37. Eine neue Erde.

Es gibt aber nicht bloß Doppelsterne, sondern auch vielfache Systeme, wie auch schon die Nebelflecke ein bis vier Zentralkerne aufweisen. Man hat bis zu neunfachen Systemen entdeckt und wenn diese mehrfachen Systeme verhältnismäßig selten erscheinen, so können sie nichtsdestoweniger sehr zahlreich sein, da die kleineren Sonnen, so leuchtend sie sein mögen, uns in solcher Entfernung nicht mehr sichtbar werden können.

Ein dreifacher Stern, Gamma in der Andromeda, ist ein funkelnder Edelstein, der zu den herrlichsten des Himmels gehört. Schon kleine Fernrohre offenbaren uns seine ganze Schönheit: sein Hauptstern leuchtet in goldgelbem Lichte wie ein Topas, sein Nebenstern, der wieder doppelt ist, strahlt in wundervollem blauem Glanz, ein blitzender Saphir.

Auch das Spektroskop hat uns solche vielfache Systeme enthüllt: man findet, daß periodisch sich verdoppelnde Linien sich in weiteren Perioden nochmals spalten und so vierfache Systeme verraten.

Was nun die Doppelsonne anbelangt, die wir hier vor Augen haben, so scheinen uns die beiden Gestirne von hier aus recht nahe bei einander; in Wirklichkeit sind sie 25mal weiter von einander entfernt als unsere Erde von ihrer Sonne, also beinahe so weit als unser äußerster Planet Neptun von der Erde entfernt ist, da er 29 Sonnenentfernungen von dieser hat.

Während Neptun sich in 165 Jahren um die Sonne bewegt, braucht die Nebensonne unseres Alpha Centauri 81 Jahre, um ihr Zentralgestirn zu umkreisen, welches etwa die doppelte Größe der irdischen Sonne hat.“

„Und nun,“ sagte Flitmore, „möge dieses Doppelsonnensystem der Fixsternwelt uns seine Gotteswunder offenbaren!“

Im Hochtale Edens.

Im Hochtale Edens.

Die Sannah stürzte auf Alpha Centauri zu. Je näher sie den beiden Sonnen kam, desto größer erschienen diese und desto weiter ihr Abstand von einander.

Auf dem Wege zu ihnen aber befand sich ein weiß leuchtender Stern, den Schultze durch das Fernrohr als einen dunkeln Planeten erkannte, der im Lichte seiner beiden Zentralsonnen erstrahlte und Phasen zeigte wie der Mond. Der Professor berechnete seinen Umfang auf das Doppelte des Erdumfangs und seine Umdrehungszeit auf 50 Stunden.

„Das soll unser nächstes Ziel sein,“ erklärte Flitmore: „Wir haben nach dieser ungeheuerlichen Reise wohl alle das Bedürfnis, einen Ruhepunkt im Weltall zu suchen, und wenn wir finden, daß dieser verheißungsvolle Planet uns die notwendigsten Lebensbedingungen bietet, so soll er für die nächste Zeit unser Aufenthaltsort sein; dann sind wir vorerst geborgen.“

„Ja,“ ergänzte Münchhausen, „und können uns den Kopf zerbrechen, wie wir es anstellen sollen, den Weg zu unserer armseligen Erde zurückzufinden! Mich beschleicht wenigstens öfters ein stilles, wehmütiges Heimweh nach unserem fernen Planeten; aber Gott allein weiß, ob wir ihn jemals wiedersehen werden! Offen gestanden, mir täte es leid, wenn er uns ewig entrückt bleiben sollte.“

„Schade wäre es,“ gab Schultze zu, „schon deshalb, weil wir das Wissen der staunenden Menschheit dann nicht durch den Bericht unserer großartigen Entdeckungen bereichern könnten; auch könnte es dann Jahrhunderte dauern, bis wieder einer auf unseres Lords großartige Erfindung käme und der Verkehr zwischen der Erde und den Planeten ihres Sonnensystems angebahnt würde. Andererseits eilt es mir jedoch durchaus nichtmit der Heimkehr, denn ich ahne, daß uns noch die wunderbarsten Entdeckungen bevorstehen.“

„Glauben Sie, daß der Planet, dem wir uns nähern, bewohnt sein könnte?“ fragte Mietje, der es am meisten Freude gemacht hätte, wieder mit Wesen menschlicher Art zusammenzutreffen und die mit einem Gefühl des Grauens an den Saturn zurückdachte und nicht minder an den Mars, wo nur Ungeheuer und widerliche Scheusale eine sonst öde Welt bevölkerten.

„Möglich ist alles,“ entgegnete der Professor bestimmt. „Selbst Snyder, der nur an die allmächtige tote Natur und an die Allweisheit ihrer Unvernunft glaubt, kann nicht umhin, zu erklären: „Nur ein Tor könnte glauben, daß im unendlichen Raume die schrankenlos schaffenden Gewalten des Weltalls zur Bildung einer einzigen bewohnten, von einer Sonne erleuchteten Welt geführt hätten.“ Der große Geometer Lambert ging noch weiter und sagte, da uns das Mikroskop offenbare, daß auf der Erde alles bewohnt sei, müsse auch im Weltall alles irgendwie Bewohnbare bewohnt sein.“

„Ja, das Bewohnbare!“ warf Heinz ein: „Das haben wir ja auf dem Mars und Saturn selber gesehen, obgleich auf ersterem die vernünftigen Wesen ausgestorben scheinen, auf letzterem noch nicht vorhanden sein dürften. Aber wir werden doch annehmen müssen, daß auch in den Verhältnissen der unzähligen Planeten unendliche Verschiedenheit herrscht: auf dem einen mag unerträgliche Hitze, auf dem andern unmenschliche Kälte das Leben unmöglich machen; einer kann allzuschroffe klimatische Unterschiede, ein anderer eine ungünstig beschaffene Atmosphäre haben und was dergleichen mehr ist.“

„Gewiß! Das geben wir alles zu,“ meinte Schultze: „Das alles schließt aber das Leben nicht aus, nicht einmal das Vorkommen vernünftiger Wesen. Denken Sie doch daran, wie es schon auf Erden Lebewesen gibt, die ungeheure Kälte- oder Hitzegrade unbeschädigt zu ertragen vermögen. Früher war man der Ansicht, das Vorkommen von Lebewesen in größeren Meerestiefen sei schon infolge des ungeheuren Wasserdrucks unbedingt ausgeschlossen. Heute weiß man, daß ein sehr mannigfaltiges Leben auf dem Meeresgrunde herrscht, und daß die Tiefseegeschöpfe eben in wunderbarer Weise den Bedingungen angepaßt sind, unter denen sich ihr Leben abspielt. So sagt denn auch der eben genannte Lambert, die lebenden Wesen auf den verschiedensten Weltkörpern werden eben auch den dort herrschendenVerhältnissen entsprechend gebaut und eingerichtet sein, und dagegen läßt sich einfach nichts einwenden.“

„Immerhin hat Lambert eine kühne Phantasie entwickelt,“ sagte Flitmore: „Ich will ja gewiß nichts dawider sagen, auch die kühnsten Phantasien können mit der Wirklichkeit zusammentreffen. Er scheint sich etwa gedacht zu haben, daß die Menschen nach dem Tode mit einem Leibe versehen würden, der ihnen das Fortleben auf andern Weltkörpern gestatte, und daß sie dann eben dahin kämen, wo der für sie geeignetste Ort sei. So meinte er zum Beispiel, die Kometen wären der geeignetste Aufenthaltsort für Astronomen und Jahrhunderte müßten ihnen dort sein wie uns kurze Stunden.“

„Unrecht kann ich ihm nicht geben,“ erwiderte der Professor: „Verdanken wir es nicht einem Kometen, daß wir bis in die Fixsternwelt vordringen konnten? Welch ein erhebender Gedanke für einen Sternkundigen, mit einem Kometen die unergründlichen Tiefen des Welltalls in nie endender Fahrt zu durchreisen und immer neue Entdeckungen machen zu können, oft aus nächster Nähe zu schauen, was er auf Erden kaum ahnen konnte!

Gauß wies sogar den Gedanken nicht von der Hand, man könne sich mit den Mondbewohnern in Verkehr setzen, dadurch, daß man durch die Bodenkultur auf einer größeren Ebene der Erde die Figur des pythagoräischen Lehrsatzes darstelle, indem durch breite Streifen hellgelber Kornfelder schwarze Waldvierecke eingerahmt würden. Ja, man vermutete schon im Ernst, die Marsbewohner bemühten sich, uns ähnliche Zeichen zu geben.

Nüchterner zeigt sich Klein, wenn er sagt, wahrscheinlich sei nur eine verhältnismäßig geringe Anzahl von Planeten mit vernünftigen Wesen bevölkert; da aber die Zahl der Planeten nach Hunderten von Millionen zählen dürfte, könne dies immerhin eine ganz bedeutende Zahl sein. Er sagt ferner: ‚Viele darunter mögen von Wesen bewohnt sein, die uns selbst in geistiger Beziehung weit überragen. Hier dürfen wir unserer Phantasie frei die Zügel schießen lassen und überzeugt sein, daß die Wissenschaft keinerlei Beweis weder für noch gegen die Richtigkeit eines ihrer Gebilde liefern werde‘.“

„Und dabei ist zu berücksichtigen,“ schaltete Flitmore ein, „daß Klein lediglich solche Weltkörper in Betracht zieht, die menschlichen Wesen wie uns ohne besondere Anpassung die nötigen Lebensbedingungen gewähren würden.“

„Für uns kommen zunächst auch nur solche in Betracht,“ sagte Schultze: „Jedenfalls können wir zur Zeit keinem Planeten einen Besuch abstatten, auf dem wir nicht leben und atmen können, und mag er mit noch so wunderbar angepaßten Lebewesen bevölkert sein, für uns ist es ausgeschlossen, sie kennen zu lernen, so lange es uns an der notwendigen Anpassung fehlt.“

„Höchstens von der Sannah aus könnten wir sie beobachten,“ meinte Heinz.

„Kein übler Gedanke,“ war des Professors beifällige Erwiderung. „Jedenfalls glaubten viele große Astronomen an die Bewohntheit der Planeten sogar im irdischen Sonnensystem: Huyghens, Littrow und viele andere halten sie für sehr wahrscheinlich und heute noch kann nichts Entscheidendes dagegen vorgebracht werden.“

Anderntags war man dem neuen Planeten so nahe gekommen, daß man schon an den Schattenflecken und an den Zacken seines Randes die Gebirge erkennen konnte, die sich teilweise zu ganz ungeheuren Höhen erhoben; weite blitzende Flächen verrieten die Meere, und gegen Abend nach irdischer Zeitrechnung entdeckte man die Färbung des bewachsenen Landes und erschaute spiegelnde Seen und silberglänzende Flußläufe.

Flitmore erkannte die Notwendigkeit, durch zeitweise Unterbrechung des Zentrifugalstroms die Annäherung, die mit wachsender Geschwindigkeit erfolgte, zu verzögern.

Er gönnte sich nur kurze Ruhe, während welcher Heinz das Weltschiff abwechselnd sinken und steigen ließ. Dann löste der Lord den jungen Mann in seinem Wächteramt ab und übernahm selber die letzten Maßregeln, um eine sanfte, gefahrlose Landung zu sichern.

Als Flitmore annehmen konnte, daß die Sannah schon ziemlich tief in die Atmosphäre des Planeten gesunken sei, schaltete er den Fliehstrom ein und begab sich nach außen. Bei ausgeschaltetem Strom wäre das Hinausgehen gefährlich gewesen, weil nicht mehr der Mittelpunkt der Sannah, sondern derjenige des Planeten die Schwerkraft durch seine Anziehung beeinflußt hätte, und somit ein Absturz vom Weltschiff dem Unvorsichtigen hätte drohen können.

Als der Lord hinaustrat, stieg die Sannah unter dem Einfluß der Zentrifugalkraft zunächst noch mit mäßiger Geschwindigkeit empor.

Es war eine köstliche Luft, die da draußen wehte, ja sie schien Flitmore etwas ganz besonders Einschmeichelndes und Belebendes zu besitzen, wiekeine Luft, die seine Lungen bisher geatmet hatten. Ein unbeschreibliches Wohlgefühl erfüllte ihn, als er diesen balsamischen Äther einsog, der von fremden, wunderbar wonnevollen Wohlgerüchen durchdrungen schien.

Da war kein Zweifel, das war nicht mehr die gewöhnliche Lufthülle der Sannah, das war eine ganz neue, unbekannte Atmosphäre, der man sich jedoch ohne alle Bedenken anvertrauen durfte.

Nachdem der Lord dies festgestellt, eilte er wieder zurück, so gerne er länger draußen geweilt hätte. Es galt jetzt, rasch und umsichtig die Landung zu vollziehen, dann konnte man ja diesen köstlichen Äther zur Genüge genießen.

Flitmore weckte Schultze.

„Ich möchte Sie bitten, Herr Professor,“ sagte er, „nach den Klingelzeichen, die ich Ihnen geben werde, den Strom ein- und auszuschalten; ich will mich in das Antipodenzimmer ins Beobachtungsnetz begeben, von wo ich die Landschaft unter uns überschauen kann. So kann ich dafür sorgen, daß wir an einem günstigen Platze landen.“

Als der Lord sich auf seinen Posten begeben hatte, sah er, daß das Weltschiff über einem Hochgebirge schwebte, dessen Kamm schon so nahe war, daß man über seine Ränder hinweg die umgebende Landschaft nicht mehr zu erschauen vermochte: nur in weiten Fernen erblickte man hügeldurchzogene Ebenen und ausgedehnte Meere, ohne weitere Einzelheiten erkennen zu können.

Er besann sich, ob er nicht wieder aufsteigen wollte, bis die Rotation des Planeten ebenes Land unter die Sannah gebracht hätte; doch war es schließlich nicht einerlei, wo man landete? Und unter ihm lachte ein so himmlisch entzückender See, umgeben von märchenschönen Ufern in leuchtender Blütenpracht, daß er dachte, es könne wohl kaum einen schöneren Fleck geben als eben den, welchen der Schöpfer ihm hier vor Augen führte.

So gab er denn die Zeichen zum Einschalten der Fliehkraft nur so weit es notwendig war, um den Absturz zu mildern, und nach wenigen Minuten sank die Sannah sanft nieder auf eine blumenreiche Aue am Ufer des Sees.

Das Fenster des Antipodenzimmers berührte den Boden; Flitmore konnte nichts mehr sehen, eine kaum merkbare Erschütterung zeigte die glattvollzogene Landung an: das Weltschiff hatte festen Fuß gefaßt und ruhte sicher auf dem fremden Planeten.

Nun begab sich Flitmore hinauf und fand die ganze Gesellschaft ermuntert und voll Begier, zu schauen, was sich ihr nun offenbaren würde.

„Ah! Herrlich! Köstlich! Wunderbar!“ klang es in Verzückung von aller Lippen, als die Luft voll herber Frische und gleichzeitig erfüllt von beinahe betäubenden aromatischen Düften durch die geöffnete Türe hereinflutete.

Die ganze Gesellschaft eilte hinaus, die Strickleiter hinabzuklimmen und die Landschaft, die sie von unten her anlachte, übte einen solchen Zauber auf sie aus, daß sie wirklich nicht wußten, ob das ein Traumbild sei oder Wirklichkeit seine könne.

Übrigens überkam alle das seltsame Gefühl, als ob der Abstieg einen ganz außerordentlichen Kraftaufwand erfordere und wirklich eine Kletterpartie darstelle, die mühsam und ermüdend hätte sein müssen, wenn der ozonreiche Äther, den sie atmeten, sie nicht mit solcher morgenfrischer Jugendkraft und überschwellender Lust, die neuen Kräfte zu betätigen, erfüllt hätte, daß ihnen jede Anstrengung ein wahres Wonnegefühl verursachte und von Ermattung keine Rede sein konnte.

Münchhausen, der letzte beim Abstieg, empfand diese fremdartigen, erhebenden Gefühle am deutlichsten, wie es bei seinen schwerfälligen Körperverhältnissen begreiflich war.

„Ich schwebe!“ rief er wonnetrunken aus: „Ich fühle mich leichter als eine Feder! In meiner zartesten Jugend fühlte ich mich nie so frisch. Ich bin mehr als verjüngt, wirklich neugeboren: so wenig Gewicht spüre ich mehr, daß ich kaum herabkomme; es ist mir, als könnte ich fliegen!“

Man mußte lachen, wenn man seine wuchtige, massige Gestalt ansah und ihn so von Leichtigkeit und Flugfähigkeit reden hörte und Schultze rief ihm zu:

„Na! Eine Kugel, wie Sie, Kapitän, sich schwebend vorzustellen, ist ein unbezahlbarer Gedanke! Verzeihen Sie mir meine unhöfliche Heiterkeit, aber ich kann nichts dawider. Nein! Wenn uns Lady Flitmore entschwebte, so wäre dies höchst bedauerlich und schmerzlich für uns, doch nicht so gar erstaunlich bei der Leichtigkeit, die wir hier, wie es scheint, alle verspüren; aber Ihr Entschweben macht uns noch keine grauen Haare.“

„Na, na!“ bruddelte Münchhausen in komischer Entrüstung, als er jetzt den Boden betrat: „Sie bleiben doch stets unvernünftig, einsichtslos und zweifelsüchtig, oller Professor! Warten Sie nur ab, ob Sie nicht noch zu Ihrer Beschämung oder zu Ihrem Entsetzen das Wunder erleben, daß Kapitän Hugo von Münchhausen Ihren Blicken entschwebt gleich einer luftigen Sylphide, so gerne Sie ihn zurückhalten möchten.“

Der Kapitän als luftige Sylphide! Dieser Vergleich war gar zu köstlich, um nicht ein allgemeines schallendes Gelächter zu erwecken.

Münchhausen stimmte zwar mit ein, protestierte aber doch weiter: „Wegen meiner etwas kugeligen Gestalt trauen Sie mir das Fliegen nicht zu? Da sieht man wieder, wie wenig Logik die Menschen haben! Was ist denn runder, voller, kugeliger als ein Luftballon? Kann der etwa deshalb nicht steigen und schweben, he?“

„Ja, Kapitän,“ entgegnete Heinz: „Aber Sie sind doch nicht durch Wasserstoff zu solcher Fülle gebläht?“

„Viel mehr als luftiges Gas wird meine Leibeshülle zur Zeit nicht enthalten,“ behauptete der Schalk: „Wenigstens fühle ich mich ganz leer und ausgehungert, obgleich es eine Schande ist, dies zu gestehen angesichts dieser paradiesischen Landschaft. Jedenfalls werde ich ihren ganzen Zauber erst dann voll zu würdigen verstehen, wenn ein ordentliches Frühstück mir den nötigen Halt gegeben haben wird. He, John! Du hast doch die Eßvorräte nicht vergessen.“

„Nein, wertester Herr von Kapitän,“ beeilte sich dieser zu versichern: „Wie könnte ich mir gestatten dürfen, solcher Pflichtvergessenheit mich schuldig machen zu können: schon habe ich allbereits den Semaphor angesteckt.“

Dabei wies er auf den dickbauchigen Samowar, die russische Teekochmaschine.

„Semaphor ist wieder gut!“ lachte Schultze: „Du bist doch ein urgelungener Kerl, John. Ein Semaphor ist nämlich ein Zeichentelegraph und ein Samowar nicht ganz genau dasselbe.“

„Ach, Herr Professor,“ entschuldigte sich Rieger: „Diese chinesischen Ausdrücke kann ich sozusagen nicht genau behalten, weil die chinesische Sprache in meiner Schule nicht gelernt wurde und Sie verstehen ja schon, ob ich nun Semaphor oder Samopher sage, was ja ziemlich einerlei klingt.“

Der gebildete Diener wußte nämlich, daß der Tee aus China stammt und glaubte daher, der fremdartige Name der Teemaschine müsse chinesisch sein.

„Er hat gar nicht so unrecht mit dem Semaphor,“ nahm ihn der Kapitän in Schutz: „Die aufsteigenden Dämpfe des biedern Kessels sind wahrhaftig telegraphische Zeichen, die von ferne einen köstlichen Labetrank ankündigen.“

Bald saßen alle mit dampfenden Teetassen und kräftiger Zuspeise zur Hand da, obgleich sie außer dem Kapitän vor lauter Entzücken über die Wunder ihrer Umgebung kaum ein leibliches Bedürfnis verspürten.

Das Auge mußte aber auch trunken sein von der Pracht und Lieblichkeit, die ihm hier in unendlicher Mannigfaltigkeit entgegenstrahlte.

Da war zunächst die Flur, auf deren weichem Teppich man lagerte.

„Ein weicher Teppich,“ das war hier keine bloße Redensart: tatsächlich waren diese fein gefiederten Gräser in ihrem durchsichtig leuchtenden Grün so weich wie Flaum und Daunen.

Und die Blumen dieser herrlichen Wiesen! In allen Farben leuchteten sie; doch was ihnen den ganz besondern Reiz gab, war ihre unendliche Zartheit, die selbst die Frühlingsblüten der Erde in Schatten stellte. Wie ein Lichthauch, wie ein körperloser Duft, so wiegten sich diese Sterne und Kelche in der balsamischen Luft, die von ihren tausend Wohlgerüchen erfüllt war.

So durchsichtig zeigten sich die Blütenblätter, daß man tatsächlich wie durch feinstes buntes Glas den Hintergrund deutlich durchschimmern sehen konnte; je nachdem aber das Licht auffiel, wurde es in den zartesten Farben zurückgeworfen, so daß farbige Strahlenbündel von den Blüten auszugehen schienen, obgleich sie nichts von eigener Leuchtkraft besaßen und sich hiedurch von den Wunderblumen der Tipekitanga wesentlich unterschieden; dennoch erschienen sie, wenigstens bei Tag, unendlich reizvoller als diese.

Diese fremdartige und doch so über die Maßen entzückende Durchsichtigkeit schien überhaupt der Pflanzenwelt des paradiesischen Planeten ihre besondere Eigenart zu verleihen. Dort erhoben sich Büsche mit großen,prächtigen Blumen, gleich Glocken herniederhängend, gleich Tellern und Schalen schwebend, gleich kleinen Ballons oder Seifenblasen in runden, ovalen, zylindrischen oder zusammengesetzten Formen emporstrebend; im Hintergrunde ragten Wälder von früchtebeladenen Bäumen empor, teils schlanke, teils knorrige Stämme mit Zweigen voll Anmut im Schwunge der Linien, mit Blättern gleich durchbrochenen Spitzen in allen erdenklichen Musterungen; und das alles blinkte und glitzerte, wo es das Licht zurückwarf, während es vollkommen durchsichtig erschien, wo die Strahlen hindurchdrangen.

Dabei wirkten diese durchsichtigen Formen vielfach wie Kristalle und Prismen, brachen tausendfach die Lichter in allen Regenbogenfarben, wodurch je nach der eigenen Färbung des Gegenstands und der Farbe der durchscheinenden Strahlen die wundersamsten Tönungen und zartesten Mischungen zustande kamen, so daß selbst die tiefsten Schatten das Auge durch ihren Farbenreichtum erfreuten.

Und nun erst der See, dieses lachende Himmelsauge! Ein Blau von einer auf Erden nie zu schauenden Tönung, ein Hauch, ein Duft von Saphir schien seine Grundfarbe auszumachen und hart am Ufer war er so durchsichtig, daß die bunten Sandkörner am Grunde einzeln zu sehen waren; wo sich aber die Farbenstrahlen, die sich rings in der Luft kreuzten und mischten, in seinen Wassern spiegelten, da entstanden Flächen von verschiedenster Färbung und das Auge irrte umher und wußte nicht, wo es am schönsten sei, und dann wurde es wieder gefesselt von dem Goldglanz, von dem Silberschimmer, von dem Rosenhauch da und dort, als ob es sich nicht mehr loszureißen vermöchte von dem märchenschönen Anblick.

Aber es mußte wieder los: die Inseln und Inselchen, der wunderbare Linienschwung der Ufer, die Buchten und Landzungen, die fernen jenseitigen Küsten, die Hügelränder und die erhabenen Felsenmauern mit ihren zackigen Kämmen und seltsamen Formen, — das alles heischte sein Recht und nötigte zu immer neuen Ausrufen des Staunens.

In jedem Augenblick glaubte irgend wer in der Gesellschaft etwas Neues entdeckt zu haben, das alles bisher Geschaute in Schatten stellte, und man machte einander aufmerksam darauf und Augen und Seelen feierten einen ununterbrochenen Festtag beseligenden Genießens.

„Eden, Eden!“ rief Flitmore aus, der völlig aus seiner gewohnten kaltblütigen Ruhe gerissen war. „Welch andre Benennung könnten wir finden, um diesem Paradiese seinen gebührenden Namen zu geben? Undwäre der ganze Planet sonst eine trostlose, abschreckende Wüste, dieser eine Fleck rechtfertigt es, daß wir ihn mit dem Namen des Landes bezeichnen, das den Garten des Paradieses umschloß.“

„Recht haben Sie,“ rief der Professor seinerseits: „Eden soll dieser neue Planet heißen!“

Stunden vergingen, ehe der Bann des Schauens und Bewunderns soweit gebrochen war, daß Heinz den Vorschlag machen konnte, nun endlich eine Entdeckungswanderung zu unternehmen, da man lange genug der Ruhe gepflogen habe.

Alle waren damit einverstanden, denn eine jugendliche Unternehmungslust, gepaart mit neugierigem Forschungstrieb, beseelte selbst die älteren Herren. Nur der Kapitän erhob wieder Einspruch, indem er die Uhr zog.

„Wir sitzen nun hier geschlagene vier Stunden,“ sagte er: „Die Zeit ist uns freilich wie im Fluge vorbeigegangen, da wir genug zu schauen und zu genießen hatten. Nur an meinem Magen ging sie nicht spurlos vorüber. Es ist lange her seit dem Frühstück und ich stimme für ein Mittagsmahl.“

„Sie unverbesserlicher Genießer!“ schalt der Professor. Flitmore aber sagte: „Unser Freund hat recht, erledigen wir zuvor dieses leibliche Bedürfnis, dann können wir unsre Entdeckungsreise um so länger ausdehnen. Es wäre schade, wenn eintretender Hunger uns frühzeitig zu deren Unterbrechung oder gar zur Rückkehr nötigte.“

So wurde denn zuvor das Mittagsmahl bereitet und getafelt unter steter Heiterkeit und in dauernd gehobener Stimmung, eine Wirkung, welche der wunderbaren Luft und der herrlichen Landschaft wohl mit Recht zugeschrieben werden konnte.

John war zuerst mit Stillung seines Appetits fertig, während der Kapitän noch mit vollen Backen kaute.

„Es wäre mir doch eine interessant zu prüfende Frage,“ hub der Diener des Lords an, „ob hier das Holz von unserer Erde im Wasser ebenso untersinkt, wie auf dem Saturn der Fall sich augenscheinlich ereignete.“

Damit warf er ein Holzscheitchen weit hinaus in den Bach, der den Abfluß des Sees zu bilden schien, denn man befand sich hier am äußersten Ende des letzteren.

Alle sahen dem Scheite nach. Aber höchstes Erstaunen spiegelte sich in ihren Mienen und Schultze sprang auf die Beine mit dem Rufe: „Da hört sich doch aber alle Wissenschaft auf!“

Das Holz war nicht etwa untergesunken, aber es schwamm auf dem Bach zurück, geradewegs in den See hinein; das heißt es schwamm bergauf!

„Sollte eine solche Sinnestäuschung möglich sein?“ fragte Heinz: „Der Bach scheint doch ein ziemliches Gefäll zu besitzen und nun erweist er sich als ein Zufluß zum See und nicht als ein Abfluß: das Gelände muß also dorthinzu ansteigen und nicht abwärts gehen, wie es doch aussieht.“

Der Professor war hart an den Bachrand getreten.

„Von Sinnestäuschung kann keine Rede sein,“ sagte er kopfschüttelnd. „Wir stehen hier vor einem Rätsel: Der Bach hat zweifellos Gefäll und zwar ziemlich starkes Gefäll nach dem Talausgang zu; aber sein Wasser fließt tatsächlich in den See, er bildet keinen Abfluß, sondern einen Zufluß zum See, und zwar einen Zufluß von unten her; mit andern Worten, er strömt bergan. Das ist einfach allen Naturgesetzen zuwider, aber Tatsache ist es doch!“

Die andern traten näher und überzeugten sich von der Richtigkeit dessen, was Schultze behauptete: man sah, wie der Grund sich gegen den Talausgang bedeutend senkte und konnte doch deutlich die Strömung des Wassers erkennen, die in entgegengesetzter Richtung lief. Auch weitere Versuche mit Blättern und Zweigen, die in den Bach geworfen wurden, bestätigten dies.

„Das ist um den Verstand zu verlieren!“ grollte der Professor, der sich nicht beruhigen konnte: „Wie soll man so etwas erklären?“

„Verzichten wir vorerst auf eine Erklärung,“ meinte Flitmore: „Gewöhnen wir uns vielmehr gleich an den Gedanken, daß die Naturgesetze unserer kleinen Erdenwelt nicht auf allen Welten gleiche Gültigkeit haben.“

Münchhausen allein war sitzen geblieben; er konnte die Reste seines Mahles nicht im Stiche lassen, weil zufällig einmal das Wasser aufwärts floß, was ja weiter nicht gefährlich sein konnte und ihn daher ziemlich kalt ließ.

Schultze in seiner ratlosen Aufregung über das haarsträubende Wunder, das seiner Ansicht nach jedermann alles andere hätte vergessen lassen sollen, empörte sich heillos über Münchhausens bodenlose Gleichgültigkeit.

Er schrie daher den Kapitän etwas unwirsch an: „Und Sie können dabei noch so ruhig sitzen bleiben und weiter essen, als ob es sich um die natürlichste Sache der Welt handle? Wenn Sie Ihren Leib mit solchen Massen anfüllen, können Sie zuletzt mit der Last Ihres vollen Magens keinen Schritt mehr gehen.“

„O,“ erwiderte Münchhausen seelenruhig und erhob sich; „nicht mehr gehen, meinen Sie? Hüpfen kann ich, tanzen, springen, wenn Sie wollen, das Essen hat mich rein gar nicht beschwert, wie es ja bei meiner Mäßigkeit auch nicht anders denkbar ist; im Gegenteil, ich fühle mich noch leichter als zuvor, seit ich wieder etwas im Magen habe. Da, sehen Sie!“

Und, um zu beweisen, wie leicht er sich fühle, machte der Dicke einen für seine Körperverhältnisse sehr gewagten Luftsprung.

Schultze blickte starr vor Entsetzen, Flitmore sah mit ernster Würde drein, aber Heinz, Mietje und John brachen in ein krampfhaftes Gelächter aus; denn solch ein Anblick überbot doch alles, was sie je Komisches gesehen.

Münchhausen schnellte nämlich wohl drei Meter hoch in die Luft: Der Luftballon war fertig! Majestätisch schwebte sie in der Höhe, diese menschliche Kugel und langsam senkte sie sich wieder herab.

Da gestattete sich Flitmore, ohne eine Miene zu verziehen, ein Scherzwort: „Sie sind die reinste Seifenblase geworden, Kapitän,“ rief er, „wenn Sie uns nur nicht zerplatzen!“

Münchhausen aber langte sprachlos wieder auf der Erde an; er sah sich nach allen Seiten um, rieb sich die Augen und war offenbar der Meinung, sich in einem Traumzustand zu befinden, da der Traum schon öfters sogar seine Körperschwere aufgehoben und ihm den holden Wahn vorgetäuscht hatte, er fliege frei und leicht durch die Lüfte.

„Ich hab’s!“ rief Heinz: „Haben Sie nicht auch Jules Vernes Buch „Hektor Servadac“ gelesen, Herr Professor? Da wird ja eine ganz ähnliche Erscheinung geschildert, die ganz einfach aus der geringeren Anziehungskraft zu erklären ist. Offenbar hat der Planet „Eden“ eine sehr geringe Anziehungskraft, weshalb die Schwerkraft wesentlich verringert, beinahe aufgehoben wird. Daraus ließe sich dann auch das rätselhafte Verhalten des Baches einigermaßen erklären.“

„Junger Freund,“ sagte Schultze, „auf dieser Erklärung werden Sie selber nicht beharren, wenn Sie ein wenig überlegen: mag Anziehungskraft und Schwerkraft noch so gering sein, so wird das Wasser doch nimmermehr bergauf fließen. Übrigens kann die Anziehungskraft unseres Planeten überhaupt keine so geringe sein: seiner Masse nach zu urteilen, müßte sie sogar größer sein als die irdische, obgleich ich zugeben will, daß wir über das Wesen der Schwerkraft eigentlich so gut wie nichts wissen, also auf die Richtigkeit solcher Schlüsse trotz vieler Scheinbeweise nicht bauen können; dennoch will ich eher glauben, daß wir sämtlich durch unseren langen Aufenthalt in der Sannah so stark mit Fliehkraft geladen sind, daß unsere Schwere dadurch beinahe überwunden wird.“

Natürlich glaubte der gute Professor selber nicht an eine solche Möglichkeit, die überdies das Verhalten des Baches um nichts verständlicher machte; aber irgend einen Erklärungsversuch mußte er als Mann der Wissenschaft doch beitragen, und wenn in solchem Falle kein gewichtiger zur Hand ist, so muß vorerst auch der schwächste genügen, um das wissenschaftliche Gewissen zu beschwichtigen, das, wenn irgend möglich, nichts Unerklärliches gelten lassen will.

In diesem Augenblick erschienen Dick und Bobs, die bisher auf eigene Faust in der Umgegend Entdeckungen gemacht und sich an den herrlichen Früchten der Wälder Edens gelabt hatten.

Und siehe da! Die Schimpansen kamen sozusagen durch die Luft geflogen, denn sie machten fünf bis sechs Meter hohe Sätze und mochten mit jedem dieser Sprünge ihre 25 Meter zurücklegen.

„Hollah! das ist ja fidel!“ rief Heinz übermütig: „Sind wir alle mit derselben Fliehkraft geladen wie die Schimpansen und der Kapitän, so können wir ja einen fabelhaften Indianertanz aufführen!“ Und gleichzeitig machte er einen Satz, der ihn drei Meter hoch durch die Luft über die Köpfe der andern wegführte.

Das war ungemein lustig anzusehen, so verblüffend und unglaublich es erschien; es war aber auch gar zu verführerisch, an sich selbst zu erproben, ob man mit der gleichen wunderbaren Flugfähigkeit begabt sei, und so machten auch John und Schultze den Versuch, und selbst Lady Flitmore konnte nicht widerstehen, raffte ihr Kleid zusammen und sprang.

„Nein, wie herrlich!“ rief sie.

In der Tat konnte es ein wonnigeres Gefühl kaum geben, als dieses leichte, mühelose Emporsteigen in die balsamischen Lüfte und dann dieses sanfte Herabschweben. Alle körperliche Schwere schien abgestreift und wie ein freier, beseligter Geist kam man sich vor.

Der Lord allein stand da und schaute, doch mit sichtlichem Vergnügen, den gelungenen Flugversuchen seiner Genossen und seiner Gattin zu; dazwischen setzte er den photographischen Apparat in Tätigkeit und machte eine Momentaufnahme um die andere.

Auch Münchhausen beteiligte sich mit Eifer an dem heiteren Gehüpfe, nachdem er sich überzeugt hatte, daß es kein Traum war, sondern daß er wirklich gleich allen andern eine neue, reizvolle Fähigkeit besaß. Besonders ergötzlich erschien sie den Gefährten gerade an ihm, und oft blieben sie stehen, um den fidelen Anblick der fliegenden Tonne zu genießen, wobei ihnen der biedere Kapitän ihr herzliches aber nie spöttisches oder böse gemeintes Gelächter durchaus nicht übel nahm.

Als nun alle eine Pause machten, rief Münchhausen:

„He, würdiger Lord! Halten Sie allein es unter Ihrer Würde, an solchem großartigen Ballett sich zu beteiligen? Das gibt es nicht! Herunter von dem Piedestal Ihrer Erhabenheit und hinauf mit Ihnen ins paradiesische Luftrevier! Eine geschlagene Viertelstunde bieten wir Ihnen zum Ergötzen und zur Erheiterung das niegesehenste Schauspiel, jetzt wollen wir unsererseits uns an Ihren Sprüngen weiden.“

„Ja, Lieber!“ sagte Mietje: „Versuche es doch auch einmal, ich sage dir, ein herrlicheres Gefühl kann es nicht geben.“

Flitmore war bei all seiner Würde nicht der Pedant oder Geck, sich nicht auch in belustigenden Darbietungen zeigen zu können. Er ließ sich nicht lange auffordern, sondern führte eine Reihe so wunderbarer Bockssprünge aus, daß begeisterter, wenn auch sehr heiterer Beifall der Zuschauer ihn belohnte.

„Jetzt aber,“ mahnte diesmal Münchhausen zuerst, „nach diesen für die Verdauung äußerst wohltätigen Übungen, wollen wir doch wohl die geplante Entdeckungsreise antreten.“

John mußte zur Vorsicht, in Erinnerung an das fatale Vorkommnis auf dem Saturn, die Türe des Polzimmers schließen, durch das man die Sannah verlassen hatte. Einen Wächter zurückzulassen hielt man nicht für nötig: Keiner sollte von der vermutlich so interessanten Wanderung ausgeschlossen sein.

Nun ging es zunächst dem engen Taleingang zu, durch den sich der Bach heraufwand.

Jeder der Wanderer hatte eine Tasche umhängen, welche außer Lebensmitteln auch ein zusammengerolltes Zelttuch und die auseinandergenommenen Aluminiumzeltstangen enthielt.

Als der Bach durchschritten war, dehnte sich vor den Augen der Wanderer eine entzückende Fernsicht aus.

Zur Rechten setzte sich das Gebirge noch fort in langer Kette von kahlen Felsen und bewachsenen Hängen und Gipfeln, allmählich in weiter Ferne zu niedrigen Hügelketten herabsinkend, deren Ende in den Horizont verlief.

Von dieser Seite her kam der Bach in sanfter Steigung herauf.

Geradeaus fiel das Hochgebirge in steilen Stufen ab, die jedoch bei einiger Vorsicht den Abstieg gestatteten.

Zur Linken stürzten die Felswände großenteils senkrecht in bodenlose Tiefe.

Schultze schätzte die Höhe, auf der man sich befand, auf 6000 bis 7000 Meter.

„Ich bezweifle,“ sagte er, „ob wir in drei Tagemärschen das Tiefland erreichen können.“

„Wir haben durchaus keine Eile,“ erwiderte Flitmore.

„Gewiß nicht, wenn uns die Lebensmittel nicht ausgehen,“ gab der Professor zu.

„Solche haben wir allerdings bloß auf vier Tage mitgenommen,“ sagte der Lord: „Doch zweifle ich nicht, daß die Wälder, die da und dort auf unserem Wege liegen, uns genießbare Speise in Hülle und Fülle bieten werden.“

„Das ist allerdings anzunehmen, und wir werden uns ja bald genug davon überzeugen können, ob dem so ist,“ gab Schultze zu: „Andrerseits befürchte ich, daß wir dort unten einer ganz unerträglichen Hitze ausgesetzt sein werden, da die Temperatur auf diesen Höhen so milde ist, während man sie unter ewigem Eis und Schnee begraben erwarten dürfte.“

„Das werden wir ja auch sehen,“ versetzte Mietje: „Vorerst werden solche Erwägungen uns nicht abhalten dürfen, den Abstieg zu unternehmen.“

Inzwischen ließen die Wanderer ihre Blicke weithin schweifen; zunächst aber erregte eine Erscheinung in verhältnismäßiger Nähe Heinz’ Aufmerksamkeit und Verwunderung.

„Über die Felswände dort drüben,“ sagte er und wies zur Linken, „stürzt sich ein mächtiger Wasserfall herab: ich meine doch, die Wasser Edens fließen bergauf?“

„Wirklich!“ rief Schultze: „Das Gewässer tobt und rast, schäumt und schießt in die Tiefe, ganz wie auf der Erde! Da hört sich doch alle Wissenschaft auf!“

Münchhausen lachte herzlich: „Da haben wir’s einmal wieder!“ sagte er: „Vor kaum einer Stunde gebärdete sich der Professor wie rasend, weil einmal ein Bach bergauf fließt, und jetzt erscheint es ihm bereits unbegreiflich, wieso einer bergab fließen könne!“

„Ja,“ sagte Schultze gekränkt, „das gebietet doch die Vernunft: sind hier einmal die Naturgesetze auf den Kopf gestellt, so muß das doch auch für alle Fälle gelten, aber einmal so, einmal anders, das ist wissenschaftlich einfach unzulässig.“

„Nanu! Hier soll eben Ihre Wissenschaft vollends gründlich zu Schanden werden,“ lachte der Kapitän.

In der fernen Ebene konnte man Hügel und Täler, Flüsse und Seen erkennen. Unter anderem auch einen sehr großen See mit mehreren Inseln.

Zur Linken war die Meeresküste nicht sehr fern: mit teils steilen, teils sanft geneigten, stellenweise auch ganz flachen Ufern zog sie sich bis zum Horizont hin, durch Buchten und Fjorde, Landzungen und Vorgebirge, in wunderbarer Schönheit gezeichnet, gezackt und geschwungen und öfters scharf eingeschnitten.

Auch mehrere Inseln tauchten aus den Fluten des Ozeans auf, darunter sehr ausgedehnte und manche mit Gebirgsmassen von erstaunlicher Höhe, die wie dunkle Riesen drohend emporragten.

Schneegipfel waren nirgends zu erkennen.

Die Hügelketten und Berge des Flachlandes schienen meist bewaldet oder mit saftiggrünen Matten bedeckt zu sein. Durch das Fernglas konnte man Waldungen und Wiesenflächen, oft weite Prärien auch in der Ebene unterscheiden. Große Strecken machten den Eindruck bebauten Landes; doch konnte dies auf so weite Entfernung nicht mit Sicherheit festgestellt werden.

Spuren von menschlichen Ansiedelungen waren nicht zu entdecken; wohl aber merkwürdige Felsbildungen in den Tälern und Ebenen, wie auch auf einzelnen Höhen: Blöcke, Türme, Zacken und Schroffen, die vereinzelt aufstrebten, aber meist so dicht beieinander standen, daß sie den Eindruck von Dörfern und Städten dem unbewaffneten Auge leicht vortäuschten.

Soweit orientiert, begannen unsere Freunde den Abstieg in gerader Richtung, da sich rechts die Höhenzüge unabsehbar hinzogen, links aber senkrecht standen.

Hier, geradeaus, war es möglich hinunterzukommen; doch Vorsicht mußte geübt werden, da es an jähen Abstürzen nicht mangelte.

Als sie mit dem Abwärtsklettern begannen, hatten sie wieder das gleiche Gefühl, wie am Morgen, als sie auf der Strickleiter die Sannah verließen: es schien ihnen, als koste jeder Schritt eine besondere Anstrengung, als gälte es ein unsichtbares Hindernis zu überwinden, ja, als gehe es nicht eigentlich bergab, sondern sehr steil aufwärts; aber die Anstrengungen ermüdeten nicht, sondern erregten vielmehr ein besonderes Vergnügen, als tue hier dem ausgeruhten Körper die Mühe so wohl, wie sonst die Ruhe dem erschöpften Leibe tut.

„Kapitän, nehmen Sie sich in acht!“ rief plötzlich Schultze besorgt: „Sie werden noch abstürzen mit Ihrer Tollkühnheit, Ihr Bauch kriegt das Übergewicht!“

„Pah!“ rief Münchhausen zurück, der hart am Rande einer Felswand stand, die beinahe überhängend an die 50 Meter abstürzte. „Ich spüre keinen Hauch von Schwindel, obgleich ich sonst durchaus nicht schwindelfrei bin, seit ich an Alter und Umfang zunehme. Schwindel ist ja eigentlich eine Schande für einen alten Seebär, und ich freue mich ordentlich, ihn hier los zu sein. Übrigens kriegt mein Bauch niemals das Übergewicht, er ist ja so leicht wie ein Luftballon, wie Sie jetzt wissen dürften.“

Dabei machte der Unvorsichtige eine ungeschickte Bewegung, die an solch ausgesetzter Stelle lebensgefährlich war, und tatsächlich, er glitt aus und stürzte ins Leere.

Ein Schrei des Entsetzens entfuhr aller Munde, nur der Lord blieb stumm; aber die Leichenblässe, die sein Antlitz überflog, verriet, daß er nicht minder erschrocken war als die andern.

Der Sturz ins Leere war übrigens nur der unwillkürliche Gedanke, der den erschreckten Zuschauern hatte kommen müssen: in Wahrheit erfolgte gar kein Sturz, sondern Münchhausen, der selber erbleichte, als er den Boden unter den Füßen verlor, schwebte sanft hinab und landete nach etwa 10 Sekunden am Fuße des Felsens, ohne auch nur mit den Füßen hart aufzustoßen.

Flitmore fand zuerst seine Fassung wieder: „Wie schwer können wir uns doch von alt eingewurzelten Vorstellungen losmachen!“ sagte er. „Haben wir es nicht selber erst vor Kurzem zur Genüge erprobt, wie leicht die Luft hier unsere Körper trägt, wie schnell wir emporkommen und wie gemächlich das Niedersinken erfolgt? Und doch konnten wir die Folgerungen daraus nicht ziehen.“

„Ja, das ist doch etwas anderes,“ meinte seine Gattin: „Vom ebenen Boden aufspringen erscheint gefahrlos, nicht aber von einer Anhöhe in einen Abgrund setzen.“

„Und doch ist es nichts anderes, da wir ja so hoch sprangen, daß unter irdischen Bedingungen der Sturz auf den Erdboden zurück verhängnisvoll hätte werden müssen,“ entgegnete der Lord.

„Ja, Toren sind wir!“ bestätigte Schultze: „Da plagen wir uns mit einem beschwerlichen Abstieg, der zwar nicht ermüdet, aber äußerst langwierig werden muß, und könnten doch wissen, wie leicht wir hier schwebend hinab können. Nun aber man los!“

Aber der Professor mußte nun an sich selber erfahren, daß Lady Flitmore doch nicht so unrecht gehabt hatte mit ihrer Bemerkung; denn als er den weniger schroffen Seitenhang verließ und an den Rand der jähen Felsmauer trat, wagte er doch nicht den Sprung ins Leere: die neue Erkenntnis konnte nicht so schnell die Scheu vor solchem Wagnis überwinden.

Da trat Flitmore vor und ohne zu zögern machte er den entscheidenden Schritt. Und siehe da! er schwebte so gelinde hinab wie der Kapitän.

Natürlich! Das mußte doch so sein!

Mietje folgte ihrem Gatten auf dem Fuße, wie sie es auch getan hätte, wenn es sich um eine weniger unbedenkliche Sache gehandelt hätte.

Da schämte sich Schultze seiner Schwäche und hüpfte hinaus, noch ehe Heinz und John mit Dick und Bobs heran waren.

Bald waren alle um Münchhausen versammelt und schüttelten ihm anerkennend die Hand, als ob es Absicht und Wagemut gewesen wäre, die ihn veranlaßt hätten, ihnen das dankenswerte Beispiel zu geben.

Nun ging der Abstieg rasch von statten, weil er nur noch in Luftsprüngen vollzogen wurde und bei steilen Absätzen in einem Hinabschweben, das dem Fluge gleich kam.

Diese Art der Fortbewegung hatte überdies etwas so ungemein Reizendes und Wohliges, daß die Stimmung so angeregt und heiter war, wie kaum je die glänzendste Feststimmung auf der alten Erde.

Man war schon ziemlich weit unten, als die erste Rast gemacht wurde, nicht etwa um auszuruhen, denn von Ermattung spürte niemand etwas, sondern weil der Kapitän erklärte, es sei wieder hohe Zeit zu einem Imbiß.

Außerdem verlangte auch Schultze einen Aufenthalt, da man den ersten Wald erreicht hatte, dessen Pflanzen- und Tierwelt er näher in Augenschein nehmen wollte; denn der liebliche Vogelgesang und sonstige Laute, die aus dem Walde ertönten, bewiesen, daß hier Leben zu treffen sei, während das paradiesische Tal auf der Höhe trotz seiner wunderbaren Schönheit kein lebendes Wesen zu beherbergen schien, wenigstens hatte sich keines blicken lassen.

Die Baumstämme, die der Professor beim Betreten des Waldes zunächst untersuchte, zeigten ein festes und zähes Gefüge; ob man aber den Stoff, aus dem sie sich aufbauten, Holz nennen sollte, erschien sehr zweifelhaft, denn es war ein durchsichtiger Stoff wie Harz oder Bernstein, das heißt eben nur seiner Durchsichtigkeit nach; sonst war er faserig wie Holz und ließ sogar Schichtungen gleich Jahresringen erkennen, die Rinde jedoch bestand nur aus einer dünnen, zähen Haut, die völlig transparent war.

Die Färbung dieser Stämme ging vom Goldgelben bis zum Dunkelbraunen, vom Kristallklaren bis zum Silberweißen.

Die Blätter waren meist grün in den verschiedensten Abstufungen, auch gelb oder rötlich und unterschieden sich in der Färbung nicht wesentlich von den irdischen; nur waren sie eben auch durchsichtig und dann von den verschiedensten anmutigen Formen, vielfach gehäkelten Spitzen ähnlich.

An Schatten fehlte es nicht, trotz der Durchsichtigkeit des Laubes und der Stämme: Die Dichtigkeit der Kronen schwächte das Licht an vielen Stellen derart, daß nur ein schwacher Farbenschimmer auf dem Boden spielte, der im Vergleich zu den lichteren Stellen als tiefer aber bunter Schatten erschien.

Auch Nadelbäume fanden sich, und diese waren von ganz besonderem Reiz, weil ihre feinen Nadeln, die wie von Glas aussahen, je nach der Art alle Regenbogenfarben aufwiesen. So konnte man von roten, gelben, rosafarbenen, orangeroten, violetten, goldenen, silbernen, himmelblauen und dunkelblauen Tannen und Fichten reden, wenn man diese irdischen Namen auf die Nadelhölzer Edens übertragen wollte.

Kein Baum war ohne eßbare Früchte; auch diese waren alle durchsichtig und völlig genießbar, wie die Schimpansen bewiesen, die alle samt den Kernen verzehrten.

Die Früchte waren von verschiedenster Größe und Färbung; vom Umfang eines Riesenkürbisses bis zu dem einer Pflaume waren alle Zwischenstufen vertreten. Bei den größten glich oft der Kern schon einer Kokosnuß. Diese Kerne waren meist mehlreich und sehr nahrhaft; sie konnten Zwieback und Brot vollständig ersetzen und schmeckten weit kräftiger und angenehmer als diese.

Das Fruchtfleisch war meist sehr saftig und genügte, jedes Durstgefühl zugleich mit dem Hunger zu stillen; bei etlichen Arten war es zuckersüß, bei andern ohne Süßigkeit, stets aber aromatisch und von entzückendem Wohlgeschmack; die Nadelbäume trugen eßbare Zapfen von ziemlicher Trockenheit, die teilweise an Schokolade, teilweise zu ihrem unbedingten Vorteil an nichts Irdisches erinnerten.

Schließlich entdeckten unsre Freunde noch, daß auch die Zweige und Blätter der Bäume und Büsche eßbar waren. Auch dies wurde ihnen durch das Behagen verraten, mit dem Dick und Bobs sie zerknabberten.

Gewöhnlich entsprach ihr Geschmack so ziemlich dem der Frucht, doch eine angenehme Säure gab ihm eine willkommene Abwechslung.

Ganz besonders begeistert war Münchhausen von der Entdeckung einer oder vielmehr einiger Arten von Früchten, die er alsbald „Grogfrüchte“ benannte, und die er fortan mit wunderbarem botanischen Scharfblick sofort überall herauserkannte. Es waren dies eigentlich Beeren, aber Riesenbeeren von Orangengröße, die an niederen Stauden wuchsen. Schon Stengel und Blätter dieser Büsche fühlten sich warm, beinahe heiß an; die Beeren enthielten einen wirklich heißen, würzigen Saft von unterschiedlichem Aroma, der sehr stark roch und schmeckte, als sei es tatsächlich Grog oder Punschbowle; er stieg jedoch nicht zu Kopf, übte dagegen eine ungemein belebende und kraftschwellende Wirkung aus.

Der Kapitän unterschied zwischen steifen und weniger steifen Grogfrüchten; den ersteren gab er bei weitem den Vorzug.

Natürlich lernten unsre Freunde nicht alle diese Genüsse auf einmal kennen: die Menge und Mannigfaltigkeit war zu groß; aber es dauerte verhältnismäßig kurze Zeit, bis sie alles durchgekostet hatten und nun nach Lust und Belieben ihre Wahl treffen konnten; denn sie dachten nicht mehr daran, irgend welche andre Nahrung zu sich zu nehmen, als die, welche ihnen Edens Wälder und Gefilde boten und die durch nichts weder an Güte noch Bekömmlichkeit zu übertreffen schien.

Giftpflanzen oder irgendwie schädliche Gewächse gab es auf diesem gesegneten Planeten anscheinend überhaupt nicht.

Gleich beim Eintritt in den Wald machten sie auch Bekanntschaft mit dessen Insekten- und Vogelwelt.

Erstere zeigte nichts Widerliches oder Schreckliches, es waren harmlose Käfer und Kriechtiere, Mücken und Schmetterlinge, die sich sowohl durch schöne Formen wie durch prächtige Farben auszeichneten und als besondere Merkwürdigkeit eine ähnliche Transparenz zeigten wie die Pflanzen und Blüten. Sie glitzerten, schimmerten und schillerten, blitzten, flimmerten und flirrten wie leuchtende Edelsteine.

Die Vögel hatten kein Gefieder, sondern bloß ein buntes Flaumkleid, das aber lebhaft gefärbt und wunderbar schön gezeichnet war; auch ihre Flügel waren federlos und konnten im Bau am ehesten mit Schmetterlingsflügeln verglichen werden, nur daß sie ebenfalls mit Flaum behaart und im Ruhezustand nicht emporgerichtet, sondern an den Leib angelegt waren, auch die entsprechende Wölbung zeigten.

Wo Menschen beinahe fliegen konnten, mußten sich diese Vögel auch mit so einfachen Flugwerkzeugen bis in die höchsten Höhen erheben können.

Alles in allem, eigentümlich war auch die Vogel- und Insektenwelt Edens; aber so ganz fremdartig erschien sie den Erdenbewohnern doch nicht, und vor allem, sie hatte nichts Abstoßendes, Unheimliches oder Gefährliches, im Gegenteil hervorragende Reize, die Auge und Herz erfreuten.

Ganz besonders galt das letztere, das Herzerfreuende, von dem ungemein lieblichen Gesang der Vögel, mit dem weder die Nachtigall noch sonst ein gefiederter Sänger der Erde wetteifern konnte. Das waren richtige Melodien, die da ertönten, und zwar erhebende und einschmeichelnde Weisen! Man hätte wohl kaum die Arten nach ihren melodischen Motiven unterscheiden können, höchstens an der Klangfarbe ihres Organs, denn keine Art war an besondere Tonfolgen gebunden: es war ein wirklich individuelles Konzert; jeder war Komponist und beherrschte die ganze Tonleiter und brachte immer neue, einfache, aber doch bezaubernde Weisen hervor, und nie tönten diese von verschiedenen Seiten störend durcheinander; es schien, als werde der jeweilige Einzelsänger respektiert und die andern begleiteten ihn nur mit harmonischen Untertönen.


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