XVII.

Es gab eine Menge Neuigkeiten.

Frau Trud hatte einem Mädchen das Leben geschenkt.

Kapelli erzählt es eben Ginstermann. Er saß auf der Bettkante bei ihm und rauchte seine Zigarre.

„Heute morgen um fünf Uhr“, sagte er und alle Vokale funkelten. „Es ist ein Prachtwesen!“

Er hatte die Blicke auf eine Skizze an der Wand gerichtet, und Ginstermann sah es ihm an, daß er Mühe hatte, sein Glück zu ertragen. Während der ganzen Nacht war er wohl in seinem Atelier auf und ab gegangen, zusammenschreckend bei jedem Geräusch, jedem Schrei im Nebenzimmer, bebend vor Angst, vielleicht hatte er auch ein wenig gebetet. Nun war er erlöst und glücklich. In seinen Augen glänzte die Freude. Ein neuer Lebenstag begann für ihn, über dem nicht mehr die beunruhigenden Schatten der letzten Zeit schwebten.

Ginstermann nahm an seinem Glück teil, denn sowohl Kapelli als Frau Trud hatte er sehr gern, im Innersten seines Herzens aber nagte ein Gefühl, das er nicht die Aufrichtigkeit besaß, Neid zu nennen.

Es gab noch manches andere.

Kapelli stand der Auftrag zu einem Brunnen in Aussicht. Wenn er ihn bekam — er rechnete bestimmt darauf — so hatte er Beschäftigung auf ein Jahr — da wollte er sich in der Nähe der Stadt ein Atelier mieten. So etwas wie ein Haus im Freien, Bäume herum, ein Garten, in dem Frau Trud das „Schnuckerl“ spazieren fahren konnte, meinte er.

Maler Ritt hatte auf sein letztes Bild hin eine Professur erhalten. Er feierte seit fünf Tagen ein Fest in seinem Studio drunten und hatte Tag und Nacht ein Rudel Herren und Damen zu Gaste. Mit einer Ziehharmonika machten sie Musik, alle Anwesenden waren als Zigeuner kostümiert, und man konnte nicht zum Hause hinausgehen, ohne über einen im Flur liegenden Bezechten hinwegsteigen zu müssen.

„Was aber sagen Sie zur Sacken, Ginstermann?“

Fräulein von Sacken war in allen Besprechungen ganz hervorragend gelobt worden.

Unsere neueste Entdeckung heißt Sacken, schrieben sie. Und: Man sah nur selten Fische so gemalt. Großes ist von dieser Künstlerin zu erwarten.

„Es ist ihr zu gönnen, selbstverständlich. Nun ja, Ritt hat ihr ein bißchen geholfen, aber das geht uns nichts an“, meinte Kapelli.

Ginstermann kleidete sich an, um Frau Trud persönlich zu beglückwünschen. Auf der Treppe begegnete ihm Fräulein von Sacken. Sie trug wie sonst ein schwarzes Kleid, das die Fahlheit ihres leicht schwammigen Gesichtes erhöhte. In ihren Augen wohnte der alte, unnennbare Kummer, und erst als Ginstermann ihr die Hand zur Gratulation schüttelte, leuchtete helle Freude darinnen auf, von der man übrigens nicht wußte, ob sie echt oder gemacht war. Sie ließ ihn nicht vorüber, ohne daß er die Rezensionen gelesen hatte.

„Jetzt können Sie ruhigsterben,“scherzte er, indem er ihr nochmals die Hand drückte.

„Ja“, entgegnete sie und blickte zu Boden, als suche sie irgend etwas; „besondere Genugtuung bereitet es mir, meinen Angehörigen den Beweis erbringen zu können, daß ihr Spott ungerecht war.“

Sie blickte auf, und der Haß flackerte noch in ihren Augen. Ginstermann hätte nie und nimmer solch wilden Stolz und elementare Leidenschaft in diesem bescheidenen, schwermütigen Weibe vermutet.

Sie lächelte und sagte: „Sie wissen ja, daß mich Herr Ritt bei der Arbeit unterstützte.“

Auf ein paar Pinselstriche käme es nicht an.

„Ich habe meinen Lehrer für heute abend eingeladen. Wollen Sie mir nicht auch das Vergnügen schenken, Herr Ginstermann?“

Er müsse leider aus Gesundheitsrücksichten ablehnen.

„Nicht? — Sie sehen nicht gut aus, in der Tat. Ihr Gesicht ist noch um etwas schmäler und blässer geworden.“ „O, und graue Haare haben Sie auch bekommen, eine ganze Menge“, setzte sie lächelnd dazu. —

Frau Trud war vergnügt und zu Scherzen aufgelegt wie sonst. Aber es schien, als ob sie nur lache und scherze, um ihre Ergriffenheit dahinter zu verbergen. Sie war außerordentlich blaß und geschwächt, und oft sprach sie so leise, daß man sie nicht mehr verstand. Kapelli mußte sie fortwährend ersuchen, den Mund zu halten.

Ginstermann küßte sie, bewegt von dem anspruchslosen Heroismus, mit dem sie ihr Martyrium ertrug, auf die Stirne. Das war sein Glückwunsch und gleichzeitig sein Dank für „neulich“. Es kümmerte ihn nicht, daß Kapelli dabei stand, und Kapelli kümmerte es auch nicht. Frau Trud dankte ihm mit einem Blick voller Liebe, als sei er ihr Geliebter.

Natürlich mußte er auch das Kind sehen.

Mein Gott! es war ein runzeliges Tierchen mit schneeweißen Härchen auf dem unförmigen Kopfe. Er konnte es nur mit Überwindung betrachten.

„Es hat dieselben blauen Augen wie ich, sehen Sie?“ sagte die Mutter. „Es wird überhaupt ein hübsches Kind werden, nicht?“

Er konnte das mit dem besten Willen nicht herausfinden.

„Wenn es so fortfährt, sicherlich“, sagte er.

Kapelli trug sich allen Ernstes mit dem Gedanken, diese „Skizze von Mensch“ in Gips abzugießen. Und zwar gleich morgen.

„Die Lippen werde ich dann etwas retouchieren. Oder finden Sie nicht, diese Unterlippe da ist etwas zu breit? Trud hat ja zwar —“

Frau Trud machte ihm eine geballte Faust, die sich aber augenblicklich zu einer verlangend ausgestreckten Hand löste.

Kapelli küßte sie.

„Du sollst nicht so viel reden“, sagte er.

„Ich hab ja nun gar nichts gesagt“, Frau Trud darauf.

Ginstermann wandte sich ab, um seine Bewegungen zu verbergen.

Die Sehnsucht nach dem Weihe, mit dem man eins ist, die in jedem Manne lebt, erwachte in ihm, die Sehnsucht nach dem Kinde, ohne die nie ein Mensch groß ward, stand in ihm auf.

Weder dies, noch das, sagte er sich.

Das wußte er, nie sollte er ein Weib haben. Nach Bianka würde er nicht mehr fähig sein, ein Weib zu lieben. Das wußte er, nie sollte er ein Kind haben. Er würde nicht imstande sein, seine Seele mit der eines Weibes zu vermischen, nachdem ihm das Schicksal Bianka gezeigt.

Andere Sterne! Andere Sterne!

Ach, da war ja noch die Erinnerung — und die Arbeit! —

Er ging.

Er stieg die Treppe hinunter, um im Hofe nach seiner kleinenCamillazu sehen. Er wollte ihr nur die Locken streicheln.

Bei Maler Ritt wurde getanzt. Füße schlürften, und zuweilen stieß jemand gegen die Türe. Eine Violine spielte einen berückenden, schwermütigen Walzer, viel zu zart für das wüste Schleifen der Tanzenden.

Hoi — hoi! rief dazwischen Ritts scharfe Stimme. Die Rufe hörten sich an wie das Knallen einer Peitsche, mit der er die Ermatteten antrieb.

Camillawar nicht zu sehen. Er begab sich in das Vorderhaus, um in ihrer Wohnung nachzufragen. Eine ausgetrocknete Alte mit in den Brillengläsern zerfließenden, erschreckend großen Augen öffnete. Von ihr erfuhr er, daßCamillaausgezogen sei. Eine Weile besann er sich, ob er sie in ihrer netten Wohnung aufsuchen sollte. Vielleicht würde er sie treffen, wenn er am Hause auf und ab ging.

Aber er war zu müde, und dann war ja all das unsinnig.

Er legte sich wieder nieder und nahm ein halbfertiges Manuskript, das von der „Religion der Gottlosen“ handelte, zur Hand, um sich auf andere Gedanken zu bringen. —

Noch einige Tage und er war gänzlich hergestellt.

Dr. Scholl besuchte ihn jeden Nachmittag. Sie waren Freunde geworden. Ginstermann liebte das offene, kluge Wesen des jungen Arztes. Dieser Mann hatte die Eigentümlichkeit, die radikalsten Anschauungen wie etwas Selbstverständliches zu äußern, und das tat wohl. Ein immenses Wissen erlaubte ihm, spielend Unmengen von Material aus allen Gebieten herbeizubringen, an der Hand desselben Schlüsse zu ziehen, zu begründen, zuwiderlegen. Es war eine Lust, mit ihm zu diskutieren. Man brauchte nicht mehr im Jargon zu sprechen, nicht zu befürchten, mißverstanden zu werden, keine noch so feine Nüance ging verloren, und selbst da, wo der Ausdruck fehlte, sprach eine Gebärde, das Stocken selbst. Ihre Gespräche griffen wie die Zähne zweier Räder ineinander.

Noch nie hatte sich Ginstermann so sehr und so angenehm in der Beurteilung des Wertes eines Menschen nach seinem Äußeren getäuscht. —

Ginstermann hatte Bianka ein Billet zugeschickt, worin er ihr für ihre Grüße dankte und ihr seine Genesung mitteilte.

Tags darauf erhielt er eine Einladung ihrerseits zu einem kurzen Spaziergang.

Werter Freund, schrieb sie, werter Freund.

Drei Uhr.

Jetzt kommt sie quer durch die Wiese, weiß in weiß gekleidet wie immer, und steigt den Hügel zum Monopteros hinauf. Sie atmet auf, blickt die Wege entlang, geht zwei-, dreimal im Kreise umher, schreibt mit dem Sonnenschirm auf die Fliesen, sieht auf die Uhr und geht wieder hinab.Ganz langsam. An der Wegkreuzung wartet sie noch ein Weilchen, dann geht sie wieder quer durch die Wiese, weiß in weiß, den Körper leicht vornüber gebeugt.

Ginstermann ist nicht hingegangen.

Noch in letzter Minute besann er sich eines anderen.

Er hatte dieses Wiedersehen, an das nicht mehr zu denken gewesen war, während der Nacht in der Vorstellung vorausgelebt, mit allen Worten und Mienen, dem Parke in der Sonne, den schießenden Schwalben im Äther. Er hatte verzückten Auges in ihr strahlendes Antlitz geblickt, er hatte ihre geschmeidige Hand in der seinigen gehalten, ihr Guten Tag und Adieu gesagt — er hatte in die dunkle Nacht einen Teppich von Sonne und Wonne gewoben: und er war nicht hingegangen.

Das war nicht leicht, es war durchaus nicht leicht.

Er wollte sie nicht wiedersehen, das war es.

Nun saß er in seinem Sessel und lauschte auf das Schlagen der Uhren und sprach: Jetzt kommt sie quer durch die Wiese, weiß in weiß gekleidet wie immer, und steigt den Hügel zum Monopteros hinauf —

Adieu Bianka!

Das war nicht leicht, das war durchaus nicht leicht. Er hatte sie ja doch immerhin ein bißchen lieb, wie?

Sein Entschluß lastete auf ihm wie ein Ungeheuer. Alles wirbelte in ihm herum, seine Gedanken verwirrten sich, eisige Angst kroch an sein Herz.

Noch war es möglich, ihr zu begegnen . . .

Aber nein, er wollte nicht. Diesem letzten tapferen Gedanken wollte er Treue bewahren.

In großen, aufgeregten Schritten ging er in seinem Zimmer hin und her, während die zwei Gegner in seinem Kopfe sich stritten. Heute wollte er sich den Beweis liefern, daß er noch einen freien Willen besaß.

Um seine Gedanken abzulenken, ging er bedächtig wie ein Galeriebesucher an den Wänden entlang, seine Blicke auf die vergilbten Blätter bohrend. Da war Knopfh, ein Frauenbildnis. Aufs Papier gehaucht, ein Schleier, der jeden Augenblick zerfließen konnte. Von solchen Frauen wissen die Dichter. Bist du eine Schwester von ihr? Ein Frans Hals: Die Hille Bobbe. Eine ehrwürdige Matrone, haha. Böcklin. Böcklin! Balestrieri: Beethoven. Beethoven. Wer schluchzthier? Weshalb sind wir von Erde, o, weshalb? — Und hier stand ein Satz. Kurios. Ein Satz mit Blaustift an die Wand geschrieben. Wer ist „sie“? Kennt ihr „sie“? Und dort dieser Tintenfleck. Wer hatte das Tintenfaß geschleudert? Und weshalb? Einer, den die Launen eines Weibes zum Jähzorn reizten, einer, den seine Ohnmacht zur Raserei brachte, der seine Steine suchte und sie in Staub zerfallen fand? Hier hatte jemand an die Wand gekritzelt: 22. März, und einen Lorbeerkranz herum.

Wie viele hatten hier gelebt, gelitten, gelacht? Könnte man nicht ein dickes Buch schreiben: Historie eines chambre garnie?

Und zuletzt einer, dessen Gehirn in Flammen gestanden, einer der irre Worte flüsterte und endlich sagte: Adieu. Einer namens Ginstermann.

Da war ein Mädchen, das kannte einen jungen Mann, der Komponist war. Und man prophezeite ihm eine große Zukunft.

Und dieses Mädchen . . .

Perlen steigen. Elfenbeinperlen, glitzernde Perlen. Eine Fontäne. Sie neigt sich, beugt sich, wie der tanzende Leib eines schlanken Weibes, das mit beiden Händen funkelnde Perlen auf den Rasen streut. Sie beugt sich und küßt den Boden. Sie sinkt zusammen, murmelt, sie wächst, rauscht, jubelt.Singende Vögel mit silbernen Flügeln steigen aus ihr und verschwinden im Äther. Zarte, schmale Hände mit Ringen an den Fingern gleiten über die Tasten des Flügels, Kinderhände. Und das Klavier wogt, die Decke wogt, der Boden wogt.

Und der dunkle Lockenkopf des Spielenden schwebt regungslos über den elfenbeinernen Tasten.

Hinter ihm sitzt ein Weib. Ein schlankes, junges Weib. Das schmale Haupt geneigt; regungslos. Als sei es tot. Und die funkelnden Perlen regnen über sie. Wie glühende Tropfen fallen sie ihm ins Herz, wie Lippen, kühle Lippen berühren sie seinen Körper. Und der glitzernde Leib der Fontäne schlingt seine Arme um das Weib und preßt es an sich und küßt es. Küßt es. Auf den Mund. Und umhüllt es. Ein Name klingt, ein Name klingt. Und es spricht und singt. Das sind die silbernen Vögel. Sie fliegen ihm ins Herz.

Die zarten, schmalen Hände mit Ringen an den Fingern ruhen auf den Elfenbeintasten.

Und das dunkle Lockenhaupt des Spielenden schüttelt sich. Wendet sich.

Der Spielende steht auf und lächelt.

Das junge Weib aber hat Tränen in den Augen.

Wissen Sie, wie das hieß?

Weshalb fragen Sie mich das?

Und das dunkle Lockenhaupt beugt sich herab. Beugt sich herab. Und zwei Lippen berühren eine Stirne. Zwei Lippen berühren einen Mund. Sie sind heiß.

Das junge Weib regt sich nicht.

Das junge Weib regt sich nicht.

Es liebt ihn.

Ah, wir dürfen keine Kinder sein, sagt der Mann und lächelt. Er lacht. Seine Augen sind schwarz und blitzen.

Es war ja nur eine Improvisation.

Und wieder gleiten die schmalen zarten Hände mit Ringen an den Fingern über die Elfenbeintasten.

Und wieder lauscht das junge Weib.

Die silbernen Vögel singen seinen Namen.

Und wieder . . . .

Und wieder . . . .

Die schwarzen blitzenden Augen werden matt und trüb, die schmalen zarten Hände zittern.

Und er geht zugrunde . . . . er geht zugrunde.

Und das Mädchen sieht einen Mann, der dem Komponisten ähnlich sieht. Besonders wenn er den Kopf neigt. Und das Mädchen tastet mit seinen Blicken über sein Gesicht und sucht. Und wenn er den Kopf neigt . . . . Werter Freund . . . .

Aber drinnen in dem Herzen des jungen Mädchens,da singen die silbernen Vögel so süße Lieder. Immerzu. Sie sterben nimmer . . . . Martyrium! Martyrium!

Aber dieser andere, der dem Komponisten ähnlich sieht, dieser andere . . . .

Nun wollte er Bianka schreiben.

„Verehrte Freundin!“ begann er.

Er lächelte und wiederholte: Verehrte Freundin.

Er entschuldigte sich wegen seines Ausbleibens. Er sei ihr diese Handlungsweise schuldig, glaube er. Sie müsse wissen, wer er sei, dann könne sie ja entscheiden, ob sie ihn wiedersehen wolle oder nicht.

Das sah aus wie eine Beichte, ohne eine solche zu sein. Er schrieb so sachlich als möglich. Schrieb und schrieb, enthüllte ihr seine Vergangenheit, ohne ihr etwas zu verbergen, ohne etwas dazuzutun, ohne zu beschönigen, ohne zu verschlimmern.

Als sei er ein gewissenhafter Biograph, der die Liebes- und Leidensgeschichte eines Landfremden darzustellen habe.

Er bereute nichts, was war, das war. Ach, es war das Schicksal eines jungen Mannes von heute, von ehedem und morgen, was war es sonst. Freilich wäre es für ihn, der sich Aristokrat fühlte, nicht nötig gewesen, den Entwickelungsgang des Pöbels zu absolvieren.

O, er hätte ihr gerne gebeichtet. Ungefähr seinen Kopf in ihren Schoß gelegt und ihr erzählt, wie das kam und jenes kam, was er erduldete an Leib und Seele, wie er sich freute, sie kennen zu lernen, wie er sie liebte. All das. Aber das ging ja nicht.

Er wollte ihr Urteil durch nichts beeinflussen. Aus diesen dürren Tatsachen heraus sollte sie abwägen, ob er ihr Freund sein könne oder nicht.

Was sollte ihm eine geschenkte Freundschaft, eine erschlichene Freundschaft?

Wahrheit sei unser erstes Gebot, Wahrheit unser zweites und drittes, unser letztes Gebot.

Zum Schlusse dankte er ihr nochmals, in feierlichen, ernsten Worten.

Dabei ereignete es sich, daß er bewegter wurde, als er war. Die Versuchung flüsterte ihm zu, irgend ein Wort, ein kleines, kleines Wort einzustreuen, das ihr ein Schlüssel zu seinem Empfinden hätte sein können, ein Verräterchen, wie unbemerkt der Feder entschlüpft.

Er lächelte der Versuchung. —

Es war spät, als er den Brief zum Kasten trug.

Schwüle Abenddämmerung brütete über den Häusern, über welchen der tiefblaue Himmel zurückwich. Die Luft war schal, verbraucht von den Lungen der Stadt, erfüllt von Staub, der sichlangsam senkte. In der Ferne brodelte der Kessel des Verkehrs, die Melancholie der sinkenden Nacht mit wirrem Murmeln und Stöhnen begleitend. Die Laternen blitzten. Sie erschienen wie die stechenden, frechen Augen von Dirnen, die an den Straßenecken warteten. Irgendwo heulte ein Hund.

Ginstermann ging mit den raschen, elastischen Schritten eines, der sich selbst bezwang.

Er schob den Brief in den Kasten. Ohne Laut fiel er auf.

Nun ruhten seine lohenden Wünsche, seine irren Träume, seine fiebernde Sehnsucht hinter diesen metallnen Zähnen. —

In dieser Nacht schloß er kein Auge.

Die Sterne gingen über den hellen Himmel, schlüpften hinter den dunklen Kamin, kamen wieder hervor und glitten vorbei. Neue kamen. Endlich flimmerten sie schemenhaft hinter grauen Schleiern. Himmel und Erde schliefen. Dann hauchte ein süßlich-grauer pastellner Ton über die Dächer, Scheiben blinkten, ein müdes, verschlafenes Gesicht tauchte an den Fenstern auf: der Tag.

Es schlug sechs, sieben, acht.

„Nun ist er dort,“ sagt er, und die Augen fielen ihm zu.

Sonne!

Überall Sonne! Rote Sonne!

Ginstermann und Bianka gingen wiederum im Englischen Gatten. Still nebeneinander, ohne zu sprechen. Selbst als sie sich da droben am Monopteros die Hand gaben, sprachen sie nichts. Nur der Druck ihrer Hände redete, und sie verstanden sich.

Es war ein heißer Tag; die Sonne in Milliarden funkelnde Körperchen aufgelöst, vibrierte in der Luft, bis hinauf zum paradiesisch blauen Himmel. Der Geruch von Heu und der Duft der Linden erfüllten den Park. Überall glitzerte und leuchtete es. Hier blitzte das metallene Halsband eines Hundes, dort blendete das Dach eines Kinderchaischens, die Speichen der Herrschaftswagen glitzerten, grellfarbene Sonnenschirme flogen hinter den in der Sonne sich ausdehnenden Büschen vorüber. Die Augen der Menschen strahlten, als brenne ein Stern in ihrer Brust, die Kleider der Mädchen leuchteten, die quer durch die Wiesen wandelten.

Es war ein Tag des Lichtes.

Im Chinesischen Turm war Konzert. Lustig und ungeniert bliesen die Blechinstrumente durch den ganzen Garten, ebenso grell wie Sonne und Farben.

Bianka trug ein duftig weißes Kleid, das sie größer, blühender machte. Einen weißen Ledergürtel, einen Sonnenschirm von derselben Farbe. Selbst ihre Schuhe waren weiß.

Sie ging in ihrer nachdenklichen, verträumten Art neben Ginstermann einher. Ihr Haar flimmerte, wo die Sonne es traf. Den Mund hatte sie geschlossen, um ihre Augen zogen Ringe. So erschien sie älter, gereifter denn sonst.

Sie schritten ihre gewohnten Wege. Am Wasserfall blieben sie stehen, die Kühle zu genießen. Das Wasser wirbelte, ein ewig bewegter Spiegel des Laubes, des Himmels, in bunten Arabesken zwischen den lechzenden, üppigen Ufern. Dazwischen sprühte feiner Wasserstaub bis zum Geländer herauf, den die Haut, die Lippen gierig einsogen. Gegen die sonnige Wiese war es hier dunkel; ein Sonnenstrahl tanzte auf dem Wasser, ein sprühendes, lustiges Feuerchen, das hartnäckig Fuß zu fassen suchte, wie durch ein Brennglas auf ein und dieselbe Stelle dirigiert.

Sie gingen durch die Hauptallee, auf deren vom Sprengen dunkelen Boden Streifen von Sonne lagen, die wie Schlangen eilig an den Kleidern der über sie Schreitenden emporkletterten. Ein schillernder Laufkäfer eilte über den Weg. Er lief,was er konnte, als sei die Angst vor dem Zertretenwerden bei seinem Geschlechte, das Jahrhunderte in einem öffentlichen Garten lebte, zum Instinkt geworden.

„Sehen Sie, wie schön!“ sagte Bianka.

Das war das erste Wort heute. Sie schienen beide aufzuatmen und dem Zufall dankbar zu sein, der ihre Lippen löste.

Da kam ein Wagen und zerquetschte den Käfer. Seine schillernden Flügel standen weit auseinander.

„O“, rief Bianka aus, „sehen Sie nicht hin!“

„Das war ein Stück Schicksal“, versetzte Ginstermann, das Bild des zerquetschten Käfers vor Augen.

Wiederum schwiegen sie, an das Schicksal denkend, das über den Menschen waltet, jedes in seiner Art.

Das Schicksal hält die Menschen in einem Sieb und rüttelt. Wer über einer Masche ist, fällt durch, dachte Ginstermann.

Bianka blieb stehen und blickte ihn an.

Heute sei die Hitze unerträglich.

Das sei ein kleines Italien.

Ja.

Dieses „ja“ zitterte, weil sie es lächelnd aussprach.

Wann geht nun die Reise?

Bald, bald.

Ob ihre Mama kränker geworden sei, weil man sie abermals verschob?

„Nein.“ Sie lächelte mit leiser Wehmut. „Dieses Mal ist es etwas anderes gewesen“, sagte sie.

Sie wandt den Kopf und sah durch die Bäume hindurch über die Wiese, wo Männer und Frauen das Heu zusammenrafften. Eine Magd blickte direkt zu ihnen her, als ob sie sie neugierig beobachte; aber sie konnte sie natürlich gar nicht sehen. Ihr Gesicht war ein roter Klecks, sonst nichts.

Dann blickte sie ihn wieder an, und er las in ihren Augen, daß sie nun über den Brief sprechen würde. Er erschrak und suchte nervös in seiner Tasche nach irgend etwas.

Tschin—da—tschin—da—dadada — macht die Musik in der Ferne.

„Ich habe es Ihnen schon geschrieben, aber ich möchte es Ihnen wiederholen“, sagte sie, „ich finde nicht die Worte, um Ihnen für dieses Vertrauen zu danken!“

Sonst sagte sie nichts. Sie gab ihm die Hand, die er bewegt drückte.

Sie standen eine Weile beide beklommen. Bianka lächelte unmerklich, und dieses Lächeln ging auf seine Lippen über.

Tatatra—tatatra—bum — machte die Musik.

„Und nun wollen wir plaudern, mein Freund.“

Es war das erste Mal, daß sie ihn „Freund“ nannte.

Sie gingen weiter und sprachen von allerlei Dingen, die die Welt eben beschäftigten oder die Welt auch nicht beschäftigten. Aus irgend einem Anlaß kam Bianka darauf, ihn zu fragen, ob er ein Bild von sich besitze.

Nein, er besitze kein Bild von sich, erwiderte er.

Sie erriet seine Gedanken und kam ihm zuvor: „Nein, nicht.“ Und sie schüttelte den Kopf und wiederholte: „Nein, nicht . . . Es ist ja Sitte unter Freunden — aber lieber nicht.“ Das sagte sie ganz leise.

Die Schatten der Bäume streckten sich, die Wiese wurde rot.

Bianka mußte nach Hause.

Wie stets dachte er: Soll ich sie bitten, noch ein Viertelstündchen zu bleiben. Oder auch nur noch zehn Minuten? Mit Tränen in den Augen bitten?

Nie liebte er sie mehr als heute.

Sie ahnte ja nicht, wie allein er war, wenn sie gegangen. Wie einer, auf einer öden einsamenInsel, vor dessen Augen ein Segel vorüberzog. —

Wieder kam der Abschied.

Bianka sah auf ihre Hände. Der Mittelfinger ihrer Rechten trug einen weißen Däumling. Sie bewegte ihn leicht und lächelte.

„Ich habe mich geschnitten“, sagte sie. Dann riß sie mit einem Ruck den Däumling herab und bot ihm die Hand.

Ihre Augen waren groß und tief, voll von einem Ausdruck, den er sich nicht zu deuten wußte.

„Adieu!“

Er lächelte ein verzerrtes Lächeln und wiederholte mechanisch mit den Lippen: „Adieu“. —

Das war alles so schnell geschehen, daß er es nicht zu fassen vermochte.

Nun wollte er einen recht gescheiten Menschen bitten, ihm dies zu erklären!

Dann kam es wie Rausch über ihn. Er hatte ihr geschrieben, alles geschrieben und trotzdem — trotzdem —!

Heil Bianka! Heil Ginstermann!

Und: Heil Bianka! Heil Ginstermann! brauste es ringsum.

War er nicht ein Tor gewesen, seine Wünsche, seine Hoffnung so schnell in einen schwarzen Sargzu sperren und tief in die Erde zu versenken? Ein dunkler Vorhang mit Fragen und Schlangen darauf war gestiegen, und vor ihm lag köstlicher Morgen mit klarer Frische und klingendem Äther!

Er ging in den Park zurück, er ging einsame Wege. Er ging ganz langsam.

Er legte sich unter einen Busch ins hohe Gras und breitete das Taschentuch übers Gesicht. So sah es aus, als wolle er sich vor den Mücken schützen.

Er weinte, still und leise. Das große Glück schluchzte in ihm.

Lange lag er so.

Da kamen Schritte, und eine tiefe Stimme sagte: „Das Betreten des Rasens ist verboten.“

Ein Schutzmann.

Er stand auf und lächelte ihm unter Tränen zu.

„Ich gehe schon. Ich danke Ihnen, mein Herr.“ Grüßte und ging.

Die Dämmerung füllte als blauer Dunst die Straßen, über die Stadt herauf stieg jauchzend die Röte des Abends. Ein vereinzelter Stern flimmerte mitten darin, wie ein winziges Loch, das einer in den Himmel gestochen hatte, um herab auf die Erde blicken zu können.

Die Menschen fluteten, plaudernd und lachend.Jeder trug sein Glück mit sich. Der heiße Sommertag hatte sie in übermütige Stimmung versetzt. Schöne Mädchen glitten durch die Menge, von der Liebe träumend. Die Herren ließen keine Dame vorbei, ohne sich nach ihr umzublicken und Scherze über sie zu machen, etwas lose Scherze.

Ginstermann war allen gut. Er liebte sie, wie man Kinder liebt, und freute sich ihres Tuns.

Der Mensch war zur Freude auf der Welt, wenn er einen Zweck hatte.

Man mußte es ihm lehren! Man müßte ein Evangelium der Freude schreiben! Über die Freude führt der Weg zur Liebe, die Freude lacht all das Kleinliche und Mißgünstige fort aus seiner Brust.

Er schlenderte in den Straßen umher, bis es dunkel wurde.

Dann überkam ihn der Wunsch, Bianka zu sehen. Er wollte ihr einen kurzen Besuch abstatten und hierauf die Nacht im Freien zubringen, um seine Freude auszukosten. Urplötzlich war diese Sehnsucht in ihm erwacht und trieb ihn nun ungeduldig seiner Wohnung zu.

Er wollte die sehen, deren Freund er war, die für ihn das Leben bedeutete, das warme, große Leben, ohne das er tot war.

In der Nähe seines Hauses ging er an einemMädchen vorüber, das da, ein Hündchen an der Leine, gemächlich promenierte.

Es war Fräulein Scholl. Er blieb stehen und blickte sich um.

Auch sie war stehen geblieben und wandte ihm den Blick zu.

„So etwas!“ lachte sie, ihm die Hand voller Vergnügen hinstreckend. „Das sind Sie! Ich denke mir, wer sieht dich nur so an?“

„Guten Abend, Fräulein Scholl! Welches Unglück führt Sie denn durch diese Straße?“

„Ich bin auf dem Heimwege begriffen, ich habe meine Freundin besucht. Die Hanna Klett.“

Jawohl, die kenne er. Das sei die mit den vielen Sommersprossen und den unschuldigen Augen.

Fräulein Scholl blickte ihn an und lächelte verlegen.

„N—nein“, sagte sie.

„Nicht?“ Er lachte. „Seien Sie nicht böse. Ich kenne das Fräulein nicht.“

Das wäre auch gar nicht möglich.

Natürlich.

Wieso natürlich?

Naja — haha — es sei natürlich ebensogut möglich.

Sie blieb stehen und wirbelte die Leine umBijouchens Näschen. „Weshalb sind Sie mir eigentlich böse, Herr Ginstermann?“ Sie sah zu Boden.

Er, ihr?

Ihre Augenlider gingen schnell auf und ab. „Ich sehe Sie gar nicht mehr, wenn ich in die Violinstunde gehe.“

Ach so. Nun, sie wisse doch, daß er krank war.

„Ja, aber —? Nun ja, Sie haben nichts gegen mich?“

„Nicht das mindeste.“

Sie lächelte: „Ich dachte, ich hätte Sie irgendwie gekränkt. — Geht es Ihnen nun wieder gut?“

Sie gingen an einem Bäckerladen vorbei, und für einen Augenblick huschte der Lichtschein über ihr Gesichtchen. Ginstermann bemerkte, daß sie an der Unterlippe nagte. Das war nicht mehr jenes naive, lustige Mädchen, mit dem man seine Scherze trieb, das war ein Weib, das empfand und litt.

„Ja, danke. Ihr Bruder hat mich schnell kuriert.“

„Er hat mir von Ihnen erzählt.“ Sie blickte ihn an, und ein Lächeln schimmerte in ihren dunkelgoldnen Augen.

„Was sagte er? Hat er mich recht angeschwärzt.“

„Ach nein — er sagte — er sagte: an Ihnen seiwas.“

„So, was ist denn an mir?“

„Ach Gott!“ Das war Martha Scholl von neulich.

Sie waren an seiner Türe angelangt, und Ginstermann ersuchte sie, eine Sekunde zu warten, er wolle nachsehen, ob die Post nichts gebracht habe. Eilig stieg er in sein Zimmer hinauf. Er entzündete ein Streichholz und flüsterte, als das marmorweiße Antlitz aufleuchtete: Bianka. Dann sprang er wieder rasch die Treppe hinunter.

Biankas Antlitz schwebte vor ihm, während des ganzen Weges, den er mit Fräulein Scholl zurücklegte. Es war ihm unmöglich, seine Gedanken davon loszulösen, und er unterhielt seine Dame herzlich schlecht. Ein paarmal mußte er sie um Wiederholung ihrer Bemerkung ersuchen, da er nicht gehört hatte.

Ich will ja nichts als deine Freundschaft, Bianka, sie allein macht mich unsäglich glücklich, dachte er, während er Fräulein Scholl antwortete: „In Genf ist es prächtig, da haben Sie allerdings recht.“

Glaube mir, nie soll ein Gedanke über die Grenze hinausgehen, die du mir gesetzt hast,Bianka, Herrlichste — und er sagte: „In so einer Pension muß es recht lustig hergehen, stelle ich mit vor.“

Sie hatten Biankas Namen noch nicht genannt, ganz zuletzt sprach Fräulein Scholl von ihr.

„Sind Sie nicht recht glücklich, daß Fräulein Schuhmacher noch hier ist?“ fragte Ginstermann.

„Ja, o freilich. Ich darf gar nicht an den Abschied denken.“

„Das begreife ich. Fräulein Schuhmacher ist ja Ihre Freundin. Ich denke, auf diese Freundschaft können Sie stolz sein. Fräulein Schuhmacher ist sehr exklusiv, wie ich weiß.“

„Ja, Bianka ist sehr wählerisch.“

„Fräulein Schuhmacher“ —

Da unterbrach sie ihn. Sie müsse jetzt gehen.

Aber sie ging gar nicht, obschon sie ihm hastig die Hand hingestreckt hatte. Sie besann sich auf irgend etwas, dann rief sie mit einer ungewöhnlichen Lebhaftigkeit: „Adieu, Herr Ginstermann“, und sprang in den Hausflur hinein.

Bijou galoppierte hinter ihr her.

Ginstermann ging einigermaßen verwundert über ihr Benehmen weiter. Er wanderte langsam die Leopoldstraße hinunter, an all die Qual denkend, die er hier auf und ab geschleppt hatte.

Bianka hatte Licht. Er blieb stehen und winkte mit der Hand zu dem erleuchteten Fenster hinauf.

Vielleicht denkt sie an mich, dachte er, freudig erschreckend bei dem Gedanken.

Eine Stunde darauf befand er sich wieder im Englischen Garten.

Wie komme ich nur hierher, sagte er lächelnd zu sich.

Die Nacht war ganz weiß.

Übergossen vom Schein des Mondes, der allen Dingen das Körperhafte nahm, erfüllt vom Geruch des Heus, der Linden, zitternd im Gezirpe eines Heeres von Grillen, das die Stille zauberhaft erhöhte, lag der Garten da gleich einem Schmuckkästchen, von einem mit Tausenden von blitzenden Steinen übersäten Deckel abgeschlossen.

Ah — das war ein Hain, auf dessen Wiesenteppichen die Elfenreigen der Maler schweben, aus dessen Schatten die Poeten ihre Spuk- und Traumgeister springen lassen.

Hier stand Yester und Lis Haus!

Er nahm den Hut ab und schritt die kühlen Laubgänge entlang, die ihre Blütenzweige wie liebende Arme um ihn schlangen, ergriffen von all den Wundern der Welt um ihn her und seinesHerzens. Geschichten fielen ihm ein, hundert Geschichten zugleich, die ihm all dieser Garten erzählte. Und in all diesen Geschichten, da liebte einer ein Mädchen mit einer innigen, demütigen Liebe. So umgab er Bianka mit einem Kranz von Träumen, die sie keusch kosend umhüllten, wie die weißen Rosen diePrinzessinnenim Märchen.

Auf den Bänken im Schatten, da saßen Liebesleute, sich inbrünstig umschlingend, sie flüsterten, sie stammelten, sie küßten sich, ja sie schluchzten. Vögel zwitscherten im Traum, lautlos strichen Schatten über die Wiese, dunklen Wipfeln zu. In den Bächen tanzten des Mondlichts silberne Fische.

Auch den Monopteros besuchte er, ihn mit heiliger Scheu betretend. Dieser Tempel war heilig durch die Reinheit seiner Kunst, geheimnisvoll in der weißen Pracht, dieser Tempel war geweiht durch Biankas Fuß.

Er lehnte sich gegen eine der kühlen Säulen und blickte hinunter, hinüber. Das Zirpen der Grillen, die Stille trug ihn empor, er erschien sich wie ein Wesen, aus dem Äther herniedergestiegen.

Die Wiesen schimmerten unter ihm mit dem Schatten der Heuhäuschen, die Bäume zogen wie Rauch im Silberlichte, aus der Silhouette derStadt stieg der Lichtschein gleich weißem Opferrauche.

Ferne, seltsame Laute ertönten, als ob die Stadt in unruhigem Schlafe rede.

Er verbrachte die Nacht im Garten. Biankas Geist war ihm nahe, umgab ihn, alle Worte, die sie zusammengesprochen, alle Gefühle, die sie hier empfunden, schwebten um ihn.

Leise singend ging er seine Wege. Er saß auf einer Bank und schrieb in den Sand. Ava — ava — abala — schrieb er. Er wußte nicht, was es hieß.

Sein Wesen löste sich auf, der Zauber der Nacht war in ihm, er war ein Hauch dieser Nacht selbst.

Was ist der Mensch? Ist er eine Blume, die sich frei bewegt? Ist er ein Hauch aus fernen Gärten, der Gestalt angenommen?

Der Park erklang in silbernem Gesange. Eine Wolke trug ihn dahin, und über ihm schwebten die Sterne, den glitzernden Perlen einer ungeheuren Fontäne gleich. Im Geiste nahm er sein Herz aus der Brust und hob es hoch in den Händen den Sternen entgegen und rief: Segnet es, segnet es . . .

Früh am Morgen ging er nach Hause. Eswar kühl geworden, und sein Blut floß langsam durch den Körper —

Als er die Treppe hinaufstieg, knarrte oben ein Schritt. Er erschrak nicht, er lebte noch zu sehr in seinen Träumen. Ein Mann stand in der Ecke, die Hand am hinaufgeschlagenen Rockkragen, mit nassen, verquollenen Augen. Es war Ritt. Er lächelte und huschte an ihm vorüber.

Ginstermann dachte, was mag er gewollt haben, und legte sich nieder.

Der Schlaf kam, er fühlte wie er, ein Hauch, über ihn strich.

Zwischen Wachen und Schlaf vernahm er leisen Gesang und eine Sekunde lang tauchte es vor ihm auf: Sommermorgen. Frische. Ein Hain blühender Akazien, mitten drin ein weißes Haus. Vögel zwitschern, o, des Duftes! Und aus dem Hause tönt eine weiche Frauenstimme. Aus dem fernsten Zimmer kommt ihr Gesang.

O tu mio carissimo — o tu mio cuore . . .

Blüten wirbeln, weiß in weiß, das Haus, der Hain verschwinden.

Ferne noch: O tu mio carissimo — o tu mio cuore . . . .

Am Tage darauf erhielt Ginstermann folgenden seltsamen Brief:

Werter Herr Ginstermann!

Sie werden gewiß verwundert sein über die Zeilen, aber es läßt mir keine Ruhe. Ich habe gestern deutlich empfunden, daß sie eine andere lieben.

Ich werde Ihnen nie zürnen, denn diese andere ist tausendmal besser und klüger denn ich, ich werde Sie bis zum Tode lieben.

Verzeihen Sie mir dies. Nun heirate ich den ersten Besten. Ihre X. X.

PS. Antworten Sie mir, bitte, nichts darauf. Sprechen Sie mich auf der Straße nicht mehr an, ich bitte Sie. D. O.

Da fiel ihm dies ein: Einer kommt zu einem Weibe und sagt: Siehe, du Herrlichste, was du verlangst, ist geschehen. Ich habe mir die linke Hand abgeschlagen. Das Weib lacht: Es war ja nur Scherz, mein Freund. — Ein andrer kommt und spricht: Du bist häßlich wie eine Unke. Nun werde ich dich schlagen! Ja, schlagen werde ichdich! Das Weib lächelt: Schlage mich, schlage mich doch, Liebster!

Dies fiel ihm ein. Er wußte nicht mal, ob er die Geschichte erfunden oder gelesen habe.

„Kann ich weiter lesen?“

„Ja, lesen Sie weiter.“

Sie saßen zusammen auf einer einsamen Bank aus Birkenstämmen, der Ginstermann den Namen „zum schlafenden Brahmanen“ gab.

Über ihnen die grüne Flut der Wipfel, die sich schläfrig hin und her wiegte. Ab und zu fiel ein Stückchen Sonne, ein Stückchen blauer Himmel zu ihnen herunter.

Sie waren ganz allein.

Und Ginstermann fuhr fort:

Yester kehrte spät in der Dämmerung zurück.

Er trug einen Strauß blauer Glockenblumen und war so müde. Die Sonne, die ihm noch in den Augen brannte, hatte ihn müde gemacht. Er war am Bache gesessen und hatte dem Spiel der Fische zugesehen. Es war ihm so eigen zumute.

Fahl leuchtete das Haus zwischen den Birken, fahl leuchteten die Hyazinthen, in denen es stand.

Die Dämmerung machte alles bleich und bläulich dunstend.

Da stand Li! Da stand Li!

Sie hatte das Gewand abgestreift und stand durchsichtig wie Marmor und regungslos. In der Hand hielt sie eine Hyazinthe, das Haupt geneigt, ohne daran zu riechen. Sie stand schon lange so.

Yester näherte sich ihr mit leisen, bebenden Schritten und glitt vor ihr in die Knie. Da bemerkte sie ihn. Sie jauchzte, schlang ihre Arme um seinen Nacken und küßte seine Haare.

Er umschlang sie und küßte ihre Lippen.

„Li! Li!“ flüsterte er.

Sie sah ihn an. „Deine Stimme ist ganz anders,“ sagte sie.

Er lächelte und bettete ihren Kopf an seine Brust.

Lis Augen waren tief und voller Rätsel. Sie hatte den Wald in den Augen, mit all seinen scheuen Tieren, seinen weißen Blumen, seinen purpurnen Schatten.

Ein schwüler Wind hauchte. Die Hyazinthen neigten ihr weißes Haupt und atmeten schwermütig süßen Duft.

Da fing Li plötzlich an zu weinen.

Yester erschrak so sehr, daß er keine Worte fand, sie zu fragen, sie zu beruhigen.

„Li, Li,“ flüsterte er in seiner Ratlosigkeit.

Li preßte die Wange an seine Brust und weinte.

Der Wind hauchte, und von den Bäumen fielen weiße Blüten auf ihre Haare, ihre Schultern. Die Birken sangen.

„O Li, o Li — Li, o Li?“

Li hielt im Weinen inne und lächelte zu ihm empor.

„Ich sehne mich so, Liebster,“ sagte sie leise, ganz leise.

Immer noch fielen Blüten auf sie herab. Die Hyazinthen dufteten stärker, sie litten mit Li.

„Ist es nicht schön bei uns, Li?“

Li nickte.

„Ist der Wald nicht herrlich? Duften die Blumen nicht köstlich, glitzert nicht der Tau an den Rosen des Morgens?“

Li nickte.

„Und lieb ich dich nicht?“

„O Yester!“

„Und doch — und doch — Li?“

„Ich sehne mich so, Yester. Yester, ich sehne mich so . . .“

Im Hain schlug süß ein Vogel. Bald nahe, bald ferne. Weit drinnen im Walde, da antwortetees ihm. Im selben süßen Tone. Nun waren es zwei, nun drei, nun waren es viele. Sie lockten sich mit schmelzender Stimme, sie antworteten einander mit ihrem süßesten Liede. Es sang der ganze Hain.

Da droben gingen die Sterne, gingen langsam die Sterne und lauschten.

Der Wald sandte seine Gerüche, die Wiesen, die Quellen. Schatten glitten durch die Büsche, jagten sich, fanden sich. Aus den Blüten sahen Augen, schöne, sanfte Augen.

In der Ferne schrie ein Pfau.

Da verstand Yester die Sehnsucht in Lis Augen.

„Li, Li,“ schluchzte er.

Der Hain sang, der Wald sandte seine Gerüche, die Wiesen, die Quellen. Da droben gingen die Sterne, gingen langsam die Sterne und lauschten . . .

Yester und Li wurde ein Knabe geboren. Es war zur Zeit, als blaue Tulpen das Haus umstanden, und deshalb nannten sie ihn „Blaue Tulpe“.

Alle Tiere des Waldes kamen, um ihn zu sehen. Die Hirsche, die Rehe, die Rotkehlchen, die Eidechsen, die Bienen. Elfen brachten ihm ein Gewand, das sie aus ihren Haaren gewoben, Erdmännlein golden Geschmeide und Spielzeug, das sie gefertigt.

„Blaue Tulpe“ hatte die tiefen, klaren Augen Lis. Er hatte Lis Haare, Lis Stimme, er hatte Lis leichte Füße, Lis Lachen, er hatte Lis gütiges, goldenes Herz.

Von Yester hatte er die tiefe Farbe der Lippen, von Yester hatte er — die Art, Li zu lieben . . .

Weiter vermochte Ginstermann nicht zu lesen. Tränen kamen in seine Stimme. Er mußte innehalten, um nicht in Weinen auszubrechen.

Sie saßen beide und waren stille.

Über ihnen rauschte die grüne Flut, die Stämme tönten.

Bianka stand auf. Ohne Ginstermann anzublicken, sagte sie: „Wir sind so allein.“

Und sie ging.

Ginstermann blieb noch eine Weile sitzen, die Hände vor die Augen gepreßt, dann stand er auf, ihr zu folgen.

Wie war es doch gewesen?

Gestern hatte er bei Kapelli vorgesprochen, um ihm das Gedicht vorzulesen, das am Feste der Taufe gesungen werden sollte. Sie hatten probiert und probiert, und Kapelli auf seiner Laute nacheiner Melodie gesucht, während Frau Trud sich schüttelte vor Lachen.

Da ging die Türe auf, ohne daß es zuvor gepocht hätte, und die Malerin von Sacken trat ein.

„Verzeihung“, sagte sie, „ich habe gar nicht geklopft,“ und lachte.

Kapelli erklärte ihr, daß das längst aus der Mode sei.

Sie schüttelte Frau Trud, Kapelli und ihm die Hand und lachte. Dann blieb sie stehen und atmete tief auf, auf ihren Wangen brannten rote Flecken:

„Ich komme eben vom Sekretariat, Kinder!“

„— mit Kri — kra — kri — kra — krallen, mit Krallen an den Fingern,“ summte Kapelli und klimperte in den Saiten.

„Vom Sekretariat?“

„Ja!“ Sie setzte sich, stand wieder auf. „Vom Sekretariat — soeben bin ich gerufen worden — — mein Bild ist von der Staatsgalerie angekauft!“

Alle schüttelten ihr die Hände, teilnehmend an ihrer Freude, froh, sie endlich glücklich zu sehen.

„Ich gri — gra — gratuliere!“ sang Kapelli mit hellem Tenor.

Da veränderte Fräulein von Sacken plötzlichihr Wesen und blickte sie mit triumphierenden Augen an. „Nun noch das!“ rief sie. „Erst die Rezensionen und nun noch das! O, was wird sich diese feige Gesellschaft schämen, diese nichtswürdige, erbärmliche Gesellschaft, was wird sie sich schämen!“

Damit war sie zur Türe hinaus, ohne jeden Gruß.

Die drei sahen einander an, eines verblüffter wie das andere, bis schließlich Kapelli in lautes Lachen ausbrach.

Und nun heute?

Er kam spät nach Hause und fand das ganze Haus in Aufregung. Kapelli stand unter der Türe und winkte ihn herein.

„Kommen Sie schnell!“ rief er. Er war erregt wie noch nie.

Da war das Atelier finster, und da saß Frau Trud am Tisch und schluchzte.

Als er eintrat, stand sie auf und schluchzte lauter.

Kapelli umschlang sie und drückte sie sanft auf das Sofa zurück.

„Wein nur, wein nur Trud,“ sagte er, selbst dem Weinen nahe.

Ja, was denn nur sei?

Kapelli ging in eine Ecke, wie um etwas zu suchen.

„Nun ja — die Sacken —“

Das war es, die Malerin hatte sich erschossen . . .

„Warum nur? Warum nur?“ stieß Frau Trud heraus. „Gerade jetzt —!“

Ginstermann wußte es.

Ganz plötzlich war ihm die Erleuchtung gekommen. Er wußte alles, die ganze Tragödie des armen Weibes lag vor seinen Blicken enthüllt.

Er ging hinunter zu Ritt und pochte. Keine Antwort. Er rüttelte an der Türe.

Dann begab er sich hinaus in den Hof und klopfte energisch gegen die Scheiben. Nichts regtesich.

„Schuft!“ rief er. Er schlug die Scheibe ein und rief hinein in das finstere Atelier.

„Ah, öffnen Sie nur, Sie Wicht!“

Seine Stimme hallte wieder. Er fühlte, daß niemand im Zimmer war.

Er ging wieder an die Türe zurück und entzündete ein Streichholz.

„Verreist.“

„Der Schuft ist durch, der Schuft ist durch!“ —

Am anderen Tage, in aller Frühe, vernahm Ginstermann vom Korridor herein die Stimme eines alten Herrn, eine schnarrende, unangenehmeStimme, aus der er aber doch die Stimme der Toten heraushörte. Es war ihr Vater.

Schritte kamen und gingen. Ein Wagen fuhr in den Hof. An allen Fenstern erschienen gefühllos-neugierige Gesichter. Ginstermann zog die Vorhänge zusammen und wandte den Fenstern den Rücken zu.

Schwere Schritte stampften die Treppe hinab, gedämpfte Rufe wurden hörbar.

„Heben Sie höher!“ befahl die schnarrende, unangenehme Stimme.

Ginstermann öffnete die Türe. Ein dunkler großer Sarg schwankte auf den Schultern schwarzgekleideter Männer um die Biegung der Treppe.

Er erschien ihm wie einer, der sich im Starrkrampf befindet und winken möchte und nicht kann.

„Da drinnen liegt ein Mensch!“ sagte er und begab sich zurück in sein Zimmer.

Er zog ein Schubfach auf und zählte seine Barschaft. Es waren knapp zwanzig Mark. Das Geld nahm er und bestellte einen Kranz dafür. Einen Kranz aus blutroten Rosen. Er wollte auch am Grabe der Sacken sprechen, er!

Am Abend pochte es, und ein kleiner, stämmiger Herr mit weißem Schnauzbart, kurzen Haaren und rotem Gesicht trat in sein Zimmer.

„Major von Sacken“, sagte er, sich kühl verbeugend.

Ginstermann lud ihn ein, Platz zu nehmen, und erkundigte sich nach seinen Wünschen.

„Ich möchte Sie fragen, mein Herr, ob Sie meiner Tochter irgendwie näher standen?“

Nein, er sei ihr nicht näher gestanden.

„So? Ha, das ist sonderbar, mein Herr!“ Er warf ein Päckchen Briefe auf den Tisch und blickte Ginstermann höhnisch an.

Ginstermann ließ sich dadurch nicht beirren. Er öffnete einen Brief, der seine Adresse trug. Der Brief enthielt nur wenige Zeilen. Die Bitte, diese Briefe zu verbrennen, da sie es nicht vermocht habe. Und dann noch etwas.

Und dann noch etwas . . .

Der Major starrte auf den Boden, vor sich hinblasend, als wolle er eine kleine Windmühle in Gang halten.

Ginstermann legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte, ihn durchdringend anblickend:

„Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr Major!“

Der alte Herr stand auf und maß ihn.

„Wie können Sie es wagen —!“

Ginstermann wiederholte, seinen Blick erwidernd: „Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr!“

Der alte Herr wurde dunkelrot im Gesicht und hob die Faust empor, seine Augen waren stahlgrau.

Ginstermann wich nicht vom Fleck, er sagte im gleichen Tone wie vorhin:

„Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr!“

Da brach der Alte zusammen, wie durch einen Hieb. Er sank in den Stuhl und krallte die Finger in seinen Kopf.

„Wer konnte es denn wissen!“ schrie er.

Dann stand er auf und räusperte sich.

„Was wollen Sie — mit Ihrem Verbrechen — das ist ja heller Unsinn. Nein, sage ich, nein, Sie kennen die Verhältnisse nicht. Meine Tochter mag Ihnen geschrieben haben, was sie will! Gut. Mein Herr, meine Tochter achtete Sie, sie schrieb Ihnen ja noch zuletzt. Gut. Ich möchte nicht, daß wir als Feinde scheiden. Meine Tochter achtete Sie — gut — adieu, mein Herr!“

Er streckte Ginstermann die Hand hin.

Aber Ginstermann blickte ihn abweisend an, ohne seine Hand zu nehmen.

Da wurde der Alte kreidebleich. Er stand lange Zeit, dann wandte er sich der Türe zu und stolperte über die Schwelle.Schon draußen, blickte er nochmals um, noch ebenso blaß wie zuvor.

„Adieu, mein Herr“, sagte er mit gebrochener, weicher Stimme.

Der Hymnus der Morgenröte.

11. Hymnus an Bianka.


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