Die Würfel sind gefallen.
Alles ist verloren. —
Bianka lächelt und sagt: „Es war sehr töricht von mir. Wie hübsch hätten wir den Nachmittag bei mir verplaudern können.“
Ginstermann entgegnet: „Aber bitte. Nein, das wäre zuviel der Liebenswürdigkeit gewesen. Sie waren ohnedies so gütig gegen mich.“
Er verbeugt sich einigemal und lächelt. Er verbeugt sich linkisch und lächelt erstarrt. Da sind einige Muskeln um seinen Mund, die sich verzerrt haben.
Bianka merkt das nicht. Sie sieht nicht, daß seine Augen wie ausgetrocknet sind, seine Haare vom Schweiße an die Stirne kleben, daß er bleich ist wie eine Wand.
Es ist gut, daß es dämmert.
Sie stehen wieder in dem Vorgärtchen vor der dunklen schweren Türe und morgen geht die Reise. Adieu! Morgen geht die Reise. Um 11 Uhr.
Ein Mann muß sich beherrschen können, er muß stehen, bis er tot hinschlägt. War er nicht ein ganzer Kerl, ein ganzer Kerl! Das Messer war ihm bis ans Heft ins Herz gefahren, mitten ins Herz und er hatte nicht gezuckt. Er hatte gelächelt und geplaudert, als habe sie ihm etwas Schönes geschenkt. Sie sollte nicht wissen, daß sie ihn heute nachmittag getötet hatte.
Jetzt sei es allerdings zu spät. Es gäbe auch noch eine Menge Besorgungen für die Reise.
Aber selbstverständlich. Wann sie fahre?
Sie lächelt, da er schon einigemal gefragt hat, und erwidert: „Um ½11. In Bellinzona machen wir die erste Station. Mamas halber.“
Sie sieht an den Fenstern hinauf, eine unbegreiflich lange Zeit, dann tritt sie näher und blickt ihn an. Noch einmal schwebt dieses zarte, rätselhafte Antlitz vor ihm, und diese klaren graugrünen Augen locken zum letzten Mal tote Wünsche.
Aber sie bleiben tot, nicht einer regt sich mehr.
„Sie werden mir doch dann und wann schreiben, Herr Ginstermann?“
„O gewiß, wenn sie es erlauben. Ein paar Zeilen —“
„Erinnern Sie sich stets daran, daß Sie da unten im Süden eine Freundin haben, die Ihnen für alle Zeiten und Fälle eine Freundin sein möchte, wollen Sie das?“
Er dankt ihr, indem er sich verbeugt.
Er werde sich stets daran errinnern. Für alle Zeiten. Er danke ihr, ja er danke ihr tausendmal für all ihre Güte. Er wisse, daß auch Sie sich oft an den herrlichen Sommer errinnern werde.
Fließend, ohne einen Fehler in der Betonung, spricht er. Es ist ihm, als sei da ein Zweiter neben ihm, dem er voll Bewunderung und Erstaunen zuhöre.
Dann schüttelt sie ihm die Hand.
„Adieu. Morgen um ½11, bestimmt! Am Bahnhof. Adieu. ½11 Uhr, nicht? Adieu!“
Das sagt sie leicht hin, etwas hastig und steigt die Treppen hinauf.
Ginstermann wendet sich augenblicklich und geht zur Gartentüre hinaus. Er geht stolz und aufgerichtet. Der Wind wirft ihm boshaft lachend eine Hand voll Staub ins Gesicht.
Da ruft sie ihn nochmals. Sie steht auf der obersten Treppe, mit einer Geste als wolle sieherabsteigen, um ihm noch etwas zu sagen. Aber sie steigt nicht herab, sie spricht nichts, sie hebt nur die Hand, um zu winken. Aber sie winkt auch nicht.
„Adieu, Fräulein Schuhmacher!“
Die Türe fällt ins Schloß, mit jenem eigentümlichen, dumpfen Laut einer Türe, die sich für immer geschlossen hat. Er sieht sie noch da oben stehen, die Hand erhoben. Und nun sieht er nur noch die Hand.
Er sieht die Türe an und lächelt, er blickt am Haus entlang und lächelt.
Dann geht er. —
Die Sache Henri Ginstermann — Bianka Schuhmacher ist erledigt: Ginstermann ist geschlagen!
Nun war es vorbei.
Ein tränenloses Schluchzen erschütterte seine Brust und gleichzeitig lachte er.
Weshalb ereignete sich nichts? Weshalb fiel kein Haus ein, kam nicht ein Stück vom Himmel da droben herunter?
Aber er hatte es ja nicht anders verdient. Nein, wenn er einem Menschen einen Vorwurf machen konnte, so war er dieser Mensch selbst. Weshalb war er so verblendet gewesen, abermalsan einen Menschen zu glauben? Sein Herz einem jungen Mädchen zu Füßen zu legen, das achtlos und blind darüber hinwegschritt? Noch immer war er jener Tor, der sein Herz auf den Händen durch die Straßen trug und die Leute fragte, ob sie es nicht haben wollten, da es zu schwer von Liebe sei für ihn. Er hatte es als Kind seinen Eltern schenken wollen, sie hatten es nicht angenommen, er hatte es später Frauen und Freunden schenken wollen, sie hatten es verspottet und mißhandelt, und wieder, wieder —? O, er war ein Tor! Die Menschen waren zersprungene Geigen, die keinen Ton mehr gaben, die Menschen waren zu arm an Liebe, um einen Hund damit ernähren zu können. Die Menschen waren ein Pack von Krämern, Kirchgängern, Wucherern, Handwerkern und Barbaren. Aber die Menschen waren keine Menschen. Diesen Titel hatten sie einigen Großen gestohlen und sich umgehängt wie einen Orden.
Das war ja des Hades Maskengarderobe, was da ging und stieg und sich brüstete nach Pfauenart, Ekel verbreitend und üblen Geruch. Als geputzte Bälge kamen sie daher, stupid und leer ihre Augen, aus denen ihr Magen blickte.
Er spie aus, er spie ihnen seine ganze Verachtung vor die Füße.
Hoho! Einer der Leichname fand diese Grabrede für zu bündig. Wohl Psalme, du Schuft?
Ginstermann erwiderte kein Wort. Er stand still, die Fäuste in den Rocktaschen und maß ihn mit messerscharfen Blicken, den Kopf kampfbereit gesenkt. Ein ganzer Kreis von Leuten bildete sich um ihn. Einen nach dem andern fixierte er und einer nach dem andern stahl sich fort.
Sie hatten alle Angst, diese Feiglinge. Es war sonderbar, niemand lächelte, niemand erwiderte eine Silbe. Diese Leute hatten Furcht vor ihm. Es war eine Wonne, seine Macht zu fühlen.
„Wäre doch wenigstens noch etwas vom Kain, vom Tiger in euch!“ sagte er, verächtlich die Lippen zuckend.
Er wandte sich voller Abscheu und ging. Mit herausfordernden Blicken, den Kopf scharf nach jedem wendend, der ihn anblickte, schritt er die Straße entlang. Einigemal blieb er stehen, lachte, hustete, um einen Kampf zu provozieren.
Sie hatten Angst, alle. So ein feiges Gesindel waren diese Kreaturen!
Der Wind blies ihm entgegen in heftigen Stößen, mit seinen riesigen Fittigen bald die Straße fegend, bald die Wipfel der Pappeln beugend. Die Straße herauf flogen Karossen inWirbeln von Staub, eine hinter der anderen. Kamen sie aber vorbei, so waren gar keine Karossen darin, nur der Wind. Der sprang lachend heraus. Plötzlich war das Trottoir mit schwarzen Sternchen übersät und eine dunkle Wolke senkte sich bis nahe an den Erdboden herab, Finsternis verbreitend. Der Wind stand, ein jammerndes Gespenst, in wirbelnde Lappen gehüllt, inmitten der Straße und drehte sich im Kreise. Durch eine Wolke von Staub hindurch sah man Leute, die betend die beiden Hände gen Himmel streckten. Die Häuser wankten, die Wagen neigten sich, die Erde drehte sich schneller unter den Füßen — da erhielt sie einen Stoß und stand still, die Leute taumelten.
Ginstermann spürte einen heftigen Schmerz an der linken Schläfe. Er war gegen eine Staffel gefallen. Er wollte sich erheben, aber es ging nicht. Ein paar Leute standen um ihn herum, die Augenbrauen in die Höhe gezogen. Ein Student, die Mensurmütze über dem glatten Schädel, näselte ein lateinisches Wort.
Da stand Ginstermann augenblicklich auf und ging weiter. Seine Füße waren wie mit Blei ausgegossen. Um ihn rauschte es, es regnete.
Seine Schläfe schmerzte, in die Augenbraue sickerte es.
„So geht es, wenn man sich aufregt, mein Freund“, sagte er zu sich und lächelte, als wolle er einem hübschen Mädchen gefallen.
Die Häuser standen wieder aufrecht, die Leute hörten auf zu tanzen und zu taumeln.
Er bog links ab und ging in den Englischen Garten.
Das aufziehende Regenwetter hatte die Leute vertrieben. Der Park lag still und traurig, die Bäume verschleiert, als erwarte er einen Leichenzug. Man betrat ihn nicht ohne Bangen und Grauen.
Ginstermann blieb stehen und lauschte. Unzählige Spechte klopften an den Bäumen. Endlich entdeckte er, daß es das pochende Blut in seinen Ohren war. Die Baumgruppen erschienen ihm wie zusammengeduckte Ungeheuer, denen einer, der das nicht bemerkte, unfehlbar in den Rachen lief. Aber er war nicht so töricht. Im übrigen wußte er auch recht gut, daß es ganz gewöhnliche Bäume waren, nichts weiter. Dort oben stand der Monopteros.
Sonnentempel, Tempel der Seligkeit! Haha!
Er sah aus wie die Arbeit eines Zuckerbäckers, die nun im Regen elend zerweichen mußte.
Hahaha, gerade so. Er war Teig, weicher Teig war er.
Er blieb stehen.
„Zur Sache“, sprach er, „wir wollen es kurz machen. Hier war es, gerade hier.“ Oder war es nicht hier? Er mußte — wo war es? Er mußte — bei allen Heiligen — doch die Stelle finden, wo er begraben lag! Haha, das wäre noch hübscher! Zur Ruhe, zur Ordnung! Was hatte sie gesagt? Ein Dutzend Worte. Hier war es angegangen, also mußte es hier neben diesem kleinen Bäumchen sein.
Er kniete nieder und machte ein winziges Kreuz in den Sand.
„Henri Ginstermann, gestorben am Herzeleid. Bete ein Vaterunser, o Christ!“
Aber vielleicht war es doch nicht hier? War das nicht dumm, nicht dumm, messieurs? Man mußte ins reine kommen.
Er lief den Weg hinab und setzte sich auf eine Bank. Dann stand er auf und sagte: „Sie haben recht, die Sonne sticht hier unerträglich. Man sitzt wie im Brennpunkt einer Lupe.“ Langsam schritt er, als ginge er neben Bianka einher.
Ah, nun wußte er alles, jede Einzelheit. Hier ging Bianka, hier er. Ihre Schatten liefen wie folgsame Pudel links von ihnen.
Er wußte alles ganz genau. Plötzlich wareine Jalousie in seinem Kopfe in die Höhe gegangen.
Sie sprachen von der Reise, sie sprachen von der Reise. Und sie sprachen auch vom mutmaßlichen Wetter. Jawohl. Und sie sprachen auch davon, wie schön der Sommer gewesen wäre. Auch vom Sommer. Gut. Reise, Wetter, Sommer. Gut. Es stimmt. Bianka — ja, nun kam es. Wie kamen sie nur darauf? Ach, richtig, sie sprachen ja vom Sommer. Wie schön er gewesen wäre. Bianka — nur Vorsicht — bis zu dem Büschel Löwenzahn dort ungefähr von der Reise, bis zur Wegkreuzung vom Sommer, wie schön er gewesen wäre — von hier an — jawohl. Alles in Ordnung. Hier ging ein alter Herr mit einem glatten Elfenbeinknopf am Spazierstock an ihnen vorüber, so daß er näher zu Bianka hinüber mußte. Bianka spielte mit den Quasten ihres Sonnenschirmes, und er bemerkte, daß die Naht des Handschuhes am Ballen etwas geplatzt war. Haha, er entsann sich sogar auf Dinge, die er kaum recht beobachtet hatte. Und Bianka sagte:
„Eigentlich ist es doch recht selten —“ Oder begann sie nicht so? Es war da etwas wie ein helles A am Anfang ihres Satz es. „Das passiert nicht oft, daß man einem Menschen begegnet. Mir passierte es sehr selten. Und deshalb freut es mich,daß ich Sie kennen gelernt habe.“ Nun blieb sie stehen, sah ihn an und fuhr fort, indem sie lächelte: „Wie sonderbar es begann, da im Theater, da bei Kapelli, nicht? Und dieser Sommer — es war alles hübsch.“ Sie stockte, besann sich, ging weiter.
Er entgegnete nichts darauf. Von einer freudigen Ahnung durchschauert, wartete er auf das, was sie nun sprechen würde. Sie hatte gleichgültig gesprochen, wie einer, der etwas Besonderes folgen lassen wird. Es war wie eine Einleitung und hinter ihrem letzten Wort stand etwas wie ein großer Doppelpunkt.
Nun wird sie es sagen, dachte er und es flimmerte ihm vor den Augen vor Erregung.
Aber sie setzte ihre Rede nicht fort. Sie schwieg.
Er wartete noch immer, noch immer. Da begann sie über Nizza zu sprechen.
Sie sprach nichts weiter, nichts sonst, keine Silbe. „Es war hübsch, hörst du, Ginstermann? — hübsch war es.“
Und hier war es, hier.
O, es war in der Tat hübsch, außerordentlich hübsch. Sie können sich nicht vorstellen, wie hübsch es war, Herr Ginstermann. Wir gingen einige Wochen zusammen, wir unterhielten uns, Sie eröffnetenmir ihre Ideen, Herr Ginstermann, ja vielleicht liebten sie mich auch ein bißchen. Addieren Sie, bitte, addieren Sie. Summa: hübsch.
Er umschritt das kleine Kreuzchen im Sande und lachte.
„Hier liegen die Träume eines Toren“, begann er in pastoralem Tone, „hier liegt die Sehnsucht eines Narren — hahaha. Sie ertranken in der Tiefe einer Mädchenseele. Ich will mein Senkblei in deine Seele werfen, sagte der Narr, ob sie tief sei, ich will es gegen ihre Wände schlagen lassen, ob sie Ton wiederhallen, ob sie Silber singen. Da ertranken seine liebsten Kinder in der bodenlosen Tiefe — hahaha —!“
Plötzlich hielt er inne und richtete sich auf. Ein unheimlicher Gedanke stieg in seinem Kopfe empor, riesengroß, ein graues Gespenst ohne Form und Ausdruck.
„Du bist wahnsinnig“, sagte er leise zu sich, damit es niemand höre außer ihm.
Das Gespenst sank wie ein Schatten auf ihn herab und hüllte ihn ein. Sein Herz ging in langsamen Stößen, er stand wie gelähmt. Eine Ewigkeit.
Rings um ihn rieselte der Regen, der Park lag wie ein Leichnam, starr und still. Die Stilleflüsterte, sie flüsterte unverständliche, grauenhafte Dinge. Der Wind stieß wie die Flügel eines Schwarmes von Vögeln an seinen Kopf.
In seinem Kopfe da ging ein schweres Pendel hin und her, das alle Gedanken, die aufstehen wollten, niederschlug. Und er lauschte auf das, was diese Stille flüsterte.
In der Ferne schlug eine Uhr.
Das war eine Uhr, dachte er. Jawohl, eine Uhr. Und das hier ist ein Weg, und das da bin ich, Henri Ginstermann, dem sie in der Jugend einen schlimmen Untergang prophezeiten. Und das hier ist meine Hand. So nennt man das Ding. Ich kann es bewegen.
Was ist geschehen, was ist geschehen mit mir, dachte er.
Nun haben sie mich in die Luft eingemauert, wie ein Luftbläschen in Glas eingemauert ist. Angst lähmte ihn.
Drüben am Wege ging eine Gestalt, in einen sonderbaren Mantel gehüllt.
Nun kommt er, dachte er, den großen Holzhammer unterm Mantel, um dir auf den Kopf damit zu schlagen.
Aber nein, was war mit ihm geschehen?
Plötzlich bewegte er die Füße und ging. Fort,fort aus diesem Garten, dessen tausend graue erloschene Augen dich anblicken, fort, fort.
Er lief hastig, quer durch die Wiesen, um die Gebüsche zu vermeiden.
Endlich war er auf der Straße. Er wurde ruhiger. Hier gab es Menschen und Schutzleute, er war geborgen.
Nach und nach kehrte die Reaktion seiner Sinne zurück. Langsam, mit dumpfem Kopfe schlich er an den Häusern entlang. Es war noch nicht spät, es dämmerte. Der Himmel war düster und erschien wie ein unendlich tiefer Sack, aus dem flimmernde Fäden hingen. Die Bogenlampen brannten, die Telephondrähte schimmerten und liefen rasch in die Dämmerung hinein, als hätten sie es sehr eilig, an den Leitungsdrähten der Straßenbahn sprühten zornige, grüne Flammen auf.
Die Cafés waren erleuchtet, die Türen gingen auf und zu. Durch einen Vorhang sah er ein grünes Billard, über das sich ein Herr mit langen weißen Manschetten beugte. Der Kopf einer Kellnerin ging hinter der Scheibe vorüber und verdeckte für einen Moment das ganze Billard.
Er war fähig, diese Eindrücke aufzunehmen, ohne aber sonst Kraft zum Denken zu besitzen.Man hat alle Drähte in meinem Kopfe durchschnitten, dachte er.
Seine Schläfe brannte. Das Bedürfnis, sie mit kaltem Wasser zu netzen, trieb ihn über die Brücke, in die Anlagen. Dort stieg er zum Fluß hinunter. Die Böschung war gepflastert, er mußte vorsichtig sein. Der Fluß rauschte vorüber, blitzschnell, mit hundert Zungen nach ihm leckend. Schon daran, die Hand nach dem Wasser auszustrecken, hörte er über sich rufen. Er wandte erschrocken den Kopf und glitt aus. In Todesangst klammerte er sich an den Steinen fest.
Es war ihm, als habe ihn der Fluß schon in seine brausende Tiefe hinabgezogen. Ohne sein Vorhaben auszuführen, kroch er wieder in die Höhe; kalter Schweiß bedeckte seine Stirne. Er schleppte sich weiter, müde ging er wie ein alter Gaul.
Er ging lange, bis die Häuser klein und niedrig wurden. Trüb leuchteten ihre Augen, einige hatten viele, wiederum welche waren blind von oben bis unten.
Auf der Straße spielten Kinder. Es waren kleine Mädchen. Sie hatten einen Kreis gebildet und schritten um ein Mädchen herum, das in der Mitte saß, die Hände vor dem Gesicht. Dabeisummten sie ein Lied. Es war ein weicher flüsternder Gesang, wehmütig durch die Dämmerung schwebend.
Ginstermann stand und lauschte. Aus diesem Summen der Mädchen da sprach es zu ihm, wie aus dem Flüstern der Stille im Park.
Und nun verstand er.
Sterben, sprach es.
Er ging und lächelte vor sich hin, von diesem weichen, kosenden Sang gefolgt, der: sterben sagte. Wie die weichen Arme eines Unsichtbaren umschlang es ihn und küßte ihm dies Wort auf den Mund.
Die Häuser hatten ein Ende. Frei lag das Feld vor ihm.
Über die Ebene lief hurtig ein kühler Wind. Er nahm den Hut ab und ließ sich die Stirn von ihm kühlen. Das war sanft und wohltuend, er mußte an die schmalen kühlen Lippen seiner Mutter denken, wenn sie ihm die Wangen küßte.
Es regnete nicht mehr. Im Westen glomm ein schmaler, düsterroter Saum, die Nacht schlug wie das ungeheure schwermütige Lid eines Vogelauges über der Erde zusammen.
Die Luft war gewürzt vom Geruche des triefenden Waldes, der Wiesen. Er roch die Nacht heraus.
Er kniete nieder und küßte die Erde.
Adieu, sagte er. Er stand noch eine Weile: Das war der Wald, hier das Feld, dort oben der Himmel. Adieu.
Dann wandte er sich der Stadt zu. Er wollte nach Hause.
Nun konnte er plötzlich wieder denken. Aber all seine Gedanken liefen diesem einen Ziele zu, — ruhig, ohne Schmerz, erfüllt von Weihe, die dieses Ziel über sie hauchte.
Die ganze Stadt war Licht, Lärm, Lachen. Menschen fluteten, Menschen, die dieses Licht, diesen Lärm, dieses Lachen liebten, die die kleinen süßen Abenteuer liebten. Es brauste nah, in der Ferne. Es läutete, klingelte.
Aber lauter und klingender wie der Lärm des Verkehrs ging hoch oben ein Brausen über die Stadt. Es lief durch die Straßen, riß die Fenster auf, fuhr durch die Häuser, fuhr in die Brust der Menschen, und blies die Glut ihrer Herzen zu Flammen: Das Leben!
Nun lag es hinter ihm. War es nicht schön gewesen? O, es war köstlich gewesen. Es hatte ihm die große Freude, den großen Schmerz gegeben. Was sollte es mehr? Er hatte sich satt getrunken an seinen Schönheiten, er hatte seinen Rätseln gelauscht.
Er war müde, er sehnte sich nach der großen Ruhe, nach der Rückkehr in das Nichts, wo die atemlose Flucht der Erscheinungen ein Ende hatte.
Bei einem Waffenladen blieb er stehen. Die Läufe blitzten, die runden hohlen Augen blickten ihn wie etwas Bekanntes an. Wie unschuldige Wichtchen schlummerten die Kugeln in den Schachteln, plump und dick ein Schädel in Stücke reißend, klein, nur den Stich einer Nadel an der Schläfe hinterlassend.
Aber er ging weiter. Er hatte zu Hause ein scharfes, scharfes Rasiermesser. Damit wollte er sich die Adern durchschneiden, und während das Blut in langsamen Stößen seinem Körper entwich, noch an all das Herrliche denken, das ihm das Leben schenkte. —
Als er seine Treppe emporstieg, sah er Frau Trud vor der Tür des Ateliers stehen. Es schien als warte sie auf jemanden.
„Ach, Sie sind es“, sagte sie. Sie sah angegriffen aus und hatte gelbe Ringe um die Augen.
Ginstermann erschrak, als er sie erblickte, es war ihm, als errate sie seine Absicht. Sie betrachtete ihn auch so sonderbar, versteckt argwöhnisch. Sie ließ ihn sicher nicht ohne weiteres vorbei.
„Was ist mit Ihnen, Herr Ginstermann?“ fragte sie mit jäher, erschrockener Stimme.
„Mit mir, wieso denn nur?“
„Wie sehen sie nur aus. Ist Ihnen etwas zugestoßen?“
Diese Besorgnis, diese mütterliche Anteilnahme machte ihn bewegt.
„Ach nein“, erwiderte er. „Gute Nacht, Frau Trud.“
Er gab ihr die Hand und sah ihr mit einem tiefen Blick in die Augen.
Oben wandte er sich nochmals um und rief: „Grüßen Sie Kapelli, ich werde ihn demnächst wieder mal besuchen.“
Er zitterte noch, als er in seinem Zimmer angelangt war.
Hatte sie etwas gemerkt? Wie konnte sie das?
Nachdem er abgeschlossen hatte, zündete er die Lampe an. Dann spähte er unter das Bett, ob niemand drunter versteckt sei, der ihn beobachten konnte. Die Vorhänge zog er zu.
Er ging zur Büste, blickte sie eine Weile düster lächelnd an und hob sie herab.
Er preßte sie an die Brust und küßte sie auf den Mund.
„Bianka“, sagte er, „leb wohl. Wer du auchseist, ich danke dir. Du warst das Schönste, das Leuchtendste in meinem Leben. Du gabst mir ein tiefes Erlebnis. Nie hat ein Mensch Schönres erlebt. Dafür danke ich dir. Weißt du, wie ich dich liebe? Sieh, ich bin irrsinnig geworden, so liebe ich dich. Irrsinnig, du meine Bianka. Vielleicht hätte ich dich glücklich gemacht. Wir wissen es ja nicht. Leb wohl. Wenn du von meinem Tode hörst, so härme dich nicht. Verzeih!“
Tränen rollten über seine Wangen, während er sie lächelnd betrachtete. Er öffnete den Schrank und stellte die Büste behutsam hinein. Sie sollte es nicht sehen.
Da pochte es an seiner Türe.
Er erschrak heftig und fragte stockend: „Wer da?“
„Kapelli.“ Ob er nicht Lust habe, den Abend mit ihnen zu verbringen. Bißchen Karten spielen.
„Nein, danke schön.“
„So machen Sie doch mal auf!“
Ginstermann ging an die Türe, unschlüssig ob er öffnen sollte.
Dann rief er: „Ich will arbeiten, Kapelli. Stören Sie mich nicht länger.“ Aber Kapelli pochte nochmals.
Ginstermann beugte sich herab und blies durchs Schlüsselloch.
„Ich werde Sie die Treppe hinunterblasen“, rief er, sich zum Lachen zwingend.
„Na, dann also gute Nacht.“
Kapelli stieg die Treppe hinab, hielt inne, kam wieder ein paar Stufen herauf, stieg abermals hinunter und schloß endlich die Türe seines Ateliers hinter sich.
Was wollen sie nur, dachte Ginstermann. Diese beiden guten Leutchen, sie ahnen wohl etwas? Morgen wird Kapelli sagen: Armer Kerl, der Ginstermann. Und des Nachts werden sie stumm in ihren Betten liegen und an mich denken.
Und Kapelli wird hinter dem Sarg hergehen, seinen engen schwarzen Rock über dem Bauche zugeknöpft, einen Zylinder auf dem Kopf. Und er wird im Sarge liegen und Grimassen schneiden. Aber nein, er wird hübsch ruhig bleiben. Im übrigen wußte es man nicht. Niemand weiß, was ein Toter tut, wenn der Deckel aufgeschraubt ist. Noch besaß niemand soviel Mut sich neben einen Toten in den Kasten zu legen und zu beobachten, was er tut. Einer seiner Bekannten wird ein paar Worte am Grabe sprechen: Bläh — bläh — Henri Ginstermann ist tot. Er hat „Das Ebenbild Gottes“ geschrieben — bläh — bläh — er hat auch Verse geschrieben — manweiß nicht, woran er gestorben ist, vielleicht ist er am Leben gestorben — bläh — bläh —
Ginstermann setzte sich auf die Ottomane und sann vor sich hin. Seine Hände zitterten, die Pulse hüpften in seiner Schläfe; in seinem Kopfe da rauschte es, rings herum.
Da gab es noch jemanden, den die Nachricht stutzig machen wird. Dieser jemand wird sagen: Henri Ginstermann? das ist ja mein Sohn. Seine Mutter hatte ihn doch ein bißchen gerne, früher. Nun ja, bei jenem Skandal — kann eine anständige Dame da anders handeln. Ein Schüler, ein Junge von siebzehn Jahren, der sich mit einer verheirateten Frau einläßt! Puh, puh! Aber nein, früher. Als er noch zwölf Jahre alt war. Bis er den Ring stahl. Stahl, das ist ja nicht richtig. Er legte ihn ja abends wieder auf den Toilettetisch. Er hatte ihn nur in der Sonne funkeln lassen, weil das seine Augen entzückte. Sie hatten ihn allerdings Dieb genannt. Dieb zischten sie alle. Und er wurde in eine dunkle Kammer gesperrt, die ganze Nacht. Da kam der Teufel mit seiner ganzen Verwandtschaft. Die Holzwürmer schlugen mit den dicken Köpfen auf die Dielen. Die Mäuse nagten die Balken ab, um ihn in einen tiefen Schacht hinabzustürzen. Eine Uhr rasselte wie einSterbender. O, das war schon mehr als Geisterspuk. Des Morgens kam ein graubleicher Bursch zur Türe heraus, dem diese Nacht mit ihrem Schrecken wie ein Frost auf die Seele gefallen. Seitdem haßte er sie, seine Eltern und Geschwister, seine Mitschüler und Lehrer, alle Menschen. Und er schlief trotzig in der Geisterkammer, ohne Furcht, da er sich dem Teufel verschrieben hatte, der ihm jetzt nichts mehr tat. Ja, selbst die Mörder fürchtete er nicht mehr. Sollten sie ruhig zum Fenster hereinsteigen und ihn erdolchen. O, es war nur ein Spaß! — Hoho, aber plötzlich da wurde es anders. Niemand liebte ihn, bis er eine junge hübsche Frau kennen lernte.
Weshalb sieht man so finster in die Welt, lieber Henri? — Wollen wir Musik zusammen machen, wie? — Wollen wir in den Garten gehen und die Blumen ansehen? — Armer Bub wie haben sie dich hergerichtet? — Nein, nicht küssen, nicht küssen, Schlingel!
O juhei, o juhei — wie herrlich ist das Leben! — Wie, abgereist? Gnädige Frau ist abgereist? So so. Er lebt acht Tage als Waldmensch, frißt Moos und Schnecken und heult wie ein Irrer durch die Nächte. — Hinaus! sagt der Vater, hinaus! Sein Finger deutet gegen die Türe. Erbiegt ihn im Gelenk ab, damit es recht theatralisch aussieht. Haha, welche Großartigkeit. Wie ein Feldherr: alle Fünftausend. Hinaus, hinaus! Alle Türen zu. Einer dreht sich im Kreise, ein ganzer Kreis von Fingern deutet: Hinaus! — Ein Zug braust durch die Nacht. Hahaha, Freundchen, es ist nicht so einfach, sich unter einen rasenden Zug zu werfen, dazu gehört die Gewandtheit eines Seiltänzers. Wie, die Hand haben sie sich blutig geschlagen, Mylord? O, das schadet nichts. Ein bißchen Blut, wir sind doch kein kleines Mädchen, wie? — Die Bauern sind ein mitleidig Volk, sie geben Brot, sie hetzen auch ihre Hunde. Nur Scherz. Es schläft sich gut im Wald, bei den vielen Mücken und Ameisen. Man träumt von Gendarmen, das ist nur angenehm. Denn wenn man erwacht, so sieht man nichts um sich als Büsche und Kräuter, und der Mond spannt silberne Saiten zwischen den Stämmen. Drauf greifen Elfenfinger ihre Lieder. Ist das nicht herrlich? — — In Böhmen liegt ein Bauernhof. War es nicht ein hübscher Bauernhof? Die Bäume herum, die Tannen dahinter auf dem Hügel wie finstere Borsten auf einem Ungeheuer. Und Segtschin, der Wahnsinnige, wie er mit den Zähnen fletscht. Er kann die Deutschen nicht leiden. „Ich renne ihmdie Mistgabel durch den Leib!“ Ach, eine Mistgabel, ich bitte Sie, Verehrtester, Sie werden doch so ein Ding nicht fürchten. Und da ist Hesse, der defraudierte Bahnbeamte aus Baden. Er hat eine Kneipe in Rumänien. „Willst du das Weib da küssen, du Kleiner! Ha! Ein Patron, ißt und trinkt drei Wochen bei mir und will das Weib da nicht küssen, wenn ich es befehle. Hund, marsch — oder — ah — sie ist ja ein kleines Schweinchen, die Sonja — aber — hahaha!“ Sein betrunkenes Gesicht mit dem Ausdruck eines Metzgerhundes schwillt auf vor Wut, als ob es zerplatzen wollte. Ach, nun ist es gar nicht mehr Hesse, nun ist es Herr Trutt, der Kaufmann Trutt mit seinem Doppelkinn, seinem Fettnacken, seinen schielenden Augen, seiner fettrasselnden Stimme. Dieser Halunke, der will, daß man sich für ein paar Gulden kaput arbeitet. Aber was will nur Hesse mit dem Bohrer. Nein, es ist kein Bohrer, es ist ein Spazierstock. Und doch ist es ein Bohrer, ein Bohrer so lang wie ein Spazierstock. Mit diesem Bohrer kommt er auf ihn zu, den Bohrer schwingend. Aber so groß seine Schritte auch sind, er kommt nicht näher. Er baumelt wie an den Hüften festgeschraubt, schlägt mit Armen und Füßen, den Bohrer schwingend. „Ich will dir den Kopfanzapfen, Kleiner, gib acht. Sonja, schlage ihn, du sollst dich betrinken, bis du platzt, Schweinchen!“
Was wollen denn diese vielen Leute? Sie stehen um Hesse herum und deuten auf ihn, alle auf ihn. Und sie schielen alle und haben viereckige und verschrobene Köpfe. Es ist eine ganze Mauer von Leuten, es sind tausend Köpfe. Lauter Köpfe; unter ihrer Verzerrtheit verbirgt sich ein bekanntes Gesicht. Segtschin fletscht mit den Zähnen — und da ist auch Kapelli! He, Kapelli! Zum obersten Stockwerke dieses lebendigen Gebäudes sieht er heraus. Er spuckt herunter. Ah, nun ist er über ihm. Hoho, über ihm sind auch Köpfe! Überall, rings um ihn Köpfe, die sich unaufhörlich verzerren zu entsetzlichen Grimassen, bald den, bald jenen darstellend. Da ist ja auch jenes Weib, Ritts Freundin mit den weißen Händen. Sie wirft ihm Sofakissen an den Kopf. Ich schlage dich doch noch tot, du Kleiner, flüsterte Hesse plötzlich dicht neben ihm und schwingt einen Weinheber über seinem Kopfe. Seine Augen sind blutunterlaufen und aus seinem roten Schnurrbart strömt der Geruch von Branntwein. „Sie leugnen also jede höhere Bestimmung des Menschen, mein Herr, wie, wie? Sie gestatten, mein Name ist Spi.“ „Ja, zum Teufel, mein Herr —“ „Spiist mein Name, gestatten — Sie leugnen also jede höhere Bestimmung des Menschen, mein Herr? Hier stehe ich, Spi.“ „Die Bestimmung des Menschen kann nicht hoch genug sein. Ich sage mir, sie ist keine göttliche, sondern eine vom Menschen selbst gegebene, deshalb nicht minder hoch. Der große Mensch und Gott fließen in eins zusammen, — ja, zum Henker, mein Herr, wer sind Sie eigentlich?“ „Spi, gestatten.“ „Speien Sie mir doch nicht immer ins Gesicht, wenn Sie Ihren verfluchten Namen aussprechen! Meine Behauptung gleicht also — ja, wo stecken Sie denn?“ „Hier, Spi —“ „Teufel —!“ „Spi, ich bin unsichtbar, gestatten, Spi ist mein Name.“ „Lassen Sie mich doch — lassen Sie mich doch —!“ „Aber was wollt ihr denn, was wollt ihr denn, ihr hängt jaCamillaauf!“ „Hier hinauf, geehrter Bruder im Herrn, auf den hohen Baum, sie will die Welt sehen, und deshalb hängen wir sie so hoch hinauf, seht, wie niedlich sie ist, wie des Jairi Töchterlein — —“
Da erscholl ein mächtiger Schlag.
Ginstermann stand inmitten des Zimmers, er taumelte, er stolperte über einen Stuhl, der am Boden lag.
Er starrte vor sich hin, ohne etwas zu sehen.
Ein Gedanke rang in seinem Kopfe, aber er kam nicht zur Klarheit.
Er suchte sich auf etwas zu besinnen. Was war denn eigentlich? Was war das alles? Was wollte der phosphoreszierende Schädel dort? Ein Gespenst, hu? Oder — nein, eine Lampe. Seine Lampe. Sehen so die Lampen aus?
Ja, es konnte auch eine Lampe sein.
Er fand für einige Augenblicke die Besinnung zurück. Das war sein Zimmer, hier stand sein Tisch, dort das Bücherregal, auf dem Biankas Büste gestanden. Diese Büste hatte er in den Schrank getan.
Er ging an den Schrank, um nachzusehen. Aber er wagte ihn nicht zu öffnen. Erwußte,etwas unsagbar Gräßliches hockte darin. Da entdeckte er ein Gesicht an der Wand. Dieses Gesicht bewegte sich nach derselben Richtung, nach der er sich bewegte. Es war ein Kreidefleck mit Augen darin, die wie Tiger heraussprangen. Ah, das war ein Spiegel und das Gesicht darin war das seinige.
„Ich komme gleich nach“, rief er aus und ging an den Waschtisch.
Was wollte er nur? Er hatte doch etwas aus dem Waschtisch nehmen wollen. Sollte er beten,daß Gott ihm aus seiner Wirrnis herausführe. Haha, vielleicht durch einen hübschen Engel mit bleichen, lilienzarten Händen? Gott? Was war Gott?
„Sie wissen nichts!“ sagte ihm jemand ins Ohr. Das war Dichter Glimms Stimme. Er zeigte die Zähne wie ein Eichhörnchen. Aber er war gar nicht zu sehen.
„Sie wissen nichts!“ wiederholte er. O, dieser Heuchler. Die ganze Zeit hatte er sich als Atheist aufgespielt.
„Wer setzte die Urzelle in die Welt, mein Lieber? Weshalb haben alle Völker, alle Völker den Drang nach Gott, he? Antworten, antworten!“ „Ist die Welt?“ „Geflunker — Geflunker! Antwort? Wer ist Gott? Ich lasse Sie nicht los. Sie — Dummkopf, Sie.“ „Ich bin Gott, Gott ist in uns. Jeder hat sein Mekka in sich.“ „So sagten Sie in Ihrem Drama, Freund — in Ihrem traurigen Machwerk, das Sie Drama nennen — hahaha!“
Nein, was wollte er nur! Was erhielt er für Besucher?
Er stand und starrte an die Wand. Da zappelte etwas. Auf hohen Spinnenbeinen kroch es daher, den gequollenen Körper vorwärtsschiebend. Unsinn, es war ein Tintenfleck! Jemand hat einTintenglas einmal gegen die Wand geschleudert — glaubt es, ihr Leute! Spinne? Es sah aus wie Pinien. Er hatte, seit er hier wohnte, stets an Pinien gedacht.
Nun löste es sich von der Wand und zappelte durch die Luft.
Er wich zurück und schrie. Ein dumpfer Schlag und Klirren.
Er verschwand in ein Loch und sank in tiefe, tiefe Nacht.
Ach, wie gut tat die Finsternis! Und wie herrlich war es zu sinken, immerzu zu sinken.
Hatte er es doch dabei? Ja, natürlich. Das Rasiermesser! Es tat nicht weh, nein, nein. Die Adern werden schlaff und die große selige Müdigkeit kommt. Muß man tiefer schneiden? Er mochte nicht mehr. Er war müde. Und auf seinem Kopfe saß einer, so schwer wie ein Zentner.
„Guten Tag, ihr Herren, guten Tag, ihr Frauen.“
He! was ist das. Was sind das für Leute? Graue Gesichter. Es sind die Selbstmörder der letzten Woche. Hahaha, der Tod verliert seine ganze Kundschaft. Und wer ist der dort? Hehe? Mit seinem purpurnen Schlips. Siry! Siry! Siehst du, hier an der Schläfe habe ich ein winzigesLoch. Ich kämme das Haar darüber, immer elegant! —
Was wollt ihr denn mit der Decke? So, bin ich nackt? Danke.
Die große selige Müdigkeit . . .
Ich höre nichts mehr, weshalb pocht ihr mir? Weshalb ruft ihr mir?
Möchten sie pochen — ruhig pochen — mochten sie rufen, ruhig rufen . . . . .
Eines Tages hörte Ginstermann im Halbschlafe Sankta Lucia singen.
Er wußte, daß er schlief und vernahm seinen Atem. Er wußte auch, daß er träumte und ihm der Traum das Lied sang. Es schien ihm, als schwebe er auf einer weißen flaumigen Wolke dahin. Er lag in heißer Sonne, die auf seiner Stirne wie Sternchen knisterte. Die Wolke trug ihn über ein herrliches paradiesisches Land. Orangenhaine tief unten, glitzernde Flüsse, ein blauer Golf, über den die weißen Segel streichen. Eine Stadt mit funkelnden Zinnen und geschmückten Straßen. Alles eigentümlich und märchenhaft, in satten, leuchtenden Farben, von Gesang durchzittert.
Sankta Lucia — Sankta Lucia . . . Ganz leise, aus der Tiefe herauf. Es war eine weibliche Stimme.
Nun brach das Lied ab und jemand lachte, ganz nah. Eine Frauenstimme, dieselbe, die eben gesungen, rief laut ein seltsames Wort. Da ertönte die Melodie eines Leierkastens, die sich entfernte.
Er schlief wieder vollständig ein, um durch die Melodie des Leierkastens abermals geweckt zu werden. Sie klang von weit herüber. Wieder begann die Stimme von vorhin das gleiche Lied zu singen. Es war eine herbe bäurische Stimme, deren Alt blechern zitterte. Und nun hörte er ein Geräusch, als schnitte jemand ein Buch auf.
Er versuchte die Lider zu öffnen, die wie angeklebt waren. Plötzlich sprangen sie auf, ein blauer Schleier zog an seinen Augen vorbei. Er wurde dünn, durchsichtig, und das Bild eines Herrn, der an einem Tisch saß und las, erschien. Der Herr las eine Broschüre in grünem Umschlag. Es war ein blonder, schlanker Herr, mit rosigem Teint und einem feinen Schmiß auf der linken Wange.
Dort stand sein Bücherregal und dort hing ein Strohhut, unter dem er sich unwillkürlich sein Gesicht vorstellte. Nun wandte der Herr ein Blatt um,ein feines Geräusch verursachend. Seine Finger waren außerordentlich lang und braun.
Das war doch Traum, doch Traum. Er schloß wieder die Augen.
Da, nach einer Ewigkeit, sagte jemand — und er empfand, daß der Betreffende beim Sprechen lächelte — dicht neben ihm: „Wie fühlen Sie sich?“
Er schlug erschrocken die Augen auf und gewahrte den Herrn, der am Tisch gesessen, vor sich, ein Lächeln auf seinem dünnen Schnurrbart.
Der verbeugte sich leicht und sagte: „Dr. Scholl.“
Ginstermann sann eine Weile nach, dann kam ihm der Gedanke, daß dies wohl der Bruder von Fräulein Scholl sein müsse, und daß er krank gewesen sei.
Er stützte sich auf die Ellbogen und richtete sich etwas in die Höhe.
„Erklären Sie mir, bitte —? Bin ich krank?“ fragte er.
Der blonde freundliche Herr ließ sich auf einen Stuhl neben dem Bette nieder und entgegnete:
„Sie hatten etwas Fieber, Herr Ginstermann. Nun ist es vorbei. Wie fühlen Sie sich?“
„O danke. Es ist mir, wie soll ich sagen — wie als Kind, wenn ich lange und tief geschlafen hatte.“
„Sie werden sich wohl etwas wundern, wie ein Wildfremder zu Ihnen hereinkommt?“
Er hatte sich gar nicht darüber gewundert, aber jetzt war er erstaunt darüber.
Der Blonde lächelte, und Ginstermann bemerkte, daß es kein glückseliges Kinderlächeln sei, wie es ihm vorhin geschienen, sondern ein sanftes, seelenvolles Lächeln, wie er es noch nie gesehen.
Und der Blonde sagte: „Mich haben zwei junge Damen zu Ihnen geschickt.“ Er hatte hellbraune Augen, die innen mit Gold ausgeschlagen zu sein schienen.
Zwei junge Damen hatten ihn hierhergeschickt. Das Blut stieg ihm in den Kopf, ganz langsam, so daß er die Bewegung der Welle verspürte. Er ließ sich zurück in die Kissen fallen.
„Also Fieber hatte ich? Das ist ja eine heitere Geschichte“, sagte er und lächelte. Nein, er lachte.
Zwei junge Damen hatten ihn hierhergeschickt! Zwei!
Er blickte zum Fenster hinaus, das offenstand. Ein tiefblauer Himmel leuchtete über den Dächern, wie frisch mit Lack überzogen. Es war also noch Sommer. Plötzlich schien es ihm, als sei er lange Jahre krank gewesen.
Er schloß die Augen, das satte Blau da draußen in der Erinnerung genießend.
„Wie lange bin ich krank gewesen?“
Er sei acht Tage krank gewesen.
„Ich soll Ihnen die besten Grüße von meiner Schwester und Fräulein Schuhmacher bestellen.“
Ginstermann drückte die Augen zu und zog die Brauen in die Höhe, um seine Erregung zu verbergen.
„Das ist aber zu sonderbar. Acht Tage und ich weiß nichts davon?“
„Nun müssen Sie sich allerdings etwas schonen. Sie dürfen nicht soviel arbeiten. Sie haben ja ihre ganzen Nerven ruiniert.“
Er durfte nicht so viel arbeiten. Jawohl.
Er setzte sich aufrecht und drückte dem jungen Arzt die Hand.
„Meinen Dank, Herr Doktor. Auch für die übermittelten Grüße. Ich lasse sie erwidern. Fräulein Schuhmacher ist gesund in Nizza angekommen?“
„Sie ist noch gar nicht abgereist.“
„So, Fräulein Schuhmacher —“
„Nein. Es gab ein Hindernis.“
„Jawohl.“
Ginstermann lag eine Weile still. Nun erfüllteihn Friede, süßer Friede. In den Höfen drunten lachten Kinder. Es war als seien es seine Gedanken, die dort drunten herumsprangen und jauchzten.
Diese unerwartete Mitteilung hatte ihn ganz munter gemacht. Alle Gegenstände bekamen scharfe Linien, jede Kleinigkeit konnte er unterscheiden. An seiner Türe war während seiner Krankheit eine neue Leiste eingesetzt worden. In der Nähe des Schlosses.
Diese Entdeckung machte ihn stutzig. Er versuchte, sich dies zu erklären, aber seine Gedanken wurden bald müde und gerieten auf andere Wege.
Wie kommt dieser Doktor zu dir, dachte er. Wieso wußten diese Leutchen, daß du krank bist? Überhaupt, was hatte sich da alles ereignet? Zum Beispiel, wie kommt diese Leiste an deine Türe?
Das war vor acht Tagen und er hatte Fieber gehabt. Nun entsann er sich, daß es am Tage vor Biankas beabsichtigter Abreise gewesen. Er hatte sich im Englischen Garten herumgetrieben, dann wäre er nahezu in die Isar gefallen. Was hatte er nur an der Isar zu suchen gehabt? Mädchen, die einen Reigen tanzten — waren nicht auch Mädchen, die einen Reigen tanzten, mit im Spiele gewesen.
Seine Gedanken verwirrten sich, nur unklare Erinnerungsbilder tauchten in ihm auf. Aber schließlich, so sagte er sich, wird sich all das noch finden. Die Hauptsache ist, daß Bianka noch nicht abgereist ist.
Es war etwas dazwischen gekommen.
Ah — wie gesund er doch war! Eine wohltuende Mattigkeit floß durch seinen Körper, bei jedem Atemzug fühlte er seine Gesundheit. Diese erquickende Luft! Nur heiß war es, sehr heiß.
Mücken schwirrten herum, durch ihr Summen in der Vorstellung die Hitze vergrößernd. Andere wieder klebten an der Decke, den Rücken nach unten gekehrt, ohne herunterzufallen. Eine Schwalbe wippte am Fenster in die Höhe und zwitscherte. Sie hatte unter dem Dache ihr Nest. Nun hatte er die Glocke der Straßenbahn vernommen, weit in der Ferne, gedämpft.
Alles war weich und sonnig, zart wie lauwarmes Wasser. Er mußte an blühende Apfelbäume denken. Einen ganzen Hain blühender Apfelbäume sah er vor sich. Das Gras war hellgrün und zart wie Frühlingssaat. Um die Stämme der Bäume herum stand ein Kranz von Veilchen, deren Duft er verspürte.
Dr. Scholl hatte die Farben der Apfelblüte imAntlitz. Er war viel zu schön für einen Mann und hätte gut als Frau gehen können. Selbst sein Schmiß war weibisch. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und seiner Schwester war augenfällig. Dieselben flaumigen, hellbraunen Haare, dieselben goldbraunen warmen Augen.
War das nicht eine wunderbare Verkettung? Wie kam er hierher?
Zwei Damen hatten ihn geschickt. Also stak Bianka ihm Spiel.
Bianka, Bianka . . .
Wie gut es doch ist, wenn man zuweilen nicht stirbt, dachte er. Das Bewußtsein, daß sie noch hier war, da draußen in der Leopoldstraße, erfüllte ihn mit tiefinnerer Freude.
Er liebte sie so sehr. Er liebte sie mit einer sanften, tiefen Liebe.
Tränen traten ihm in die Augen, so daß er sie schließen mußte.
„Sind Sie müde?“ fragte der Arzt.
Ach nein, er sei nicht ein bißchen müde.
Das waren seltsame Dinge. Er hatte nun lauter Frühlingslandschaften im Kopfe, sacht glitt ein Bild in das andere über. Das war Bianka, in Bildern dargestellt.
Dr. Scholl ging an den Tisch und brachte ihmeinige Briefe. Es waren einige Geschäftskuverte und zwei Billette von Biankas Hand.
Ginstermann öffnete zuerst die geschäftlichen Mitteilungen. Eine Absage, ein Brief von seinem Verleger, der ihm meldete, daß die erste Auflage seiner Gedichte abgesetzt sei.
„Nun habe ich in zwei Jahren 500 Exemplare meiner Gedichte verkauft, Herr Doktor!“ sagte er lachend. „Er schreibt es. Ist das nicht einfach enorm?“
Dr. Scholl lachte ebenfalls.
Dann nahm er Biankas Billette zur Hand.
Ob er denn krank sei. Er solle ihr umgehend Mitteilung zukommen lassen. Das andere: Weshalb er nicht auf den Bahnhof gekommen sei. Die Abreise sei abermals verschoben worden, noch ganz zuletzt.
War das nicht zuviel? Nicht doch ein wenig zuviel? Bedenkt! Für einen, der acht Tage im Fieber gelegen.
O, nun — nun — o, nun liefen ja plötzlich goldene Stege ins Land hinein.
Er lag still, die Briefchen in seiner Hand drückend. Das Glück hatte ihn berauscht, es rieselte durch seine Glieder. Ein Blutstropfen schien es dem anderen zuzurufen.
Er versank in Träumereien. Die Stille trug ihn hoch in den Äther hinauf, wohin kein Vogel mehr fliegt. Dort schwebte er und Biankas Antlitz, durchsichtig wie Kristall, schwebt vor ihm her. Sein Blick sank in den ihrigen, und keine Macht der Welt konnte ihre Blicke trennen.
Da tickte es. Wie ein rastloser, winziger Wanderer schritt es auf silbernen Schuhen dahin. Die Uhr in der Tasche des Arztes tickte.
Und der Arzt sprach etwas. Er sprach wohl schon lange? Was sagte er nur?
„. . . ich vermisse das Schicksal, den Kampf mit dem Schicksal, der den Menschen zum Herren macht, um ihn zuletzt niederzuwerfen. Immer rechnet der Mensch mit dem Menschen ab . . .“
Ah, er sprach über moderne Literatur.
„Und wie es im Drama ist, so ist es auch im Roman. Weder das moderne Drama noch der moderne Roman ist bis jetzt geschaffen. Wir leben in keiner schöpferischen Zeit.“
Die Zeit sei allerdings unfruchtbar, leider, warf Ginstermann ein und drehte den Kopf zur Wand.
Ob ihn das Sprechen störe?
„Aber nein, keineswegs. Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Doktor.“
Er hörte nur halb, was der Doktor sagte. Titel und Namen klangen an sein Ohr, ohne daß er sie recht vernahm. In ihm zogen des Traumes bunte Bilder, sanft und unaufhörlich.
„. . . seine Darstellungskraft ist bewundernswürdig. Aber es ist alles zu wenig von seiner Seele durchleuchtet, scheint mir, nie erwärmt von ihr. Der Torso ist zu kolossal, als daß er ihn durchleuchten könnte. Die anderen sind Pygmäen gegen ihn, allerdings. Man braucht nur an Germinal zu denken.“
„Wie sie die Straße dahinziehen — Brot — Brot! Die ganze geknechtete Menschheit schreit das mit, gleich einem Echo.“
. . . Da schaukelte eine Rose über dem Abgrund. Das Mädchen wollte sie haben. So stieg er hinab. Den Leuten da droben gerann das Blut in den Adern. „Das ist die Rose“, sagte er und verbeugt sich. Sie antwortet: „Ihr mußtet sie holen.“
„. . . Ich befürchte, daß der Import von Osten unserer Entwickelung schadet. Für Rußland mag er ja Fortschritt bedeuten. Hier muß sich erst eine Sozietät bilden. Diese Ideen haben wir ja schon längst überwunden. Ich für meine Person muß bei seinen Büchern nahezu historisch denken. Nehmen Sie ‚Auferstehung‘, ich finde —“
„Unser Ziel ist der Einzelne.“
„Natürlich. Wir dürfen auch schon an die Ausbildung von Individualitäten denken . . .“
. . . Im ganzen Lande läuten die Glocken. Was ist geschehen? In den Korridoren des Schlosses flüstern sie, Verwirrung in den bleichen Gesichtern. Niemand will es tun. Wer könnte es auch. Sie wissen alle, wie sehr sie den Bruder liebte. Wer soll ihr die Kunde bringen — keiner will. Das Los. Wer es zieht, der muß. Er muß. Er tut es nicht. Er geht hin und stirbt . . .
„. . . Was für die Malerei der Impressionismus ist, der sie zur Konkurrenz befähigt mit der Kunst der Renaissance, ist für die Literatur die Psychologie. Komplikationen — ach, was — —“
. . . kling — klang — klung — o Skule, König Skule — es heulen die Hunde, sehn sie den Mond — klung — klung — es weinen die Weiber, stirbt ein Spatz — o Skule, König Skule, du bist in deinen Bauch verliebt, in deinen dicken Bauch verliebt, und härmst dich, du kannst ihn nicht küssen — klung — klung . . . „Schweig, Narr! Verstimmt ist deine Leier. Roselind ist morgen tot.“ — Der Narr zieht ab. Was soll er hier bei König Skule noch? Er schneidet seinedrolligsten Grimassen, greift einen Mißakkord und geht schellenklingelnd zur Tür hinaus.
Klung — klung — je schöner ein Weibchen in der Welt — je eher es dem Tod gefällt — klung — — kling — klung —
König Skule sitzt und sinnt. Neben ihm der Page bietet umsonst den Pokal. Da hinter dem golddurchwirkten Vorhang schluchzt es. Ein Mädchen schlüpft heraus, das Gesicht in den Schleier gedrückt, und geht durch den Saal.
Um die Burg murmelt das Volk: Roselind?
Wieder öffnet sich der Vorhang, und ein Mädchen geht durch den Saal, das Gesicht verhüllt wie das erste.
König Skule greift nach dem Becher, ohne ihn zu nehmen. Er knirscht mit den Zähnen, er muß an die heißen Schlachten denken.
Und nun tritt ein dürrer, schwarzer Mann aus dem Vorhang. Sein Gesicht ist wachsfahl und ohne Leben.
König Skule fragt ihn mit den Augen. Der Arzt schüttelt langsam den spitzen Kopf.
„Wann?“ fragt König Skule. Der Arzt antwortet ihm mit scharfen, ruhigen Blicken.
„Wenn das Gold in den Bergen glüht? Wenn der Abendstern aus den Tannen kommt?“
Der Arzt nimmt den Becher und schüttet den Wein auf den Boden.
„Ehe dieser Wein verdampft, o Herr.“
„So laß in die Posaunen stoßen.“
Die Posaunen rufen. Was rufen sie? Wer sich das Herz bei lebendigem Leibe aus der Brust schneiden lasse, fragen sie. Der Zauberer kündete, das würde Roselinds Leben retten.
Still wird’s um die Burg.
Die Posaunen rufen.
„Nimm dies!“ König Skule entblößt die Brust.
„Es ist alt. Es muß ein junges sein.“
Am Boden dampft der Wein. Der Flecken kriecht in sich zusammen.
An der Wand geht eine Türe auf, die niemand je sah. Sechs Jungfrauen in düstern Schleiern treten heraus, beugen sich und schreiben mit dem Finger auf den Boden, heben die Arme, lüften den Schleier: bleiche Schädel grinsen. Sie verschwinden. Ihre düstern Schleier schlüpfen durch den Vorhang.
Dort draußen weint es leise. Das ist die Königin. Zwei Söhne fielen ihr in der Schlacht.
Roselind — — —?
Ein Pilger kommt. Sie führen ihn herein.Der Pilger kniet vor König Skules Thron und spricht: „Ich bringe dir mein Herz.“
Stille. Im Garten sticht ein Spaten Erde aus.
Der Flecken am Boden ist so groß wie eine Hand.
Kling — klang — klung — klang — macht des Narren Zither. Er hockt auf dem Fensterbrett und grinst. „O Skule — König Skule —“
„Werft ihn in Ketten!“ befiehlt der König. Ein Diener stutzt und geht. Gilt das dem Narren, der singend in wilder Schlacht neben Skule ritt?
„Ich bringe dir mein Herz.“
Der König hebt die Hand.
In einer wachsfahlen Hand zuckt ein dünnes Messer. Eine wachsfahle Hand reißt einen blutigen Klumpen in die Höhe.
Stille.
Das Schluchzen hört auf. Ein Mädchen erscheint vor dem Vorhang und hebt verzückt die Hände.
Der Teppich schnurrt zurück: Da steht Roselind und lächelt.
Die Fanfaren jauchzen, die Hörner lachen.
Roselind! Roselind! jubelt tausendstimmig das Volk.
Es tropft. Aus dem blutigen Klumpen tropft es auf den Boden. Tipp—tapp—tipp—tipp . . .
„Bringt mir den Narren! Füllt den Becher!“
„Klung—klung—kling— ich wäre dir nicht fortgelaufen, Skule . . .“ —
Dr. Scholl hatte sich erhoben. Er nahm den Hut vom Tisch und trat, sein Gespräch beendend, wieder ans Bett.
„Man erlebt da Dramen, glauben Sie es mir.“
Richtig, er hatte von seiner Praxis gesprochen.
„Wir Ärzte lernen die Menschen kennen. Es gibt viele Qual in dieser Welt. Wenn ich wiederkomme, so erzähle ich Ihnen noch mehr. Das muß Sie ja interessieren.“
„Natürlich. Ich lerne da ohne jede Mühe. Sie geben mir Extrakt.“
„Besonders die Geschichte von dem Alten, der sich mit Fluchen und Fäusten gegen den Tod wehrt, müssen sie mir nochmals erzählen.“
„Adieu.“
Eine Türe ging. Er schrak zusammen, als der Drücker ins Schloß schnappte.
Wie still es doch war. Seine Kissen flüsterten bei jedem Atemzuge. Er lag im heißen Dünensand, und das Meer plätscherte . . .
Roselind — Roselind . . .
Roselind ist Hagewolfs, des schönsten und mutigsten Recken, ehelich Gemahl.
Wie eine Krone, glitzernd von Steinen, flammend von Zinken, auf dunklen Locken, liegt ihre Burg auf schwarzem ewigen Walde. Halali heißt der Wald. In Skules Reichen ist nicht Schöneres.
Hagewolf fuhr übers Meer, zum Siege. Schwert des Tor nennt ihn das Volk.
Roselind ist schön. An allen Höfen flüstern die Saiten: Roselind ist schön.
Nach Halali! Nach Halali! Noch in der Nacht werden die Pferde gesattelt. —
Am Tore vor Roselinds Schloß, da kauert ein Pilgrim. Die Nacht ist lang. Zwölf Meere an Finsternis birgt diese Nacht. In den Büschen glühen die Rosen. Es sind Menschenherzen, die Roselind in die Büsche warf. Auf dem Tore stecken an Speeren zwei Köpfe. Königssöhne. Blut tropft ins Gras. Bei jedem Tropfen hört man weit hinter den Bergen Frauen schluchzen.
Der eine öffnet die blauen Lippen und spricht: „Weh dir! Weh dir!“ Der andere schlägt die schwarzen Lider in die Höhe und spricht: „Entfleuch! Entfleuch!“
Die Nacht ist lang! Die Nacht ist lang!
Mein Sohn, mein Sohn, jammert es übermMeer. Liebster mein, Liebster mein, schluchzt es weit hinter den Bergen.
Nun faucht der Morgenwind aus dem schwarzen Walde und bläst die Herzen in den Büschen aus. Ein Schwarm feuriger Vögel streicht über den Wald.
Ein Mädchen steigt auf die Treppe, weiße Blütenbänder um den perlmutterschillernden Leib, legt die Hände an den Mund und ruft: Über der Herrin Land — leuchtet der Son — ne Brand — —! — leuchtet der Sonne Brand! antwortet in der Ferne eine Stimme . . . . Der Sonne Brand . . . .
Jauchzen. Rot glühen die Zinnen aus Granat.
Die Köpfe am Tore sind steif und stumm.
„Mach auf.“
„Wen suchst du, Armer?“ — „Ich suche Roselind.“ — „O, weh dir!“
Hörner lachen. Ein Tor springt auf: Roselind und das Gefolge reiten heraus.
Roselind ist schön, flüstern die Saiten im ganzen Lande . . .
Neben ihr auf schwarzem Hengste, ein dürrer, schwarzer Mann mit wachsfahlem Antlitz. Sein Gewand starrt von bunten Steinen.
„Kommst du übers Meer? Wen suchst du, Fremdling?“
„Ich suche dich.“
Roselind lächelt. Dieses Lächeln sagt: du stirbst.
„Ich sterbe gern für dich.“
Der Schwarze mit dem wachsfahlen Antlitz richtet die Augen scharf wie ein Messer auf des Pilgrims Gesicht. Es ist weiß wie Schnee, blutleer das Geäder.
„Er ists,“ sagt er.
Roselind neigt sich imSattel. „Du bists. König Skule suchte dich durchs ganze Land. Dein Leben ist dir geschenkt. Erbitte dir eine Gnade.“
Der Pilgrim beugt das Knie.
Roselind wirft ihm ein Band Perlen hin. „Er soll hundert Pferde mit Geschmeide haben!“
„Ich will nicht dein Gold.“
„König Skule gibt dir einen Thron.“
„Was nützt mich König Skules Thron?“
„Beeile dich!“
„Ich will —“
„Werde nicht kühn!!“
„Ich möchte den Saum deines Gewandes küssen, Roselind!“
Hahaha — lacht das Gefolge — hahaha . . . . Fort stürmts in den Wald. Hahaha . . . .
Halali heißt der Wald . . . .
Hier versank Ginstermann wiederum in Schlaf.