III.
Bevor wir an unser Problem herantreten, müssen wir die Anschauung widerlegen, als handle es sich bei der neuen Weltbetrachtung oder Lehre um die Aufstellung einer neuen vollkommeneren Religion.
Woraus entspringt diese irrige Anschauung? Ganz offenbar aus einer willkürlichen, dem eigentlichen Wesen der Religion widersprechenden Auffassung derselben. Wenn wir der bekannten Formen der Religion uns erinnern, so liegt allen nicht nur das Gefühl der Abhängigkeit – welches Schleiermacher ohne nähere Bestimmung als Grundgefühl der Religion bezeichnet[6]–, sondern das Gefühl der Abhängigkeit des Menschen von einer animistisch und persönlich gedachten Weltmacht, zu Grunde. Ob die oberste Weltmacht nun mit gröberen oder feineren menschlichen Attributenausgestattet wird, so wird sie doch immer in der Form solcher gedacht werden. Folgt daraus nicht, daß eine Weltanschauung, welche sich jeder Characterisirung der letzten Dinge enthält, weil echte Philosophie die Bestimmbarkeit derselben leugnet, über die Religion hinausgeht und demnach als überreligiös bezeichnet werden muß? Dennoch nenntAugust Comteseineneue Lehre, in welcher der Gottesbegriff keine Stelle findet und die an Stelle des Gottes- einen Menschheitscultus setzt, Religion, undHerbert Spencerverwechselt ganz offenbar Religion mit Philosophie (wie dies auch schonSchillerin dem bekannten Distichon gethan hat), indem er jeden Versuch den Weltgrund zu charakterisiren als irreligiös bezeichnet, als religiös hingegen die Erkenntniß, daß wir von einem unergründbaren Mysterium umgeben sind.[7]DieKonsequenz dieser seltsamen Anschauung ist jedoch die, daß sämmtliche historische Formen der Religion gar keine Religionen sind, da sie insgesammt eine Charakterisirung des Weltgrundes unternehmen, ein Wagniß, welchesSpencereben als irreligiös betrachtet. Hand in Hand mit dieser falschen Auffassung des Wesens der Religion geht beiSpencerdie auf irrigen Voraussetzungen beruhende Bemühung, Wissenschaft und Religion mit einander zu versöhnen. Mit Recht zwar weistSpencerdarauf hin, daß die Wissenschaft ursprünglich vielfach zur Klärung, Läuterung und Erweiterung der religiösen Begriffe beigetragen hat. Aber er übersieht, daß die Wissenschaft eine trügerische Genossin der Religion ist, indem sie diese mit denselben Waffen, mit welchen sie zu ihrer Läuterung und Klärung beigewirkt hat, schließlich zerstört und vernichtet.[8]VerwechseltnunSpencerReligion mit Philosophie, so verwechseltW. M. Salter, der amerikanische Morallehrer, der auch in Deutschland mehr und mehr zur Anerkennung gelangt, Religion mit Moral, indem er von der »Religion der Moral« spricht. Auch hier wird also für einen überreligiösen Standpunkt das Wort »Religion« beibehalten und so ließe sich noch manche unberechtigte Uebertragung dieses Wortes auf eine Sphäre, welche weit über diejenige hinausreicht, die es ursprünglich bezeichnete, hervorheben[9].
Da gebührt unter allen, welche sich mit der Frage eines höheren Ersatzes der Religion beschäftigt haben,Eugen Dühringdas Verdienst, die Sphäre der Religion und die einer auf Erkenntniß gegründeten Weltanschauung streng auseinander gehalten zu haben. Vermögen wir auch Dühring's Versuch, das in Frage stehende Problem zu lösen, nicht für einen befriedigenden zu bezeichnen, so müssen wir um so mehr seiner scharfen Sonderung dessen, was gesondert werden muß, beistimmen[10].
Wer den überreligiösen Standpunkt deßhalb immer noch mit Religion bezeichnet, der beweist nur, daß er entweder die alte Lehre nicht genügend überwunden, oder daß er zwischen den verschiedenen Geistesgebieten nicht genügend unterscheidet, oder daß er endlich von falschen Rücksichten geleitet, das Neue mit dem Alten zu verbinden strebt, ohne daß eine solche Verbindung möglich ist.
Fußnoten[6]Und nach Schleiermacher unter anderen auch D. Fr. Strauß in »Der alte und der neue Glaube«, wo er sagt: »Die Religion ist uns nicht mehr, was sie unseren Vätern war, daraus folgt aber nicht, daß sie in uns erloschen ist. Geblieben ist uns in jedem Falle der Grundbestandtheil aller Religion, das Gefühl der unbedingten Abhängigkeit.« Zu dieser Bezeichnung des Grundzuges der Religion muß eben eine nähere Bestimmung der Macht, von welcher der Mensch sich abhängig fühlt, hinzutreten.[7]Wir geben die für diese Anschauung charakteristischste Stelle aus »Die Grundlagen der Philosophie« (deutsch vonB. Vetter, Stuttgart 1875) hier wieder. S. 14: »Jeder hat von dem Könige gehört, der wünschte, daß er bei der Erschaffung der Welt zugegen gewesen wäre, um gute Rathschläge ertheilen zu können. Er war aber bescheiden im Vergleich mit jenen, die da vorgeben, nicht allein die Beziehungen zwischen Schöpfer und Geschaffenen zu verstehen, sondern auch, wie der Schöpfer beschaffen sei. Und doch ist diese transcendentale Frechheit, die sich brüstet, die Geheimnisse einer Macht zu durchschauen, welche sich uns in allem Seienden offenbart, ja sogar dieser Macht über die Achsel sehen und die Bedingungen ihrer Thätigkeit beobachten zu können – sie ist es denn, deren Paß auf »Frömmigkeit« lautet. Dürfen wir nicht ohne weiteres behaupten, daß eine aufrichtige Anerkennung der Wahrheit, daß unsere eigene und alle andere Existenz ein durchaus und für immer jenseits unsers Verständnisses liegendes Mysterium ist ein besser Theil wahrer Religion enthält, als alles, was in dogmatischer Theologie geschrieben worden ist?«[8]Von demSpencer'schen Gedanken der Versöhnung zwischen Wissenschaft und Religion zeigt sich der amerikanische PredigerM. J. Savagein seinem, auch in deutscher Übersetzung erschienenen Werke: »Die Religion im Lichte der Darwin'schen Lehre« (Leipzig 1886) beeinflußt. NachSavageist die Welt eine stufenweise Entwickelung Gottes; seine Lehre wird also am besten als Panentheismus bezeichnet werden. Von der Evolutionslehre heißt es »sie gehe auf das reine Wort Jesu zurück und erfülle es kräftig mit der ganzen Erkenntniß und Macht der modernen Wissenschaft. Indem sie jedes Gesetz der Natur, des Geistes und der Religion nur als einen Ausfluß des lebendigen, liebenden und gerechten Gottes auffaßt, identificirt sie Moral und Religion durchaus, oder macht vielmehr die Moral zu einem Zweige der Religion, welche größer ist und umfassender.« Das Buch ist voll naiver Wunderlichkeiten, wie wenn der Verfasser auf die Frage, wie lange es währen wird, bis die Welt ihren Höhepunkt erreicht hat, antwortet: »Tausende von Jahren, denn Gott hatkeine Eile, ihm bleibt die Ewigkeit für sein Wirken« etc. Wohlthuend aber wirkt das Vertrauen des Verfassers, daß der Menschheit eine große Zukunft bevorsteht.[9]So faßt auchWundtin der »Ethik« (Stuttgart 1886)p.41 den Begriff Religion zu weit, wenn er darunter »diejenigen Vorstellungen und Gefühle, die auf ein ideales, den Wünschen und Forderungen vollkommen entsprechendes Dasein sich beziehen« versteht.[10]Wir selbst haben auf die Nothwendigkeit einer genauen Unterscheidung und Abgrenzung der Gebiete der Religion und einer höheren Weltanschauung bereits hingewiesen in unserer Schrift »Moderne Versuche eines Religionsersatzes« (Heidelberg,Weiß1886).
[6]Und nach Schleiermacher unter anderen auch D. Fr. Strauß in »Der alte und der neue Glaube«, wo er sagt: »Die Religion ist uns nicht mehr, was sie unseren Vätern war, daraus folgt aber nicht, daß sie in uns erloschen ist. Geblieben ist uns in jedem Falle der Grundbestandtheil aller Religion, das Gefühl der unbedingten Abhängigkeit.« Zu dieser Bezeichnung des Grundzuges der Religion muß eben eine nähere Bestimmung der Macht, von welcher der Mensch sich abhängig fühlt, hinzutreten.
[6]Und nach Schleiermacher unter anderen auch D. Fr. Strauß in »Der alte und der neue Glaube«, wo er sagt: »Die Religion ist uns nicht mehr, was sie unseren Vätern war, daraus folgt aber nicht, daß sie in uns erloschen ist. Geblieben ist uns in jedem Falle der Grundbestandtheil aller Religion, das Gefühl der unbedingten Abhängigkeit.« Zu dieser Bezeichnung des Grundzuges der Religion muß eben eine nähere Bestimmung der Macht, von welcher der Mensch sich abhängig fühlt, hinzutreten.
[7]Wir geben die für diese Anschauung charakteristischste Stelle aus »Die Grundlagen der Philosophie« (deutsch vonB. Vetter, Stuttgart 1875) hier wieder. S. 14: »Jeder hat von dem Könige gehört, der wünschte, daß er bei der Erschaffung der Welt zugegen gewesen wäre, um gute Rathschläge ertheilen zu können. Er war aber bescheiden im Vergleich mit jenen, die da vorgeben, nicht allein die Beziehungen zwischen Schöpfer und Geschaffenen zu verstehen, sondern auch, wie der Schöpfer beschaffen sei. Und doch ist diese transcendentale Frechheit, die sich brüstet, die Geheimnisse einer Macht zu durchschauen, welche sich uns in allem Seienden offenbart, ja sogar dieser Macht über die Achsel sehen und die Bedingungen ihrer Thätigkeit beobachten zu können – sie ist es denn, deren Paß auf »Frömmigkeit« lautet. Dürfen wir nicht ohne weiteres behaupten, daß eine aufrichtige Anerkennung der Wahrheit, daß unsere eigene und alle andere Existenz ein durchaus und für immer jenseits unsers Verständnisses liegendes Mysterium ist ein besser Theil wahrer Religion enthält, als alles, was in dogmatischer Theologie geschrieben worden ist?«
[7]Wir geben die für diese Anschauung charakteristischste Stelle aus »Die Grundlagen der Philosophie« (deutsch vonB. Vetter, Stuttgart 1875) hier wieder. S. 14: »Jeder hat von dem Könige gehört, der wünschte, daß er bei der Erschaffung der Welt zugegen gewesen wäre, um gute Rathschläge ertheilen zu können. Er war aber bescheiden im Vergleich mit jenen, die da vorgeben, nicht allein die Beziehungen zwischen Schöpfer und Geschaffenen zu verstehen, sondern auch, wie der Schöpfer beschaffen sei. Und doch ist diese transcendentale Frechheit, die sich brüstet, die Geheimnisse einer Macht zu durchschauen, welche sich uns in allem Seienden offenbart, ja sogar dieser Macht über die Achsel sehen und die Bedingungen ihrer Thätigkeit beobachten zu können – sie ist es denn, deren Paß auf »Frömmigkeit« lautet. Dürfen wir nicht ohne weiteres behaupten, daß eine aufrichtige Anerkennung der Wahrheit, daß unsere eigene und alle andere Existenz ein durchaus und für immer jenseits unsers Verständnisses liegendes Mysterium ist ein besser Theil wahrer Religion enthält, als alles, was in dogmatischer Theologie geschrieben worden ist?«
[8]Von demSpencer'schen Gedanken der Versöhnung zwischen Wissenschaft und Religion zeigt sich der amerikanische PredigerM. J. Savagein seinem, auch in deutscher Übersetzung erschienenen Werke: »Die Religion im Lichte der Darwin'schen Lehre« (Leipzig 1886) beeinflußt. NachSavageist die Welt eine stufenweise Entwickelung Gottes; seine Lehre wird also am besten als Panentheismus bezeichnet werden. Von der Evolutionslehre heißt es »sie gehe auf das reine Wort Jesu zurück und erfülle es kräftig mit der ganzen Erkenntniß und Macht der modernen Wissenschaft. Indem sie jedes Gesetz der Natur, des Geistes und der Religion nur als einen Ausfluß des lebendigen, liebenden und gerechten Gottes auffaßt, identificirt sie Moral und Religion durchaus, oder macht vielmehr die Moral zu einem Zweige der Religion, welche größer ist und umfassender.« Das Buch ist voll naiver Wunderlichkeiten, wie wenn der Verfasser auf die Frage, wie lange es währen wird, bis die Welt ihren Höhepunkt erreicht hat, antwortet: »Tausende von Jahren, denn Gott hatkeine Eile, ihm bleibt die Ewigkeit für sein Wirken« etc. Wohlthuend aber wirkt das Vertrauen des Verfassers, daß der Menschheit eine große Zukunft bevorsteht.
[8]Von demSpencer'schen Gedanken der Versöhnung zwischen Wissenschaft und Religion zeigt sich der amerikanische PredigerM. J. Savagein seinem, auch in deutscher Übersetzung erschienenen Werke: »Die Religion im Lichte der Darwin'schen Lehre« (Leipzig 1886) beeinflußt. NachSavageist die Welt eine stufenweise Entwickelung Gottes; seine Lehre wird also am besten als Panentheismus bezeichnet werden. Von der Evolutionslehre heißt es »sie gehe auf das reine Wort Jesu zurück und erfülle es kräftig mit der ganzen Erkenntniß und Macht der modernen Wissenschaft. Indem sie jedes Gesetz der Natur, des Geistes und der Religion nur als einen Ausfluß des lebendigen, liebenden und gerechten Gottes auffaßt, identificirt sie Moral und Religion durchaus, oder macht vielmehr die Moral zu einem Zweige der Religion, welche größer ist und umfassender.« Das Buch ist voll naiver Wunderlichkeiten, wie wenn der Verfasser auf die Frage, wie lange es währen wird, bis die Welt ihren Höhepunkt erreicht hat, antwortet: »Tausende von Jahren, denn Gott hatkeine Eile, ihm bleibt die Ewigkeit für sein Wirken« etc. Wohlthuend aber wirkt das Vertrauen des Verfassers, daß der Menschheit eine große Zukunft bevorsteht.
[9]So faßt auchWundtin der »Ethik« (Stuttgart 1886)p.41 den Begriff Religion zu weit, wenn er darunter »diejenigen Vorstellungen und Gefühle, die auf ein ideales, den Wünschen und Forderungen vollkommen entsprechendes Dasein sich beziehen« versteht.
[9]So faßt auchWundtin der »Ethik« (Stuttgart 1886)p.41 den Begriff Religion zu weit, wenn er darunter »diejenigen Vorstellungen und Gefühle, die auf ein ideales, den Wünschen und Forderungen vollkommen entsprechendes Dasein sich beziehen« versteht.
[10]Wir selbst haben auf die Nothwendigkeit einer genauen Unterscheidung und Abgrenzung der Gebiete der Religion und einer höheren Weltanschauung bereits hingewiesen in unserer Schrift »Moderne Versuche eines Religionsersatzes« (Heidelberg,Weiß1886).
[10]Wir selbst haben auf die Nothwendigkeit einer genauen Unterscheidung und Abgrenzung der Gebiete der Religion und einer höheren Weltanschauung bereits hingewiesen in unserer Schrift »Moderne Versuche eines Religionsersatzes« (Heidelberg,Weiß1886).