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›Zu Haus, und krank?‹ »Das zweite hoff ich nicht!Sie meinen, weil ich mich so hergesetztWie ein Patient, zu dem der Doktor spricht?'s ist nicht so schlimm! Wann sah'n wir uns zuletzt?Ach – gestern abend, als ich von dem SteinIns Wasser glitt und Sie sich so entsetzt.«›Hab ich nicht recht gehabt?‹ »Gern sagt ich nein!Nur freilich, dass ich mit den nassen FüssenDie halbe Nacht spaziert im Mondenschein –Das war nicht klug und dafür muss ich büssen.Gesteh ich nur, 's wär auch nicht schlimm gewesen,Hätt ich nicht noch ein anders – dulden müssen.«›Ich hoff, dass ich daran nicht schuld gewesen.‹»Gewiss nicht Sie! Ich fand hier einen BriefVon meinem Gatten vor; den musst' ich lesen.«›Der schlimmen Inhalts?‹ »Ja – es ging mir tief.Ich will davon ein ander Mal erzählen,Wenn ich den Schmerz ein wenig erst verschlief.«›Warum nicht gleich?‹ »Sie haben recht; mich quälenJa die Gedanken selber immerfort –Was soll ich meinem Freunde sie verhehlen!Doch mach ich's kurz; man weiss aus kargem WortSich die Geschichte selber schon zu runden,Und weilt nicht gerne lang an ödem Ort.Nicht wahr, Sie haben längst recht gut empfunden,Was zu verbergen ich bemüht noch war,Dass ich an … ungeliebten Mann gebunden.Ich war ein Kind, kaum sechszehn, siebzehn Jahr,Sie wissen, wie das geht, und wie sie sagen,Der Mann ist gut und reich und liebt dich wahr.Das hört man gern und glaubt's. Mit tausend FragenAuf Herz und Lippen tritt man ihm entgegen –Doch ach! nicht einer hört man Antwort sagen!Ich habe lang gesucht – auf manchen Wegen,Umsonst! sein armes Herz blieb kalt und Stein.Da fühlt' ich Eis sich auch um meines legen.Nur einmal noch kam flücht'ger Sonnenschein,Ganz hell, ganz nah; er ist nicht lang geblieben –Mein Kindchen starb. Nun war ich ganz allein.Und seit dem Tage hab ich all mein LiebenIm tiefsten Grund des Herzens eingesargt,Und niemals hat es Blüten mehr getrieben.Nicht wahr –? Das Schicksal hat bei mir gekargt,Mehr als bei andern wohl. Und ich gestehe,Ich hab es manche Stunde ihm verargt,Hab ihm gegrollt, dass es aus meiner NäheSo jeden kleinsten Strahl des Glückes bannte,Der sonst uns wohl versöhnt mit unserm Wehe!Nun, man verlernt auch das!« Sie schwieg und sandteGeheimen Seufzer ihren Worten nach,Der mehr als diese all ihr Leid bekannte.Es dunkelte im Zimmer allgemach,Kaum konnt' ich die geliebten Züge sehenUnd ihre Augen finden, als sie sprach.Da fühlt' ich in Minuten Stunden gehenUnd tausend Fragen drängten sich heran –Sie aber schien mein Schweigen zu verstehen.»Nicht wahr, Sie fragen,« hob sie wieder an,»Warum ich nicht schon längst die Fesseln sprengte,Am besten damals gleich, als es begann?Ich hab's versucht – allein umsonst! Er schenkteMir nicht Erhörung, und so ist's geblieben;Nur dass sich tiefer noch der Schleier senkte,Der mich umnachtet. Ohne ihn zu lieben,Kann ich ihn doch, Gott sei's geklagt, nicht hassen.Noch neulich hab ich alles ihm geschrieben –Er schreibt zurück: er könne mich nicht fassen –Er würde gern für mich das letzte tun,Nur eines nie – von mir sich scheiden lassen.Und so gekettet schlepp' ich seufzend nunMein Leben hin – es soll nicht anders sein.Oft sehn' ich mich, für immer auszuruhn –Man wird so müd! Am liebsten schlief ich ein!«

›Zu Haus, und krank?‹ »Das zweite hoff ich nicht!Sie meinen, weil ich mich so hergesetztWie ein Patient, zu dem der Doktor spricht?'s ist nicht so schlimm! Wann sah'n wir uns zuletzt?Ach – gestern abend, als ich von dem SteinIns Wasser glitt und Sie sich so entsetzt.«

›Zu Haus, und krank?‹ »Das zweite hoff ich nicht!Sie meinen, weil ich mich so hergesetztWie ein Patient, zu dem der Doktor spricht?

›Zu Haus, und krank?‹ »Das zweite hoff ich nicht!

Sie meinen, weil ich mich so hergesetzt

Wie ein Patient, zu dem der Doktor spricht?

's ist nicht so schlimm! Wann sah'n wir uns zuletzt?Ach – gestern abend, als ich von dem SteinIns Wasser glitt und Sie sich so entsetzt.«

's ist nicht so schlimm! Wann sah'n wir uns zuletzt?

Ach – gestern abend, als ich von dem Stein

Ins Wasser glitt und Sie sich so entsetzt.«

›Hab ich nicht recht gehabt?‹ »Gern sagt ich nein!Nur freilich, dass ich mit den nassen FüssenDie halbe Nacht spaziert im Mondenschein –Das war nicht klug und dafür muss ich büssen.Gesteh ich nur, 's wär auch nicht schlimm gewesen,Hätt ich nicht noch ein anders – dulden müssen.«›Ich hoff, dass ich daran nicht schuld gewesen.‹»Gewiss nicht Sie! Ich fand hier einen BriefVon meinem Gatten vor; den musst' ich lesen.«›Der schlimmen Inhalts?‹ »Ja – es ging mir tief.Ich will davon ein ander Mal erzählen,Wenn ich den Schmerz ein wenig erst verschlief.«›Warum nicht gleich?‹ »Sie haben recht; mich quälenJa die Gedanken selber immerfort –Was soll ich meinem Freunde sie verhehlen!Doch mach ich's kurz; man weiss aus kargem WortSich die Geschichte selber schon zu runden,Und weilt nicht gerne lang an ödem Ort.

›Hab ich nicht recht gehabt?‹ »Gern sagt ich nein!Nur freilich, dass ich mit den nassen FüssenDie halbe Nacht spaziert im Mondenschein –

›Hab ich nicht recht gehabt?‹ »Gern sagt ich nein!

Nur freilich, dass ich mit den nassen Füssen

Die halbe Nacht spaziert im Mondenschein –

Das war nicht klug und dafür muss ich büssen.Gesteh ich nur, 's wär auch nicht schlimm gewesen,Hätt ich nicht noch ein anders – dulden müssen.«

Das war nicht klug und dafür muss ich büssen.

Gesteh ich nur, 's wär auch nicht schlimm gewesen,

Hätt ich nicht noch ein anders – dulden müssen.«

›Ich hoff, dass ich daran nicht schuld gewesen.‹»Gewiss nicht Sie! Ich fand hier einen BriefVon meinem Gatten vor; den musst' ich lesen.«

›Ich hoff, dass ich daran nicht schuld gewesen.‹

»Gewiss nicht Sie! Ich fand hier einen Brief

Von meinem Gatten vor; den musst' ich lesen.«

›Der schlimmen Inhalts?‹ »Ja – es ging mir tief.Ich will davon ein ander Mal erzählen,Wenn ich den Schmerz ein wenig erst verschlief.«

›Der schlimmen Inhalts?‹ »Ja – es ging mir tief.

Ich will davon ein ander Mal erzählen,

Wenn ich den Schmerz ein wenig erst verschlief.«

›Warum nicht gleich?‹ »Sie haben recht; mich quälenJa die Gedanken selber immerfort –Was soll ich meinem Freunde sie verhehlen!

›Warum nicht gleich?‹ »Sie haben recht; mich quälen

Ja die Gedanken selber immerfort –

Was soll ich meinem Freunde sie verhehlen!

Doch mach ich's kurz; man weiss aus kargem WortSich die Geschichte selber schon zu runden,Und weilt nicht gerne lang an ödem Ort.

Doch mach ich's kurz; man weiss aus kargem Wort

Sich die Geschichte selber schon zu runden,

Und weilt nicht gerne lang an ödem Ort.

Nicht wahr, Sie haben längst recht gut empfunden,Was zu verbergen ich bemüht noch war,Dass ich an … ungeliebten Mann gebunden.Ich war ein Kind, kaum sechszehn, siebzehn Jahr,Sie wissen, wie das geht, und wie sie sagen,Der Mann ist gut und reich und liebt dich wahr.Das hört man gern und glaubt's. Mit tausend FragenAuf Herz und Lippen tritt man ihm entgegen –Doch ach! nicht einer hört man Antwort sagen!Ich habe lang gesucht – auf manchen Wegen,Umsonst! sein armes Herz blieb kalt und Stein.Da fühlt' ich Eis sich auch um meines legen.Nur einmal noch kam flücht'ger Sonnenschein,Ganz hell, ganz nah; er ist nicht lang geblieben –Mein Kindchen starb. Nun war ich ganz allein.Und seit dem Tage hab ich all mein LiebenIm tiefsten Grund des Herzens eingesargt,Und niemals hat es Blüten mehr getrieben.

Nicht wahr, Sie haben längst recht gut empfunden,Was zu verbergen ich bemüht noch war,Dass ich an … ungeliebten Mann gebunden.

Nicht wahr, Sie haben längst recht gut empfunden,

Was zu verbergen ich bemüht noch war,

Dass ich an … ungeliebten Mann gebunden.

Ich war ein Kind, kaum sechszehn, siebzehn Jahr,Sie wissen, wie das geht, und wie sie sagen,Der Mann ist gut und reich und liebt dich wahr.

Ich war ein Kind, kaum sechszehn, siebzehn Jahr,

Sie wissen, wie das geht, und wie sie sagen,

Der Mann ist gut und reich und liebt dich wahr.

Das hört man gern und glaubt's. Mit tausend FragenAuf Herz und Lippen tritt man ihm entgegen –Doch ach! nicht einer hört man Antwort sagen!

Das hört man gern und glaubt's. Mit tausend Fragen

Auf Herz und Lippen tritt man ihm entgegen –

Doch ach! nicht einer hört man Antwort sagen!

Ich habe lang gesucht – auf manchen Wegen,Umsonst! sein armes Herz blieb kalt und Stein.Da fühlt' ich Eis sich auch um meines legen.

Ich habe lang gesucht – auf manchen Wegen,

Umsonst! sein armes Herz blieb kalt und Stein.

Da fühlt' ich Eis sich auch um meines legen.

Nur einmal noch kam flücht'ger Sonnenschein,Ganz hell, ganz nah; er ist nicht lang geblieben –Mein Kindchen starb. Nun war ich ganz allein.

Nur einmal noch kam flücht'ger Sonnenschein,

Ganz hell, ganz nah; er ist nicht lang geblieben –

Mein Kindchen starb. Nun war ich ganz allein.

Und seit dem Tage hab ich all mein LiebenIm tiefsten Grund des Herzens eingesargt,Und niemals hat es Blüten mehr getrieben.

Und seit dem Tage hab ich all mein Lieben

Im tiefsten Grund des Herzens eingesargt,

Und niemals hat es Blüten mehr getrieben.

Nicht wahr –? Das Schicksal hat bei mir gekargt,Mehr als bei andern wohl. Und ich gestehe,Ich hab es manche Stunde ihm verargt,Hab ihm gegrollt, dass es aus meiner NäheSo jeden kleinsten Strahl des Glückes bannte,Der sonst uns wohl versöhnt mit unserm Wehe!Nun, man verlernt auch das!« Sie schwieg und sandteGeheimen Seufzer ihren Worten nach,Der mehr als diese all ihr Leid bekannte.Es dunkelte im Zimmer allgemach,Kaum konnt' ich die geliebten Züge sehenUnd ihre Augen finden, als sie sprach.Da fühlt' ich in Minuten Stunden gehenUnd tausend Fragen drängten sich heran –Sie aber schien mein Schweigen zu verstehen.»Nicht wahr, Sie fragen,« hob sie wieder an,»Warum ich nicht schon längst die Fesseln sprengte,Am besten damals gleich, als es begann?

Nicht wahr –? Das Schicksal hat bei mir gekargt,Mehr als bei andern wohl. Und ich gestehe,Ich hab es manche Stunde ihm verargt,

Nicht wahr –? Das Schicksal hat bei mir gekargt,

Mehr als bei andern wohl. Und ich gestehe,

Ich hab es manche Stunde ihm verargt,

Hab ihm gegrollt, dass es aus meiner NäheSo jeden kleinsten Strahl des Glückes bannte,Der sonst uns wohl versöhnt mit unserm Wehe!

Hab ihm gegrollt, dass es aus meiner Nähe

So jeden kleinsten Strahl des Glückes bannte,

Der sonst uns wohl versöhnt mit unserm Wehe!

Nun, man verlernt auch das!« Sie schwieg und sandteGeheimen Seufzer ihren Worten nach,Der mehr als diese all ihr Leid bekannte.

Nun, man verlernt auch das!« Sie schwieg und sandte

Geheimen Seufzer ihren Worten nach,

Der mehr als diese all ihr Leid bekannte.

Es dunkelte im Zimmer allgemach,Kaum konnt' ich die geliebten Züge sehenUnd ihre Augen finden, als sie sprach.

Es dunkelte im Zimmer allgemach,

Kaum konnt' ich die geliebten Züge sehen

Und ihre Augen finden, als sie sprach.

Da fühlt' ich in Minuten Stunden gehenUnd tausend Fragen drängten sich heran –Sie aber schien mein Schweigen zu verstehen.

Da fühlt' ich in Minuten Stunden gehen

Und tausend Fragen drängten sich heran –

Sie aber schien mein Schweigen zu verstehen.

»Nicht wahr, Sie fragen,« hob sie wieder an,»Warum ich nicht schon längst die Fesseln sprengte,Am besten damals gleich, als es begann?

»Nicht wahr, Sie fragen,« hob sie wieder an,

»Warum ich nicht schon längst die Fesseln sprengte,

Am besten damals gleich, als es begann?

Ich hab's versucht – allein umsonst! Er schenkteMir nicht Erhörung, und so ist's geblieben;Nur dass sich tiefer noch der Schleier senkte,Der mich umnachtet. Ohne ihn zu lieben,Kann ich ihn doch, Gott sei's geklagt, nicht hassen.Noch neulich hab ich alles ihm geschrieben –Er schreibt zurück: er könne mich nicht fassen –Er würde gern für mich das letzte tun,Nur eines nie – von mir sich scheiden lassen.Und so gekettet schlepp' ich seufzend nunMein Leben hin – es soll nicht anders sein.Oft sehn' ich mich, für immer auszuruhn –Man wird so müd! Am liebsten schlief ich ein!«

Ich hab's versucht – allein umsonst! Er schenkteMir nicht Erhörung, und so ist's geblieben;Nur dass sich tiefer noch der Schleier senkte,

Ich hab's versucht – allein umsonst! Er schenkte

Mir nicht Erhörung, und so ist's geblieben;

Nur dass sich tiefer noch der Schleier senkte,

Der mich umnachtet. Ohne ihn zu lieben,Kann ich ihn doch, Gott sei's geklagt, nicht hassen.Noch neulich hab ich alles ihm geschrieben –

Der mich umnachtet. Ohne ihn zu lieben,

Kann ich ihn doch, Gott sei's geklagt, nicht hassen.

Noch neulich hab ich alles ihm geschrieben –

Er schreibt zurück: er könne mich nicht fassen –Er würde gern für mich das letzte tun,Nur eines nie – von mir sich scheiden lassen.

Er schreibt zurück: er könne mich nicht fassen –

Er würde gern für mich das letzte tun,

Nur eines nie – von mir sich scheiden lassen.

Und so gekettet schlepp' ich seufzend nunMein Leben hin – es soll nicht anders sein.Oft sehn' ich mich, für immer auszuruhn –

Und so gekettet schlepp' ich seufzend nun

Mein Leben hin – es soll nicht anders sein.

Oft sehn' ich mich, für immer auszuruhn –

Man wird so müd! Am liebsten schlief ich ein!«

Man wird so müd! Am liebsten schlief ich ein!«


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