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»Mein süsser Freund, seit du mit mir allein,Hast du zwar viel gelernt, doch eins noch nicht,So recht von Grund des Herzens wahr zu sein.Die Wahrheit, mein' ich, die nicht nur so spricht,Wie sie empfindet, sondern der GeschehenErst ganz Erfüllung ist, und Handeln Pflicht.Wie ich das meine, wirst du schwer verstehen.Du bist zu anders, als ich selbst. Du wagstDen Dingen niemals klar ins Aug zu sehen;Du liebst es allem, was du tust und sagst,Ein Mäntelchen, ein farb'ges, umzuhängen,In dessen Putz du dich recht wohl behagst.Ein andrer suchte darauf hinzudrängen,Dass, was ihn ganz erfüllt mit inn'rer Wahrheit,Nach aussen wahr auch werde; ihn beengenDes Zwiespalts Fesseln und er ringt nach Klarheit.Du liebst es in der Dämmerung zu bleiben,Fühlst nicht die Fesseln. Liebenswürd'ge StarrheitLässt deine Hände ruhn. Dem andern schreibenGefühl und Herz die eignen Taten vor –Du lässt dein Herz erst vom Gescheh'nen treiben.Ich seh, du leihst nur ungern mir dein Ohr,Nicht wahr, zürnst mir sogar? Ich hab's gedacht.Doch – glaube mir, ich werfe dir nichts vor!Du hast dich ja nicht selber so gemacht,Wie du nun bist.« – ›Und wie denn bin ich wohl?‹»Ein Kind, das einen Apfel stahl und lacht.Es sah an Nachbars Baum die Zweige vollUnd brach sich einen ab; fragt nicht erst langeNach wie? woher? und was nun werden soll –Es lacht, geniesst die Stunde und die Schlange,Die hinterm Busche lauert, ahnt es nicht,Eh' man sie ihm gezeigt. Dann wird ihm bange,Es schlägt sich schnell die Hände vors GesichtUnd sagt: ich mag nicht sehn! – Sich so betrügenIst klug vielleicht – alleindieKunst gebrichtMir ganz und gar; ich will mich nicht belügen.« –›So bitte, sprich, was kann ich, soll ich nun?Wo fang ich an? Wie mag ich dir genügen?‹»Nichts! gar nichts sollst du! kannst auch gar nichts tun,Jetzt ist es schon zu spät! Drum lass und komm,Ich sehne mich in deinem Arm zu ruhn,So bin ich wieder stille, gut und fromm,Wie du mich wünschst! Verzeih, dass BitterkeitMich plötzlich so erfasst. Ein Funke glommNoch in der Asche! Doch – ich bin befreit!«
»Mein süsser Freund, seit du mit mir allein,Hast du zwar viel gelernt, doch eins noch nicht,So recht von Grund des Herzens wahr zu sein.Die Wahrheit, mein' ich, die nicht nur so spricht,Wie sie empfindet, sondern der GeschehenErst ganz Erfüllung ist, und Handeln Pflicht.Wie ich das meine, wirst du schwer verstehen.Du bist zu anders, als ich selbst. Du wagstDen Dingen niemals klar ins Aug zu sehen;Du liebst es allem, was du tust und sagst,Ein Mäntelchen, ein farb'ges, umzuhängen,In dessen Putz du dich recht wohl behagst.Ein andrer suchte darauf hinzudrängen,Dass, was ihn ganz erfüllt mit inn'rer Wahrheit,Nach aussen wahr auch werde; ihn beengenDes Zwiespalts Fesseln und er ringt nach Klarheit.Du liebst es in der Dämmerung zu bleiben,Fühlst nicht die Fesseln. Liebenswürd'ge Starrheit
»Mein süsser Freund, seit du mit mir allein,Hast du zwar viel gelernt, doch eins noch nicht,So recht von Grund des Herzens wahr zu sein.
»Mein süsser Freund, seit du mit mir allein,
Hast du zwar viel gelernt, doch eins noch nicht,
So recht von Grund des Herzens wahr zu sein.
Die Wahrheit, mein' ich, die nicht nur so spricht,Wie sie empfindet, sondern der GeschehenErst ganz Erfüllung ist, und Handeln Pflicht.
Die Wahrheit, mein' ich, die nicht nur so spricht,
Wie sie empfindet, sondern der Geschehen
Erst ganz Erfüllung ist, und Handeln Pflicht.
Wie ich das meine, wirst du schwer verstehen.Du bist zu anders, als ich selbst. Du wagstDen Dingen niemals klar ins Aug zu sehen;
Wie ich das meine, wirst du schwer verstehen.
Du bist zu anders, als ich selbst. Du wagst
Den Dingen niemals klar ins Aug zu sehen;
Du liebst es allem, was du tust und sagst,Ein Mäntelchen, ein farb'ges, umzuhängen,In dessen Putz du dich recht wohl behagst.
Du liebst es allem, was du tust und sagst,
Ein Mäntelchen, ein farb'ges, umzuhängen,
In dessen Putz du dich recht wohl behagst.
Ein andrer suchte darauf hinzudrängen,Dass, was ihn ganz erfüllt mit inn'rer Wahrheit,Nach aussen wahr auch werde; ihn beengen
Ein andrer suchte darauf hinzudrängen,
Dass, was ihn ganz erfüllt mit inn'rer Wahrheit,
Nach aussen wahr auch werde; ihn beengen
Des Zwiespalts Fesseln und er ringt nach Klarheit.Du liebst es in der Dämmerung zu bleiben,Fühlst nicht die Fesseln. Liebenswürd'ge Starrheit
Des Zwiespalts Fesseln und er ringt nach Klarheit.
Du liebst es in der Dämmerung zu bleiben,
Fühlst nicht die Fesseln. Liebenswürd'ge Starrheit
Lässt deine Hände ruhn. Dem andern schreibenGefühl und Herz die eignen Taten vor –Du lässt dein Herz erst vom Gescheh'nen treiben.Ich seh, du leihst nur ungern mir dein Ohr,Nicht wahr, zürnst mir sogar? Ich hab's gedacht.Doch – glaube mir, ich werfe dir nichts vor!Du hast dich ja nicht selber so gemacht,Wie du nun bist.« – ›Und wie denn bin ich wohl?‹»Ein Kind, das einen Apfel stahl und lacht.Es sah an Nachbars Baum die Zweige vollUnd brach sich einen ab; fragt nicht erst langeNach wie? woher? und was nun werden soll –Es lacht, geniesst die Stunde und die Schlange,Die hinterm Busche lauert, ahnt es nicht,Eh' man sie ihm gezeigt. Dann wird ihm bange,Es schlägt sich schnell die Hände vors GesichtUnd sagt: ich mag nicht sehn! – Sich so betrügenIst klug vielleicht – alleindieKunst gebricht
Lässt deine Hände ruhn. Dem andern schreibenGefühl und Herz die eignen Taten vor –Du lässt dein Herz erst vom Gescheh'nen treiben.
Lässt deine Hände ruhn. Dem andern schreiben
Gefühl und Herz die eignen Taten vor –
Du lässt dein Herz erst vom Gescheh'nen treiben.
Ich seh, du leihst nur ungern mir dein Ohr,Nicht wahr, zürnst mir sogar? Ich hab's gedacht.Doch – glaube mir, ich werfe dir nichts vor!
Ich seh, du leihst nur ungern mir dein Ohr,
Nicht wahr, zürnst mir sogar? Ich hab's gedacht.
Doch – glaube mir, ich werfe dir nichts vor!
Du hast dich ja nicht selber so gemacht,Wie du nun bist.« – ›Und wie denn bin ich wohl?‹»Ein Kind, das einen Apfel stahl und lacht.
Du hast dich ja nicht selber so gemacht,
Wie du nun bist.« – ›Und wie denn bin ich wohl?‹
»Ein Kind, das einen Apfel stahl und lacht.
Es sah an Nachbars Baum die Zweige vollUnd brach sich einen ab; fragt nicht erst langeNach wie? woher? und was nun werden soll –
Es sah an Nachbars Baum die Zweige voll
Und brach sich einen ab; fragt nicht erst lange
Nach wie? woher? und was nun werden soll –
Es lacht, geniesst die Stunde und die Schlange,Die hinterm Busche lauert, ahnt es nicht,Eh' man sie ihm gezeigt. Dann wird ihm bange,
Es lacht, geniesst die Stunde und die Schlange,
Die hinterm Busche lauert, ahnt es nicht,
Eh' man sie ihm gezeigt. Dann wird ihm bange,
Es schlägt sich schnell die Hände vors GesichtUnd sagt: ich mag nicht sehn! – Sich so betrügenIst klug vielleicht – alleindieKunst gebricht
Es schlägt sich schnell die Hände vors Gesicht
Und sagt: ich mag nicht sehn! – Sich so betrügen
Ist klug vielleicht – alleindieKunst gebricht
Mir ganz und gar; ich will mich nicht belügen.« –›So bitte, sprich, was kann ich, soll ich nun?Wo fang ich an? Wie mag ich dir genügen?‹»Nichts! gar nichts sollst du! kannst auch gar nichts tun,Jetzt ist es schon zu spät! Drum lass und komm,Ich sehne mich in deinem Arm zu ruhn,So bin ich wieder stille, gut und fromm,Wie du mich wünschst! Verzeih, dass BitterkeitMich plötzlich so erfasst. Ein Funke glommNoch in der Asche! Doch – ich bin befreit!«
Mir ganz und gar; ich will mich nicht belügen.« –›So bitte, sprich, was kann ich, soll ich nun?Wo fang ich an? Wie mag ich dir genügen?‹
Mir ganz und gar; ich will mich nicht belügen.« –
›So bitte, sprich, was kann ich, soll ich nun?
Wo fang ich an? Wie mag ich dir genügen?‹
»Nichts! gar nichts sollst du! kannst auch gar nichts tun,Jetzt ist es schon zu spät! Drum lass und komm,Ich sehne mich in deinem Arm zu ruhn,
»Nichts! gar nichts sollst du! kannst auch gar nichts tun,
Jetzt ist es schon zu spät! Drum lass und komm,
Ich sehne mich in deinem Arm zu ruhn,
So bin ich wieder stille, gut und fromm,Wie du mich wünschst! Verzeih, dass BitterkeitMich plötzlich so erfasst. Ein Funke glomm
So bin ich wieder stille, gut und fromm,
Wie du mich wünschst! Verzeih, dass Bitterkeit
Mich plötzlich so erfasst. Ein Funke glomm
Noch in der Asche! Doch – ich bin befreit!«
Noch in der Asche! Doch – ich bin befreit!«