5. Im Weltenraum.

Besichtigung des Weltschiffs.

Besichtigung des Weltschiffs.

Alle drei richteten sich auf und Schultze stellte mit Befriedigung fest, daß keiner verletzt war.

Dann sah er sich um.

„Weiß der Kuckuck!“ rief er, „wir stehen auf dem Plafond. Wahrhaftig, die Decke ist zum Fußboden und der Fußboden zur Decke geworden. Schauen Sie doch: die Treppe hängt verkehrt herab und das Teleskop ist nach oben gerichtet. Da! Sehen Sie! Die Erde schwebt über uns, ah! herrlich!“

In der Tat bot die mondbeschienene Erde einen prächtigen Anblick; sie entfernte sich mit rasender Geschwindigkeit und schon sah man durch das große Fenster die Umrisse der britischen Inseln wie auf einer Landkarte sich aus dem weißglänzenden Meer erheben.

„Na! So helfen Sie doch mir erst auf die Beine“, rief Münchhausen unwirsch, während er sich vergeblich bemühte, den großen Kautschuktisch von sich zu wälzen, der seinen Bauch beschwerte.

Lachend befreiten ihn Schultze und John und richteten ihn dann mit großer Anstrengung auf.

„Ich hab’s!“ rief in diesem Augenblick der Lord. „Nein! daß ich auch das nicht in Rechnung zog! Wahrhaftig, Heinz Friedung beschämt uns alle. Hat er uns nicht noch zugerufen: „Wissen Sie auch, was oben und unten ist?“ Er allein hat die Folgen geahnt, die aus der Loslösung von der Anziehungskraft der Erde sich ergeben mußten.“

„Schafskopf, der ich bin!“ rief Schultze und glaubte im Augenblick selber an die Richtigkeit seiner Behauptung: „Das ist ja sonnenklar! Stößt die Erde uns ab, so ist auch die Richtung nach der Erde für uns nicht mehr unten, sondern oben! Lord, entweder müssen Sie die Einrichtung Ihrer sämtlichen Zimmer völlig umändern oder Sie müssen zusehen, ob Sie ihre ganze Sannah zu einer Umdrehung veranlassen können, sonst stehen Ihre sämtlichen Stiegen auf dem Kopf.“

„Das ist meine geringste Sorge“, erwiderte Flitmore. „Die Treppen sind leiterartig und leicht gebaut, bestehen aus Aluminium und lassen sich aushaken. Wir können sie ohne große Mühe umdrehen; aber ich sorge, ob Mietje und Heinz keinen Schaden nahmen, und wie wird es in meinem chemischen Laboratium aussehen! Die Röhren und Gläser alle in Scherben. Schade! Ein Glück, daß die elektrischen Glühbirnen an den Wänden und nicht an den Plafonds angebracht waren, sonst ragten sie jetzt aus demFußboden empor und wären durch die stürzenden Möbel zertrümmert worden.“

Es wurde beschlossen, zunächst nach der Lady und Heinz zu sehen.

Die Deckenluken waren nun zu Falltüren im Fußboden geworden und die Treppen, die zu Aufstieg berechnet waren, galt es nun hinabzuklettern. Hiezu mußten sie erst ausgehängt und umgedreht werden, eine Arbeit, die zwar Mühe kostete, aber doch gelang.

Bei dem Abstieg jedoch kamen neue Überraschungen: die Decken und Fußböden der Zimmer erschienen durchaus nicht eben noch wagrecht: sie zeigten bedenkliche Neigungen und Steigungen. Als die ersten fünfzehn Meter überwunden waren, hörte der Abstieg überhaupt auf: von da ab waren Decke und Fußboden der Zimmer nicht einfach vertauscht, sondern zu Seitenwänden geworden; die Decken- und Fußbodenluken waren hier einfache Türen und es bedurfte gar keiner Treppe mehr, um sie zu erreichen. Anfangs zeigten sich die neuen Fußböden, die bisher Zimmerwand gewesen waren, nach unten geneigt, im späteren Verlauf jedoch wurden sie mehr und mehr zu ansteigenden schiefen Ebenen und zuletzt schien auf einmal wieder alles in Ordnung, man konnte die folgenden Treppen belassen, wie sie waren, und statt des Abstiegs begann nun ein Aufstieg zu den letzten fünf Zimmern. — Kapitän Münchhausen schüttelte den Kopf, während er keuchend seine Leibesfülle die Treppen emporschleppte: „Ihre Sannah ist rein verhext, Lord!“ rief er: „Ich komme aus diesen Verhältnissen nicht mehr draus.“

„Sonderbar, in der Tat, sonderbar“, gestand Flitmore.

„Nein! Ganz natürlich,“ belehrte der Professor überlegen; denn sein fleißiges Nachdenken hatte ihn des Rätsels Lösung finden lassen. „Unsre Sannah ist sozusagen selbständig geworden, ein von der Anziehungskraft der Erde emanzipiertes Frauenzimmer, ganz modern! Sie hat nun ihre eigene Zentripetalkraft und ihr Mittelpunkt ist für uns fortan jederzeit unten und ihre Oberfläche überall oben. Sie ist ein Planet für sich oder sagen wir ein Planetoid; sie ist in die Reihe der Weltkörper eingetreten, großartig, was?“

„Sie haben recht, Professor!“ stimmte Flitmore zu. „Und, sehen Sie, in diesen oberen Räumen ist alles in Ordnung geblieben, nur daß sich Decke und Fußboden gegen den Mittelpunkt neigen. Ein Glück, daß mein chemisches Laboratorium sich hier befindet. Da ist kein Stück beschädigt,nur etwas zusammengerutscht sind die Sachen, alles gegen die Mitte hin. Wir müssen zusehen, wie wir uns mit dieser Lage der Dinge zurechtfinden und uns so bequem als möglich einrichten. Es ist wahrhaftig fatal, daß ich diese Folgerungen in meine Berechnungen nicht einbezogen habe, sonst hätte ich Fußböden und Decken sämtlich als konzentrische Kugeln angeordnet und so allein wäre unter den obwaltenden Verhältnissen alles topfeben. Jetzt ist die Sache durch und durch verpfuscht.“

„Na, schadet nichts, lieber Lord!“ tröstete der Kapitän: „Große Unannehmlichkeiten entstehen uns daraus nicht, nur einige Arbeit, bis Sie in Ihrer Schreinerei die Hobelbank vom Plafond abgeschraubt haben und in der Schmiede den Amboß von der Wand, bis schließlich alles in die gebührende Lage zurückversetzt ist.“

Oben angekommen, fanden sie Mietje und Heinz vergnügt beieinander. Heinz hatte der Lady inzwischen den Vorgang erklärt, wie er sich ihn ganz richtig bedacht hatte, und beide freuten sich, daß alles ohne Schaden für die andern abgelaufen war.

Über den Erklärungen und dem Geplauder, das sich nun lebhaft erhoben hatte, war die Beobachtung der Weiterfahrt völlig vergessen worden, bis Mietje daran erinnerte.

„Paßt auf!“ sagte sie: „Wir nähern uns mit rasender Geschwindigkeit dem Mond.“

Alle schauten nach oben.

„Allerdings,“ sagte Heinz, „er sieht schon ganz stattlich aus, aber merkwürdig düster.“

„Hollah!“ rief Schultze: „Das ist ja unsre Erde! Dunkel erscheint sie in der Tat; aber die Umrisse von Europa und Afrika lassen sich ganz deutlich unterscheiden.“

Es war wirklich ein entzückender Anblick! Die Erde erschien als flache Scheibe, etwa zehnmal so groß als die scheinbare Größe des Vollmonds, und die mondbeleuchteten Kontinente zeigten sich wie auf einem Erdglobus: Europa, Afrika und ein Teil von Asien waren ganz zu übersehen und über Indien und Persien leuchtete schon die Morgensonne, so daß die Küsten deutlich dem staunenden Auge erschienen.

„Was ist das wieder für ein Spuk!“ polterte der Kapitän: „Ich meine doch, hier sollten wir den Ausblick direkt auf den Mond haben und die Erde ließen wir auf der andern Seite! Werter Lord, Sie haben mich sozusagen als Kapitän und Steuermann Ihrer Sannah angeheuert, aber mit solch einem vertrackten Fahrzeug weiß ich wahrhaftig nicht umzugehen. He, Professor! Sie Alleswisser, wie erklären Sie nun wieder diese Absonderlichkeit?“

„Herrlich!“ erwiderte Schultze begeistert: „Als echter Planet, der sich seiner Bedeutung im Weltall bewußt ist, dreht sich unsre Sannah um ihre eigene Achse und das in ungefähr zwei Erdenstunden. Passen Sie auf, in einer Stunde etwa sehen wir da oben wieder den Vollmond aufleuchten, und sobald wir außer dem Bereich des Erdschattens sind, wechseln bei uns Tag und Nacht stündlich; wir brauchen uns aber nur zu rechter Zeit in ein andres Zimmer unter der Oberfläche unsres Planeten zu begeben, um ewigen Tag zu genießen und unendliche Nacht, ganz nach Belieben!“

„Ich muß gestehen,“ sagte Flitmore, „das alles kommt mir ganz überraschend; meine astronomischen Kenntnisse sind nicht weit her und ich habe diese Umstände nicht in Rechnung gezogen.“

„In der Tat,“ lachte Schultze! „Auch über die Fortbewegungsgeschwindigkeit Ihrer Sannah täuschten Sie sich. Mit der Lichtgeschwindigkeit ist es einmal sicher nichts; sonst hätten wir den Mond schon längst hinter uns.“

„Halt!“ wandte der Lord ein: „Sie vergessen, daß wir uns noch in der Anfangsgeschwindigkeit befinden, die beständig wächst; überdies habe ich mit Absicht nur einen ganz schwachen Strom unsre Hülle durchkreisen lassen, damit wir unsern Nachbarn, den Mond, mit Muße betrachten können.“

„Wissen Sie, was uns begegnen wird?“ fragte der Professor „Wir werden als Bewohner eines regelrechten Planeten den Gesetzen der Gravitation unterworfen werden, das heißt unsere Sannah wird in elliptischer Bahn um die Sonne kreisen und dann sind wir hilflose Gefangene bis wir nach Verbrauch unseres Sauerstoffvorrats ein klägliches Ende nehmen.“

„Sie sind ein unheimlicher Prophet, Herr Professor,“ rief Mietje: „Hoffentlich wird Ihre Voraussage nicht in Erfüllung gehen.“

Schultze zuckte die Achseln: „Die Gravitationsgesetze erleiden keine Ausnahme; jeder Weltkörper ist ihnen unterworfen; und da unser Weltschiff zu solch einem Weltkörper im unendlichen Raume geworden ist, muß er wohl samt uns allen ein Opfer dieser Gesetze werden.“

„Was ist denn das, wenn ich mir zu fragen die Erlaubnis herausnehmen darf,“ nahm nun John Rieger, der Diener, das Wort, „diese verhängnisreiche Kraft, woselbst Sie Gravisionskraft nennen?“

„Das ist diejenige Kraft,“ klärte der Professor den Wißbegierigen auf, „die alle Planeten, das heißt die Weltkörper, die sich um die Sonne drehen, in ihren Bahnen erhält. Der unsterbliche Isaak Newton hat als erster die Gesetze dieser Kraft festgestellt, die im Grunde nichts anderes ist, als die Schwerkraft: alle Weltkörper ziehen einander an und je größer ihre Masse ist, desto stärker ist ihre Anziehungskraft.“

„Dann aber müßte doch sozusagen einer auf den andern fallen,“ warf Rieger ein: „voraussichtlich die kleinen auf die größeren, wie zum Beispiel der Mond auf die Erde und die Erde auf die Sonnen.“

„Sehr scharfsinnig bemerkt, mein Sohn!“ lobte Schultze; „aber der Mond wird nicht bloß von der Erde, sondern auch von der Sonne angezogen und alle Weltkörper ziehen einander gegenseitig an. Dazu bewirkt die Anziehungskraft die elliptische Bewegung der Planeten um die Sonne und durch diese Eigenbewegung überwinden sie wieder bis zu einem bestimmten Grad die Anziehungskraft, so daß es eben diese Kraft ist, die in ihren Folgen das Weltall im Gleichgewicht erhält. Allerdings kommen auch Störungen in der regelmäßigen Umlaufbahn vor, wenn zwei Himmelskörper sich auf ihren Wegen nähern und dadurch eine verstärkte Anziehung aufeinander ausüben. Dadurch wird die Berechnung sehr verwickelt.

So hat man berechnet, daß die Erde mindestens elf Bewegungen ausführt: 1. dreht sie sich in 24 Stunden um sich selbst, das nennt man ihre Rotation; 2. bewegt sie sich um die Sonne mit einer Geschwindigkeit von 29450 Metern, also beinahe 30 Kilometern, in der Sekunde; 3. eilt sie mit dem ganzen Sonnensystem dem Sternbild des Herkules oder der Leier zu; 4. schwingt die Erdachse; 5. verändert sich die Form der Erdbahn um die Sonne, indem sie sich bald der Kreisform nähert, bald wieder der Form einer langgestreckten Ellipse; 6. dreht sich diese Ellipse selber in ihrer eigenen Ebene in einer Periode von 21000 Jahren; 7. dreht sich die Erdachse in 25765 Jahren in einem Kreis; 8. die Anziehungskraft des Mondes, dem wir auch Ebbe und Flut verdanken, läßt den Pol des Äquators in 18 Jahren und 8 Monaten eine kleine Ellipse beschreiben, da der Mond eine Anschwellung der Erdmasse am Äquator hervorruft, die eine Art Ebbe und Flut auch des festen Landes darstellt; 9. die Lage des Schwerpunktes unseres Erdballs verändert sich allmonatlich ebenfalls infolge der Mondanziehung; 10. die Planeten, namentlich Jupiter und Venus, verursachen Störungen der Erdbahn; 11. der Mittelpunkt der jährlichen Umdrehung der Erde um die Sonne liegt nicht im Mittelpunkt der letzteren, sondern ist veränderlich. Es wäre übrigens leicht, noch mehr Bewegungen auszurechnen.“

„Du siehst, John,“ sagte Flitmore lachend, „wenn du in einem fahrenden Schnellzug auf und ab spazierst, die Hände schlenkernd und dabei die Finger bewegend, so machen deine Finger 15 Bewegungen mit und der Bazillus, der in deinem kreisenden Blute deiner Fingerspitze schwimmt, gar 17.“

„Aber was sagen Sie, Lord, zu der Befürchtung unseres Professors, daß wir nun ewig um die Sonne kreisen werden?“ fragte Heinz Friedung.

„Damit hat es keine Gefahr,“ erwiderte Flitmore. „Schultze ließ einen Hauptumstand außer acht. Ich habe überhaupt eine besondere Ansicht über die Gravitation; ich glaube, daß zwei Kräfte dabei tätig sind, eine Anziehungskraft und eine gegenseitige Abstoßungskraft, wie man ja auch annimmt, daß die Moleküle und Atome eines Körpers einander zwar anziehen aber doch nicht berühren, weil sie einander auch abstoßen. Der Ausgleich dieser beiden einander entgegenwirkenden Kräfte bestimmt meiner Ansicht nach den gegenseitigen Abstand, den die Himmelskörper einhalten; so erkläre ich mir auch, daß die flüchtigen Stoffe der Kometen bei der Annäherung an die Sonne bis zu einem gewissen Punkt angezogen, von da ab aber abgestoßen werden und so die Kometenschweife bilden.

Für uns aber ist die Hauptsache, daß der Strom, der in der Sannah kreist, die Anziehungskraft überhaupt aufhebt und nur die Fliehkraft wirken läßt, so daß kein Weltkörper uns in seinen Bannkreis zwingen kann, so lange der Strom geschlossen bleibt.“

„Das ist in der Tat richtig,“ gab Schultze zu. „Aber hören Sie, noch eins erscheint mir rätselhaft: wir befinden uns jedenfalls schon längst im leeren Raum, außerhalb der irdischen Atmosphäre, deren Höhe auf etwa 180 Kilometer geschätzt wird ...“

„Erlauben Sie, daß ich Sie hier unterbreche,“ bat Flitmore: „Wie stellen Sie sich unsere irdische Lufthülle überhaupt vor?“

„Nun,“ erwiderte der Professor: „Man ist der Ansicht, als ob es eine scharfe Abgrenzung der Atmosphäre gegen den Raum überhaupt nicht gebe, sondern bloß einen allmählichen Übergang durch stets zunehmende Verdünnung der Luft.“

„Ganz richtig!“ sagte der Lord: „Aber die Astronomen oder Astrophysiker, die diese schöne Theorie aufstellen, vergessen offenbar, daß die Erde bei ihrem Dahinsausen durch den Raum ihre Lufthülle mit sich nimmt. Wie wollen wir uns das erklären, wenn diese Hülle gar keine feste Grenze hat?“

„Das stimmt!“ meinte Heinz: „Es ist klar, daß die Anziehungskraft der Erde auf die obersten, dünnsten Luftschichten am schwächsten wirkt; in einer bestimmten Höhe muß die Attraktion nicht mehr genügen, um die in den leeren Raum übergehende unendlich verdünnte Luft festzuhalten und somit muß sie alles zurücklassen, was über diese Grenze hinausgeht; wäre also die Atmosphäre ursprünglich ohne bestimmte Grenze gewesen, so müßte sie doch alsbald durch die Fortbewegung der Erde zu einer scharfen Abgrenzung gelangt sein.“

„Ganz meine Ansicht,“ bestätigte Flitmore: „Ich gehe noch weiter; es wäre anzunehmen, daß die Erde immer mehr von ihrer Atmosphäre an den leeren Raum verlöre und die Masse derselben beständig abnehmen müßte.“

„Das leuchtet mir ein,“ meinte Schultze: „Jedenfalls muß die Lufthülle der Erde gegen den Raum scharf abgegrenzt sein, da sie mit der Erde durch die Leere saust.“

„Doch nicht!“ widersprach der Lord.

„Oho!“ rief Schultze verwundert: „Wie wollen Sie dann aus der Klemme kommen?“

„Sehr einfach,“ erklärte der Engländer: „Die Lufthülle der Erde ist nie und nirgends vom raumerfüllenden Stoff scharf unterschieden, weil eben dieser Stoff, der den Raum erfüllt, und den man Äther nennt, nichts anderes ist als Luft.“

„Da hört sich aber doch alle Wissenschaft auf!“ lachte der Professor. „Damit werden Sie in der wissenschaftlichen Welt schwerlich durchdringen.“

„Möglich! Aber das ist meine Überzeugung. Ein ganz allmählicher Übergang der Atmosphäre in den umgebenden Raum ist nur dann möglich, wenn der Raum eben die gleichen Stoffe enthält, wie die Luft, freilich in äußerst dünner Verteilung. So mag die Erde einerseits beständig etwas von ihren obersten dünnsten Luftschichten an den Raum verlieren, sie wird aber andererseits auch beständig aus dem durcheilten Raum wieder Ersatz anziehen.“

„Bravo!“ rief Heinz: „Diese Theorie allein scheint mir genügend zu erklären, wieso die Erde ihre Lufthülle durch die Jahrtausende in gleicher Dichte und stets erneuerter Reinheit bewahren kann.“

„So ist es,“ bestätigte der Lord: „Und weiter folgt daraus, daß jeder Weltkörper entsprechend seiner Masse und Anziehungskraft, sowie seiner Rotations- und Umlaufgeschwindigkeit sich aus dem Raum eine Atmosphäre angezogen haben muß, die eben durch seine Attraktion verdichtet und an seiner Oberfläche am dichtesten geworden ist.“

„Das hieße also: kein Weltkörper ohne Lufthülle?“ fragte Schultze.

„Das wäre allerdings die notwendige Folge meiner Annahme.“

„Lassen wir das dahingestellt,“ fuhr der Professor kopfschüttelnd fort: „Das Rätsel, von dem ich reden wollte, ist dies: da wir uns im leeren Raum, oder, wie Sie wollen, in äußerst verdünnter ätherischer Luft befinden, muß in unserer Umgebung eine Temperatur herrschen, die dem absoluten Nullpunkt nahe kommt, das heißt 273 Grad unter Null. Nun mag die Schutzhülle unserer Sannah noch so vorzüglich sein, ebenso Ihr Heizungssystem; wir müßten dennoch den Einfluß einer so ungeheuren Kälte spüren. Ich aber spüre nichts Derartiges, vielmehr ist es stets gleichmäßig behaglich warm.“

„Über die Temperaturverhältnisse des Raumes sind wir völlig im unklaren,“ entgegnete der Engländer: „Die beständige Abnahme der Temperatur ist schon innerhalb der Erdatmosphäre widerlegt, in welcher bekanntlich die große Inversion stattfindet: die unterste Luftschicht ist 3 bis 4 Kilometer hoch und befindet sich in steter Unruhe und Bewegung; über ihr befindet sich eine ruhigere, trockene, kalte Luftschicht, in der die Temperatur bis zu 85 Grad unter Null abnimmt. In einer Höhe von 10 Kilometern aber beginnt die dritte, sehr gleichmäßige, ruhige und trockene Schicht, die wieder wärmer ist und bei 14 Kilometer Höhe 52 bis 57 Grad unter Null aufweist. Die Theorie der ‚Strahlung‘ von Licht und Wärme halte ich für eine völlig verfehlte: sie müßte zu ganz unmöglichen Folgerungen führen. Bedenkt man, mit welcher Geschwindigkeit die Erde durch den Raum eilt, so daß in jedem Augenblick neue, zuvor im Raum verlorene Sonnenstrahlen sie treffen, so müßte man annehmen, daß sie überhaupt kein Licht und keine Wärme von der Sonne empfangen könnte, falls nicht der Raum, den sie durchwandert, erleuchtet und erwärmt wäre. Meiner Ansicht nach pflanzt sich Licht und Wärme in der Weise fort, daß die erleuchteten und erwärmten Stoffteile des Raumes sie einander durch Berührung weitergeben, meinetwegen als Schwingungen. Je dünner die Materie ist, desto rascher gibt sie die Schwingungen weiter und desto weniger speichert sie an Licht und Wärme auf; je dichter sie ist, desto mehr absorbiert oder verschluckt sie, speichert davon in sich auf oder wirft die Strahlen zurück, wobei es auf die Art des Stoffes ebenfalls ankommt, auf seine Leitungsfähigkeit, Färbung und so weiter.“

„Sie haben recht, Lord,“ mischte sich nun Kapitän Münchhausen in das Gespräch: „Auf den höchsten Berggipfeln, die infolge der mangelnden Erdwärme ewig in Eis und Schnee starren, brennt die Sonne viel heißer als unten in der dichten Atmosphäre. Warum? Die dünne Luft gibt ihre Wärme rascher ab, wobei sie sich selber weniger durch Aufspeicherung erwärmt; der Raum, durch den wir fliegen, ist jedenfalls weit kälter als die Bergluft, aber durchaus nicht so bodenlos kalt, wie man annimmt, und bei Tag werden wir es erfahren, daß die Sonnenstrahlen uns tüchtiger einheizen als irgendwo auf der Erde.“

„Und da eine Hälfte unserer Sannah stets Sonnenlicht genießen wird,“ fügte Heinz bei, „so denke ich, werden wir nie unter zu starker Abkühlung zu leiden haben.“

„Damit rechne auch ich,“ schloß Flitmore: „Ich glaube, wir werden, solange wir uns im Bereiche der Sonnenwärme befinden, überhaupt keiner Heizung mehr bedürfen; im Gegenteil, die Schutzhülle meines Weltschiffs wird uns vor unerträglicher Hitze bewahren müssen.“

Unsere Freunde richteten nun ihr Augenmerk wieder auf den Mond, der sein weißes Licht aufs neue durch das große Deckenfenster sandte; denn Sannah hatte inzwischen eine zweite Umdrehung vollendet.

Er erschien nun als eine ungeheure Kugel, so nah, wie er durch das stärkste irdische Fernrohr nicht gesehen werden kann.

„Wir stürzen geradewegs auf ihn zu!“ rief Lady Flitmore nicht ohne Besorgnis.

„Beruhige dich, Mietje,“ tröstete ihr Gatte: „Die Fliehkraft gestattet nicht, daß wir an seiner Oberfläche zerschellen, er muß uns abstoßen, ehe wir ihm nahe kommen. Wenn wir übrigens wollten, könnten wir ihm einen Besuch abstatten: ich brauchte nur den Strom abzustellen.“

„Ich stimme nicht dafür,“ erklärte Münchhausen: „Er sieht durchaus nicht einladend aus, dieser Sehnsuchtstraum der Poeten.“

„Und ob wir dort atmen könnten,“ meinte Schultze: „Er soll ja keine Atmosphäre besitzen.“

„Was das betrifft,“ entgegnete der Lord, „so halte ich vorerst an meiner vorhin geäußerten Meinung fest, daß jeder Weltkörper seine Lufthülle besitzt.“

„Doch hat man nie mit Sicherheit Dämmerungserscheinungen auf ihm beobachten können,“ warf der Professor ein.

„Das beweist gar nichts,“ widersprach Flitmore hartnäckig: „Erstens wollen mehrere Astronomen Dämmerungserscheinungen auf dem Mond erkannt haben; zweitens gibt es in reiner Luft, wie Tyndall nachwies, überhaupt keine Dämmerungserscheinungen, diese rühren vielmehr von kleinen Partikelchen in der Atmosphäre her; so kennen zum Beispiel auch tropische Länder auf der Erde keine Dämmerung, und die Luft wollen Sie ihnen doch nicht absprechen? Daß der Mond keine Wolkenbildungen zeigt, beweist bloß den Wassermangel auf seiner Oberfläche. Andrerseits erscheint oft ein Stern vor der Mondscheibe, ehe er hinter derselben verschwindet, was sich am leichtesten durch die atmosphärische Lichtbrechung erklären läßt.“

Einladend sah allerdings die Mondlandschaft nicht gerade aus, wie der Kapitän sehr richtig bemerkt hatte: alles erschien starr, öde und tot, ohne eine Spur von Pflanzenwuchs und Wasserläufen. Aber hochinteressant erschien der Anblick und fesselte denn auch die Augen der Beobachter.

Die Gebirge erhoben sich zu ungeheurer Höhe über ihre Umgebung und überall zeigten sich die dem Monde eigentümlichen Ringkrater mit ihren himmelhohen steilen Rändern. Einzelne Erhebungen mochten eine absolute Höhe von 10000 Metern erreichen.

Besondere Aufmerksamkeit wandten der Professor und der Lord dem Krater Linné zu, der von Lohrmann als ein Schacht von zehn Kilometer Durchmesser beschrieben und von Beer und Mädler als solcher mit besonderer Deutlichkeit beobachtet wurde, 1866 aber plötzlich verschwand. An seiner Stelle erschien später ein kleines Kraterchen, das auch die beiden Beobachter der Sannah erblickten.

Gerne hätten sie auch den Doppelkrater Messier betrachtet, der sich ebenfalls in merkwürdiger Weise verändert haben soll: bei nicht weniger als 300 Beobachtungen von 1829 bis 1837 waren beide Krater rund und einander gleich; heutzutage zeigt der eine Krater eine elliptische Form und die Zwischenwand der beiden Schlünde ist durchbrochen.

Man glaubt auch hie und da ein wogendes Nebelmeer in diesem Krater gesehen zu haben, vielleicht Rauchwolken. Für unsere Freunde war der Messier unsichtbar, weil das Mare foecunditatis, wo er sich befindet, in dunkle Nacht gehüllt war.

Von mehreren Kratern sah man helle Strahlen ausgehen. Namentlich zeigte sich diese merkwürdige Erscheinung an dem großartigsten Ringgebirge des Mondes, dem Tycho, von welchem mehrere hundert getrennte Streifen bis zu 1200 Kilometer Länge ausstrahlten.

Schultze glaubte in diesen rätselhaften Gebilden erstarrte Lavaströme zu erkennen mit glatter glänzender Oberfläche. Dafür spricht der Umstand, daß sie nur bei voller Beleuchtung durch die Sonne sichtbar sind.

Flitmore dagegen wies darauf hin, daß die Strahlen meist erst in einiger Entfernung von den Kraterwällen begannen und dann über Ebenen, Krater, Berge und Täler ununterbrochen hinwegliefen, um dann plötzlich am Fuße irgendeiner Erhebung zu enden oder sich allmählich in einer Ebene zu verlieren. Das stimmte doch nicht recht zu der Theorie der Lavaströme.

Dagegen erkannten beide Forscher deutlich das Wesen der rätselhaften Rillen, die teils gerade, teils gekrümmt, bald vereinzelt, bald sich verzweigend oder einander schneidend, sich in den Ebenen und um die Berge herum zeigten, manchmal auch einen Berg durchbrechend. Sie erwiesen sich als mehr oder weniger breite klaffende Sprünge in der Mondoberfläche.

Mondandschaft.

Mondandschaft.

Mehr als einmal wurden auch Neubildungen auf dem Monde beobachtet, und unsere Freunde hatten das Glück, eine solche unter ihren Augen entstehen zu sehen: in der großen Ebene des Mare imbrium tat sich auf einmal der Boden auf, Rauch und Glut brach hervor und es bildete sich binnen weniger Minuten ein Krater, von dem aus ein Schlamm- oder Lavastrom sich in die Umgebung ergoß.

„Schade, daß die Astronomen auf der Erde den neuen Vulkan nicht sehen können,“ meinte Flitmore bedauernd: „Er ist zu klein für ihre Instrumente.“

„Wir haben den Vorgang beobachtet, das genügt!“ triumphierte Schultze.

„Ja,“ mischte sich Heinz darein; „Falls wir je wieder die Erde erreichen und Kunde von diesem Vorgang dorthin bringen können.“

„Damit wäre ein alter Streit entschieden,“ sagte der Professor, „wenn man uns nämlich Glauben schenkt, was immerhin sehr zweifelhaft bleibt.“

„Was für merkwürdige Farben!“ bemerkte nun Lady Flitmore und wies auf die Gegend des Oceanus procellarum hin.

In der Tat zeigten sich dort ausgedehnte Flecken von hellgrüner und gelblicher Färbung.

„Sollte da am Ende dennoch Pflanzenwuchs vorhanden sein?“ wagte Heinz zu vermuten.

„Achtung, meine Herren!“ rief jetzt der Lord: „Wir werden nun einen Anblick bekommen, den kein irdisches Auge noch genossen hat. Bekanntlich kehrt der Mond der Erde stets nur ein und dieselbe Seite zu, weil er sich genau in der gleichen Zeit um seine Axe wie um die Erde dreht. Nur infolge seiner Libration, das heißt seiner geringen Axenschwankung, sehen wir bald auf der einen, bald auf der andern Seite einen kleinen Teil der von uns abgekehrten Hälfte.

Nun ist der Moment gekommen, wo wir am Erdtrabanten vorbeifliegen und seine rätselhafte Rückseite zu Gesicht bekommen werden, und zwar aus verhältnismäßiger Nähe; denn wir sind ihm bis auf 10000 Kilometer nahegekommen, während er 400000 Kilometer von der Erde entfernt ist.“

Alle waren aufs höchste gespannt auf den Anblick, den die geheimnisvolle Rückseite des Mondes ihnen gewähren würde, obgleich Schultze meinte, sie werde nicht viel verschieden sein von dem, was man bisher geschaut.

Zur Beobachtung mußte ein andres Zimmer aufgesucht werden, da infolge der Umdrehung der Sannah der Mond für das Zimmer, in welchem sich die Gesellschaft befand, gerade unterging.

Der Lord beschloß, sich dem Monde noch weiter zu nähern, damit alle Einzelheiten der zu erwartenden Erscheinungen mit voller Deutlichkeit beobachtet werden könnten. Er stellte daher den Zentrifugalstrom ab und mit rasender Geschwindigkeit stürzte die Sannah dem Monde zu.

Das nächste, was entdeckt wurde, war die Fortsetzung der farbigen Flecke, die sich durch das Teleskop nun deutlich als grüne Matten und dürre Grassteppen erkennen ließen.

„Was ist das?“ rief Lady Flitmore auf einmal erschreckt aus.

Durch das Fenster fiel ein leuchtender Schein.

Der Lord sah auf und eilte dann mit einem Satz an die Stromschaltung, um die Fliehkraft wieder in Tätigkeit zu setzen.

„Was war’s?“ fragte Heinz.

„Wir sind in die Mondatmosphäre eingedrungen,“ erklärte der Engländer, „und bei der Geschwindigkeit unsres Sturzes begannen die Metallränder der Fenstereinfassung trotz des Flintglasschutzes zu glühen; doch die Gefahr ist beseitigt; wir erheben uns bereits wieder über die Atmosphäre.“

„Sie ist also vorhanden, diese vielbezweifelte Mondluft,“ sagte Schultze.

„Daran ist nicht mehr zu zweifeln; aber sehen Sie!“ erwiderte Flitmore.

Die Mondoberfläche war kaum noch hundert Kilometer entfernt; so hoch erhob sich der dichtere Teil ihrer atmosphärischen Hülle. Und nun zeigten sich Landschaftsbilder von entzückender Pracht.

Auch hier herrschten die sonderbaren Ringgebirge vor; aber sie waren bewaldet.

Die Entfernung gestattete nicht, mit bloßem Auge die Natur dieser Wälder zu erkennen, das Fernrohr jedoch offenbarte ganz eigentümliche Baumformen, wie sie auf der Erde kaum zu finden sind. Die meisten dieser Gewächse glichen ungeheuren Grasbüscheln auf hohen Stämmen, so daß sie palmenartig aussahen; doch hatten die Bäume nur selten eine eigentliche Krone; meist waren es wagrechte Äste, die ihr buschiges Ende nach allen Seiten hin ausstreckten.

Riesenfarnen und Nadelbäume von demselben eigentümlichen Bau waren an andern Stellen zu sehen; die Wedel standen wagrecht von den Stämmen ab und neigten sich zum Teil nach unten, so daß unter dem Stamm keinSchatten zu finden sein konnte, abgesehen vom spärlichen Schatten des Stammes selber und seines Astholzes; in ziemlicher Entfernung erst umgab den Baum ein Kreis von schattigen Stellen.

In den Ringkratern leuchteten häufig kleinere oder größere Seen; Wasserfälle und Bäche stürzten die steilen Bergwände herab, größere Flußläufe und Meere waren jedoch nicht zu sehen: die Bäche ergossen sich in kleine Binnenseen oder versandeten in der Ebene; vielfach schienen auch Sümpfe die Niederungen zu bedecken.

Von lebenden Wesen war nichts zu entdecken und Schultze sprach die Vermutung aus, daß eine Tier- und Vogelwelt jedenfalls vorhanden sein dürfte, allein wahrscheinlich nur in einer geringen Anzahl von Exemplaren von bescheidenster Größe, so daß auf solche Entfernung nichts davon zu erkennen sei.

Wolkenbildungen schienen auch auf dieser Seite des Mondes überhaupt nicht vorzukommen, was bei dem Mangel an bedeutenderen Wasserflächen nicht gerade verwunderlich war. Dagegen stiegen da und dort Nebelschleier auf, die dazu dienen mochten, das Land zu befeuchten und die Quellen zu speisen.

Leider war der größte Teil der Mondscheibe auf dieser Seite in Nacht gehüllt, so daß es unbekannt blieb, ob nicht noch unbekannte Wunder, vielleicht gar Spuren menschenähnlicher Geschöpfe in den verborgenen Gegenden zu schauen gewesen wären.

„Einen langen Tag und eine lange Nacht haben die etwaigen Mondbewohner,“ sagte Schultze. „Sie währen 14¾ unsrer Erdentage; um so kürzer ist ihr Jahr, denn es dauert eben nur einen Tag und eine Nacht, im ganzen 29½ Erdentage.

Auf dieser Seite des Mondes wird die Erde niemals geschaut, während sie auf der andern, jedenfalls unbelebten und unbewohnbaren Seite des Mondes unbeweglich am Himmel steht, ohne jemals auf- oder unterzugehen oder ihre Lage zu verändern. Sie erscheint dreizehnmal größer als uns auf Erden der Mond erscheint und macht innerhalb 24 Stunden alle Mondphasen durch. Welch herrlichen Anblick und welch strahlendes Licht gewährt sie dort, wo wahrscheinlich niemand sie zu bewundern vermag!“

Lord Flitmore beschloß, von nun ab die Fahrt in die Welträume aufs äußerste zu beschleunigen und stellte den vollen Zentrifugalstrom ein; dann wurde eine Mahlzeit eingenommen, die John als Allerweltskünstler inzwischen bereitet hatte.

Da die Weltallreisenden dringendes Ruhebedürfnis verspürten, wurde beschlossen, daß sich nun jeder in sein eigenes Schlafgemach zurückziehen solle, um einige Stunden des Schlafes zu pflegen.

Bei den zahlreichen Räumen, die Lord Flitmores Sannah enthielt, hatte nämlich jeder ein besonderes und sehr geräumiges Schlafzimmer zur Verfügung.

Zuvor aber wurde der Wachdienst geregelt.

Es wurde allgemein anerkannt, daß eine ständige Wache unerläßlich sei, einmal weil bei einer Fahrt von solch rasender Geschwindigkeit, wie sie jetzt ausgeführt wurde, unbekannte Gefahren jederzeit drohten; sodann weil besonders interessante Erscheinungen sich bieten konnten, die sich niemand gerne hätte entgehen lassen mögen.

Die Schlafzeit wurde auf 8 Stunden festgesetzt, und da Mietje darauf bestand, ihren Wachdienst gleich den Männern zu versehen, wurde jede „Nacht“, wenn man die Zeit des Schlafes so nennen wollte, in drei Wachen eingeteilt, so daß auf jeden alle 48 Stunden eine Wache von etwa 2¾ Stunden kam; gewiß keine übermäßige Leistung, da er hernach schlafen konnte, so lange es ihm behagte.

Der jeweilige Wachhabende hatte die Runde durch alle Beobachtungszimmer zwei- oder dreimal zu machen, um alle Himmelsrichtungen zu beobachten. Sah er eine Gefahr oder etwas besonders Merkwürdiges, so war er verpflichtet, das elektrische Läutwerk erklingen zu lassen, das in allen Gemächern zugleich ertönte und von jedem Zimmer aus durch den Druck auf einen Knopf in Tätigkeit gesetzt werden konnte.

Lord Flitmore übernahm die erste Wache.

Mit ungeheurer Geschwindigkeit stürzte die Sannah ins Leere.

An der Abnahme der scheinbaren Größe des Mondes berechnete der Lord, daß sie etwa 100 Kilometer in der Sekunde zurücklegte.

„Die Geschwindigkeit wird sich mit der Zeit noch verdoppeln, vielleicht verdreifachen,“ murmelte er; „aber damit wird sie auch ihre höchste Eile erreicht haben. Im gegenwärtigen Tempo würden wir in neun Tagen die Marsbahn kreuzen, mit 300 Kilometern in der Sekunde in drei Tagen; dann würden wir drei Wochen benötigen, um die Jupiterbahn zu erreichen, weitere 25 Tage, um nach dem Saturn zu gelangen, dann 55 Tage bis zum Uranus und etwa 62 Tage bis zum Neptun, im ganzen fünfeinhalb Monate. Das würde elf Monate ausmachen, bis wir wieder zur Erde zurückgelangten, und so lange kann ich wohl hoffen, daß unsere Luftvorräte ausreichen, ganz abgesehen von der Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit, sie auf irgend einem Planeten erneuern zu können, wodurch wir in Stand gesetzt würden, noch unbestimmte Zeit auf die Besichtigung und Erforschung der Planeten zu verwenden, deren Natur unserer Konstitution einen Aufenthalt auf ihrer Oberfläche gestatten würde. So könnten wir also ohne besonderes Risiko bis an die Grenzen unseres Sonnensystems reisen.“

„Prächtig!“ rief eine Stimme.

„Oho, Sie sind’s, Professor?“ sagte der Lord, sich umwendend. „Sie sind zu früh dran; erst in einer halben Stunde kommt die Wache an Sie.“

„Na! Ich habe die zwei Stunden famos geschlafen und fühle mich ganz munter; so wollte ich Ihnen die letzte Zeit Ihrer Wache Gesellschaft leisten;aber Sie werden müde sein; legen Sie sich nur gleich, wenn Sie wollen, ich bin ja auf dem Posten.“

„Ich fühle nichts von Müdigkeit; ich bin es gewohnt, lange zu wachen.“

„Also bis zum Neptun können wir reisen, wenn ich Sie recht verstand? Das ist ja famos!“

„Für mich bedeutet es vielmehr eine Enttäuschung: ich wünschte die Welträume jenseits unsres Sonnensystems zu erforschen; aber das scheint nun ausgeschlossen, denn wir würden bei einer Geschwindigkeit von nur 300 Kilometern in der Sekunde so beiläufig 4500 Jahre brauchen, um den nächsten Fixstern Alpha Centauri zu erreichen.“

„Na, wissen Sie, Lord, wenn wir uns hier in der Unendlichkeit bewegen, außerhalb des Bereichs irdischer Naturgesetze, so ist es ja wohl gar nicht ausgeschlossen, daß wir einige tausend Jahre alt werden,“ scherzte Schultze.

„Und auf leibliche Nahrung und Atmung in gesunder Luft dabei verzichten können,“ ergänzte Flitmore. „Kann sein! Denn was ein Professor für möglich hält, muß sein können. Aber ich fürchte, wir würden an Langerweile zu Grunde gehen, wenn wir viereinhalb Tausend Jährlein durch den leeren Raum reisen wollten.“

„Hören Sie, Lord,“ sagte Schultze unvermittelt: „Die Sonne wird merkwürdig klein!“

Er hatte einen Blick zum Fenster hinausgeworfen und zu seiner Verblüffung bemerkt, daß die Sonnenscheibe kaum noch halb so groß erschien, wie gewöhnlich und auch an Glanz in ähnlichem Verhältnis abgenommen hatte.

Bei einer Geschwindigkeit von 360000 Kilometern in der Stunde war diese Erscheinung ein Rätsel: vier bis fünf Tage von 24 Stunden hätte normalerweise die Fahrt währen müssen, bis die Sonne in solcher Entfernung sich zeigte.

Flitmore wunderte sich zunächst nicht weiter über des Professors Bemerkung: „Ja,“ sagte er, „wir entfernen uns immer mehr von unserm Zentralgestirn.“

Dabei blickte auch er zum Fenster empor.

„Halloh!“ rief er nun aber ganz verblüfft: „Was soll das bedeuten?“

Er griff sich an die Stirn, als zweifle er, ob er wache oder träume.

„Lord, die Sannah macht nicht 300, sondern 15000 Kilometer in der Sekunde,“ rief Schultze aus: „Auf diese Weise erreichen wir Alpha Centauri bereits in 90 Jahren; wenn übrigens die Geschwindigkeit Ihres wunderbaren Weltschiffes im gleichen Tempo noch weiter zunimmt, wie anzunehmen ist, so können auch 90 Tage daraus werden.“

„Ausgeschlossen, völlig ausgeschlossen!“ sagte nun Flitmore ruhig und bestimmt, ging hin und unterbrach den Zentrifugalstrom.

„Was machen Sie da?“ frug der Professor.

„Es war die höchste Zeit, daß wir die Sachlage entdeckten,“ erklärte der Lord: „Wir müssen bereits über die Marsbahn hinausgekommen sein. Hätte ich mich zur Ruhe gelegt und Sie hätten die Bedeutung der auffallenden Erscheinung nicht erkannt, so wären wir rettungslos verloren gewesen. Ja, verloren im unendlichen Raum! Es handelt sich hier nicht um eine fabelhafte Geschwindigkeit unseres Fahrzeugs, sondern um die rasende Schnelligkeit, mit der unser Sonnensystem durch das Weltall saust. Da wir die Anziehungskraft für uns aufgehoben hatten, nahm uns das Sonnensystem auf seiner Fahrt nicht mit, sondern drohte, uns hinter sich zurück im Raum zu lassen.“,

„Erlauben Sie, Lord! Die Sonne soll sich freilich mit ihren Trabanten auf das Sternbild des Herkules zu bewegen, aber nur mit 16 Kilometern in der Sekunde, so daß diese Bewegung gegen die 300 Sekundenkilometer der Sannah kaum in Betracht kommt und keinesfalls unsre rascheEntfernung von der Sonne erklärt.“

„Sie haben recht, Professor; aber da ist eine Bewegung, die kein irdischer Astronom erkennen konnte, die aber geahnt und vermutet worden ist, und die sich in diesem Augenblick enthüllt hat: Die ganze Fixsternwelt, innerhalb deren sich die einzelnen Systeme bewegen, wie etwa unser Sonnensystem nach dem Herkules, bildet wiederum ein großes System, das offenbar mit 15000 oder noch mehr Sekundenkilometern wie ein Strom durch die Unendlichkeit des Raums dahinfährt und diese Strömung ist es, die drohte uns unser Sonnensystem in kurzer Zeit zu entführen, so daß wir im Leeren zurückgeblieben wären, fern von allen Weltkörpern, die uns hätten anziehen oder abstoßen können und uns so die Aussicht gewährt hätten, irgendwo zu landen.“

„Nanu! So hätten wir eben zuwarten müssen, bis der große Weltenstrom neue Welten in unsre Nähe geführt hätte.“

„Ein guter Gedanke; aber wer weiß, wie viele tausend Jahre wir darauf hätten warten müssen. Jedenfalls zog ich es vor, uns wieder dem Einfluß der Anziehungskraft zu überlassen, da es zunächst für unsre Sicherheit notwendig erscheint, unser Sonnensystem nicht zu verlassen. Jetzt werden wir voraussichtlich in die Attraktionssphäre des Mars geraten und müssen aufpassen, daß wir nicht unsanft auf ihn herabstürzen. Ich werde mich daher nicht zur Ruhe begeben, um meine Maßregeln rechtzeitig treffen zu können.“

Unsre Freunde hatten beschlossen, ihre Zeitrechnung nach irdischem Maßstab einzuteilen, um jeglicher Verwirrung der Begriffe zu entgehen, und so war es, wie die Uhren der Sannah anzeigten, 8 Uhr morgens, als sich alle um den Frühstückstisch im Nordpolzimmer versammelten.

Die Schlafgemächer befanden sich sämtlich in den inneren Räumen, die auf künstliche Beleuchtung angewiesen waren; die vier Säle, die sich in der Äquatorlinie der Sannah befanden, hatten stets abwechselnd eine Stunde Tag und eine Stunde Nacht; im Südpolzimmer dagegen herrschte zur Zeit beständige Nacht, im Nordpolzimmer unaufhörlich Tag. Aus diesem Grunde wurde letzteres zum gewöhnlichen Aufenthaltsort gewählt.

Schultze berichtete eingehend über die Vorkommnisse der vergangenen Nacht und schloß mit den Worten: „Die Tatsache, daß die Erde mit dem Mond so rasch aus unserem Gesichtskreis entschwand, sowie daß das ganze Sonnensystem uns zu entfliehen drohte, ist der erste praktische Beweis für die Richtigkeit des kopernikanischen Systems.“

„Wieso?“ fragte Heinz Friedung erstaunt: „Ich meinte, nichts von der Welt stehe so sicher wie dieses System und es sei längst schon als zweifellos richtig erwiesen!“

„Da sieht man die Schulweisheit!“ lachte der Professor: „Was einer glaubt, verkündigt er, sei es aus Unwissenheit, sei es aus Einbildung, gewöhnlich als zweifellose Wahrheit. So werden den Schülern und selbst den Studenten die anerkannten wissenschaftlichen Vermutungen als felsenfest stehende Wahrheiten verkündigt. Meist lassen sie sich dadurch täuschen, und so kommt es, daß die große Menge sowie auch die von ihrer eigenen Unfehlbarkeit überzeugten Gelehrten glauben, jeden verhöhnen und alsungebildet und rückständig brandmarken zu dürfen, der ihren Glauben nicht teilt und an dem zweifeln zu dürfen glaubt, was als modernster Standpunkt der Wissenschaft gilt.

Es ist wahr, das kopernikanische System ist überaus einleuchtend und erklärt am besten alle astronomischen Erscheinungen auf der Wissensstufe, auf der wir zur Zeit stehen; ja, unser ganzes Physikalisches Begriffssystem beruht auf der Voraussetzung seiner Richtigkeit. Aber zweifellos bewiesen ist diese Richtigkeit so wenig, wie irgend eine andre sogenannte „wissenschaftliche Wahrheit“. Es ist sehr unwahrscheinlich, aber durchaus nicht undenkbar, daß ein kommendes, fortgeschritteneres Gechlecht wieder zum ptolomäischen Weltsystem zurückkehrt. Dann müßte allerdings die gesamte astronomische Wissenschaft umgearbeitet und eine neue Physik erfunden werden, die sich auf der ptolomäischen Anschauung aufbauen würde. Wie gesagt, es ist unwahrscheinlich, daß dies geschehen wird, aber durchaus nicht unmöglich, denn unsre Wissenschaft baut sich lediglich auf Vermutungen auf, nicht auf Wissen: Tatsachen sind keine Wissenschaft, sondern erst die stets unsichern Schlüsse, die wir aus den Tatsachen folgern.“

„Mit Verlaub, Herr Professor,“ begann nun John Rieger, der stets bestrebt war, seine Bildung zu vermehren: „Was ist das eigentlich, das polemische und das koperganische Weltsystem, wenn ich mir solche Frage aus Unbescheidenheit zu stellen gestatten darf?“

„Gewiß darfst du das, und ich will dich gerne aufklären: Claudius Ptolomäus war ein berühmter Sternkundiger im zweiten Jahrhundert vor Christus und lebte in der Stadt Alexandria in Ägypten. Er glaubte, die Erde bilde den Mittelpunkt der Welt und stehe unbeweglich fest, während Sonne, Mond und Sterne sich um sie bewegten, wie es ja für uns den Anschein hat. Diese Meinung nennt man das ptolomäische Weltsystem, an das man noch 1500 Jahre nach Christus allgemein glaubte.

Nikolaus Kopernikus war ein polnischer Priester, der ein Buch schrieb, auf dem unsere jetzigen Anschauungen beruhen, und das im Jahre 1543 erschien. Hier erklärt er nicht nur, daß die Erde sich um ihre Achse dreht, woraus Tag und Nacht entstehen, sondern daß sie auch in einem Jahre sich um die Sonne bewegt, die den stillstehenden Mittelpunkt unseres Sonnensystems bilde, um den sich auch die andern Planeten oder Wandelsterne drehen. Ja, er entdeckte auch eine dritte Bewegung der Erde, die Schwankung ihrer Achse, die er Deklination nannte, durch welche bewirktwird, daß das Erdenjahr nicht völlig mit einer scheinbaren Umdrehung des Himmels zusammenfällt, so daß die Tag- und Nachtgleichen etwas zu früh eintreten. Die Ansicht des Kopernikus nennt man das kopernikanische Weltsystem.“

„Na!“ meinte John geringschätzig: „Der Ptolomäus muß ja ein ganz törichter und ungebildeter Mensch gewesen sein und was der Kopernikus behauptet hat, ist nichts besonderes: Das weiß ja jedes Kind, daß sich die Erde um die Sonne dreht!“

„Weil man es ihm in der Schule sagt, mein Freund. Aber du mußt bedenken, dem Kopernikus hat es niemand gesagt, der hat es aus sich selbst heraus gefunden.“

„Halt, Professor!“ widersprach der Lord: „Es ist eine uralte Weisheit der Ägypter, die Kopernikus aufwärmte, wodurch jedoch sein Verdienst nicht geschmälert sein soll. Schon in den ältesten Zeiten gab es große Geister, die auffallend richtige Begriffe über die Erde und unser Sonnensystem besaßen. Sie scheinen dieselben von den ägyptischen Priestern überkommen zu haben und diese vielleicht von den Chaldäern. Aber das Verdienst dieser scharfen Denker ist es, daß sie diese damals so unglaublichen Wahrheiten als richtig erkannten und auf Grund derselben wissenschaftliche Großtaten vollbrachten.

Denken Sie an die Cheopspyramide, die 3000 Jahre vor Christus erbaut wurde und deren Maße in überraschend genauem Verhältnis zum Umfang der Erde und zu einigen erst in neuester Zeit wieder entdeckten astronomischen Entfernungsmaßen stehen. Ihre Kanten sind nach den vier Himmelsrichtungen gerichtet, und in der königlichen Leichenkammer befindet sich ein Spiegel, der durch einen langen, geneigten Tunnel unaufhörlich nach dem Polarstern blickt. Wer solche Berechnungen auszuführen vermochte, besaß Fähigkeiten und wissenschaftliche Kenntnisse, eine Beobachtungsgabe und eine Denkkraft, die auch von den ersten Größen unserer modernen Astronomie Kopernikus, Keppler, Galilei und Isaak Newton nicht übertroffen wurde.“

„Sie haben recht“, gab Schultze zu: „Die Alten hatten gewaltige Geister, die ohne unsre modernen Hilfsmittel, ohne Teleskop und Spektralanalyse, beinahe so viel erreichten, wie unsre modernsten wissenschaftlichen Größen mit all den Vorteilen der Riesenarbeit ihrer Vorgänger und der vollkommensten Instrumente.

Schon der griechische Weltweise Bion lehrte 500 Jahre vor Christus die Kugelgestalt der Erde und behauptete, es müsse auf unsrer Erde Gegenden geben, auf denen es sechs Monate lang Tag und sechs Monate Nacht sei. Eratosthenes von Alexandria rechnete den Umfang der Erde mit verblüffendem Scharfsinn und erstaunlicher Genauigkeit aus, wobei er zu annähernd demselben Ergebnis kam, wie lange vor ihm die Chaldäer.

Der Geograph Strabo ahnte Amerika, da er sagte, es könne noch zwei oder mehrere unbekannte Kontinente auf der Erdkugel geben. Aristarch wagte es, die Entfernung und Größe des Mondes und der Sonne zu berechnen, wobei er die Größe des Mondes und die Entfernung der Sonne fast genau so angab, wie wir sie heute erforscht haben: das waren Maßstäbe, die für jene Zeiten geradezu ungeheuerlich erscheinen mußten. Posidonius lieferte eine wahrhaft wunderbare Berechnung der Erdatmosphäre und der Lichtbrechung, und ebenso erstaunlich ist seine Berechnung der Größe der Sonne: wir ahnen nicht, mit welchen Mitteln er solche verblüffende Ergebnisse erreichte.

Auch Apollonius von Pergä war ein solcher Geistesriese, der den Begriff der Parallaxe entdeckt haben soll, das heißt die Methode zur Berechnung der Entfernung der Gestirne. Hipparch berechnete den Schattenkegel des Mondes mit großer Genauigkeit und schloß daraus auf die Entfernung von Sonne und Mond.

Pythagoras lehrte die Bewegung der Erde als Ursache der scheinbaren Bewegung der Gestirne; Aristarch erkannte, daß die Erde sich um die Sonne drehe und daß die Fixsterne sich in ungeheurer Entfernung von uns befinden. Dies alles scheint übrigens Demokrit schon 400 Jahre vor Christus erkannt zu haben.

Archimedes hatte schon die ersten Ideen von der Gravitation. Aber all diese kühnen Fortschritte lagen hernach jahrhundertelang brach und vergessen, bis Kopernikus sein großes Werk schrieb, zu dessen Prophet sich der unglückliche Giordano Bruno aufwarf.

Dann kam Tycho Brahe, der große Beobachter, dem Kepler so viel verdankte. Johann Kepler stellte die berühmten Gesetze der Planetenbewegung auf, ihre elliptische Bahn um die Sonne, das Gesetz ihrer Bewegungsgeschwindigkeit im Verhältnis zu ihrer Bahn und das Gesetz des Verhältnisses ihrer Umlaufzeit zu ihrer mittleren Entfernung zur Sonne.

Galilei benutzte als erster das Fernrohr, entdeckte die Monde des Jupiter und die Mondphasen der Venus; Cassini berechnete die Entfernung der Sonne aus ihrer Parallaxe beim Durchgang des Mars; Römer und Leverrier maßen die Geschwindigkeit des Lichts, Newton stellte die Gesetze der Gravitation auf; Kant und Laplace brachten das Weltall mit seinen Bewegungsgesetzen in ein großartiges System und erklärten seine Entstehung, Entwicklung und seine Zukunft. Endlich entdeckte Herschel den Planeten Uranus, Piazzi, Gauß und Olbers die Planetoiden, wiederum Herschel die Eigenbewegung der Fixsterne und das Vorhandensein von Doppelsternen; er war es auch, der die Nebelflecke studierte.

Als nun noch im Jahre 1838 die erste Fixsternparallaxe berechnet wurde, was uns in den Stand setzte die Entfernung und Größe der Himmelskörper außerhalb unsres Sonnensystems zu berechnen, waren die großen astronomischen Entdeckungen zu Ende, wenn wir absehen von den wunderbaren Enthüllungen durch die Spektralanalyse.“

„Danke, weisester aller Professoren!“ sagte Münchhausen lachend: „Sie haben uns da einen Vortrag gehalten, der wahrhaftig ein Abriß der Geschichte der Astronomie in den letzten 10000 Jahren genannt werden darf. Aber in einem Punkte irren Sie: Sie haben sozusagen die großen astronomischen Entdeckungen für abgeschlossen erklärt, und vergessen, daß sie eben jetzt erst recht anfangen, seit wir ausgezogen sind, das Weltall persönlich zu erforschen.“

„Und jetzt haben wir die beste Gelegenheit zu solchen Entdeckungen,“ sagte Mietje, die soeben eingetreten war. Sie hatte einen Rundgang durch die Beobachtungszimmer gemacht, wie er abwechselnd jede halbe Stunde ausgeführt wurde, um vor unliebsamen Überraschungen sicher zu sein.

„Was gibt’s?“ fragte Flitmore.

„Wir nähern uns dem Mars mit großer Geschwindigkeit“, erwiderte seine Gattin.

Flitmore stand auf: „Lassen Sie uns sehen, meine Herren“, sagte er, und alle folgten ihm in eines der Äquatorialzimmer, von dem aus die Lady den Planeten beobachtet hatte.

Die Sannah, die seit der vergangenen Nacht, wenn man von einer Nacht reden konnte, nicht mehr von dem Strom der Fliehkraft durchkreist wurde, befand sich in der Anziehungssphäre des Planeten, der seit lange den Beobachtungseifer und die Phantasie der Astronomen am meisten angeregt hat.

Man war ihm schon so nahe, daß man die größeren Gebilde seiner Oberfläche deutlich unterscheiden konnte, ohne das Fernrohr zu benutzen.

„Da hört sich ja alle Wissenschaft auf!“ war das erste, was Schultze überrascht und enttäuscht ausrief: „Soll das wirklich der Mars sein? Wo sind denn die Kanäle, meine geliebten Kanäle, die ich so fleißig beobachtet und mit solcher Zärtlichkeit studiert habe, das Wunder, das Rätsel des Mars?“

Von Kanälen war in der Tat keine Spur zu sehen.

Flitmore meinte, zum Professor gewendet: „Ich habe nie recht an jene merkwürdigen Kanalbildungen glauben können und vermutete, daß es sich um optische Täuschung handle. Der Mars ist bedeutend kleiner als unsre Erde, sein Halbmesser beträgt wenig mehr als die Hälfte des ihrigen; seine Polarregionen sind von ungeheurer Ausdehnung, namentlich im Winter. Und nun sollen die mutmaßlichen Bewohner des kleinen bewohnbaren Erdstrichs das Land mit einem gewaltigen Netz ungeheurer Kanäle durchzogen haben?“

„Warum nicht?“ fragte Schultze eigensinnig: „Wenn es die Bewässerung des Landes verlangte.“

„Bei den ausgedehnten Eis- und Schneemassen der Pole, den ungeheuren Schneefällen im Winter und angesichts der meist äußerst raschen Schneeschmelze im Frühling kann ich an Wassermangel auf dem Mars nicht glauben.“

„Na! Aber die Kanäle sollten doch den Wasserzufluß regeln, ihn über das ganze Land verteilen und Überschwemmungen verhüten.“

„Ganz schön, wenn es Kanäle von vernünftigen Größenverhältnissen wären und von vernünftigem Verhalten. Aber diese angeblichen Kanäle zeigten eine Breite von 60 bis 300 Kilometern: ich bitte Sie, was soll das? Das sind ja unsinnige Maße für einen Kanal! Wenn sie nun aber wenigstens beständig so geblieben wären, aber da wurde ein und derselbe Kanal einmal breiter, dann wieder schmäler; mit Vorliebe verdoppelte er sich plötzlich, oft innerhalb 24 Stunden, ebenso rasch konnte die Verdoppelung wieder verschwinden und hie und da der ursprüngliche Kanal ebenfalls; dann wieder verschwand ein alter Kanal und zwei neue erschienen an seiner Stelle.“

„Ja, ja! das waren eben die Rätsel dieser merkwürdigen Kanäle,“ beharrte der Professor.

„Und nun ist ihr Rätsel gelöst,“ lachte Flitmore: „Sie sind einfach gar nicht vorhanden, diese famosen Kanäle.“

„Das muß ich allerdings zugeben“, gestand der Gelehrte zu: „Aber die Sache ist nur umso rätselhafter.“

Doch auch ohne diese geheimnisvollen Gebilde erschien die Landschaft merkwürdig genug: weiß leuchtete der Nordpol mit seinen Eis- und Schneefeldern; das schneefreie Land gegen den Äquator erschien rötlichgelb unterbrochen von dunkelgrün bewachsenen Streifen; einige kleine Meere oder große Seen trennten streckenweise die Kontinente und breite Flüsse zogen silbergraue Bänder durch die Ebenen.

Überhaupt erschien fast alles eben. Größere Gebirge waren keinesfalls vorhanden und kleinere Erhebungen ließen sich aus der Höhe, in welcher sich die Sannah befand, nur an den Schatten erkennen, die sie warfen; wo jedoch die Sonne die Täler voll erleuchtete, konnte Berg und Tal überhaupt nicht unterschieden werden.

Inzwischen stürzte das Weltschiff mit blitzartiger Schnelle gegen den Planeten und man sah alles von Sekunde zu Sekunde wachsen.

Flitmore beeilte sich daher, den Zentrifugalstrom zu schließen; ehe die Sannah in die atmosphärische Hülle des Planeten gelangte, damit ihre Außenwandungen nicht etwa durch die ungeheure Reibung in Glut versetzt würden.

Der Sturz verlangsamte sich nun zusehends, bis die abstoßende Kraft die Fallgeschwindigkeit überwand und das Weltschiff zunächst ganz langsam zu steigen begann.

„Wollen wir eine Landung auf dem Mars unternehmen?“ fragte nun der Lord.

„Hurrah!“ rief Schultze begeistert.

„O ja, bitte!“ schmeichelte Mietje.

„Ich bin dabei!“ sagte Münchhausen: „die Kerkerhaft behagt mir auf die Dauer nicht, wenn sie auch erst zwölf Stunden währt.“

„Das wird herrlich!“ rief Heinz seinerseits begeistert.

„Und was sagst du, John?“ wandte sich Flitmore an den Diener.

„Sir, ich habe nichts dareinzureden, was Ihre unmaßgebliche Entschließungswillkür betrifft; aber was meine Spezialität in dieser Fragesache betreffen möchte, so wäre es mir besonders genehm, freie Luft zu schöpfen, obwohl sozusagen die Luft hier innen ausgezeichnet für die Atmungsorkane ist.“

„Also, wir landen“, entschied der Lord, „da es einstimmig gewünscht wird; die Schimpansen können wir ja nicht um ihre Meinung befragen und so müssen Dick und Bobs sich der Mehrheit fügen.“

Gleichzeitig unterbrach er wieder die Fliehkraft; sobald ihm jedoch die Sturzgeschwindigkeit in bedenklichem Maße zuzunehmen schien, schloß er wieder den Strom auf einige Sekunden.

Durch dieses abwechselnde Öffnen und Schließen wurde ein langsames Fallen ermöglicht, das noch durch die Marsatmosphäre gemildert wurde, sobald man diese erreicht hatte.

Sobald die Anziehungskraft des Mars auf die Sannah wirkte, verlangsamte sich ihre Umdrehungsgeschwindigkeit und als sie sich zuletzt auf den Planeten herabsenkte, hörte ihre Eigenbewegung ganz auf und ihr Schwerpunkt wurde in den Mittelpunkt der Marskugel verlegt; diesmal hatte Flitmore diese Änderungen vorausgesehen und dafür gesorgt, daß die Gesellschaft nicht wieder durch einen Sturz gegen die Wände oder gegen die Decke überrascht wurde.

Der Stoß, den die Landung verursachte, war im oberen Raume, wo sich alle zu dieser Zeit aufhielten, kaum spürbar.

„Wir werden vom Nord- oder Südpolzimmer aus aussteigen müssen“, erklärte der Lord: „dort liegen die Ausgangspforten neben den Fenstern bei unsrer jetzigen Lage in wagrechter Linie, das heißt parallel zur Marsoberfläche, und mittels einer Strickleiter können wir hinabsteigen.“

„Lassen Sie mich als Ersten die Sannah verlassen“, bat Heinz.

„Nein, junger Freund!“ widersprach Schultze: „Ich werde zuerst hinausgehen; wir kennen die Zusammensetzung der Marsatmosphäre nicht. Wer weiß, ob sie nicht auf unsre Lungen eine gefährliche, vielleichttödliche Wirkung ausübt.“

„Eben deswegen will ich ja die erste Probe machen“, sagte Heinz.

„Nichts da!“ polterte Kapitän Münchhausen: „Ich will zuerst hinaus; meine Lungen sind die verschiedensten Dünste gewöhnt und können am ehesten etwas aushalten.“

„Sie?“ lachte der Professor: „Seien Sie froh, wenn Sie in normaler Luft schnaufen können! Überhaupt könnten Sie in der Öffnung stecken bleiben oder uns durch Ihr Gewicht die Strickleiter ruinieren. Sie kommen jedenfalls zuletzt daran.“

„Ich gehe voran!“ entschied Flitmore: „Es ist dies sowohl mein Recht als meine Pflicht, da ich der Unternehmer der Weltfahrt bin.“

„Unter keinen Umständen darfst du dich einer solchen Gefahr aussetzen, Charles“, wandte nun Mietje ein: „Ich bitte dich, laß mich den ersten Versuch machen; ich kann ja gleich wieder zurück, wenn ich spüre, daß da giftige Gase sind.“

„Wenn die Herrschaften gütigst zu gestatten belieben wollten,“ ließ sich der biedere John vernehmen, „so ist das alles nicht in der Richtigkeit, als daß vielmehr meine Person den Anfang zu machen hat, indem daß mein etwaiger Verlust auch am wenigsten wertvoll wäre.“

Aber Heinz Friedung machte diesem edlen Wettstreit ein Ende durch folgende vernünftige Bemerkung:

„Wir haben ja die beiden Affen, Dick und Bobs; schieben wir die vor: für sie ist auch am wenigsten Gefahr vorhanden, da ihr Instinkt sie davor bewahren wird, das Fahrzeug zu verlassen, wenn sie draußen keine gesunde Luft wittern.“

„Das ist die beste Lösung,“ stimmte der Lord zu: „daran hätten wir auch gleich denken können! Übrigens bin ich überzeugt, daß die Lufthülle des Mars sich höchstens in der Dichtigkeit von der irdischen unterscheidet.“

Die luftdicht schließende Tür des Südpolzimmers, in das man sich begeben hatte, wurde geöffnet; ein angenehmer frischer Luftzug strich herein. Vergnügt schwangen sich Dick und Bobs durch die Öffnung und turnten an den Rampen, die an der äußeren Hülle der Sannah angebracht waren, hinab.

„Es ist also keine Gefahr,“ sagte Flitmore und befestigte mit Johns Hilfe die Strickleiter, um dann als erster, von seiner treuen Gattin gefolgt, den Abstieg zu wagen.

Nach Mietje kam Heinz und dann der Professor.

Schultze rief dem Kapitän zu: „Daß Sie sich nicht unterstehen, die Strickleiter zu betreten, ehe wir andern alle den sichern Erdboden erreicht haben, denn sonst könnte es uns schlimm ergehen, wenn die Stricke unter Ihrer Last reißen oder die Sprossen krachen und Ihre beträchtliche Masse auf uns herabstürzt.“

Aber Flitmore hatte bei Ankauf der Strickleitern Münchhausens Gewicht in Betracht gezogen. Wohl ächzten die Seile und die Sprossen bogen sich knarrend, als der Kapitän sie hinter John betrat; aber sie hielten vorzüglich.

„Na! Daß Sie nicht in der Türöffnung stecken blieben, nimmt mich Wunder,“ lachte Schultze, als alle glücklich unten waren.

Flitmore aber erklärte: „Da ich von vornherein auf die Begleitung unsres werten Kapitäns hoffte, habe ich sämtliche Türenmaße nach seinen leiblichen Verhältnissen berechnet.“

„Das war vernünftig und edel von Ihnen, Lord,“ erkannte Münchhausen in gutmütiger Heiterkeit an: „Freilich, unserm bösen Professor hätte es Spaß gemacht, mich hilflos und elend im Türrahmen stecken bleiben zu sehen.“

Inzwischen sah sich die Gesellschaft neugierig auf ihrem neuen Aufenthaltsort um.

Als erstes war ihnen aufgefallen, daß der Erdboden merkwürdig weich war: die Sannah hatte sich ziemlich tief in ihn eingegraben und bei jedem Schritt sank man ein.

Die Landschaft erschien sanft gewellt und die Bodenwellen liefen meist parallel und geradlinig, wurden aber zuweilen von langen Hügelrücken gekreuzt, die in andrer Richtung verliefen.

Zwischen den Erhöhungen befanden sich mehr oder weniger breite ebene Flächen, die versumpft zu sein schienen und mit einem Gewirr von dunkeln Pflanzen bedeckt waren. Die Hügelrücken waren zum Teil kahl, meist aber mit Buschwerk und Wäldern bedeckt, vielfach auch mit Präriegras; nirgends aber sah man frisches Grün: die Gräser, die Blätter der Pflanzen und Bäume waren durchweg gelb und rot oder rotbraun, so daß alles ein herbstliches Aussehen hatte, obgleich in diesen Marsbreiten zur Zeit erst der Frühsommer begann.

Da sich übrigens der Abend bereits herabsenkte, wurde John beordert, aus dem Weltschiff Zelte und Eßwaren herbeizuschaffen; denn alle freuten sich darauf, im Freien zu kampieren.

Brennholz war reichlich vorhanden; Feuer wurden entzündet zur Bereitung eines warmen Mahles und zur Abhaltung etwaiger wilder Tiere.

Alle, auch Mietje, waren mit Gewehren und Dolchmessern bewaffnet und mit Explosionskugeln versehen.

Flitmore wies auf die langgestreckten Sümpfe: „Sehen Sie, Professor,“ sagte er: „Diese endlos erscheinenden dunkeln Streifen, die teils neben einander her laufen, teils einander kreuzen, können sehr wohl bei großer Entfernung den Eindruck von Kanälen machen.“


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