Tage- und wochenlang raste die Sannah mit dem Kometen dahin und diese Fahrt durch die anscheinende Leere begann immer mehr etwas Beklemmendes und Beängstigendes auf die Gemüter auszuüben.
Wo war man? Wohin eilte man? Im Unendlichen! Ins Endlose!
Niemand verhehlte sich die furchtbare Gefahr, in der alle schwebten, das schreckliche Schicksal, das ihnen drohte.
Vorerst gelang es ja immer noch mittelst der reichen Vorräte an gepreßtem Sauerstoff und Ozon eine gesunde Luft in den Zimmern zu erhalten. Aber niemand konnte wissen, wie lange diese Fahrt noch dauern werde und ob sie überhaupt zu einem Ziele führe.
Ja, nach menschlicher Voraussicht schien es höchst unwahrscheinlich, daß in absehbarer Zeit ein Weltkörper erreicht werden könne, der menschlichen Wesen die notwendigsten Lebensbedingungen gewähren würde. Wer wußte denn überhaupt, ob es solche in der Fixsternwelt gebe, der man zueilte?
Nur das Vertrauen, daß sie unter höherem Schutze standen, und daß ein Gott sie lenke, der auch in der Unendlichkeit Wege weiß, hielt die Ärmsten noch aufrecht, die sich wie Gefangene in den Räumen ihres Fahrzeugs vorkamen.
Wer konnte wissen, ob es nicht eine lebenslängliche Haft werden sollte, die allerdings nicht lange dauern konnte, da binnen weniger Wochen ihr Leben verlöschen mußte, wenn keine Erlösung kam.
Dann sah wohl eins das andre sterben, ohne ihm helfen zu können, und zuletzt war alles still und tot! Eine kleine Kugel mit menschlichen Leichnamen irrte dann durch das Weltall, um schließlich vielleicht in eine ferne Sonne zu stürzen und in einem Augenblick in glühende Gase aufgelöst zu werden mit allem, was sie enthielt!
Schimpansenstreiche.
Schimpansenstreiche.
John allein blieb im Innersten ganz ruhig und vergnügt, weil er nicht so klar sah und meinte, sein Herr wisse wohl, wo er hinfahre und wo er landen werde.
Inzwischen sparte Flitmore die Sauerstoffvorräte so viel als möglich, um die Endkatastrophe so weit hinauszuschieben, als es nur immer anging. Die Folge davon bekamen alle zu spüren: es war eine schlechte, sauerstoffarme Luft, die ihre Lungen bedrückte und auch der Stimmung sehr wenig zuträglich war.
Wahrhaftig! So mußte es den Unseligen zumute sein, die in einem Unterseeboot eingeschlossen waren, durch einen Unfall verhindert, an die Meeresoberfläche zurückzusteigen und dem langsamen Erstickungstod ins Auge sehend!
Mit allerlei Arbeiten, mit Unterhaltung, Konzerten und Lesen guter Bücher wurde die Zeit verbracht; aber immer wieder schweiften die Gedanken ab, gefangen von der bangen Frage: was wird aus uns werden?
Schultze beobachtete immer wieder den Sternhimmel und stellte Berechnungen an, eine Arbeit, die ihm, wenn auch wenig Trost, so doch einige Ablenkung gewährte.
„Wir fahren auf das Sternbild des Centauren zu,“ sagte er eines Tages nach Abschluß einiger Beobachtungen und Berechnungen, „und zwar direkt auf den Stern Alpha Centauri, der dem irdischen Sonnensystem, so viel man bis jetzt weiß, der nächste ist. Die Annäherung läßt sich schon mit bloßem Auge wahrnehmen: Alpha Centauri ist deutlich als Doppelstern erkennbar; mehrere Sternbilder sehen schon wesentlich anders aus, als sie sich von der Erde aus ausnehmen, und einige Sterne gewinnen an Größe und Lichtstärke ganz sichtlich.“
„Es ist für uns von großem Interesse, wenigstens die Richtung unserer Fahrt kennen zu lernen,“ meinte Flitmore: „Aber haben Sie auch die Aberration in Betracht gezogen?“
„Ich habe daran gedacht, aber in diesem Falle kann eine Aberration gar nicht stattfinden, da die Sannah sich direkt nach dem Sterne Alpha bewegt.“
„Was ist denn das, wenn ich mir zu fragen die Erlaubnis herausnehmen darf, die Aperition?“ frug John.
„Da die Erde sich mit ungeheurer Geschwindigkeit durch den Weltraum bewegt,“ erklärte der Professor, „so ändert sich der Standpunkt des Beobachtersmit der Erde fortwährend. Richtet man nun ein Fernrohr auf einen Stern, so braucht der Lichtstrahl, der das äußerste Ende des Teleskops, das Objektiv, trifft, einige Zeit, um bis zum untern Ende, dem Okular, zu gelangen.
Diese Zeit ist zwar sehr kurz, aber doch ist die Erde inzwischen weitergeeilt und die Richtung des Fernrohrs hat sich verschoben. Um daher den Stern überhaupt durch das Fernrohr sehen zu können und ihn dauernd zu beobachten, muß man dem Rohr eine andere Richtung geben, als die Strahlen des Sternes eigentlich verfolgen: das Okular muß in der Richtung der Erdbewegung um so viel zurückliegen, als sich die Erde vorwärts bewegt in der Zeit, die das Licht braucht, um den Weg vom Objektiv bis zum Okular zurückzulegen. Dadurch tritt eine scheinbare Verschiebung des Sternes ein, das heißt, man sieht ihn nicht genau an der Stelle des Himmels, wo er sich eigentlich befindet, oder vielmehr befand, als das Licht von ihm ausging, das jetzt unser Auge trifft.
Wenn sich nun der Beobachter geradewegs auf den Stern zu bewegt, so findet keine Aberration statt; am größten ist diese, wenn man sich in senkrechter Linie zu den von ihm ausgehenden Strahlen fortbewegt.“
„Wir reisen also nun zu solch einem Stern?“ fragte John weiter: „Können wir bald dort sein?“
Schultze lächelte achselzuckend: „Was heißt bald? Weißt du, wie weit diese Fixsterne von der Erde entfernt sind? Alpha Centauri soll ihr am nächsten stehen, und doch berechnet man seine Entfernung auf 4½, mindestens aber 3½ Lichtjahre.“
„Was ist das, wenn Sie gestatten, ein Lichtjahr?“
„Das ist der Weg, den das Licht in einem Jahre zurücklegt, nämlich die Kleinigkeit von 9463 Milliarden Kilometern.“
„Und das nennen Sie dann eine Kleinigkeit? Das tun Sie wohl sozusagen aus Spaßhaftigkeit?“
„Ja, ja, mein Sohn; denn solche Zahlen sind so ungeheuerlich, daß man seinem Humor etwas aufhelfen muß, wenn man von ihnen redet, sonst steht einem der Verstand still. Oder willst du dir etwa eine Vorstellung davon machen, was das bedeutet: Alpha Centauri ist 30000 bis 40000 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt?“
John schüttelte hilflos den Kopf: „Und das sollte sozusagen unser nächster Fixstern sein?“
„Jawohl! Es kann ja welche geben, die dem Sonnensystem näher stehen, doch man hat bis jetzt keinen entdeckt, das heißt keine geringere Entfernung durch Messungen festgestellt. Alpha Centauri ist 9000mal weiter von der Erde entfernt als Neptun, also 277000mal so weit wie die Sonne. Ein Expreßzug würde 1250000 Jahre brauchen, um ihn zu erreichen.“
Rieger machte große Augen. „Eine Million Jahre?“ stammelte er: „Und da sollen wir hin?“
„Warum denn nicht? Nur daß wir einige Millionen mal schneller reisen als ein Expreßzug. Die Amina, unser Komet, ist ein flinkeres Beförderungsmittel, wie du siehst. Wenn ich übrigens vorhin von Kleinigkeiten redete, so ist das nicht bloß Spaß gewesen, denn Sirius, der helle Hundsstern, ist acht bis neun Lichtjahre von der Erde entfernt, 1300mal so hell und 40000 bis 50000mal so groß wie unsere Sonne; der Polarstern ist 40 Lichtjahre, Canopus, der hellste Stern am südlichen Himmel, gar 269 Lichtjahre entfernt, er leuchtet 10000 bis 15000mal so hell als die Sonne und ist 1½ Millionen mal so groß; das ist das mindeste: er kann auch hundert-, tausend- oder millionenmal größer sein; das entzieht sich unserer Berechnung. Deneb im Schwan kann ebenso groß oder noch größer sein als Canopus, und das gilt auch von Rigel, dem hellsten Stern im Sternbild des Orion, an seiner untern Ecke rechter Hand.
Dieser prachtvolle Stern von rein weißem Licht mag 500 Lichtjahre entfernt sein, also 30 Millionen mal so weit als die Sonne, die er 20000mal an Lichtstärke übertrifft. Wenn wir auf einem Blatt Papier die Entfernung von der Erde zur Sonne mit 1 Millimeter bezeichneten, so brauchten wir einen Bogen von 30 Kilometer Länge, um den Abstand Rigels im gleichen Verhältnis einzuzeichnen. Begreifst du nun, daß die Entfernung von Alpha Centauri eine Kleinigkeit ist?“
„Allerdings, sozusagen nach der Verhältnismäßigkeit betrachtet.“
„Nun gibt es aber möglicherweise unter den Fixsternen riesige Sonnen, gegen die auch diese unausdenklichen Kolosse nur Sonnenstäubchen sind; denn von den 100 Millionen Fixsternen, die vorhanden sein mögen, sind uns nur etwa von 60 die Parallaxen bekannt.“
John, der begierig jedes ihm unbekannte Wort aufschnappte und nach seiner Weise verketzerte, fragte wißbegierig: „Und was dürfte dann unter dieser benannten ‚Polaraxe‘ zu verstehen sein?“
„Ja, wie soll ich dir das jetzt klar machen? Siehst du den Punkt hier mitten an der Decke? Also von einem Ende dieses Saales richte ich ein Fernrohr dorthin, du eines vom andern Ende aus. Diese Fernrohre sind gegen einander geneigt in einem Winkel, dessen Spitze der beobachtete Punkt ist. Nun, dieser Winkel, den die Linien bilden, die von dem Punkte durch unsere beiden Fernrohre gehen, im Verhältnis zu der Entfernung dieser von einander, ist die Parallaxe des Punktes. Wir können also ebenso sagen, seine Parallaxe ist der Neigungswinkel, den unsere beiden auf den Punkt gerichteten Teleskope zusammen bilden im Verhältnis zu ihrer Entfernung von einander.
Wenn wir nun die Entfernung von einem Ende des Saales bis zum andern kennen und die Winkel, die unsere Fernrohre mit dem ebenen Fußboden bilden, messen, so können wir die Höhe des Dreiecks berechnen, das der Punkt an der Decke mit den beiden Punkten bildet, an denen die durch unsere Teleskope gehenden Strahlen des beobachteten Punktes den Fußboden treffen. Wir können also ausrechnen, wie weit der betreffende Punkt vom Fußboden entfernt ist.
Nun siehst du wohl, mein Freund, daß wenn wir statt des Punktes an der Decke durch unsere Fernrohre einen Stern betrachten, der Tausende von Millionen Kilometer entfernt ist, die Neigung unserer Rohre gegen einander so unendlich klein wird, daß sie gleich Null erscheint. Wir können also für den Stern keine Parallaxe finden.
Je weiter wir jedoch von einander entfernt sind, desto mehr werden sich die Teleskope gegen einander neigen, wenn wir sie auf denselben Punkt richten. Man könnte also hoffen, die Parallaxe eines Sterns zu finden, wenn man ihn in der gleichen Sekunde auf zwei weit von einander entfernten Punkten der Erde beobachtet, deren gegenseitiger Abstand bekannt ist, und wenn beide Beobachter den Winkel messen, den die Richtung ihrer Teleskope mit der Ebene bildet. Ebensogut kann man dies erreichen, wenn ein einzelner Beobachter von demselben Ort aus den Stern zu verschiedener Nachtzeit beobachtet, wenn die Umdrehung der Erde seinen Standpunkt um etliche tausend Kilometer verschoben hat.
Aber solche Entfernungen erwiesen sich zu klein, es war keine meßbare Neigung der Beobachtungsrichtungen zu einander festzustellen; also die Fixsterne zeigten keine merkliche Parallaxe.
Nun wählte man eine weit größere Grundlinie des Dreiecks: man beobachtete die Sterne in Zwischenräumen eines halben Jahres. Bei der ersten Beobachtung befand sich dann der Beobachter am einen Ende der Erdbahn, bei der zweiten am andern; das bedeutete einen Abstand von 300 Millionen Kilometern der beiden Beobachtungspunkte von einander.
Groß war die Verblüffung, als auch da keine meßbare Parallaxe der Fixsterne zu finden war! Erst mittelst äußerst verfeinerter Instrumente gelang es Struve 1836 und Bessel 1839 die erste Fixsternparallaxe zu messen. Man fand für den Stern 61 im Schwan auf diese Weise eine Entfernung von 9½ Lichtjahren. Bessel dankte seinen Erfolg dem von Fraunhofer hergestellten vorzüglichen Heliometer. Das ist derselbe Fraunhofer, dem wir vorzüglich auch die Fortschritte der Spektralanalyse verdanken.“
John schnappte auch dieses Wort sofort auf und sagte bescheiden:
„Wenn es Ihnen nicht zuviel sein dürfte, Herr Professor, meine Wenigkeit auch über diesen mir noch dunkeln Punkt aufzuklären, so wäre ich besonders dankbar, was ich schon lange wünschte, zu erfahren, was es mit dieser Speck-Strahl-Anna-Liese für eine Bewandernis hat.“
„Auch das sollst du wissen,“ lachte Schultze: „Schau, wenn man einen Lichtstrahl durch geschliffenes Glas gehen läßt, so löst er sich auf in farbige Bänder und Streifen. Das nennt man nun ein Spektrum. Je schmäler der Lichtstrahl ist, desto deutlicher ist sein Spektrum und da beobachtet man zwischen den farbigen Bändern mehr oder weniger breite dunkle Linien, die sogenannten „Fraunhoferschen Linien“, benannt nach ihrem Entdecker. Ferner unterbrechen auch helle und farbige Linien das Spektrum, und Kirchhoff und Bunsen wiesen nach, daß man aus diesen Streifen, Linien und Bändern genau die Stoffe erkennen kann, die sich als glühende Gase in einer Lichtquelle befinden; sogar nach Menge und Mischung können sie erkannt werden.
Auf diese Weise weiß man die Stoffe, welche in der Sonne und den Sternen enthalten sind: Das Spektroskop verrät sie uns.
Aber noch mehr hat es uns verraten. Wenn eine Lichtquelle sich rasch bewegt, so verschieben sich die Spektrallinien gegen das violette Ende des Farbenspektrums, wenn sich die Lichtquelle nähert, gegen das rote Ende, wenn sie sich entfernt. Daraus hat man bei den Fixsternen, die sich auf die Erde zu oder von ihr weg bewegen, sogar die Schnelligkeit der Bewegung berechnen können.“
„Ich meinte aber, die Fixsterne bewegen sich nicht,“ wandte John ein.
„Das glaubte man wohl früher; jetzt aber weiß man, daß sie ihre Eigenbewegung haben. Diese läßt sich auch durch das Teleskop beobachten, wenn sie senkrecht zur Gesichtslinie gerichtet ist. Da gibt es Sterne, die schon in 200 Jahren um eine Vollmondsbreite am Himmel vorrücken, was in Wirklichkeit Millionen und aber Millionen Kilometer bedeutet, angesichts ihrer großen Entfernung. So scheint Arcturus zum Beispiel mit 670 Kilometern in der Sekunde hinzurasen, was tausendmal schneller ist als das schnellste Geschoß; auch Alpha Centauri hat eine große Eigenbewegung.“
„Aha!“ rief John verklärt: „Jetzt verstehe ich, warum man sie Fixsterne heißt: weil sie wohl so fix dahinsausen.“
Alle lachten über diese großartige Entdeckung. John aber ließ sich nicht drausbringen.
„Wie sieht es denn aber wohl aus auf dem Alphasaurus, zu dem wir hinfliegen?“ fragte er jetzt.
„Dieser Stern ist der dritthellste am Firmament, aber nur von der südlichen Erdhalbkugel aus zu sehen. Er gleicht unserer Sonne an Helligkeit, Größe und Hitze.“
„Dann müssen wir ja aber verbrennen,“ rief John entsetzt.
„Allerdings, wenn wir ihm zu nahe kämen,“ mischte sich nun Flitmore in die Verhandlung; „allein wir wollen hoffen, daß dies nicht der Fall sein wird. Auf ein paar Millionen Kilometer kann ja der Professor unsere Richtung nicht so genau bemessen. Da ist es immerhin möglich, daß wir auf einem dunkeln Sterne landen.“
„Wieso? Dunkle Sterne gibt es sozusagen auch?“ rief John, aufs neue überrascht.
„Gewiß!“ bestätigte der Lord: „Unsere Erde ist ein solcher Stern, ebenso die Planeten, soweit sie kein eigenes Licht mehr ausstrahlen. Der Erde leuchten sie ja sehr hell, oft heller als die strahlendsten Fixsterne; aber das kommt nur daher, daß sie der Erde verhältnismäßig nahe sind und ihr im Glanze des Sonnenscheins erscheinen, der sie erhellt.
Aus der Entfernung, in der wir uns jetzt befinden, sehen wir keinen einzigen der Planeten unseres Sonnensystems mehr; ebensowenig sehen wir von der Erde aus die dunkeln Weltkörper der Fixsternwelt, die kein eigenes Licht mehr haben.“
„Ja, aber wie kann man in diesem vorausgesetzten Falle wissen, daß ihr Vorhandensein eine Existenz hat?“
Flitmore wollte antworten, aber Münchhausen unterbrach ihn: „Nehmen Sie es nicht übel, Lord, aber das Mittagessen dampft auf dem Tisch und die Lady möchte es schmerzen, wenn wir ihr Kunstwerk erkalten ließen, ehe wir ihm die gebührende Ehre angetan haben.“
„Ihnen wäre dies gewiß auch sehr schmerzlich!“ lachte der Lord, „aber Sie haben recht; alles hat seine Zeit. Also, John, gedulde dich, nach dem Essen will ich dir auseinandersetzen, woher man weiß, daß es dunkle Sterne gibt, auch wenn man sie nicht sehen kann.“
Johns Wißbegier wurde aber diesmal nicht so pünktlich befriedigt, wie er es von seines Herrn Zuverlässigkeit hätte erwarten dürfen.
Das war aber nur einem außerordentlichen Umstand, einem unvorhergesehenen Ereignis zuzuschreiben, das für die Sannah und ihre Insassen leicht hätte verhängnisvoll werden können.
Gegen Ende der Mahlzeit nämlich ließ sich plötzlich ein heftiges Geprassel vernehmen, unterbrochen von donnernden Schlägen, die das Weltschiff in seinen Grundfesten erschütterten. Es war offenbar ein Hagel von Meteoriten, der auf die Sannah niederging.
Glücklicherweise waren die ersten Steine, die auf die Umhüllung sausten, klein, und der Lord konnte durch einen Druck auf den entsprechenden elektrischen Knopf die metallenen Schutzplatten oder Augendeckel über sämtlichen Fensterlinsen schließen, so daß eine Zertrümmerung oder Beschädigung derselben verhütet wurde.
Bald aber prallten so ansehnliche Brocken auf die Oberfläche des Fahrzeugs auf, daß man das Schlimmste befürchten mußte und selbst Münchhausen seine gastronomische Tätigkeit unterbrach.
Als das Gepolter und Gedonner aufhörte, machte der Lord mit John, Heinz und dem Professor einen Rundgang durch die Sannah, um genau zu untersuchen, ob die Decke nirgends beschädigt und durchschlagen worden sei. Zu seiner großen Beruhigung und Befriedigung fand er, daß die treffliche Metallhülle dem wuchtigen Hagel durchweg standgehalten hatte und keinerlei Verletzung erkennen ließ. Außen hatte sie ja gewiß Beulen, Schrammen und Schrunden davongetragen, danach konnte man zur Zeit nicht sehen, denn dort draußen gähnte der leere Raum. Die Hauptsacheaber blieb, daß der Mantel nirgends durchlöchert war und so die kostbare Luft nicht entweichen konnte.
Als die Männer von ihrem Rundgang zurückkehrten, hatte Münchhausen auch seine Mahlzeit beendet, die er nach Überwindung des ersten Schreckens fortgesetzt hatte.
„Ihre Ruhe ist beneidenswert,“ sagte Schultze kopfschüttelnd: „Während wir, von der Sorge um unser Leben getrieben, nachsehen, ob die Sannah kein verhängnisvolles Loch davongetragen habe, lassen Sie sich’s ruhig schmecken, als sei nichts geschehen und nichts zu befürchten.“
„Sie halten das ja wohl für sträflichen Leichtsinn und tadelnswerte Gefräßigkeit,“ erwiderte der Kapitän: „In Wahrheit jedoch ist es vernünftige Philosophie und Überlegung. Denn, sagen Sie selber: wenn Sie zu viert ausziehen, nach einem etwaigen Schaden zu sehen, wozu soll ich als fünftes Rad am Wagen mittrotteln? Und schließlich, entweder die Sannah hat eine gefährliche Verletzung davongetragen oder nicht. Ist sie unbeschädigt, so wäre die Unterbrechung meiner Mahlzeit zum mindesten überflüssig gewesen, wäre jedoch ein gefährliches Leck vorgefunden worden, so hätte sie auch da rein gar nichts helfen können; im Gegenteil, mit leerem Magen steht man einer Gefahr viel hilfloser und schwächlicher gegenüber als mit dem Gefühl der Sättigung, das einen zu ruhigerer Überlegung befähigt.“
„Na! Allenfalls hätten Sie mit wohlgefülltem Wanst unter Umständen auch ein großes Loch mit Ihrer werten Persönlichkeit verstopfen können, bis wir es kalfatert hätten, um den Luftaustritt zu verhindern,“ höhnte Schultze.
„Spotten Sie nicht,“ mahnte der Kapitän würdig, „zu solcher Aufopferung wäre ich stets bereit gewesen und auf ähnliche Art habe ich sogar schon einmal ein großes Schiff vor dem sichern Untergang gerettet.“
„Oho! Erzählen Sie!“ rief Flitmore, sich in einen Sessel werfend.
„Gerne!“ erklärte Münchhausen bereitwillig. „Es ist gar nicht so lange her: meine zunehmende Leibesfülle erschwerte mir bereits meinen Dienst als Schiffskapitän, als mein stattliches Schiff eines Tages auf ein unterseeisches Riff aufstieß, das auf keiner Seekarte verzeichnet war. Wir bekamen ein Leck von solcher Größe, daß trotz allen Pumpens der untere Schiffsraum sich fabelhaft rasch mit Wasser anfüllte. Unser Untergang schien unvermeidlich, denn eine Küste, wo wir hätten landen können, warnicht in Sicht. Die Felsspitze, die uns so verhängnisvoll geworden war, mußte einer einsamen unterseeischen Insel angehören.
Ich begab mich mit dem Schiffszimmermann und zwei Matrosen hinunter, um zu sehen, ob dem Leck denn gar nicht beizukommen sei; doch es befand sich schon völlig unter Wasser. Auf einem schmalen Balken turnte ich über dem gurgelnden Naß gegen die Schiffswand, als ich plötzlich ein schlangenähnliches Wesen da unten herumplätschern zu sehen vermeinte. Bald tauchten drei, vier solcher Schlangen von etwa sechs Meter Länge auf. Kein Zweifel! Ein Riesenkraken, auch Polyp oder Tintenfisch genannt, streckte seine schrecklichen Fangarme durch das Leck ins Schiffsinnere; sein Leib, so weich und elastisch er war, konnte wegen seiner kolossalen Dicke nicht eindringen.
Plötzlich schnellte so ein Riesenarm auf mich zu, und wie ich erschreckt ausweichen will, verliere ich das Gleichgewicht und stürze ins Wasser.
Sofort umklammert mich das Seeungeheuer mit seinen sämtlichen Fangarmen und sucht mich zu sich hinauszuziehen. Glücklicherweise war nun wiederum ich zu dick. Mein Bauch wurde gegen das Loch gepreßt, das er völlig verstopfte, während ich den Kopf noch über Wasser halten konnte.
Meine Begleiter sprangen alsbald ins Wasser mir zu Hilfe: sie wollten mit ihren Messern die Fangarme des Polypen durchschneiden und mich so aus der erstickenden Umarmung befreien. Ich aber hatte sofort erkannt, daß uns hier der einzige Weg zur Rettung des Schiffes gewiesen war, und ich bedachte mich keinen Augenblick, mein Leben zu opfern, wenn es sein sollte, um Fahrzeug und Mannschaft zu retten.
Ich rief daher den Matrosen zu, sie sollten ihre Messer in Ruhe lassen, dagegen starke Taue an die einzelnen Glieder des Kraken binden. Sie wußten nicht recht, was das sollte, doch, gewohnt, mir blindlings zu folgen, führten sie die schwierige und nicht ungefährliche Arbeit aus.
„Nun ziehet die Leinen straff an,“ rief ich, als die Sache soweit war, „und knüpft sie an einem Längsbalken fest, daß die Fangarme gestreckt werden!“ Mit Hilfe einiger weiterer herbeigeeilter Mannschaften wurde dies ausgeführt und der Tintenfisch mußte mich aus der Umklammerung frei geben, als seine Glieder mit aller Gewalt angezogen und gestrafft wurden.
Halbtot fischte man mich aus dem Wasser und ich verlor das Bewußtsein, während man mich an Deck trug, wozu nicht weniger als sechs Mann erforderlich waren.
Der Polyp aber saß fest und sein weicher, kolossaler Leib war durch die strammgezogenen Seile derart in das Leck gezwängt, daß es völlig verstopft wurde und kein Tropfen Wasser mehr eindringen konnte.
Bis ich aus meiner Ohnmacht erwachte, war das Wasser schon soweit ausgepumpt, daß der Zimmermann an die beschädigte Stelle gelangen und sie kalfatern konnte, wobei gemäß dem Fortschreiten der Arbeit dem Kraken die Arme einzeln abgetrennt wurden, bis er mit Verlust seiner Glieder das Weite suchen konnte und die letzte Lücke hinter ihm vernagelt wurde. Nun war das Schiff gerettet, und meiner Leibesfülle war dies in letzter Linie zu danken; denn wäre ich so schlank gewesen, wie Sie, meine Herren, so hätte mich das widrige Scheusal mit Leichtigkeit durch das Loch hinausgezogen, ich wäre eines elenden Todes gestorben und mein Schiff mitsamt der Mannschaft wäre rettungslos zugrunde gegangen.“
„Ein Hoch auf Ihren segensreichen Körperumfang!“ rief Schultze, sein Glas füllend und erhebend.
„Und auf Ihre edle Opferfreudigkeit,“ fügte Flitmore hinzu, ebenfalls mit dem schmunzelnden Kapitän anstoßend und in die allgemeine Heiterkeit einstimmend.
„Das war sozusagen ein großartig zu nennendes Abenteuer,“ meinte John, „aber wenn ich mir nun erlauben darf, Mylord, Sie daran zu erinnern, so haben Sie mir versprochen, zu erklären, wie man wissen kann, daß außer den leuchtenden Sonnensternen auch noch dunkle Sterne vorhanden sein dürften, trotzdem man sie nicht sehen kann.“
Flitmore gab bereitwilligst Auskunft, indem er begann: „Zunächst kann man es vermuten, denn die Fixsterne sind doch lauter leuchtende, glühende Sonnen, meist viel größer als unsre irdische Sonne. Wenn nun um diese mehrere dunkle Planeten kreisen, warum nicht auch um die Millionen andrer Sonnen im Weltraum?
Sodann unterscheidet man drei Klassen von Fixsternen je nach ihrer Lichtstärke. Die erste Klasse umfaßt die weißleuchtenden Sterne, die sich noch in höchster Glut befinden, also wohl die jüngsten sind. Zu diesen gehören Regulus im Löwen, Sirius im großen Hund, Wega in der Leier. Auch die blauen Sterne gehören hierher.
Die zweite Klasse umfaßt die gelben Sterne, ähnlich unsrer Sonne, die schon von niedererer Temperatur und Helligkeit sind. In die dritte Klasse rechnet man die rotglühenden Sterne und die orangeroten.
Zwischen diesen Klassen und in denselben gibt es aber alle möglichen Zwischenstufen und Übergänge, und manche Astronomen unterscheiden noch eine vierte Klasse der blutroten Sterne von geringer Helligkeit und eine fünfte, die nur einige wenige Sterne umfaßt, die das Spektrum des Wasserstoffs geben.
Die erste Klasse umfaßt die meisten Fixsterne, die zweite etwa die Hälfte der ersten, die dritte ungefähr den achten Teil. Daraus schließt man, daß ein Stern doppelt so lang im ersten als im zweiten Zustand bleibt und in diesem viermal so lang als im dritten. Diese Ansicht übersieht jedoch völlig, daß uns die hellsten Sterne aus einer Entfernung sichtbar sein können, aus der das Licht weniger heller Weltsonnen gar nicht mehr bis zu uns dringt, daß wir also auch so rechnen können: aus der entferntesten Region des sichtbaren Weltalls leuchten uns nur die Sterne erster Klasse, die andern sehen wir nicht; aus der mittleren Region werden uns auch die Sterne zweiter Klasse noch sichtbar und nur aus der uns nächsten Region auch noch schwächer leuchtende. Natürlich kommt dabei auch noch die Größe der Sterne in Betracht, da wir einen Stern zweiter Klasse vielleicht noch aus einer Entfernung erkennen können, aus der uns ein millionenmal kleinerer Stern erster Klasse nicht mehr zu Gesichte kommt.
Das kommt daher, daß das Licht im Raum nicht ungeschwächt vordringt, sondern mit der Entfernung zunehmend an Glanz einbüßt: der im Raum enthaltene Stoff schluckt etwas von dem ihn durcheilenden Lichte an; das nennt man Absorption. Und gerade diese Lichtabsorption, für die man verschiedene Beweise hat, gibt uns die Gewißheit, daß der Raum nicht leer ist, sondern von einem Stoff erfüllt, der Licht aufzusaugen vermag.
Es ist nun klar, daß auf eine bestimmte Entfernung hin das Licht eines Sternes schließlich völlig aufgesogen sein muß, und so nimmt man an, daß Sterne, die über 16000 Lichtjahre von uns entfernt sind, überhaupt kein Licht mehr so weit zu bringen vermögen und uns daher ewig unsichtbar bleiben.
Was also über diese Lichtgrenze unsrer Welt hinausgeht, bleibt uns unbekannt; kein Fernrohr, und wäre es millionenmal stärker als wir sie bauen, vermöchte den Schleier zu lüften, keine photographische Platte wäre dazu imstande, und wenn sie millionenmal empfindlicher wäre als die Platten, die uns jetzt schon Sterne nachweisen, die man mit dem besten Teleskop nicht zu finden vermag.
Nun aber zurück zu den dunkeln Welten: sehen wir, daß die Fixsterne sich in den verschiedensten Stufen der Glut befinden, manche schon im Erlöschen begriffen, was liegt näher, als daß auch Millionen schon längst erloschener Weltkörper im Raume sich bewegen, die uns das schwache Licht, das sie von ihren Sonnen empfangen, nicht zu Gesicht bringen können? Dazu kommt noch unser Glaube an des Schöpfers Weisheit und Güte: sollte er Millionen Sonnen erschaffen haben ohne einen Zweck? Oder sollten sie nicht vielmehr dienen, Welten zu erleuchten und zu erwärmen, die von den Wundern Gottes überfließen, und wo lebendige Wesen sich ihres Daseins freuen?
Einige Astronomen nehmen an, daß das Weltall Tausende von Millionen Sonnen und Hunderttausende von Millionen dunkler Welten besitze und zwar solche von ungeheurer Größe. Sie glauben auch nicht, daß der Raum von drei- bis viereinhalb Lichtjahren, der unser Sonnensystem von der Fixsternwelt trennt, eine weltenleere Einöde sein könne, sondern daß einige Millionen dunkler Körper sich darin finden könnten, so große sogar, daß unser Sonnensystem sich um sie drehe. Denn nichts beweist uns, daß sich leuchtende und nichtleuchtende Weltkörper nicht auch um ein erloschenes dunkles Gestirn drehen können, sofern es groß genug ist.
Dies alles sind ja zunächst nur Vermutungen, wenn auch solche, die die größte Wahrscheinlichkeit für sich haben. Aber wir haben auch Beweise für das Vorhandensein solcher dunkler Weltkörper.
Wenn ein dunkler Trabant zwischen uns und seiner Sonne vorübergeht, so werden wir ja für gewöhnlich davon nichts merken können, weil bei der ungeheuren Entfernung die Verfinsterung allzu gering ist, sobald er wesentlich kleiner ist als seine Sonne, was wir ja gewiß als das Gewöhnliche annehmen müssen. Dennoch gibt es Fixsterne, die uns erkennen lassen, daß ein dunkler Trabant sie umkreist; das sind die sogenannten veränderlichen Sterne, aber das soll dir der Professor erklären, ich habe es nicht so im Kopf.“
„Gerne!“ erklärte Schultze bereitwillig. „Veränderliche Sterne heißt man diejenigen, deren Helligkeit zu Zeiten abnimmt, um dann aber wieder zuzunehmen. Man unterscheidet da den Miratypus, den Lyratypus und den Algoltypus.“
„O, wie fein das klingt!“ unterbrach John: „Miratyphus, Liratyphus und Alkoholtyphus.“
Das herzliche Gelächter, das seine Repetition der melodischen Namen erweckte, nahm er gewohntermaßen nicht übel.
Der Professor aber machte weiter: „Der Stern Mira, das heißt ‚Der Wunderbare‘, im Walfisch strahlt gelegentlich als Stern erster oder zweiter Größe, aber nur wenige Wochen lang. 70 Tage später ist er schon so lichtschwach, daß er nur noch im Fernrohr sichtbar ist, noch weiter an Glanz abnehmend. Späterhin nimmt sein Licht wieder zu und zwar viel rascher, als es zuvor abgenommen. Nachdem er dem bloßen Auge wieder sichtbar geworden, erreicht er in 40 Tagen seinen höchsten Glanz. Diese Perioden dauern durchschnittlich 333 Tage von einem Höhepunkt zum andern, sind aber nicht ganz regelmäßig, auch der Glanz des Sterns erreicht nicht immer die gleiche Höhe.
Man nimmt daher an, Mira sei eine erlöschende Sonne, die sich wie unsre Sonne periodisch mit vielen Flecken überzieht, nur noch mit viel mehr. Wenn unsre Sonne einmal so weit kommt, muß alles Leben auf Erden zu Grunde gehen. Auch die Spektralanalyse beweist die Ähnlichkeit dieses Wundersterns mit der Sonne.
Heute kennt man hunderte von veränderlichen Sternen vom Miratypus, die meist in Perioden von 300 bis 400 Tagen ihr Licht wechseln. Manche aber sind völlig unregelmäßig, bleiben jahrelang unveränderlich oder leuchten binnen weniger Stunden mit großer Schnelligkeit hell auf. Das scheint auf gewaltige Umwälzungen hinzuweisen, die sich dort abspielen.
Der Stern Beta in der Leier zeigt den sogenannten Lyratypus; der Lichtwechsel geht ziemlich pünktlich vor sich, seine Stärke aber nimmt nicht gleichmäßig zu, sondern geht zwischenhinein wieder herunter. Man nimmt an, daß wir es hier mit halberstarrten Sonnen zu tun haben, die uns abwechselnd ihre erkalteten und ihre unregelmäßig verteilten glutflüssigen Oberflächenteile zuwenden.
Zwischen diesen beiden Typen gibt es noch allerlei merkwürdige Abweichungen, wie zum Beispiel der besonders wundersame Stern S im Schwan, der 2 Monate lang unverändert bleibt, dann rasch um das 12 bis 14fache an Glanz zunimmt, einmal 5, das andremal 10 Tage lang so hell bleibt, um darauf nach einer Woche wieder so schwach zu leuchten wie zuvor. Aber das geschieht nicht regelmäßig, sondern öfters zeigt er wieder andre Perioden.
Ein andrer Stern wechselt in der fabelhaft kurzen Periode von 4 Stunden und 13 Sekunden, was darauf hindeutet, daß er sich in dieser Zeit um seine Achse dreht oder von einem andern Stern mit solch ungeheurer Geschwindigkeit umkreist wird.
Dies führt uns zur dritten Klasse der veränderlichen Sterne, derer vom Algoltypus. Diese zeigen ein rein weißes Licht, können also keine erlöschenden Sonnen sein, auch sind ihre Perioden von genauester Pünktlichkeit.
Algol im Perseus bleibt 2½ Tage unverändert als Stern zweiter Größe gleich dem Polarstern; dann nimmt seine Leuchtkraft erst langsam, dann immer schneller ab; nach 4½ Stunden ist er nur noch ein Sternchen dritter bis vierter Größe, nimmt aber sofort wieder zu und ist nach weiteren 4½ Stunden so hell wie zuvor.
Hiefür gibt es nureineErklärung: Algol wird uns verfinstert durch einen dunklen Weltkörper, der ihn in 2 Tagen, 20 Stunden, 48 Minuten und 55 Sekunden umläuft, denn so viel beträgt die Periode.
Dieser dunkle Begleiter muß seiner Sonne sehr nahe sein und beinahe so groß wie sie, sonst könnte er uns, wie schon gesagt, seine Sonne auf solch ungeheure Entfernung hin nicht verfinstern; natürlich muß auch seine Bahn unsere Gesichtslinie kreuzen, daher ist es erklärlich, daß man nur etwa 20 veränderliche Sterne vom Algoltypus kennt. Bei allen sind die Perioden sehr kurz, zwischen 20 Stunden und 9½ Tagen.
Störungen weisen darauf hin, daß Algol mehr als einen Trabanten hat, und wir dürfen hier ganze Sonnensysteme vermuten, aber auch dort, wo kein dunkler Begleiter sich uns durch seine Größe und geringe Entfernung von seiner Fixsternsonne verrät.
Schließlich verrät uns auch das Spektroskop dunkle Trabanten der Fixsterne dadurch, daß die Linien ihres Spektrums genau innerhalb der Lichtwechselperiode sich verschieben.“
„Aus alledem,“ sagte Flitmore, „siehst du, daß dunkle und wohl auch bewohnbare Weltkörper zur Genüge vorhanden sein müssen. Gott gebe nur, daß wir zu rechter Zeit einen solchen auffinden und glücklich dort zu landen vermögen.“
Fünf Monate dauerte schon die unheimliche Reise der Sannah mit dem Kometen und noch war Alpha Centauri so weit entfernt, daß sich nicht sagen ließ, wann man in seine Nähe kommen werde. Nun wurde öfters des Lords Nährmaschine in Tätigkeit gesetzt, damit die zusammenschmelzenden Lebensmittelvorräte gespart werden konnten. Sie lieferte denn auch eine sehr nahrhafte, stärkende und auch schmackhafte Kost, die freilich auf die Dauer die natürlich entstandenen Nahrungsmittel nicht vollwertig hätte ersetzen können.
„Leider erweist sich Ihre Vermutung über die Geschwindigkeit Aminas als unrichtig,“ sagte Flitmore eines Tages zu Schultze.
„In der Tat,“ erwiderte der Professor, „ich habe sie bedeutend überschätzt. Wenn man keine sichern Unterlagen für eine Berechnung besitzt, kann man sich leicht um das zehn- und hundertfache verrechnen bei solch fabelhaften Zahlen.“
„Ein schlechter Trost,“ seufzte der Lord; „was aber noch bedenklicher ist, auch ich habe zu optimistisch gerechnet, wenn ich glaubte, meine Sauerstoffvorräte würden elf Monate ausreichen: wir sind nicht viel mehr als halb so lange unterwegs, und bis auf eine kleine Kammer sind schon alle geleert; Ozon haben wir überhaupt keines mehr.“
„Wie lange kann uns die Luft noch reichen?“ fragte Münchhausen.
Der Lord zuckte die Achseln: „Bei äußerster Sparsamkeit, und zwar bei alleräußerster, drei Wochen; dann ist es aus mit uns.“
„Sparen wir!“ sagte der Kapitän trocken.
„Das werden wir tun; aber es wird eine böse Zeit werden und wer weiß, ob es uns etwas hilft!“
Von jetzt ab wurde der geringe Rest an Sauerstoff so ängstlich zu Rate gehalten, daß die Luft in der Sannah für die Lungen kaum noch brauchbar war.
Die Folgen zeigten sich auch bald bei allen: an mehr als die notwendigste Tätigkeit war nicht mehr zu denken, da eine furchtbare Mattigkeit und Erschlaffung sich der Ärmsten bemächtigte. Röchelnd und nach Luft schnappend lagen sie umher und überließen sich so viel als möglich der bleiernen Schläfrigkeit, die sie gefangen hielt; denn im Schlaf verbrauchten sie am wenigsten von der kostbaren Luft.
Je mehr sich der Hunger nach Luft steigerte, desto weniger wollte ihnen Essen und Trinken mehr schmecken. Bleich und eingefallen, Gespenstern gleich, schlichen sie durch die Räume, wenn sie sich vom Lager erhoben, suchend, ob nicht irgendwo bessere Luft zu finden sei; aber sie war überall verbraucht und vergiftet.
Nicht mehr von Tag zu Tag, nein, von Stunde zu Stunde steigerten sich jetzt die Qualen, und die Wächter hatten die schwere Pflicht, mit äußerster Willensanspannung den Schlaf zu überwinden, um die erstickenden Genossen rechtzeitig wecken zu können: sonst wäre schließlich niemand mehr aufgewacht!
„Erfinden Sie etwas, um künstlichen Sauerstoff herzustellen oder um die verbrauchte Luft wieder für die Atmung tauglich zu machen,“ keuchte der Kapitän: „Mit mir geht’s zu Ende, Lord!“
Flitmore lächelte schwach und wehmütig und sah nach Mietje, die mit geschlossenen Augen krampfhaft zuckend im Sessel lehnte. „Ja, wenn ich das zu erfinden vermöchte! Hilft uns Gott nicht, so sind wir alle verloren. Aberbaldmuß die Hilfe kommen: ich habe ja berechnet, daß uns der Sauerstoff bei dem gegenwärtigen Verbrauch noch vier Tage reichen kann; aber ich sehe ein, so geht es nicht weiter, wir brauchen unbedingt bessere Luft, es ist die höchste Zeit. Und so muß die Sparsamkeit ein Ende haben; ich bin entschlossen, den ganzen Rest unsres Vorrats auf die nächsten 24 Stunden zu verteilen. Dann leben wir noch einmal auf, ein letztesmal. Was dann weiter kommt, steht in des Allmächtigen Hand!“
Mit diesen Worten schlich sich der Lord weg, um die Ventile zu öffnen, die den gepreßten Sauerstoff in das einzige noch bewohnte Zimmer strömen lassen sollten.
Die Lady erhob sich wie im Traum und verließ mühsam das Gemach.
Heinz, dem nichts Gutes ahnte, folgte ihr. Er fand sie in einer Stube, in der die beiden Schimpansen erstickend am Boden lagen: man hatte die Affen, so leid es einem tat, entfernen müssen, daß sie nicht auch noch halfen, ihren menschlichen Leidensgefährten das letzte bißchen Luft wegzuatmen.
„Was haben Sie im Sinn?“ fragte Heinz die Lady.
Diese sah ihn müde an: „Was liegt an mir? Es kommt vor allem darauf an, die Männer am Leben zu erhalten, bis Gott ihnen Rettung sendet. Ich will ihnen nicht die letzten Aussichten nehmen.“
„Sie wollen hier ersticken?“ rief Heinz entsetzt.
„Hier oder dort, das ist doch einerlei,“ sagte die Lady lächelnd.
„Aber hier ist es in einer Stunde aus mit Ihnen; dort können Sie noch 24 Stunden aushalten, und zwar in verhältnismäßig guter Luft, da der Lord die Luft gründlich verbessern will.“
„Gehen Sie, vielleicht wird dadurch Ihr Leben verlängert bis die Hilfe kommt, und die wird nicht ausbleiben, dessen bin ich sicher.“
„Nein, Lady! Ein solches Opfer können wir nicht annehmen, auch ist es zwecklos.“
„Wer weiß?“
„Nun, so bleibe ich auch da; dann ....“
Weiter kam er nicht, ein furchtbarer Stoß erschütterte die Sannah, ein Krachen und Knistern erscholl und pflanzte sich wie rollender Donner durch die Metallhülle weiter. Alle Räume erbebten. Dann wurde es still.
„Gott sei uns gnädig! Was war das?“ schrie Lady Flitmore.
„Wenn nur kein Unglück die andern betroffen hat!“ rief Heinz.
Und so schnell ihre schwachen Kräfte es ihnen erlaubten, eilten sie zurück in das Zenithzimmer.
„Was ist geschehen?“ rief ihnen hier Münchhausen entgegen.
„Das wollten wir Sie fragen,“ gab Heinz zurück.
„Wo ist mein Gatte?“ forschte Mietje besorgt.
„Da kommt er!“ sagte Schultze aufatmend.
Der Lord trat ein. Todesblässe bedeckte sein Antlitz.
„Gottlob! Dir ist nichts passiert!“ rief die Lady, alles andre vergessend.
„Wir wollen uns auf unser Ende vorbereiten,“ erwiderte Flitmore dumpf: „Es ist keine Hoffnung mehr für uns, mit dem Leben davonzukommen, die nächsten Stunden bringen den Tod.“
„Kein Sauerstoff mehr da?“ fragte der Kapitän.
„Ein großes Meteor hat die Sannah gestreift und ihre Umhüllung zertrümmert und zwar mußte es gerade unsre letzte Sauerstoffkammer sein, deren Decke durchlöchert wurde. Natürlich ist alles in den leeren Raum entwichen. Als ich die Ventile öffnen wollte, erfolgte gerade der Krach. Ich ahnte, was geschehen und blickte durch das Seitenwandfenster in den Raum, der durch das Licht des Kometen erhellt wurde, das durch die zertrümmerte Decke eindringt.“
Eine tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigte sich aller. Nur John entfernte sich stillschweigend. Er wußte eigentlich selber nicht, warum; doch gedachte er, sich den Schaden zu besehen und einen Rundgang durch das Weltschiff zu machen, um festzustellen, ob sonst alles in Ordnung sei.
In Ordnung! Ja, wenn nur Luft dagewesen wäre! Es war eine mühsame Wanderung durch die sauerstoffleeren Räume und oft drohten dem Diener die Kräfte zu versagen; doch heldenmütig schleppte er sich weiter.
Im Nordpolzimmer sah er die beiden Schimpansen sterbend am Boden liegen. Sie dauerten ihn.
Er richtete die treuen Tiere auf, die sich krampfhaft an ihn festklammerten.
„Ihr sollt nicht so lange leiden müssen,“ sagte er: „Wir wollen alle drei hinaussteigen, wo gar keine Luft ist, dann sind wir gleich tot!“
Gleichzeitig begab er sich zur Lucke, um sich mit den Affen in den leeren Raum zu stürzen, denn er war der Meinung, sie würden hinabfallen; die Anziehungskraft des Mittelpunktes der Sannah, die ihn an der Oberfläche der Umhüllung festhalten würde, hatte er nicht begriffen.
Es waren durchaus keine Selbstmordgedanken, die John zu diesem anscheinend so verzweifelten Schritte trieben; klare Gedanken vermochte er überhaupt nicht mehr zu fassen, da das Blut dumpf in seinen Schläfen hämmerte, seine Lunge keuchte und röchelte, und seine Kiefer umsonst nach Luft schnappten. Ein dunkler Nebel umfing seine Sinne. Aber der gleiche Gedanke, der Mietje bewogen hatte, sich opfern zu wollen, dämmerte auch im Hintergrunde von Johns Seele, als er zur Lucke hinaufkletterte: er wollte von dem letzten Restchen Luft seinem Herrn nichts mehr wegatmen. Und dann war es noch das Mitleid mit Dick und Bobs, die ein rasches Ende finden sollten.
Unterdessen sahen die andern im Zenithzimmer einem langsamen, schrecklichen Ende entgegen. Immerhin konnte es nicht lange mehr dauern, so würde eine wohltätige Bewußtlosigkeit eintreten und ihnen das Gefühl der letzten Qualen ersparen.
Lord Flitmore war gefaßt und in den göttlichen Willen ergeben.
Heinz und Mietje zeigten sich ebenfalls ruhig: schwer wurde ihnen nur, daß sie sich nicht für die andern opfern konnten, das hatte jetzt keinen Zweck mehr.
Der Kapitän war der Unruhigste: ihm paßte das Ersticken durchaus nicht und er sehnte sich nach einer frischen Seebrise. So murmelte er denn hie und da etwas vor sich hin, das nicht danach klang, als habe er mit der schnöden Welt bereits abgeschlossen. Doch er war kein Hasenfuß undkein Zweifler; gewiß fand er sich auch noch in sein Schicksal, er mußte nur zuvor noch einiges überwinden.
Im Stillen bewunderte er Professor Schultze: der schien auf einmal alles vergessen zu haben und so schwer auch er mit dem Luftmangel kämpfte, in den letzten Viertelstunden seines Lebens noch ganz von wissenschaftlichem Eifer beseelt zu sein.
Der Zusammenstoß hatte seine Wißbegierde erregt und er forschte angestrengt nach dessen Gründen.
„Es ist klar,“ sagte er endlich mit schwacher Stimme: „Ein neuer Komet ist die Ursache des Verhängnisses, dieser neue Komet ist durch den Schweif der Amina gefahren und ein fester Bestandteil seines eignen Schweifes hat unsre Sannah getroffen.
Auch sind wir vom Kopfe unsres Kometen viel weiter entfernt als bisher: es scheint zwischen den beiden Haarsternen ein heftiger Kampf um unsre Wenigkeit entbrannt zu sein: der neue Komet will uns mit sich fortreißen, die Amina will uns nicht freigeben! Es wäre wirklich interessant, zu erleben, welcher von beiden es gewinnt: kommt die Sannah los vom Kometen Amina, so führt sie der andre Komet wahrscheinlich zurück nach unserm irdischen Sonnensystem.“
„Wirklich hochinteressant,“ sagte der Kapitän spottend. „Nur schade, daß wir das Ende des Kampfes nicht erleben und daß die Rückfahrt in unser Sonnensystem uns ziemlich einerlei sein kann; denn was kümmert’s uns, wo unser großer Sarg landet. Ja, wenn Sie uns verkünden könnten, daß irgend in der Nähe ein Hoffnungsstern uns leuchtet, daß wir innerhalb einer halben Stunde irgendwo landen können, das ließe ich mir gefallen, da hätten Ihre Beobachtungen doch einen vernünftigen Zweck.“
In abgebrochenen Sätzen, oft unterbrochen durch das vergebliche Suchen nach mehr Luft, hatte Münchhausen diese Rede hervorgestoßen. Schultze aber erwiderte etwas kleinlaut:
„In letzterer Beziehung allerdings sieht es schlimm aus: Alpha Centauri ist uns zwar verhältnismäßig sehr nahe gekommen, es lassen sich sogar schon leuchtende Trabanten seines Sonnensystems unterscheiden; doch einige Tage brauchten wir noch mindestens, um einen davon zu erreichen, selbst wenn wir nicht jetzt auch noch dadurch aufgehalten würden, daß zwei Kometen sich um uns balgen.“
„Also aussichtslos!“ brummte Münchhausen; und nun ward es wieder stille im Zimmer. Man hörte nur noch Stöhnen und Röcheln.
Flitmore beugte sich über seine Gattin. Sie hatte das Bewußtsein verloren und würde es wohl auch nicht wieder erlangen. Es wäre zwecklos und grausam gewesen, sie wieder zur Besinnung zurückrufen zu wollen.
Heinz schaute mit erlöschenden Blicken umher; er vermißte John: „Rieger fehlt!“ hauchte er.
Niemand erwiderte hierauf etwas.
Schultze blickte immer noch zum Fenster hinaus.
Plötzlich verdunkelte sich dieses; ein Schatten fiel darauf und nun wurde der Professor auf einmal lebendig, durch das höchste Erstaunen aufgeregt.
„Da hört sich doch aber alle Wissenschaft auf!“ keuchte er: „Da steht ja John Rieger, die treue Dienerseele! Mitten im luftleeren Raum! Ja, er lebt noch, er bewegt sich, er scheint ganz munter! Das ist ja die reinste Unmöglichkeit.“
Inzwischen war John außen auf die dicke Scheibe niedergekniet, winkte und klopfte aus Leibeskräften.
„Er tut ganz verzweifelt! Natürlich, er hält es keine Minute mehr aus ohne Luft. Wie er aber auch da hinauskommt und warum?“ machte Schultze kopfschüttelnd weiter. „Soll ich ihn einlassen?“
„Natürlich!“ sagte Flitmore.
„Meinetwegen!“ stimmte der Kapitän bei: „Obgleich uns die letzte Luft entweichen wird, wenn wir die Lucke öffnen.“
„Da ist ja auch Bobs! Nein, der tanzt ja ordentlich und schlägt Purzelbäume!“ rief Heinz verwundert, während der Professor sich anschickte, eiligst die Lucke zu öffnen, um John einzulassen, den er im Todeskampfe wähnte.
Doch noch ehe Schultze geöffnet, hatte Rieger sich besonnen, daß ja die Türen auch von außen aufgemacht werden konnten.
Es eilte ihm offenbar ungeheuer und er konnte es nicht abwarten, bis die da drinnen ihm den Zugang frei legten; er drückte auf den Knopf und langsam drehte sich die dicke Metallplatte in ihren Scharnieren.
Nun mußte die Luft vollends in den leeren Raum entweichen, aber was machte das schließlich aus, sie war ja Gift und ein rasches Ende konnte nur willkommener sein als ein langwieriger Todeskampf.
Aber da geschah ein Wunder!
Schultze, der der Öffnung ganz nahe stand, spürte einen frischen Luftzug hereinwehen!
Obgleich sich da selbstverständlich alle und jede Wissenschaft aufhörte, sprach er doch kein Wort, sondern sperrte Mund und Nase auf, um die köstliche, belebende Luft in seine Lungen aufzunehmen.
„Nein! Herrscht bei Ihnen eine abscheuliche Stickluft,“ rief John herein, indem er den Kopf in die Lucke steckte: „Kommen Sie doch schnell alle heraus.“
„Kannst du denn schnaufen im luftleeren Raum?“ rief der Kapitän von unten: er war empört, denn es schien ihm, als treibe der Diener einen höchst unangebrachten Scherz mit ihnen. Vielleicht hatte er den Verstand verloren, der arme John! Oder war er schon ein Verstorbener, ein Geist, der keiner Luft bedarf? Münchhausen jedenfalls brauchte noch Luft zum Leben, das spürte er nur zu sehr!
John aber rief herab: „Es herrschen ja sozusagen die herrlichsten atemsphärischen Verhältnisse hier draußen! Wirklich, werter Herr Kapitän, eine köstliche Atemsphäre, und das Merkwürdigste ist, man fällt gar nicht herunter von der Sannah: ich bin vom Nordpolfenster bis hier heraufgestiegen, wie ich der Meinung nach gesagt haben würde, aber in Wirklichkeit konnte ich von einer Steigung nichts verspüren: überall war ich oben und wenn ich dann meinte, ich müsse mit größter Vorsichtigkeit an der Rampe hinunterklettern, weil es überall rund hinunter ging, so war das auch wieder gar nicht so und keinerlei Redensart von einem vorhandenen Abstieg, sondern immer nur oben. Die Affen springen um die ganze Sannah rings herum, daß man meint, jetzt fallen sie, jetzt stürzensie ganz ins Weite; aber sie bleiben unentwegtermaßen in vollster Aufrichtigkeit ihrer leiblichen Haltung.“
Den letzten Teil seiner sprudelnden Rede hielt John an Professor Schultze hin, der inzwischen hinausgeklettert war und nur atmete, atmete.
Jetzt nahm er endlich das Wort: „Daß man um die ganze Sannahkugel herumlaufen kann, ohne in den Weltraum zu fallen, das hat seine Richtigkeit und selbstverständlich befinden wir uns an ihrer Oberfläche überall oben. Aber daß im luftleeren Weltraum eine so tadellose Luft vorhanden ist, das kann absolut nicht stimmen und geht nicht mit rechten Dingen zu: Da hört sich ja einfach alle Wissenschaft auf!“
Nun war es heraus!
Jetzt aber wandte er sich zurück und rief in die Stube hinab:
„Was wollt Ihr denn dort unten noch länger mit der Atemnot kämpfen? Macht, daß ihr herauskommt: tatsächlich ist hier draußen eine Luft, die lebendig und gesund macht! Es ist zwar selbstverständlich ein unmöglicher Umstand und die reinste Torheit, es zu glauben, aber ich versichere euch, es ist doch so, tatsächlich so!“
Unterdessen hatte der frische Luftzug von oben seinen Weg nach unten gemacht und war auch Flitmore, Heinz und Münchhausen in die Nasen gedrungen.
Da raffte sich der Kapitän auf und bewegte seine Leibesmasse schwerfällig empor, um die köstliche Atmosphäre aus erster Hand zu genießen.
Als er mit Kopf und Brust aus der Lucke emporgetaucht war, blieb er atemlos stehen und stützte sich mit den Armen auf den Türrahmen. Und jetzt atmete und pustete er wie eine Dampfmaschine.
„He!“ mahnte Schultze: „Machen Sie, daß Sie vollends herauskommen!“
Münchhausen schüttelte den Kopf: „Muten Sie mir keine übermenschlichen Anstrengungen zu. Hier will ich verschnaufen. Ah, herrlich, köstlich!“
„Aber Mensch! Wenn Sie mit Ihrem Bauch die ganze Lucke verstopfen, müssen ja die dort unten elendiglich umkommen! Haben Sie denn gar kein Mitleid mit Ihren Nebenmenschen?“
„Ja so!“ stammelte der Kapitän beschämt: „Da dachte ich ja gar nicht daran vor lauter Lebensluft, die mir zuströmt.“ Und nun krabbelte er vollends heraus.
Jetzt kamen der Lord und Heinz nach, die Mietje an die freie Luft emportrugen.
Die Lady war noch immer ohnmächtig, als sie aber draußen in die sauerstoff- und ozonreiche Luft gebettet wurde, kam sie bald zu sich und fühlte sich nach kurzer Zeit so gekräftigt, daß sie sich zu erheben vermochte.
Nun wurde ein Spaziergang rings um das Weltschiff gemacht, ein köstlicher Spaziergang! Dabei wurden sämtliche irgend vorhandenen Lucken geöffnet, um die verdorbene Luft entweichen und die frische Atmosphäre einströmen zu lassen.
„Und sagen, daß wir um ein Haar allesamt elend erstickt wären, da uns die Lebensluft doch rings umgab!“ sagte Münchhausen. „Gestorben wären wir, nur weil wir nicht wußten, daß es eigentlich gar keine Not hatte! Hätte John nicht zufällig, oder besser durch göttliche Fügung, den Gang ins Freie angetreten, unsre Unwissenheit hätte uns das Leben gekostet.“
„Es ist aber auch rein unerklärlich, wie wir in einen mit Luft erfüllten Winkel des Weltraums geraten konnten,“ meinte der Professor. „Es war gewiß niemand zuzumuten, daß er auf diesen himmelfern liegenden Gedanken käme.“
„Doch!“ widersprach Flitmore nachdenklich: „Eigentlich hätte ich daran denken, ja es bestimmt wissen sollen. Sie haben da wieder ein Beispiel dafür, Professor, wie wir Menschen, die wir uns so gar gescheit dünken, mit Blindheit geschlagen sind, und oft nicht einmal die nächstliegenden vernünftigen Folgerungen zu ziehen vermögen aus dem, was wir bereits erkannten.“
„Wieso denn?“
„Nun, ich setzte Ihnen doch auseinander, daß meiner Ansicht nach der Stoff, der den Weltraum erfüllt, nichts andres sein kann als verdünnte Luft und daß jeder Planet oder vielmehr jeder rotierende Körper durch eine Umdrehung und Anziehungskraft die Luft um sich her verdichtet und sich so mit einer Lufthülle umgeben muß.
Welcher Schluß lag nun näher, als daß dies auch bei unsrer Sannah der Fall sein müsse? Warum sollte sie sich nicht auch mit einer Atmosphäre umgeben, die sie aus dem Weltraum an sich riß?“
„Nein!“ rief Schultze, sich an die Stirn schlagend: „Solch ein alter Esel, wie ich bin! Und solch einen Menschen tituliert man Professor! Die Sache ist ja sonnenklar! Bei unsern Landungen merkten wir natürlichnichts davon, weil wir die Sannah erst verließen, wenn sie sich in der Atmosphäre eines Weltkörpers befand. Aber hätten wir in der Zwischenzeit nur auch ein einzigesmal eine Lucke ein klein wenig geöffnet, so wäre uns frische Luft entgegengeströmt!“
„Natürlich,“ sagte der Lord wieder, „das wagten wir nicht, daran dachten wir überhaupt nicht, weil wir stets im Wahne befangen waren, dort außen gebe es keine Luft, die wir atmen könnten, vielmehr umlaure uns Tod und Verderben und lediglich der luftdichte Abschluß aller Lucken, der das Entweichen der Innenluft verhindre, schütze uns vor dem Erstickungstod.“
„Ich konnte das ja natürlich nicht ahnen,“ sagte Münchhausen, „aber daß unser Lord und vor allem Sie, allerweisester unter den Professoren, nicht so weit dachten, das ist eine Schmach für die ganze Menschheit. Was? Da halten Sie uns eingeschlossen wie in einem Bergwerk oder in einem Unterseeboot, bis wir beinahe erstickt sind, statt zu sagen: Na, Kinder! Machen wir die Pforten auf, spazieren wir hinaus, ein wenig frische Luft schöpfen? Heinrich Schultze, Sie reden immer vom Aufhören aller Wissenschaft, wenn Sie nur erst einmal des Wissens Anfänge inne hätten!“
„Wenn ich mir erlauben darf, richtig verstanden zu haben“, mischte sich John jetzt in die Unterhaltung, „so schiene mir aus Ihren respekttiefen Reden ersichtlich zu sein, als ob diese Luft auch sonst früher vorhanden gewesen sein müßte.“
„Gewiß,“ sagte Flitmore, „seit unsrer Abfahrt von der Erde besitzt unsre Sannah eine regelrechte Atmosphäre, die sich unaufhörlich aus dem Raumstoff ergänzt und erneuert.“
„Ah!“ rief Lady Flitmore: „Da hätten wir ja schon öfters solche prächtige Spaziergänge im Freien machen können. Schade, daß wir’s nicht wußten; aber jetzt wollen wir’s nicht wieder versäumen.“
„Nein, meine Liebe,“ sagte der Lord. „Vor allem aber wollen wir Gott danken, daß er uns das, was uns zuvor nur als eine Annehmlichkeit erschienen wäre, im Augenblick der äußersten Not erkennen lehrte, da es unser aller Leben rettete!“
Entzückend war der Wandel im Freien wahrhaftig zu nennen; nicht nur wegen der gesunden Luft, die begreiflicherweise anfangs allen das Wichtigste war, sondern auch wegen der wechselnden Aussicht, die man auf den Sternhimmel genoß.
Die Oberfläche der Kugel mit ihren etwas mehr als 63½ Ar bot Raum genug, sich zu ergehen; der Umfang von 141,3 Metern gestattete, in zwei Minuten die ganze Sannah in beliebiger Richtung völlig zu umwandeln.
So konnte man den gesamten Sternhimmel bewundern.
Am nächsten standen der Sannah noch die beiden Kometen; doch schien es, als ob beide sich nach entgegengesetzten Richtungen hin von ihr entfernten: somit wäre das Weltschiff aus der gezwungenen Gefolgschaft der Amina befreit worden, offenbar dadurch, daß der neue Komet die Sannah ebenfalls angezogen hatte, ohne sie jedoch ganz mit sich fortreißen zu können, da die Anziehungskraft des ersten sie noch genügend zurückhielt.
Die meisten Sternbilder am nördlichen und südlichen Himmel erschienen durchaus nicht viel anders, als von der Erde aus gesehen; die Entfernung dieser Gestirne war so groß, daß die 3½ Lichtjahre, die man ihnen näher, bezw. ferner gekommen war, gar nicht in Betracht kamen.
Diejenigen Sternbilder jedoch, denen man sich wesentlich genähert hatte, (das heißt eigentlich nur einzelnen ihrer Sterne), erschienen ziemlich verändert oder stark verschoben.
Man befand sich hier im Reiche der Fixsterne, und doch eigentlich wieder nur in der Nähe eines fremden Sonnensystems, von dem die Fixsternwelt ebenso fern schien wie von der Erde aus.
Schultze gab dieser Beobachtung folgendermaßen Ausdruck:
„Wir sind dem Sonnensystem Alpha Centauri ganz nahe und doch weit entfernt, etwa im Sternbild des Centauren uns zu befinden, wie es sich der Erde darstellt; denn die andern Sterne dieses Sternbildes sind uns meist himmelfern und scheinen von hier aus auch einer abgelegenen Fixsternwelt anzugehören.“
„Von der Erde aus betrachtet, sind wir hier unter den Fixsternen; von hier aus betrachtet aber sind uns die Fixsterne ebenso entlegen wie der Erde, wogegen uns die irdische Sonne einen Bestandteil des Fixsternhimmels auszumachen scheint.“
Die frische Luft regte den Appetit mächtig an und Münchhausen war der erste, der dies bemerkte.
„Wie wäre es,“ sagte er, „wenn wir für heute unsern Luftwandel einstellten und zunächst eine ausgiebige Stärkung zu uns nähmen? Mir ist, als hätte ich seit acht Tagen nichts gegessen.“
„Unsre Mahlzeiten sind in letzter Zeit allerdings etwas zu kurz gekommen,“ lachte Flitmore; „der Mangel an Lebensluft und Stoffwechsel ließ keinen rechten Hunger aufkommen.“
„Nicht einmal bei mir,“ bestätigte der Kapitän.
„Was viel sagen will!“ spottete Schultze.
„Komm, John!“ gebot Lady Flitmore: „Eilen wir in die Küche, ein Festmahl zu bereiten, so rasch wir eines zustande bringen; wir müssen heut unser aller Geburtstag feiern.“
„Brava!“ rief Münchhausen; „brava, Mylady, das ist ein genialer Gedanke. In der Tat sind wir heute alle zu neuem Leben wiedergeboren.“
Mietje begab sich mit John hinab und die andern folgten.
Während erstere sich in die Küche begaben, blieben letztere im Zenithzimmer.
„Ich glaube,“ sagte hier Flitmore, „ich habe nun auch eine Erklärung dafür gefunden, warum der Komet Amina uns entführt hat:
Sie wissen, meine Herrn, daß nach meiner Ansicht alle Körper mit Anziehungskraft und Fliehkraft ausgestattet sind und sich demnach gleichzeitig anziehen und abstoßen, so daß sie sich einander bis zu der Entfernung nähern, wo Anziehung und Abstoßung sich ausgleichen und einander aufheben.
Nun scheint mir in der Kometenmaterie die Fliehkraft zu überwiegen. Daher kommt es, daß die durch die Sonnennähe aufgelösten Massen dieses Stoffes mit solcher Wucht von der Sonne abgestoßen werden, daß sie einen Schweif von vielen Millionen Kilometern bilden.“
„Das würde auch erklären,“ fügte Schultze bei, „warum ein Komet, wenn er, durch die Geschwindigkeit seines Laufes die Zentrifugalkraft bis zu einem gewissen Grade unwirksam machend, dem Jupiter sehr nahe kommt oder gar die Korona der Sonne durchsaust, zwar zertrümmert und aufgelöst werden kann, niemals aber auf diese Weltkörper fällt.“
„Auch das!“ stimmte der Lord zu. „Nun aber zieht Fliehkraft die Fliehkraft an: nur so ist es begreiflich, daß ein Komet seinen ungeheuren Schweif mit sich führen und späterhin wieder einziehen kann, während die Weltkörper, die etwa diesen Schweif kreuzen, nichts davon mitnehmen, eben weil die Fliehkraft in ihm vorherrscht.“
„Aber die Sternschnuppenregen und Meteorsteinfälle?“ wandte Heinz ein. „Tatsächlich werden eben doch Teile eines Kometen oder seines Schweifes von der Erde angezogen.“
„Gewiß!“ gab Flitmore zu: „Wir müssen uns eben vorstellen, daß zwar die Fliehkraft in den Kometen überwiegt, einzelne Bestandteile aber doch positiv magnetisch sind: gerade das könnte die lockere Schweifbildung erklären, da sich dann Bestandteile darin finden würden, die einander bis zu einem gewissen Grade abstoßen müßten. Jedenfalls wäre klar, warum der Komet unsre mit Fliehkraft geladene Sannah anziehen und mit sich fortreißen mußte.“
„Ich begreife,“ sagte der Professor: „Und teils die rasende Geschwindigkeit der Fahrt, teils das Vorhandensein anziehender Elemente im Schweife verhinderte es, daß wir durch Ausschalten des Stroms freikommen konnten.“
„So stelle ich es mir allerdings vor,“ sagte der Lord. „Nun hat uns der andre Komet aus dem Anziehungsbereich der Amina fortgerissen, ohne uns jedoch festhalten zu können, weil die mit einander streitenden Kräfte unsre Sannah schließlich an die Grenze der Anziehungssphäre beider Kometen brachten. Und nun werde ich mich beeilen, den Zentrifugalstrom auszuschalten, damit wir von dem Sonnensystem Alpha Centauri angezogen werden und, wenn wir einen günstigen Planeten entdecken, dort landen können.“
Da dies allgemein für das Beste gehalten wurde, stellte Flitmore alsbald die Fliehkraft ab.
Dem Festmahl, das nun aufgetragen wurde, sprachen alle wacker zu und es entwickelte sich eine behagliche und heitere Stimmung, die nach den ausgestandenen Leiden und Todesängsten doppelt erquickte.
Dann ergab man sich einem köstlichen Schlaf, wie man ihn schon lange nicht mehr genossen hatte.
Als unsre Freunde am andern Morgen im Zenithzimmer zum Frühstück sich vereinigten, flutete heller Sonnenschein durchs Fenster, ein Wunder, das mit größter Überraschung und einem wahren Jubelausbruch begrüßt wurde; denn seit dem Verlassen des irdischen Sonnensystems war das blasse Licht des Kometen und der Schein der elektrischen Glühbirnen der Sannah das einzige Licht gewesen, das man gekannt.
Sofort nach beendigtem Mahl eilten alle ins Freie, um das neue Schauspiel zu genießen.
Die Oberfläche der Sannah strahlte im hellsten Sonnenglanz. Ihre Flintglasbekleidung verhinderte jedoch eine allzugroße Erhitzung. Es war wie der plötzliche Einzug warmen, sonnigen Frühlings nach langer, frostiger Winternacht!
„Da sind ja sozusagen zwei Sonnen!“ rief John aufs höchste überrascht, „wenn ich mir erlauben darf, mich nicht wesentlich zu täuschen, was nicht der Fall sein dürfte.“
Alle sahen empor nach den blendenden Tagesgestirnen, die allerdings zu zweit, anscheinend dicht neben einander am Himmel leuchteten.
So merkwürdig dies aussah, lange konnte man nicht hinblicken: die Augen hielten den Glanz nicht aus.
„Das stimmt,“ sagte Schultze: „Alpha Centauri ist ein Doppelstern.“ Und alsbald hielt er einen Vortrag über Doppelsterne, der hier ganz am Platze war.
„Das Vorhandensein solcher Doppelsterne,“ sagte er, „ist erst seit einigen Jahrzehnten bekannt. Allerdings hatte das Fernrohr den Astronomen schon lange enthüllt, daß da, wo man mit bloßem Auge einen einzigen Stern zu sehen vermeint, in Wirklichkeit zwei oder gar mehrere sein können, und der neblige Schimmer der Milchstraße löste sich unter dem Teleskop in dichte Massen zahlloser Sterne auf, so daß Herschel anfangs vermutete, alle Sternnebel müßten sich in genügend starken Instrumenten als solcheSternenhäufungen erweisen. Aber alle diese Sterne erscheinen nur wegen ihrer perspektivischen Lage und unendlichen Entfernung einander so nahe zu sein, daß sie für das bloße Auge zu einem zusammenhängenden Gebilde werden. In Wirklichkeit sind sie durch Himmelweiten von einander getrennt und sind durchaus nicht das, was man Doppelsterne und mehrfache Systeme nennt.
Die wirklichen Doppelsterne sind zwei Sonnen eines Sonnensystems, deren eine die andere umkreist. Bessel war der erste, der im Jahre 1847 verkündigte, Sirius im großen Hunde, sowie Procyon im kleinen Hunde müßten dunkle Begleiter haben.
Zwanzig Jahre später wurde der Begleiter des Sirius, den Bessel durch bloße Berechnung erraten hatte, von Alvon Clark entdeckt. Er schien halb so groß wie Sirius, also 12 bis 15 mal so groß wie unsere Sonne, aber 10000mal lichtschwächer, immerhin noch selbstleuchtend, sonst wäre er unsichtbar geblieben. Seine Entfernung von Sirius ist gleich der des Uranus von unserer Sonne.
Bessel hatte aus den ganz eigentümlichen Bewegungen des Sirius die Umlaufzeit seines Begleiters auf 50 Jahre berechnet; sie wurde denn auch neuerdings mit 50,38 Jahren bestimmt.
Die Doppelsterne“ umkreisen einander meist in sehr langgestreckten Ellipsen. Die Umlaufzeit der Doppelsterne, die durch die sichtbare Veränderung ihrer Lage bestimmt werden konnte, beträgt im Mindestmaß 5,7 Jahre. Doppelsterne mit noch kürzerer Umlaufzeit stehen einander zu nahe, um auch mit den besten Teleskopen noch getrennt gesehen werden zu können.
Hier hat uns denn das Spektroskop neue Enthüllungen gebracht; man sah in den Spektren einiger Sterne periodische Doppellinien auftreten, die mit Sicherheit offenbarten, daß uns hier zwei Körper Licht sandten, von denen sich einer auf uns zu, der andere von uns weg bewegte. Aus der Verschiebung dieser Linien konnte man die Umlaufszeit nach Sekundenkilometern berechnen, selbst ohne die Entfernung der betreffenden Himmelskörper zu kennen.
Alle spektroskopisch entdeckten Doppelsterne haben sehr kurze Umlaufzeiten von einem Tag bis zu 3 Jahren.
So wurde der Polarstern als Doppelstern mit viertägiger Periode und bloß 3 Kilometer Sekundengeschwindigkeit erkannt, sein Begleiter muß ihm also äußerst nahe sein.
Man hat Tausende solcher Doppelsterne entdeckt und kann getrost sagen, sie scheinen die Regel zu bilden und ein Sonnensystem, wie das irdische, mit einer einfachen Sonne, ist eine Ausnahme. Diese Sterne gehören sozusagen dem Algoltypus an, oder wie Freund John sagt, dem Alkoholtyphus, nur daß ihre Begleiter nicht dunkel sind, sondern selbstleuchtende Sonnen, manche allerdings schon im Erlöschen begriffen, wie bei Sirius.