20. Die Seeschlange.

Das Gespräch über die Kometen war während des Mittagsmahls geführt worden; deshalb hatte sich Münchhausen so wenig daran beteiligt, denn wenn er an der gewaltigen und doch so angenehmen Arbeit war, seinen Appetit zu stillen, ließ er die andern behaupten, was sie wollten, das war ihm alles Nebensache.

John fühlte sich durch die neuen Lichter, die ihm über die Kometen aufgesteckt worden waren, so erleuchtet, daß er zum Schluß begeistert äußerte: „Die Asternomie ist doch sozusagen die hochwohllöblichste Wissenschaft, indem daß sie das höchste Lob verdient, sowohl von wegen ihres Verstandes der unbekanntesten und schwierigsten Probleme, sowie von wegen der besonderen Interessantheit und Wichtigkeit ihrer Entdeckungstatsachen.“

„Lieber Freund,“ widersprach der Kapitän, den letzten Bissen mit einem Schluck Wein begießend: „Es fehlt der Astronomie nur ein einziger Buchstabe, um das Lob zu verdienen, das du ihr spendest. Weil ihr aber dieser Buchstabe fehlt, kommt sie erst in zweiter Linie.“

„Und was wäre dann, wenn Sie mir gütigst zu fragen gestatten, hochverehrtester Herr Kapitän, dieser Buchstaben?“ fragte John verwundert.

„Das G,“ erwiderte Münchhausen überzeugt: „Über die Astronomie und alle andern Wissenschaften geht die Gastronomie.“

„Die Gasternomie?“ wiederholte John, hochaufhorchend. „Verzeihen Sie bescheidenst, wenn mir das leider vollständig unbekannt zu sein der Fall ist, daß es auch eine sobenannte Wissenschaft gibt, wo ich doch der schmeichelhaften Meinung war, alle Wissenschaften zu kennen, aus welchem Grunde ich Ihnen besonders zu Dankbarkeit verpflichtet wäre, wenn Sie mich auch diese Wissenschaft lernen wollten.“

„Die lernt man nicht, die genießt man, mein Sohn; es ist eine Wissenschaft, die einem angeboren sein muß; sie beschäftigt sich mit dem Eßbaren und Trinkbaren und lehrt, was gut schmeckt und bekömmlich ist, sowie was man zu tun hat, um besonders schmackhafte Speisen und Getränke zu bereiten. Ihr Lehrbuch ist das Kochbuch, das aber ohne angeborenes Genie geringen Wert hat. Übrigens genügt es, die leiblichen Genüsse recht zu schätzen und zu genießen, um ein tüchtiger Gastronom zu sein, wenn man auch ihre Zubereitung nicht selber verstünde. Schau, ohne Astronomie und alle andern Wissenschaften kann der Mensch leben und glücklich sein, nicht aber ohne Essen und Trinken; ja, ohne diese notwendigste aller Beschäftigungen wäre er gar nicht imstande, irgend einer andern Wissenschaft sich hinzugeben; daher ist die Gastronomie die Grundlage und Seele aller andern Wissenschaften.“

„Das dürfte ja wohl sozusagen stimmen,“ meinte Rieger nachdenklich: „Und mit hungrigem Magen bin ich auch nicht für die Wissenschaften aufgelegt.“

„Also!“ triumphierte Münchhausen: „die wichtigste Frage ist nichtdie, wie schnell sich ein Weltkörper bewegt, wie weit er von uns entfernt ist und was für Stoffe ihn zusammensetzen, sondern ob es auf ihm auch etwas Gutes zu essen gibt, und das kann uns die Astronomie nicht enthüllen.“

„Viel wichtiger erscheint mir,“ sagte Mietje lachend, „zu wissen, was für Geschöpfe auf einem Planeten hausen, dem wir einen Besuch abstatten wollen; denn solchen scheußlichen Ringelwürmern wie auf dem Mars möchte ich doch nicht wieder begegnen.“

„Kleinigkeit!“ brummte der Kapitän: „Geben Sie mir eine gute Mahlzeit und ich pfeife auf alle Lumbriciden und andere Ungeheuer.“

„Na, na!“ spöttelte Schultze: „Auf dem Mars ist Ihnen das Pfeifen doch vergangen; Sie schienen wenigstens bereits aus dem letzten Loch zu pfeifen, als Sie „unter Larven die einzige fühlende Brust“ sich am Boden wälzten.“

„Unsinn! Wer wie ich schon die Seeschlange bekämpft und besiegt hat, sollte sich vor solch harmlosem Gewürm fürchten?“

„Die Seeschlange? Die echte, fabelhafte Seeschlange?“ fragte Heinz neugierig.

„Gewiß! Ein Ungeheuer, zwanzig Meter lang und dick wie eine Hochwaldtanne.“

„Bitte, erzählen Sie uns doch dieses bemerkliche Abenteuer, wenn ich mir die Unbescheidenheit erlauben darf,“ bat John.

„Ja, das war eine schlimme Geschichte,“ hub der Kapitän schmunzelnd an. „Also! Wir fuhren auf der Höhe von Kap Horn, als der zweite Steuermann, Petersen hieß er, auf mich zukommt und sagt: ‚Kapitän, dort taucht der Rücken eines Wals aus dem Wasser.‘

Ich schaue hin: ‚Nee,‘ sag ich, ‚das sind Delphine‘, denn ich sah fünf Rücken in einer Reihe hintereinander über dem Meeresspiegel. ‚Vorhin war es bloß einer,‘ versicherte Petersen, ‚aber jetzt scheint es mir selber, es sind Delphine.‘

Die Geschöpfe bewegten sich, doch man sah weder Kopf noch Schwanz auftauchen und plötzlich rufe ich: ‚Kinder, das sind auch keine Delphine; das sind die Rückenwölbungen eines einzigen Ungeheuers: es ist die Seeschlange!‘

Das gab ein Hallo, ein Laufen und Schreien! Die Seeschlange aber, sobald sie sich erkannt sah, gab ihr Versteckspiel auf und hob den scheußlichen Kopf über das Wasser. Sie wuchs empor wie ein Riesenmast und bald wiegte sich ihr Haupt über dem Schiff. Die sonst nicht so furchtsamen Matrosen stürzten alsbald feige davon und verkrochen sich in den Lucken. Ich allein blieb auf dem Posten und das entsetzliche Reptil streckte den Hals nach mir aus, den gewaltigen Rachen aufsperrend.“

„Natürlich! Ein so fetter Bissen mußte ihr willkommen sein!“ lachte Schultze.

„Bitte!“ verwahrte sich der Kapitän: „Ich war damals noch jugendlich schlank und äußerst behende, wie Sie bald sehen werden. Sie wählte mich nur deshalb zum Opfer, weil ich eben der einzige war, der sich noch an Deck befand.

Wohl war mir nicht zumute, das gestehe ich, wie dieser mörderische Rachen mir entgegengähnte. Hoch in den Lüften wölbte sich der dicke Hals zu einem Bogen, während das Haupt der Schlange sich zu mir herabsenkte.

Ich springe beiseite; der Kopf fährt mir nach. Ich, in der Verzweiflung, setze mit gewaltigem Schwung über den Leib des Ungetüms weg, dort wo er am Bordrand auflag. Die Seeschlange fährt mit ihrem Haupte um ihren eigenen Leib herum, immer hinter mir her.

Da, im Momente der äußersten Gefahr, kommt mir ein rettender Gedanke. Der Oberkörper des Reptils bildete nun einen Ring über dem Verdeck undmit der Kühnheit der Verzweiflung springe ich durch diesen gräßlichen Ring hindurch mit gleichen Füßen. Keine Zirkuskünstlerin hätte es besser machen können.

Was ich gehofft hatte, trat ein. Die Schlange in ihrer gedankenlosen Verfolgungswut fährt mir auch diesmal mit dem Kopfe nach, der somit durch den Ring schlüpft, der durch ihren eigenen Oberleib gebildet wurde. Das gab eine regelrechte Schleife.

Der Kapitän und die Seeschlange.

Der Kapitän und die Seeschlange.

Nun renne ich aus Leibeskräften das Verdeck entlang. Das Scheusal will mich verfolgen; aber nun zieht sich die Schleife zu, es gibt einen Knoten, der sich eng um den Hals der Seeschlange zusammenzieht. Zu spät merkt sie diesen fatalen Umstand, es gelingt ihr nicht mehr, den dicken Kopf zurückzuziehen; ihre wütenden Bewegungen ziehen den Knoten bloß immer fester an, bis sie schließlich jämmerlich erstickt, von der Schleife des eigenen Körpers erdrosselt.

Schlaff hing das widerliche Haupt mit hervorquellenden Augen herab und mit dumpfem Fall stürzte der Oberkörper des gigantischen Reptils aufdas Schiffsdeck, während der Schweif noch eine Weile krampfhaft das Meer peitschte.

Ich rief die zitternden Matrosen herauf und sagte ihnen: „Da, ziehet das Vieh vollends an Bord, wir wollen es dem ozeanographischen Museum auf den Falklandsinseln stiften. Wie ihr seht, habe ich die Schlange gut gefaßt und trotz ihres gewaltigen Sträubens einen Knoten in ihren Hals geschlungen, daß sie elendiglich ersticken mußte.“

Ich sage Ihnen, die Matrosen, die den so einfachen und natürlichen Hergang nicht ahnten, bekamen nun vor mir einen wahrhaft abergläubischen Respekt, vertrauten und folgten mir blindlings. Das hatte ich meinem gewandten Sprung und der Unvorsichtigkeit der Seeschlange zu danken.“

„Er lebe hoch!“ rief Schultze lachend und alle stimmten mit ein und stießen an auf den gewaltigen Helden und Drachentöter, dessen fabelhafte Geistesgegenwart, wie der Lord schalkhaft bemerkte, die ganze Reisegesellschaft getrost allen kommenden Gefahren entgegensehen lassen könne.

Die Sannah näherte sich dem größten aller Planeten, dem Jupiter, und Flitmore begünstigte die Annäherung durch zeitweise Unterbrechung des Zentrifugalstroms.

„Seien Sie vorsichtig!“ warnte Münchhausen: „Ich habe großen Respekt vor dem obersten aller olympischen Götter und fürchte sehr, er könnte uns einen Streich spielen, wie dem unseligen Biela-Kometen, wenn wir uns ihm allzu naseweis nähern. Stellen Sie sich das Unglück vor, wenn sein gewaltiger Einfluß unsre Sannah in zwei Hälften teilen würde, vielleicht just während wir uns in unsern verschiedenen Schlafkojen eines sorglosen Schlummers erfreuen. Dann würde unsre schöne Gesellschaft getrennt und wir könnten uns vielleicht nie wieder zusammenfinden.“

„Beruhigen Sie sich,“ lachte der Lord: „Ich werde mich hüten, dem Jupiter Anlaß zu solch grausamer Maßregel zu geben. Wir wollen ihn uns nur etwas aus der Nähe betrachten.“

„Wollen wir nicht auch auf ihm landen, wie auf dem Mars und der reizenden Tipekitanga?“ fragte Lady Flitmore eifrig.

„Das hängt ganz davon ab, wie die Verhältnisse des Planeten sich uns darstellen.“

„Hat er überhaupt eine Atmosphäre?“ erkundigte sich Heinz.

„Vermutlich sogar eine sehr dichte,“ belehrte Schultze, „denn er zeigt ein sehr starkes Albedo.“

„Die Astronomen der Erde sind sogar im Zweifel, ob ihre Teleskope ihnen überhaupt die Oberfläche des Jupiter zeigen,“ mischte sich der Lord ein: „Sie rechnen mit der Möglichkeit, daß das, was sie sehen, nur Kondensationsprodukte, das heißt Verdichtungserscheinungen seiner Lufthülle sind. Jedenfalls läßt sich von ihm keine Karte entwerfen, wie vom Mars; denndas, was man erblickt, ist äußerst veränderlich. Nur zwei dunkle Streifen bleiben dauernd sichtbar.“

John aber hatte vorhin den Professor von einem „Albedo“ reden hören, das war ihm ein völlig unbekanntes Wort, zumal es das Vorhandensein einer dichten Lufthülle beweisen sollte. Er konnte das nicht hingehen lassen, er mußte sich auch hierüber belehren und fragte daher:

„Herr Professor, um keine langwierigen Umschweife zu machen, gestatten Sie mir wohl, infolge Ihrer unabsehbaren Liebenswürdigkeit, geradeheraus eine Frage an Sie zu richten, die mir für meine Bildungsvollkommenheit unabgängig zu sein scheint; weil Sie nämlich soeben sich äußerten, als habe der Jupiter ein starkes Torpedo, so ist mir das von den Kriegsschiffen her bekannt aber nicht begreifbar, wieso das mit den atmosphärischen Verhältnissen wesentlich zu tun habe; das muß wohl eine ganz andre Art von Torpedo sein.“

„Ja, mein Sohn!“ lachte der Professor: „Es ist eine durchaus andre Art von Torpedo und schreibt sich Albedo. Albedo ist nämlich das mittlere Verhältnis der ausgestrahlten Lichtmenge eines Körpers zur eingestrahlten.“

„Ach so!“ erwiderte John zögernd; offenbar war ihm die Sache sehr unklar. Er hatte ein sehr schwaches Albedo, denn das Licht, das Schultzes Weisheit in ihn einstrahlte, strahlte nur sehr unvollkommen aus seinen Zügen zurück.

„Ich will dir das näher erläutern,“ sagte der praktische Engländer. „Siehst du, wenn die Sonne auf einen schwarzen Stoff scheint, so saugt dieser das meiste Licht auf oder absorbiert es, wie die Gelehrten sagen, damit man sie nicht so leicht verstehen soll. Der schwarze Stoff wirft nur wenig von dem Licht zurück, das ihn bestrahlt; er hat also ein schwaches Albedo. Fällt dagegen der gleiche Sonnenstrahl auf einen Spiegel, so wirft dieser das Licht fast ungeschwächt zurück, er blitzt so hell, daß du nicht hineinsehen kannst; er hat also ein sehr starkes Albedo.

Nun weiß man, wie viel Sonnenlicht den Jupiter oder sonst einen Planeten trifft und wie hell er uns demnach erscheinen müßte, wenn er das ganze Licht ungeschwächt auf uns zurückstrahlte. Je geringer nun sein Glanz im Verhältnis zu diesem eingestrahlten Licht ist, desto geringer ist sein Albedo und umgekehrt.

Die Erde hat eine Lufthülle, die so dünn ist, daß sie das meiste Licht durchläßt und wenig davon zurückwirft; erst der Erdboden wirft das Lichtzurück, das ihn trifft, aber nur einen Teil davon, das meiste verschluckt er. Darum hat die Erde ein schwaches Albedo. Wäre sie mit einer Schneedecke bedeckt, dann würde ihr Albedo weit stärker, da der Schnee das Licht reichlich zurückstrahlt.

Eine recht dichte, dunstige und wolkige Lufthülle wirft das Licht ebenfalls stark zurück. Wenn daher ein Planet ein starkes Albedo hat, das heißt im Verhältnis zu seiner Bestrahlung durch die Sonne recht hell erscheint, nimmt man an, er habe eine besonders dichteAtmosphäre; dies ist vor allem bei Venus der Fall. Mars hat ziemlich das gleiche Albedo wie die Erde, und Merkur ist der einzige Planet, der ein geringeres Albedo aufweist, also eine dünnere Luft zu haben scheint.

Allerdings muß man dabei nicht vergessen, daß eine spiegelnde Oberfläche, eine Schneedecke oder etwa eigenes Licht, das der Planet noch ausstrahlen könnte, ebensogut das starke Albedo erzeugen können wie eine dichte Atmosphäre; völlige Sicherheit mangelt also auch diesen Schlüssen.“

„Hören Sie, Lord,“ bruddelte Schultze, sich höchst ärgerlich stellend: „Sie haben mich als Astronomen der Expedition angeworben; wenn Sie aber selber in der Astronomie so gründlich bewandert sind, dann sehe ich nicht ein, was für einen Zweck ich hier habe!“

„Beruhigen Sie sich,“ lachte Flitmore: „Mit einigen astronomischen Kenntnissen habe ich mich freilich versehen, da ich in die Sternenwelt reisen wollte; aber ich bin durchaus nicht auf dem ganzen Gebiete so beschlagen, wie Sie. Übrigens schadet es bei solcher Fahrt gar nichts, wenn mehrere oder alle Teilnehmer etwas von dieser Wissenschaft los haben. He! Münchhausen, entscheiden Sie als Sachverständiger in ganz ähnlichem Fall. Braucht ein Schiffskapitän vom Steuern eines Schiffes nichts zu verstehen?“

„Wo denken Sie hin!“ rief der Kapitän: „Einem solchen könnte das Kommando über ein Schiff nicht anvertraut werden; gründlich muß er’s verstehen und im Notfall selber das Steuerruder führen können.“

„Ist dann nicht ein Steuermann überflüssig, da der Kapitän ja seine Arbeit versehen könnte?“

„Unsinn! Einen ersten und einen zweiten Steuermann sogar braucht er höchst notwendig.“

„Da haben Sie’s, Professor,“ lachte der Engländer: „Das ist hier ein ganz ähnlicher Fall.“

Bald näherte man sich dem großen Planeten, der zwölfhundertundsiebzigmal größer als die Erde ist und fünfmal so weit von der Sonne entfernt als sie, nämlich 773 Millionen Kilometer.

In 9 Stunden 55½ Minuten dreht sich dieser Koloß um sich selbst, seine Tage sind also nicht halb so lang wie die irdischen; dagegen beträgt seine Umlaufzeit um die Sonne beinahe 12 Erdenjahre, nämlich 11 Jahre, 314 Tage, 20 Stunden und zwei Minuten.

Seiner schnellen Rotation entspricht die kolossale Abplattung seiner Pole, die nicht weniger als ein Sechzehntel beträgt.

Bei der Annäherung spürte man selbst in den geschützten Räumen der Sannah, daß Jupiter eine starke Wärme ausströmte, weshalb sich Flitmore nur vorsichtig seiner Anziehungskraft aussetzte und das Weltschiff sich abwechselnd senken und wieder entfernen ließ.

Währenddessen konnte man den Planeten genau beobachten.

Zunächst sah man leuchtendes Gewölk, das von einem rasenden Orkan dahingetrieben wurde, rascher als Jupiter selber sich um seine Achse dreht.

Wo die zerrissenen Wolken Durchblicke gestatteten, zeigte sich ein wogendes Meer von Glut, zwischen dem sich wenige dunkle Streifen erstarrten Gesteins hinzogen.

„Das stimmt,“ sagte Schultze, „zu der Berechnung der Dichtigkeit des Planeten, die sich als ¼ der Erddichte ergab, also nur 11/3die Dichte des Wassers beträgt, woraus zu schließen war, daß Jupiter sich in flüssigem Zustande befindet. Ebenso ließ sein helles Strahlen auf eigenes Licht schließen und der unscharfe, zum Teil durchsichtige Rand auf eine wechselnde Dunsthülle.“

„An eine Landung ist hier also nicht zu denken, meine Liebe,“ wandte sich der Lord an seine Gattin.

„Nun denn auf dem Saturn!“ meinte diese.

„Dort dürfte es auch nicht besser aussehen, Mylady,“ wendete der Professor ein: „Der beringte Planet hat die geringste Dichtigkeit von allen, nur1/8der Erddichte und ¾ der Dichtigkeit des Wassers.“

„Na,“ behauptete Münchhausen heiter, „noch flüssiger als das Wasser soll er sein? Dann besteht er am Ende aus steifem Grog! Da laßt uns hin!“

Mit Interesse wurden noch die vier Jupitermonde betrachtet, die nach Schultzes Belehrung in einem Tag, 18 Stunden und 27 Minuten, 3 Tagen,13 Stunden und 13 Minuten, 7 Tagen, 3 Stunden und 42 Minuten und in 16 Tagen, 16 Stunden und 32 Minuten um den Planeten sich drehen.

Der erste, innerste, dem Jupiter nächste Mond war von einer starken Wolkenschicht umgeben; doch sah man an den leuchtend durchschimmernden Stellen und den dunkeln Flecken, die sich darin zeigten, daß er in der Erstarrung begriffen war und auf seiner glutflüssigen Oberfläche Schlackeninseln schwammen. Er ist etwas größer als der Erdenmond.

Der zweite, bläulichweiß schimmernde Trabant, fast genau so groß wie unser Mond, zeigte ebenfalls glutflüssige und erstarrte Stellen.

Der dritte, größte und hellste befand sich in gleichmäßiger Rotglut, die meist ins Gelbliche spielte. Er war außerordentlich stark abgeplattet und rotierte sehr schnell.

Der vierte Jupitermond, der zuweilen als der lichtschwächste erscheint, zuweilen aber alle andern überstrahlt, war von einer leuchtenden, scharfbegrenzten Wasserdampfhülle umgeben.

„Diese Monde,“ bemerkte Schultze, „gewähren den kurzen Jupiternächten eine äußerst zweifelhafte Beleuchtung, da die drei innersten stets vom Schattenkegel verfinstert werden und auch sonst mit unsrem irdischen Mondlicht nicht konkurrieren können.“

Da die Hitze allmählich unerträglich wurde, mußte die Fliehkraft in voller Stärke eingeschaltet werden, damit die Sannah möglichst schnell aus dem Bereiche des ungastlichen Planeten gelangte.

Als dies erreicht war, verlangsamte Flitmore wieder den Flug. Er wollte doch auch den Saturn näher in Augenschein nehmen, und da dieser Planet auf seiner Bahn just ziemlich weit entfernt war, galt es diesmal, das Sonnensystem sich ein wenig von der Sannah entfernen zu lassen, bis Saturn sich soweit genähert hatte, daß man sich im Bereich seiner Anziehungskraft befand.

Das konnte ein paar Tage dauern, wenn mit Ein- und Ausschalten des Stroms zielbewußt abgewechselt wurde; und das war notwendig, denn bei stetig eingeschaltetem Strom wäre das Sonnensystem in kürzester Frist der Sannah entschwunden, diese wäre nicht bloß über die Saturnbahn, sondern über die Neptunbahn hinausgeflogen und hätte bald kein Mittel mehr gehabt, in das Sonnensystem zurückzukehren, weil sie über die Anziehungssphäre der Sonne und ihrer Planeten hinausgekommen sein würde.

Wäre dagegen umgekehrt die Fliehkraft dauernd abgestellt worden, so hätte das Weltschiff der Anziehungskraft der Sonne oder eines Planeten erliegen müssen, vielleicht auch wäre es den Gravitationsgesetzen gemäß selber wie ein Planet um die Sonne gekreist.

Diese Wartezeit wurde zu allerlei Arbeiten in den verschiedenen Werkstätten benutzt; photographische Aufnahmen wurden entwickelt und musikalische Unterhaltungen veranstaltet; auch versammelte man sich fleißig zu gemütlicher Unterhaltung oder las ein Buch aus der reichhaltigen Bibliothek vor, die der umsichtige Lord mitgenommen hatte. Vor allem abermußte Schultze astronomische Vorträge halten, da Mietje, Münchhausen und Heinz Friedung das Bedürfnis empfanden, ihre Kenntnisse auf dem Gebiet, das bei dieser Weltfahrt das wichtigste war, zu ergänzen, ganz abgesehen natürlich von John Rieger, der den Vorträgen mit besonderer Andacht lauschte und am fleißigsten das von vornherein verkündigte Recht benutzte, den Redner jederzeit mit Fragen zu unterbrechen.

In diesen Tagen wurde Münchhausens Geburtstag mit besonderem Glanze gefeiert und Küche und Keller mußten das Beste dazu liefern, was sie besaßen, beziehungsweise was Lady Flitmores und Johns Kochkunst hervorzuzaubern vermochten. Denn wenngleich der Kapitän auch zu entbehren, ja zu hungern vermochte, wenn es darauf ankam, so fühlte er sich doch am aufgeräumtesten bei einer vollbesetzten Tafel mit auserlesenen Genüssen und köstlichen Weinen.

Die Krone des Festmahls bildeten aber immer noch die unvergleichlichen Früchte der Tipekitanga, die auch den Vorzug aufwiesen, sich völlig frisch zu erhalten. Sie büßten weder ihre Leuchtkraft noch ihre Nährkraft und ihren Wohlgeschmack ein.

Endlich kam der Saturn in Sicht und die Sannah wurde seiner Anziehungskraft überlassen.

Schultze benutzte die Gelegenheit zu einer kleinen Repetition über das, was er schon in seinen Vorträgen über den ringumkreisten Planeten gesagt hatte.

„Wie gesagt,“ führte er dabei aus, „ist Saturn nicht einmal so dicht wie das Wasser. Er hat zweifellos eine Atmosphäre und ist der zweitgrößte Planet, 780mal so groß wie die Erde. Seine Rotationsdauer beträgt nur 10¼ Stunden, also hat er wenig mehr als 5 Stunden Tag und 5 Stunden Nacht bei Tag- und Nachtgleiche am Äquator. Um so länger dauert sein Jahr, nämlich nach irdischer Rechnung 29 Jahre, 166 Tage, 5 Stunden und 16½ Minuten.“

„Herrlich!“ rief Münchhausen aus: „Da lassen wir uns nieder; bedenken Sie, wenn da einer hundert Jahre alt wird, so ist das gleich 2900 und etlichen Erdenjahren. Da kann Methusalah nicht daran hin!“

„Nur wird es mit dem Niederlassen einige Schwierigkeiten haben,“ meinte der Professor: „Sie könnten sich da in eine schöne Sauce hineinsetzen, vielleicht in steifen Grog, wie Sie vermuteten; darin würden Sie sich ja wohl ganz gut konservieren.“

„Ganz famos!“ bestätigte der Kapitän.

„Nun, wir werden ja bald sehen, wie die Terrainverhältnisse dort sind,“ fuhr Schultze fort: „Sollte die so undichte Masse glutflüssig sein wie auf dem Jupiter, so werden Sie ja wohl auf eine Niederlassung darin verzichten.“

„Unbedingt!“ gab Münchhausen zu: „Doch hoffe ich nicht, daß der alte Saturn mir solch eine Enttäuschung bereiten wird.“

„Wie gesagt, wir werden das bald sehen“, wiederholte der Professor. „Das Interessanteste am Saturn sind jedenfalls seine Ringe; auch hat er bekanntlich nicht weniger als acht Monde; doch weil wir ja eben im Begriff sind, das alles selber zu schauen, will ich mich nicht weiter darüber verbreiten, da ich, wenn es je nicht stimmte, was ich darüber zu sagen weiß, doch nur der Blamierte wäre.“

Die Sannah war über die Saturnbahn hinausgekommen, als der Planet in ihre Nähe kam und so senkte sie sich zunächst gegen seine Nachtseite.

Flitmore hatte erwartet, daß die Saturnringe aus Nebelmasse beständen, obgleich er es nicht für unmöglich hielt, daß sie auch aus festen Stoffen gefügt sein könnten oder, wie auch angenommen wird, aus einer dichten Wolke sehr kleiner Trabanten.

Er trachtete danach, den innersten der drei Saturnringe, der verhältnismäßig dunkel ist und verschwommene Umrisse aufweist, zu erreichen; dies gelang ihm auch.

Dieser Ring ist trotz seiner Breite der schmälste der drei; er ist nicht ganz so breit wie der äußere helle Ring und weniger als halb so breit wie der mittlere.

Die Sannah fand festen Grund und ruhte auf ihm auf.

Es war gerade Zeit zur Nachtruhe und alle begaben sich schlafen bis auf die jeweiligen Wachhabenden.

Als am andern Morgen alle beim Frühstück versammelt waren, nahm Kapitän Münchhausen folgendermaßen das Wort:

„Professor, Sie haben behauptet, die Saturnnacht dauere durchschnittlich 5 Stunden. Warum wird es denn gar nicht Tag? Oder sollten wir den kurzen Tag verschlafen haben?“

„Das nicht“, erwiderte Schultze, „aber wir befinden uns auf dem Ring, auf dem die Verhältnisse wesentlich andre sind. Hier dauert nämlich Tag und Nacht je ein halbes Saturnjahr, das sind 14¾ Erdenjahre. Währenddieser etwas dauerhaften Nacht ist der Ring auf das schwache Licht der acht Saturnmonde und auf dasjenige des Saturns selber angewiesen, der ihm, entsprechend seiner Rotation, periodisch leuchtet.“

„Hollah!“ wetterte der Kapitän: „Und da warten wir nun wohl hier ab, bis es Tag wird.“

„Allerdings,“ schaltete Flitmore ein: „Aber beruhigen Sie sich, Kapitän, die Sannah sitzt an einem Punkte des Rings, dem schon in zwei Stunden die Sonne aufgehen wird, nachdem er sie seit fast 15 Jahren nicht mehr gesehen.“

Dies bestätigte sich: zwei Stunden darauf ward es Tag; freilich, die Sonne leuchtete weit nicht mit dem Glanze, mit dem sie die Erde bescheint, ist sie doch von Saturn neunmal weiter entfernt als von der Erde.

Nun wurde ein Abstieg auf den Ring gewagt. Er zeigte sich aus sehr leichten schwammigen Stoffen gefügt und wies zahlreiche Löcher und Risse auf, die durch und durch gingen.

Ganz entzückend und wahrhaft großartig war die Aussicht auf die ungeheure Saturnkugel, die mächtige Gebirgszüge aufwies.

Auch der Ring war durchaus nicht eben, sondern zeigte mannigfaltige Erhebungen, zum Teil recht stattliche Berge; aber die Wanderung wurde jäh unterbrochen durch einen Riß, der den Ring in seiner ganzen Breite durchlief.

Späterhin beobachteten unsre Freunde, daß alle drei Ringe durch zahlreiche mehr oder weniger breite Spalten in einzelne Stücke geteilt waren, die einander nicht berührten, daß aber diese Risse sich mehr und mehr schlossen unter dem ausdehnenden Einfluß der Sonnenhitze.

Das ließ sich leicht feststellen, da die Teile des Rings, die schon längere Zeit Tag hatten, zunehmend schmälere und schließlich gar keine Lücken mehr aufwiesen, während auf der Nachtseite der Ringe die Klüfte sich fortschreitend verbreiterten.

„Herrlich! Großartig! Wunderbar!“ rief Schultze einmal über das andre: „Wie ganz anders vermögen wir doch nun die Dinge dahier zu erkennen, als die armen erdfernen Astronomen mit ihren besten Instrumenten. Wenn ich nur bedenke, wie lange es dauerte, bis überhaupt erkannt wurde, daß Saturn von einem Ring umgeben ist. Zwar hat ihn schon Galilei durch das erste von einen Astronomen benutzte Fernrohr gesehen, doch glaubte er, es handle sich um Auswüchse, die mit dem Planeten zusammenhingen.Erst Huygens, der auch den ersten Satelliten des Saturn entdeckte, nämlich den sechsten seiner acht Monde, erkannte, daß es ein Ring sei, der frei um den Planeten schwebe, und Herrschel konnte dann die Rotationsdauer des Ringes oder vielmehr der Ringe berechnen, die annähernd die gleiche ist, wie die ihres Zentralkörpers.“

Da auch in der entgegengesetzten Richtung bald eine Spalte ein weiteres Vordringen unmöglich machte, auch die Erforschung der Ringe wenig Interessantes mehr zu bieten schien, wurde beschlossen, sich alsbald auf den Planeten selber zu begeben.

Bald sank die Sannah unter die niedre Luftschicht, die um die Ringe lagerte und nach kurzem, aber ungeheuer raschem Sturz trat sie in die Saturnatmosphäre ein.

Hier verlangsamte Flitmore sofort die Fallgeschwindigkeit, und das Weltschiff schwebte träge zur Oberfläche nieder.

„Mylord,“ fragte währenddessen John seinen Herrn, „warum gehen wir nie in die untern Zimmer, wenn wir einen Abstieg unternehmen? Da könnten wir so schön alles aus der Vogelprospektiefe beobachten, wie wir näher und näher kommen; hier oben aber sehen wir nichts als den Ring, der sich von uns entfernt.“

Man sieht, daß John sich seinem Herrn gegenüber keiner so gewählten Sprache befleißigte, wie wenn er den gelehrten Professor anredete; das kam aber nicht etwa von einem Mangel an Respekt, sondern weil er aus langjähriger Erfahrung wußte, daß der Lord viele Redensarten nicht leiden mochte.

Flitmore gab seiner treuen Dienerseele folgende Auskunft: „Siehst du, John, um den Fall der Sannah nicht zum verderblichen Sturz werden zu lassen, muß ich die Fliehkraft abwechselnd ein- und ausschalten. Dadurch wird aber jedesmal für die unteren Räume und die Seitenzimmer der Schwerpunkt verändert: schalte ich die Zentrifugalkraft ein, so werden wir gegen den Mittelpunkt unsres Fahrzeugs gezogen, schalte ich sie aus, so zieht uns der Saturn an. Du wirst dich erinnern, was dies zur Folge hatte, als wir die Erde verließen. Hier wäre es genau so: im untern Zimmer würden wir abwechselnd von der Decke auf den Fußboden stürzen und umgekehrt; in den Polzimmern würden wir zwischen der dem Saturn zugekehrten Seitenwand und dem Fußboden hin- und hergeschleudert. Hier oben aber liegt der Mittelpunkt der Sannah genau wie der Mittelpunktdes Planeten zu unsern Füßen und meine Manöver verändern den Schwerpunkt in keiner Weise. Das ist der Grund, weshalb wir hier wie bei unserm Abstieg auf den Mars und die Tipekitanga auf die Beobachtung des Geländes, dem wir uns nähern, verzichten müssen, so schade dies auch ist.

Du weißt ja, daß ich diesen Umstand beim Bau des Schiffes nicht in Betracht gezogen habe und selber von der alles auf den Kopf stellenden Wirkung der Fliehkraft überrascht wurde; sonst hätte ich Vorsorge getroffen, daß wir wenigstens durch außen angebrachte Spiegel in den Stand gesetzt worden wären, von diesem unserm Zenithzimmer aus zu betrachten, was unter uns liegt.“

Ein sanfter Ruck zeigte an, daß die Saturnoberfläche erreicht war. Die Sannah ruhte auf.

Daß diese Oberfläche weder flüssig noch glühend war, hatte man schon vom Ring aus feststellen können, sonst wäre der Plan einer Landung selbstverständlich ausgeschlossen gewesen.

Begierig zu schauen, welche neuen Wunder sich ihnen hier offenbaren würden, verließen unsere Freunde das Fahrzeug durch das Nordpolzimmer, nachdem die Lucke geöffnet und die Strickleiter hinabgelassen worden war.

Es war Nacht, als die Gesellschaft auf dem Saturn landete; aber da sich alle sehnten, ins Freie zu kommen, wurden die Zelte errichtet, diesmal aber in unmittelbarer Nähe der Sannah, damit ein sofortiger Rückzug angetreten werden konnte, falls je ein gefährliches Abenteuer drohen sollte; die schreckliche Nacht auf dem Mars war ja allen noch gar zu frisch in Erinnerung.

Holz- und Reisigvorräte barg die Sannah zur Genüge, der Lord hatte sich für alle Fälle vorgesehen. So brauchte man nicht in der Dunkelheit nach Brennmaterial zu suchen.

Ein Feuer wurde entfacht und nach gehaltener Mahlzeit suchten bald alle die Ruhe auf bis auf Heinz, der die erste Wache übernommen hatte.

Nach zwei Stunden löste ihn John ab und diesen nach weiteren zwei Stunden Münchhausen.

Der Kapitän freute sich kindlich auf den ersten Sonnenaufgang auf dem Saturn, und daß er der erste sein sollte, der diese neue Welt aus nächster Nähe bei Tageslicht schauen sollte.

Aber merkwürdig, es wollte nicht tagen! Als seine zwei Dienststunden zu Ende waren, war es noch so finster wie zuvor. Er rechnete aus, daß die Nacht nun schon mehr als acht Stunden währte; da die Rotationsdauer des Saturn 10¾ Stunden beträgt, hätte es eigentlich schon wieder gegen Abend gehen sollen.

Es war ausgemacht worden, daß Münchhausen gleich nach Tagesanbruch alle wecken sollte, aber der Tag brach nicht an und er wartete noch eine Stunde; er hatte sich so sehr darauf gefreut, allein als Erster die Sonne aufleuchten zu sehen.

Endlich weckte er den Professor.

„Hören Sie,“ fuhr er den Schlaftrunkenen an: „Ich pfeife auf die ganze astronomische Wissenschaft und auf die Ihrige insbesondere. Es ist nichts mit den kurzen Saturnnächten. He! wissen Sie, wie lange diese Nacht schon währt? Neun volle Stunden!“

Schultze hatte sich ermuntert und sah auf die Uhr.

„Wahrhaftig!“ brummte er, „das stimmt!“ Dann schaute er hilflos zum Himmel, als könnte er doch irgendwo die Sonne entdecken, trotz der hier unten herrschenden Finsternis.

„Da hört sich doch alle Wissenschaft auf!“ fuhr es ihm heraus.

„Jawohl, alle Wissenschaft hört auf und blamiert sich angesichts der Tatsachen,“ grollte Münchhausen. „Wissen Sie gewiß, daß auf dem Saturn die Nacht nicht auch 15 Jahre dauert wie auf seinen Ringen?“

„Unsinn!“ rief der Gelehrte, obgleich er selber nicht mehr wußte, wo er dran war: „Das trifft ja wohl für die Polarzonen zu, nicht aber für diese Breiten.“

Unterdessen hatten sich auch die andern erhoben und wunderten sich, daß es noch nicht Tag werden wollte.

Schultze war nachdenklich, während man das Frühstück einnahm: er repetierte innerlich seine Kenntnisse des Saturn.

Plötzlich rief er: „Ich habs! Es herrscht hier eine Sonnenfinsternis, verursacht durch den Ring des Planeten.“

„Na! dann wird sie ja bald vorübergehen,“ sagte Münchhausen aufatmend; denn die rätselhafte Dunkelheit hatte ihm wirkliche Beklommenheit verursacht. „Freilich,“ fügte er bei, „für heute ist es nun schon nichts mehr mit dem Sonnenschein; es muß ja bald wieder Nacht werden; aber in sechs bis sieben Stunden werden wir das Tageslicht wieder schauen.“

„Wo denken Sie hin!“ widersprach Schultze. „Davon kann keine Rede sein: Diese saturnischen Finsternisse dauern mehrere Erdenjahre. Ich vermute, wir befinden uns hier etwa unter 23½ Grad Breite und haben dann mit einer Sonnenfinsternis von zehn Jahren zu rechnen.“

„Sie freuen mich!“ polterte der Kapitän: „Und da sollen wir wohl hier abwarten, bis der Ringschatten sich gefälligst entfernt oder die Sonne uns geschwind höhnisch durch eine seiner Lücken anlächelt, um dann wieder zu verschwinden? Oder sollen wir den vertrackten Weltkörper bei Fackelbeleuchtung untersuchen?“

„Nein!“ lachte Flitmore: „Wir steigen einfach wieder auf und landen auf einem günstigeren Breitengrade.“

„Ein ungastlicher Planet scheint Saturn doch zu sein,“ meinte Mietje: „In manchen Gegenden fast 15 Jahre Nacht, dann noch 10 Jahre Sonnenfinsternis, das gibt ja 25 Jahre Dunkelheit und nur 5 Jahre Tageshelle!“

„Das stimmt allerdings je nach der Zone,“ bestätigte Schultze: „Aber trösten Sie sich, es gibt ja lichtreichere Gegenden, und wir halten uns nicht gar zu lange hier auf.“

Die Weiterreise wurde sofort angetreten.

„Leider,“ bemerkte der Lord, als man wieder im Zenithzimmer versammelt war, „ist die Sannah nicht als lenkbares Luftschiff gebaut. Das erkenne ich jetzt als verhängnisvollen Fehler an. Mit ein paar Motoren ausgerüstet, könnte sie ihren Weg in der Atmosphäre nach Belieben suchen, während wir es so dem Zufall überlassen müssen, wo wir landen. Sobald ich nämlich die Fliehkraft einschalte, nimmt unser Weltschiff weder an der Rotation noch an dem Umlauf des Saturn mehr teil. Das erstere ist ja belanglos, denn durch seine Umdrehung um die Axe kehrt uns der Planet nur abwechselnd eine andere Seite zu und es macht nichts aus, ob wir auf dieser oder jener niedergehen.

Durch seinen Umlauf auf seiner Bahn um die Sonne aber saust der Saturn unter uns weg, sobald wir durch den Zentrifugalstrom von seiner Anziehungskraft gelöst sind; es fehlen uns die Mittel, diese Bewegung genau zu berechnen, und so können wir unsern Landungsort nicht nach Belieben bestimmen.“

Das erwies sich denn auch als fatal, denn als sich der Lord nach einiger Zeit zum Niedergehen entschloß, befand sich die Sannah in der Nordpolarzone des Saturn.

Als die Lucke geöffnet wurde, strömte eine so eisig kalte Luft herein, daß sich alle mit den wärmsten Pelzhüllen versahen, ehe sie ins Freie hinaustraten.

Ein herrlicher Anblick blendete ihre Augen, als sie an der Strickleiter hinabstiegen: unabsehbar dehnte sich eine Eis- und Schneewüste, unterbrochen von phantastisch gezackten und wildzerklüfteten Eisbergen, die im Glanze der Sonne in allen Farben flimmerten, je nachdem sich das Licht im Kristall brach.

In der Ferne ragte ein ganzes Gebirge empor, das lebhaft an die Gletscherketten der Alpen erinnerte; kurz, es war eine Landschaft voll Großartigkeit, die ein Gefühl der Andacht in aller Herzen erweckte.

Doch hatte ein längerer Aufenthalt hier keinen Zweck: die Eiswüsten des Saturns gedachten unsere Freunde nicht zu erforschen, so lange sie hoffen konnten, interessantere Gebiete für ihre Entdeckungen zu finden. Immerhin mußte die entzückende Polarlandschaft auf einigen photographischen Platten ihre größten Reize festhalten lassen.

Plötzlich rief Mietje aus, indem sie verwundert den Himmel betrachtete: „Wo ist denn der Ring? Er scheint verschwunden zu sein: von einem Horizont zum andern kann ich keine Spur mehr von ihm entdecken!“

Alle schauten auf und Münchhausen erklärte: „Das ist ja ein schöner Reinfall! Da sind wir am Ende auf einen ganz andern Planeten geraten, wohl gar auf einen vergletscherten Saturnmond. So geht es, wenn man ins Blaue hineinfährt und nicht einmal Ausschau halten kann, wohin man sich bewegt und was sich unter einem befindet! Oder ist der Saturngürtel verhext und kann sich unsichtbar machen mittelst der berühmten radioelektrischen Strahlen Manfreds von Rothenfels? Heda, Professorchen, lassen Sie Ihre wissenschaftliche Bogenlampe strahlen, wenn angesichts dieses rätselhaften Verschwindens bei Ihnen nicht, wie gewöhnlich, alle Wissenschaft sich aufhört!“

„I wo denn?“ erwiderte Schultze kühl: „Da hört sich die Wissenschaft doch gar nicht auf, ganz im Gegenteil! Das weiß jeder angehende Astronom, daß die Saturnringe auf dem größten Teil der Polarzone überhaupt nicht zu sehen sind, aus dem einfachen Grunde, weil sie unter dem Horizont stehen. Weiter südlich würden wir nur den äußeren Ring erblicken und erst beim Überschreiten des Polarkreises würden allmählich auch die inneren Reifen auftauchen: es ist also alles in Ordnung und war gar nicht anders zu erwarten.“

Eine merkwürdige Tatsache fiel Heinz hier noch auf, als er einen losen Eisblock zu heben versuchte: Der stattliche Brocken erwies sich als ganz unglaublich leicht im Verhältnis zu seiner Masse; da dies weder von einer geringeren Anziehungskraft des Planeten herrühren konnte, noch das Eis eine losere Struktur zeigte, als es beim irdischen Eise der Fall ist, mußte angenommen werden, daß das Eis auf dem Saturn und demnach wahrscheinlichauch das Wasser dort an und für sich weit weniger Gewicht oder Dichtigkeit habe als auf der Erde.

Nachdem sich alle von der seltsamen Leichtigkeit des Blocks überzeugt und das gleiche auch an andern Eisstücken festgestellt hatten, begaben sie sich wieder ins Innere ihres Fahrzeugs.

„Wir dürfen nicht mehr so planlos landen,“ erklärte der Engländer: „Wir müssen ein Mittel ersinnen, das uns aus der Lage befreit, hiebei nur ein Spielball des Zufalls zu sein. He, Professor! Strengen Sie Ihren großen Geist an und setzen Sie uns in den Stand, unsere Landungsstelle nach eigenem Gutdünken auszuwählen!“

Bevor Schultze recht begonnen hatte, sein Gehirn anzustrengen, trat Heinz Friedung mit folgendem Vorschlag hervor:

„Spannen wir ein Netz unmittelbar unter dem Fenster unseres Antipodenzimmers aus. In dieses Netz kann sich ein Beobachter legen; wird die Fliehkraft ausgeschaltet, so liegt er eben auf dem Bauch über dem Fenster, ist der Strom geschlossen, so fällt er auf den Rücken weich in das Netz zurück. Jedenfalls kann er andauernd die Saturnoberfläche im Auge behalten und uns im Zenithzimmer durch elektrische Klingelzeichen verständigen, ob wir steigen, fallen oder uns endgültig niederlassen sollen. Drei verabredete Zeichen genügen hiefür. Da übrigens außer dem elektrischen Läutewerk auch ein Telephon in jedem Zimmer vorhanden ist, kann er, wenn etwas Besonderes zu melden sein sollte, auch telephonische Nachricht geben.“

„Ausgezeichnet!“ lobte Schultze: „Den Beobachtungsposten will ich einnehmen.“

„Nichts da!“ protestierte Münchhausen: „Ich freue mich schon lange darauf, als Erster zu schauen, wie der Saturn aus nächster Nähe aussieht. Die Sonnenfinsternis hat mich um diese Hoffnung betrogen, jetzt will ich wenigstens als Beobachter im Mastkorb mein Ziel erreichen, wozu ich mich als alter Seemann auch am besten eigne.“

Der Professor schüttelte lachend den Kopf: „Ihr spezifisches Gewicht, edler Hugo, macht die Sache zu gefährlich; wie Spinnwebe würden die stärksten Netze reißen, wollten Sie sich ihnen anvertrauen.“

„O,“ sagte Flitmore, „ich habe eine Hängematte an Bord, die aus so starken Baststricken geflochten ist, daß selbst unseres Kapitäns paar Zentner sie nicht aus der Fassung bringen können; auch ist sie so groß, daß sie ihm Raum genug bietet, also gönnen wir ihm das Vergnügen.“

Der Professor hätte zwar auch gern die ersten Entdeckungen gemacht, doch wollte er sie dem älteren Freunde nicht streitig machen, und so wurde denn Münchhausen mit einem Feldstecher bewaffnet im „Mastkorb“, wie er sich ausdrückte, untergebracht, sobald das Netz an Ort und Stelle befestigt war.

Dann wurde die Fliehkraft eingeschaltet und der Kapitän schwebte, auf dem Rücken liegend, in der Hängematte unmittelbar unter dem Fenster, das sich von dem eisigen Grunde trennte, auf dem es bis jetzt aufgeruht hatte.

So schaute er hinauf in die Eisgefilde, die über ihm zu schweben schienen und mit ihren Bergen und Schroffen drohend genug aussahen. Es war ein eigentümlicher, unheimlicher Anblick, diese blitzenden Massen so über sich herabhängen zu sehen, als müßten sie niederstürzen und alles zermalmen. Immerhin wußte Münchhausen ja zur Genüge, daß dies alles nur so schien, weil die Sannah nun ihren eigenen Schwerpunkt in ihrem Zentrum besaß, und daß der Saturn seine Oberfläche fest genug halten würde.

Münchhausen war eifrig auf seinem Posten, stets die elektrische Kontaktbirne in der Hand. Gab er ein kurzes Klingelzeichen, so stellte Flitmore oben die Fliehkraft ab und der Kapitän fiel mit dem dicken Bauch auf die Fensterscheibe, die glücklicherweise so massiv war, daß sie noch heftigere Stöße unbeschädigt ausgehalten hätte.

In solchem Falle machte es Münchhausen den Eindruck, als hätte sich die Welt mit Blitzgeschwindigkeit umgedreht: der Planet, zu dem er bisher aufgeschaut hatte, weil er über ihm schwebte, schien nun plötzlich unten zu sein und es galt, von der über ihm schwebenden Sannah auf ihn hinabzublicken.

Gab Münchhausen dann wieder die zwei Klingelzeichen, die das Einschalten des Stromes bedeuteten, so plumpste er gleich darauf rücklings in die Hängematte zurück und sah das Fenster und den Saturn urplötzlich wieder über sich.

Dieser fortwährende und ganz unvermittelte Wechsel, der jedesmal wieder verwirrend wirkte und für einen Augenblick alle Orientierung lahmlegte, hätte einen Unkundigen an aller Wirklichkeit und am eigenen Verstande verzweifeln lassen können.

Man stelle sich’s vor, was das für ein Gefühl sein muß, wenn die Decke, zu der man aufschaut, innerhalb einer Sekunde auf einmal zum Fußboden wird, auf dem man liegt, und dann wird sie eben so plötzlich wieder zur Decke über einem; und so wechselt es alle paar Minuten, ohne daß man selber seine Lage verändern würde oder daß der Raum, in dem man sich befindet, sich drehte: das Weltall scheint jedesmal völlig mit einem umzukippen, und dabei wird man nur mit einem kleinen Ruck wie einBall auf und ab geschleudert: man fällt jedesmal nach oben und liegt jedesmal unten!

Dem Kapitän machte schließlich dieses Zauberspiel einen köstlichen Spaß; davon merkten die dort im Zenithzimmer rein gar nichts, für sie blieb der Fußboden unverrückt unten und die Zimmerdecke oben; kein Ruck zeigte ihnen die Änderung des Schwerpunkts an.

„Ein Glück, daß ich und nicht der Professor oder sonst eine unerfahrene Landratte auf diesem Posten liegt“, dachte Münchhausen: „die bekämen die Seekrankheit im höchsten Grade; mir altem Seebär jedoch bekommt die Bewegung vorzüglich.“

Und aus lauter Lust an der Sache gab er die Zeichen viel häufiger als notwendig gewesen wäre.

Bald aber machte er eine fatale Entdeckung: Die Sannah blieb stets dem Nordpol des Planeten zugewendet und konnte unmöglich mehr südlichere Gegenden des Saturn erreichen. Er hatte das Weltschiff in seiner ganzen Länge passiert, und sobald der Fliehstrom eingeschaltet wurde, entfernte er sich auf seiner Bahn, während die Schließung des Stroms nur ein Stürzen gegen den Pol bewirkte.

„Wir sollten uns am Südpol befinden,“ brummte der Kapitän, „dann würde der Weltkörper unter uns durchpassieren und wir könnten uns niederlassen, sobald etwa der Äquatorialgürtel unter uns stünde. Nun aber ist er bereits völlig unter uns weg und kehrt nicht wieder um; da sehe ich nicht, was noch zu machen ist.“

Er teilte diese Beobachtung durch das Telephon dem Lord mit.

Nun wurde droben beraten und ihm dann das Ergebnis der Beratung mitgeteilt.

„Glücklicherweise,“ erklärte Schultze durchs Telephon, „ist der Saturn zur Zeit ganz nahe dem Ende seiner Bahn und muß binnen wenigen Stunden seine Wendung vollziehen. Da wir nun in der günstigen Lage sind, uns auf der Innenseite seiner Bahn zu befinden, das heißt zwischen ihm und der Sonne, so werden wir jetzt den Strom ununterbrochen wirken lassen. So wird die Sannah in einer Sehne den Bogen abschneiden, den der Planet in den nächsten Stunden beschreibt, und sich einem Punkte seiner rückläufigen Bahn nähern, den er bald darauf passieren muß. Dann müssen Sie scharf aufpassen, wenn der Planet sich uns wieder nähert, damit wir uns rechtzeitig seiner Anziehungskraft aussetzen und ihn in der Folge durchgeeignetes Öffnen und Schließen des Stroms soweit an uns vorbeiziehen lassen, bis wir in seinen Äquatorialgegenden landen können. Kommen Sie jetzt herauf zum Abendessen; Sie können dann ruhig fünf Stunden schlafen, denn wir werden etwa sieben Stunden brauchen, um den Scheitel der Ellipse durch einen möglichst kurzen Bogen abzuschneiden.“

Sechs Stunden später befand sich Münchhausen wieder auf seinem Auslug und sah nun in der Tat, wie Saturn von der andern Seite heransauste; die Sannah hatte ihn durch Abschneiden des Scheitelbogens seiner ellyptischen Bahn überholt.

Nun galt es zunächst die Fliehkraft auszuschalten, um nicht wieder zurückgeworfen zu werden durch die abstoßende Kraft in Bezug auf den nahenden Planeten.

Dann begann wieder das abwechselnde Schließen und Öffnen des Stromes entsprechend den Klingelzeichen des Kapitäns und damit das lustige Ballspiel, das die Sannah mit seinem rundlichen Körper betrieb, ihn zwischen dem Fenster und der Hängematte hin- und herschleudernd, je nachdem der Schwerpunkt des Weltschiffes nach innen in dessen Mittelpunkt, oder nach außen in den Mittelpunkt Saturns verlegt wurde.

Diese wechselnden Manöver verhüteten einerseits den vorzeitigen Sturz auf die Oberfläche des Planeten, andrerseits die allzugroße Entfernung von ihm: man blieb, nachdem die Ringe überholt worden waren, von jetzt ab innerhalb der Saturnatmosphäre.

Als die Südpolarzone vorübergeglitten war, erschienen dem beobachtenden Kapitän die Ringe als schmale Kreise; bei der Annäherung des Äquators war bald nicht mehr viel weiter als die Kante des innersten Ringes zu sehen.

Vor allem aber wurden die Blicke des Kapitäns gefesselt durch die landschaftlichen Bilder, die vorüberflogen, teils erhabene großartige Szenerien, teils ungemein liebliche Idyllen: Hochgebirge und Meere, mächtige Ströme, Flüsse und Seen, sanftgeschwungene Hügelketten, grüne Ebenen, Wiesen und geschlängelte Bäche; dann wieder schroffe Felsen und gähnende, nachtschwarze Schluchten.

Als die Sannah die Äquatorialzone erreichte, gab Münchhausen durch dreimaliges, langgezogenes Klingeln das Zeichen zur Landung.

Eine reizende, hügeldurchzogene Ebene war es, in welcher das Weltschiff sich niederließ; aber wiederum sank die Nacht herein, als die Gesellschaft die Strickleiter herabließ und den festen Boden betrat.

Von den acht Monden Saturns, deren Umlaufzzeit entsprechend ihrem Abstand vom Zentralkörper wächst, und beim innersten nur 22½ Stunden, beim äußersten aber nicht weniger als 79 Tage beträgt, standen die vier innersten gleichzeitig am Himmel; doch ihr schwacher Schein genügte nicht, um den Glanz einer irdischen Vollmondnacht hervorzuzaubern. Die schmale Kante des Ringes war dunkel; die innerste Kante wird überhaupt nie von der Sonne erhellt, und die beleuchtete Ringfläche zeigt sich nur bei Tag, nie aber des Nachts.

Mietje übernahm diesmal die erste Wache und Münchhausen bestand auf der zweiten, gegen deren Ende der Anbruch des Morgens erfolgen mußte, da hier eine Sonnenfinsternis zur Zeit nicht herrschte, wie Schultze versicherte, und wie man vor der Landung hatte beobachten können, als noch die Sonne am Himmel stand.

Man wollte sich diesmal mit einem dreistündigen Schlafe begnügen, um sich ja nichts von dem kurzen Tage entgehen zu lassen.

Lady Flitmore, auf die nur noch eine Stunde Schlafes gekommen wäre nach ihrer zweistündigen Wache und die durchaus nicht gewillt war, den Saturnmorgen zu verschlafen, beschloß, sich überhaupt nicht zur Ruhe zu legen, sondern dem Kapitän bei dessen Wachzeit Gesellschaft zu leisten: sie hatte in Voraussicht dieses Falles vor dem Abstieg einige Stunden geschlafen und fühlte sich frisch und munter genug, um zehn, und, wenn es sein sollte, zwanzig Stunden zu wachen, ohne zu ermüden.

Alles lag im Schlaf; nur Lady Flitmore saß als treue Wächterin in der Nähe des flackernden Feuers, von Zeit zu Zeit ein Scheit nachlegend.

Eine kleine Erhöhung des Erdbodens diente ihr als Sitz. Der Grund bestand hier aus kahlem Felsgestein, das sich merkwürdig warm anfühlte, so daß Mietje es nicht für nötig gefunden hatte, eine Decke über ihren Sitz zu breiten, zumal der Fels gar nicht hart erschien: sie glaubte, es müsse eine Art Bimsstein sein und das bestätigte ihr die auffallende Leichtigkeit einzelner umherliegender Steine. Ein Block von der Größe eines Riesenkürbisses, den sie versuchsweise aufnahm, wollte ihr so leicht wie ein Gummiball erscheinen.

Es fiel ihr dabei ein, wie merkwürdig leicht auch das Eis am Pol befunden wurde und sie mußte denken, daß dem ein dem Saturn eigentümliches Naturgesetz zu Grunde liegen müsse.

Dann schweiften ihre Blicke umher. Die kahle Stelle war nur von geringer Ausdehnung; sie wurde von einem mannshohen Dickicht eingesäumt, das aus Schilf oder Röhricht zu bestehen schien und über welches in der Ferne ein Wald hochragender Bäume unheimlich finster herüberschaute.

Sie sah zum Himmel empor: da grüßten sie die bekannten Sternbilder so traut, daß ihr auf einmal zumute wurde, als befinde sie sich auf der heimatlichen Erde und die ganze Weltallreise sei bloß ein Traum gewesen. War sie nicht auch so sonderbar, wie es sonst nur im Träumen vorkommt?

Aber mitten unter diesen altbekannten Sternbildern teilte ein dunkler schmaler Bogen das ganze Himmelsgewölbe in zwei ungleiche Teile. Das war die Kante des Rings, der ihr zweifellos bewies, daß sie sich auf einem fremden Planeten befand, und das sagten ihr auch die vier Monde, die in ungleicher Größe und verschiedener Lichtstärke am Himmel hinwandelten, und deren einer soeben vom Schatten seines Zentralgestirns verdunkelt wurde.

Dort strahlte auch der Komet, den sie von der Tipekitanga aus erstmals erschaut hatte, in beinahe unheimlich blendendem Goldglanz.

Und siehe! Drunten am Horizont tauchte ein fünfter Mond auf! Ja, es war eine fremde Welt! Trotz der Sternbilder, die um kein Haar anders aussahen als am irdischen Himmel, war sie doch von der Erde entsetzlich weit entfernt! Wie hatte ihr Gatte gesagt? 1260 Millionen Kilometer, mehr als achtmal so weit als der Abstand der Erde von der Sonne beträgt!

Sie schauderte, als sie sich diese ungeheure Zahl ins Gedächtnis zurückrief, und doch, was bedeutete sie gegenüber der Entfernung jener Fixsterne dort oben? So gut wie nichts! Die schienen weder näher noch ferner gerückt.

Aus diesen Gedanken wurde sie durch einen Schatten emporgeschreckt, der den Schein des Feuers verdunkelte.

Dort flatterte ein Vogel mit kaum hörbarem Flügelschlag. Er umkreiste die Flammen, näherte und entfernte sich, flog auf und schwebte wieder herab.

„Ein Adler,“ dachte die Lady, die ungeheure Spannweite seiner Flügel mit den Blicken messend.

Aber merkwürdig genug erschienen diese Fittiche: Das war kein Gefieder, auch keine Fledermausflügel waren es, diese dünnen, buntgefleckten Segel mit dem breiten, scharfumrissenen Rand.

Mietje schüttelte den Kopf: „Wäre nicht seine ungeheure Größe, man könnte diesen Vogel für eine Motte, einen Nachtfalter halten,“ sprach sie halblaut vor sich hin.

Da gesellten sich zu dem ersten ein zweiter und ein dritter. Lautlos umkreisten sie das Feuer, dessen Lohe von dem Luftzug ihres Flügelschlags gepeitscht, niederduckte, um gleich darauf um so lebhafter emporzuzüngeln.

Jetzt kam einer dieser unheimlichen Vögel ganz nahe an der jungen Frau vorbei. Er hatte einen eigentümlichen dicken Kopf mit einem Elefantenrüssel von dem Umfang eines Spritzenschlauchs, zwei runde walnußgroße Glotzaugen, zwischen denen sich zwei Wedel bewegten, gleich riesigen Fühlern. Der Leib war zylinderförmig und stark behaart; starr wie Igelstacheln standen die Haare empor, das Merkwürdigste aber waren die sechs dünnen Beine, die das seltsame Geschöpf an den Leib gezogen hielt.

Mietje faßte ein Grauen vor diesen Ungeheuern und sie riß ein brennendes Scheit aus dem Feuer, um sie abwehren zu können, wenn sie sich ihr nähern sollten.

Sie sollte auch alsbald in die Lage kommen, sich gegen einen Angriff zu verteidigen; denn einer der Vögel flog geradewegs auf sie zu.

Mit dem brennenden Ende des Prügels schlug sie aus allen Kräften auf den widerlichen Kopf. Dieser schien keinen Schädel zu besitzen, sondern aus weicher Masse zu bestehen, denn der Schlag erschütterte die Waffe nicht und erzeugte auch keinen weiteren Ton als ein dumpfes Aufklatschen. Aber betäubt sank der Vogel zu Boden und als Mietje ihr Scheit auf seinen Kopf preßte, wurde derselbe alsbald zu einer formlosen Masse zerquetscht.

Jetzt erschien Münchhausen auf der Bildfläche. Es war eigentlich noch nicht ganz an der Zeit, daß er zur Ablösung kam; doch hatte er in Erwartung der Entdeckungen, die er als Erster zu machen hoffte, nur unruhig geschlafen und war frühzeitig erwacht.

„Was haben Sie denn da für ein Scheusal erlegt, Sie kriegerische Heldin?“ fragte, er erstaunt den zuckenden Leib am Boden betrachtend. „Fürwahr! da flattert ja noch so eines daher. Ha! das hat es auf meine Nase abgesehen. Nein, mein Freund, die leuchtet nicht für dich!“ und gleichzeitig schmetterte er das zudringliche Ungetüm mit dem Flintenkolben zu Boden.

Der dritte Vogel war inzwischen wieder verschwunden.

Kopfschüttelnd untersuchte der Kapitän die erlegten Geschöpfe.

„Eine Art Schmetterlingsflügel,“ sagte er, „zwei Fühlhörner, ein Rüssel, sechs hornumpanzerte Beine und im ganzen Leibe kein Knochen, — alles Brei! Lady Flitmore, das sind Nachtfalter; Sie lachen mich aus, aber mitvollstem Unrecht. Ich glaube ja selber nicht, was ich sage, aber es ist dennoch so und nicht anders. Motten sind diese Scheusale, ungeheure Schwärmer! Sie sehen wahrhaft erschrecklich aus und es war mir keineswegs behaglich zumut, als dieser zweigehörnte Vogel mir nach der Nase trachtete; aber ich glaube nicht, daß diese Nachtvögel imstande sind, unsereinem das Geringste anzuhaben. Sehen Sie, sie sind von Butter; ein schwacher Druck genügt, ihren Leib zu einer unförmlichen Masse zu zerquetschen.“

Das war allerdings offensichtlich und Mietje war geneigt, sich ihrer Furcht zu schämen; aber das Unbekannte erregt stets ein gewisses Grauen, und der Kapitän selber hatte sich ja von den Riesenfaltern einen nicht geringen Schrecken einjagen lassen.

„Sehen Sie,“ erklärte er, „das ist ganz menschlich; das Niegesehene erschreckt zunächst jeden; denn wer kann wissen, was einem von ihm droht. Das, was man daheim schon kannte, heimelt einen an; was aber der Heimat fremd ist, erscheint unheimlich. So zeigt uns schon die Entwicklung des Sprachgebrauchs, daß wir einem allgemein und uralt menschlichen Gefühl erlagen, dessen wir uns nicht zu schämen brauchen, wenn wir nachträglich erkannten, daß der unheimliche Spuck im Grunde recht harmlos war und daß wir einen Heldenkampf auf Leben und Tod mit wehrlosen Nachtfaltern geführt haben.

Aber nun begeben Sie sich zur Ruhe auf diesen Schrecken hin, meine Wache beginnt.“

„Fällt mir nicht ein, mich jetzt zu legen,“ lachte Mietje. „Ich leiste Ihnen Gesellschaft; ich bin begierig, den ersten Morgen auf diesem Planeten tagen zu sehen.“

„Um so angenehmer für mich,“ meinte Münchhausen; „aber wollen wir uns nicht setzen?“ und damit ließ er sich auf seine Fettpolster plumpsen.

Der Tag begann zu grauen. Rosige Wölkchen schwebten über dem Horizont und bald darauf leuchteten die fernen Berggipfel auf, vom flüssigen Gold der ersten Sonnenstrahlen umrandet.

Münchhausen und Mietje schauten umher.

Welch eine sonderbare Landschaft! Berg und Tal, Hügel und Ebenen, Wasserfälle und Bäche, — nun, das mutete nicht besonders fremdartig an, obgleich ein kleiner Wasserfall, der im nahen Hintergrund über einen niedern Felsblock herabschäumte, bereits ein Rätsel aufgab.

Das Wasser spritzte nämlich so hoch auf und dichte Schaumflocken schwammen gleichsam in der Luft, daß man dieses Schauspiel wohl begriffen hätte, wenn sich das Wasser aus hundert Meter Höhe herabgestürzt hätte, nicht aber, wo es sich um höchstens drei oder vier Meter handeln konnte.

„Nanu!“ sagte Münchhausen verblüfft: „Dieser Zwerg von einem Wasserfall gebärdet sich ja wahrhaftig, als wollte er mit dem Niagara oder Mosi-oa-tunia, den Viktoriafällen des Sambesi in unlautern Wettbewerb treten.“

Weit befremdlicher aber noch erschien die Pflanzenwelt: was bei Nacht als mannshohes Schilf erschienen war, erwies sich nun bei Tageshelle als Gras. Da ragten grüne Büschel von zwei Meter Höhe, darüber wiegten sich Halme mit mächtigen Samenrispen; die Gräser waren mehr als handbreit, die Halme mehr als daumendick und der Hochwald dahinter schien aus krautartigen Gewächsen zu bestehen mit ungeheuren saftigen Stengeln und Blättern, deren geringste die Bananenblätter weit an Größe übertrafen. Dazwischen schossen Blumen empor, die sich wie Sonnenschirme ausbreiteten oder wie Kirchenglocken herabhingen.

Nirgends aber war ein Gewächs zu sehen, das einem Baume glich; die höchsten Waldriesen, die bis zu sechzig Meter emporstreben mochten, warenknotige Rohre von oft mehreren Metern im Umfang, mit Wedeln und Kolben gekrönt, oder Schachtelhalme und Farnkräuter mit gigantischen Fiederblättern.

Aber schön und überwältigend großartig erschienen diese Büsche von Gras und diese Wälder von Kraut mit ihrer farbenleuchtenden Blütenpracht.

„Wir müssen die Schläfer wecken!“ mahnte die Lady, nachdem sie von ihrer ersten staunenden Bewunderung zu sich zurückkam.

„Ich hätte weit lieber zunächst eine Entdeckungsreise auf eigene Faust gemacht,“ brummte Münchhausen; „aber erstens wäre dies ein heimtückischer Verrat an den Genossen, und zweitens, was das Ausschlaggebende ist, ohne ein ordentliches Frühstück im Leibe bin ich zu einer weltberühmten Forschungsexpedition leiblich unfähig.“

So weckten sie denn die ganze Gesellschaft, die bald, sich die Augen reibend, vor den Zelten erschien.

„Hurrah!“ rief Schultze, als er sich umsah: „Das ist wieder etwas ganz Neues, ganz Überirdisches, diese wogenden Fluren, diese fabelhaften Wälder! Da müssen wir vor allem andern einen Spaziergang hinein machen.“

„Nichts da!“ protestierte der Kapitän: „Alles in der Ordnung! Zuerst ein kräftiges Frühstück, dann bin ich zu allem bereit.“

„Sie haben recht,“ stimmte Flitmore bei: „Es ist besser, wir erledigen zunächst die leiblichen Bedürfnisse; dann können wir den Tag, der ja kurz genug ist, ununterbrochen ausnützen. Das erste Bedürfnis wird übrigens eine erfrischende Waschung sein; dort plätschert ja ein prächtiges Bächlein ganz in unsrer Nähe.“

Das leuchtete allen ein und sie eilten dem nahen Bache zu, um Gesicht und Oberkörper und Glieder darin abzuspülen.

„Nein, wie merkwürdig weich doch dieses Wasser ist, beinahe wie Öl,“ bemerkte Mietje zuerst.

„Es ist wahr, es scheint viel flüssiger zu sein als irdisches Wasser,“ bestätigte Heinz: „Es fließt einem durch die Finger wie Nebel und rinnt wie Spinnenfaden so dünn an der Haut hinab.“

„Und es bildet gar keine rechten Tropfen,“ fügte Schultze hinzu, „nur so feine Sprühstäubchen, wie der Sprühregen im Nebel.“

John rannte die paar Schritte zum Lagerplatz zurück, ergriff ein dünnes Holzscheit, mit dem er wieder angesprungen kam und das er klatschend in den Bach warf.

Wie ein Springbrunnen spritzte das Wasser in feinverteiltem Staub wohl drei Meter hoch empor. Alle staunten sprachlos dies neue Wunder an. Rieger aber rief:

„Das ist ja gar kein Wasser!“ und er wies auf das Holzstück, das wie ein Stück Blei auf den Grund des Baches gesunken war, wo es liegen blieb.

„Da hört sich aber doch endgültig alle Wissenschaft auf!“ rief Schultze: „Das ist frisches, klares Wasser, aber von einer Leichtigkeit, daß es auf unsern schwerfälligen irdischen Gewässern wie Öl oder Spiritus schwimmen würde; es scheint entsprechend flüchtig zu sein und sehr rasch zu verdunsten; das spüre ich schon an dem starken Prickeln, wenn es auf der Haut trocknet. Lady Flitmore, auf dem Saturn würde Ihre größte Wäsche in der halben Zeit trocknen, als auf unsrer mangelhaften Erde!“

Zu Münchhausens Beruhigung schritt man jetzt zur Bereitung des Frühstücks.

Es war überraschend, wie schnell das Wasser zum Sieden kam. Der Professor prüfte seine Wärme mit einem Thermometer: „Dachte ich’s doch!“ rief er aus: „Bloß 52 Grad! Das Saturnwasser kocht also schon bei dieser geringen Temperatur.“

Hierauf machte er sich an die Untersuchung des Grund und Bodens und löste das Gestein mit einem Pickel, den John aus der Sannah herbeischaffen mußte. Die Steinbrocken, die aus dem Boden gehauen wurden, erinnerten in ihrem Bau an Knochen: sie waren voller Hohlräume, schwammig, in Zellen eingeteilt, mit dünnen, doch sehr widerstandsfähigen Wandungen. Die mehr oder minder großen Kammern waren mit Luft oder Gasen gefüllt, während sich überall durch die größeren zusammenhängenden Felsmassen Wasseradern zogen.

Ein Versuch ergab, daß die Mehrzahl der Steine auf dem Wasser des Baches schwamm, obgleich das Wasser selber schon so leicht war.

In der Folge fanden sich auch völlig dichte Gesteinsmassen, die im Wasser untersanken, aber immer noch fabelhaft leicht erschienen.

„Nun ist das Rätsel der geringen Dichtigkeit dieses Planeten gelöst,“ sagte Flitmore: „Die Dichtigkeit, oder was auf das gleiche herauskommt, das spezifische Gewicht des Saturn beträgt1/8von dem der Erde, ¾ des Wassers, nämlich des irdischen Wassers.

Man vermutete daher, er müsse sich in glutflüssigem Zustand befinden, wodurch freilich so äußerst geringe Dichtigkeit nicht recht begreiflich wird. Deshalb stellte ja auch unser Kapitän die Theorie auf, der Stoff der Saturnmasse möchte heißer Grog sein.“

„Schade, daß dies nicht zutrifft!“ meinte Münchhausen lachend.

„Nun, an Grog soll es Ihnen sobald nicht fehlen,“ tröstete der Lord. „Wir haben nun hier einen festen, widerstandsfähigen Grund entdeckt, durchaus nicht so weich und elastisch wie die viel dichtere Marserde, und doch von solcher Leichtigkeit, daß diese alles erklärt. Das Wasser hat ein entsprechend geringeres Gewicht als auf Erden, und so scheint auch die Pflanzenwelt aus leichtem Stoff gebaut, der nicht durch seine starre Masse, sondern durch seine elastische Biegsamkeit und die Zähigkeit der Fasern den Stürmen trotzt.“

„Gewiß ist auch die Tierwelt diesen Verhältnissen angepaßt,“ vermutete Schultze. „Brechen wir auf! Ich brenne vor Begier, eine Entdeckungsreise zu unternehmen.“

Als unsere Freunde kurz darauf den Graswald und hinter diesem den Hochwald der Riesenkräuter betraten, fanden sie des Professors Vermutung voll bestätigt: nirgends begegnete ihnen ein Wirbeltier, das einen festen Knochenbau aufgewiesen hätte; nur Insekten, Kerbtiere und Weichtiere waren zu schauen.

Aber welch entsetzliche Ungeheuer waren dies!

Obwohl sie in Einzelheiten ihres Baues und ihrer Formen wesentlich von allen irdischen Arten abwichen, zeigten sie doch im allgemeinen eine in die Augen springende Ähnlichkeit mit solchen, und nach dieser wurden sie denn auch bezeichnet.

Münchhausen erklärte gleich anfangs, man könne dies Geziefer nicht anders unter einem Sammelnamen begreifen, als unter dem Namen „Drachen“; denn als solche müßten sie bei ihrer unnatürlichen Größe und ihrem entsetzenerregenden Anblick gelten.

Da fanden sich denn Schneckendrachen und Raupendrachen und solche, die durch Füße am Vorderleib mit Käferlarven Ähnlichkeit hatten, lauter dicke, plumpe und doch behende Geschöpfe in der Größe von Wieseln, Katzen und Schafen. Dieser Größenvergleich konnte jedoch bei den beiden letzteren nur für die Höhe gelten; die Länge betrug das Doppelte und Dreifache.

Weit grauenhaftere Kriechtiere waren die Asseln und Tausendfüßler mit ihren unzähligen Gliedern, wie Krokodile so groß krochen und wanden sie sich daher und wenn sie sich mit halbem Leibe emporhoben, schwebten ihre gräulichen Häupter und zappelnden Beine so bedrohlich über den Köpfen der Wanderer, daß diese durch wohlgezielte Kugeln sich der Ungeheuer erwehren mußten.

Ameisen- und Wanzendrachen, unheimliche Spinnen, über mannshoch, erschienen noch gefährlicher; die wahren Riesen der Tierwelt des Saturns aber waren die gepanzerten Käfer, die wie Flußpferde, Elefanten und Nashörner daherstapften und mit ihren Zangen nach den fremden Eindringlingen griffen.

Man mußte stets auf der Hut sein; denn diese Tiere kletterten an den mächtigen Stauden umher, die sich oft unter ihrer wenn auch noch so leichten Last beugten; doch Lord Flitmores fleißigen Momentaufnahmen entgingen sie nicht.


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