15. Im Meteorschwarm.

„Schade, daß wir uns so rasch vom Mars entfernen,“ sagte Schultze bedauernd: „Es wäre äußerst interessant und lehrreich gewesen, bei Tageslicht aus nächster Nähe die Veränderungen zu beobachten, die das Erdbeben auf der Oberfläche des Planeten hervorgerufen hat.“

„Wir haben keine Eile,“ entgegnete Flitmore, „da wir ja nun in Sicherheit sind, und es ist uns ein Leichtes, über Nacht in der Marsatmosphäre zu verweilen. Ich übernehme die erste Nachtwache und werde den Strom alle zehn Minuten unterbrechen, so daß wir wieder sinken; Herr Friedung soll es in der zweiten Wache ebenso machen und Sie, Professor, übernehmen die Morgenwache und vollführen das gleiche Manöver; nur müssen Heinz und Sie wohl aufpassen, daß Sie den Strom nicht allzulange unterbrechen, damit uns nicht etwa eine unsanfte, vielleicht gefährliche Landung begegnet.“

Die beiden versprachen alle Vorsicht und bewiesen sie hernach auch, so daß die Sannah beim Anbruch des Morgens sich nur wenige Kilometer über der Marsoberfläche befand.

Es war ein überraschendes Bild, das sich nun unsern Freunden bot: der Meeresgrund hatte sich gehoben und das bisherige Festland, das sich gesenkt hatte, war vom Meer bedeckt, wenigstens zum größten Teile.

Nun zeigte sich aber deutlich, daß ähnliche Katastrophen den unseligen Mars schon früher heimgesucht hatten, denn das neue, dem Meeresgrund entstiegene Festland war mit Städten und Dörfern aus buntem Gestein übersät, die aus dem Schlamm hervorleuchteten, der sich in ihren Gassen und um sie her abgesetzt hatte.

„Nun begreife ich erst, wie die ganze Marsbevölkerung nach und nach zugrunde gehen konnte!“ sagte Schultze. „Noch eine oder zwei so gewaltigeVerheerungen, und auch das Tierleben wird auf dem Planeten erloschen sein bis auf das Seegetier und die gräßlichen Sumpfwürmer. Höchstens die Vögel mögen noch dem Verderben entgehen.“

Nun wurde die Marsbahn endgültig verlassen und Flitmore schlug vor, nach dem Jupiter, dem Koloß unter den Planeten, zu fahren und dann dem Saturn einen Besuch abzustatten, ehe die Rückreise nach der Erde angetreten werde.

Damit waren alle einverstanden.

Zunächst wurde jetzt daran gegangen, die einzelnen Zimmer den Schwerpunktverhältnissen der Sannah anzupassen, denn ihre Rotation hatte wieder begonnen und es galt allerlei Möbel und Gerätschaften in den Zimmern, die auf einen andern Schwerpunkt eingerichtet waren, von den Wänden oder der Decke zu lösen und sie am Fußboden festzuschrauben.

Kurz darauf geriet die Sannah in einen Meteorschwarm.

Flitmore hatte behufs Verlangsamung der Fahrt den Fliehstrom abgestellt, als ein Gepolter losging; anfangs waren es nur einzelne kleine Meteoriten, die die Umhüllung des Schiffes trafen, bald aber prasselte es auf sie hernieder wie ein regelrechtes Hagelwetter. Beschädigt wurde die solide Hülle nicht, denn die Meteore waren wohl auch nicht größer als Hagelkörner; um aber jeglicher Gefahr aus dem Wege zu gehen, ließ der Lord rasch wieder den Strom durch die Sannah kreisen und alsbald bewährte sich die Wirkung der Fliehkraft, denn die Meteore wichen dem Weltschiff von ferne aus infolge der abstoßenden Wirkung, die sie auf alle der Schwerkraft unterworfenen Körper ausübte.

Flitmore lud die Reisegesellschaft ein, sich in ein auf der Nachtseite gelegenes Zimmer zu begeben: „Ich denke, daß wir auf der Schattenseite ein herrliches Schauspiel von leuchtenden Sternschnuppen und Meteoren genießen werden,“ meinte er.

„Sie vergessen,“ warf Schultze ein, „daß die Meteoriten nur beim Eintritt in die Atmosphäre aufleuchten, infolge der Reibung mit derselben.“

Der Lord lächelte: „Ich vergesse nichts: schauen wir leuchtende Meteore, so ist dies ein neuer Beweis für meine Theorie, daß eben der ganze Weltraum mit verdünnter Luft erfüllt ist.“

„Aber müßte dann nicht auch die Erde in Glut geraten?“ fragte Heinz.

„Sie ist geschützt durch ihre atmosphärische Hülle, die sie vor der Reibung mit den Stoffen des Raums bewahrt, und die Lufthülle selber bleibt deshalbvor zu starker Reibung bewahrt, weil sie einen Teil der Weltatmosphäre mit sich fortreißt und diese Bewegung mit der zunehmenden Höhe nur immer schwächer wird, so daß die Reibung der Erdatmosphäre mit der Weltatmosphäre an keinem Punkte stark auftreten kann, da jede neue Schicht nur um sehr wenig geringere Bewegung aufweist als die darunter liegende.“

Sannah im Meteorenschwarm.

Sannah im Meteorenschwarm.

Mochte dem sein, wie ihm wollte, jedenfalls war es Tatsache, daß man ganze Schwärme von kleineren und größeren Meteoren zu sehen bekam: ein entzückendes Feuerwerk.

„Sie haben ja recht behalten, Lord,“ gestandSchultze nun ein: „Aber rätselhaft bleibt es mir, warum, wenn doch offenbar die Reibung an der dünnen Weltatmosphäre genügt, um die Meteore zu entzünden, die irdischen Sternschnuppen erst dann zum Leuchten kommen, wenn sie in die Erdatmosphäre eintreten?“

„Die Sache ist sehr einfach: weil sie eben zuvor keiner oder doch nur einer geringen Reibung ausgesetzt sind. Sehen Sie, ich erkläre mir den Vorgang so: die Meteorschwärme haben ja wohl ihre Eigenbewegung, aber wahrscheinlich teilt die Weltatmosphäre in ihrer Bahn diese Bewegung, möglicherweise hat auch jedes noch so kleine Meteor seine eigene Lufthülle, die es aus der Raumatmosphäre an sich zieht; dadurch wird die Reibung aufgehoben oder auf ein geringes Maß beschränkt.

Gerät aber die Erde in einen solchen Meteorschwarm, so läßt die Anziehungskraft der Erde die Meteore mit rasender Geschwindigkeit stürzen; beim Eintritt in die dichtere Erdatmosphäre werden sie ihrer Lufthülle plötzlich beraubt, der Widerstand der Luft streift sie ihnen gleichsam ab, und nun entsteht die Reibung, die sie in plötzliche Glut versetzt.

Wenn wir nun hier leuchtende Meteore sehen, so ist der Fall allerdings insofern ein anderer, als keine dichtere Atmosphäre das Aufglühen veranlaßt, jedenfalls aber ein ungemein beschleunigter Sturz. Diese Meteore müssen in die Anziehungssphäre eines Planeten, vielleicht des Jupiter, geraten sein und stürzen nun mit solch rasender Geschwindigkeit durch den Raum ihm zu, daß der Widerstand derverhältnismäßig ruhenden Weltatmosphäre sie ihrer Lufthülle beraubt, falls wir eine solche annehmen wollen, jedenfalls aber ihre Reibung an der Weltatmosphäre stark genug wird, sie in Weißglut zu versetzen.“

John Rieger lauschte mit offenem Munde diesen großartigen Ausführungen seines Herrn, die ihm um so mehr Ehrfurcht einflößten, als er nicht das mindeste davon begriff.

Aber bildungsdurstig, wie er stets war, wandte er sich an Professor Schultze, der es besser verstand, sich seinem Verständnis anzupassen.

„Mit untertänigst gnädigstem Verlaub, Herr Professor,“ hub er an: „Sie reden da so viel äußerst Belehrendes von den Motoren oder Sternschuppen; aber wenn Sie einmal die gütigste Liebenswürdigkeit hätten, mich genauestens aufzuklären, was diese leuchtenden Motoren von Grund aus sind, so wäre ich Ihnen vorzugsweise verbunden.“

„Sehr gern, mein Freund!“ erwiderte der Professor bereitwilligst: „Wie du ganz richtig bemerkt hast, sind Meteore und Sternschnuppen im Grunde dasselbe. Es sind kleinere oder größere Körper, die im Weltraum sich befinden. Wenn nun die Erde in ihre Nähe kommt, werden sie von ihr angezogen und sie stürzen mit größerer oder kleinerer Geschwindigkeit in die Lufthülle der Erde. Je rascher sie hereinstürzen, desto mehr erhitzen sie sich,aber um so mehr verlieren sie auch an Fallkraft, so daß sie weiter unten nicht schneller stürzen als diejenigen, die von Anfang an langsamer fielen.

Die Erhitzung mag mehrere tausend Grad betragen; dabei kommen sie zum Leuchten und schmilzen an der Oberfläche, wogegen sie im Innern ziemlich kalt bleiben. Wenn sie die Erde erreichen, sind sie durchaus nicht besonders heiß, was eben daher kommen mag, daß ihr Sturz je tiefer desto langsamer wird.

Die meisten aber kommen gar nicht bis zur Erde herab, weil sie hoch oben schon so heiß werden, daß sie sich in Gase auflösen: Das sind dann Sternschnuppen. Gelangen sie jedoch bis zur Erde, so sind es Meteore. So nennt man sie aber auch, wenn sie besonders groß und hell erscheinen; übertreffen sie an Glanz die hellsten Sterne, so heißt man sie Boliden; verbreiten sie einen ganz außerordentlichen, oft taghellen Glanz, so bezeichnet man sie als Feuerkugeln; solche treten aber nur sehr selten und immer vereinzelt auf, während Sternschnuppen und Meteore in ganzen Schwärmen vorkommen.

Natürlich willst du nun wissen, woher diese Dinger eigentlich stammen. Manche behaupten, Meteoriten, d. h. kleine Meteore, kämen vom Mond. Sicher aber ist, daß die Sternschnuppen und Meteorschwärme von Kometen herrühren. Erstens einmal sind ihre Bahnen denen der Kometen durchaus ähnlich; zweitens aber hat man schon beobachtet, daß Kometen, die der Sonne oder dem Jupiter zu nahe kamen, sich in Meteorschwärme aufgelöst haben.

Dafür ist besonders der berühmte Bielakomet ein lehrreiches Beispiel. Dieser kam 1846 dem Jupiter zu nahe und zersprang dadurch in zwei Stücke, die 1852 zu richtiger Zeit wiederkehrten, aber 1858, als sie wieder erscheinen sollten, nirgends zu finden waren. Seither hat man ihn nicht wieder gesehen; als jedoch die Erde 1872 und 1885 seine Bahn kreuzte, geriet sie in einen Meteorschwarm, der als prächtiger Sternschnuppenhagel das Auge entzückte. Das waren die Überreste des stolzen Kometen. Diesen Meteorschwarm nannte man die Leoniden, weil er aus dem Sternbild des Löwen zu kommen schien; zuletzt ist auch dieser Meteorschwarm verschwunden.“

„Das leuchtet mir spezifisch ein,“ sagte John befriedigt, „daß die Motore von den Kometen herkommen; denn man nennt doch die Kometen „Haarsterne“, weil sie sozusagen eine goldene Mähne haben. Aber aus solchen goldenen, leuchtenden Haarverhältnissen dürften vermutungsweise auch goldene,leuchtende Schuppen fallen, und das sind dann die so richtig benannten Sternschuppen.“

Alle lächelten über diese gelungene, echt volkstümliche Wortableitung; der Professor aber sagte lachend:

„Brav, mein Sohn! Bleibe nur bei dieser Erklärung, so behältst du alles am besten inne; denn Schuppen oder Schnuppen sind in Grunde Schnuppe und Schuppen können zwar lästig sein, aber so ein hartnäckiger Schnuppen ist doch noch weit unangenehmer. Aber noch weißt du nicht, aus was für Stoffen die Meteore eigentlich bestehen. Sie enthalten allerlei: Kieselsäure, Magnesia, Eisen, Nickel, Kupfer, Wasserstoff, Sauerstoff, auch Kohlenstoff und zweifellos organische Bestandteile, das heißt Spuren von Pflanzen oder lebenden Wesen, die uns Kunde geben, daß auch andere Welten solche besitzen, wie wir jetzt ja auf dem Mars mit eigenen Augen sehen; manchmal findet man sogar Diamanten im Innern eines Meteorsteins. Meistens sind es größere oder kleinere Eisenblöcke.“

„Ja,“ mischte sich der Lord in die Auseinandersetzung: „und drei solche hat der berühmte Nordpolforscher Peary gestohlen!“

„Gestohlen?“ fragte Heinz erstaunt.

„Jawohl. Dieser Peary fand bei den Eskimos eiserne Werkzeuge. Überrascht hievon, erkundigte er sich, woher das Eisen stamme. Man antwortete ihm stets: „Vom Eisenberg!“ Wo sich aber dieser rätselhafte Eisenberg befand, wußten nur die ältesten Männer des Stammes und diese verrieten ihr Geheimnis nicht.

Auf späteren Reisen erwarb sich Peary nach und nach das Vertrauen der Eskimos in so hohem Grade, daß sie endlich seinem Drängen nachgaben und ihn zu dem rätselhaften Eisenberg führten, der aus drei gewaltigen Meteoren bestand. Die Eskimos hatten ihnen Namen gegeben: „Die Zehn“, „Das Weib“ und „Den Hund“ nannten sie diese Eisenklötze, die für sie ein ganz unschätzbares Kleinod waren, das einzige Eisen in den arktischen Regionen! Aufs gemeinste hat Peary das ihm entgegengebrachte Vertrauen mißbraucht. Unter großen Schwierigkeiten ließ er die drei Meteore, ja alle drei! heimlich an Bord schaffen und beraubte so die armen Eskimos, die wahrhaftig hart genug ums Dasein zu kämpfen haben, ihres kostbarsten Schatzes, den sie so lange unter strengstem Geheimnis gehütet hatten. In Newyork erhielt er 200000 Mark für seinen Raub. Ob er wohl das Sündengeld mit gutem Gewissen eingesackt hat?“

„Das ist allerdings ein Schurkenstreich erster Güte!“ eiferte Schultze empört: „In meinen Augen hat Peary seinen Ruhm damit aufs schmählichste befleckt.“

„Und sehen Sie, so ist unsere europäische und amerikanische Christenmoral,“ fuhr der Lord fort: „Jedermann weiß, was dieser Peary da verübt, und doch feiert man ihn, ja man bewundert noch die Kühnheit und List, mit der er die Eskimos hintergangen und bestohlen hat. Hätte er einem Amerikaner solche Wertgegenstände geraubt, so käme er dafür ins Zuchthaus.“

„Ja ja! Aber so arme Eskimos bestehlen, das ist ja wohl etwas anderes, eine Heldentat!“ fügte Schultze grimmig bei.

Als der Professor seine Empörung über die Schuftigkeit eines berühmten Mannes einigermaßen überwunden hatte, fühlte er sich bewogen, John noch eine besonders interessante Mitteilung über die Meteoriten zu machen:

„Du siehst,“ sagte er, „es fallen zu Zeiten recht stattliche Eisenblöcke vom Himmel; manchmal geht ein ganzer Hagel von Meteoren nieder. Vom Jahr 823 wird berichtet, daß in Sachsen durch einen solchen Meteorhagel Menschen und Vieh erschlagen und 35 Dörfer vom Feuer verzehrt worden sind. Der berühmte Arzt und Chemiker Avicenna beschreibt genau Meteoritenfälle, die um 1010 in Ägypten, Persien und anderwärts niedergingen. Am 1. Oktober 1304 fielen bei Friedeburg an der Saale feurige Steine wie Hagel und richteten großen Schaden an. Am 7. November 1492 fiel bei Ensisheim ein 260 Pfund schweres Meteor, von dem ein Stück noch heute in der dortigen Kirche hängt. Am 4. September 1511 ereignete sich bei Crema ein ungeheurer Steinregen, der die Sonne verfinsterte. Es stürzten etwa 1200 Meteore herab, darunter solche von 260 und 120 Pfund; sie erschlugen Vögel, Vieh und Fische, auch einen Mönch.

Und ähnliche Fälle kamen noch zu Dutzenden in Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien vor, wobei mehrfach Menschen ums Leben kamen. Eine ganze Anzahl derselben wurde ausführlich beschrieben, oft von einwandfreien Gelehrten und Professoren; sogar wissenschaftliche Kommissionen untersuchten die Aerolithen, und trotzdem wollte die Wissenschaft nicht daran glauben; ja die französische Akademie der Wissenschaften erklärte es feierlich für einen Blödsinn, wenn man behaupte, es könnten Steine vom Himmel fallen. Allerdings wurde sie durch einen alsbald erfolgenden großartigen Steinregen in Frankreich gründlich blamiert; aber man sieht daraus, wie zäh die Zweifelsucht beschränkter Köpfe ist, die sich für Leuchten der Welthalten. Es ist heute nicht anders, es gibt jetzt noch genug Vertreter dieser wissenschaftlichen Beschränktheit, die vor den augenfälligsten Tatsachen wie der Vogel Strauß den weisheitgeschwollenen Kopf in den Sand stecken, sobald ihnen etwas über den Horizont geht: solche Kleingeister spötteln heute über die Wünschelrute, das Hellsehen, die Weissagungen der Propheten und wollen gar die Geschichtlichkeit eines Jesus leugnen, genau wie jene Akademiker an keine Meteoriten glauben wollten; es ist die Sorte, die nie ausstirbt und gegen welche Götter selbst vergebens kämpfen!“

„Sachte, sachte, Professorchen,“ lachte Münchhausen: „Sie sind auch nicht immer gläubig und haben sich schon manchmal mit Ihren Zweifeln verrannt.“

„Gebe ich zu! Aber hernach sehe ich es ehrlich ein und hülle mich nicht in Eigensinn und überlegenes Lächeln.“

„Am meisten,“ nahm der Lord das Wort, „belustigen mich die Gelehrten, die aus erhabenem wissenschaftlichen Wirklichkeitssinn jede Möglichkeit leugnen, ein Mensch könne Zukünftiges vorhersagen. Aus dieser vorgefaßten Meinung heraus geben sie sich unendliche Mühe, mit einem fabelhaften Aufwand von Phantasie und Mangel an Logik die prophetischen Weissagungen der Bibel wegzuerklären, und dann erzittern sie, wenn sie zu dreizehnt am Tische sitzen, weil das ein kommendes Unglück bedeuten soll, oder wenn ihnen eine schwarze Katze über den Weg läuft: ja, eine Zahl und eine Katze halten sie für Propheten und den prophetischenGeistbegreifen sie nicht! Nirgends sieht man es so deutlich bewiesen: Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren worden!“

„So ist es immer,“ sagte der Kapitän mit ungewohntem Ernst: „Ich habe es mein ganzes Leben lang beobachtet: wer die ewigen Wahrheiten nicht glauben will, verliert die Fähigkeit des klaren Denkens, hält Phantasien für Beweise und glaubt den kläglichsten Blödsinn.“

„Allerdings,“ sagte Flitmore: „Dabei merkt aber der Ärmste gar nicht, daß auch seine vermeintliche Weisheit nur Glaube ist, wenn auch ein unvernünftiger; vielmehr glaubt und behauptet er, auf dem Boden unfehlbarer wissenschaftlicher Ergebnisse zu stehen.“

„Wer an „unfehlbare wissenschaftliche Ergebnisse“ überhaupt glauben kann,“ schloß Schultze, „dem ist schon nicht zu helfen: er leidet an einem Verstandes- oder Willensfehler. Ein gebildeter Mensch, der zu klarem Denken fähig ist, muß einsehen, daß es wohl Ergebnisse der Beobachtung gibt, aber niemals zweifellose Ergebnisse der Wissenschaft. Wobei zu bemerken ist,daß auch die reinen Beobachtungsergebnisse, selbst wenn sie Jahrzehnte hindurch von den verschiedensten Beobachtern bestätigt werden, durchaus keine Gewähr der Richtigkeit bieten, wie schon die berühmten Marskanäle beweisen.“

John Rieger konnte diesen Erörterungen nicht recht folgen; er hatte aber noch eine Frage betreffend der Meteore auf dem Herzen, die er jetzt anbrachte, als die Herren schwiegen: „Sie haben so viele Vorkommnisse von Steinregen benannt, Herr Professor, aber alle aus alter Zeit. Heutzutage dürfte wohl so etwas überhaupt nicht mehr vorkommen in unserm aufgeklärten Zeitalter?“

„Da sehe einmal einer den Zweifler!“ polterte Schultze lachend: „Also auch du bist noch nicht überzeugt, mein Sohn Brutus, daß die Meteorfälle auf Erden Tatsache sind? Höre: auch heutzutage kommen sie häufig vor. So ist zum Beispiel bei Mugello in der Nähe von Florenz am 3. Februar 1910 ein Hagel von Meteoriten in glühendem Zustand niedergegangen, die Straßen, Felder und Weinberge bedeckten und die Kulturen vielfach zerstörten. Nach diesem Feuerregen zerriß plötzlich der Dunstschleier und es zeigte sich ein Komet von strahlendem Glanze.“

„Und das ist wirklich und wahrhaftig geschehen?“

„Wirklich und wahrhaftig: es stand in allen Zeitungen und ist so gut bezeugt, daß ein gebildeter Mensch es glauben muß.“

„Ja, dann glaube ich es natürlich und selbstverständlich auch,“ sagte Rieger selbstbewußt.

Die Reise war bisher so ergebnisreich verflossen, daß unsere Freunde noch nicht dazu gekommen waren, ein richtiges Konzert zu veranstalten, wenn auch hie und da ein halbes Stündchen durch vereinzelte musikalische Vorträge verklärt worden war. So war John einigemal aufgefordert worden, seine Flöte hören zu lassen oder hatte der Lord mit seiner Gattin vierhändig gespielt, — lauter erhebende Genüsse. Ganz besonders aber entzückte alle Heinz’ wunderbares Geigenspiel.

Der junge Schwabe liebte es namentlich, im Dunkeln zu spielen, sei es, daß er aus dem Gedächtnis seine Lieblingsschöpfungen großer Meister wiedergab, sei es, daß er phantasierte.

Wie überirdische Musik klang dieses wundersame Phantasieren durch den dunkeln Raum.

„Woher haben Sie nur diese Töne?“ fragte Lady Flitmore einmal: „Das ist ja die reinste Sphärenmusik!“

„Mir ist’s auch, als vernähme ich die Harmonie der Sphären,“ erwiderte Heinz nachdenklich: „Hören Sie nichts? Fliegen wir nicht durch den Raum, der von der wunderbarsten aller Harmonien erfüllt ist? Und mir ist’s, als riefe mir von einem fernen Stern eine melodische Stimme und locke mich durch ihren bezaubernden Gesang. Das sind Klänge aus höheren Wunderwelten, die ich vernehme, eine überirdische Musik, aber was ist dagegen mein schwaches, armseliges Spiel? Wohl ist es beseelt von den himmlischen Harmonien, doch nimmer ist es imstande, auch nur eine Ahnung von ihrem Zauber zu vermitteln.“

„O, Sie geben uns mehr als eine Ahnung davon,“ hatte dann der Lord gesagt; denn ihm, wie allen andern kamen die Töne wahrhaft überirdisch vor, die der junge Künstler seinem herrlichen Instrumente entlockte.

Heute nun wurde zum erstenmale ein regelrechtes Konzert veranstaltet, bei dem alle mitwirken sollten, abgesehen von Schultze, dem jegliche musikalische Ausbildung mangelte: „Gleich meinen Vettern, den Schimpansen,“ sagte er lachend.

Wie wir wissen, verstand sich Heinz nicht bloß auf die Violine, sondern auch aufs Pistonblasen; der Lord betätigte sich außer auf dem Klavier noch auf dem Cello und der Posaune; Mietje war eine vorzügliche Pianistin und John ein nicht zu verachtender Flötenbläser: es ließ sich also je nach Wunsch und Bedarf ein abwechslungsreich gestaltetes Orchester zusammensetzen.

Münchhausen behauptete, sehr musikalisch zu sein, erklärte aber: „Um die Klaviatur zu malträtieren oder die Saiten zu kratzen, fehlt es mir an der nötigen Beweglichkeit und Gelenkigkeit; Blasinstrumente kann ich wegen meiner fatalen Kurzatmigkeit nicht pusten, aber das Paukenschlagen verstehe ich vorzüglich und weiß ein Gefühl, eine Stimmung, eine Melodik hineinzulegen, daß ich mich anheischig machen wollte, in einem Paukensolo Ihnen die herrlichsten Schöpfungen unserer größten Meister in einer Weise vor Ohren zu führen, daß Sie gestehen müßten, kein Instrument reicht in seiner Wirkungsfähigkeit an die Pauke heran, und kein anderes ist so geeignet, den feinsten seelischen Stimmungsgehalt eines Musikwerks wiederzugeben, wie eben dieses Instrument der Instrumente.“

„Oho!“ lachte der Lord: „Das ist mir wirklich neu! Kapitän, Sie sind ein musikalisches Genie und eröffnen der Musik ganz neue Bahnen und Aussichten. Wahrhaftig! ein Paukenvirtuos, wer hat je von einem solchen gehört? So sei Ihnen denn die Pauke anvertraut, als dem Würdigsten unter uns.“

„Münchhausen“, sagte Schultze: „Was wollen Sie überhaupt mit einer Pauke? Sie reichen ja doch nicht mit ihren kurzen Armen um Ihre Leibeswölbung herum und können das von Ihnen so gepriesene Instrument überhaupt nicht treffen: Sie treffen höchstens Ihren eigenen Bauch und das ist ja auch eine Pauke, die jede künstliche Pauke entbehrlich macht. Überdieswird es für Sie eine äußerst zuträgliche Massage sein, wenn sie diese größte und herrlichste aller Pauken schlagen, mit der die Natur und Ihr guter Appetit Sie begabt hat.“

„Oho!“ protestierte der Kapitän: „Schultze, Sie sind schief gewickelt! Sie treiben da Ihren Spott mit einem Titanen der Musik, Sie, der Sie von Musik überhaupt nichts verstehen und bei unserem Konzert einzig und allein das verständnislose Publikum abzugeben vermögen. Allerdings gebe ich zu, daß dies ein notwendiger Bestandteil jedes richtigen Konzertes ist.“ —

„Nun, nun,“ eiferte der Professor: „Wenn ich auch nicht gerade Sachverständiger auf dem Gebiete des Kontrapunkts und der Harmonielehre bin, und nicht unterscheiden kann, ob Sie Beethoven oder Wagner pauken ...“

„Muß jeder feinhörige Mensch sofort an meinem Paukenschlag heraushören!“ unterbrach Münchhausen.

„Nanu! Wenn ich so fein auch nicht höre, so habe ich doch die größte Freude an der Musik und werde als verständnisloses Publikum doch ein dankbarer und begeisterter Hörer sein.“

„Bravo!“ rief Mietje, „als solchen kennen wir Sie, und für Sie wird denn auch das ganze Konzert gegeben.“

Unter den Virtuosen, die hier versammelt waren, hatte jeder seine besondere Vorliebe für diesen oder jenen großen Komponisten.

Lady Flitmore zog Schubert, Schumann, Mendelssohn und Chopin vor; ihr Gatte hielt Bach, Beethoven, Händel, Haydn und Weber für die Bedeutendsten; Heinz neigte mehr zu Wagner, Bruckner, Hugo Wolff und Grieg; Münchhausen begeisterte sich für Mozart, Brahms und Gluck, während John für Meyerbeer und Richard Strauß schwärmte.

Doch waren alle vielseitig und unparteiisch genug, um auch der andern Größe anzuerkennen und ihnen gern zu huldigen.

Am meisten bewies das Heinz, der trotz seiner Vorliebe für Wagner doch auch von Sebastian Bach so eingenommen war, daß er diesen weltumfassenden Geist durch mehrere kleine Gedichte gepriesen hatte, zu denen ihn die Töne des Meisters begeisterten.

Die Choralphantasie über „Komm heil’ger Geist, Herre Gott!“ hatte beispielsweise folgende Verse bei ihm ausgelöst:

Töne von Bach!Wie sie rauschen und schwellenGleich den Meereswellen!Ich denk’ ihm nach,Ob ich’s möge erfassen,Was sie ahnen lassen.Was reißt ihn fortÜber irdische SphärenZu den Himmelsheeren?Heilige Glut,Von Gott selber entzündet,Die da Liebe kündet;Liebe zu Gott,Die in seligen SchauernSprengt die irdischen Mauern;Liebe zu Dir,O Du Heiland der Seelen,Die in Schulden sich quälen.Töne von Bach,Sprengt die Ohren der Tauben,Daß sie weinen und glauben;Öffnet und helltDoch die Augen der Blinden,Ihren Heiland zu findenUnd die selige Welt!

Töne von Bach!Wie sie rauschen und schwellenGleich den Meereswellen!Ich denk’ ihm nach,Ob ich’s möge erfassen,Was sie ahnen lassen.Was reißt ihn fortÜber irdische SphärenZu den Himmelsheeren?Heilige Glut,Von Gott selber entzündet,Die da Liebe kündet;Liebe zu Gott,Die in seligen SchauernSprengt die irdischen Mauern;Liebe zu Dir,O Du Heiland der Seelen,Die in Schulden sich quälen.Töne von Bach,Sprengt die Ohren der Tauben,Daß sie weinen und glauben;Öffnet und helltDoch die Augen der Blinden,Ihren Heiland zu findenUnd die selige Welt!

Töne von Bach!Wie sie rauschen und schwellenGleich den Meereswellen!

Töne von Bach!

Wie sie rauschen und schwellen

Gleich den Meereswellen!

Ich denk’ ihm nach,Ob ich’s möge erfassen,Was sie ahnen lassen.

Ich denk’ ihm nach,

Ob ich’s möge erfassen,

Was sie ahnen lassen.

Was reißt ihn fortÜber irdische SphärenZu den Himmelsheeren?

Was reißt ihn fort

Über irdische Sphären

Zu den Himmelsheeren?

Heilige Glut,Von Gott selber entzündet,Die da Liebe kündet;

Heilige Glut,

Von Gott selber entzündet,

Die da Liebe kündet;

Liebe zu Gott,Die in seligen SchauernSprengt die irdischen Mauern;

Liebe zu Gott,

Die in seligen Schauern

Sprengt die irdischen Mauern;

Liebe zu Dir,O Du Heiland der Seelen,Die in Schulden sich quälen.

Liebe zu Dir,

O Du Heiland der Seelen,

Die in Schulden sich quälen.

Töne von Bach,Sprengt die Ohren der Tauben,Daß sie weinen und glauben;

Töne von Bach,

Sprengt die Ohren der Tauben,

Daß sie weinen und glauben;

Öffnet und helltDoch die Augen der Blinden,Ihren Heiland zu findenUnd die selige Welt!

Öffnet und hellt

Doch die Augen der Blinden,

Ihren Heiland zu finden

Und die selige Welt!

Ein andermal ließ er sich also vernehmen:

Sebastian Bach! Die Welt versinkt dem Geist,Der schauernd lauschet deinen mächt’gen Tönen;Und überwältigt ahnt er, was es heißt,Zu hören die Vollkommenheit des Schönen.O Bach, wie wird uns erst im Himmel sein,Wenn wir verzückt, von sel’gen EngelchörenGetragen, deine Meisterwerke hören,So heilig ernst und so vollkommen rein!

Sebastian Bach! Die Welt versinkt dem Geist,Der schauernd lauschet deinen mächt’gen Tönen;Und überwältigt ahnt er, was es heißt,Zu hören die Vollkommenheit des Schönen.O Bach, wie wird uns erst im Himmel sein,Wenn wir verzückt, von sel’gen EngelchörenGetragen, deine Meisterwerke hören,So heilig ernst und so vollkommen rein!

Sebastian Bach! Die Welt versinkt dem Geist,Der schauernd lauschet deinen mächt’gen Tönen;Und überwältigt ahnt er, was es heißt,Zu hören die Vollkommenheit des Schönen.

Sebastian Bach! Die Welt versinkt dem Geist,

Der schauernd lauschet deinen mächt’gen Tönen;

Und überwältigt ahnt er, was es heißt,

Zu hören die Vollkommenheit des Schönen.

O Bach, wie wird uns erst im Himmel sein,Wenn wir verzückt, von sel’gen EngelchörenGetragen, deine Meisterwerke hören,So heilig ernst und so vollkommen rein!

O Bach, wie wird uns erst im Himmel sein,

Wenn wir verzückt, von sel’gen Engelchören

Getragen, deine Meisterwerke hören,

So heilig ernst und so vollkommen rein!

Und die unvergleichlichen Passionsoratorien gaben Heinz die nachfolgenden Verse ein:

O heil’ge WundertöneZum heil’gen Gotteswort,Wie reißet eure SchöneDie Herzen mit sich fort!Der Erdenwelt entrücket,Knie ich erschauernd da:Es schaut mein Geist verzücketDas Kreuz auf Golgatha.Und was ich zitternd höreSo herzergreifend schön,Das sind der Engel ChöreAus lichten Himmelshöhn;Dazwischen MenschenstimmenVoll Leidenschaft und Wut,Die gegenDenergrimmen,Der sie erkauft mit Blut.Doch unaussprechlich mildeErtönt durch all den HohnDie Stimme durchs GefildeVom ew’gen Gottessohn:Das sind nicht ird’sche Sänge!Wie alles bebt und rauscht!O Bach, du hastdieKlänge,Dem Himmel abgelauscht!Vom heil’gen Geist durchdrungen,Ins Paradies entrückt,Hast du uns nachgesungen,Was Engel dort entzückt!

O heil’ge WundertöneZum heil’gen Gotteswort,Wie reißet eure SchöneDie Herzen mit sich fort!Der Erdenwelt entrücket,Knie ich erschauernd da:Es schaut mein Geist verzücketDas Kreuz auf Golgatha.Und was ich zitternd höreSo herzergreifend schön,Das sind der Engel ChöreAus lichten Himmelshöhn;Dazwischen MenschenstimmenVoll Leidenschaft und Wut,Die gegenDenergrimmen,Der sie erkauft mit Blut.Doch unaussprechlich mildeErtönt durch all den HohnDie Stimme durchs GefildeVom ew’gen Gottessohn:Das sind nicht ird’sche Sänge!Wie alles bebt und rauscht!O Bach, du hastdieKlänge,Dem Himmel abgelauscht!Vom heil’gen Geist durchdrungen,Ins Paradies entrückt,Hast du uns nachgesungen,Was Engel dort entzückt!

O heil’ge WundertöneZum heil’gen Gotteswort,Wie reißet eure SchöneDie Herzen mit sich fort!

O heil’ge Wundertöne

Zum heil’gen Gotteswort,

Wie reißet eure Schöne

Die Herzen mit sich fort!

Der Erdenwelt entrücket,Knie ich erschauernd da:Es schaut mein Geist verzücketDas Kreuz auf Golgatha.

Der Erdenwelt entrücket,

Knie ich erschauernd da:

Es schaut mein Geist verzücket

Das Kreuz auf Golgatha.

Und was ich zitternd höreSo herzergreifend schön,Das sind der Engel ChöreAus lichten Himmelshöhn;

Und was ich zitternd höre

So herzergreifend schön,

Das sind der Engel Chöre

Aus lichten Himmelshöhn;

Dazwischen MenschenstimmenVoll Leidenschaft und Wut,Die gegenDenergrimmen,Der sie erkauft mit Blut.

Dazwischen Menschenstimmen

Voll Leidenschaft und Wut,

Die gegenDenergrimmen,

Der sie erkauft mit Blut.

Doch unaussprechlich mildeErtönt durch all den HohnDie Stimme durchs GefildeVom ew’gen Gottessohn:

Doch unaussprechlich milde

Ertönt durch all den Hohn

Die Stimme durchs Gefilde

Vom ew’gen Gottessohn:

Das sind nicht ird’sche Sänge!Wie alles bebt und rauscht!O Bach, du hastdieKlänge,Dem Himmel abgelauscht!

Das sind nicht ird’sche Sänge!

Wie alles bebt und rauscht!

O Bach, du hastdieKlänge,

Dem Himmel abgelauscht!

Vom heil’gen Geist durchdrungen,Ins Paradies entrückt,Hast du uns nachgesungen,Was Engel dort entzückt!

Vom heil’gen Geist durchdrungen,

Ins Paradies entrückt,

Hast du uns nachgesungen,

Was Engel dort entzückt!

So verklärten sich diese Melodien in des jungen Künstlers Geist, wenn er ihnen als andächtiger Zuhörer lauschte. Wirkte er aber selber mit, wie heute, so legte er seine ganze Seele in den Ton, versenkt in die Gefühle, die des Meisters Geist beseelten, da er sein Werk schuf.

Die Klänge rauschten in harmonischer Fülle durch den Saal und dann erstarben sie in einem Pianissimo von einer Zartheit, das geradezu wunderbar wirkte; alle standen unter dem Banne einer heiligen Andacht und Schultze fühlte sich tief ergriffen und lauschte mit aller Anspannung, um ja keinen der leisesten Töne sich entgehen zu lassen.

„Bum!“ ein dumpfer Paukenschlag erscholl dröhnend durch das entzückende Pianissimo; wie eine Bombe zerstörend platzte er herein und zerschmetterte die klassischen Harmonien.

Was fiel dem Kapitän in seiner Ecke ein! War er ganz aus dem Konzept gekommen? Das war ja eine Roheit, ein Verbrechen an Beethovens unsterblichem Werke! So dachten alle, obgleich sie nicht aufsahen: Der Fehler war ja gewiß absichtslos, warf aber ein schlimmes Licht auf Münchhausens Musikverständnis.

Aber was war das? Noch schwebte das Pianissimo nach der unzeitgemäßen Störung elfenhaft durch die Räume, als die Pauke plötzlich ein wahres Kanonenfeuer eröffnete: „Bum, bum, bum-bum-bum!“ Mit schwerem Geschütz wurde das zarte Meisterwerk zusammengeschossen.

Nun sahen alle empört nach der Ecke. Da lag der Kapitän, in seinen Sessel zurückgesunken, und rieb sich, aus tiefem Schlaf erwachend die Augen: auch seine klassische Ruhe war durch den Donner der Pauke zerstört worden.

An seinem vielgerühmten Instrument aber stand Dick, ein äußerlich würdiger Stellvertreter des Entschlummerten, leider aber ein völlig unfähiger Paukenvirtuos. Dieser heillose Schimpanse hatte den Schlegel ergriffen, der dem Kapitän entsunken war und bearbeitete nun das Trommelfell mit wuchtigen, höchst temperamentvollen, aber durchaus unpassenden Schlägen.

Der Zauber der Stimmung war rettungslos dahin: ein unwiderstehliches Gelächter erschütterte den Saal; Münchhausen aber rief, sich ermunternd:

„Da sieht man’s, da hört man’s mit Ohren, daß die Pauke in der Tat das wichtigste Instrument in einem Konzerte ist: wer sie nicht zu handhaben versteht, ruiniert das erhabenste Meisterwerk mit tötlicher Sicherheit.“ Und er entriß dem verblüfften Schimpansen den mißbrauchten Schlegel.

Am folgenden Tag, den Tag zu 24 Stunden berechnet, kam die Sannah mitten unter die Planetoiden.

„Die Entdeckung dieser Planetoiden oder kleinen Planeten, die man auch Asteroiden nennt,“ belehrte Professor Schultze, „hat wieder einmal gezeigt, daß die von der Wissenschaft aufgestellten Naturgesetze niemals als etwas für alle Zeiten Gewisses und Feststehendes gelten können. In der Tat glaubte man bisher, die Planeten bewegten sich nahezu in der gleichen Ebene um die Sonne, und hielt dies für eines der großen Naturgesetze. Da entdeckte man diese Zwergplaneten, deren exzentrische Bahnen die Hinfälligkeit des angeblichen Gesetzes bewiesen.

Andererseits war ihre Entdeckung die glänzendste Bestätigung eines andern Naturgesetzes, das 1772 von Titius aufgestellt und später von Bode und Wurm genauer bestimmt wurde: es sollte danach zwischen den Abständen der Planeten von der Sonne ein bestimmtes gesetzmäßiges Verhältnis bestehen; nun aber zeigte sich zwischen Mars und Jupiter eine Lücke: nach dem Titiusschen Gesetze hätte sich dort ein Planet finden sollen. Und wirklich entdeckte Piazzi in Palermo am 1. Januar 1801 den kleinen Planeten Ceres, der aber bald durch seine Annäherung an die Sonne den Blicken entschwand.

Hätte nicht der große Mathematiker Gauß eine geniale Methode erfunden, durch die aus nur drei Beobachtungen eines Planeten seine Bahn berechnet werden kann, so hätte niemand gewußt, wo der neue Planet wieder aufgefunden werden könnte, und auch alle später entdeckten Planetoiden wären der astronomischen Beobachtung wieder entschlüpft. Allein nach der Gaußschen Berechnung konnte Olbers am 1. Januar 1802 die Ceres wieder auffinden und entdeckte im nächsten Jahre noch die Pallas,ebenfalls in der Lücke zwischen Mars und Jupiter. 1804 und 1805 wurden noch Juno und Vesta gefunden und 40 Jahre später entdeckte Hencke die Asträa; von da ab fand man noch mehrere Hundert solcher Wandelsternchen.

Eine solch verblüffende Bestätigung der Titiusschen Gesetzes schien dessen unumstößliche Richtigkeit zu beweisen und die Astronomie gewann dadurch auch bei den Laien ein Ansehen als einer Wissenschaft von unbezweifelbarer Zuverlässigkeit: ihre mathematischen Gesetze ließen ja selbst das Unbekannte mit Sicherheit feststellen.

Leider warf die Entdeckung des Planeten Neptun das ganze schöne Gesetz über den Haufen, denn die Entfernung dieses unbequemen Gesellen stimmte einfach nicht dazu. So mußte man einsehen, daß ein Naturgesetz, wenn es noch so glänzend sich bewährt, doch etwas zweifelhaftes bleibt.“

„Es wurde doch aber bloßeinPlanet zwischen Mars und Jupiter vermutet,“ warf Mietje ein: „wie kommt es, daß man sie zu Hunderten fand?“

„Das ist auch so ein Rätsel,“ erläuterte der Professor: „Anfangs war man geneigt, zu glauben, es handle sich um einen großen Planeten, der durch eine Explosion oder durch den Zusammenstoß mit einem Kometen in kleine Stücke zertrümmert worden sei. Gegenwärtig findet die Ansicht mehr Anerkennung, daß der Planet schon bei seiner Entstehung durch die Nähe des dicken Jupiter in der Entwicklung gehindert worden sei, und an seiner Stelle gleich eine Menge kleinerer Weltkörper entstanden seien, oder daß diese eine Art Spritzschaum bei Entstehung des Sonnensystems darstellen. Sie sind außerordentlich klein und man könnte zum Beispiel mit einem Eilzug innerhalb zwei Stunden um die ganze Atalanta herumfahren. Übrigens erschwert ihre Lichtschwäche die Beobachtung von der Erde aus ungeheuer und man kommt zu keiner sicheren Feststellung ihrer Massen und Maße.“

„Umso wertvoller sind unsere Beobachtungen aus nächster Nähe,“ sagte Flitmore: „Schauen Sie, Professor, da kommen wir wieder an einem dieser Zwerge vorbei.“

„Ah!“ rief Schultze, „das ist interessant: keine Spur von Kugelform! Ein durch den Raum sausendes Felsgebirge ist’s. Es mag 300 Kilometer lang, 50 Kilometer breit und höchstens 4 Kilometer dick sein, abgesehen von seinen Zacken und Spitzen.“

„Merken Sie wohl, diese Planetoiden haben keine Rotation, sie drehen sich nicht um ihre Achse.“

„Bei solchen formlosen Klumpen,“ lachte Münchhausen, „ist eine Achse überhaupt nicht vorhanden.“

Eine längere Beobachtung der merkwürdigen Weltkörper ergab tatsächlich, daß von einer Umdrehung nichts zu bemerken war. Wenn je eine solche stattfand, so mußte sie ganz außerordentlich langsam vor sich gehen.

Heinz bemerkte noch: „Alles, was wir hier sehen, weist so regellose Formen auf, daß ich schon daraus schließen möchte, daß wir es trotz aller neuesten Ansichten dennoch mit den Splittern eines Planeten zu tun haben, und schon der Mangel an Kugelformen legt auch den Mangel einer Rotation nahe.“

„Nun sehen Sie,“ begann der Lord wieder: „Weil diese Planetoiden keine oder doch nur eine äußerst langsame Umdrehung ausführen, sind sie nicht imstande, sich mit einer atmosphärischen Hülle zu umgeben; dadurch entsteht bei ihrem Umlauf um die Sonne ihre starke Reibung an der Weltatmosphäre, und so kommt es, daß sie glühen und leuchten. Besäßen sie den Schutz einer Lufthülle, so müßten sie bei ihrem geringen Durchmesser längst zu Eis erstarrt sein.“

Das leuchtete ein, um so mehr als späterhin eine ganze Anzahl dunkler Planetoiden entdeckt wurde, die eine sichtliche rasche Rotation aufwiesen und auch die Form von meist stark abgeplatteten Kugeln zeigten. Diese hatten sich offenbar infolge ihrer Umdrehung um die eigene Achse mit eineratmosphärischen Hülle umgeben, die sie vor der Reibung im Weltraum schützte, so daß sie erstarren konnten.

Allein nicht ohne boshaften Triumph machte der Professor bald eine Entdeckung, die ihn zu dem Ausruf veranlaßte: „Und dennoch, weiser Lord, geht Ihre geniale Theorie in die Brüche, da sehen Sie hin! Hier ist ein Planetoid von sphärischer Form, der ganz lustig um seine Achse wirbelt, also nach Ihnen die Schutzhülle einer Atmosphäre genießt, und dennoch leuchtet er, wenn auch etwas matt.“

Flitmore beobachtete den seltsamen Weltkörper. Sphärisch war er kaum zu nennen, denn er erschien so plattgedrückt, daß er eher einem Schweizerkäse glich, allerdings einem oben und unten rundlich aufgewölbten. Die Rotation war unverkennbar, denn man konnte Bergspitzen am Rande erkennen, die innerhalb einer Viertelstunde merklich ihre Lage veränderten. Es ließ sich daraus eine Umdrehungszeit von 5 Stunden ausrechnen. Daß der Planet eigenes Licht besaß, war unzweifelhaft.

Der Lord schüttelte den Kopf: „Wenn sich dieser Asteroid in Glut befände, dann allerdings wäre meine Ansicht widerlegt, wenn er nicht etwa erst vor kurzer Zeit entstanden oder durch einen Zusammenstoß plötzlich erhitzt sein sollte. Es ist ja gar nicht unwahrscheinlich, daß mitunter die Anziehungskraft eines solchen rotierenden Körpers bewirkt, daß ein größerer Brocken, der in seine Nähe kommt, auf ihn stürzt und sich mit ihm vereinigt, wobei er durch die Heftigkeit des Anpralls vorübergehend zur Leuchtglut gelangen würde. Ich vermute jedoch eher, daß dieses Leuchten ein phosphoreszierendes ist oder von leuchtenden Substanzen, Radium und dergleichen herrührt. Ich meine, die Sache ist es wert, daß wir uns durch den Augenschein überzeugen und auf dem Streitobjekt landen.“

„Lord“, mahnte Schultze: „Sie würden dabei riskieren, daß die Sannah in Glut gerät und wir alle elendiglich verbrennen.“

„Sollte es uns zu heiß werden,“ lachte Flitmore, „so machen wir uns einfach aus dem Staube.“

Da eine rechtzeitige Flucht jede Gefahr ausschließen konnte, entschlossen sich alle, den Landungsversuch zu unternehmen und der Herr des Weltschiffs stellte den Zentrifugalstrom ab.

Als die Sannah auf dem Planetoiden landete, begab sich der Lord mit Schultze in den untersten Raum, dessen Wände auf der Oberfläche des Weltkörpers aufruhten. Hier wollte er abwarten, ob eine merkliche Erhitzung der Wandungen stattfinde, ehe der Ausstieg gewagt wurde.

Der Professor hielt immer wieder die Hand an den Boden; denn er glaubte, esmüsseeine gewaltige Steigerung der Temperatur erfolgen; aber er konnte nichts dergleichen wahrnehmen und auch das angelegte Thermometer stieg innerhalb einer halben Stunde um nur einen Grad.

„Entweder ist die Schutzhülle der Sannah von ganz wunderbarer Vortrefflichkeit“, sagte Schultze erstaunt, „oder Sie behalten recht, Lord. Zu Eis erstarrt ist der Planetoid aber keinesfalls; Wärme strahlt er unter allen Umständen aus; denn die Temperatur steigt, wenn auch kaum merklich.“

„Ich denke, wir können es wagen, uns ins Freie zu begeben“, meinte der Engländer: „Es fragt sich nur noch, wie die Luftverhältnisse sind.“

Sie erstiegen nun das Nordpolzimmer, in dem die andern ihrer harrten. Die Lucke wurde vorsichtig geöffnet und Dick gegen den Spalt geschoben. Der Affe wich nicht zurück, im Gegenteil, er drängte den Kopf gegen die Öffnung, ein Zeichen, daß keinerlei giftige Gase einströmten.

Nun öffnete der Lord die Türe weit und Dick und Bobs sprangen vergnügt hinaus, um alsbald an den Rampen hinabzuklettern.

Flitmore trat unter die Türe und sah hinaus. Die Seite des Planetoiden, auf der die Sannah festlag, war von der Sonne abgewendet, das heißt es herrschte zur Zeit Nacht auf ihr; allein es war durchaus nicht dunkel dort unten!

Große dunkle Flächen zeigten sich allerdings, aber sie schwammen wie Inseln in einem leuchtenden Meer. Taghelle herrschte freilich nicht; aber ein wunderbares, entzückendes sanftes Schimmern in allen Farbenabstufungen: hier glänzte alles in grünem Schein, dort glühte es rot, dort wieder blau und violett; an einzelnen Stellen brach ein milchweißes Licht hervor, das seine Strahlengarben hoch emporsandte, gleich einem elektrischen Scheinwerfer.

Da und dort schwammen buntdurchleuchtete Nebelwolken über dem Boden. Ein leiser Luftzug trieb sie zuweilen weiter, und je nach der Färbung der Strahlen, die vom Grunde aufstiegen, über den sie schwebten, wechselte auch ihre Farbe in zauberschönem Spiel.

Eine würzige, lauwarme Luft wehte dem Lord entgegen und als er sah, daß die Schimpansen den Erdboden erreicht hatten und sich ohne irgend ein Zeichen von Mißbehagen, vielmehr seelenvergnügt auf dem leuchtenden Boden tummelten, hakte er die Strickleiter ein und ließ sie hinabfallen.

Dann stieg er als erster in die Tiefe.

Ein lautes „Ah!“ des Entzückens erscholl aus Mietjes Munde, als sie hinter ihm aus der Türe trat und auch die Nachfolgenden hielten überraschte Ausrufe der Bewunderung nicht zurück.

„Alles in bengalischer Beleuchtung zur Feier unserer Ankunft!“ rief Münchhausen, als er mühsam aber mit begierigem Eifer die schwanke Strickleiter hinabkletterte, die unter seiner Last knirschte und stöhnte.

Bald waren alle unten versammelt. Es schien eine Wiese zu sein, die sie betreten hatten und das Gras leuchtete in grünem Schimmer von innen heraus; aber auch der Erdboden selber, wo er zwischen den Gräsern sichtbar wurde, phosphoreszierte in weißem und gelblichem Schimmer: alles schien durchleuchtet!

Flitmore brach zuerst das Schweigen.

„Laßt uns dieser Wunderwelt, dir wir entdeckten und die uns einen neuen Einblick in die schöpferische Allmacht gewährt, einen Namen geben! Mietje, nach dir möchte ich den lieblich und herrlich zugleich erschimmernden Stern benennen.“

„Nein, mein Lieber!“ verwahrte sich Mietje entschieden: „Weder fühle ich mich würdig einer solch außerordentlichen Pracht meinen Namen leihen zu lassen, noch ist der schlichte Klang dieses Namens geeignet, diese herrliche, strahlende Welt zu kennzeichnen: sie bedarf eines klangvollen Namens.“

„Nun, so sollst du jedenfalls das Recht haben, den Namen zu wählen,“ sagte ihr Gatte und fügte höflich hinzu: „Falls die Herren nichts dagegen haben.“

„Das wäre noch schöner!“ rief Schultze: „Wir haben weder ein Recht dazu, noch wüßten wir eine würdigere Wahl zu treffen.“

„Nun denn!“ ließ sich Mietje vernehmen: „Ich trage im Herzen das Bild einer stolzen und zugleich anmutigen Prinzessin, einer Heldin, der wir alle, außer Herrn Friedung, der nicht das Glück hat, sie zu kennen, unendlich viel verdanken, einer edlen Seele, die wir bewundern, eines goldnen Herzens, das wir lieben lernten. Wie seh ich ihr leuchtendes Auge im Geiste mich anblitzen und wie schmeichelt sich mir der Klang ihres Namens ins Ohr.“

„Tipekitanga!“ rief Münchhausen begeistert. „Brava, brava! Unsre Tipekitanga verdient wahrhaftig solche Ehre!“

Wir müssen hier bemerken, daß der Kapitän der italienischen Sprache mächtig war und daher einer Dame gegenüber nicht das männliche „Bravo!“ gebrauchte, wie es bei Unwissenden üblich ist, sondern das einzig richtige „Brava“, das einem weiblichen Wesen zukommt, dem man Beifall spendet.

Auch der Professor und der Lord waren mit Mietjes Vorschlag einverstanden und ersterer bemerkte:

„Es ist überhaupt ein besonders glücklicher Gedanke, diesem Planetoiden den Namen einer Zwergprinzessin beizulegen, sind doch diese Weltkörper die Zwerge unter den Planeten und der von uns betretene scheint mir in seinem leuchtenden Geschmeide eine Prinzessin unter den Asteroiden zu sein.“

Nachdem nun diese Frage zu allgemeiner Genugtuung erledigt war, wurde eine Entdeckungsreise auf dem neugetauften Planeten unternommen.

„Gehen wir nach Westen,“ schlug der Lord vor: „Ich vermute, daß der Anblick dieser Lichtwelt bei Nacht am reizendsten ist und wir gehen in dieser Richtung der Sonne aus dem Wege.“

Auch dieser Vorschlag fand keinen Widerspruch, und so wanderten unsre Freunde durch die leuchtenden Auen, von einem Entzücken ins andre geratend.

Der grünen Wiese schloß sich eine blumige Au an: die roten, gelben und blauen Blumen strahlten jede ihr eigentümliches Licht aus; man glaubte, den leuchtenden Saft in den Stengeln emporsteigen und in dem feinen Geäder der Blütenblätter kreisen zu sehen.

Das weiße Licht entstrahlte dem Boden an Stellen, die des Pflanzenwuchses bar waren und die aus leuchtender Kreide oder Kalkstein zu bestehen schienen.

Dann kamen Gebüsche und Stauden mit zartviolettem Blattwerk, Bäume, zwischen deren mattlichten Blättern orangerote und goldgelbe, auch purpurne und silbergraue Früchte förmlich strahlten und gleich venezianischen Laternen die Umgegend erhellten.

Wunderbar erschien vor allem das Silberleuchten der Bäche, die sich durch die Auen schlängelten und der weißaufblitzende Schaum der Wasserfälle, die sich von felsigen Hügeln herabstürzten. Diese massiven Felsen, die sich aus der Ebene erhoben, stellenweise auch als tafelartige Flächen in der Ebene selber lagen, bildeten die dunkeln Flecken, die unsern Freunden gleich zu Anfang aufgefallen waren. Sie erhöhten in ihrem Teil den Reiz des Ganzen und der zauberhafte Eindruck des farbenbunten Lichtes hätte sicher Einbuße erlitten, wenn nicht die Schatten es wirksam unterbrochen und gehoben hätten.

Märchenschön erschienen die Teiche und Seen, deren Gewässer in verschiedenen Farben vom lichtesten Blau bis zum dunkelsten Violett, vom zartesten Rosa bis zum düstersten Purpur glühten. Über ihnen schwebten die beweglichen, durchleuchteten Nebelwolken, die sich, vom Nachthauch getrieben, in zerflatternden Streifen über Wiesen und Auen hinzogen.

Die Berge, die stellenweise zu überklettern waren, zeigten sich stets von mäßiger Höhe und boten keine besonderen Schwierigkeiten. In der Regel war das Gestein dunkel; doch auch hier waren Schichten selbstleuchtender Mineralien eingesprengt und einen besonders feenhaften Anblick gewährte es, wenn man über Geröll dahinwanderte, das aus lichtsprühenden Steinchen aller Färbungen bestand: es war, als schritte man über Diamanten Rubine, Saphire und andre Edelsteine hinweg, die im eigenen Glanze funkelten und bei jedem Tritt bunt durcheinanderrollten mit melodischem Klingen und wunderbarem Geblitz und Geflimmer. Flitmore machte fleißig farbige photographische Aufnahmen, die sich späterhin als von wunderbarer Wirkung erwiesen und ein herrliches und dauerndes Andenken an die buntleuchtende Pracht der Tipekitanga bildeten.

Nach fünfstündiger Wanderung, die nur durch eine halbstündige Frühstücksrast unterbrochen worden war, sahen unsre Freunde die Sonne hinter sich emporsteigen.

Wie Flitmore richtig vermutet hatte, löschte ihr Glanz den Hauptreiz des Wunderplaneten aus.

Zwar erschienen die leuchtenden Farben auch jetzt noch von einer Pracht, mit der nichts auf der Erde sich vergleichen ließ und man konnte das eigene Licht des Erdbodens, des Wassers und der Pflanzen ganz deutlich unterscheiden. Aber das feenhafte Schauspiel, das sie im nächtlichen Dunkel boten, war es nun doch nicht mehr.

Wie in einem Märchentraum waren die Wandrer bisher dahingewandelt, schwelgend in nie geahnter Seligkeit des Schauens. Jetzt brachte das altgewohnte Licht des Tagesgestirns das Erwachen, doch konnte es nicht die Eindrücke verwischen, die sich ihnen unauslöschlich eingeprägt hatten.

Aber was war das? Vor ihnen ragte die Sannah aus leuchtenden grünen Matten!

Nicht mehr als eine Stunde brauchten sie, um wieder auf dem Platze zu stehen, von dem aus sie die herrliche Rundreise angetreten hatten.

In fünf Stunden hatte die Tipekitanga ihre Umdrehung um ihre Achse vollendet, nicht viel mehr als sechs Stunden hatten die Wandernden gebraucht, um den Planetoiden im Äquator in seinem ganzen Umfang zu umschreiten: wahrhaftig eine Zwergprinzessin unter den Planeten!

Noch einige Stunden ergingen sich unsre Freunde im Tageslicht auf der paradisischen Tipekitanga. Sie kosteten nun auch die leuchtenden Früchte, nachdem das Beispiel der Affen, die ganze Massen davon mit Gier vertilgten, sie versichert hatte, daß keine Gefahr dabei sei.

Diese Früchte erwiesen sich nicht bloß als erfrischend und saftig, von köstlichem und sehr verschiedenem Wohlgeschmack, sondern es schien eine eigentümliche, stärkende und belebende Kraft von ihnen auszugehen: nach ihrem Genuß fühlte man sich in äußerst gehobener Stimmung, eine niegekannte Lebensfreudigkeit beseligte die Gemüter und neue Kräfte schienen die Adern zu schwellen.

Selbst Münchhausen rühmte: „Ich fühle mich so frisch und leicht, als sei meine ganze Körperlast geschwunden und ich könnte mich als ätherisches Wesen in die Lüfte erheben.“

Alle mußten lachen, wenn sie die Masse des Kapitäns betrachteten und dabei hörten, daß er sich einem ätherischen Wesen verglich.

„Na, einen Luftballon könnten Sie ja immerhin vorstellen,“ meinte Schultze: „Tun Sie ihren Gefühlen keinen Zwang an und schweben Sie immer mal empor, wir alle freuen uns auf den köstlichen Anblick.“

Mit dem Schweben des Dicken hatte es aber noch gute Wege. Von den herrlichen Früchten wurden reiche Vorräte in die Sannah geschafft, obgleich man nicht wissen konnte, wie lange sie sich halten würden.

Inzwischen waren die kurzen Tagesstunden verflogen und die Wiesen und Fluren leuchteten wieder in ihrem vollen Zauber.

Am Himmel aber stieg ein strahlender Komet auf, den zuvor niemand beobachtet hatte.

„Er weist uns den Weg zur Weiterfahrt!“ sagte Flitmore.

Alle begaben sich wieder in das Weltschiff, der Strom wurde eingeschaltet und der bunte Glanz unter ihnen floß zusammen in einem milden Schimmer. Allmählich wurde die Tipekitanga wieder der still leuchtende Stern, wie sie ihn zuerst erblickt hatten und flog auf ihrer Bahn vor aller Augen davon in die dämmernden Fernen.

Um so prächtiger strahlte der neue Komet, dem sich jetzt die allgemeine Aufmerksamkeit ungeteilt zuwendete.

John Rieger, der gebildete Schwabensohn, wandte sich wieder einmal an den Professor in seinem unstillbaren Durst nach Aufklärung. Bei ihm hieß es auch: „Zwar weiß ich viel, doch möcht’ ichalleswissen.“ Und so begann er denn in seiner gewählten Sprechweise:

„Hochwertester Herr Professor, falls es Ihnen nicht zu geringwertig erscheinen dürfte, möchte ich Sie mit Vergnügen ersuchen, ob Sie nicht geneigt sein wollten, mir einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten, wie Sie es so vorzüglich verstehen, über einige Punkte der asternomischen Wissenschaft, in denen ich mich noch sozusagen in verhältnismäßiger Unwissenheit befinde.“

„Wenn ich dir dienen kann, teuerster Sohn, so bin ich stets bereit,“ erwiderte Schultze: „Laß hören, was für einen Gegenstand du erläutert haben möchtest.“

„Nichts andres, als eben die Kometen, was nämlich eigentlich solch ein Haarstern von Natur ist und wo er her kommen tut und warum er überhaupt einen Schwanz hat?“

„Ja, lieber Freund, das sind zum Teil verfängliche Fragen: so ganz Gewisses weiß man ja darüber überhaupt nicht und die Gelehrten sind noch lange nicht einig; doch will ich dir gerne kund tun, wie es mit all dem nach dem heutigen Stande der Wissenschaft steht.

Wo die Kometen herkommen, ist verhältnismäßig am einfachsten zu beantworten: einige gehören unserem Sonnensystem an und kehren regelmäßig wieder, das sind etwa 6000 Stück, von denen allerdings die wenigsten mit bloßem Auge sichtbar sind. Sie haben eine elliptische Bahn; aber während die Ellipse, welche die Planeten um die Sonne beschreiben, beinahe ein Kreis ist, gleicht die Bahn der Kometen einer Parabel: sie verläuft fast geradlinig bis an ihr Ende, das heißt bis zur Stelle, wo der Komet sich wendet, um wieder an seinen Ausgangspunkt zurückzukehren. DieUmlaufzeit dieser Kometen ist zum Teil sehr kurz, sie können alle drei bis sechs Jahre wiederkehren; sie kann aber auch sehr lang sein wie beim donatischen Komet, wo sie 1900 oder beim großen Komet von 1881, wo sie gar 3000 Jahre beträgt.

„Die Kometen mit kurzer Umlaufzeit sind meist nur mit dem Fernrohr zu sehen, was daher kommen mag, daß sie durch ihre häufige Annäherung an die Sonne immer mehr aufgelöst und somit immer lichtschwächer werden.

„Nun gibt es aber auch Kometen, die aus unermeßlichen oder gar unendlichen Fernen kommen, gleichsam Boten aus der Fixsternwelt; das sind diejenigen, deren Bahn eine Parabel oder einen Hyperbelast beschreibt und sich daher ins Unendliche erstreckt. Die Parabelbahnkometen kehren in die Gegend zurück, aus der sie gekommen sind, die Hyperbelbahnkometen in andre Himmelsgegenden. Bei der Annäherung an die Sonne krümmen sie ihre Bahn sehr stark infolge der Sonnenanziehung, wenden sich um die Sonne herum und entschwinden dann wieder auf Nimmerwiedersehen aus unserm Sonnensystem.

Doch eben die Anziehungskraft der Sonne oder auch eines Planeten, namentlich des gewaltigen Jupiter, kann einen derart störenden Einfluß auf die Bahn solcher Kometen ausüben, daß sie aus einer parabolischen oder hyperbolischen zu einer elliptischen wird. Dann hat unser Sonnensystem den Weltenbummler sozusagen eingefangen und er muß nun immer wiederkehren in regelmäßiger Umlaufszeit.

Aber auch umgekehrt kann die elliptische Bahn eines Kometen in eine parabolische oder hyperbolische verwandelt werden und dann ist er für uns verloren. So ist zum Beispiel der Lexellsche Komet, der 1770 von Messier entdeckt wurde in eine schlimme Balgerei mit dem Jupiter geraten, dem er allzunahe kam. Lexell berechnete seine Umlaufszeit zu 5½ Jahren; auch stellte es sich heraus, daß dieser Komet erst 1667 durch eben den Jupiter für unser Sonnensystem eingefangen worden war.

Im Jahre 1779 näherte sich der Frechling wiederum dem Jupiter und entblödete sich nicht, sogar zwischen dessen Monden hindurchzugehen. Der mit Recht entrüstete Planet warf den Eindringling zum zweitenmal aus seiner Bahn, so daß er nun eine Umlaufzeit von 27 Jahren hatte.

Im Frühjahr 1886 machte der Lexellkomet einen neuen Annäherungsversuch und hielt sich volle acht Monate in der Nähe des großen Planeten auf. Hiedurch wurde seine Bahn wiederum verändert und er erhielt eineUmlaufzeit von sieben Jahren. So wurde er 1889 wieder sichtbar: aber es läßt sich vorausberechnen, daß der unverschämte Geselle den Jupiter nicht in Ruhe läßt, bis diesem die Geduld reißt und er ihn endgültig aus unserm Sonnensystem hinausschmeißt wegen wiederholten Hausfriedensbruches.

Über die Bahnen der Kometen ist noch zu sagen, daß sie nicht wie die der Planeten nur mäßig gegen die Erdbahn geneigt sind, sondern die verschiedensten Neigungswinkel aufweisen. Bei einem Neigungswinkel von 0 bis 90 Grad zur Erdbahn ist der Komet rechtläufig, das heißt er bewegt sich in gleicher Richtung wie die Erde um die Sonne. Beträgt aber die Neigung 90 bis 180 Grad, so bewegt er sich in entgegengesetzter Richtung zur Erde und wird ‚rückläufig‘ genannt.“

„Ja, aber wie ist es mit den Schweifverhältnissen?“ fragte der wißbegierige John weiter.

„Ja so! Von Hause aus haben die Kometen keinen Schweif und sind sehr lichtschwach, obgleich sie zweifellos eigenes Licht ausstrahlen. Erst wenn sie sich unsrer Sonne nähern, leuchten sie immer heller auf und senden eine oder mehrere, oft pendelartig schwingende Ausstrahlungen der Sonne zu, die sich unter starker Verbreiterung zurückbiegen und den Kometenkern mit einer strahligen Nebelmasse umhüllen, die man ‚Koma‘ nennt.

Die umgebogenen Ausstrahlungen setzen sich fort in dem der Sonne stets abgewendeten Schweif, der allein dem bloßen Auge sichtbar ist und oft eine Länge von vielen Millionen Kilometern erreicht. Bei der Sonnennähe oder kurz darauf erreicht er seine größte Länge und Helligkeit. Je mehr sich der Komet von der Sonne entfernt, desto schwächer und kürzer wird sein Schweif, bis er samt Koma und Ausstrahlungen verschwindet und nur noch eine matte, runde Nebelmasse, ein leichtes Wölkchen übrig bleibt, wie vor der Annäherung an die Sonne.

Kometen, die der Sonne nicht nahe kommen, bilden nur eine runde oder auch unförmliche Nebelmasse, matt und verwaschen, ohne Schweifbildung.

Bis jetzt ist noch kein Komet beobachtet worden, dessen Perihel oder Sonnennähepunkt weiter als die Jupiterbahn von der Erde entfernt wäre; das beweist nicht, daß es nicht auch solche gibt, sondern nur, daß sie uns nicht sichtbar werden wegen allzu geringer Leuchtkraft.

Manche Kometen entwickeln mehrere mehr oder wenig gekrümmte Schweife. So breitete der Komet von 1744 sechs fächerförmige Schweifeaus; er war so hell, daß man ihn mit bloßem Auge zur Mittagszeit in der Nähe der Sonne sehen konnte.“

John war noch nicht befriedigt und fragte weiter: „Wieso aber eigentlich, falls doch die Kometen von Natur aus schweiflos sind, wächst ihnen ein solcher, wenn sie zur Sonne gelangen?“

„Das macht die anziehende Kraft der Sonne, mein Bester. Allerdings begreift man noch nicht zur Genüge, warum die Ausstrahlungen, die anfangs der Sonne zustreben, zurückgebogen werden und so den der Sonne abgewendeten Schweif bilden, dessen Krümmung abhängt von dem Verhältnis der abstoßenden Kraft zur Bahngeschwindigkeit des Kometen. Vielfach wird angenommen, das Sonnenlicht übe diese abstoßende Wirkung aus, andre denken an elektrische Erscheinungen. Es können da viele Kräfte wirksam sein, die wir noch nicht kennen. Wenn sich zum Beispiel der Schweif in mehrere auseinandergehende Büschel spaltet, scheinen schwächere, seitlich wirkende Kräfte wirksam zu sein. Man beobachtet zuweilen auch im Schweif eine wolkenähnliche Verdichtung, die selber wie ein kleiner Komet aussieht, der ebenfalls eine Mähne besitzt. Auch plötzliche Lichtausbrüche kommen vor, seltener eine plötzliche Lichtabnahme.“

„Meine Fliehkraft erklärt alles,“ warf der Lord ein: „Die vom Kometen ausgestoßenen Stoffe sind mit Zentrifugalkraft geladen und werden daher von der Sonne abgestoßen.“

„Mag sein!“ sagte Schultze achselzuckend und fuhr dann fort: „Was nun den Stoff betrifft, aus dem die Kometen bestehen, so scheint er von äußerst geringer Dichte zu sein; wenigstens der Schweif muß eine äußerst dünn verteilte Staub- oder Dampfwolke sein; denn die Sterne schimmern unverdunkelt und ohne Lichtbrechung hindurch.

Die Spektralanalyse wies Natrium- und Eisenlinien nach, namentlich auch Kohlenwasserstoff und Kohlenoxyd; es ist also immerhin möglich, daß so ein Kometenschweif Petroleum enthält und andere Stoffe, auch giftige Gase, die gefährlich werden könnten, wenn sie in die Erdatmosphäre eindrängen. Andrerseits scheint ihre geringe Dichtigkeit jede Gefahr wieder auszuschließen. Jedenfalls hat die Erde im Jahre 1861 den Schweif des Halley-Kometen durchkreuzt ohne Schaden zu nehmen, ja ohne daß es nur irgendwer merkte; erst nachträglich wurde die Tatsache bekannt. In früheren Zeiten freilich glaubte man, die Kometen gingen von irdischen Dünsten aus und brächten Pest und Seuchen; auch als Kriegsruten, die großes Blutvergießenund andere schwere Katastrophen anzeigen sollten, wurden sie angesehen.“

„Ganz ausgeschlossen ist es trotzdem nicht,“ meinte der Lord, „daß unter ungünstigen Verhältnissen die Luft der Erde durch Kometengase vergiftet werden könnte, so daß alles Leben in einem Augenblicke zu Grunde ginge. Was uns vor diesem Schicksal bewahrt, ist meiner Ansicht eben der Umstand, daß die Fliehkraft die Erde veranlaßt, diese Stoffe von sich abzustoßen. Sternschnuppenregen und Meteorfälle aber belehren uns, daß diese abstoßende Kraft auch überwunden werden kann, und dies hängt wahrscheinlich mit der Geschwindigkeit des Zusammentreffens ab. Begegnet zum Beispiel die Erde dem Schweife eines sich mit außerordentlicher Geschwindigkeit bewegenden rückläufigen Kometen, so erfolgt der Zusammenstoß mit großer Plötzlichkeit, da beide einander entgegensausen und sich so die Geschwindigkeit der Erde zu der des Kometen addiert. In diesem Fall dürfte der abstoßenden Kraft die Zeit fehlen, in Wirksamkeit zu treten.“

„Wie ist es aber,“ fragte nun Mietje, „wenn ein Weltkörper, sagen wir die Erde, mit dem Kern oder Kopf des Kometen zusammenstößt?“

„Das ist eine Frage für sich,“ erwiderte der Professor. „Im allgemeinen ist ja die Sache für den Kometen selber am gefährlichsten. Wir sehen ja, wie die Annäherung an die Sonne einen Teil seines Kerns in flüchtige Bestandteile auflöst, die beispielsweise beim Kometen von 1843 einen Schweif von 320 Millionen Kilometern bildete. Ziehen nun die Kometen den Schweif auch wieder ein, so erleiden sie doch enorme Verluste an Materie und werden so immer geringer an Masse, bis sie sich schließlich ganz auflösen.

Bekanntlich kam der Bielasche Komet 1845/1846 dem Jupiter so nahe, daß man einen Zusammenstoß erwartete; doch erlitt der große Planet keinen sichtlichen Schaden, während der Komet in zwei Teile gespalten wurde, die späterhin ganz verschwanden oder vielmehr einen Meteorschwarm bildeten, durch den die Erde des öfteren dahinging, bis auch er schließlich ausblieb.

Der Septemberkomet von 1882, dessen Vorübergang vor der Sonne Finlay und Elkin am Kap der Guten Hoffnung am lichten Tage beobachten konnten, ging durch die Glutatmosphäre der Sonne. Wie erstaunt war man in Amerika, hernach zu entdecken, daß er nicht weniger als sieben Junge gekriegt hatte, die ihm folgten, wie die Küchlein der Gluckhenne.

Andrerseits kann aber nicht geleugnet werden, daß der Zusammenstoß mit dem Kern eines Kometen auch ernste Gefahren in sich bergen kann. Manche Kometen bewegen sich mit solch ungeheurer Geschwindigkeit, daß ein Anprall ihrer festen Masse, wenn sie von irgendwie bedeutender Ausdehnung ist, den getroffenen Planeten in Glut versetzen müßte. Der Komet von 1843 vollzog seine Wendung um die Sonne mit solch fabelhafter Schnelligkeit, daß er binnen weniger Stunden von der einen Seite nach der andern gelangte. Dagegen ist die Geschwindigkeit unsrer Erde mit 30 Kilometern in der Sekunde ein Schneckentempo. Welche Geschwindigkeit erst die Bestandteile seines 320 Millionen Kilometer langen Schweifes an dessen Ende hiebei entwickeln mußten, übersteigt unsre Fassungskraft.“

„Ich meine aber,“ wandte Heinz ein, „man hält neuerdings auch den Kern der Kometen für eine nebelartige, gasförmige Masse ohne Festigkeit.“

„Das ist angesichts der Tatsachen eine ganz unhaltbare Ansicht,“ widersprach Schultze: „Denken Sie doch, daß die Meteore, die auf die Erde fallen, zum Teil Eisenblöcke von ungeheurem Gewichte sind. Und diese Brocken scheinen nicht einmal dem Kern, sondern dem Schweif der Kometen zu entstammen, in dem man oft stark verdichtete Lichtknoten beobachtet.

Allerdings glaubt man, daß die Erde 1872 und 1885 mit den beiden Köpfen des Biela-Kometen zusammenstieß, da der Schweif eine ganz andre Bewegungsrichtung hatte als die damals niedergehenden Sternschnuppen oder Meteorschwärme. Sollte das richtig sein, so ist immerhin zu berücksichtigen, daß es sich hier um einen durch Jupiter zertrümmerten und in Auflösung begriffenen Kometen handelte.

Daß es aber überhaupt einem Kometen möglich ist, so nahe am Jupiter vorbeizukommen oder gar durch die glühende Korona der Sonne zu sausen, wie es auch vorkommt, ohne völlig in Dunst aufgelöst zu werden, beweist, daß er äußerst widerstandsfähige feste Bestandteile besitzen muß.“

„Hiefür kann ich auch einen Beweis beibringen,“ bestätigte Flitmore. „Ich besuchte vor Jahren die sogenannte Teufelsschlucht in Arizona. Das ist ein ovaler Kraterring, der sich 40 bis 50 Meter über die umgebende Hochfläche erhebt; sein Durchmesser beträgt 1300 Meter von Ost nach West, 1200 von Süd nach Nord. Der innere Schlund fällt 200 Meter tief schroff ab, der Kessel ist also um 150 Meter tiefer als die Ebene rings umher; früher muß er noch viel tiefer gewesen sein, aber Schutt und Geröll ist jahrhundertelang hinabgerollt, denn das Gefüge des Gesteins ist stark aufgelockert.

Nun haben Bohrungen ergeben, daß unter den Schuttmassen das Gestein völlig zersprengt und in zelligen Bimsstein verwandelt ist. Der zerpulverte Sandstein ist mit feinverteiltem Nickeleisen vermengt und in einer Tiefe von 250 Metern unter der jetzigen Talsohle stieß man auf feste Eisenmassen, die sich als Meteoreisen herausstellten.

Rings um den Krater findet man ganze Massen von Meteoreisensteinen, deren Gewicht von einem Gramm bis zu 460 Kilogramm schwankt und die außer dem vorwiegenden Nickeleisen Verbindungen von Phosphor, Schwefel, Kohlenstoff, auch Diamanten enthalten.

Man ist nun in wissenschaftlichen Kreisen zu der Überzeugung gelangt, daß hier ein fester Brocken eines Kometen vor Zeiten auf die Erde niederstürzte und zwar von West-Nord-West in einem Winkel von 70 Grad. Der Block hatte wahrscheinlich 150 Meter Durchmesser. Er schlug ein 350 Meter tiefes Loch in die Erde, wobei die entwickelte Hitze von etwa 2000 Grad Celsius den Sandstein in Bimsstein umschmolz. Die emporspritzenden Gesteinstrümmer bildeten den Kraterwall um den Kessel.“

„Da haben wir’s!“ sagte Schultze: „Ebensogut können Felsblöcke von mehreren Kilometern Durchmesser in solch einem Kometenkopf enthalten sein oder noch größere Massen. Der Zusammenprall würde unter Umständen nicht bloß alles Leben auf dem getroffenen Teil der Erde vernichten, sondern die Umdrehung unsres Planeten könnte eine Änderung erleiden, wodurch die Länge von Tag und Nacht eine völlig andre werden müßte; zudem könnte die Erdachse sich derart verschieben, daß die Meere sich gegen den neuen Äquator stürzen und das Festland verschlingen würden.“

„Hoffen wir, daß dies Theorien bleiben,“ ließ sich nun Münchhausen vernehmen. „Jedenfalls aber wollen wir uns inachtnehmen, daß nicht etwa unsre teure Sannah mit dem Kometen dort drüben in nähere Berührung kommt.“

„Davor schützt uns die Fliehkraft,“ versicherte Flitmore. Er ahnte nicht von ferne, daß gerade das Gegenteil der Fall sein sollte.


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