Im Kampf mit den Würmern.
Im Kampf mit den Würmern.
„Aber die Veränderlichkeit der beobachteten Gebilde erklären sie nicht,“ wandte Schultze ein.
„Vielleicht finden wir auch dafür noch eine Lösung,“ meinte Heinz.
„Die Marsluft ist übrigens ganz herrlich,“ rühmte der Kapitän tiefatmend: „Ich schlage vor, daß wir hier einen Luftkurort und eine Sommerfrische gründen: ausgezeichnete Geschäfte werden wir damit machen.“
Mietje erhub nun die Frage: „Wie lange wird die Nacht hier dauern.“
„Nicht viel länger als eine gewöhnliche Erdennacht,“ belehrte sie Schultze: „Der Mars dreht sich um seine Achse in 24 Stunden, 37 Minuten und 22½ Sekunden. Dagegen sind die Jahreszeiten dahier verhältnismäßig lang: ein Marsjahr hat 668 Marstage, was etwa 682 Erdentagen entspricht. Auf der nördlichen Halbkugel, auf der wir uns befinden, hat der Frühling 191, der Sommer 181, der Herbst 149, der Winter 117 Marstage; auf der südlichen Halbkugel sind Frühling und Sommer viel kürzer, nämlich 149 und 147 Tage, aber auch viel heißer, weil der Planet in dieser Zeit der Sonne am nächsten kommt; der Herbst und Winter mit 191 und 181 Tagen sind dagegen dort um so kälter, da sie mit der Sonnenferne des Mars zusammenfallen.“
Nach eingenommenem Mahl wurden die Nachtwachen verteilt, und dann begab man sich zur Ruhe.
Heinz hatte die zweite Nachtwache.
Ihm war etwas unheimlich zumut auf diesem fremden Weltkörper, der völlig neue und unbekannte Gefahren bergen mochte. Eigentliche Angst hatte der junge Mann zwar nicht, dazu besaß er zuviel persönlichen Mut, verbunden mit körperlicher und geistiger Gesundheit; aber eines eigentümlichen, beklemmenden Gefühls konnte er sich nicht erwehren.
Das Lager befand sich auf einem breiten Hügelrücken, auf dem die Sannah gelandet war und der sich ins Unendliche zu erstrecken schien. Ebenso unendlich hatte bei Tageslicht der Sumpf ausgesehen, der die etwa 200 Kilometer breite Vertiefung zwischen dieser und der nächsten Hügelkette ausfüllte.
Und diese sumpfige Niederung schien bei Nacht in unheimliche Lebendigkeit zu geraten.
Bestimmte Laute konnte der junge Wächter nicht vernehmen, wohl aber ein dumpfes Gemeng von Tönen, als ob da Tausende von Geschöpfen raschelten und plätscherten.
Unwillkürlich kamen dem Aufhorchenden die unsterblichen Verse aus Schillers Taucher in den Sinn:
„Da unten aber ist’s fürchterlich,Und der Mensch versuche die Götter nichtUnd begehre nimmer und nimmer zu schauen,Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.“
„Da unten aber ist’s fürchterlich,Und der Mensch versuche die Götter nichtUnd begehre nimmer und nimmer zu schauen,Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.“
„Da unten aber ist’s fürchterlich,Und der Mensch versuche die Götter nichtUnd begehre nimmer und nimmer zu schauen,Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.“
„Da unten aber ist’s fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.“
Und weiter:
„Das Auge mit Schaudern hinunter sah,Wie’s von Salamandern und Molchen und DrachenSich regt’ in dem furchtbaren Höllenrachen.Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,Zu scheußlichen Klumpen geballt,Der stachlichte Roche, der Klippenfisch,Des Hammers greuliche Ungestalt.— — — — — — — — — — — — — — —Und schaudernd dacht’ ich’s, — da kroch’s heran,Regte hundert Gelenke zugleich ...
„Das Auge mit Schaudern hinunter sah,Wie’s von Salamandern und Molchen und DrachenSich regt’ in dem furchtbaren Höllenrachen.Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,Zu scheußlichen Klumpen geballt,Der stachlichte Roche, der Klippenfisch,Des Hammers greuliche Ungestalt.— — — — — — — — — — — — — — —Und schaudernd dacht’ ich’s, — da kroch’s heran,Regte hundert Gelenke zugleich ...
„Das Auge mit Schaudern hinunter sah,Wie’s von Salamandern und Molchen und DrachenSich regt’ in dem furchtbaren Höllenrachen.Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,Zu scheußlichen Klumpen geballt,Der stachlichte Roche, der Klippenfisch,Des Hammers greuliche Ungestalt.— — — — — — — — — — — — — — —Und schaudernd dacht’ ich’s, — da kroch’s heran,Regte hundert Gelenke zugleich ...
„Das Auge mit Schaudern hinunter sah,
Wie’s von Salamandern und Molchen und Drachen
Sich regt’ in dem furchtbaren Höllenrachen.
Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,
Zu scheußlichen Klumpen geballt,
Der stachlichte Roche, der Klippenfisch,
Des Hammers greuliche Ungestalt.
— — — — — — — — — — — — — — —
Und schaudernd dacht’ ich’s, — da kroch’s heran,
Regte hundert Gelenke zugleich ...
Soweit war Heinz in seinen Gedanken gekommen, da kroch wirklich etwas heran. Es schien eine Schlange zu sein, an und für sich kein besonders großes Tier, etwa armsdick und ungefähr drei Meter lang; aber als der Schein des Feuers den glatten, feuchten, rötlichen Leib erleuchtete, kam es dem Jüngling doch wie ein grauenerregendes Ungeheuer vor; denn es glich einem Regenwurm, und für einen solchen war seine Größe doch geradezu riesenhaft.
Der spitz zulaufende Kopf zeigte zwei äußerst kleine, blasse Augen, die kaum als solche zu erkennen waren; der Mund glich nur einem runden Loch und schien zum Saugen und nicht zum Beißen bestimmt.
Der widerliche Wurm kroch geradenwegs auf Heinz zu und kümmerte sich nicht um das Feuer. Hinter ihm tauchte ein zweiter auf und dann ein dritter, — ja der ganze Abhang schien sich zu beleben: in Scharen rückte das Gewürm an, als habe der Sumpf seine Heere ausgesandt, die unberufenen Eindringlinge auf dem Mars zu vernichten.
Zunächst sandte Heinz dem vordersten Wurm eine Explosionskugel in den Leib, die ihm jedoch nur eine kleine Wunde beibrachte, da sie in der weichen Masse auf keinen Widerstand traf und daher überhaupt nicht zum Platzen kam.
Der Wurm krümmte und wand sich, schnellte dann aber plötzlich vor und ringelte sich um des Schützen Fuß, in raschen Windungen an ihm hinaufkriechend.
Von Schauer und Ekel erfaßt, griff der junge Mann nach seinem Dolchmesser und bearbeitete das Tier mit Stichen und Schnitten; allein er sah sich auf einmal von allen Seiten angegriffen: da erhob sich ein schlüpfriges Haupt, dort ein zweites und drittes; und sie wanden sich an ihm empor,all diese unheimlichen Geschöpfe und so viel Köpfe er abschnitt, seine eigenen Kleider in der Eile der Abwehr zerfetzend, die Zahl war zu groß, er konnte nicht mit ihnen fertig werden!
Ein stechender Schmerz im Nacken ließ ihn nach hinten greifen: er berührte den kalten schleimigen Leib eines der Würmer, der sich dort festgesogen hatte und ihm das Blut aussaugte; und schon hing ein andrer der gräßlichen Köpfe an seiner Wange.
Heinz warf sich zu Boden und wälzte sich wie wahnsinnig umher; aber er kam nicht los: nur immer neue schlüpfrige Ringe spürte er sich um seine Glieder ziehen.
Flitmore war durch den Schuß geweckt worden und trat aus seinem Zelt. Mit lautem Hallo weckte er die Genossen und stürzte sich selber mit dem Messer auf das überall sich ringelnde Gewürm; denn mit dem Gewehr war hier nichts anzufangen, das sah er gleich.
Es gelang dem Lord, den jungen Freund frei zu machen; aber er selber war bereits von einigen der Würmer umschlungen und auch Heinz wurde alsbald wieder angefallen.
Laut kreischend stürzte Mietje aus ihrem Zelt: die widerlichen Sumpftiere waren dort eingedrungen und eines davon hing an ihrem weißen Arm.
Aber wie sah es hier draußen aus! Sie schauderte, denn überall trat ihr Fuß auf ähnliche ekelhafte Geschöpfe, die sich krümmten und an ihr emporwanden.
Inzwischen war auch Schultze auf dem Plan aufgetaucht. Die wimmelnden und sich bäumenden Geschöpfe, die den Boden bedeckten, erregten zunächst sein wissenschaftliches Interesse.
„Das sind ja Ringelwürmer von fabelhafter Größe“, rief er aus: „Lumbriciden oder Regenwürmer, nichts andres! Wirklich kolossale Geschöpfe! Aber eigentlich nichts Auffallendes: gab es Schalentiere, Schneckenarten von riesenhaften Formen, warum nicht auch Nacktschnecken und Würmer? Ich vermute sogar, daß ähnliche Geschöpfe zur Zeit der Ammoniten auch die Erde bevölkerten; Spuren ihres Daseins konnten sie natürlich nicht hinterlassen, da sie knochenlose Weichtiere sind.“
„Helfen Sie uns lieber, Professor“, keuchte Heinz: „Später wollen wir dann meinetwegen eine wissenschaftliche Unterhaltung über diese Höllenbrut beginnen, falls wir mit heiler Haut davonkommen.“
„Sie haben recht“, sagte Schultze: „das scheinen ja in der Tat ganz verflixte Kumpane zu sein: sie gehen ja geradewegs auf mich los! Aber meine Hochachtung, junger Freund! Sie kämpfen wahrhaftig nach Schwabenart. Bravo! Das war wieder ein Schwabenstreich!“
„Der wackre Schwabe forcht sich nit!“ zitierte Münchhausen, der nun ebenfalls, gleichzeitig mit John, auf der Bildfläche auftauchte: „Zur Rechten sieht man, wie zur Linken, einen halben Türken hinuntersinken.“
Heinz hatte wirklich mit einem wohlgezielten Hieb den Leib eines Ringelwurms in der Mitte durchgetrennt, so daß das Zitat gut paßte.
„Wenn nur die andern kalter Graus packte“, meinte der junge Held, der sich am Ende seiner Kräfte fühlte: „Aber da hat es gute Wege!“
„Hu, hu! Mich packt der kalte Graus!“ schrie Münchhausen, dem sich eines der Tiere um den Hals schlang. Er riß es los und schleuderte es zu Boden, um es mit der Wucht seiner breiten Füße zu Brei zu zertreten.
Der Professor und der Diener waren bereits in den wütendsten Kampf verwickelt: sie hieben wie rasend mit den Messern um sich; allein der Sumpf mußte Tausende dieser Ungeheuer beherbergen und alle just auf den Lagerplatz der Unseligen loslassen; der Kampf schien aussichtslos.
Was waren diese Geschöpfe? Weichtiere, die ein Fußtritt, ein Dolchhieb unschädlich machte! Sie besaßen keine Tatzen, keine Krallen, kein Gebiß; sie waren nicht gefährlicher als Blutegel: aber ihre unerschöpfliche Zahl machte sie unüberwindlich, und unsre Freunde sahen ein gräßliches Ende vor Augen. Viel lieber hätten sie mit den wildesten Raubtieren, mit Löwen, Tigern, mit einem Rudel Elefanten oder einer Büffelherde gekämpft.
Die Schimpansen Dick und Bobs hausten mörderisch unter den Angreifern: sie schienen rasend vor Wut. Sie warfen sich auf den Boden und würgten, zerrissen mit vier Händen zugleich, während sie gleichzeitig mit ihrem scharfen Gebiß Dutzende der Lumbriciden unschädlich machten.
Aber was half’s? Immer neue Scharen rückten an!
Münchhausen, der sich ohnehin nur schwerfällig bewegen und nicht leicht bücken konnte, hatte sofort erkannt, daß seine wirksamste Waffe in seinem kolossalen Körpergewicht bestand.
Er führte einen wahren Indianertanz auf, sprang so hoch er nur immer konnte und zerquetschte unter seinen gewaltigen Fußsohlen alles zu Brei, was sich unter ihm regte.
Es wäre ein Anblick zum Totlachen gewesen, wie der dicke Kapitän umherhopste, als wolle er sich zur Ballettänzerin ausbilden, wenn nicht das Gefährliche der Lage alle Lust zur Heiterkeit erstickt hätte.
Münchhausen floß der Schweiß in Strömen herab, und doch war sein Gehüpfe umsonst: auch er fühlte sich umringelt und umwunden, und nun glitt er gar auf dem gar zu schlüpfrig gewordenen Boden aus, fiel hin und rollte mitten unter das blutdürstige Ungeziefer, nicht ohne eine ganze Anzahl davon plattzudrücken.
Die Kämpfenden, die alle mehr oder weniger Blut lassen mußten, waren erschöpft, und noch immer kroch es in dichten Massen den Abhang herauf. Wenn sie sich nur zu der Strickleiter hätten flüchten und in dem Weltschiff bergen können! Aber sie hatten ihr Lager wohl hundert Meter weit davon aufgeschlagen und zwischen ihnen und der Sannah wimmelte es von dichten schwarzen Massen, die sich über einander zu türmen schienen.
Da erschollen schrille, heißere Schreie in der Luft; dann dumpfe Flügelschläge, und gespenstisch rauschten mächtige schwarze Gestalten herab.
Im Schein des immer noch hochaufflackernden Feuers ließen sich einige dieser neuen Geschöpfe, die sich in dessen Nähe niedergelassen hatten, erkennen.
Sie boten keinen ermutigenden Anblick, vielmehr erschienen sie selber als schreckliche Ungeheuer: es waren Vögel, die nichts Vogelähnliches hatten als die ungeheuren Fledermausflügel. Am ehesten erinnerten sie an den Pterodaktylus der irdischen Urzeit; ein plumper Kopf mit tiefeingeschnittenem Rachen und scharfen Zähnen gab ihnen Ähnlichkeit mit diesem erstaunlichen Vogel. Ihre Größe übertraf die des Adlers um das Doppelte; das Merkwürdigste jedoch war, daß sie vier Füße besaßen, die mit gewaltigen Krallen bewehrt waren.
So unheimlich und gefährlich diese Vögel aussahen, wenn man sie überhaupt als Vögel bezeichnen konnte, so erschienen sie doch als Retter in höchster Not; denn sie räumten mit fabelhafter Gewandtheit und Mordgier unter den Ringelwürmern auf und kamen in solchen Scharen, daß sie sich auch der wimmelnden Mengen gewachsen zeigten.
Sie ließen sich namentlich am Rande des Hügels nieder und packten mit ihren Krallen und Zähnen alles, was da heraufkriechen wollte. Und nun, da keine neuen Nachschübe kamen, nahm die Zahl der Angreifer auf der Höhe sichtlich ab und mit neuem Mut ließen unsre Freunde wieder ihre Messer arbeiten.
Endlich erhob kein Wurm mehr sein drohendes Haupt, wenn auch die verstümmelten Leiber am Boden sich ringelten und wanden, zuckten und schnellten, als ob sie überhaupt nicht völlig tot zu kriegen seien.
Schultze eilte auf Münchhausen zu, der immer noch auf dem Boden umherrollte und nicht auf die Beine kommen konnte. Und jetzt, da die Gefahr beseitigt schien, lachte der Professor aus vollem Halse über den erheiternden Anblick: Da wälzte sich der runde Kapitän wie eine Tonne auf stürmischer See; an seinem Haupte hingen zwei Würmer gleich Schmachtlocken zu beiden Seiten herab und um seinen Hals wand sich ein allerdings geköpftes Tier wie ein dickes Halstuch.
Trotz seiner Heiterkeit beeilte sich Schultze doch, den dicken Freund von seinen Peinigern zu befreien und ihm mit Unterstützung des inzwischen ebenfalls herbeigeeilten Heinz auf die Beine zu helfen.
Dann ging es an das Verpflastern und Verbinden der Wunden, die merkwürdigerweise nur äußerst klein waren. Alle hatten mehr oder weniger Blut hergeben müssen, Münchhausen aber war entschieden am stärksten angezapft worden.
„Tut nichts!“ meinte er humorvoll: „Ich habe Vorrat und die Biester haben bei mir mehr Fett als Blut geholt, wie ich vermute; das kann mir bloß gut tun. Ich fühle mich geradezu erfrischt und erleichtert.“
„Aber einen Tanz haben Sie aufgeführt, Kapitän“, lachte Schultze: „Ich sage Ihnen, eine ägyptische Bauchtänzerin ist nichts dagegen.“
„Kunststück!“ sagte Münchhausen: „Wo hat eine ägyptische Tänzerin auch solch stattlichen Bauch?“
John übernahm die Wache, während sich die andern wieder zur Ruhe niederlegten.
Am Morgen wurden zunächst die Zelte wieder ins Weltschiff gebracht; denn ein zweitesmal auf dem Mars im Freien zu nächtigen, dazu verspürte niemand mehr Lust.
Das Frühstück wurde in der Nähe der Sannah eingenommen fern von den immer noch zuckenden Leibern der erlegten Lumbriciden auf dem nächtlichen Schlachtfeld.
„Ich schlage eine Entdeckungsreise auf dem Mars vor“, begann Schultze, als der Imbiß vertilgt war.
Alle waren damit einverstanden.
„John“, sagte Flitmore, „du bleibst als Wache zurück; man weiß ja nicht, was hier vorkommt. Am besten begibst du dich auf die oberste Plattform, wo du nach allen Seiten hin weite Ausschau halten kannst. Erblickst du etwas Verdächtiges, so läßt du die große Sirene ertönen.“
Als Rieger sich mit der pneumatisch betriebenen Sirene auf der Höhe der Kugel befand, marschierte die kleine Gesellschaft ab; Bobs wurde mitgenommen, während Dick dem Wächter Gesellschaft leistete.
Drunten im Sumpf sah man nichts von den widerlichen Geschöpfen, die er beherbergte; aber an den Bewegungen der Pflanzendecke konnte man deutlich erkennen, daß der Morast von gelenkigen Bewohnern wimmelte.
Inzwischen ging man auf dem Höhenrücken einem nahen Walde zu, der aus niedrigen, rotbelaubten Bäumen bestand.
Diese Bäume erweckten besonders Schultzes lebhaftes Interesse, denn sie zeigten ganz eigentümliche Formen. Die meisten hatten weder Äste noch Zweige; die großen Blätter entsproßten an langen, dicken Stielen direkt dem Stamm, der sich an der Spitze in ein Bündel solcher beblätterter Stiele auflöste.
Die Blätter waren meist rund und tellergroß, andre kleeblattförmig, aus drei vereinigten Rundscheiben bestehend; wieder andre zeigten dreieckige, viereckige und mehreckige Bildung, boten also einen Anblick, der Erdbewohnern völlig neu und ungewohnt war.
Ein dreibeiniges Tier.
Ein dreibeiniges Tier.
Einzelne Baumarten, die reich verästelt waren, hatten Doppelblätter, die sich gleich Austernschalen auf- und zuklappten und offenbar den Insektenfang betrieben.
Übrigens war von Insekten nur wenig zu sehen: einige merkwürdige Mücken, durchsichtig wie Glas, und Käfer ohne Beine, die fliegenden Raupen und fliegenden Würmern glichen und sich am Boden und an den Bäumenauch gleich solchen fortbewegten, ja geflügelte Schnecken, die einen bläulichen Schleim aussonderten, zweibeinige Ameisen und Spinnen, das waren die Wunder, die Schultze seinen Sammlungen einverleibte.
Auch Vögel waren nur in wenigen Arten vertreten: sie hatten alle die Eigentümlichkeit, vierbeinig zu sein, ein Anblick, der den an irdische Geschöpfe gewöhnten Augen äußerst sonderbar vorkam. Dazu gesellte sich der Umstand, daß diese Vögel nicht gefiedert waren, sondern einen behaarten oder mit Schuppen bedeckten Leib hatten, der aber in wunderbaren bunten Farben von metallischem Glanze strahlte. Die Schnäbel wiesen meist ein gezahntes Gebiß auf und die Flügel bestanden vorwiegend aus fächerartig übereinandergreifenden langen und starken Schuppen oder dünnen Hornscheiben.
Als die Wanderer eine Lichtung betraten, rauschte es im Gebüsch und das erste Wild, das sie auf dem Mars erblickten, zeigte sich ihren Augen.
Es erschien ebenso seltsam wie die Insekten- und Vogelwelt. Groß war es nicht, kaum größer als ein Esel; aber es hatte ein schreckliches Gebiß, wie überhaupt der platte, lange Kopf an ein Krokodil erinnerte. Von der Mitte des Hauptes stieg ein äußerst scharfes Horn senkrecht empor und zu beiden Seiten über den Ohren ragten zwei kürzere Hörner wagrecht hervor, die Spitzen nach vorne gebogen. Das Seltsamste aber war: Dieses gefährlich aussehende Tier war dreibeinig! Es hatte zwei Vorderfüße, aber nur einen Hinterfuß am Ende des nach hinten sich birnenförmig zuspitzenden Leibes.
Späterhin wurden noch verschiedene Tierarten getroffen, alle klein, aber scharf bewehrt, und alle dreibeinig wie das zuerst geschaute.
„Da hört sich doch aber alle Wissenschaft auf!“ rief der Professor ein über das anderemal: „Vierbeinige Vögel, dreibeinige Säugetiere und zweibeinige Insekten! Das glaubt mir ja drunten auf der Erde kein Mensch, selbst wenn ich die wohlpräparierten Beweisstücke auf den Tisch der Wissenschaft niederlege!“
„So seid ihr Professoren!“ tadelte Münchhausen: „Wenn ihr so ungefähr innehabt, wie die Naturprodukte auf eurer kleinen Erde aussehen, so glaubt ihr, das ganze unendliche Weltall erschöpft zu haben und bildet euch ein, die unerschöpfliche Natur sei nie und nirgends imstande, etwas zu schaffen, das nicht aufs Haar mit dem übereinstimmt, was sie euch auf eurem weltverlorenen kleinen Sandkörnchen vor die Nase zu führen beliebt.“
Schultze bedauerte unendlich, daß er nicht den Vögeln und Insekten und Pflanzenproben, die er sich aneignete, auch ein Exemplar jeder Tiergattung beifügen konnte. Dafür gelangen dem Lord mehrere Momentaufnahmen, so daß die eigenartige Tierwelt wenigstens in getreuen photographischen Abbildungen mitgenommen werden konnte. Ein besonders merkwürdiges Säugetier, das zum Transport nicht zu schwer schien, erlegte Heinz auf des Professors Bitte mit einem wohlgezielten Schuß.
Dieses Wild hatte die Größe eines Ebers, einen schlanken, beweglichen, doch starknackigen Hals, auf dem sich hoch oben ein rundlicher, possierlicher Kopf mit einer breiten Schnauze wiegte; es war dreibeinig wie alle anderen Marssäuger und aus seinem Schädel wuchsen starke spitzige Hörner wie die Stacheln eines Igels, im ganzen 15 Stück, wie nach der Erlegung festgestellt wurde.
„Ich danke! Wenn solch ein Vieh mit gesenktem Kopf auf einen losstürmt!“ sagte Münchhausen.
„Ja, das würde Ihre geschätzte Leibeswölbung in ein Sieb verwandeln,“ lachte der Professor.
„Ich bin nur begierig, wie die Marsbewohner aussehen,“ fuhr der Kapitän fort: „Sind die Insekten hier zweibeinig, so vermute ich, daß die Menschen zum mindesten sechsbeinig sind; denn daß die Natur hier besonders mit der Zahl der Beine verblüffende Experimente macht, dürfte nach all dem Gesehenen feststehen.“
„An die Marsmenschen glaube ich nicht,“ sagte Schultze.
„Hören Sie, Professor, wasSieglauben, ist völlig belanglos, indem Sie ein Mann der Wissenschaft sind. Haben Sie etwa an vierbeinige Vögel, dreibeinige Wildsäue und zweibeinige Spinnen geglaubt, ehe Sie solche hier sahen?“
„Nee! Das freilich nicht; aber — — —“
„Nichts ‚aber‘! Wenn Sie also an keine sechsbeinigen Marsmenschen glauben, so spricht das sehr für deren Vorhandensein, und ich gedenke unter allen Umständen, wenn wir auf die Erde zurückkehren, sehr viel und sehr Unterhaltendes von diesen Marsmenschen zu erzählen, auch wenn wir keine zu sehen bekommen, und da hoffe ich, daß Sie mir nie widersprechen werden, da Sie doch nun deutlich gesehen haben, daß eben das, woran Sie nicht glauben, der Wirklichkeit entspricht.“
Inzwischen war das Ende des Waldes erreicht, der nur etwa zwei Kilometer in der Breite maß.
An dieser Stelle verband ein von der Seite her kommender Hügelwall die Anhöhen, auf denen die Wanderer marschierten, mit den parallel laufenden Hügelstreifen.
Diese quer laufende Kette war besonders breit und konnte als Hochebene bezeichnet werden; sie war aber durchaus nicht völlig eben, sondern zeigte mehrere gebirgsartige Erhebungen, die allerdings nirgends viel mehr als zwei- bis dreihundert Meter Höhe erreichen mochten.
Es wurde beschlossen, rechts abzubiegen und das nächstgelegene dieser kleinen Gebirge näher zu untersuchen.
Nach einer halbstündigen Wanderung war der Fuß der Berge erreicht. Nach einer weiteren halben Stunde die erste Anhöhe erklommen.
Der Ausblick, der sich hier unseren Freunden bot, überzeugte sie sofort, daß die Sage von den Marsmenschen keine reine Phantasie der Astronomen sein konnte; denn vor ihren Blicken öffnete sich ein Hochtal, das von einer ganzen Anzahl von Bauten erfüllt war, die zweifellos vernunftbegabten Wesen ihren Ursprung verdankten.
Auch diese Bauwerke hatten ihre auffallenden Eigentümlichkeiten: zum ersten waren sie schmal und hoch, turmartig aufgeführt; zum zweiten erschienen sie alle dreieckig, zum dritten sahen sie wie aus einem Guß gefertigt aus.
Der Professor, der für alles eine Erklärung suchte und auch gleich bei der Hand hatte, ließ sich also vernehmen:
„Die Marsbewohner bauen offenbar in die Höhe wie die Newyorker, jedenfalls auch aus demselben Grund: sie müssen an Platz sparen. In der Tat erreicht die gesamte Oberfläche des Mars noch keine drei Zehntel der Erdoberfläche; da überdies die schrecklichen breiten Sümpfe einen großen Teil des Festlandes einzunehmen scheinen, so müssen sie an Bauplatz sparen. Dreieckig sind die Häuser aufgeführt, um den Orkanen und den Wasserfluten bei der Schneeschmelze wirksamen Widerstand bieten zu können; daß sie so glatt und ungegliedert aussehen, weist auf eine besondere Masse hin, mit der die Baumeister die Gebäude von außen gleichmäßig bestreichen, auf einen Mörtel, der vielleicht dem Mars eigentümlich ist.“
„Scharfsinnig, wie immer, Professor!“ lachte der Kapitän. „Aber gestatten Siemirdiesmal, den Zweifler zu spielen: wir haben auf unsererganzen Wanderung weder Dörfer noch Städte, ja nicht einmal angebautes Land getroffen oder auch nur von ferne erblickt. Also haben die Marsbewohner noch keinen Mangel an Bauplätzen; zum andern dürfte in diesem geschützten Tale kaum je ein heftiger Orkan wehen, auch ist es so hoch gelegen, daß keine Wasserfluten es bedrohen. Abgesehen von diesen Kleinigkeiten mögen Sie ja immerhin recht haben.“
„Na!“ sagte Schultze: „Sie oller Zweifler! Lassen wir das einstweilen dahingestellt und untersuchen wir die Häuser. Verlassen oder ausgestorben scheint ja die Stadt zu sein.“
Das, was Schultze eine „Stadt“ nannte, waren etwa hundert zumeist gleich geformte Bauwerke von mäßigem Umfang. Sie leuchteten in allen Regenbogenfarben, eines blau, das andere rot, das dritte grün; einige schneeweiß, andere schwarz; daneben gelbe, braune, orangerote, violette Türme in allen Farbenabstufungen.
Im Innern erwiesen sie sich sämtlich ganz ähnlich angelegt; statt einer Treppe führte ein gewundener Gang empor, von schmalen Seitenfenstern erhellt. Ganz oben befand sich ein dreieckiges Gemach, in welchem auf erhöhten Matten — Leichen lagen.
Ja, nur Leichen!
„Eine Begräbnisstätte, ein Friedhof,“ rief Heinz aus.
„Wenigstens eine Totenstadt,“ entgegnete Schultze, „da von Gräbern und Begräbnis hier nicht die Rede ist.“
Die Leichen waren alle in lange Gewänder von einem eigentümlichen glatten und sehr schmiegsamen Stoffe gekleidet, der keine Fäden, kein Gewebe erkennen ließ. Entweder war dieser auf Erden unbekannte Stoff aus einer äußerst zähen Gummiart papierdünn gewalzt, wobei der Gummi jegliche Elastizität verloren hatte, oder er war aus einem nur den Marsbewohnern bekannten Material gegossen.
Die Gewänder glänzten auch in den verschiedensten lebhaften Farben. Die Körper unterschieden sich nicht wesentlich von menschlichen Körpern; sie waren aber alle sehr klein, schlank und zierlich und jedenfalls wiesen sie eine Rasseneigentümlichkeit auf, die auf Erden nicht zu finden war. Diese Eigentümlichkeit bestand im Wesentlichen in einer auffallenden Schädelform: man hätte meinen können, jedes dieser Häupter trage eine Kappe; denn über der Stirne eingeschnürt, saß eine zweite mäßig gewölbte und dichtbehaarte Schädelkammer.
„Zwei Stockwerke!“ rief Münchhausen in ehrlichem Staunen: „Ein zweistöckiges Gehirn haben diese Marsiten besessen! Nein, müssen die gescheit gewesen sein!“
Die rosige Haut des Gesichts und der Hände, so weich und zart sie aussah, erwies sich nichtsdestoweniger bei der Berührung als ungeheuer zäh, wie Leder oder wie die Haut eines Elefanten.
Schultze machte, nicht aus sträflicher Neugier, sondern aus wissenschaftlichem Interesse, einen Versuch, die Haut einer Hand mit seinem Dolche zu ritzen; doch als er schließlich auch alle Gewalt anwendete, es gelang ihm nicht, das Gewebe zu verletzen; das Messer hinterließ nur eine vertiefte Spur, die bald wieder verschwand.
„Die waren ausgerüstet für den Kampf ums Dasein!“ sagte er: „die scharfen Hörner der wilden Tiere, die Klauen und Gebisse der Vögel und die blutsaugerischen Schnauzen des Gewürms konnten ihnen nichts anhaben. Um so mehr dürfen wir erwarten, bald auf lebende Marsbewohner zu stoßen: ein solches Geschlecht stirbt nicht aus!“
Der Professor kannte die Schrecken des Mars noch allzuwenig!
Flitmore photographierte das Innere der Leichenhalle, sowie einige besonders charakteristische Mumien. Nach Verlassen der Totenstadt nahm er auch diese von einer Anhöhe aus auf; dann verließen unsere Freunde den Ort durch ein gewundenes, bergabführendes Tal.
Am Ausgange der Schlucht lehnte an der Bergwand ein niedriger, dreieckiger Bau aus „Gußstein“; denn so hatte Schultze das steinerne Material, das gleichmäßig glatt war und keine Lücken aufwies, benannt. Er vermutete, daß die Marsbewohner eine besondere Steinart wie Lava zu schmelzen verstünden, im flüssigen Zustand färbten und dann ihre Häuser in einem Block in Erdformen gossen.
Dafür sprach der Umstand, daß die Bauten in der Totenstadt eine beschränkte Anzahl von Formen aufwiesen, die in genau den gleichen Abmessungen immer wiederkehrten. Der Bruch einzelner beschädigter Steine zeigte, daß die Färbung den ganzen Stein durchdrang und daß tatsächlich nirgends eine Fuge vorhanden war, sondern alles aus einem Block bestand.
Vor dem neuentdeckten Hause nun saß ein steinaltes Männlein, dessen Doppelschädel den Eindruck machte, als trage er eine Mütze aus Eisbärenfell; denn schneeweis war sein dichtes Pelzhaar, das zottig herabhing, jedoch nicht länger als es bei einem Tierpelz zu wachsen pflegt.
Ein ebenso zottiger kurzer Bart umrahmte sein Gesicht.
Mit den großen, gescheiten Augen betrachtete er die Ankömmlinge, offenbar sehr interessiert, aber durchaus nicht mit der Verwunderung oder gar dem Entsetzen, welche diese sich geschmeichelt hatten, bei dem ersten Marsbewohner zu erregen, der ihre fremdartige Erscheinung gewahren würde.
Als sie sich ihm nahten, erhob er sich langsam. Ein leuchtendes rotes Gewand umfloß seine schlanken Glieder.
Und nun zeigte Schultze den unentwegten Professor: er redete den Marsgreis im elegantesten Latein an, das ihm zur Verfügung stand; denn er dachte, Latein sei eine Weltsprache, die von gebildeten Wesen überall verstanden werden müsse. Er bedachte nicht, daß die alten Römer, so unternehmungslustig sie waren, die Grenzen ihres Reichs doch nicht über den Erdball ausgedehnt hatten.
Übrigens war der Marsite stocktaub, wie er durch ein beredtes Berühren seiner Ohren und sein trüblächelndes Kopfschütteln zu verstehen gab.
Da er jedoch an Schultzes beweglichen Lippen erkannt hatte, daß dieser ihn anredete, mochte er meinen, die seltsamen Besucher sprächen die Marssprache; denn er ließ einige wohllautende Worte vernehmen, merkte aber bald an des Professors Kopfschütteln, daß man ihn nicht verstand.
Da deutete er auf die Gruppe, die ihn anstaunte, und erhob den Blick gen Himmel. Gleichzeitig streckte er den Arm empor und wies auf einen blassen Stern.
Das war die Erde!
Da die Erde dem Mars weit näher steht als die Sonne, und diese ihm infolge ihrer Entfernung nicht so blendend leuchtet, wie uns, konnte man die Erde hier bei Tageslicht am Himmel stehen sehen.
So sehr Lord Flitmore an Selbstbeherrschung gewohnt war, die Gebärde des Greises brachte ihn doch aus der Fassung.
„Allmächtiger!“ rief er aus: „Sollte man das für möglich halten? Dieser Marsmensch vermutet, daß wir von der Erde her kommen! Offenbar ist ihm das Vorhandensein von Menschen dort bekannt und man rechnete hier damit, eines Tages einen Besuch vom Nachbarsterne her zu erhalten.“
„Nein! Welche Hilfsmittel müssen diese Marsmenschen besitzen!“ meinte Schultze verwundert.
„Ich glaube fast, ihre Augen ersetzen ihnen das beste Teleskop,“ bemerkte Heinz: „Sehen Sie doch nur, wie der Mann seine Augen weitheraustreten läßt, wenn er nach der Erde schaut, und wie tief er sie in die Höhlen zurückzieht, wenn er uns betrachtet.“
In der Tat bemerkten jetzt alle dieses seltsame Augenspiel, je nachdem der Marsite den Blick auf nähere oder entferntere Gegenstände richtete.
Der Marsgreis.
Der Marsgreis.
„Fragen Sie doch den Alten, wo wir noch mehr Seinesgleichen treffen können,“ wandte sich Münchhausen ironisch an Schultze, der mit seinem Latein zu Ende war nach dem ersten vergeblichen und etwas törichten Verständigungsversuch.
Heinz Friedung aber bewies, daß er einer solchen Aufgabe gewachsen war: er unternahm es, die gewünschte Auskunft zu erhalten.
Das griff der intelligente junge Mann folgendermaßen an:
Er wies auf die eigene Brust und streckte den Daumen der geschlossenen linken Hand empor; dann deutete er der Reihe nach auf Flitmore, Mietje, Schultze und Münchhausen, jedesmal einen weiteren Finger der Linken ausstreckend.
Der Marsite folgte aufmerksam diesem Gebärdenspiel, das besagen wollte: „Wir sind fünf.“
Als Heinz dann seine Hand wieder schloß, zeigte der Alte, daß er begriffen habe und des Zählens mächtig sei; denn mit einer Handbewegung wies er auf die Gruppe und streckte dann fünf Finger aus, als wollte er sagen: „Das stimmt, ihr seid zu fünft.“
Jetzt zeigte Hans auf den Marsiten und streckte wieder den Daumen allein vor. Das hieß: „Du bist nur einer.“ Dann sah sich der junge Mann forschend und fragend nach allen Seiten um mit hilflosen Handbewegungen, aus denen der Marsbewohner sofort die Frage erriet: „Wo sind die andern Bewohner des Mars?“
Da schüttelte er den Kopf und eine tiefe Traurigkeit überzog seine milden Züge: eindringlich streckte er den einen Daumen empor, berührte seine Brust, wies dann mit dem Arm im Kreise umher, immer kopfschüttelnd und zugleich die Hand verneinend schwenkend, als wollte er sagen: „Ich bin allein da! Sonst ist nirgends mehr jemand vorhanden.“
Erstaunt glotzten unsere Freunde ihn an; da winkte er ihnen, ihm zu folgen.
Er führte sie an den Rand des Hügels und deutete in den Sumpf hinab.
Da sahen sie schaudernd die Spitzen von Gebäuden aus dem schwarzen Schlamme emporragen und die traurigen Gebärden des Greises sagten: „Alle sind verschlungen von den Wassern, alle modern im Sumpf oder dienen den Sumpfwürmern zum Fraß.“
Dann raffte sich der Alte auf, deutete auf seine Gäste und dann hinauf zur Erde, ihnen mit heftigen Handbewegungen begreiflich machend: „Fliehet, fliehet! Sonst ereilt euch das gleiche Schicksal!“
Dieses gräßliche Geschick verdeutlichte er noch dadurch, daß er wieder hinab in den Sumpf zeigte, dann die Handfläche wagrecht über den Boden hielt und sie ruckweise am eigenen Körper immer höher steigen ließ, bis er sie hoch über den Kopf hob.
„Er will andeuten, daß die Gewässer plötzlich steigen und hoch über unsere Köpfe weggehen können,“ erklärte der Lord.
„Allerdings,“ bestätigte Schultze: „Die Astronomen haben des öfteren derartige Katastrophen auf dem Mars beobachtet: Das Land wird urplötzlich vom Meere verschlungen, und die Verteilung von Kontinenten und Meeren nimmt eine ganz neue Gestaltung an.“
„So werden wir hier nicht mehr viel zu entdecken haben,“ meinte Münchhausen: „Der Mann kennt sich jedenfalls am besten aus auf dem Mars und wir werden gut tun, seine Warnung nicht in den Wind zu schlagen.“
In diesem Augenblick dröhnte der Klang der Sirene von der Sannah durch die Lüfte.
„Halloh! Das ist ein bedenkliches Zeichen!“ rief Flitmore.
„Was mag da los sein?“ fragte Mietje besorgt.
„Jedenfalls gilt es, schleunigst umzukehren“, mahnte der Kapitän.
Heinz faßte den Marsiten bei der Hand und wies ihm das in der Ferne hoch aufragende Weltschiff, ihm bedeutend, er möge mit ihnen flüchten.
Der Mann aber schüttelte bloß traurig das Haupt und schwenkte die Hand gegen den Sumpf hinab. Da war nichts zu machen: dort lagen alle seine Lieben, bei ihnen wollte er sein Grab finden!
Flitmore unterließ nicht, den letzten Zeugen einer ausgestorbenen Menschenwelt zu photographieren; dann schieden unsre Freunde bedauernd von dem Greise und beeilten sich, die Sannah wieder zu erreichen; denn der Ton der Sirene hatte ihnen verkündigt, daß dort etwas nicht in Richtigkeit sein mußte.
Am Waldsaum machten sie Halt, um von den mitgenommenen Vorräten ein kurzes Mahl zu halten; denn der Hunger hatte sich mächtig eingestellt und Münchhausen hatte erklärt, mit leerem Magen komme er keinen Schritt weiter, nachdem er heute Nacht so gründlich angezapft worden sei.
Bobs, der Schimpanse, pflückte sich die goldgelben pyramidenförmigen Früchte der Bäume am Waldrand und verzehrte sie mit so sichtlichem Behagen, daß der Kapitän sich nicht enthalten konnte, auch davon zu kosten. Er fand sie von solch köstlichem Wohlgeschmack, daß auch die Übrigen zugriffen und einen großen Vorrat davon mitnahmen.
In zwanzig Minuten war das Wäldchen durchschritten, da man sich nicht wieder durch seine Merkwürdigkeiten aufhalten ließ.
Als John die Heimkehrenden aus dem Walde heraustreten sah, kletterte er rasch an der Sannah hernieder und ging ihnen entgegen.
„Was ist’s? Was gibt’s?“ rief ihm Heinz von ferne zu. „Ist etwas passiert, sahst du eine Gefahr nahen, daß du das Notsignal gabst?“
„O, meine Herren!“ rief Rieger, der keuchend dahertrabte: „Die Sannah ist sozusagen heil und wohlbehalten, indem ihr nichts passiert ist; aber es ist ein schreckliches Wunder geschehen, was ich von weitem erblickt habe, und das ich befürchten mußte, wenn es in der Nähe sich ähnlich ereignen dürfte, es nicht zum wenigsten unser Weltende herbeizuführen vermöglich wäre.“
„Was sahst du denn so Entsetzliches?“ forschte der Lord seelenruhig.
„Dort, weit dort drüben ist ein ganzer Bergzug sozusagen im Boden verschwunden und dann ist ein andrer aus der Tiefe heraufgestiegen und das Wasser und Gewürm floß an ihm herab.“
„Das scheint ein Erdbeben gewesen zu sein!“ meinte Schultze.
„Merkwürdig, daß wir nichts davon spürten“, warf Münchhausen ein.
„O, die Sannah hat nicht unbeträchtlich gewackelt“, erklärte der Diener.
„Wenn die Wellenbewegung des Bebens sich senkrecht gegen diese parallelen Hügelzüge richtete, so ist es nicht auffallend, daß sie bald so abgeschwächt wurde, daß sie uns nicht mehr erreichte“, erläuterte der Professor. „Überhaupt zeigen Erdstöße oft eine auffallend scharfe Abgrenzung: ein Tal, ein Flußbett gebietet ihnen häufig Halt. Es kommt vor, daß eine Stadt auf der einen Seite eines Flusses einstürzt, während man im jenseitigen Stadtteil die Erschütterung kaum spürt.“
„Mag sein! Aber ich stimme dafür, daß wir den Mars schleunigst verlassen, der bei Tag so unheimlich und gefährlich zu sein scheint, wie bei Nacht.“
Dieser Meinung des Kapitäns wurde kein Widerspruch entgegengesetzt; aber mit der schleunigen Abreise hatte es noch gute oder besser „schlimme“ Wege.
So weit das Auge sah, schien plötzlich die ganze Marsoberfläche in Bewegung geraten zu sein. In der Luft dröhnte und donnerte es, der Erdboden krachte, eine rötliche Staubwolke erfüllte die Luft, so daß eine Zeitlang nichts mehr zu erkennen war; dann fegte ein plötzlich daherbrausender Orkan die Wolke hinweg; doch schien sie nur in die oberen Luftschichten getrieben worden zu sein; denn eine blutig-fahle Dämmerung lagerte über dem Grunde.
Ein Schrei des Entsetzens entrang sich unwillkürlich aller Lippen; nur Flitmore blieb stumm und anscheinend ruhig.
Dann standen die Erschreckten wie erstarrt.
Bobs, der Affe, allein sprang in rasenden Sätzen der Sannah zu, die er erreichte und an der er zu seinem Kameraden Dick emporklomm.
Unsre Freunde aber sahen gewaltige Wogen auf sich zukommen.
Anfangs glaubten sie, es seien richtige Wasserwellen, das Meer sei seinem Bette entstiegen, sie zu verschlingen.
Bald aber erkannten sie, daß das Land selber mit seinem leichten weichen Erdboden diese Wellen warf: Hügel verschwanden und neue Hügelketten tauchten auf, um wieder zu versinken und sich wieder zu erheben.
Und mit unheimlicher Geschwindigkeit nahten diese Erdwogen. An ein Erreichen des Weltschiffs, das noch zweihundert Meter entfernt war, war nicht mehr zu denken.
Der Boden wankte unter den Füßen der Schreckgelähmten.
Jetzt ein heftiger Stoß, der alle durcheinander warf; die Erde versank zu ihren Füßen: sie lagen in der Tiefe; aber der Grund hob sich wieder und sie mit ihm. Nur Münchhausens rundliche Masse kollerte alsbald wieder von der Höhe hinab: sein kugelförmiger Körper fand nirgends Halt und blieb in beständiger rollender Bewegung.
Noch mehrmals wurden die Daliegenden hilflos gehoben und gesenkt von der Wellenbewegung der Erde; dann wurde die Erschütterung schwächer und sie fanden sich in einer breiten Mulde liegend.
„Hinauf, hinauf!“ rief Flitmore, der sich zuerst emporraffte und Mietje beim Arm faßte, sie mit Hünenkraft den steilen Abhang emporschleifend.
Es war die höchste Zeit! Brausend kam es die Mulde herauf: ein Strom von Schlamm, ein dichtes Pflanzengewirr und eine wimmelnde Masse von zappelnden Würmern mit sich führend.
Wer von dieser Woge erreicht wurde, der war verloren: aus diesem Chaos hätte keiner mehr seine Glieder zu befreien vermocht.
Mit knapper Not entkam der Professor der zähen Flut, die sich heranwälzte, als er kaum auf halber Höhe des Abhangs angelangt war. Von dem aufspritzenden Schlamm wurde er über und über bedeckt.
Heinz und John, unmittelbar vor ihm, reichten ihm hilfreich die Hand. Der Lord und Mietje befanden sich schon oben in vorläufiger Sicherheit.
„Wo ist der Kapitän?“ rief Flitmore, das Brausen im Grunde überschreiend.
„Da liegt er gottlob!“ schallte Heinzens Stimme.
Ja, da lag er zu oberst auf der Bodenwelle. Bei der letzten Wellenbewegung war es seinen verzweifelten Anstrengungen geglückt, sich an einem kleinen Erdhügel festzukrallen und so war er zuguterletzt emporgehoben worden, ohne wieder herabzurollen. Sonst wäre der Unselige unbedingt verloren gewesen; denn aus dem Grunde der Mulde hätte er sich nicht so rasch emporarbeiten können wie die andern und da entschieden Sekunden über Leben und Tod.
Da lag er nun und bot wiederum einen Anblick, der unter minder grauenhaften Umständen die größte Heiterkeit entfesselt hätte; denn es sah zu gelungen aus, wie er noch krampfhaft, beinahe zärtlich das rettende Erdhügelchen umarmt hielt, als wolle er es nicht wieder von sich lassen.
Endlich brachte ihn der Zuspruch und die tätliche Hilfe von Flitmore und Heinz wieder auf die Beine, wobei John ihn mit kräftigen Armen von hinten im Gleichgewicht hielt.
Aber nun war guter Rat teuer für alle: dort drüben ragte die Sannah aus dem Sumpf, in den sie versenkt worden war. Gähnend öffnete sich die Türe hart über dem Sumpfspiegel, auf dem die Strickleiter von Morast überzogen schwamm.
Ein Glück, daß die Öffnung nicht tiefer zu liegen gekommen war, sonst wäre der Schlamm ins Innere geflutet und keine Aussicht mehr gewesen, überhaupt in das Fahrzeug zu gelangen.
Allerdings schien auch so keine Möglichkeit hiezu vorhanden, so einladend das Tor herübergähnte: ein Sumpfarm von dreißig Meter Breite trennte die Gesellschaft von der Sannah und das war ein unüberwindliches Hindernis.
„Wenn wir nur die Strickleiter herüberziehen könnten!“ meinte Flitmore nachdenklich; „sie ist fünfzig Meter lang, und wir brauchen sie nur straff anzuspannen, um hinüberturnen zu können.“
Alle strengten nun ihre Gehirnkraft an, um ein Mittel zu ersinnen, dieses Ziel zu erreichen.
„Wenn die Affen so gescheit wären“, seufzte Mietje nach langem Stillschweigen: „die könnten uns das Ende der Leiter wohl herüberschaffen: die Schlammasse ist dick genug und soviele Wurzeln und verwirrte Pflanzen ragen daraus hervor, daß die Schimpansen bei ihrem geringen Körpergewicht kaum darin versinken würden.“
„Ja! Wenn ... wenn ...!“ erwiderte der Lord: „Aber wie willst du ihnen das begreiflich machen? Marsmenschen sind sie noch lange nicht.“
Immerhin pfiff er den Affen, ohne sich darüber klar zu sein, was es helfen könne, wenn sie herkamen.
Die Schimpansen hatten stets mit Neugier herübergeblickt; es schien ihnen offenbar nicht in der Ordnung, daß sie von ihren Herren völlig getrennt waren.
Als nun Flitmores wohlbekannter Pfiff erscholl, dem sie zu folgen gewohnt waren, kletterten sie an den Rampen herab bis zum Sumpfspiegel. Hier aber machten sie unschlüssig Halt: der Boden schien ihnen verdächtig.
Nochmals pfiff der Lord.
Nun wagte sich Bobs auf die trügerische Fläche. Er hielt sich mit einer Hand an der Strickleiter fest und versuchte die ragenden Wurzeln und Pflanzen als Brücke zu benutzen; dabei schleppte er die Strickleiter bis zum halben Weg mit sich; da er aber eine Mittelsprosse und nicht das Ende erfaßt hatte, war nun die Strickleiter straff gespannt und er konnte nicht weiter, ohne sie loszulassen.
Ein dritter Pfiff Flitmores hatte nur zur Folge, daß er los ließ und nun vollends frei herüberturnte, was ihm bei seiner Gewandtheit auch gelang.
Inzwischen nahte sich auch Dick, der nun an der Strickleiter eine Brücke bis zur Mitte des Sumpfes fand. Hier verließ auch er sie und kam vollends glücklich ans Ufer.
„Nur fünfzehn Meter!“ seufzte der Kapitän.
„Wollen Sie’s riskieren?“ höhnte Schultze: „Untergehen werden Sie ja wohl kaum.“
„Das nicht,“ lachte Münchhausen gutmütig, „aber bis zur Mitte meiner Konstitution einsinken, das ist sicher. Was könnte es Ihnen helfen, wenn ich als lebendige Kugelboje im Morast schwämme?“
„Ich muß hinüber, ich bin die Leichteste“, sagte Mietje in plötzlichem Entschluß.
„Du?“ rief ihr Gatte mit einem Ton der Besorgnis in der Stimme.
„Ja, ich! Irgendwie müssen wir aus dieser Notlage herauskommen, und das ist nicht möglich, wenn nicht jemand das Wagnis unternimmt.Das geringste Körpergewicht gibt die beste Aussicht auf das Gelingen und somit bin ich die Geeignetste dazu; denn sinke ich unter, so würde das jedem von euch umso sicherer widerfahren.“
„Nein, nein! Dieses heldenmütige Opfer können wir nie und nimmer annehmen“, widersprach der Kapitän.
„Doch, doch! Bobs wird mich führen, und so gescheit und treu ist er schon, daß er mich hält, wenn er mich sinken sieht.“
„Wir müssen dich anseilen“, sagte Flitmore, der einsah, daß etwas gewagt werden mußte und daß seine mutige Gattin allerdings am ehesten Aussicht hatte, den Sumpf ohne ernsten Unfall beschreiten zu können.
„Gut“, sagte Mietje, „so bitte ich die Herren einen Augenblick wegzusehen.“
Sie trug unter dem Kleide einen Unterrock aus starker Leinwand. Dieses entbehrlichen Kleidungsstückes entledigte sie sich rasch und schnitt es in Streifen mit der Scheere, die sie als praktische Hausfrau in einem handlichen Nähetui stets bei sich trug.
Die aneinandergeknüpften Streifen gaben ein Seil, das stark genug war, sie im Notfall ans Ufer zurückzuziehen.
Nun ergriff die junge Heldin Bobs Arm und schob den Schimpansen voran auf den Morast.
Der Affe zeigte sich verständig und lenksam und schritt gewandt aus, die haltbarsten Unterlagen geschickt auswählend.
Mietje, die sich des besseren Haltes wegen ihrer Schuhe und Strümpfe entledigt hatte, konnte sich nicht wie der Schimpanse mit den Füßen an den schwankenden Wurzeln und Ranken anklammern: um so fester klammerte sie sich am Arme ihres Beschützers fest, während die Männer am Ufer das Seil straff hielten, das ihr unter den Schultern festgebunden worden war.
Es war übrigens ein kurioses Schauspiel, die zarte Lady am Arme des Affen dahinschreiten zu sehen; doch richtete sich die Aufmerksamkeit der am Ufer Stehenden lediglich auf ihre Tritte. Oft erbebten sie, wenn sie sahen, daß ihr Fuß einsank; aber die Dame war so behende, daß sie jedesmal schon den andern Fuß auf irgend einen festeren Punkt gesetzt hatte und ihr Körpergewicht rasch auf diesen verlegte, ehe der eine Fuß nur Zeit fand, tiefer einzusinken.
Ein langsames, zögerndes Ausschreiten wäre ihr Verderben gewesen; durch dieses flinke Vorwärtshüpfen, das Bobs kaum gewandter zuwegebrachte, gelang es ihr auch sehr zweifelhafte Stützpunkte im Fluge zu benutzen, sie nur als flüchtiges Sprungbrett für den nächsten Schritt verwertend.
„Bei allen Feen und Elfen!“ konnte der Kapitän sich nicht enthalten, bewundernd auszurufen: „Lord, ich glaube, ihre Gattin würde mit ebensolcher Eleganz über das Meer hinweghüpfen: bis ein Fuß einsinken will, ist er schon ganz wo anders.“
„Nicht wahr, da staunen Sie, stattlicher Hugo“, spöttelte Schultze: „Sie möchte ich an Stelle der Lady sehen, wie leichtfüßig Sie durch den Morast stapfen würden. Daß Sie ja hüpfen können, trotz einem Ballettmädel, haben Sie uns heut Nacht bewiesen, edler Würmlizertreter.“
Jetzt atmeten alle auf; Mietje hatte die Strickleiter erreicht und zog das in den Sumpf gesunkene Ende aus dem Schlamm; aber der hierdurch veranlaßte Aufenthalt auf dem unsicheren Boden sollte ihr verhängnisvoll werden.
Sie stand auf einem dünnen Gewirr verflochtener Lianen und Wurzeln, das alsbald zu sinken begann, wie sie sich bückte und mühsam die Strickleiter aus dem Sumpf zog: eine schwere Arbeit, da Pflanzen und — o Graus! auch dicke Würmer an den Sprossen hingen.
Die Männer am Ufer zogen sofort das Seil an, als sie Mietje sinken sahen; diese aber rief ihnen ein energisches: „Halt, halt!“ zu.
Es wäre eine schlimme Sache für die arme junge Frau gewesen, am Strick durch diesen Morast mit all seinem Wirrwarr geschleift zu werden, und sie wäre sicher in bös zerfetztem und zerschundenem Zustand drüben angekommen. Daran dachte sie jedoch nicht: es war ihr lediglich darum zu tun, so nahe am Ziel den Erfolg ihres gefährlichen Unternehmens nicht in Frage zu stellen.
Bangend sahen ihr die Männer am Ufer zu, bereit, sofort das Seil anzuziehen, sobald Mietje in dringende Lebensgefahr geriete. Sie stak schon bis zu halbem Leibe im Schlamm, als sie endlich die Strickleiter so weit emporgezogen hatte, daß sie bis ans Ufer reichen konnte.
Aber was war das? Sie band ja das Seil los, das ihr den letzten Halt geben sollte.
„Mietje, was tust du? Was fällt dir ein?!“ rief Flitmore mit unverkennbarem Schrecken.
„Das Gescheiteste!“ rief die Lady zurück.
Sie band rasch das Ende des Stricks an einer Sprosse fest und schrie dann hinüber: „Jetzt, schnell! Ziehet kräftig an.“
Mit fieberhafter Eile ließen die Männer das Seil durch ihre Hände gleiten, bis die Strickleiter sich straffte: sie reichte nun gerade bis ans Ufer.
Inzwischen war Mietje bis an den Hals im Schlamm versunken, hielt sich aber mit emporgestreckten Armen an einer Sprosse fest.
Als nun die Männer die Leiter zu fassen bekamen und aus allen Kräften anzogen, wurde die aufopfernde Heldin wieder soweit emporgezogen, daß sie nur noch bis zur Brust im Moraste stak.
Dieses Straffen der Strickleiter war ein schweres Stück Arbeit gewesen!
Nun wurde das Ende der Leiter so fest als möglich an einem starken Busch angebunden. Zu aller Vorsicht mußte Münchhausen es noch mit seinem ganzen Körpergewicht beschweren und der Professor sich bereithalten, im Notfall auch noch zuzugreifen; denn nun turnten der Lord und sein Diener, sowie Heinz gleichzeitig auf der unsicheren Brücke über den Sumpf, galt es doch, Mietje aus ihrer schrecklichen Lage zu befreien.
Schrecklich war ihre Lage in der Tat: sie konnte kaum noch festhalten; ihre ermüdeten Arme waren schmerzhaft gespannt und die sich krampfenden Finger wollten sich an einem fort loslösen. Ein Glück war es, daß sie nicht frei in der Luft hing, sonst hätten ihre Kräfte unbedingt versagt, ehe Hilfe kam. Der zähe Brei, in dem sie steckte, minderte doch einigermaßen das Körpergewicht, das an ihren Armen hing und ihr die Hände aus den Gelenken zu reißen drohte.
Aber sie fühlte, wie trotz der äußersten Anspannung ihrer Willens- und Muskelkraft alle Energie sie verließ: tausend Arme schienen sie in den Sumpf zu ziehen, immer lockender wurde die Versuchung, loszulassen und sich nicht weiter der schrecklichen Marter auszusetzen, die alle Todesfurcht einschläferte, so daß Sinken, Ersticken, Einschlafen ihr als Erlösung erschien.
Bei alledem gab sie keinen Laut von sich; aber das Blut hämmerte in ihren Schläfen, es wurde schwarz um sie her, ihre Finger lösten sich: das war das Ende!
Dies war ihr letzter dunkler, aber gar nicht schreckhafter Gedanke; dann hatte sie das Bewußtsein verloren.
Aber in dem Augenblick, da sie mit schwindendem Bewußtsein die Sprosse losließ, hatte Flitmore sie erreicht und ihre Handgelenke mit eiserner Gewalt umklammert.
Hinter ihm krochen auch schon Heinz und John heran; denn nur kriechend konnte man sich auf der schwanken Brücke fortbewegen.
„Ich halte sie“, keuchte der Lord; „jetzt sehet zu, wie wir sie heraufbringen.“
Das war keine einfache noch leichte Aufgabe!
Heinz, der ein äußerst gewandter Turner war, hakte seine Füße in der Strickleiter ein und ließ sich, den Kopf nach unten, hinab, während er in den Knieen hing.
Dann faßte er die Lady mit beiden Händen um die Taille und hob sie mit unsäglicher Anstrengung aus dem Schlamm.
„Ich habe sie!“ stöhnte er endlich: „Sie können loslassen, Lord.“
Flitmore ließ die Handgelenke los, die er zwischen zwei Sprossen durch ergriffen hatte; denn durch den engen Zwischenraum konnte er selbstverständlich seine Gattin nicht emporziehen.
Schnell flocht er seine Beine zwischen Sprossen und Stricken fest und und wies John an, ein Gleiches zu tun.
Jetzt beugten beide den Oberkörper auf der gleichen Seite hinab und faßten Mietjes leblosen Körper unter den Armen. Es war höchste Zeit; denn Heinz hätte ihn in seiner schwierigen Lage keine Minute mehr halten können.
Flitmore und Rieger zogen nun die Ohnmächtige auf die Strickleiter, wo sie dieselbe zunächst ausstreckten, um frische Kräfte zu schöpfen.
Inzwischen hatte auch Heinz sich wieder heraufgeschwungen.
Jetzt konnte die Lady, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit, vollends zur Sannah verbracht werden, wo es Flitmores Bemühungen bald gelang, sie wieder zum Bewußtsein zu bringen.
Nun durften auch Schultze und Münchhausen die Reise antreten.
Der Kapitän bewegte sich voran, der Professor schob nach.
Ersterer hatte es schwer; denn seine runde Wölbung machte ihm das Kriechen auf der schmalen Leiter beinahe unmöglich.
Es war ein köstlicher Anblick, diese Körpermasse sich langsam und schwerfällig auf dem schwankenden Stege vorschieben zu sehen.
Auf der Mitte angelangt, erklärte der Kapitän mit lauter, aber höchst kläglicher Stimme: „’s ist aus! Ich bin am Ende meiner Kräfte. Hier bleibe ich und wenn ich hier übernachten muß und in den Sumpf kollere.“
„Machen Sie keine schlechten Witze, Kapitän“, mahnte Schultze von hinten: „Ich schiebe Sie ja aus allen Kräften.“
„Ach, was richten Sie aus? Das ist, als ob eine Mücke einen Elefanten schieben wollte! Ich sage Ihnen, ich bin schachmatt.“
„Sie freuen mich, Allerwertester! Was soll denn aus mir werden? Soll ich etwa über Sie hinwegturnen? Im Bergkraxeln bin ich ganz und gar nicht bewandert und zum mindesten müßte ich einen Alpenstock haben, wollte ich es wagen, diese gefährliche Kletterpartie zu unternehmen.“
„Ha! Gefühlloser Schurke! Bin ich aus Granitquadern gebaut? Bin ich ein rauher Felsblock, daß Sie die Eisenspitze eines Gebirgsstockes in meine Flanken bohren wollen? Das lassen Sie sich beikommen und wie eine Lawine rolle ich mit Ihnen ins Verderben!“
„Nee! ein rauher Felsbrocken sind Sie nicht“, lachte der Professor belustigt: „Rauh sind Sie nur innerlich, oller Seebär; außen sind Sie nur allzuglatt und wohlgerundet, das ist ja gerade das Fatale; ein Absturz wäre mir sicher, wollte ich die Kletterei unternehmen. Also, voran!“
„Keinen Schritt mehr!“
„Aber ich kann doch nicht hier übernachten.“
„So kehren Sie um.“
„Was? So nahe dem rettenden Hafen soll ich umkehren und mich in der Nacht mit den blutdürstigen Würmern herumbalgen? Vorwärts, vorwärts! Es dämmert schon.“
Flitmore hatte inzwischen John gesandt, der nun den Kapitän erreichte und anseilte.
So, gezogen und geschoben, gelangte er endlich in die Sannah zur großen Erleichterung des Professors, der sich nun auch geborgen sah.
Alle Anstrengungen, die Strickleiter vom Busch loszureißen, um sie in das Weltschiff zu ziehen, waren vergeblich.
„Lassen wir sie zurück“, erklärte der Lord, „ich habe ja noch andre.“
„Nein!“ widersprach Heinz: „Die Brücke, die uns das Leben rettete und um die Lady Flitmore ihr Leben wagte, an der sie so heldenmütig die gräßlichsten Folterqualen ertrug, darf nicht im Stiche gelassen werden: ich mache sie los!“
Flitmore schüttelte den Kopf: „Und Sie? Sie werden es schwer haben auf der losen Leiter zurückzukehren.“
„Lassen Sie mich machen, es wird alles gut gehen!“
Wirklich kletterte Heinz zurück.
Er schnitt ein Stück des leinenen Seiles ab, band es an den Teil des Seiles, der die Leiter mit dem Busch verband und glimmte es an. Dannkletterte er rasch zurück und erreichte auch wirklich die Sannah, ehe die weiterglostende Lunte das Seil angesteckt und durchgebrannt hatte.
Sobald letzteres der Fall war, ließ sich die Strickleiter leicht einziehen.
Nun waren alle im Weltschiff wieder beieinander; Bobs hatte sich schon dorthin gemacht, als Mietje ihn losließ, um die Strickleiter aus dem Moraste zu ziehen. Dick war über die Brücke als Erster geturnt, sobald sie hergestellt worden war.
Inzwischen war es Nacht geworden; beide Marsmonde leuchteten am Himmel: Phobos, der bei einer Umlaufszeit von nur 7½ Stunden manchmal in einer Nacht zweimal erscheint, und Deimos, der dem Mars nicht jede Nacht aufglänzt, da er 30¼ Stunde Umlaufszeit hat. Beide sind dem Planeten sehr nahe, woraus sich ihre überaus kurze Umlaufszeit erklärt.
Flitmore schloß die Türe und ließ den Zentrifugalstrom durch das Weltschiff strömen.
Die Sannah erhob sich mit wachsender Geschwindigkeit, und, wie unsre Freunde sahen, gerade zu rechter Zeit; denn unter ihnen geriet das monderhellte Land auf einmal wieder in Bewegung. Ein besonders heftiger Erdstoß mußte es erschüttert haben; denn plötzlich kam von ferneher eine haushohe dunkle Woge: das Meer brauste heran und verschlang das schwankende Land, so weit man sehen konnte, und mit ihm auch zweifellos den letzten Bewohner des Mars.