Löwe auf Mietjes Schoß.
Löwe auf Mietjes Schoß.
Noch nicht lange hatten unsre Freunde diesen Zauberflöten gelauscht, sich gleichzeitig an den ersten köstlichen Früchten erlabend und die lebendigen Edelsteine bewundernd, die im durchsichtigen Moose umherkrochen und hüpften, oder von Blume zu Blume schwirrten, als plötzlich Mietje einen leisen Schrei ausstieß.
Alle wandten sich nach ihr hin, denn bisher hatte jeder seine eigenen Beobachtungen angestellt.
Aber was sahen sie nun!
Ein großer Vierfüßler, am ehesten einem riesigen Löwen vergleichbar, war lautlos in die Lichtung getreten und hatte ohne weiteres sein mächtiges, mähnenumwalltes Haupt auf ihren Schoß gelegt!
Und Lady Flitmore? Sie streichelte ihn!
Der erste Schrecken, den das Erscheinen des gewaltigen Tieres natürlich in ihr erwecken mußte, hatte ihr den leichten Ausruf entlockt; sie hatte den Löwen, wie ihn später unsre Freunde der Ähnlichkeit halber nannten, aber erst bemerkt, als er unmittelbar von der Seite her an sie herantrat und ehe sie noch aufspringen oder sich irgend besinnen konnte, hatte das Tier sich schon niedergelegt, den Kopf in ihren Schoß schmiegend.
Wie es nun mit den großen, klugen und so sanften, harmlosen Augen zu ihr aufblickte, war eine solche Ruhe über sie gekommen und zugleich ein solches Wohlgefallen an dem schönen, stolzen und anscheinend so gutmütigen Geschöpf, daß sie unwillkürlich begann, dies anschmiegende königliche Haupt zu streicheln und zu liebkosen.
Flitmore, besonnen, wie er meist auch in den gefährlichsten Augenblicken war, erhob sich ganz langsam, um das Tier nicht zu erschrecken, dessen vermutlich wilde Natur ja immer noch zum Ausbruch kommen konnte.
Er zog für alle Fälle den Revolver und ging sachte auf seine Gattin zu; der Löwe erhob das Haupt.
„Laß ihn!“ bat Mietje den Gatten.
„Ich tue ihm nichts, wenn er nicht gefährlich wird,“ beruhigte sie der Lord.
Dabei legte er dem Löwen die Linke auf das Haupt.
Das Tier sah ihn nur an.
Jetzt griff ihm der Lord unter den Kiefer, stets bereit, ihm eine Kugel ins Auge zu jagen, sobald er böse Absichten zeigen würde.
Das Tier aber zeigte sich verständig und lenksam. Ein leiser Druck genügte, es sich erheben zu lassen, und ein schwacher Schub von der Seite her veranlaßte es, ganz gemütlich umzukehren und wieder im Walde zu verschwinden.
„Ach!“ sagte Mietje. „Ich bin ganz froh!“
„Das glaube ich, Lady,“ fiel Schultze ein, „wahrhaftig, das glaube ich, daß Sie froh sind, dieses gefährliche Raubtier auf so gute Art los geworden zu sein; wir alle haben für Sie gezittert und gebebt.“
„Nein!“ sagte Mietje: „Sie mißverstehen mich, Herr Professor; dieses gutmütige Geschöpf flößte mir nur im ersten Augenblick einen kleinen Schrecken ein, ehe ich seine Harmlosigkeit aus seinen Augen erkannte. Nein, nein also! Ich wollte sagen, ich bin so froh, daß auch die Säugetiere auf diesem, Planeten denen auf der Erde gar nicht so unähnlich zu sein scheinen. Ich weiß nicht, aber auf dem Mars und dem Saturn kam mir die Welt ganz unheimlich vor, und das war doch noch in unserm Sonnensystem. Da war ich schon darauf gefaßt, wenngleich ohne mich darauf zu freuen, daß es in der entfernten Fixsternwelt noch weit seltsamer und grauenvoller aussehen werde.“
„Ein Glück,“ meinte Münchhausen, „daß, sofern wir aus dem Geschauten weitere Schlüsse ziehen dürfen, diese Tierwelt Edens wenigstens an Raubgier, Blutdurst und damit an Gefährlichkeit der irdischen Raubtierwelt bei weitem nachzustehen scheint.“
„Lassen wir die Vorsicht nicht aus den Augen,“ mahnte Flitmore. „Diesmal lief es gut ab; doch niemand kann uns gewährleisten, daß wir nicht bedenklichere Begegnungen erleben.“
„Vor den Löwen Edens fürchte ich mich schon nicht mehr,“ meinte die Lady zuversichtlich. „Das wäre ja schnöder Undank und verwerfliches Mißtrauen!“
Beim Weiterwandern durch den Wald wurden noch zahlreiche Vertreter der Säugetierwelt angetroffen; doch zunächst lauter harmlos aussehende Geschöpfe, die sich alle durch auffallende Schönheit und Lieblichkeit auszeichneten. Das verstand sich aber nicht bloß von der Färbung und prächtigen Zeichnung der Felle und der Anmut und Eleganz der Glieder, sondern namentlich von den Gesichtszügen, deren kluger Ausdruck und ungemein freundlicher Blick sofort für sie einnahm. Da waren Tiere, die an den Hirsch, das Reh, das Zebra, die Antilope, die Giraffe, das Pferd, an Hunde,Katzen und Eber erinnerten oder an andere irdische Arten; aber alle übertrafen ihre Erdenvettern durch die Vollkommenheit ihrer Formen, den Reiz ihres Haarkleides und die Schönheit ihrer sanften Angesichter. Irgendwelche Scheu schien ihnen völlig unbekannt.
Plötzlich blieb John starr und regungslos stehen.
Vor ihm bäumte sich eine große Schlange mit wunderbar schillerndem bunten Leibe empor. Er war auf sie getreten und erwartete nun jeden Augenblick den Biß des Reptils, das sich krümmte und wand und den mit scharfen Zähnen bewehrten Rachen schmerzvoll aufsperrte:
In der Betäubung des Schreckens dachte er gar nicht daran, wegzutreten, um das Tier von seiner Last zu befreien und vielleicht seiner Rache zu entgehen.
Nun wand sich der leuchtend gestreifte Leib an seinen Beinen empor und wieder hinab; aber die Schlange biß nicht, sondern stöhnte nur.
Ein Zuruf Flitmores brachte John endlich zur Besinnung; er sprang zur Seite, und das Reptil, vom Gewicht seines schweren Fußes befreit, glitt lautlos an ihm hinab und kroch langsam davon.
„Wahrhaftig, hier scheint auch das giftigste Geschöpf seine Schrecken verloren zu haben,“ rief Schultze: „So hättest du einer irdischen Schlange mal kommen sollen, Johann! Da wärest du nicht ohne Schaden davongekommen.“
Nun trat die Gesellschaft hinaus in die glitzernde Savannah, aber erstaunt, erschrocken und zugleich entzückt hemmten sie den Fuß.
Was für kolossale Tiere weideten da! Mammutähnliche Elefanten, Einhörner, den Fabelwesen alter Sagen gleich, Büffel und Giraffen, Kamele, Riesenbären, gefleckte und gestreifte Tigerkatzen, Panther und Leoparden, Löwen und Wölfe, Schafe und Ziegen wanderten da umher, miteinander und durcheinander, und weideten friedlich und gemütlich die durchsichtigen Halme ab oder langten sich Früchte von den hohen Stauden und den Bäumen am Waldsaume.
Das war eine unabsehbare bunte Herde, die sich hier tummelte und labte, in der weiten Ebene zerstreut!
Wohlgemerkt, diese Geschöpfe zeigten eine so in die Augen fallende Ähnlichkeit mit den genannten irdischen Arten, daß unsre Freunde nicht in Verlegenheit kamen, ihnen sofort die entsprechenden Namen beizulegen; andrerseits aber wiesen sie doch wieder wesentliche Unterscheidungsmerkmaleauf, namentlich auch wieder dadurch, daß sie eine höhere, edlere Stufe darzustellen schienen, oder, wie Mietje sich ausdrückte, es war die Tierwelt der Erde, zum Teil mit ihren ausgestorbenen Arten, in idealisierter, vollkommenerer Form.
John tritt auf eine Schlange.
John tritt auf eine Schlange.
„Wagen wir uns wohl da mitten durch?“ fragte Münchhausen.
„Voran!“ kommandierte der Lord: „Von diesen Geschöpfen droht uns keine Gefahr.“
Heinz aber bemerkte: „Immer mehr rechtfertigt dieser Planet den Namen, den wir ihm beim ersten Anblick beilegten. Ist das nicht das Paradies, wie die kühnste Phantasie es nur träumen kann und wie es der Prophet Jesaja so wunderlieblich beschreibt?“
„Allerdings! Jesaja im elften Kapitel, im sechsten bis neunten Vers, sowie im letzten Verse des fünfundsechzigsten Kapitels wird uns das Bild beschrieben, das wir hier schauen,“ bestätigte der bibelfeste Lord.
„Und wie sagt der 114. Psalm?“ fügte seine nicht minder beschlagene Gattin hinzu: „Die Berge hüpfeten wie die Lämmer, die Hügel wie die jungen Schafe. Mir machte diese Stelle stets den Eindruck des Allzuunwahrscheinlichen, aber meint man hier nicht wahrhaftig, Berge und Hügel hüpfen zu sehen?“
Wenn man sah, welche meterhohen Sätze die Mammute und andre Riesentiere mit spielender Leichtigkeit ausführten, und mit welch offenbarer Lust sie sich von Zeit zu Zeit an diesen seltsamen Luftsprüngen ergötzten, so mußte man Mietje recht geben: das waren tanzende Berge und hüpfende Hügel! Und dieses sonderbare Schauspiel gab dem so herzerhebenden Bilde friedlicher Eintracht sein erheiterndes Gepräge. Aber der Humor wirkte hier durchaus nicht als Herabwürdigung des Erhabenen, sondern nur als Verklärung des beseligenden Gefühles, das die paradiesische Szene in den Herzen der Wanderer erweckte.
Wie ein Märchentraum erschien die Wanderung durch diesen blütenreichen Edengarten unsern Freunden.
Sie scheuten sich bald nicht im mindesten, selbst die gewaltigsten und raubtierähnlichsten der Tiere zu berühren und zu streicheln, was diese verständnisvoll und mit einer gewissen Zärtlichkeit erwiderten, sei es, daß sie die liebkosenden Hände sanft leckten, sei es, daß sie mit Haupt oder Rüssel sich herabneigend den fremden Freunden anschmiegend ihr Wohlwollen zu erkennen gaben; und dabei mäßigten sich auch die behendesten, muskelkräftigsten und massigsten dieser Geschöpfe so rücksichtsvoll in ihren Bewegungen, daß man daraus die bewußte Sorgfalt erkennen konnte, ja keinen Schaden zuzufügen.
Hätte etwa so ein Mammut mit seinem Rüssel eine etwas temperamentvolle Liebesbezeugung ausführen wollen, wie er es seinen Kameraden oder Familiengliedern gegenüber tat, so wäre selbst Münchhausens solide Masse zu Boden geschleudert worden.
Aber alle diese Tiere wußten das richtige Maß einzuhalten.
Die zweite Sonne neigte sich ihrem Untergange zu, — die erste war schon vor einer Stunde hinter dem Horizont verschwunden, — als unsre Freunde endlich daran dachten, ihr Lager aufzuschlagen.
Die Früchte des Waldes hatten Hunger und Durst so nachhaltig gestillt, daß selbst der Kapitän während der stundenlangen, meist sprungweise ausgeführten Wanderung, kein einzigesmal die Notwendigkeit einer Mahlzeit betont hatte. Und dabei war er einer der eifrigsten im Hüpfen, wobei es ihm ganz besonderen Spaß machte, über den hohen und breiten Rücken der größten Kolosse hinwegzusegeln.
Auch während des Aufschlagens der Zelte zeigte er sich noch unermüdlich in Ausübung dieses erheiternden Sports; denn um den Lagerplatz herum weideten just einige riesige Pelzelefanten.
John und Heinz pflöckten die Zelte ein, während die übrigen der Zirkusvorstellung zuschauten, die Münchhausen gab, mehr zu seinem eigenen Vergnügen, als um seine Gefährten zu belustigen.
Lautes Bravo und stürmisches Beifallsklatschen belohnten seine gelungensten Sprünge.
Die Glanznummer der Vorstellung aber bildete ein Kunststück, das er zum Schlusse noch vorführte, und zwar ganz gegen seine Absicht, es stand durchaus nicht in seinem Programm!
Er hatte sich hinter einem gewaltigen Mammutbullen aufgestellt und schnellte empor, um den Riesen in seiner ganzen Länge zu überspringen.
Nun fiel es aber im selben Augenblick dem Mammut ein, seinerseits einen Luftsprung zu machen, und so kam es, daß Münchhausen mitten in seiner Luftreise auf den Rücken des emporsegelnden Tieres zu stehen kam.
Eine Sekunde lang ritt er so als echter Kunstreiter stehend durch die Luft; doch hatten seine Füße keinen festen Halt, er schwankte und wäre kopfüber hinabgestürzt, hätte er nicht die Geistesgegenwart gehabt, die kurzen Beine auszuspreizen, sodaß er alsbald rittlings auf dem seltenen Reittier saß.
Es war ein großartiges Bild! Der Lord versäumte nicht, es auf einer photographischen Platte zu verewigen.
„Ein Koloß auf dem andern!“ jubelte Schultze.
John und Heinz hielten in der Arbeit inne, um das unvergleichliche Schauspiel mitzugenießen.
Stolz um sich blickend, als habe er einen Drachen gebändigt und mit kühner Absicht zu einer Luftfahrt bestiegen, so saß der Kapitän oben auf dem kolossalen Dickhäuter, einer Kugel gleich, die kurzen Beine wagrecht ausgestreckt, da er mit ihnen den breiten Rücken des Ungetüms nicht umklammern konnte.
Jetzt landete Freund Mammut und mit einer Gewandtheit, die ihm niemand zugetraut hätte, sprang Münchhausen auf die Beine und setzte mit elegantem Schwunge von der Höhe herab auf den Erdboden. Jubel und Lachen und nicht endenwollendes Beifallklatschen empfingen ihn nach solchem Bravourstück, so daß das Mammut sich verwundert umsah und die Mähneschüttelte, es mochte denken: „Bei denen ist es auch nicht mehr ganz richtig im Oberstübchen!“
Nun half Mietje John und Heinz Früchte einsammeln für das Nachtessen, denn an solchen fehlte es nicht in der Nähe, und die verschiedenen Grogfrüchte sollten den warmen Tee vorteilhaft ersetzen.
Es dämmerte, als man sich zum Imbiß lagerte.
„Nun,“ sagte Münchhausen, „Sie meinten, wir würden drei Tage brauchen, um die Ebene zu erreichen, verehrtes Professorchen! Wir haben sie nicht nur erreicht, sondern schon ein gutes Stück durchwandert am ersten Marschtage.“
„Kunststück!“ meinte Schultze. „Ich dachte an eine irdische Fußwanderung, Schritt für Schritt; nachdem aber Sie, erfindungsreicher Seebär, uns als lebendiger Luftballon die geniale Kunst der Hüpf- und Schwebereise vorgemacht und beigebracht haben, hätten wir noch viel weiter kommen können, wenn wir uns nicht so viel unterwegs aufgehalten hätten. Auch ist die Länge des Tags in Betracht zu ziehen, der, wie ich hiemit feststelle, vom Aufgang der ersten bis zum Untergang der zweiten Sonne volle 27 Stunden gedauert hat!“
„Merkwürdig, daß wir uns so gar nicht müde fühlen,“ bemerkte Mietje, „nach einem so langen und ereignisreichen Tag. Ich wenigstens fühle keine Spur von Ruhe- oder Schlafbedürfnis.“
„So scheint es uns allen zu gehen,“ meinte der Lord. „Ich glaube, wir haben uns eben schon der Eigentümlichkeit des Planeten angepaßt; dazu mag uns die köstliche Luft und die erfrischende, belebende Kraft der Früchte geholfen haben; wir werden wohl hier dauernd weit leistungsfähiger sein als auf der Erde, entsprechend den doppelt so langen Tagen.“
„Brauchen wir gar nicht,“ warf der Kapitän ein, „wozu solch’ kolossale Leistungsfähigkeit, da einen hier alles so gar nicht anstrengt noch ermüdet?“
„Ich habe nur eine Sorge,“ sagte Heinz. „Wie werden wir die lange Nacht herumbringen, die doch von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang 23 Stunden währt, wenn wir so gar nicht müde sind?“
„Wir legen uns eben erst schlafen, wenn wir das Bedürfnis dazu fühlen,“ schlug Mietje vor.
„Einverstanden!“ stimmte der Professor zu. „Wir pflegen der Unterhaltung und studieren die Wunder der Nächte Edens, bis es uns Zeit scheint zur Ruhe zu gehen.“
„Wertester Herr Professor,“ fragte nun John, „welche Jahreszeit dürften wir hier wohl haben? Nach den Blüten sieht es wie Frühling aus, sonst aber wie Sommer; andrerseits aber, falls ich mir diese nicht unhöfliche Bemerkung zu erlauben mir gestatten darf, ist es hier in der Ebene nicht so furchtbar heiß, wie Sie die Vermutung aussprachen, als wir noch oben waren.“
„Offen gestanden, über die Jahreszeit vermag ich noch keinen sicheren Aufschluß zu geben,“ entgegnete Schultze. „Ich vermute, wir stehen zu Beginn des Frühlings, jedenfalls aber haben wir nahezu Tag- und Nachtgleiche.“
„Entschuldigen der Herr Professor, aber ich bitte, noch einmal nicht unhöflich sein zu dürfen, wenn ich verstanden zu haben glaubte, der Tag sei heute vier Stunden länger als die Nacht.“
„Allerdings, mein Sohn; aber nur deshalb, weil wir hier zwei Sonnen haben, die gegenwärtig in Opposition zu einander stehen, das heißt am weitesten von einander entfernt sind auf ihrer Bahn, so daß stets mehr als die Hälfte des Planeten erleuchtet ist und die zweite Sonne noch fast zwei Stunden scheint, wenn die erste schon untergegangen ist. Stehen die Sonnen in Konjunktion, also einander am nächsten, wobei die eine vorübergehend die andere verdecken kann, so gehen sie uns gleichzeitig auf und unter; vielleicht wird es dann auch viel heißer. Über den Verlauf der Jahreszeiten Edens können wir aber noch nichts wissen, kennen wir ja nicht einmal die Länge des Jahrs, das vielleicht nur sechs, vielleicht bis zu tausend Erdenmonate dauert. Eines aber scheint mir gewiß, große Unterschiede in der Temperatur herrschen hier nirgends; denn wenn bei 6000 Meter Höhendifferenz so gut wie gar nichts davon zu merken ist, wenn in solcher Höhe dort oben eine so herrliche Pflanzenweltvorkommt, dann kann auch Winterkälte und Sommerhitze kein Übermaß entwickeln, sonst hätten wir droben irgendwelche Gletscherspuren sehen müssen, hier unten aber fände sich keine so mannigfaltige Tierwelt in einer Gegend, die den Polen näher steht als dem Äquator.“
Inzwischen hatte die Dämmerung eingesetzt.
„Ah!“ rief Mietje plötzlich, „die Natur sorgt uns für Abendunterhaltung!“
„Prächtig!“ schmunzelte der Kapitän.
„Hochinteressant!“ rühmte der Professor. „In der Tat, nicht uneben!“
Die Riesentiere.
Die Riesentiere.
Und als nun auch Heinz sein „Großartig!“ beigesteuert hatte, fühlte sich John verpflichtet auch seinen Beifall zu äußern, indem er ausrief: „Wirklich important!“
Imposant war allerdings das Feuerwerk, das sich in der Dämmerstunde entwickelte: kleinere und größere Feuerfliegen und Leuchtkäfer erhoben sich in die Luft; da sah man Funken, Sterne und Flammen teils aufblitzen und verschwinden, teils ununterbrochen flimmern.
Das Neue und besonders Herrliche aber war das Farbenspiel dieser lebendigen Meteore und Sternschnuppen; denn gelbes, rotes, blaues und grünes Licht ging je nach ihrer Art von ihnen aus.
Auch auf dem Boden wurde es lebendig und hell: da krochen die Funken und Laternchen der Glühwürmer und leuchtenden Schnecken und Ameisen durcheinander, als rollten und rieselten selbstleuchtende Edelsteine, Topase, Rubinen, Smaragde, Amethyste und Saphire dahin.
„Es ist mir unbegreiflich,“ bemerkte Münchhausen, dem höchst poetisch zumute wurde, „wie es Schriftsteller, ja solche, die Dichter sein wollen und zu sein glauben, heutzutage fertig bringen, ‚der Dämmer‘ zu sagen, statt ‚die Dämmerung‘. Der Dämmer! Welch ein Wort! Ohr, Gemüt und Vernunft wird gleicherweise dadurch beleidigt und die traute Stimmung und Vorstellung der zarten Dämmerung geht dabei völlig verloren, wird sozusagen totgeschlagen mit einem groben Knüppel in der Faust eines Tölpels. Sehen Sie doch diese weichen Schleier, die von unsichtbaren Elfenhänden in der dunkelnden Luft ausgebreitet werden; wie dämpft dieses schleiernde Weben die farbigen Lichtstrahlen unsrer nächtlichen Feuerwerker! Und nun soll man sich dieses zartwebende, sachthändige, leisschwebende und schleierumwallte Wesen als eine männliche Persönlichkeit vorstellen? Nein! ich bitte Sie, was ist das für eine Geschmacklosigkeit, Stilwidrigkeit, ja für ein Blödsinn! He, Professorchen! Können Sie sich etwa die liebliche, einschmeichelnde Dämmerung durch einen Mann verkörpert denken, den Dämmer?“
„Ne, Kapitän, wenn ich mir denken sollte, Hugo von Münchhausen, so elegant er zu schweben versteht, senke sich von Schleiern umwogt hernieder und wollte mich mit ruhespendenden Elfenhänden liebkosen als schmeichelnde Dämmerung, ich wäre aus allen Märchenträumen gerissen.“
„Münchhausen als Fee der geheimnisvollen Dämmerung ist gut! Ausgezeichnet! Diese Vorstellung stimmt mich heiter!“ sagte Flitmore lachend.
Heinz aber meinte: „Wer es zuwege bringt, diesen neumodischen Ausdruck ‚der Dämmer‘ zu gebrauchen, beweist damit ohne weiteres, daß ihm nicht nur jegliches Sprachgefühl, sondern auch aller Sinn für Poesie abgeht, was allerdings für die große Mehrzahl unsrer Versemacher zutrifft; denn zu keiner Zeit gab es so viele Dichter und so wenig Poeten wie heutzutage.“
„Darum verhöhnen sie auch die Poesie als hohles Pathos, weil sie die Göttin nicht ehren dürfen, deren Gunst, Geist und hoher Flug ihnen versagt blieb, falls sie nicht ihre eigene Wertlosigkeit einsehen und eingestehen wollen!“ fügte Münchhausen noch hinzu.
„O, meine Herrschaften, ein Nordlicht!“ rief plötzlich John und wies nicht nach Norden, wohl aber nach Osten.
„Das ist ja ein Mond!“ berichtigte der Professor. „Wahrhaftig, ein würdiger Mond für eine Nacht im Paradiese!“
Der Mond, der über die Berge tauchte, hatte eine unbeschreiblich liebliche und duftige Rosafärbung. Nur die zartesten unter den wilden Rosenblüten oder der blühende Hauch, der ein luftiges Wölkchen vor Sonnenaufgang über dem Meere der italienischen Riviera in rosigen Schimmer taucht, hätte zum Vergleich herangezogen werden können.
Bald schwebte der Mond, der etwa doppelt so groß erschien, wie der Trabant der Erde, frei am tiefdunkeln Himmel zwischen den blitzenden Sternen. Und nun ergoß er sein entzückendes Rosenlicht über die ganze Landschaft.
Auf einmal schien ein neues Leben zu erwachen, nachdem es sich kaum ein Stündchen über die Zeit der Dämmerung zur Ruhe gelegt hatte: Vögel durchschwirrten die Luft und ließen wundervolle sanfte Weisen ertönen, Grillen zirpten in melodischen, einschmeichelnden Weisen; kleinere Tiere, den Hasen, Wieseln und Igeln ähnlich, letztere mit bunten durchsichtigen Stacheln, tummelten sich lustig umher, spielend und sich balgend, hüpfend und tanzend und seltsame Purzelbäume schießend.
Kurz, es gab wieder genug zu sehen, zu hören und zu bewundern, wenn nicht schon der Zauber der magischen, bengalischen Mondbeleuchtung genügt hätte, um alle wach zu halten: wer hätte eine solche feenhafte, ja wahrhaft paradiesische Nacht stumpfsinnig verschlafen mögen.
Aber auch neue Blumen erschlossen ihre Kelche, äußerst zarte, feingeformte Gebilde, meist leuchtend weiß mit goldgelben Staubfäden, doch vom Mondlicht rosig überhaucht; auch hellblaue und hellrote Winden, silberschimmerndeKapuzinerkresse und andere Blüten öffneten sich dem Rosenmond und hauchten Düfte aus, deren Süßigkeit alle Wohlgerüche des Tages weit zu überbieten schienen.
Acht Stunden leuchtete der rosa Mond; kaum aber war er untergegangen, so stieg ein etwas kleinerer Mond von lichtblauer Farbe am entgegengesetzten Horizonte auf.
Sein mildes Licht wirkte ungemein beruhigend. Es wurde überall still; die Tierwelt begann zu schlafen und auch die Kelche der Nachtblumenschlossen sich.
Aber wieder sprangen neue Blüten auf, große Dolden, bunte Mohnhäupter, und ein einschläfernder Wohlgeruch gesellte sich zum einschläfernden Lichte.
Auch unsere Freunde wurden still und fühlten schließlich das Verlangen nach Schlaf.
Schultze leitete mit folgenden Worten den allgemeinen Rückzug in die Zelte ein: „Wenn die beiden Monde sich jede Nacht so pünktlich ablösen, wie heute, so hat dieses Paradies stets zwei Nächte, von denen die erste für das Vergnügen und die höchste Beseligung, die zweite erst für den Schlaf bestimmt zu sein scheint. Nun haben wir auch die blaue Nacht vier Stunden lang bewundert; legen wir uns zur Ruhe, wir haben noch zehn Stunden bis Sonnenaufgang.“
„Danken wir dem allgütigen Gott,“ sagte der Lord, „der uns diese neuen Wunder seiner Allmacht zu schauen würdigte; vor allem aber wollen wir ihn preisen, daß er uns auf einer so lieblichen Friedenswelt landen ließ, die keine Schrecken noch Gefahren zu bergen scheint. Trotzdem wollen wir bei allem Gottvertrauen nicht lässig und leichtfertig sein und nicht versäumen, die Wachen zu halten, wie die Vorsicht es uns gebietet; denn es ist eben doch ein unbekannter Planet, auf dem wir uns befinden und der außer dem Guten und Schönen, das wir kennen lernten, noch viel des Unbekannten bergen wird, von dem wir noch nicht wissen, wie es sich uns darstellen mag.“
„Lassen Sie mich die erste Wache übernehmen,“ bat Heinz, „ich fühle noch gar kein Schlafbedürfnis.“
„Gut! Nach drei Stunden wecken Sie mich, die mittlere Wache will ich selber übernehmen,“ sagte Flitmore.
„Und die Morgenwache bitte ich mir aus,“ erklärte der Professor, „schon der astronomischen Beobachtungen wegen, die für uns von Wert sein können.“
Dabei blieb es, und alle, bis auf Heinz Friedung, zogen sich zurück.
Nach anderthalb Stunden seiner Wache sollte der jugendliche Wächter entdecken, daß der Planet Eden nicht bloß zwei Nächte besaß, wie Schultze festgestellt hatte, sondern deren drei!
Der blaue Mond neigte sich nämlich zur Rüste, als ein neuer Mond aufging, diesmal ein dunkelgrün gefärbter. Er war wesentlich kleiner als die beiden andern, etwa gerade so groß wie der Mond unserer Erde, der scheinbaren Größe nach.
Eine halbe Stunde lang standen beide Monde gleichzeitig am Himmel; dann leuchtete nur noch der grüne Mond mit geheimnisvoll mattem Licht. Offenbar war diese dritte, die grüne Nacht, erst die rechte Nacht des tiefen Schlafes; die blaue Nacht war sozusagen der Spätabend, der den ersten Schlaf auf die Lider senkte.
Alles blieb still, wie ausgestorben, kaum ein Lüftchen wehte den Dufthauch aus den zahllosen Blüten herüber.
Heinz wurde ordentlich schläfrig und ließ sich nach drei Stunden, von denen nur eine ganz in die grüne Nacht gefallen war, gar nicht ungern durch Flitmore ablösen, dem während seiner Wache nur der dunkelgrüne Satellit Edens leuchtete.
Drei Stunden später kam der Professor an die Reihe. Noch drei weitere Stunden stand der dritte Mond am Himmel; als er hinter dem Horizont verschwand, trat die Morgendämmerung ein.
Schultze vermerkte also: Erster Sonnenaufgang (Alpha Centauri) als erste Stunde gesetzt; zweiter Sonnenaufgang nach zwei Stunden (Begleitsonne); erster Sonnenuntergang zu Ende der 25. Stunde (Alpha Centauri geht unter); mit Ende der 27. Stunde geht die Begleitsonne unter (25 Stunden nach ihrem Aufgang); folgt eine Stunde Dämmerung; zu Beginn der 29. Stunde geht der rosa Mond auf, der acht Stunden leuchtet, bis zum Ende der 36. Stunde, worauf sofort, zu Beginn der 37. Stunde, der blaue Mond erscheint, der sechs Stunden am Himmel steht; nach 41½ Stunden taucht der grüne Mond auf, eine halbe Stunde vor Untergang des blauen, und braucht 7½ Stunden, um das Firmament zu durchmessen. Zu Ende der 49. Stunde endlich geht auch er unter, worauf eine einstündige Morgendämmerung eintritt, bis nach Verfluß der 50. Stunde Alpha Centauri als erste Sonne wieder aufgeht.
Dies war der Verlauf, wie er sich zu dieser Jahreszeit abspielte unter der Breite des Planeten Eden, wo sich unsre Freunde in der ersten, wundersamen Nacht ihres dortigen Aufenthalts befanden.
In der Morgendämmerung fühlte sich Schultze schläfrig werden; ein Wunder war das nicht, hatte er doch gestern an die 40 Stunden gewacht und hernach nur 6 Stunden des Schlafs gepflogen.
Da hatte er eine wunderliebliche Erscheinung, ein märchenschönes Traumbild, das ihn umgaukelte.
Es war ihm, als sehe er durch die Wimpern seiner fast geschlossenen Augenlider eine Elfe heranschweben.
Zuerst tauchte ein herziges Gesichtchen zwischen dem glitzernden Blattwerk des nahen Gebüsches auf, halb schelmisch, halb scheu vorlugend.
Dann teilte sich das Blattwerk mit kaum hörbarem Rascheln und die ganze Gestalt schlüpfte heraus, sich über der Erde wiegend, ohne sie je zu berühren.
Die Erscheinung glich nach Größe, Gestalt und jugendlichem Aussehen einem sechzehnjährigen Mädchen, aber von einer Zartheit der Formen und Durchsichtigkeit der Haut, die das vollkommenste irdische Geschöpf plump und grob erscheinen lassen mußten.
Das Gesicht war von unbeschreiblicher Anmut und Vollkommenheit, und die großen Augen leuchteten in einem Blau, das auf Erden seinesgleichen nicht hatte.
Der duftige Hauch des rosigen Mondes schien die weiße Blütenhaut zu durchschimmern, und die durchsichtigen Blättchen der Heidenrose erreichten diese lebensvolle Zartheit der Färbung nicht.
Goldleuchtendes Haar, feiner als Seide, wallte von dem blühenden Haupte herab und rahmte das feine Oval des Gesichtchens ein.
Ein luftiges, anschmiegendes Gewand, wie aus Nebel gewoben, floß von den Schultern hernieder und umwogte die zierliche Gestalt in wunderbar grünem Schimmer.
Langsam näherte sich dieses Feenkind eines Märchentraumes, wich öfters wieder zurück, wie ein schüchternes Mägdlein wohl tut; zuletzt aber schwebte es ganz heran und beugte sich über den Professor herab, dem ganz wunderlich zumute wurde.
Er riß die Augen plötzlich weit auf. Da erschrak das reizende Elfchen und flog ins Gebüsch zurück gleich einem Meteor so geschwind.
Und die Zweige rauschten und klirrten und Vögel schwirrten auf.
Schultze sprang auf und rieb sich die Augen; wie ein Nebelstreif vom Winde entführt verschwand die lichte Erscheinung; aber er wachte doch! War das wirklich ein Traumbild gewesen?
„Na, mein Lieber, was starren Sie egal ins Gebüsch?“ fragte der Kapitän, der sich bereits aufgetakelt hatte. „Sehen Sie eine Schlange oder ein Gespenst?“
„Ich sehe nichts,“ erwiderte der Professor, sich dem Freunde zuwendend, „wohl aber habe ich etwas gesehen; gespenstisch sah es nicht aus, eher eine kleine Schlange, aber eine ganz reizende, sage ich Ihnen!“
„Was will das heißen unter den Wundern Edens,“ lachte Münchhausen; „Sie tun gerade, als hätten wir noch nichts Wunderbares und Reizendes erblickt!“
Schultze schwieg; er war doch zu unsicher, ob er nicht alles geträumt habe. Das würde sich ja wohl noch zeigen.
Bald war alles munter. Rasch nahm man ein Frühstück ein von den köstlichen Früchten Edens; alle brannten vor Begierde, die Entdeckungsreise fortzusetzen und vielleicht noch größere Wunder, etwa gar menschliche Spuren zu entdecken, das heißt Zeugnisse für das Vorhandensein vernünftiger Wesen; denn wie sollte ein solches Paradies seine Bestimmung erfüllen, wenn es nicht von solchen bewohnt war?
Jeder hängte seine Tasche um, die sein Zelt mit den zerlegbaren Aluminiumstäben und einige Vorräte und nützliche Gegenstände enthielt, und nun wurde das Gebüsch durchschritten, das den Lagerplatz umsäumte und in dem die liebliche Erscheinung verschwunden war, die den Professor beglückt hatte, von der er aber kein Wörtlein mehr verriet.
Als das Gebüsch durchschritten war, sahen die Wanderer, daß sie sich auf einer Hochebene befanden, deren Rande sie sich näherten.
Was aber ihre Schritte hemmte und ihre Blicke fesselte, war der Anblick zweier menschlicher Wesen, die sich in emsiger Tätigkeit befanden.
Gabokol und Fliorot schmiedend.
Gabokol und Fliorot schmiedend.
Der eine war ein erwachsener Mann mit braunen Locken, die auf die Schultern herabfielen, und einem dunklen Vollbart. Ein weißes, faltiges Gewand umwallte seinen Leib gleich einer Toga bis zu den Knöcheln herab; sein Antlitz hatte etwas Durchgeistigtes, Verklärtes, Friedestrahlendes, so daß es ein Gefühl des Vertrauens, ja der unwillkürlichen Zuneigung erwecken mußte, selbst wenn die edelgeschnittenen Züge nicht von so außerordentlicher, echt männlicher Schönheit gewesen wären.
Zarter, aber nicht minder schön und herzgewinnend erschien der Jüngling an seiner Seite: was waren gegen eine solch herrliche Gestalt die Antinous- oder Adonisideale menschlicher Kunst?
Ein blaues Gewand umhüllte die prächtigen Glieder, sich ihren Formen anschmiegend.
Die beiden wendeten alle ihre Aufmerksamkeit ihrer Arbeit zu, die eine Art Schmiedekunst zu sein schien: von einer Felsplatte stieg eine goldgelbe Flamme empor, deren Natur nicht zu erkennen war. Holz, Kohlen oder sonst ein Feuerungsmaterial war nirgends zu sehen; die Flamme schien aus dem Felsen selber hervorzubrechen.
In diese Stichflamme hielt der Jüngling metallene Stäbe und Barren, bis sie weißglühend erschienen, was in sehr kurzer Zeit der Fall war. Dann übergab er sie dem Manne, der wohl sein Vater war, und der nun das weiche Metall teils freihändig, teils mit allerlei merkwürdigen Instrumenten, Zangen und Hämmern nach Belieben formte.
„Diese Leute sind leichtsinnig, sie gehen höchst unvorsichtig mit dem Feuer um, das doch eine ungeheure Hitze entwickeln muß,“ flüsterte der Professor, „man muß es ihnen sagen!“
„So sagen Sie’s ihnen,“ entgegnete Münchhausen ironisch, „vielleicht in Ihrer Allerweltssprache, dem Lateinischen, wie seinerzeit auf dem Mars.“
Schultze schwieg. Der Kapitän hatte recht; wie sollte er sich mit diesen Bewohnern einer fremden Welt verständigen?
„Übrigens, sehen Sie!“ bemerkte Mietje, „die beiden kommen jeden Augenblick mit dem Saum und den Falten ihrer strahlenden Gewänder in die Flammen hinein. Darauf scheinen sie gar nicht zu achten, und der Stoff fängt auch nicht Feuer, wird nicht einmal angesengt.“
„Wenn ich mir eine Meinung gestatten darf,“ warf nun John ein, „so ist dies sozusagen alles Hokus-pokus, ein Blendungswerk und gar kein brennbares Feuer; denn, wie Sie sehen, greift der Alte in das weißglühende Eisen mit den Händen, als sei es kalt anzufassen.“
„Aber er biegt es und formt es,“ entgegnete Heinz; „es muß also doch bis gegen den Schmelzpunkt erhitzt sein.“
„Diese Edeniten,“ erklärte Flitmore, „scheinen ein Schutzmittel zu kennen, das die Stoffe unverbrennlich und die Haut unempfindlich gegen die Hitze macht.“
Bei einer Wendung, die er machte, gewahrte der Schmied die Ankömmlinge. Langsam ließ er das Eisen sinken, das er in der Hand hielt und legte es dann weg.
Er schien überrascht, so seltsame, niegeschaute Wesen zu erblicken, die doch ihm und seinen Artgenossen nach Bau der Glieder und des Gesichtes glichen, dagegen aus weit gröberem Stoff geschaffen zu sein schienen und der Vollkommenheit ermangelten, die seine und seines Sohnes Schönheit erreicht hatte.
Es war ja aber auch möglich, daß andere Edeniten auch weniger schön und zart gebaut waren als eben diese beiden; jedenfalls geriet der Mann in kein maßloses Erstaunen, wie man es hätte erwarten können, namentlich zeigte er keine Spur von Schrecken, vielmehr schien seine Überraschung eine freudige zu sein.
„Fliorot!“ rief er seinem Sohne zu, der nun ebenfalls aufblickte und ebenso angenehm erstaunt schien; ja der Jüngling klatschte vor Lust in die Hände.
Wie der Anblick dieser Menschen etwas Überirdisches darbot, so übertraf ihre Stimme an Wohlklang alles, was die Erde an herrlichen Tönen kennt; Glocken- oder Orgelklang schien zu schallen, als der wundersame Mann das eine Wort „Fliorot“ ausrief; und die helle Jubelstimme des Knaben mochte am ehesten mit der klingenden Orgelpfeife verglichen werden, die manVoxhumana, Menschenstimme, heißt, aber „Engelsstimme“ nennen dürfte.
„Jammerschade, daß wir uns mit diesen herrlichen Menschen, wie wir sie wohl nennen dürfen, nicht verständigen können!“ bedauerte Schultze.
„Wie hat sich denn Kolumbus mit den Indianern zurechtgeholfen?“ fragte der Kapitän.
„Das ist wahr,“ sagte Flitmore. „Die Entdecker der verschiedenen Küsten Amerikas kamen nie in ernste Verlegenheit, wenn es galt, sich mit den Eingeborenen in Verkehr zu setzen, und sehr rasch lernten sie deren Sprachen; wenigstens fanden sich alsbald begabte Sprachgenies, die als Dolmetscher dienen konnten.“
„Sollten wir nicht so viel zu Wege bringen, wie jene?“ fragte Mietje.
„Na, wie wär’s Professorchen,“ spöttelte Münchhausen, „wenn Sie’s wiederum mit Ihrem alten Latein versuchten?“
„Ne, ne!“ wehrte dieser lachend ab, „wir haben ja einen jungen Sprachgelehrten unter uns; Heinz Friedung mag sein Heil probieren!“
„Sehr gerne!“ sagte Heinz ernst, ohne mit einer Wimper zu zucken.
Schultze sah ihn groß an. „Na! Ich mache nur Spaß, natürlich! Sie glauben doch nicht im Ernst, mit einer irdischen Sprache hier anzukommen? Und wenn Sie alle Dialekte der Erde kennen würden und der Reihe nach probierten, 40 Billionen Kilometer von der Erde entfernt wird nicht ein einziger davon verstanden, dafür garantiere ich Ihnen.“
„Herumprobieren wäre freilich zwecklos,“ erwiderte Heinz, „aber es gibt Naturgesetze, die Ihnen nicht bekannt sind, Herr Professor.“
„Um so mehr wohl Ihnen, junger Freund?“ lachte Schultze etwas ironisch. Bildete sich der sonst so bescheidene Heinz gar ein, gelehrter zu sein als der vielgereiste und hochstudierte Professor Heinrich Schultze aus Berlin?
Inzwischen waren die beiden Edeniten mit leichtschwebendem Gang, kaum die Erde mit den bloßen Füßen berührend, herangekommen.
Heinz Friedung redete sie an.
„We nom tu?“ fragte er kühn.
Schultze lächelte belustigt über diese offenbar von Heinz selber erfundene, improvisierte Sprache. Und das sollten die Bewohner der Fixsternwelt gar kapieren?
Aber der Edenite sah Heinz überrascht, doch sichtlich unsicher an.
Sein Sohn dagegen brach in einen Jubelruf aus; ihm schien ein plötzliches Verständnis aufzuleuchten und, wie um seinem Vater zu erklären, was Heinz hatte sagen wollen, rief er jenem zu: „Wai nuomi itu?“
„Nuoma Gabokol,“ sagte jetzt der Mann.
„Ud itu?“ wandte sich Heinz jetzt an den Jüngling. Der Vater aber verbesserte: „Onde itu.“
„Fliorot!“ erwiderte der Gefragte.
„Pa?“ frug Heinz den Alteren weiter.
„Migu Pa,“ sagte der, auf sich weisend: „Seit failo-mig.“
Vollständig verblüfft lauschten die Erdenbewohner, wie dieser grüne junge Mann Heinz offenbar eine Unterhaltung mit Wesen angeknüpft hatte, deren Sprache kein Mensch verstehen konnte.
Schultze rief wahrhaft entsetzt: „Da hört sich doch aber alle und jede Wissenschaft auf! Wenn einer auf Erden etliche Tausend Kilometer weit reist, so darf er darauf schwören, daß er auch nicht ein Sterbenswörtchen der Sprache versteht, die von den Eingeborenen des von ihm erreichtenfremden Landes geredet wird, es sei denn, er habe die Sprache mühsam erlernt; und Sie wollen sich mir nichts dir nichts mit Leuten verständigen, die 40 Billionen Kilometer von unserem Planeten entfernt leben?“
Münchhausen schüttelte sich vor Lachen: „Ein köstlicher Scherz!“ rief er. „Merken Sie nicht, Professorchen, daß dieser Erzschalk von Friedung uns zu Narren hält und nur so tut, als ob er täte?“
„Aber dann würden ihm diese Leute doch nicht ernsthaft Rede und Antwort stehen!“ warf Mietje ein.
„Die Sache ist ganz in Ordnung,“ sagte Heinz. „Ich habe zwar selbstverständlich die Sprache dieser Edenbewohner nie gehört noch gelernt, daher kann ich sie auch nicht richtig treffen. Doch kann ich sie immerhin so annähernd reden, um mich verständlich zu machen. Ich sagte ‚we‘ und es heißt ‚wai‘; ich sagte ‚nom‘ und es heißt ‚nuomi‘, in der ersten Person ‚nuoma‘; ich sagte ‚tu‘ und es heißt ‚itu‘; ebenso muß es ‚onde‘ heißen statt ‚ud‘, wie ich sagte. Doch traf ich in der Regel die Konsonanten richtig, so daß ein intelligenter Edenite mich verstehen muß, und bereits lernte ich außer den genannten berichtigten Formen einige neue Wörter: ‚migu‘ heißt ‚ich‘, ‚seit‘ heißt ‚dieser‘, ‚failo‘ aber ‚Sohn‘ und ‚mig‘ ‚mein‘. Wenn ich mit drei Sätzen schon so weit kam, so darf ich hoffen, in wenigen Tagen schon ein wissenschaftliches Gespräch in der klangvollen Sprache Edens mit genügendem Verständnis führen zu können.“
„Na! Was wollen Sie denn nun von diesen Herren erfahren haben?“ fragte der Kapitän, noch stark zweifelnd.
„O, nicht viel, aber immerhin das, was ich zunächst erfragte. Wir haben vor uns Vater und Sohn, ‚Pa onde failo‘; der Vater heißt ‚Gabokol‘, was so viel wie ‚offenes Auge‘ bedeuten dürfte; der Sohn heißt ‚Fliorot‘, was ich mit ‚fliegendes oder flüchtiges Rad‘ erklären möchte. Dies ist vorerst alles!“
„Aber wie zum Kuckuck wollen Sie uns dieses Wunder erklären?“ rief Schultze. „Ich habe große Wunder erlebt, aber dies scheint mir doch das seltsamste von allen! Vierzig Billionen Kilometer, ich sage Ihnen, vierzig Billionen Kilometer trennen die Erde von Eden, und Sie kommen jung und grün von der Erde und reden ohne weiteres die Edeniten an, und Sie werden verstanden und Sie verstehen! Das übersteigt meine Fassungskraft!“
„Na, so grün, wie Sie vermuten, bin ich eben doch nicht, Herr Professor,“ lachte Heinz. „Sehen Sie, die ganze Sache ist die: ich habe das Geheimnis der Entstehung der menschlichen Sprache entdeckt, und nach und nach gelang es mir, alle Lautgesetze zu finden, auf denen die Wortbildungen beruhen. Da es sich um Naturgesetze handelt und nicht um willkürliche Wortbildungen, konnte ich mir sagen, daß überall, wo Wesen sich finden, die ähnlich gebaut sind wie wir Menschen, sie auch ihre Sprache ganz von selber nach den gleichen Gesetzen bilden mußten wie wir Menschen.
Nun redete ich die Edeniten sozusagen in der Ursprache an; ich bildete die Worte aus den Lauten, die für den Begriff bezeichnend sind, den sie bedeuten sollen. Wenn nun die Sprache Edens sich nicht gar zu künstelnd von der Urform entfernte, so mußte ich verstanden werden, und letzteres war denn auch der Fall. Passen Sie auf! Wenn ich sage ‚We nom tu?‘ so begreifen Sie vielleicht nicht gleich, daß ‚nom‘ bedeuten soll ‚heißt‘; denken Sie aber an das französische ‚nommer‘ oder an ‚Name‘, so leuchtet es Ihnen wohl ein, daß ‚We nom tu?‘ besagen soll: ‚Wie heißt du?‘ Die Edeniten sagen nun: ‚Wai nuomi itu?‘ Aber, wie gesagt, die entscheidenden Laute sind ihnen bekannt, so daß sie auch meine mangelhafte Frage begriffen. ‚W‘ ist einmal der Fragelaut: wer, wie, wo, was, wann und so weiter; auf englischwhere,why,whound so fort; im Lateinischen und Französischen tritt qu an die Stelle. D oder T, zuweilen S, ist der deutende Laut, also auch der Laut für ‚du, dich‘ und so weiter, er bezeichnet den, die oder das, auf die ich deute; und so könnte ich Ihnen für jeden beliebigen Begriff sagen, welcher Laut dem Menschen ganz unwillkürlich, mit Naturnotwendigkeit in den Mund kommen mußte, wenn er den betreffenden Begriff durch einen Laut ausdrücken wollte. Dies ergibt die Gesetze der Entstehung der Sprache, die ich entdeckte, und nach denen ich die Worte bildete, die von den fremdesten Wesen leicht begriffen werden müssen, falls sie eine menschenähnliche Sprache reden.“
„Ein genialer Gedanke bleibt es immerhin, daß Sie gleich darauf kamen, diese irdischen Kenntnisse in dieser Weise hier auf die Probe zu stellen,“ lobte Flitmore.
Die Edeniten hatten aufmerksam gelauscht, doch sicher nichts oder nur gar wenige Worte verstanden; es gehören einfachere Sätze her, als sie dieses Gespräch enthielt, um eine wildfremde Sprache lediglich durchs Gehör kennen zu lernen.
Nun nahm Gabokol das Wort, sich an Heinz wendend.
„Er ladet uns ein, ihm zu folgen,“ erklärte der junge Mann.
„Angenommen!“ sagte Flitmore, und die Gesellschaft vertraute sich der Führung der neuen Bekannten an.
Diese atmeten tief ein und erhoben sich in die Luft, durch die sie nun schwebten, ohne wieder den Boden zu berühren.
Unsre Freunde konnten wohl kolossale Luftsprünge machen, aber sich dauernd in der Schwebe zu erhalten, gelang ihnen nicht.
Als die Edeniten dies merkten, ließen sie sich herab und Gabokol fragte in seiner Sprache Heinz: „Warum wollt ihr nicht fliegen?“
„Wir können es nicht!“
Der Mann schien höchlichst überrascht; aber fortan begnügten er und sein Sohn sich höflich damit, die Gäste springend zu begleiten.
Fliorot interessierte sich sehr für die beiden Schimpansen und fragte, ob das die kleinen Söhne der Lady seien.
Mietje stieß einen Schrei des Entsetzens aus, als ihr Heinz diese Frage übersetzte. Dieser aber klärte Fliorot auf, daß die Affen Tiere und keine Menschen seien, auch nicht reden könnten.
Hierauf untersuchten die beiden Edeniten die Schimpansen mit größter Verwunderung.
„Na!“ meinte Münchhausen: „Diese Edenmenschen stammen offenbar von keinen Affen ab, da solche hier gar nicht bekannt sind. Professor Häckel darf froh sein, daß er nie auf den Lehrstuhl einer hiesigen Universität berufen wird; hier fielen seine Phantasien vollends in sich zusammen, auch fände er zu intelligente Zuhörer, um mit seiner Weisheit Anklang zu finden.“
Man war an den Rand der Hochebene gelangt.
Unten dehnte sich ein liebliches Flußtal, und zu beiden Seiten des Flusses ragten vereinzelte Felsblöcke von verschiedener Form, Größe und Höhe zu Hunderten empor.
Unsre Freunde erkannten bald, daß sie es mit künstlichen Gebilden zu tun hatten, und zwar mit den Wohnhäusern der Edeniten. Die Felsen zeigten Fenster, Galerien und Balkone; oben hatten sie meist flache Dächer, die jedoch von Türmen, Säulen und Zacken überragt oder eingefaßt wurden.
Breite Straßen und engere Gassen zogen sich zwischen den Häusergruppen hindurch.
Heinz erkundigte sich nach dem Grund solcher Bauweise und zeichnete auf einen Marmorblock einige Wohnhäuser, wie sie auf Erden gebaut zu werden pflegten.
Gabokol erklärte, das komme ihm sehr gekünstelt vor. Sie nähmen sich die Baukunst des Schöpfers in der Natur zum Vorbild.
Alle mußten gestehen, daß diese rauhen, zackigen Bauten mit ihren Galerien, Bogen und Türmen ein ganz hervorragend schönes, abwechslungsreiches und großartiges Stadtbild ergaben.
Die Stadt glich einem Bienenkorbe; über den Dächern, durch die Straßen, zu den Fenstern aus und ein flogen und schwebten Menschen in leuchtenden farbigen Gewändern, wie aus Duft gewoben, Männer und Frauen, Knaben und Mädchen, auch kleine Kinder.
Man konnte sich nicht satt sehen an diesem farbenfrohen Bilde, an diesen anmutigen Bewegungen.
Als unsre Freunde später diese Stadtbewohner aus der Nähe sahen, entdeckten sie, daß Gabokol und Fliorot durchaus nicht ausnahmsweis schöne Exemplare ihrer Rasse waren, sondern daß vollkommene Schönheit, Anmut und Grazie, dazu Adel der Gesinnung, der sich in den Zügen spiegelte, die allgemeinen Merkmale aller Edeniten waren.
Dabei zeigten sie sich nicht etwa besonders ähnlich, sondern die persönliche Verschiedenheit der Gestalten und Gesichter schien eher noch mannigfaltiger als auf der Erde; und doch konnte man hier niemand in das liebliche Antlitz oder gar in die sonnigen Augen sehen, ohne ihn auf den ersten Blick liebgewinnen zu müssen.
Für heute wurde nicht in die Stadt hinabgestiegen oder vielmehr geschwebt; denn Gabokols Wohnung war gleichsam ein Landhaus, das auf einer Stufe des Bergrandes sich erhob, der sich ins Tal hinabsenkte.
Das Haus stand in einem Garten von unerhörter Pracht und Lieblichkeit. Jetzt erst sahen unsre Freunde den ganzen Reichtum an Formen und Farben, den die Blumen, Gesträuche und Schlingpflanzen Edens aufwiesen.
Auch die fremdartigen Gemüse hielten sie anfangs für Zierpflanzen, bis ihnen späterhin die Hausfrau alles erklärte.
Ganz entzückend war der Geflügelhof; denn Fasanen, Pfauen und Perlhühner reichten mit ihren Farben und Zeichnungen weit nicht heran an die verschiedenen Arten eierlegender Haushühner, Enten und Gänse, die hier wimmelten. Auch die Eier dieser Vögel Edens übertrafen an Wohlgeschmack weit diejenigen ihrer irdischen Basen und erschienen überdies gefärbt wie leuchtende Ostereier oder gesprenkelt wie die schönsten Eier der Singvögel auf Erden.
Heinz, der immer rascher und tiefer in die eigentümlichen Geheimnisse der Sprache Edens eindrang, machte stets den Dolmetscher; aber schon begannen auch die andern alle dies und jenes zu verstehen, nachdem sie einmal darauf aufmerksam gemacht worden waren, daß die natürliche Lautverwandtschaft den besten Schlüssel liefere. Merkwürdigerweise war es John, der bei weitem am raschesten auffaßte, jedenfalls weil er sich am unbefangensten dem angeborenen Sprachinstinkt überließ.
Gabokol versicherte einmal über das andre, wie er sich freue und die Seinigen sich freuen würden, die lieben Gäste aus einer andern Welt beherbergen zu dürfen. Er werde jedem ein eigenes Zimmer anweisen; dennhier sei man so sehr gewohnt, Gäste zu beherbergen, je öfter und je mehr desto lieber, — so daß jedes Haus zu drei Vierteilen aus Gastzimmern zu bestehen pflege.
Eine Haustüre war nicht vorhanden; man stieg, wie bei allen Häusern Edens, durch das Dach ein; da die Villaeinstöckig war, gelang allen der etwas hohe Sprung. Gabokol und Fliorot schwebten voran.
„Ma!“ rief Gabokol, als sie das Innere der Wohnung betraten.
Alsbald erschien eine Lichtgestalt, ein Wesen von einem Zauber der Anmut, Jugendfrische und Schönheit, wie niemand bisher ähnliches geschaut, abgesehen von Schultze, der sich von seiner Morgenwache her einer noch weit lieblicheren Erscheinung erinnerte.
Aber schon die Hausfrau, die unsern Freunden entgegenschwebte, bewies, daß auch auf Eden das weibliche Geschlecht das schönere war, so vollkommen sich auch die männliche Schönheit darstellen mochte.
„Bleodila“, stellte Gabokol seine Gattin vor, mit Betonung des O des klangvollen Namens, den Heinz als „die Blühende“ übersetzte, entschieden ein Name, der dieser Frauenblume angemessen war.
Bleodila war sehr erfreut, fremde Gäste bei sich zu schauen, und führte sie in die Wohnstube, deren Wände aus Bergkristall bestanden und mit Edelsteinen in künstlerischen Blumenmustern verziert waren.
Hier wurden unsre Freunde eingeladen, in bequemen Sesseln aus buntem, durchsichtigen Binsengeflecht sich niederzulassen.
Für das Gewicht plumper Erdenmenschen waren diese zarten Geflechte zwar nicht berechnet; doch erwiesen sie sich als so zäh, daß sie sogar Münchhausens Last aushielten, ohne zusammenzubrechen.
Der Kapitän benützte in der Folge immer den gleichen Sessel, den größten und stärksten natürlich. Die kugelige Form, die selbige Sitzgelegenheit infolgedessen annahm und die von ihrer ursprünglichen und allen auf Eden üblichen Formen seltsam abwich, machte den Lehnstuhl seinen Besitzern zu einem dauernden Andenken an den Besuch des dicken Kapitäns.
Als die Gäste Platz genommen, rief die jugendfrische Hausmutter ihre älteste Tochter herein; es herrschte die Sitte in Eden, die Hausgenossen nicht schockweise, sondern einzeln, in angemessenen Pausen den Gästen vorzustellen.
Die kleine Fee, die nun erschien und die zwanzig Jahre zählte, war von einem blaßrosa Kleide umflort und ihr braunes Haar ringelte sich in seidenen Wellen über den Rücken hinab.