Eine Art Hirschkäfer faßte einmal unversehens den Kapitän mit seinen fürchterlichen Kiefern mitten um den Leib. Der Lord war so eifrig beim Photographieren, daß er rasch auch dieses großartige Bild aufnahm, ehe er dem Bedrohten zu Hilfe kam. Heinz Friedung hatte inzwischen durch mehrere Schüsse dem Scheusal den Garaus gemacht; aber die Zangen des toten Tieres mußten erst förmlich abgesäbelt werden, ehe Münchhausen wieder befreit aufatmen konnte und seinen Humor wiedergewann.
„Natürlich, gleich den fettesten Bissen mußte sich dieser Schlecker heraussuchen,“ scherzte er, während ihm noch der Angstschweiß auf der Stirne perlte.
Besonders in acht nehmen mußte man sich auch vor den Heuschrecken und Grashüpfern, die wie Känguruhs umherschnellten.
Auch eine Art riesiger Ohrwürmer machte sich unangenehm.
In den Lüften summten Mücken, Rüsselfliegen und Bremsen mit durchsichtigen Flügeln in Spatzen- bis Taubengröße. Weit gewaltiger waren die Wespen und Hummeln, die geflügelten Ameisen und die stahlglänzenden Libellenarten. Die Riesen der Vogelwelt aber, wenn hier von Vögeln geredet werden durfte, waren die Schmetterlinge, die ganz entzückende Färbungen aufwiesen.
Jetzt aber kroch ein plattleibiges Ungetüm heran mit langen Armen, an deren Ende sich zwei gewaltige Zangen aufsperrten, gleichzeitig schwang es den hoch über seinen Rücken gebogenen vielgliedrigen Schwanz gegenLady Flitmore. Am Ende dieses Schwanzes befand sich ein scharfer Stachel, der über der Spitze stark verdickt war, offenbar eine Giftdrüse enthaltend.
„Ein Skorpiondrache!“ schrie Münchhausen und legte sein Gewehr an.
Doch wäre er zu spät gekommen, wenn nicht Mietje selber mit großer Kaltblütigkeit dem Angreifer eine Kugel direkt in die geblähte Giftdrüse gesandt hätte, so daß diese platzte, einen gelblichen Saft entleerend, und der Stachel schlaff herabfiel.
Mit der einen Zange jedoch packte der Skorpion den Arm der jungen Frau.
Jetzt kam John zu Hilfe: er war mit einer Axt bewaffnet, um, wo es not tat, die Wege zu bahnen. Mit einem wohlgezielten Hieb trennte er das Zangenglied vom Leibe des Riesenskorpions,der nun von weiteren Angriffen abstand.
Mit großer Anstrengung gelang es dann dem Lord, die krampfhaft geschlossene Zange aufzubrechen und den Arm seiner Gattin aus der Klemme zu befreien. Aber eine schmerzhafte Quetschung trug die mutige Dame als Andenken von dieser Begegnung davon.
Die meisten Waldriesen hatten weiche, biegsame, saftige, doch zähe, elastische Stämme von enormem Umfang, es waren einfach gigantische Kräuter.
Es fanden sich aber auch Stauden, Büsche und Gesträuche mit rohrartigen Zweigen oder von äußerst leichtem Mark erfüllten Stengeln, und schließlich Riesenfarne und Schachtelhalme. Wirkliches Holz jedoch war nirgends vorhanden: alles entsprach in seiner leichten, losen Struktur der geringen Dichte des Planeten.
Dementsprechend waren die köstlichen, saftigen Riesenfrüchte fast durchweg Beeren- und Schotenfrüchte, teils mit Steinen, gleich den Schlehen und Wacholderbeeren, teils den Himbeeren, Brombeeren und Maulbeeren ähnlich oder auch den Stachelbeeren; viele hingen in saftigen Trauben herab oder in Büscheln als enorme Bananen und Bohnen; endlich fanden sich noch haselnußartige Stauden mit hartschaligen, kokosnußgroßen Nüssen.
Eine Nacht auf dem Saturn.
Eine Nacht auf dem Saturn.
Selbstverständlich wurden all diesen Herrlichkeiten die Namen nur vergleichsweise gegeben nach den irdischen Gewächsen, mit denen sie eine besondere Ähnlichkeit aufwiesen; in Wirklichkeit unterschieden sie sich nicht nur in der Größe, sondern auch in Form und Geschmack wesentlich von allen Beeren der Erde, aber durchaus nicht zu ihrem Nachteil. Den erstenPreis in Bezug auf Aroma und Güte erhielt nach einstimmigem Urteil eine Art Kaktusfeige ohne Stacheln.
Die beiden Schimpansen ließen sich’s wohl sein und kletterten überall empor, wo eine Frucht lockte. Sie waren von Flitmore dazu dressiert, auf Kommando ihre Beute herabzuwerfen, und das kam nun allen zu statten; denn die meisten Früchte hingen so hoch, daß sie vom Boden aus nicht zu erreichen waren, und für gewichtige Menschen war das Erklettern der schwankenden, biegsamen und dabei meist sehr umfangreichen Stengel und Rohre mit besonderen Schwierigkeiten verknüpft.
Auch auf Kämpfe mit den verschiedenen Ungetümen des Urwalds ließen sich die Affen ein, wobei sie manchen Heuschrecken- und Raupendrachen erwürgten und Riesenspinnen und Tausendfüßler zerrissen oder totbissen. Im Handgemenge mit den gepanzerten Käfern aber zogen sie meist den Kürzeren und trugen allerlei Wunden davon; doch wurden sie jedesmal durch die Kugeln der Herren oder durch Johns Axt vor dem Erliegen gerettet.
Der Genuß der aromatischen Beeren, die übrigens mit den leuchtenden Früchten der Tipekitanga nicht wetteifern konnten, wurde durch die zahlreichen widerlichen und recht gefährlichen Geschöpfe beeinträchtigt, die den sonderbaren Wald bevölkerten.
Aber noch etwas andres zwang unsre Freunde zu schleunigster Umkehr.
Das war ein wütender Orkan, der sich ganz unvermittelt erhob und unter dessen Gewalt sich die Krautbäume und Stauden bis zu Boden neigten und so das Weiterkommen beinahe unmöglich machten, ja die Wandrer in Gefahr brachten, niedergeschmettert und erdrückt zu werden.
Das Getier flüchtete sich zum Teil in Erdlöcher, die zahlreich vorhanden waren und der Tätigkeit der Rieseninsekten selber zuzuschreiben sein mochten, zum Teil rettete es sich auf die Wipfel, in denen es sich festkrallte, während der Sturm über sie wegsauste, daß alles wogte, wie ein Meer.
Der Rückzug war schwierig und nicht ungefährlich, und obgleich man gar nicht weit in den Wald eingedrungen war, dauerte es doch lange, bis man ihm wieder entrann; denn mit größter Vorsicht und unter vielen Umwegen mußte denjenigen Pflanzen ausgewichen werden, die sich so tief neigten, daß sie buchstäblich den Boden peitschten.
So furchtbar der Sturm wütete, so knickten doch nur ganz wenige Stengel ein, so elastisch paßte sich diese zyklopische Pflanzenwelt den Verhältnissen an.
Endlich war der Saum des Graswäldchens erreicht, und aufatmend traten unsere Freunde auf die kleine Lichtung hinaus, auf welcher die Sannah vor ihren Blicken emporragte.
Sie gedachten, sofort im Innern des Fahrzeugs Schutz vor dem Orkane zu suchen, der jetzt einen feinen, alle Kleider durchdringenden Sprühregenniederwehte. Dieser Sprühregen, so fein verteilt er war, erfüllte doch die Luft mit einem undurchdringlichen Nebel, so daß es noch vor Sonnenuntergang ziemlich düster wurde und man den Eingang ins Nordpolzimmer zu halber Höhe der Sannah, also 22½ Meter hoch, nicht mehr erblicken konnte.
Der Schimpanse Bobs, als der gelenkigste und zugleich naseweiseste und rücksichtsloseste der ganzen Gesellschaft, turnte als erster an der Strickleiter empor und war schon im Nebel verschwunden, ehe die andern noch zur Stelle waren.
Bald vernahm man aus den verschleierten Höhen ein wütendes Gekreisch.
„Hollah! Dort oben scheint nicht alles in Ordnung zu sein,“ rief Flitmore: „Es war auch ein unverantwortlicher Leichtsinn von mir, unsre Sannah ohne männlichen Schutz in der Einsamkeit eines fremden Planeten zurückzulassen.“
Gleich darauf kollerte ein großer, doch offenbar nicht besonders schwerer Körper an der Strickleiter herab.
„Aha! Da hat sich scheint’s ein solch scheußlicher Saturnkäfer dort oben unnütz gemacht,“ sagte der Kapitän: „Nun, Bobs hat ihm das Unverschämte seines Verhaltens gründlich klar gemacht und ihm den Kopf abgerissen, daß er nur noch lose mit dem widerlichen Leibe zusammenhängt.“
„Nennen Sie diese Geschöpfe nicht scheußlich und widerlich,“ schalt der Professor: „Sie sind hochinteressant!“ und er betrachtete liebevoll mit wissenschaftlichen Augen den Mistkäfer, der zu seinen Füßen lag; denn einem solchen war das Tier von der Größe eines Kalbes am ehesten vergleichbar.
Das Gekreisch des Affen hörte inzwischen nicht auf, und bald sah man Bobs mit kläglicher Miene und blutenden Armen in eiliger Flucht sich an der Strickleiter herabschwingen.
„Oho! Da haben Sie’s, Professor!“ rief Münchhausen: „Von Ihren hochinteressanten Tieren haben sich scheint’s noch mehrere in der Sannah eingenistet! Ich schlage vor, daß Sie sich sofort hinaufbegeben, da Sie den Geschöpfen so zärtliche Gefühle entgegenbringen. Da können Sie Studien machen, ganz ungestört; denn wir werden Ihnen erst folgen, wenn Sie damit zu Ende sind und die Einbrecher als unschädliche Präparate Ihrer Käfersammlung einverleibt haben.“
Schultze machte ein langes Gesicht. Ne! Da traute er sich nicht hinauf, obgleich er nichts sehen konnte als Nebel, da er emporschaute. Aber wenn Bobs sich in die Flucht schlagen ließ, dann war die Sache nicht geheuer.
„Richten wir die Zelte wieder auf, der Sturm läßt nach!“ sagte Flitmore trocken. Der Orkan hatte sämtliche Zelte umgerissen.
„Das heißt, wir sollen die Sannah zunächst ihrem Schicksal überlassen?“ frug Heinz.
„Es hat keinen Zweck, sich in diesem Nebel bei sinkender Nacht in eine unbekannte Gefahr einzulassen und den Kampf mit wütenden Ungeheuern aufzunehmen,“ erwiderte der Lord achselzuckend.
„Aber gegen diesen Sprühregen schützen keine Zeltwände noch Decken,“ gab der Kapitän zu bedenken: „Wir sind schon bis auf die Haut durchnäßt und Lady Flitmore könnte sich bei dieser Gelegenheit eine gefährliche Bronchitis zuziehen.“
„Wissen Sie denn überhaupt, ob es auf dem Saturn Krankheitsbazillen, speziell Schnupfenbazillen gibt?“ warf Schultze ein.
„Pah! Erkälten kann man sich überall“, behauptete Münchhausen, „und davor schützt einen ein trockenes Lager, nicht aber eine gelehrte Bazillentheorie. Ich meinesteils, als alter Seebär, kann Nässe und kalte Luft vertragen. Mir ist es nur um Sie und namentlich die zarte Lady.“
„Zarte Lady!“ lachte Mietje: „Haben Sie mich in Afrika als Wachspuppe kennen gelernt, daß Sie mich meinen in Watte wickeln zu müssen?“
„Das nicht, aber damals waren Sie ein Burenmädchen, jetzt sind Sie eine englische Schloßherrin.“
„Doch nicht verweichlichter als damals: mein Burenblut konnte England mir nicht rauben.“
„Dieses Zeugnis kann ich meiner Gattin ausstellen,“ bestätigte Flitmore: „Sorgen Sie sich nicht um sie.“
„Allein,“ beharrte Münchhausen, dem auch das nasse Lager trotz seiner Seebärennatur, mit der er sich brüstete, höchst unsympathisch erschien: „Allein, da der Professor doch einmal die Bazillenfrage aufwarf, wer kann wissen, ob der Saturn nicht viel gefährlichere Bazillen beherbergt als die Erde? Vielleicht auch ganz riesige!“
„Beruhigen Sie sich,“ sagte Heinz plötzlich, „ich werde das Abenteuer wagen und hoffe das Ungeziefer dort oben auszurotten.“
„Seien Sie nicht tollkühn, junger Mann,“ warnte der Lord: „Es hat keinen Zweck. Warten wir bis morgen, bis wir die Sachlage übersehen können; auch ist zu erwarten, daß die Käfer dann freiwillig den Rückzug antreten, schon um nach Nahrung zu suchen; denn im Nordpolzimmer finden sie nichts, und die Zwischentüren zu öffnen wird ihnen doch nicht gelingen.“
„Ja, lassen Sie’s bleiben, junger Freund,“ mahnte nun auch Schultze: „Bobs wäre nicht geflohen, wenn die Übermacht nicht zu groß wäre.“
„Ich habe meinen Plan, bei dem ich nichts riskiere,“ entgegnete Heinz. „Tollkühnheit ist mir fremd; sehe ich, daß Gefahr für mich besteht, so kehre ich um.“
„Na, na!“ drohte Münchhausen: „In Australien haben Sie mehr als einmal gezeigt, daß Sie keine Todesgefahr scheuen: ich traue Ihrer Vorsicht nicht so ganz.“
„Lassen Sie mich nur machen,“ rief Heinz von der Strickleiter herab, an der er bereits gewandt wie eine Katze emporklomm, um weitere Erörterungen abzuschneiden.
Ihm folgte der Schimpanse Dick, der eine besondere Freundschaft mit dem jungen Mann geschlossen hatte, welcher sich stets gerne und fürsorglich mit dem Affen abgab.
Aber auch John kletterte empor, indem er Heinz nachrief: „Ich gestatte mir mit meiner Wenigkeit auch unbedingt Ihre Nachfolge anzutreten, indem daß wir zu dritt berechnungsweise mehr auszurichten imstande sein dürften, als wenn Sie mit Dick allein eine Schlacht inokulieren wollten.“ Das sollte nämlich „inaugurieren“ heißen, was John als einen vornehmeren Ausdruck für das schlichte deutsche Wort „beginnen“ erkannt hatte.
Heinz erreichte die schwarz gähnende Öffnung des Nordpolzimmers. Es war völlig Nacht geworden und man konnte nichts im Innern des Raumes erkennen, wohl aber hörte man ein Durcheinanderkrabbeln, Knarren und Zirpen, das bekundete, daß da drinnen eine ganze Anzahl ungebetener Gäste sich eingenistet hatte und es nicht geraten gewesen wäre, sich in Nacht und Finsternis in ihre Nähe zu wagen.
Dies hatte er auch vorerst nicht im Sinn; vielmehr ergriff er nun eine der Rampen, die das Weltschiff gleich Meridianen in seinem ganzen Umfang umgaben und sich in seinen Scheitelpunkten kreuzten.
Das Emporsteigen an der Rampe auf der glatten, gewölbten Oberfläche der Kugel war für einen Menschen nicht ungefährlich; allein dieDunkelheit, die jedes Gefühl des Schwindels ausschloß, begünstigte das Wagnis und Heinz war ein gewandter Turner. Auch John Rieger fand keine unüberwindliche Schwierigkeit in der Kletterei, Dick, der Affe, vollends nicht: dem war es ein Spaß.
So langten denn alle drei wohlbehalten oben an, wo sie in einer Höhe von 45 Metern über dem Saturnboden auf dem höchsten Punkte der Sannah standen, also über deren Zenithzimmer.
Tastend fand Heinz den elektrischen Drücker zu seinen Füßen, der die Öffnung der Luke von außen ermöglichte und nun stiegen sie auf der hier mündenden Leitertreppe in den dunkeln Raum hinab, die Lucke hinter sich wieder schließend.
Zunächst drehte Heinz das elektrische Licht auf und sagte zu John: „Vor allem nehmen wir jeder einen der Gummistühle mit, das sollen treffliche Schutzschilde gegen die Zangen und Kiefer der Unholde sein.“
„Aber dann dürfte mit Verlaub das Schießen darunter notleidend werden,“ gab der Diener zu bedenken. „Insofern zum wenigsten ich meinesteils das Schießen mit einem einzigen gebrauchsfähigen Arm fertigzubringen der unumgänglichen Fähigkeit entbehre.“
„Wir schießen auch nur im äußersten Notfall, Freund. Es ist so eine Sache, mit einem weittragenden Gewehr in einem geschlossenen Raum zu schießen; wenn auch die Kugeln angesichts der dicken Kautschukpolster an den Wänden nicht zurückprallen dürften, so könnten wir doch Beschädigungen und Verwüstungen anrichten, die wir besser vermeiden.“
„Aber da wären doch sozusagen Revolver im Waffenschrank, der sich dahier befindet.“
„Ausgezeichnet! Mit denen können wir das Schießen eher wagen. Stecken wir uns jeder solch ein Ding in den Gürtel; aber zuvor laden! Und jetzt, unsre Hauptwaffe muß ein Hirschfänger sein; den nehmen wir in die rechte Hand.“
„Ich würde mit Ihrer gütigsten Gestattung, sofern Sie nichts Wesentliches dagegen einzuwenden haben sollten, das Dolchmesser lieber auch in den Gürtel zu stecken vorziehen und diese Tomashacke, das indianische Beil, zur Hand nehmen, da allerlei praktische Waffengerätschaften aus aller Herren Ländern in diesem Kasten sich in Vereinigung befinden, indem daß ich mit dem Beilhieb besser umzugehen vermag als mit dem Dolchstoß.“
„Wie du willst, John, und den Revolver gebrauchen wir nur im Notfall; mit dem wirst du wohl einhändig schießen können?“
„Dieses zu bejahen werde ich mir wohl schmeicheln dürfen, indem daß ich andernfalls mich als einen ganz besonderen Tollpatsch ausweisen würde.“
„Also! Jetzt in den Gang nach dem Nordpolzimmer! Ich gehe voran, Dick folgt mir und du schließt die Türe, nachdem du das Licht ausgedreht hast; inzwischen erleuchte ich den Korridor. Wenn wir in das Nordpolzimmer kommen, mache ich zuerst Licht dort: das wird die Biester zunächst so blenden und verblüffen, daß sie uns nicht gleich angreifen werden.“
Ehe Heinz die Türe öffnete, die vom Gang in das Nordpolzimmer führte, löschte er das elektrische Licht im ersteren, so daß alles dunkel war, als er den Raum betrat. Dies tat er vorsichtig, sich hinter dem Gummisessel deckend und daran hatte er gut getan; denn hart an der Türe stand ein Tier, das er erst fortdrängen mußte. Hiezu galt es alle Kraft einsetzen, denn der Sechsfüßler sperrte sich gewaltig.
Jetzt drehte der junge Held das elektrische Licht auf und zwar alle Lampen rasch nacheinander, so daß blendende Helligkeit den Raum überflutete.
Rasch übersah er die Sachlage. Ein Dutzend Panzerkäfer von der Größe halbwüchsiger Kälber hatte sich in der Stube eingenistet; außer ihnen befanden sich aber auch vier mächtige Asseln im Zimmer, die Heinz wegen ihrer Gelenkigkeit und Behendigkeit mehr Sorge machten als die Käfer mit ihren Zangen und Kiefern.
Dick gab das Zeichen zum Angriff: beherzt sprang er hervor und setzte auf den Rücken einer Assel die sich unter seinen würgenden Griffen und reißenden Nägeln und beißenden Zähnen krümmte und wand, ohne ihm jedoch beikommen zu können: der Schimpanse machte ihr rasch den Garaus.
Die Käfer standen, wie Heinz richtig vermutet hatte, zunächst geblendet und regten sich nicht. Wie abwehrend stemmten sie die Vorderbeine und sperrten die Kiefer auf.
„Jetzt drauf!“ kommandierte der junge Mann und stürzte auf den nächsten Feind los, ihm den Hirschfänger zwischen die Halsplatten stoßend.
John schwang indessen sein Tomahawk oder seine Tomashacke, wie er sich ausdrückte; er hatte den Schild, der ihn behinderte, weggeworfen und spaltete zunächst einer Assel den weichen Kopf, während Dick, der den Kampf mit den Asseln einem Angriff auf die panzergeschützten Käfer vorzuziehen schien, soeben die dritte zu zerfetzen begann.
Es schien eine völlig gefahrlose Schlacht zu geben, denn schon waren acht der Ungeheuer kampfunfähig gemacht und ein neuntes war zur Lucke hinaus entwichen, ohne daß die Helden mehr als ein paar Quetschungen davongetragen hatten. Außerdem lagen drei Asseln tot und die vierte war nicht mehr zu sehen.
„Nur noch drei Feinde!“ jubelte Heinz: „Der Sieg ist unser!“
Allein er frohlockte zu früh, gerade diese letzten Gegner sollten noch schwere Arbeit machen; ihre Augen hatten sich an das Licht gewöhnt und sie waren auf ihrer Hut.
Mit dem einen befand sich Dick in verzweifeltem Kampf. Der Kerl war auf den Rücken gefallen, aber mit den kräftigen Zangen seiner sechs zappelnden Beine hielt er den Affen fest, kneipte und zwickte den laut kreischenden Vierhänder und schnappte mit den Kiefern nach ihm. Vergeblich suchte der Schimpanse, loszukommen; hätte er sich befreien können, er hätte nur noch an den Rückzug gedacht, wie zuvor Bobs. Er biß wütend um sich und zerbrach mit den Vorderhänden dem Scheusal zwei Beine, aber von hinten wurde er im Schraubstock festgehalten.
Der zweite Käfer war zum Angriff auf Heinz übergegangen. Dieser hatte sich in seiner Siegesgewißheit dessen nicht versehen und alle Vorsicht außer acht gelassen; er hatte bisher so leichtes Spiel gehabt.
Unglücklicherweise umfaßten die Kiefer des Angreifers gerade seinen Hals: sie waren wohl nicht imstande, ihn zu durchbeißen, wohl aber, ihn derart zusammenzupressen, daß der Ärmste erwürgt wurde. „John, John, zu Hilfe!“ konnte er nur noch mit erstickter Stimme stöhnen, dann entfiel ihm der Hirschfänger, mit dem er seinem Gegner einen schwachen Stich versetzt hatte.
Aber John war außerstande, Hilfe zu bringen: auch er befand sich in einer ekligen, wenn auch zunächst nicht lebensgefährlichen Klemme. Am rechten Arm gepackt, konnte er sein mörderisches Beil nicht mehr gebrauchen und tastete mir der Linken krampfhaft nach dem Revolver in seinem Gürtel.
In diesem Augenblick höchster Not erschien Flitmore in der Lucke, gefolgt von Schultze. Die Sorge um Heinz und John hatte ihnen keine Ruhe gelassen. Im Emporklettern wäre es übrigens dem Lord beinahe schlimm ergangen, denn er stieß mit dem flüchtenden Käferriesen zusammen, der ihn fast zu Fall brachte; doch gelang es ihm, das Tier hinunterzustürzen.
Ein Blick zeigte ihm nun, daß die Hauptarbeit getan war, daß aber auch Heinz in dringendster Lebensgefahr schwebte. Er eilte, den Mörder zu köpfen und dann die Zangen des abgetrennten Kopfes gewaltsam von seines jungen Freundes Hals zu lösen. Nun stellte er Wiederbelebungsversuche an dem Ohnmächtigen an.
Indessen war es John gelungen, durch einige Revolverschüsse auch seinem Feinde das Lebenslicht auszublasen und dann mit Mühe seinen Arm aus der Klemme zu befreien.
Der Professor war inzwischen dem Affen zu Hilfe gekommen, der schleunigst denunheimlichen Ort verließ, obgleich die Gefahr nun vorüber war.
Und doch! sie war es noch nicht ganz: auf einmal erscholl ein Schrei des Entsetzens aus Schultzes Munde.
Die vierte der Asseln, die verschwunden schien, war nur an der Wand hinauf gekrochen und stürzte plötzlich von der Decke herab auf den Professor; nicht aus böswilliger Absicht, — sie hatte einfach den Halt verloren.
Aber was tat dies zur Sache? Der unglückselige Gelehrte fühlte sich von einem dicken, ringelnden Leib umwunden, von zahllosen, kribbelnden Füßen umfaßt und wähnte sein letztes Stündlein gekommen.
Nun aber kamen John und Flitmore gleichzeitig herbei und machten das letzte der Scheusale bald unschädlich, dessen zerstückelter Leib sich, mit den enggereihten Beinen zappelnd, am Boden krümmte.
Heinz war wieder zur Besinnung gekommen und griff sich an den Hals; er hatte das Gefühl, als presse eine furchtbare Zange ihn immer noch zusammen. Da war aber nichts mehr vorhanden, nur die Nachwehen des Drucks hatten ihm dies vorgetäuscht. Bald atmete er auch wieder leichter und konnte sich allmählich erheben.
Da trat Mietje mit gezücktem Dolch durch die Außentüre ein: sie fand zum Glück keine Arbeit mehr für ihre Waffe. Hinter ihr tauchte Münchhausen pustend und schweißtriefend auf, so hastig war er emporgeklettert, um den Freunden auch seinerseits Beistand zu leisten.
„Nanu, da komme ich ja wohl zu spät,“ keuchte er: „Schade, schade, daß sich niemand in Lebensgefahr befindet, es wäre mir ein Vergnügen und eine Ehre gewesen, ihn zu retten.“
„Sie haben jetzt das Recht zu scherzen,“ sagte der Lord, „aber unserm heldenmütigen Freund, Heinz Friedung, ging es diesmal buchstäblich an den Kragen und um ein Haar, so wäre es um ihn geschehen gewesen.“
„Wahrhaftig! Sie sind ja ganz blau im Gesicht,“ wandte sich der Kapitän mit lebhafter Teilnahme an den Geretteten, „und Ihr Hals zeigt Strangulationsspuren. Wir müssen Ihnen schleunigst einen Grog brauen!“
Die Tierleichen wurden jetzt hinausgeworfen und möglichst alle die widerlichen Spuren des Kampfes entfernt; dann holte John die Zelte herein und auch die Affen trauten sich wieder in die Sannah und halfen beim Transport.
Die Kämpfer aber wuschen sich und zogen sich um, worauf im Zenithzimmer, fern vom Schlachtfeld, das Nachtmahl eingenommen wurde.
„Wir wollen eine andre Gegend des großen Planeten aufsuchen,“ schlug Flitmore andern Tags vor.
„Das ist ein guter Gedanke,“ sagte Schultze beifällig: „Ich sehe selber ein, die Tierwelt hier in den Tropen ist eklig und unangenehm, so hochinteressant sie auch erscheint. Wohl möglich, daß andre Breiten neue Wunder und weniger Schrecken offenbaren.“
Zunächst wurden noch reichlich Früchte, besonders Nüsse eingesammelt und in die Sannah verbracht, wußte man doch nicht, ob der nächste Landungsplatz ebenso fruchtbar sein würde.
Dann wurden einige leere Behälter mit dem Wasser des Bächleins gefüllt, das sich als herrliches und bekömmliches Trinkwasser erwiesen hatte. In Eimern wurde es an einem Flaschenzug emporgewunden.
Auch diese Vorsicht wurde geübt, weil man nicht voraussehen konnte, wie es mit den Trinkverhältnissen an anderm Orte bestellt sei.
„Hoffentlich entdecken wir auch die Saturnmenschen, das heißt vernünftige Wesen gleich uns,“ äußerte Mietje: „Ich kann mir doch nicht denken, daß ein so ungeheuer großer Weltkörper, der alle Lebensbedingungen für menschliche Wesen bietet, nicht auch von solchen bewohnt sein sollte!“
„Wenn diese Menschen wie die Pflanzen- und Tierwelt der Dichtigkeit des Planeten angepaßt sind,“ scherzte Münchhausen, „so müssen sie äußerst leichtfüßig sein, und dann besteht für uns die Gefahr, daß sie uns als „lästige Ausländer“ ausweisen.“
„Das würde wenigstens Ihnen drohen, Freund Hugo der Dicke,“ meinte Schultze: „Der lästigste Ausländer sind zweifellos Sie und die Saturniten könnten es mit Recht als eine schwere Bedrohung ihres leichten Planeten ansehen, wenn er mit so lästigen Lasten belastet wird.“
„Au!“ rief Münchhausen: „Solche Kalauer bringt doch nur ein geborener Berliner fertig. Ganz der Schultze aus dem Kladderadatsch!“
„Ernstlich geredet,“ begann der Professor wieder, „glaube ich nicht an die Saturniten, da wir bisher auch nicht die Spur von Menschenwerken entdeckten, auch die langen Winter und Sonnenfinsternisse den Aufenthalt dahier nicht besonders menschlich gestalten.“
„Ich neige zu Lady Flitmores Ansicht,“ widersprach ihm Heinz: „Die Menschen könnten ja eben diesen Verhältnissen angepaßt sein, vielleicht sind auch die langen Winter gar nicht besonders streng. Und was die menschlichen Spuren anbelangt, so ist ja die Saturnwelt so ungeheuer groß im Vergleich zu der Erde, daß es rein nichts besagen will, daß einzelne Gegenden sich als unbewohnt, vielleicht von den Saturniten noch unerforscht erweisen.“
„Es steht Ihnen natürlich frei, Ihre eigene Ansicht hierüber zu haben,“ entgegnete Schultze: „Aber mit was wollen Sie dieselbe begründen? Eine unbegründete Theorie schwebt in der Luft.“
„O, ich begründe sie genau wie unsre Lady. Darin sind wir ja doch alle einig, daß diese Wunderwelten mit ihren Pflanzen und lebenden Wesen nur durch den Willen eines persönlichen und vernünftigen Schöpfers hervorgerufen worden sein können?“
„Natürlich! Darüber ist kein Wort zu verlieren,“ ereiferte sich Schultze. „Daß unpersönliche Kräfte Persönlichkeiten hervorzauberten und die vernünftige Weltordnung das zufällige Erzeugnis der Vernunftlosigkeit ist, solchen Blödsinn zu glauben wollen wir dem Halbgebildeten und Denkschwachen überlassen.“
„Also!“ fuhr Heinz fort: „Ein persönlicher, vernünftiger Schöpfer wird nichts ohne Zweck und Bestimmung schaffen. Der Mars zum Beispiel war von menschenähnlichen Wesen bewohnt; er scheint seine Bestimmung vorerst erfüllt zu haben, um auszusterben, vielleicht nur, damit er in späteren Zeiten unter günstigeren Lebensbedingungen einem neuen Geschlecht eine Wohnstätte biete. Der Saturn, der fast 3000mal so groß ist wie der Mars und vernünftigen Wesen weit bessere Lebensbedingungen zu bieten scheint, kann doch unmöglich bloß als Aufenthalt der Rieseninsekten vom Schöpfer gedacht worden sein?“
„Bravo! So meinte ich’s,“ spendete Mietje ihren Beifall.
„Erlauben Sie mir, beiden Parteien recht zu geben,“ mischte sich der Lord in den Streit: „Nordamerika war Jahrtausende lang sehr dünn bevölkertund wies ungeheure unbewohnte Länderstrecken auf, die den Menschen doch ausgezeichnete Lebensbedingungen boten; heute hat es eine sehr dichte Bevölkerung, und das war jedenfalls seine Bestimmung. Dieselbe Bestimmung dürfen wir für Kanada annehmen, das sich erst in unsern Tagen etwas mehr zu bevölkern beginnt; desgleichen weist Südamerika noch die herrlichsten Besiedelungsflächen auf, die zur Zeit völlig oder doch beinahe menschenleer sind.“
„Daraus sehen wir nur,“ fiel Mietje ein, „daß die Bestimmung der bewohnbaren Länder sich erst im Laufe der Zeiten erfüllt.“
„Ganz richtig, meine Liebe! Wenn ihr also mit Recht sagt, Saturn ist für menschenähnliche Wesen bewohnbar und ist also offenbar für solche bestimmt, so könnt ihr daraus noch lange nicht folgern, daß er zur Zeit auch schon seine Bestimmung erfüllt, das heißt, daß jetzt solche Wesen auf ihm leben müssen. Er kann eine Welt sein, die für spätere Besiedelung vorbehalten ist. Vielleicht werden bald seine Ringe vollends in Trümmer gehen und auf seine Oberfläche herabstürzen, so daß einmal die leidigen Sonnenfinsternisse ein Ende haben. Vielleicht wird dadurch auch seine Umlaufszeit beschleunigt; dann hindert nichts, daß er von der Erde aus bevölkert wird, nachdem nun die Mittel gefunden sind, binnen weniger Tage ihn zu erreichen.“
„Dagegen ist nichts einzuwenden,“ meinte Schultze. „Aber, werter Lord, da wir nun zur Abfahrt bereit sind, um eine andre Gegend des Saturn zu besuchen, bitte ich, diesmal mir den Beobachtungsposten anzuweisen. Ich werde mich bemühen, den meistversprechenden Landungsplatz auszuwählen.“
„Halt, halt, Professorchen!“ warnte Münchhausen: „das halten Sie nicht aus. Ich sage Ihnen, da werden Sie zwischen Plafond und Hängematte hin- und hergeworfen, daß Ihnen alle Knochen mürbe werden, da Sie mit keinem so ausgepolsterten, federnden Leib gesegnet sind, wie ich. Sie sind eine Landratte und werden jämmerlich seekrank, das dürfen Sie mir glauben.“
„Ach was, Landratte! Glauben Sie denn, ich könne keine schaukelnde Bewegung vertragen? Bin ich etwa zu Lande nach Amerika, Afrika, Asien und Australien gereist?“
„Na! probieren Sie’s; aber Sie werden noch an mich denken!“
So begab sich der Professor in die Hängematte des Antipodenzimmers und gab das Zeichen zur Abfahrt, worauf er alsbald aus dem Netze flogund mit der Nase auf das Fenster zu liegen kam. Bei jedem Zeichen, das er gab, wechselte er seine Lage zwischen Matte und Zimmerdecke; aber mannhaft ertrug er das Ballspiel, das die Sannah mit seinem Körper aufführte, und fand die jedesmalige Veränderung der Perspektive hochinteressant.
Aber, was war das? Plötzlich verschwand der Saturn wie ein Blitz unter ihm und war nirgends mehr zu sehen!
Schultze rieb sich die Augen, er strengte seine ganze Sehkraft an: entzog ihm nur der plötzliche Einbruch der Nacht den Anblick des Planeten? Aber die Sannah hatte sich ja beim Aufstieg auf der Tagesseite, zwischen der Sonne und der Saturnbahn befunden: so lange die Fliehkraft eingeschaltet war, mußte der Planet dem Weltschiff stets die sonnbeschienene Seite zukehren, weil er sich unter ihm drehte, ohne daß es an seiner Rotation teilnahm.
Bei ständig geschlossenem Strom hätte es immerhin einige Stunden dauern müssen, bis die Nacht eingetreten wäre.
Das also konnte es nicht sein, und doch war weit und breit nichts zu sehen als der dunkle Weltraum; die Sonne leuchtete ja der Sannah auf der andern Seite, im Antipodenzimmer herrschte tiefste Nacht.
So verblüfft war der Professor durch dieses völlig unerwartete und unerklärliche Ereignis, daß er lange Zeit nur seine Augen und sein Gehirn anstrengte, ohne weder etwas sehen zu können, noch des Rätsels Lösung zu finden.
Endlich fiel ihm ein, daß das Vernünftigste wäre, rasch den Strom unterbrechen zu lassen, damit die Sannah durch die Wirkung der Anziehungskraft womöglich dem verschollenen Gestirn wieder nahe komme.
Er gab das entsprechende Zeichen mehrmals: ganz umsonst! Ruhig blieb er im Netze liegen, der Schwerpunkt der Sannah blieb unverändert im Mittelpunkt des Fahrzeugs.
Da mußte etwas nicht in Ordnung sein, vielleicht gelang es dem Lord nicht, die Fliehkraft abzustellen.
„Was ist denn los dort unten?“ fragte jetzt Flitmores Stimme durch das Telephon.
„Ich möchte fragen, was dort oben los ist?“ frug Schultze zurück: „Der Saturn ist verschwunden, völlig weg! Warum unterbrechen Sie den Strom nicht?“
„Er ist unterbrochen! Ich stellte ihn ab, gleich bei Ihrem ersten Zeichen.“
„Dann funktioniert Ihr Schaltungsapparat nicht mehr!“
„Doch! Er ist völlig in Ordnung. Da muß etwas andres im Spiele sein; kommen Sie nur herauf.“
Kopfschüttelnd stieg der Professor aus der Hängematte und begab sich, zuerst absteigend, dann vom Zentrum an aufsteigend, in das Zenithzimmer.
Die Sannah im Kometenschweif.
Die Sannah im Kometenschweif.
Hier hatten die Reisenden gleich seit Beginn der Abfahrt ein ganz einzigartiges Schauspiel genossen: trotz des blendenden Sonnenscheins stand der Komet strahlend am Tageshimmel und bot als ein ungeheurer Schweifstern einen entzückenden Anblick.
Flitmore hatte vorgeschlagen, dem Kometen einen Namen zu geben.
„Die Astronomen auf Erden haben ihn ja zweifellos schon benannt,“ sagte er, „aber wir wissen nicht wie und haben vorerst das Recht, ihm zu unserm Hausgebrauch einen Privatnamen zu geben.“
Man kam überein, daß er „Amina“ heißen solle, zu Ehren einer treuen Somalinegerin, mit der man in Afrika so mannigfache Abenteuer bestanden hatte.
Merkwürdigerweise schien der Komet immer näher zu kommen und die Sonne immer ferner zu rücken. Einige leuchtende Körper, gleich Planetoiden, sausten an der Sannah vorbei.
Inzwischen gab Schultze wieder einmal ein Zeichen; Flitmore stellte den Zentrifugalstrom ab. Bald darauf aber ertönte das gleiche Zeichen wiederholt.
„Der Professor kennt sich nicht mehr aus mit den Zeichen,“ lachte Münchhausen.
Und nun kam es zu dem Telephongespräch, infolge dessen Schultze sich hinaufbegab.
Als er eingetreten war, wurden seine auffallenden Beobachtungen lebhaft besprochen, ohne daß man jedoch eine Erklärung fand.
„Nehmen wir unser Mittagsmahl ein!“ schlug Münchhausen vor: „Ein ordentliches Essen schärft den Verstand.“
Der Professor beobachtete vor und während der Mahlzeit den merkwürdigen Kometen; dann begab sich Heinz ins Antipodenzimmer und berichtete durchs Telephon, daß vom Saturn nichts zu sehen und alles in Dunkel gehüllt sei.
„Ich hab’s!“ rief Schultze: „Wir stecken mitten im Kometenschweif und werden mit ihm fortgerissen, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die alle menschliche Fassungskraft übersteigt.“
„Hollah!“ rief Flitmore: „Sie mögen recht haben! Beeilen wir uns, die Fliehkraft wieder einzuschalten, daß wir nicht gar auf den Kern der Amina stürzen.“
Und alsbald schloß er den Strom.
Aber die Wirkung war eine völlig unerklärliche: Die Sannah schien sich dem Kopf des Kometen noch beträchtlich zu nähern; dann blieb sie scheinbar unbeweglich an einem Fleck.
Dies konnte man daraus schließen, daß einige Meteorstücke, die sich nun ganz in ihrer Nähe befanden, stets die gleiche Entfernung von ihr beibehielten.
„Dieser scheinbare Stillstand,“ erklärte der Professor, „beweist lediglich, daß wir samt jenen Meteoriten, die einen Bestandteil des Kometenschweifes bilden, unaufhaltsam im Schweife der Amina mit fortgerissen werden.“
Der Lord machte noch einige Versuche mit Ein- und Ausschalten des Stroms, aber diese hatten nur geringe Lageveränderungen der Sannah zur Folge: Der Komet schien sie an einem unsichtbaren Faden festzuhalten.
Trotz der genauesten Untersuchung war nichts zu entdecken, das darauf hätte schließen lassen, daß die Fliehkraft irgendwie nicht mehr richtig in Tätigkeit war.
Niemand wußte Rat, niemand fand eine Erklärung.
Schließlich ließ Flitmore den Strom endgültig eingeschaltet, als sicherstes Mittel, einen Zusammenstoß zu vermeiden und vielleicht, nach Überwindung des rätselhaften Widerstands, vom Kometen loszukommen.
„Die Sannah wird vom Kometen regelrecht entführt, daran ist nicht zu zweifeln!“ sagte er. „Ergeben wir uns in unser Schicksal, bis vielleicht einem von uns eine Erleuchtung kommt oder ein ebenso unbekannter Umstand uns aus der fatalen Lage befreit.“
Die Sannah vollendete ihre Rotation und im Zenithzimmer ward es Nacht.
Nachdem die Wachen verteilt waren, begab man sich mit gemischten Gefühlen zur Ruhe.
Andern Tags kreuzte der Komet Amina, mit der Sannah in seinem Gefolge, die Bahn des Planeten Uranus, der am 13. März 1781 von Herschel entdeckt wurde.
„Uranus ist etwa doppelt so weit von der Sonne entfernt, wie Saturn,“ belehrte Schultze, „nämlich zirka 2850 Millionen Kilometer. Er ist 90mal so groß wie unsere Erde und wird von der Sonne nur schwach erleuchtet und erwärmt, da er 400mal weniger Sonnenlicht empfängt als die Erde, was aber immerhin noch 1500 Vollmonden gleichkommt. Er erscheint gleichförmig und düster und ist wahrscheinlich heißflüssig und daher etwas selbstleuchtend. Seine Dichte ist nahezu die des Wassers und die Schwerkraft beträgt auf ihm ein Zehntel weniger als auf unserm irdischen Planeten.
Er besitzt vier äußerst kleine, lichtschwache Monde mit rückläufiger Bewegung, das heißt, sie drehen sich um ihn von Westen nach Osten. Die Sonne erscheint ihm 360mal kleiner als der Erde.
Sein Äquator scheint nahezu senkrecht zu seiner Bahnebene zu stehen, so daß die Pole in der Bahnebene selber liegen und jeder Punkt auf diesem Weltkörper das gleiche Klima besäße; allerdings ein Klima, das auch auf jedem Punkte den außerordentlichsten Schwankungen unterliegt, denn der längste Tag dauert bei 5 Grad Breite 21/3Erdenjahre und bei 90 Grad gar 49 Erdenjahre!“
Die Sannah kam dem Uranus ziemlich nahe, aber vergebens hoffte Flitmore, bei Abstellung der Zentrifugalkraft durch die Anziehungskraft des Planeten von der Amina losgerissen zu werden: der Kometenschweif riß das Weltschiff unentwegt mit sich fort.
Doch konnte Schultze wenigstens einige neue Entdeckungen machen: er fand einen Mond des Uranus, und zwar den von Herschel 1787 entdeckten Oberon, mit einem Ring umgeben, ähnlich dem Saturn, eine völlige Neuheitauf astronomischem Gebiete; ferner entdeckte er zwei weitere, sehr kleine dunkle Monde, deren einer zwischen Oberon und Titania, der andre zwischen Ariel und Umbriel kreiste, den zwei innersten Monden, die Lassell 1846 entdeckt hatte.
Nach weiteren zwanzig Stunden schnitt der Komet bereits die Neptunbahn.
„Neptun,“ erläuterte der unermüdliche Professor, „ist weiter von der Sonne entfernt als Saturn und Uranus zusammengenommen, nämlich an die 4470 Millionen Kilometer.
Galle in Berlin entdeckte diesen äußersten Planeten unsres Sonnensystems nach den Berechnungen, die sich aus den Störungen der Uranusbahn ergaben, und die Adams und Leverrier angestellt hatten. Die Entdeckung Neptuns machte dem Bodeschen Gesetz von dem Verhältnis der Planetenentfernungen entgültig ein Ende, obgleich es durch die Entdeckung der Planetoiden so schön bestätigt worden war. Es half nun alles nichts: es stimmte einfach nicht mit der Entfernung des neuen Planeten.
Neptun scheint nur einen Mond zu besitzen, hat anderthalbfache Wasserdichte und ist von einer wolkigen Atmosphäre umgeben. Er empfängt tausendmal weniger Sonnenlicht als die Erde, dafür ist sein Mond, der sich rückläufig bewegt, größer und heller als die Uranusmonde; er umläuft den Neptun in 5 Tagen, 21 Stunden und 4 Minuten. Der Planet selber soll sich in heißflüssigem Zustande befinden.“
Dem Neptun kam die Sannah nicht so nahe, wie dem Uranus; dennnoch konnten drei weitere kleine Monde entdeckt werden, von denen zwei sogar rechtläufig waren: eine neue Gesetzwidrigkeit!
„Mit Neptun hört unser Sonnensystem auf und auch in 10000facher Entfernung ist nichts mehr vorhanden als der leere Weltraum, den nur Kometen und Meteoriten noch durchkreuzen.“
So lautete Schultzes Schlußbehauptung; aber er hatte sich geirrt: in anderthalbfacher Neptunentfernung von der Sonne fand sich eine zehnte Planetenbahn und die Weltreisenden sichteten einen dunklen Planeten, der wenig größer als die Erde sein mochte und der eine starke Libration aufwies.
Getreu der Sitte, die Planeten des Sonnensystems mit römischen Götternamen zu bezeichnen, nannte Flitmore das neue Gestirn „Vulkan“, und zwar „wegen seines hinkenden Gangs“, wie er sich ausdrückte.
Leider konnte der Planet wegen seiner Entfernung und der rasenden Geschwindigkeit, mit welcher der Kometenschweif die Sannah mit sich fortriß, nicht näher untersucht werden.
Die Sannah kreiste in unendlicher Finsternis; die Sonne stand nur noch als kleiner Stern am Himmel, ihre Planeten waren mit dem bloßen Auge nicht mehr sichtbar.
Der Komet allein verbreitete Licht und erhellte die ihm jeweils zugekehrte Seite des Weltschiffs. Seinen Schweif hatte er bald nach Verlassen des Sonnensystems mehr und mehr wieder an sich gezogen, und mit ihm die Sannah, die ihn nun als Trabant in geringer Entfernung umkreiste, und von seinem gewaltigen Kerne außer dem Licht auch mäßige Wärme empfing.
„Je weiter sich ein Komet von der Sonne entfernt, desto geringer wird seine Geschwindigkeit,“ begann Schultze eines Tages. „Das ist die Regel, die ich anfangs auch für die Amina bestätigt fand. Inzwischen ist aber die Geschwindigkeit unsres Kometen wieder so rasend gewachsen, daß sie alle Begriffe übersteigt und die des Lichts weit übertrifft.“
„Bedenken wir, daß die Nägel an unsern Händen und Füßen nur ein Tausendmillionenstel Millimeter in der Sekunde wachsen, während in der gleichen Zeit eine Schnecke 15 Tausendstel Millimeter zurückzulegen pflegt, ein Fußgänger gar 11/10Meter, so sehen wir, daß ein Mensch im Verhältnis zum Wachstum seiner Nägel viel rascher vorwärtskommt als unser Komet im Verhältnis zu einem gewöhnlichen Fußgänger,“ bemerkte Flitmore lachend.
„Überhaupt, was ist Geschwindigkeit?“ fragte Münchhausen. „Alles ist nur verhältnismäßig; ein Floh übertrifft an Behendigkeit die Schnecke wie die Schwalbe den Kapitän Hugo von Münchhausen.“
„Da haben Sie recht!“ stimmte der Professor lachend zu. „Eins übertrifft das andre, so ist es auch in der geflügelten Welt: Der Geier legt in der Sekunde 15 Meter zurück, die Wachtel 17, die Brieftaube 27, derAdler 31, die Fliege 53, die Schwalbe 67, die Seglerschwalbe gar 89 Meter. Die Elektrizität durchläuft den Kabeldraht mit einer Eile von 4000 Kilometern pro Sekunde, der Voltastrom leistet das Dreifache und in einer oberirdischen Telegraphenleitung erreicht die Elektrizität gar die Geschwindigkeit von 36000 Sekundenkilometern. Das Licht pflanzt sich im Wasser mit 22500 Kilometern Sekundengeschwindigkeit fort, in der Luft mit 100000 und im Weltraum mit 300000 Kilometern. Und doch braucht es vom nächsten Fixstern bis zur Erde 4½ Jahre.
Nun schätze ich jedoch, daß unser Komet etwa das 50fache der Lichtgeschwindigkeit erreicht, so daß er uns innerhalb fünf Wochen in die Fixsternwelt tragen würde! Was bedeutet dagegen der sogenannte Ausreißerstern mit seinen 300 und der große Stern im Arktur mit seinen 4-500 Sekundenkilometern?“
„Wenn uns nur die Luft solange vorhält,“ meinte Mietje bedenklich.
„Wenn es richtig ist, was der Professor ausrechnet, daß wir in fünf Wochen, oder sagen wir auch in zehn, zu den Fixsternen gelangen, so wird, wenn keine besonderen Umstände eintreten, unser Sauerstoffvorrat reichen,“ beruhigte sie der Lord. „Wenn wir dann nur vom Kometen loskommen und auf einem wohnlichen Stern mit gesunder Luft zu landen vermögen.“
„Hurrah! Es geht zu den Fixsternen!“ rief Heinz begeistert. „Das hätte ich mir doch nie träumen lassen.“
„Ja, wir reisen in Gottes Wunderwelt,“ bemerkte Flitmore nachdenklich. „Nun denn! Hat uns nicht der Schöpfer seinen Boten aus der Unendlichkeit gesandt, uns in’s Schlepptau zu nehmen? Vertrauen wir ihm, daß er uns behütet auf einer Fahrt, wie sie noch kein menschliches Wesen gemacht oder auch nur für denkbar gehalten hat.“
Schultze entnahm dem Bücherschrank einen dicken Band und sagte:
„Hier haben Sie ein Werk, edler Lord, das uns wenig Vertrauen zu unsrer Reise machen dürfte, falls sein Verfasser recht behielte.“
Flitmore warf einen Blick auf das Buch und zuckte die Achseln: „Die Weltmaschine von Karl Snyder, ja, ja! Das ist so einer von den kleinen Geistern mit engbeschränktem Horizont, die da glauben, mit ihrem Gehirnchen das Weltall zu umfassen. Ich denke aber, wir wollen unser Vertrauen doch lieber auf Gott setzen und nicht auf Herrn Karl Snyder.“
„Was behauptet denn dieser Mann der Wissenschaft?“ fragte Münchhausen neugierig.
„Einen Mann der Wissenschaft wollen wir ihn doch lieber nicht nennen,“ meinte Schultze lachend: „Er schreibt zwar mit gewaltigem Pathos über die Wissenschaft und prahlt mit ihr, schwebt aber selber doch zu sehr im Nebel seiner Phantasien, als daß er einen festen wissenschaftlichen Boden für seine Füße gewänne. Mit einem Wort, er urteilt aus materialistischer Voreingenommenheit heraus; es steht ihm von vornherein fest, daß es keinen Schöpfer gibt und die göttliche Offenbarung Fabel sei, und so versetzt er dem Christenglauben ohne irgendwelchen Anlaß und vollends ohne irgendwelche stichhaltige Begründung Fußtritt auf Fußtritt, wie ein ungezogener Knabe.“
„Erlauben Sie,“ unterbrach der Lord den Sprechenden und nahm ihm das Buch aus der Hand. „Ich will Ihnen so eine bei den Haaren herbeigezogene Bemerkung vorlesen, die das von unserm Professor Gesagte gut illustriert.“
Er blätterte ein wenig und las dann: „Einen Schritt weiter und die Entdeckungen Galileis, vielleicht auch Keplers und Newtons, konnten vollendet sein, bevor die römische Herrschaft ihr Pflaster auf hellenische Kultur gesetzt und bevor das Evangelium eines rächenden Jehova die Grenzen des kleinen Ländchens Palästina überschritten hat, um Gotteslästerung mit der Wahrheit zu treiben.“
„Bemerken Sie“, sagte Schultze, „daß diese plumpe Bemerkung, wie unser Lord richtig sagte, bei den Haaren herbeigezogen ist: sie hat ja mit den Entdeckungen, von denen die Rede ist, rein nichts zu tun.“
„Jedenfalls zeugt sie entweder von grober Unwissenheit oder von einer Böswilligkeit, die sich um Wahrhaftigkeit rein nicht kümmert“, äußerte Mietje in tiefster Entrüstung: „denn einEvangeliumeines rächenden Jehova ist ja einfach Unsinn; das Evangelium verkündigt die Liebe und Barmherzigkeit eines himmlischen Vaters.“
„Mit Logik und Wahrheit“, sagte Flitmore, „gibt sich der Materialismus nicht ab, da wird alles, was von Fanatikern wider den christlichen Geist der Liebe, wie ihn das Evangelium allein verkündigt, gesündigt wurde, ohne weiteres der christlichen Religion selber in die Schuhe geschoben. Da! Auf Seite 146 wird das Christentum ein ‚verächtlicher, grundloser Aberglaube‘ geheißen, der ‚an Stelle der Kultur der Schönheit und Aufklärung getreten‘ sei. Und gleich auf der nächsten Seite: ‚Nero und die Scheusale in Purpur gingen St. Augustin und den andernKirchenvätern voran. Das kaiserliche Rom war der Halbschatten, das christliche der Kernschatten‘.“
„Folgerichtigkeit und Vernunft darf man von materialistischer Voreingenommenheit nicht erwarten,“ hub Schultze wieder an. „Es ist ja schön, wie begeistert Snyder die Genies der astronomischen Wissenschaft lobt,namentlich Aristarch und Galilei. Etwas prahlerisch redet er davon, wie herrlich weit die Wissenschaft es gebracht habe und nennt den Menschengeist das wahre Weltwunder. Dem gegenüber klingt es dann geradezu lächerlich, wenn er plötzlich die Saiten umstimmt und der Menschheit mit komischer Salbung predigt, sie solle nicht im Wahne leben, als ob sie irgend etwas sei oder irgend eine Bedeutung habe!“
„Hören Sie weiter,“ sagte der Lord. „Vom mosaischen System der Schöpfung sagt Snyder: ‚Letzteres erhielt sich unter den Völkern Europas nach dem Niedergange der hellenischen Wissenschaft bis zu den letzten Jahren des 17. Jahrhunderts. Nach dem Zeitalter Cassinis und Newtons vermochte es nicht länger mehr einen vernünftigen Geist zu befriedigen‘.“
„Das ist nicht mehr bloß Dummheit, das ist schon mehr freche Lüge,“ polterte Münchhausen entrüstet.
„Vergessen Sie nicht,“ berichtigte Schultze, „daß ein Materialist nur solchen Geistern die Ehre antut, sie vernünftig zu heißen, die sich ebenso wie er vom mechanistischen Aberglauben blenden lassen.“
„Nun,“ meinte Heinz, „ich kann diese Stelle bei Snyder nicht gar so schroff ablehnen; überhaupt empfiehlt es sich wohl, sich in seinen Ausdrücken etwas zu mäßigen, um nicht auf die gleiche Bildungsstufe herabzusteigen, wie diese Menschenkinder. Aber ist es nicht richtig, daß der mosaische Schöpfungsbericht mit den Jahrmillionen nicht vereinbar ist, die von den Geologen für die Entwicklung unsrer Erde ausgerechnet werden?“
„Sehen wir klar, junger Freund!“ mahnte der Lord: „Zunächst berichtet das erste Kapitel der Bibel nicht über die Weltschöpfung. Himmel und Erde sind bereits vor Äonen erschaffen und die Erde war wüste und leer. Hier setzt der Bericht ein mit der Schöpfung von Licht und Leben lediglich in Bezug auf die Erde. Wir wollen nun nicht die Frage aufwerfen, ob die Erde ursprünglich ganz andre Rotationsverhältnisse hatte oder wie sonst die mosaischen Tage sich deuten lassen; auf den Buchstaben kommt es wohl keinem von uns an. Aber da hören Sie, was Dr. Klein in seinen ‚Kosmologischen Briefen‘ sagt.“
Hiebei nahm er ein Büchlein aus dem Regal, aus dem er folgende Stelle vorlas: „Bekanntlich fehlt den Geologen bezüglich der von ihnen in der Erdentwicklung unterschiedenen Perioden so gut wie jeder chronologische Maßstab.“
„Das stimmt,“ fiel der Professor ein; „die Jahrmillionen sind bei Licht besehen ein Schwindel, das heißt alle diesbezüglichen Berechnungen beruhen auf völlig unsichern Voraussetzungen. Wenn man solche Zeiträume nicht zu brauchen glaubte, um die Entwicklungslehre einigermaßen annehmbar zu machen, so hätte man diese Zahlen nie erfunden. Es ist allerdings auch nur eine für den Denkenden durchsichtige Täuschung, wenn man meint, die Entwicklung des Menschen aus der Urzelle dadurch verständlicher zu machen, daß man sie auf viele Millionen Jahre verteilt. Die rasche Verwandlung einer Raupe in einen Schmetterling oder die ganz plötzliche Verwandlung eines Explosionstoffs in flüchtige Gase wären auch nicht verständlicher, wenn sie erst auf langsamem Wege durch Jahrmillionen erfolgten.“
„Ganz richtig“, sagte Flitmore: „Dies sind nun zwar keine Verwandlungen in ganz andre Arten, aber ob eine Verwandlung sich in einer Sekunde oder im Laufe von Äonen vollzieht, ist für den klaren Verstand völlig einerlei; die scheinbare Beseitigung des Unerklärlichen durch die noch dazu unbewiesene Erfindung ungeheurer Zeiträume ist nur eine Eselsbrücke zur Befriedigung derer, die nicht weit denken können.“
„Wie es aber mit den Jahrmillionen steht,“ sagte Schultze wieder, „beweist Ihnen am besten, daß man für die Entstehung der Steinkohle frischweg etliche Millionen Jahre ansetzte, ebenso für die der Diamanten; nun hat man entdeckt, daß im Sumpf versinkende Wälder sich binnen weniger Monate in echte Steinkohle verwandeln und daß für die Erzeugung von Diamanten der Bruchteil einer Sekunde genügt: da haben wir die berühmten Jahrmillionen, sie sind eine Phantasie, die zufällig stimmen kann, wahrscheinlich aber durchaus nicht stimmt.“
„Hören Sie nur weiter,“ sagte der Lord, „es kommt noch schöner: ‚Der Begriff eines Schöpfers war einfach — vielleicht im Dunkel der anfänglichen Unwissenheit denkbar. Das ist nicht mehr länger richtig. Unser modernes Wissen hat die Grenzen der Welt ins Unermeßliche gedehnt; es hat uns die unmeßbar lange Dauer der Zeit enthüllt‘.“
Nun mußten doch alle lachen: die Naivität dieser Behauptungen war ja gar zu köstlich!
„Also die Begriffe von Ewigkeit und Unendlichkeit sollen wir erst dem modernen Wissen verdanken?“ sagte Münchhausen: „Und sie sollen gar den Begriff eines Schöpfers undenkbar machen? O heilige Einfalt!“
Mietje schüttelte den Kopf: „Solche Verirrungen des menschlichen Geistes begreife ich einfach nicht,“ meinte sie. „Der Schöpferglaube war von jeher mit den Begriffen von Ewigkeit und Unendlichkeit verknüpft, und wenn die Wissenschaft Ewigkeit und Unendlichkeit zugeben muß, so stützt sie damit am allerbesten den Schöpferglauben. Muß man nicht den eigenen Verstand absichtlich totschlagen, um imstande zu sein, aus solchen Erkenntnissen gerade das Gegenteil von dem zu folgern, was sie einem vernünftigerweise nahelegen würden?“
„Werte Lady,“ lachte Schultze, „es gibt Ansichten, gegen welche Götter selbst vergebens kämpfen und die gerade der großen Menge derer, die nicht alle werden, am meisten imponieren.“
Flitmore aber fuhr fort mit Vorlesung folgender Stelle: „Das Fernrohr hat uns die Planlosigkeit des Weltalls enthüllt; der Kosmos scheint kein Woher und kein Wohin zu kennen.“
Jetzt fuhr aber der Professor auf: „Nein! Da hört sich doch aber alle Wissenschaft auf! Das ist starker Tabak! Der Plan, dessen unendliche Erhabenheit ein besonders schwächliches Menschenhirnlein nicht verstehen kann, wird in eitlem Hochmutswahn „Planlosigkeit“ genannt? Na! Das ist doch gottlob nur ein Vereinzelter! Die gescheiten Geister, namentlich auch unter den Astronomen, hören nicht auf, die Großartigkeit der Weltordnung zu bewundern.“
„Da haben Sie wieder recht,“ bestätigte der Lord und schlug wieder Dr. Kleins Kosmologische Briefe auf. „Hier heißt es zum Beispiel: ‚Trotz dieser Einseitigkeit aber, (nämlich der Mittel des menschlichen Forschens), erkennen wir, daß die Anordnung der Welt so ist, als wenn sie von einer höchsten Intelligenz, die zugleich über ein unermeßliches Schaffensvermögen gebot, getroffen worden sei. Auch haben die größten Forscher aller Zeiten, die Begründer unsrer heutigen Naturwissenschaft, das Vorhandensein einer solchen Intelligenz angenommen. Die Existenz derselben folgt ebenso unzweifelhaft und notwendig aus dem ganzen Komplexe der Naturerscheinungen, wie das Vorhandensein einer anziehenden Kraft in der Sonne aus der Bewegung der Planeten um dieselbe in geschlossenen Bahnen‘.“
„Und Camille Flammarion,“ fuhr Flitmore fort, ein anderes Büchlein aufschlagend, „sagt in seiner ‚Urania‘: ‚Was ist das für eine sonderbare Eitelkeit, für eine einfältige Anmaßung, uns einzubilden, die Wissenschaft habe ihr letztes Wort gesprochen! ... Die Materie ist nicht, was sie scheint, und kein über die Fortschritte der positiven Wissenschaften unterrichteter Mensch könnte sich heute noch für einen Materialisten ausgeben‘.“
„Bravo!“ rief Schultze: „Nur sind leider die Ununterrichteten und Halbgebildeten, die sich aber selber für hochgebildet halten, in der Mehrzahl, und darum macht der Aberglaube so große Fortschritte in unserer Zeit, wie die Monistenbünde beweisen.“
„Pah!“ sagte Heinz: „Der Wille ist alles: diese Leutewollender Vernunft nicht glauben, weil sie ihren Trieben unbequem ist, siewollenlieber den Widersinn glauben, und nur darum machen sie die Augen zu vor der Wahrheit und nennen den Wahn Vernunft.“
„Das mag stimmen,“ gab der Professor zu, „zweifellos aber wird die Gottesleugnung stets der sicherste Beweis einer geringen Intelligenz sein.“
Nun nahm John das Wort, der bisher aufmerksam zugehört hatte: „Also meinen die Herrschaften sozusagen alle, es sei gebildet an die Bibel zu glauben? Ich dachte immer, es sei unter den heutzutägigen Verhältnissen gebildeter, an keinen Gott mehr zu glauben, wie man so oft hört; aber so ganz im Innersten war es mir immer doch so, als wenn dann etwas fehlen müßte, die Hauptsache um zu verstehen, daß etwas da ist und daß etwas sein und geschehen kann; und dann sah ich ja auch, daß meine gnädigste Herrschaft so fromm sind und doch gebildet und vernünftig.“
„Ja, mein Sohn, die Sache ist so: wenn du an keinen Gott glaubst, so werden dir die meisten Leute sagen, du seist sehr vernünftig und hochgebildet; denn die Halbgebildeten sind, wie gesagt, stets in der großen Mehrzahl. Hältst du aber fest am Schöpferglauben, so wird dich diese Mehrzahl verhöhnen, aber die wirklich Gescheiten werden dich für vernünftig und gebildet halten und du wirst es auch sein.“
„Dann will ich doch lieber glauben, wie Sie!“ erklärte der gute Mann.
Inzwischen sauste die Sannah weiter durch den Raum und es war kein Ende abzusehen.
Um die elektrische Heizung und Beleuchtung zu ermöglichen, sowie zur Entwicklung der Fliehkraft, mußte der elektrische Akkumulator täglich zweimal frisch geladen werden.
Dies besorgten die Affen so pünktlich und mit so viel Eifer, daß der Lord sie ohne jede Aufsicht die Arbeit ausführen lassen konnte, die den Tieren das reinste Vergnügen war.
Allerdings hatte Flitmore die elektrische Krafterzeugungsanlage auch genial eingerichtet: er hatte zwei große zylinderförmige Käfige herstellen lassen, wie diejenigen, die man in kleinerer Ausführung gefangenen Eichhörnchen zur Verfügung zu stellen pflegt. Wenn dann die Eichhörnchen an den Stäben emporspringen, dreht sich die Käfigwalze um ihre Axe und die kleinen Tiere sind unermüdlich in ihrer Beweglichkeit, mit der sie das Gitter in rasche Drehbewegung versetzen.
Genau so war es den Schimpansen offensichtlich der höchste Genuß, sich in ihren Drehkäfigen zu tummeln, ohne daß sie ahnten, daß sie damit eine verdienstvolle Arbeit verrichteten; denn die sinnreiche Konstruktion verwendete die rasche Rotation der Käfige zur Erzeugung elektrischer Energie, die im Akkumulator sich aufspeicherte.
Eines Tages erschollen aus dem Musikzimmer wunderbare Töne, eigentlich gräßliche Mißakkorde, wie wenn ein unmündiges Kind auf einem Klavier herumhämmert, und doch entwickelte der Missetäter eine derartige Fingergewandtheit, daß man auf einen geübten Pianisten hätte schließen mögen, den eine tolle Laune oder plötzlich eingetretener Wahnsinn zu solchen Orgien veranlaßte.
Unsre Freunde waren im Zenithzimmer versammelt bis auf den Diener, der einen Rundgang zu machen hatte; sie waren in Bücher vertieft oderbeschäftigten sich mit ihren Gedanken. Bei dieser Katzenmusik aber horchten alle auf.
„Sollte sich John auf dem Flügel üben wollen?“ rief Mietje: „So hübsch er Flöte spielt, so fremd ist ihm die Klaviatur; aber wie er ohne alle Kenntnis solche Griffe unternehmen kann, wobei ihm doch die Mißklänge die eigenen musikalischen Ohren zerreißen müssen, ist mir ein Rätsel.“
„Du irrst, meine Liebe,“ sagte der Lord, „John ist niemals so keck, daß er das Instrument berühren würde; du weißt, er hat sich noch nie eine ungebührliche Freiheit herausgenommen; darin ist er äußerst bescheiden, beinahe zu ängstlich.“
„Das ist Geisterspuck,“ sagte Münchhausen dumpf, „denn im Musikzimmer ist es just Mitternacht.“
„Horch! Da schrillt ja gar die Posaune dazwischen! Es ist ein Duett,“ bemerkte Heinz.
„Unbegreiflich!“ murmelte der Lord.
„Na! Sehen wir nach,“ meinte Schultze, begierig auf die Lösung des Rätsels.
„Ach! Wollten Sie nicht lieber zuvor einige scharfsinnige Hypothesen aufstellen, die geeignet wären, dieses Phänomen wissenschaftlich zu erklären, bestes Professorchen,“ bat Münchhausen ironisch.
„Damit Sie mich nachher wieder auslachen können mit meiner Wissenschaft, oller Spötter? Nee, das gibt’s nicht! Ich selber stelle den Augenschein über alle theoretischen Erklärungsversuche.“
„Na, denn man zu!“ rief der Kapitän und ging voran, während alle ihm folgten.
Jetzt erscholl ein wahrer Höllenlärm aus dem Musiksaal.
„Da spielt einer mindestens sechshändig!“ lachte Heinz.
„Nein! Und die Posaune! Das sind ja unerhörte Töne!“ rief die Lady und hielt sich die Ohren zu.
Im Musikzimmer leuchtete eine elektrische Glühbirne, bei deren Schein man Bobs vom Flügel aufspringen sah, während es Dick just gelang, die mißhandelte Posaune vollends ganz auseinander zu reißen.
Bobs war es diesmal in seinem Drehkäfig langweilig geworden, und dem Schlaukopf war es gelungen, die Türe von außen zu öffnen, indem er zwischen den Gitterstäben hindurch über die hölzerne Seitenwand hinabtastete, bis er den Riegel fand, den er zurückschob.
Als er sich in Freiheit sah, öffnete er auch Dicks Gefängnis, und zu allen Schandtaten aufgelegt, begab er sich mit seinem gleichgesinnten Gefährten in das weiter unten gelegene Musikzimmer. Das Öffnen der Verbindungstüren war den intelligenten Affen längst kein Geheimnis mehr.
Hier nun faßten die beiden Verschwörer den schwarzen Plan, einmal selber eine musikalische Unterhaltung zu veranstalten, statt immer bloß als untätige Hörer Professor Schultze Konkurrenz zu machen.
Bobs öffnete den Flügel ohne Schwierigkeit; er versäumte auch nicht, ein Notenheft auf die Pultleiste zu stellen, freilich waren es Noten fürs Cello, doch das berührte ihn nicht, zumal er das Heft verkehrt aufstellte.
Dann hockte er sich auf den Klavierstuhl nieder und begann die Tasten mit einer Virtuosität zu bearbeiten, die seiner ihm natürlich eigenen affenartigen Geschwindigkeit alle Ehre machte.
Dick öffnete inzwischen bedächtig den Instrumentenkasten; das hatte er dem Lord trefflich abgeguckt. Er betrachtete sich die verschiedenen Musikerzeuger und griff dann nach der Posaune, deren Metallglanz ihm in die Augen stach.
O, er wußte genau, wo man das Ding in den Mund nehmen mußte und daß der untere Teil möglichst geschwind auf- und abgeschoben werden mußte, und es gelang ihm richtig durch heftiges Prusten einige entsetzliche Töne hervorzuzaubern, wobei er das Mundstück zu schanden biß.
Als nun aber die ganze Gesellschaft im Zimmer erschien, ahnten die Affen eine Art des Beifalls, die ihnen höchst unsympathisch war; sie nahmen daher schleunigst Reißaus und flüchteten in das anstoßende chemische Laboratorium, wo sie die Regale erkletterten, nicht ohne einige Kolben mit ätzenden Flüssigkeiten herabzustoßen.
Münchhausen folgte ihnen auf dem Fuß und drohte mit einem Stock zu Bobs hinauf, der die Zähne fletschte und höhnisch grinste, als wollte er sagen: „Na, Dicker! Du drohst umsonst: bei deiner Leibesfülle wirst du’s wohl bleiben lassen, mir nachklettern zu wollen.“
Dieser sichtliche Hohn mußte natürlich den Kapitän ärgern.
„Warte, du Spötter!“ rief er und ergriff das Gestell eines Spiritusbrenners, daß er mit solcher Gewandtheit emporschleuderte, daß die drei Eisenfüße sich schmerzhaft in des Schimpansen schutzlosen Leib einbohrten. Es gab zwar keine Wunde, aber es tat weh!
Bobs kreischte laut auf; er fand das rücksichtslos und anmaßend von einem Menschen, der gar nicht sein Herr war und weder Klavier noch Posaune spielte. Er sann auf Rache.
Da stand ein großer Kolben neben ihm. Er hätte ihn auf den Attentäter werfen können; aber so plump handelte Bobs auch nicht in berechtigter Erregung. Er riß den Glasstöpsel heraus, erfaßte die dicke Flasche und goß ihren Inhalt auf den Untenstehenden herab, der sich eben niederbeugte, um ein neues Wurfgeschoß aufzulesen.
„Zu Hilfe, zu Hilfe! Das Untier mordet mich! Bobs überschüttet mich mit Vitriol; er verbrennt mir meinen schutzlosen Schädel!“ schrie der Begossene.
Erschreckt eilte Heinz herbei: er glaubte schon den Kapitän in jämmerlich verbranntem Zustand zu finden, vielleicht des Augenlichts beraubt, denn es befanden sich tatsächlich mehrere Kolben mit Schwefelsäure auf den Regalen.
Ein Blick auf Münchhausens triefenden Schädel jedoch beruhigte ihn sofort; auch sagte ihm seine für chemische Dünste geschärfte Nase alsbald, daß es sich lediglich um Weingeist handelte, der allerdings auf der Kopfhaut ordentlich brennen mochte, namentlich auch infolge seiner starken Verdunstung ein Kältegefühl erzeugend, das, zumal wenn noch Schreck und Einbildung dazu kamen, als fürchterliche Verbrennung empfunden werden konnte.
„Beruhigen Sie sich, Kapitän,“ rief Heinz dem Geängstigten zu: „es ist glücklicherweise bloß Spiritus.“
„Ich pfeife auf Ihren Spiritus! Vitriol ist’s oder irgend eine andre Säure, die mich meines kostbaren Haarschmucks vollends beraubt, falls sie mir nicht den ganzen Skalp vom Schädel wegätzt.“
„Ich garantiere Ihnen, daß nichts dergleichen passiert; aber Sie triefen wie eine Wasserratte! Hier ist ein Handtuch, trocknen Sie sich ab und dann werden Sie sich wohl den Kopf waschen und die Kleider wechseln müssen.“
Das war allerdings notwendig. Münchhausen entfernte sich wie ein begossener Pudel und Schultze rief ihm noch lachend den Trost nach: „Bobs meinte es gut mit Ihnen, Weingeist stärkt ja wohl die Kopfhaut und befördert einen üppigen Haarwuchs.“
„Jetzt haben Sie gut lachen,“ sagte Heinz zum Professor, als Münchhausen das Gemach verlassen hatte: „Aber ich sage Ihnen, mir ist derkalte Schrecken in die Glieder gefahren, als ich den Ärmsten so jammern hörte. Sehen Sie, da steht Schwefelsäure, Salzsäure, Karbolsäure und eine Menge andrer gefährlicher Flüssigkeiten. Künftig muß ich das Laboratorium stets abschließen und den Schlüssel zu mir nehmen; die Affen hätten da ein furchtbares Unglück anrichten können.“
„Können sie immer noch,“ meinte Schultze und sah zu den beiden Schimpansen empor, die zu oberst zwischen den Kolben kauerten.
Nun aber rief Flitmore die beiden Missetäter und sie kamen alsbald ganz demütig und zahm herab, gewohnt, ihrem Herrn aufs Wort zu folgen.
Strafe mußte sein, das erforderten des Lords Erziehungsgrundsätze; und so wurden die sichtlich zerknirschten Sünder auf zwölf Stunden in Einzelhaft gesteckt. Sie kannten die dunkeln, engen Kästen gar wohl und wußten, daß die Einsperrung wohlverdiente Strafe war; denn sie sprangen freiwillig hinein mit zerknirschten Mienen, duckten sich nieder und ließen sich ohne Widerstreben einschließen.
Als man wieder im Wohnzimmer versammelt war, erschien bald auch Münchhausen in trockener Kleidung. Er blieb dabei, daß die Flüssigkeit, die so brannte, Vitriol gewesen sei: „Glücklicherweise hat sich meine Haut als säurefest erwiesen,“ fügte er bei, „und auch meine Kleider haben weiter keinen Schaden erlitten; ein ganz vorzüglicher Stoff, sage ich Ihnen!“