Wieder — wieder — da gingen sie durch eine Wiese von gläsern-durchsichtiger Farbe. Er und sie. Sie schritten Hand in Hand. Er war jung, schön war er. Sie war bald Kind, bald Jungfrau —Sie gingen im gleichen Schritt, sonderbar pathetisch, als trüge sie eine Melodie.
Da begann sie zu singen. Leise, flüsternd.
„Als Kinder spielten wir auf blumiger Wiese“, sang sie.
„In unseren Träumen spürten wir unsere Hände“, sang er.
Ihre Schritte zogen eine leuchtende Spur durch die Flur.
Sie blieben stehen, legten sich die Hände auf die Schultern und blickten einander an. Aus ihren Augen züngelte eine goldene Flamme.
„Wohin gehen wir?“
„Bis an die Pforte.“
„Bis an die Pforte?“
„Bis an die weiße Pforte.“ — —
Die nächsten Tage verbrachte Ginstermann mit Arbeit. Es hieß, sich nun verzweifelt einzuschränken. Für die wenigen Gegenstände, die er verkaufen hatte können, war ihm lächerlich wenig geboten worden. Er war auf Viertelkost gesetzt. Aber das kümmerte ihn herzlich wenig. Die Not hatte für ihn nichts Furchterweckendes mehr; Gewohnheit und sein momentaner Gemütszustand ließen sie ihn als eine Freundin betrachten, eine alte Bekannte, mit der man Scherze treibt. Schmerzlichwar nur der Umstand, daß er jetzt seine Blumenopfer unterlassen mußte, und wenn er nun arbeitete, geschah es weniger in der Absicht, Brot zu schaffen, als vielmehr Blüten erwerben zu können.
In der ersten Zeit ging es nur langsam vorwärts, sein Geist war der Disziplin entwöhnt; aber dann hatte er eine Menge glücklicher Einfälle, und es gelang ihm noch in derselben Woche, eine satirische Plauderei loszubringen. Für die Hälfte des Honorars kaufte er Blumen, die er mit glückseligem Jauchzen über sein Heiligstes streute.
Er war stets guten Mutes.
In den Pausen seiner Arbeit stand er in Betrachtung der Büste versunken. Dann verfiel er auf den Gedanken, Briefe an Bianka zu schreiben, die er natürlich nicht absandte.
Es waren Briefe, die nur er verstand, sonst niemand. Sie jauchzten und jubilierten, sie stammelten vor Glück. Hymnen nannte er sie, Hymnen an Bianka. Nie sollte ein Mensch sie zu lesen bekommen, er nahm sich vor, sie zu verbrennen — bei Gelegenheit.
Tage gingen. Regen kam.
Regen. Unaufhörlich klopfte er an die Scheiben.
Dieser kleine Umstand genügte, Ginstermanns Stimmung zu verändern.
Sein Zimmer erschien ihm eng, ein Käfig, ein Kerker. Es war ihm, als habe die Zeit ihn vergessen, als lebe er allein auf dem Planeten, während alles schon schlief.
Unruhe überfiel ihn und namenlose Sehnsucht.
Oft, während er schrieb, sprang er auf und sagte laut: „Weshalb schreibt sie nicht?“ Er mußte seine Arbeit stundenlang unterbrechen, da ihm die Sehnsucht keine Ruhe ließ.
Er sah nach seinem Kalender. Heute war der siebzehnte Tag danach.
Er ging des Nachts wieder in der Leopoldstraße auf und ab. Er lauerte auf der Schleißheimer Chaussee. Allein die Straßen waren wenig verlockend zum Radfahren. Und dann regnete es auch. Bei Regenwetter fahren junge Damen nicht Rad. Er lachte; den Weg hätte er sich ersparen können.
Weshalb schrieb sie nicht?
Sollte er schreiben? Nein, das hieße wenig Vertrauen zeigen.
Also wartete er.
Seine Arbeit bestand nun darin, von der Morgen- zur Mittagspost, von der Mittags- zur Abendpost zu warten.
Eine Stunde hat sechzig Minuten und eine Minute sechzig Sekunden, meine Freunde!
Wenn er grübelnd über den Papieren saß, so hörte er häufig Pochen an der Türe. Öffnete er, so fand er jedoch niemanden vor. Oder er vernahm das Rauschen von Frauenkleidern, hörte sie sprechen im Hofe drunten.
Und dann diese Stille, diese Einsamkeit. Diese beängstigende Stille, die schwerer und schwerer wurde und ihn zu erdrücken drohte. Diese Einsamkeit, in die Rufe und Poltern der Straße wie Hohn drangen.
Sah er die Büste stehen, die er nur geschmückt gewohnt war, so verursachte ihm dies ungeheure Qual. Er trat davor und sagte, schmerzlich lächelnd:
„Das Schiff mit Gold muß jeden Tag eintreffen.“
Wie alle Einsamen, sprach er viel laut vor sich hin. In letzter Zeit jedoch geschah es häufiger denn gewöhnlich, und er gefiel sich in den absonderlichsten Bildern.
Eines Tages nun kam der Briefbote und brachte ihm einen Wertbrief mit fünfhundert Mark.
Er riß, schwindelig vor Glück, das Kuvert auf und schlug auf den Tisch, um sich zu überzeugen, daß es keine Sinnentäuschung war. Es lagenfünf Hundertmarkscheine darin. Ein Brief seines Verlegers, er solle ihm das Geld übermitteln.
Ginstermann warf die Scheine auf den Tisch und ging mit geballten Fäusten umher.
„Welcher Schuft will mir eine moralische Schuld mit Geld bezahlen!“ rief er aus. Irgend so etwas stak dahinter. Er witterte es. Oder wer sonst sollte ihm das Geld zuschicken? Er kannte niemanden. Er dachte an Bianka, schämte sich aber augenblicklich, er dachte an Fräulein Scholl, lachte aber darüber. Diese Dame lebte in dem holden Wahne, ein Dichter schwimme in Gold. Faktisch!
Eine ungeheure Wut gegen den Unbekannten, der seinen Stolz bestechen wollte, packte ihn.
Dann hielt er den Schritt an, und er fühlte, wie sein Herz stille stand und jeder Tropfen Blutes aus seinem Gesichte wich.
„Nein, nein“, rief er, „das ist nicht denkbar!“
Nun war er da, der Gedanke, und er brachte ihn nicht mehr los.
Die Hand seiner Vergangenheit hatte nach ihm gegriffen.
„Lieber Freund“, sagte er zu sich, auf der Ottomane kauernd, „du bringst deine Vergangenheit nicht mehr los, und wenn du dir das Gehirn aus dem Kopfe schlägst. Eine Schlinge liegt umdeinen Fuß und zieht sich zu, wenn du ausschreiten willst. Du kannst nicht mehr gehen, wohin du willst.“
In seinem Gehirn wirbelten die Gedanken wie die Flügel einer Turbine, seinen ganzen Körper durchzitternd.
Nach einer Weile fand er seine Fassung zurück.
„Was ist dabei“, sagte er sich und legte das Kuvert in ein Schubfach. „Ich werde es herausbringen. Im übrigen geht man nicht rückwärts in die Zukunft hinein, mein Freund.“
Er nahm den Hut, um spazieren zu gehen. Es darf nicht so fortgehen, dachte er. Er kramte in seinen Papieren, zog ein dünnes Manuskript hervor und steckte es in die Tasche, um es auf die Redaktion zu tragen.
Es waren Gedichte, Gedichte an Bianka. Das kam ihn hart an, aber es mußte sein. Das Leben erlaubte keine Zimperlichkeit. Er wollte sie unter fremdem Namen veröffentlichen, damit Bianka nicht etwa den Verrat entdecken konnte.
„Du verzeihst“, sagte er, die Büste anblickend, und ging.
Nun war er traurig, sehr traurig. Es half nichts, daß er sich zurief: Mut, Mut!
Im Hausflur traf er Fräulein von Sacken, die glücklich lächelnd Ritts Atelier verließ.
„Guten Tag“, sagte sie und bot ihm lächelnd die Hand.
„Guten Tag“, erwiderte er und ging an ihr vorbei.
Ritt sah zur Türe heraus und grinste.
„Kommen Sie, Ginstermann!“ rief er ihm zu.
Ginstermann hatte keine Lust.
„Nur eine Sekunde!“
So trat er also ein. Ritt führte ihn zu einem Bilde, das auf der Staffelei stand. Es war ein Stillleben, Karpfen waren es.
„Wie finden Sie es? Ich habe dem armen Weib ein bißchen geholfen.“
Es war prächtig gemalt, aber Ginstermann sagte nichts.
Für ihn gab es keine Farben mehr, kein Leben und Lachen. Eine dunkle Traurigkeit hüllte ihn ein.
„Die Sacken ist doch eigentlich noch ein hübsches Weib, nicht?“ lächelte Ritt.
Ginstermann erwiderte mechanisch: „O, gewiß“, und ging.
Es war ihm alles einerlei.
Ob das Bild gut oder schlecht war, ob FräuleinSacken hübsch oder nicht mehr hübsch war, das konnte ihm doch ganz gleichgiltig sein. — — —
Ginstermann schloß seine Türe auf, streckte den Kopf ins Zimmer und lachte.
Er trug ein kleines Paketchen in Fließpapier, das er sorgfältig enthüllte.
Dumpfe Luft und schwermütiges Licht erfüllten sein Zimmer. Er zog die Vorhänge auseinander und öffnete die Fenster. Die Sonne wirbelte ins Zimmer und überschüttete die Büste mit goldenen Küssen.
„Im Tempel des Lebens ist die Sonne der Strahl der Kerzen und frische Luft Weihrauch!“ jauchzte er pathetisch.
Der Duft von Veilchen, die er mitgebracht, erfüllte das Gemach. Das ganze Haus stand gleichsam in einem blühenden Garten. Ein bescheidener Schmuck lagen sie auf der schneeweißen Schulter, ihr wunderholdes Blütenantlitz an Hals und Brust Biankas schmiegend.
Weshalb hatte sie ihm nicht geschrieben?
Nun wußte er es, und er wußte es doch nicht.
Sie hatte gesagt: „Oft dachte ich daran, Sie zu einem kurzen Spaziergang aufzufordern, aber ich unterließ es stets. Ich weiß nicht, weshalb.“
Sie wußte nicht, weshalb.
Er war durch die Straßen gegangen, als er plötzlich seinen Namen hörte. Er sah sich um, er sah hinüber: Fräulein Schuhmacher stand drüben, und Fräulein Scholl und Fräulein Bijou waren auch dabei.
Eine ganze Stunde hatten sie zusammen gebummelt. Sie hatten Einkäufe gemacht für die Reise. Die Mädchen waren in die Magazine getreten, und er hatte sich die Auslagen betrachtet und sie stets, wenn sie zurückkamen, gefragt, was sie Schönes gekauft hätten. Einmal war er sogar mit in das Geschäft eingetreten. Es sollte eine Aschenschale für den Bruder, den Offizier in Berlin, gekauft werden. Obgleich er Bianka ein feines Verständnis zutraute, hatten ihn doch ihre Sicherheit und ihr reifer Geschmack verblüfft. Sie prüfte Stück um Stück, und er sah stets an ihrem Blicke, was ihr an der Arbeit mißfiel. Endlich entschied sie sich für die einfachste Schale, die zu finden war. Keine Figur, keine augenfällige Originalität, eine vornehme Form, ein paar sprechende Linien. Er sah erst jetzt, wie schön die Schale tatsächlich war.
Die kleine Scholl meinte allerdings, die Schale sei langweilig und geschmacklos.
Bianka würde in vierzehn Tagen abreisen.Wenn es der Zustand der Mama erlaubte, vorausgesetzt. Einige Zeit würden sie in Montreux zubringen, dann für immer nach Nizza übersiedeln. Ihr Vater wollte in Nizza eine Villa kaufen.
Es gab auf der Welt Leute, die eine Villa in Nizza kaufen konnten, es gab wiederum solche, die nicht ein Billett nach Nizza zu erschwingen vermochten. Es gab Leute, deren Seele in Sorglosigkeit erblühte, es gab solche, deren Seele von banalen Widerwertigkeiten zerfressen wurde, wie ein Stück Zucker von Ameisen.
Aber sie würde doch wieder nach München kommen?
Nein, voraussichtlich nicht.
Nicht, nicht. Jawohl nicht.
Nun gut, es waren ja noch vierzehn Tage, vier—zehn Tage.
Und morgen würde er sie wieder im Englischen Garten treffen.
Kann man mehr verlangen.
Morgen, morgen, morgen — —!
Er nahm einen Briefbogen und schrieb. Den 21. Tag danach. Bianka, du sollst mich nicht töten. Herrliche, weißt du, nie liebte mich jemand, nun sterbe ich daran. Deine Güte, deine endloseGüte! Die Güte in deinen Augen, die Güte in deinem Lächeln, diese Güte in deinem Händedruck. Töte mich nicht, du Erlöserin zur neuen Qual . . . .
Der Nachmittag war vorüber.
Bis man den Mund auf- und zumachte, war er schon vergangen.
Ginstermann ging in der Dämmerung seines Zimmers auf und ab. Er wollte sich sammeln zur Arbeit. Da waren so sonderbare Gedanken in seinem Kopfe, die gegen die Gehirnwände pickten und ans Licht wollten.
Es würde etwas Überraschendes werden, das fühlte er.
Aber vorläufig kam er noch nicht dazu. Er war zu vergnügt, zu vergnügt. Er mußte ununterbrochen lachen, gerade als ob er Lachgas eingeatmet hätte. Schon heute Nachmittag hatte er diesen eigentümlichen Lachreiz verspürt.
Eine Menge komischer Erlebnisse fielen ihm ein und beschäftigten ihn. Da war die kleine Sängerin di Ballo, die ihn an den Haaren zupfte und mit ihrer affektierten Stimme flötete: O, noch einmal laß mich in deine schönen Augen blicken, in deinetiefen schwarzen Funkelaugen! Und da war Sergeant Köderiz, den sie jeden Abend betrunken nach Hause fuhren. Dieses Lächeln, wenn er auf dem Karren lag! Er träumte von schönen Frauen, die ihm die nackten Arme um den Hals schlangen und seinen roten Schnurrbart zirpelten.
Wenn der Mensch unglücklich ist, so denkt er an alle schlimme Stunden, ist er glücklich, an alle amüsanten Erlebnisse, das ist doch erklärlich.
Und er, Ginstermann, war heute glücklich!
Was war am Nachmittage alles geschehen? O, es waren Herrlichkeiten über Herrlichkeiten passiert.
Bianka war sehr liebenswürdig gewesen und hatte ihn ausgezankt seines übernächtigen Aussehens wegen. Sie ahnte ja nicht, was ihn nicht schlafen ließ, das war das Großartige! Er hatte ihr das feierliche Versprechen ablegen müssen, nicht mehr soviel Tee zu trinken und Zigaretten zu rauchen. Drei wollte sie gestatten. Glücklich darüber, daß sie ihn ein wenig bemutterte, hatte er ihr es versprochen.
Dann waren sie zusammen in den Chinesischen Turm gegangen und hatten Kaffee getrunken. Es hatte zu regnen begonnen. Ganz herrlich, während die Sonne schien. Wie geschliffene Brillantenfiel es durch die Sonnenstrahlen. In einem Regen glitzernder Steinchen waren sie geschritten.
„Wollen wir nicht ins Restaurant treten?“ hatte er gefragt.
„O ja, es wird besser sein.“
Und da war nun das Komische geschehen: er hatte sein Portemonnaie vergessen. Tatsächlich! Glaubt man es? Ein Mensch, der absolut nichts zu tun hat, vergißt sein Portemonnaie. Und er lud eine junge Dame zu einer Tasse Kaffee ein!
Im übrigen freute es ihn, daß er sich so vortrefflich beherrschen konnte. Es lag am Tage, an ihm war ein großer Mime verloren gegangen. Er konnte in aller Ruhe über die gleichgültigsten Dinge sprechen, ja, er konnte Bianka durch sein Benehmen, seine Nonchalance sogar beweisen, wie wenig sie ihn im Grunde interessierte. Und das alles, während es in seinem Innern fieberte, daß er die Finger verkrampfen mußte, daß er die Augen schließen mußte, damit sie nicht die Flammen seines Herzens darin sähe.
Sie durfte nichts erraten, nicht das mindeste, bei Gott, sie durfte nicht einmal Verdacht schöpfen.
Was war noch geschehen? Was war noch geschehen?
Ach, es war noch etwas Sonderbares geschehen. Das war, als sie Abschied nahmen.
Bianka hatte gesagt: „Es ist ganz merkwürdig, wenn Sie den Kopf neigen, so sehen Sie einem Freunde von mir sprechend ähnlich.“
Und ohne seine Gegenrede abzuwarten, war sie fortgefahren: „Er war ebenso alt wie Sie. Er war Komponist von starker Begabung. Man prophezeite ihm eine große Zukunft.“
Was aus ihm geworden wäre?
Es sei nichts aus ihm geworden. Er sei zugrunde gegangen. —
Es war noch eine Menge geschehen; eine ungeheure Menge.
Und auf dem Heimwege war er noch der kleinen Scholl begegnet.
„Herr Ginstermann!“
Aber er hatte keine Zeit gehabt, nicht eine Sekunde. Er gab ihr die rechte Hand, sagte: Guten Abend, wie geht es? dann reichte er ihr auch schon die Linke, und fort war er. „Verzeihung, ich will arbeiten“, rief er dem verdutzten Mädchen zu.
Ja, nun wollte er auch arbeiten. Dieses Zerstreutsein mußte ein Ende nehmen. Er wollte die Geschichte zweier Auserwählten schreiben!
Die Begierde zu schreiben erfaßte ihn so heftig, daß er kaum erwarten konnte, bis die Lampe in Ordnung war.
Aber im gleichen Momente leuchtete die Büste auf, und nun konnte er den Blick nicht mehr von ihr wenden.
Das war Bianka, Bianka! So war Bianka. Ebenso stolz, ebenso unnahbar. Sie, blickte ihn nicht an, sie sah durch ihn hindurch, irgendwohin in eine Ferne, die ihre Phantasie geschaffen. Genau wie die lebende Bianka, wenn sie ihn anblickte.
Wie hatte Kapelli das fertig gebracht? War er ein Seelenseher?
Ein Zweig granatroter Blüten lag vor der Büste. Er hatte sie heute morgen gekauft. Sie hatten ein Vermögen gekostet, ein Landgut sozusagen, eine Domäne, aber er kaufte sie. Es waren indische Blüten mit einem wunderbaren Namen. Der Zauberer, bei dem er sie erstand, hatte ihn genannt. Er war so weich, so duftend, alle Märchen aus Tausendundeiner Nacht barg dieser Name.
Er stand auf und trat vor die Büste.
Tränen traten in seine Augen. Es war, als schluchze es in ihm. Sein Herz quoll über. Erwar nicht mehr eins, sein Wesen löste sich auf in tausend Teilchen, die ihr alle dienten, sie anbeteten. Tausend Lippen flüsterten lautlos ihren Namen.
O, wie liebte er sie! O, was hatte er ihr alles zu danken!
Er flüsterte etwas. Es war keine Sprache, die die Menschen reden. Es waren Laute, die aus seinem Innersten kamen.
„Ava — ava“, flüsterte er.
Er wußte nicht, was es hieß, aber in die Sprache des Pöbels übertragen, bedeutete es vielleicht: ich liebe dich!
Nach langer Weile erst ließ ihn dieser Bann los.
„Adieu“, sagte er leise und begab sich wiederum an den Tisch zurück. —
Am nächsten Tag trifft er sie wieder. Sie machen zusammen Einkäufe. Er trägt die Paketchen, alle Taschen hat er voll. Sie ist heute liebenswürdiger denn je. Das bringt ihn dazu, sich kleine Scherze zu erlauben. Zum Beispiel über die Art, wie sie die Augenbraue hochziehe, wenn jemand an sie stoße. Und über ihre Augen erlaubt er sich diesen Scherz: „Ihre Augen sind so klar, Fräulein Schuhmacher, daß ich mich nicht wundern würde, plötzlich Forellen drinnen schwimmen zu sehen.“
Sie lächelt und sagt: „Sie sind ein Schelm! — Warten Sie, ich will hier Handschuhe kaufen.“
Er wartet geduldig und ungeduldig in einem, das Griffchen ihres Sonnenschirmes liebkosend, den sie ihm überlassen hat.
So geht es fort. Am nächsten Tag, am übernächsten. Des Glückes Ewigkeit ist nun gekommen.
Und heute hat sie ihn eingeladen, sie zu besuchen. Er nahm die Einladung mit ungeschickter Verblüffung entgegen.
Sie lachte und sagte: „Kommt Ihnen das so wunderbar vor?“
Und da lachte auch er.
Noch etwas Herrliches, Sinnverwirrendes. Etwas, an das er nicht denken kann, ohne die Augen dabei zu schließen.
„Adieu“, sagte sie und streckte ihm die Hand hin. Aber sie zog sie wieder zurück und streifte den Glacé ab. Und sie gab ihm ihre nackte, weiße Hand, deren feine Knochen er fühlte. Sie hat eine Hand, die in Versen spricht!
Und nun befindet er sich in Biankas Tabernakel. Hier ist keine Farbe laut, kein Licht laut, kein Geräusch laut. Das Zimmer atmet leise, es ist ein Wesen. Auf der Konsole klingt das Tickeneiner Uhr, und jedes Kling-kling siebt feinen Silberstaub auf den Teppich.
Niemand würde es wagen, hier laut zu sprechen, nicht ein Barbar.
Er befindet sich in einer Erregung, wie er sie noch nie empfand. Und er stand schon vor großen Männern, vor Theaterdirektoren und tausend Zuhörern.
„Bitte“, läd sie ihn ein, Platz zu nehmen. Sie trägt ein Hauskleid mit weiten Ärmeln und Spitzenmanschetten.
Ob er sich auf den Puff oder in den Schaukelstuhl setzen dürfe?
Nach Belieben.
So setzt er sich in den Schaukelstuhl.
„Ich habe die Schaukelstühle so gerne“, sagt er, „schon als Kind war ich verliebt in sie. Da hatte ich eine Tante, Tante Anna. Die besaß einen Schaukelstuhl. Ich besuchte sie so häufig als möglich. Obschon sie Katzen hatte. Nebenbei, sie hatte so viele Katzen, daß keine Woche verging, ohne daß eine starb.“
Sie zündet die Kaffeemaschine an.
„Rauchen wir?“ fragt sie.
Er zappelt aus seinem Stuhl heraus und nimmt eine Zigarette.
Sie rauchen und plaudern.
Dann, während sie den Kaffee serviert, sagt sie: „Nun müssen sie lesen. Sie haben doch etwas mitgebracht!“
Natürlich, er hatte die ganze Tasche voll.
So liest er also. Kleinigkeiten, Stimmungen, Gedichte.
Das eine gefällt ihr gut, das andere wieder weniger. Eines entzückt sie sogar.
Es heißt: Der Sohn. Da ist eine Mutter, die nichts besitzt als einen Sohn. Er reist. Kommt er zurück, so küßt er sie. Erst heiß, dann innig, dann kühl. Zuletzt sind seine Lippen wie Eis, sie berühren kaum die ihrigen. Sie ahnt, er kommt nicht wieder. Ihre Angst, ihr Schmerz. Er kommt auch nicht wieder. Ein Telegramm aus fernem Lande.
Diese Geschichte nimmt sie und trägt sie zu ihrer Mama hinaus.
Ihre Mama habe es ergriffen.
Er verneigt sich tief.
Dann zeigt sie ihm das Bild ihres Bruders. „Sie müssen ihn kennen lernen“, sagt sie. Sie ist so gut.
Und hierauf sehen sie eine Weile zum Fenster hinaus. Sie stehen so dicht, daß sich ihre Händenahezu berühren. Er kämpft einen entsetzlichen Kampf, nicht ihre Hand leise zu liebkosen. Sollte er sie um die Erlaubnis bitten, ihr über die Hand streichen zu dürfen? Sie könne ihm dann seine Hand abschlagen lassen. Oder er würde ihr versprechen, morgen tot zu sein.
Sie plaudern wieder, ja sie lachen zusammen. Er sitzt wieder in seinem Schaukelstuhl und fühlt sich behaglich. Er schaukelt sich leicht. Plötzlich bemerkt er es, erschrickt und sitzt still.
Endlich muß er aufbrechen.
Sie bittet ihn, noch zu bleiben, aber er geht. „Nein, nein, es ist so schon zu lange.“
O, er wäre schon noch geblieben, lange bis zur Unverschämtheit. Aber es ging nicht — er hatte zuviel von diesem starken Kaffee getrunken.
Immer mußten so kleine, boshafte Teufelchen im Spiele sein — —
Wieder ein Festtag. Sie holen zusammen den Bruder vom Bahnhof ab. Er hatte depeschiert: Komme drei Uhr. Gruß Theo. Und nun holten sie ihn ab. —
Ginstermann träumte noch eine Menge glücklicher Situationen durch, bis schließlich seine Sehnsucht ihn freiließ.
Nun war die Zeit zur Arbeit gekommen. Inihm redete und klang es. Es stieg wie die Wasser eines Brunnens.
Er nahm die Feder und schrieb:
Das Haus im Hain.
Yester und Li wohnten in dem Haus im Hain und waren noch nicht sechzehn Jahre alt.
Sie wußten nicht, wann und wie sie in das Haus gekommen. Eines Morgens erwachten sie auf gemeinsamer Lagerstätte und lächelten einander zu. Sie hatten ihre Hände im Schlafe gefaßt.
„Hörst du, Yester“, sagte Li und lauschte verzückt, „das ist Killi-hiwi!“
„Killi-hiwi singt am schönsten von allen“, erwiderte Yester, den Atem verhaltend.
Killi-hiwi saß jeden Morgen auf einem Rosenzweig vor dem Fenster und zwitscherte. Er war so klein wie ein Taubenei, seine Stimme war Silber. Er sang jeden Morgen zu ihrem Erwachen und war dann den ganzen Tag nicht zu erblicken.
Das Haus stand in einem Hain weißer Birken, junger weißer Birken mit hellgrünemLaub. Es war klein und weiß, schneeweiß. Wie eine Flocke Schnee sah es von weitem aus. Es hatte blinkende Fenster, die Tag und Nacht offen standen, und blitzende Beschläge an der Türe. Die Türe war aus grünem Glase. Eine Treppe führte in den Garten, auch sie war aus grünem Glase. Rings um das Haus standen Beete von Hyazinthen, oder von Mohn, oder blauen Kuckucksblumen. Das ganze Jahr. Über Nacht wuchsen stets neue.
Yester und Li wußten es nicht anders. Sie wunderten sich nicht darüber. Sie streiften den ganzen Tag umher. Der Hain war sehr groß, sie waren noch nie an sein Ende gekommen. Sie dachten auch gar nicht, daß er ein Ende haben müsse. Sie trugen weiße Schleiergewänder die von ihren Schultern herabfielen. Sie jagten einander und jauchzten von früh bis nachts. Immer hatten sie Sonne und einen Himmel, der funkelte wie ein blauer Edelstein. Des Nachts stand ein großer grüner Stern über ihrem Hause, und er wagte erst zu erlöschen, wenn die Sonne wiederkam.
Vor dem Hause, da war eine tiefe runde Quelle mit einer Bank aus weißem Marmor herum. Sie sah aus wie ein tiefes klares Auge und Li meinte, der Himmel blicke aus dem Grunde. Man sah selbst am Tage die Sterne durch den Brunnen wandern, so tief war er.
Li saß oft auf der Bank und warf Steinchen ins Wasser. Und jedesmal, wenn Li ein Steinchen warf, gurgelte es, und ein goldener Fisch mit kreisrundem Mäulchen und Edelsteinen auf dem Rücken tauchte auf und fragte: Was befiehlst du?
Er mußte kommen, er mußte fragen.
Li befahl nichts,siefreute sich an dem drolligen Kerlchen und ließ ihn ofthundertmalkommen. Er wurde nicht böse.
Yester aber stand, während sie spielte, an eine Birke gelehnt und sah ihr zu. Sie erschien ihm selbst wie eine Blume. Ihre Hand zart und durchscheinend wie die Blüten der Hyazinthe. Ihr Haar spiegelte sich im Wasser, in der Quelle schien ein Feuer zu brennen, es zerrann in goldene Fäden, wenn der Fisch auftauchte, aus dem Grunde schien ein seltsamerflimmernder Blumenkelch zu wachsen. Ihre Augen blickten heller aus dem Wasser, als sie in Wirklichkeit waren. Sie erschienen grün wie die Blätter der Birken, durch die die Sonne scheint.
Dann besann er sich jedesmal, was er ihr Liebes erweisen könne.
Yester liebte Li über alle Maßen. Li liebte Yester über alle Maßen.
Ihr Haus lag im endlosen Hain, und der endlose Hain lag am Morgenrot. —
Der Damm war gebrochen. Die Einfälle fielen über ihn her wie ein Rudel hungriger Tiere. Irgend jemand schien ihm die Geschichte zu diktieren und er schrieb, schrieb: fieberhaft schrieb er.
Das große Glück der Inspiration war über ihn gekommen. Es durchschauerte ihn am ganzen Körper. Da gab es kein Zögern, keinen Zweifel, keine Pause. Alle Geheimtüren seiner Seele sprangen auf, alle Schönheiten, die er aufgespeichert, lagen funkelnd vor seinen Blicken, alle Stimmungen, die er empfunden, strömten aus ihm und hüllten ihn in ihren Duft. Während er noch am ersten Kapitel schrieb, arbeitete einer in ihm am letzten.
Er saß inmitten eines Gartens, Blumen wuchsen vor seinen Augen empor, entfalteten ihre märchenhaften Kelche, aus den Kelchen stiegen Wunder, zerfielen, andere quollen heraus. Flammen stürzten von den Bergen ringsum und hüllten ihn ein, weiße Flammen. Aus ihnen rief es, aus ihnen klang es. Er war das Herz einer Welt, und alles strömte nach ihm.
Das war der Hain, der in der Sonne zitterte, das waren die Blumenbeete, über die die Falten des Windes streiften. Das waren die bunten Vögel, die seltsame Worte sangen.
Das war Li. So schritt Li, so sprang Li, so lachte, so weinte Li. Und das waren Yesters glückstrahlende Augen, das war seine Art, über die Bäche zu fliegen, wenn Li ihm rief, so umschlang, küßte er Li. So waren ihre Sonntage, so ihre keuschen Liebesnächte.
So war ihr Glück, so war das Glück überhaupt, rein von aller Erde.
Er fand kein Ende. Wie eine große Woge trug es ihn dahin.
Wo ist Yester? Yester ist fort. Drei Tage fort. Li weint und läuft umher und ruft in alle Winde. Yester verfolgte einen Falter, den sie gerne gehabt hätte. Endlich schimmert sein Gewandim Hain. Er geht langsam, erschöpft von der Jagd. Den Falter trägt er zwischen den Fingern. Li schwenkt den Schleier und ruft: „Ye—ster — Ye—ster —!!“
Li! Li!!
Und Yester saust wie ein Wind über die Wiese, er spürt keine Müdigkeit mehr.
Bogen um Bogen füllte er.
Und er schrieb immer nur über den ewigen Lenz, der jeden Tag neu und herrlich ist.
Seine Lampe verlosch. Er brannte die Kerze an.
Und nun war er fertig. Er jauchzte. „Fertig!“ jauchzte er.
Noch klang es in ihm weiter. Das war Lis Jubeln, Yesters Rufen, das war der Hufschlag des sonderbaren Reiters, das war das Jubilieren der Vögel, als ihnen ein Kind geboren ward, das war der krächzende Ruf der Geier, die, eine dunkle Wolke, nach dem Menschenlande flogen und riefen: Krieg — Krieg. — —
Er ging ans Fenster und zog die Gardinen auseinander.
Allah ist groß — es war Tag.
Langsam mit wankenden Füßen ging er im Zimmer hin und her. Er blieb vor der Büste stehen und küßte ihre Schulter.
Das war ja keine Sünde. Heute hatte er sich dieses Recht verdient.
Aus Kapellis Atelier erscholl Gesang. Er mußte hinunter, nichts hätte ihn mehr zu halten vermocht. Er konnte keine Sekunde mehr allein sein.
Er nahm Hut und Manuskript und ging die Treppe hinunter. Er hielt sich am Geländer fest, um nicht zu stürzen.
Kapelli empfing ihn, als sei er ein Gespenst.
„Mensch!“ rief er. „Kommen sie als Ihr eigener Gipsabguß?“
Nein, aber diese Nacht habe etwas wie ein kleines Feuerwerk in seinem Kopfe stattgefunden.
„Ah!“ Der Bildhauer betrachtete ihn mit gutmütiger Verachtung. Er liebte Erzesse nicht.
„Gebummelt, Kapelli, gebummelt. Und zuletzt noch ein kleines Abenteuer mit einer Dame, die den reizenden Namen Li hatte.“
Aber da kam Frau Trud, fix und fertig angekleidet bis auf die Schleife, lachend, und frisch, wie aus dem Ei gesprungen.
„Guten Morgen“, sagte Ginstermann, in Sprache und Miene einen Betrunkenen kopierend.
Sie wich erschrocken zurück. „Hu, was hat er denn?“
Kapelli machte ihr ein Zeichen. Dann ginger auf ihn zu und richtete ihn energisch in die Höhe.
„Ginstermann, heute abend kommen Sie zum Tee, nicht? Adieu, Sie schlechter Kerl!“ sagte er halb ärgerlich.
Aber da zog Ginstermann sein Manuskript aus der Tasche und schlug es auf den Tisch, daß es nur so krachte.
„Sehen Sie her! Diese Nacht!“
„Nanu?“ Kapelli betrachtete das Manuskript und sagte lachend: „So ein Filou, er ist ganz nüchtern.“
Frau Trud machte sich daran, die Bogen zu zählen, ungläubig den Kopf schüttelnd. In einer Nacht? Das sei ja unmöglich. Und das könne ja niemand lesen.
Nein, kein Mensch könne das entziffern. Was zum Beispiel das da hieße?
„Schwesterseele, holde!“
O, das könne ebensogut Stiefelknecht heißen. — Und das da?
„Die silbernen Lerchen der Nacht steigen empor.“
Hahahaha.
Da seien die Sterne gemeint.
Hahahaha.
Ginstermann fiel in einen Stuhl, seine Knie zitterten.
Er sah noch wie Frau Trud aus einer weißen Kanne Kaffee einschenkte und während er sich auf das heiße Getränk freute, versank er in einen senkrechten, bodenlosen Schacht, an dessen Wänden er sich vergebens festzuklammern suchte. Das Lachen Frau Truds flatterte über ihm wie ein Schwarm Vögel, der höher und höher stieg.
Nach einem kleinen Jahrtausend hörte er im Halbschlafe eine gedämpfte Stimme. Es war Fräulein von Sacken, die sprach. Sie sagte, er sei hier gewesen und habe das Bild gesehen. Er habe sie beglückwünscht!
Da erwachte er vollständig. Fräulein von Sacken ging eben zur Türe hinaus, elastischer, stolzer denn sonst. Eine Lampe brannte auf dem Tische, Kapelli saß bei der Zeitung, eine dicke Zigarre im Munde, aus der eine mächtige Wolke wirbelte.
Er fand sich auf dem Sofa liegend, die Füße in eine Decke gehüllt, ein Kissen unter dem Kopfe. Ohne Kragen.
Da kam Frau Trud durch die Portiere, machte einen Knix und rief, kindlich lachend: „Guten Morgen, Langschläfer!“
Am Tage darauf trafen sie sich wieder, Bianka und Ginstermann.
Sie trafen sich nun beinahe jeden Tag.
Es waren herrliche Sonnentage. Der Vormittag noch frisch von der Kühle der Nacht, der Nachmittag von einer alles durchdringenden Wärme, gerade noch erträglich, der Abend von einer stillstehenden Schwüle, die der Nachtfrische wie ein Block trotzte. Der Himmel wie ein weiches blauflimmerndes Meer, durch das schneeweiße Wolken segelten, langsam, ohne Aufhören, rings um die Erde herum.
Auf den Straßen war es leer, Pflaster und Gebäude warfen die Glut der Sonne verstärkt zurück. Die Menschen gingen ermattet, die Augen zusammengezogen; die Pferde setzten im Halbschlaf ihren müden Trab fort, wunderliche Schattenflecke unter ihren Schritten zerschlagend.
Im Englischen Garten war es schön wie im Paradies. Alles blühte, was noch nicht ausgeblüht hatte, die Wipfel waren von strotzender Fülle, die Wiesen standen am höchsten, bunt wie ein Teppich, übersät von einem Heere Falter und Bienen. Die Hitze tanzte über den Wegen, diehellen Kleider der Frauen und Kinder leuchteten weithin, in der Vorstellung Jauchzen und helle Lieder erweckend.
Bianka und Ginstermann gingen meist vereinsamte Wege. Sie mochten die vielen Leute nicht, die herumtollenden Kinder. Im Schatten der Büsche schritten sie, umsurrt von tausend Insekten, das Schwatzen des Tages in der Ferne. Waren sie müde, so suchten sie eine abgelegene Bank auf, die Ginstermann „Zum schlafenden Brahmanen“ getauft hatte.
Nachdem sie sich ausgesprochen hatten über das, was sie Probleme, Fragen, letzte Dinge nannten, drehten sich ihre Gespräche zumeist um ihre persönlichen Erlebnisse und Wünsche.
Je mehr Ginstermann Bianka kennen lernte, um so mehr bewunderte er sie. Sie war so rein, so keusch, wie ein Weib nur sein kann, das Erziehung und Selbstüberwachung vor unreinen Dingen bewahrte. Ihre krankhafte Scheu vermied es, die Motive der menschlichen Handlungen bis an die Wurzeln zu verfolgen.
Alles verklärte sich in ihren Augen, sie trug noch ein Ideal vom Menschen in sich. Die Menschen waren für sie gefallene Engel, die man bemitleiden müsse, nicht Tiere, die sich zum Menschenemporgerungen. Sie hatte noch wenig erlebt, wünschte auch nicht, viel zu erleben, in der Furcht, ihre Unberührtheit und Selbständigkeit zu gefährden. Sie gehörte nicht zur Klasse der Frauen, die mit ihren Eroberungen großtut, sie schien es sogar unangenehm zu empfinden, wenn einer sie tiefer, als die Höflichkeit es erheischt, grüßte, wenn einer sich nach ihr umwendete oder ihr folgte.
Ihr Urteil war schüchtern, anspruchslos, ihre Verwirrung oft kindlich. Sie maßte sich nicht an, wie es Frauenart ist, mit einer Handbewegung das Resultat einer Kulturarbeit abzuurteilen, mit einem Lächeln zu verspotten.
Ginstermann fühlte sich in ihrer Nähe ruhig, gleichsam geborgen. Er vergaß die Kämpfe der letzten Tage, die Jahre, die hinter ihm lagen. Seiner geistigen Überlegenheit war er sich wohl bewußt, ebenso aber auch seiner seelischen Verstümmelung und Zerrissenheit im Gegensatze zu ihrer Harmonie und zielbewußtenEnergie.
Bianka schenkte ihm Vertrauen, behandelte ihn mit zurückhaltender Herzlichkeit, wie einen Freund, nahezu wie einen Freund. Ihr Benehmen tat ihm wohl. Es gab ihm seinen Glauben zurück, der da und dort wankend geworden war, ein neuer Stolz kam über ihn. Etwas von ihrem Wesenströmte in ihn über, glühte die Schlacke in ihm aus, er wurde rein, indem er Biankas Freundschaft genoß.
Seine Anschauungen festeten sich, nachdem er den Maßstab reguliert hatte, der sich während seiner Einsiedlerzeit verzerrte. Es war wunderbar, zuweilen hatte er Augenblicke, die ihm alle Dinge in momentaner Bewegungslosigkeit zeigten, bis ins Innerste und Geheimste erkennbar. Und es hatte nur dieses kleinen Anstoßes bedurft. Gleichsam wie ein Gefäß eisigen Wassers, das schon die Kristalle birgt, ein unmerkliches Rütteln zur Erstarrung bringt.
Ihr Benehmen war Tag für Tag das gleiche. Sie empfing ihn freundlich, entließ ihn mit einem freundlichen Wort, führte kleine Wortkriege mit ihm in ganz objektivem Tone, lachte und scherzte. Nie, daß sie ihn durch eine Bemerkung, eine Miene von sich gedrängt hätte, nie, daß eine Laune, ein Verletzttun in ihm die Ahnung hätte aufkeimen lassen, daß er Macht über sie besitze.
Er bewegte sich in stets gleichem Abstande um sie. Es war, als habe sie einen Kreis um sich gezogen, den sie im Verkehr mit ihm nie überschritt und nie überschreiten ließ.
Einmal allerdings ereignete sich etwas, dasdiese seine Anschauung für Minuten ins Wanken brachte.
Sie promenierten im Park, Weg hin, Weg her, als sie einer kleinen schmalen Frau begegneten, die ein niedliches Mädchen in blendend weißem Kleide an der Hand führte. Die kleine, mädchenhafte Frau blickte sie erschrocken, ja entsetzt an mit blauen, blindglänzenden Augen und wandte nicht den Blick von ihnen. Das Mädchen streckte glucksend und lallend die Hände nach Ginstermann aus. Es war die Comptoiristin, die Witwe des Möbelzeichners.
Ginstermann grüßte und ging, von einer Erregung gepackt, weiter. Da fühlte er den Blick Biankas auf sich gerichtet. Sie war totenbleich, und ihre Augen verrieten Schmerz und Angst. Aber nur einen Augenblick, dann beherrschte sie sich. Und als Ginstermann ihr die Geschichte dieses unglücklichen Weibes erzählt hatte, ergriff sie impulsiv seine Hand und sagte: „Verzeihen Sie mir, ich habe Sie in Gedanken beleidigt.“ —
In seinen freien Stunden trieb sich Ginstermann ruhelos umher, Bianka vor Augen, in Bianka lebend. Nahte die Zeit ihrer Zusammenkunft heran, so wurde er ruhiger, trennte er sich von ihr, so krochen aus allen Winkeln seinerWesenheit die alten Gespenster hervor, um ihn zu martern.
Einst war Bianka verhindert zu kommen. Das war ein schlimmer Tag, das war ein schlimmer Tag! Und das Billett, das er am nächsten Morgen erhielt, bedeckte er mit Tränen der Freude.
Aber natürlich, wenn Sie Besuch haben, natürlich! — rief er immerzu aus.
Da war ein Mann, der schlich des Nachts scheu wie ein Verbrecher zu einem Hause da draußen. Wie auf einer Woge von Blüten thronte es. Und er koste die Klinke der Türe. Niemand darf es wissen, niemand!
Da war ein Mann, der saß Nächte durch auf einem Hügel, drei Stunden entfernt von der Stadt. Und dieser Mann sprach: Dort über den Bergen bist Du nun, Geliebte! Meine Gedanken wandern zu dir über die Berge. Meine Seele breitet die Schwingen, siehe, in ihren hohlen Händen ist Blut, Geliebte! Das ist das Blut meines Herzens, Geliebte. Schläfst du? Hast du auf sie gewartet mit der bittren Last? Wachst du, Geliebte? Da, zwischen dir und mir, da ist eine Wiese, dort begegnen wir uns des Nachts und bringen einander Sehnen und Tränen des Tages, Geliebte —
Niemand darf es wissen, niemand!
Da ist ein Mann, der sitzt auf einer einsamen Bank im Park. Ein Vogel flötet im Gebüsch. Und dieser Mann spricht mit jemandem, der nicht da ist. Du hättest es sehen müssen, Beste, sahst du’s mir nicht an den Augen an. O, was fieberte ich, nun ist es vorbei, Beste, nun ist ja alles gut.
Niemand darf es wissen, niemand! —
Zuweilen jedoch überfiel ihn ein Zustand vollkommenster Gleichgültigkeit.
Es kam ihm unsinnig vor, daß er jenes Mädchen im Englischen Garten spazieren führte, daß er sich überhaupt durch sie aus dem Gleichgewichte hatte bringen lassen. Weshalb liebst du sie eigentlich, fragte er sich. Sie ist hübsch, ihre Sprache ist melodisch, ihr Gang ist aristokratisch, das alles hat dich bestochen. Ihre weißen Elfenbeinhände mit. Aber ist sie auch die, die du in ihr anbetest? Ist es nicht das Ideal des Weibes überhaupt, das du dir gebildet hast, was du in ihr anbetest? Sie ist es gar nicht. Deine Liebe gilt ihr gar nicht. Vielleicht einer in Australien, irgendwo. Und das, was du rein an ihr nennst, keusch, was ist das eigentlich? Es ist Indolenz, sonst nichts. Oder was sollte es sonst sein? Mit Fischblut in den Adern hat man es leicht, sich rein zu halten, mein Freund. Und dieses hübsche, eleganteMädchen hat dich bezwungen? Was bist du nun? Du bist zum Objekt geworden, o, Schmach über dich! Groß warst du einst und ein Herrlicher in deiner Einsamkeit. Lache doch über dich, wenn du nicht ehrlich genug bist, um über dich zu weinen. Was war dein Ziel? Herrschen will ich und sie alle zu meinen Füßen wissen. O, mein Held, mein tapfrer, kühner Held! Heil dir! —
So dachte er auch einst, als er neben Bianka ging. Und diese Anschauung gab ihm ein Lachen, ein kurzes höhnisches Lachen. Da zuckte sie zusammen. Er war unglücklich, ihr wehe getan zu haben und maskierte sein Benehmen so gut als es ging. —
Diese Stimmungen waren nur von kurzer Dauer. Dann überfiel ihn wieder jene namenlose Sehnsucht und Qual, die wie lohende Flammen über ihm zusammenschlug und ihn verbrannte.
Er bat sie um etwas Liebe, nur etwas Liebe sollte sie ihm geben, für all seine Glut nur einen kleinen winzigen Tropfen.
Keinen winzigen Tropfen? Keinen winzigen Tropfen?
Es war hart für einen Mann seines Stolzes, so demütig zu lieben!
Wieder und wieder träumte er von einem Glücke,das nie werden würde. Sie lebten in einem Hause abseits der Straße. Er kannte es ganz genau, dieses Haus, das Gärtchen davor, alles. O, in diesem Hause lebten glückliche Leute. Alle nichtssagenden Details, alle harmlosen Kleinigkeiten eines Lebens zu zweien durchlebte er. Er lag des Nachts neben ihr auf dem Lager und koste sachte die Haare der Schlafenden. Er schlich sich fort, um Mohn zu holen, den sie so sehr liebte, und legte ihn ihr auf die Decke, damit sie ihn beim Erwachen finde. Er löste ihr die Schuhe und küßte in Demut ihren Fuß. Er saß mit ihr auf dem Rasen und las vor, was er geschrieben hatte.
So oft es anging, versuchte er Fräulein Scholl zu treffen. Sie hatte dreimal in der Woche Violinstunde, das war sehr günstig. Er wartete auf sie, schwätzte mit ihr, ausschließlich von dem Verlangen beseelt, irgend etwas von Bianka zu hören, einige Worte sprechen zu können über sie, ihren Namen von den Lippen der Freundin zu vernehmen.
Einmal traf er im Hausflur ein Kind, ein Mädchen, schmächtig, zart, mit blonden Haaren und klaren Augen, die denen Biankas glichen.
„Wie heißt Du?“ fragte er die Kleine, bemüht, sie für sich zu stimmen.
„Camilla.“
Könntest du nicht Bianka sein, dachte er. Bianka ein Kind und ich ein Kind, und wir beide Gespielen. Unsere Gärten, die stießen zusammen und im Zaun da wäre ein Loch. Wir schlüpften hin und her, zwitscherten zusammen wie Vögelein.
Und dann — und dann — —
Weshalb war das Leben so grausam, so geizig mit seinen Freuden, so karg. All das dachte er, während er bei dem Kinde kniete.
„Nun wollen wir uns etwas kaufen“, sagte er zu ihm und lächelte. „Komm!“
Dieses Kind liebte er. Weil es Biankas klare Augen hatte, Augen ohne Grund, von einer Tiefe, aus der es flüsterte, die alles in sich hineinzog.
Camilla wohnte in seinem Hause, das war gut. Er schmeichelte sich mit Süßigkeiten und Märchen ein bei dem Kinde, so daß es schließlich von selbst auf sein Zimmer kam.
Sie nannte ihn „Onkel Ginster“.
„Ich heiße Henri“, sagte er zu ihr. „Du sollst Henri sagen. Du sollst auch du zu mir sagen, ganz als ob ich ein kleiner Bub wäre.“
„Ari“, sagte sie.
„So sage Heiner. Ich heiße auch Heiner.“
„Heiner, ach ja, Heiner!“
Stundenlang hielt er die Kleine auf dem Schoß,dieses zarte, warme Körperchen an sich schmiegend. Er erzählte immerzu Geschichten.
Das waren ganz einfache, drollige Kindergeschichten, aber für einen, der sie verstand, waren sie mehr, weit mehr.
Er küßte die Kleine. „Du bist ein Dieb!“ rief es in ihm. Aber er küßte sie doch. Einmal in der Dämmerung, als er in Träumen versunken war, sprach er vor sich hin, jedes Wort stellte sich von selbst ein: „Beide Hände wollte ich gierig voller Edelsteine halten und alle rieselten sie mir durch die Finger. Du als der schönste bist mir geblieben. Kind, Kind, wenn du wüßtest, wie ich deine Mutter liebte — Kind —“
Da wurde er sich der Worte bewußt, er sprang auf und stellteCamillahart auf den Boden.
„Bist du böse, Heiner?“
Er lächelte. „Nein, Süße, Heiner ist nicht böse — Heiner ist — Heiner ist — o, geh heute, Schätzlein — morgen, gelt. Heiner ist heute — geh, Schätzlein“ — —
Bianka ahnte von all dem nichts. Wie sollte sie auch? In ihrer Nähe war er ruhig, beherrscht. Und gesprochen hatte er noch keine Silbe, woraus sie es hätte entnehmen können.
Er gehörte zur Klasse jener Menschen, die innerlichverbluten und doch lächelnd sagen: ich verspüre nichts.
Er erinnerte sich daran, daß er als Knabe am längsten seinen Finger über eine brennende Kerze gehalten, wenn sie „Spartaner“ spielten, oder daß er jeden im „indischen Duell“, wie sie die Austragung ihrer Ehrenhändel nannten, besiegte, weil keiner drei Tropfen glühenden Siegellacks ohne Zucken der Hand ertrug.
Er wußte, er würde schweigen und wenn er sich die Energie an den Gehirnwänden abschaben müßte.
Er hatte nicht das Recht, ihr von seiner Liebe zu reden, weil er nicht mehr rein war.
Diese fortwährenden Seelenkämpfe drückten seinem Gesicht ihre Spuren auf. Er war bleich, um seinen Mund zuckte ein krampfhaft schmerzliches Lächeln. Seine Augen waren größer geworden — so schien es ihm — ein düsteres Feuer brannte auf ihrem Grunde. Sah er sich im Spiegel, so war es ihm, als blicke ihn ein Fremder an, einer, der unheimliche Dinge in seinen Augen hatte.
Die Menschen mit den heißen Herzen, schrieb er in sein Tagebuch, sind nicht gut daran. Alle Menschen wollen sie lieben und von allen Menschen geliebt werden. Wer aber liebt sie?
Eines Nachmittags, gegen sechs Uhr, empfing Ginstermann den Besuch einer Dame, die er schon irgendwo gesehen hatte.
Sie trug ein Kleid von weißer durchsichtiger Seide mit kleinen rosa Röschen darauf, einen goldenen Gürtel, einen hellen Hut mit kleinen rosa Röschen, sie trug einen Schleier.
Ginstermann stand auf und sein Herz pochte, daß er es fühlte.
Er hatte ganz in Gedanken herein gesagt, und nun trat eine Dame ein in weißem Seidenkleid mit kleinen rosa Röschen darauf, und goldenem Gürtel, eine Dame, die er kannte. Ihre Haare waren so sonderbar weißblond, wie Stroh, das lange in der Sonne gelegen hat.
Die Dame stand schweigend an der Türe und hob mit zierlicher Handbewegung den Schleier. Da erkannte er sie mit den Augen, er hatte seinem Herzen nicht glauben wollen.
Er stand wie gelähmt. Seine Augen waren ohne Blick, als zerflössen sie.
Die Dame trat auf ihn zu und gab ihm die Hand. Ohne jeden Willen hatte er ihr die Hand gegeben, ohne Druck.
„Mein Gott, Henri!“ sagte sie bewegt, verwirrt, nahezu wie er selbst.
Sie hatte noch dieselbe Stimme.
Und er entgegnete: „Guten Tag, gnädige Frau.“
Sie lächelte voller Scham, voller Verwirrung und sah sich nach einem Stuhle um, ihre Erregung zu verbergen.
„Bitte“, sagte Ginstermann und schob ihr seinen Arbeitssessel hin.
Sie nahm Platz, setzte den linken Fuß über den rechten, dann den rechten auf die Fußspitze des linken und bewegte ihn leicht hin und her. Ihre Hände strichen über die Lehnenrundung des Sessels, immer auf und ab.
Nach geraumer Zeit sagte sie, ganz leise: „Ich habe dich gesucht, überall gesucht, aber ich fand dich nirgends. Du warst wie von der Erde verschwunden.“
Er saß ihr gegenüber und lächelte erstarrt. Sie bemerkte es nicht, sie sah zu Boden, dem Spiel ihres Fußes zu.
„Dann las ich von dir und hörte, du seist Dichter geworden. Ich wußte es ja damals schon, daß du ein Dichter bist.“
Sie blickte auf, zu ihm hin, voll Vertrauenauf die Wirkung ihrer letzten Worte. Sie war schön, ihre blaßgrauen Augen tief, erfüllt von verborgener Leidenschaft. Hellbraune Pünktchen schwebten darin wie gefangene Luftbläschen.
„Du wirst mich verurteilen, Henri, ich weiß es. Aber ich versichere dich — glaube es mir — ich konnte damals nicht anders handeln. Glaube es mir. Ich erzähle dir einmal alles. Ich hatte Sehnsucht, Sehnsucht, dich wiederzusehen, ich hatte auch den Mut dazu. Ich bin da, siehst du. Es steht bei dir, ob du meinen Besuch erwidern willst oder nicht. — Ich wohne in Starnberg. Mein Gatte ist gestorben, verunglückt bei einer Segelpartie in Nizza —.“
„Nizza“, sagte ein Echo in Ginstermann.
„Ich wohne in Starnberg. — Willst du nichts sprechen? Wie ging es dir denn?“
„Danke, es ging.“
„Vielleicht bin ich dir noch soviel, daß du mich Freundin nennen kannst, Henri?“
Ginstermann stand auf und sagte, ebenso leise wie sie, ebenso kühl, als sie herzlich sprach: „Nein, gnädige Frau.“
Die Dame erhob sich und blickte ihn an. Ihre hellgrauen Augen überzog ein Schleier.
„Glaube es mir, ich konnte damals nicht anders.Mein Gatte — du sollst alles hören. Ich hatte so große, große Sehnsucht nach dir — — willst du mir nicht die Hand geben, Henri?“
„Doch, gnädige Frau. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch.“
„Willst du mich nicht anders nennen. Hast du meinen Namen vergessen?“
„Ja, gnädige Frau.“
„Adieu, Henri. Ich sage trotzdem Henri zu dir.“
Ginstermann zog ein Schubfach auf und nahm ein Kuvert heraus.
„Ich habe Ihnen dieses Kuvert zurückzugeben, danke.“
Sie sagte: „O“, blickte ihn zusammenzuckend an und nahm das Kuvert. „Besuche mich doch“, bat sie wieder, „nur einmal, einen Augenblick! Als — Feind, wenn du willst. Du weißt ja nicht, was die Liebe ist.“
Nein, er wußte nicht, was die Liebe ist.
Sie stand eine Weile, ließ das Kuvert in den Sessel gleiten und wandte sich zur Türe. Da fiel ihr Blick auf Biankas Büste, wie ein Blitz, so kurz zuckte er darüber.
Ginstermann nahm abermals das Kuvert und sagte: „Sie haben dies vergessen, gnädige Frau.“
Sie nahm es, zerknüllte es langsam, dann wandte sie sich nochmals um. Sie lächelte.
„Vielleicht besuchst du mich doch einmal, Henri?“ sagte sie. Sie wollte ihm ihre Niederlage nicht eingestehen.
Ihr Antlitz war weiß wie ihr Kleid, und die rosa Röschen darauf schienen röter zu sein.
Sie ging.
Langsam glitt ihr Schritt die Treppe hinab. —
Ginstermann goß sich ein Glas Wasser ein und trank es auf einen Zug hinunter. Das Glas stellte er auf einen Stuhl, da es zum Tisch zu weit war.
Er kauerte sich auf die Ottomane und blieb sitzen bis es dunkel wurde.
An der Decke entstand ein gelber trüber Fleck, den eine Petroleumlampe aus dem Küchenfenster gegenüber hereinwarf. Es war furchtbar still. In der Ferne wurde mit Bestecken geklappert. Ein Wagen rasselte auf der Straße. Dann war es wieder still, furchtbar still. Der schmutziggelbe Flecken an der Decke schwankte, glitt zum Fenster hinaus, erschien wieder an einer anderen Stelle.
Ginstermann saß immer noch auf der Ottomane.
Die Stille spannte sich über ihn wie eine Glocke von Glas.
Ein Pfiff schrillte und lief gleich einem Risse über diese Glocke. Schritte kamen, die Huppe eines Automobils ertönte, und Surren erschütterte die Luft. Fräulein von Sacken rief draußen über das Geländer, und eine Menge schwatzender, lachender Damen trampelte die Treppe herauf.
Ginstermann stand auf und machte Licht.
Nun war es überwunden.
Er zog das unterste Fach seiner Kommode auf und kramte darin. Bündel von Zeitschriften Manuskripten, Briefen warf er auf den Boden. Ein Päckchen Briefe in dunkelroten Enveloppen trug er an den Tisch. Sie waren abgenutzt vom vielen Herumtragen und die Schrift verwischt vom Regen.
Diese Briefe las einer vor Jahren jeden Morgen und jeden Abend. Diese Briefe waren einst für einen das, was Gebete für Leute sind, die die Verzweiflung beschwören.
Er nahm den obersten und hielt ihn über die Lampe. Das Papier begann zu kohlen, zu knistern, eine kleine blaue Flamme sprang von oben herab und fraß sich am Rande wie eine feurige Schlange entlang. Das Kuvert bog sich auf und der glühendeSaum kroch auf die Anrede: mon petit coeur zu, verschlang sie, und gleichsam als ihr Gespenst tauchten die Worte in bronzegrüner Tinte auf der dunklen Asche auf.
Er warf den Brief in den Ofen und die anderen dazu. Verbaffende Rauchwolken quollen aus den Fugen, die Flamme brauste auf und nun bog sich ein Stück Pappe in der Glut hin und her. Das Bildnis einer Frau tauchte einen Moment auf, neigte sich vor und zurück wie in entsetzlicher Qual und stürzte endlich als weiße Asche in das Häufchen Glut, das aussah wie ein klippiges, winziges Gebirge, das in der Sonne glüht.
Ginstermann stand, den roten Widerschein der Glut in den Augen, und lächelte.
Nun war es überwunden.
Er holte jene Päcke Manuskripte und Zeitschriften herbei und warf sie in die verglimmende Asche. Ein Fanatismus, alles zu zerstören, was ihn an seine früheren Jahre erinnerte, erfaßteihn.
Hier und da warf er einen Blick in die Blätter. Es waren die Aufzeichnungen eines verbitterten, höhnischen Menschen, dessen Seele ein Erlebnis zerstört hatte. Ungeheure Zynismen, Verwünschungen, Flüche.
Da war auch ein Kapitel über das Weibdarunter. Ginstermann lachte, als er es überflog, er las es nicht zu Ende.
Der wüste Lärm von Kneipen, das Lachen eines Wahnsinnigen, der Geruch von Branntwein, das Gekreische von Dirnen stieg aus diesen Blättern.
Er las all das nicht ohne jenen Schrecken, den einer empfindet, der einer Gefahr entronnen ist, in der er ohne sein Wissen schwebte.
Sein Blick fiel auf ein Blatt, das die Überschrift trug: Der letzte Stern.
Es war eine eigentümliche Geschichte. Sie lautete:
Eines Morgens fanden die Leute bei ihrem Erwachen die ganze Erde mit Sternen bedeckt. Alle Sterne waren des Nachts vom Himmel gefallen. Sie erschraken gewaltig und blickten bleich und höhnisch zu gleicher Zeit auf die Propheten, die sie gelehrt hatten, die Sterne anzubeten. Haha! schrien sie, die Sterne sind heruntergekommen diese Nacht!
Einige Vorwitzige hatten sich aufs Feld gemacht und sich den Sternen genähert. Kommt! schrien sie, kommt! Und sie wälzten sich vor Lachen.
O, ihr Lügner von Propheten, ihr Diebe von Propheten, so seht doch, seht doch — hahaha! Das also sind eure heiligen Sterne, das!
Und sie spien den Propheten ins Gesicht.
Das nämlich hatte sich herausgestellt: Die Sterne waren Pappe, bronzierte Pappe, nichts als bronzierte Pappe.
Hahaha, ihr Hunde! Seht ihr, Pappe, bronzierte Pappe!
Den ganzen Tag zeterten und höhnten sie. Die Sterne schlugen sie in Fetzen, dieselben Sterne, vor denen sie früher die Stirnen beugten.
Die Propheten standen gesenkten Hauptes, das Gesicht trauernd und grübelnd in die langen Bärte gedrückt. Gegen Abend begannen sie, den andern bei der Zerstörung der Sterne zu helfen, dieser Sterne aus bronzierter Pappe.
Bis auf einen, einen alten, ganz alten mit schneeweißen Haaren. Der stand wie aus Stein.
Es wurde Nacht. Da geriet der Greis in Verzückung und deutete gen Osten. „Seht!“ rief er, „seht!“
Alle sahen hin. Es war ein Wunder. Dort oben blinkte ein Stern, ein winziger Stern mit grünem Lichte.
Hoho, schrien sie, hoho?
„Seht! Seht!“
Sie aber schüttelten die Köpfe und lachten. „O, du eisgrauer Narr“, höhnten sie, „du hast denVerstand eines neugeborenen Kalbes! Begreifst du — ha! Alle Sterne waren nichts als bronzierte Pappe, so wird auch dieser bronzierte Pappe sein!“
„Weshalb fiel er nicht? Seht ihr nicht, wie er leuchtet und sprüht! Der ist aus reinstem Golde!“
„Alle Sterne — siehst du nicht — Narr! Bronzierte Pappe! — O, Narr, uns betrügst du kein zweites Mal!“
„Weshalb aber fiel er nicht?“ Und der Greis deutete mit erhabenem Triumphe zu dem letzten Stern empor.
Da gab es einige wenige, die zu lachen aufhörten — — —
Dieses Blatt wanderte nicht in die Flammen.
Die Papiere hatten eine starke Hitze verursacht. Ein dichter Qualm zog die Decke entlang und wirbelte lustig zum Fenster hinaus. Er hatte alle Mücken, die an der Decke gesessen, in Aufregung versetzt, und sie summten wie verrückt umher.
Ginstermann saß und blickte in die Glut. Er lächelte. Seine Irrjahre waren vorbei, da drinnen sanken sie in Asche. Nichts verband ihn mehr mit ihnen. Er fühlte, daß sich seine Seele erneuert hatte.
Lange saß er bis alles kalt und tot war da drinnen. — —
Wenn aber die Vergangenheit vergangen ist, Bianka? flüsterte er . . .