentumsrecht von Grund und Boden an sich bringen, das heißt, es durch Kauf erwerben und die Leute damit belehnen, mit anderen Worten: sie wären gegen mäßige Zinsen Pächter.
Jeder wird für sich selbst arbeiten und nach dem Maße seiner Leistungen entlohnt werden. Keine Millionenerben mehr, und die Zahl der Müßiggänger, der Drohnen wird sinken.“
„Aber“, habe ich da eingewendet, „wird die Freude, der Eifer, zu erwerben, nicht abnehmen, wenn man nicht mehr für seine Kinder, sondern für die Allgemeinheit arbeitet?“
„Das ist Ansichtssache. Vernünftigen Eltern wird jedenfalls der Gedanke, daß ihre Nachkommen durch redlichen Fleiß ihr Schärflein zum Weltbau beitragen, mehr Genugtuung bereiten, als der, daß sie auf der faulen Haut liegen und sich durch vornehmes Nichtstun zu unnützen Gliedern der Gesellschaft stempeln. Im Übrigen wäre ein„weniger auf Erwerb des Mammons bedachter Sinn“ nur wünschenswert, weil dann das Laster „Geiz“ keine so unerquicklichen Dimensionen mehr annähme, wie heute. — Auch die Geldheiraten würden abnehmen und die Liebe als Regentin ein besseres, für das Ideale begeistertes Geschlecht hervorbringen.
Freilich wird es immer kleinliche Schreier geben, denen die eigene Bequemlichkeit mehr am Herzen liegt, als das Wohl der Gesammtheit. Aber mit der Zeit wird es der verschwindend kleine Teil sein. Der Ruf nach Gerechtigkeit wird mächtig anschwellen und als brausender Orkan das All durchzittern — und dieser Tag steht, glaube ich, in nicht all zu weiter Ferne.“
Er hatte sich in Eifer geredet und seine blauen Augen strahlten in sanftem Feuer. Wir waren nahe an das Hôtel gekommen, das der Graf mit seinem Sohn bewohnte. „Ich könnte Ihnen noch so Manches über diese Sache sagen — von den speciellen Forderungen der Arbeiterklasse habe ich Ihnen noch gar nicht gesprochen.“
„Wir werden doch Gelegenheit finden, das heutige Thema fortzusetzen — so schnell dürfen Sie mich nicht im Stiche lassen.“
„Das will ich auch durchaus nicht. O nein, ich habe ganz gut bemerkt, daß Sie einen klaren Kopf haben und solche Leute können wir nur zu gut brauchen.“
„Was hat der Ihnen Alles erzählt?“ frug nun der General. „Schöne Sachen, wie? — Möcht’ gern eineSocialistin aus Ihnen machen, wie? A ja, ja, kleine, schöne Socialistin, wie?“
„Das wird ihm leicht gelingen.“
Egon gab mir die Hand. „Wir werden Freunde sein, nicht wahr?“
„Wir sind es schon“, wollt’ ich erwidern, doch ich nickte nur zustimmend mit dem Kopfe.
***
2. Juni.
Das Venedig vom Canal grande ist wesentlich verschieden von dem in den Mercerien. Das bunte Durcheinander, das hier herrscht, contrastiert lebhaft mit der majestätischen Ruhe des eleganten Viertels.
Der General machte unseren Cicerone, und es war unterhaltend, als eine Schar kleiner Gassenjungen sich vor ihm aufpflanzte und rief: „Un soldo, san Nicolo, prego un soldo“, und er verteilte lachend Kupfermünzen unter sie.
„Ma no“, ließ sich jetzt eine weibliche Stimme vernehmen, „non è san Nicolo, è il nostra Generale. Buon giorno Eccelenza.“ Es war ein bildhübsches Weib, das diese Worte gesprochen. In Fetzen stand sie da: ihr dichtes, blauschwarzes Haar fiel ihr in Strähnen über die Brust. — Die Augen funkelten und in der Haltung des Kopfes lag etwas von einer Königin.
An allen Ecken, und wo es angeht auch unter denToren stehen Orangenverkäufer, Zeitungsausrufer, Blumenmädchen. Ein sich gegenseitig Überschreien, ein Anpreisen der Waren, ein Handeln und Gemurmel: ein ohrenzerreißender Lärm.
„Il secolo“ — „popolo romano — tre rose per una mezza lira — ma compra — belle arranci, fresche, dolci — il giornale di Milano“ und dazwischen das Gebell der Karrenhunde, das Schäppern der kleinen Marktwagen.
Um in dieser Gegend zu wohnen, muß man wirklich gute Nerven haben: ich glaube auf die Dauer hielte ich das nicht aus.
Der General führt uns in ein stilleres Seitengäßchen, wo die Antiquare ihre Buden aufgeschlagen haben. — Es gibt da Prachtstücke, an denen man sich gar nicht satt sehen kann. Besonders reich vertreten sind die eingelegten und geschnitzten Truhen, Goldstickereien und Miniaturen. Eine, die mir besonders gefiel, hab’ ich erstanden. Eine Frau in Empirecostüme, ein schlankes Figürchen mit einem Paar großer flehender Augen. Zwischen Daumen und Zeigefinger hält sie einen Schmetterling. Die Inschrift auf der Goldleiste des Rahmens hab’ ich erst später entdeckt. In winzig kleinen Lettern steht darauf: „Puisse l’excès de mon amour fixer le volage.“ Eine kleine Fürstenkrone daneben.
Ich war entzückt über meine Entdeckung und zeigte dem Grafen das Bild. Da schien mir’s, als ob eineseltsame Bewegung über seine Züge geglitten wäre. — — — „Ja, ja, — ist jetzt vorbei — vergeht so schnell das Leben, wie? Kaum daß man vernünftig geworden, ist es aus.“ — Und um sich blickend: „Alte Kunstschätze und moderne Menschen. Junge Menschen, wie? — — Ah ja, ja, das Alte taugt nichts, das muß fort. Immer Neues drängt zum Licht, muß sich frei bewegen können. Ist natürlich. Bei mir wird’s auch nicht mehr lang dauern, wie?“
„Aber sprechen Sie nicht so,“ bat die Tante, und mir wurde ganz weh ums Herz. Vom ersten Moment an hat er sich meine Sympatie erworben, und ich weiß, daß wenn er gienge, es eine Lücke bilden würde in meinem Leben. Du lieber, alter General! Was macht’s, daß die Jahre sich mit Runenschrift in Deinen Zügen eingegraben, tiefe Furchen gezogen haben, der Kreuz und Quere: bis an Dein eigentliches Wesen ist die zerstörende Zeit doch nicht gedrungen. Noch immer stehst Du da, so unbeugsam und wetterfest wie eine Eiche, die den Stürmen trotzt, die stolz und sicher ihr Haupt zum Himmel hebt.
„Ein Mann, halb Engel und halb Löwe“, so hat ihn der ältere Dumas genannt.
„Ah, diese trifft sich gut.“ Die Schwestern Trevatti waren uns förmlich in die Arme gelaufen. „Wir haben uns geholt eine neue Gondelier,“ erläutert Pepi, „weil das frihere is in Liebe gefallen zu die Corona, — unddie besen Zungen hier! S’is schrecklich: wir sind ganz krank. Jetzt gehen wir in die Gemalerei, weil dort sind schene Bilder — eine Porträt, was soll sein die ganze Corona.“
„Da, Signorina,“ sagt die Ältere, mir eine Rose reichend. „Diese ist von eine schene Geburt,“ fügt sie, nicht ohne Wichtigkeit hinzu.
Ich war froh, daß sich keine anderen Leute in der Nähe befanden. Der Aufzug dieser Beiden spottet jeder Beschreibung. Was man an Farben und Uniformen ersinnen kann, das laden sie auf sich. Eine buntbeklexte Palette ist nichts dagegen. So etwas tut mir in den Augen weh. Meine Überwindungskraft geht nicht so weit, daß ich mich über Derlei hinwegzusetzen vermag. Ich weiß, es ist kleinlich: die wahre Klugheit besteht darin, die Menschen zu nehmen, wie sie sind, mit ihren Schwächen und Absonderlichkeiten. Ob ich das je erlernen werde?
Nachmittag sind wir herumgefahren auf dem Meer. Es war schwül; die ganze Natur strömte eine gewisse Mattigkeit aus. Wie Gazeschleier lag es über dem Firmament und selbst die Glocken von San Marco hatten einen müden, gedämpften Klang. In all’ den Farben und Tönen eine schüchterne Weichheit, die mich so seltsam bewegte.
Und der General erzählte aus seinem Leben. — Alles war Romantik in diesem Dasein. Ich lauschte mit geschlossenen Augen. — Wie stürmisch wild da mit einemmaledie See wurde! — Die Wogen brandeten, schlugen schäumend an die Gondel, warfen sie hoch in die Luft, daß sie in allen Fugen krachte. — Es war die Illustration zu der Geschichte des Greises, der an unserer Seite saß.
Seine zügellose Phantasie, sein Drang nach Erlebnissen und Abenteuern hatten ihn noch als halben Knaben hinausgetrieben in die Welt. — Allenthalben wo es Kampf gab, war er dabei. — — Pulverdampf und Kugelregen, das sind die Erinnerungen seiner Jugend. — Seit jeher empfand er besondere Vorliebe für das sonnige Italien und dort war es auch, wo zum erstenmale die Frau entscheidend in sein Leben trat. Er fand Gegenliebe bei der jungen Fürstin, der er seine Neigung widmete — die Eltern waren einverstanden und die Regierung zeigte sich hocherfreut. Dennoch gab es Mißgünstige, die diese Heirat hintertreiben wollten. Da machte er aber kurzen Proceß, nahm seine Braut in die Arme und ließ sie sich bei Fackelschein antrauen in stiller Nacht. — „Meine Division erwartete uns im Wald, wo in aller Eile ein Altar errichtet wurde und dem Bischof wußte ich plausibel zu machen, daß es seine Pflicht sei, uns die Hindernisse aus dem Wege zu räumen. — — Sie ist bald gestorben, die Arme. Ja, ja, war ein Engel, eine wirkliche Heilige.“
Tiefen Eindruck hat mir auch folgende Episode gemacht, die er uns aus seinem Schlachtenleben mitgeteilt:
„Es war im Mai 1860. Unter dem heiteren Himmel von Italien trug sich das Grauenhafte zu. Wir zogenmit tausend Helden Garibaldi’s gegen Palermo. In der Nähe des Marktfleckens Partenico erblickten wir am Straßensaume einen Leichenknäuel, und als wir näher traten, sahen wir, daß es zehn bis zwölf Bourbonensoldaten waren, an denen die Hunde nagten. Garibaldi geriet in fürchterlichen Zorn und donnerte die jubelnden Einwohner mit den Worten an: „Schämt Euch über solch’ barbarisches Treiben. Die Anhänger der Freiheit kämpften nie so; nie wüteten sie auf so unmenschliche Weise.“
Die Partenicoer hörten in tiefer Stille diesen Ausbruch der Entrüstung an. Dann trat Einer aus der Gruppe vor den General:
„Ja, wir haben ungerecht gehandelt, aber bevor Sie uns verurteilen, sehen Sie selbst, was hier geschah“, und sie führten uns in vier bis fünf Häuser, in denen eine Schar von Frauen und Kindern lag, versengt, zu Kohle verbrannt.
„Das haben die Bourbonensoldaten getan“, schrien sie. „In die Häuser trieben sie die Frauen und Kinder, zündeten sie an, bis die Unglücklichen in den Flammen starben. Wir hörten das Wehgeschrei und eilten herbei. In unserer Verbitterung vollbrachten wir den Racheakt.“
„Damals überkam mich zum erstenmale namenloser Ekel vor der Grausamkeit der Menschen, vor der Häßlichkeit des Krieges, der alle Dämonen entfesselt. Ähnliches gieng im Innern Garibaldi’s vor, wie er mir später gestand.— A ja ja, das waren Zeiten. Wie?“, und er fuhr sich mit der Hand über das weiße Haar. — „Hab’ aber noch nicht genug gehabt. Auch den 66er Feldzug mitgemacht. Weiß der Teufel, warum ich keine Ruhe hatte. Wurde am linken Arm verwundet; war eine sehr gefährliche Geschichte — hätten ihn bald amputieren müssen. Da bin ich denn gelegen sechs Monate und hab’ Zeit gehabt, nachzudenken. — Oft hab’ ich Nächte lang kein Auge zugemacht — immer eine weiße Frau an meinem Bett sitzen gesehen, die fortwährend murmelte: „Ich bin der Tod.“ — War mir nichts passiert mitten in der Schlacht und hab’ ruhig sterben soll’n im Bett, wie? — Hab’ keine Lust gehabt, — der weißen Gestalt gesagt: „Ich will leben — geh’ fort“ — dem Tod getrotzt. — Muß leben, um gut zu machen, meinem kleinen Buben andere Ideen beizubringen — ja ganz natürlich — er soll vernünftiger werden, wie sein Vater. A ja ja. — Kleiner Bub. Ist heut’ ein erwachsener, tüchtiger Mensch, der Egon. Wie? — — Schreibt den ganzen Tag — wird hoffentlich gelingen das Werk, wie?“ und ein stolzes Lächeln verklärte seine Züge.
***
5. Juni.
Aus welchem Anlaß er Socialist geworden. Ob er den Standpunkt, den er heute vertritt, seit jeher eingenommen, oder ob ihm die Gegensätze früher als etwasSelbstverständliches erschienen waren? Das Alles hab’ ich Egon Deuchtestum gefragt.
„Mein Vater“ — und in diesem Worte lag große Zärtlichkeit — „hat mich in den Principien der Nächstenliebe und Gerechtigkeit aufgezogen. So viel ich mich erinnere, war es mir als Kind Bedürfnis, den Armen zu geben. Damals hab’ ich’s instinktiv getan — später aus Gewohnheit und weil es mir wirklich Freude machte. — Dabei aber ließ ich mir nichts abgehen, legte mir keinerlei Entbehrung auf. — — Ich sollte mein Freiwilligenjahr absolvieren und meine neuen Kameraden forderten mich auf, an einem Bankett, das sie veranstalteten, teilzunehmen. Ich gieng. Am Sylvesterabend war’s. Ein Wetter, daß man keinen Hund hätt’ auf die Gasse jagen mögen. Drin im Restaurant war’s behaglich warm; eine elegante Gesellschaft füllte den Raum; Alles war lustig, guter Dinge. Unser Tisch stand knapp am Fenster — — wir ließen es uns gut sein, plauderten, aßen die besten und seltensten Dinge, tranken Punsch und dann kam der Champagner an die Reihe. Ich war nie ein Freund solcher Gelage gewesen und auch diesmal nur gekommen, um nicht als Spaßverderber zu gelten.
Schon stand eine ganze Batterie geleerter Flaschen auf dem Tisch — der gewöhnliche Grad der Gemütlichkeit war überschritten. Und da kein irgendwie fesselndes Thema berührt wurde, hieng ich meinen eigenen Gedanken nach — und sah unwillkürlich durch das Fenster. — Geradegegenüber war eine Delikatessenhandlung. Ein ärmlich gekleideter Mann stand davor und studierte die ausgestellten Leckerbissen. Die Züge vermochte ich nicht deutlich zu unterscheiden. Ein paar Minuten später trat er in unser Restaurant. — Zaghaft, mit einem so flehenden Ausdruck, den ich nie vergessen werde, näherte er sich einer Gesellschaft. Ein paar geputzte Damen rückten ihre Stühle beiseite und eine hielt ihr Taschentuch an die Nase: „Puh, dieser Geruch!“ Und ein dicker Herr rief den Kellner: „Was will der Mann hier? — Sorgen Sie dafür, daß die Besucher nicht durch solches Gesindel belästigt werden.“
„Herr, ein krankes — —“
„Nichts da — packen Sie sich fort, sonst hole ich den Wachmann“, und der Kellner drängte ihn zur Tür. — — Er wankte mehr, als er gieng. Dann ballte er die Faust — wie man es tut, wenn man einen Fluch ausstößt.
Der ganze Auftritt hatte keine fünf Minuten gedauert. — Hatte mich nun der Champagner gelähmt, mich eingeschläfert — ich verfolgte die Scene mit dem Blick des gleichgültigen Zuschauers. Erst als mein Nachbar sich über den „unverschämten Kerl“ beklagte, kam ich zu mir.
Ich nahm mir kaum Zeit, in meinen Mantel zu schlüpfen — ich eilte hinaus, dem Verjagten nach. — Seine Hand hab’ ich genommen und ihm Abbitte geleistet. — In seine elende Kammer bin ich ihm gefolgt; sein Weib und seine vier Kinder waren blau vor Kälte. Auf einem Strohlager lag das Jüngste — tot. Es war gestorbenin seiner Abwesenheit. — Da hat sich der Mann über die kleine Leiche geworfen und Dinge gebrüllt, die mir durch Mark und Bein drangen. — —
„Gelt, daß die Reichen sich überfressen können, muß Unsereins arbeiten wie a Viech. — — Wir verdienen’s und sie verprassen’s. Von Mitleid keine Spur — drum hast krepieren müssen, armes Hascherl — — kein’ Doktor hab’n mehr zahlen können, und jetzt is aus. — Wahrli, man dürft’ keine Kinder haben, ’s wär’ besser für die Würmer — so an Luxus kann sich nur a Reicher gestatten. — Besser war’s, wann das ganze G’schlecht aussterbert — sollen sich dann selbst helfen, die nobligen Leut’.“
Lang hat’s gedauert, bis er zur Ruhe kam. — — Und ich stand da — und schämte mich — im Namen meiner Genossen. Es schlug Mitternacht, das neue Jahr hielt seinen Einzug. — Da hab’ ich es dem Manne gelobt in seine rauhe Hand: „Ich will für Euch kämpfen — — meine Kraft, mein Streben weih’ ich von dieser Stunde an den Unterdrückten.“
„Ich —“ — weiter kam ich nicht — Tränen erstickten meine Stimme und noch jetzt, wenn ich daran denke, zittert mir die Feder in der Hand. — — Danken wollt’ ich ihm, ihm sagen, wie gut das gewesen, und habe doch kein Wort hervorgebracht. Aber meine Tränen haben mich verraten, die sind mir unaufhaltsam herabgerollt.
Er sah mich bestürzt an. „Ich habe Sie nervös gemacht. Verzeihen Sie.“
„Sie haben mir wohl getan. So wohl.“
Der Garten, in dem wir wandelten, mit seinen dunklen Laubgängen, mit den plätschernden Fontänen, mit dem Dufte der Magnolien schien mir plötzlich so wundervoll. Der ganze Zauber des Südens stürmte auf mich ein, atemraubend überwältigend.
Wir näherten uns einer Gruppe von spielenden Kindern. Ein etwa eilfjähriger Knabe schien seinen Kameraden etwas zu zeigen, was sie offenbar sehr interessierte, denn sie reckten die Hälser und verwandten keinen Blick von ihm. Jetzt sahen auch wir es. Das kleine Monstre hatte ein junges Vöglein in der Hand, das hilflos zappelte, denn es hatte die Füße mit einem Schnürchen zusammengebunden: die Federn waren ihm teilweise ausgerupft und aus den Augenhöhlen träufelte Blut. Mir wurde ganz schwindlig bei dem Anblick. Egon war feuerrot geworden: die Stirnader trat hervor und die sanften Augen sprühten Zornesblitze. Er sagte kein Wort, sondern trat auf den Missetäter zu, riß ihm das zuckende Tier aus der Hand und versetzte ihm einen so heftigen Schlag, daß er taumelte. Aber gleich darauf hörten wir ihn höhnisch lachen.
Egon atmete tief auf: „Es war eigentlich unerlaubt — aber ich konnte mich nicht zurückhalten. Wenn ich sehe, wie man ein armes wehrloses Geschöpf mutwillig quält, bin ich nicht Herr meiner selbst. — — — — So etwas entmutigt mich auf Tage hinaus, es erregt michso, daß ich nicht einmal schreiben kann. Alle Worte, die derbsten Ausdrücke sind mir noch zu gering. — Es ist ein so weiter Weg, den der Gedanke zurücklegt vom Augenblicke, da wir ihn empfangen, bis zu jenem, da wir ihn zu Papier bringen. — — Er verblaßt uns unter der Feder, was als Flamme aufgelodert im Gehirn, das ist nur mehr verlöschende Glut, sobald wir es niedergeschrieben.
Man möchte ja helfen — ach Gott, wie gerne — — — aber die Verzagtheit drückt uns zu Boden. Keine andere Waffe zu haben gegen so viel Roheit als diese Hände und den guten Willen. — — Nicht an die eigene Kraft glauben, an sich selbst verzweifeln. — Das Martyrium des Zweifels, der aufreibende Zwiespalt zwischen Riesenwollen und Zwergkönnen. Es ist eine Qual.“
So hatte er noch nie zu mir gesprochen: es war als fühle er das Bedürfnis aus sich herauszutreten, einer teilnehmenden Seele sein „Ich“ zu enthüllen.
„Ich bin sicher, Sie werden es zu Stande bringen.“
„Sie glauben wirklich?“ — Er sagte es ganz freudig, „Ach, wenn Sie recht behielten. — Bisweilen denke ich ja selbst: Es muß mir gelingen. Ein Schrei, der aus dem innersten Herzen kommt, muß der nicht widerhallen in den Anderen, sie bewegen, erschüttern? In solchen Momenten bin ich voll Zuversicht. Meine Arbeit scheint mir ein Kinderspiel — was ich sage, kommt mir so eindringlich, so überzeugend vor. Das ist dann Seligkeit.“
Darum also nennen sie ihn einen „seltsamen Kauz?“ — Sie haben nicht so Unrecht — wie wollen „Die“ ihn verstehen! — Diese heiße Dichternatur mit ihren 1000 Nuancen, mit dem ewig wechselten Colorit, so tief, wie das Meer, so schillernd wie das Gefieder der kleinen Colibris in den Tropen, so fascinierend für den, der sie erfaßt, wie die Musik des Südens.
„Ja, ich gestehe“, fuhr er nach einer Pause fort, „daß ich etwas wie Neid fühle gegen die Menschen mit beschränktem Horizonte. Sie sind relativ glücklicher als wir, die der Drang erfüllt, nach Neuem, Gewaltigem, nach himmelhohen Zielen. Sie gleichen stillen, durchsichtigen Wässern, ohne brausende Wogen — denn sie sind seicht. Niemals treten große Entschlüsse, mächtige Leidenschaften an sie heran, oder sie ziehen vorüber, ohne sie zu berühren. Sie stehen auch nie auf schwindelerregender Höhe, und wenn sie fallen, wird ihr Sturz ein sanfter sein. — — Freilich — es entgeht ihnen auch viel Schönes. Ein reicher Teil ihres „Ich“ bleibt ihnen verborgen — sie ahnen nicht einmal die eigene Genußfähigkeit. Niedere Gewächse, die im Schatten auf der Erde weiterkriechen, ohne glühende Farben, ohne berauschenden Duft. Kein Sonnenstrahl zieht sie zu sich empor: sie wissen nicht, wie lieblich der blaue Himmel ist, wie berückend der schwüle Sommer.“
Er ist ein Adler, die Anderen sind Schnecken. Ihn tragen seine Flügel weit — — wenn ich ihm folgen könnte!
Und wie richtig er die modernen Menschen definiert hat. — Ein Bekannter schrieb ihm einmal: „Ich kann das Gefühl nicht los werden, daß Einer hinter mir dreinjagt auf feurigem Rosse. Ich höre ihn atmen — er kommt immer näher mit rasender Geschwindigkeit, und da laufe und laufe ich, solange mich meine Füße tragen.“ — Und an dieses Gleichnis hat er angeknüpft: „Ja, es ist wahr, man möchte zehn Dinge auf einmal erledigen — die Tageszeit verdoppeln. Es gäbe so unendlich viel zu tun gerade in unserem Jahrhundert, dessen charakteristisches Merkmal ein ununterbrochenes Hasten und Drängen ist. Diese ewig vibrierenden Nerven, dieses heiße Streben, diese wechselnden Stimmungen, bald zuversichtlich zum Aufjauchzen, bald verzagt bis zur Verzweiflung. Selten ein Augenblick wirklicher Ruhe, inneren Gleichgewichts. Leben wir denn jemals in der Gegenwart? Unser Geist eilt stets voran, der Zukunft entgegen, schwingt sich in lichte Sonnenhöhen. — In unsren Träumen Götter, und beim Erwachen — Menschen, Spielball des Schicksals, so armselig und so nichtig. — Dann machen wir uns mit einer Art Galgenhumor daran, das eigene Ich zu analysieren; mit dem Blicke des unparteiischen Kritikers die verborgensten Winkel unsrer Seele zu durchstöbern, und was wir mit dem freien Auge nicht sehen, das entdecken wir sicher durch das Mikroskop. — Wir quälen uns unbewußt — auch das hat seinen herben Reiz: es ist die Lust der Qual.
Wenn wir dann erschöpft mit heißem, schmerzenden Kopfe innehalten, wenn die Reaktion eintritt, die betäubende Ermattung, dann fragen wir uns: „Wozu dies Alles?“ — Für die Überreiztheit, für die Compliciertheit des heutigen Geschlechtes fehlt uns der richtige Ausdruck.“
Stundenlang könnt’ ich ihm zuhören, wenn er spricht. Alles, was er sagt, hat ein eigenes Interesse für mich, und dann schmeichelt es auch meiner weiblichen Eitelkeit, daß er sich so ausschließlich mit mir befaßt.
Die jungen Damen warfen mir zuerst mißgünstige Blicke zu, dann änderten sie plötzlich ihr Benehmen. Sie machen mir jetzt Avancen, besuchen mich, laden mich ein und lassen so ganz obenhin die Bemerkung fallen, ob denn Graf Deuchtestum nirgends hingehe, weil man ihn nie zu sehen bekommt in der Gesellschaft.
Wenn sie wüßten, wie nutzlos ihre Bemühungen sind. — Die Schablonensoiréen sind ihm ein Gräuel, er hat es mir offen gestanden.
„Früher, als ich noch in den Salons verkehrte, hab’ ich keine Befriedigung gefunden. Was wollen denn die Menschen? Diese Frage drängte sich mir stets von Neuem auf. — — Die Zeit totschlagen — sie mit Banalitäten, mit hohlen Phrasen ausfüllen? Stundenlang nebeneinander sitzen, ohne sich etwas zu sagen zu haben. Oder ist’s nicht so? Es kommt mir ungefähr vor, als stellte ich mich vor den Spiegel, um die Cravatte gerade zu schieben, während das Haus in Flammen steht. Ich bringedas nicht fertig. Und Sie — Sie können sich auch unmöglich unterhalten. — Weil Sie so grundverschieden sind — von den Andern.“
„Gute Nacht.“
Das klang so aufgeregt und hastig — — und er drückte mir die Hand so heftig, daß mir’s wehe tat.
Es ist spät. Ich will mich niederlegen. Schlaf aber verspür’ ich keinen.
Die Sterne blinken goldig. Es war ein lila Stern, dann glühendrot. — Es regt sich nichts — — weil Alles ruht. — — Ruht wirklich Alles? — Gute Nacht, Egon Deuchtestum — — gute Nacht.
***
9. Juni.
Der Ostwind. Wie er sägt an meinen Nerven! Heut’ bin ich elend. Von Minute zu Minute ändern sich meine Stimmungen. Mein ganzes Wesen ist in Aufruhr. Siedend heiß jagt mir das Blut zu Kopfe. Alles Denken und Fühlen ist zu höchster Intensivität gesteigert. Ein Chaos, eine glühendrote Finsternis, ein Hämmern, ein Pochen zum Verrücktwerden. Der Atem geht mir aus, ich meine zu ersticken — dann wieder schüttelt’s mich vor Kälte, als ob ich Fieber hätte. — — Eine Unruhe, ein Bedürfnis zu gehen, mich zu bewegen! Wie wenn der Tod schon seine eisige Hand auf’s Herz legt und die Füße noch tanzen möchten — nur ein einziges Mal noch — bis — sie — erstarren.
Gleich darauf wird es still, unheimlich still in mir. Mir ist’s, als sei ich mir eine Fremde und nur zu Gast auf dieser Erde. Mir graut — denn was ich ahne, ist mein anderes Ich — mein Doppelgänger.
Die düsteren Phantasien weichen einer großen Abgespanntheit. — Ich fühle mich müde wie ein geprügelter Hund, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.Saison morteim Kopfe.
O, er hatte Recht. — — Mit welcher Gier ich meine Sensationen zergliedere. — — Ich war also nur scheintot gewesen, ich hatte mich für abgestumpft gehalten. — Zum Lachen. Mich nie anders gesehen wie als Matrone, etwas gebeugt, auf einen Stock gestützt, mit weißen Scheiteln und einem Spitzentuch darauf. — Und „Tante Mimi“ haben sie mich genannt, nie anders als „Tante Mimi“. —
Das hatte ich wirklich geglaubt, ich, mit meiner Eindrucksfähigkeit? Mein Ohr hört Töne, und ich sehe Farben, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Nuancen und Abstufungen, die man nicht festhalten kann, weil sie zerflattern, verschwinden, wie jene Blumen auf den Wiesen, die der leiseste Hauch hinwegfegt.
Warum bin ich auch hingegangen zu den lebendig Toten? Man hatte mich gewarnt. Nun wollen sie mir nicht aus dem Sinn, die armen Irren von San Clemente.
Wie ihr starrer Blick zu fragen schien: „Wer bist Du, und was willst Du?“ — — Doch nein, ihnen ist’sja einerlei. Sie fragen nicht, sie wissen nichts. Was sie zu Menschen machte, das existiert nicht mehr.
Ich ließ mich überall herumführen. Hinter einem eisernen Gitter hält eine Frau mit wildem Pathos einen Vortrag: „Ich bin eine Königstochter und mit dem Prinzen Ottavio verlobt. Ich hab’ ein Riesenschloß und Diener und viel, viel Geld in großen Kisten. Wollt Ihr welches? — Da.“ Und sie macht die Bewegung des Ausstreuens.
Eine Greisin kauert mit blöder Miene auf dem Boden und macht ununterbrochen das Kreuzzeichen, klopft an ihre Brust und ruft: „Geh’, geh’ hinweg“. Dann verbirgt sie das Gesicht in den Händen, weil sie meint, den Teufel gesehen zu haben.
Der Krankensaal ist bis auf’s letzte Plätzchen angefüllt. Ein junges, schönes Mädchen ist darunter. — Sie dauert mich besonders. Weshalb? — Auch eine der unwillkürlichen Ungerechtigkeiten, daß wir mit schönen Menschen am meisten Mitleid haben.
In einer Einzelzelle sitzt eine Frau mit gefesselten Füßen auf dem Bett. Sie hält den Kopf gesenkt und scheint mit Jemand zu flüstern, während sie in den Händen unablässig ein schellenartiges Spielzeug dreht. Sie singt dazu mit klagender Stimme ein Lied. Die Wärterin streicht ihr das Haar aus der Stirne und frägt sie etwas. „Ma no, ma no“ erwidert sie beharrlich.
„Die Arme!“ Und die Wärterin erzählte uns, daßsie früher ganz normal war, bis die Eltern sie zu einer verhaßten Ehe zwangen. Seit dieser Zeit war die Schwermut über sie gekommen.
Mir wird unheimlich. Es drängt mich hinaus aus diesem düstern Kerker, hinaus in die freie Natur. Dort wird mir leichter und ich frage mich, ob sie, die nichts empfinden, nicht vielleicht besser daran sind, als wir, die wir uns jeden Genuß verbittern und die, wenn wirkliches Leid über uns hereinbricht, so furchtbar schwer daran tragen. Das Gute, das uns widerfährt, betrachten wir als einen, uns von der Natur geschuldeten Tribut, das Böse als ungerechtfertigte Insulte. — Wir lehnen uns auf, wir ringen uns die Hände wund, wir verzweifeln an unserer Ohnmacht, wir leiden — leiden.
Die Sonne brennt mit versengender Glut und scheint mit den kühlen goldigblauen Wellen zu kämpfen. Weiße Möven schießen pfeilschnell über den Spiegel dahin — von Weitem könnt’ man sie für Wasserrosen halten.
Scharenweise haben sich die müden Arbeiter am Ufer dahingestreckt, um ihre Polenta zu verzehren, oder Siesta zu halten. Bloßfüßige Männer waten bis über den Knöcheln im weichen Sand, um nachzusehen, was ihnen die Flut bescheert. Und jedesmal, wenn sie statt einer Muschel eine Krabbe erwischen, werfen sie mit verächtlicher Miene das Ding in das Meer zurück, wo es lustig weiterzappelt.
Ein freundliches, sonniges Bild. Ich aber kann dasfrühere nicht vergessen: das Dunkle verblaßt langsamer als das Helle.
Auf dem Lido bin ich ausgestiegen. Ich suchte ein einsames Plätzchen auf und starrte vor mich hin.
„Signorina — Sie hier?“ — und der kleine Spanier stand vor mir.
Etwas ärgerlich versetzte ich: „Ja, wie Sie sehen.“
„Nicht wahr, das Meer ist schön.“
„Gewiß.“
„Und groß — und tief.“
Ich staunte über seine ungewohnte Gesprächigkeit. Dahinter mußte etwas stecken. Dabei sah er mich so traurig an mit seinen Hundeaugen, daß er mir erbarmte.